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Kommissar Morry - Die Todesstraße

2017 200 Seiten

Zusammenfassung

Kommissar Morry ist eine Serie von Kriminalromanen mit allen Zutaten klassischer Detektivgeschichten im englischen Stil. Nebelige Gassen, unheimliche Geschehnisse, skrupellose Mörder und ein Ermittler, der mit Scharfsinn und Beharrlichkeit dem Verbrechen den Kampf angesagt hat. Die Romane erschienen in den 1950er Jahren und spiegeln ihre Zeit wieder.
Verfasst wurden die Kommissar Morry Kriminalromane von Cedric Balmore (d.i. Hans E. Ködelpeter), der später auch zahlreiche Romane zu den Serien Jerry Cotton, Kommissar X und 'Die schwarze Fledermaus beitrug.

Leseprobe

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Kommissar Morry

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Kommissar Morry ist eine Serie von Kriminalromanen mit allen Zutaten klassischer Detektivgeschichten im englischen Stil. Nebelige Gassen, unheimliche Geschehnisse, skrupellose Mörder und ein Ermittler, der mit Scharfsinn und Beharrlichkeit dem Verbrechen den Kampf angesagt hat. Die Romane erschienen in den 1950er Jahren und spiegeln ihre Zeit wieder.

Verfasst wurden die Kommissar Morry Kriminalromane  von Cedric Balmore (d.i. Hans E. Ködelpeter),  der später auch zahlreiche Romane zu den Serien Jerry Cotton, Kommissar X  und 'Die schwarze Fledermaus beitrug.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

Die Romane erschienen ursprünglich als Leihbücher in den 1950er Jahren.

Die Texte wurden in alter Rechtschreibung belassen.

© by Author / Cover Firuz Askin

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de 

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Kommissar Morry

Die Todesstraße

(Cedric Balmore)

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In den Slums von London, nahe der Themse, bellen Schüsse durch die Nacht. Ein mysteriöses Verbrechen hat seinen Anfang gefunden, denn es fehlt nicht nur die Spur des Täters, sondern auch das Opfer ist verschwunden. Die Gangsterwelt hat es verschluckt. Nur der verkrustete Rest eines ehemals pulsierenden Lebensstromes zeugt auf grauer Erde von einer grausigen Schandtat. Kommissar Morry hat seinen neuen Fall. Seine Gehilfen verfolgen viele Fährten. Noch jagen die Ahnungslosen auf einer Straße, die in jedem Eingeweihten das blanke Entsetzen hochtreibt: die Todesstraße. Aber schon zeichnen sich die Umrisse des Geheimnisses ab, das der alte „Philosoph“ in der Cockatoo- Kaschemme längst kennt. Rauschgift ist im Spiel, und es stürzt sie alle ins Verderben, den galanten Gauner wie den brutalen Banditen, und selbst der harmlos scheinende Transportunternehmer Alan Fitzloogh wird trotz seiner aufregenden Ablenkungsmanöver eines Tages in die Fänge einer genialen Yard-Kriminalistik geraten.

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Roman

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— What is the time?"

In einer dunklen Kaschemme des Londoner Hafengebietes, in der ,Red Latern' von Millwall, stellte der brutal aussehende Frankie Suffolk seinem Komplicen Charles Brey diese für ihn wichtige Frage.

„Gleich neun!" kam augenblicklich die Antwort.

„Zounds!" Frankie Suffolk fuhr von seinem wackligen Stuhl auf, und während dieser polternd zu Boden fiel, schnaufte er erregt: „Goddam! — Dann wird es allerhöchste Zeit für uns, daß wir uns auf den Weg machen und über den Fluß kommen!"

Schon rief er nach der Bedienung des drittklassigen Lokals, und sogleich löste sich aus den vor dem Tresen versammelten Leuten eine Frau.

„Norma — nun mal Tempo!" Er versuchte, das Gehämmere und Gejohle der Musikbox zu übertönen. Die noch nicht dreißigjährige Frau schien keine besondere Eile zu haben; selbst der nun besonders grimmige Gesichtsausdruck Frankie Suffolks war wirkungslos bei ihr. Fast gemächlich kam sie auf die beiden an ihrem Tisch stehenden Gangster zu. „Warum so aufgeregt, meine Herren?' Sie musterte abwechselnd die beiden vor ihr stehenden Gestalten. Ihre Stimme klang müde und abgespannt; genauso wirkten auch ihre Bewegungen, als sie sich über den schmutzigen Tisch beugte und, ohne den Schreier aus den Augen zu lassen, die leeren Gläser einsammelte.

„Ihr habt wohl wieder ein Ding ausgetüftelt, das keinen Aufschub mehr duldet? — Wie?" Sie sprach mehr zu sich selbst als zu den beiden durch ihre Worte stutzig gewordenen Männern. Einen Augenblick sahen sich die beiden raubeinigen Gangster an; sie verständigten sich gegenseitig, ohne ein Wort zu sagen. Während sich Charles Brey in dem Raum nach irgend etwas umzuschauen schien, meckerte Frankie Suffolk böse los: „Kümmere dich um deinen eigenen Kram. Normal Und wenn du es genau wissen willst, vorlaute Weiber können wir auf den Tod nicht leiden. Versteh mich also richtig: wir haben zwar heute Nacht nicht, wie du dich auszudrücken beliebtest, ein Ding vor, aber es könnte ja mal sein — und dann wünschen wir nicht, daß du deine Nase da hinein steckst. Kapiert?"

Die Frau ließ sich durch die Drohung nicht einschüchtern. Sie sagte mit spöttischem Lächeln fast unhörbar: „Als wenn ich erst seit acht Tagen hier in dieser Bruchbude meines Onkels bin und ihr mir unbekannt wäret! Genauso stellt ihr euch an. Dabei verratet ihr euch doch nur selbst, wenn ihr so geheimnisvoll redet und dann ableugnet, etwas im Schilde zu führen. — Aber, seid ganz beruhigt, mich kümmert es schon seit langem nicht mehr, was der eine oder andere für faule Geschäfte betreibt. Nur darauf kommt es mir an, daß ihr das bezahlt, was ihr hier verzehrt!"

„Du bist ein kluges Kind, Norma!" meinte Frankie Suffolk und atmete sichtlich erleichtert auf. Er konnte dabei einen gewissen zynischen Ton in seinen Worten nicht unterdrücken.

Norma Royd überhörte geflissentlich den Spott des Gangsters; sie wechselte kurzerhand das für sie als Frau undankbare Thema: „Ihr habt je drei Schnäpse! Das macht also...“

Ein Geldstück aus der Hand Frankie Suffolks flog klirrend auf den Tisch. „Da, Norma!" meinte der Gangster dabei gönnerhaft.

„Das reicht für das Doppelte von dem, was wir zu bezahlen haben! Behalte den Rest für dich, sozusagen als Belohnung für deine gesunde Einstellung."

Unwillig schüttelte die Frau ihren Kopf, daß ihre tiefschwarzen Haare nur so flogen. Bevor sie das Geld an sich nehmen konnte, hatten die beiden Gangster sich umgedreht. Sie verschwanden durch den vor dem Eingang angebrachten Windfang nach draußen. Eine anscheinend ruhige und friedliche Nacht empfing die ins Freie tretenden Männer. Doch die Ruhe unten am Fluß und die Lautlosigkeit in dem über dem Wasser liegenden leichten Dunst trog. Keine halbe Stunde mehr, und der von Nord nach Süd fließende Teil der Themse, der Limehouse-Reach, würde für einige Menschen zur wahren Hölle werden. Dieses aber ahnten weder ein Mann aus der Silver-Walk, noch die möglichst geräuschlos am Ufer dahin huschenden Gangster Frankie Suffolk und Charles Brey. Was wurde hier gespielt? Warum schlichen Frankie Suffolk und Charles Brey zu einem bereitliegenden Boot? Als Frankie Suffolk, zusammen mit seinem Komplicen, das Boot zu Wasser gelassen hatte und mit kräftigen Schlägen gegen den Strom kämpfte, um möglichst nahe an der Stelle das andere Ufer zu erreichen, an der er seine gemeine Tat auszuführen gedachte, sagte er auf die Frage seines Komplicen: „Frankie! Bist du fest entschlossen, Irving Jorday das Päckchen abzunehmen, sobald er es von den Chinks gekauft hat und wieder an Land kommt?"

„Well! — Warum fragst du noch?" knurrte Frankie und tauchte behende die Ruder ins Wasser.

„Ich habe mir die ganze Sache noch einmal durch den Kopf gehen lassen!" begann Charles Brey mit leiser Stimme auf seinen Komplicen einzureden. „Bist du dir auch bewußt, was wir uns auf den Hals laden werden, wenn unser Dazwischenfahren bekannt werden sollte?"

„Wer sollte schon darauf kommen, daß wir es waren, die diesem Jorday das wertvolle Päckchen abgeluchst haben? Er selbst wird uns in der Dunkelheit nicht erkennen! Er wird heilfroh sein, nur mit einem Brummschädel davongekommen zu sein. Es ist eigentlich viel zu anständig von uns, ihm nur eins auf den Deckel zu geben und dann mit der Beute abzubrummen. Verdammt, Charles! Ich habe es Irving Jorday noch nicht verziehen, daß er uns damals bei dem Raub des Schmucks aus der Villa in Holborn hat leer ausgehen lassen! Denke daran, wenn du es sein solltest, der ihm eins über den Schädel geben wird."

„Noch etwas, Frankie", unterbrach Charles Brey seinen Komplicen.

„Ist es auch ganz sicher, daß Jorday allein den Transport des Päckchens vom Schiff der Chinks zu seinem Auftraggeber nach Bermondsey durchführen wird?"

„Well, old friend! — Jedenfalls wird er an jener Stelle noch mutterseelenallein sein, an. der wir ihn mit unserer Anwesenheit beehren. Möglich ist, daß ein zweiter Mann mit einem Wagen auf ihn auf der Rotherhithe Street wartet, um ihn später aufzunehmen. Diese Möglichkeit besteht, doch bis Jorday aus seinem Schlaf erwacht und bis zu dem Mann mit dem Auto gekommen ist, sind wir beide schon über alle Berge. Kein Mensch wird vermuten, daß wir über den Fluß gekommen sind — und auch auf dem gleichen Wege unseren Schatz in Sicherheit bringen werden! Nun beruhigt?"

Charles Brey, der jetzt die Ruder übernahm und wenig später das Boot am Ziel ihres nächtlichen Unternehmens anlegte, war noch keineswegs ganz durch die Worte seines Komplicen beruhigt. Gewiß, diese Sache war von langer Hand vorbereitet worden. Sie hatten von dem Treiben Irving Jordays persönlich gehört, daß er für seinen Auftraggeber den Transport einer gewissen Ware von verschiedenen Schiffen in die Stadt hinein durchzuführen hatte. Sie hatten nämlich ein Gespräch belauscht. Sogleich war ihnen der Gedanke gekommen, die wertvolle Ware in ihren Besitz zu bringen. Sie machten als vorsichtige Gauner zunächst eine Art Generalprobe; das war vor mehr als drei Wochen gewesen. Unbemerkt waren sie dem Manne gefolgt, als dieser mit einem handlichen Päckchen von vielleicht einem Kilo Gesamtgewicht ein im Nelson Dock vor Anker liegendes Schiff verlassen und sich zur Rotherhithe Street entfernt hatte. Keine verdächtigen Gestalten hatten sie während der Verfolgung des Mannes bemerkt. Erst als sie Irving Jorday auf der belebten Rotherhithe Street verschwinden sahen, war ihnen zu Bewußtsein gekommen, daß sie leicht schon an diesem Abend in den Besitz des Päckchens hätten kommen können. Doch aufgeschoben war ja nicht aufgehoben! Heute Nacht nun wollten sie die Gelegenheit nicht wieder ungenutzt vorübergehen lassen. Alles war vorbereitet! Der einmalige, große Streich konnte ausgeführt werden. Punkt halb zehn! — Auf die Minute genau betraten sie das ostwärtige Themse-Ufer an einer Stelle, an der dichtes Gebüsch bis an den Fluß heran reichte. Ihr Boot fand schnell einen sicheren Platz zwischen den Sträuchern, es konnte hier nicht sofort von zufällig vorbeifahrenden Booten der Flußpatrouillen entdeckt werden. Diese schnellen Boote waren ein sehr bedenklicher Faktor in ihrem Plan. Sollte ihr Vorhaben zum Scheitern verdammt sein, so würde wahrscheinlich der Grund nur hierin zu suchen sein. — So sehr sie sich auch in den letzten Tagen festzustellen bemühten, zu welchen Zeitpunkten die Police-Boote am Limehouse-Reach kreuzten, sie hatten feststellen müssen, daß es immer anders gekommen war, als sie es vermutet hatten, den Patrouillen- Plan hatten sie nicht ausmachen können. Glaubten sie, wenn eines der Boote ihren Beobachtungsposten passiert hatte, daß es nun eine längere Zeitspanne bis zur Rückkehr dauern werde, dann tuckerte schon nach wenigen Minuten das Boot wieder an ihnen vorbei. Dann aber auch war es vorgekommen, daß sie es stundenlang nicht zu Gesicht bekamen.

Wie würde es an diesem Abend sein? Die gleiche Frage beschäftigte Charles Brey, als er mit seinem Gefährten durch das Strauchwerk in Richtung Commercial-Docks schlich, dem Ankerplatz des Chinks.

„Keine Ahnung, Charles!" flüsterte leise sein Komplice. Einen Augenblick schien er dann angestrengt zu überlegen. Der Gedanke, mit der ,heißen Ware' an Bord ihres Bootes von der Police auf dem Strom kontrolliert zu werden, machte ihn sichtlich unruhig.

Er kratzte sich seinen Schädel, während er noch einmal aufzählte, was er für diesen Fall zu tun gedachten: „Wenn wir das Pech haben sollten, von den Schnüfflern angehalten zu werden, dann wollen wir wenigstens unsere Haut retten! Ich sitze also hinten am Steuer des Bootes, und wenn die Police uns aufs Korn genommen hat, dann bleibt mir nichts anderes übrig, als das Päckchen unauffällig über Bord gehen zu lassen, bevor sie heran sind! — Well, sollte das aber eintreffen, dann war unsere ganze Arbeit der letzten Tage und auch am heutigen Abend für die Katze. Goddam! — Unser Traum vom großen Reichtum dürfte dann erledigt sein!"

Die Habgier trieb diese beiden Gangster immer wieder zu neuen Gemeinheiten. Ihre Geschäfte' waren bislang weniger ertragreich gewesen, aber jetzt versprachen sie sich von diesem Coup das Geschäft ihres Lebens. Nun, Geld und Reichtum war ihnen aber nicht beschieden, eher Furcht und Grauen, ja, selbst der Tod lauerte auf sie!

Von all dem ahnten sie jedoch noch nichts, als sie am Pier des Commercial-Docks den dunklen Schatten des gesuchten Schiffes erblickten. Mächtig hoben sich die Umrisse des Kolosses gegen den Nachthimmel ab. Geräuschlos schlichen Frankie Suffolk und Charles Brey zu dem unweit des Fallreeps stehenden Verladekran hin. Sie suchten gespannt das Deck des ausländischen Schiffes ab. Doch alles Leben auf dem Schiff schien erstorben zu sein. Kein Laut drang bis zu ihnen herüber. Fast zehn Minuten verharrten die beiden Gangster schweigsam hinter dem Schienenkran. Dann stieß Charles Brey seinen Komplicen in die Seite.

„Frankie!" flüsterte er heiser. „Diese unheimliche Stille gefällt mir nicht! Wenn die Chinks an sich auch schleichende Burschen sind, so geht es mir einfach nicht in den Kopf, daß sich niemand an Deck zeigt. Auf jedem Kahn ist doch sonst ein Wachgänger! Siehst du etwa eine Menschenseele dort oben? Ich nicht! Und das macht mich stutzig."

„Psst! Schrei nicht so laut", raunte Frankie Suffolk seinem Komplicen zu. Auch ihn hatte eine lähmende Unruhe gepackt. Scheu duckte er sich tiefer in den Schatten des Kranes.

Während er weiterhin seinen Blick auf das Deck des vollkommen ruhig liegenden Ungetüms von Schiff gerichtet hielt, sagte er mit verhaltener Stimme: „Ich weiß auch nicht, warum hier alles wie ausgestorben ist. Damals, am Nelson Dock, hatten sich wenigstens einige Gestalten an Land herumgedrückt. Hier ist sowohl auf dem Kahn als auch an Land kein Lebewesen zu erkennen."

„Das meine ich ja gerade, Frankie." Charles Brey beugte sich plötzlich in einem Anfall von Angst zu seinem Komplicen nieder.

„Hier stimmt etwas nicht! — Komm, laß uns verschwinden! Wir können..."

Da unterbrach Frankie warnend die Rede seines Gefährten und legte den Finger auf den Mund: „Still! — Hörst du nichts?"

Tapsende Schritte näherten sich nun ihrem Standort, sie wurden von Sekunde zu Sekunde lauter. Da! — Nun verhielt ein kaum erkennbarer Schatten vor dem Fallreep; er schien einen Augenblick zu zögern und huschte dann fast ohne Geräusch zum Deck des Schiffes hinauf. Kaum hatte der Schatten das Deck erreicht, als auch schon der Umriß eines zweiten Menschen erschien.

„Es ist Jorday!" raunte Frankie Suffolk seinem wie erstarrt stehenden Komplicen zu.

„Yes — ich habe ihn erkannt! Was machen wir nun?"

Die Zähne Charles Breys klapperten gegeneinander. „Komm!"

Seinen Partner am Arm mit sich ziehend, huschte Frankie Suffolk, der offensichtlich die besseren Nerven besaß, aus seinem bisherigen Versteck hervor und strebte eiligst in die Richtung, aus der er Irving Jorday hatte kommen sehen.

„Reiß dich zusammen, old boy!" meinte er ein wenig später zu Charles Brey und zwang sich selbst gewaltsam zur Ruhe.

„Wir haben nicht mehr allzuviel Zeit, bis Jorday wieder mit dem Päckchen zurückkommen wird. Er wird sicherlich auch heute wieder den gleichen Weg nehmen, den er für den Hinweg benutzt hat. — Also, suchen wir uns einen geeigneten Platz für den Überfall!"

Sie fanden ihre alte Ruhe und Kaltblütigkeit wieder zurück, als sie nicht mehr in der unmittelbaren Nähe des geheimnisvollen, fremden Schiffes waren.

„Okay, Frankie!" kam es bereits wieder fester über Charles Breys Lippen.

„Setzen wir uns besser noch ein kleines Stückchen mehr von diesem verdammten Kahn ab und warten wir dann auf diesen Jorday!"

Mit diesem Vorschlag war auch Frankie Suffolk einverstanden. Und so machten sie dreihundert Yard entfernt hinter einem niedrigen Bau halt. Nun konnte Irving Jorday kommen! Ihre Netze waren für ihn ausgelegt.

Und Irving Jorday kam. —- Er kam direkt auf sie zu. — Immer deutlicher vernahmen sie seine schleppenden Schritte. Schon begannen sie ihren Atem anzuhalten; sie duckten sich wie zwei große Katzen vor dem Sprung. In diesem Augenblick geschah es! Plötzlich war für ein oder zwei Sekunden das Geräusch der auf sie zukommenden schleppenden Schritte abgerissen. Dann jagte der Mann in fliegender Hast in entgegengesetzter Richtung davon. Augenblicklich sprangen Frankie Suffolk und

Charles Brey auf, um dem Fliehenden nachzusetzen. Aber sie waren noch nicht drei Schritte vorwärts geeilt, als mehrere Schüsse durch die Nacht peitschten! Kurz und scharf knallte es, aber an einer ganz anderen Stelle, als an der sie den Fliehenden vermuteten. Sofort durchzuckte sie die Erkenntnis: Da ist noch jemand, der sich für Irving Jorday und sein Päckchen interessierte! Noch einmal leuchtete grelles Mündungsfeuer vor ihren Augen auf, gleichzeitig schrie ein Mensch. Frankie Suffolk und Charles Brey fühlten, wie ein kalter Schauer sie überrann. Unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, warf sich Charles Brey der Länge nach auf den Boden. Frankie Suffolk aber wollte im ersten Augenblick in seiner Wut gegen den unsichtbaren Widersacher anrennen. Noch rechtzeitig besann er sich. Und schon lag auch er lang ausgestreckt neben seinem Komplicen. Gespannt lauschten beide in die Nacht. Ein Rascheln, ein Stöhnen — dann entfernte sich das Geräusch hastiger Schritte in Richtung der Rotherhithe Street. Ebenso schnell wie der Spuk gekommen war, war er auch wieder in der Nacht verschwunden. Zurück blieben zwei verdutzte Gangster, die immer noch ihre Gesichter gegen den Boden gedrückt hielten. Keine fünfzig Yards von ihnen entfernt befand sich ein Mann, der auch mit dem Gesicht auf dem Boden lag, dessen Jakkett sich aber im Rücken mehr und mehr rot verfärbte.

„Verdammt, Charles", fluchte Frankie Suffolk wütend und erschrocken zugleich.

„Da ist uns einer zuvor gekommen! Vorwärts, laß uns nach sehen, ob dieser Kerl..."

„Warum denn das?" brachte der am ganzen Körper bebende Charles Brey mühsam hervor. Seine Augen waren weit aufgerissen, furchtsam starrte er in die Nacht, „Laß uns lieber verschwinden, bevor wir von irgendwem gesehen werden!"

„Well, das werden wir denn auch sofort tun! Aber erst will ich mich davon überzeugen, ob der Schießer das Päckchen mitgenommen hat! Bleib du hier liegen, ich sehe mal nach!"

Noch ehe Charles Brey etwas erwidern konnte, war sein Komplice aufgesprungen und lief schon zu der Stelle hin, von der ein Stöhnen zu ihnen herüber kam. Ein kleines Licht flammte auf, kreiste wenige Sekunden über eine am Boden liegende Gestalt. Es war Irving Jorday, der hier lag. Das Licht erlosch wieder.

„Schnell! Wir müssen sofort verschwinden, Charles!" rief Frankie Suffolk seinem Komplicen zu und rannte davon.

Einen Augenblick glaubte Charles Brey, er habe Blei in seinen Gliedern, so schwer konnte er sich aufrappeln, und dann wankte er hinter Frankie Suffolk her. Wie eine eiskalte Hand griff der Schreck nach ihm, als er fast zu dem vor ihm laufenden Frankie Suffolk aufgeschlossen hatte und hinter sich plötzlich den Ruf vernahm „Halt! Hier nach links hinüber!"

Zwei, nein drei Stahlampen warfen ihre Lichtbündel in die Finsternis hinter den flüchtenden Gangstern her.

2

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DIE GROßEN DOCK UND Werftanlagen, die von den Teilstücken der Themse, dem Limehouse- Reach und The Pool umgrenzt wurden, tragen auf den Stadtkarten die Bezeichnung: ,Surrey- Commercial-Docks'. Auf der Karte im Informationsraum der Funkleitstelle von New Scotland Yard, Victoria-Embankment, ist dieses Gebiet mit einer anderen, kürzeren Bezeichnung vermerkt: „District S. E. 16."

Die Polizisten dieses Distriktes müssen zuweilen hart zupacken können. Auch Weitsicht, Entschlossenheit und große berufliche Erfahrungen gehören dazu, um in diesem Gebiet beruflich bestehen zu können. Alle die Voraussetzungen erfüllten die Männer jener Crew eines Funkstreifenwagens, die an diesem Abend ihren Dienst in dem Gebiet der Surrey-Commercial-Docks, somit im District S. E. 16, versah. Im Augenblick hätte auch ein Uneingeweihter feststellen können, daJ3 diese Männer sich langsam auf ihren Feierabend vorbereiteten. Es war bereits kurz vor Zehn, der Stunde der Ablösung, und in wenigen Minuten würden Beamte des Nachtdienstes ihr Fahrzeug übernehmen.

„Stop mal, Mat! — Ich will das Funkbetriebbuch so weit abschließen, daß ich es heute nicht mehr anzurühren brauche!"

Hank Billow, der Funkstreifenwagenführer, und seine Kollegen, sämtlich Sergeanten der Police, waren gut gelaunt. Der angesprochene Fahrer legte sein Gesicht in tausend Falten und neckte: „By gosh, Hank! — Dich hat es aber ganz schön erwischt! — Seit vierzehn Tagen wirst du kurz vor Feierabend zappelig wie ein Primaner. Ich befürchte, wir werden wohl bald eine Sammlung unter uns Kollegen für einen abgängigen Junggesellen veranstalten müssen."

„Red nicht solch einen Unsinn, Mat!" Hank Billow war leicht verlegen, er lächelte aber still in sich hinein.

„Nun ja", ließ sich in diesem Moment auch die Stimme des dritten Sergeanten hinten aus dem Fond des Wagens vernehmen.

„Warum sollen nur wir beide es schlecht haben, Mat? Lassen wir doch Hank auch in den sauren Apfel beißen. Er wird sich noch ganz schön umsehen, wenn er mal etwas später nach Hause kommt und nach einer Ausrede für seine Verspätung suchen muß."

„Ausrede, Boys? — Da kennt ihr aber euren alten Hank Billow noch immer nicht richtig."

Ertappt biß sich der Sprecher auf die Lippen. Nun hatte er sich selbst verraten. Nun, jetzt war es auch egal, sollten seine beiden Kameraden es eben als erste erfahren, daß er in der Tat in einigen Wochen von seinem Junggesellenleben Abschied zu nehmen gedachte. Er sagte, sich in die Brust werfend: „Außerdem ist sich Maureen vollkommen darüber im klaren, was sie als Frau eines Sergeanten aus dem District S. E. 16 erwartet."

Dieses Eingeständnis traf den Fahrer des Streifenwagens so unerwartet, daß er ruckartig auf die Bremse trat und den Wagen zum Halten brachte. „Wiederhole das noch einmal, Hank?" Er glaubte nicht richtig verstanden zu haben und schaute dabei seinen Kollegen herausfordernd an.

Dieser nickte wortlos seinen beiden Kameraden zu und vertiefte sich dann in das in seinen Händen befindliche Funkbetriebsbuch. So kam es, daß der Funkstreifenwagen auf der Fahrt zum Police-Revier in Rotherhithe kurz vor dem Dienstwechsel auf der Redrif Road zum Halten gebracht wurde. Keiner der drei Beamten ahnte, was sich in dem Gebiet zwischen ihrem Standpunkt und dem rechts von ihnen liegenden Commercial-Dock abspielte. Daher traf es sie plötzlich wie ein Blitz aus heiterem Himmel, und ruckartig warfen alle drei ihre Köpfe herum: Kurz hintereinander, gar nicht allzu weit von ihnen entfernt, zerrissen mehrere Detonationen die Stille der Nacht. Es waren Schüsse, die unverkennbar aus einer Handfeuerwaffe, aus einer großkalibrigen Pistole kamen.

„Goddam! — Das war doch nicht weit vom Commercial-Dock entfernt?" Sergeant Hank Billow horchte den verklingenden Schüssen nach; dann riß er hastig den Wagenschlag auf und landete mit beiden Beinen auf der Fahrbahn.

„Stimmt, Ha ..." rief der ebenfalls schon aus dem Wagen gesprungene Mat Simson, um die Annahme seines Kollegen zu bestätigen. Als erneut eine Detonation aufklang, war alle vorherige Heiterkeit der Polizisten gewichen. Die Erfordernisse des Augenblicks ließen sie routinemäßig handeln. „Mat — du übernimmst die Strecke links von uns! Ich gebe direkt das Gebiet zum Dock hinab! — Bleibe aber in Rufweite! Man kann nicht wissen, der Bursche hat eine Waffe. Ja, und was haben wir?"

„All right, Hank!" Der Gewarnte wußte, was sein Kollege mit diesen Worten sagen wollte. Während er mit langen Sätzen sich in die Dunkelheit begab, verwünschte er insgeheim die Tatsache, ohne Waffe gegen schießwütige Verbrecher anrennen zu müssen. Seiner Meinung nach war es schon lange an der Zeit, daß man wenigstens den Insassen der Funkstreifenwagen eine Schußwaffe in die Hand gab. Aber das verbot das englische Recht! Die Cops durften nur auf besonderen Befehl — und nur für einen bestimmten Zeitabschnitt mit Pistolen ausgerüstet werden. Sonst hatten sie ihren gefährlichen Beruf ohne eine Feuerwaffe zu versehen.

„Damn't", knurrte der Sergeant vor sich hin. „Es muß wohl wieder erst einmal einer unserer Leute ins Gras beißen, bevor wir für einige Wochen wieder Pistolen umschnallen dürfen. Es ist...“

Sergeant Mat Simson verschluckte seinen Zorn und tastete sich weiter in die Dunkelheit vor. Auch Sergeant Hank Billow hatte sich in Bewegung gesetzt. Er hatte noch einen kurzen Aufenthalt im Funkstreifenwagen gehabt, weil der dritte seine Kollegen nicht ohne seine Mithilfe hatte gehen lassen wollen.

„Okay!" hatte Hank Billow entschieden.

„Dann übernimmst du das Gebiet rechts von mir. Ruf aber zuvor die Leitstelle an und melde, was wir hier am Commercial-Dock gehört haben!"

Aus dem District S. E. 16 ging folgender Funkspruch ab: „Schüsse am Comimercial-Dock! — Verlassen das Fahrzeug! — Melden uns später wieder! — Ende! —"

Einsam und verlassen blieb die schwarze Limousine der Police an der Straßengabelung Redriff-Road und Rotherhithe-Street in der Dunkelheit zurück. Die Besatzung aber strebte mit offenen Augen und angespannten Sinnen dem Commercial-Dock zu. Immer näher schoben sie sich an den Ort des Geschehens heran. Noch hatte keiner der drei Männer seine Stablampe im Aktion treten lassen. Sie waren erfahren genug, um sich die Wirkung eines zu frühen Aufleuchtens ihrer Lampe ausmalen zu können. Zwar zerrte dieses Tasten durch die Dunkelheit an ihren Nerven, aber was nutzte es, wenn sie sich selbst als Zielscheibe dem unbekannten Schützen darboten, oder sich und ihren jeweiligen Standort mit einem Ableuchten der Umgehung verrieten? Nur wenn sich ihnen der Gesuchte wirklich zeigte, sollte er von dem Licht ihrer Lampen erfaßt werden.

Waren die zwei Gestalten, die nach Sergeant Hank Billows Ruf: „Halt! — Hier links herüber!" von dem Licht seiner Stablampe erfaßt worden waren, nun die oder der Schießer? Alle Anzeichen deuteten darauf hin, daß diese beiden jedenfalls eine nicht ganz reine Weste hatten. Denn obwohl nun alle drei Lampen der Polizeibeamten sie beleuchteten, kümmerten sie sich nicht darum und viersuchten, möglichst schnell zwischen den Kränen und dem Ladegut des Commercial-Docks zu entkommen. Nur für kurze Zeit nahmen die drei Cops die Verfolgung dieser beiden Kerls auf, stets in der Erwartung, einer dieser beiden Burschen werde sich umdrehen und schießen. Doch nichts geschah. Plötzlich bogen die beiden Flüchtenden, von der Crew des Funkstreifenwagens hart verfolgt, um die Ecke eines Lagerschuppens. Als die drei Police-Männer um die gleiche Ecke liefen, waren die zwei Burschen bereits wie vom Erdboden verschwunden.

„All skies!" fluchte Mat Simson nach längerem ergebnislosem Suchen grimmig.

„Die Burschen können sich doch nicht in Luft aufgelöst haben! Sie haben sich hier irgendwo versteckt! Ich will verdammt sein, wenn ich ihr Versteck nicht finden sollte."

Schon wollte er sich wieder von seinen beiden Kameraden entfernen, als Sergeant Hank Billow ihn zurückhielt. „Laß das sein, Mat", meinte er, zur Vorsicht ratend. „Wir werden sie doch nicht wieder zu Gesicht bekommen, sie kennen sich hier besser aus als wir, und wir mühen uns nur vergebens ab. — Laßt uns zurückgehen und das Gelände absuchen. Vielleicht entdecken wir dort etwas, was diese Schüsse erklärt."

Nur widerwillig ließ sich Mat Simson dazu, bewegen, seine Suche nach den beiden verschwundenen Personen aufzugeben. Dann eilte er seinen vor ihm her schreitenden Kollegen nach, grübelte aber unentwegt über das eben Erlebte nach. Sonderbar! Das ging ihm nicht in den Schädel hinein! Was hatte dies alles für einen Sinn? Warum schossen Unbekannte hier in der Gegend herum? — Und wenn diese zwei Personen von vorhin geschossen hatten, weshalb gaben sie dann anschließend nicht einmal einen Warnschuß auf die verfolgenden Polizisten ab? Dieses Verhalten paßte irgendwie nicht zusammen. Längst hätten die beiden Burschen doch erkennen müssen, daß die Polizisten waffenlos waren. Teufel, was wurde hier eigentlich gespielt?

Die gleiche Frage schien sich auch Sergeant Hank Billow vorzulegen, als er unvermittelt stehenblieb und im Schein seiner Stablampe etwas Glitzerndes aufhob.

Er hielt seinen Fund den Kameraden entgegen. Für Sekunden trat Stille ein.

„Goddam! — Die Hülsen haben wir ja nun gefunden! Jetzt fehlen uns noch die Projektile, die vor nicht allzu langer Zeit noch in diesen Hülsen gesteckt haben!"

Seine Stimme hatte einen heiseren Klang angenommen, und der Sinn seiner Worte war für Mat Simson plötzlich so einleuchtend, daß er hastig herausplatzte: „Beeilen wir uns also, damit wir den Menschen finden, den die Projektile getroffen haben könnten."

Mehrere Sekunden sahen sich die drei Männer schweigend an. Sie ahnten, was nun kommen würde. Dann unterbrach Sergeant Hank Billow die Stille: „Vorwärts, beginnen wir."

Fächerartig strebten die drei Police-Männer auseinander. Die Strahlen ihrer Stablampen leuchteten das vor ihnen liegende Gelände ab. Immer weiter entfernten sie sich voneinander. Die Augen zu schmalen Schlitzen zusammengezogen, erwartete Sergeant Mat Simson jeden Augenblick ein lebloses Bündel im Licht seiner Lampe zu entdecken. Nicht anders erging es seinen beiden Kameraden. Auch sie waren davon überzeugt, daß sie sich hier an dem Ort eines vor nicht allzu langer Zeit verübten Verbrechens befanden. Sie hatten selbst die Schüsse gehört, und wenn es hier in dieser Gegend knallte, dann war da,s Leben eines Menschen sehr wahrscheinlich gefährdet oder vernichtet.

„Hallo, Mat! — Hallo, Bill!" erscholl in diesem Augenblick die Stimme des Streifenführers durch die Stille der Nacht.

„Kommt schnell her!"

Sofort eilten die beiden Beamten zu ihrem Kameraden hin. Ihr Atem ging lebhaft, als sie bei Hank Billow ankamen. Doch was sie vermutet hatten, war offenbar nicht geschehen. Nicht einen zusammengekrümmten menschlichen Körper, nicht das Opfer eines unbekannten Verbrechers hatte ihr Streifenführer entdeckt, nein, nur einen handtellergroßen dunklen Fleck auf dem Erdreich. Das war es, worauf Hank Billow hinwies.

„Was glaubt ihr, wird das sein?" fragte er.

Prüfend beugten sich die beiden Beamten über den Fleck. Es dauerte keine zwei Sekunden, dann kam auch schon wie aus einem Mund ihre Antwort:

„Kein Zweifel, Hank! — Das ist Blut!"

„Well! — Und nun frage ich euch: wie ist es möglich, daß der Mensch, dessen Blut hier vergossen ist, nicht mehr aufzufinden ist?" Der Sergeant war ratlos. Er schüttelte immer und immer wieder verständnislos den Kopf.

„Himmel! — Mir ist wirklich schon allerhand untergekommen — aber daß sich ein Angeschossener in Luft aufgelöst hat, das habe ich noch nicht erlebt!" sagte Mat Simson. „Dabei waren wir doch kaum fünf Minuten, nachdem wir die Schüsse gehört haben, hier an Ort und Stelle!"

Die drei Police-Beamten konnten sich keinen Vers darauf machen; wie es möglich gewesen war, daß ein offenbar verwundeter Mensch spurlos verschwunden und trotz allen Suchens keine Spur von ihm zu entdecken war. So machten sie sich also auf den Weg zu ihrem Fahrzeug. Es stand für sie fest, daß am Commercial- Dock ein Verbrechen geschehen war, ein Verbrechen aber, bei dem der Täter und sein Opfer unbekannt geblieben waren. Dieser seltsame Fall beschäftigte sie sehr; und nicht nur sie allein, sondern auch den Leiter ihres Reviers, dem sie sofort die Ereignisse am Commercial-Dock meldeten. Viele Fragen blieben an diesem ereignisvollen Abend offen: Wer war der Schütze? — Wer war das Opfer? Wie hatte sich dieser Mann allein vom Tatort entfernen können? War ihm etwa ein weiterer Unbekannter zur Hilfe gekommen, während sich die Cops des Streifenwagens auf der Jagd nach den beiden flüchtenden Personen befanden? — Hatte vielleicht der heimtückische Schütze selbst sein Opfer fortgeschafft? — Welches Motiv lag dieser Tat zu Grunde?

Von den in der Kriminalarbeit stets beachteten sieben ,Wieso' waren nur die ersten beiden bekannt. Das Wann und das Wo der Tat.

Alles andere war und blieb vorerst eine ungeklärte Frage. Selbst das ,Wie' konnte in Anbetracht des Verschwindens des Opfers nicht einwandfrei geklärt werden. Daran änderte auch das Auffinden der leeren Patronenhülsen nichts. — Wie oft schon war es vorgekommen, daß ein angeschossenes Opfer nicht den Tod durch diese Verletzungen gefunden hatte, sondern durch eine folgende andere Gewaltanwendung. Wer? Warum? Womit? und Was?, das sind die übrigen Fragen, die bisher ungelöst waren.

„Keine leichte Aufgabe, meine Herren", konstatierte der Revierleiter abschließend, nachdem er sich die Meldung der Crew angehört und sich die geheimnisvolle Angelegenheit durch den Kopf hatte gehen lassen.

„Das beste wird sein, ich rufe sofort Scotland Yard an! Vielleicht haben sie dort mehr Anhaltspunkte und wissen Ihre Meldung dementsprechend besser auszuwerten. — Einen genauen schriftlichen Bericht bitte ich mir bis morgen früh hereinzureichen."

3

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WÄHREND IN DER POLICE-Station von Rotherhithe über den knapp vor einer Stunde gemeldeten Vorfall „Schüsse am Commercial-Dock" ein langer und ausführlicher Bericht gefertigt wurde, näherte sich im Londoner Stadtteil Bermondsey eine Austin-Limousine in schneller Fahrt der hinter dem St. Saviours-Dock gelegenen Curlew-Street.

Dem Fahrer des Wagens schien der Teufel im Nacken zu sitzen, wie ein Irrsinniger riß er das Fahrzeug durch die Kurven. Noch einmal radierten kreischend die Reifenprofile den Asphalt. Ein helles Aufheulen des Motors, und die Austin-Limousine kam vor einem niedrigen Bürogebäude am Ende der Curlew-Street zum stehen.

„Alan Fitzloogh, Transporte aller Art", stand auf einem mächtigen Messingschild neben der Toreinfahrt, hinter der auf einem geräumigen Hof mehrere Lastwagen im Grau der Nacht nur schemenhaft zu erkennen waren.

Der Fahrer hatte sein Ziel erreicht. Wie von Furien gehetzt, sprang der Mann aus dem Wagen und eilte auf den Eingang des Bürogebäudes zu. Der Mann schien erwartet zu werden. Kaum hatte er die Tür erreicht, als sie von innen sich öffnete und er im Innern des Hauses verschwand. Kurze Zeit danach stand er in einem raucherfüllten Raum mehreren Personen gegenüber. Seine Blicke huschten suchend über die hier versammelte Clique.

„Wo ist der Chef?" fragte er mit knarrender Stimme.

„Hinten, in seiner Bude", wurde ihm von einem bulligen, rothaarigen Kerl geantwortet. Ehe dieser wie ein Preisboxer aussehende Mann weiter sprechen konnte, war der Ankömmling bereits durch die Tür verschwunden, die in das Heiligtum des derzeitigen Chefs führte. Hart schlug die Tür ins Schloß; augenblicklich wurden erregte Stimmen hinter der Tür laut.

„Was ist geschehen?" hörten die Personen der Tischrunde die Stimme Alan Fitzlooghs, ihres Chefs, fragen.

Ihr Argwohn war geweckt, sie stürzten sich auf die Tür, hinter der ihr Komplice dem Chef seinen Bericht erstattete. Was sie zu hören bekamen, war für sie und ihre Machenschaften wenig erfreulich. Sie sahen nun im hellen Licht des weniger verqualmten Zimmers ihres Chefs etwas deutlicher! Der Mann, ihr Mann, wirkte ja völlig aufgelöst. Sein Gesicht war vor Wut verzerrt, sein Atem ging keuchend. Er ließ sich auf einen Stuhl fallen und stieß hervor:

„Oh, zum Teufel, Chef! — Jorday hat es erwischt!"

Diese Nachricht wirkte auf alle ins Zimmer drängenden Männer niederschmetternd. Von allen Seiten prasselten Fragen auf den Sitzenden nieder.

„Haltet gefälligst mal die Luft an!" schrie der hinter seinem Schreibtisch hochfahrende Alan Fitzloogh dazwischen. Er baute sich breitbeinig vor Scott Moore auf.

Während langsam das Stimmengewirr der durchweg brutal und gemein aussehenden Männer verebbte, sah Alan Fitelooghis mit eiskalten Augen den Mann an: „Was soll das heißen, Scott?" stieß er barsch hervor.

„Damn't! — Ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte!" Der Gefragte holte erst einmal tief Luft. Die Blicke aller Anwesenden hingen an seinen Lippen, als er nun fortfuhr: „Es ist mir auch jetzt noch schleierhaft, was mit Irving geschehen ist! — Ich befand mich, wie es besprochen und verabredet war, mit dem Wagen an der bezeichneten Stelle auf der Rotherhithe-Street. Jorday hatte sich kurz vor zehn Uhr auf den Weg zu den Chinks gemacht. Alles wurde so ausgeführt, wie du es uns aufgetragen hast und wie wir es schon einige Male zuvor auch getan haben!"

„Weiter! — Weiter, Scott!" drängte der nervös gewordene Gangsterchef und trommelte mit seinen fleischigen Fingern auf die Platte des Schreibtisches.

„Also", Scott Moore schluckte und blickte sich dann grimmig im Kreise um. „Ich sitze also im Wagen und warte auf die Rückkehr Irvings, der das Päckchen bringen soll. Nichts Außergewöhnliches war zu bemerken. Plötzlich höre ich Schüsse vom Dock her! Sofort ahnte ich, daß mit Irving etwas schiefgegangen sein konnte. Den Motor anlassen und hinunterfegen bis zur Ecke Rotherhithe Street und Redriff Road, das war für mich eins. Doch kaum war ich in der großen Kurve am Holy Trinity, da sah ich einen dieser verdammten Flitzer der Police an der Stelle stehen, an der ich halt machen wollte, um von dort bis zum Dock zu rennen. Die Burschen hatten das Schießen auch gehört, denn sie rannten allesamt über die Straße in Richtung auf das Commercial-Dock zu."

„Verdammte Sauerei!" warf der Gangsterchef in ohnmächtiger Wut ein. Seine Stirnadern schwollen zu dicken Bändern an, ein mehrmaliges Zucken lief über sein aufgeschwemmtes Gesicht.

„Haben die Jorday erwischt oder etwa gefunden?" wollte er von Scott Moore wissen.

„Das ist ja eben, was ich einfach nicht begreife", fuhr Scott Moore auf.

„Obwohl die Schüsse nicht in unmittelbarer Nähe des Docks abgegeben worden sind und Jorday also nicht, wenn er wirklich getroffen worden ist, ins Wasser fallen konnte, fanden ihn die Schnüffler nicht."

„Also besteht die Hoffnung, daß er noch lebt und sich davon machen konnte!" In dem dicken Gangsterchef glomm ein Fünkchen Hoffnung auf. Scott Moore jedoch schüttelte verneinend den Kopf.

„Kaum! Aber selbst wenn er fliehen konnte, dann ist das Päckchen jedenfalls für uns verloren! Meiner Meinung nach müssen wir Irving und das Päckchen abschreiben! Ich bin nicht sogleich nach hier gefahren, weil ich erst feststellen wollte, was die Cops ihrerseits festgestellt hatten. Sie haben aber soviel wie gar nichts erreicht! Was ich aber gesehen habe, hat mich überzeugt, daß unser Geld, das wir für das Päckchen haben auf den Tisch der Chinks legen müssen, verloren ist."

Das leise Gemurmel dieser geheimnisvollen Clique in dem Büroraum des Alan Fitzlooghschen Transportunternehmens zeigte, daß sich die Burschen langsam aus ihrer Erstarrung zu lösen begannen, die Scott Moores Bericht bei ihnen hervorgerufen hatte.

„Können wir denn nichts unternehmen, um uns volle Gewißheit über Irving zu verschaffen?" Als erster fragte der bullige rothaarige Gangster, der sich in das bisher nur von Scott Moore und dem Chef der Gang geführte Gespräch einmischte.

Wütend herrschte Alan Fitzloogh den Mann an. Seine Worte zeigten nur zu deutlich seine Einstellung. Ihm ging es einzig und allein um den Verlust des Geldes — und nicht etwa um Irving Jordays Schicksal.

„Heh, du Geistesakrobat!" schrie der Boß giftig. „Wenn du schon deinen Mund aufmachst, dann sage mir wenigstens, wie ich mein Geld wiederbekommen werde!"

„Ich sprach nicht von dem Geld allein!" versuchte der Rothaarige sich zu verteidigen. „Sondern ..."

„Sondern", äffte der Gangsterchef den Mann nach. Er schien einem Tobsuchtsanfall nahe zu sein. Seine Worte überschlugen sich fast; wie ein gereizter Stier rannte er in seinem Büro vor den Männern auf und ab.

„Jorday ist im Augenblick nicht so wichtig wie das Päckchen! — Er ist alt genug! Er war sich auch im klaren darüber, daß er nicht umsonst so viel Geld bei mir verdient hat. Dies schreibt euch alle hinter die Ohren! — Bei mir wird zwar Geld verdient wie Heu, aber ich verlange auch etwas dafür! —- Wenn der eine oder andere mal Pech haben sollte, nun, dann jedenfalls nicht auf meine Kosten!"

Er fixierte die vor ihm stehenden Männer: „Was steht ihr wie angeschraubt hier herum?" schrie er sie an. „Muß ich denn immer erst sagen, was ihr zu tun habt? Schert euch fort! Alle! — Macht euch auf die Beine und sucht mir diesen Anfänger von Jorday! Solange ich nicht hundertprozentig weiß, was mit ihm wirklich geschehen ist, besteht noch die Hoffnung, daß nicht alles verloren ist! Macht euch auf den Weg und durchstreift einzeln alle Winkel und Kneipen unten in Rotherhithe, in Poplar, in Millwall und eben überall. Überall, sage ich! Vorwärts, nun! Und sperrt gefälligst die Ohren auf. Wenn ihr ihn gefunden habt, oder wenn ihr hört, wo sich das Päckchen befindet, dann will ich sofort Nachricht haben!"

Es war ein beinahe sinnloses Unternehmen, das der Gangsterchef in Bermondsey eben anlaufen ließ. In seiner Wut sah er nicht ein, daß auch für ihn einmal der Tag kommen mußte, an dem sein raffinierter Plan durchkreuzt werden würde. Vielmehr: Dieser Tag war schon, gekommen! —

Details

Seiten
200
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738913064
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (November)
Schlagworte
kommissar morry todesstraße

Autor

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Titel: Kommissar Morry - Die Todesstraße