Lade Inhalt...

Sein Vater war ein verdammter Rebell

2017 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

SEIN VATER WAR EIN VERDAMMTER REBELL

Klappentext:

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

18.

19.

20.

21.

SEIN VATER WAR EIN VERDAMMTER REBELL

 

Pat Urban

 

 

Roman aus dem amerikanischen Westen

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Titelbild: Nach einem Motiv von Charles Schreyvogel, 2017

Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

 

Er sehnt sich nach Ruhe und bekommt einen weiteren Krieg.

Roy Smot wünscht sich nach vierjähriger Abwesenheit, wegen des Bürgerkrieges, nur noch den Seelenfrieden und die familiärer Geborgenheit. Was ihn jedoch zu Hause erwartet, ist absolut niederschmetternd. Haus und Hof, sein früherer ganzer Stolz, sind völlig verwahrlost, seine beiden Söhne Giles und Mike sind zu aufsässigen Burschen herangewachsen und seine Frau, mit der er bis zu seinem Fortgang glücklich verheiratet war, ist mit einem Yankee, einem Sergeant Ken Gross, durchgebrannt. Für Roy kein Unbekannter, kennt er doch dessen wahre Identität aus früheren Tagen. Es kommt zum Kampf zwischen den beiden, deren Ausgang Roy dazu treibt bei den Aufständischen Unterschlupf zu suchen. Er wird kurze Zeit später gefasst, verurteilt und als lästiger, widerspenstiger Rebell gehängt.

Giles verschwindet ohne ein Wort und auch Mike hält nichts mehr in der Heimat. Zwar sind ihre Wege getrennt und ihre Ansichten verschieden, in einem Punkt aber sind sich beide Brüder einig: die Ehre ihres zu Unrecht getöteten Vaters wiederherzustellen, der zwar ein verdammter Rebell war, aber dennoch alles nur aus Liebe zu seiner Familie und der Heimat getan hatte.

Doch da gibt es einen, der auf Rache sinnt, der den Smots den Krieg erklärt hat, sie regelrecht jagt und keine Gelegenheit auslässt, ihnen zu schaden, um sie am Ende vernichten zu können …

Damit beginnt für Giles und Mike ein Wettrennen mit dem Tod auf dem Weg durch die Hölle des Lebens. Wer gewinnt am Ende dieses Rennen, dessen Wegegeld Blut und das Leben selbst sind?

 

***

 

 

1.

 

Als Roy Smot seine kleine Hütte sieht, ist für ihn der Krieg aus und vergessen. Vier Jahre war er fort gewesen, aber in dieser Sekunde erscheinen ihm die vergangenen Jahre nur wie ein böser Traum.

Er reckt seinen großen, hageren Körper, wirft den Stock zur Seite, den er bisher benutzte, und läuft nun, wenn auch hinkend, die letzten zweihundert Yards.

Es ist noch früh am Morgen, trotzdem erwartet Roy, dass eine gewisse Ahnung seine Familie vor die Tür treibt. Aber nichts geschieht. Je näher Roy kommt, desto deutlicher kann er feststellen, dass hier die starke Hand des Mannes, seine Arbeitskraft, gefehlt hat.

Das Dach der Hütte ist schadhaft. Der Kamin sieht verfallen aus, überall fehlt ein frischer Anstrich. Der Hof ist verwahrlost, und von dem Küchengarten stehen nur noch ein paar Pfähle der Umzäunung. Vom Korral am Haus ist nicht einmal das noch geblieben.

Roy ist bitter enttäuscht. Auf einmal hat er Angst, die Seinen nicht mehr anzutreffen. Nein, so weit hätte es Betty, seine Frau, nun doch nicht kommen lassen, denn sie ist nicht allein. Roy hat zwei Söhne, zwei echte Smots, die ohne ihn zu Männern herangereift sein mussten.

Giles muss fast zwanzig sein, und Mike, dieser Teufelskerl, ist doch schon achtzehn. Als Roy dies denkt, friert er plötzlich. Er schluckt schwer an einem eingebildeten Kloß im Hals und spürt, wie seine Knie weich werden.

„Betty!“, schreit er verzweifelt auf. Noch während die schwere Klinke an die starken Bohlen der Hauswand schlägt, erscheint in ihrem Rahmen der Arm eines Jungen.

Roy sieht zunächst nur den Colt, der auf ihn gerichtet ist. Als er in das Gesicht seines Sohnes sieht, erkennt er nur kühle, abweisende Augen, die ihn fremd betrachten.

„Verschwinde, du Strolch! Hier gibt es nichts zu betteln.“

So wird Roy von seinem eigenen Sohn empfangen. Doch dann, beim näheren Hinsehen, erkennt Mike, dass ein Soldat der Südarmee vor ihm steht. Das stimmt ihn sofort weicher. Beschämt fügt er hinzu:

„Die Zeit … zu viele kommen hier vorbei, entschuldige, Soldat, wir haben nichts.“

In diesem Moment drängt sich noch ein Junge durch die Tür, sieht scharf auf den Fremden, der abgerissen auf dem Hof steht, und fragt erschrocken:

„Vater, du?“

„Giles, sag deinem Bruder, er soll den Colt wegnehmen, euer Vater ist heimgekehrt.“

Ehe sich die beiden Söhne von diesem Schreck erholen können, fragt er voller Sorge:

„Jungs, musstet ihr alles so verkommen lassen? Habt ihr nie daran gedacht, zu arbeiten? Wo ist Mutter?“

Die letzte Frage ist schon eher ein Schrei. Roy kann nun nichts anderes mehr denken, als dass seine Betty tot ist. Eine Mutter würde jeden Tag vom Vater reden, würde ihn jede Stunde erwarten, sodass die Söhne ihn auch in den Lumpen erkannt haben würden.

Giles sieht zu Boden. Er legt beruhigend den Arm auf die Colthand seines Bruders. Mike bleibt kühl. Fast feindlich betrachtet er den Vater, ehe er sagt:

„Dort!“ Die Rechte mit der Waffe zeigt nach Westen, wo der kleine Ort Petterstown liegt. „In der Stadt, Frem… Vater. Bei irgend so einem Strolch von Yankee, der die Steuern eintreibt.“

„Dann kommt sie also …“

„Du hast uns nicht verstanden, Vater“, übernimmt Giles das Wort. Er löst sich von Mike und kommt einen Yard näher. „Sie ist fortgelaufen. Damals, als die ersten verdammten Blauröcke kamen, war auch Ken Gross dabei, Sergeant Ken Gross. Mutter kannte ihn, er soll aus der Gegend sein.“

„Du sollst nicht Mutter sagen!“, schreit Mike wild. „Zum Teufel mit dieser …“

„Halt!“, donnert Roy dazwischen. „Vergiss nicht, dass es deine Mutter ist. Noch ist Betty Smot meine Frau.“

„Ich weiß nicht, Vater …“, gibt Giles zu bedenken und steht damit eindeutig aufseiten des Bruders. „Mike hat schon recht. Ohne jeden Abschied wegzulaufen und uns hier einfach sitzenzulassen …“

„Wir sind alt genug, um uns eine eigene Meinung bilden zu können“, sagt Mike feindselig und zieht damit einen Schlussstrich unter diese Aussprache.

Was will dieser Kerl überhaupt noch?, denkt Mike. Befehlen vielleicht? Das hat uns noch gefehlt. Wenn er hier schon leben will, dann soll er sich gefälligst anpassen. Laut, fährt er fort:

„Vater und Mutter … wenn ich das schon höre, wird mir schlecht. Zum Teufel, bisher sind wir ganz gut allein fertig geworden, Alter.“

In dieser Sekunde lernen die beiden Jungen mehr als in all den Jahren, da ihr Vater nicht zu Hause war. Das erste ist der Respekt vor den Eltern.

Trotz seines steifen Beines springt Roy vor und schlägt so blitzschnell seine Rechte Mike zweimal ins Gesicht, dass dieser von der Wucht der Schläge in die Knie geht.

Als sich Giles erschrocken in die Hütte retten will, peitscht die Stimme seines Vaters auf:

„Pfui, Teufel, du Feigling. Bist du auch ein Smot?“

Da dreht sich Giles ganz langsam um. Er schluckt, um die Angst zu überwinden, und kommt mit schweren Schritten zurück. Groß sind seine Augen auf den Vater gerichtet und leise gibt er Antwort:

„Schlag nur zu, Vater. Ich bin ein Smot!“

„Dann schluck es“, brüllt Roy voller Wut und trifft ihn hart. „Ihr verdammten Burschen habt wohl ganz vergessen, dass ein Vater nicht nur Pflichten hat, sondern auch Rechte. Noch bin ich das Oberhaupt der Familie, und als solches will ich respektiert werden.“

Roy sagt seinen Söhnen noch eine ganze Menge. Er sagt es so, dass sie es auch begreifen. Nun, da sein Zorn verraucht ist und er die erste Enttäuschung überwunden hat, findet er die richtigen Worte.

Giles und Mike machen sich bald darauf an die Arbeit. Er selbst aber muss auch noch Klarheit über seine Frau haben. Zu diesem Zweck geht er in die Stadt.

Gerade und leicht hinkend sehen ihn die beiden Jungen vom Hof gehen. Doch in sein Gesicht können sie nicht schauen. Das ist gut so. Sie haben eben einen harten Mann kennengelernt, Roy Smot, ihren Vater.

Erst jetzt lösen sich in Roy alle Angst und Sorge. Die Enttäuschung ist bitter für ihn. Der Krieg war schrecklich, aber diese Heimkehr ist noch schrecklicher.

 

*

 

Am späten Mittag trifft Roy Smot in Petterstown ein. Obwohl er müde und hungrig ist und sein Bein schmerzt, geht er ohne Umschweife auf sein Ziel los. Dieses Ziel ist das Hauptquartier der Unionssoldaten.

„Halt!“, ruft der Posten scharf. „Was willst du hier, du stinkender Rebell? Einen Colt hast du auch noch? Mann, kannst du denn immer noch nicht begreifen, dass ihr den Krieg verloren habt? Verschwinde, heute ist kein Sprechtag. Der Major ist über Land.“

„Mein Name ist Roy Smot. Ich wünsche den Sergeanten Ken Gross zu sprechen. Gib den Weg frei, Kerl! Schließlich bin ich ein Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika und habe das gleiche Recht …“

„Lass ihn eintreten, du Narr!“, schreit innen im Haus eine Stimme, die aber deutlich auf der Straße zu verstehen ist.

Sie verwandelt den Posten in eine Salzsäule. Auch Roy horcht beim Klang dieser Worte auf. Aber ihn durchzuckt keine Angst. Es trifft ihn tiefer, trifft ihn ins Herz, denn diese Stimme kennt er. Er kennt auch den Mann, dem diese Stimme gehört.

Mit wenigen Schritten ist er im Haus. Gleich rechts die Tür muss es sein. Hätte er es nicht gewusst, so würde ihm ein Schild Aufklärung gegeben haben, dass in jenem Zimmer Ken Gross residiert, Sergeant Ken Gross, Leiter der Steuerberechnungsabteilung.

Roy wundert sich nicht. Was bedeutet schon der Name, denn er ist falsch. Aber das ist nicht alles, was an Ken Gross falsch ist. Als Sergeant bei der Nordarmee, als Steuereintreiber, ist aus dem Mann mit dem falschen Namen ein legaler Bandit geworden.

Noch einmal holt Roy tief Luft, ehe er mit einem gewaltigen Tigersatz und mit gezogenem Colt in den Raum springen will. Doch er ist ein hungriger, kaum genesener Mann, dem der Zorn alle Vorsicht wegwischte. Er vergisst, dass er nur ein halber Mann ist, so sehr denkt er an die Stimme.

Damals nannte sich Ken Gross Hal Miles.

Er war Cowboy auf einer Nachbarranch, und Roy war es, der ihn als Pferdedieb entlarvte. Aber einen Tag später war schon Krieg, und Ken Gross sprach von Vaterland, von wiedergutmachen, von kämpfen bis zum letzten Blutstropfen.

Zwei Jahre später traf Roy ihn wieder. Ken Gross stand als Sergeant vor einem Kriegsgericht. Er war ein Deserteur geworden. Doch hatte er auch damals Glück gehabt und mit vaterländischen Reden seine Richter beeinflusst, die ihn zu einem Sonderkommando abschoben.

Roy weiß, wie selten Männer solcher Sonderkommandos überlebten. Der Gedanke, dieser falsche Lump hat auch Betty durch seine Reden gewonnen, macht ihn rasend. Er nimmt Anlauf und springt gegen die Tür.

In diesem Moment geht die Tür auf. Roy segelt wie eine lahme Ente in das Zimmer. Er schlittert über die Dielen und prallt dann gegen einen großen eichenen Tisch.

Als er dennoch hochschnellen will, erstarrt er mitten in der Bewegung. Zu deutlich ist der Vorteil für Ken Gross. Roy hat schon oft in eine Mündung gesehen. Aber hinter dieser Mündung stehen das überlegene Lächeln seines Gegners und gleich daneben die weit aufgerissenen Augen seiner Frau.

Da gibt Roy auf. Das ist verständlich. Auch wenn ihm Betty nicht mehr gehört, wie er deutlich sieht, ihr Anblick macht ihn zahm.

„Steh auf!“, bestimmt Ken Gross jovial. „Aber lass den Colt am Boden. Guten Tag, Roy Smot! Das hast du wohl nicht erwartet, was?“

 

 

2.

 

Einige Atemzüge lang braucht Roy Smot, um den ungewohnten Anblick überhaupt zu begreifen. Seine Frau hat Angst, er würde Ken Gross töten können. Eng umschlungen stehen die beiden vor ihm. Zwar gibt sich Ken Gross Mühe, wie ein Held zu wirken, aber Betty hat Angst, denn nur sie kennt Roy wirklich.

Auf einmal geht es ganz leicht. Roy erhebt sich und fühlt nicht einmal mehr Zorn. Ganz kalt ist es in seinem Innern, als er voller Verachtung entgegnet:

„Es waren meine Fehler, Sergeant. Du hast zu schöne Reden halten können. Damit hast du dich zweimal vor dem Galgen gerettet. Nun, was willst du mir jetzt erzählen, Bandit Hal Miles – ah – Sergeant Ken Gross?“

„Roy“, stöhnt Betty hohl und hebt bittend den linken Arm, denn den rechten hat sie um Ken Gross geschlungen.

„Sei ruhig, Darling!“, bestimmt Ken Gross mit einem Blick auf Betty. „Du hältst dich raus. Wenn Roy will – es ist schließlich Männersache.“

Ehe Roy zustimmen kann, fährt Ken Gross schon fort. Er erzählt, was für ein wichtiger Mann er wäre und dass der Norden den Krieg gewonnen hätte. Wenn Roy sich vernünftig verhält, würde er hinsichtlich des Anwesens der Smot ein Auge zudrücken.

Dann sagt Ken Gross noch etwas. Betty blickt stolz auf diesen und wirft schnell ein:

„Ken meint es wirklich gut, Roy.“

„Im Ort und draußen auf den Ranchen“, beginnt Ken Gross geheimnisvoll, „leben noch ehemalige Soldaten. Männer wie du, Roy, die aber den Krieg, und vor allen Dingen, dass sie diesen Krieg verloren haben, nicht vergessen können.“

Ken Gross erzählt Roy, dass diese Soldaten Banditen sind und Wagenzüge der Unionsarmee, Postkutschen oder die Ranch eines Nordstaatlers überfallen. Dass sie morden, rauben und Krieg spielen.

„Es sind Banditen, Roy!“, erklärt er bestimmt. „Doch das Volk verehrt sie wie Helden, weil sie noch immer gegen den Norden kämpfen. Wenn du mir helfen willst, diese Schädlinge auszumerzen – natürlich ebenfalls als Bandit getarnt …“

„Roy!“, schreit Betty in dieser Sekunde, denn sie kennt ihn und sieht, wie er sich entspannt. Das ist ein sicheres Zeichen. Die Frau hat sich nicht getäuscht.

Aber es ist bereits zu spät. Ganz plötzlich ist das gleichgültige Grinsen in Roys Gesicht wie weggewischt. Aus dem Stand heraus wirbelt er auf dem gesunden Bein herum, ergreift mit unwahrscheinlicher Kraft den eichenen Tisch und stemmt ihn hoch.

Er schafft es auch noch, nach rückwärts Schwung zu nehmen, dann knickt sein verdammtes Bein um, und er bricht mit der schweren Last zusammen.

Ken Gross steht aschfahl dabei. Er hätte keine Chance mehr gehabt. Der Tisch hätte ihn und Betty glatt erschlagen.

Aufstöhnend geht Roy zu Boden und sagt würgend das eine Wort, das nur auf Ken Gross passt:

„Bandit!“

Aber jetzt hat Ken Gross seinen Schreck überwunden. Der Zorn macht ihn rasend. Er springt vor und wirft sich über Roy, der halb unter dem Tisch liegt und fast so gut wie wehrlos ist.

Es wird ein gnadenloser Kampf, den Roy nicht mehr gewinnen kann. Als er Ken Gross noch einmal schmerzhaft trifft, greift dieser in seiner Wut zur Waffe. Nur Betty, die sich dazwischenwirft, verhindert, dass Roy getötet wird.

„Schon gut, Darling“, beherrscht sich Ken Gross. „Dieser Schuft hätte uns beinahe erschlagen. Aber ich habe es mir überlegt. Ich werde ihn ein paar Tage einsperren. Dann kommt er zur Besinnung und wird mir noch dankbar sein.“

Einen Moment sieht er hasserfüllt auf Roy und überlegt, auf welche Art er den unbequemen Mitwisser loswerden könnte, ohne dass Betty ihm eine Schuld an Roys Tod vorhalten dürfte. Er steckt den Colt zurück und wischt sich die Haare aus der Stirn. Laut schreit er dann über den Flur:

„Wache! Zum Teufel, ihr verdammten Narren, schlaft ihr auf euren Ohren? Los, her mit euch und schafft mir diesen Kerl ins Jail! Greift so ein stinkender Rebell doch einen Sergeanten der Nordarmee an, verdammt noch mal. Weg mit ihm und in die Zelle, wo die anderen schweren Fälle sitzen.“

 

*

 

Schon wenige Stunden später ist allen Bewohnern Roys Verhaftung bekannt, obwohl sie kaum gewusst haben, dass er zurückgekommen war. Auch Giles und Mike hören davon, als sie nach langem Warten den Vater suchen.

Die Söhne sind zu stolz, um direkt zu Ken Gross zu gehen. Über ihre Mutter hätten sie den Vater schon herausgepaukt. Nein, sie gehen einen anderen Weg. Sie suchen die Rebellen auf, von denen sie ahnen, einen Helden vor sich zu haben und nicht nur einen armen Cowboy.

Man schickt die Jungen mit beruhigenden Worten nach Hause und rät ihnen, einen Verwalter zu nehmen, damit ihre kleine Ranch nicht verloren ginge.

Dieser Mann, der offiziell die Smotsche Ranch übernimmt, ist ein Spitzel von Ken Gross. Jeder weiß es. Aber nur wenige wissen, dass der Mann mit dem einen Arm, der Dave Hught heißt, das eigentliche Haupt der Rebellen ist.

Dave Hught erfährt auch rechtzeitig, dass die gefährlichsten Rebellen nach Fort Worth verlegt werden sollen. Der ganze Trick dabei ist die Erschießung flüchtender Gefangener. Es ist eine Idee, die nur Ken Gross haben kann.

Der Sergeant baut auch die Falle für diesen Zweck. So kommt es, dass zum eigentlichen Transport der Gefangenen nur wenige Bewacher zur Verfügung stehen. Das soll die Rebellen ermutigen zu fliehen.

Am hellen Mittag, eine Stunde vor dem Abtransport, dringen wagemutige Rebellen in Petterstown ein und überfallen das kaum bewachte Jail, denn jetzt ist Mittagsstunde.

Ehe die verstreut untergebrachten Soldaten aus den Häusern eilen, ist der Spuk schon vorbei. Roy Smot ist wieder frei. Aber es ist keine richtige Freiheit, denn er ist jetzt ein Bandit. Er hat keine Familie mehr, keinen Besitz, kein Recht. Er wurde ein Outlav, ein Gesetzloser.

Roy wird nie wieder die Chance haben, als Bürger zu leben. Er kann nur noch zurückbeißen, wie ein umstellter Wolf. Roy Smot, der immer das Gesetz achtete, wird ein guter Bandit. Schon ein paar Wochen später ist er der Kopf der kriegführenden Banditen. Wenn Roy mit seinen Männern zuschlägt, stöhnt jeder Soldat, der eine blaue Uniform trägt und in Nordtexas Dienst macht.

 

 

3.

 

Nur einer traut sich zu, Roy Smot zu fangen: Ken Gross. Es ist kein Mut, der den Sergeanten dazu treibt, es ist eher eine Verteidigung. Weil er nun einmal kein unbedingter Held ist, versucht er das Problem auf seine Art zu lösen.

Ken Gross lässt die einbringende Steuereintreibung sausen und meldet sich zum Sondereinsatz gegen die Rebellen. Er bekommt eine halbe Schwadron unterstellt.

Er weiß, dass er mit diesen Reitern Roy Smot nicht gewachsen ist. Darum lässt er die Waffen zu Hause und die Pferde im Stall. Er kriecht mit seinen Leuten im Gelände umher und beobachtet die beiden Söhne des Rebellenführers.

Giles wird recht bald als harmlos eingestuft, doch Mike ist ein lohnendes Objekt. Der Junge ist rein verrückt vor Begeisterung über jeden blutigen Streich seines Vaters gegen die Armee.

Wenn Roy nicht eisern befohlen hätte, seine Söhne sollten sich aus diesem Kriegsgeschäft heraushalten, Mike wäre schon längst bei seinem Vater, um mitzuhelfen, Texas wieder freizukämpfen.

Mike sieht es nicht anders. Obwohl der Winter schon vorbei ist und ein neues Frühjahr begann. Viele Cowboys arbeiten wieder im Viehgeschäft, andere haben sich eingestellt, sind abgewandert oder treiben sich als Banditen, nicht als Rebellen, durch das Land.

Ganz fern am Horizont des texanischen Himmels glüht schon ein schwacher roter Morgenschimmer. Für Smot und seine Männer gibt es nur einen Ausweg: Kämpfend sterben. Sie können sich auch hängen lassen oder in einem der Jails verrecken – das ist egal; aber ins Leben zurück können sie nicht mehr.

Das alles weiß Mike nicht. Er reitet an diesem Frühlingsmorgen von seiner Ranch nach Petterstown. Der herrliche Sonnentag, das erste frische Grün und die freie Weide beeinflussen ihn derart, dass er dem Gaul die Sporen gibt und sich lang an den Hals des Pferdes legt.

So braust er im Höllentempo über die Ebene hinweg, frei und ohne Sorgen, jungenhaft, mit dem Glauben im Herzen, die Welt ist schön. Da taucht an seiner Linken ein Zug Unionskavallerie auf. Voller Hass wendet er und reitet zurück, denn es sind ja Feinde, die seines Vaters und seine.

Doch als er sich nach rechts wendet, erkennt er nicht mehr fern eine ganze Kompanie auf den Marsch. Da will er umdrehen, um nach Petterstown zu reiten, aber zu seinem Schreck kommen auch von dort Soldaten her.

„Teufel!“, sagt er verärgert, „das gibt es nicht alle Tage. Die Armee sucht schon wieder.“

Als er es ausspricht, durchzuckt ihn ein Gedanke, denn auf der Straße, kaum erkennbar durch die riesige Staubwolke, hört er das Rollen von Rädern. Es ist die Postkutsche nach Fort Worth.

Sie muss an einer Stelle vorbei, an der Mike die Rebellen weiß. Es kann ein Zufall sein, aber auch ein Trick, Die Rebellen werden die Kutsche hören und ganz gewiss nachsehen, ob nicht ein Yankee dabei ist, der auf ihrer Liste steht. Schon mancher, der mit dem Geld gerupfter, gepfändeter oder betrogener Texaner aus dem Land wollte, ist von den Rebellen auf diese Art geschnappt worden.

Mike hat plötzlich Angst, als er an seinen Vater denkt, und reißt den Gaul herum. Wieder setzt er die Sporen ein, aber jetzt nicht, weil die Welt so schön ist. Es geht um das Leben der Helden seines Vaters.

Ganz hinten, wo Ken Gross befehligt, hört man jetzt seine Stimme. Er schickt zwei Meldereiter zu den beiden anderen Einheiten und gibt seinen Soldaten den Auftrag, Mike nicht aus den Augen zu verlieren.

„Der Bengel ist auf meinen Trick hereingefallen“, lacht Ken Gross selbstsicher. „Man muss nur Geduld haben, wenn man einen Fuchs fangen will. Du wirst staunen, mein lieber Roy, dein eigener Sohn wird dich verraten.“

Mike jagt klugerweise in Haken und Schleifen über die Weide. Er glaubt, die Soldaten, falls man ihn wirklich verfolgt, abgeschüttelt zu haben und prescht dann, aus der entgegengesetzten Richtung jenem Hohlweg zu, wo er seinen Vater weiß.

Doch Mike hat nicht alle täuschen können. Erfahrene Männer sind ihm gefolgt. Auch Roy Smot liegt nicht da, wo Mike ihn vermutet. Roy meidet den Hohlweg und liegt auf einem buschbestandenen Feld.

Als Mike den Weg abkürzen will, erkennt er plötzlich, dass sich einige Büsche bewegen. Männer mit drohenden Waffen erheben sich.

Da hört er die Stimme seines Vaters. Sie klingt nicht freudig überrascht, denn Roy ruft bitter:

„Bleibt liegen, ihr Narren! Es ist nur Mike, mein Jüngster.“

„Die Kutsche“, keucht Mike vom schnellen Ritt. „Aber die Armee – ich ritt scharf – es kann nur ein Trick sein, Vater.“

„Wo, zum Teufel, kommst du her?“, brüllt ihn sein Vater an. „Mike, du großer Schlauberger, willst du uns die verdammten Blauen auf den Hals schicken? Wer hat dich gesehen? O Junge …“

„Verschwinde, Kid!“, schimpft ein bärtiger Kerl, der sich ärgerlich zur Seite rollt, als Mike ihn fast überreitet, weil er zu gut getarnt liegt.

„Die Armee, Vater! Ich sah sie an drei Stellen, und auf der Straße rollt die Kutsche.“

Roy Smot sieht sich besorgt um. Wahrscheinlich wären sie auf diesen Trick hereingefallen. Dann hätten sie kämpfen müssen, so wie sie es jetzt wohl tun müssen, da Mike die Soldaten unabsichtlich heranführte. Roy macht sich nichts vor. Vielleicht geht es heute noch einmal gut.

„Auf die Pferde, wir verschwinden hier“, bestimmt er und wendet sich an Mike. „Du reitest, was dein Gaul hergibt, und in Zukunft lässt du solchen Unsinn, mich warnen zu wollen. Einmal erwischt es mich doch, Mike, Wir sind Banditen, vergiss es nicht. Du aber wirst einen anderen Weg gehen, Junge. Bitte, bleib ein echter Smot.“

Die Rebellen haben ihre Pferde weit abgestellt. Roy hat viel Zeit verloren, und Banditen sind keine strammen Soldaten. Wie aufgescheuchte Hasen rennen sie jetzt über das Feld.

Mike sieht seinen Vater sprachlos an. Da sieht er, wie dieser blass wird. Roy Smot erkennt die Staubwolke, sieht das Blitzen der Säbel und blanken Eisenteile. Hier und da tauchen schon Mikes Verfolger auf.

Roy Smot weiß im Moment, wie das Spiel läuft. Sie sind am Ende ihres Trails angelangt. Sein eigener Sohn, im besten Glauben, ihm zu helfen, hat genau das Gegenteil erwirkt.

„Zurück!“, bellt er entschlossen. „Stellen wir uns, Freunde. Wir haben verloren. Zeigen wir es ihnen, wie ein Texaner sterben kann.“

Den Rebellenschrei auf den Lippen, drehen die ehemaligen Südstaatler um und suchen sich eine Deckung, wo sie nicht so leicht überritten werden können.

Auch Mike springt vom Pferd und hastet gebückt zu seinem Vater. Für ihn steht fest, dass in wenigen Minuten die Soldaten in den blauen Uniformen nur noch laufen werden und um Gnade flehen.

„Junge“, sagt sein Vater ohne jeden Pathos, „steig in den Sattel und verschwinde. Das ist nichts für dich. Hier wird gleich gestorben. Es tut mir leid, dass ich nichts mehr für dich und Giles tun kann und dass immer der Makel auf euch haften wird, einen Banditen zum Vater gehabt zu haben. Reite und bleibe dem Gesetz treu.“

„Ich bleibe bei dir!“, schreit Mike, denn jetzt beginnt ein Lärm, in dem man sich nur noch durch Rufe verständigen kann. „Ich will mit dir sterben, Vater!“

Das Gefecht hat schon begonnen. Wer noch steht oder aufrecht läuft, wird sofort unter Feuer genommen. Von rechts und links greift die Kavallerie an, in der Mitte die Infanterie.

Ein Offizier, der trotz des überhasteten Schießens seiner wütenden Soldaten noch den Versuch unternehmen will, die Rebellen zur Aufgabe des unsinnigen Kampfes aufzufordern, sinkt von mehreren Kugeln getroffen zu Boden.

Es ist der Beginn eines gnadenlosen Kampfes. Für den Jungen, der wohl genau weiß, dass nicht jede Kugel trifft, ist es dennoch ein hilfloses Hin- und Herlaufen. Mike bewegt sich, wie ein unerfahrener Rekrut im Gelände.

Roy Smot kann nichts für ihn tun, er trägt für seine Männer schon Verantwortung genug. Ein ganz kleiner Hoffnungsschimmer, wenigstens mit ein paar durchzukommen, beherrscht ihn. Er schreit Mike zu, sich hinzulegen und tot zu stellen, doch es soll anders sein. Eine Kugel streift Mike am Kopf und lässt ihn wie tot zu Boden gehen.

In diesem Augenblick verliert Roy den klaren Kopf. Der Gedanke, nur noch zu töten, um recht viele mitzunehmen, nimmt Besitz von ihm. Als es an diesem Frühlingsabend dämmert, leben nur noch drei der Rebellen.

Aber auch Mike lebt. Er ist nicht einmal schwer verwundet. Die Rebellen allerdings sind es, und nur deshalb bekommt man sie lebend. Roy Smot ist auch dabei.

 

 

4.

 

Als das blutige Gemetzel vorüber ist, gebietet ein Major Halt. Für ihn sind Verwundete keine Gegner mehr. Er wird sie abliefern, und damit ist sein Auftrag erfüllt.

Roy Smot, seine drei Kameraden und Mike werden in das Jail von Petterstown gebracht. Mike und einer der Rebellen kommen in eine Zelle, da sie leicht verwundet sind. Einige Tage später kommt noch ein Rebell hinzu, da auch er wieder kriechen kann. Der dritte stirbt, und Roy Smot braucht drei Wochen, ehe man auch ihn in die Rebellenzelle steckt.

Für Ken Gross war dieses Gefecht ein großer Sieg. Um aber vollends ruhig schlafen zu können, lässt er die Angehörigen der Rebellen suchen und verhaften. Viel sind es nicht, mal eine Frau, mal ein halberwachsener Sohn.

Der Wichtigste, der nicht gefunden wird, ist Giles Smot. Er ist noch am gleichen Abend, da die Kunde von der Vernichtung der Banditen bekannt wurde, davongeritten. Für den etwas labilen Jungen war es einfach zu viel, als er hörte, Roy Smot und auch sein Bruder Mike sind Banditen, Mörder und Staatsverbrecher, die nach ihrer Genesung gehängt würden.

Es gab dem Jungen einen Schock, der schon unter dem Verhalten seiner Mutter gelitten hatte. Er verliert die Nerven und reitet nach Norden. Nur weg von hier, wo man mit Fingern auf ihn zeigen wird.

Giles will kein Smot mehr sein. Als man nach ihm sucht und er schon über dreißig Meilen von Petterstown entfernt ist, nennt er sich einfach Giles Toms, ein Flüchtling vor der Schande seiner Familie.

Giles erreicht nach Tagen Fort Leavenworth und tritt hier in die Armee ein. Einige Monate später reitet er als Corporal noch weiter nach Norden, in das Indianerland. Und wieder später, im Herbst des gleichen Jahres, bringt ihn ein Befehl nach Fort Phil Kearny. Doch da ist er bereits Sergeant.

 

*

 

Drei Wochen sind vergangen, seit die Armee die Rebellen besiegte. Drei Wochen hat Roy Smot gebraucht, um wieder auf beiden Beinen zu stehen, als man ihm das Urteil eines kurzen Prozesses verlas: Tod durch Erhängen.

„Mike!“, stöhnt Roy auf, da er zu den übrigen in die Todeszelle gebracht wird und seinen Sohn erkennt. „Junge, was hast du getan? Ich sah dich doch fallen.“

„Der Bengel ist schon richtig, Roy“, antwortet stattdessen einer der Rebellen. „Aber ihn nur zu hängen, weil sein Vater ein Rebell ist, begreife ich auch nicht.“

Mike ist hager geworden und hat eher an Begeisterung zugenommen als an Vernunft, Er steht stolz seinem Vater gegenüber und sagt voller Überzeugung:

„Wir sterben zusammen, Vater. Giles wird uns rächen. Und wehe …“

„Du armer Narr“, entgegnet Roy enttäuscht über dieses Verhalten, „wann lernst du es endlich? Sterben ist kein Vergnügen, und als Bandit gehängt zu werden ist eine Schande. Die Smots haben das Gesetz immer geachtet. Nur ich, der im Zorn, um einer Frau willen, vom rechten Weg abkam, durchbreche die Gleichmäßigkeit der Ehre und Treue unserer Familie. Wir sind Lumpen, Mike! Keine Rache, denn es gibt keinen Grund.“

„Aber Vater, du hast doch für Texas gekämpft.“

„Ich wünsche, du begreifst es endlich. Mike, ich war kein Held und ich bin auch keiner. Zum Teufel mit deinen Idealen. Ich bin nur ein Bandit. Und du …“

„Aber er ist verurteilt“, wirft einer der Rebellen ein. „Er gehört damit zu uns, Roy. Lass ihn zufrieden und sei froh, dass er nicht jammert.“

Da lächelt Roy. Er kann schon stolz sein. Aber dieser Stolz tut weh. Doch da kommen Schritte und die Tür geht auf. Ein bulliger Corporal drängt sich in die Zelle.

„Vom Gouverneur“, sagt er leidenschaftslos. Er hat ein Papier in der Hand und liest die Begnadigung von Mike vor. Aber er liest nicht alles. Er wartet.

Mike fliegt herum und stürzt seinem Vater an die Brust. Er kann kaum sprechen und würgt heraus:

„Nimm mich mit, Vater. Geh nicht allein!“ „Sei vernünftig, Mike. Schwöre mir, keine Rache. Bleib ein Smot!“

Das ist das Letzte, was Roy seinem Sohn sagen kann. Denn ganz vorsichtig war der Corporal herangetreten und hatte blitzschnell seinen Colt hoch. Ein Schlag, und Mike rutscht haltlos zusammen.

Als Roy sich zornig an den Soldaten wendet, sagt dieser müde:

„Hör zu, Rebell! Hier steht noch etwas.“

Er liest dann weiter vor, dass Mike Zeuge der Exekution sein soll, um durch diesen Schock, ein für alle Mal, die Lust zum Rebellieren zu verlieren.

„Nun, der Junge ist ohnmächtig geworden. Wir können aber nicht mehr länger warten, Rebell. Ist doch besser so, oder?“

Da geht Roy mit seinen beiden Männern aus der Zelle. Sie treten auf den Gang hinaus und kommen auf den Hof. Roy Smot und seine beiden Partner starben still und tapfer. Sie waren die letzten Rebellen gewesen, das County ist frei.

 

*

 

Keine Stunde später taumelt Mike Smot auf die Straße. Für ihn ist eine Welt zusammengebrochen. Er weiß nur, dass er verschwinden soll. So geht er los.

Mike setzt einen Fuß vor den anderen und hält den Kopf gesenkt. Er geht geradewegs auf die Kommandantur zu, ohne es zu wollen. Plötzlich rempelt er mit einem Soldaten zusammen.

Da sieht er hoch. Doch es ist zu spät. Vor ihm steht der Sergeant Ken Gross, an seinem Arm hängt seine Mutter.

„Pass doch auf, du verdammter Kuhtreiber. Du bist hier nicht auf dem Hof einer Ranch, sondern in einer Stadt, du Landhimmel!“, brüllt Ken Gross voller Zorn, da er Mike erkennt.

Für Ken Gross ist Mikes Begnadigung eine Bedrohung, die er als ein persönliches Unrecht empfindet.

„Mike …“, stöhnt die Frau, und im gleichen Moment schießen ihr die Tränen in die Augen.

Sie hat durch den Sergeanten genug erfahren und lange um den Sohn gebangt, denn schließlich ist sie doch eine Mutter. Dieses Muttergefühl lässt sie einen Schritt vorwärts machen. Sie hebt die Arme und will Mike umfassen.

Aber der Junge ist viel zu erschrocken und weicht rein mechanisch zurück. Mehr ist es ganz gewiss nicht, denn Mike hat Trost bitter nötig. Aber es sieht gefährlich aus. Beleidigend gefährlich wirkt dieser eine abwehrende Schritt, da Mike in den Händen noch Dinge trägt, die seinem Vater gehörten. Ein Colt ist dabei.

Ken Gross wird von einer Sekunde zur anderen wütend wie ein gereizter Stier. Er geht auf Mike los und schlägt auf ihn ein.

„Das ist dafür, weil du ein Smot bist“, schimpft er keuchend. „Da, diesen Schwinger nimm hin, weil du ein Rebellenlümmel bist.“ Und wieder schlägt er auf Mike ein.

„Ken, oh mein Gott, Ken“, weint die Frau und will den Sergeanten hindern, auf Mike einzuschlagen.

Aber dann wird Ken Gross steif. Mike hat seine Arme hoch, um sich zu schützen. Der Colt zeigt auf Ken Gross. Da hält er ein. Er wendet sich ab, sieht zurück und bemerkt, wie Mike die Arme herunternimmt. Der Colt ist weg.

Ken Gross ist böse genug und fair war er noch nie. Er fliegt förmlich herum, reißt die Waffe heraus und hat vielleicht nicht einmal vor, sofort zu schießen. Doch er macht es zu hastig. Er reißt schon den Hammer zurück, während Mike die Gefahr erkennt und sich instinktiv fallen lässt.

In dieser Sekunde verliert Betty Smot die Nerven. Sie glaubt, Ken Gross würde schließen. Sie wirft sich ihm entgegen, stößt ihn hart an und der Colt geht los.

Betty ist schon tot, als sie zu Boden sinkt. Auch wenn Ken Gross von Notwehr spricht und Mike abführen lässt, zu viele hatten zugesehen. Vor Gericht kommt er nicht damit durch, Ken Gross darf froh sein, dass sein Schuss als ein tragischer Unglücksfall hingestellt wird. Die Armee lässt ihn fallen und stößt ihn aus ihren Reihen.

Ken Gross verliert immer mehr an Halt. Er wird wieder ein ganz gewöhnlicher Bandit. Aber so schlau ist er nun doch schon, dass er nicht mehr allein hier und da ein Rind oder ein Pferd stiehlt. Ken Gross war lange genug Soldat, um jetzt eine Bande zu organisieren und zu befehligen.

 

 

5.

 

Fern in Kansas lebt noch eine Schwester von Roy Smot. Bei ihr vermutet Mike seinen Bruder. Er glaubt, Giles sei geflohen, um einer Verhaftung zu entgehen.

Mike verlässt Texas, um nie wieder zurückzukehren. Wochen danach trifft Mike auf dem kleinen Hof seiner Tante Peggy ein. Die alte Frau steht gerade am Brunnen. Sie erkennt Mike auf den ersten Blick.

„Du musst ein Smot sein, Junge. Steig ab, mein Sohn. Wo ist denn dein Bruder?“

Da Mike Giles hier zu finden gehofft hatte, ist es ist ein harter Schlag für ihn, dass es anders ist. Er ist müde und ausgelaugt vom langen Ritt und steigt gleichgültig aus dem Sattel.

„Ich werde dir Vater und Mutter ersetzen“, erklärte Tante Peggy milde und fügt noch hinzu: „Und auch den Bruder.“

Lange hält Mike diese Fürsorge und Liebe nicht aus. Er darf alles machen, immer ist es der Tante recht. Das befriedigt ihn nicht. Mike braucht Probleme, die er lösen kann.

Eines Tages reitet er wieder nach Süden. Sein Ziel ist Petterstown. Mike kommt in ein Texas, das den Krieg fast vergessen hat und dabei ist, sich ein neues Leben aufzubauen.

Dave Hught hat in sechs Monaten aus der Smot-Ranch eine wirkliche Ranch gemacht. Wirklich, das heißt: Korräle, in denen sich Vieh befindet und Cowboys, die dieses Vieh beaufsichtigen. Die Gebäude sind nur etwas ausgebessert und vielleicht ausgebaut und neu gestrichen, wie Roy Smot es schon machen wollte, als er damals heimkehrte.

Dave gibt Mike die Chance eines Partners, denn Mike ist gesund und jung. Wer vorankommen will, muss Vieh nach dem Norden bringen. Das kann Dave nicht mehr, aber Mike wird es können.

Doch Mike ist noch immer nicht ganz von seinem Texasfimmel geheilt. Als es heißt: „diese Herde bringst du nach Abilene“, weigert er sich.

„Ich treibe keine Rinder nach Norden, Boss“, entgegnet er ernst. „Das solltest du doch wissen, Dave. Oder glaubst du, ich hätte schon vergessen, dass diese verdammten Yankee meinen Vater hängten?“

„No, Mike, ich ganz bestimmt nicht. Aber da ist etwas, was dich zu diesem Auftrag zwingt.“

Dave berichtet Mike, dass in diesem Frühjahr 1866 drei Herden von Petterstown aus nach Norden ziehen. Die erste bricht schon morgen auf.

Dave hat nicht so schnell sein können, doch er möchte der Zweite sein. Mike soll die Herde führen. Denn da ist etwas, und er lächelt jetzt hintergründig, was ihn als Geschäftsmann und Mike als Texaner befriedigen könnte.

„Die Rinder bringen harte Dollar, Mike. Wir brauchen sie. Unterwegs auf dem Marsch kannst du einen alten Freund mitsamt seiner Herde zum Teufel jagen, denn vor dir treibt Ken Gross.“

 

*

 

Weiß der Teufel, woher der ehemalige Sergeant so viel Geld aufgetrieben hat, um eine Herde zu erstehen und eine Ausrüstung kaufen zu können. Dann ist ja auch noch die Mannschaft zu bezahlen.

Es ist unbekannt, wie Ken Gross es geschafft hat. Eines Tages hatte er Vieh und Mannschaft. Er kaufte noch dazu und ist seit gestern als Erster auf dem Marsch. Die Route geht über den Chisholm-Trail und das ist Ziel: Abilene.

Schon im vergangenen Jahr waren Herden nach Norden gezogen. In Kansas war das bekannte Texasfieber unter den eigenen Rindern ausgebrochen und damit teilweise der Durchzug durch Kansas versperrt.

Ken Gross weiß das alles. Nach einigen Tagen hat er auch erfahren, wer ihm folgt, denn er hat noch das Armeesystem beibehalten, mit Spähern, Seitensicherung und einer Nachhut.

Er ist Mike haushoch überlegen, denn Mike bietet nur sein ererbtes Gut und seine Jugend dagegen. Dieses Erbe ist zum Teil das Erahnen einer Gefahr, eine trickreiche List, ungeheurer Mut und ein guter Umgang mit Waffen.

Aber sonst versteht Mike auch nicht mehr vom Treiben als jeder durchschnittliche Cowboy. Zweimal setzt er zum Überholen an, doch Ken Gross kennt den Trail und versteht eine Menge von Rindern, sodass es nur ein Versuch bleibt.

Gross überlegt schon, wie er Mike Smot aus dem Weg räumen kann. Nicht nur den Jungen. Er will die Herde vernichten und den Rest seiner eigenen einverleiben.

Es gibt also auf diesem Marsch ein verteufeltes Wettrennen – fast ist es ein Wettlauf. Der Dritte, der Petterstown verlassen hat, erkennt es an den reichlichen Spuren. Aber außer diesen Spuren wird er nichts mehr von den Vorgängern zu sehen bekommen.

Mittlerweile nähern sich die beiden Herden, die immer noch einen Tagesmarsch auseinanderliegen, seitdem sie die Heimatweide verließen, der Grenze von Kansas.

Ken Gross weiß, dass vor ihm die Strecke gesperrt ist und er zu einem Umweg genötigt wäre, wollte er nicht mit Gewalt durchbrechen. Doch nun, da ihm Mike so sehr auf den Fersen ist, hat er einen Plan entwickelt.

Mike wird nicht aufgeben. Darauf stützt sich dieser Plan. Kurz vor dem Zaun wird er ihn vorbeilassen. Wenn Mike mit hohen Verlusten durchbricht, anders wird es wirklich nicht möglich sein, kommt er hinterher.

Die Kansasleute werden ebenfalls hohe Verluste haben. Er kennt die Schießfreudigkeit der Texaner zur Genüge. Das wird also einfach sein. Mit Mike Smot und seiner Restmannschaft wird er schon fertig werden. Bereits jetzt hat er sechs Männer mehr als die Mannschaft von Mike.

Ganz plötzlich schwenkt er nach Osten ab, obwohl der Trail sehr deutlich nach Norden zeigt und Kansas nur noch einen Tagesmarsch entfernt ist.

 

*

 

Mike bricht mit der Herde an diesem Morgen wie gewöhnlich auf. Schon zwei Stunden später prescht einer seiner Vorreiter auf seinem erschöpften Gaul heran und zügelt erst ganz nahe vor Mike das Pferd.

„Boss“, keucht er außer Atem, „etwas scheint nicht zu stimmen. Ken Gross ist nicht mehr zu sehen. Die sind einfach weg. Nur noch die breite Spur erkennt man. Sie weist eindeutig nach Osten.“

„Das ist doch nur ein Trick, du Narr. Wie lange seid ihr der Spur gefolgt?“, fragt Mike wild.

„Als es hell wurde, erreichten Bill und ich das verlassene Camp. Also schon vor vier Stunden. Ich bin gewiss an die sechs Meilen mit Bill gefolgt, ohne eine Herde zu sehen. Dann schickte mich Bill zurück. Boss, wir dürfen keinen Fehler machen.“

„Ja“, lacht Mike wider Willen, „das denke ich auch. Ich wette, du würdest die Herde hinterher treiben, Cowboy, oder?“

„Klar, Mike. Das sieht doch ein Blinder. Ken Gross ist nicht nur zum Vergnügen nach Osten ausgewichen. Vor uns muss die Grenze gesperrt sein, oder weiß der Teufel, was sonst ist. Man hört es nicht zum ersten Mal, Boss, das mit dem Sperren der Grenze.“

Mike hat Bedenken. Ken Gross kann auch Vorhaben, ihn nach Osten zu locken. Er behält den Vorreiter an der Herde und lässt das Tempo ihres Marsches verringern. Dann jagt er nach hinten, wo am Ende ein Halbblut treibt.

„Nimm ein frisches Pferd!“, bestimmt Mike und gibt dem Halbindianer den Auftrag, geradewegs nach Norden zu reiten.

Eins muss bei diesem Ritt herauskommen. Warum schwenkte Ken Gross nach Osten? Wenn es auch etwas dauern sollte. Mike wird an einer günstigen Stelle warten, er muss wissen was gespielt wird.

Der Rote, wie ihn viele nur nennen, hängt sehr an Mike. Er ist zwar das Kind einer Mischehe und hat die Schule besucht, doch das Blut seiner Mutter ist stärker. Ein ziemlich wilder Bursche also, doch als Drag-Reiter unersetzlich und jetzt, wo es um einen delikaten Auftrag geht, der richtige Mann.

Die Herde liegt bereits, als auch Billy, Mikes zweiter Vorreiter, angejagt kommt. Er hat sein Pferd nicht geschont. Als er an Mikes Seite hält, bricht das Pferd in die Knie, und Bill keucht stockend vor Überanstrengung:

„Verdammt, Mike, dieser Narr Ken Gross, treibt nun wieder nach Norden. Wenn er auf den Trail stößt, liegt er weit hinter uns. Wenn du mich fragst, Boss …“

„Ich frage dich aber nicht“, entgegnet Mike lächelnd. „Schon dein prächtiger Partner hatte sich Gedanken gemacht, Billyfriend. Zum Teufel, bin ich nun der Boss oder ist dies ein Parlament, wo jeder seine Meinung für die beste hält? Wir warten hier auf das Halbblut und dann entscheide ich. Leg dich schlafen, wer weiß, wie die Nacht sein wird.“

 

*

 

Am Spätnachmittag bricht die Herde auf. Jetzt wissen sie, was in einigen Stunden auf sie wartet. Da Mike sich noch nicht im Klaren ist, welchen Plan Ken Gross verfolgt, lässt er dessen Herde und jede Bewegung seines Gegners überwachen.

Mike ahnt nur, dass an der abgeschirmten Grenze von Kansas eine Entscheidung fallen wird. Er muss sehr schnell sein und viel wagen. Sein erster Ansturm darf kein Versuch bleiben, sodass der dicht aufgerückte Gegner keine Zeit findet, seinen, also Mikes Durchbruch, auszunutzen. Im Gegenteil, Ken Gross muss nach seinem Blitzangriff und Durchstoß auf eine erbitterte und verstärkte Abwehr treffen.

Das ist natürlich nur ein Plan, ein Gedanke, der auf Glück und Mut aufgebaut ist. Kein vernünftiger Herdenboss würde dieses Risiko eingehen. Nur ein ganz junger, unerfahrener, wie eben Mike, und vielleicht ein skrupelloser Boss, würde alles auf eine Karte setzen.

Es ist gegen Mitternacht, als Mike zwei Meilen vor dem Zaun an der Grenze steht. Helle Wachfeuer dringen durch die Nacht, und hin und wieder kann man einen der Kansasleute erkennen, wenn er seine Runde am Zaun macht.

Ganz gewiss werden sie erwartet. Aber nicht jetzt und auch nicht die Herde von Mike. Von der erbitterten Feindschaft der beiden Bosse, deren Herden bereits erwartet werden, weiß man auch nichts; denn die eine lagerte heute Mittag schon und die andere hatte wohl versucht, durch Abschwenken nach Osten ein Loch im Zaun zu finden.

Als Mike sich alles angesehen hat, reitet er zurück und teilt seine Mannschaft ein. Er selbst übernimmt mit zwei Männern die schwierigste Aufgabe, ein Loch in den Zaun zu schneiden. Sechs Reiter werden als Feuerschutz gebraucht.

Sie melden sich alle, denn schießen können sie, und wo es nach Pulver riecht, fühlt sich ein texanischer Cowboy sehr wohl. Da lacht Mike begeistert auf und sagt diplomatisch:

„Nicht mehr als sechs. Das könnte euch wohl so passen, ihr verdammten Kuhtreiber, was? Schießen wollen sie alle. Aber wer wird mir die Herde durch das entstandene Loch im Zaun treiben? Ich brauche die alten und erfahrenen Männer bei den Rindern. Jungs, denkt daran, dass wir nicht zu hohe Verluste haben dürfen.“

Zusammenfassung

Er sehnt sich nach Ruhe und bekommt einen weiteren Krieg.
Roy Smot wünscht sich nach vierjähriger Abwesenheit, wegen des Bürgerkrieges, nur noch den Seelenfrieden und die familiärer Geborgenheit. Was ihn jedoch zu Hause erwartet, ist absolut niederschmetternd. Haus und Hof, sein früherer ganzer Stolz, sind völlig verwahrlost, seine beiden Söhne Giles und Mike sind zu aufsässigen Burschen herangewachsen und seine Frau, mit der er bis zu seinem Fortgang glücklich verheiratet war, ist mit einem Yankee, einem Sergeant Ken Gross, durchgebrannt. Für Roy kein Unbekannter, kennt er doch dessen wahre Identität aus früheren Tagen. Es kommt zum Kampf zwischen den beiden, deren Ausgang Roy dazu treibt bei den Aufständischen Unterschlupf zu suchen. Er wird kurze Zeit später gefasst, verurteilt und als lästiger, widerspenstiger Rebell gehängt.
Giles verschwindet ohne ein Wort und auch Mike hält nichts mehr in der Heimat. Zwar sind ihre Wege getrennt und ihre Ansichten verschieden, in einem Punkt aber sind sich beide Brüder einig: die Ehre ihres zu Unrecht getöteten Vaters wiederherzustellen, der zwar ein verdammter Rebell war, aber dennoch alles nur aus Liebe zu seiner Familie und der Heimat getan hatte.
Doch da gibt es einen, der auf Rache sinnt, der den Smots den Krieg erklärt hat, sie regelrecht jagt und keine Gelegenheit auslässt, ihnen zu schaden, um sie am Ende vernichten zu können…
Damit beginnt für Giles und Mike ein Wettrennen mit dem Tod auf dem Weg durch die Hölle des Lebens. Wer gewinnt am Ende dieses Rennen, dessen Wegegeld Blut und das Leben selbst sind?

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738913095
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (September)
Schlagworte
sein vater rebell

Autor

Zurück

Titel: Sein Vater war ein verdammter Rebell