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Des Schicksals zweite Chance

©2017 120 Seiten

Zusammenfassung

Dr. Sandra Arnold, eine hochbegabte junge Ärztin, konnte eigentlich mit ihrem Leben zufrieden sein. Sie hatte eine entzückende Tochter, Martina, mit der sie bei ihren Eltern lebte, und sie freute sich auf ihre neue Stelle in der Bilgerton‑Klinik.
In stillen Augenblicken verirrten sich ihre Gedanken aber noch oft zu dem Vater ihrer Tochter, Dr. Jens Felgen, den sie einmal sehr geliebt, aber dann vor sechs Jahren nach einem heftigen Streit Hals über Kopf verlassen hatte. In diesen Momenten verdrängte sie meist vergeblich die quälende Sehnsucht nach dem Mann, den sie niemals vergessen konnte. Dr. Felgen selbst hatte nie erfahren, dass die einzige Frau, die er je begehrt hatte, bei der Trennung ein Kind von ihm unter ihrem Herzen trug.
Dann kam der schicksalhafte erste Tag der Ärztin in der Bilgerton‑Klinik, an dem ein einziger Satz von Sandras neuem Chef, Professor Kleinert, wie ein Blitz aus heiterem Himmel in ihr Leben einschlug und jäh alte Wunden aufriss: »Darf ich vorstellen – unser Oberarzt, Dr. Jens Felgen …«

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Des Schicksals zweite Chance

Klappentext:

Roman:

GLENN STIRLING

 

Des Schicksals zweite Chance

 

 

Roman

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay, Geralt, 2017

(ehem. Titel: Komm zu mir und deinem Kind)

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

Dr. Sandra Arnold, eine hochbegabte junge Ärztin, konnte eigentlich mit ihrem Leben zufrieden sein. Sie hatte eine entzückende Tochter, Martina, mit der sie bei ihren Eltern lebte, und sie freute sich auf ihre neue Stelle in der Bilgerton-Klinik.

In stillen Augenblicken verirrten sich ihre Gedanken aber noch oft zu dem Vater ihrer Tochter, Dr. Jens Felgen, den sie einmal sehr geliebt, aber dann vor sechs Jahren nach einem heftigen Streit Hals über Kopf verlassen hatte. In diesen Momenten verdrängte sie meist vergeblich die quälende Sehnsucht nach dem Mann, den sie niemals vergessen konnte. Dr. Felgen selbst hatte nie erfahren, dass die einzige Frau, die er je begehrt hatte, bei der Trennung ein Kind von ihm unter ihrem Herzen trug.

Dann kam der schicksalhafte erste Tag der Ärztin in der Bilgerton-Klinik, an dem ein einziger Satz von Sandras neuem Chef, Professor Kleinert, wie ein Blitz aus heiterem Himmel in ihr Leben einschlug und jäh alte Wunden aufriss: »Darf ich vorstellen – unser Oberarzt, Dr. Jens Felgen …«

 

 

 

 

 

Roman:

Sandra kämmte sich noch einmal ihr blondes Haar, dann warf sie einen prüfenden Blick in den Spiegel. Sehr zufrieden war sie mit ihrer neuen Frisur nicht. Gestern noch hatte sie

langes Haar gehabt. Es war ihr auf ihren Wunsch hin abgeschnitten worden. In der neuen Stelle wollte sie nicht mehr mit einem Pferdeschwanz herumlaufen oder das Haar gar offen

tragen. Alles würde von nun an ganz anders werden.

In zwei Jahren bin ich dreißig, dachte sie. Sieht man es mir schon an?, fragte sie ihr Spiegelbild und warf einen äußerst kritischen Blick auf ihre Augenpartie.

Durchs Fenster hörte sie die Stimme ihrer fünfjährigen Tochter aus dem Garten heraufschallen. Sie wandte sich vom Spiegel ab, blickte hinaus auf die blühenden Obstbäume, auf dieses saftige grüne Gras, und sah Martina mit dem schwarzen Neufundländer Timo.

Sie musste lächeln, als sie die beiden so beobachtete. Timo bemühte sich, auf das kleine Mädchen einzugehen. Er war wirklich ein gutmütiger Bursche, und Kinder liebte er, besonders aber Martina.

Der blonde Wuschelkopf dort unten war gerade auf dem Weg zum Haus. Vielleicht glaubte Martina wirklich, dass sie Timo führte, wenn sie ihre Hand an sein Halsband legte. Und

Timo ging betont langsam, damit sie mitkam. Früher war sie auf ihm geritten. Aber das wollte der Opa nicht mehr haben.

»Omi! Omi!«, schallte es von unten. »Omi, der Timo hat wahnsinnigen Hunger!«

Ein Stockwerk tiefer kam die Antwort der Großmutter aus der Küche.

»Der Timo darf nicht so viel fressen, Martina, dann wird er dick wie ein Ballon. Aber du musst etwas essen. Du hast heute morgen gar nicht richtig gefrühstückt. Komm rein mit Timo, Martina. Nachher, wenn die Mami wegfährt, sollst du schon gegessen haben. Du brauchst ja immer eine Ewigkeit. Komm zur Omi rein!«

Martina und Timo verschwanden, Sandra blickte nachdenklich in den schönen Obstgarten der Eltern. Das hier war ein Stück ihrer Kindheit gewesen. Das Haus, diese eigentümliche Atmosphäre, der schöne Garten und auch Timo, das Geklapper unten aus der Küche, das durchs offene Fenster heraufdrang, war ihr so vertraut, und oft genug, wenn sie in der

Fremde gewesen war, hatte sie wehmütig an vieles von hier denken müssen.

Man kann nicht ewig am Rockzipfel der Eltern bleiben, dachte sie, seufzte, warf noch einmal einen kurzen Blick in den Spiegel, schnippte eine Fussel von ihrer blauen Bluse, streifte mehr routinemäßig als bewusst über ihren schwarzen Faltenrock, und dann ging

sie aus ihrem Zimmer, das immer ihr Zimmer gewesen war, und in dem auch das kleine Bett von Martina stand. Seit nunmehr fünf Jahren stand es hier, und fast ausschließlich hatte Martina bei den Eltern gelebt. Ob sie ihrer Mutter eines Tages vorwerfen würde,

keinen Vater gehabt zu haben? Sandra zuckte die Schultern. Ich kann es nicht ändern, dachte sie, blickte kurz auf ihre Armbanduhr und sagte sich, dass es höchste Zeit war, alles in den Wagen zu laden. Sie musste pünktlich weg, und morgen früh würde ein völlig neuer Lebensabschnitt für sie beginnen.

 

*

 

Als sie nach unten kam und in die Küche der Mutter trat, stand diese, eine Schürze umgebunden, das Gesicht von der Arbeit leicht gerötet, am großen Herd und rührte in einem Topf. Sie schaute auf ihre Tochter, und Sandra lächelte und sagte:

»Wenn ich dich sehe, du wirst überhaupt nicht älter, Mama. Du bist genau wie früher, wenn ich in die Küche kam um diese Zeit. Hier bei euch hat sich überhaupt nichts geändert.«

»Wieso denkst du darüber nach?«, fragte die Zweiundfünfzigjährige und schüttelte verwundert den Kopf.

Ihr Haar war in den letzten beiden Jahren an den Seiten ergraut. Und sie war durchaus der Meinung, dass man ihr die zweiundfünfzig Jahre ansah. Besonders die letzte Zeit hatte deutliche Spuren hinterlassen, wie sie meinte.

»Wir sind gleich so weit. Ich mache gerade noch die Sauce. Papa kommt sicher pünktlich. Er hat nicht angerufen.«

Sandra trat ans Fenster und schaute hinaus. In diesem Augenblick kam der betagte Wagen des Vaters zur Toreinfahrt herein.

»Papa sollte sich mal einen neuen Wagen kaufen. Das ist ja überfällig.«

Die Mutter wandte sich vom Herd ab und sah ihre Tochter an.

»Sag ihm das besser nicht, Sandra! Er hat da seine eigene Vorstellung. Und im Übrigen tut’s der alte Kombi doch.«

Martina tauchte wieder auf. Diesmal ohne Timo. Sie krallte sich in den Rock ihrer Mutter, schaute zu ihr auf und fragte:

»Und wann willst du mich holen, Mami?«

Sandra schaute auf ihre Tochter herunter.

»Ich habe dir doch alles erklärt, Martina. Die Mami wird an einem neuen Krankenhaus arbeiten, einer ganz großen Klinik.«

»Bilgerton-Klinik, ich weiß, Mami. Aber, du hast gesagt, du holst mich.«

»Sobald ich eine Wohnung habe, wo wir beide Platz finden, und jemanden, der sich um dich kümmert, wenn du aus dem Kindergarten kommst.«

»Aber warum kann ich denn nicht hier in den Kindergarten gehen, Mami?«

»Weil wir dort in einer ganz anderen Stadt sind. Das ist weit weg von hier. Da müsstest du jeden Tag über hundert Kilometer mit dem Zug fahren, nur um in den Kindergarten zu gehen. Das wäre doch verrückt, nicht wahr?«

»Ich fahre aber gerne Zug, Mami.«

»Aber nicht so lange. Hin über hundert Kilometer, zurück über hundert Kilometer.«

Sandra schüttelte den Kopf.

»Nein, nein. Dort sind auch Kindergärten. Ich werde für dich schon einen schönen finden. Und dann wird auch jemand da sein, der sich um dich kümmert.«

»Wer wird das sein, Mami?«

Sandra zuckte die Schultern.

»Wie soll ich das sagen? Ich weiß es nicht. Für mich ist dort alles fremd. Ich muss mich erst eingewöhnen und …«

»Aber du bist doch neulich schon dort gewesen, Mami.«

Sandras Mutter hatte den Inhalt des Topfes in die Sauciere gegossen, stellte den Topf neben die Spüle und blickte nun auf Martina.

»Die Mami ist dort gewesen, aber es ist trotzdem alles fremd. Wenn du irgendwo hinkommst, wo du noch nie warst, musst du auch eine ganze Weile dort sein, um erstmal zu wissen, wie es ist.«

»Vater kommt«, sagte Sandra.

Ihre Mutter nickte und wischte sich eine Strähne ihres Haares aus der Stirn.

»Ich bin auch so weit. Wenn du willst, Sandra, kannst du das Tablett schon hineintragen. Und du, Martina, bringst Timo nach draußen. Wenn wir essen, hat er bei uns nichts zu suchen.«

»Aber er hat auch Hunger. Ich weiß es«, behauptete Martina.

»Also gut, dann hab ich was für ihn. Das gibst du ihm, und dann bringst du ihn hinaus.« Sie ging zum Kühlschrank, öffnete ihn und nahm einen Knochen für Timo heraus, gab ihn Martina und sagte:

»So, ein bisschen ist noch dran. Da hat er etwas zu tun. Aber nun ab!«

Dann aßen sie alle, und als sie fertig waren, durfte Martina ausnahmsweise sofort vom Tisch weg. Sie stürmte gleich nach draußen zu Timo in den Garten.

Sandra sah ihren Vater an. Grau war er geworden in den letzten Jahren. Sogar die Augenbrauen waren nicht mehr dunkel wie früher. Sein Gesicht jedoch wirkte frisch. Und Sandra wusste, dass ihr Vater geistig und körperlich noch sehr fit war. Nächstes Jahr wurde er sechzig. Doch das sah man ihm nicht an.

Er ahnte nichts von ihren Gedanken, stopfte sich seine Pfeife, und als sie brannte, wandte er sich an Sandra:

»Na, freust du dich auf die neue Aufgabe?«,

»Teils, teils«, erwiderte Sandra. »Ein bisschen Lampenfieber habe ich und Angst, etwas falsch zu machen, auf der anderen Seite freu’ ich mich.«

»Ich bin zwar Tierarzt«, sagte Kurt Arnold, »und kein Menschenarzt, aber dass die Bilgerton-Klinik einen hervorragenden Ruf hat, ist auch in meinen Kreisen bekannt. Es wird dir später bestimmt sehr dienlich sein, zumindest ein paar Jahre dort gearbeitet zu haben. Du bist ja jetzt mit der Facharztausbildung fertig, könntest dich sogar niederlassen. Aber du hast recht, Kind, wenn du noch Erfahrungen sammeln willst. Man kann nie genug Erfahrungen haben in unserem Beruf.«

»Bei dir ist es doch nicht schlimm«, meinte Sandra. »Wenn du einen Patzer machst, das ist ja schließlich kein Mensch.«

»Aber ein Lebewesen«, entgegnete ihr Vater und hob mahnend die Finger. »Ein Lebewesen, das einen Anspruch darauf hat, auch so behandelt zu werden. Du weißt doch, was ich dir von klein an eingeprägt habe: »Quäle nie ein Tier zum Scherz, denn es fühlt wie du den Schmerz!« Leider ist das noch nicht allen Menschen bekannt. Aber reden wir nicht davon. Du bist doch schon ein paar Tage dort gewesen und hast alle deine Kollegen kennengelernt.«

»Aber sehr flüchtig. Der einzige, den ich etwas intensiver kennengelernt habe als die anderen, das ist der Chef, abgesehen von Petra.«

»Und das ist auch das Wichtigste«, entgegnete ihr Vater.

»Professor Kleinert ist ein Mann mit einem unerhörten Ruf. Du wirst es als Internistin nicht so leicht haben, unter lauter Kardiologen und Herzchirurgen.«

»Das wusste ich vorher. Das ist nun mal so in einem Herztherapiezentrum. Ach, was soll ich sagen, der Chef ist mir sehr sympathisch. Er wirkt streng. Die Kollegen habe ich wirklich nur ganz kurz kennengelernt und weiß von den wenigsten den Namen.«

»Was ist der Oberarzt für ein Bursche?«, wollte Sandras Vater wissen.

Sie zuckte die Schultern.

»Der ist nicht da gewesen. Komisch, mir fällt ein, dass ich nicht einmal seinen Namen kenne. Aber ich werde ihn morgen früh sehen und erfahren, wie er heißt.«

»Mit dem Oberarzt hast du mehr zu tun als mit dem Chef.«

»Ich weiß. Ich habe ja lange genug in der Klinik gearbeitet«, entgegnete Sandra.

»Ich glaube, du musst, Kind«, sagte Sandras Mutter und schaute auf die Uhr. »Es wird Zeit. Sonst fängst du wieder an zu rasen. Und übereile dich nicht mit der Zimmersuche. Jetzt bist du ja erst einmal untergebracht. Du solltest eine schöne Wohnung finden, wenn du dort länger bist.«

»O Mama«, meinte Sandra vorwurfsvoll, »es ist heute sehr schwer, ein Zimmer oder eine Wohnung zu finden.«

Sie schaute auf ihre Armbanduhr.

»Aber ich muss wirklich jetzt.«

Sie erhob sich.

»Mama, ich danke dir für alles. Und lasst Martina nicht immer ihren Willen. Du verwöhnst sie zu sehr.«

Kurt Arnold lachte.

»Das tun alle Omas auf dieser Welt.«

Er stand ebenfalls auf. Sandra umarmte ihre Mutter, küsste sie, und dann wiederholte sie das bei ihrem Vater.

Mama wird nicht mit hinauskommen, dachte sie. Das tut sie nie. Sie fängt jedes Mal an zu weinen, und sie möchte nicht, dass man ihre Tränen sieht.

So schaute sie sich auch von der Tür her nicht noch einmal nach ihrer Mutter um, sondern ging dem Vater voraus nach draußen.

Kurt Arnold rief nach Martina. Die kam sofort. Wieder mit Timo, dem schwarzen Neufundländer.

Sandra nahm ihre Tochter auf den Arm, küsste sie, und jetzt, als sie sich von der Tochter trennen musste, spürte sie doch, dass der Abschied schmerzhaft war. Auch der Händedruck des Vaters – als sie schon im Wagen saß – war etwas, das nicht so einfach an ihr vorbeiging.

Sie biss sich auf die Lippen, als sie dann losfuhr. Aber vorn am Tor schaute sie zurück, winkte aus dem offenen Fenster heraus ihrem Vater und Martina zu, die mit Timo neben ihrem Opa stand.

 

*

 

 

Sobald sie um die Ecke herum war, konnte sie die drei nicht mehr sehen. Aber über die Mauer hinweg entdeckte sie am Fenster der Küche ihre Mutter. Sie sah deutlich das Taschentuch in der linken Hand der Frau, das sie jetzt verstohlen nach unten nahm. Mit der Rechten winkte sie. Sandra winkte zurück. Und dann war es vorbei. Dann lag der Weg vor ihr, der Weg in einen neuen Lebensabschnitt, auf den sie sich freute, auf den sie gespannt war … und vor dem sie sich ein wenig fürchtete.

Diese Furcht vor etwas Neuem hatte sie bisher noch nie empfunden, bevor sie irgendwohin kam. Es war ihr, als ahnte sie Schwierigkeiten. Doch bei dem Versuch, das näher zu bestimmen, musste sie schon aufgeben. Da war nichts, was sie sich darunter vorstellen konnte. Nur diese merkwürdige Angst war da.

»Ach was«, murmelte sie, »das bilde ich mir alles ein. Das ist nur Blödsinn. Bestimmt wird es sehr schön an der Bilgerton-Klinik, und ich werde noch viel dazulernen.«

Vor ihr lag die Straße, die Sonne schien auf grünende Felder, auf blühende Bäume, und über allem war ein herrlich blauer Himmel …

 

*

 

Petra Hartmann war die einzige, die Sandra näher kannte. Und Petra war schon am Abend gekommen, um Sandra zu begrüßen. Sie war eine schlanke, eher zierliche Person, nicht sehr groß und von sehr apartem Reiz. Mit ihrem fast schwarzen Bubikopf und der sonnengebräunten Haut machte sie einen südländischen Eindruck. Auffällig waren ihre hellgrauen Augen, die einen Kontrast dazu bildeten. Petra war etwa so alt wie Sandra, und sie beide hatten eine Zeitlang zusammen in München studiert. Später war Petra nach Mainz gegangen, wo Sandra auch einmal hingewollt hatte. Warum das dann doch nicht geschehen war, hatte eine eigene, ziemlich umfangreiche Geschichte.

Für die erste Zeit wollte Sandra im Ledigenstockwerk ganz oben in der Klinik wohnen. Später dann, falls es ihr gelungen sein sollte, eine Wohnung zu finden, wollte sie ausziehen. Petra arbeitete nun schon über ein Jahr an dieser Klinik und hatte sich mit diesem Zimmer hier oben zufrieden gegeben, zumal es relativ preiswert war.

Petra half Sandra, die Koffer nach oben zu schleppen, denn an diesem Sonntag war niemand da, der ihr hätte helfen können. Aber es machte Sandra auch nichts aus. Im Gegenteil, sie freute sich, zunächst niemanden außer Petra zu treffen.

Petra hatte Bereitschaft. Und deshalb musste sie erreichbar bleiben.

»So ein Sonntag in Bereitschaft ist stinklangweilig«, erklärte sie. »Da ist es schon mal was, wenn jemand wie du kommt. Trinken wir nachher eine Tasse Kaffee zusammen?«

»Aber sehr gem. Ich freue mich jedenfalls.«

»Sag mal, du kommst spät? Du sagtest doch, du wolltest Mittag wegfahren.«

»Ich bin um halb zwei weggefahren«, erklärte Sandra. »Aber unterwegs habe ich noch jemanden besucht.«

»Ist dir der Abschied von deiner Tochter schwergefallen?«, erkundigte sich Petra und zündete sich eine Zigarette an.

Sandra sah es und meinte:

»Du hattest es dir schon einmal abgewöhnt. Schaffst du’s nicht?«,

Petra schüttelte den Kopf. Dann meinte sie schulterzuckend:

»Du weißt doch, wie das ist. Rauchst du, stirbst du, rauchst du nicht, stirbst du auch, also rauchst du.«

»Alles fadenscheinige Erklärungen«, stellte Sandra fest.

Aber dann erinnerte sie sich an die Frage von Petra und meinte:

»Na ja, leicht ist es mir jedenfalls nicht gefallen. Ein Trost, dass ich sie nachholen kann. Weißt du, das Kind hat so gut wie nichts von mir. Jetzt die Wochen zu Hause, da sind wir wieder richtig zusammengewachsen. Aber die erste Zeit war es schlimm. Da hat sie sich an die Oma geklammert. Auch an den Opa, nur nicht an mich. Es wird wieder so sein, wenn es zu lange dauern sollte, bis ich sie holen kann.«

»Komm zu mir, dann trinken wir Kaffee. Du bist ja noch nicht richtig eingerichtet. Ich habe schon alles da, Kaffeemaschine und so.«

Als sie die wenigen Schritte bis zum übernächsten Zimmer gingen, in dem Petra wohnte, fragte Sandra:

»Sag mal, ich hab immer gedacht, du würdest mal ganz schnell heiraten.«

Petra lachte.

»Ich bin eine leidenschaftliche Junggesellin. Wo denkst du hin.«

Sie schloss ihre Zimmertür auf und machte eine Geste, die Sandra bedeuten sollte einzutreten.

»Du hast es hübsch«, stellte Sandra nach einem Rundblick fest. »Alle Möbel eingebaut. Das sieht aus, als wolltest du für ewige Zeiten hier wohnen.«

»Es gibt für mich nicht den Arnoldsten Grund, das zu ändern. Für die paar Mark, die ich bezahlen muss … Jedenfalls gefällt es mir hier. Und sieh mal, dieser herrliche Ausblick vom Fenster über den Wald bis zur Stadt. Und sie erscheint mir da so fern, als lebte ich auf einer Insel.«

»Die Klinik kam mir von Anfang an wie eine Insel vor«, meinte Sandra. »Geht man sich da nicht mit der Zeit gegenseitig auf den Geist?«

Petra schüttelte den Kopf.

»Eigentlich nicht.«

Sie ließ Wasser in den Behälter der Kaffeemaschine laufen, stellte ihn dann unter die Maschine und sagte:

»Eigenartig. Ich habe in letzter Zeit viel an dich denken müssen. Warum bist du nur nicht mit mir nach Mainz gekommen? Du hast es mir nie erklärt. Du hast dich beworben, alles war klar, wir sind dort gewesen, haben uns vorgestellt, und dann auf einmal wolltest du nicht mehr hin.«

»Ich hatte erfahren, dass jemand an der Klinik ist«, erklärte Sandra, »dem ich nicht noch einmal begegnen wollte.«

Petra schaute Sandra forschend an.

»Sag mal«, fragte sie, »hängt das irgendwie mit deinem Kind zusammen, mit deiner Tochter? Ich kann mich noch sehr gut erinnern, dass du damals von München weggegangen bist. Knall auf Fall.«

Sandra nickte.

»Ja, das bin ich. Aus dem gleichen Grund, warum ich später nicht nach Mainz wollte.«

Petra machte schmale Augen. Ihr prüfender Blick war fest auf Sandra gerichtet.

»Hör mal, willst du mir nicht sagen, wer es ist? Ich meine, der Vater deiner Tochter.«

Sandra schüttelte den Kopf.

»Ich habe es nicht einmal meinen Eltern gesagt. Ich habe es niemandem gesagt.«

Petra wandte sich um und blickte Sandra an.

»Und warum? Gibt es dafür einen einzigen vernünftigen Grund? Hat er dir irgendetwas getan oder …?«

Sandra schüttelte den Kopf.

»O nein. Er wollte mich heiraten.«

 

*

 

»Weil du ein Kind bekamst?«

»Das hat er nie erfahren. Nicht von mir. Und damit er es auch nicht von anderen erfährt, habe ich den Namen von Martinas Vater niemandem preisgegeben. «

»Du bekommst also auch keinen Unterhalt von ihm, nicht wahr?«

Sandra nickte.

»Stimmt. Es ist mir bisher mit Hilfe meiner Eltern gelungen, Martina alles zu bieten, was sie nötig hat. Sie entbehrt nichts. Sie entbehrt höchstens eines Tages den Vater. Das ist die einzige Angst, die ich habe, dass sie mir das vorwirft. Ich wüsste auf Anhieb nicht, was ich ihr erklären könnte. Mir selbst das zu erläutern, dazu bin ich schon imstande. Ich habe tausend Gründe dafür.«

Petra lächelte.

»Ich wäre mit einem einzigen zufrieden. Warum bist du von ihm weg?«

»Weißt du, er dominierte einfach. Er hat mich richtig beherrscht. Nicht, dass er das wollte, er tat es unabsichtlich. Wenn es um den Urlaub ging, dann hat er geplant. Lag der Plan vor, wurde ich so beiläufig gefragt, und wenn ich wirklich dagegen war, dann hieß es, dass alles schon gebucht sei. So war es mit allem. Er hat von sich aus alles in die Hand genommen und auf die Idee, dass ich vielleicht diesen oder jenen Gedanken dazu auch einbringen möchte, ist er nie gekommen. Wie gesagt, er wollte nicht so sein, er war einfach so. Und dann hat er mir immer erklärt, wie er es sich vorstellt, wenn wir verheiratet sind und ich ein Kind oder mehrere Kinder haben werde. Dann, das stand für ihn völlig fest, würde ich natürlich nicht mehr arbeiten und ebenso natürlich war ich dann ganz und gar für Haus und Kinder da. Ich habe gerne Kinder, und ich mache gern einmal Hausarbeit, aber nicht nur. Ich liebe meinen Beruf. Ich habe nicht studiert und all die weitere Ausbildung über mich ergehen lassen, um dann irgendwann aufzuhören und Geschirr zu spülen, Wäsche zu waschen und Kinder aufzuziehen. Natürlich werde ich mich um die Kinder kümmern. Ich habe mich auch um Martina gekümmert, das heißt, da ich allein bin, konnte ich mich nicht allzu viel darum kümmern. Aber ebenso wie es in Zukunft sein soll, hätte es auch sein können, wenn ich verheiratet gewesen wäre, das heißt, dass wir uns das alles teilen. Ein einziges Mal habe ich diesen Vorschlag gemacht. Er ist aus allen Wolken gefallen. Das war fast Majestätsbeleidigung. Und weißt du, da hatte ich einfach Angst vor der Ehe, vor einer Ehe mit ihm.«

»Hast du ihn nicht geliebt?«, wollte Petra wissen.

»Doch«, bestätigte Sandra. »Ich habe ihn sehr geliebt. Im Grunde ist dann alles, was danach kam, nichts gewesen. Episoden. Mehr ein Durststillen. Wenn das geschehen war, bestand kein Interesse mehr. Mit ihm ist das ganz anders gewesen. Und trotzdem will ich ihn nie wiedersehen.«

»Eben drum?«, fragte Petra.

»Eben drum. Und nicht nur das. Er hat es nie verstanden. Er hat es mir auch sehr übel genommen, und auf der anderen Seite waren in der letzten Zeit unseres Zusammenseins die schlimmen Szenen häufiger als die schönen. So ständiger Krach, der zermürbt, verstehst du? Ich wollte nicht, dass ein Kind darunter leidet. Und als ich wusste, dass ich ein Kind bekomme, habe ich mich von ihm getrennt. Ich bin regelrecht vor ihm geflüchtet, und ich habe auch Angst, ihn wiederzusehen. Deshalb bin ich damals nicht nach Mainz gegangen.«

»Wie heißt er?«, fragte Petra. »Sag mir doch den Namen! Damals in München hatten wir beide kaum Kontakt. Ich war ja auch an einer ganz anderen Klinik. Die wenigen Male, die wir beide uns gesehen haben, kam jedenfalls nicht das Gespräch auf unsere Freundschaften.«

»Du müsstest mich doch verstehen können«, sagte Sandra. »Du bist doch mit Leidenschaft Junggesellin.«

Petra lächelte.

»Natürlich, das bin ich auch. Ich möchte mein Leben bestimmen, wie ich will. Und ich möchte mit dem Mann glücklich sein, der mir gefällt. Und ich möchte zu einem Zeitpunkt glücklich sein, wenn es mir Spaß macht. Ich verstehe dich sehr gut. Ich glaube, wenn ich es mir recht überlege, hast du’s richtig gemacht.«

»Ganz sicher bin ich mir da nicht«, meinte Sandra.

»Weil du das Alleinsein nicht verträgst?«, wollte Petra wissen.

Sandra schüttelte den Kopf.

»O nein, deshalb keinesfalls. Ich bin sehr gern allein, und außerdem wäre ich es nicht. Ich habe ja Martina. Das ist es nicht. Aber das Kind könnte eines Tages sagen: Mama, wieso habe ich keinen Vater! Sie hat das natürlich schon gefragt. Jetzt ist es leicht, ihr zu antworten. Sie ist fünf. Aber was sag ich ihr, wenn sie fünfzehn ist? In einem Alter, wo sie meines Erachtens den Vater braucht. Mein eigener Vater ist der Überzeugung, dass sie mich dann fragen würde. Er glaubt auch, eine Erziehung müsste von beiden Eltern durchgeführt werden, nicht nur von der Mutter allein. Das wäre eine Notfallsituation. Er hält auch die Erziehung durch die Großeltern für ganz schlecht. Aber gut, das ändere ich jetzt.«

»Du verstehst dich gut mit deinem Vater, nicht wahr?«, meinte Petra.

Sandra nickte.

»O ja. Er war immer ein Freund für mich. Weißt du, er ist Tiermediziner mit Leib und Seele. Er könnte höchstens Landarzt sein. In einer Klinik kann ich ihn mir überhaupt nicht vorstellen. Der ist bei uns zu Hause ein Stück von allem. Er gehört dahin wie die Backsteinhäuser, wie die Erde da, wie die Heidschnucken, wie alles dort. Er ist ein Mann der Heide, sagt er immer. Man könnte ihn nie verpflanzen.«

Petra hatte eine Ahnung, von der Sandra nichts wusste. Deshalb fragte sie erneut:

»Sag mal, Sandra, vielleicht kenne ich den Mann sowieso nicht. Aber könntest du mir nicht sagen, wie er heißt, ich meine den Vater deiner Tochter?«

Sandra schüttelte energisch den Kopf.

»O nein, ich werde es dir auch nicht sagen. Bitte, versteh’ es! Ich werde es keinem sagen.«

»Schon gut. Ich frage dich auch nicht wieder. Entschuldige bitte!«, entgegnete Petra.

Aber danach war sie sehr nachdenklich geworden. Sandra merkte es nicht sofort, und als sie es merkte, sah sie keinen Zusammenhang mehr mit Petras Frage von vorhin.

»Morgen früh«, sagte Petra, als sie sich trennten, »werden wir zusammen hinuntergehen. Das ist für dich einfacher, wenn jemand bei dir ist, der alles kennt.«

»Das ist lieb von dir. Ich würde mich auch gar nicht zurechtfinden in diesem großen Bau.«

»Das ist nur die ersten Tage so. Mit der Zeit lernst du jeden Winkel kennen, und auch alle Leute hier. Und dann wirst du auch beizeiten die Spreu vom Weizen zu trennen wissen. Es gibt sehr viel Spreu, das sage ich dir! Aber ich glaube, das ist überall so. Lass dich überraschen!«

 

*

 

Am nächsten Morgen war die Überraschung perfekt.

Völlig ahnungslos war Sandra zusammen mit Petra nach unten gegangen. Wie vereinbart, hatte sie sich im Vorzimmer von Professor Kleinert gemeldet, und die ältere Frau, die dort

als Arztsekretärin arbeitete, sagte noch:

»Ach, geh’n Sie doch hinein, Frau Doktor Arnold. Beim Herrn Chefarzt ist nur der Herr Oberarzt. Den hatten Sie letztens, glaube ich, gar nicht gesehen, nicht wahr? Er hatte ja Urlaub. Er ist heute den ersten Tag wieder da.«

Sandra bedankte sich, und die Sekretärin rief ihr noch nach:

»Sie brauchen nicht zu klopfen. Gehen Sie einfach hinein!«,

Sandra tat das, und kaum stand sie drinnen im Zimmer, erstarrte sie. Da war einmal Professor Kleinert, der hinter seinem Schreibtisch saß und jetzt zu ihr herüberschaute, ein Mann um die Sechzig, grauhaarig, Goldrandbrille, ein Paar leuchtend blauer Augen und graumelierter Kinnbart.

Den Chefarzt hatte Sandra nur so aus den Augenwinkeln gesehen. Ihr Blick richtete sich hauptsächlich auf den neben dem Schreibtisch stehenden Oberarzt. Auch er blickte zu ihr herüber, und sein Gesicht verriet großes Erstaunen.

Professor Kleinert erhob sich gerade und sagte:

»Ach, da sind Sie ja. Guten Morgen, Frau Kollegin. Da kann ich Ihnen gleich den Herrn Oberarzt vorstellen.«

Den braucht mir niemand vorzustellen, dachte Sandra in diesem Augenblick. Ich würde ihn unter Millionen von Männern wiedererkennen.

Er hat sich kaum verändert. Den Ansatz zur Stirnglatze hatte er damals schon. Mögen jetzt ein paar von seinen dunklen Haaren mehr ausgefallen sein. Er ist auch wieder so braungebrannt wie früher schon. Schon damals hat er ausgesehen, als käme er gerade aus dem Urlaub. Da hat sich nichts geändert. Seine sportliche Note, genau wie einst. Das kantige Kinn, seine dunklen Augen, alles unverändert. Als wären sechs Jahre vorbeigegangen wie ein Tag.

»Herr Kollege Felgen«, machte der Professor bekannt, »und das ist die neue Kollegin Arnold.«

Sandra stand wie vom Schlag gerührt. Weglaufen, dachte sie. Einfach umdrehen, hinausgehen, kein Wort mehr sagen. Ausgerechnet er. Jetzt ist das schon das zweite Mal. In Mainz habe ich die Flucht ergriffen. In Mainz bin ich weg, als ich hörte, dass er dort ist. Ich habe ihn nicht einmal gesehen. Und diesmal stehe ich da vor ihm. Der Oberarzt, der in Urlaub gewesen ist. Ich Närrin, wieso hab ich mich nicht nach seinem Namen erkundigt? Das kann nur mir passieren!

Jens kam auf sie zu. Auch darin hatte er sich nicht verändert. Dieses eingefrorene Lächeln. Ihr selbst war nicht einmal danach zumute. Und der Professor blickte ein wenig irritiert von einem zum anderen, und dann hörte sie ihn sagen:

»Kennen sich die Herrschaften?«

»Ja, wir hatten schon einmal das Vergnügen«, sagte Jens, bevor Sandra dazu kam, eine Bemerkung zu machen.

Jens reichte ihr die Hand. Sie schlug zögernd ein, spürte, wie warm die Hand war. Aber dann zuckte sie sofort wieder zurück, als könnte sie sich verbrennen. Das Gesicht von Jens sah sie wie durch eine Nebelwand. Aber sie hörte, wie er sagte:

»Wir haben uns lange nicht gesehen. Sechs Jahre, glaube ich. Nein, es müssen sieben sein …«

Sie korrigierte ihn nicht. Es waren sechs, und sie hätte einen Eid schwören können, dass er es ganz genau wusste. Sie jedenfalls konnte so etwas nicht vergessen.

Professor Kleinert schien das Gefühl zu haben, in dieser Runde zu stören. Seine Begrüßung Sandras war zugleich eine Entschuldigung, dass er sich für ein paar Minuten entfernen müsste.

»Ich komme sofort zurück«, versprach er.

Er lächelte.

»Sie werden sich gewiss nicht miteinander langweilen. Vielleicht kann Ihnen Herr Felgen dies und jenes, was für sie interessant sein dürfte, erklären. Ich werde mich beeilen.«

Am liebsten hätte Sandra ihm nachgerufen, er sollte bleiben. Sie fürchtete sich, alleine mit Jens zu sein. Aber sie sagte nichts. Sie nickte nur kaum merklich; der Professor ging, die Tür klappte zu, und sie war mit Jens allein.

 

*

 

»Ich habe viel über deine Erklärung von damals nachdenken müssen. Sie ist bis heute für mich unglaubwürdig«, sagte Jens.

Ihr war unbehaglich zumute.

Wieso muss er hier sein? Wieso er und nicht irgendein anderer? Das ist ja Wahnsinn. Aber ich kann doch nicht überall davonlaufen, nur weil der Zufall ihn mir als Kollegen beschert, auch noch an derselben Klinik und jetzt – Triumph für ihn – er ist auch noch mein Oberarzt. Er hat sich ganz schön angestrengt. Er ist weitergekommen als ich. Nun ja, er war schon immer ein begabter Kardiologe. Er hat dieses gewisse Etwas. Ich hingegen muss mir alles erarbeiten. Mir fliegt nichts zu wie ihm. Ich bin kein Genie. Ich muss es mir erkämpfen.

»Du denkst nach, nicht wahr? Überlegst du«, fragte er mit spöttischem Unterton, »wie du mir es beibringst?«

»Beibringst, was?«, fauchte sie zurück.

»So aggressiv wie ehedem. Du hast dich überhaupt nicht verändert. Höchstens, dass du ein wenig hübscher geworden bist als früher. Aber hässlich warst du nie. Du siehst gut aus.«

»Danke für die Blumen«, entgegnete sie angriffslustig. »Ich bin nicht hergekommen, um mir das anzuhören.«

»Warum bist du damals also wirklich weg? Das, was du mir erzählt hast, glaub ich dir bis heute nicht. Deine Unabhängigkeit, deine Freiheit, dein Beruf. Den Beruf haben wir doch beide.«

»Fang nicht wieder davon an! Es ist vorbei. Ich hab es dir gesagt, und ich möchte nicht, dass wir darüber sprechen.«

»Wir werden miteinander auskommen müssen«, erklärte er lächelnd. »Du weißt, dass ich dir vorgeschlagen habe, alles zu legalisieren. Was ist geschehen? Hast du einen anderen Mann?«

»Ich glaube nicht, dass dich das etwas angeht«, entgegnete sie.

»Also hast du einen.«

Sie schüttelte den Kopf.

»O nein, das habe ich nicht. Was nichts daran ändern kann, dass es vorbei ist«, erklärte sie entschlossen.

»Entschuldige«, sagte er. »Ich wollte dir nicht zu nahe treten. Ich wollte nur …«

In diesem Augenblick trat Professor Kleinert wieder ein. Er befand sich in Begleitung von Petra.

»So, meine Verehrte«, wandte sich Professor Kleinert an Sandra, »mit dem Tag Ihres Eintritts habe ich auch den Dienstplan verändert. Die Kollegin Hartmann wird die Frauenstation übernehmen und Sie, als Stationsärztin, die Männerstation. Und vorher wird Ihnen Frau Hartmann, die bisher in der Männerstation gearbeitet hat, die Verhältnisse erläutern und Sie bei Schwestern und Pflegern, aber auch bei den Patienten einführen. Für reine kardiologische Fälle steht grundsätzlich ein Kardiologe für beide Stationen bereit, und außerdem«, Professor Kleinert deutete auf seinen Oberarzt, »wird Herr Felgen als ausgesprochener Kardiologe jederzeit in Fachfragen zur Verfügung stehen.«

Jens Felgen nickte beifällig. Aber Sandra nahm sich jetzt schon vor, sonst wen zu fragen, nur nicht ihn. Und sie war erleichtert, als die Besprechung dann zu Ende ging und sie Petra zur Männerstation begleiten sollte, die ja zukünftig ihr Arbeitsbereich sein würde.

Aber die Überraschung war noch immer nicht verdaut. Petra erzählte sie nichts davon. Die war auch voll und ganz damit beschäftigt, Sandra alles zu erklären.

 

*

 

Schwester Carola, die Stationsschwester der Männerabteilung, war eine sehr resolute Frau Ende dreißig, die so aussah, als verstünde sie etwas von ihrem Fach. Jedenfalls behauptete das Petra.

Bei der Begrüßung mit Schwester Carola sprang der sogenannte Funken sofort über. Sandra und diese Schwester verstanden sich auf Anhieb. Das wurde besonders deutlich, als Schwester Carola zusammen mit Petra und Sandra durch die Zimmer ging, ihnen dann, wenn irgendwo eine Schwester oder ein Pfleger auftauchten, diese vorstellte und auch über die Patienten sprach, ihnen erklärte, was sie von diesem und jenem Fall hielt.

Sehr rasch fand Sandra heraus, dass Petras Lobeshymne auf Schwester Carola berechtigt war.

Aber dann kam doch ein Augenblick, wo die beiden jungen Ärztinnen im Arztzimmer saßen, wo es eine Art Verschnaufpause gab, und das war schon am hohen Vormittag. Jetzt erst, als Petra eine Tasse Kaffee trank und ein Brötchen aß, sich Sandra aber mit einem Glas Mineralwasser begnügte, da kam bei ihr das Erlebnis voll zur Geltung. Dieses Wiedersehen mit Jens. Und zugleich war da auch die Erinnerung an damals vor sechs Jahren.

Jens hatte es nicht begreifen können, dass sie einfach keine Bindung wollte und sich weigerte, in diese Abhängigkeit zu geraten. Der Aussprache waren hässliche Szenen gefolgt. Jens hatte einen Wutanfall bekommen und Sandra auf eine Weise beschimpft, dass es ihr leichtgefallen war, von ihm wegzugehen. Damals jedenfalls. Das heulende Elend und der Katzenjammer kamen dann später.

Jetzt schien alles vorbei. Und doch musste sie nach einigem Nachdenken zugeben, dass er sie durch seine ganze Erscheinung beeindruckte. Er wird, sagte sie sich, nicht locker lassen. Aber irgendwie hielt sie an ihrem Entschluss fest.

Die Gedanken bis zu Ende zu denken, schaffte sie nicht. Immer wieder wurde sie weggerufen, passierte dies, passierte das. Und wie von selbst war sie auf einmal in der Tretmühle drin, als hätte sie schon jahrelang hier gearbeitet. Petra, die am ersten Tage noch mit ihr gemeinsam Dienst tat, machte es Sandra natürlich leichter. Besonders dann, wenn man sich im großen Haus noch nicht auskannte.

Aber da war auch Schwester Carola, die sich die größte Mühe gab, Sandra zu unterstützen. Diese Hilfe der Stationsschwester war ein Startkapital, das Sandra sehr zu schätzen wusste.

Aber dann kam Dienstschluss. Der Tag war für Sandra wie ein Rausch gewesen, und sie hatte es sehr dankbar empfunden, mit Jens keinen weiteren Kontakt gehabt zu haben.

Der erste Tag war also vorüber. Petra und Sandra gingen noch gemeinsam ins Kasino im Souterrain, aßen zusammen, und Petra machte den Vorschlag, bei dem herrlichen Wetter noch einen Spaziergang zu machen.

»Dann können wir uns auch unterhalten.«

Sandra war einverstanden. Und da Petra von Sandras Verhältnis zu Jens vor Jahren nichts wusste, kreiste die Unterhaltung auch um alles Mögliche, nur nicht um das Thema, das eigentlich im Augenblick Sandras Gedanken beherrschte.

Nach dem Spaziergang ging dann jede der beiden Frauen auf ihr Zimmer, und zum ersten Mal war Sandra allein, um Muße zu haben, über diesen Tag nachzudenken. Das beherrschende Ereignis war natürlich nach wie vor das Zusammentreffen mit Jens.

Nein, dachte sie, es darf kein Wiederaufleben der Verhältnisse von damals geben. Ich will nicht! Die Szene am Schluss hat es eigentlich endgültig gemacht.

Das waren auch noch ihre Gedanken, als sie an diesem Tag sehr früh schlafen ging.

 

*

 

Sie fuhr aus dem tiefsten Schlaf, als das Telefon schellte. Jedes Zimmer hatte hier einen Apparat. Von ihr war er noch nie benutzt worden. Und sie wusste im ersten Augenblick überhaupt nicht, was los war. Sie brauchte eine ganze Weile, um sich zurechtzufinden, um überhaupt erst einmal das Licht anzumachen. Als die Nachttischlampe dann brannte, klingelte das Telefon immer noch. Sie setzte sich auf, rieb sich die Augen, und da der Apparat genau in der anderen Ecke des Zimmers stand, erhob sie sich, ging sehr unsicher und schlaftrunken hin, hob ab und sagte nur:

»Ja?«

»Bist du das, Sandra?«

Es war Jens.

»Was willst du? Ich habe im Bett gelegen und geschlafen.«

»Wie denn? Es ist ja erst halb zehn. Früher bist du viel länger aufgeblieben.«

»Ist das der Grund deines Anrufes, festzustellen, wann ich ins Bett gehe? Ich möchte nicht mit dir sprechen. Nicht privat.«

»Du tust so, als sei ich es gewesen, der von dir weggegangen ist. Aber es war doch umgekehrt, mein Schatz.«

»Ich bin nicht dein Schatz, und ich will schlafen.«

Sie legte auf, ohne auf seine Antwort zu warten.

Sie war noch auf dem Weg zum Bett, da läutete das Telefon wieder.

Sie schaute sich wutentbrannt um. Jetzt wurde sie richtig wach. Eine Unverschämtheit, dachte sie. Da entdeckte sie, dass der Apparat eine Steckdose hatte. Man konnte den Stecker einfach herausziehen. Und das tat sie. Das Läuten brach augenblicklich ab.

Zufrieden mit sich und der Tatsache, dass sie auf diese Weise weiteren Gesprächen mit Jens entgangen war, ging sie zum Bett zurück. Noch fühlte sie sich wie zerschlagen, weil sie aus dem ersten Schlaf geweckt worden war. Aber nachher im Bett wurde sie wach, konnte nicht mehr einschlafen, und ihre Gedanken kreisten um all das, was seinerzeit mit Jens passiert war.

Schließlich aber überwältigte sie dann doch die Müdigkeit. Und ihr letzter Gedanke vor dem Einschlafen war noch gewesen:

Hoffentlich finde ich eine schöne Wohnung für Martina und mich …

 

*

 

Verwaltungsdirektor Brückner grüßte freundlich zurück, als Jens Felgen auf dem Hof an ihm vorüberkam.

»Ach, Herr Doktor Felgen, was ich Sie fragen wollte«, rief ihm der beleibte Endfünfziger nach.

Jens blieb sofort stehen, wandte sich Brückner zu.

»Ja, bitte, Herr Brückner?«

»Ich wollte Sie fragen«, erwiderte Brückner, »ob Sie Ihre Stationsärztin Frau Doktor Arnold bitten würden, einmal bei mir vorbeizuschauen. Es gibt da so einige Dinge zu regeln. Sie wissen ja, der Verwaltungskram ist nun leider auch notwendig. Und im Übrigen habe ich gehört, dass sie eine Wohnung sucht. Vielleicht kann ich ihr helfen.«

»Eine Wohnung? Ich denke, sie hat eines von unseren Zimmern im Ledigentrakt«, entgegnete Jens sofort.

Brückner lächelte.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738913101
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Juli)
Schlagworte
schicksals chance

Autor

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Titel: Des Schicksals zweite Chance