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Saltillo #7: Verrat in Monterrey

2017 120 Seiten

Zusammenfassung

Saltillo und sein Freund und Partner Tortilla-Buck Mercer verfolgen den flüchtigen Halunken Ben Mortimer. Saltillo muss ihn zu einer Zeugenaussage zwingen, damit Layla Sheens Unschuld endlich bewiesen werden kann. Aber bisher ist es Mortimer immer wieder gelungen, zu entkommen.
Diesmal flieht er nach Monterrey, wo er Saltillo nicht nur abschütteln, sondern auch in eine Falle locken will. Denn Mortimer kennt dort einflussreiche Leute, die ihm noch einen Gefallen schuldig sind – und die sollen Saltillo und Tortilla-Buck erledigen, sobald sie Monterry erreicht haben. Trotz dieser Gefahr geht Saltillo jedes Risiko ein – denn er hat geschworen, Mortimer vor Gericht zu bringen.
Die Ereignisse spitzen sich dramatisch zu, als die US-Armee unter Führung des Generals Taylor die mexikanische Grenze überquert und Monterrey umzingelt. Die Stadt ist schon bald unter schwerem Beschuss. Saltillo und sein Partner stehen buchstäblich zwischen den Fronten ...

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Verrat in Monterrey

Klappentext:

Roman:

SALTILLO

 

Band 7

 

Verrat in Monterrey

 

Ein Western von John F. Beck

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Klaus Dill, 2017

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappentext:

Saltillo und sein Freund und Partner Tortilla-Buck Mercer verfolgen den flüchtigen Halunken Ben Mortimer. Saltillo muss ihn zu einer Zeugenaussage zwingen, damit Layla Sheens Unschuld endlich bewiesen werden kann. Aber bisher ist es Mortimer immer wieder gelungen, zu entkommen.

Diesmal flieht er nach Monterrey, wo er Saltillo nicht nur abschütteln, sondern auch in eine Falle locken will. Denn Mortimer kennt dort einflussreiche Leute, die ihm noch einen Gefallen schuldig sind – und die sollen Saltillo und Tortilla-Buck erledigen, sobald sie Monterry erreicht haben. Trotz dieser Gefahr geht Saltillo jedes Risiko ein – denn er hat geschworen, Mortimer vor Gericht zu bringen.

Die Ereignisse spitzen sich dramatisch zu, als die US-Armee unter Führung des Generals Taylor die mexikanische Grenze überquert und Monterrey umzingelt. Die Stadt ist schon bald unter schwerem Beschuss. Saltillo und sein Partner stehen buchstäblich zwischen den Fronten ...

 

 

 

 

Roman:

Mit einem gewaltigen Satz warf Tortilla-Buck sich hinter den Felsbrocken. Unten am Hang durchbrachen Reiter in mexikanischen Uniformen das Gebüsch am Rand der tiefeingeschnittenen Bodensenke. Ben Mortimer, gefährlichster Gegner der Hazienda del Saltillo, hatte sie auf Bucks Spur gehetzt. Kugeln klatschten gegen den hüfthohen Fels. Steinsplitter umwirbelten den bulligen, zottelhaarigen Kentuckier. Seine Harpers Ferry-Rifle war leergeschossen. Keuchend zog er den fünfschüssigen Paterson Colt.

»Nicht so hastig. Ich hab Blei für euch alle, Amigos«, murmelte er verbissen.

Ein Schrei mischte sich in das Krachen seiner Waffe. Pferde prallten zusammen, stürzten. Ihre Reiter konnten sich gerade noch aus den Sätteln retten. Flüche gellten.

Tortilla-Buck sprang auf. Die lederüberzogene Sattelflasche schlug gegen seine Hüfte. Er hatte gerade noch Zeit gehabt, sie umzuhängen, als die Mexikaner plötzlich hinter einer Biegung des Arroyos hervorpreschten.

Geduckt stürmte er die letzten Yards zur felsigen Kuppe hinauf. Erschöpft ließ er sich zwischen die zerklüfteten Sandsteinblöcke fallen. Das rote Baumwollband klebte auf der Haut. Schweißrinnsale glitzerten auf seinem Gesicht.

Jetzt erst kam er dazu, einen klaren Gedanken zu fassen: Sie hatten ihn! Sein Pferd war weg, und als er die Wasserflasche an die Lippen setzte, stellte er fest, dass eine Kugel sie durchschlagen hatte. Kein Tropfen war mehr in ihr.

Buck spähte den Hang hinab. Eine dünne Staubfahne hing noch über der von Sträuchem gesäumten Kerbe. Das Dröhnen der Schüsse war verhallt. Das ausgedörrte Land wirkte so einsam wie zuvor; ein Tummelplatz für Klapperschlangen, Skorpione und Kojoten. Die Sonne übergoss es mit weißem Feuer. Im Westen stand die Silhouette der Sierra Madre im Hitzeglast. Lautlos zog ein Bussard seine Kreise über der steil aufragenden Höhe.

War hier das Ende von Buck Mercers einsamem Trail?

Wochen waren verstrichen, seit er auf Mortimers Fährte nach Süden ritt. Uber dieses menschenleere Land hatte der Krieg mit Mexiko noch keinen Schatten geworfen. Dennoch hatte der Flüchtling Mortimer hier Verbündete gefunden: Die Soldados des fanatischen Generals Carreras jagten Buck. Doch Saltillos Vormann hatte sie abgeschüttelt und in den Bergen geduldig darauf gelauert, dass er Mortimer doch noch vor die Rifle bekam.

Wütend spuckte Buck aus. Er hatte nicht lange genug gewartet. Mortimer war nach wie vor auf der Hut. Offenbar war er nicht ohne Schutz in dem kleinen Mexikanerdorf San Felipe zurückgeblieben. Es sah ganz so aus, als hätte Mortimers ehemaliger Kampfgefährte Carreras die dort stationierten Soldaten dem Kommando eines Gringos unterstellt.

»He, Gringo!«

Buck hob den Kopf. Drunten stand ein stämmiger, schwarzbärtiger Mexikaner zwischen den Kreosots. Ein spitzkroniger Sombrero hing auf den Rücken. Trotz der Entfernung erkannte Buck die Quernarbe, die sich über seine obere Gesichtshälfte zog. An den Nähten seiner Charro-Hose funkelten Silberknöpfe. Außerdem trug er ein weißes Hemd und eine ebenfalls mit Conchos verzierte ärmellose Weste. Aus seiner Schärpe ragte der Knauf einer Pistole.

Kein Zweifel, Mortimer hatte wieder mal einen Pistolero als Leibwächter angeheuert. Im Vertrauen auf die eigene Übermacht fühlte sich der Bursche ein bisschen zu sicher, fand Tortilla-Buck. Doch er wollte all diesen Grünjacken schon beibringen, dass sie es mit einem Rifleman der Extra-Klasse zu tun hatten.

»Wenn euch zum Mittagessen ein paar angewärmte Bohnen fehlen, Compadre, dann helf ich gern aus.«

»Dir werden die Witze bald vergehen, Gringo!«, schrie der Narbige. »In ein paar Stunden wirst du da oben wie in einem Backofen schmoren, du Cabron. Besser, du stellst dich gleich.«

»Sonst noch Wünsche, Compadre?« Buck hatte die Rifle inzwischen nachgeladen.

Der Anführer der Soldados drohte mit der Faust.

»Du sprichst mit Ramon Otero, Gringo. Ich hab noch jeden Mann zur Strecke gebracht. Und dein Skalp ist Mortimer hundert Silberdollars wert. Ich hör’ sie schon in meiner Tasche klingen.« '

»Sei dir da nicht so sicher, Compadre. Wenn Mortimer was von mir will, soll er selbst kommen.« Knapp vor den Stiefeln des Mexikaners hieb die Kugel in die Erde.

Buck lachte, als Otero mit einem hastigen Sprung zwischen die Kreosotsträucher hüpfte.

 

*

 

Sechs Stunden lang bekam Tortilla Buck von den Angreifern nicht mehr als ein gelegentliches Blinken der Gewehrläufe zu sehen. Der dünne Rauch eines Kochfeuers kräuselte nun aus dem Arroyo. Die Sonne war weit nach Westen gewandert. Immer noch war es erstickend heiß. Kein Lufthauch rührte sich. Der Schatten zwischen den Felsen brachte keine Kühlung.

Buck kam sich tatsächlich wie in einem Backofen vor. Seine Kehle war ausgetrocknet, die Lippen aufgesprungen. Sie schmerzten, als er sie zu einem grimmigen Lächeln verzog. Die Burschen würden es erst im Schutz der Dunkelheit versuchen, bevor der Mond aufging. Doch das hatte er ebenfalls vor. Er lehnte an einem Felsen, den Hut über den Augen, und entspannte sich.

Es war nur ein Rascheln wie von einem leichten Windstoß in den Büschen am Fuß der Höhe, aber Buck kniete sofort hellwach mit seiner »Betsy« im Anschlag hinter den Felsen.

Seine Augen weiteten sich verblüfft, als er das Mädchen sah. Es war eine junge Mexikanerin. Ihre Hände waren vorn gefesselt. Sie sprang zwischen den Kreosots hervor und lief flink wie ein Reh den mit Felsbrocken und Gestrüpp bedeckten Hang herauf. Ihr langes, schwarzes Haar flatterte. Sie war barfuß. Ihr Kleid verfing sich an einem Domzweig und zerriss. Drei, vier fluchende Mexikaner tauchten hinter ihr auf.

Einer davon war Otero. Er richtete seine Pistole auf die Flüchtende, ließ sich jedoch sofort fallen, als zwischen den Felsblöcken Tortilla-Bucks Rifle krachte. Die anderen Verfolger warfen sich ebenfalls hin.

Die Harpers Ferry krachte wie eine Kanone. Das Mädchen kam wie eine Katze sofort wieder auf die Beine und hetzte weiter.

Ein Reiter jagte aus dem Trockenbett Er schwang eine Reata. Staub und Steine spritzten unter den hämmernden Hufen seines Braunen empor.

Buck sprang auf und lud eilig das Gewehr.

»Mehr nach rechts, Muchacha! Aus der Schussbahn!«

Sie strauchelte erneut.

Da krachten mehrere Baker-Gewehre, alles englische Modelle, mit denen ein Großteil von Santa Anas Truppen ausgerüstet war. Kugeln pfiffen an Buck vorbei.

»Schlaf nicht ein, Gringo!«, gellte die Mexikanerin. »Gib mir Feuerschutz, verdammt noch mal!«

Buck grinste und zielte kaltblütig.

»Wenn’s weiter nichts ist, Muchacha.«

Der Reataschwinger riss sein Pferd zu spät herum. Er schrie auf, als Bucks Blei über seine Schulter fuhr. Gleich darauf schloss sich die Mauer der Kreosots wieder hinter ihm.

»Zurück, Amigos, zurück!«, brüllte Otero. Schießend setzten sich seine Gefolgsleute ab.

Buck blieb stehen. Keuchend rappelte die junge Mexikanerin sich auf. Sie war hübsch. In dem einfachen Leinenkleid kam ihr biegsamer Körper hervorragend zur Geltung. Die etwas hervorstehenden Wangenknochen, der bronzefarbene Teint und die braunen Mandelaugen verliehen dem Gesicht einen exotischen Reiz. Sie erinnerte Buck sofort an Layla, ohne jedoch deren üppige Figur zu haben.

Buck hatte nichts dagegen, als sie zu ihm taumelte und sich an ihm festklammerte. Er hielt sie. Als unten erneut Gewehre krachten, zog er sie neben sich auf die von der Sonne hartgebackene Erde. Sie atmete heftig. Die kleinen, festen Brüste hoben und senkten sich unter dem dünnen Kleid. Doch ihre Augen blickten furchlos.

»Schade, dass ich dir keinen Begrüßungs-Drink anbieten kann, Muchacha«, grinste Buck. Seine Zähne schimmerten.

Die Mexikanerin schüttelte die wallende schwarze Mähne zurück und hielt Buck die gefesselten Hände hin.

»Halt keine Reden, Gringo. Nimm mir lieber die Schmuckstücke ab.«

Buck überzeugte sich erst, dass unten alles ruhig blieb. Dann zog er das Bowiemesser und durchtrennte den Strick zwischen den Handgelenken.

»Well, Muchacha, vielleicht verrätst du mir mal, wie du in die Gesellschaft dieser Halsabschneider gekommen bist.«

Ihre Augen funkelten. So gefiel sie Buck fast noch besser.

»Keine Frau in San Felipe ist vor ihnen sicher, seit Mortimer sich dort eingenistet hat. Ich bin Sarita Vasquez. In der Nacht bin ich geflohen, aber Mortimer fürchtete wohl, dass ich seinen Schlupfwinkel verraten würde. Wahrscheinlich hat er deshalb Otero und die Soldados hinter mir hergehetzt. Sie haben mich heute früh erwischt. Kurz darauf stießen sie auf deine Spur. Sie behaupten, dass du hinter Mortimer her bist - ganz allein. Stimmt das, Gringo?«

Buck zeigte wieder sein Prachtgebiss.

»So wahr mich meine Freunde Tortilla-Buck nennen.«

»Ich versteh nicht, wie ein einzelner Mann so närrisch sein kann.«

»Danke für das Kompliment, Muchacha, doch die Vorgeschichte ist zu lang, dass ich sie dir jetzt erzählen könnte. Sag mir lieber, ob du mit ’nem Schießeisen umgehen kann.«

»Ich werd’s dir beweisen, Gringo.« Sie hielt plötzlich seinen Paterson in der Hand, den er in die Halfter zurückgeschoben hatte. Sie lächelte dazu.

Buck glaubte deshalb zuerst, dass sie sich einen Scherz mit ihm machte. Er traute es ihr jedenfalls zu. Als sie dann immer noch lächelnd den Hammer zurückzog, zweifelte er allerdings nicht länger daran, dass sie abdrückte, wenn er jetzt eine falsche Bewegung riskierte.

»Du hättest in dein verdammtes Texas zurückreiten sollen, als noch Zeit dazu war, Gringo.«

Sie rückte ein Stück von ihm ab, ehe sie sich aufrichtete. Unverwandt zeigte die Mündung des Fünfschüssers auf ihn. Buck spürte einen Kloß in der Kehle. Es fiel ihm jetzt verteufelt schwer, das Lächeln zu erwidern. Seine Gedanken jagten sich. Die Rifle lehnte zwar neben ihm, war jedoch nicht geladen. Sie hätte ihm auch kaum was genützt. Er konnte nur versuchen, Zeit zu gewinnen.

»Das ist ein übler Scherz, Muchacha. Wie soll ich je wieder einer hübschen Frau trauen?«

»Rühr dich nicht, Gringo«, fauchte sie. Das Funkeln ihrer Augen gefiel ihm jetzt weit weniger. Laut rief sie: »Otero, ich hab ihn! Beeilt euch!«

Raues Lachen ertönte, Zweige knackten, dann kamen eilige Tritte den Hang herauf.

 

*

 

Otero hatte zwei Männer bei den Pferden im ausgetrockneten Creekbett zurückgelassen. Sie waren nicht mehr allein, als die anderen mit dem Gefangenen kamen.

Buck stockte ebenso wie seine Bewacher, als er den lässig am Feuer kauernden Mann erkannte. Sofort richtete Otero und seine Männer ihre Waffen auf ihn. Der Fremde schaute kurz auf, lächelte und widmete sich dann wieder dem Fleischbrocken, den er mit der Spitze seines Bowiemessers über den niedrig züngelnden Flammen garte.

Er war ein großer, ganz in abgewetztes Wildleder gekleideter Mann. Das rabenschwarze Haar und der scharflinige Schnitt seines dunkelgebräunten Gesichts verrieten die indianische Abstammung. Seine Augen waren grau. Ein rotes Seidentuch umschlang seinen Hals. Er trug mokassinähnliche Weichlederstiefel. Eine zusammengerollte Vaquero-Peitsche hing über seiner linken Schulter. Sein Brauner stand ein wenig abseits von den Pferden der Mexikaner. Bucks Pinto, den die Soldados eingefangen hatten, hatte sich zu ihm gesellt.

Ein Soldat hatte sich mit schussbereitem Gewehr hinter ihm aufgebaut. Der zweite stand mit der Hand an der Pistole ihm gegenüber. Der Ledergekleidete nahm keine Notiz von den auf ihn zielenden Waffen.

»Lasst euch nicht stören, Muchachos«, forderte er Otero und seine Männer auf. »Ich hab seit drei Tagen nichts mehr in den Magen gekriegt. Ein Drink, ein saftiger Bissen, dann seid ihr mich wieder los.«

Otero holte erst einmal tief Luft. Die Narbe, die sich von seiner linken Schläfe zum rechten Wangenknochen zog, war rot angelaufen.

»Wer ist der Hombre?«, fuhr er die beiden Posten an. »Was, zur Hölle, will er hier?«

Tortilla-Buck hätte sich im ersten Moment fast verraten. Zum Glück starrten alle auf den Mann am Feuer, nicht auf ihn. Da saß der Mann, der Mortimer bestimmt einen Batzen mehr wert war als die hundert Dollar, die er angeblich für ihn, Buck, bezahlen wollte. Der Vormann hatte nicht mehr damit gerechnet, ihn je wiederzusehen. Otero und seine Soldados waren zwar voller Misstrauen, aber sie kannten Saltillo nicht. Sie waren nicht dabei gewesen, als Mortimer und Carreras nach Kriegsausbruch die Hazienda überfallen hatten. Zudem verließen sie sich darauf, dass ihre Kameraden den Ankömmling entwaffnet hatten.

Die Peitsche und das Bowieknife zählten nicht gegen Baker-Gewehre und Pistolen - dachten sie.

Der Mexikaner hinter Saltillo berichtete achselzuckend:

»Er ist plötzlich da vorn an der Biegung aufgetaucht. Er kam wie auf einem Spazierritt daher und hat nur gegrinst, als wir drohten, ihn zu erschießen, wenn er nicht sagt, wer er ist, woher er kommt und wohin er will. Doch er hat sich ruhig das Schießeisen abnehmen lassen. Dann hat er sich hingehockt, ein Stück Fleisch abgesäbelt und auch noch mit ’nem Peso dafür bezahlt. Der Teufel mag schlau aus ihm werden, Jefe.«

Der Mann am Feuer schob das Fleisch in den Mund und kaute genussvoll.

»Ein Verrückter«, murmelte einer der Mexikaner bei Otero. Der Narbige trat mit erhobener Pistole ans Feuer. Ein Flackern erschien in seinen Augen.

»Nein, Amigos, das ist er nicht. Und er wird sehr schnell ein toter Mann sein, wenn ich rausfinde, dass er irgendwas im Schilde führt. Vincento, Carlos, Ricardo, nehmt eure Gäule und verfolgt seine Spur. Ich muss wissen, ob er allein ist. Adelante! Worauf wartet ihr?«

Die Kerle waren schon auf dem Weg zu ihren Pferden. Buck probierte verstohlen, ob sich die Riemen an seinen Handgelenken lockern ließen. Aber da war nichts zu machen. Otero persönlich hatte ihm die Fesseln verpasst. Außerdem hatte ihm der Mexikaner die Hände auf dem Rücken zusammengeschnürt.

Saltillo tat so, als wäre Buck gar nicht vorhanden.

Gerade das machte Otero natürlich stutzig. Das Ergebnis aber war, dass der Pistolero jetzt nur noch drei Soldaten und das Mädchen zur Verfügung hatte. Buck blickte den Reitern nach, die in einer Staubwolke im Arroyo davonpreschten. Einer von ihnen hatte vorhin den Schulterstreifschuss erlitten. Davon war ihm jedoch nichts mehr anzumerken, was bewies, wie zäh und hartgesotten diese Burschen waren.

»Bisschen viel Mühe, die du dir da machst, Amigo«, grinste Saltillo kauend.

Der Narbige spuckte ins Feuer. Es zischte.

»Ich werde mir noch viel mehr Mühe geben, bis ich genau über dich Bescheid weiß, Hombre. Sicherlich gibt’s merkwürdige Zufälle. Doch ich will von jetzt an die Pistole nur noch als Zahnstocher benutzen, wenn dein Auftauchen auch nur ein solcher Zufall ist.«

»Bueno, ich werde Mortimer berichten, dass du dein Geld wert bist, Compadre.«

Otero zuckte zusammen.

»Es stimmt schon, Compadre, ich bin wirklich nicht zufällig hier.«

»Sondern?« Der Narbige hatte sich rasch von der Verblüffung erholt.

Saltillo erhob sich. Sofort packte Otero seine Pistole fester. Es war ein langläufiges Monstrum, mit dem er dem Gegner den Kopf wegblasen konnte. Saltillo deutete mit dem Messer auf Tortilla-Buck.

»Seinetwegen.« Er lachte kehlig, schob das Messer in die Scheide und tat so, als merkte er nicht, wie Otero sich unwillkürlich ein wenig entspannte. »Und weil ich zu eurem Boss unterwegs bin, Amigos. Hat Mortimer euch denn nichts davon gesagt, dass er mich erwartet?«

Tortilla-Buck schwitzte. Er selbst war ein gewiefter Pokerspieler, aber ihm wurde angst und bange, als nun Saltillo sein Blatt ausreizte. Buck befand sich zwischen einem Uniformierten und dem Mädchen aus San Felipe. Ein Soldat stand hinter ihm, einer bei Saltillo.

Otero ließ den großen, ledergekleideten Fremden nicht aus den Augen.

»Zum letzten Mal, Hombre: Wer bist du?«

Saltillo blickte wieder zu Buck.

»Frag ihn«, lächelte er.

Otero reagierte wie erwartet, und auch die Gesichter der Soldados wandten sich mechanisch dem Gefesselten zu.

Da fiel Oteros Blick auf das Amulett, das unter Saltillos Halstuch hervorlugte. Es waren mehrere in Silber gefasste Türkise, die einen größeren Stein umschlossen, Miniatur-Sonne ähnlich und eine typische Pueblo-Arbeit.

Otero kannte dieses Schmuckstück, obwohl er es selber nie zuvor gesehen hatte. Mortimer hatte es ihm als Kennzeichen jenes verhassten Texaners beschrieben, dem er den Tod geschworen hatte.

»Saltillo!« Es kam als Krächzen über Oteros Lippen.

Der stämmige Mexikaner brachte noch die Pistole hoch, doch mit einem mächtigen Satz überwand Saltillo das Feuer, schlug die Waffe zur Seite und schmetterte dem Gegner die geballte Rechte ans Kinn. Der Schlag wirkte wie ein Huftritt und schleuderte Otero in den Sand. Die Pistole wirbelte ins Gestrüpp.

Geduckt schnellte Saltillo herum. Der Soldat mit dem Gewehr zielte auf ihn.

»Leg ihn um, Pablo!«, heulte Otero, der sich am Boden herumwälzte und eine zweite kleinere Pistole aus dem Stiefelschaft zerrte. Sie steckte dort in einem eingenähten Futteral.

Da lag schon der lederumwickelte Peitschenstiel in der Faust des indianerhaften Hazienderos. Die Lederschnur schnellte vor und entriss dem Dragoner das Gewehr. Als er sich nun auf Saltillo stürzen wollte, umschlang sie blitzschnell seine Knöchel und warf ihn neben die Glut.

Nun stieß Otero am Boden seine zweite Waffe ins Ziel. Der Schuss dröhnte.

Doch Saltillo bewegte sich wie ein Schatten, dem keine Kugel etwas anhaben konnte.

Er flog auf den Mexikaner zu, der gerade seinen Gewehrkolben über Bucks blonder Zottelmähne schwang.

Buck hatte sich längst wie ein Rammklotz gegen den neben ihm stehenden Mann geworfen. Der Soldat strampelte wild unter der Last.

Saltillos Peitschenhieb bremste indessen allen Eifer des vierten Mexikaners. Der Mann brüllte auf, als die Lederschnur ihn packte.

Saltillo fing das Gewehr auf, schlug zu, drehte sich und erwischte auch noch Otero, der bis auf zwei Schritte herangekommen war.

Buck und der »Strampler« kamen gleichzeitig auf die Beine. Die auf den Rücken gefesselten Hände hinderten den bulligen Kentuckier nicht, den Gegner erneut anzugreifen und ihm den Eisenschädel unter das Kinn zu rammen. Damit war auch dieser Bursche vorerst ausgeschaltet. Keuchend und mit blitzenden Augen fuhr Buck herum.

»Pass auf das Girl auf, Amigo!«

Sarita Vasquez stand neben dem Feuer. Bucks langläufiger Paterson Colt lag in ihrer Hand.

Zu ihren Füßen lag der Soldat, der zuvor »nur« mit Saltillos Peitsche in Berührung gekommen war. Sie hatte ihn mit dem Fünfschüsser niedergeschlagen.

Jetzt blies sie eine schwarze Haarsträhne aus dem Gesicht und ließ mit funkelnden Augen die Waffe sinken.

Buck blinzelte verwirrt. Das Camp sah aus, als wäre ein Wirbelsturm darüber hinweggetobt. Das Mädchen setzte sich erschöpft und kümmerte sich nicht mehr um Buck und Saltillo.

Die beiden Partner sahen sich an. Es war lange her, dass sie zum letzten Mal Seite an Seite ritten.

Saltillo warf das Gewehr des Mexikaners in den Busch.

»Du bist ja noch in einem Stück, Amigo. Nur gut, dass deine Betsy eine Stimme hat, die einer bis nach Texas hört.«

Buck grinste, als Saltillo seine Fesseln zerschnitt.

»Mann, ich dachte, mich tritt ein Pferd, als ich dich seelenruhig am Feuer hocken sah. So was Närrisches kann auch nur dir einfallen, Amigo. Was macht Layla?«

»Wir waren lange unterwegs.« Die Erinnerung an die zurückliegenden Kämpfe verdüsterte sekundenlang Saltillos Miene. »Ich hab sie zur Hazienda zurückgebracht. Sie war ziemlich erschöpft. Ich hoffe, sie ist dort vor Scrantons Kopfgeldjägern sicher, bis wir beide den wahren Mörder von Steve Scranton kassiert haben.«

Bucks Augen wurden rund.

»He! Du redest doch nicht etwa ...«

»... von unserem alten Freund Mortimer«, bestätigte der Texaner grimmig. »Scrantons falscher Zeuge ist mit der Wahrheit rausgerückt, bevor er starb: Es war Mortimer, der Scrantons Sohn in New Orleans ermordete. Er brauchte sein Geld, um die Burschen anzuheuern, mit denen er später die Hazienda übernehmen wollte.«

»Verdammt, und wir hatten diesen Höllenhund schon sicher.«

»Wir werden ihn noch einmal erwischen, Amigo. Dann werden wir Scranton beweisen können, dass er seine Menschenjäger die ganze Zeit auf die falsche Spur gehetzt hat.«

Sie hatten sich in Englisch unterhalten. Jetzt legte Saltillo dem Partner die Hand auf die Schulter und meinte mit einem Blick auf die reglose Mexikanerin in der Landessprache: »Willst du mir nicht die Senorita vorstellen, Buck?«

Das Mädchen hob müde den Kopf.

»Ich bin Sarita Vasquez. Mortimers Soldados haben mich zu der List vorhin gezwungen.«

»Das musst du schon ein bisschen genauer erklären, Muchacha«, brummte Tortilla-Buck skeptisch.

Das hübsche Gesicht der Mexikanerin blieb ausdruckslos.

»Sie beherrschen das Dorf. Angeblich wollen sie San Felipe gegen die vorrückenden amerikanischen Truppen verteidigen. In Wahrheit drücken sie sich vor dem Kampf und terrorisieren lieber die eigenen Landsleute. Es sind Bandidos und sie haben Tomaso, meinen Bruder, in ihrer Gewalt. Sie haben gedroht, ihn zu töten, wenn ich nicht gehorche.«

 

*

 

Um Mitternacht zügelten sie die Pferde auf einem felsigen Kamm über Mortimers Schlupfwinkel. Eine Wolke verhüllte den Mond. Die Hütten des Mexikanerdorfs lagen wie schwarze Kästen in einer von Felsen und Kandelaberkakteen umschlossenen Senke. Nur aus einem einzigen Gebäude am Rand der Plaza fiel Licht.

»Die Cantina«, erklärte das Mädchen mit gepresster Stimme. »Dort feiern sie jede Nacht. Dort halten sie auch Tomaso fest.«

Kein Laut drang herauf.

Saltillo beugte sich im Sattel vor. Die zermürbenden Tage und Meilen, die hinter ihm lagen, waren ausgelöscht. »Wieviel Männer hat Mortimer zur Verfügung?«

Saritas Augen schimmerten in der fahlen Dunkelheit.

»Noch sechs. Die anderen sind mit Otero geritten.«

Tortilla-Bucks Hand fuhr über den mit Messingplättchen verzierten Kolben seiner Harpers Ferry Rifle.

»Endlich wieder mal einen guten Schluck«, seufzte er. »Ich weiß schon gar nicht mehr wie Tequila schmeckt. Ich hab so verdammt lange Wasser geschluckt, dass ich zuletzt vorm Einschlafen fürchtete, am nächsten Morgen mit ’nem Quaken aufzuwachen.«

»Sind Wachen aufgestellt?«, wollte Saltillo wissen.

Sarita zögerte.

»Sie fühlen sich eigentlich sicher. Doch Mortimer ist ein vorsichtiger Mann. Am besten sehe ich mal nach. Ich kenn hier jeden Winkel und gebe euch ein Zeichen, wenn alles in Ordnung ist.«

Geschmeidig glitt sie vom Pferd. Bevor Saltillo oder Buck sie hindern konnten, war sie in der Dunkelheit verschwunden. Ein paar Steine kollerten weiter unten am Hang, dann herrschte wieder abgrundtiefe Stille.

Saltillos Hand umspannte den Walnussholzknauf seines Paterson. Er ließ die Cantina nicht aus den Augen. Gelbe Lichtbahnen stachen aus den Fensterluken. Nach einiger Zeit bewegte sich dort ein Schatten. Gleich hatte die Nacht ihn wieder verschluckt.

Die Partner saßen ab, banden die Pferde an und warteten. Zehn Minuten verstrichen, eine Viertelstunde. Dann flackerte am Fuß des felsigen Hangs plötzlich ein Streichholz auf. Der Lichtpunkt bewegte sich dreimal im Kreis, dann erlosch er. Buck grinste erleichtert.

»Na denn, lassen wir Freund Mortimer nicht länger warten.«

Sie huschten den Hang hinab, geduckt, die Waffen schussbereit, jeden Augenblick bereit, sie auch zu benutzen.

Doch nichts geschah. Die Hütten ragten vor ihnen auf; niedrige, armselige Gebilde. Am gegenüberliegenden Hang der Senke begannen die kargen Felder. Mais, Bohnen, Tomaten und Zwiebeln wurden angebaut. Einmal im Monat brachten die Bewohner von San Felipe die Erträge auf die Märkte nach Saltillo und Monterrey. Davon lebten sie.

Weshalb hatte Mortimer sich dieses abgelegene Nest als Bleibe auserkoren? Vielleicht fühlte er sich hier besonders sicher, seit General Taylors Truppen am 19. August dieses Jahres 1846 den Rio Bravo überschritten und mit der Eroberung Mexikos begonnen hatten. Mortimers Rechnung, mit Hilfe der Mexikaner Saltillos Land doch noch zu übernehmen, war nicht aufgegangen. Nun musste er fürchten, dass Taylors Soldaten ihn als Verräter an die Wand stellten, wenn sie ihn bei den mexikanischen Dragonern erwischten.

Suchend schauten Saltillo und Buck sich um.

»He, Muchacha, wo steckst du?«, raunte Buck.

Keine Antwort.

Die Schwärze zwischen den Hütten schien plötzlich von einem kalten Hauch durchdrungen. Mondlicht überflutete nun die Dächer. Die Partner warteten, bis die Silbersichel wieder hinter den lautlos ziehenden Wolken verschwand, dann schlichen sie weiter. Die Häuser waren wie tot. In den angebauten Ställen rührte sich nichts.

Saltillo, der Mann der Wildnis, der lange Jahre unter den Penateka-Comanchen gelebt hatte, witterte Gefahr. Das Dorf schien nicht nur verlassen, es war tatsächlich leer - bis auf die Cantina.

Sie erreichten den Rand der Plaza. Der Lichtstreifen aus dem nächsten Fenster war nur mehr wenige Yards entfernt.

»Kein Tequila«, murrte Buck. »Hier riecht’s eher nach heißem Blei, wenn du mich fragst. Wo bloß die Muchacha ...«

Ein metallisches Klirren kam von dort, wo sie die Pferde zurückgelassen hatten. Sofort kauerten sie nieder. Ein Kojote heulte irgendwo weit draußen. Und noch immer hatten sie kein Lebenszeichen von Sarita Vasquez.

»Verdammt, wir hätten nicht so zimperlich sein und Otero und seinen Jungs die Gäule abnehmen sollen«, schimpfte Buck leise. »Ich möchte diese Burschen nicht gern bei unserer kleinen Wiedersehensfeier mit Mortimer im Rücken haben.«

Saltillo zögerte. Zwanzig Schritte waren es noch zum Eingang der Cantina. Doch sie entschieden über Leben oder Tod, wenn Otero tatsächlich die Gäule entdeckt hatte.

Saltillo kämpfte mit sich. Es ging nicht nur darum, einen Banditen zur Strecke zu bringen. Laylas Zukunft stand auf dem Spiel.

Raues Lachen schallte aus der Cantina. Eine ungeduldige Stimme schrie: »Schlaf nicht ein, Gonzales, die Krüge sind leer. Gieß nach, Mann! Sei froh, dass endlich jemand deinen lausigen Fusel säuft.«

Bucks Atem stockte. Ein Funkeln erschien in Saltillos Augen. Beide hätten diese Stimme überall sofort wiedererkannt.

Mortimer...

Lautlos richteten sich die Partner auf. »Sieh nach, wo das Girl steckt, Amigo, und halt mir den Rücken frei«, raunte der Haziendero. »Wenn wir Mortimer haben, gibt Otero auf.«

Ohne Bucks Erwiderung abzuwarten, glitt er hinter der Ecke hervor ein Comanche auf dem Kriegspfad, schoss es dem Kentuckier durch den Kopf. Nie war ihm Saltillos indianische Abstammung so bewusst geworden wie in diesem Augenblick, da er den Partner mit schussbereiten Colt zur Cantina huschen sah.

Der »Tiger vom Rio Bravo« war auf der Jagd.

 

*

 

Sie saßen um den grobgezimmerten Tisch, würfelten und tranken aus bauchigen Tonkrügen. Das Licht einer halb verrußten Petroleumfunzel fiel auf die Gesichter.

Sie waren zu fünft; Mortimer und vier Mexikaner in abgerissenen Uniformen.

Mortimer trug einen dunklen, knielangen Prince Albert-Rock, ein weißes Hemd mit Kragenschleife, dunkle Hosen und hochschäftige Stiefel. Er hatte sich einen Schnurrbart wachsen lassen, der den verkniffenen Zug um seinen Mund jedoch nicht völlig verdeckte. Die Linien in seinem eigentlich gut geschnittenen Gesicht waren seit dem letzten Zusammenstoß mit Saltillo eher noch ausgeprägter.

Die Augen seiner Mitspieler folgten gespannt den klappernden Würfeln. Gewehre lehnten neben ihnen. Gurte mit Pistolenhalftern hingen über den Stühlen. Der dicke, hemdsärmelige Cantinero war am Tisch stehengeblieben und schaute ebenfalls zu.

Keiner kümmerte sich um den Gefangenen. Er war an den Rundpfosten in der Mitte des Raums gefesselt, ein schlanker, knapp zwanzigjähriger Mexikaner. Schwarze Haare ringelten sich in seine Stirn. Das Kinn ruhte auf der Brust. Nur die Stricke schienen ihn aufrecht zu halten. Er trug die einfache Leinenkleidung des Campesinos. Die nackten Füße steckten in Bastsandalen.

Eben raffte der Gewinner der Runde die Einsätze zusammen.

Da flog die Tür auf. Saltillo trat mit erhobenem Colt über die Schwelle.

»Buenos Noches, Senores.«

Ein hartes Lächeln umspielte seine Lippen. Er schob mit dem Absatz die klobige Bohlentür zu. Sarita hatte von sechs Soldaten gesprochen. Demnach fehlten zwei. Buck würde sich um sie kümmern, hoffte Saltillo.

Nur Mortimer zählte jetzt für ihn, jener Mann, der den Mord begangen hatte, für den Layla Sheen büßen sollte.

Mortimers nervige Rechte war sofort vom Tisch geglitten. Jetzt blieb er als einziger wie versteinert sitzen. Sein schnurrbärtiges Gesicht hatte sich verfärbt.

Die Soldados waren hochgezuckt. Sie hatten die Hände nach ihren Rifles und Pistolen ausgestreckt.

Fünf gegen einen - doch keiner wollte der erste sein, den es traf. Die Kälte in den Augen des großen Fremden warnte sie.

Der dicke Wirt bekreuzigte sich. Der Gefesselte hob den Kopf. Seine Lippen bewegten sich, aber nur ein Ächzen kam über sie. Ein Becher schepperte über den Boden, dann gab es nur mehr das gepresste Atmen der Überrumpelten.

»Ich hoffe, ich störe nicht allzusehr, Muchachos. Stellt euch da drüben an die Wand. Gleich könnt ihr weiterwürfeln. Auf Mortimer werdet ihr dann allerdings verzichten müssen.«

Es war bezeichnend, wie schnell Ben Mortimer den Schock überwand. Er lehnte sich zurück, die Rechte lag auf dem Oberschenkel. Saltillo hatte nicht vergessen, wie unheimlich schnell dieser Mann mit dem Revolver war. Aber Mortimer war kein Dummkopf, der sein Leben wegwarf wie ein schmutziges Hemd.

»Übernimmst du dich nicht, Halbblut?«, fragte er kalt.

»Wie kommst du auf die Idee?« Saltillo ließ ihn in die Mündung seines Fünfschüssers blicken.

Mortimer hob die Schultern.

»Wir sind mitten in Mexiko. Das Leben eines Tejano ist hier keinen rostigen Hufnagel wert, seit General Taylors Truppen gegen Monterrey marschieren.«

»Die Mexikaner werden schnell begreifen, dass ich nur dich will, Mortimer. Sie werden froh sein, wenn sie dich los sind. Du hast sicher nicht nur Freunde hier.« Er nickte dem jungen Gefangenen zu, ohne Mortimer aus den Augen zu lassen. »Deine Schwester hat mir den Tip gegeben, Amigo. Sei unbesorgt. Sie wartet auf dich.«

»Helfen Sie mir, Sehor, binden Sie mich los«, keuchte Tomaso.

»Nur ruhig. Mister Mortimer wird das übernehmen, nicht wahr? Leg jetzt vorsichtig das Eisen auf den Tisch. Dann steh auf und geh zu ihm. Und wenn einer von diesen zähnefletschenden Burschen dort eine Dummheit versucht, hast du sie auszubaden.«

Mortimer kniff die Augen zusammen. Ein wildes Feuer loderte darin.

»Du kannst nicht Tag und Nacht mit der Kanone auf mich aufpassen. Du kennst mich und solltest wissen ...«

»Du willst bloß Zeit gewinnen. Nur- Otero wird dich nicht raushauen. Tu’ also endlich, was ich dir sage! Vorwärts, wir haben einen langen Ritt vor uns.«

Entschlossen trat Saltillo an den Tisch. Draußen blieb immer noch alles still. Weder Buck noch Sarita meldeten sich.

Saltillo konzentrierte sich auf Mortimer, der nun vorsichtig den Colt auf den Tisch legte und sich dann ebenso behutsam erhob. Trotzdem spürte Saltillo wieder die Gefahr, die sich draußen in der Dunkelheit wie ein unsichtbares Netz um die Cantina zusammenzog.

»Der Ritt wird kürzer als du glaubst, Halbblut«, lächelte Mortimer hasserfüllt. »Und du wirst in der Hölle landen, bevor wir auf deiner Hazienda sind.«

»Ich bring dich nach Santa Fé. Scranton wartet dort auf dich.«

Es war ein Schuss ins Schwarze. Mortimer zuckte zusammen. Einen Moment zeigte sich Panik in seinen hellen Augen.

»Scranton?« Er lachte zerrissen. »Kenne ich nicht.«

»Er ist der reichste und mächtigste Händler in Santa Fé. Er hat keine Kosten und Mühen gescheut, Layla von Pistoleros zur Strecke bringen zu lassen. Er hält sie für die Mörderin seines Sohnes.«

»Was hab ich damit zu tun?«

»Ich weiß inzwischen, dass es deine Kugel war, die Steve Scranton tötete.«

Saltillos Stimme klirrte. Er hatte Mühe, den plötzlich aufflammenden Zorn zu bändigen. Er dachte an die Gefahren und Entbehrungen, die hinter ihm und Layla lagen. Scrantons Schießer hatten sie erbarmungslos über den Santa Fé Trail gehetzt. Inmitten eines blutigen Indianerkampfes hatten sie endlich den Zeugen jenes Mordes gestellt. Seitdem kannte Saltillo nur ein Ziel: Er musste Mortimer zur Strecke bringen.

Mortimer wich vor dem wilden Funkeln in Saltillos Augen zurück. Die Soldados wagten keine Bewegung. Schweißtropfen glänzten auf der Stirn des dicken Wirts. Saltillo ging um den Tisch herum. Der Pfosten, an den der junge Dörfler gefesselt war, befand sich nun schräg hinter ihm.

»Binde den Jungen los«, befahl Saltillo.

»Nicht nötig.« Die Stimme von Saritas Bruder klang jetzt nicht mehr verzweifelt und erschöpft. Die wilde Entschlossenheit war so deutlich wie das gleichzeitige Schnappen eines Revolverhammers.

»Lass das Eisen fallen, Tejano!«

Saltillo stand nicht zum ersten Mal mit einem Fuß im Grab. Aber jetzt, Auge in Auge mit seinem gefährlichsten Feind, lief es ihm kalt über den Rücken. Sein Magen verkrampfte sich.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738913132
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (September)
Schlagworte
saltillo verrat monterrey

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Titel: Saltillo #7: Verrat in Monterrey