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Lautloser Schrei

©2017 120 Seiten

Zusammenfassung


Wer sich mit den Gedanken und Gefühlen unserer Kinder nicht befasst, wird nie begreifen, was sie bewegt.
Kais Eltern sind geschieden, sein Vater, bei dem er lebt, muss beruflich in die USA reisen. Deshalb soll er die Ferien bei seiner Mutter verbringen, die jetzt mit einem Herren Behrens verheiratet ist.
Dort erfährt der zwölfjährige Kai wie es ist, wenn man als Kind materiell alles hat, was man sich vorstellen kann, nur beim allerwichtigsten VIEL zu kurz kommt. Liebe. Fürsorge. Aufmerksamkeit. Wenn Eltern dann auch noch glauben, dass ihre Kinder glücklich sein müssen, denn sie haben ja „alles“ und deren Aufmüpfigkeit mit Undank und Ungehorsam verwechseln und nicht den Hilfeschrei dahinter hören.
Der zehnjährige Christoph Behrens ist so ein Junge. All seine Hilferufe bleiben ungehört. Eines Tages hört er aber selbst Dinge, die nicht für sein Ohr bestimmt waren und fasst einen verzweifelten Entschluss, sodass Kai nicht umhin kann, ihm zu helfen. Daraus resultiert eine abenteuerliche und durchaus auch gefährliche Flucht.
Schaffen es die beiden, die Großen, auch Erwachsene genannt, endlich wachzurütteln oder wird auch dieser letzte verzweifelte Hilferuf nur wieder als Ungehorsamkeit abgestuft, worauf als Konsequenz die Bestrafung folgt.

Leseprobe

LAUTLOSER SCHREI



ROMAN von Lotte Betke




IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E‑Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Titelbild: Tatiana Gladskikh/ 123 RF mit Steve Mayer, 2017

Korrektorat: Kerstin Peschel

Früherer Titel: Wir würden’s wieder tun

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de





Klappentext:


Wer sich mit den Gedanken und Gefühlen unserer Kinder nicht befasst, wird nie begreifen, was sie bewegt.

Kais Eltern sind geschieden, sein Vater, bei dem er lebt, muss beruflich in die USA reisen. Deshalb soll er die Ferien bei seiner Mutter verbringen, die jetzt mit einem Herren Behrens verheiratet ist.

Dort erfährt der zwölfjährige Kai wie es ist, wenn man als Kind materiell alles hat, was man sich vorstellen kann, nur beim allerwichtigsten VIEL zu kurz kommt. Liebe. Fürsorge. Aufmerksamkeit. Wenn Eltern dann auch noch glauben, dass ihre Kinder glücklich sein müssen, denn sie haben ja „alles“ und deren Aufmüpfigkeit mit Undank und Ungehorsam verwechseln und nicht den Hilfeschrei dahinter hören.

Der zehnjährige Christoph Behrens ist so ein Junge. All seine Hilferufe bleiben ungehört. Eines Tages hört er aber selbst Dinge, die nicht für sein Ohr bestimmt waren und fasst einen verzweifelten Entschluss, sodass Kai nicht umhin kann, ihm zu helfen. Daraus resultiert eine abenteuerliche und durchaus auch gefährliche Flucht.

Schaffen es die beiden, die Großen, auch Erwachsene genannt, endlich wachzurütteln oder wird auch dieser letzte verzweifelte Hilferuf nur wieder als Ungehorsamkeit abgestuft, worauf als Konsequenz die Bestrafung folgt.





1.


Der Mann ging in der Veranda auf und ab. Diese war ziemlich niedrig und der Mann so groß, sodass er beinahe mit dem Kopf die Decke streifte. Der Junge stand am Fenster. Er hatte dem Mann den Rücken zugekehrt und blickte auf die gegenüberliegende Häuserfront. Einmal blieb der Mann hinter dem Jungen stehen: „Bitte, Kai, dreh dich um! Wie soll ich mit dir reden, wenn ich dir nicht ins Gesicht sehen kann.“

Es dauerte eine Weile, bis der Junge sich vom Fenster abwandte. Sein Gesicht war verschlossen. Er sah auf den Boden und fing an, die abgewetzten Verandafliesen zu zählen. Der Mann trat neben den Jungen, zupfte ein Blatt von einer der Pflanzen, die auf dem Fensterbrett standen, zerpflückte es und nahm einen neuen Anlauf: „Kai, sag doch selbst! Was soll ich denn machen?“ Der Junge hob den Blick: „Ganz einfach. Mich mitnehmen.“

Der Mann blickte zur Decke: „Wie oft soll ich dir noch sagen, dass es unmöglich ist? Wenn ich drüben in Amerika bin, hetze ich von einer Stadt zur anderen. Und zwischendurch, oft noch nachts, muss ich mich auf meine Vorträge vorbereiten. Von all dem ganz abgesehen: deine Mutter hat auch ein Anrecht auf dich. Das musst du doch einsehen!“

Ich will aber nicht zu ihr! Das hab ich auch schon oft genug gesagt!“

Der Mann presste die Handflächen gegen die Fensterscheiben. „Es ist doch nur für vierzehn Tage. Das wirst du doch überstehen! Und wenn ich wiederkomme, hast du immer noch Ferien. Dann fahren wir beide in unsere Waldhütte. Dort blühen die Linden, und wir beide bauen in der Hütte das Dach aus.

Der Junge rührte sich nicht. Der Mann nahm ihn bei den Schultern. „Hast du gehört? Wir bauen das Dach aus!“

Der Junge sah dem Mann in die Augen. „Wir ganz allein? Ist das wahr?“

Hab ich dich schon mal angelogen?“

Eigentlich nicht.“

Der Mann ließ ihn los. „Außerdem hat deine Mutter mir gestern am Telefon erzählt, dass sie sich einen jungen Hund angeschafft haben. Den nehmt ihr mit auf eure Reise.“

Es ist nicht mein Hund.“

Deine Mutter meinte, da der kleine Hund noch keinen Namen hat, wollten sie warten und ihm erst einen geben, wenn du kommst.“

Ich hab doch gesagt, es ist nicht mein Hund.“ „Trotzdem kannst du doch helfen, einen Namen für ihn zu suchen.“

Kai schwieg. Er blickte an seinem Vater vorbei aus dem Fenster. Plötzlich drehte er sich um: „In zwei Wochen, sagst du?“

Wenn ich es sage.“

Und du hast Zeit für mich?“

Ich habe Zeit. Höchstens abends mal ein Buch.“ „Und tagsüber bauen?“

Und wandern.“

Wie lange können wir bleiben?“

Bis deine Ferien zu Ende sind.“

Kai überlegte. „Knappe drei Wochen. Glaubst du, wir werden in der Zeit fertig?“

Mit der Hütte? Nein, da soll ja nicht nur ausgebaut, sondern auch angebaut werden. Ich bin sowieso erst in einem Jahr soweit, dass wir für längere Zeit dorthin übersiedeln können.“

Und dann?“

Was willst du sagen?“

Du hast mir versprochen, wenn wir erst dort draußen hausen, krieg ich auch einen Hund.“

Hab ich, ja.“

Das ist noch so lange hin.“

So lange nun auch wieder nicht.“

Aber die nächsten vierzehn Tage werden endlos sein. Vierzehn Tage mit den Behrens’ verreisen!“

Kai!“

Ist doch wahr!“

Kai, Mutter freut sich auf dich.“

Der Junge kniff die Lippen zusammen. „Das soll einer glauben.“

Ich weiß es.“

Warum ist sie dann von uns weggegangen?“

Der Mann drehte sich jäh herum. „Das steht auf einem anderen Blatt. Ich hab es dir schon hundertmal zu erklären versucht: Du darfst die Schuld, wenn es überhaupt eine gibt, nicht immer auf ihrer Seite suchen. Versteh doch! Ich bin ein schrecklicher Einsiedlerkrebs, und deine Mutter liebt die Geselligkeit, außerdem …“

Ich weiß, ich weiß, ich kenn all eure Gründe. Aber das hättet ihr euch vorher überlegen können.“

Der Mann sah an die Decke. „Wenn man alles vorher wüsste! Leider stellen sich solche Dinge erst im Laufe der Jahre heraus. Komm, es hat keinen Sinn, immer wieder von vorne damit anzufangen. Es ist nun einmal so. Und wir beide haben es doch ganz gut miteinander. Oder?“

Schon, aber …“

Was denn noch?“

Wenn da bloß nicht dieser Junge wäre! Halbes Baby!“

Auch das wirst du verkraften. Außerdem, ich hab den Jungen neulich gesehn. Er gefällt mir.“ „Deshalb gefällt er mir noch lange nicht.“

Also bilde dir dein eigenes Urteil.“

Kai sah seinen Vater scharf an. „Du willst also wirklich, dass ich zu denen geh?“

Ich will wirklich, dass du zu deiner Mutter gehst.“ Kai fing an, in der Veranda hin und her zu laufen. „Ich nehm ’n Haufen Bücher mit. Der Junge soll bloß nicht glauben, dass ich mich groß mit ihm abgebe.“

Das muss ich dir überlassen. Aber ich würde es an deiner Stelle nicht übertreiben.“

Der große Mann sah auf den Jungen hinunter. Der hielt dem Blick stand. In diesem Augenblick sahen sie einander sehr ähnlich.

Der kleine Hund Kai lag in seiner Schlafkoje. Er hatte die Arme hinter den Kopf verschränkt und grübelte. Zwei Tage war er nun schon mit den Behrens’ unterwegs, und er hatte sich noch keinen Augenblick wohlgefühlt. Er mochte den Mann nicht.

Zu ihm tat er sehr nett, aber wie der gleich geschimpft hatte, als der drollige kleine Hund gestern Abend gejault hatte! Christoph hatte den Hund ja in Schutz genommen, mächtig sogar, trotzdem – auch den Jungen mochte er nicht – wollte ihn auch nicht mögen.

Und Mutter, na ja, das war eben Mutter. Aber seit sie zu dem Behrens in die Nachbarstadt gezogen war, war sie ihm fremd geworden. Jawohl! Oder? Doch! Sie war ihm fremd. Sollte sie auch! War doch gut so! Sie sollte ihn bloß nicht immer so angucken, wenn sie dachte, er sehe es nicht. Alle seine Rückenhaare sträubten sich, wenn sie so guckte.

Nein, ihm gefiel es hier nicht. Er wälzte sich auf die Seite und schaute zu Christoph hinüber. Der lag auf dem Rücken und schlief mit offenem Mund. Sah aus wie ’n Posaunenengel mit seinen langen Haaren. Kai zog sich die Wolldecke bis ans Kinn und versuchte, auch einzuschlafen.

Er wachte von einem durchdringenden Winseln auf, fuhr in seinem Bett hoch und griff sich an die Stirn; er hatte nicht an die niedrige Schlafkojendecke gedacht und sich den Kopf mächtig angestoßen. Während er die angeschlagene Stelle rieb, hörte er, wie die Schiebetür, die zu der kleinen Kochnische nebenan führte, geöffnet und der Schalter angeknipst wurde. Er sprang aus dem Bett und – stand Herrn Behrens gegenüber.

Der blinzelte ins Licht, strich sich das wirre Haar aus der Stirn und starrte auf den runden Hundekorb zu seinen Füßen. „Was ist denn nun wieder los?“ Ärgerlich sah er Kai an. „Wie lange soll denn das Theater mit dem Hund noch weitergehn? Schließlich bin ich zur Erholung unterwegs und nicht, um mir Nacht für Nacht die Ohren volljaulen zu lassen!“

Ich glaub, der muss einfach mal an einen Baum“, platzte Kai heraus. Er bückte sich und nahm den jaulenden Hund unter den Arm.

Also los! Ins Freie mit ihm!“ Kai war schon draußen auf der Treppe, als er hinter sich die Stimme seiner Mutter hörte: „Kai! Warte! Ich mach das!“

Weiter kam sie nicht. Sie wurde übertönt von Herrn Behrens: „Eine Schnapsidee von dir, Petra, diese Sache mit dem Hund! Aber du musst ja Christoph jeden Wunsch erfüllen!“

Kai lief schneller. Bloß weg! Sollten die sich doch alleine streiten. Erst als der Krach verebbte, stand er still und setzte den Hund ins Gras. Von irgendwoher wehte leise Radiomusik über den Campingplatz, eine kühle Brise berührte sein Haar. Er atmete tief. Draußen unter Bäumen müsste man schlafen , dachte er. Wenn Vater hier wäre, würden wir das glatt machen. Im Schlafsack würden wir liegen und uns mit dem Mond unterhalten. Langsam schlenderte er über den Rasen. Der kleine Hund stand noch an derselben Stelle, die Schnauze hoch in die Luft gestreckt.

Kai hockte sich neben ihn. „Ja, das da oben ist der Mond. Sieh ihn dir an! Aber vergiss darüber nicht, dein Geschäft zu machen. Hier, bei dem Busch. Musst du unbedingt lernen, dass man das draußen im Freien erledigt. Nein, fang bloß nicht wieder an zu jaulen, Kleiner! – Kleiner? Noch nicht mal einen Namen hast du! Wenn du mein Hund wärst, hättest du längst einen. Also los, wie ist das mit dir? Hast du? Na, also. Ja, bist ein braver Hund, bist o.k. Komm, gehn wir wieder rein.“

Der kleine Hund wedelte mit dem Schwanz und presste seinen weichen, wolligen Körper gegen Kais nacktes Bein. Kai streichelte ihn. „Ist ja gut, mein Kleiner. Komm! Wir müssen wieder in den Wagen. Also, los! Nein, nicht auf den Arm! Geh schön bei Fuß! Du bist doch ein Hund, also benutz deine Nase! Wo sind wir hergekommen? Nun schnüffle mal schön!“

Sie gingen zum Wohnmobil zurück. Der kleine Hund tappte vor, hinter und neben Kai her. Vor dem Treppchen nahm ihn Kai wieder auf den Arm. „Das schaffst du noch nicht. Die Stufen klaffen zu weit auseinander, da fällst du mir womöglich dazwischen.“

Oben auf der Treppe überlegte er: Wenn er den Hund nun ins Körbchen setzte und der fing wieder an zu jaulen? Kurz entschlossen schob er die Tür zu den Schlafkojen leise auf. Sein erster Blick fiel auf Christoph, der schlaftrunken im Bett hockte. Er hatte das kleine Leselämpchen am oberen Ende seines Bettes angemacht und starrte Kai blinzelnd an: „ Was’n los?“

Dein Hund hat wieder gejault. Da bin ich mit ihm raus. Du hast alles verschlafen.“

Christoph riss die Augen auf. „Hat Papa geschimpft?“

Hast du was anderes erwartet?“ Christoph verzog das Gesicht. „Wenn der Hund bloß das Jaulen ließe!“

Der hat Heimweh nach seiner Mutter.“

Klaro.“ Christoph schob sich ein wenig vor. „Was machst du denn da?“

Das siehst du doch. Ich leg den Hund ans Fußende von meinem Bett, damit er nicht wieder jault.“

Mit einem Satz war Christoph aus dem Bett. „Es ist mein Hund.“

Bitte, dann hol ihn dir doch!“ Christoph tappte zu Kais Bett hinüber, hob den Hund hoch, trug ihn zu seinem Bett und legte ihn oben auf sein Kopfkissen. Der kleine Hund blieb aber nicht liegen. Mit seinen kurzen Beinen tapste er auf dem Kissen herum, immer im Kreis, und versuchte voller Eifer, mit der Schnauze sein kurzes Schwänzchen zu schnappen.

Kai tat, als sehe und höre er nicht, was im anderen Bett vor sich ging, und als Christoph ihn schließlich bat, ihm zu helfen, damit der verrückte Hund endlich Ruhe gebe, drehte er sich kurzerhand zur Wand herum. Obwohl er sich die Wolldecke über den Kopf gezogen hatte, hörte er die beiden drüben auf der anderen Seite noch eine ganze Weile herumrumoren, aber endlich fielen ihm die Augen zu und er schlief ein.

Aufstehn! Wir wollen weiter!“ Herr Behrens schob die Tür auf und trat auf die Schwelle. Kai war sofort munter, Christoph rieb sich die Augen. „Los, Christoph, Petra hat das Frühstück schon fertig, wir …“ Herr Behrens stockte, trat einen Schritt vor. „Das ist ja wohl nicht möglich“, er drehte sich um. „Petra, komm doch mal her!“

Ja, was ist?“ Kais Mutter steckte den Kopf durch die Tür.

Sieh dir das an!“ Herr Behrens zeigte auf das Bett, wo der Hund, ein kleines eingerolltes Etwas, direkt vor Christophs Nase lag und schlief.

Naja“ Kais Mutter fuhr sich nervös mit der Hand durchs Haar, „wahrscheinlich wollte Christoph vermeiden, dass der Hund von Neuem mit seinem Gejaule anfängt.“

Hunde gehören nicht ins Bett!“ Herr Behrens trat einen Schritt vor, packte den Hund im Nacken und setzte ihn unsanft auf den Boden.

Papa!“ Plötzlich war Christoph hellwach und schoss im Bett hoch. „Lass den Hund los! Du tust ihm ja weh!“ Kai saß auf der Bettkante und sah, wie sich der Hund ängstlich am Boden duckte.

Herr Behrens blickte von einem zum andern. „Wer von euch beiden ist eigentlich auf die glorreiche Idee gekommen, den Hund hier hereinzulassen?“

Ich“, sagte Kai prompt. „Ich hab ihn hereingeholt.“

Und ich hab ihn mit ins Bett genommen“, kam Christophs Antwort genauso schnell.

Er hatte sich steil aufgerichtet und sah seinen Vater von unten her trotzig an.

Sehr interessant.“ Herr Behrens drehte sich wütend um und ging rasch hinaus. Kais Mutter stand unschlüssig in der Tür. „Nehmt’s nicht so tragisch“, sagte sie hastig. „Papa ist einfach überarbeitet. Und ins Bett gehört ja ein Hund nun wirklich nicht.“

Was siehst du mich dabei an!“, sagte Kai. „Mich geht die ganze Sache überhaupt nichts an. Und dass dein Herr Behrens schlechter Laune ist, schon gar nichts!“

Kai!“

Kai sah seine Mutter wortlos an. Sie ging auf ihn zu, blieb aber auf halbem Weg stehen und drehte sich schnell zu Christoph herum. „Beeilt euch bitte! Gleich nach dem Frühstück wollen wir weiterfahren. Dann sind wir heute Abend am Meer.“

Sie zögerte, als warte sie auf Antwort. Beide Jungen saßen da, mit zusammengepressten Lippen. Sie drehte sich um und schob leise die Tür hinter sich zu. Die Jungen saßen einander gegenüber, jeder auf seiner Bettkante hockend. Kai warf ab und zu einen verstohlenen Blick zu dem Kleineren hinüber, der, mit trotzig vorgeschobenen Lippen, auf den kleinen Hund zu seinen Füßen schaute.

Beim Anblick des Kleinen, der mit zusammengezogenen Augenbrauen ihm gegenüber saß, stieg ein unbestimmtes Gefühl in Kai hoch. Er wollte es unterdrücken, aber das ging nicht. Immer wieder ertappte er sich dabei, dass er zu Christoph hinüberschielte. Der schien angestrengt nachzudenken. Plötzlich lockerten sich seine Züge. Und er strahlte Kai an.

Ja“, sagte er, „ja, das ist er.“

Wer? Was?“, fragte Kai überrumpelt.

Der Name.“ Christoph sprang vom Bett und beugte sich über den kleinen Hund. „Eben hab ich ihm einen Namen gegeben.“

Und wie heißt er?“

Wolle.“

Kai riss die Augen auf: „Wolle?“

Ja.“ Christoph nahm den Hund auf den Arm und kam zu Kai. „Fühl doch mal sein Fell an! Fass mal rein!“

Brauch ich nicht. Ich weiß doch, wie es sich anfühlt. Aber sag mal, ist das dein Ernst? Du willst ihn wirklich Wolle nennen?“

Ja.“

Das ist doch kein Name für ’n Hund.“

Und warum nicht? Ihr könnt ja alle ruhig lachen! Und ihr könnt den Hund nennen, wie ihr wollt, bei mir heißt er Wolle.“

Was meinst du mit ‚ihr‘? Ich gehör sowieso nicht dazu. Noch knapp zwölf Tage, dann bin ich über alle Berge!“ Der Glanz in Christophs Augen erlosch. „Und ich hatte gedacht …“

Was?“

Dass du … dass du … – na, dass du Wolle – auch magst.“

Sicher. Aber es ist doch dein Hund. Oder?“ Christoph sah unter sich, nickte und ging wieder hinüber zu seinem Bett.

Morgen hole ich in Lilleburg meine Post ab.“

Kai hatte plötzlich Oberwasser, er sprang hoch und warf seine Pyjamajacke aufs Bett. „Mein Vater hat versprochen, mir aus jeder Stadt zu schreiben. Postlagernd. Ist so mit deinen Leuten verabredet. Sehr wichtig, denn er schreibt mir auch, wann genau er in Deutschland ankommt. Dann treffen wir uns und gehen in den Wald. Und da wird gebaut.“ Kai, auf einmal sehr gesprächig, fuhr in dem engen Raum herum. „Wo ist denn bloß mein Waschzeug?“

Christoph sah ihm verwundert zu. „Ihr baut?“

Ja, wir bauen unsere Waldhütte aus. Da wollen wir später mal wohnen.“

Ganz und gar?“

Weiß ich nicht. Jedenfalls solange, wie Vater an seiner Arbeit sitzt und schreibt.“

Davon hat Petra nie was erzählt.“

Kai fuhr herum. „Die weiß es auch nicht. Soll’s auch nicht wissen, es ist ein Geheimnis. Wehe, du erzählst, was ich eben gesagt hab!“ Er sah Christoph scharf an. „Ich will’s nicht! Hörst du!“

Nein!“ Christoph sah erschrocken zu ihm auf. „Wenn du’s nicht willst, sag ich kein Wort!“

Da ist er ja!“ Kai zog sein Waschzeug aus dem großen Wanderrucksack. „Da ist er ja! Ich geh jetzt ins Bad!“

Kai guckte in den Spiegel, sah seine weißschäumenden Zähne, fuhr mit der Zahnbürste darüber und zog eine Grimasse. „Petra“, zischte er. Petra nannte der seine Mutter! Was denn? Wäre es ihm lieber gewesen, wenn Christoph Mama zu seiner Mutter sagen würde? Na, also! Er spülte sich den Mund. Schnell machen! Bloß fertig sein, ehe der Kleine kam und wieder anfing, mit ihm von seinem Hund zu reden.

Am nächsten Tag strahlte die Sonne vom Himmel, eine frische Brise wehte vom Meer herauf. Die Familie Behrens war dabei, sich zum Picknick am Strand niederzulassen. Frau Behrens packte den Henkelkorb aus, Herr Behrens legte sich in den Sand und Christoph reichte Kai die Hundeleine. „Hier, halt mal! Ich will einen Kreis im Sand ziehen, darauf können wir später den Burgwall schaufeln.“

Kai nahm die Leine. Der kleine Hund fing an, mit den Hinterpfoten den Sand von sich zu spritzen. „Kannst du nicht mit dem Hund ein bisschen weiter weg gehen!“, rief Herr Behrens ärgerlich. „Ich krieg ja den ganzen Sand ins Gesicht.“

Kai zog den Hund an den Rand des Kreises, den Christoph eben gezogen hatte. Der legte die Schaufel hin. „Kannst mir Wolle wiedergeben.“

Kai gab die Leine zurück.

Wolle?“ Herr Behrens hob den Kopf. „Was soll denn das sein? Doch nicht etwa …?

Christoph sah seinem Vater fest ins Gesicht: „Das ist der Name von meinem Hund.“

Wolle! Ich höre wohl nicht recht.“ Herr Behrens lachte schallend. Kai sah, wie Christoph die Zehen in den Sand bohrte. Frau Behrens nahm die Getränke aus dem Korb. „Wie kommst du denn auf den Namen, Christoph?“

Christoph fingerte an der Hundeleine herum, noch ehe er antworten konnte, fiel Kai rasch ein. „Ich finde, der Name passt prima. Schau doch den Hund mal richtig an, Mama! Ist er nicht ein einziges Wollknäuel?“

Einzig stimmt!“ Herr Behrens nahm ein Schinkenbrötchen. „Dieser Hund ist eine einzige Last!“ „Letzte Nacht hat er keinen Muckser von sich gegeben.“ Christoph bückte sich, um sich ein Joghurt aus dem Korb zu holen.

Und jetzt hast du ihn losgelassen! Meine Güte, kannst du nicht aufpassen!“ Herr Behrens war hochgefahren, die anderen drei drehten sich erschrocken um; sie sahen gerade noch das ‚Knäuel‘ zwischen zwei Nachbarburgen wegflitzen und verschwinden.

Da haben wir die Bescherung!“ Herr Behrens hatte einen roten Kopf bekommen.

Schrei den Jungen doch nicht so an!“ Frau Behrens stellte nervös ihre Kaffeetasse ab. „Das kann schließlich jedem passieren!“

Wir holen ihn zurück!“ Kai sprang auf, zog den verdatterten Christoph in die Höhe und schlängelte sich mit ihm zwischen den vielen Burgen hindurch. Unten am Wasser blieben sie stehen. Kai schaute sich um.

Auf der linken Seite sind kaum noch Burgen, da brauchen wir Wolle nicht zu suchen. Also laufen wir rechts rüber. Du unten am Wasser, ich weiter oben.“ Er streckte den Arm aus. „Da hinten bei den Burgen – siehst du sie? – treffen wir uns wieder.“

Sie liefen los, der eine oben am Strand, der andere unten am Wasser. Kai schaute in jede Burg, die in seinem Abschnitt lag: von Wolle keine Spur. Endlich schlug er den Weg zu den Buhnen ein. Schon von Weitem sah er, dass Christoph beim Suchen mehr Glück gehabt hatte als er: Das Wollknäuel hüpfte wie ein vergnügter Sandfloh um seine Füße. Kai rief laut und winkte, Christoph winkte zurück, aber er rührte sich nicht vom Fleck. Kai lief zu ihm. „Hallo! Da ist der Ausreißer ja. Warum kommst du denn nicht?“

Ich kann nicht.“ Christoph schaute nach unten. Erst jetzt sah Kai, dass Christoph mit leeren Händen dastand. Die Leine lag im Sand, ein nackter Fuß stand darauf. Der Fuß gehörte einer alten Frau.

Als Kai ihr verwundert ins Gesicht sah, gab sie den Blick zurück, freundlich. Auch die Stimme klang heiter, als sie ihm mit einem Schuh, den sie in der Hand hielt, vor der Nase herumwedelte: „Siehst du, das ist der eine. Und weißt du, wo der andere sich herumtreibt? Da draußen auf dem Meer! Vielleicht macht er eine kleine Seereise nach Schottland? Oder Island? Kann man’s wissen? Nun, am Strand zieht jeder gern seine Schuhe aus, nicht wahr? Wenn aber so ein kleiner Hund einem den Schuh aus der Burg schleppt, den Schuh ins Wasser zerrt, und eine Welle schnappt ihn sich und nimmt ihn mit hinaus aufs Meer, was dann?“ Die alte Frau sah Kai fragend an; als keine Antwort kam, fuhr sie fort: „Dass ich den Schuh ersetzt kriegen muss, seht ihr doch hoffentlich ein, dein kleiner Bruder und du, nicht wahr?“

Er ist nicht mein Bruder“, antwortete Kai.

Ist ja egal, ob es dein Bruder ist oder nicht. Bringt mich bitte zu den Leuten, denen der Hund gehört.“ „Er gehört mir!“ Christoph stellte sich mit gespreizten Beinen vor seinen Hund.

Ist ja gut“, die alte Frau lächelte. „Ich würde mir auch stillschweigend ein Paar neue Schuhe kaufen, mein Junge, wenn ja, wenn meine Geldbörse ein bisschen besser gefüllt wäre.“ Sie sah die Jungen erwartungsvoll an. Kai gab Christoph ein Zeichen, was so viel bedeutete wie: kann man nichts machen. Dann bat er die alte Frau: „Heben Sie bitte Ihren Fuß hoch, damit wir die Leine nehmen können, sonst geht der Hund uns zum zweiten Mal durch.“ Christoph bückte sich, packte die Leine, und sie zogen los: Kai, hinter ihm die alte Frau, dann Christoph mit dem munter herumhopsenden Wolle an der Leine.

Jetzt reicht’s mir allmählich.“ Herr Behrens sah der alten Frau nach, wie sie sich barfüßig, ihren Schuh in der Hand, zwischen den Sandburgen hindurch wieder entfernte. „Die Frau war doch sehr freundlich“, versuchte Frau Behrens ihren Mann zu besänftigen. „Und ihre Forderung für ein Paar neue Schuhe war sehr bescheiden.“

Es ist nicht das Geld, das weißt du ganz genau.“ Herr Behrens warf sich bäuchlings in den Sand. „Der ewige Ärger mit dem Hund geht mir auf die Nerven!“

Frau Behrens zuckte die Achseln. „Gib mir die Leine!“ Sie beugte sich zu Christoph hinüber, der mit hängenden Schultern am Rand des von ihm in den Sand gezogenen Kreises stand. „Mit Burgbauen ist es im Moment nichts. Vielleicht geht ihr ans Meer und baut dort ein Wasserschloss. Ich passe inzwischen auf den Hund auf.“

Der Hund heißt Wolle!“ Christoph sah sie verbissen an.

Ja, ja, aber geh jetzt!“ Frau Behrens nahm ihm die Leine aus der Hand. Kai hob eine Schaufel aus dem Sand, schulterte sie und trabte missmutig hinter Christoph her zum Wasser hinunter.

Es war schon später Nachmittag, als Kai zwei Tage später das Städtchen Lilleburg verließ und in einen sandigen Weg einbog. Der zu dem Badeort führte, auf dessen Campingplatz die Familie Behrens ihr Wohnmobil geparkt hatte. Vergnügt vor sich hin pfeifend, schwenkte er in jeder Hand einen Brief.

Den in der rechten Hand hatte er gleich auf dem Postamt gelesen, den in der Linken hatte er sich extra aufgehoben. Er wollte ihn, um die Vorfreude noch ein bisschen zu genießen, erst unterwegs lesen. Er wusste auch schon, wo.

Ungefähr in der Mitte des Weges zwischen Städtchen und Campingplatz hatte er eine große Linde entdeckt, die weit übers Land schaute. Darunter wollte er sich’s bequem machen.

Er pfiff wie verrückt, und als er die Linde von Weitem erblickte, fing er an zu laufen. Die Linde stand auf einem kleinen Hügel. Er kletterte hinauf und setzte sich so, dass er, mit dem Rücken gegen den Stamm gelehnt, weit über Felder und Wiesen schauen konnte, bis zum Meer.

Er öffnete den zweiten Brief und las in aller Ruhe, bis er an eine Stelle kam, wo seine Blicke nur so über die Zeilen flogen: „Am Dienstag“, hieß es da, „um zwanzig Uhr europäischer Zeit, werde ich versuchen, Dich anzurufen. Bitte Deine Mutter, mit Dir ins Kurhotel zu gehen, und warte dort auf meinen Anruf!“ Dreimal las er die Stelle, dann weiter bis zum Schluss: „Gruß und Kuss, Vater.“

Er faltete den Brief zusammen, steckte ihn wieder in den Umschlag und nahm sich den anderen Brief noch einmal vor, in dem Vater über seinen ersten völkerkundlichen Vortrag und die daran anschließende Zusammenkunft mit einigen Indianern in einem Reservat berichtete. Da hieß es: „Ich freu mich schon darauf, wenn ich Dir bei meiner Rückkehr von diesen indianischen Menschen erzählen kann. Es ist unglaublich, über was für eine Heilkraft ihr Medizinmann verfügt. Einfach unfassbar für uns Europäer! Die Indianer finden das alles ganz natürlich. Wie gesagt, ich werde Dir ausführlich berichten, mein Junge. Bis dahin also!“

Auch diesen Brief faltete Kai sorgfältig wieder zusammen. Er lächelte. Endlich konnte er sich mal wieder so richtig freuen! War auch nötig. Das Leben mit den Behrens’ wurde immer ungemütlicher.

Gestern wieder ein einziges Theater wegen dem kleinen Hund! Mitten in der Nacht hatte der wieder zu jaulen angefangen, und Herr Behrens, in seiner Wut, wollte ihn vor die Tür setzen. Christoph hatte geweint, seine Mutter und Herr Behrens waren in Streit geraten. Grässlich! Gar nicht mehr daran denken! Die Tage zählen – und heute Abend würde er mit Vater telefonieren! Das andere zählte alles nicht!

Kai legte den Kopf in den Nacken und schaute in die Lindenkrone hinauf: Rauschen und tanzende Blätter. Er vergaß alles, verlor sich in dem grünen Weben, träumte von der Hütte im Wald. Erst als der Himmel sich rötlich zu färben begann, holte die Zeit ihn wieder ein. Er schaute auf seine Uhr: Schon ziemlich spät. In zwei Stunden würde er Vater anrufen.

Auf! Los! Nach Hause! Nach Hause? Da konnte er bloß lachen! Aber doch! Er konnte wirklich lachen. Er hatte allen Grund dazu. Wenn er da an Christoph dachte! Der konnte einem echt leidtun.

Er stand auf, reckte und streckte die Arme hoch in den Himmel. Dann lief er schnell den Hügel hinunter und weiter zum Meer. „Da hat dein Vater aber Glück gehabt, dass du heute Abend noch da bist.“ Herr Behrens saß auf der Treppe zum Wohnmobil und drückte seine Zigarette aus.

Glück? Wieso?“ Kai sah überrascht zu Herrn Behrens hinauf.

Weil wir fahren.“

Was? Wir fahren? Ich denke …“

Ich will weiter. Hier gefällt es mir nicht. Ich will weiter rauf nach Dänemark. Noch heute Nacht.“

Heute Nacht?“

Ja, wir haben Vollmond. Ich fahre gern nachts. Dann sind die Straßen leer.“

Aber – mein Vater – es war doch verabredet, dass wir hierbleiben. Mein Vater schickt doch alle Post hierher.“

Tut mir leid, darauf kann ich leider keine Rücksicht nehmen. Es ist ja nicht weiter schlimm, du kannst ihm ja nachher am Telefon gleich Bescheid sagen.“

Aber die Briefe? Wohin soll er die denn schicken?“

Das kann ich leider noch nicht sagen. Wenn wir einen festen Standort haben, kannst du ihm ja sofort schreiben.“

Aber mein Vater wechselt ja auch dauernd den Standort.“

Da kann man nichts machen. Außerdem – was soll die ganze Schreiberei! Die paar Tage! Das lohnt sich doch gar nicht. Ihr trefft euch ja sowieso bald.“

Aber …“

Was denn noch? Du kannst ja doch nachher alles mit deinem Vater besprechen. Das mit dem Telefonieren im Kurhotel klappt. Wir wollten sowieso heute dort essen gehen. Mal ganz fein. Und hinterher mit Freunden Zusammensein. Vielleicht ein bisschen tanzen.“ Herr Behrens stand auf, um in den Wohnwagen zu gehen. Oben in der Tür drehte er sich um. „Ist noch was?“ Kai schüttelte den Kopf. „Wo ist meine Mutter?“

Sieh mal drüben auf dem Trockenplatz nach. Ich glaube, sie holt irgendwelches Zeug von der Leine.“

Auf dem Weg zum Trockenplatz kam seine Mutter ihm schon entgegen. Sie trug Wäschestücke über dem Arm, blieb vor ihm stehen und versuchte zu lächeln.

Na, hast du Post gekriegt?“

Ja, zwei Briefe. Mehr werden es ja nun nicht. Ich hab gehört, der will weiterfahren.“

Ja“, sagte sie, „das will er.“ Weiter nichts. Was machte sie bloß für ein Gesicht!

Ist was?“, fragte er. „Hat er dir was getan?“

Aber nein! Wie kommst du darauf!“ Sie strich mit der Hand die Wäschestücke glatt und suchte nach Worten.

Weißt du, Kai, im Grunde ist Claus ein charmanter Mensch. Nur ist es mit Christoph manchmal etwas schwierig. Kannst du ihn dir nicht mal vorknöpfen und ihn überreden, dass er zum Essen mitkommt?“

Was? Er will nicht mit?“

Nein, er ist mal wieder bockig. Er will lieber im Wohnmobil bleiben. Sprich du doch mal mit ihm! Ich schaffe es nicht. Er sperrt sich gegen alles, was ich sage.“

Kai kickte mit der Stiefelspitze einen Stein über den Rasen. „Gegen seinen Vater noch viel mehr!“ Kais Mutter schluckte, dann drehte sie sich rasch um und ging auf den Wohnwagen zu. „Wir wollen gleich gehn“, rief sie über die Schulter zurück. „Zieh ein frisches Hemd an! Und bitte, sprich mit Christoph!“

Kai zuckte die Achseln. „Ich kann’s ja mal versuchen.“

Als Kai in die gemeinsame Schlafkabine trat, lag Christoph auf seinem Bett und starrte zur Decke. Wolle saß mal wieder auf seinem Bauch. Kai hockte sich vor seinen Koffer. Während er ein frisches Hemd herausfischte, sagte er, ohne sich umzusehen: „Du verweichlichst den Hund. Wenn er nicht jault, solltest du ihn nicht mit ins Bett nehmen.

Keine Antwort. Kai zog das Hemd über. „Sei kein Spielverderber. Komm mit! Gibt sicher ’n prima Essen im Kurhotel. Und hinterher Eis. Das magst du doch gern?“

Christoph starrte weiter die Decke an. Komisch , dachte Kai; sonst war der Kleine doch nicht so! Nicht zu ihm. Der war doch froh, wenn er mit ihm redete. Und wie er aussah! Irgendwie grün unter der Bräune. Er stellte sich vor ihn hin. „Komm doch mit!“ Kein Blick. Kein Wort. Dann eben nicht! Konnte er auch nichts machen.

Also, dann! Tschüss!“ Kai ging hinaus, die kleine Treppe hinab. Draußen war es noch warm. Langsam färbte sich der Himmel rot. Ziemlich hoch über dem Meer flogen irgendwelche Wasservögel, vielleicht Wildgänse? Langgezogene Hälse. Seine Hand fasste nach der Hosentasche. Vaters Briefe! Mann! Hatte er es gut!

Unwillkürlich drehte er sich zum Wohnmobil um. Sein Blick glitt über die kleinen Fenster. Hinter der Gardine der Schlafkoje tauchte etwas auf. Christophs Gesicht? Die untergehende Sonne blendete, er konnte es nicht so recht erkennen. Warum war der Bengel bloß so eigensinnig und kam nicht mit!

Kai ging auf dem Rasen hin und her. Wo blieben denn die beiden anderen? Nun kommt schon, sonst versäum ich noch das Gespräch aus Amerika!

Endlich erschienen sie, toll, fand Kai. Herr Behrens ging mit großen Schritten voraus, seine Frau hastete an Kai vorbei. Sie hatte rote Flecken auf den Wangen. Konnte auch die rote Sonne sein. Kai drehte sich noch mal um: Kein Gesicht mehr hinter dem Fenster.



2.


Von dem guten Essen hatte Kai nicht viel. Einmal schlang er es hinunter, dann wieder stocherte er mit der Gabel in den Leckerbissen herum. Schon beinahe einundzwanzig Uhr, und Vater hatte noch immer nicht angerufen. Seine Mutter und Herr Behrens ließen nur hin und wieder mal ein Wort fallen. Dicke Luft. Als die Nachspeise serviert wurde, kam ein junger Mann von der Rezeption an den Tisch. „Herr Andersen, bitte ans Telefon!“ Kai stutzte.

Ja, du bist gemeint!“ Herr Behrens lehnte sich zurück. „Nun mal los! Das ist bestimmt Amerika!“

Kai sprang auf; in der Aufregung nahm er die Serviette mit, ließ sie nach drei Schritten fallen und rannte weiter. In der Hotelhalle wies ihm der Portier die entsprechende Telefonzelle, er riss die Tür auf, nahm den Hörer ab. „Ja, hier Kai Andersen.“ „Und hier Eckard Andersen.“

Vater! Von welcher Stadt rufst du an?“

Hört sich gar nicht an, als ob ein Ozean zwischen uns liegt , schoss es Kai durch den Kopf.

Von Washington.“

Hast du … hast du das Weiße Haus gesehen?“ Vor Erregung war Kais Kehle trocken.

Natürlich, erzähl ich dir alles. Und wie geht’s dir, mein Junge? Kommst du einigermaßen zurecht?“ „Doch. Ja. Es geht. Ich zähl die Tage.“

Ich auch. Obwohl hier für mich alles hochinteressant ist. Von den Indianern hab ich dir ja schon geschrieben. Aber auch sonst gibt’s unheimlich viel Neues für mich. Es ist schon ein tolles Land! Durch wunderbare Gegenden bin ich gekommen. Und die Menschen! Sie sind schon ein bisschen anders als bei uns. Vor allem auf dem Land. Sehr gastfreundlich. Und wie geht’s deiner Mutter?“

Ich weiß nicht. Ich werd nicht schlau daraus.“

Sei nett zu ihr, hörst du? Kehr nicht deine sämtlichen Borsten raus! – So wie ich früher.“

Von wegen. Du hast ja keine Ahnung! Hier bei denen gibt’s ganz andere Borsten.“

Naja, halt die Ohren steif, mein Junge. Übrigens, wie findest du das? Da sprechen wir über den ganzen Ozean hinweg miteinander, und es klingt, als wär’s nur eben über die Straße.“

Ganz was Ähnliches hab ich vorhin auch gedacht.“

Ist doch was Großartiges, wie? Es gibt überhaupt so viel Großartiges in unserer Zeit, bloß nehmen wir’s alles zu selbstverständlich. Aber ich muss jetzt Schluss machen, sonst wird’s zu teuer. Schön, dass ich deine Stimme gehört hab.“

Noch einen Moment, Vater. Was ganz Wichtiges. Du kannst mir nicht mehr schreiben. Der Behrens will heut Nacht weiterfahren.“

Wie das? Es war doch abgemacht, dass wir …“

Das hab ich ja auch gesagt. Aber darum kümmert der sich nicht. Der macht, was ihm gerade einfällt.“

Scheint so. Wenn ich dich nun nicht angerufen hätte, wüssten wir gar nicht, wie und wo wir uns treffen sollen. Ich will’s kurz machen. Ich fliege hier am dreizehnten ab. Wir treffen uns am vierzehnten in Passau. Wartesaal erster Klasse. Kannst du dir’s merken?“

Aber ja.“

Und weiter. Ich komme mit dem Wagen. Etwa um sechzehn Uhr. Genaue Zeit kann ich dir nicht sagen. Du weißt ja – mit dem Auto ist das so ’ne Sache. Auf alle Fälle wartest du, bis ich komme. Geld für die Bahnfahrt hast du ja. Ist ja für dich ’ne Kleinigkeit, nach Passau zu fahren.“

In Ordnung. Hab schon ganz andere Sachen gemacht.“

Also gut. Wiedersehn in Passau! Mach’s gut! Ich schick dir viele Grüße mit dem großen Weltenwind!“

Tschüss, Vater!“ Klick.

Kai stand da, den Hörer in der Hand, glücklich, noch ganz benommen von dem Gespräch. Was hatte Vater gesagt? Mit dem großen Weltenwind? Was meinte er damit? Aber so war Vater. Man verstand ihn nicht gleich. Aber wenn man nachdachte – am Ende eben doch. Kai lächelte verloren. Der Summton brachte ihn zu sich zurück. Langsam legte er den Hörer auf, langsam schlenderte er zurück ins Restaurant.

Nun?“ Herr Behrens blickte auf. „Hat es geklappt?“ Kai nickte, immer noch lächelnd.

Und?“ Seine Mutter sah ihn gespannt an. „Wie hat er es aufgenommen, dass wir nicht hier am Ort bleiben?“

Alles in Ordnung. Ich treffe Vater am vierzehnten in Passau.“

Was hab ich gesagt?“ Herr Behrens hob die Hände. „Du machst immer alle Sachen komplizierter als sie sind, Petra!“

Frau Behrens gab keine Antwort, sie hatte Kai nicht aus den Augen gelassen. „Dann musst du also allein nach Passau fahren?“

Was ist denn dabei?“

Sag ich ja“, fiel Herr Behrens ein, „der Junge ist doch wahrhaftig groß genug. Und jetzt lass ihn mal in Ruhe sein Eis essen. Schade, ’s ist schon zum größten Teil geschmolzen.“

Kai löffelte, ohne etwas zu schmecken.

Er hörte nur mit halbem Ohr, was am Tisch geredet wurde, seine Gedanken waren ganz woanders.

Erst am Schluss, als Herr Behrens das Wort schon halb an ihn richtete, merkte er auf. „Also, hör mal, die paar Schritte kann dein Sohn ja wohl alleine gehen, sind ja keine zehn Minuten.“

Auf keinen Fall. Schließlich habe ich, solange er bei uns ist, die Verantwortung für Kai. Du kannst ja inzwischen schon zahlen. Bist du fertig, Kai?“ Frau Behrens stand auf: „Ich bring dich!“

Kai sprang hoch. „Ist nicht nötig, Mama. Ich kann wirklich alleine gehen.“

Kommt nicht in Frage. Ich mag nicht, dass du im Dunkeln alleine herumläufst.“

Wie du meinst.“ Herr Behrens trank sein Glas aus. „Aber beeil dich bitte! Du weißt, wir sind mit Kellers beim Musikpavillon verabredet. Ich möchte sie nicht unnötig warten lassen.“

Kai ging neben seiner Mutter die Strandpromenade entlang. Es waren noch eine ganze Menge Leute unterwegs. Die meisten schauten nach Westen, wo sich im noch nicht völlig dunklen Himmel seltsam geformte rote Wolkenzungen hinzogen. Kais Mutter blieb stehen. „Der Himmel sieht merkwürdig aus, nicht?“

Kai nickte.

Bedeutet das nun gutes oder schlechtes Wetter?“

Vater sagt, Abendrot bedeutet meistens gutes Wetter für den nächsten Tag.“

Sie gingen weiter. „Wie geht es ihm, dort in Amerika?“

Gut. Aber er freut sich schon auf unsere Ferien.“

Das glaub ich. Wohin geht ihr denn diesmal?“

Kai zögerte mit der Antwort. Es war abgemacht, dass weder Vater noch er etwas von der Hütte erzählten. Vater hatte die Hütte erst voriges Jahr gekauft. Sie lag sehr einsam, und Vater wollte nicht, dass die Tiere, die dort lebten, durch Besucher verscheucht würden.

Sag doch, wo geht ihr die restliche Zeit hin?“

Irgendwo in den Wald.“ Das war wenigstens nicht gelogen. Seine Mutter sah ihn von der Seite an, fragte aber nicht weiter. Sie beschleunigte ihre Schritte. Als sie den Campingplatz erreicht hatten, blieb Kai stehen. „Du brauchst wirklich nicht weiter mitzukommen, Mama. Die paar Schritte kann ich allein gehen.“

Naja, der Platz ist ja gut beleuchtet.“ Seine Mutter zögerte. „Kai“, sie schien nach Worten zu suchen, „mach dir nichts aus Behrens’ Launen. Der Stress, weißt du, der Beruf. Außerdem ist er unzufrieden mit Christoph. Der Junge hat Schwierigkeiten in der Schule.“ Sie seufzte. „Sei ein bisschen nett zu Christoph. Er hat’s nicht leicht.“ Sie beugte sich vor, um ihm einen Kuss zu geben.

Er stand wie ein Stock.

Also, gute Nacht.“ Sie gab ihm die Hand und ging schnell ins Dunkel hinein. Kai sah ihr nach. Sie sah überhaupt nicht glücklich aus. Ach was! War sie selber schuld. Aber so einfach ließ sich das nicht abtun. Während er über den Kies stapfte, schüttelte er sich, als könne er die lästigen Gedanken dadurch loswerden. Kai hatte das Wohnmobil erreicht und wollte gerade den Fuß auf die unterste Stufe setzen, als er zusammenzuckte. Im Gebüsch hinter dem Wagen raschelte etwas. Gleichzeitig vernahm er ein halb unterdrücktes Fiepen. Der kleine Hund?

Bist du’s, Christoph?“

Keine Antwort. Bloß das Fiepen.

Christoph, antworte doch! Lässt du Wolle pinkeln?“

Wieder das Rascheln, stärker diesmal. Plötzlich hastende, eilig sich entfernende Schritte. Einen Moment stutzte Kai, dann stürzte er, ohne zu überlegen, hinter den hastigen Schritten her.

Als Kai die Straße oberhalb des Campingplatzes erreicht hatte, sah er im Schein einer Laterne die kleine unförmige Gestalt, den Rücken beladen mit irgendetwas Riesenhaftem.

Christoph!“ Kai keuchte. „Christoph, warte!“

Der da vorne rannte nur noch schneller. Jetzt legte Kai erst richtig los. Seine Beine flogen nur so, es dauerte nicht lange, und er hatte den Kleinen eingeholt. Der rannte verbissen weiter. Kai packte ihn von hinten an dem Riesenrucksack. Christoph schlug mit den Beinen nach rückwärts aus, Kai sprang zurück, packte aber gleich wieder zu und fühlte etwas Rau-Wolliges zwischen den Fingern. Der Hund! Wolle! Der Kopf des kleinen Hundes, der oben aus der Rucksacköffnung lugte.

Wolle!“, stieß Kai heraus. Und dann: „Christoph! Was – was soll das? – der Hund im Rucksack und du und überhaupt …?“

Christoph gab keine Antwort. Stattdessen drehte er sich um, und fing an, mit Händen und Füßen um sich zu schlagen – wohin er gerade traf. Kai hatte alle Mühe, sich zur Wehr zu setzen. Er versuchte die Arme des Kleineren zu packen.

Christoph! Hör auf! Was ist denn in dich gefahren?“

Lass los! Lass mich los!“

Erst musst du mir sagen, was du vorhast.“

Nichts, gar nichts muss ich.“ Ein Stoß mit dem Fuß gegen Kais Schienbein. „Au!“ Noch einer. Kai ließ nicht locker. „Du bist ja verrückt! Wenn du nicht sofort aufhörst, schlag ich zurück!“

Tu’s doch! Tu’s doch! Gemein, gemein – ihr seid alle so gemein!“

Plötzlich sackte der Kleine zusammen, warf sich mit aller Wucht neben der Laterne auf die Erde, presste das Gesicht tief ins Gras und schluchzte, schluchzte herzzerbrechend. Im selben Augenblick fing der kleine Hund auf seinem Rücken jämmerlich zu winseln an.

Kai wurde ganz übel. Er beugte sich zu dem Jungen hinunter. „Christoph, sag doch; was hast du? Was ist denn bloß passiert?“

Endlich hob Christoph den Kopf. Sein Gesicht war erdverschmiert und nass. „Lass mich doch gehn! Wenn ich nicht mit Wolle weggeh, dann passiert es.

Was denn?“ Christoph würgte.

Nun sag schon!“ Kai schob sein Gesicht ganz nahe an Christophs.

Er … er hat gesagt …“

Weiter kam er nicht. Der Gedanke an das, was kommen sollte, überwältigte ihn so, dass er aufs Neue und heftiger schluchzte.

Kai war ratlos. Er setzte sich neben Christoph ins Gras. Wartete. Nach einer Weile machte er einen neuen Versuch.

Willst du’s mir nicht verraten?“ Er sprach sehr leise. „Was, was hat er gesagt?“

Christoph schluchzte. Die Worte kamen abgehackt. „Er – Papa – er will es machen – wie in Hänsel – und Gretel.“

In Kai stieg etwas Schreckliches hoch, das tat wie ein Messer weh. „Du willst doch nicht sagen …“, seine Stimme klang rostig.

Christoph nickte: „Sie wollen heute Nacht losfahren – und unterwegs …“

Unterwegs?“

Unterwegs wollen sie Wolle irgendwo am Weg absetzen und schnell weiterfahren.“ Vor Empörung konnte Christoph kaum sprechen.

Nein! Das gibt es nicht! Das glaub ich nicht!“

Ist aber wahr!“

Kai schüttelte sich. „Nein! So was tut meine Mutter nicht. Niemals!“ Er schrie laut in die Dunkelheit hinein.

Ein trostloser Blick von Christoph. „Sie – sie wollte es ja auch nicht. Sie hat geweint. Aber das nützt nichts. Er tut es doch. Er ist gemein, gemein. Sie kommt nicht gegen ihn an. Sie hat geredet und geweint. Hilft nichts. So gemein ist er.“

Kai war ganz erschlagen. Es dauerte eine Weile, bis er wieder reden konnte. „Gerade eben hat sie mich noch zum Campingplatz gebracht. Kein Wort hat sie mir verraten!“

Verbittert biss er sich auf die Unterlippe.

Meinst du, sie hätte mir was gesagt?“ Christoph hatte sich aufgesetzt. Er bohrte mit den Fäusten in den Augen herum.

Woher willst du denn wissen, was sie vorhaben?“ Auf der Straße waren Schritte zu hören. Christoph sprang auf und wollte weglaufen.

Sind zwei Männer! Guck doch! Deine Leute kommen noch längst nicht. Die sind verabredet mit Bekannten. Nun rück mal raus damit! Woher weißt du, dass sie Wolle loswerden wollen?“

Christoph wischte sich mit dem Handrücken übers Gesicht. „Das war heute Nachmittag, als du zur Post in die Stadt gegangen bist. Da haben sie Wolle und mich an den Strand geschickt. Mir war’s aber langweilig so alleine, und ich bin bald wieder zurück.

Noch ehe ich die kleine Treppe zum Wohnmobil rauf bin, hör ich, da drinnen den Krach. Mal wieder , denk ich und will gerade umkehren, als Petra laut zu schreien anfängt. Tut sie sonst nie. Kommt nicht gegen ihn an. Aber da! Sie schreit: ‚Wie konnte ich den Jungen denn abweisen, als er so glücklich mit dem Hund angeschleppt kam!‘ Und er: ‚Du hättest ihn sofort ins Tierheim zurückschicken müssen!‘ ‚Das konnte ich eben nicht. Das hab ich nicht übers Herz gebracht. Aber du verstehst das natürlich nicht. Du denkst ja immer nur an dein Wohlergehen‘.“

Kai schlug mit geballter Faust auf die Erde. „Wenigstens hat sie’s ihm gegeben. Und dann?“

Dann sagt Papa was, aber ganz leise diesmal, ich konnt’s nicht verstehen. Ich husche unters offene Fenster. Da kann ich auch das Leise hören. Und dabei, sagte Papa: ‚… rackere ich mich ab für euch beide. Ich hab wohl nicht daran gedacht, dir das Armband zu schenken? Und dem Jungen das Fahrrad. Kriegt ihr nicht alles, was ihr wollt? Aber was den Hund angeht …‘ und nun fängt er wieder an zu schreien, laut: ‚ich halt das nicht mehr aus! Und deshalb …‘

Wenn du das tust‘, schreit sie, ‚wenn du das tust!‘ Sie fängt an zu weinen. Ganz furchtbar.

Ich steh unterm Fenster. Kann mich nicht bewegen. Was tut er , denk ich, was tut er mit Wolle? Wolle, der mich echt leiden mag.

Und?“, fragte Kai atemlos. „Was weiter?“

Ja, dann horch ich wieder und hör, wie er sagt: ‚Ist doch ganz einfach. Heute Nacht, wenn die beiden schlafen, halte ich mal kurz an und setz ihn raus.

Kai schüttelte sich. „Nein“, sagte er tonlos, „nein“. „Und sie?“

„‚ Tu es wenigstens in einem Dorf‘ hat sie gesagt, ‚wo ihn einer findet‘ Wieder hör ich, wie sie heult. ‚Gib dem armen Tier wenigstens ’ne Chance‘.“

Christoph schwieg und schniefte. Kai stand starr. So was konnte man doch nicht tun, das konnte man doch nicht! Er sah den kleinen Jungen vor sich auf der Landstraße stehen. Ihm war, als sähe er ihn zum ersten Mal, überdeutlich: mit dem viel zu großen Rucksack auf dem Rücken, dem Hundekopf, der oben herausschaute. War das Christoph, mit dem er den Schlafraum teilte? Der Posaunenengel? Nein, das war ’n ganz anderer, einer – der – ja, was denn?

Diesen hier, den konnte man doch nicht so einfach im Stich lassen. Ja, aber was dann? Er beugte sich selbst verwirrt vor. „Was – was hast du vor?“

Weg, ich will weg – mit Wolle.“

Wohin?“

Christoph hob die Schultern: „Weiß ich nicht. Bloß weg. Mich irgendwo verstecken.“

Kai holte tief Luft. „Mensch, du hast ja keine Ahnung, keine Ahnung hast du. Wo kann man sich heute noch verstecken? Die finden dich, verlass dich drauf, die finden dich, und dann ist es erst recht um Wolle geschehen.“ „Will ich aber nicht. Nein! Ich nicht!“ „Ich will’s auch nicht.“

Der kleine Hund und auch der Junge, – es darf doch nicht wahr sein! So ’ne Gemeinheit! Es darf einfach nicht sein, dass – plötzlich ist ein Bild da – der Wald – es fällt richtig über ihn her – die hohen Stämme, Gestrüpp, Gestein, Laubschatten, Grün, Dichte – die Hütte. Und – nur noch acht Tage, bis Vater dorthin kommt.

Der Wald wuchert übermächtig in seinem Innern, verschlingt ihn – die Hütte, immer wieder die Hütte, stark, braun, feste Bohlen. Und dann ist da noch etwas anderes, das wächst in ihm hoch, schlägt über ihm zusammen: Lust. Lust. Er und der Junge. Der kleine Hund. Sie ziehen los. Sie ziehen. Weite – in die Weite, ja!

Kai tauchte hoch wie aus einer Welle. Schöpfte tief Luft! Sein Arm langte nach Christoph: „Du ich will dir sagen – du darfst nicht einfach so gehn. Nicht alleine!“

Christoph riss die Augen auf. Sein Mund stand offen. Er begriff nicht.

Kai zog ihn hoch, schleifte ihn hinter sich her, keuchte vor Erregung, atemlos. Christoph ließ sich mitziehen, willenlos, bis sie wieder vor dem Wohnmobil standen.

Er sah, wie Kai hastig seine Sachen zusammenraffte, hörte ihn reden, wie im Fieber.

Geld. Mein Fahrgeld. Hast du auch was? Ja? Prima! Waschzeug. Auf alle Fälle meine Medizintasche. Und Kompass, das Allerwichtigste! Weißt du, noch von den Pfadfindern her. Ist immer gut. Was ’n Glück, dass ich meinen Reisersack dabei hab. Kann ich genauso auf den Rücken schnallen wie du deinen Rucksack. Hast du ’n bisschen Unterzeug mit? Nu sag doch! Und Regenzeug? Also, dann lass mal sehn!“

Mit flatternden Händen untersuchte er Christophs Rucksack.

Das ist vielleicht ’n Gewühl! Esssachen und Wolle obendrauf, ne, du! Pass auf: Wurst, Brot, Käse, Orangen kommen in die Außentaschen. So, und nun …“, er öffnete Christophs Wandschrank. „Mann, da ist ja ’n Schlafsack. Der muss mit! Lad ich mir auf. Und die Regensachen. Warmer Pulli. Wenn wir draußen schlafen, wird’s kühl. Geht bei mir noch rein. Hast du ’n Handtuch? Seife? Zahnbürste? O.K. Hier, halt mal meinen Rucksack, ne, ne, weiter auf! Die Socken müssen noch rein, und nun zu! Nichts wie los. So schnell wie möglich zum Bahnhof. Wir müssen hier weg, aus der Gegend weg.

Christoph hatte Kai die ganze Zeit zugesehen. Ungläubig. Der ging mit!? Der Große? Christophs Gesicht war weiß, aber er weinte nicht mehr.

Er folgte Kai auf dem Fuße. Immer noch ungläubig. Aber es stimmte: der Große rannte. Und er rannte mit. Die Stufen hinunter, über den Kiesplatz, durch die Büsche, zur Straße hinauf.

Oben drehte Kai sich zu ihm um: „Na, mach schon! Wir müssen auf die linke Straßenseite rüber. Geh genau hinter mir, und wenn ein Auto kommt, nichts wie runter in den Graben!“

Sie huschten über die Straße und hasteten im Laufschritt voran. Plötzlich blieb Kai stehen. „Hundefutter. Hast du daran gedacht?“

Hab ich eingepackt. Und Wolle isst alles, was ich esse.

Prima.“ Kai duckte sich. „Scheinwerfer. Los, die Böschung runter!“ Christoph war schon unten. Als das Auto vorbeigefahren war, fragte er: „Warum müssen wir bei jedem Auto runter? Die im Auto wissen doch gar nichts von uns.“

Natürlich nicht. Trotzdem könnten sie sich später erinnern: da waren doch zwei Jungen auf der Straße. Weißt du, von jetzt an müssen wir uns so unsichtbar machen, wie nur möglich. Das mit den Autos ist gleich vorbei. Siehst du die Laterne da vorn? Und daneben den Wegweiser? Da zweigt der Weg nach Lilleburg ab, ’n wüster Sandweg. Wenn wir den erreicht haben, brauchen wir uns um kein Auto mehr zu scheren.“

Sie hatten den Überlandweg erreicht und gingen ein wenig langsamer. Ihre Augen hatten sich inzwischen an die Dunkelheit gewöhnt, und als Kai plötzlich von der Seite angeleuchtet wurde, schrak er zusammen, zumal der Lichtkegel im selben Augenblick wieder erlosch.

Was war denn das?“, fragte er erschrocken.

Meine Taschenlampe“, sagte Christoph, „hatte ich in der Hosentasche.“

Prima, dass du dran gedacht hast! Du hast mir richtig ’n Schreck eingejagt.“

Das wollte ich nicht.“

Christoph steckte die Lampe wieder ein.

Aber ich dachte, du erschrickst überhaupt nicht“, lachte Kai auf.

Hast du ’ne Ahnung! Was glaubst du, wie ich erschrocken wäre, wenn jetzt irgendwo auf freiem Feld ein Wolf losheulen würde.“

Wenn ich ’n Gewehr hätte und schießen könnte, hätte ich keine Angst.“

Das sagst du so. Vielleicht hast du sogar recht. Trotzdem bin ich froh, dass es bei uns keine Wölfe mehr gibt. Denk mal, wenn wir nun im Freien schlafen – und das müssen wir. Obwohl mein Vater sagt, dass Wölfe Menschen höchst selten angreifen.“

Ich hab Wölfe im Fernsehen gesehen. Das war in Alaska. Auch Bären und jede Menge Wild.“ Christoph reckte sich unter dem großen Rucksack. „Wenn ich bloß schon älter wäre! Dann könnte ich auswandern nach Alaska und brauchte nie mehr nach Hause!“

Kai schüttelte den Kopf. „Du hast Sorgen! Ich wäre froh, wenn wir die nächsten acht Tage schon geschafft hätten. Was danach kommt, ist mir egal.“ „Bloß acht Tage?“

Christoph schluckte. „Ich dachte …“

Mensch, du bist vielleicht naiv! Was glaubst du, wie schwer es sein wird, sich so lange zu verstecken! Dass wir wieder auftauchen, ist doch klar. Es geht bloß darum, dass wir Wolle retten!“

Acht Tage! Und dann?“

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Titel: Lautloser Schrei