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Unterschätze niemals Bobo: Kriminalroman

2017 120 Seiten

Leseprobe

Unterschätze niemals Bobo: Kriminalroman

Horst Bieber

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2017.

UNTERSCHÄTZE NIEMALS BOBO!

Horst Bieber

Kriminalroman

––––––––

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IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Titelbild: Damedeeso/123RF mit Steve Mayer, 2017

Korrektorat: Kerstin Peschel

Früherer Titel: Die tote Tante aus Marienthal

© dieser Ausgabe 2017 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Klappentext:

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Wer glaubt nach einer Straftat ungeschoren davonzukommen der irrt. ALLES kommt früher oder später ans Licht, manches sogar schneller als man denkt.

Eine verscharrte Frauenleiche wird an einer Stelle gefunden, von der man im Normalfall davon ausgehen kann, dass sie so schnell nicht gefunden wird. Doch hier hat jemand seine Rechnung ohne Bobo gemacht. Sein Herrchen, Kriminalhauptkommissar Björn Oppel, ist ratlos. Wer ermordet eine, alleinlebende, ältere Dame und mach sich die Mühe, die Leiche an solch einer Stelle zu verbergen und vor allem: Warum? Die Untersuchungsergebnisse sind verworren und bringen gleich mehrere Personen als mögliche Täter ins Spiel, sodass er noch tiefer graben muss, um sichere Erkenntnisse zu erlangen

Gelingt es ihm den oder die wahren Täter zu fassen? – Vielleicht, denn er hat ja Bobo an seiner Seite. Und Bobo sollte niemand unterschätzen ...

***

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1.

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Bobo hüpfte und tanzte vor Vergnügen. Das würde endlich mal wieder ein vernünftiger Ausflug werden, mit Stockwerfen, Tauziehen, Ballfangen und ein, zwei gediegenen Raufereien mit größeren Hunden. Nicht nur dieses brave Hin und Her auf den Grünanlagen zwischen Rauem Haus und Burgstraße.

Nichts gegen Sabine, die attraktive neue Freundin seines Herrn, aber was Bobo wirklich brauchte, verstand sie einfach nicht. Bobo war ein so intelligenter wie gewitzter Hund, klug genug, um in der Regel zu wissen, was sein Herr von ihm wollte und welche Befehle er gerade noch missachten durfte, bevor Björn Oppel wirklich wütend wurde.

Bobo vereinte in seinem Erbgut zahllose Rassen, er war eher klein, aber verblüffend stark, weiß mit schwarzen Hecken, die sich im Laufe eines Spazierganges durch Dreck, Staub, Öl und Pfützenwasser vergrößerten

Als echter Kavalier ließ Bobo kleine Rüden unbeachtet, legte sich nur mit größeren Rüden an, die im wahrsten Sinne des Wortes auf ihn herabsahen, und war gegenüber Hündinnen von ausgesuchter Höflichkeit.

Jetzt also auf nach Öjendorf, prächtig, nur eines verstand Bobo nicht, warum Herrchen wieder dieses alberne dritte Bein aus Metall mitschleppte.

„Wirst du es schaffen?“, fragte Sabine besorgt.

„Keine Ahnung, wir müssen es versuchen, Bine.“ „Okay, ich hab für alle Fälle das Handy dabei.“

Vor vier Wochen hatte ein durchgeknallter Geiselnehmer auf den Kriminalhauptkommissar Björn Oppel geschossen und ihm das Schienbein zerschmettert. Der Bruch heilte ganz ordentlich, aber für den ungeduldigen Oppel viel zu langsam. Einmal rund um den See zu laufen war schon ein Risiko, aber die Sonne strahlte aus einem makellos blauen Himmel, das Thermometer zeigte über zwanzig Grad an. Er hielt es in seiner Wohnung einfach nicht mehr aus.

Bobo war enttäuscht. Da schleppte er die schönste Auswahl von Stöcken an, doch sein Herr und Meister stöhnte nur und ließ sie alle liegen. Was war los mit ihm, war er etwa krank? Sabine Altmann sah das Unheil kommen: „Er schwimmt über den See.“

„Der Teufel soll ihn holen.“

Der dachte nicht daran, als Bobo etwas plump, aber entschlossen ins Wasser hechtete und auf die erste Insel zuschwamm. Ohne Blick für die Enten links und rechts. Oppel pfiff und rief, aber Bobo ließ sich das kleine Sonntagvormittagsvergnügen nicht verderben. Wie ein Verrückter brauste er auf der Insel durch das Gras und das niedrige Buschwerk, stoppte jäh, schnaufte, schnupperte und begann schließlich zu bellen, dass ihm bald die Luft ausblieb.

Aber niemand kam.

Selbst sein Herr nicht, der doch hören musste, dass Bobo Alarm schlug, weil er Hilfe brauchte. Der Sack roch eindeutig nach Blut und Mensch. Bobo schnappte sich den Knoten des Sacks und begann ihn rückwärts Richtung Wasser zu zerren.

Als Erstes tauchte ruckweise der lebhaft wedelnde Stummelschwanz zwischen dem Gestrüpp auf. Sabine hatte schon das Glas vor den Augen, mit dem sie sonst Wasservögel beobachtete.

„Björn, um Himmels willen, das sieht aus wie ein Mensch in einem Sack.“

In letzter Sekunde entdeckte Oppel einen passenden Stein, der Bobo hart und präzise unter dem steil aufgerichteten Schwanz traf. Bei dieser Beleidigung ließ Bobo die Jute los und schwamm tief gekränkt zu dem Verräter zurück, der bereits über Handy die Kollegen alarmierte.

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2.

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Die Kollegen waren alles andere als begeistert. Ausgerechnet am Sonntagmorgen musste Oppel eine weibliche Leiche finden, der – wie auf den ersten Blick sichtbar – der Schädel eingeschlagen worden war. „Entweder du arbeitest, oder du bleibst zu Hause.“ Bobo deutete die finsteren Seitenblicke richtig und hielt sich vorsichtig in gebührender Entfernung.

„Ich komme morgen ins Büro“, versprach Oppel. „Der Arzt meint, ich solle mich mehr bewegen.“

Sabine versuchte vergebens, ihm das auszureden. „Dann musst du wenigstens zu mir ziehen“, verlangte sie. Dagegen hatte Oppel nichts einzuwenden. Vor Jahren hatte er sich eine Wohnung in der Klaus-Groth-Straße besorgt; nicht übermäßig schön, aber groß, billig und zum alten Polizeipräsidium am Berliner Tor ausgesprochen günstig gelegen.

Doch dann war das alte Präsidium wegen Asbest aufgegeben worden, und der neue Bau an der Hindenburgstraße lag für ihn äußerst ungünstig. Erst recht, wenn er ein steifes Bein behalten sollte, was er manchmal befürchtete, und nicht mehr Auto fahren konnte. Wie der Zufall wollte, freundete er sich mit seiner Krankengymnastin an, die im Blaukissenstieg ein Haus geerbt hatte, das nach ihrem Urteil für eine Person viel zu groß sei. Bis jetzt hatte Oppel viel Wert auf seine Freiheit und Selbstständigkeit gelegt und es immer abgelehnt, zu einer Freundin zu ziehen.

Bei Sabine konnte er sich mittlerweile ein Abweichen von dieser Regel vorstellen, und auch Bobo war nicht prinzipiell dagegen, hatte er in dem Haus doch ein eigenes Zimmer, knurrte allerdings, weil Sabines Drang, ihn regelmäßig unter die Dusche zu stellen, das an sich gute Verhältnis trübte. Denn dabei benutzte sie eine parfümierte Seife, die Bobos Geruchssinn auf Stunden blockierte.

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3.

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Die Kollegen staunten nicht schlecht, als Oppel tatsächlich am Montag seinen neuen Schreibtisch einweihte und Bobos Korb zwischen zwei Schränke klemmte.

Bobo mochte Sabines Patienten nicht leiden, seine Methode, den Behinderten das Laufen wieder beizubringen, war wohl wirkungsvoll, fand aber Sabines Beifall nicht.

Stunden später rief die Kriminaltechnik bei Björn Oppel an. „Kannst du dich bewegen, oder sollen wir dir alles schriftlich übermitteln?“

„Bin schon unterwegs.“

In dem Jutesack hatten sie neben Kartoffelschalen und Lehmresten ein Paar Frauenschuhe gefunden, und Möller zeigte stolz auf den eingeprägten Namenszug: „Orthopädische Schuhe.“

„Danke, Möller.“

*

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DER SCHUHMACHER HATTE sein Geschäft in der Nähe des Wandsbeker Quarrees und erwies sich als energischer Fachmann: „Ja, die Schuhe habe ich angefertigt.“

„Wissen Sie, für wen?“

„Seit wann bemüht sich ein Hauptkommissar, einer alten Dame verlorene Schuhe zurückzubringen?“

„Wenn es das mal wäre“, blubberte Oppel. „Die Schuhe steckten zusammen mit einer weiblichen Leiche in einem Sack.“

„Nein, das ist nicht wahr. Doch nicht Tante Amanda.“ „Wie war der Name?“

Der Forsche lief zartrot an. „Amanda Ruff, etwas über 80 Jahre. Sie sah aus wie die nette Tante aus dem Bilderbuch, und deshalb habe ich sie Tante Amanda genannt, aber nur hinter ihrem Rücken. Sie war zwar nett, aber auch sehr energisch – sozusagen eine Tante mit Haaren auf den Zähnen.“

„Jetzt brauche ich nur noch die Anschrift.“

„Moment.“ Mit dem Bürokram stand der Sohlenmeister etwas auf Kriegsfuß, fand aber nach kurzem, hektischem Suchen die Verordnung des Arztes. Amanda Ruff, Oktaviostraße in Marienthal.

Hochzufrieden ließ sich Oppel ins Präsidium zurückkutschieren. Inzwischen lag sogar das Protokoll des Gerichtsmediziners vor. Amanda Ruff war erschlagen worden, am Samstag zwischen neunzehn und einundzwanzig Uhr. Bei der Tatwaffe handelte es sich wahrscheinlich um einen kurzen, dicken Ast. Der Täter hatte direkt vor ihr gestanden. Stücke von Rinde hatten sich in der Wunde verfangen und wurden noch botanisch untersucht.

Keine Anzeichen auf eine vorhergegangene Auseinandersetzung. Keine Hämatome, keine Abschürfungen. Tante Amanda – dieser Name prägte sich sofort ein – war für ihre 81 Jahre kerngesund gewesen, bis auf akute Bandscheibenbeschwerden, die sie dazu gebracht hatten, etwas schief zu laufen, wogegen der Orthopäde ihr einen linken Schuh mit mäßig erhöhter Sohle verordnet hatte. Am linken Unterarm fehlte eine Armbanduhr, erkennbar an dem hellen Streifen auf der gebräunten Haut. An beiden Händen hatte sie insgesamt sechs Ringe getragen, die ebenfalls fehlten.

Oppel rief den Pathologen an: „Wie stark war der Schlag auf den Kopf? Konnte den auch eine Frau ausgeführt haben?“

„Warum willst du das wissen, Oppel?“

„Ich möchte schon wissen, wer Tante Amanda ins Jenseits befördert hat, ein Mann oder eine Frau.“

„Auch eine Frau kann eine Neun-Millimeter-Pistole abfeuern.“

„Ich denke, Amanda Ruff ist erschlagen worden.“ „Dass ihr blöden Kerle die Akten nie vollständig lesen könnt“, wütete Steiniger los.

„Halt mal die Luft an, du Leichenfledderer“, erregte sich Oppel, „ich kann lesen, sogar von vorne bis hinten, aber deine Akten sind wieder einmal nicht vollständig.“ Steiniger schmetterte den Telefonhörer hin und erschien eine Viertelstunde später, ausgesprochen belämmert.

„Tut mir Leid, Björn, wir haben eine Urlaubsvertretung, und die hat die wichtigsten Seiten nicht in die Akte geheftet. Amanda Ruff wäre an den Folgen der beiden Schläge auf die Schädeldecke auch gestorben, wenn nicht vorher ein direkter Schuss ins Gehirn ihrem Leben ein Ende gesetzt hätte. Neun-Millimeter-Stahlmantelgeschoss.“

„Sie ist also sozusagen zweimal ermordet worden?“ „Wissenschaftlich und medizinisch Blödsinn, sachlich und juristisch nicht ganz falsch.“

„Wie gut, dass ich angerufen habe, sonst wäre unsere Aufklärungsquote wieder so hässlich gesunken.“

„Ich werde die Aushilfe erschießen und ihr einen Zettel mit dem Motiv auf die übrigens recht sehenswerte Brust legen.“

„Die du in diesem Fall nicht obduzieren darfst. Lass es also.“

„Okay. Einverstanden.“

Nach dieser Blamage spurte die Rechtsmedizin, das Geschoss wanderte sofort in die Kriminaltechnik, die ebenfalls ein ungewöhnliches Tempo vorlegte; aber das lag vielleicht daran, dass Oppel gedroht hatte, er werde Bobo schicken, um den Schlafmützenverein aufzuwecken.

Steiniger rief freiwillig noch einmal an: „Nur ein Tipp, Björn. Das Einschussloch war so von den Haaren der alten Dame verdeckt, dass man es kaum sehen konnte, überdies mit Blut aus der Platzwunde eines Schlages verschmiert.“

Als sich die Pressestelle wegen der vielen Anfragen meldete, ordnete Oppel Schweigen an. „Woher wissen die überhaupt ...?“

„Du bist goldig, Oppel. Müsst ihr eure Leichen am Sonntagvormittag bergen, wenn Hunderte von Hamburgern an der Fundstelle vorbeispazieren oder -joggen?“ „Erzähl das meinem Hund.“

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4.

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Am Nachmittag schlich Oppel an der großen, frisch renovierten Villa vorbei. Niemand war ans Telefon gegangen. Bewohnt war das Haus zurzeit anscheinend nicht, niemand reagierte auf das Klingeln, auf Klopfen und Rufen.

Bobo, stolz auf seine neue Funktion als inoffizieller Polizeihund, sauste um das Haus herum, auf der Suche nach offenen Türen oder einem offen stehenden Fenster, fand aber nichts, und auch Oppel, der ihm langsam folgte, entdeckte keine Spur eines gewaltsamen Eindringens.

Vor allen Fenstern und Verandatüren waren Jalousien herabgelassen. Im Garten standen mehrere blaue Plastiksäcke, bis oben hin gefüllt mit Rasenschnitt, einige auch mit den Resten von Sträuchern und Blumenbüschen. Am Wochenende hatte hier jemand im Garten gearbeitet, Sträucher und Blumen beschnitten, die Reste aber nicht mehr abgefahren. Am Zaun entdeckte Oppel ein Metallgestell für Abfälle zur Kompostierung, das bis zur Oberkante aufgefüllt war.

Als Oppel mit Bobo wieder auf die Straße trat, versperrte ihnen eine ältere Frau den Weg. „Was machen Sie denn hier?“, erkundigte sie sich unfreundlich.

Oppel zeigte rasch seinen Dienstausweis, damit sie nicht weiterredete, Bobo mochte keine Menschen, die seinen Herrn aggressiv oder drohend ansprachen, und fühlte sich zur Verteidigung veranlasst. „Wir suchen Frau Ruff. Es ist dringend.“

„Da haben Sie Pech. Frau Ruff ist am Sonntag in ihr Ferienhaus auf Sylt gefahren.“

„Haben Sie zufällig die Adresse?“

„Nein, habe ich nicht.“

„Und wenn dieses Haus hier abbrennt?“

„Verständige ich den Neffen.“

Von dem sie auch keine Anschrift, aber eine Handy-Nummer hatte, die sie nach einigem Zögern herausrückte. Bobo ahnte, dass nicht alles so lief, wie sein Hundefutter-Geber sich das vorstellte, setzte sich also brav vor Pauline Petersen aus dem Nachbarhaus und streckte ihr eine Pfote hin.

Das erweichte sie etwas. Bobo durfte allerdings das Haus nicht betreten und belegte ohne Protest die Fußmatte. Oppel wurde in ein Wohnzimmer geführt, das durchdringend nach Bohnerwachs roch, obwohl alle Fenster offen standen. Der Neffe hieß Peter Pesch, Student, und wohnte auch in Hamburg. Student klang in Pauline Petersens Diktion wie Heiratsschwindler oder Taschendieb.

Oppel verabredete sich mit Peter Pesch im Polizeirevier an der Schädlerstraße. Peter Pesch, 25 Jahre alt, machte einen guten Eindruck, groß, muskulös und blond.

Ja, er hatte die Telefonnummer des Sylter Ferienhauses seiner Tante. Dorthin fuhr sie jeden Juli, bei Sonne, Regen oder Sturm. Nein, wann genau sie am Sonntag losgefahren war, wusste er nicht, sie hatte am Samstag das Auto vollgepackt und wollte noch in der Nacht starten.

„Wann haben Sie Ihre Tante zum letzten Mal gesehen?“ „Am Samstag.“

„Haben Sie sich regelmäßig am Wochenende getroffen?“ „Nein. Sie rief mich am Samstagnachmittag an und befahl mir, zum Rasenmähen anzutreten.“

„Befahl?“

„Sie kennen Tante Amanda nicht.“

„Kannten“, verbesserte Oppel mild. Pesch zuckte nur kurz zusammen. Große Trauer über den Tod seiner Tante schien er nicht zu empfinden.

„Verdammt, ja, daran muss ich mich erst noch gewöhnen.“ „Wieso hat sie Ihnen befohlen, bei ihr zum Rasenmähen anzutreten?“

„Weil sie wieder einmal einen Gärtner rausgeschmissen hatte. Der arme Kerl hatte aus Unachtsamkeit ein kleines Rosenstöckchen zerschnitten und ruiniert. Also musste er postwendend das Grundstück verlassen, und Tante Amanda brauchte jemanden, der ihren Rasen noch vor ihrer Abfahrt in den Urlaub mähte. In dem Punkt ist ... war sie eigensinnig; wenn sie wegfuhr, musste der Garten tipptopp in Ordnung sein.“

„Also haben Sie am Samstag Rasen gemäht.“

„Von sechzehn bis kurz vor zwanzig Uhr. Außerdem darf ich die Säcke noch zur Rahlau bringen. Da gibt es eine Annahmestelle für Gartenabfälle und Sperrmüll.“

Der Leichenfledderer in der Rechtsmedizin hatte Tante Amandas Todeszeit auf die beiden Stunden zwischen neunzehn und einundzwanzig Uhr festgelegt. Es konnte so eben hinkommen.

„Und was bekommen Sie für diese Arbeiten?“

„Einen warmen Händedruck.“

„Etwas wenig, finde ich.“

„Schon, aber ich muss es mir gefallen lassen; denn Tante Amanda ist meine Geldquelle.“

„Das verstehe ich nicht.“

Tante Amanda, so erklärte Peter Pesch geduldig, war die Testamentsvollstreckerin für Peters elterliches Vermögen. Das Testament enthielt aber leider die Klausel, Peter solle nur einen „angemessenen Betrag“ erhalten, um sein Jurastudium abzuschließen. Über das Geld konnte er frei erst verfügen, wenn er das erste juristische Staatsexamen bestanden und das 24. Lebensjahr vollendet hatte.

Bobo hatte aufmerksam zugehört und begann zu knurren, worauf Peter Pesch sofort zugab, dass seine Tante und er durchaus verschiedene Begriffe von „angemessen“ hatten – nein, das Verhältnis war nicht gut, sondern so schlecht gewesen, dass Peter lieber sprang, wenn die Tante pfiff. Denn Tante Amanda hatte einen dicken Kopf und wusste sich immer durchzusetzen – wie bei dem Gärtner, den sie so energisch vor den Gartenzaun gesetzt hatte, dass der arme Mann nicht einmal seine Geräte einpacken konnte.

„Im Garten liegen aber keine Geräte“, wandte Oppel ein. „Dann wird er sie später geholt haben.“

„Kennen Sie den Namen und die Anschrift des Gärtners?“ „Aber ja. Garten- und Gemüsebaubetriebe Balthasar Bauer in Rahlstedt. Und der junge Mann, der das Rosenstöckchen ruiniert hat, heißt Ramon Yarsunke.“ „Okay, das war’s fürs Erste. Besitzen Sie eigentlich eine Pistole, Herr Pesch?“

„Nein.“

„Haben Sie einmal mit einer Pistole geschossen?“ „Nie.“

„Hat Ihre Tante eine Waffe besessen? Als Schutz gegen Einbrecher oder so?“

„Nein, nicht, dass ich wüsste.“

„Okay, jetzt fahren wir mal in das Haus Ihrer Tante.“ Pesch war überhaupt nicht begeistert, folgte aber ohne Widerspruch.

Das Haus war aufgeräumt und leer, im Schlafzimmer fehlten mehrere Koffer. In der Garage stand nur noch ein nicht gereinigter Rasenmäher, der nach Gras roch.

Pesch kannte Marke und Kennzeichen des fehlenden Autos. Tante Amanda fuhr jeden Juli mit dem Auto nach Sylt, und Oppel wunderte sich: „Mit achtzig? Und dann nachts?“

„Sie hatte bessere Augen als ich. Nein, keine Brille oder Kontaktlinsen. Und wer ganz starke Nerven hat, wäre am besten mal mit meiner Tante gefahren. Ich hätte ihm eine zweispurige Bundesstraße mit viel Gegenverkehr und unübersichtlichen Kurven empfohlen.“

Bobo knurrte, er konnte diese harten Bremsmanöver, die sich sein Herr manchmal leistete, nicht ausstehen. Sabine fuhr viel angenehmer.

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NACHDEM PESCH SICH in seine winzige, „angemessene“ Wohnung Ecke Hirschgraben und Wandsbeker Chaussee aufgemacht hatte, besuchte Oppel noch einmal Pauline Petersen.

Sein Instinkt trog ihn nicht. Die alte Dame wusste recht gut Bescheid über die Verhältnisse in den Nachbarhäusern. Sie hatte sogar am Samstag den furchtbaren Krach zwischen Amanda Ruff und Ramon Yarsunke gehört. „Ich hab schon befürchtet, Amanda erschlägt den jungen Mann mit der Harke.“

„Es ging um einen kleinen Rosenstock?“

„Ja, um ein winziges, neu gepflanztes Stöckchen.“

„Ist sie so jähzornig?“

„Und ob!“

Ihre Selbstsicherheit ärgerte Oppel, und deswegen erkundigte er sich heimtückisch:

„Wann ist Frau Ruff denn nach Sylt gefahren?“

Pauline Petersen hatte nichts gemerkt und antwortete arglos: „Das weiß ich nicht. Sie war am Samstagnachmittag hier – ja, kurz bevor der Krach mit diesem Yarsunke losging, und hat sich verabschiedet.

Ich sollte doch mal ein Auge auf den Neffen haben, damit der nicht mit seiner Freundin drüben übernachtet.

So gegen acht ist dieser lärmige rote Maserati vorbeigefahren, wahrscheinlich wieder zum Tennisclub am Osterkamp. Der Mann wohnt in der Rauchstraße.“

Ein beachtlicher Kontrollradius, dachte Oppel bewundernd. „Irgendwann in der Nacht habe ich gehört, wie der Maserati vorbei und Amandas Wagen abgefahren ist und das Garagentor wieder geschlossen wurde. Aber wann genau das war? Fehlanzeige, tut mir Leid.“

Jetzt war Pauline Petersen doch misstrauisch geworden: „Was ist mit Amanda eigentlich geschehen?“

„Wir haben ihre Leiche am Sonntag auf einer Insel im Öjendorfer See gefunden.“

„Leiche ...? Nein, doch nicht Amanda.“ Dann brach es wie eine Sturzflut aus ihr heraus: „Das war bestimmt dieser Yarsunke. Ich habe gehört, wie er ihr gedroht hat, als er in seine alte Klapperkiste stieg ‚Das werden Sie noch bereuen‘. Amanda war auch zu weit gegangen.“

„Ist Yarsunke noch einmal zurückgekommen, um seine Gartengeräte einzusammeln?“

„Ja, am Samstag gegen neunzehn Uhr. Ich hatte gerade im ZDF die ‚heute‘-Sendung eingeschaltet. Amanda brüllte ihn gleich an, was er noch wolle, und er brüllte zurück, er wolle seine Geräte abholen, und wenn Amanda ihm Schwierigkeiten machen wollte, könne er auch die Polizei holen.“

„Wann ist Yarsunke wieder abgefahren?“

„Darauf habe ich leider nicht geachtet.“

„Amandas Leiche steckte in einem Jutesack, in dem wir die Reste von Kartoffelschalen und Lehm entdeckt haben.“

„Ich habe meine Winterkartoffeln auch bei Balthasar Bauer gekauft.“

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738913088
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v377076
Schlagworte
unterschätze bobo kriminalroman

Autor

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Titel: Unterschätze niemals Bobo: Kriminalroman