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Jim Shannon #7: Shannon und die Todesengel

©2017 120 Seiten

Zusammenfassung

Jim Shannon hat einen Siedlertreck ins Green River Tal nach Utah gebracht. Aber die dort lebenden Mormonen sind alles andere als begeistert, dass die in ihren Augen „ungläubigen“ Siedler ihre neuen Nachbarn sind. Ein Trupp von maskierten Mördern fällt über die Siedler her und tötet viele von ihnen. Sie nennen sich „Todesengel“ und kennen keine Gnade. Niemand weiß, wer der Anführer der Banditen ist.
Als Shannon versucht, mehr über diese Bande herauszufinden, gerät er selbst ins Kreuzfeuer der Halunken. Der Boss der Todesengel will Shannon beseitigen lassen. Er ahnt jedoch noch nicht, dass ein Mann wie Jim Shannon so schnell nicht aufgibt. Und wenn es so richtig brenzlig wird, dann kämpft er wie ein Tiger ...

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Shannon und die Todesengel

Klappentext:

Roman:

Jim Shannon

 

Band 7

 

Shannon und die Todesengel

 

Ein Western von John F. Beck

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Edward Martin/ Schottland, 2017

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappentext:

Jim Shannon hat einen Siedlertreck ins Green River Tal nach Utah gebracht. Aber die dort lebenden Mormonen sind alles andere als begeistert, dass die in ihren Augen „ungläubigen“ Siedler ihre neuen Nachbarn sind. Ein Trupp von maskierten Mördern fällt über die Siedler her und tötet viele von ihnen. Sie nennen sich „Todesengel“ und kennen keine Gnade. Niemand weiß, wer der Anführer der Banditen ist.

Als Shannon versucht, mehr über diese Bande herauszufinden, gerät er selbst ins Kreuzfeuer der Halunken. Der Boss der Todesengel will Shannon beseitigen lassen. Er ahnt jedoch noch nicht, dass ein Mann wie Jim Shannon so schnell nicht aufgibt. Und wenn es so richtig brenzlig wird, dann kämpft er wie ein Tiger ...

 

 

 

 

 

Roman:

Glutheiße Stille lastete über der einsamen Farm. Mit zitternden Händen reichte die junge Siedlerfrau dem staubbedeckten Reiter den vollen Wasserkrug. Furcht flackerte in ihren Augen.

„Schnell, um Himmels willen, fliehen Sie!", flüsterte sie hastig. „Man will Sie töten!"

Shannons schmales, sonnengebräuntes Gesicht zeigte keine Regung. Gelassen nahm er den Krug, spähte dabei aber wachsam unter der Stetsonkrempe hervor über den Farmhof. Auf den ersten Blick boten die rohgezimmerten Brettergebäude unter den mächtigen alten Cottonwoodbäumen ein Bild des Friedens. Eine dünne Rauchspirale stieg aus dem steingemauerten Kamin der Wohnhütte.

In der offenen Tür stand der grauhaarige, untersetzte Farmer. Reglos blickte er zu Shannon und der jungen Frau herüber. Hinter ihm, in der Dämmerung der Hütte, blinkte Metall - nur den Bruchteii einer Sekunde lang. Aber Shannon hatte Augen wie ein Luchs: Es war der Lauf einer Waffe. Gleichzeitig hörte er ein leises Schaben an der Schuppenecke, und aus der Wildrosenhecke am Rand des nahen Maisfeldes flatterte plötzlich ein aufgeregter Vogelschwarm.

Unmerklich spannten sich Shannons Muskeln. Die lässige Haltung war jetzt nur noch Tünche. Einen Moment dachte er daran, seinen Braunen herumzureißen und in wildem Galopp davonzupreschen. Aber was auch geschehen würde, er durfte die blonde Farmerstochter nicht den Kugeln aus dem Hinterhalt aussetzen.

Shannon trank ruhig und gab der jungen Frau lächelnd den Krug zurück.

„Vielen Dank, Ma’am!“, sagte er laut und tippte lässig an die Hutkrempe. Leise fügte er hinzu: „Gehen Sie ins Haus zurück. Werfen Sie sich zu Boden, wenn es vorher losgeht.“

Ihre großen blauen Augen blieben starr auf ihn gerichtet. Zögernd trat sie zurück. Sie war hübsch. Schlank und anmutig wie ein Reh - eine bezaubernde Erscheinung, auch in dem einfachen Kattunkleid. Ihr klar geschnittenes, mädchenhaftes Gesicht mit der kleinen Nase und den weichen Lippen war noch nicht von Entbehrung und harter Arbeit gezeichnet wie die Gesichter vieler anderer Siedlerfrauen, die Shannon auf seinem rastlosen Trail kreuz und quer durch den Westen gesehen hatte.

Langsam, um keinen vorzeitigen Schuss seiner unbekannten Gegner herauszufordern, wendete er sein Pferd. Ein matt funkelnder Revolverlauf starrte ihm entgegen. Der Mann war lautlos bis auf fünfzehn Schritte hinter ihm herangekommen, eine breitschultrige Gestalt in derber Viehzüchterkleidung. Eine schwarze Tuchmaske verdeckte das Gesicht bis auf die kalt und mitleidlos glitzernden Augen. Die Revolvermündung zielte genau auf Shannons Brust. Der geschmeidige, dunkelhaarige Mann mit der Schussnarbe an der rechten Schläfe erstarrte im Sattel.

Dann huschte ein spöttisches Lächeln über seine Lippen. „Viel Aufwand für wenig Geld, Mister. Sehe ich denn wirklich wie ein reicher Mann aus? Ich fürchte, ihr habt den Falschen erwischt.“

Die raue Stimme klang gedämpft hinter der schwarzen Maske hervor. „Zur Hölle mit deinem Geld! Wir sind keine Räuber und Wegelagerer. Wir sind die Todesengel von Utah, die dich zum Tod verurteilt haben!“

Seit Shannon als Spieler, Scout und Revolvermann immer wieder sein Leben mit der Waffe in der Faust verteidigen musste, hatte er schon eine Menge verrückter Dinge erlebt. So leicht konnte ihn nichts mehr erschüttern. Jetzt war er sogar für einen Augenblick sprachlos. Er fühlte sich wie in einem Albtraum. Ringsum waren Geräusche. Männer mit schussbereiten Revolvern und schwarzen Masken traten aus dem Schatten der Farmgebäude. Ihr Schweigen, ihre knappen, ruckartigen Bewegungen, ihre starr auf Shannon gerichteten Waffen - dies alles verriet eine unbeugsame, tödliche Entschlossenheit.

Die aufgeregte Stimme des grauhaarigen Farmers durchbrach die beklemmende Stille. „Ihr seid ja verrückt! Ihr könnt ihn doch nicht einfach aus dem Sattel schießen! Was hat er euch denn getan?“

„Du hältst dich da raus, Kelly!“, drohte der Breitschultrige. „Dieser verdammte Kerl mit dem tiefgeschnallten Colt bat eine Gruppe von nichtgläubigen Neusiedlern in unser Land geführt und dafür hundertfach den Tod verdient. Erinnerst du dich an das alte Gesetz der Daniten, der Racheengel der Mormonen? Wir werden ihm wieder zur Geltung verhelfen. Wir vollstrecken nur däs Urteil. Wenn du dem Fremden zu helfen versuchst, Kelly, wirst auch du sterben.“

Die Maskierten setzten sich gleichzeitig in Bewegung. Von allen Seiten kamen sie auf Shannon zu, acht unheimliche Gestalten. Shannons Gedanken wirbelten. Alte Erinnerungen wurden in ihm wach. Es war lange her, dass er von den Daniten gehört hatte, zehn, zwölf Jahre etwa. Damals, Jahre bevor der verheerende Bürgerkrieg über den halben Kontinent gebraust war, hatte sich dieser gefürchtete Geheimbund der Mormonen erbittert gegen das Einsickern von Nichtmormonen nach Utah zur Wehr gesetzt. Damals waren die Zeitungen voll gewesen von den Berichten über das furchtbare Massaker auf den Mountain Meadows, bei dem am 7. September 1857 ein ganzer Wagenzug mit Männern, Frauen und Kindern von den Daniiten und ihren indianischen Verbündeten vernichtet worden war. Schließlich war die Armee aufmarschiert. Erst nach Jahren der Spannung hatten Mormonen und Nichtmormonen zu einem friedlichen Nebeneinander gefunden, und der Gedanke, dass sich ein ähnlicher grausamer Vorfall wiederholen könnte, war geradezu unvorstellbar geblieben.

Bis heute! Denn hier schienen die Schatten der Vergangenheit wieder Wirklichkeit zu werden nur mit dem Unterschied, dass sich diese vermummten Kerle „Todesengel von Utah“ nannten. Die Szene glich tatsächlich einer Hinrichtung, einem Strafgericht. Wie die Sache stand, würde Shannon nicht mal mehr die Hand an den Kolben seines 44er Colts bringen. Er konnte nur eins versuchen: Zeit gewinnen.

„Ich verstehe nicht“, brummte er kopfschüttelnd. „Seit wann ist es ein Verbrechen, als Scout für einen Siedler treck zu reiten? Ich habe lediglich die Siedler von der neuen Bahnlinie im Norden hierher ins Green River Valley geführt, auf ein Land, wo sich jeder niederlassen kann, der ...“

„Kein Wort mehr!“ Der Anführer der Maskierten blieb stehen und stampfte wütend mit dem Fuß auf. „Das Tal des Green River gehört von der Wyoming-Grenze bis hinab zum Colorado River den Mormonen. Unsere Nachkommen werden hier einmal leben. Wir lassen uns dieses Stück Paradies nicht von andersgläubigen Eindringlingen entreißen. Wir waren die ersten weißen Siedler hier in Utah. Wir haben dieses Land erschlossen und der Wildnis abgetrotzt. Und wir werden mit allen Mitteln dafür kämpfen, dass ganz Utah endlich wieder den Mormonen allein gehört. Hier im Green River Valley machen wir den Anfang.“

„Narren seid ihr, Verblendete, Mörder!“, schrie die junge Frau verzweifelt. „Mein Vater und ich sind auch Mormonen, aber von solchen Irrsinnsplänen wollen wir nichts wissen. Mein Gott, es ist doch genug Platz für alle da, um in Frieden das Land zu bebauen. Ihr habt kein Recht...“

„Sei still, Miriam!“, keuchte der grauhaarige Kelly. Schweiß glänzte auf seinem verwitterten Gesicht. „Du kennst sie! Sie schrecken vor nichts zurück!“

„Ich werde nicht untätig einem Mord zusehen, Vater! Du weißt, warum sie diesen feigen Hinterhalt ausgerechnet auf unserer Farm geplant haben. Sie wollen, dass du mitschuldig wirst, dass du endlich einwilligst, mit ihnen zu reiten ...“

Shannon hörte ihre raschen energischen Schritte und das Rascheln ihres knöchellangen Kleides. Für einen Moment begegnete sein Blick wieder ihren großen blauen Augen. Sie waren noch immer schreckverdunkelt, aber gleichzeitig war auch ein Schimmer verzweifelter Entschlossenheit in ihnen. Es waren Augen, die der große, sehnige Reiter von dieser Stunde an nicht mehr vergessen würde. Miriam ging an ihm vorbei, geradewegs auf den Anführer der „Todesengel“ zu. Ihre geflüsterten Worte erreichten Shannon wie ein Hauch.

„Fliehen Sie durch die Scheune ...“ Dann war sie schon zwischen ihm und dem Maskierten.

Der breitschultrige Mann wich unwillkürlich einen Schritt zurück. „Schafft sie weg!“, schrie er zornig.

Zwei von den „Todesengeln“ stürzten auf die Tochter des Farmers zu. Kelly schrie etwas, aber seine Worte gingen bereits im Loshämmern der Hufe von Shannons Pferd unter. Blitzschnell warf Shannon seinen Braunen auf der Hinterhand herum und zog gleichzeitig den Army Colt. Der Augenblick, in dem seine Gegner von Miriam abgelenkt wurden, war seine Chance. Shannon nutzte sie mit jener katzenhaften Geschmeidigkeit, die ihm schon oft das Leben gerettet hatte.

Als die Waffen der Maskierten ohrenbetäubend krachten, schoss Shannons Brauner schon mit gestrecktem Körper aus dem Umzingelungsring heraus. Er jagte schnurgerade auf die Bretterfront der klobigen Scheune zu. Sein Sattel war leer. Für eine Sekunde glaubten die „Todesengel“, dass die erste mörderische Salve Shannon herabgefegt habe. Dann entdeckten sie die schlanke, dunkle Gestalt, die wie verwachsen an der linken Flanke des Staub aufwirbelnden Pferdes hing. Abermals flogen die Revolver hoch.

Da war Shannon bereits bei der Scheune. Es sah aus, als würden Mann und Pferd im nächsten Moment an der Bretterwand zerschmettern. Die Maskierten zögerten. Doch Shannon konnte reiten und kämpfen wie ein Indianer. Im letzten Augenblick riss er den schrill aufwiehernden Gaul vorn hoch, schwang sich auf seinen Rücken und stieß vom Sattel aus das Scheunentor auf.

Die Kugeln der „Todesengel“ fauchten in eine undurchsichtige brodelnde Staubwolke hinein. Aus diesem Staub heraus glühte Shannons Mündungsfeuer. Einer von den Kerlen, die schießend über den heißen Farmhof stürmten, warf die Arme hoch, drehte sich halb und schlug zu Boden. Erschrocken sprangen die anderen nach links und rechts auseinander, warfen sich in den Sand und schossen, dass die ganze Farm im Dröhnen der Waffen erzitterte.

Als der Staub vor der Scheune zerflatterte, stand das Brettertor sperrangelweit offen. Eine goldene Lichtflut füllte die breite Durchfahrt zwischen den Heu- und Strohschobern. An der Rückfront gab es ebenfalls ein Tor, ein großes, helles Viereck, in dem sich der flüchtende Reiter nur noch als schattenhafte Silhouette abhob.

Shannon warf einen letzten Blick zurück. Die Szene auf dem Hof von Kellys Farm würde er nie vergessen: die wütend aufspringenden, von Pulverrauch umschleierten maskierten Gegner, der gedrungene Farmer, der aufgeregt unter dem Vordach hervor rannte, und vor allem die schlaff und reglos im Staub liegende Gestalt der blonden jungen Frau. Das war ein Anblick, bei dem sich Shannons Herz zusammenkrampfte. Er hatte keine Ahnung, ob Miriam von einer verirrten Kugel getroffen worden war oder nur seinen Rat befolgt und sich niedergeworfen hatte.

Einen Augenblick war Shannon drauf und dran, sein Pferd zu wenden und mit flammendem Colt auf die Farm zurückzugaloppieren. Doch dann wäre alles umsonst gewesen. Ein zweites Mal würde es keine Chance mehr für ihn im Bleihagel dieser verrückten Kerle geben, die sich großspurig „Todesengel von Utah“ nannten.

Von kalter, verzehrender Wut erfüllt, sprengte er zwischen Mais und Kartoffelfeldern von der kleinen Farm zum bewaldeten Talrand. Die Kugeln der Geheimbündler pfiffen ihm nach, aber Shannon wandte nicht mehr den Kopf. Die Hufe seines Braunen schienen kaum die Erde zu berühren. Die flatternde Mähne war dicht vor Shannons angespanntem Gesicht, in dem die zusammengepressten Lippen wie ein dunkler Strich wirkten.

Shannon dachte schon nicht mehr daran, wie knapp er eben einem sinnlosen Tod entronnen war. Die Erinnerung an die schwerfällig rumpelnden Planwagen mit den ahnungslosen Siedlerfamilien, die er von Ogden aus hierher ins Green River Valley geführt hatte, erfüllte ihn. Und der Gedanke an das über ein Jahrzehnt zurückliegende Mountain Meadows Massaker trieb ihm den kalten Schweiß auf die Stirn. Wenn der alte Geheimbund der Daniten wirklich wieder unter neuem Namen aufgelebt war, dann bestand er gewiss nicht nur aus den acht Burschen, die ihn auf der Kelly-Farm überfallen hatten!

 

*

 

Shannons schlimmste Ahnung erfüllte sich.

Er kam zu spät.

Als er nach Stunden erschöpft um eine weit ins flache Tal vorstoßende Waldzunge ritt, trieben ihm beißende Rauchschwaden vom Lagerplatz der Neusiedler entgegen. Von den sieben klobigen Conestoga- und Murphy-Plan wagenwaren nur noch verkohlte, qualmende Trümmerhaufen übrig. Alle Pferde, Maultiere und Ochsen waren fort. Zersplitterte Kisten und Fässer, zerfetzte Proviantsäcke, Ackergeräte, Werkzeuge und allerlei Gerümpel waren über den von Hufen zerstampften Platz verstreut. Dazwischen glänzten die Hülsen abgeschossener Gewehrpatronen in der Sonne. Das Camp sah aus, als hätte hier eine Horde Wahnsinniger getobt.

Starr hockte Shannon im Sattel, entsetzt über soviel verblendeten Fanatismus. Seine Fäuste waren so hart um die Zügel gekrampft, dass die Knöchel weiß unter der Haut schimmerten. Doch Shannon merkte davon nichts. Die Erinnerung an die hoffnungsfrohen Gesichter der Frauen und Männer bei ihrer Ankunft in diesem weiten, fruchtbaren Tal war jetzt wie grausamer Hohn. Das monotone Rauschen des träge dahinströmenden Flusses, von dem das Tal seinen Namen hatte, war wie ausgelöscht. Die Zeit schien stillzustehen. Schließlich setzte Shannon wie in Trance seinen Braunen in Bewegung und ritt auf den verwüsteten Platz. Ein Pfahl war in die aschebedeckte Erde gerammt. An ihm hing ein großes Pappschild. Blutflecken waren darauf.

Shannon las langsam die ungelenk hingekritzelten Worte: „So ergeht es allen, die unser Land stehlen wollen! Das Green River Valley gehört den Mormonen! Bleibt unseren Grenzen fern!“

Unterzeichnet war diese Warnung mit „Die Todesengel von Utah.“

Shannon murmelte diesen Namen heiser vor sich hin. Er hatte nie den Kampf gesucht. Er war immer wieder dazu gezwungen worden, sein Leben zu verteidigen. Jetzt fiel es ihm schwer, einfach sein Pferd herumzudrehen und fortzureiten, als ob ihn dies alles nichts anginge. Gewiss, was geschehen war, war nicht mehr zu ändern. Aber vielleicht war dies nicht das erste Mal, dass die „Todesengel“ so grausam zugeschlagen hatten, und vielleicht würde es auch nicht das letzte Mal sein.

Shannons Blick wanderte erneut zu den Gräbern. Es gab kein Anzeichen, dass jemand dieses furchtbare Massaker überlebt hatte.

Shannon schwang sich aus dem Sattel, um nach Spuren zu forschen. Als er vom Pferd wegtrat, war das metallische Schnappen eines Gewehrschlosses hinter ihm.

Eine hasserfüllte Stimme knurrte: „Da haben wir wenigstens einen von diesen verfluchten Halunken! Randall, Sie hatten recht. Es hat sich gelohnt, noch ein wenig zu warten, nachdem wir die Toten unter die Erde gebracht haben. He, du Bastard, dreh’ dich um, damit ich dein Gesicht sehe, wenn ich dich zum Teufel schicke!“

„Immer mit der Ruhe, Douglas!“, rief ein anderer Mann. „Schießen Sie nur, wenn er zur Waffe greift. Vielleicht bringen wir ihn zum Reden ...“

„Reden!“, schnaubte der erste. „Verdammt will ich sein, wenn ich noch lange rede nach allem, was wir hier gesehen haben! Eine Kugel oder der Strick, das ist alles, was dieser Hundesohn verdient. Und dazu werde ich ihm verhelfen! Los, Jungs, schnappen wir uns diesen verdammten Mörder!“

Hufe stampften aus dem Wald heraus. Shannon drehte sich vorsichtig um. Er vermied es, seine Hand in die Nähe des tief gehalfterten Colts zu bringen. Ein halbes Dutzend Karabinermündungen deuteten an den Hälsen struppiger, staubbedeckter Pferde vorbei auf ihn. Die wettergegerbten Gesichter darüber waren von Hass und Wut gezeichnet. Die Art, wie diese Männer im Sattel saßen, verriet, dass sie mehr daran gewöhnt waren, hinter einem Pflug oder neben einem Planwagen herzugehen als lange Meilen auf einem Pferderücken zurückzulegen. Sie trugen derbe Farmerkleidung, Schlapphüte und klobige Stiefel.

Nur der Mann linksaußen hob sich äußerlich von ihnen ab. Er saß kerzengerade und doch geschmeidig im Sattel, groß, sehnig, mit einem scharfgeschnittenen Gesicht und hellen, wachsam funkelnden Augen. Sandfarbenes Haar lugte unter seinem Stetson hervor. Er trug einfache Reitertracht, genau wie Shannon. Als einziger hielt er kein Gewehr in den Fäusten, sondern hatte die Rechte locker auf den Kolben seines tiefhängenden Colts gestützt. Er wirkte wie eine Mischung aus Cowboy und Revolvermann. Die kurzgeschnallten Bügel und die gerade Haltung jedoch deuteten auf einen ehemaligen Kavalleristen hin. Shannon stufte ihn sofort als den Gefährlichsten der Gruppe ein.

Schweigend wartete Shannon, bis die Reiter dicht vor ihm ihre Gäule zügelten. Douglas, dessen barsche Stimme Shannon zuerst gehört hatte, war der stämmige, rotbärtige Mann in der Mitte. Er hielt Shannon die Mündung eines siebenschüssigen Spencergewehrs vors Gesicht.

„Einen Strick her, verdammt noch mal! Ich will diesen verfluchten Mormonenhund endlich baumeln sehen! Los, zum Kuckuck, bringen wir es hinter uns, ehe die Wagen mit den Frauen und Kindern hier sind.“

Shannons Herz pochte heftig. Aber sein Gesicht war eine unbewegte Maske wie meist, wenn er in einer Klemme saß. Seine kühle Stimme passte dazu.

„Sie irren sich, Mister. Ich bin kein Mormone. Schon gar nicht gehöre ich zu den Verbrechern, die dieses Camp überfallen haben. Ich heiße Jim Shannon und bin als Wegführer und Kundschafter für diesen Treck geritten ...“

„Lügner!“, zischte Douglas. Eine Zornader schwoll an seiner Stirn. „Ich weiß genau Bescheid. Tom Webster, der Anführer dieses Trecks, war nämlich mein Schwager, du Lump! Und du bist einer von denen, die ihn und meine Schwester auf dem Gewissen haben! Der Teufel wird dich und deine Kumpane dafür holen. Gib dir keine Mühe, dich rauszureden. Tom hatte nicht im Sinn, einen Scout anzuheuern, sondern wollte den Weg ins Green River Valley allein finden.“

Shannon konnte verstehen, wie dem Rotbärtigen zumute war. Aber Douglas gehörte sicherlich zu der Sorte Männer, die, einmal in Wut, nicht mehr zu bremsen waren. Shannon erklärte mit erzwungener Ruhe: „Webster hat es sich eben anders überlegt. Ich kann nur wiederholen, dass ich von Ogden aus mit ihm geritten bin ...“

Shannon sah Douglas’ zuckenden Gewehrlauf und riss schnell den Kopf zur Seite. Trotzdem streifte ihn der Hieb seitlich am Kopf. Der jähe heftige Schmerz zauberte ihm feurige Kreise vor die Augen. Er sank auf die Knie, hörte wie aus weiter Ferne ein Durcheinander wütender, rauer Stimmen, Hufgestampfe, und als er endlich wieder etwas sehen konnte, waren die derb gekleideten Reiter abgesessen und hatten ihn umringt.

Nur der Sehnige mit dem sandfarbenen Haar und den Falkenaugen war noch im Sattel, ein paar Schritte entfernt, die Hände lässig auf den Sattelknauf gestützt. Sein Gesicht war nicht vom Hass verzerrt wie die Gesichter der anderen. Er beobachtete Shannon kalt, abschätzend und wachsam.

Douglas hielt jetzt statt eines Gewehrs einen Strick in den schwieligen Fäusten, dessen Ende er zu einer Henkerschlinge verknotete.

„Fesselt ihn! Schafft ihn zum Waldrand hinüber!“

Shannon wollte aufspringen und zum Colt greifen. Aber seine Halfter war leer. Kräftige Fäuste packten ihn und hielten ihn fest.

Shannon keuchte: „Ihr seid ja verrückt! Was ihr vorhabt, ist glatter Mord! Ich bin unschuldig.“

„Ja, so siehst du aus!“, knurrte Douglas. „Wenn du jetzt auch noch anfängst von Recht und Gesetz zu reden, du Hundesohn, dann beziehst du noch eine gehörige Tracht Prügel, bevor wir dich am Strick hochziehen, das versprech’ ich dir!“

„Langsam, Douglas“, mischte sich jetzt der sehnige Reiter ein. „Wer immer dieser Mann auch ist, er stammt nicht von hier. Ich habe ihn in Ogden an der neuen Bahnlinie gesehen. Kann sein, dass er dort tatsächlich mit Ihrem Schwager Webster zusammengetroffen ist.“

Douglas’ Kopf ruckte herum. Er furchte die buschigen rötlichen Brauen. „Sagen Sie das nur, um ihm zu helfen, Randall?“

Der Sehnige zuckte die Achseln. „Unsinn! Dazu habe ich keinen Grund. Aber ich will die Wahrheit wissen. Vielleicht war Shannon, wie er sich nennt, tatsächlich Tom Websters Scout.“

„Und wenn schon! Das würde nur bedeuten, dass er mit den verfluchten Todesengeln unter einer Decke steckt und Toms Wagenzug absichtlich in diesen Hinterhalt gelotst hat! Die Pest an seinen Hals!“

„Wir hätten Tom mit seiner Gruppe nicht allein vorausziehen lassen sollen“, murmelte einer der anderen Siedler. „Vielleicht wäre dann alles ganz anders gekommen. Vielleicht hätten es dann diese Halunken nicht gewagt, anzugreifen und...“

„Da kennst du diese Bestien nicht gut genug, Jeff“, grollte Douglas. „Hast du nicht gelesen, was auf dem Schild dort am Pfahl steht? Wenn wir auf die zwei Rasttage an der Bahn verzichtet hätten und mit Toms Gruppe losgefahren wären, dann würden auch wir jetzt nicht mehr leben. So haben wir immer noch die Chance, diesen Teufeln ihr Verbrechen heimzuzahlen. Und mit Shannon machen wir den Anfang. Los jetzt, bindet ihn!“

Die wütenden Männer zerrten Shannon die Arme auf den Rücken. Randall lenkte seinen hochbeinigen Rotfuchs näher. Sein Raubvogelblick bohrte sich in Shannons Augen. „Nennen Sie mir die Namen Ihrer Kumpane, und ich werde dafür sorgen, dass Sie vor ein ordentliches Gericht gestellt werden!“

„Ich habe keine Kumpane. Ich wurde selber von den Todesengeln überfallen, weil ich mit Websters Treck ritt.“

„Immer neue Lügen!“, lachte Douglas wütend. „Was haben Sie denn erwartet, Randall? Dass er ein Geständnis ablegt? Geben Sie sich keine Mühe mehr mit ihm. Das ist nur Zeitverschwendung.“

Randalls hagere Gestalt schien im Sattel zu wachsen. Betont langsam senkte er die Rechte auf den Revolverkolben.

„Sie sind verdammt vergesslich, Douglas. Bevor wir zwei Tage nach Webster südwärts gezogen sind, haben wir bereits droben am Salzsee Gerüchte von den Todesengeln gehört, die diesen Teil von Utah unsicher machen. Und weil ich ein ehemaliger Kavallerie-Offizier bin, habt ihr mir das Kommando für den Fall angeboten, dass wir mit diesen Geheimbündlern zusammenstoßen. Well, Douglas, ich schätze, jetzt ist es soweit!“

„Deshalb bin immer noch ich der Treckboss! Meine Schwester, mein Schwager und viele Freunde von mir wurden von diesen Verbrechern ermordet! Geben Sie meinetwegen Ihre Befehle, wenn uns die Todesengel angreifen, aber nicht, wenn es darum geht..."

„Ich will nur, dass Shannon redet. Ich will die Namen der Halunken, die hinter diesem Massaker stecken. Shannon, heraus damit, sonst werde ich keinen Finger für Sie rühren!“

„Ich kenne keine Namen. Aber ich kenne einen Mann, der beweisen kann, dass ich unschuldig bin und nur mit knapper Not den Todesengeln entkam, er heißt Kelly. Er wohnt auf einer kleinen Farm südlich von hier.“

„Und er ist bestimmt ein Mormone!“, fügte Douglas höhnisch hinzu.

Shannon blickte ihn scharf an. „Ja, das ist er! Und wenn ihr glaubt, dass jeder Mormonenfarmer mit den Todesengeln unter einer Decke steckt, dann seid ihr verdammt schief gewickelt. Ich verdanke Kellys Tochter mein Leben. Reitet zu ihm. Fragt ihn, was passiert ist.“

„Eine hübsche neue Falle, was?“, knurrte Douglas und drohte mit der Faust. „Für wie dumm hältst du uns eigentlich?“

Shannons dunkle Augen hefteten sich auf Randall. „Wenn wir am Fluss entlangreiten, sind wir in etwa zwei Stunden dort. Ihr habt meine Waffen, und ihr habt mich als Geisel. Was könnt ihr dabei verlieren?“

Randall musterte ihn misstrauisch. Während er noch überlegte, stieß einer der Siedler einen lauten Ruf aus: „Die Wagen kommen!“

Seine ausgestreckte Hand wies auf einen von dunkelgrünen Fichtenwäldern gesäumten Taleinschnitt, aus dem sich eine Kolonne schwerfällig schwankender Prärieschoner herauswand. Fernes Peitschengeknall drang durch den heißen, salbeiduftenden Spätsommernachmittag. Auf den Wagenböcken saßen Frauen mit Schutenhüten und barfüßige Kinder. Männer mit Schlapphüten, Overalls und derben Stiefeln stapften neben den müde trottenden Gespannen.

Einer von Douglas’ Gefährten wischte sich fahrig mit dem Handrücken über die schweißbedeckte Stirn.

„Wir hätten unsere Familien nie hierherbringen dürfen! Wenn’s nach mir geht, kehren wir noch heute um und suchen uns anderswo einen Platz zum Siedeln!“

„Hier ist freies Regierungsland“, erwiderte Randall grimmig. „Weit und breit gibt es kein fruchtbareres Gebiet. Zum Teufel, Elliot, wollen Sie den Todesengeln einen so leichten Sieg schenken?“

Zum ersten Mal war nun ein flüchtiges Aufflammen auch in Randalls sonst so kalten Augen.

„Richtig!“, brummte Douglas. „Wir sind es unseren ermordeten Freunden schuldig, dass wir bleiben und kämpfen, wenn es sein muss. Und wir sind es ihnen auch schuldig, dass wir diesen Kerl namens Shannon an den nächstbesten Ast hängen!“

Auf seinen ungeduldigen Wink setzten sich die breitschultrigen Männer, die Shannon eisern festhielten, in Bewegung. Randall zog sein Pferd halb herum, und jetzt sahen alle, dass er inzwischen den Sixshooter in der Faust hielt.

„Ich hab’s mir überlegt. Wir reiten mit ihm zu Kellys Farm.“

 

*

 

Kelly erwartete sie mit einem Gewehr in den Fäusten mitten auf dem sonnenbeschienenen Farmhof. Er versuchte, so grimmig wie möglich dreinzublicken, aber Shannon sah sofort, dass der grauhaarige, untersetzte Mann Angst hatte. Ein Netz von Schweißperlen bedeckte Kellys zerfurchtes Gesicht. Ein nervöses Flackern war in seinen blassblauen Augen. Er hob drohend die Waffe, als die Siedler in dichtem Pulk ihre Gäule vor ihm ziigelten.

„Was wollt ihr?“

Randall, der ehemalige Kavallerie-Offizier, trieb seinen Rotfuchs ein Stück zur Seite und deutete auf Shannon, der seit ihrem Aufbruch von Douglas in Schach gehalten wurde. Die Neusiedler hatten darauf verzichtet, den Verdächtigen zu fesseln. An Flucht war für Shannon sowieso nicht zu denken. Ein lückenloser Halbkreis von Reitern umschloss ihn, und Douglas’ Finger ruhte unablässig am Abzugshebel des Spencergewehrs. Jetzt, nachdem das harte Stampfen der Pferdehufe verstummt war, herrschte wieder ebenso tiefe Stille wie bei Shannons erstem Besuch auf dem einsamen Anwesen.

Shannon wartete darauf, dass Kellys hübsche junge Tochter aus dem Haus treten würde. Doch nichts rührte sich. Die Sorge, dass Miriam bei der wilden Schießerei vielleicht doch etwas zugestoßen war, regte sich abermals in ihm. Ehe er etwas sagen konnte, durchbrach Randalls frostige Stimme das bedrückende Schweigen.

„Kennen Sie den Mann?“

Der Farmer blickte Shannon nur einen Moment an, dann irrten seine flackernden Augen zur Seite. Die Mündung seines Gewehrs wackelte.

„Was soll das? Wer seid ihr? Was ...“

„Antworten Sie!“, unterbrach ihn Randall barsch.

„Hölle und Verdammnis!“, polterte Kelly los. „Wie reden Sie denn mit mir! Verschwindet! Ich will hier keinen Ärger haben. Woher sollte ich diesen Mann kennen? Ich hab’ ihn nie gesehen. Und jetzt macht, dass ihr fortkommt!“

Die Reiter starrten den Farmer überrascht an. Douglas stieß Shannon rau auflachend mit dem Gewehr gegen die Seite.

„Pech, was? Dass der Kerl sich so aus der Schlinge ziehen würde, hattest du wohl nicht erwartet, he?“

Shannon beugte sich auf seinem unruhig tänzelnden Pferd vor und blickte den Grauhaarigen beschwörend an.

„Kelly, diese Männer verdächtigen mich, gemeinsame Sache mit den Todesengeln gemacht zu haben. Der Treck, den ich zum Green River führte, wurde überfallen und alle Siedler umgebracht. Sagen Sie diesen Leuten die Wahrheit, Kelly. Sie haben nichts zu befürchten.“

Kelly schluckte, schüttelte den Kopf und murmelte gepresst: „Ich versteh’ nicht, was Sie meinen, Mister! Ich hab’ doch gesagt, ich will hier keinen Ärger. Also, verschwindet endlich!“

Douglas lachte wieder. „Damit ist dir der Strick sicher, Shannon! Den Weg hätten wir uns sparen können. Wir sollten keine Zeit mehr verlieren, Freunde. Da drüben stehen genug Bäume, um sämtliche Banditen des Green River Valley daran aufzuhängen.“

Shannon hatte kurz das Gefühl, in einem Netz zu stecken, dessen Maschen immer enger wurden. Aber es war nicht das erste Mal, dass der Tod seine kalte Knochenfaust nach ihm ausstreckte. Shannon gab noch nicht auf.

„Kelly“, rief er, „was ist los mit Ihnen? Wovor fürchten Sie sich? Ich habe diesen Leuten gesagt, dass Sie nicht zu den ..."

„Ich fürchte niemand!“, stieß der Farmer wütend hervor. „Und wenn ihr länger auf euren Pferden herumhockt und meine Zeit stehlt, werde ich euch das auch beweisen!“

dem angeschlagenen Karabiner ging er drohend auf die Reiter zu. Aber seine Schritte waren schwerfällig, so, als koste es ihn Kraft und Überwindung, jedesmal wieder den Fuß vom Boden wegzuheben.

Shannon spähte schnell zu den Brettergebäuden hinüber. „Wo ist Miriam?“

„Reitet!“, fauchte Kelly. „Zum Teufel, glaubt nur ja nicht, dass ich bluffe! Macht miteinander ab, was ihr wollt, aber nicht hier auf meinem Grund und Boden!“

Randall blickte Shannon achselzuckend an.

„Geben Sie auf, es hat ja doch keinen Sinn mehr! Douglas hat mein Versprechen, und ich stehe dazu. Wenn Kelly auch zu den Todesengeln gehört, dann sagen Sie es lieber gleich. Sie sind so oder so erledigt.“

„Kellys Tochter kennt die Wahrheit. Sie wird erzählen, wie alles war. Kelly, Menschenskind, wo ist Miriam?“

„Der Mann ist ja verrückt!“, brummte der Farmer kopfschüttelnd. „Ich lebe allein hier.“

Shannon ballte die Fäuste. „Das ist nicht wahr. Randall, wenn Sie nicht an einem Lynchmord mitschuldig werden wollen, dann lassen Sie das Haus durchsuchen.“

„So was von Sturheit!“, lachte Douglas zornig. „Dieser Kerl wird noch mit dem Strick um den Hals alles abstreiten.“

„Gedulden Sie sich noch ein Weilchen“, sagte Randall. „Reiten wir lieber. Ich möchte mich hier nicht gern von den Todesengeln überraschen lassen.“

Das leuchtete auch dem rotbärtigen Treckboss ein. Die Siedler wendeten ihre Pferde, und Douglas achtete darauf, dass Shannon vor seinem Gewehr blieb. Kelly trat aufatmend zurück und ließ die Waffe sinken. Doch als die ersten Staubbällchen unter den lospochenden Hufen aufwirbelten, riss Randall jäh seinen Rotfuchs herum. Der dumpfe, wuchtige Anprall schleuderte Kelly zu Boden. Er stieß einen heiseren Schrei aus, als er seinen Karabiner verlor, einen Schrei voller Angst und Verzweiflung. Noch im Sand liegend, versuchte er die Waffe wieder zu erwischen. Randall war schneller. Er zog seinen Colt mit einer Schnelligkeit, wie sie Shannon bisher nur bei professionellen Revolverschwingern erlebt hatte.

Die Kugel bohrte sich vor dem Farmer in den Boden und warf ihm Sand ins Gesicht. Erschrocken zog Kelly die Hand zurück. Randall hatte sein schnaubendes Pferd mit hartem Schenkeldruck schon wieder unter Kontrolle. Aus kalten Augen blickte er auf den um viele Jahre älteren Mann hinab.

„Roscoe, Shafter, seht im Haus nach!“, befahl er knapp. „Wenn ihr Kellys Tochter findet, dann bringt sie her.“

„Verdammt noch mal, er hat doch gesagt, dass er hier allein lebt!“, schimpfte Douglas. „Glauben Sie denn Shannon immer noch?“

„Ich glaube, was ich sehe. Wenn sich herausstellt, dass Kelly keine Tochter hat, gehört Shannon Ihnen, Douglas. Los, Männer, beeilt euch!“

Roscoe und Shafter sprangen von den Pferden und liefen über den Hof zur Wohnhütte. Kelly rappelte sich mühsam auf, klopfte den Sand von seiner armseligen Kleidung und blickte ihnen mit leeren Augen nach. Seine Schultern waren eingesunken. Er sah jetzt nur noch wie ein müder alter Mann aus. Shannon wartete gespannt. Er wusste genau, was für ihn auf dem Spiel stand. Der stählerne Ring von Douglas’ Gewehrmündung drückte hart und unmissverständlich gegen seine Rippen. In seinem blindwütigen Hass konnte Douglas den Augenblick der Vergeltung kaum noch abwarten. Das Schlimme war, dass der rotbärtige Siedler so felsenfest von der Rechtmäßigkeit seines Handelns überzeugt war. „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, dieses alte unerbittliche Grenzergesetz besaß für Männer wie Douglas noch immer Gültigkeit.

Shannon hörte die Siedler in der Farmhütte rumoren. Es polterte und dröhnte. Fünf Minuten später standen sie wieder in der offenen Tür.

„Niemand da!“, rief Roscoe, ein hagerer, schnurrbärtiger Mann mit einer Habichtfeder am Hut. „Kelly ist wirklich allein.“

Shannons Magen zog sich zusammen. Das Bild der jungen blonden Frau, die reglos, mit dem Gesicht nach unten im Staub lag, stand wieder wie eine Vision vor seinen Augen.

Randalls Faust mit dem langläufigen Colt sank langsam herab.

„Auch nichts, was auf die frühere Anwesenheit einer Frau hindeutet?“, fragte er die Männer beim Haus. „Kein Kleid, keine Haarschleife, gar nichts?“

„Nichts!“, bestätigte Roscoe. „Der Bau hat nur zwei Räume. Wir haben bestimmt nichts übersehen.“

Kelly drehte sich müde um. „Ich hab’ es doch gleich gesagt“, murmelte er dumpf. „Warum glaubt ihr mir nicht? Dieser Mann verwechselt mich vielleicht mit jemand ...“ Er vermied es, Shannon anzusehen. Seine Mundwinkel zuckten nervös.

Randall stieß die Waffe ins Leder zurück. „Reiten wir!“

Jetzt, als es nichts mehr gab, worauf Shannon hoffen konnte, durchdrang ihn wieder kalte, unheimliche Ruhe. Jetzt war er wieder der ganz auf sich allein gestellte Kämpfer, der sich eiskalt auf die Tatsachen konzentrierte, um vielleicht den winzigen Bruchteil einer Chance zu erhaschen. Die Tatsachen, das waren die Siedler neben ihm, die ihre Fäuste an den Gewehr- und Revolverkolben hielten, das war Douglas’ Spencerkarabiner an seiner Seite und seine eigene leere Halfter. Die Winchester 66 im Scabbard an seinem Sattel fehlte ebenfalls. Aber zu den entscheidenden Tatsachen zählte auch, dass er nicht gefesselt war und, dass Randall und seine Männer nicht mit einem Fluchtversuch rechneten.

Zu Shannons Kampftaktik gehörte es, oft gerade das zu tun, was seine Gegner am wenigsten erwarteten. Danach handelte er auch jetzt. Als Douglas, Roscoe, Shafter und die anderen begriffen, dass sie einen zweibeinigen Tiger als Gefangenen in ihrer Mitte hatten, war Shannon bereits in voller Aktion.

„Indianer!“

Sein gellender Alarmschrei war ein uralter Trick, eine Warnung, die weit weg von den Jagdgründen kriegerischer Stämme geradezu verrückt klang. Trotzdem. verfehlte der Ruf nicht seine Wirkung. Gerade weil Douglas und die anderen keine Neulinge westlich des Mississippi waren, hatten sie diesen Schrei schon zu oft gehört, um nicht sofort instinktiv die Köpfe herumzureißen. Es war eine eingefleischte Reaktion, genauso wie ein waschechter Revolvermann sofort zum Eisen griff, wenn er von hinten angerufen wurde.

Natürlich waren die Siedler nur für einen Augenblick abgelenkt. Aber mehr als einen Sekundenbruchteil brauchte Shannon nicht, um herumzuwirbeln, Douglas’ Gewehr zur Seite zu drücken und dem bärtigen Treckboss die Faust ans Kinn zu schmettern.

Douglas’ grobknochiger Gaul ging vorne hoch, der Mann kippte aufbrüllend in den wallenden Staub hinein. Seine Spencer blieb in Shannons Faust. Bevor die anderen ihre Waffen ziehen konnten, hämmerte Shannon seinem Braunen die Stiefelabsätze gegen die Flanken.

Wie ein Rammbock brach das Tier durch den Halbkreis der fluchenden Siedler. Shannon schwang den Karabiner wie eine Keule. Roscoe und noch ein Mann wurden wie Stoffpuppen von ihren Pferden gewirbelt. Dann war Shannon auf gleicher Höhe mit Randall, sah dessen verkniffene Miene und den hochzuckenden Colt und duckte sich tief auf den Hals des vorwärts stürmenden Braunen. Der Peitschenknall eines nahe abgefeuerten Schusses löschte sekundenlang das rasende Hämmern der Hufe aus. Der glühende Luftzug der Kugel streifte Shannons Nacken.

Der dunkelhaarige Reiter schwang das Spencergewehr halb herum und streckte Randalls Gaul mit einem blitzschnell hingefeuerten Schuss zu Boden. Damit verschaffte er sich den Vorsprung, von dem alles abhing. Randall brachte gerade noch geistesgegenwärtig die Füße aus den Steigbügeln, da wurde er auch schon von unwiderstehlicher Gewalt über den Kopf des vorn einknickenden Pferdes gehoben. Der Ex-Kavallerist war mindestens so durchtrainiert wie Shannon selber, ein Mann, dem blitzschnelles Reagieren zur zweiten Natur geworden war. Jeder andere wäre jetzt halb betäubt am Boden liegen geblieben. Randall jedoch schlug eine Rolle, kam federnd wieder hoch und hielt noch immer den Sechsschüssigen in der Faust.

Er verzichtete darauf, noch eine Kugel hinter dem Flüchtenden herzuschicken. Shannon bog bereits um die Schuppenecke, preschte dahinter am Rand eines Maisfeldes entlang, und der Bleihagel, den ihm die wütenden Siedler nachsandten, fetzte nur Splitter von den Brettergebäuden. Mit ein paar Sätzen war Randall bei Roscoes reiterlosem scheuendem Pferd. Kelly war vergessen. Jenes seltsame wilde Brennen, das so gar nicht zu seinem sonstigen Auftreten passte, leuchtete wieder in Randalls Augen.

„Ihm nach! Lasst ihn nicht entkommen!“

Wie eine Raubkatze warf er sich aufs Pferd und jagte los, ohne sich darum zu kümmern, ob ihm jemand folgte oder nicht.

 

*

 

Eine halbe Stunde später war Kellys Farm längst weit hinter ihm zwischen buschbesäumten Hügelkämmen versunken. Randall und seine Begleiter stoppten ihre Gäule am Rand der dichtbewaldeten Ausläufer des West Tavaputs Plateaus. Ein zerklüftetes Felsenlabyrinth zweigte vor ihnen auseinander. McLeod, einer der schwitzenden, vom harten Ritt atemlosen Siedler, spuckte wütend aus.

„Feierabend! Besser, wir kehren um. Den Kerl sehen wir ja doch nie wieder. Douglas hatte recht. Wir hätten ihn gleich aufknüpfen sollen.“

„Reitet, wohin ihr wollt, ich erwische ihn!“, knurrte Randall verbissen und trieb sein Pferd weiter. Die Siedler zögerten, aber Randalls grimmige Entschlossenheit riss sie mit. Der ehemalige Offizier folgte Shannons Fährte auch dann noch, als die anderen keinen niedergedrückten Halm, keine Andeutung eines Hufabdrucks mehr entdecken konnten.

Der Boden wurde immer steiniger, unwegsamer. Doch Randall ritt zielstrebig weiter, halb aus dem Sattel hängend, die hellen scharfen Augen, denen nichts entging, unverwandt auf den Boden geheftet. Erst als die zerklüfteten Felswände auseinandertraten und den Blick auf ein weites steinernes, in der Sonne flimmerndes Trümmerfeld freigaben, war auch er am Ende seiner Kunst. Langsam richtete er sich im Sattel auf. Während den anderen die Müdigkeit deutlich von den schweiß- und staubverschmierten Gesichtern abzulesen war, wirkte er noch immer energiegeladen.

„Er ist dicht vor uns. Ich schlage vor wir trennen uns hier, kämmen das Plateau und seine Ränder ab und treffen uns auf der anderen Seite bei den zwei Felstürmen wieder.“

Die Siedler brummten ihre Zustimmung. Randall lenkte seinen Gaul allein nach rechts, die anderen blieben in Zweiergruppen zusammen. Ein leises Geräusch hinter einer Dornbuschinsel inmitten des Felsengewirrs ließ Randall im Sattel erstarren. Wie von eigenem Leben erfüllt, glitt seine Rechte zum Revolver.

Randall lauschte. Das Geräusch wiederholte sich. Jetzt gab es keinen Zweifel mehr. Es war ganz deutlich das von der Hand eines Menschen gedämpfte Schnauben eines Pferdes. Mit einem Glitzern in den Falkenaugen schwang sich Randall lautlos und geschmeidig aus dem Sattel. Seine schmalen Lippen deuteten ein verkniffenes, hartes Lächeln an. Der matt schimmernde Colt tauchte, aus der eingefetteten, mit Lederschnüren am Oberschenkel festgebundenen Halfter. Vorsichtig schlich der sehnige Mann um die Hecke herum.

Gleich darauf sah er das Pferd. Es war tatsächlich das Tier, auf dem Shannon von Kellys Faim geflohen war. Aber sein Schnauben wurde nicht von Shannons Hand, sondern von einem über die Nüstern gebundenen Tuch erstickt. Als Randall begriff, welchen Fehler er gemacht hatte, war es schon zu spät.

„Sie haben gute Arbeit geleistet“, sagte Shannon ruhig hinter ihm. „So gut, dass mir allmählich Zweifel daran kommen, ob Sie wirklich nur ein gewöhnlicher, aus dem Militärdienst ausgeschiedener Offizier sind, der im Green River Valley siedeln will. Jetzt lassen Sie besser Ihr Schießeisen fallen, Randall. Ich bin nicht scharf darauf, dass Douglas und die anderen sich einmischen, wenn wir beide uns unterhalten.“

Randall drehte sich um. Shannon lehnte mit überkreuzten Beinen lächelnd an einem hohen Felsklotz. Aber das Spencergewehr in seinen nervigen Fäusten und das drohende Funkeln in seinen dunklen Indianeraugen passten nicht zu diesem Lächeln.

Randall knirschte: „Zum Teufel mit Ihnen! Ich wüsste nicht, was wir miteinander noch zu besprechen hätten!“

„Tun Sie trotzdem, was ich Ihnen sage!“

Shannons Lächeln erinnerte Randall an einen zähnefletschenden Wolf. Er ließ die Waffe fallen. Hufgeräusche sickerten vom zerklüfteten Plateau herüber, aber Shannon tat, als ginge ihn das nichts an. Er musterte Randall nachdenklich.

„Ich kann Sie mir wirklich nicht hinter einem Pflug vorstellen.“

Randall kniff die Augen zusammen und hakte die Daumen hinter seinen dunkelbraunen Revolvergurt. „Haben Sie mir aufgelauert, um mir das zu sagen?“

„Ich will, dass Sie mich zu Kellys Farm zurückbegleiten.“

„Sie sind verrückt, Shannon!“

„Ja, verrückt darauf, Ihnen meine Unschuld zu beweisen. Kelly hat nicht die Wahiheit gesagt. Dafür gibt es nur einen Grund: Kelly hat Angst - Angst um seine Tochter. Miriams Verschwinden beunruhigt mich. Ich muss annehmen, dass die Todesengel sie mitgenommen haben, um Kelly unter Druck zu setzen.“

Randall starrte ihn zweifelnd an. Die verbissenen Linien kerbten sich wieder um seinen harten schmalen Mund.

„Sie unterschätzen Douglas und seine Freunde. Sie werden es nicht schaffen, hier ungeschoren mit mir wegzukommen.“

„Warten wir’s ab!“ Shannon löste sich lässig von dem Felsblock, ging ein paar Schritte auf Randall zu und bückte sich nach dessen am Boden liegenden Colt.

Der sehnige, falkenäugige Mann hatte nur darauf gewartet. Sein Körper glich einer losschnellenden Stahlfeder - aber er stieß ins Leere. Diesmal hatte Randall seinen Meister gefunden. Denn Shannon zuckte wie der Blitz seitwärts hoch, und als Randall vom eigenen Schwung an ihm vorbeigerissen wurde, schlug er kurz und nicht zu hart mit dem sechskantigen Coltlauf zu.

Mit einem messerscharfen Grinsen blickte Shannon auf den Bewusstlosen hinab. „Schade, dass wir nicht gewettet haben. So schnell hätte ich mir nicht so bald wieder ein paar Dollars dazuverdient …"

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738913125
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (September)
Schlagworte
shannon todesengel

Autor

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Titel: Jim Shannon #7: Shannon und die Todesengel