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San Angelo Country #53: Im Tal des flüsternden Grases

©2017 120 Seiten

Zusammenfassung

Ezekiel Calhoun schließt sich einer Trapperbrigade unter der Führung von Little Joe Adams an. Die Männer sind auf dem Weg in die Bighorn Mountains, um dort auf Pelzjagd zu gehen. Ezekiel hat jedoch einen anderen Grund, über den er bisher beharrlich schweigt. Denn er vermutet, dass einer der Trapper ein Mörder ist. Dieser Mann hat Ezekiels besten Freund Jim auf dem Gewissen, und er trägt eine auffällige Narbe am Körper, die ihn irgendwann verraten wird. Auf diesen Moment wartet Ezekiel geduldig, und wenn sich seine Vermutung bewahrheitet, dann soll sich sein Racheschwur erfüllen ...

Leseprobe

Im Tal des flüsternden Grases


Ein Western von JOHN F. BECK



IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Edward Martin

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Klappentext:

Ezekiel Calhoun schließt sich einer Trapperbrigade unter der Führung von Little Joe Adams an. Die Männer sind auf dem Weg in die Bighorn Mountains, um dort auf Pelzjagd zu gehen. Ezekiel hat jedoch einen anderen Grund, über den er bisher beharrlich schweigt. Denn er vermutet, dass einer der Trapper ein Mörder ist. Dieser Mann hat Ezekiels besten Freund Jim auf dem Gewissen, und er trägt eine auffällige Narbe am Körper, die ihn irgendwann verraten wird. Auf diesen Moment wartet Ezekiel geduldig, und wenn sich seine Vermutung bewahrheitet, dann soll sich sein Racheschwur erfüllen ...






Prolog


Als John Calhoun das Arbeitszimmer seines Vaters betrat, bemerkte dieser gar nicht, dass John gekommen war. Erst als dieser sich kurz räusperte, hob der graubärtige Rancher kurz den Kopf. Er wirkte irgendwie abwesend und ganz verloren in seinen eigenen Gedanken. Aber das war kein Wunder. Noch immer hatten die Texas Ranger keine Spuren oder Hinweise auf den Verbleib von Billy gefunden. Auch wenn seitdem mehrere Monate vergangen waren, so belastete die Ungewissheit über das Schicksal des jüngsten Sohnes von Tom Calhoun alle. Nicht nur den Rancher und John, sondern auch den Vormann Jay Durango und alle anderen Cowboys von Rancho Bravo.

Quanah Parkers Kwahadi-Comanchen hatten Billy im letzten Winter entführt, denn der Comanche hatte noch eine Rechnung mit Tom Calhoun offen gehabt – und ausgerechnet Billy hatte das büßen müssen.

Toms Bruder Amos war Colonel bei den Texas Rangers. Aber selbst ein erfahrener Haudegen wie Amos hatte es bisher nicht geschafft, irgendeine Spur zu finden, die zu Billy führte.

Was ist denn, John?“, wollte Tom Calhoun wissen und legte das kleine Buch beiseite, in dem er eben noch gelesen hatte.

Sergeant Shannigan und vier seiner Leute sind gerade gekommen, Pa“, erwiderte John. „Angeblich hat ein Suchtrupp einen Jungen in Billys Alter gefunden und ...“

Wo?“, fragte Tom und erhob sich sofort vom Stuhl. „Rede, Junge – lass dir nicht jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen!“

Der Junge ist in Fort Concho – zusammen mit einigen anderen befreiten Geiseln“, berichtete John, wurde aber sofort wieder von seinem Vater unterbrochen.

Und was sagt mein Bruder dazu? Er kennt Billy doch – und er müsste wissen, dass ...“

Onkel Amos ist mit einem zweiten Trupp noch irgendwo da draußen, sagt der Sergeant“, meinte John. „Aber er wollte nicht so lange warten, bis der Colonel wieder zurück ist. Er sagte, dass es gut wäre, wenn wir selbst mit nach Fort Concho reiten und uns davon überzeugen, ob der befreite Gefangene wirklich Billy ist.“

Bei Gott, das werden wir auch tun“, brummte der Rancher mit entschlossener Stimme. „Geh schon raus und sag Shannigan, dass ich gleich komme.“

In Ordnung, Pa“, nickte John und schaute kurz auf das Buch, in dem sein Vater kurz zuvor so konzentriert gelesen hatte. Tom Calhoun bemerkte das.

Es ist Ezekiels Tagebuch“, sagte er. „Du erinnerst dich doch noch an diesen Andy Newman, der uns das letzten Herbst vorbeigebracht hat, oder?“

Natürlich, Pa. Steht was drin, was du noch nicht gewusst hast?“

Vieles, Junge“, antwortete der Rancher. „Ich hatte bisher kaum Zeit, mich überhaupt damit zu beschäftigen. Ezekiel war ein notorischer Einzelgänger, immer auf sich allein gestellt und ein ziemlicher Eigenbrötler, wenn man es genau nimmt. Ich wusste gar nicht, dass er auch mal eine Beziehung hatte.“

Steht das in seinem Tagebuch?“

Ja – ich erzähle dir es auf dem Weg nach Fort Concho, John. Und jetzt sollten wir uns besser beeilen. Ich komme gleich nach.“

Glück und Verzweiflung liegen manchmal nah beeinander, dachte Tom Calhoun, während er sich die Jacke überstreifte und noch seinem Hut griff. Ich wünschte, ich könnte auch endlich wieder mal ein paar glückliche Tage erleben. Aber das wird wohl erst wieder möglich sein, wenn Billy wieder hier ist. Wenn ich doch nur wüsste, wie lange ich noch warten muss ...



1. Kapitel:



Auf einer grasbewachsenen Höhe zügelte der Reiter seinen Schwarzbraunen. Wie eine Statue wirkten gleich darauf Mann und Pferd in dieser fast unwirklichen Stille.

Unten in der weiten Senke, die sich vor dem Blick des großen, breitschultrigen Reiters öffnete, ging es dagegen lebendiger, lärmender zu. Eine wirre Ansammlung schiefer, niedriger Blockhäuser ballte sich am Ufer des Pole Creek zusammen. Zwischen den Hütten drängten sich Menschen, standen Pferde an langen, glattgescheuerten Haltegeländern. An einem hohen Mast flatterte eine Fahne im leichten Wind. Als sich der Wind ein wenig drehte, wehte er den Klang ausgelassener, rauer Männerstimmen. Lachen und eine etwas aufdringliche, aber fröhliche Musik zu dem einsamen Reiter hinauf.

Der Anflug eines kaum merkbaren Lächelns verzog die tiefgekerbten Mundwinkel des Fremden.

Er hatte beinahe vergessen, dass heute der vierte Juli war, der Nationalfeiertag der Vereinigten Staaten, der Tag. da das ganze Land zwischen dem Atlantik und dem Pazifik die Unabhängigkeit feierte.

Und selbst eine so abgelegene Trappersiedlung. wie es damals Cheyenne war, schien nicht auf diese Feier verzichten zu wollen.

Noch eine ganze besinnliche Weile blickte Ezekiel Calhoun zu den Blockhütten hinab, die wie dunkelbraune Kästen am schimmernden Wasser des Pole Creek hingestreut lagen, dann schob er seinen breitrandigen Stetson ins Genick zurück und setzte seinen Schwarzbraunen in Bewegung. Das Pferd lief schnell und federnd. Seine Bewegungen verrieten Kraft. Anmut und Ausdauer.

Je näher Ezekiel Calhoun den Blockhäusern von Cheyenne kam, um so kantiger und ausdrucksloser wurde sein sonnengebräuntes Gesicht. Die durchdringenden, grauen Augen bekamen einen Schimmer gespannter Erwartung.

Ezekiel Calhoun war nicht zufällig nach Cheyenne gekommen. Seit zwei Jahren ritt er mit einem ganz bestimmten Ziel über das weite Land westlich des Missouri. Seit zwei Jahren - ohne jedoch das Ende seiner Fährte zu erreichen. Er war nur deshalb nach Cheyenne gekommen, weil er wusste, dass sich hier in diesen Tagen die Trapper und Jäger aus allen Himmelsrichtungen versammelten. um zu neuen Streif- und Jagdzügen aufzubrechen.

Es lag Ezekiel Calhoun nichts an diesen Jagdzügen. Aber trotzdem war er in den letzten zwei Jahren ständig mit größeren Trappergesellschaften unterwegs gewesen. Das hing mit dem Ziel zusammen, das er sich gesteckt hatte, dem Ziel, von dem er nicht abweichen würde. bis er es schließlich erreicht hatte. Auch wenn die Chancen gering waren, auch wenn es noch lange Jahre dauern konnte, bis es soweit war. Denn er war ein Mann, der niemals aufgab.

Er verlangsamte das Tempo seines Pferdes, als er die ersten, aus roh zugehauenen Baumstämmen errichteten Hütten erreichte. Die Ritzen waren mit Lehm und Moos abgedichtet, und die Dächer teilweise mit Erdschollen samt Grasnarbe bedeckt.

Auf der Straße und vor den Häusern waren nur Männer zu sehen - verwitterte, ledergekleidete Gestalten, denen das raue Leben in der Wildnis auf den ersten Blick anzusehen war. Es gab keine Frauen in Cheyenne. Noch war dieser Ort eine reine Männersiedlung, eine Siedlung mitten im offenen Indianerland.

Das Lachen, Grölen, Singen und Rufen vermischte sich zu einem tosenden Lärm, der wie eine Welle auf Ezekiel Calhoun zubrandete. Vor einem langgestreckten Blockhaus, über dessen Eingang ein Schild mit der ungelenk gemalten Aufschrift „Saloon“ hing, standen zwei Männer, die auf ihren Fiedeln eine kreischende, flotte Melodie spielten. Dort war das Gedränge der Männer und das Lärmen am lautesten.

Neben einem Store, in dem alles mögliche, von Nägeln über Munition, Lebens- und Genussmitteln bis zu Kleidungsstücken feilgeboten wurde, hielt Ezekiel Calhoun an und ließ seinen Blick prüfend umherschweifen.

Ein Betrunkener taumelte auf ihn zu, hob eine halbvolle Brandyflasche grinsend in die Höhe und rief:

Hallo, Gent! Machen Sie kein so böses Gesicht. Hier wird gefeiert. Mister, feiern Sie mit! Well, wie wäre es mit einem Drink. Ich ...“

Der Mann stolperte, die Flasche klirrte zu Boden, und der Betrunkene setzte sich fluchend daneben in den Sand. Er kümmerte sich nicht mehr um den fremden Reiter.

Ezekiel runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. Es war ihm zu laut hier. Er war diesen Trubel nicht mehr gewohnt. Er und sein Pferd brauchten Ruhe nach dem langen, harten Ritt.

Er ritt langsam am Rand der kleinen Ortschaft zum Ufer des Pole Creek hin. Einige Weiden wuchsen dort und ließen ihre schlanken, tiefhängenden Zweige über das glänzende Wasser schleifen. In ihrem Schatten hielt Ezekiel Calhoun an, schwang sich aus dem Sattel und führte sein Pferd dicht ans Ufer, damit es den Durst stillen konnte.

Gleichzeitig hörte er Stimmen. Hinter einem nahen Cottonwood-Dickicht schienen sich Männer zu streiten. Er achtete anfangs nicht darauf. Die Stimmen wurden jedoch ständig lauter, schließlich konnte er jedes Wort verstehen.

Zwei Männer standen dort, die anscheinend nicht gehört hatten, dass er an das Bachufer gekommen war und sich ganz in der Nähe befand.

Ich sage Ihnen“, rief eben einer laut, „das ist einzig und allein meine Angelegenheit! Das geht Sie überhaupt nichts an! Sie halten am besten den Mund und verschwinden von hier!“

Hoh!“, antwortete der andere. „Ich bin nicht gewohnt, in dieser Tonart mit mir sprechen zu lassen. Ich kenne Sie gut genug, um zu wissen, dass an dieser Sache etwas faul ist, Stewart!“

Mich können Sie nicht beleidigen.“

Beleidigen?“, lachte der Mann heiser. „Ich spreche nur Tatsachen aus. Lassen Sie Ihr Messer stecken, Stewart, denn Sie werden nicht schnell genug sein!“

Nochmals Adams. verschwinden Sie!“

Zuerst möchte ich wissen, was diese Sache bedeuten soll. Eher gehe ich nicht! Ich habe von Ihnen noch nichts Gutes gehört. Und es sollte mich wundern ...“

Jetzt reicht es mir aber!", unterbrach Stewart mit einem wilden Wutschrei.

Gleich darauf war das dumpfe Geräusch eines Schlages zu hören. Füße trampelten wild auf dem Grasboden. Die beiden Männer waren aneinandergeraten und keuchten, verbissen kämpfend.

Ezekiel Calhoun warf mit einem Ruck seinem Pferd die Zügel über und eilte auf das Cottonwood-Dickicht zu, das ihm die Szene verbarg, die sich dahinter abspielle. Seine Hand ruhte auf dem scharfgebogenen Kolben seines tiefgeschnallten Colts. Er nahm sich nicht die Zeit, das Gebüsch zu umgehen, brach mitten durch das dichte, grün belaubte Zweigwerk und hatte dann die beiden Männer dicht vor sich.

Sie waren so in ihren wütenden Kampf verstrickt, das sie ihn noch immer nicht bemerkten. Etwas vornüber gebeugt blieb Ezekiel stehen und beobachtete. Seine Rechte lag noch immer auf dem glatten Kolben der schweren, langläufigen Waffe.

Einer der Kämpfenden war ein wuchtiger, hünenhafter Mann mit einem dichten, blonden Haarschopf. Die Tatsache. dass er keine fransenverzierte Lederkleidung trug, verriet, dass er nicht zu den Trappern gehörte, die sich in diesen Tagen in Cheyenne versammelt hatten. Der Kampfeseifer hatte sein breites Gesicht gerötet und leicht verzerrt. Er schien über gewaltige Kraft zu verfügen.

Diese Kraftüberlegenheit glich sein Gegner allerdings durch Schnelligkeit aus. Dieser Mann wirkte gegen den blonden Hünen beinahe wie ein Zwerg. Er war klein, aber breit und stämmig, bestimmt kein Schwächling. An seiner Kleidung war er auf den ersten Blick als Fallensteller zu erkennen Seine Biberfellmütze war zu Boden gefallen, so dass sein wirres, brandrotes Haar grell in der Sonne leuchtete. Ebenso wirres, brandrotes Haar umrahmte durch einen struppigen Bart sein ledern wirkendes Gesicht. Dieser Mann war Ezekiel Calhoun auf den ersten Blick sympathisch.

Eben duckte der kleine Fallensteller sich unter den vorschmetternden Fäusten des Hünen weg und rammte dem Gegner die Rechte dicht über dem Gürtel in den Leib. Der Große presste einen dumpfen Knurrlaut über die Lippen, ließ die Fäuste herabfallen und trat einen Schritt zurück.

Sein flinker Gegner zögerte keinen Sekundenbruchteil. Er setzte nach, holte zu einem weiteren, kräftigen Schlag aus und ließ abermals seine Rechte vorschnellen. Da zeigte sich, dass ihn der andere getäuscht hatte. Der Hieb in den Leib schien den Hünen keineswegs empfindlich getroffen zu haben, wie es anfangs ausgesehen hatte, denn er wehrte nun die heransausende Rechte des Trappers mit einer geschickten Bewegung ab. Mit voller Wucht warf er sich vorwärts, wodurch der Angreifer zurückgeworfen wurde. Er taumelte und versuchte mühsam, sich zu fangen.

Der Hüne sprang nach und ließ beide Fäuste, zu einem einzigen wuchtigen Klumpen zusammengeballt, mit voller Wucht niedersausen. Er traf nicht. Der Trapper ließ sich fallen, rollte zur Seite und wollte wieder hochschnellen.

Da wurde der Hüne brutal, stieß einen lästerlichen Fluch aus und trat mit dem Stiefel zu.

Der kleine Trapper stöhnte vor Schmerz und knickte zusammen. Der Mund in dem wirren, roten Bartgestrüpp wurde zu einem kleinen, schmalen Strich. Der Hüne lachte nur und ließ abermals den Fuß vorschnellen, streifte den ausweichenden Gegner jedoch nur am Oberschenkel und warf ihn zurück.

Adams taumelte und ging zu Boden, lag nun dicht am Ufer des Creeks. Ehe er hochkommen konnte, kniete der Hüne neben ihm. Eine seiner mächtigen Fäuste klammerte sich um die Kehle des kleinen Trappers und drückte ihn ins Gras nieder.

So. Adams, jetzt wirst du für deine Unverschämtheit bezahlen müssen!“, knirschte er.

Der Tonfall seiner rauen Stimme ließ auf Gnadenlosigkeit und grenzenlose Wut schließen. Der Mann schien entschlossen, sich nicht mit der einfachen Niederlage seines Gegners zufrieden zu geben Seine Linke fuhr unter die ärmellose, dunkle Stoffweste und kam mit einer blitzenden Messerklinge zum Vorschein.

Der kleine Fallensteller machte verzweifelte Anstrengungen, sich aus dem Würgegriff des Widersachers zu befreien. Er schaffte es nicht. Die scharfe Spitze des Bowiemessers schwebte über ihm zum Stoß erhoben. Stewart schien zu einem Mord entschlossen.

Halt!“, befahl Ezekiel Calhouns Stimme.

Er war nicht gewillt, tatenlos einem Mord zuzusehen. Eben noch war der Streit nichts weiter gewesen als ein Zweikampf, ein ungleicher Zweikampf allerdings. Ezekiel kannte nicht den Grund der Auseinandersetzung, und er hatte sich gehütet, sich in etwas einzumischen, was nur diese beiden Männer anging. Jetzt aber war es etwas anderes. Jetzt sollte ein Mann auf brutale Weise umgebracht werden. Und das war etwas, was Ezekiel Calhoun entschieden verhindern würde und ihn zum Eingreifen entschlossen machte.

Halt!“, rief er nochmals. „Oder ich schieße!“

Er hatte seinen Colt gezogen.

Der erhobene Arm mit der blitzenden Messerklinge sank langsam nach unten. Der eiserne Griff um die Kehle des fast bewusstlosen Trappers jedoch lockerte sich nicht. Fast zögernd wandte der Hüne den Kopf. Seine hellen Augen starrten Ezekiel grimmig und mit unterdrückter Wut an.

Halten Sie sich aus dieser Sache heraus, Fremder!“, knurrte er. „Verschwinden Sie und ...“

Mit einigen raschen Schritten stand Ezekiel Calhoun dicht vor Stewart. Die Mündung seines Colts zielte direkt auf dessen Schläfe.

Stehen Sie auf!“, befahl Ezekiel.

Der Blonde zögerte, knirschte mit den Zähnen und schaute hasserfüllt auf. Dann schien er die unbeugsame Entschlossenheit in den pulvergrauen Augen des fremden Mannes zu entdecken. Er löste seinen Würgegriff von der Kehle des Fallenstellers und erhob sich langsam und geduckt wie ein Bär. der zum Angriff übergehen will. Der Trapper richtete sich ächzend in eine sitzende Stellung auf, rang keuchend nach Luft und massierte mit beiden Händen seinen Hals.

Lassen Sie das Messer fallen und gehen Sie!“, befahl Ezekiel ruhig.

In diesem Augenblick riskierte es der Hüne. Er schien ein Mann zu sein, der keine Niederlage hinnehmen kann. Alles in ihm schien sich dagegen aufzubäumen, sich von diesem Fremden durch die Drohung mit dem Colt zurechtweisen zu lassen. Er riskierte einen Angriff, weil er glaubte, der Fremde sei darauf nicht im geringsten vorbereitet. Ezekiel Calhoun hatte jedoch das Aufblitzen in den Augen Stewarts beobachtet und war gewarnt.

Mit katzenhafter Geschmeidigkeit warf er sich zur Seite und ging dabei federnd in die Knie. Die blitzende Messerklinge sauste zwei Handbreit an ihm vorbei, während die Wucht des Stoßes den Werfer nach vorn riss. Für Ezekiel wäre es nun ein leichtes gewesen, einfach den Stecher seiner Waffe durchzuziehen.

Er tat es nicht. Er war nicht der Mann, dem der Tod eines anderen Mannes nichts bedeutete. Und er war auch nicht der Mann, der mit einem Colt gegen einen messerbewehrten Gegner ankämpft. Deshalb löste sich kein Schuss.

Der Hüne aber wirbelte mit einer Schnelligkeit herum, die man seiner schweren Gestalt nicht zugetraut hätte, ergriff das Messer, und wieder zuckte die in der Sonne blinkende breite Klinge auf Calhoun zu.

Der hatte inzwischen den Colt beim Lauf gefasst. Er wich nicht zurück und versuchte auch nicht dem heranzuckenden Messerstoß zu entgehen, sondern ließ lediglich den Kolben seines Colts mit einem kurzen, harten Ruck nach oben schnellen. Ein blitzschneller Hieb traf genau die messerbewehrte Faust.

Stewart stieß einen heiseren Schrei aus dem verzerrten Mund. Dicht vor Ezekiel schlug die flache Messerklinge in das zertretene Gras.

Der Hüne trat zwei Schritte zurück und presste seine gesunde Linke auf die getroffene rechte Faust. Schweißperlen glitzerten auf seiner Stirn. Sein breites Gesicht war gerötet, und seine hellen Augen starrten Ezekiel mit einer Mischung von Hass und Furcht an.

Gehen Sie jetzt endlich!“, sagte Ezekiel scharf.

Los, Stewart, hauen Sie ab!“

Das war die heisere Stimme des Trappers. Er war aufgestanden und neben Ezekiel getreten.

Der Hüne fluchte leise und mürrisch.

Hoffen Sie nur, dass wir nie mehr zusammentreffen!“, sagte er hassbebend zu Ezekiel Calhoun.

Doch dieser zuckte nur gleichmütig die Schultern und wich dem Blick des anderen nicht aus. Da wandte sich dieser mit einem jähen Ruck um und war gleich darauf hinter dem dichten Gestrüpp den Blicken der beiden anderen Männer entschwunden.


*


Mein Name ist Joe Adams!“, sagte der kleine Rothaarige und streckte Ezekiel die Hand entgegen. „Sie haben mir das Leben gerettet, Gent! Dafür werde ich Ihnen dankbar sein. Sie können jederzeit mit mir rechnen, nur wüsste ich gerne noch Ihren Namen.“

Die gerade Sprechweise des Fallenstellers gefiel Ezekiel. Er drückte die dargebotene Rechte und nannte seinen Namen. Dann fragte er:

Sind Sie etwa LittleJoe Adams?“

Yes, man nennt mich so. - und Sie können sich gewiss vorstellen, warum. Ich bin eben ein wenig kurz geraten - das ist es. Aber mich persönlich stört das nicht."

Also doch!“, rief Ezekiel Calhoun und atmete tief ein. „Dann bin ich also doch nicht vergeblich nach Cheyenne gekommen!“

In dem ledernen, bärtigen Gesicht des kleinen Trappers zeichnete sich Erstaunen ab.

Was soll das heißen. Calhoun?“

Well, Adams, das ist so!“, begann Ezekiel und schob bedächtig seinen Colt in die Halfter unter dem weitgeschnittenen Lederrock zurück. „Ich habe schon viel von Ihnen gehört. Sie sind einer der bekanntesten Fallensteller zwischen dem Missouri und dem Arkansas River. Und ich weiß auch, dass Sie jedes Jahr eine Gesellschaft von Trappern zusammenstellen und mit diesen Männern zur Jagd hinauf ins Felsengebirge ziehen. Ich bin nur deshalb nach Cheyenne gekommen. weil ich hoffte. Sie hier zu treffen.“

Und das ist Ihnen nun auch gelungen. nicht wahr?“, grinste Little Joe Adams trocken. „Nur waren die Umstände ein wenig unangenehm.“

Er machte eine Pause, schaute Ezekiel Calhoun forschend von der Seite an und redete dann weiter:

Calhoun, warum wollten Sie mich treffen? Wollen Sie sich etwa meiner Truppe anschließen?"

Well! Das möchte ich! Deshalb bin ich hier!“

Das Erstaunen im Gesicht des Trappers verstärkte sich. Er stieß einen dünnen Pfiff hervor. Dann sah er Ezekiel gerade und durchdringend an.

Calhoun! Sie können mir nicht vormachen. dass Sie der Jagd und des Fallenstellens wegen unterwegs sind. Sie sind kein Trapper, das erkenne ich auf den ersten Blick.“

Well, Sie haben gute Augen.“

Ich würde Sie eher für einer Cowboy halten“, sagte Adams nachdenklich.

Sie liegen nahe dran, Adams. Ich habe Verwandtschaft in Texas, in der Nähe des Rio Concho.“

Little Joe Adams legte die Stirn in Falten.

Calhoun! Hier im Wyoming-Territorium und auch weiter nördlich, in Montana, gibt es noch keine Ranches. Vielleicht kommt einmal die Zeit, da auch hier Rinderherden über die Prärien und durch die Täler ziehen. Jetzt aber ist das Land noch offen und gehört zum großen Teil den Rothäuten. Nur wir Trapper sind bis in diese Wildnis vorgedrungen. Was also wollen Sie in diesem Land?“

Ich möchte mich gern Ihrer Jagdgesellschaft anschließen, das ist alles!“

Ezekiel wandte ein wenig den Kopf zur Seite. Sein Gesichtsausdruck war ungewöhnlich ernst.

Natürlich können Sie den Wunsch abschlagen, Adams. Aber vielleicht tun Sie es doch nicht!“

Sie haben ein Geheimnis, Calhoun, nicht wahr?“, sagte Little Joe Adams leise. Seine Worte waren mehr eine Feststellung als eine Frage. Er wartete auf keine Antwort, sondern fuhr fort: „Well, ich will nicht in Ihre Privatangelegenheiten dringen. Obwohl mir die Sache höchst merkwürdig vorkommt. Sie haben mir das Leben gerettet, und ich bin Ihnen verpflichtet. Außerdem schätze ich Sie als einen ehrlichen, geraden, und auch mutigen Mann ein. Wir werden Sie brauchen können.“

Ich kann also mitkommen?“

Sicher. Aber ich weiß nicht, ob Sie es noch wollen, wenn Sie erfahren, wohin ich diesmal mit meinen Leuten ziehen will.“

Ezekiel sah ihn fragend an.

Wir wollen hinauf in die Big Horn Mountains!“

Ezekiel zog die Augenbrauen hoch.

Eine gefährliche Gegend, dass weiß ich Tiefstes Sioux-Gebiet. Well, ich komme trotzdem mit. Auf alle Fälle.“

Sie sind so rasch entschlossen, Calhoun. Ihr Grund muss wohl ein sehr dringender sein!“

Wieder traf Ezekiel ein forschender Seitenblick des kleinen Trapperführers.

Aber Ezekiel Calhoun schwieg und zuckte nur die Schultern.

Adams seufzte leise, hob seine Biberfellmütze auf, die ihm während des Kampfes herabgefallen war. und stülpte sie auf das wirre Rothaar.

Well, kommen Sie! Ich habe mich im Saloon einquartiert. Und dort wird auch noch ein Platz für Sie sein. Übrigens, wir brechen morgen auf!“

Ezekiel nickte nur zustimmend. Zusammen gingen sie zu der Stelle, wo Ezekiels Schwarzbrauner am Bachufer weidete.

Ezekiel Calhoun nahm sein Pferd am Zügel und wollte sich auf den Weg zu den Blockhäusern machen, von wo noch immer der Lärm des fröhlichen Treibens herüber schallte.

Little Joe Adams zögerte.

Calhoun“, sagte er, „ich hätte vorher die Sache mit Nat Stewart gern ins Reine gebracht.“

Wollen Sie den Kampf fortsetzen?“ Adams schüttelte den Kopf.

Ich bin kein Raufbold und würde auch vorhin nicht gekämpft haben, wenn Stewart nicht auf mich losgegangen wäre. Ich will nur Klarheit haben in dieser Sache.“

Well, bevor ich mitkomme, möchte ich wissen, wer dieser Nat Stewart eigentlich ist und um was es geht.“

Nat Stewart ist ein fahrender Händler. der von Ort zu Ort reist und auch in verschiedenen Indianercamps Geschäfte macht. Ich kenne ihn von früher her. Damals war er in eine ziemlich schmutzige Affäre verwickelt. Er schmuggelte Gewehre und Whisky in die Osagen Reservation in Oklahoma. Seit jener Zeit bin ich davon überzeugt, dass Nat Stewart ein ausgekochter Schuft ist.“

Seine heutige Mordwut hat auch bei mir diesen Eindruck hinterlassen!“ LittleJoe Adams nickte und seufzte. „Dann werden Sie mich sicher verstehen Calhoun! Well, Sie sollen es wissen, Stewart lagert eine halbe Meile von hier am Pole Creek. Er hat nur seinen Planwagen bei sich - und ein Girl!“

Ein Girl!“

Ezekiel zog zischend den Atem ein.

Das ist es ja eben!“

Adams ballte unwillkürlich die Fäuste. „Ein hübsches, junges Girl - vielleicht zweiundzwanzig Jahre, gut gekleidet. Scheint aus feinen Kreisen zu stammen und ist bestimmt nicht mit Nat Stewart verwandt.“

Ezekiel war wie versteinert.

Adams, jetzt begreife ich Sie!“

Well", redete der Trapper grimmig weiter. „Vorhin traf ich zufällig mit Stewart zusammen und verlangte Aufklärung von ihm. Was daraus wurde, das wissen Sie ja selber.“

Hat sich das Girl schon drüben in Cheyenne gezeigt?“

Nein! Stewart lässt seine Begleiterin nicht aus den Augen. Wie ich beobachten konnte, benimmt er sich ihr gegenüber höflich und korrekt. Aber trotzdem gefällt mir die Sache nicht.“

Sie vermuten, dass er sie entführt hat oder so etwas ähnliches?"

Little Joe Adams zuckte die Schultern.

Ich weiß nicht! Nur das eine ist mir klar. Nat Stewart ist ein Schuft. Und das gibt mir genug Anlass, einen Verdacht gegen ihn zu hegen.“

Well. Adams!“, sagte Ezekiel grimmig und entschlossen. „Worauf warten wir also noch? Gehen wir zu Stewart hinaus. Vielleicht können wir dann das Girl selber sprechen!“

Ein Ausdruck von Genugtuung huschte über das lederne Gesicht des kleinen Trappers.

Ich habe Sie also richtig eingeschätzt. Calhoun. Sie haben recht! Gehen wir!“


*


Zwischen dicken, alten Weidenstämmen und mannshohem Cottonwood Dickicht gingen sie am Ufer des Pole Creek entlang. Es dauerte nicht lange, bis sie den Planwagen Nat Stewarts vor sich auftauchen sahen. Es war ein großes, schwarzes Fahrzeug mit einem hochgewölbten, leicht verschmutzten Planendach, unter dem in Kisten, Fässern und Schachteln die Waren verstaut waren.

Neben dem Wagen war ein enger Seilkorral gespannt, in dem vier Maulesel grasten. Dicht am Bachufer brannte ein niedriges, rauchloses Feuer, an dem Stewart gerade beschäftigt war, einen eisernen Kessel über die Flammen zu hängen Nicht weit von ihm entfernt saß das Girl auf einem runden, glatten Stein und schaute in Gedanken versunken auf die silbern schimmernden Fluten.

Nat Stewart hörte die Schritte hinter sich und drehte den Kopf. Als er die beiden Näherkommenden sah, ließ er den Kessel fallen und sprang auf die Füße. Mit einer raschen Bewegung griff er zu einem Gewehr, das neben ihm im Gras lag und nahm es schussbereit in die Fäuste. Dann warf er einen schnellen Blick zu seiner Begleiterin hin und ließ die Waffe wieder sinken.

Das Girl hatte ebenfalls den Kopf gewandt. Die Lady war wirklich so iung, wie Adams gesagt hatte. Das helle, elegante Sommerkleid war zwar leicht verknittert, betonte aber noch immer ihre ebenmäßige, anmutige und schlanke Figur. Ihr Gesicht war schmal und hübsch. Die zarte Haut wies einen leichten Anflug von Bräune auf. Und ihre klaren, grau-grünen Augen hoben sich davon wie winzige, spiegelblanke Seen ab. Ihr langes, kastanienbraunes Haar trug sie im Nacken von einem roten Band zusammengehalten. Der Wind hatte eine Locke in ihre Stirn geweht, und diese strich sie nun zurück. Sie blickte den beiden näherkommenden Männern aufmerksam entgegen.

Ezekiel und Little Joe Adams blieben stehen, als Nat Stewart mit langen Schritten auf sie zukam.

Was wollt ihr hier?“, knurrte der Händler leise. „Verschwindet! Aber rasch! Wenn ihr Streit sucht, dann werde ich nicht zögern, meinen Finger am Abzugshebel krumm zu machen!“

Woran ich bestimmt nicht zweifle, Stewart“, erwiderte Adams grimmig.

Ezekiel Calhoun warf einen raschen Blick zu dem Girl hin. Und er begriff, dass Stewart nur deshalb so leise sprach, weil er nicht wollte, dass die Lady ihn verstand.

Nein. Mister Stewart!“, sagte Ezekiel jetzt laut, ohne auf die Drohung des hünenhaften Händlers einzugehen. „Wir kommen nicht zu Ihnen, sondern wollten nur kurz mit der jungen Lady sprechen. wenn Sie nichts dagegen haben.“

Er sagte dies mit betonter Höflichkeit, und er war sich sicher, dass das Girl jedes seiner Worte deutlich verstand.

Stewart zerknirschte einen Fluch.

Was soll das?“, knurrte er, und noch immer dämpfte er seine Stimme. „Was geht euch das Girl an? Ich soll die Kleine zu ihrem Vater nach Fort Stannock bringen - das ist alles!“

Nun, wir möchten das gerne von der Lady selber hören!“, erwiderte Ezekiel fest - und diesmal ebenso leise wie Stewart.

Die hellen Augen des Händlers funkelten ihn gehässig an. Der Hüne wollte heftig etwas erwidern. Aber er prellte gleich darauf die Lippen zusammen, als er rasche, leichte Schritte hinter sich hörte.

Sie wollen mit mir reden?“, fragte das Girl und trat leichtfüßig neben Stewart. In der hellen und melodischen Stimme schwang tiefes Erstaunen.

Little Joe Adams hustete verlegen und kratzte sich im dichten Gestrüpp seines roten Bartes. Er schielte Ezekiel erwartungsvoll an.

Dieser zog grüßend den Hut. Und Little Joe Adams holte dieses eigene Versäumnis mit überstürzter Eifrigkeit nach.

Guten Tag, Madam!“, sagte Ezekiel ruhig. „Mein Name ist Ezekiel Calhoun. Und dies hier ist Mister Joe Adams."

Ein kurzes, freundliches Lächeln lockerte die feingeschwungenen, roten Lippen des Girls.

Es freut mich, Sie kennenzulernen, Mister Calhoun! Mein Name ist Margery Grant."

Well, Madam“, begann Ezekiel zögernd. „Wir haben gehört, dass Sie unterwegs nach Fort Stannock sind. Mister Adams ist der Anführer einer Trappergesellschaft, die nach Norden unterwegs ist. Wir kommen ebenfalls an Fort Stannock vorbei. Und da Sie denselben Weg haben, darf ich vielleicht vorschlagen, dass Sie gemeinsam mit uns reisen können. Nicht wahr, Adams?“

Aber sicher! Sicher! Genau das möchten wir!“, bestätigte der Trapper eifrig. Und seinen Augen war anzusehen, wie froh er über Ezekiels List war, denn nun musste sich herausstellen, ob dieses Girl tatsächlich aus freiem Willen mit Nat Stewart unterwegs war.

Das Lächeln Margery Grants verstärkte sich. Ein leichter Ausdruck von Überraschung trat in ihre klaren, grau-grünen Augen.

Das ist sehr freundlich von Ihnen, Gents!“, sagte sie leise. „Ich danke Ihnen sehr für Ihr Angebot. Und ich möchte wirklich nicht, dass Sie es im negativen Sinn auffassen, wenn ich Ihren Vorschlag ablehne.“

Ezekiel Calhoun war in harten Männerangelegenheiten immer kühl und besonnen. Aber in dieser Situation konnte er es nicht vermeiden, dass ein heißes Kribbeln über seinen Rücken lief. Und gleichzeitig spürte er, dass es ihm Mühe kostete, seinen Blick von den Augen der jungen Lady loszureißen.

Well, Miss Grant“, sagt er etwas rau, „wir hatten uns gedacht, es würde für Sie sicherer sein, in größerer Gesellschaft zu reisen. Der Weg nach Fort Stannock führt über unbesiedelte, unwirtliche Prärie. Und die Rothäute ...“

Wirklich, Mister Calhoun“, unterbrach ihn Margery Grant freundlich, „es tut mir leid, dass Ihr Bemühen vergeblich ist. Sie brauchen sich tatsächlich keine Sorge um mich machen. Ich bin mit Mister Stewart bereits von Denver aus unterwegs, und alles ist gut gegangen. Mister Stewart ist ein Freund der Indianer. Er hat ja geschäftlich viel mit ihnen zu tun. Und ich kann mich ganz auf ihn verlassen.“

Nat Stewart schnitt eine höhnische Grimasse zu Ezekiel und Adams hin, als er die Ablehnung hörte.

Ezekiel Calhoun schluckte. Da ergriff LittleJoe Adams das Wort.

Miss Grant, ist Ihr Vater etwa Colonel Grant von Fort Stannock!“

Die Miene des Mädchens hellte sich auf.

Yes, das ist er! Kennen Sie ihn?“

Und ob!“ Adams lachte breit. „Und es freut mich sehr, seine Tochter kennenzulernen.“

Sind Sie ein Freund von ihm?“, erkundigte sich die Miss gespannt. LittleJoe Adams nickte.

Das kann man fast sagen. Jedenfalls habe ich ihm einmal das Leben gerettet, als er mitten in eine Horde aufrührerischer Cheyenne-Krieger geriet.“

Oh!“, flüsterte Margery. Dann wandte sie sich an Nat Stewart, dessen Miene sich verfinstert hatte. „Vielleicht sollten wir uns doch diesen Männern anschließen, Mister Stewart?“

Der Händler widersprach rau und zeigte eine finstere Miene.

Ich bin nicht dafür, Miss Grant! Ich bin lieber allein auf der Prärie unterwegs. Wie Sie sagten, sind die meisten Indianer meine Freunde. Well, ich möchte diese Freundschaft nicht dadurch einbüßen, dass ich mit fremden weißen Männern durch Indianerland ziehe.“

Mit einem bedauernden Schulterzucken drehte sich Margery Grant wieder Ezekiel und Adams zu.

Sie hören es, Gents! Wirklich, es tut mir leid, und ich danke Ihnen nochmals für Ihre Freundlichkeit!“

Sie reichte den beiden die Hand und ging dann zum Planwagen zurück.

Die finstere Miene des Händlers hatte sich in ein breites Grinsen gelöst. Er schaute dem Trapper und dessen Lebensretter triumphierend und voller Genugtuung an.

Da habt ihr es also gehört. Eure Schnüffelei war vergeblich. Und jetzt macht euch aus dem Staub, ehe ich mich daran erinnere, was vorhin am Creek vorgefallen ist.“

Er ruckte drohend sein Gewehr hoch.

Little Joe Adams presste die Lippen zusammen. Sein Blick traf sich mit dem von Ezekiel Calhoun.

Dann wandten sich beide wortlos um und gingen davon, ohne noch einmal einen Blick auf Nat Stewart zurückzuwerfen. der breitbeinig dastand und ihnen höhnisch nachsah.

Wir haben uns getäuscht!", sagte Ezekiel missmutig.

Little Joe Adams wiegte den Kopf hin und her.

Ich weiß nicht recht. Calhoun, diesem Stewart traue ich nicht über den Weg! Das Girl hat trotz allem einen Fehler gemacht, mit ihm zu reisen. Gewiss, alles scheint in Ordnung zu sein. Aber dieser Stewart steckt immer voller Teufeleien. Und ich befürchte, dass er auch diesmal eine im Schilde führt.“

Ezekiel Calhoun dachte an die Augen Margery Grants, in die er vorhin geschaut hatte, und es griff wie mit kalten, eisernen Zangen nach seinem Herzen, als er die Befürchtungen des Trapperführers hörte.

Schweigend legten sie die letzte Wegstrecke bis zu den niedrigen Blockhäusern von Cheyenne zurück.



2. Kapitel



Der Morgennebel wehte in dichten Schwaden über dem Wasser des Pole Creek. Die Weidenbäume und Cottonwoods wirkten darin wie dunkle, gespensterhafte Schemen. Eine empfindliche Kühle lag über der weiten Senke, in deren Mitte sich die Blockhütten von Cheyenne erhoben.

Vor dem Saloon scharrten mehrere gesattelte Pferde ungeduldig mit den Hufen. Schweigende Männer standen einzeln oder in kleinen Gruppen beisammen. Jeder von ihnen war in abgewetztes Hirschleder gekleidet, dessen Nähte mit langen Fransen verziert waren.

Ein einzelner Reiter kam hinter dem Saloongebäude hervor. Hinter seinem Pferd war eine lange Reihe von beladenen Packpferden angebunden. Neben den Männern vor dem langgestreckten Saloon hielt der Reiter an.

Es war Little Joe Adams.

Seid ihr soweit?“

Einer der Trapper trat vor.

Der Neue ist noch nicht da, von dem du gesprochen hast!“

Adams ließ seinen Blick prüfend in die Runde schweifen.

Wo sind die beiden Hushtons?“

Steve hat gestern zuviel getrunken“, antwortete der Trapper „Jesse ist eben dabei, ihn herauszuholen.“

Well, ihr könnt einstweilen aufsitzen!“, ordnete Little Joe Adams ohne jeden Befehlston an. Er war der erfahrenste Mann unter diesen rauen, wettergegerbten Gestalten. Und jeder fand es nur natürlich, dass er der Anführer war. Keinem von ihnen fiel es ein, sich seinen Anordnungen und Entscheidungen zu widersetzen. Und das bedeutete etwas bei diesen rauen Männern. Wortlos schwangen sich die Fallensteller auf ihre Pferde. Es waren durchweg struppige Tiere, denen die Zähigkeit und Ausdauer anzusehen war.

Hufschläge schnitten durch die Stille des frühen Morgens. Aus den Nebeln löste sich eine große, breitschultrige Reitergestalt und hielt direkt auf den Saloon zu. Der Mann kam vom Ufer des Pole Creek her. Little Joe Adams hatte sich im Sattel vorgebeugt. Seine Fäuste umkrampften den Schaft der alten Rifle vor sich im Sattel. Dann entspannte sich schlagartig seine Haltung. Sein kleiner, kräftiger Körper richtete sich auf.

Hallo, Calhoun! Da sind sie ja endlich!“

Ezekiel Calhoun brachte neben ihm seinen Schwarzbraunen zum Stehen. Sein scharf geschnittenes Gesicht wies einen ungewöhnlichen Ernst auf. Little Joe Adams blickte ihn forschend an, stellte keine Frage, da die Augen aller übrigen Männer auf Calhoun gerichtet waren.

Boys“, rief er, „das ist unser Neuer. Ezekiel Calhoun hat mir gestern in einem Streit das Leben gerettet, und er wird mit uns hinauf in die Big Horn Mountains ziehen.“

Und nun lernte Ezekiel Calhoun der Reihe nach die Männer kennen, mit denen er die nächsten Monate verbringen sollte.

Harvey Milligan war ein stämmiger, dunkelhäutiger Mann mit einem pechschwarzen Schnurrbart unter der scharfgekrümmten Nase.

Tim O'Rally dagegen war groß und hager. Sein Gesicht wirkte knochig und ein wenig eingefallen. Er trug eine indianische Tabakspfeife an einer dünnen Lederschnur um den Hals, und das zerbissene Mundstück deutete darauf hin, dass O’Rally ein leidenschaftlicher Pfeifenraucher war.

Der nächste, Hiob Grann, war zweifellos der älteste in der Trapper-Gruppe. Er,war nicht größer als Little Joe Adams, jedoch nicht so breit und kräftig. Obwohl er unscheinbar und schmächtig wirkte, musste er zäh und hart sein. Seit seiner Jugend hielt er sich bereits westlich des Missouri auf. Auffallend an ihm war sein dichter, silbergrauer Vollbart, der bis auf seine Brust hinabreichte.

Außer diesen drei Männern und Adams gehörten zu dem Trupp noch die beiden Hushton-Brüder. Sie kamen eben aus dem Saloon, als Adams die Vorstellung der anderen Trapper auf knappe Art beendet hatte.

Jesse Hushton, der ältere der beiden, war groß und sehnig. Sein scharfgeschnittenes Gesicht verriet Kühnheit und Härte. Sein Bruder Steve war etwas kleiner. Er wankte leicht und stützte sich auf die Schulter seines Bruders.

Er hat gestern zuviel getrunken!“, sagte Jesse halbwegs entschuldigend. „Aber das Reiten wird ihn wieder frisch machen.“

Little Joe Adams schaute den jungen Hushton zweifelnd an. Dann wandte er sich an Jesse.

Jesse, ich nehme ihn nur mit, weil ich dich kenne. In nächster Zeit können wir keinen betrunkenen Mann brauchen, tust also gut daran, auf ihn zu achten.“

Ich weiß, Little Joe!“, sagte Jesse leise. Dann half er seinem noch immer schwankenden Bruder aufs Pferd.

Nun saßen alle sieben Männer in den Sätteln.

Die Packpferde schnaubten leise. Sattelleder knarrte.

Jesse Hushton sprach leise auf seinen jungen Bruder ein, der sich krampfhaft an das Sattelhorn klammerte.

Well, dann sind wir also soweit!“, stellte Adams laut fest. Sein Blick überflog noch einmal die Reihe der Männer, mit denen er hinauf in die wilde Einsamkeit der Big Horn Mountains ziehen wollte.

An einer der gegenüberliegenden Blockhütten wurde ein Fensterladen aufgestoßen. Ein schlaftrunkenes, bärtiges Gesicht wurde sichtbar

Ho, Freunde! Schon so früh auf den Beinen!", rief der Mann. „Geht es bei euch schon los?“

Yes!“, rief Little Joe Adams. „Wir brechen jetzt auf. Jeb! Hast du keine Lust, dich uns anzuschließen? Ich könnte noch ein paar raue Burschen in meiner Gesellschaft brauchen.“

Der Mann lachte.

Danke, Joe! Erstens möchte ich es mir hier noch ein paar Tage bequem machen, und zweitens halte ich nicht viel von eurem Ziel. Hab schon einmal böse Bekanntschaft mit den Sioux gemacht. Ich zieh lieber nach Colorado hinab. Die Ute-Indianer sind weniger schlimm!“

Na, dann eben nicht, Jeb! Well, so long, Fellow! Wir reiten jetzt! Ich sehe dich doch nächstes Jahr um die gleiche Zeit hier wieder?"

Das hängt ganz davon ab. ob du dann noch deinen Skalp unter deiner Biberfellmütze trägst, Little Joe!“, lachte der Mann und lehnte sich weit aus dem Fenster.

Little Joe Adams hatte sich an die Spitze der Reiter gesetzt. Ezekiel Calhoun hielt sich eine halbe Pferdelänge hinter ihm. Dann kamen nacheinder die übrigen Trapper.

Also los. Männer!“, rief Adams und hob den Arm.

Die kleine Kavalkade ritt an. Laut stampften die Hufe auf dem Sandboden zwischen den Blockhäusern. Dünner Staub wirbelte auf.

Viel Glück. Fellows!“, rief der bärtige Fallensteller aus dem Fenster. „Macht es gut. und kommt mit heiler Haut wieder zurück!“

Das war der Abschied der Trapper von der Zivilisation, wenn man diesen Ausdruck für Cheyenne überhaupt schon gebrauchen konnte.

Little Joe Adams winkte einmal kurz zurück, dann tauchte er bereits in dem grauen Nebel unter, der vom Pole Creek heranwehte.

Einer nach dem anderen verschwand in der trüben, milchigen Masse.

Der bärtige Mann blickte ihnen nach, bis sie verschwunden waren. Dann brummte er irgend etwas Undeutliches vor sich hin, zog den Kopf zurück und schloss mit einem knallenden Ruck wieder den dicken Eichenladen.

Die Hufschläge verschwanden in der Ferne.

Und wieder lag tiefe Stille über dem noch schlafenden Ort.


*


Die Trapper hatten den Rand der Senke erreicht. Der Nebel des Pole Creek blieb hinter ihnen zurück. Vor ihnen lag die weite Prärie in sanften Wellen hingebreitet. Ein fahler Lichtschimmer kroch von Osten her über das weite, stille Land. Dumpf klopften die Pferdehufe auf dem endlosen Büffelgrasteppich. Die Männer ritten ohne Eile. Ein weiter Weg lag vor ihnen, und sie waren allesamt erfahren genug, um ihre Pferde nicht gleich zu sehr anzustrengen.

Little Joe Adams wandte dem neuen Partner sein ledernes Gesicht zu.

Calhoun! Als wir losritten, kamen Sie vom Pole Creek her. Und ihr Gesicht sah aus. als ob Sie dem leibhaftigen Satan begegnet wären. Was war los?“

Ich war bei Nat Stewarts Camp!“, antwortete Ezekiel knapp.

Ich dachte es mir! Das Girl geht Ihnen wohl nicht aus dem Sinn?“

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738912913
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (September)
Schlagworte
angelo country grases
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Titel: San Angelo Country #53: Im Tal des flüsternden Grases