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HELDENHAFTE SEEMÄNNER #17: Gestrandet auf der Navassa-Insel

2017 120 Seiten

Zusammenfassung

Sein Name ist Eric Keene. Aber man kennt ihn auch unter seinem Namen „Firebird Keene“. Er ist ein Abenteurer auf allen Sieben Weltmeeren und hat schon so manch riskanten Auftrag erledigt. Nicht immer auf der Seite des Gesetzes, und deswegen hat er mehr Feinde als Freunde. Auch bei seinem neuen Auftrag riskiert er wieder Kopf und Kragen und trifft diesmal auf einen alten Widersacher, einen Piraten namens Black Tiger. Früher waren sie einmal Freunde, aber jetzt sind sie zu erbitterten Gegnern geworden. Als in einem heftigen Sturm sich nur noch wenige Überlebende auf die Navassa-Insel retten können, spitzt sich die bedrohliche Situation gefährlich zu. Denn es geht nicht nur ums nackte Überleben, sondern auch um eine schöne Frau namens Yvonne Bouchard...

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Gestrandet auf der Navassa-Insel

Klappentext:

Roman:

HELDENHAFTE SEEMÄNNER

 

Band 17

 

Gestrandet auf der Navassa-Insel

 

Ein Roman von Horst Weymar Hübner

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von N. C.Wyeth, 2017

Früherer Originaltitel: Alle Mann von Bord!

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappentext:

Sein Name ist Eric Keene. Aber man kennt ihn auch unter seinem Namen „Firebird Keene“. Er ist ein Abenteurer auf allen Sieben Weltmeeren und hat schon so manch riskanten Auftrag erledigt. Nicht immer auf der Seite des Gesetzes, und deswegen hat er mehr Feinde als Freunde. Auch bei seinem neuen Auftrag riskiert er wieder Kopf und Kragen und trifft diesmal auf einen alten Widersacher, einen Piraten namens Black Tiger. Früher waren sie einmal Freunde, aber jetzt sind sie zu erbitterten Gegnern geworden. Als in einem heftigen Sturm sich nur noch wenige Überlebende auf die Navassa-Insel retten können, spitzt sich die bedrohliche Situation gefährlich zu. Denn es geht nicht nur ums nackte Überleben, sondern auch um eine schöne Frau namens Yvonne Bouchard...

 

 

 

 

 

 

Roman:

Kingston, Jamaika. Während draußen auf der Queens Road das quirlige Leben und Treiben der berühmten Geschäftsstraße der Stadt alle Ehre machte, lehnte sich Eric Keene erwartungsvoll im Stuhl des Barbiers zurück. Der dicke Schwarze hatte ihm das Gesicht eingeschäumt und begann nun damit, den wochenalten Bart des Seemannes zu schaben. Doch plötzlich hielt er inne. Eric Keene öffnete die Augen und sah im Spiegel, dass der Schwarze zur Tür blickte.

„Nun mach weiter, Jim! Ich habe nicht das Zeug zu einem Denkmal“, knurrte Keene.

Da sagte eine barsche Stimme von der Tür her: „Wann er weitermacht, bestimmen wir. He, Sie! Sehen Sie mich an!“

Eric Keene tat nichts dergleichen. Aber Jim, der Schwarze, sagte: „Er meint Sie.“

Eric Keene blickte zur Tür und sah dort einen Inspektor der Hafenpolizei, begleitet von zwei baumlangen Polizisten.

„Im Namen der Königin, Sie sind verhaftet, Redeye Johnson!“

Eric Keene musterte den Inspektor. Der war ein magerer knochiger Mann von etwa fünfzig Jahren, groß und steckte in einer etwas zu kleinen Marineuniform, den Abzeichen nach musste es ein Inspektor sein. Aber Eric Keene hatte ihn noch nie hier im Hafen gesehen. Dabei war er schon öfter hiergewesen.

„Sie sind an der falschen Adresse, Inspektor“, erwiderte Eric Keene und blickte wieder geradeaus in den Spiegel. „Jim, sag ihm, wer ich bin.“

Der Schwarze erklärte sofort eifrig: „Das ist nicht Redeye Johnson, Inspektor, das ist Mr. Keene.“

Dem Inspektor schien diese Tatsache eine grimmige Enttäuschung zu bereiten. Er verzog das Gesicht, als hätte er Essig geschlürft.

„Aha, Mr. Keene also, und wie heißen Sie noch?“, bellte er in den Raum hinein.

„Mach endlich weiter, Jim“, forderte Eric den Schwarzen auf. „Wenn du fertig bist, kann ich mich mit dem Inspektor immer noch unterhalten. Offensichtlich ist er neu hier in Kingston. Sind Sie neu hier, Inspektor?“

„Die Fragen stelle ich hier. Ich will Ihren Pass sehen oder Ihr Seemannsbuch.“

„Sie können hier zunächst einmal gar nichts sehen. Ich werde rasiert. Und wenn ich fertig bin, können wir uns weiter unterhalten. Bis dahin setzen Sie sich hin und halten Ihre Klappe!“

Diese Antwort schien dem Inspektor den Atem zu verschlagen. Er wurde plötzlich dunkelrot im Gesicht. Und zum Glück bemerkte er nicht das unterdrückte Grinsen der beiden Polizisten.

„He, Sie, so reden Sie nicht mit mir. Was fällt Ihnen ein? Sind Sie vielleicht der liebe Gott?“

„Ich nicht“, erwiderte Eric Keene, als Jim einmal das Messer absetzte. „Sie vielleicht?“

„Verdammt, nun hör endlich mit dem Rasieren auf!“, brüllte der Inspektor jetzt Jim an.

Erschrocken hielt der Schwarze wieder inne, wischte das Messer ab und stand mit angewinkelten Armen hinter Eric Keene.

Der Seemann wandte sich nun dem Inspektor zu. Soweit sein Bart abrasiert war, hatte die Haut darunter eine blasse Farbe. Ansonsten war das Gesicht tiefgebräunt. In dem Licht, das in den Laden fiel, schienen die blauen Augen des Mannes zu leuchten. Das blonde, von der Sonne gebleichte Haar hing etwas wirr in die Stirn.

„Wie haben Sie mich vorhin genannt?“, fragte Eric Keene mit herausforderndem Lächeln.

Der Inspektor war nun unsicher geworden. Irgendwie erinnerte er Eric an ein ausgedientes Rennpferd. Weiß der Teufel, woher sie den Inspektor geholt hatten, um ihn nun hier in Kingston versauern zu lassen.

„Sie wollen Keene heißen? Aber ich sage Ihnen, Sie sind Redeye Johnson. Ich habe eine genaue Beschreibung von Redeye Johnson. Und die trifft haargenau auf Sie zu.“

Eric Keene lachte. „Sie haben den Beruf verfehlt, mein Lieber. Sie sollten Wahrsager oder so etwas werden. Sie würden Tausende verdienen. Sie können auch ein Märchenbuch schreiben.“

Der Inspektor schnappte nach Luft. Er war nicht imstande, nur ein Wort zu sagen.

Eric Keene ließ den Kopf wieder nach hinten sinken und sagte: „Komm, Jim, schab endlich die andere Hälfte des Bartes auch noch ab. Ich werde leicht ungeduldig, wenn ich so lange beim Rasieren verbringen muss.“

„Aber jetzt ist Schluss!“, brüllte der Inspektor. „Entweder zeigen Sie mir jetzt Ihren Pass oder ...“

„Sie Narr“, sagte Eric Keene. Redeye Johnson sieht ganz anders aus als ich. Er hat eine lange Narbe auf der rechten Seite, vom Ohr bis zum Mundwinkel. Das ist aber nicht in einem Messerkampf passiert“, erklärte Eric Keene lächelnd. „Das hat ihm eine Frau in Port of Spain verpasst. Eine bezaubernd hübsche Katze ist das gewesen.“

Er lachte in Erinnerung an diese temperamentvolle Frau, die er auch gekannt hatte.

„Aha!“, brüllte der Inspektor. „Sie geben also zu, dass Sie Redeye Johnson zumindest kennen.“

„Natürlich kenne ich ihn“, erklärte Eric Keene. „Es gibt hier Hunderte von Steckbriefen, da kann man ihn bewundern.“

Der Inspektor kam jetzt auf den Stuhl zu, auf dem Eric saß. Zugleich nestelte er an der Tasche herum, in der sich seine Dienstpistole befand.

„Inspektor“, sagte Jim beschwörend und hielt abermals im Rasieren inne, „er ist nicht Redeye Johnson, er ist Firebird Keene.“

Der Inspektor schien gegen eine Wand gelaufen zu sein, so abrupt blieb er stehen. Sein eben noch hochgerötetes Gesicht erblasste. Aus weit aufgerissenen Augen starrte er Eric Keene an.

„Firebird Keene“, wiederholte er und betonte jede einzelne Silbe.

Eric lächelte. „Es gibt Leute, die mich so nennen. Haben Sie noch einen Wunsch?“

Er lachte jetzt dem Inspektor ins Gesicht, der die Fassung immer noch nicht wiedergewonnen hatte.

„Nein“, stammelte der Inspektor. „Es ist schon gut.“

„Augenblick noch, Inspektor, wie heißen Sie eigentlich?“

Jim wollte es sagen, und das bemerkte Eric im Spiegel.

„Sei still, Jim, ich will es von ihm hören.“

„Mein Name ist McKenzie, Inspektor der Hafenpolizei McKenzie“, erwiderte der Inspektor leise. Dann wandte er sich den beiden Stadtpolizisten zu, die er zu Hilfe gerufen hatte, und sagte: „Es ist alles in Ordnung. Geht!“

Eine Sekunde später waren die drei wieder draußen.

„Nun mach endlich weiter, Jim!“

Jim machte weiter und sagte: „Ihr Name ist hier sehr bekannt in Kingston. Haben Sie gesehen, was er für einen Schreck bekommen hat?“

„Es gibt doch keinen Grund, einen Schreck zu bekommen, wenn man mich sieht“, meinte Eric.

„Aber doch“, beteuerte Jim. „Die Leute hier reden immer noch davon, wie Sie damals acht Piraten erschossen haben und die anderen gezwungen haben, Ihr Schiff zu segeln.“

„Das ist doch Unsinn, Jim. Es waren nicht acht Piraten, es waren nur zwei. Aber du hast recht, die anderen haben für mich die Decksarbeil gemacht. Es waren übrigens nur sechs Mann.“

„Aber da war doch der Konsul an Bord, den die Piraten entführt hatten.“

Eric lachte. „Aber Jim, du bringst alles durcheinander. Das ist doch eine ganz andere Geschichte. Die ist auf der DOLORES passiert. Und das war auch kein Konsul, sondern ein Attaché. Bloody Gonzalez und seine Piraten hatten den Attaché gefangengenommen und drohten ihn zu ermorden, wenn ich ihnen nicht die Ladung von meinem Schiff geben würde. Sie hatten den Attaché in Havanna geschnappt. Was sollte ich machen? Hier das Leben des Attaché und dort eine wertvolle Fracht. Zum großen Teil war es Post. Und die Post, das weißt du doch, Jim, die muss immer ans Ziel. Sie sollte nach Tampico.“

„Und was haben Sie gemacht, Mister Keene?“

„Natürlich nachgegeben. Man kann die Post ersetzen, aber nicht ein Menschenleben. Allerdings habe ich nicht daran gedacht, die Post aufzugeben.“

„Und was haben die Piraten gemacht, Mister Keene?“

„Sie haben das Schiff übernommen. Was hast denn du erwartet, Jim? Sie wollten den Attaché freilassen, mich übrigens auch. Ich wurde vorzüglich von ihnen behandelt. Schließlich hatte ich ihnen keine Schwierigkeiten gemacht.“

„Aber Sie sind doch mit der DOLORES nachher in Tampico angekommen. Und der Attaché war auch frei. In ganz Mittelamerika hat man von nichts anderem gesprochen, Mister Keene.“

„Hat man das?“, fragte Eric lächelnd. „Na ja, der Fehler lag ganz allein bei Gonzalez. Er hatte seinen damals siebzehnjährigen Sohn bei sich. Den liebte er über alles in der Welt. Deswegen war es für mich ganz leicht.“

„Ganz leicht?“, staunte Jim.

„Natürlich. Ich brauchte nur den Sohn in meine Gewalt zu bringen, und die Sache war geregelt. Gonzalez half mit seinen Leuten die Post nach Tampico bringen, denn er hatte dummerweise meine eigene Mannschaft vorher in die Boote gehen lassen. Und nun war ich zwangsläufig auf seine Hilfe angewiesen. Wir kamen jedenfalls pünktlich in Tampico mit der Post an. Und das war ja entscheidend.“

„Und was war mit Gonzalez?“

„Ach ja, den haben die Mexikaner drei Wochen später gehängt. Pech für Gonzalez. Für einen Teil seiner Leute übrigens auch. Dem Attaché aber geht es gut, der sitzt wieder in Havanna. Nun mach voran, Jim, ich bin vorhin erst angekommen und möchte noch etwas von dem Tag haben. Schließlich habe ich keine zehn Jahre lang Landurlaub. Voran, Jim!“

 

*

 

Ruben’s war das seinerzeit größte Kaufhaus von Kingston, ja von ganz Jamaika. Mehr als das, es war der Treffpunkt aller Leute, die zur See fuhren, die Handel trieben, die in irgendwelcher Weise ein Geschäft hatten, oder die sich ganz einfach sehen oder sprechen wollten. Im Ruben’s gab es eine Bar, und es gab eines der besten Restaurants von ganz Lateinamerika. Nicht weniger als achtzig Köche waren durchgehend an der Arbeit. Das Lokal konnte vierhundert Personen gleichzeitig beköstigen.

Im übrigen war Ruben’s einer der zuverlässigsten Ausrüster für Schiffe. Von der Schraube eines Dampfers bis zu den Blöcken für ein Vollschiff hatten sie im Ruben’s alles auf Lager. Und was sie nicht hatten, das wurde beschafft. Als einmal vor Jahren ein spleeniger amerikanischer Eisenbahnkönig auf seiner Jacht eintraf und sich in den Kopf gesetzt hatte, auf einer Stradivari Geige spielen zu müssen, gab es in ganz Jamaika keine Stradivari. So viele hatte der berühmte italienische Geigenbauer nicht hergestellt, dass sie in jeder Ecke der Erde zu haben waren. Ruben’s jedoch beschaffte das Instrument in Miami und ließ es von einer Jacht in einer Rekordfahrt nach Kingston bringen. Übrigens war der Kapitän, der die Stradivari aus Miami nach Kingston gesegelt hatte, kein anderer als Firebird Keene.

Und dieser Firebird Keene stand im Augenblick im sogenannten Store, wo die Ausrüster Proviant in kleineren Mengen bereit hielten und wo die Bestellungen aufgenommen wurden. Jetzt in der Zeit der Mittagssiesta war hier wenig Betrieb. Es hatten nur zwei Clerks Dienst und verpackten die von Eric Keene bestellten Waren. Er selbst lehnte an einem Regal und stopfte sich seine Pfeife.

In diesem Augenblick kamen sie herein. Sie waren zu viert. Alle vier trugen sie die Uniformen der Hafenpolizei. Weiße Mützen, blaue Anzüge mit goldenen Knöpfen wie Schiffsoffiziere. Einer der vier war jener Inspektor McKenzie. Diesmal hatte er keine Polizisten mitgebracht. Diesmal war er mit seinem Chef gekommen, mit Captain Wolfe, einem wahren Riesen von Mann, breitschultrig und mit Fäusten wie Vorschlaghämmer.

Die beiden Clerks hielten ahnungsvoll in ihrem Tun inne und schauten aus großen Augen auf die vier Männer.

Es gehörte für Eric nicht viel dazu, sich auszumalen, dass dieser Einmarsch ihm galt.

Mit Captain Wolfe hatte Eric schon manchen Strauß gefochten. Der Captain und Eric grinsten sich an, und dann fragte Eric erwartungsvoll:

„Was verschafft mir die Ehre, dass Sie dieses Empfangskomitee selbst anführen, Captain?“

Wolfe war ernst geworden. Er machte schmale Augen und musterte Eric prüfend. Dann donnerte er mit einer Bassstimme los, dass die Gläser in den Regalen zu klirren begannen:

„Wann haben Sie Black Tiger zum letzten Mal gesehen?“

Eric überlegte, verschränkte die Arme vor der Brust und sagte: „Ich glaube, das ist jetzt fünf Jahre her. Warum, Captain? Verzehren Sie sich vor Sehnsucht nach ihm?“

„Machen Sie keine blöden Witze. Ich bin nicht hierhergekommen, um mit Ihnen Späßchen zu treiben. Sie wollen mir doch nicht weismachen, dass Sie ihn seit fünf Jahren nicht gesehen haben. Hören Sie mir gut zu, Firebird! Die Erfinder unserer modernen Welt haben nicht nur Schiffe geschaffen, die mit Dampfantrieb übers Wasser fahren, sie haben auch etwas erfunden, was man allgemein Telegrafie nennt. Mit Hilfe dieser Telegrafie, lieber Freund, ist es möglich, dass Nachrichten zu mir gelangen, bevor Sie einen Hafen erreicht haben. Sie sind aus Maracaibo gekommen.“

„Natürlich, so habe ich es angegeben, als mein Schiff festgemacht worden ist.“

„Na also. Was sagen Sie dazu, dass vor sieben Tagen im Golf von Venezuela, also gar nicht weit von Maracaibo entfernt, der französische Dampfer GANNAT von Piraten Black Tigers geentert worden ist? Die Offiziere wurden umgebracht. Die übrige Besatzung, soweit sie sich nicht gewehrt hatte, in die Boote geschickt. Das Schiff selbst ist seitdem spurlos verschwunden. Und davon wollen Sie nichts wissen?“

„Nicht die Bohne“, erklärte Eric unbefangen. „Denn ich bin schon vor elf Tagen aus Maracaibo abgesegelt.“

„Aha“, meinte der Captain und verschränkte nun ebenfalls die Arme vor der Brust. Er begann auf den Absätzen zu wippen und sah, da er etwas größer war als Eric, auf den anderen herunter. „Nun ist es ja auch gar nicht so weit von dort. Sie brauchen keine elf Tage von da bis hierher. Vorhin sind Sie eingelaufen, da werden Sie mir sicher genauestens erklären können, wo Sie in der Zwischenzeit gewesen sind. Kommen Sie mir nur nicht damit, dass Sie schlechten Wind hatten. Er war für die aus Venezuela kommenden Schiffe so günstig wie nie. Er kommt schon seit drei Wochen aus Süden. Was wollen Sie mir jetzt sagen?“

„Was soll ich Ihnen sagen? Ich bin noch in Santo Domingo gewesen. Auch das kann ich nachweisen.“

„Hören Sie, Firebird, ich habe mir Ihre Ladepapiere angesehen. Sie hatten keine Fracht nach Santo Domingo.“

„Hatte ich nicht. Ich kann trotzdem fahren, wohin ich will. Es gab keinen Grund für mich, meine Ladung schnell hierher zu bringen. Sie war nicht eilig.“

„Was, zum Teufel, haben Sie in Santo Domingo gemacht?“

„Das geht Sie nichts an. Es gibt eine ganze Menge von Sachen, über die ich einfach mit niemandem rede. Mit Ihnen so wenig wie mit Ihrer obersten Herrin, Ihrer Majestät der Queen.“

Der Captain reagierte, als habe er nichts anderes erwartet.

„Nun gut“, sagte er, ließ die Arme sinken und hakte sie in den Gürtel ein. „Ich will Ihnen etwas erklären. Nach Auskunft der Leute, die in die Boote entlassen wurden und relativ schnell Verbindung mit den Behörden aufnehmen konnten, waren an der Geschichte zwei Schiffe beteiligt. Ein zweites Schiff hatte sozusagen zur Sicherheit weiter entfernt gelauert. Bei dem Enterkommando sind drei Männer ganz klar erkannt worden. Patrick Maringo genannt Black Tiger, der Führer dieser Piratenbande, dann sein überall bekannter und berüchtigter Steuermann Frisco und schließlich Redeye Johnson. Von zwei weiteren Männern, die sich besonders in ihrer Grausamkeit hervorgetan hatten, gibt es Beschreibungen. Eine trifft ziemlich genau auf Mumpy zu, die andere aber auf einen Mann, der Ihnen ähnlich sieht Verdammt ähnlich, wenn ich Sie mir so ansehe.“

„Womit habe ich soviel Ehre verdient?“, höhnte Eric.

„Durch Ihre Vergangenheit, mein Lieber. Sie haben zwar schon eine Menge Husarenstückchen geritten, für die viele Leute hier begeistert in die Hände klatschen, aber ich entsinne mich auch sehr genau der Geschichten, die außerdem am Rande passiert sind. Und wo wir gerade von Maracaibo gesprochen haben, da war doch vor einem halben Jahr auch ein ziemlicher Tanz, nicht wahr? Sie und Ihre Mannschaft haben doch da mehrere Kneipen zerlegt, nicht wahr?“

„Wirklich?“, fragte Eric in gespielter Ahnungslosigkeit.

Unbeirrt fuhr der Captain in seinem Bericht fort:

„Da war ein Polizeikorporal mit zwölf Männern, von denen mussten nachher vier ins Krankenhaus. Auch der Korporal bekam eine Menge ab. Er hat, wenn ich richtig unterrichtet bin, fast einen Monat im Hospital gelegen.“

„Kann sein“, gab Eric zu. „Der Korporal hieß übrigens Carpentero. Ich nehme an, er heißt heute noch so. Der Arzt hat ihn, soviel ich erfahren habe, sehr gut zusammengeflickt. Im übrigen hatte ihm der Polizeichef von Maracaibo Lopez geraten, uns in Ruhe zu lassen. Lopez ist der Ansicht, wenn Seeleute etwas unter sich auszumachen haben, dann sollen sie das tun. Aber dieser neunmalkluge Carpentero konnte es nicht lassen.“

„Und wie war es in Saint Johns?“, erkundigte sich der Captain.

„Saint Johns? Eine wunderbare kleine Stadt auf der Insel Antigua.“

„Das der britischen Krone untersteht, lieber Freund“, erinnerte ihn der Captain. „Und es war ein britischer Beamter, den Sie zusammengeschlagen haben.“

„Sie meinen diesen Spinner, der mir den Frachtlohn nicht auszahlen wollte, weil von zwölftausend Flaschen schottischem Whisky drei gefehlt haben.“

„Der Spinner, wie Sie ihn nennen, war, wie gesagt, ein Beamter der britischen Krone. Und Sie haben ihn so verprügelt, dass er von einem Arzt behandelt werden musste.“

„Ich hätte ihn mit auf See nehmen und kielholen sollen, aber schön langsam, damit er etwas davon hat, bevor er wieder an der anderen Seite an Deck geholt wird. Wissen Sie, Captain, was hinter uns gelegen hat? Für die verdammten zwölftausend Flaschen Whisky hatten wir eine Fahrt hinter uns von Glasgow bis Antiqua, die möchte ich meinem ärgsten Feind nicht wünschen. Die Leute im Hafen von Saint Johns haben sich auf die Schenkel geklopft vor Freude, als ich es diesem Hundesohn besorgt habe.“

„Das Marineamt Ihrer Britischen Majestät findet das aber weniger komisch, lieber Freund. Und das Marinegericht in England hat einen Haftbefehl auf Sie ausstellen lassen.“

Eric lachte schallend. „Nach einem Dreivierteljahr? Da haben die aber lange genug gebraucht. Donnerwetter! Nur gegen mich oder meine Mannschaft auch?“

„Nur gegen Sie.“

„Na wunderbar. Und was jetzt?“

Der Captain wippte immer noch auf seinen Absätzen, er hatte die Daumen in seinen Gürtel gehakt. Jetzt lächelte er grimmig.

„Ich habe mir etwas überlegt, Firebird. Es ist falsch, wenn man Leute wie Sie nach den Normen beurteilt, die für die übrige Gesellschaft gelten. Bei Ihnen wirkt auch die Medizin nicht, die Gerichte in solchen Fällen verabreichen. Es hat also keinen Zweck, Sie einzusperren oder so etwas. Sie würden sich nur wie ein Märtyrer vorkommen, und die Leute, die so etwas wie Sie bewundern, halten Sie für einen Helden. Ich habe mir etwas Besseres ausgedacht, etwas, das Burschen Ihresgleichen viel mehr zu schätzen wissen.“

Eric grinste erwartungsvoll. „Und das wäre?“ Er ahnte schon, was da gleich kommen würde. Und da sagte es der Captain schon:

„Ich habe mir gesagt, dass ich Sie so behandeln sollte, wie Sie diesen Beamten in Saint Johns behandelt haben. Ich werde Sie jetzt verprügeln und so grün und blau schlagen, dass Sie sich ein Leben lang an mich und all das erinnern, was Ihnen immer solchen Spaß gemacht hat, damit Sie einmal am eigenen Leibe erfahren, wie gut so etwas tut. Hier, McKenzie, nehmen Sie meinen Gürtel mit dem Säbel, den Rock ziehe ich auch noch aus.“

Eric war ehrlich überrascht. Er hatte es sich jetzt zwar zuletzt denken können, was kommen würde, aber es verblüffte ihn dennoch. Der Captain hatte eine ganz schöne Figur. Aber das war für Eric überhaupt kein Grund, diesen Kampf womöglich vermeiden zu wollen. Einer richtigen Schlägerei war er noch nie ausgewichen. Wenn es also kommen sollte, dann musste es sein.

„Nun gut“, sagte er. „Und wie sieht es aus. wenn ich mit Ihnen fertig werden sollte, Captain? Fallen dann diese drei über mich her?“

„Sehe ich aus wie ein Stinktier?“, fragte der Captain gekränkt. „Verdammt, Mann, ich bin Captain Wolfe und ich hoffe nicht, dass Sie eine Sekunde lang annehmen, ich könnte mich wie eine Klapperschlange benehmen.“

Unmittelbar nach dieser Feststellung legte er los. Er sprang mit einer Behändigkeit nach vorn, die einem so großen und schweren Mann so leicht niemand zugetraut hätte, aber er war unheimlich beweglich. Und das bewies er gleich am Anfang. Mit einer blitzschnellen Geraden erwischte er Eric an der Schulter. Der Stoß war so heftig, dass es Eric regelrecht im Kreis drehte. Aber noch in der Bewegung feuerte Eric zurück.

Aus der Drehung heraus landete er einen rechten Haken an Wolfes linker Schläfe und dann einen Rammer in die Lebergegend des Captains, wurde aber selbst von einem Volltreffer gegen die Brust bis gegen das Regal zurückgeworfen. Und dort wollte ihn Wolfe festnageln. Er ließ eine Gerade auf Eric los, und die kam mit der Rasanz eines Pferdehufes.

Im letzten Augenblick gelang es Eric auszuweichen.

Wolfes Rechte donnerte mit voller Wucht gegen das Holz des Regals. Das Holz splitterte, ein paar Dosen und Gläser fielen herunter. Glas zerschlug am Boden.

Eine Sekunde lang verzog Wolfe schmerzvoll das Gesicht und nahm die schützende Linke nach unten.

Als Eric das Gesicht des Gegners völlig deckungslos sah, feuerte er kurz hintereinander zwei Schläge, erst links, dann rechts, und er traf beide Male mit unheimlicher Wucht.

Der Schlag schlug Wolfes Kopf in den Nacken. Wolfe taumelte zurück, und Eric stieß auf der Stelle nach. Zwei Schläge links, einer rechts, dann noch ein Tiefschlag in die Lebergegend, ein Hammer mit Erics Rechter von oben auf die Mundpartie des Riesen. Und dann wurde der große schwere Mann gegen das gegenüberliegende Regal geschleudert.

Mit einem Satz sprang ihm Eric nach und wollte mit dem Captain dasselbe machen wie der vorhin mit ihm, indem er ihn an dem Regal festnagelte.

Aber er hatte den Captain unterschätzt. Der war nicht so angeschlagen, wie es schien, riss geistesgegenwärtig im letzten Augenblick das Knie hoch und Eric sprang regelrecht in dieses Knie hinein.

Dieser Schlag in den Unterleib nahm ihm die Luft. Ihm wurde schwarz vor Augen, er taumelte rückwärts und prallte nun seinerseits an das gegenüberliegende Regal.

Aber auch Wolfe war angeschlagen und musste Luft schöpfen. Doch er war schneller wieder fit als Eric. Langsam setzte sich der Riese in Bewegung, kam breitbeinig auf Eric zu.

Eric sah ihn nur wie durch einen Schleier, erkannte nur die Umrisse des Gegners, und da trafen ihn schon die ersten Schläge.

Er riss schützend beide Arme hoch und konnte so das Schlimmste verhindern. Aber nun überkam den Captain die Wut. Er drosch auf Erics Körper ein und erwischte gewollt oder ungewollt eine Stelle, die man als die empfindlichste beim Mann ansehen muss.

Eric schrie auf, nahm die Hände von oben, um den Unterleib zu schützen, und eine Schmerzwelle raubte ihm fast den Verstand.

Da holte der Captain zu einem alles beendenden Schwinger aus, mit dem er Erics Kopf treffen wollte.

Mehr instinktiv als bewusst zuckte Eric nach unten, und der Schwinger fauchte über ihn hinweg.

Vom eigenen Schwung nach vorn gerissen, flog der Riese auf Eric, prallte gegen ihn, und Eric riss nun ebenfalls das Knie hoch, stieß mit beiden Fäusten zu und setzte alle Kraft in diese Schläge.

Der Captain taumelte zurück, und wenn ihm jetzt Eric gefolgt wäre, hätte er kaum Widerstand erfahren. Aber Eric war dazu gar nicht imstande. Während der Captain rücklings gegen das Regal auf der anderen Seite prallte und dort benommen ein paar Sekunden verstreichen ließ, spürte Eric noch immer diesen wahnsinnigen Schmerz im Unterleib, der einfach nicht weichen wollte.

Wieder war es der Captain, der früher zum Kampf bereit war als Eric. Und abermals kam er breitbeinig angestampft.

Aber nun kehrten die Kräfte in Eric zurück. Er war von einer Wut erfüllt wie ein angeschossener Tiger.

Der Captain ahnte nichts von der inneren Verwandlung seines Gegners. Er hielt Eric für angeschlagen, schenkte sich jede Deckung und holte zu einem Schwinger aus.

Völlig unerwartet für Wolfe sprang Eric vor. Viel zu spät versuchte der Captain auszuweichen, aber Eric rammte ihn mit dem Kopf in den Bauch, stieß mit zwei Schlägen zu, und beide Männer stürzten über ein Fass, dass die Clerks im Gang abgestellt hatten.

Im Gegensatz zum Captain war Eric sofort wieder auf den Beinen. Der Captain versuchte sich noch aufzurappeln, da bekam er einen Schlag von Eric mit voller Wucht am Hals, dann eine Linke auf die. Nase, und ehe er die Hände hoch bekam, traf ihn Eric ein drittes Mal.

Wolfe bekam einen weiteren Schlag in die Magengrube, taumelte rückwärts und stolperte ein zweites Mal über das Fass, konnte sich aber auf den Beinen halten, lief aber, um die Balance zu halten, rückwärts. Und dann prallte er am Ende des Ganges gegen ein Querregal, das von unten bis oben mit Flaschen gefüllt war.

Unter der Wucht des Anpralls brach das Regal zusammen. Flaschen ergossen sich von allen Seiten über den Captain.

Wolfe brüllte auf, als er in die Scherben geriet, und zugleich erfüllte eine Wolke von Alkohol und Brandygestank den ganzen Raum.

Ein Teil des Regals stand noch. Als sich Wolfe mit urigem Gebrüll auf die Beine erheben wollte und sich halbwegs aus diesen Trümmern herausgearbeitet hatte, kam vom obersten Bord des noch stehenden Teils eine einzelne Flasche herunter und knallte Wolfe mit voller Wucht auf den Schädel.

Mit einem Ächzen sackte Wolfe in die Trümmer zurück.

Überrascht starrte Eric auf den reglos liegenden Captain, dann wischte er sich die Hände ab und fuhr sich mit dem Unterarm über die schweißnasse Stirn und wandte sich dann um. Der Inspektor und die beiden anderen Hafenpolizisten standen wie Denkmäler. Völlig fassungslos blickten sie auf ihren Chef.

Die beiden Clerks, beides Schwarze, tauchten jetzt zwischen den Regalen auf und sahen mit Bestürzung auf dieses Bild der Zerstörung.

„Ich nehme an, dieser Gentleman dort möchte die Rechnung bezahlen für das, was passiert ist.“ Eric machte eine Kopfbewegung auf den reglos liegenden Captain zu und sagte dann:

„Wenn ihr die Sachen für mich fertig habt, schickt sie mir zur DOOLEY. Sie liegt an der vierten Pier. Der Bursche, der die Rechnung bringt, erhält von mir an Bord das Geld.“

Eric wollte sich abwenden und gehen.

„Stopp!“, brüllte in diesem Augenblick Inspektor McKenzie. „Sie glauben doch nicht im Ernst, dass wir Sie gehen lassen.“

Eric lachte zornig auf. „Aha, also ist er doch ein Stinktier, eine Klapperschlange.“

„Sie irren sich“, erklärte McKenzie, „allerdings irren Sie sich nur, wenn er noch lebt. Er wandte sich einem der beiden neben ihm stehenden Polizisten zu und sagte: „Sieh nach, ob er noch lebt.“

Der Mann trat neben Wolfe, beugte sich über ihn und untersuchte ihn.

„Er lebt, aber er ist zerschnitten wie Endiviensalat. Ich glaube, wir sollten den Doktor holen. Los, Bill, hilf mir, ihn aus den Trümmern zu ziehen.“

McKenzie steckte seine Dienstpistole wieder ins Holster und sagte mit knarrender Stimme:

„Kraft meines Amtes als stellvertretender Chef der Hafenpolizei erkläre ich Sie für unerwünscht in dieser Stadt und in diesem Hafen. Ich fordere Sie auf, innerhalb von zwei Stunden diese Stadt und im Laufe des heutigen Tages mit Ihrem Schiff den Hafen zu verlassen. Wenn Sie länger da sind, lasse ich auf Sie schießen.“

 

*

 

Der Doktor war ein mittelgroßer, grauhaariger Mann mit einem goldenen Kneifer, einem Spitzbart und immerzu rot unterlaufenen Augen.

In Kingston war man sicher, dass es auf der ganzen Erde keinen Menschen gab, der mehr Alkohol vertragen konnte als der Doktor. Und dass niemand in der Lage war, einen Verletzten besser zusammenzuflicken als er. Auf beide Superlative war der Doktor ungemein stolz.

Jetzt stand er, in der Linken eine Flasche mit Tinktur, in der Rechten einen Tupfer, und sah sich das Werk an, das er eben vollbracht hatte.

„Wenn man Sie so sieht“, erklärte er mit krächzender Stimme und grinste dann den verschwollen dreinblickenden Wolfe an, der da vor ihm lag, „könnte man Sie nehmen, um unartige Kinder zu erschrecken. Aber es hat schon Schlimmeres auf der Welt gegeben. Immerhin haben Sie eine handfeste Gehirnerschütterung.“

McKenzie, der am Ende des Operationstisches stand, auf dem der splitternackte Wolfe lag, fragte besorgt :

„Und wie lange, meinen Sie, braucht er, bis er wieder richtig gesund ist?“

Der Doktor stellte die Desinfektionstinktur beiseite, strich sich über seinen Spitzbart und sah auf die unzähligen Schnittwunden des Captains und erklärte:

„Er hat eine Gehirnerschütterung, das Nasenbein ist gebrochen und die Schwellungen und Schnittwunden wären auch nicht zu verachten. Wie ich es mir so ansehe, würde ich bei einem normalen Menschen sagen, vier Wochen sind das mindeste. Bei einem Burschen wie ihm kommt man mit der Hälfte aus. Aber die muss er unbedingt haben.“

Der Captain, der kaum aus seinen Augen sehen konnte, schielte auf den Doktor und dann auf McKenzie. „Na ja, wenn es nicht anders geht, dann einen Tag im Bett, und morgen bin ich wieder im Hafen. Firebird war nicht schlecht, was?“

McKenzie nickte schmerzlich. „Er war zu gut, viel zu gut, Captain.“

Der Captain tastete vorsichtig in seinem Gesicht herum. „Ist außer der Nase sonst noch etwas gebrochen?“

„Sonst nichts“, erwiderte der Doktor, „aber Sie haben eine Gehirnerschütterung. Und eine Gehirnerschütterung braucht Ruhe, Captain.“

„Wenn ich mal mehr Zeit habe, soll sie die Ruhe bekommen.“ Wolfe versuchte sich aufzurichten.

„Sie sind verrückt! Sie müssen ruhig liegen. Sie können einen Infarkt bekommen.“

„Einen was?“, erkundigte sich der Captain grollend.

„Ach, was rede ich denn. Solche Leute wie Sie, die muss man noch totschlagen, wenn sie gestorben sind.“

„Reden Sie kein Blech, Doktor. Helfen Sie mir von diesem Tisch herunter. Sie haben Ihre Sache großartig gemacht und alles zusammengenäht, und damit hat es sich. Überlassen Sie das mit dem Gesundwerden mir. Meine Natur und ich, wir beide machen das schon. Los, helfen Sie mir vom Tisch herunter, damit ich nach Hause komme. Und außerdem habe ich einen unverschämten Durst. Und wie ich Sie kenne, haben Sie keinen Tropfen mehr im Haus.“

Er hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. Der Doktor wartete ja schon auf sein Honorar und hielt, als wären Wolfes Worte eine Aufforderung dafür gewesen, dem Captain die Hand entgegen.

„Greifen Sie einem Nackten in die Taschen“, meinte Wolfe grinsend. „Ich muss mich erst mal anziehen. McKenzie wird es solange auslegen.“

Jeder in Kingston kannte den Doktor. Sobald er ein Honorar hatte, wurde das auf der Stelle in Brandy oder Whisky umgesetzt. Rum, der hier so billig war, wurde vom Doktor verschmäht. Den trank er nur in ausgesprochenen Notfällen.

So verließ der Doktor noch vor seinem Patienten die Praxis. Indessen brachte McKenzie mit Hilfe der beiden anderen Hafenpolizisten den schwer angeschlagenen Chef in einem Zweispänner zurück zur Hafenwache.

Während sie noch im Wagen fuhren, meinte McKenzie vorwurfsvoll: „Sie haben sich da in etwas, eingelassen, Captain. Wenn Firebird Sie jetzt sehen könnte, der würde sich vielleicht freuen.“

„Und ihm sieht man nichts an?“, fragte der Captain zweifelnd.

„Nicht viel. Er ist jedenfalls bolzengerade aus Ruben’s herausgegangen. Das Schlimmste bei Ihnen waren ja die Flaschen.“

„Ach, zum Teufel, das mit der Nase habe ich von ihm direkt bekommen.“

„Sie hätten ihn festnehmen, sollen. Warum, zum Teufel, haben Sie sich auf so etwas eingelassen? Das sind doch wilde Tiere. Diese Kerle kann man doch nicht mit Fairness ...“

Der Captain machte eine müde abwehrende Handbewegung.

„Hören Sie auf, McKenzie, Sie werden diese Leute nie verstehen. In Ordnung, es ist schiefgegangen, aber es tut mir nicht leid. Irgendwann bügle ich das bei ihm wieder aus. Er hat unheimliches Glück gehabt, dass ich in dieses verdammte Regal gesegelt bin. Aber wie gesagt, es ist noch nicht aller Tage Abend, den greife ich mir noch.“

„Ich kann Sie wirklich nicht verstehen, Chef. Es klingt noch so, als bewunderten Sie diesen Burschen.“ Wolfe versuchte zu grinsen. Aber mehr als eine Grimasse wurde bei seinem geschwollenen Gesicht nicht daraus.

„Tue ich auch, McKenzie, tue ich wirklich. Bewundern ist vielleicht der falsche Ausdruck, aber ich muss ihn achten. Genau wie er mich achtet. Er ist ein Teufelskerl. Natürlich machen solche Burschen wie er allen Hafenpolizisten dieser Welt Ärger. Nicht nur, dass sie Kneipen zerschlagen und sich bei jeder Gelegenheit herumprügeln, er hat auch schon eine Menge gute Sachen gemacht, die ein anderer nie gewagt hätte. Ich kenne ein Dutzend Geschichten, die auf sein Konto gehen, gute Geschichten. Und immer war er strahlender Sieger.“

„Immerhin gibt es einen Haftbefehl gegen ihn. Sie haben es vorhin selbst zu ihm gesagt. Einen Haftbefehl der Admiralität Ihrer Britischen Majestät.“

„London ist weit. Was wissen die von diesem Idioten in Saint Johns. Wenn Sie mich fragen, McKenzie, so unter uns: Ich hätte ebenso gehandelt wie Firebird. Ich hätte diesen Schwachkopf, der mir wegen drei Flaschen Whisky den Cargo nicht bezahlen will, ebenso zusammengeputzt, wie das Firebird gemacht hat. Nach so einer Teufelsfahrt, wie sie hinter ihm lag.“

„Und was ist mit der GANNAT?“

„Da bin ich mir unschlüssig. Es kann sein, dass es stimmt, was er sagt. Schon manchmal hat Firebird die verrücktesten Dinge getan. Ist gewaltige Umwege eines Mädchens wegen gefahren. Es kann natürlich auch sein, dass es die DOOLEY war, die als zweites Schiff auf der Lauer gelegen hat, und dass er selbst bei dem Überfall auf die GANNAT mitgewirkt hat. Kann sein, kann nicht sein.“

„Mich würde es jedenfalls nicht wundern“, erklärte McKenzie, „wenn Black Tiger und seine Piraten hier eines Tages frisch und fröhlich auftauchen.“

Der Captain lachte leise. „Und das Verrückte dabei ist, dass es gegen Black Tiger selbst keinen Haftbefehl gibt. Redeye Johnson und Frisco, die könnten wir festnehmen, die haben sich schon in unseren Häfen einiges zuschulden kommen lassen. Aber das, was mit der GANNAT passiert ist, müsste ein Gericht in Venezuela aburteilen. Wir können ihn festnehmen und ausliefern. Aber von uns zum Beispiel wird Black Tiger gar nicht gesucht, obgleich wir alle wissen, dass er der Kopf einer Piratenbande ist.“

„Und weil er weiß, dass hier im Grunde nichts gegen ihn vorliegt“, behauptete McKenzie, „er aber nicht ahnt, dass wir telegrafisch von Venezuela aus informiert worden sind, was sich dort ereignet hat, nehme ich an, er wird demnächst hier aufkreuzen. Vielleicht schon sehr bald.“

 

*

 

Die Schoneryacht DOOLEY gehörte zu den schnellsten Schiffen, die es in ganz Westindien gab. Im Augenblick lag sie vor Portland Point.

Sie dümpelte im ruhigen Wasser mit gerefften Segeln in glühender Sonne. Bis zum Ufer war es nicht sehr weit. Etwa drei Kabellängen. Wenn sich Eric Mühe gab, konnte er die Aufschrift auf dem Leuchtturm von Portland Point erkennen.

Von hier aus waren es bis Kingston etwa siebenunddreißig Seemeilen. Kingston konnte Eric nicht mehr anlaufen. Aber er brauchte Ladung. Diese Ladung stand in Kingston bereit. Eintausendzweihundert Fässer hochprozentigen erstklassigen Jamaika-Rum. Eric hatte sie auf eigene Rechnung gekauft und wollte sie nach Dänemark segeln. Da die Einfuhrzölle und die Spirituosensteuer in Dänemark astronomisch hoch waren, zahlten die Importeure heimlich für schwarz gelieferte Ware Spitzenpreise. Damit war der Verdienst für Eric zwanzig Mal so hoch, als bekäme er nur den reinen Frachtpreis.

Um diesen Rum an Bord nehmen zu können, hätte Eric entweder nach Kingston fahren müssen, und dort wäre sein Schiff an die Kette gekommen und er selbst ganz sicher in gesiebte Luft.

Eric war deshalb einen anderen Weg gegangen. Er hatte bis auf Pretty Joe, einen Schwarzen, die übrige sechsköpfige Besatzung an Land geschickt, damit sie mithalf, eine Ketsch mit den tausendzweihundert Fässern Rum zu beladen. Die Ketsch würde dann die Fracht von Kingston zum Ankerplatz der DOOLEY bringen. Und darauf wartete Eric.

Seiner Berechnung nach konnte die Ketsch aber nicht vor morgen Abend hier sein. Darauf aber musste Eric warten.

Dass alles wesentlich anders kommen würde, als von ihm geplant, ahnte er nicht.

Er lag auf dem Achterdeck unter einem Sonnensegel, hatte vorhin gelesen und blinzelte jetzt schläfrig hinüber zur Küste. Eine leichte Brise wehte von See her.

Irgendwann, dachte Eric, als er zur Küste hinsah, werde ich da drüben ein Haus bauen, werde dort leben, statt auf dem Meer herumzukreuzen, um mir, wohin ich auch komme, immer mehr Ärger wie Läuse in den Pelz zu setzen. Es muss einmal Schluss sein damit. Eine Frau nehmen, Kinder haben, etwas aufbauen.

Er lachte leise vor sich hin. Pretty Joe kam von mittschiffs aus der Back mit einem Tablett, auf dem eine silberne Teekanne in der Sonne glitzerte.

Der Schwarze war ein schlanker, muskulöser Bursche, dessen nackter Oberkörper in der Sonne wie Bronze glänzte.

Lautlos näherte sich Pretty Joe auf nackten Sohlen. Er glaubte wohl, dass Eric schliefe, als er aber sah, dass er die Augen offen hatte und ihm entgegenblickte, meinte er lächelnd:

„Ich bringe den Tee, Käpt’n.“

„Stell ihn hierhin und setz dich zu mir, Joe.“

Der Schwarze grinste erfreut, setzte das Tablett ab und schenkte Eric ein.

„Ich habe eben gedacht, Joe, dass es gut wäre, sich da drüben an der Küste ein schönes weißes Haus zu bauen, eine Frau und einen Garten zu haben und glücklich zu sein. Was meinst du dazu, Joe?“

Das Gesicht des Schwarzen wurde auf der Stelle traurig.

„Ich weiß nicht, Käpt’n. Meine Mutter sagte immer, wenn ein Mann von einem Hausbau spricht, fängt er an, alt zu werden.“

„Aber ich bin doch nicht alt, verdammt noch mal!“

Pretty Joe zuckte die Schultern. Dann blickte er an Eric vorbei hinaus auf See. „Ich glaube, das ist die VOLTA. Es sieht so aus. Nehmen Sie doch das Fernglas, Käpt’n.“

Eric sah sich suchend um, entdeckte aber das Fernglas nicht und sah dann in die Blickrichtung von Pretty Joe. Da erkannte er ebenfalls den Zweimastschoner, der in etwa vier Kabellängen vorbeifuhr.

„Hier ist das Glas!“, rief Pretty Joe und reichte Eric das Fernglas, das am Kompass gehangen hatte.

Eric stellte es ein und sah das Schiff deutlicher. Ein schwarzes Schiff und vorne am Bug der Name VOLTA.

„Es ist nicht zu fassen. Ob er sich einbildet, dass die in Kingston keine Ahnung haben?“

„Vielleicht sollten wir ihn warnen.“

„Nein, Pretty Joe“, widersprach Eric, „so weit geht meine Liebe nicht. Ich bin früher einmal sein Freund gewesen, wir haben uns gut verstanden und manche Sache gemeinsam gemacht. Aber das waren ordentliche, anständige Sachen. Ich gebe zu, wir haben auch einmal da und dort eine Kneipe zerlegt oder einen anderen Streich gespielt, aber es ist nie bösartig gewesen. Aber jetzt ist Black Tiger ein Pirat, verstehst du? Und die VOLTA ein Piratenschiff, da ist der Unterschied. Wir werden gar nichts tun. Er wird nach Kingston fahren, und das geht uns nichts an. Wir werden ihn nicht verraten, und wir werden ihn nicht warnen. Aus dieser Geschichte halten wir uns heraus.“

Der Schwarze nickte. „Sie haben recht, Kapt’n. Man sollte klug sein.“

„Er fährt nach Kingston“, meinte Eric gedankenverloren, „und stört sich an nichts. Mich wollte Wolfe am liebsten an die Kette legen. Wenn es nach diesem McKenzie gegangen wäre, diesem ausgemergelten alten Polizeihund, dann müsste ich jetzt schon gesiebte Luft atmen in irgendeinem der Drecklöcher, die sie in Kingston haben. Und Black Tiger tut, als hätte es den Telegrafen nie gegeben.“

„Ich glaube, sie suchen ihn gar nicht in Jamaika.“

„Sie suchen ihn nicht, sie suchen ihn nicht“, äffte Eric den Schwarze nach. „Natürlich suchen sie ihn, nehmen ihn fest und übergeben ihn den Leuten in Venezuela. Und dort werden sie ihn hängen.“

„Aber es gibt keinen Steckbrief in den britischen Kolonien von Black Tiger.“

„Nein, den gibt es nicht. Aber es gibt Steckbriefe von RedeyeJohnson, Frisco, von Mumpy und von noch ein paar Leuten, die alle zu Black Tigers Mannschaft zählen. Und die allesamt da drüben auf der VOLTA sind. Da haben sich einige Galgenstricke versammelt. Das sind richtige Piraten. Black Tiger ist erst einer geworden. Er war früher schwer in Ordnung. Schade, ein prächtiger Bursche. Aber so ändern sich die Menschen.“

„Ach was, Käpt’n, wenn die Ketsch kommt, übernehmen wir die Ladung, segeln nach Dänemark und dann können sie ja alle tun, was sie wollen.“

„Genau so ist es, Pretty Joe. Und jetzt hol dir noch eine Tasse und setz dich zu mir. Mir schmeckt der Tee viel besser, wenn ich ihn nicht allein trinke.“

 

*

 

Drei Dinge wurden für die kommenden Ereignisse äußerst bedeutungsvoll.

Erstens wusste man in Kingston nicht, dass Black Tiger bei seinem Überfall auf die GANNAT die VOLTA als Piratenschiff benutzt hatte. Der Beschreibung nach, die von den Augenzeugen abgegeben worden war, sollte es sich angeblich um eine einmastige Yacht handeln. Tatsächlich hatte Black Tiger während des Überfalls auf die GANNAT den Besanmast und die dazugehörige Takelage vorübergehend entfernen lassen. Solche Verwandlungskünste hatten ihm oft genug dazu verholten, die Verfolger zu narren. Das war also der erste Grund, warum man in Kingston die VOLTA nicht sofort als Piratenschiff erkannte.

Ein zweiter Umstand war das Eintreffen von Gilbert de Bouchard und seiner Tochter Yvonne unweit der Pier, an der die VOLTA anlegte.

Gilbert de Bouchard war ein vermögender Pflanzer, einer der reichsten Männer der Insel. Und obgleich er französischer Abstammung war, fühlte er sich als ein treuer Untertan der britischen Krone. Er war ein großer stattlicher Mann mit silbernen Schläfen, einem martialischen Schnurrbart und tadellos mit grauem Zylinder und grauem Anzug bekleidet. Lässig stützte er sich auf den silbernen Knauf seines Ebenholzstockes und blickte wie ein Eroberer über das bunte Bild des Hafens.

Seine dunkelhaarige bildhübsche Tochter trug einen breiten Florentinerhut und ein weißes, mit gelben Blumen verziertes Kleid. Sie saß auf einem der großen Reisekoffer und fächelte sich mit einer Zeitung etwas kühlere Luft zu.

Eine Steinwurfweite von der eben festmachenden VOLTA entfernt, hatte der schneeweiße, britische Überseedampfer SOUTHAMPTON festgemacht.

Gilbert de Bouchard und seine Tochter wären schon längst an Bord gegangen, aber man hatte eben erst die Gangway ausgebracht, und gleich würden Leute kommen und das Gepäck holen.

Der dritte bedeutende Umstand, der für die kommenden Ereignisse bedeutsam sein sollte, war die Besessenheit von Inspektor McKenzie, Firebird dabei zu erwischen, dass der versuchte, trotz des Verbots, mit seinem Schiff wieder in den Hafen zu kommen. Aus diesem Grund hatte der Inspektor die Männer der Hafenpolizei überall angewiesen, bei einlaufenden Schiffen darauf zu achten, dass sich nicht auf einem von ihnen Firebird Keene befand und an Land ging. Denn McKenzie traute es diesem Teufelskerl zu, dass der irgendwo auf See ein anderes Schiff enterte und dann schnurstracks in den für ihn verbotenen Hafen zurückfuhr. Denn auch McKenzie konnte sich denken, dass Firebird Ladung brauchte. Und er nahm an, dass der sich diese Ladung erst noch beschaffen musste. Von den tausendzweihundert Fässern Rum wusste er nichts. Und auch nicht davon, auf welche Weise Firebird Keene diese Ladung zu seinem Schiff bringen ließ. Deshalb achtete auch niemand auf die Ketsch, die in einem anderen Teil des Hafens mit eben diesem Rum beladen wurde.

Aber die Wachsamkeit von McKenzies Leuten führte dazu, dass Black Tiger, Redeye Johnson und Frisco schon zu einem Zeitpunkt entdeckt wurden, als sie gerade fünfzig Schritt weit von ihrem Schiff die Pier entlang gegangen waren. Sie befanden sich gar nicht weit von den wartenden Bouchards entfernt, als das geschah, wovon alles eingeleitet werden sollte.

Dass zu alledem noch McKenzie selbst in allernächster Nähe weilte, war gewiss kein Zufall. Denn er hatte auch die VOLTA einlaufen sehen, und es war genau die Art Schiff, von der er rein instinktiv annahm, dass damit auch ungesetzliche Dinge erledigt wurden. Alle kleineren Schiffe von denen, welche unter Segeln fuhren, hielt McKenzie für potentielle Schmuggler. Und schon deshalb erregte die VOLTA seine Neugier.

McKenzie hatte Black Tiger und seine Begleiter noch nie im Leben gesehen, aber er kannte die Beschreibung so gut, dass er auf der Stelle begriff, wer da mit frecher Selbstverständlichkeit anmarschiert kam.

Black Tiger war kleiner als seine beiden Begleiter, aber er hatte seinen Namen zu Recht. Pechschwarze Haare und das für ihn typische schwarze Halstuch, das er immer trug, wovon sein Name herrührte. Er trug eine weiße Jacke, weiße Hosen und derbe Seemannsstiefel. Die Jacke war ausgebeult, und es sah so aus, als trüge er darunter eine Waffe.

Sein Begleiter zur Rechten war ein bulliger Mann mit einem schiefen Gesicht. Das eine Auge sah aus, als läge es tiefer als das andere. Der rechte Mundwinkel war tief heruntergezogen, die Nase wirkte zerschlagen. Es war die Beschreibung, die auf den in mehr als dreizehn Staaten gesuchten Piraten Frisco passte. Frisco war Amerikaner.

Auf der anderen Seite von Black Tiger ging ein Mann, der älter war als Black Tiger und Frisco. Er sah eigentlich gar nicht aus wie ein Pirat, und trotzdem wurde er an vielen Küsten gesucht. Er hatte, und daher rührte sein Name, ein Muttermal neben dem rechten Auge. Und deshalb nannten sie ihn Redeye Johnson.

McKenzie hatte sie also alle drei erkannt. Und trotzdem zögerte er noch zu handeln. Das war keine Feigheit von ihm. Im Gegenteil, er musste seine Wut bezwingen, die ihn veranlasst hätte, vorschnell etwas zu unternehmen.

Da war noch ein vierter. Der ging ein Stück hinter den anderen und war aber ebenfalls von der VOLTA gekommen. Ein großer, mit gesenktem Kopf gehender Mann, mit Fäusten, wie sie McKenzie nur bei Captain Wolfe kannte. Die ganze Haltung dieses Mannes ließ McKenzie sofort an einen Schläger denken. Und damit glaubte er auch zu wissen, wer dieser Bursche sein könnte. Da gab es einen Hinweis, der ebenfalls in diesem Telegramm aus Maracaibo erwähnt wurde: einen Burschen, der als Mumpy bekannt sein sollte. Mumpy war jung. Als er sein Gesicht jetzt ein wenig hob und die Sonne darauf fiel, kam er McKenzie dümmlich vor.

McKenzie hatte seinen Polizisten Bill etwa zehn Schritt vor sich. Bill war den Piraten näher als McKenzie selbst. Etwa auf gleicher Höhe mit Bill befanden sich Yvonne de Bouchard und ihr Vater.

McKenzie löste die Schlinge von seinem Pistolenholster, zog die Waffe heraus und lief auf die drei sich nebeneinander nähernden Piraten zu, die jetzt ungefähr seinen Polizisten erreicht hatten.

„Halt, stehenbleiben, Hände hoch!“, schrie McKenzie.

Der Polizist, von dem Ruf seines Vorgesetzten überrascht, drehte sich verblüfft um, statt seinerseits etwas zu unternehmen.

Diese Zeit reichte Black Tiger völlig aus. Er handelte so schnell, dass es mit bloßem Auge kaum zu verfolgen war. Und alle vier Männer, die da kamen, reagierten, als hätten sie mit diesem Geschehen vorher gerechnet und ihr Handeln lange einstudiert.

Frisco fiel mit einem Satz den Polizisten an, der sich ihm gerade wieder zuwenden wollte und schlug ihn nieder, bevor der überhaupt dazu kam, zu seiner Waffe zu greifen oder sonst etwas zu tun.

Redeye Johnson hielt plötzlich einen Revolver in der Hand, sprang damit auf Gilbert de Bouchard los und rammte dem Verblüfften die Mündung des Revolvers in den Bauch.

Yvonne de Bouchard schrie auf. Ihr Vater versuchte trotz der Bedrohung Redeye Johnson abzuwehren, schlug nach ihm und wollte die Mündung des Revolvers beiseitestoßen.

Da drückte Redeye Johnson ab.

Der Schuss fuhr de Bouchard in die Hüfte.

Yvonne de Bouchard schrie gellend auf und klammerte sich an ihren wankenden Vater.

Zur gleichen Zeit flog Black Tiger mit einem Satz auf McKenzie zu. McKenzie war ein mutiger Mann, aber er hatte nicht die mindeste Chance gegen einen durchtrainierten Kämpfer wie Black Tiger. Bevor er noch mit seiner Pistole zum Schuss kam, hatte ihm die Black Tiger mit dem Kolben seines Revolvers aus der Hand geschlagen und setzte mit einem zweiten Hieb den Inspektor völlig außer Gefecht. Halb bewusstlos fiel der Inspektor auf die Knie.

Der Schrei Yvonne de Bouchards und die Schüsse alarmierten andere Hafenpolizisten, die von weiter drüben angelaufen kamen.

In diesem Augenblick griff Mumpy in das Geschehen ein. Er, auf den niemand geachtet und den McKenzie für dümmlich gehalten hatte, war derjenige, der jetzt die Situation völlig überblickte.

Denn plötzlich hatte er Yvonne entdeckt, war von hinten auf sie zugesprungen, hatte sie an sich gerissen und bedrohte sie jetzt mit einem kurzläufigen amerikanischen Revolver.

„Zum Schiff, zum Schiff!“, schrie Black Tiger, schlug McKenzie nieder, packte ihn unter der Schulter und schleifte ihn hinter sich her.

Yvonne de Bouchard, die gellend schrie, wurde von dem zwei Kopf größeren Mumpy mitgezerrt, obgleich sie sich heftig wehrte und nach ihm trat.

Ihr Vater, von dem Schuss schwer verletzt, war zu Boden gestürzt und konnte nichts unternehmen, um seiner Tochter zu helfen.

Niemand war im Augenblick imstande, etwas gegen die Piraten zu tun.

Yvonne kreischte, ihr Haar flatterte, ihr Gesicht war tiefrot vor Empörung und Angst. Sie schlug um sich, biss nach Mumpys Händen, aber er hielt sie fest an sich und brüllte der Menge zu, die jetzt von der Stadt her auf die Pier zulief:

„Ich bringe sie um, wenn ihr näherkommt! Ich bringe sie um!“

In diesem Augenblick trat etwas in Aktion, womit niemand gerechnet hatte.

Vor den Piers lag das Küstenschutzboot EAGLE. Irgendwie hatte man an Bord der EAGLE das Geschehen verfolgen können. Und jetzt, da die Piraten sich zur VOLTA zurückziehen wollten, versuchte man auf der EAGLE einzugreifen und feuerte einen Schuss ab. Einen Schuss auf die VOLTA.

Wie sich später herausstellen sollte, hatte der Kommandant der EAGLE die Beschreibung des Piratenschiffes anders gedeutet als McKenzie und seine Leute. Für ihn war die VOLTA von Anfang an verdächtig gewesen. Und deshalb hatte er sich ihr auch genähert.

Aber damit wurde nichts besser.

Der Schuss des Kanonenbootes hatte eine schlagartige Wirkung. Rein zufällig war der Munitionsraum der VOLTA getroffen worden.

Eine gewaltige Stichflamme zuckte plötzlich mittschiffs bis weit über die Mastspitze der VOLTA empor, ein donnernder Schlag erfolgte. Von dem davon ausgelösten Luftstoß wurden Black Tiger und seine flüchtenden Begleiter fast umgerissen.

Die Druckwelle warf auch ein paar von denen zu Boden, die trotz aller Bedrohung versucht hatten, den Piraten zu folgen.

Die VOLTA brach in der Mitte auseinander und sank rasch.

Drei Männer, die sich achterschiffs befanden, sprangen über Bord. Black Tiger aber blieb stehen und begriff, dass sie eine zweifache Möglichkeit hatten, sich aus dieser Lage zu retten. Er hatte McKenzie, und Mumpy besaß Gewalt über eine bildhübsche junge Frau.

Sie standen beieinander, und Black Tiger überlegte noch einen günstigen Ausweg, als sich von der Stadt her Captain Wolfe näherte. Gezeichnet von dem Kampf mit Keene, ging der bullige Wolfe ein wenig schwerfällig.

Captain Wolfe hielt die Hände leicht erhoben, damit Black Tiger und seine Männer nicht auf falsche Gedanken kommen würden. Er ging noch immer langsam auf die Gruppe zu und befand sich jetzt in Höhe des schwerverletzten de Bouchard, um den sich bereits jemand kümmerte.

Noch immer schrie Yvonne de Bouchard und versuchte sich loszureißen, aber Mumpy hielt sie mit seinen Fäusten wie mit Stahlklammern fest.

Indessen war das Küstenwachboot noch dichter an die versenkte VOLTA herangekommen. An Bord standen Männer des Küstenschutzes mit Gewehren und bedrohten die drei Schwimmer der VOLTA, die sich an einem in der Nachbarschaft liegenden Schiff festgeklammert hatten.

Unter der Bedrohung der Gewehre wagten die drei nicht weiterzuschwimmen. Das Küstenwachboot kam längsseits und nahm die drei an Bord.

Black Tiger und seine Männer nahmen davon nichts wahr. Es geschah hinter ihrem Rücken. Sie achteten nur vorn auf Captain Wolfe.

„Hör zu, Captain, was ich verlange: ein Boot, das uns hier wegbringt!“

Wolfe, dem noch sehr deutlich die Spuren des Kampfes mit Firebird Keene anzusehen waren, stand da und hatte die Daumen in seinen Gürtel gehakt, wippte auf den Absätzen, genau wie vor dem Kampf mit Firebird Keene. Dann sagte er mit dröhnender Bassstimme:

„Was darf’s denn sein? Vielleicht da drüben dieses Luxusschiff? Zuerst einmal lass die Frau los! Das ist die Voraussetzung aller Verhandlungen!“

„Du bist ein Idiot, Captain!“, erwiderte Black Tiger. „Wir lassen niemanden los, weder die Frau noch deinen Inspektor. Das sind unsere Lebensversicherungen, und du weißt es genau. Aber einer von beiden wird sterben, wenn wir nicht innerhalb von fünf Minuten ein Schiff haben, das uns herausbringt, und ich verlange ein kleines Schiff, ich brauche keins mit einer Besatzung.“

„In Ordnung. Dies alles geschieht, wenn du sofort die Frau loslässt.“

„Irrtum, Captain, sie wird nicht freigelassen. Ich werde euch später mitteilen, wie es weitergeht.“ Er wandte sich zur Seite. „Mumpy, nur keine falschen Rücksichten. Es ist ihr Pech, dass sie eine Frau ist, und wir wollen nicht gehenkt werden. Verdammt noch mal, ich möchte wissen, was diese Kerle mir hier vorwerfen.“

„Es ist ganz einfach“, erklärte Captain Wolfe. „Wir werfen dir ebenso Piraterie vor wie den Burschen an deiner Seite, die hier steckbrieflich gesucht werden. Aber dich sucht man auch jetzt. Du denkst vielleicht, wir haben von der GANNAT noch nichts gehört. Dein Pech, wenn du die technischen Errungenschaften dieses Jahrhunderts noch nicht kennst!“

„Reiß nur dein Maul nicht so weit auf, sonst knallt’s!“, fauchte ihn Black Tiger an. „Das Boot jetzt! Los, Tempo! Ich zähle bis hundert. Mehr Zeit gebe ich euch jetzt nicht mehr. Was du vorhast, kann ich mir denken. Aber daraus wird nichts. Die beiden gehen drauf.“

Schräg hinter Captain Wolfe hatten die Helfer den schwerverletzten de Bouchard auf eine Trage gelegt. Die Männer hätten ihn schon längst weggeschafft, aber er verlangte, dass sie warten sollten, und schrie dem Captain zu: „Sorgen Sie dafür, dass ihr nichts geschieht! Haben Sie gehört? Sorgen Sie dafür! Ich bin Gilbert de Bouchard. Der Gouverneur ist mein Freund. Ich verlange von Ihnen, dass Sie auf ihr Leben Rücksicht nehmen!“

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738913118
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (September)
Schlagworte
heldenhafte seemänner gestrandet navassa-insel

Autor

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Titel: HELDENHAFTE SEEMÄNNER #17: Gestrandet auf der Navassa-Insel