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Ein mörderischer Ruf

©2017 120 Seiten

Zusammenfassung

Renate, die Tochter des Unternehmers Dr. Gassler verschwindet, ohne eine Spur zu hinterlassen.
Wurde sie ermordet?
Oder ist sie untergetaucht?
Privatdetektiv Rolf Kramer soll die Wahrheit herausfinden. Bei seinen Nachforschungen taucht er tief in die Geheimnisse der Familie ein, in der jeder – gut oder schlecht – etwas zu verbergen hat.

Leseprobe

Ein mörderischer Ruf

Kriminalroman


Horst Bieber & Bernd Teuber



IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von MihaiParaschiv/Pixabay mit Steve Mayer, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de


Klappentext:

Renate, die Tochter des Unternehmers Dr. Gassler verschwindet, ohne eine Spur zu hinterlassen.

Wurde sie ermordet?

Oder ist sie untergetaucht?

Privatdetektiv Rolf Kramer soll die Wahrheit herausfinden. Bei seinen Nachforschungen taucht er tief in die Geheimnisse der Familie ein, in der jeder gut oder schlecht etwas zu verbergen hat.




Personen:


Dr. Johannes Gassler, Unternehmer, lässt nichts unversucht, um seine Tochter Renate zu finden.

Yvonne Gassler, seine zweite Frau, die er während einer Geschäftsreise in Frankreich kennenlernt.

Friedrich-Wilhelm „Friwi“ Gassler, älterer Bruder von Hannes und Lebenskünstler.

Inge Weinrich, Ex-Frau von Hannes und Mutter von Renate und Thomas Gassler.

Jutta Kindel, kontaktfreudige Sekretärin in der Firma von Hannes Gassler.

Rolf Kramer, Privatdetektiv, wird engagiert, um das Verschwinden von Renate Gassler aufzuklären.



Roman:

Das Baby schrie.

Laut und ausdauernd.

Doch weder der Mann, noch die beiden Frauen schienen sich daran zu stören. Im Gegenteil. Sie unterhielten sich angeregt. Erst als die Wohnzimmertür geöffnet wurde, verstummte ihr Gespräch. Ein hochgewachsener Mann trat ein. Er hatte schütteres graues Haar, einen schmallippigen Mund und dunkle Augen.

Mein Gott, kümmere dich endlich um dein Kind“, herrschte Dr. Gassler seine Frau an.

Ganz wie der Herr befehlen“, entgegnete Yvonne. Sie hatte eine warme, vibrierende Stimme mit einem starken französischen Akzent.

Ihre gute Laune war verflogen. Sie liebte ihr Kind, dennoch sehnte sie sich manchmal danach, kein Babygeschrei zu hören, keine Windeln wechseln zu müssen, und keine durchwachten Nächte. Es wäre zu schön. Zumal sich Hannes so gut wie gar nicht um das Kind kümmerte. Er arbeitete viel und sie sah ihn manchmal nur wenige Minuten am Tag.

Langsam erhob sie sich aus dem Sessel und ging auf ihn zu. Sekundenlang blickten sie sich stumm an. Dann drängte sie sich an ihm vorbei und verschwand in einem der angrenzenden Räume. Kurz darauf verstummte das Babygeschrei. Dr. Gassler wandte sich an den Mann in seiner Begleitung.

Kommen Sie rein! Die anderen warten schon.“

Schweigend musterten der Mann und die beiden Frauen den Besucher, der dort zur Tür hereinkam. Ein dicker Teppich sorgte dafür, dass man sich lautlos wie ein Schatten bewegen konnte. Das Wohnzimmer war mit allem erdenklichen Komfort ausgestattet. Dr. Hannes Gassler hatte an nichts gespart.

Alles war teuer. Die Vorhänge, die Beleuchtungskörper aus venezianischem Kristall, die Perserteppiche, natürlich handgewebt. Privatdetektiv Rolf Kramer hatte viel für solche Häuser übrig, die etwas ausstrahlten, was manchem modernem Gebäude abgeht: Atmosphäre. In diesem Fall erinnerte ihn die Atmosphäre jedoch eher an ein Museum.

In den Vitrinen standen alte Tonkrüge, Gefäße, Schalen und Behälter der nordamerikanischen Ureinwohner. Alle sehr dekorativ bemalt. An den Wänden hingen Masken und Kultgegenstände. Sahen sie bei Tageslicht schon schrecklich aus, so wirkten sie bei der schummrigen Dämmerung, die an diesem Nachmittag im Raum herrschte, beängstigend.

Vor allem, wenn man näher an die grell bemalten Fratzen herantrat, konnte man glauben, dass sich die Augen in den Höhlen bewegen würden. Kramer hatte dieses Phänomen schon bei seinem ersten Besuch vor einigen Wochen bemerkt. Aber es war eine Täuschung. Sie wurde durch die herrschenden Lichtverhältnisse hervorgerufen.

Guten Tag“, sagte Rolf Kramer.

Guten Tag“, erwiderten Inge Weinrich, Friwi Gassler und Jutta Kindel fast gleichzeitig.

Herr Kramer ist der Privatdetektiv, von dem ich euch erzählt habe“, erklärte Dr. Gassler. „Die meisten kennen ihn ja schon. Auf seine Bitte hin haben wir uns heute Nachmittag hier getroffen.“

Ja“, bestätigte Kramer. „Vielen Dank für Ihre Bereitwilligkeit. Ich muss Ihnen allen einige Fragen stellen. Wichtige Fragen, und in einigen Fällen auch unangenehme Fragen, wie ich fürchte.“

Er nahm in einem Sessel mit kariertem Kissen Platz. Dr. Gassler ließ sich ihm gegenüber in den Zweiten sinken und faltete seine Hände im Schoß. Er war ein hochgewachsener Mann von 55 Jahren, dessen Profil sich auf der Titelseite eines jeden Herrenmagazins gut gemacht haben würde. Aber er hatte es nicht nötig, sich auf diese Weise Geld und Publicity zu verschaffen. Er war reich und hatte es mit viel Geschick verstanden, dieses Vermögen beständig zu vermehren.

Hannes Gassler wuchs in einer konservativ geprägten Unternehmerfamilie auf. Sein Vater gründete nach dem Zweiten Weltkrieg eine Firma, die aus allen gängigen Thermoplastischen Kunststoffen Hohlraumkörper produzierte. Nach dem Abitur absolvierte Hannes Gassler ein Wirtschaftsstudium an der Universität zu Köln, das er als Diplom-Kaufmann beendete. Anschließend übernahm er das Unternehmen seines Vaters, das damals mit zwanzig Millionen Deutsche Mark hochverschuldet war.

Durch Umstrukturierungen, Sparmaßnahmen und eine Erweiterung des Produktangebots, gelang es Hannes Gassler, das Unternehmen zu entschulden und wieder in die Gewinnzone zu führen. Er leitete seine Firma mit fester Hand, aber sein größter Fehler war wohl, dass er die robuste Härte, die er als Unternehmer zeigte, auch hier im Haus niemals ablegte. Er traf die Entscheidungen. Nichts und Niemand konnten ihn davon abringen. Nichts – außer der Tatsache, dass seine Tochter spurlos verschwunden war.

Sie haben Renate also nicht gefunden?“ fragte Inge.

Leider nein, Frau Weinrich“, entgegnete Kramer.

Aber Sie wissen, wo meine Tochter ist?“

Nein, auch das weiß ich nicht. Aber ich glaube jetzt zu wissen, was mit Ihrer Tochter geschehen ist.“

Und was, mein lieber Kramer?“ wollte Friwi wissen. Eigentlich hieß er Friedrich-Wilhelm, doch solange er zurückdenken konnte, nannten ihn alle immer nur Friwi. Mittlerweile wusste er selber nicht mehr, wie dieser Spitzname eigentlich entstanden war. Er hatte kurzes, graues Haar, durch das die Kopfhaut durchschimmerte. Zudem wirkte er recht korpulent. Entweder trug er ein besonders dickes Jackett, oder dreißig, vierzig Pfund weniger hätten ihm nicht geschadet.

Friwi war ein Jahr älter als Hannes, aber außer der Tatsache, dass sie Brüder waren, gab es keine Gemeinsamkeiten. Hannes hatte sein Leben der Firma gewidmet, während Friwi um jede Arbeit einen großen Bogen machte. Er hatte genug Geld und führte ein bequemes Leben. Und er dachte nicht daran, etwas an dieser Situation zu ändern. Warum sollte er arbeiten, wenn es genügend andere Leute gab, die das für ihn tun konnten?

Hinzu kam, dass er sich für einen recht attraktiven Mann hielt. Davon war er auch schon in jungen Jahren überzeugt. Entsprechend benahm er sich den Frauen gegenüber. Schon mit knapp fünfzehn hatte er mit den Mädchen angefangen. Er ließ keine Bettgeschichte aus. Doch von einer dauerhaften Bindung wollte er nie etwas wissen.

Auch später änderte sich daran nichts. Friwi wusste, dass er reihenweise Frauenherzen brach. Aber das war ihm völlig egal. Er wollte einfach nur seinen Spaß haben. Jeden Morgen geschniegelt und gebügelt in die Firma zu gehen, fand er schlicht und ergreifend langweilig.

Deshalb zögerte er seinen Studienabschluss immer wieder hinaus, obwohl er sein Diplom mit einer glatten Eins hätte hinlegen können. Stattdessen bummelte er in den Tag hinein, schwänzte Seminare, schrieb wichtige Klausuren nicht mit. Am Anfang sah Hannes das Verhalten seines Bruders noch locker. Aber im Laufe der Zeit reagierte er immer gereizter.

Du wirst bald dreißig“, hatte Hannes gesagt, als sie wieder eine dieser Leidigen, und aus Friwis Sicht, völlig überflüssigen Diskussionen führten. „Du musst endlich Verantwortung übernehmen. Wie soll das sonst weitergehen?“

So wie bisher“, lautete die Antwort.

O nein. Das mache ich nicht mehr mit. Entweder du änderst dich oder ...“

Oder was? Ich lasse mich nicht unter Druck setzen. Du wusstest von Anfang an, dass ich kein Streber bin. Außerdem habe ich es gar nicht nötig zu arbeiten. Ich will was vom Leben haben. Vor allem Spaß“, machte Friwi seinem Bruder klar.

Wenn ich auch so gedacht hätte, würdest du jetzt nicht so leben können. Du gibst das Geld aus, das die Firma abwirft, ohne einen Finger dafür krumm zu machen. Wie nennst du das? Ich nenne es das Leben eines Schmarotzers“, schleuderte Hannes ihm ins Gesicht.

Doch Friwi ließ sich davon nicht im Mindesten beeindrucken. Sollte sein Bruder doch, vom Ehrgeiz zerfressen, jeden Tag sechzehn Stunden in der Firma arbeiten. Er würde sein Leben weiter genießen. Und das hatte er in den vergangenen Jahren auch ausgiebig getan.




Ist meiner Tochter etwas zugestoßen?“ fragte Inge erregt.

Bitte, können wir das nicht der Reihe nach erledigen?“ entgegnete Kramer.

Wozu?“ wollte Friwi wissen. „Wenn Sie nicht herausgefunden haben, wo meine Nichte steckt?“

Aber hast du nicht gehört, Friwi? Herr Kramer weiß doch, was mit Renate geschehen ist“, sagte Inge.

Ich bin nicht taub, verehrte Schwägerin.“

Zum Teufel, nun fangt bloß nicht schon wieder Streit an“, mischte sich der Hausherr ein.

Danke, Herr Dr. Gassler“, sagte Kramer. „Ja, ich weiß, was mit Ihrer Tochter Renate passiert ist. Übrigens bin ich nicht der Einzige in dieser Runde. Wenigstens einer, wenn nicht zwei von Ihnen, wissen seit genau einem Jahr, was Renate zugestoßen ist.“

Wie bitte?“ fragte Friwi verwundert. „Was sagen Sie da?“

Ich sagte, einer, wenn nicht zwei, wissen seit einem Jahr, was mit Renate Gassler geschehen ist.“

Inge schlug die Hände vor die Brust. „Nein, das kann … wer ist das? Und was soll Renate passiert sein? Sie ist weggelaufen, und Sie sollten sie suchen.“

Weggelaufen?“ fragte Kramer gedehnt. „Ihre Tochter war – mit Verlaub – ein etwas überdrehtes, harmloses und nervöses Mädchen, das nach meinem Eindruck zu viel Geld und zu wenige Pflichten hatte, das mit der Aufgabe, die Zeit totzuschlagen – Entschuldigung – fast schon überfordert war.“

Das ist ...“ begann Inge, „Vielleicht trifft das sogar zu, aber warum ...“

Frau Weinrich, so jemand taucht nicht erfolgreich unter und lebt irgendwo fast zwölf Monate, ohne sich zu verraten. Dazu braucht es Intelligenz, sehr viel Willen und noch mehr Selbstbeherrschung.“

Was meine Tochter Renate alles nicht hat“, bestätigte Dr.Gassler. „Ja, leider. Aber was wollen Sie damit andeuten?“

Ich fürchte, Renate lebt nicht mehr.“

Sie … sie lebt … lebt nicht mehr?“ stammelte Inge. „Soll das heißen, dass sie … dass sie … nein, nein ...“

Doch“, entgegnete Kramer. „Es tut mir leid. Renate lebt nicht mehr.“

Nein, das kann nicht sein.“ Inge schüttelte den Kopf. „Das ist nicht wahr. Das behaupten Sie nur. Beweisen Sie es, sonst ...“

Sie begann zu weinen, doch Kramer ließ sich dadurch nicht irritieren. Höflichkeit hatte ihn bei seinen bisherigen Ermittlungen nicht weitergebracht. Er war davon überzeugt, dass die hier im Zimmer versammelten Menschen Dreck am Stecken hatten. Seine ursprüngliche Idee war es gewesen, alle Verdächtigen nur mal kennenzulernen und abzuwarten, welchen Eindruck er von ihnen bekam. Aber dadurch hatte er den Fall nicht lösen können.

Die einzige Möglichkeit, die ihm noch blieb, war die direkte Konfrontation aller Beteiligten. Kramer hatte etwas gegen Geheimnisse, und er wollte ihres herauskriegen, falls sie etwas mit Renates Tod zu tun hatten.

Beweisen kann ich es nicht“, sagte er. „Aber einer – oder sogar zwei – aus dieser Runde könnten es bestätigen.“

Wollen Sie damit unterstellen“, fragte Friwi gereizt, „einer von uns habe Renate … habe Renate ...“

Sprechen Sie das Wort ruhig aus. Ja, getötet. Oder umgebracht.“

Sie meinen ...“

Nein.“ Kramer schüttelte den Kopf. „Es muss kein Mord gewesen sein. Juristisch betrachtet vielleicht Körperverletzung mit Todesfolge. Ich weiß es nicht.“

Das kann ich nicht glauben“, sagte Dr. Gassler.

Kramer antwortete nicht. Ihm war die Rolle unangenehm, die er hier spielen musste. Natürlich hätte er den Auftrag ablehnen können, aber die Zeiten waren hart, da musste er nehmen, was er kriegen konnte. Kramer gehörte nicht zu den Großen seiner Branche. Er war darauf spezialisiert, Menschen zu bewachen und weggelaufene Ehefrauen, Ehemänner, Eltern, Kinder, Liebhaber und Nichtstuer aufzuspüren.

Sein Büro war klein und spärlich möbliert. Es gab eine Toilette, daneben eine bessere Abstellkammer, eine winzige Garderobe und einen massiven Stahlschrank, in dem er seine Akten, die Fotoausrüstung und einige elektronische Spielzeuge aufbewahrte. Das einzige Fenster ging zum Lichtschacht, den die Hausverwaltung hartnäckig als Innenhof bezeichnete, um so eine höhere Miete kassieren zu können.

Abgesehen von purem Wahnsinn gab es eine ganze Anzahl von Gründen, weshalb ein Mann den Beruf des Privatdetektivs erwählte. Sei es, dass ihn die Umstände unstet in einer chaotischen Welt zurückließen, sodass er das Abenteuer suchte, statt etwas zu tun, das sich lohnte.

Vielleicht war er auch nicht dazu geschaffen, einer regelmäßigen Arbeit nachzugehen, oder fünf Tage pro Woche in einem stickigen Büro herumzusitzen. Der Hauptgrund war meist ein dauerhaftes Gefühl der Langeweile, eine Neigung zur Abwechslung – und natürlich blanke, simple Neugier.

Geld spielte selbstverständlich auch eine Rolle, obwohl der Beruf nicht so viel einbrachte, um damit Reichtümer anzuhäufen. Kramers Verdienst reichte gerade aus, um die monatlich anfallenden Rechnungen zu bezahlen, und um sich etwas zu essen leisten zu können. Manchmal blieb sogar etwas Geld übrig für eine Kinokarte oder eine Packung Zigaretten.

Trotz dieser Widrigkeiten konnte er sich keine andere Arbeit vorstellen. Sein Job als Privatdetektiv bedeutete ihm alles, auch wenn er manchmal dafür einen verdammt hohen Preis zahlen musste. Zudem war der Job nicht ganz ungefährlich. Es gab etliche Zeitgenossen, die es ihm verübelten, dass er sie ins Gefängnis gebracht hatte.

Und auch die Fälle, mit denen er konfrontiert wurde, brachten ihn manchmal um den Schlaf. Dieser gehörte zweifellos dazu. Seit er ihn übernommen hatte, hörten seine Gedanken nicht auf, um Renates Schicksal zu kreisen. In mühevoller Kleinarbeit war es ihm gelungen, einige Fakten in Erfahrung zu bringen.

Tagelang hatte er mit den Familienangehörigen und Außenstehenden gesprochen, hatte Fragen gestellt, und versucht, sie in Widersprüche zu verwickeln. Zu seinem Erstaunen verhielten sie sich sehr kooperativ. Trotzdem hatte er bald das Gefühl, in ihren Augen nichts weiter zu sein, als ein lästiges Insekt, das man am besten zertreten sollte.

Aber Kramer ließ sich dadurch nicht von seinem Ziel abbringen. Er wollte Renates Schicksal aufklären. Und er befand sich auf einem guten Weg. Was ihm noch fehlte, war ein endgültiger Beweis. Deshalb hatte er um dieses Treffen gebeten. Er wollte den Fall endlich abschließen.




Die Wohnzimmertür wurde geöffnet. Yvonne trat ein und warf ihrem Mann einen durchdringenden Blick zu.

So, das Baby ist ruhig“, sagte sie und ließ die Tür geräuschvoll ins Schloss fallen. „Bist du nun zufrieden?“

Warum fragst du mich?“ wollte ihr Mann wissen. „Ist dein Sohn zufrieden?“

Wenn er schreit und dich stört, ist er nur mein Sohn, was?“

Mit einer ruckartigen Bewegung ließ sie sich in den Sessel fallen. Das blonde Haar fiel ihr wirr ins Gesicht. Sie war eine außerordentlich gutaussehende Frau. Der eng anliegende Pullover betonte ihre runden Formen.

Wenn man euch so hört, kann man sich schwer vorstellen, warum ihr eigentlich geheiratet habt“, sagte Friwi grinsend.

Verehrter Bruder“, erwiderte Dr. Gassler, „würdest du dich freundlicherweise um deinen eigenen Kram kümmern?“

Hat er denn überhaupt eigene Sachen, der arme Friwi?“ fragte Yvonne spitz.

Liebste Schwägerin, bald bist du noch kaltschnäuziger als dein teurer Ehemann“, konterte der Angesprochene.

Yvonne warf Friwi einen wütenden Blick zu. Sie wollte etwas erwidern, überlegte es sich aber anders. Kramer musterte sie eingehend. Soweit er wusste, hatte Dr. Gassler seine zweite Frau während einer Geschäftsreise in Paris kennengelernt, wo sie als Sekretärin für einen seiner Zulieferer arbeitete.

Keine Frage, Yvonne war eine attraktive Frau. Kramer konnte nachvollziehen, weshalb Dr. Gassler sich in sie verliebt hatte. Aber was empfand sie für ihn? Er war schließlich fünfundzwanzig Jahre älter. Liebte sie ihn wirklich? Oder war er für sie nur eine gute Altersabsicherung? Natürlich bestand auch noch die Möglichkeit, dass sie ihn als so eine Art Vater-Ersatz betrachtete. Doch daran glaubte er nicht. Ihr ging es erster Linie ums Geld. Während Kramer noch darüber nachdachte, waren die Familienmitglieder bereits in den nächsten Streit verwickelt.

Er räusperte sich geräuschvoll. „Entschuldigung, es wäre sehr hilfreich, wenn wir private Differenzen ...“

Völlig richtig“, stimmte Dr. Gassler ihm zu. „Fangen Sie an!“

Ich vermisse Herrn Gassler junior.“

Robert lässt sich entschuldigen“, sagte Jutta Kindel. „Im Werk zwei hat es eine Störung gegeben, und er musste rüberfahren.“

Aber ich hatte Sie doch ausdrücklich gebeten, Robert einzuschärfen, er müsse heute Nachmittag hier sein“, wies Dr. Gassler seine Sekretärin zurecht.

Ihr Sohn ist, mit Verlaub, genauso dickköpfig wie Sie“, antwortete Jutta. „Nehmen Sie im Ernst an, er ließe sich von mir etwas befehlen?“

Ein wahres Wort, Fräulein Kindel“, sagte Yvonne. „Wie der Vater, so der Sohn. Wie bist du eigentlich mit den beiden fertig geworden, Inge?“

Schlecht, das weißt du doch. Der eine tobte, der andere trotzte ...“

Und du warst abgemeldet.“ Yvonne lächelte. „Das kommt mir sehr bekannt vor.“

Lass den Blödsinn!“, wies Dr. Gassler seine Frau zurecht. „Wo steckt Robert jetzt?“

Ich glaube, wir können auch ohne Ihren Sohn auskommen“, meinte Kramer.

Ja, nun lasst uns endlich zur Sache kommen“, erwiderte Inge ungeduldig. „Sie haben da ...“

Moment noch“, sagte Friwi. „So geht das nicht. Sie haben eben behauptet, einer, wenn nicht zwei von uns wüssten, was mit Renate geschehen ist. Habe ich das richtig verstanden?“

Kramer nickte. „Ja, richtig.“

Sie wollen also ernsthaft unterstellen, jemand von uns hätte es fertiggebracht, ein Jahr lang zu schweigen und uns alle im Ungewissen zu lassen?“

Ja, das unterstelle ich.“

Das ist doch … das will ich geklärt haben. Wer ist das?“

Zwei von Ihnen wissen es, zwei von Ihnen vermuten es“, wiederholte Kramer.

Was?“ fragte Inge entrüstet. „Sie werfen mir vor, ich hätte mein Kind … meine Tochter ...“

Moment, für Sie gilt ...“

Sie spinnen doch ...“ sagte Jutta.

Herr Kramer, bei allem Verständnis für die schwierige Lage ...“ begann Dr. Gassler, doch seine Exfrau fiel ihm ins Wort.

Hast du gewusst, was hier ...“

Nein, ich bin genauso überrascht wie du.“

Oder erlaubst du dir nur wieder einen schlechten Scherz?“ fragte Friwi.

Eine hitzige Diskussion entbrannte, bei der es nicht darum ging, wer die besten Argumente hatte, sondern wer sie am lautesten vorbringen konnte.

Ruhe bitte!“ rief Kramer schließlich.

Augenblicklich trat Stille ein.

Es hat wirklich keinen Sinn, wenn alle durcheinanderreden“, sagte der Privatdetektiv.

Dr. Gassler blickte ihn erwartungsvoll an. „Wir sind jetzt alle auf Ihre Erklärungen gespannt.“

Ja, Herr Dr. Gassler, ich weiß, was Sie meinen. Und ich weiß auch, was ich tue. Entweder geben Sie mir jetzt Gelegenheit, Fragen zu stellen, die Sie ehrlich beantworten, oder Sie haben mein Honorar – Ihr Geld – zum Fenster hinausgeworfen.“

Der Eindruck drängt sich bei Ihnen geradezu auf“, meinte Jutta mit einem spöttischen Unterton in der Stimme.

Herzlichen Dank, Fräulein Kindel“, sagte Kramer. „Ich weiß Ihre Offenheit zu schätzen.“

O bitte, gern geschehen.“

Prächtig. Dann machen Sie doch weiter. Warum gibt Ihr Chef soviel Geld aus, seine Tochter suchen zu lassen, nachdem doch auch die Polizei keinen Erfolg hatte?“

Jutta zuckte mit den Schultern. „Wie soll ich das beantworten? Fragen Sie ihn doch selber.“

Kramer wandte sich an seinen Auftraggeber. „Na schön. Herr Dr. Gassler, warum?“

Was soll die blöde Frage?“

Nun, so blöd finde ich sie nicht. Mehrere Privatdetekteien haben sich die Zähne an dem Fall ausgebissen. Ohne Ergebnis. Und dann beauftragen Sie mich noch. Warum diese Hartnäckigkeit?“

Dr. Gassler überlegte einen Moment, bevor er antwortete. „Mein Gott, ich gebe nie auf“, sagte er dann in einem scharfen Tonfall. „Ich will Gewissheit haben. Ich will wissen, was meiner Tochter zugestoßen ist.“

Das hört sich zwar nicht vernünftig, aber plausibel an. Sind Sie auch der Meinung, Herr Gassler?“

Ich?“ fragte Friwi überrascht. „Plausibel? Tja, Hannes ist ein Dickkopf, das stimmt.“

Sie nicht?“ fragte Kramer. „Sie sind nicht so hartnäckig?“

Ich weiß nicht, was Sie damit meinen.“

Nun, ich habe mich etwas umgehört. Sie geben doch auch keine Ruhe und erzählen überall, wie seltsam es sei, dass Ihre Nichte so spurlos verschwunden ist.“

Na, seltsam – und überall – aber eine komische Sache ist es doch wirklich, finden Sie nicht?“

Dr. Gassler blickte seinen Bruder überrascht an. „Ich wusste gar nicht, dass dein Herz so an Renate hängt.“

Man ist doch sentimentaler, als man glaubt.“

Na, na, sentimental. Überheb dich nicht, Friwi.“

Er wollte auch sagen ‚Neugieriger‘“, warf Yvonne ein.

Schönen Frauen widerspreche ich nicht“, bestätigte er. „Also gut: Ich bin neugierig.“

Worauf neugierig?“ fragte die junge Französin. „Was mit Renate geschehen ist? Oder warum Hannes keine Ruhe gibt und immer weiter suchen lässt?“

Vielleicht auf beides“, antwortete Friwi.

Das ‚vielleicht‘ kannst du ruhig streichen“ sagte Dr. Gassler scharf.

Meinst du wirklich, geschätzter Bruder?“

Ja, das meine ich.“

Kriegt Ihr euch schon wieder in die Wolle?“ fragte Inge gereizt.

Kramer nickte. „Die Brüder scheinen sich nicht sehr zu schätzen.“

Das ist die Untertreibung des Tages“, entgegnete Dr. Gasslers Ex-Frau. „Und ich werde gleich wild, wenn wir nicht endlich anfangen ...“

Wir sind schon mittendrin, Frau Weinrich.“

Wie bitte?“

Ja, natürlich“, bestätigte Kramer. „Die Unfähigkeit dieser Familie, ein ernsthaftes Gespräch zu führen und dem anderen einmal zuzuhören, ist ein wesentlicher Bestandteil.“

Zum Verschwinden meiner Tochter?“

Ja, sicher. Zwei wissen was, zwei vermuten was, aber niemand spricht mit dem anderen.“

Nun übertreiben Sie aber, Herr Kramer“, sagte Dr. Gassler.

Kaum. Nein, nein, ich werd‘s Ihnen beweisen.“

Da bin ich aber gespannt“, meinte Jutta.

Abwarten, Fräulein Kindel.“ Der Privatdetektiv holte sein kleines Notizbuch aus der Innentasche seines Mantels und schlug es auf. „Also: Renate ist zum letzten Mal am 21. Dezember vorigen Jahres gesehen worden. Das war der Montag nach dem vierten Advent. Sie hat in der Bank an der Kastanienallee zweitausend Euro abgehoben und ist hinausgegangen. Der Kassierer hat sie noch beobachtet. Seitdem ist sie wie vom Erdboden verschluckt.“

Das wissen wir doch alles“, sagte Yvonne.

Hat jemand von Ihnen Renate nach dem 21. Dezember 11 Uhr 05, noch angetroffen? Gesehen? Oder gesprochen?“

Jutta schüttelte den Kopf. „Nein, das hat uns die Polizei bis zum Erbrechen gefragt“, entgegnete sie ungeduldig. Man konnte ihr ansehen, dass ihr diese ganze Angelegenheit auf die Nerven ging.

Jutta Kindel wuchs als Einzelkind auf. Das machte sich vor allem dadurch bemerkbar, dass ihre Eltern sehr nachsichtig mit ihr waren. Als sie in die Pubertät kam, bereitete sie ihnen die eine oder andere schlaflose Nacht. Während andere Mädchen in ihrem Alter spätestens um neun Uhr abends zu Hause sein mussten, trieb sich Jutta oftmals bis in die frühen Morgenstunden herum.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738912944
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Oktober)
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Titel: Ein mörderischer Ruf