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Milton Sharp #17: Das Grauen in den Katakomben

2017 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Das Grauen in den Katakomben

Klappentext:

Roman:

WOLF G. RAHN

 

Das Grauen in den Katakomben

 

Ein Milton-Sharp-Roman

Nr. 17

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2017

(ehem. Titel: Die Höllensaat)

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

Klappentext:

In den Katakomben einer deutschen Kleinstadt möchten die Verantwortlichen eines Horrorclubs eine große Feier veranstalten. Zahlreiche Schriftsteller der Szene und auch Schattenjäger werden dazu eingeladen. Doch das Treffen steht unter einem bösen Stern: Zahlreiche geladene Gäste verschwinden auf unerklärliche Weise; nur feiner Glasstaub bleibt von ihnen zurück. Der Bürgermeister des kleinen Städtchens erlebt eine grausige Hochzeitsfeier, deren Teilnehmer mehr tot als lebendig scheinen. Weil sein dämonischer Partner Yon-Dar eine Vision hat, macht sich Milton Sharp auf den Weg nach Deutschland. Keine Sekunde zu früh, denn eine dämonische Macht setzt alles daran, aus ihrem unterirdischen Gefängnis in die reale Welt zurückzukehren. Dieser Weg führt durch die Katakomben, in denen mehrere hundert Jugendliche ein friedliches Fest feiern wollen …

 

 

 

 

 

 

Roman:

Wulf Keil zuckte wie unter einem Stromschlag zusammen, als er den Brieföffner in den Umschlag schob.

Entsetzt starrte er auf seinen Handballen. Er färbte sich bräunlich. Dünne Rauchfäden stiegen daraus hervor.

Mit dem Handrücken wischte er sich über die Stirn. Sie war schweißnass, und er zitterte sogar.

Keil schlitzte den Umschlag auf und entnahm ihm den Brief.

Es handelte sich um eine Einladung zu einem Clubtreffen am Wochenende. Also etwas durchaus Erfreuliches. Zu solchen Treffen, bei denen er sich nicht nur mit einem Teil seiner Leser, sondern auch mit einigen schreibenden Kollegen unterhalten konnte, fuhr er immer gern. Der Autor lächelte und setzte sich an die Schreibmaschine, um die Zusage für die Einladung zu tippen.

Es wurden nur wenige Zeilen.

Als Wulf Keil sie noch mal durchlas, weiteten sich seine Augen. Da stand ein völlig fremder Text, ebenfalls nur kurz, aber mit verrücktem Inhalt:

»Wulf Keil bedauert, an dem Clubtreffen nicht teilnehmen zu können, da ihn beim Schreiben dieses Briefes ein plötzlicher Tod ereilte.«

Was für ein Irrsinn! Da erlaubte sich wohl jemand einen Scherz mit ihm. Ein Lufthauch streifte den Nacken des Mannes. Die Zimmertür musste geöffnet worden sein …

Der Autor ruckte auf seinem Stuhl herum und sah, dass die eben noch geschlossene Tür tatsächlich offenstand. Sonst nichts.

»Wer ist da?«

Da er keine Antwort erhielt, dachte er an einen Einbrecher.

Seine Hand glitt in die Schreibtischschublade und zog eine flache Pistole heraus.

Damit schlich er zur Tür und spähte auf den Gang.

Eine eiskalte Hand legte sich plötzlich von hinten auf seine Schulter.

Wulf Keil wirbelte herum. Sein Finger krümmte sich gegen seinen Willen. Die Kugel jaulte in einen unsichtbaren Gegner hinein.

Es klang, als würde ein Stapel Geschirr zerbrechen. Vor den Augen des Mannes bildeten sich Sprünge wie in Glas. Kreuz und quer.

Dadurch wurde eine Gestalt sichtbar, die nur wenig größer war als er.

Doch sie sah abscheulich aus. Krumm und bucklig, mit unförmigem, haarlosem Kopf, aus dem zwei dolchartige Augen stachen.

Ein Mund öffnete sich schlundförmig und schnappte nach Wulf Keil, der sich vor Entsetzen nicht rühren konnte.

Viel mehr nahm er von dem Monstrum nicht wahr. Ein Schlag traf ihn am Hals. Etwas Schartiges riss an ihm herunter.

Wulf Keil schrie gequält auf und verstummte bald. Sein Körper zerbröckelte zu einem Scherbenhaufen.

So fand ihn am nächsten Morgen seine Haushälterin, doch sie erkannte ihn nicht.

 

*

 

Dietmar von Heller sichtete die Post. Sie stapelte sich vor ihm. Er geriet ganz schön ins Schwitzen.

Als Leiter des Horror-Clubs »Hexen von Salem« organisierte er zusammen mit ein paar Freunden das Treffen. Das machte viel Arbeit.

Aber die Mühe schien sich gelohnt zu haben. Viele Mitglieder und Ehrenmitglieder wollten seiner Einladung folgen. Es würde ein großer Erfolg werden.

Zu den Ehrenmitgliedern gehörten vor allem einige Autoren, die auf dem Gebiet der Horror-Literatur tätig waren.

Dietmar von Heller hatte auch ein paar Leute angeschrieben, von denen es hieß, dass sie echte Schattenjäger seien. Von denen lag allerdings noch keine Zusage vor. Es blieb zu hoffen, dass sich das noch änderte. Sie würden der absolute Knüller der Veranstaltung sein.

Das Programm dieses Wochenendes war proppenvoll. Jeder sollte auf seine Kosten kommen, nicht nur die unermüdlichen Autogrammsammler.

Was im Einzelnen geplant war, wusste bisher nur die Clubleitung.

Die Diskussion über das gläserne Monster aber war längst kein Geheimnis mehr.

Dietmar von Heller freute sich, dass auch Claus Waldner kommen wollte. Claus war den Horrorfans besser unter seinem Pseudonym Gringo Thunder bekannt. Nur Eingeweihte kannten seinen richtigen Namen.

Er gehörte zur Zeit zu den erfolgreichsten Autoren im gruseligen Bereich und liebte den Rummel um seine Person nicht sonderlich. Aber Dietmar und er waren befreundet. Deshalb war er der Einladung gefolgt.

In den wenigen Tagen bis zum Großereignis waren noch etliche Vorbereitungen zu treffen. Hoffentlich klappte es nun mit dem Saal.

Von Heller rief seinen Freund Rudi Zeitig an, der sich um dieses Problem kümmerte. Dass er sich noch nicht gemeldet hatte, war ein schlechtes Zeichen.

So schlecht fand von Heller aber gar nicht, was er dann hörte.

»Die Katakomben sind doch ideal für unser Vorhaben. Ich staune, dass der Pächter sie uns überhaupt vermietet.«

»Es fragt sich nur, ob auch einer unserer Gäste hineingehen wird«, antwortete Rudi Zeitig missmutig. »Du weißt doch, was man sich über die unterirdischen Höhlen erzählt.«

»Das weiß jeder, aber niemand glaubt es ernstlich. Schließlich hätte man ja die Leichen der angeblich Verschwundenen finden müssen. Aber es wurde bisher kein einziges Skelett geborgen. Ich wette, dieses Schauermärchen hielt der Pächter für einen genialen Reklametrick für sein Restaurant. Aber bei unseren Leuten ist das was anderes. Die flippen vor Begeisterung aus, wenn sie die Höhlen sehen. Prima, Rudi. Das hast du sauber hingekriegt. Jetzt sind wir die größte Sorge los.«

»Gibt es noch andere?«, erkundigte sich sein Freund.

»Die Prominenz. Einige Autoren haben ja schon geantwortet, die meisten auch zugesagt. Aber mit einigen habe ich fest gerechnet, und die hüllen sich in Schweigen.«

»Wer zum Beispiel?«

»Wulf Keil.«

»Der kommt auf alle Fälle. Da bin ich ganz sicher. Wulf fühlt sich wohl, wenn er von seinen Fans umringt ist. Da geht er so richtig aus sich heraus und weiß die aufregendsten Storys zu erzählen.«

»Und warum antwortet er dann nicht?«

»Wird er schon noch. Oder er ist plötzlich da und freut sich über die gelungene Überraschung. Ist Wulf der einzige, der dir Kummer bereitet?«

»Leider nein. Von den Schattenjägern hat überhaupt keiner reagiert. Nicht mal Knoll.«

»Das ist zwar schade, aber es wundert mich nicht. Knoll und die anderen haben Wichtigeres zu tun, als einer neugierigen Schar von ihren Abenteuern zu berichten. Die halten sich doch selten zu Hause auf. Sie sind ständig unterwegs.«

»Sharp ist in London. Das weiß ich aus zuverlässiger Quelle. Er muss meinen Brief erhalten haben.«

»Ich bin sicher, dass er täglich ähnliche Einladungen erhält. Wenn er jede annehmen wollte, käme er nicht mehr dazu, die Dämonen zu jagen. Hast du Jaroscek angeschrieben?«

»Selbstverständlich.«

»Und?«

»Das Schweigen im Walde. Die nehmen uns doch gar nicht für voll. Für die sind wir kindische Spinner, die von der Wirklichkeit keine Ahnung haben. Die meisten Zeitungen haben auch schon abgesagt. Unser Treffen interessiert nur eine Minderheit, heißt es.«

»Aber das Fernsehen hat doch schon zugesagt?«

Dietmar von Heller nickte, obwohl das sein Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung nicht sehen konnte.

»Ja, und das wäre deine Chance gewesen, unser Image endlich ein wenig aufzupolieren. Jetzt möchte ich die Leute am liebsten wieder ausladen. Ich weiß jetzt schon, welcher Art der Bericht über die verrückten Horrorfans sein wird, der über den Sender geht. Eine einzige Diffamierung. Ich fürchte, das ist auch der Grund, warum so viele Ehrenmitglieder nicht kommen. Sie ärgern sich über die unsachliche Berichterstattung. Und dann kannst du dir wohl vorstellen, wie sich der Moderator das Maul zerreißt, wenn uns sogar die Prominenz im Stich gelassen hat.«

Rudi Zeitig sah das Ganze nicht so schwarz. Er konnte noch mit einem Knüller aufwarten, von dem sein Freund nichts wusste.

»Peter Sauer hat mich angerufen«, verriet er.

»Der Clubleiter der »Höllenarmada«? Was wollte er? Vermutlich wieder stänkern.«

»Wie man’s nimmt. Er fragte, ob er ebenfalls kommen dürfte. Er habe eine sensationelle Neuigkeit über das gläserne Monster in Erfahrung gebracht.«

»Der will doch nur angeben und bei uns für seinen Club Mitglieder werben. Was kann er schon erfahren haben?«

»Das hat er nicht verraten. Angeblich besitzt er einen handfesten Beweis für die Existenz dieses Monsters. Den Beweis wird er mitbringen. Er ist überzeugt, dass sämtliche Journalisten die Ohren anlegen werden.«

»Und das tut er ausgerechnet für unseren Club, an dem er noch nie ein gutes Haar gelassen hat? Ich wette, dahinter steckt eine Riesenschweinerei.«

»Warten wir’s ab. In drei Tagen wissen wir’s.«

 

*

 

Milton Sharp legte die Zeitung weg und schloss die Augen. Er musste sich konzentrieren. Was er eben gelesen hatte, beunruhigte ihn.

In der Schweiz verschwanden auf rätselhafte Weise Menschen. Auch in Deutschland und Österreich waren ähnliche Fälle bekannt geworden.

Alle hatten etwas gemeinsam: Die Betroffenen hatten nur in einigen Ausnahmen eine Reise geplant, aber auch sie waren nie an ihrem Ziel angekommen.

Die Angehörigen schlossen Selbstmord aus. Auch für ein Verbrechen lag selten ein denkbares Motiv vor.

In der Mehrzahl ging es um Männer. Sie schienen plötzlich nicht mehr zu existieren. Kein einziger hatte Gepäck mitgenommen. Ein Wissenschaftler war sogar aus einem verschlossenen Raum verschwunden. Er hatte die Tür versperrt, um in Ruhe arbeiten zu können. Seine Wohnung befand sich in der achten Etage eines Hochhauses.

Der Zeitungsbericht stammte von einer als seriös geltenden Presseagentur. Deshalb verstieg man sich auch nicht zu fragwürdigen Spekulationen. Es wurde lediglich der merkwürdige Umstand mit den Glassplittern erwähnt.

Bei dem Schweizer Wissenschaftler waren im Arbeitszimmer farbige Scherben gefunden worden. Die Teilchen waren fast zu Staub zerfallen. Deshalb war es auch nicht gelungen, sie wieder zusammenzusetzen. Die Berührung mit dem Staub hatte aber bei einigen Personen heftiges Hautbrennen, sogar Entzündungen und eiternde Wunder verursacht. Man nahm an, dass es sich um ein zerbrochenes Glasgefäß handelte, in dem sich eine ätzende Chemikalie befunden hatte.

Ähnliche Beobachtungen waren noch in zwei Fällen gemacht worden. Einmal handelte es sich um einen Geistlichen in Zürich, das andere Mal um einen Wiener Philosophen. Auch hier war dieser seltsame Glasstaub aufgefallen.

Diese Parallelen schmeckten Milton ganz und gar nicht. Er überlegte sich ernstlich, ob er nach Zürich fliegen sollte, um sich vor Ort über die Vorkommnisse zu informieren.

Milton war seit einiger Zeit Schattenjäger mit Leib und Seele. Er hatte sich dem Kampf gegen die Mächte des Bösen verschrieben.

Ihm gegenüber saß Yon-Dar, sein Gefährte.

Yon-Dar musste als hässlich bezeichnet werden, obwohl die Chirurgen ihr Bestes gegeben hatten, um ihm menschenähnliches Aussehen zu schenken.

Yon-Dar war ein Dämon. Ein Magier hatte ihn als Geißel für die Menschen erschaffen. Doch Milton war es gelungen, sein Wesen umzukehren. Nun diente Yon-Dar dem Guten. Zumindest so lange, bis einer kam, um ihn doch noch seiner ursprünglichen Bestimmung zuzuführen.

»Was hältst du davon, Yon-Dar?«, erkundigte sich der Schattenjäger, obwohl Yon-Dar den Bericht nicht gelesen hatte.

Der Dämon heftete seinen starren Blick auf Milton. Seine Stimme klang wie ein paar rostige Messer.

»Es ist etwas im Gang«, erklärte er. »Ich spüre es ganz deutlich. Doch ich kann noch nicht sagen, worum es sich handelt. Es kommt langsam näher. Aber es nimmt keinen geraden Weg. Es will uns in die Irre führen.«

»Ein Schattenwesen?«

»Ich fürchte, ein ziemlich mächtiges sogar. Wir müssen auf der Hut sein.«

»Dann fliege ich nach Zürich.«

Yon-Dar schüttelte den Kopf und verursachte dabei ein Geräusch schlecht geölter Scharniere.

»Nicht Zürich, sondern München!«

Milton war überrascht.

»Was soll ich in München?«

»Wir fahren weiter nach Partenau.«

»Dort findet doch dieses Clubtreffen statt. Interessiert dich das etwa?«

Yon-Dars Blick wurde noch starrer, als er prophezeite:

»Es werden dort schlimme Dinge geschehen. Schlimmer als in Zürich oder Wien. Man wird uns brauchen.«

»Ich habe sogar eine Einladung erhalten, aber eigentlich war mir dafür die Zeit zu schade. Dort wird doch nur geredet und getrunken.«

»Hoffentlich hast du recht. Aber ich sehe die vielen jungen Menschen vor mir. Sie sind fröhlich und ahnen noch nicht, was sie in den Katakomben erwartet.«

Milton sparte sich die Frage, woher Yon-Dar wusste, dass überwiegend junge Leute an derartigen Treffen teilnahmen, und von welchen Katakomben er sprach. Er hatte in den letzten Wochen gelernt, dass Yon-Dar zumindest einen Teil seiner dämonischen Fähigkeiten behalten hatte.

Er hütete sich, die Ahnung des Dämons mit einem Achselzucken abzutun. Sein Entschluss stand fest. Er würde nach Deutschland fliegen.

 

*

 

Im großen Sitzungssaal von Partenau gingen die Wogen hoch.

Bürgermeister Jesching klopfte seelenruhig ein Häufchen Schnupftabak auf seinen Handrücken und zog es geräuschvoll ins rechte Nasenloch. Mit der linken Seite wiederholte er andächtig diese Prozedur, bevor er zur Ruhe mahnte.

»Ich bin froh, dass wir jemanden gefunden haben, der sein gutes Geld in die alten Höhlen steckt. Es ist bekannt, dass uns die umliegenden Gemeinden den Rang beim Fremdenverkehr abgelaufen haben. Mit Sehenswürdigkeiten ist es in Partenau schlecht bestellt. Wir haben doch fast nur die Katakomben, und um die hat sich jahrelang niemand gekümmert. Der Huber ist ein Idealist. Ich werde mich hüten, ihm gelegentliche Einnahmen zu verbieten. Was ist schon dabei, wenn die Buben da unten ein bisserl Gaudi haben?«

»Buben?«, kreischte Josef Mittermaier, der Kulturreferent. »Halbstarke sind das. Rocker. Lauter Kriminelle. Punker und solches Gesocks. Es würde mich nicht wundern, wenn dieses sogenannte Clubtreffen noch blutig endet.«

»Nun lassen Sie mal Dampf ab, Kollege«, meldete sich Heide Wallner, die das Ressort Sport und Familie betreute. »Wir können uns über die Jugendlichen in unserer Stadt wahrlich nicht beklagen. Haben Sie schon vergessen, wie sehr sie sich bei unserem Wohltätigkeitsbasar engagiert haben? Und wenn es gilt, die Wanderwege oder die Flussauen zu entrümpeln, dann geht die Initiative in der Regel von den jungen Partenauern aus. Wenn sich einige von ihnen mit lackierten Haaren gefallen, dann gibt uns das noch nicht das Recht, sie mit Kriminellen auf eine Stufe zu stellen. Das Einzige, was wir ihnen vorwerfen können, ist, dass sie jünger sind als wir, die Beneidenswerten. Ihre Anette befindet sich doch im gleichen Alter.«

»Anette hat studiert.«

Josef Mittermaier blähte sich wie ein Hahn auf.

»Na und? Das ist doch kein Wertmaßstab. Sie jammern, dass nichts für unseren Fremdenverkehr getan wird. Dieses Clubtreffen beurteile ich auch in diesem Zusammenhang durchaus positiv. Es werden Gleichgesinnte aus allen Teilen Deutschlands und wahrscheinlich sogar aus dem angrenzenden Ausland erwartet. Zudem hat sich das Fernsehen angesagt. Es kommt extra wegen dieses Treffens, und unsere Stadt wird nicht nur im Regionalprogramm gezeigt. Das finde ich erfreulich.«

»Darüber werden Sie noch anders urteilen, wenn Sie die Reportage erst gesehen haben, Kollegin. Erlauben Sie mir diese Erwiderung.«

»Ich erlaube Ihnen, dass Sie mich am Sonntag zu den Katakomben begleiten«, meinte die Stadträtin unbeeindruckt.

»Sie wollen doch nicht etwa hingehen?«

»Eigentlich wäre das Ihre Aufgabe, Kollege. Aber Sie werden sicher noch unter den Nachwehen der Hochzeit Ihrer Tochter leiden. Man sagt Ihnen ja nach, dass die Geisteswissenschaft, mit der Sie sich am besten auskennen, die Lehre vom Weingeist ist.«

Ein paar Stadträte lachten. Die Debatte amüsierte sie. Sie nahmen sie nicht ernst.

»Unerhört!«, tobte Mittermaier. »Jedenfalls können Sie mir mit den Geistern, die angeblich in den Katakomben hausen, gestohlen bleiben. Ein Schmarren ist das. Ich verlange eine Abstimmung, Jesching.«

»Worüber?«, wollte der beleibte Bürgermeister grinsend wissen.

»Über das Verbot des geplanten Clubtreffens.«

Dieser Antrag wurde mit einer einzigen Gegenstimme abgeschmettert.

Daraufhin stürmte Kulturreferent Mittermaier erbost aus dem Sitzungssaal.

Er trank im nächsten Wirtshaus zwei Halbe. Danach hatte er sich einigermaßen beruhigt und fuhr nach Hause.

Hier erwartete ihn ein Besucher, der seinen Blutdruck sofort wieder in die Höhe trieb. Es handelte sich um Alois Huber, den Pächter der Katakomben.

»Was wollen Sie denn?«, herrschte er ihn ungnädig an.

Huber, ein dürres Männchen mit schütterem Blondhaar, machte ein geheimnisvolles Gesicht.

»Ich habe etwas gefunden. Unten im Verlies. Sie wissen doch, dass sich am Wochenende die jungen Leute bei mir treffen. Da wollte ich die Räume noch ein bisschen herrichten. Es ist ja überall feucht und modrig. Da schmeckt der beste Schweinsbraten nicht.«

»Kommen Sie endlich zur Sache! In mir finden Sie keinen Befürworter dieser verrückten Veranstaltung.«

»Aber ein Fund aus früheren Jahrhunderten, vielleicht sogar Jahrtausenden, interessiert Sie bestimmt. Schauen Sie her.«

Der Pächter öffnete die mitgebrachte Tasche und entnahm ihr einen flachen Stein, der ungefähr doppelt so groß war wie seine Hand. Auf dem Stein waren Schriftzeichen zu erkennen. Eingeritzte Symbole. Sie verliefen kreuz und quer.

Josef Mittermaier nahm die Tafel entgegen und hielt sie schräg gegen das Licht. So ließen sich die Gravuren am deutlichsten erkennen.

»Was halten Sie davon?«, drängte Huber. »Das ist prähistorisch. Sie als Kulturreferent wissen sicher, an welche Universität wir uns wenden müssen, damit der Text entschlüsselt wird.«

Mittermaier kniff die Augen zusammen.

»Sie wollen mich wohl auf den Arm nehmen, Huber?«, giftete er. »Wissen Sie, was das ist?«

»Eine uralte Botschaft. Vielleicht ein Brief.«

»Falsch. Ich wette, dass sich Ihre Schützlinge mit Ihnen einen Scherz erlaubt haben.«

»Die »Hexen von Salem«?«

»Es ist mir gleich, wie diese Narren sich nennen. Jedenfalls wollen sie, dass wir uns bei den Wissenschaftlern blamieren. Aber den Gefallen tue ich ihnen nicht.«

»Heißt das, dass Sie den Stein nicht weitergeben werden?«, wunderte sich der Pächter.

An einen Streich von Halbwüchsigen wollte er nicht glauben. Er hatte die Tafel rein zufällig entdeckt.

»Jedenfalls nicht sofort«, bestätigte der Stadtrat. »Ich lasse mich von dieser Meute doch nicht auf die Rolle ziehen. Ich kann ja mal gelegentlich Professor Streithammer das Stück zeigen. Ich kenne ihn von meiner Studienzeit her. Aber das hat Zeit. Ich nehme ihn inzwischen in Gewahrsam. In meinem Wandsafe ist er sicher.«

Er schob ein Gemälde zur Seite, das eine düstere Flusslandschaft zeigte. Dahinter kam die Stahltür eines Tresors zum Vorschein.

Er stellte die Kombination ein und zog die Tür auf. Mit verächtlicher Miene legte er die Steintafel zu den Dokumenten und dem Schmuck seiner Frau.

»Sind Sie jetzt zufrieden?«, fragte er.

Alois Huber war es nicht, denn er wurde das Gefühl nicht los, dass er die Platte nicht hätte hier lassen dürfen.

 

*

 

Claus Waldner alias Gringo Thunder saß im Intercity nach München. Auf seinen Knien lag ein Schreibblock, den er mit Notizen füllte.

Die Gedanken des Autors sprudelten unaufhörlich. Er bedauerte, nicht seine Reiseschreibmaschine mitgenommen zu haben. Dann hätte er ein paar Kapitel tippen können.

Der Fünfunddreißigjährige war noch immer ledig. Böse Zungen behaupteten, für ihn käme allenfalls eine Vampirin oder Hexe in Betracht, und die seien leider alle ausgestorben.

Der Autor war davon nicht überzeugt. Nicht von der Theorie des Aussterbens und auch nicht davon, dass er sich bei den Frauen übermäßig zu den Wesen der Hölle hingezogen fühlte. Er leugnete deren Existenz nicht, aber im Privatleben hielt er sich doch lieber an knackige Girls aus Fleisch und Blut. Claus Waldner war ein unverbesserlicher Schürzenjäger.

Und er war mit Leidenschaft Schriftsteller. Seine Themen suchte er in der Welt des Grauens. Seine Romane fanden begeisterte Anhänger.

Zu einem Teil dieser Leser fuhr er und freute sich auf die beiden Tage, an denen er so ganz nebenbei neue berufliche Kontakte zu knüpfen hoffte.

Das Fernsehen, so hatte Dietmar ihm versichert, würde auch anwesend sein. Vielleicht bot sich die Gelegenheit, einmal ein Fernsehspiel zu schreiben. Am erforderlichen Stoff mangelte es ihm nicht.

Claus Waldner fuhr erster Klasse. Außer ihm befand sich niemand im Abteil.

Und doch war ihm, als blickte jemand über seine Schulter auf den Notizblock.

Nervös schaute sich der Autor um.

Da waren natürlich nur die Kopfstützen und die Wand mit den Werbeprospekten.

Seltsam! Da atmete doch jemand …

Claus Waldner überlegte nicht lange. Die lange Fahrt von Hamburg ging ihm auf die Nerven. Vielleicht fand er im Speisesaal etwas Zerstreuung.

Er erhob sich und trat auf den Gang.

Während er zum Speisewagen ging, hörte er hinter sich schwere, klirrende Schritte. Es war, als folgte ihm jemand in einer Ritterrüstung.

Als er sich umdrehte, gewahrte er nur einen rothaarigen Jungen von vielleicht sechzehn Jahren, der ihn mit unsicherem Lächeln ansah.

»Was gibt’s denn?«, fragte er ruhig.

Der Junge hustete.

»Sind Sie nicht Gringo Thunder, der Horror-Autor?«

Ein wenig fühlte sich Claus Waldner geschmeichelt, dass man ihn erkannt hatte. Doch er hatte noch sechs Stunden Fahrt vor sich. Er fürchtete, diese Zeit damit verbringen zu müssen, von seinem Leben und seiner Arbeit zu erzählen. Dann würde er in München hundemüde ankommen. Das wollte er nicht.

»Den Namen habe ich noch nie gehört«, behauptete er deshalb und ging weiter.

Die Schritte folgten ihm, aber der Rothaarige war stehengeblieben.

Eine unbegreifliche Situation!

Im Speisewagen fiel ihm sofort die junge Dame mit den Rehaugen auf. Sie entsprach genau Claus Waldners Geschmack.

Obwohl noch mehrere Tische frei waren, bat er mit gewinnendem Lächeln, sich zu der Rehäugigen setzen zu dürfen.

Ein abschätzender Blick traf ihn.

»Die Bundesbahn wird nichts dagegen haben«, vermutete die Frau im knappsitzenden Kostüm.

Claus Waldner beobachtete gern Menschen. Er versuchte, ihr Schicksal zu ergründen, oder strickte ganz einfach selbst eine Geschichte um die betreffende Person.

Den Beruf seines Gegenübers zu erraten, hielt er für nicht schwer. Er tippte auf Fotomodell oder Mannequin.

Die Frau lachte amüsiert.

»Daneben getippt. Ich bin Journalistin und reise für eine große Zeitschrift nach München. Genauer gesagt nach Partenau. Das ist ein Städtchen mit zwanzigtausend Einwohnern. An diesem Wochenende werden es eine Handvoll mehr sein. Dort trifft sich die Crème de la crème.«

Waldner studierte die Speisekarte und entschied sich schließlich für ein Schnitzel mit Beilagen.

»Sie sagen das so wegwerfend«, fand er.

Er dachte nicht daran, sich zu erkennen zu geben.

Etwas berührte ihn am Bein. Ziemlich energisch. Das konnte nur die Rehäugige sein. Anscheinend wollte sie um gutes Wetter bitten.

Waldner reagierte nicht, so verstärkte sich der Druck. Es wurde glühendheiß.

Was war das?

Verblüfft beugte sich der Mann hinab und sah unter dem Tisch zwei rundliche Knie.

»Aber mein Herr!«, ereiferte sich die Journalistin. »Lassen Sie mich los!«

»Ich fasse Sie doch gar nicht an«, versicherte Waldner verwirrt.

Eine Hand klatschte in sein Gesicht.

»Unerhört!«, fauchte die Rehäugige, die gar nicht mehr sanft wirkte.

Claus Waldner hatte keine Ahnung, wofür er die Ohrfeige erhalten hatte. Er merkte nur, dass jemand nach wie vor an seinem Fußgelenk riss.

Wütend trat er zu und traf das Schienbein der Frau, die mit einem Schmerzlaut in die Höhe schoss.

»Sie Flegel!«

»Es … es tut mir leid. Da muss jemand sein, der … verdammt, jetzt wird es mir aber zu dumm.«

Er riss mit einem Ruck das Tischtuch mitsamt dem Geschirr herunter.

Die anderen Reisenden sahen mit Befremden zu.

Der Autor suchte den Übeltäter, entdeckte ihn aber nicht.

Dafür fiel sein Blick auf die Serviette, die neben seinem Schuh lag. Jemand hatte etwas draufgekritzelt:

»Verabschiede dich gefälligst von der Dame! Als Toter hast du keine Gelegenheit mehr dazu!«

Reichlich makaber, fand Waldner das. Wer mochte ihm diesen Streich spielen?

Bestimmt der rothaarige Bursche, der gerade durch die Tür zum Speisewagen schielte.

Claus Waldner hetzte durch den Wagen.

 

*

Der Junge brachte sich schleunigst in der Toilette in Sicherheit.

Der Autor erreichte schwer atmend sein Abteil und ließ sich in die Polster fallen. Erst jetzt merkte er, dass er noch immer das Messer in der Hand hielt, mit dem er dem Schnitzel zu Leibe gerückt war.

Er wollte es beiseite legen. Da flog wie von Geisterhand geöffnet die Tür zum Abteil auf.

Unwillkürlich fiel dem Mann die Bemerkung auf der Serviette ein. Er hatte Angst um sein Leben.

Jemand befand sich mit ihm im Abteil. Er sah ihn zwar nicht, aber er glaubte ihn zu spüren.

Wild stach er mit dem Messer um sich und traf tatsächlich auf Widerstand.

Die Klinge zerbrach. Vor ihr bildeten sich Sprünge in Glas. Sie liefen nach allen Seiten weg und bildeten die Form einer menschenähnlichen Gestalt.

Aber ein Mensch war das niemals!

Claus Waldner kannte sich in diesen Dingen aus. Er wusste, wen er vor sich hatte und dass er dem Dämonischen nicht entrinnen konnte.

Er wollte wenigstens eine Nachricht hinterlassen und warf sich deshalb auf seinen Notizblock.

Da traf ihn der Schlag, der ihm einen Schrei aus der Kehle zwang.

Drei Waggons entfernt sprach der rothaarige Junge mit der Journalistin.

»Haben Sie ihn erkannt?«

»Wen?«

»Den Mann, der sich so merkwürdig benahm. Das war Gringo Thunder.«

»Ein Engländer?«, meinte die Frau zweifelnd.

»Unter diesem Namen schreibt er Horrorromane. Einfach großartig.«

Die Rehäugige war einen Moment sprachlos. Dann platzte es aus ihr heraus:

»Ach, deshalb war er so durcheinander. Ich habe ihn wohl sehr gekränkt, na so was.«

Sie lachte so laut, dass sie den nahen Schrei überhörte.

 

*

 

Milton Sharp mietete in München-Riem einen Wagen.

Yon-Dar ging prüfend um das Fahrzeug herum, bevor er einstieg.

Milton schmunzelte.

»Verstehst du etwas von Motoren?«

»Das nicht. Aber ich kenne mich in der Welt der dämonischen Abgründe aus. Du weißt doch selbst, dass so ein Wagen leicht in die Luft fliegen kann, wenn man nicht aufpasst.«

Der Schattenjäger runzelte die Stirn.

»Du rechnest damit, dass jemand mit unserer Ankunft nicht einverstanden sein könnte?«

»Ich weiß leider noch nicht, mit wem wir es zu tun haben. Sonst wäre manches einfacher. Sicher ist sicher.«

Milton sagte nichts mehr. Manchmal noch war ihm Yon-Dar unheimlich. Sie kannten sich erst seit einigen Wochen. Es passte ihm zum Beispiel ganz und gar nicht, dass sein Gefährte es mitunter fertigbrachte, seine Gedanken zu lesen.

Andererseits hatte sich der Dämon schon als überaus nützlich erwiesen.

Sie fuhren auf der Straße nach Süden.

Partenau liegt an den Ausläufern des Karwendelgebirges. Sie erreichten den Ort am frühen Abend. Zunächst kümmerten sie sich um eine Unterkunft, die sie im größten Hotel des Ortes fanden.

Das Personal in der »Krone« steckte tuschelnd die Köpfe zusammen. Das galt mit Sicherheit Yon-Dar, der jeden Hässlichkeitspreis gewonnen hätte.

Zum Glück hatten die Leute nicht viel Zeit. Milton erfuhr, dass eine große Hochzeit vorbereitet wurde, die am nächsten Tag in dem riesigen Saal gefeiert werden sollte.

»Viel Ruhe werden wir hier nicht haben«, befürchtete er.

»Nein«, bestätigte Yon-Dar. »Es wird eine Menge los sein.«

Er sagte das mit einem Unterton, als meinte er nicht nur die Hochzeit.

Milton hielt es für richtig, wenn Yon-Dar sich nicht zu häufig auf der Straße zeigte. Er würde nur für unnötiges Aufsehen sorgen. In der Stadt herrschte ohnehin eine unerklärlich gespannte Atmosphäre.

»Ich suche die Leute auf, die mich eingeladen haben«, sagte er und ließ den Dämon im Hotelzimmer zurück.

Als erstes begegneten ihm Techniker, die die morgige Fernsehübertragung vorbereiteten. Sie sollte zum Teil live über den Sender gehen.

An einer Straßenecke standen einige Halbwüchsige zusammen und diskutierten lautstark.

Besonders ein Rothaariger tat sich hervor. Er schien mit einer tollen Neuigkeit aufwarten zu können. Milton hörte etwas von Selbstmord.

»Ich sage euch, es war Gringo Thunder«, beteuerte der Jugendliche. »Ich habe zu Hause ein signiertes Foto von ihm. Außerdem hat er sich so merkwürdig benommen, als die Tante von der Zeitung über die Horror-Szene herzog. Kurz darauf war er verschwunden, obwohl er nirgends ausgestiegen ist. Auch nicht in München. Seine Tasche steht wahrscheinlich immer noch im Gepäcknetz. Der ist aus dem Zug gesprungen. Eine andere Erklärung gibt es nicht.«

»Gibt es schon«, widersprach ein Anderer mit schwarzem Wuschelkopf. »Das weißt du so gut wie ich.«

»Du meinst …«

»Psst! Nicht hier auf der Straße. Gehen wir zu Dietmar. Der muss ja wissen, ob Gringo Thunder kommen wollte, und ob er eingetroffen ist.«

Die Jungen zogen ab.

Unwillkürlich stellten sich Miltons Haare senkrecht. Sollte schon wieder ein Mensch auf mysteriöse Weise verschwunden sein?

Der Name Gringo Thunder war dem Schattenjäger kein Begriff. Er vermutete aber, dass es sich um einen Schriftsteller handelte.

Der Rothaarige hatte eine Journalistin erwähnt. Die wusste vielleicht mehr. Doch wie sollte Milton die Frau finden?

Milton spazierte weiter. Etliche würdige Herren grüßten ihn. Sie verwechselten ihn offensichtlich. Wahrscheinlich waren sie ebenfalls fremd in der Stadt.

An einer Kreuzung stieß er auf ein Hinweisschild. »Zu den Katakomben«, stand darauf in deutlichen Buchstaben.

Yon-Dar hatte die Katakomben erwähnt. Was wusste dieser seltsame Dämon des Guten noch?

Der Schattenjäger folgte nachdenklich dem Wegweiser. Er wollte sich in Ruhe den Ort ansehen, an dem es am nächsten Tag vor Menschen wimmeln würde.

Er kam aber nur bis zur nächsten Straßenecke.

Ein Sirren in der Luft riss seinen Kopf herum.

Ein haarscharfer Blitz raste auf ihn zu wie ein glühender Punkt … oder wie ein Auge.

Milton hatte gerade noch Zeit, sich fallen zu lassen. Da jaulte es auch schon über ihn hinweg und verschwand in der Ferne.

Der Schattenjäger stieß die Luft aus und kam wieder in die Höhe.

Er stellte fest, dass er unversehrt war. Lediglich seine Hose konnte nicht mehr als sauber bezeichnet werden.

Passanten auf der anderen Straßenseite blickten kopfschüttelnd zu ihm herüber. Anscheinend hatten sie den Blitz überhaupt nicht wahrgenommen.

Der Schattenjäger kümmerte sich nicht um die Gaffenden. Er wusste, dass er von jetzt an auf der Hut sein musste. In Partenau gab es etwas, das ihm nach dem Leben trachtete.

 

*

 

Er setzte seinen Weg fort und gelangte schließlich zu dem staubigen Feldweg, der zu den Katakomben führte.

Milton erkannte rasch, dass es sich bei dem Höhlensystem nicht um altchristliche Grabgemächer handelte. Der Volksmund hatte den Felsgängen nur diesen Namen gegeben.

Er stieß auf einen hageren Mann, der kein Englisch verstand. Milton musste also seine Deutschkenntnisse zusammenkratzen, tat sich aber mächtig schwer, denn dieser Alois Huber sprach bayerischen Dialekt.

Irgendwie verständigten sie sich aber doch. Milton erfuhr, dass Huber die Katakomben in Schuss hielt und die Gewölbe und Grüften dem Horrorclub »Hexen von Salem« für seine Großveranstaltung vermietet hatte.

»Sind Sie Reporter?«, erkundigte sich der Bayer mit zusammengekniffenen Augen.

»Ich war es«, antwortete Milton wahrheitsgemäß.

»Und jetzt?«

»Jetzt lebe ich vom Geld fremder Leute«, wich Milton aus.

Er wollte dem Fremden nicht seine Tätigkeit auf die Nase binden. »Schattenjäger« war für den braven Einheimischen bestimmt kein Begriff.

»Das tun wir mehr oder weniger im Grund alle. Sie sind bestimmt bei den Mittermaiers zur Hochzeit eingeladen. Die Anette ist ein hübsches Ding. Aber der Bräutigam gefällt mir nicht. Er sieht unheimlich aus.«

»Unheimlich? Sie meinen, er hat lange Eckzähne und einen blutdürstigen Blick?«

»Sie nehmen mich nicht ernst«, grollte Alois Huber. »Franz Habermooser ist zwar kein Vampir, aber irgendetwas ist mit ihm nicht in Ordnung. Er kann einem nicht gerade in die Augen sehen.«

»Das tut er sicher nur bei seiner Braut«, vermutete Milton. »Darf ich mich ein wenig in den Katakomben umsehen?«

»Allein?«

»Haben Sie Angst, ich könnte einen Stein wegtragen?«

»Das wäre mir egal. Das habe ich selbst heute erst gemacht. Ein interessantes Stück. Wenn dieser Mittermaier nur nicht so borniert wäre. Na ja, was soll’s! Vielleicht steckt auch gar nichts dahinter … Nein, ich denke an die Gefahren: In den Höhlen ist es gefährlich. Es gibt plötzlich Stufen und Spalten. Ein Fremder, der sie nicht kennt, kommt unweigerlich in Schwierigkeiten.«

»Sagten Sie nicht, dass hier morgen das Clubtreffen stattfinden soll?«

»Freilich. Der einzige richtige Saal in der Stadt ist ja durch die Hochzeit belegt. Morgen ist aber alles ausreichend beleuchtet. Da kann nichts passieren. Kritische Stellen sichere ich noch ab. Ich habe noch ’ne Menge zu tun. Deshalb müssen Sie mich jetzt auch entschuldigen.«

Der Hagere hastete davon. Milton blickte ihm nach.

Ein merkwürdiger Mann, aber nicht unsympathisch …

Auf jeden Fall wollte der Schattenjäger nicht wieder umkehren, ohne sich wenigstens ein ungefähres Bild von den Katakomben verschafft zu haben. Schließlich trug er die dünne Taschenlampe stets bei sich. Er würde schon nicht in einen Felsspalt stolpern.

Er zog das bleistiftförmige Gerät aus der Tasche und schaltete es ein.

Ein scharf begrenzter Lichtzylinder wies ihm den Weg.

Sharp gelangte zunächst in ein riesiges Gewölbe, in dem Tische und Bänke aufgestellt waren. Hier würden die Horror-Fans an den folgenden Tagen ihre Gespräche führen.

Von dem Gewölbe zweigten sechs Gänge ab.

Milton entschied sich für den nächstliegenden, musste aber schon nach zwanzig Schritten wieder umkehren. Er war in einer Sackgasse gelandet.

Er nahm sich unverdrossen den nächsten Gang vor und kam schon bald zu einer Abzweigung.

Alles war kahler Fels. Nirgends sah er etwas Ungewöhnliches. Es gab nicht mal Fledermäuse. Jedenfalls ließen sich keine blicken.

Der Schattenjäger untersuchte noch zwei weitere Gänge.

Diesmal fand er die Warnungen des Pächters bestätigt. Beinahe wäre er mit dem Fuß in einem engen Spalt steckengeblieben.

Der Knöchel schmerzte, aber er war noch heil. Es war wohl doch vernünftiger, wenn er seine eigenmächtige Besichtigung der Katakomben einstellte und seine ursprüngliche Absicht durchführte. Er würde die Initiatoren dieses Meetings aufsuchen.

So kehrte Milton auf demselben Weg zurück, doch er gelangte seltsamerweise nicht mehr in das Gewölbe mit den Tischen …

Nur ruhig bleiben! Er hatte sich ständig rechts gehalten, also musste er sich jetzt nach links orientieren. Hatte er eine Gabelung übersehen?

Milton markierte die Stelle, an der er gerade stand, mit einem aus kleinen Steinen zusammengesetzten Kreuz. Dann ging er weiter. Immer nach links.

Als er nach fünf Minuten das Kreuz wieder erreichte, wurde er ärgerlich. Er war im Kreis gelaufen.

Er ging erneut los, diesmal aber nach rechts.

Er kam in Gänge, an die er sich beim besten Willen nicht erinnern konnte.

Schließlich stieß er auf lockeren Schutt, der den Durchgang auf halber Höhe versperrte.

Ihm blieb nichts weiter übrig, als auf allen vieren hinüberzuklettern. Dabei schrammte er die Hände auf, und die ohnehin lädierte Hose wurde auch nicht besser davon.

Aber er kam hindurch und klopfte sich flüchtig den Staub von der Kleidung.

Ein paar Schritte noch dann stand er wieder vor seinem Kreuz!

Nun war Milton überzeugt, dass jemand sein boshaftes Spiel mit ihm trieb.

 

*

 

Zur gleichen Zeit traf Peter Sauer, der Clubleiter der »Höllenarmada«, in Partenau ein.

Der Neunzehnjährige war bisher in der Öffentlichkeit nicht in Erscheinung getreten.

Das sollte nun anders werden. Ab morgen würde man von ihm sprechen. Er besaß sensationelle Fotos, die bisher noch niemand gesehen hatte.

Eigentlich hätte er damit zur Polizei gehen müssen, doch davon hätte er nichts gehabt. Das war auch kein Fall für sie, denn das gläserne Monster zu vernichten, war allenfalls eine Sache für Schattenjäger.

In Partenau bot sich allerdings die Gelegenheit, vor die Fernsehkamera zu treten. Mit einem Schlag berühmt zu sein. Man würde fortan nur noch von der »Höllenarmada« sprechen, und die »Hexen von Salem« hatten ausgespielt.

Der junge Mann hütete seinen Schatz wie sein Augenlicht. Er trug den Umschlag mit den Fotos auf seinem Herzen. Wer sie ihm stehlen wollte, würde ihn zuvor umbringen müssen.

Peter Sauer hatte Rudi Zeltigs Angebot, bei ihm zu übernachten, abgelehnt und sich in einem kleinen Gasthof eingemietet. Er traute den Burschen von den Salemhexen nicht über den Weg. Rudi wollte ihm bestimmt seine Sensation abgaunern, um sich selbst damit brüsten zu können.

Der Neunzehnjährige warf sich auf das knarrende Bett und nahm den Briefumschlag wie eine Kostbarkeit aus der Brusttasche.

Noch jetzt fröstelte ihn. Er dachte an sein Vorhaben, zu Wulf Keil zu fahren, um ihn zu einer Autorenlesung fürs Wochenende einzuladen. Damit hatte er ihn hindern wollen, an der Convention der »Hexen von Salem« teilzunehmen. Wulf Keil wohnte ja nur dreißig Kilometer von seinem eigenen Wohnort entfernt.

Als er dann durch das Fenster gespäht hatte, um festzustellen, ob der Autor zu Hause war, sah er, wie sich Keil gegen ein grässliches Monster zur Wehr setzte.

Reaktionsschnell hatte er seinen Fotoapparat vors Auge gerissen und fieberhaft eine Serie von Bildern geschossen.

Zwei waren gelungen. Das eine zeigte, wie der Dämon, bei dem es sich ohne Frage um das berüchtigte gläserne Monster handelte, den Schriftsteller erschlug. Auf dem anderen sah man den Unseligen in der Nähe der Schreibmaschine.

Ein grauenvoller Geselle, der über unvorstellbare Kräfte verfügte und nach seiner Schandtat wieder absolut durchsichtig wurde, so dass man ihn nicht mehr sehen konnte.

Aber auf den Fotos wies er milchige Sprünge auf. Die zeigten ihn in seiner ganzen Furchtbarkeit.

Peter Sauer entnahm dem Umschlag die Bilder und betrachtete das oberste.

Er wischte sich über die Augen.

Die lange Fahrt schien ihn mitgenommen zu haben. Alles flimmerte vor ihm. Sogar das Bild schien sich zu bewegen, was natürlich reine Einbildung war.

Oder etwa nicht?

Das durfte doch nicht wahr sein! Das gläserne Monster drehte sich auf dem Papier um und glotzte ihn nun mit vorquellenden Augen an.

Dann marschierte es los.

Peter Sauer merkte, dass sich das Ungeheuer gar nicht mehr im Arbeitszimmer des toten, zu Staub zerfallenen Autors aufhielt. Die Fotografie ähnelte einem Fernsehschirm. Darauf war düsteres Gemäuer zu erkennen.

Wo mochte das sein? Vielleicht bei den Katakomben, in denen das Clubtreffen vorbereitet wurde?

Sauer wurde der Kragen eng. Er verstand zwar nicht, was da vorging, doch dass es fast noch sensationeller war als seine fotografierte Beobachtung, wurde ihm bewusst.

Plötzlich erschrak er.

Was war mit seinem Beweis? Das Foto veränderte sich ständig und zeigte nicht mehr den Mord an Wulf Keil. Nur noch das Monster in fremder Umgebung.

Es blieb noch die Hoffnung auf das zweite Bild.

 

*

Peter Sauer betrachtete es und blickte in einen Spiegel. Sein eigenes Porträt war auf dem Papier zu sehen. Es bewegte sich ebenfalls.

Er zwinkerte, und das Foto zwinkerte zurück. Er schnitt eine Grimasse, und dieselbe Grimasse war auf dem Bild zu sehen.

Verdammt! Was hatte das zu bedeuten?

Jedenfalls hatten ihn die höllischen Mächte hereingelegt. Aus seinem großen Auftritt vor der Fernsehkamera wurde nun wohl nichts mehr. Rudi Zeitig würde ihn auslachen. Er hatte den Mund zu voll genommen.

Er legte beide Fotos nebeneinander.

Links stapfte das Monster durch niedere Höhlengänge, rechts starrte das Gesicht eines Jugendlichen mit vor Schreck geweiteten Augen: sein eigenes Gesicht.

Sauer kam eine verblüffende Idee. Das Foto, auf dem er zu sehen war, zeigte offensichtlich den gegenwärtigen Zustand. Vielleicht war das auf dem anderen Bild ebenfalls der Fall.

Das würde bedeuten, dass sich das Monster zur Zeit in den Katakomben herumtrieb.

Es wartete wohl auf weitere Opfer, und die würden vermutlich in großer Zahl erscheinen: die Teilnehmer des Clubtreffens, meist jugendliche Leser von Horror-Literatur, einige Autoren und Redakteure und natürlich das Fernsehteam und die Journalisten.

Sie alle ahnten nichts von dem nahenden Verhängnis.

Er musste sie warnen.

Peter Sauer sah auf der Fotografie, wie er sich vom Bett erhob und das Zimmer verließ. Sein Entschluss stand fest. Er wollte zum »Goldenen Hufeisen« hinüber. Dort wohnte der größte Teil der Reporter und auch die Leute vom Fernsehen. Wenn er denen die sich bewegenden Fotos zeigte und seine Befürchtungen äußerte, würden sie nicht nur die Veranstaltung in den Katakomben verhindern, sondern auch ein paar Interviews mit ihm machen. So oder so würde man schon morgen in ganz Deutschland seinen Namen kennen.

Er verließ den Gasthof und hastete die Straße hinunter. Er hatte ungefähr zehn Minuten zu gehen. Die Fotos behielt er in der Hand.

Eine Frau kam ihm entgegen. Sie sah toll aus. Das konnte Peter Sauer trotz seines jugendlichen Alters durchaus beurteilen. Am Schulterriemen hing eine Kamera. Ob die Hübsche zu den Reportern gehörte?

Er zögerte. Doch dann sagte er sich, dass es klüger war, mit seiner Sensation direkt zu den Fernsehleuten zu gehen. Das brachte mehr, als wenn er sich an eine unbedeutende Journalistin wandte.

Die Frau mit den Rehaugen ging an ihm vorbei.

Peter Sauer wandte sich um und hastete weiter.

Er konnte das »Goldene Hufeisen« schon sehen. Er hörte Musik und Gelächter.

Rasch warf er einen letzten Blick auf die Fotos. Schließlich wollte er sich nicht blamieren.

Nein, es war noch alles in Ordnung. Auf einem Bild war er zu sehen, wie er unter einer Laterne stand und Fotos betrachtete.

Das andere zeigte das gläserne Monster, das es augenscheinlich eilig hatte.

Es schlich aber nicht mehr durch düstere Höhlengänge. War er nicht selbst gerade erst an der Bäckerei vorbeigekommen, die im Hintergrund zu erkennen war?

Peter Sauer fühlte, wie sich sein Herz in einen Eisklumpen verwandelte. Das Monster war dicht hinter ihm.

Es verfolgte ihn. Gleich würde es ihn eingeholt haben.

Er wirbelte herum. Aber da war nichts …

In fieberhafter Hast hielt er nach einer Waffe Ausschau. Dort drüben lagen Pflastersteine. Vielleicht konnte er sich damit die höllische Kreatur vom Leib halten, bis er das schützende Hotel erreicht hatte, wo er wenigstens nicht allein war.

Er bückte sich nach dem ersten Stein und schleuderte ihn mit ganzer Kraft die Straße hinunter.

Berstendes Glas …

Peter Sauer hatte sich nicht getäuscht. Nur zehn Schritte von ihm entfernt, wankte das Monster heran.

Durch die sich vermehrenden Glassprünge wurde es immer deutlicher sichtbar. Einzelheiten waren zu erkennen. Das gierige Maul, die klauenförmigen Hände, die klumpigen Beine.

Der Neunzehnjährige griff nach dem nächsten Stein und stolperte weiter, nachdem er auch dieses Geschoss sicher gelandet hatte.

Das Monster stürzte nicht. Die Steinwürfe machten ihm nichts aus.

Das Ende des jungen Mannes kam schnell. Er starb mit einem Schrei auf den Lippen und zerfiel zu gläsernem Staub.

 

*

 

Milton Sharp wusste, dass er in eine Falle geraten war. Er sah keinen Gegner, gegen den er kämpfen konnte. Es gab nur diese elenden Katakomben, die zu einem anscheinend unentrinnbaren Labyrinth geworden waren.

Dem Schattenjäger blieb nichts anderes übrig, als weiter den Ausgang zu suchen oder zu warten, bis Scheinwerfer die Höhlen erhellten.

Er entschied sich für die Suche, abwarten und stillhalten war nicht seine Stärke.

Sharp marschierte also wieder los und hinterließ an der nächsten Abzweigung ein weiteres, anders geformtes Steinkreuz.

Als er weitergehen wollte, hörte er ein entferntes Krachen.

Sofort verharrte er und lauschte.

Das Geräusch verstummte ebenfalls.

Vorsichtig tastete Milton weiter. Er überlegte, auf welche Weise er sich im Fall einer dämonischen Konfrontation verteidigen könnte.

Die üblichen Kruzifixe, eine kleine Schleuder, mit der er geweihte Silberkugeln verschießen konnte, und einen siebenflächigen Kristall hatte er, über dessen Wirkungsweise er sich aber noch nicht völlig im Klaren war. Er wusste nur, dass er das Heptagon mit größter Vorsichtig benutzen musste. Seine Hilfe konnte sich auch ins Gegenteil kehren und ihn selbst vernichten.

Wieder blieb der Schattenjäger reglos stehen. Das Krachen klang nun stärker an sein Ohr. Es war deutlich näher gekommen.

Miltons Hand glitt in seine Tasche und zog die Schleuder heraus. Drei Silberkugeln trug er bei sich. Sie waren sehr kostbar. Er durfte sie nicht vergeuden. Sie ließen sich nur herstellen, wenn ungewöhnliche Bedingungen erfüllt wurden.

Eine der Kugeln legte er in die Lederschlaufe.

So schlich er durch das Labyrinth, während ihm das Krachen auf den Fersen blieb.

Es schien aus dem massiven Fels zu kommen. Milton bekam einen kleinen Vorgeschmack von den Fähigkeiten seines Widersachers. Er würde ihn mit der ersten Kugel niederstrecken müssen. Es blieb nur zu hoffen, dass das geweihte Silbergemisch seine Wirkung tat.

Dann barst der Stein unmittelbar neben ihm.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738913156
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v377289
Schlagworte
milton sharp grauen katakomben

Autor

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Titel: Milton Sharp  #17: Das Grauen in den Katakomben