Lade Inhalt...

Eine Frau kennt kein Erbarmen

2017 120 Seiten

Leseprobe

Eine Frau kennt kein Erbarmen


Horst Friedrichs


Roman aus dem amerikanischen Western




IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E‑Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Titelbild: Nach einem Motiv von William Herbert Dunton, 2017

Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




Klappentext:


Schon als Kind lernte sie reiten und hat bereits damals wie ein Mann geflucht. Auch den Geschmack des Whiskys schätzt sie sehr. Die, denen sie bekannt ist bewundern oder fürchten sie. In der Wildnis bewegte sie sich lautlos, wie ein unsichtbarer Schatten …

Mit schwer beladenem Planwagen ist William Lawlor, zusammen mit seiner Frau, seinen zwei Söhnen sowie den beiden Töchtern, nach enttäuschender Goldsuche auf dem Weg zurück zu ihrer kleinen Farm. Ihr Weg führt sie quer durch Sioux-Land. Doch es sind nicht nur die kriegerischen Sioux, die hier ihr Unwesen treiben auch Ausgestoßene, Outlaws, ziehen umher und überfallen jeden, der es wagt, allein durchs Land zu ziehen.

Als William oben, am Rand der Hochebene einen Reiter bemerkte, sagte er seiner Familie zunächst nichts. Doch es kommt die Zeit, als er das drohende Unheil nicht mehr ignorieren kann …

Wird er es schaffen, den Wagen rechtzeitig in den Schutz der Bäume zu führen, oder hat hier, mitten in der Wildnis, ihre letzte Stunde geschlagen? Die Zeit drängt, denn der Weg zum schützenden Wald ist noch weit.



Roman


Langsam aber stetig bewältigte das Ochsengespann die Steigung. Von Zeit zu Zeit ließ der untersetzte Mann auf dem Bock die schwere Kutscherpeitsche knallen. Er hatte es sich so schön ausgemalt. Noch bei Tageslicht hätten sie durch das bewaldete Bergland dort oben die Hochebene erreicht. Anschließend wären sie etwas besser vorangekommen und hätten bis zum Einbruch der Dunkelheit noch ein paar Meilen zurücklegen können.

Und nun? Was sollte er tun?

Umkehren war nicht möglich. Die enge Passstraße ließ das nicht zu. Erst auf der Ebene würden sie eine Möglichkeit finden, das riesige Gespann zu wenden. Doch auch das wäre keine Lösung gewesen. Mit einem von Ochsen gezogenen Planwagen, zumal im unwegsamen Bergland, konnten sie weder vor Outlaws noch vor marodierenden Indianern fliehen.

Es gab überhaupt keinen Ausweg. Auch Anhalten und sich auf die Verteidigung einrichten, würde die Lage nicht nennenswert verbessern. Die finsteren Gestalten, die sich womöglich längst anpirschten, hatten einen klaren Geländevorteil. Vielleicht machten sie es sich einfach, indem sie dort oben am Rand des Plateaus lauerten und im Hinterhalt auf ihre sichere Beute warteten.

Ihnen zuzurufen, dass sie kaum Geld und nur gebrauchten Hausrat erbeuten würden, nutzte sicherlich auch nichts. Sie würden es einfach nicht glauben. Und vielleicht waren sie auch auf etwas ganz anderes aus. William Lawlor zwang sich, nicht daran zu denken, denn es war das Schlimmste, was er sich vorstellen konnte.

Bitterkeit erfasste ihn. Er hatte nie etwas anderes gewollt, als für seine Familie zu sorgen und sie zu beschützen so gut er konnte. Und nun wurde er womöglich vor die schwerste Probe seines Lebens gestellt. Sie befanden sich auf dem Weg durch ein gesetzloses Land. Dakota war noch kein Staat, nur ein Territorium. Die Army sorgte für Ordnung, so gut es ging. Doch nach Custers Niederlage am Little Bighorn River hatten die Sioux und ihre Verbündeten die Oberhand gewonnen und kontrollierten einen großen Teil des Landes.

Dieser Reiter dort oben war mittlerweile nicht mehr zu sehen. Vielleicht hatte er nicht einmal etwas Böses im Sinn. Doch das war eher unwahrscheinlich. Es wimmelte in der Gegend von Gesetzlosen, die ihren Lebensunterhalt dadurch bestritten, dass sie anständigen Menschen ihr in harter Arbeit erworbenes Hab und Gut abnahmen.

William Lawlor machte sich nichts vor. Er führte seine Familie auf eine gefährliche Reise. Er hatte ihnen vorher geschildert was passieren konnte, und doch hatten sie gemeinsam beschlossen, sich auf den Weg zu machen. Weil es von allen schlechten Lösungen noch die beste war.

Nellie, seine Frau, saß neben ihm auf dem Kutschbock und ließ ihr Gesicht von der noch warmen Brise des frühen Herbstes umspielen. Ihre Augen spiegelten Entschlossenheit und Zuversicht – und die Vorfreude darauf, bald wieder zu Hause zu sein.

William Lawlor hatte das Gefühl, dass eine unsichtbare Faust ihm die Kehle zuschnürte. Was für ein übler Bursche war er nur, dass er ihr seine düsteren Vorahnungen verschwieg? Wie brachte er es nur fertig, sie in dieser naiven Freude verweilen zu lassen, obwohl vielleicht schon in Minuten die grausame Wirklichkeit mit Tod und Verderben über sie hereinbrechen würde.

Nellie hatte immer zu ihm gehalten, auch in den schlechten Zeiten. Sie hatte nicht nur genauso hart gearbeitet wie er selbst, sie war ihm auch stets eine verlässliche Partnerin gewesen. Nie hatte sie sich beklagt, wie es so viele andere Frauen taten. Nie hatte sie ihm durch Vorwürfe und Kritik das Leben schwer gemacht. Vielmehr hatte sie ihn in seinem Handeln bestärkt, und wenn ihn einmal der Mut verlassen hatte, war sie es gewesen, die ihn wieder aufgerichtet hatte.

Auch in Deadwood, das sie nun hinter sich ließen, war es so gewesen. Ihre gesamten Ersparnisse hatten sie für den Claim ausgegeben, in der Hoffnung, genug Gold zu finden, um sich eine neue und mehr Erfolg versprechende Existenz aufzubauen. Eine größere und besser ausgestattete Farm in Minnesota war ihr Traumziel. Von dort waren sie gekommen und dorthin wollten sie nun zurück.

Doch sie kehrten als Verlierer zurück.

Ihr Zuhause würde abermals jene alte kleine Farm werden, die ihnen früher mehr schlecht als recht das Überleben gewährt hatte. Nun aber würden sie wieder ganz von vorne anfangen müssen.

Der Claim in Deadwood hatte nur ein paar erbärmliche Nuggets und wenige Unzen Goldstaub abgeworfen. Der Erlös hatte gerade einmal gereicht, um die Kosten für ihren Aufenthalt im Camp der Prospektoren begleichen zu können. Sie hatten all die Monate im Zelt gelebt und hatten sich nur das Allernotwendigste geleistet. Für die Kinder war es eine entbehrungsreiche und freudlose Zeit gewesen.

Williams Söhne, der fünfzehnjährige Sean und der sechzehnjährige Patrick, hatten ihm jeden Tag von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang beim Goldwaschen geholfen. Freie Zeit hatten sie nicht gewollt; sie hatten ihrem Vater nur helfen wollen. Und am Schluss hatte er sie so furchtbar enttäuschen müssen.

Nicht weniger Mitleid empfand William für seine beiden Töchter. Nora war bereits siebzehn Jahre alt, doch sie hatte noch nichts von den Vergnügungen und Annehmlichkeiten des Lebens kennengelernt. Sie half ihrer Mutter von früh bis spät im Haushalt, ohne Rücksicht auf sich selbst. Und Maureen, mit zwölf Jahren das Nesthäkchen, eiferte ihrer großen Schwester nach und wollte ihrer Mutter die gleiche wertvolle Hilfe sein.

Das Gefühl, versagt zu haben, war für William das Allerschlimmste – nicht einmal um seinetwegen. Die fünf Menschen in seiner Obhut mussten von ihm bitter enttäuscht sein. Er hatte schlicht und einfach nicht das geleistet, worauf sie ein Recht hatten.

Ob man ihn mit dem Claim betrogen hatte oder nicht, es würde sich niemals aufklären lassen, und es änderte auch nichts. Er hatte das Risiko gekannt, als er im letzten Jahr mit seiner Familie hergekommen war, angelockt von der Kunde des Goldrauschs, den kein Geringerer als General George Armstrong Custer und seine Männer ausgelöst hatten.

Deren Tod auf dem Schlachtfeld lag nun schon ein Jahr zurück, doch der Fund, den sie zuvor hier in den Black Hills von Dakota gemacht hatten, war von unverminderter Bedeutung. Das Gold, das die Soldaten der 7th U.S. Cavalry zufällig entdeckt hatten, lockte nach wie vor Menschen aus allen Teilen des Landes an.

Viele fanden ihr Glück in Deadwood, doch es gab auch etliche, die – wie die Lawlors – am Ort der himmelsstürmenden Hoffnungen den Absturz in bodenlose Enttäuschungen erlebten.

Langsam und doch unaufhaltsam näherte sich der Planwagen dem Pass und seinen von dunklem Wald gesäumten Hängen. Solche Wälder waren es, die den Black Hills ihren Namen gegeben hatten.

William Lawlor schalt sich einen Narren, dass er angesichts größter Gefahr versuchte, sich mit unwichtigen Gedanken abzulenken. Sie fuhren sehenden Auges in ihr Verderben. Das konnte er seinen Schutzbefohlenen nicht länger verheimlichen. Denn sie würden um ihr Leben kämpfen müssen – wenn sich seine Befürchtungen bewahrheiteten.

Nellie“, sagte er halblaut, damit Sean und Patrick es nicht gleich hörten.

Die beiden lagen bäuchlings hinter ihnen, links und rechts vom Kutschbock und spähten erwartungsvoll auf das, was sie beiderseits des Ochsengespanns von der Landschaft sehen konnten. Auf Säcken und Kisten hatten es sich die Jungen einigermaßen gemütlich gemacht.

Ja?“, erwiderte Nellie und sah ihren Mann mit einem warmherzigen Lächeln an. „Es wird alles gut werden, mach dir keine Sorgen mehr. Wir haben noch genügend Kraft, um unser Leben in die richtigen Bahnen zu lenken.“

Das ist es nicht“, erwiderte William bedrückt. „Ich habe einen Reiter gesehen. Da oben. Sieh nicht hin.“

Nellie wusste sofort, was er meinte.

Es muss ja nicht gleich das Schlimmste bedeuten“, sagte sie trotzdem. Sie beschirmte die Augen mit der Hand und spähte zum Pass hinauf. „Ich kann jedenfalls nichts sehen. Vielleicht hat jemand nur sein Pferd im Wald angeleint, um eine Rast zu machen.“

William sah sie an und nickte. „Wünschen wir uns, dass es sich so verhält. Aber für den Fall, dass unser Wunsch sich nicht erfüllt, sollten wir Waffen und Munition bereithalten.“

Du hast recht“, antwortete Nellie. Glück und Zuversicht in ihrer Miene waren tiefem Ernst gewichen.

Sie wandte sich zu ihren Söhnen um. Die Mädchen waren nicht zu sehen. In der Mitte des Wagens waren der Schrank, Kommoden und Truhen bis hoch unter die Plane aufgestapelt und mit Stricken verzurrt. Davor und dahinter hatten die Lawlors die kleineren Teile ihrer Habseligkeiten verstaut.

Nora und Maureen hatten es sich am Heck des Wagens wohnlich gemacht, indem sie Decken und Strohsäcke zwischen den Transportkisten zu passablen Sitzgelegenheiten zurechtgestopft hatten. Sie hatten die Abfahrt kaum abwarten können. Aufgeregt und mit glühenden Gesichtern hatten sie ihre Plätze eingenommen, und seit der Wagen endlich angerollt war, waren die beiden nur noch guter Dinge. Von Zeit zu Zeit stimmte Nora ein Lied an; und wenn Maureen und auch ihre Mutter mitzusingen begannen, waren bald auch die Brummbässe der Männer zu hören. Patrick und Sean hatten den Stimmbruch beide schon hinter sich. Es war das letzte äußere Zeichen, das sie – für jeden hörbar – zu Männern gemacht hatte.

Was ist, Mom?“, fragte Patrick, nachdem ihre Mutter ihn und Sean eine Weile schweigend angesehen hatte.

Was hast du?“, erkundigte sich auch sein Bruder.

Beide Jungen wussten, wie ihre Mutter aussah, wenn sie sich Sorgen machte. Vor der Zukunft wollte sie keine Angst mehr haben, hatte sie gesagt. Das konnte also nicht der Grund für ihre ernste Miene sein, zumal die Sonne schien und es ein milder Tag war.

Dad befürchtet einen Überfall“, erklärte Nellie Lawlor halblaut, weil sie wusste, dass ihre Söhne – wie ihr Vater – weitschweifige Erklärungen nicht schätzten. Sie hatten gelernt zuzupacken. Auch das Schießen hatte ihr Dad ihnen beigebracht, wenn sie außerhalb des Camps auf die Jagd gegangen waren, um den Speiseplan zu bereichern.

Patrick und Sean stellten keine weiteren Fragen. Wortlos öffneten sie die mit Ölpapier ausgeschlagene Kiste, in der drei Repetiergewehre, eine Schrotflinte und drei Revolver untergebracht waren. Ohne auch nur eine Sekunde zu verschwenden, machten sich die Jungen daran, die Röhrenmagazine der Winchester-Gewehre zu laden. Es folgten die beiden Patronenkammern des Doppellaufs der Flinte, dann die Trommelkammern der Revolver. Patrick und Sean arbeiteten zielstrebig und genau; nicht eine Spur von Angst war ihnen anzumerken. Gefahren gehörten zum Leben im Westen wie Arbeiten, Essen und Schlafen.


*


Ist das nicht toll?“, sagte Maureen. Sie hatte die Hände hinter dem Nacken verschränkt und blickte über die Ladeklappe hinweg. Hinter ihnen wand sich die raue Straße in Serpentinen durch das Bergvorland bis hinunter nach Deadwood. Die Häuser und Zelte dort waren nun schon klein und unbedeutend geworden. Der Rauch der Herdfeuer bildete eine dichte graue Wolke über dem Camp, das in einem engen Tal gebaut worden war.

Du meinst den Ausblick?“, fragte Nora.

Beide Mädchen hatten langes blondes Haar, das ihnen bis auf die Schultern reichte. Während Nora schon das Äußere einer jungen, erwachsenen Frau hatte, war Maureen noch überaus kindlich. Die Gesichtszüge der Mädchen ähnelten denen ihres Vaters ebenso wie das blonde Haar, das sie von ihm geerbt hatten. Ihre Brüder dagegen waren so dunkelhaarig wie ihre Mutter.

Ja“, antwortete Maureen auf die Frage ihrer großen Schwester. „Weißt du, ich finde es viel schöner, das zu sehen, wovon man wegfährt.“

Weil man sich freut, dass man nicht wieder herkommen muss?“ Nora schmunzelte auf ihrem Platz an der rechten Wagenseite. Zwischen sich hatten die Schwestern eine Kiste, über die sie eben hinwegblicken konnten.

Ja, so ist es“, rief Maureen. Mit einer Kopfbewegung, die ihr Haar emporwehen ließ, deutete sie zum Kutschbock. „Da vorne sieht man doch dauernd nur Berge und Wälder. Wie langweilig!“

Bald wird es für uns auch nicht anders sein“, wandte Nora ein. „Warte nur ab. Wenn wir die ersten Berge hinter uns haben, sehen wir nichts mehr von Deadwood. Und dann haben wir es genauso langweilig wie Mom und Dad und Sean und Patrick.“

Nur du nicht“, widersprach Maureen. Ihre Augen funkelten spitzbübisch, während sie sich die Hand vor den Mund hielt und kicherte. „Du kannst dich auf Timmy freuen.“

Timmy?“ Nora errötete und tat, als wüsste sie nicht, wovon ihre kleine Schwester redete.

Timothy O’Donovan“, erklärte Maureen. „Dein Geliebter. Meinst du, dass er dir treu geblieben ist? Geschworen hat er’s dir jedenfalls. Hast du gesagt!“

Das stimmt auch“, trumpfte Nora auf. „Er wollte auf mich warten bis ans Ende der Zeit.“

Wann ist denn das?“, fragte Maureen und sah ihre Schwester mit großen Augen an. „Wenn die Uhren stehen bleiben?“

Mach dich ruhig über mich lustig“, sagte Nora. „Du bist ja nur neidisch, weil du noch zu klein bist, um einen Freund zu haben. Wenn ich Timmy wiedersehe, erzähle ich dir jedenfalls nicht, wie es war.“

Auch nicht, wie ihr euch geküsst habt?“, fragte Maureen enttäuscht.

Das ist gemein. Ich weiß wirklich nicht, was es bedeuten soll, das Ende der Welt.“

Es ist eine Redewendung“, erklärte Nora. „Es bedeutet so viel wie ‚ewig‘.“

Aber wir leben doch gar nicht ewig.“

Nora tippte sich an die Stirn. „Sag mal, kapierst du überhaupt nichts? Hast du keine Ahnung, was Romantik ist?“

Nein“, antwortete Maureen und wollte ihre Schwester bitten, es ihr zu erklären.

Doch Nora kam nicht mehr dazu.

Ein furchtbarer Schlag hinderte sie daran. Es war ein Schmettern, das den Mädchen durch Mark und Bein ging. Es traf die Seitenwand des Planwagens wie ein riesiger Vorschlaghammer. Gleichzeitig war das Krachen des Schusses aus unmittelbarer Nähe zu hören.

Die Mädchen schrien, duckten sich.

Doch ihre Stimmen gingen in dem Inferno unter, das nun einsetzte. Kugeln prasselten auf den Wagen und das Gespann ein. Die Schüsse schienen von allen Seiten zu kommen, aus dem Wald, und sie rollten wie Donner herüber, der sich über dem Planwagen der Lawlors zusammenballte.

Jemand schrie vorne im Wagen. Maureen erkannte die Stimme ihrer Mutter, und ohne dass sie es selbst beeinflussen konnte, schrie auch sie schrill auf. Vor Angst war sie wie von Sinnen. Sie warf sich herum auf den Decken und Strohsäcken und wollte die unüberwindliche Barriere in der Mitte des Wagens erklimmen. Sie schrie und schrie, und es beseelte sie nur noch der Wille, zu ihrer Mutter zu gelangen.

Verzweifelt keuchend rutschte Maureen von der glatten Holzfläche des Schranks und der Kommode ab. Als sie Luft holen musste, vernahm sie von vorn im Wagen nun auch die Stimmen ihres Vaters und ihrer Brüder. Dad gab Patrick und Sean Anweisungen. Gleich darauf krachten ihre Gewehre. Die Schüsse waren so nah und so laut, dass Maureen die Ohren wehtaten.

Sie spürte, dass Dad und ihre Brüder keine Chance hatten. Das wilde Feuer der Angreifer schien sich durch nichts beeinträchtigen zu lassen. Aus dem Kugelhagel, mit dem sie den Planwagen eindeckten, klang unbändige Wut. Diese grausamen Menschen würden durch nichts aufzuhalten sein. Das ahnte Maureen, obwohl sie es sich nicht erklären konnte, weshalb jemand so böse sein konnte.

Ihre Schreie gingen im Lärm der Schüsse unter. Wilde Angriffsschreie gellten jetzt aus dem Wald. Abermals versuchte Maureen, nach vorne zu gelangen. Unvermittelt durchfuhr sie ein eisiger Schreck. Wo war Nora? Von ihr war nichts mehr zu hören. War sie…?

Maureen stockte der Atem. Abermals rutschte sie von dem senkrechten Holz ab. Sie glaubte, ihr Herz müsse stehen bleiben. Sie wollte sich herumwerfen, wollte nach ihrer Schwester sehen.

Da packte sie jemand von hinten.

Maureen kreischte, dass ihre Stimmbänder schmerzten. Die Todesangst schüttelte ihren schmalen, kleinen Körper.

Die Hände, die sich in den Stoff ihres Kleids krallten, griffen fester zu, zogen sie von der Holzwand weg: Auf einmal spürte Maureen den Atem eines Menschen im Nacken, und im nächsten Moment rief eine bekannte Stimme in ihr Ohr.

Sei still! Hör auf zu schreien! Sei endlich still!“

Nora!“, schluchzte Maureen, und sie sank ihrer großen Schwester in die Arme.

Doch nur für die Dauer eines Atemzugs hielt Nora sie fest.

Komm mit!“, befahl sie. „Schnell! Wir müssen hier weg.“

Aber…“

Willst du lieber sterben?“, fuhr Nora sie an.

Aber Mom und Dad und…“

Glaubst du, wir können ihnen helfen?“, schrie Nora gegen den Höllenlärm der Schüsse an. „Ausgerechnet wir, mit bloßen Händen? Gegen gottverdammte Kerle, die geradewegs aus der Hölle kommen?“

Maureen gab ihren Widerstand auf. Allein die Todesangst bewirkte das. Als Nora ihr über die Heckklappe half, sah sie voller Entsetzen, dass die Wagenplane von Schüssen zerfetzt war. Sie wusste noch, wie Dad das Herz geblutet hatte, als er das viele Geld dafür hatte bezahlen müssen.

Runter“, ordnete Nora an, als sie auf dem Boden landeten.

Maureen befolgte die Anweisung ihrer Schwester. Nur einen Augenblick verharrten sie geduckt hinter dem Wagen. Deadwood war längst nicht mehr zu sehen. Doch es war keine Zeit, das zu bedauern. Denn nun sah Maureen, weshalb Nora die Gelegenheit beim Schopf ergriffen hatte.

Dichtes Unterholz reichte bis unmittelbar an die Straße.

Kriech da rein!“, befahl Nora. „Los, mach schon! Ich komme sofort nach. Kriech immer weiter. Erst wenn die Schüsse aufhören, bleibst du ganz still. Du rührst dich dann nicht vom Fleck egal, was passiert. Hast du mich verstanden?“

Ja, aber…“

Keine Widerworte. Ich bin ja direkt hinter dir. Beeil dich, sonst sind wir beide verloren.“

Tränen schossen Maureen in die Augen, weil sie das Gefühl hatte, ihre Schwester im Stich lassen zu müssen. Doch das war natürlich Unsinn. So tat sie, wie ihr geheißen wurde, hob die Arme schützen vor das Gesicht und drang in das Buschwerk ein. Zweige peitschten ihren Oberkörper, und ältere kleine Äste brachen. Sie hatte Angst, sich allein durch diese Geräusche zu verraten. Doch der Kampfeslärm hielt noch immer an. Die Banditen würden also hoffentlich vollauf beschäftigt sein und sich nicht um ein kleines Mädchen im Gebüsch kümmern können.

Sie hörte Nora hinter sich. Ihre Schwester verursachte die gleichen Geräusche, die verräterisch gewesen wären, wenn der Schusswechsel nicht mit unverminderter Heftigkeit getobt hätte.

Immer weiter, von blanker Angst getrieben, hastete Maureen durch das Unterholz – meist kriechend, manchmal geduckt laufend. Der Waldboden hatte eine beträchtliche Steigung. Maureen keuchte, rang nach Luft. Sie bekam Seitenstiche, das Atmen tat ihr weh. Ihr wurde schwindlig, etwas wie ein Schleier wallte vor ihren Augen.

Plötzlich stolperte sie über eine aus dem Boden ragende Baumwurzel. Sie verlor das Gleichgewicht und stürzte. Mit ausgebreiteten Armen wollte sie sich auf dem Waldboden abstützen. Doch statt auf Erde und altes Laub zu schlagen, fiel sie ins Leere.

Schreck und Entsetzen machten sie stumm.

Ihre Gedanken waren wie ausgelöscht. Wie ein Tier, das im Angesicht des Todes starr wurde, erwartete sie den vernichtenden Aufschlag.

Doch sie fiel weich, viel weicher, als wäre sie in ein Bett aus Strohsäcken gesunken. Ein feuchter, schwammiger Untergrund bremste ihren Fall geradezu sanft.

Einen Moment lang erwuchs jähe neue Furcht in ihr. Versank sie in einem Sumpf? Würde sie jämmerlich im Morast ersticken, wie es mit armen Seelen in den Fortsetzungsgeschichten geschah, die in den Zeitungen abgedruckt wurden? Doch die, so fiel ihr ein, hatten sich stets allein und zu weit ins Moor gewagt. Hier aber, in den Bergen von Dakota, gab es kein Moor.

Erleichtert stellte Maureen fest, dass der Boden unter der feuchten Masse fest war. Nur zur Hälfte war ihr Körper eingesunken. Sie vermochte sich mit den Händen abzustützen und sich aufzusetzen. Noch immer hörte sie Schüsse, aber ihr war, als würde die Heftigkeit des Kampfes nachlassen.

Zitternd sah sie sich um. Sie war in eine Mulde gestürzt, die kaum mehr als zwei Fuß tief und zur Hälfte mit nassem, halb verfaulten Herbstlaub früherer Jahre angefüllt war. Wenn sie den Kopf reckte, konnte sie fast über den Rand der Vertiefung hinausblicken.

Den Kopf gesenkt, richtete sie sich etwas weiter auf, kniete schließlich und lehnte sich mit dem Oberkörper an die weiche, erdige Muldenwand. Erst jetzt hob sie vorsichtig den Kopf. Angst verstärkte ihr Zittern. Sie glaubte, Männer mit Furcht erregend verzerrten Fratzen sehen zu müssen, wie sie sich ihrem Versteck näherten, um sie mit Klauenhänden herauszuziehen.

Doch da war keine Menschenseele. Lichtes Unterholz umgab ihr zufälliges Versteck. Erst in ein paar Yards Entfernung wurde das Gebüsch wieder dichter. Deutlich sah sie die abgeknickten Äste und Zweige, wo sie herausgekrochen war.

Wo aber war Nora?

Maureens Herz hämmerte in ihrem schmalen Brustkorb. Weinend versuchte sie, dass Buschwerk mit Blicken zu durchdringen. Doch es gelang ihr nicht. Vielleicht versteckte sich Nora dort irgendwo im Dickicht. Maureen wollte ihre Schwester rufen, doch plötzlich wurde ihr bewusst, dass keine Schüsse mehr fielen. Sie hielt den Atem an. Was hatte Nora ihr eingeschärft?

Erst wenn die Schüsse aufhören, bleibst du ganz still. Du rührst dich dann nicht vom Fleck egal, was passiert!

Maureen wiederholte die Anweisung in Gedanken ein paarmal, während sie vergeblich auf ein Lebenszeichen ihrer Schwester wartete. Nichts raschelte im Gebüsch, und es war auch kein Raunen aus der Nähe zu hören. So hätte Nora sich wohl bemerkbar gemacht, wenn sie sich in der Nähe verborgen hätte.

Maureen wischte sich die Hände an ihrem ohnehin schmutzigen Kleid ab und rieb sich dann die Tränen aus den Augen. Von dort unten, wo der Planwagen ihrer Familie noch stehen musste, waren Stimmen zu hören. Hinzu kamen Hufgeräusche von Pferden, die im Schritt herangeführt wurden.

Wieder schlug Maureens Fantasie Kapriolen. Vielleicht war der freundliche Sheriff Bullock mit ein paar Männern aus Deadwood herbeigeeilt – gerade noch rechtzeitig, um ihren Eltern und ihren Brüdern zu Hilfe zu kommen. Mr. Bullock und seine Deputys hatten die Wegelagerer bestimmt samt und sonders getötet. Nora war vor Freude vielleicht schon zur Straße hinuntergelaufen, und gleich würde ihr einfallen, dass sie ihre kleine Schwester oben im Wald vergessen hatte.

Maureen hielt es nicht mehr aus. Sie kroch aus ihrem Versteck. Geduckt schlich sie ein Stück nach rechts, wo sich das Unterholz noch mehr lichtete. Dort verbarg sie sich hinter dem dicken Stamm eines Ahornbaums und riskierte einen vorsichtigen Blick über das abschüssige Dickicht hinweg.

Tatsächlich konnte sie ein Stück von der Straße sehen. Ebenso das Heck des Wagens.

Etwas wie eine eisige Faust umkrampfte ihr Herz.

Nora war dort. Außerdem ein Mann, der sie bewachte.

Maureen musste sich beide Hände auf den Mund pressen, um nicht zu schreien.

Nora lehnte an dem linken Hinterrad des Wagens und konnte sich kaum auf den Beinen halten. Ihr Gesicht war blutig und durch Prellungen verunstaltet, das Haar zerwühlt. Man hatte ihr die Arme auf den Rücken gefesselt und die Fußgelenke mit einem Strick verbunden, sodass sie nur kurze Schritte machen konnte.

Der Mann, der sie bewachte, hatte struppiges blondes Haar, das unter einem speckigen schmalkrempigen Hut hervorlugte. Seine Kleidung war so heruntergekommen wie sein ganzes Erscheinungsbild.

Stimmen weiterer Männer waren zu hören. Raues Gelächter erscholl. Drei waren es, die von vorne um den Wagen herumkamen und Nora begutachteten wie ein Stück Vieh – drei Kerle, denen anständige Menschen nicht einmal bei Tageslicht hätten begegnen mögen, so Angst einflößend sahen sie aus.

Einer hatte strohblondes, fast weißes Haar. Eine richtige Löwenmähne, die von seinem Kopf abstand. Sein Hut hing auf dem Rücken.

Maureen konnte nicht verstehen, was gesprochen wurde. Sie war ohnehin fast am Ende ihrer Kräfte. Sie fror erbärmlich, obwohl es nicht einmal so kalt war. Das Zittern nahm zu, und ein Rauschen füllte ihre Ohren aus, sodass sie alles nur wie durch Watte hörte.

Der Mann mit der Löwenmähne schien der Anführer zu sein. Er machte herrische Gesten, hielt das Kinn hoch erhoben und stolzierte vor der Gefangenen auf und ab. Offenbar stellte er ihr Fragen.

Hast du eine Schwester?“, glaubte Maureen zu hören – und: „Wo hat sie sich versteckt?“

Doch es schien wieder nur ihre Fantasie zu sein, die ihr diese Worte vorgaukelte. Allem Anschein nach hatten die Banditen nur Nora gesehen. Maureen war zu diesem Zeitpunkt offenbar schon so weit in das Dickicht vorgedrungen, dass die Wegelagerer sie nicht mehr bemerkt hatten.

Die beiden anderen Männer sahen ebenfalls schrecklich aus. Der eine fiel durch einen kahlen Schädel und ein durch Narben verwüstetes Gesicht auf. Der andere war ein Halbblut mit einer sehr dunklen Hautfarbe.

Maureen hätte sich am liebsten wieder verkrochen. Doch sie musste wissen, was mit ihrer Schwester geschah. Und wenn sie Nora etwas antaten – ja, dann würde sie sich mit dem Mut der Verzweiflung auf mindestens einen dieser Unholde stürzen und ihm die Augen auskratzen – ohne Rücksicht auf ihr eigenes Leben. Denn wenn Nora starb, würde auch sie nicht mehr leben wollen.

Doch erstaunlicherweise verschonten sie Nora.

Maureen weinte wieder, als sie mit ansehen musste, wie die Fremden die Ladung des Planwagens durchwühlten. Gegenstände, die für sie unbrauchbar waren, flogen in hohem Bogen heraus. Maureen brach fast das Herz, als sie das Hochzeitsbild ihrer Eltern durch die Luft segeln sah. Glas und Rahmen zerbrachen auf der Straße, die Scherben blieben auf dem Bild liegen.

Es war ein gemaltes Bild. Damals, als Mom und Dad geheiratet hatten, waren Fotografen noch eine Seltenheit gewesen.

Bald waren die Banditen der Anstrengung überdrüssig. Sie setzten Nora auf ein Packpferd, das sie mit sich führten, und stiegen in die Sättel ihrer Reitpferde.

Es wunderte Maureen, dass der struppige Mann allein in Richtung Deadwood aufbrach. Die anderen ritten mit Nora in die entgegengesetzte Richtung. Der nächste Ort hieß Spearfish, wenn man der Straße folgte. Maureen hatte gehört, wie ihre Eltern und ihre Brüder darüber geredet hatten.

Sie ließ sich zu Boden sinken und setzte sich mit dem Rücken an den Baumstamm. Sie hatte grauenvolle Angst, zur Straße hinunterzugehen. Das Zittern schüttelte ihren Körper durch, und obwohl sie wusste, dass es im Wagen bestimmt noch die wärmenden Decken gab, wagte sie es nicht, sich dorthin zu begeben.

Die Stille dort unten jagte Maureen einen Kälteschauer nach dem anderen ein. Nicht einmal die Ochsen gaben noch einen Laut von sich.


*


Eine Laterne schwankte durch die Dunkelheit auf den Hügel zu. Dessen Kuppe diente bereits zahlreichen Toten als letzte Ruhestätte.

Etwas vom Licht der Laterne fiel auf die Frau, die sie hielt. Die Frau war wie ein Mann gekleidet, mit einem topfförmigen Hut. An ihrer Hüfte hing ein Sechsschüsser. Mit schweren Schritten stapfte sie durch das noch hohe Gras auf den Friedhof zu.

Unten, im Tal, johlte und tobte das Goldgräber-Camp, das wie eine Stadt aussah und sich doch noch nicht so nennen durfte. Honky‑Tonk-Musik ertönte aus den Saloons. Dazu das raue Gelächter der Männer und das Kreischen der Freudenmädchen.

Der Mount Moriah Cemetery hatte noch keine Einzäunung. So konnte die Frau direkt und ohne Umwege auf das größte und schönste Grab zugehen, das überdies am höchsten stand.

Hi, Bill“, sagte sie. „Ich bin’s, Jane.“

Sie stellte die Laterne unter die hölzerne Grabtafel und setzte sich auf den Felsbrocken am Fußende. Schatten füllten die sorgsam geschnitzten Buchstaben auf der Tafel.

Jane Cannary, genannt „Calamity Jane“, las die Inschrift wieder und wieder. Es war das private Eröffnungsritual, das sie sich für ihre Besuche bei Wild Bill zueigen gemacht hatte. Es schmerzte sie, dass sie bei Bills Tod nicht in Deadwood gewesen war. Deshalb hatte Charlie, Bills bester Freund, den Text für die Tafel erdacht:


Wild Bill

J. B. Hickok

Killed by the assassin Jack McCall

Deadwood, Black Hills

August 2, 1876


Der Mörder Jack McCall hatte seine gerechte Strafe erhalten und war gehängt worden. Charlie Utter hatte auf dem unteren Teil der Grabtafel noch einen Vers hinzugefügt, in dem er dem alten Freund versicherte, dass man in den Ewigen Jagdgründen vereint sein und sich nie wieder trennen werde.

Weißt du“, sagte Jane. „Du hast hier zwar einen netten Ausblick auf Deadwood, vor allem bei Tage. Aber eine Dauerlösung ist das nicht. Du bekommst bald einen ordentlichen Platz und ein richtig schönes Grabmal, wie es dir zusteht. Aus Stein und mit einem gusseisernen Zaun darum. Das verspreche ich dir.“

Sie zog die Whiskyflasche hervor, entkorkte sie und sagte feierlich: „Auf deine Gesundheit, mein Lieber.“

Sie trank einen Schluck, stopfte den Korken wieder in den Hals der Flasche und verstaute sie in ihrer Lederjacke.

Um noch mal auf das Grabmal zu kommen“, erklärte sie in geschäftsmäßigem Ton, wobei sie sich vorbeugte und die Unterarme auf die Knie stützte. „Du wirst doch sicher nichts dagegen haben, wenn ich mir einen Platz neben dir reserviere, oder? Ich meine, zu Lebzeiten haben wir das zu keiner ständigen Einrichtung gemacht. Da können wir doch wenigstens hinterher beieinander liegen, wie es sich für einen anständigen Mann und eine anständige Frau gehört.“

Noch während sie die letzten Silben aussprach, sprang sie auf und wirbelte herum. Aus der Bewegung heraus lag der langläufige Colt in ihrer Rechten.

Charlie Utter verharrte erschrocken. Unwillkürlich hob er die Hände. In den Ausläufern des Laternenlichts war er nur schemenhaft zu erkennen.

Charlie, verdammt!“, fuhr Jane ihn an. „Mach so was nicht noch mal. Wenn ich dich nicht erkannt hätte, wärst du jetzt tot.“

Sorry, Jane“, erwiderte er. „Ich wollte dich nicht stören. Deshalb hab ich nichts gesagt. Tja, wie man’s macht, macht man’s verkehrt.“

Jane stieß den Colt ins Holster und deutete mit dem Daumen über die Schulter. „Ich werde nicht den gleichen verdammten Fehler machen wie Bill, damit du es weißt. So was wird mir nicht passieren. Auf gar keinen Fall. Hast du verstanden?“ Ihre Mundwinkel zuckten, und Tränen füllten ihre Augen.

Charlie ging auf sie zu und legte ihr die Hände auf die Schultern. „Hast du was dagegen, wenn ich mich an eurem Gespräch beteilige?“

Blödsinn“, schniefte Jane. „Weshalb sollte ich? Mann, wir drei – wir waren die besten Freunde, die jemals zusammen auf dem Trail waren.“

Und wir beide sind es noch immer“, sagte Charlie. „So soll es auch bleiben, stimmt’s, Jane?“

Wenn ich dich nicht aus Versehen über den Haufen knalle.“ Sie lachte rau. „Kann ja passieren. Hast du ja gerade gemerkt.“

Charlie Utter, ein untersetzter Mann mit deutlichem Bauchansatz, trat einen Schritt zur Seite und blickte auf das Grab. Er zog die braune Melone vom Kopf, passend zu den Anzügen in seiner Lieblingsfarbe Braun.

Hör dir das an, Bill“, brummte er mit seinem Reibeisenbass und grinste dabei. „Hast du eigentlich gewusst, wie gefährlich du gelebt hast, mit diesem Girl an deiner Seite?“

Du warst Zeuge, Bill“, rief Jane und tat erbost. „Hast du gesehen, wie dieser Kerl sich angeschlichen hat? Na, und hat dich das an was erinnert, du elende Schlafmütze? Du hast immer behauptet, du hättest auch hinten im Kopf Augen. All right, und warum hast du dann den Schweinehund McCall nicht gesehen, als er sich anschlich? Ach, was sage ich! Du hättest seine verdammten Schritte hören müssen.“

Jane“, sagte Charlie behutsam und legte seine Hand auf ihren Unterarm. „Nun lass es doch gut sein. Ich denke, keiner wird seinen Fehler mehr bereuen als er selbst.“

Bullshit“, grollte Jane. „So was wäre ihm früher nie passiert.“ Sie wandte sich wieder dem Grab zu. „Du weißt, dass ich Recht habe. Du warst müde, alter Junge. Stimmt doch, oder? Du hast es ein bisschen drauf angelegt, das kannst du ruhig zugeben. Du hast dich immer mit dem Rücken zur Wand gesetzt, was anderes gab es gar nicht für dich. Nur weil an dem Tag dein Stammplatz am Pokertisch besetzt war, hast du dich mit, dem Rücken zur Tür und zur Bar gesetzt? Menschenskind, Bill das kannst du doch keinem erzählen. Früher hättest du den anderen Kerl von deinem Platz verscheucht. Aber nein, du hast es herausgefordert. Du hast darauf gewartet, dass der Hurensohn McCall dich abknallt. Du hast gewusst, dass er es tun würde. Er hat dich gehasst wie die Pest, weil du ihn beim Pokern dauernd beleidigt hast.“

Jane“, versuchte Charlie es erneut. „Es ist genug. Oder sind wir hergekommen, um Bill Vorwürfe zu machen?“

Vorwürfe?“, echote Jane laut und mit der derben Männerstimme, die sie sich zugelegt hatte. „Was wir hier aufzählen, sind Tatsachen.“ Sie wandte sich erneut dem Grab zu. „Du weißt es, Bill. Genau genommen, war es sogar standesgemäß, wie du es gemacht hast. Ein lebensmüder Revolvermann, noch dazu ein berühmter wie du, jagt sich doch nicht selbst eine Kugel durch den Kopf. Der lässt so was von anderen erledigen. Auswahl dafür hat er schließlich genug. Hat sich ja genug Feinde gemacht in seinem beschissenen Leben. Fragt sich nur, wer schuld daran ist.“

Jetzt reicht es aber, Jane“, sagte Charlie eindringlich. „Das muss nun wirklich nicht mehr sein „ Er wusste, was kommen würde, denn sie besuchten Bill fast jeden Tag, und es waren immer die gleichen Gespräche, die sie mit ihrem toten Freund führten.

Charlie quatscht wieder dummes Zeug.“ Jane atmete unwillig durch die Nase aus. „Ich meine, er weiß ja eine Menge, aber er weiß nicht alles. Zum Beispiel, was unsere Beziehung angeht, Bill. Waren wir nun ein Paar, oder nicht? Ich glaube, darüber rätselt die Welt noch in hundert und zweihundert Jahren. Ich erkläre es Charlie jetzt ein für alle Mal, damit er es endlich kapiert. Ja, wir waren ein Paar. Du und ich, Bill, wir waren ein gottverdammtes Paar. Fragt sich bloß, was für eins.“

Jane, bitte.“ Charlie flehte fast. „Du machst dich doch nur selbst verrückt. Und dann trinkst du wieder zu viel. Das muss endlich aufhören. Begreifst du das denn nicht?“

Sie hörte nicht hin. Ohne den Freund zu beachten, setzte sie ihre Zwiesprache mit Wild Bill fort. „Ich hab’s versaut, Bill. Tut mir Leid. Vielleicht hätte ich für dich mehr sein sollen als nur ein guter Kumpel. Dann wäre ich jetzt nicht schuld an deinem Tod.“

Charlie schrie sie an. „Jane, verdammt noch mal! Du weißt, dass das nicht stimmt. Und Wild Bill weiß es auch.“

Ach“, erwiderte Jane sarkastisch, ohne den Kopf zu wenden. „Du behauptest also, du weißt, was Bill da unten in seinem Knochenschädel denkt?“ Sie streckte den Arm aus und zeigte mit spitzem Finger auf das Grab. „Ich weiß es besser, Mr. Utter. Bill hätte gern eine Frau gehabt. Eine richtige Frau. Keinen nachgemachten Mann wie mich. Er wollte eine Familie, mit Haus und Kindern und dem ganzen Kram.“

Jetzt fängst du an zu spinnen“, knurrte Charlie. „Wild Bill Hickok war ein Spieler, zuallererst ein Spieler. Außerdem war er ein Revolvermann, klar. Das kam an zweiter Stelle. Und an dritter Stelle, yeah, da kamst wohl du. Aber eine Familie? No, Sir, das war Bills Sache nicht. Was glaubst du, weshalb er mit dir zusammen war? Herrje, was glaubst du?“

Du bist ein Mistkerl, Charlie“, erwiderte Jane gepresst.

Er ließ sich nicht mehr bremsen. „Ich sag’s dir“, ereiferte er sich buchstäblich. „Bill wollte nie und nimmer eine Familie. Deshalb hat er dich ja so gern um sich gehabt. Weil er bei dir sicher sein konnte, dass du ihm nicht mit dem Familienquatsch kommst.“

Woher willst du das wissen?“, begehrte Jane trotzig auf. „Hat er es dir gesagt?“

Ja, hat er.“

Hat er nicht!“

Doch, er hat es gesagt.“ Charlie Utter schüttelte verständnislos den Kopf. „Menschenskind, du weißt es doch selbst.“

Nein, verdammt.“ Jane stampfte mit dem Fuß auf. „Ich weiß überhaupt nichts. Ich weiß wirklich nicht, wovon du redest.“

Dann sage ich es dir noch mal.“ Charlie legte ihr fürsorglich den Arm um die Schultern. „Du hast selbst nie Kinder und eine Familie gewollt. Das hast du immer weit von dir gewiesen. Auch Bill gegenüber. Und – wie gesagt – er fand es gut. Also erzähle jetzt nicht das Gegenteil, nur weil du hier an seinem Grab sentimental wirst.“

Jane starrte Charlie an. Ihre Gesichtsmuskeln spannten sich an. Einen Moment lang schien es, als wollte sie dem Freund voller Zorn eine Ohrfeige versetzen. Doch dann, plötzlich, brach sie in Tränen aus. Sie schluchzte laut, und ihr Oberkörper zuckte in einem regelrechten Weinkrampf.

Charlie schloss sie in die Arme, bis sie sich beruhigt hatte.

Komm“, sagte er dann. „Gehen wir nach Hause. Bill will seine Ruhe haben. Der arme Kerl kann unser Gewäsch bestimmt nicht mehr ertragen.“

Stimmt“, erwiderte Jane und schniefte. Ein Grinsen stahl sich in ihre Mundwinkel. „Wahrscheinlich denkt er, seine besten Freunde sind Waschweiber geworden.“

Bei dir wäre das schon möglich.“ Charlie hob abwehrend die Arme, als erwartete er ihre Schläge. „Bei mir jedenfalls nicht.“

Doch Jane lachte nur, und sie hakte sich sogar bei ihm unter, nachdem sie die Laterne aufgenommen hatte. So schritten sie den Hang hinunter, dem Lärm der Lebenden entgegen …


*


So was hab ich noch nie gesehen“, rief der Mann mit dem struppigen Haar zum wiederholten Mal. „So was Schreckliches! Mein Gott, diese Wilden haben sie alle umgebracht. Skalpiert. Zerstückelt.“ Er schüttelte sich heftig, als könnte er das Grauen der Erinnerung dadurch von sich schleudern.

Erst vor einer Minute war der Mann in den „Gem Saloon“ gestürzt, hatte an der Theke Halt gefunden und wie ein Ertrinkender nach Whisky verlangt.

Nur nach und nach hatte der Lärm nachgelassen, als erst die Umstehenden an der Theke und dann auch die Gäste an den Tischen mitbekamen, was der Fremde stammelte. Der Klavierspieler hatte die Hände von den Tasten genommen. Die Girls, die bei ihren Kunden auf dem Schoß saßen, stellten das Kichern ein.

Al Swearengen, der Inhaber des Saloons, schenkte dem verdreckten und abgerissenen Mann den zweiten Whisky ein.

Geht aufs Haus“, sagte der schwarzhaarige Saloonkeeper. „Jetzt beruhigen Sie sich erst mal, Mister. Und dann erzählen Sie, was passiert ist. Von Anfang an, damit wir es alle kapieren.“

Der Struppige nickte geistesabwesend und kippte den Whisky. Swearengen schenkte sofort nach. Der Mann war Gold wert, umsatzfördernd. Seine Geschichte würde sich wie ein Lauffeuer herumsprechen, und die Menschen würden in Scharen in den Saloon strömen, um die schaurigen Einzelheiten aus dem Mund des Mannes selbst zu hören.

Schritte von schweren Stiefeln näherten sich dem Eingang des Saloons.

Noch während die Schwingtür aufgestoßen wurde, erscholl die unverwechselbar dröhnende Stimme von Calamity Jane. „Whisky! Whisky für zwei ausgelaugte Seelen!“

Jane schwenkte zur Begrüßung ihre Laterne und blies sie aus. Erst als sie gemeinsam mit Charlie Utter schon zwei, drei Schritte in den Schankraum gemacht hatten, verharrten beide und sahen sich erstaunt um. Musik und Lärm waren jetzt nur noch von draußen zu hören, aus dem „Bella Union“ und den anderen Saloons.

Hier aber, in Al Swearengens Goldgrube war es, als hätte der Blitz eingeschlagen. Al winkte die beiden Neuankömmlinge zur Theke, schob ihnen Gläser hin und wies mit einer Kopfbewegung und einem viel sagenden Blick auf den Mann mit dem struppigen blonden Haar, der nur ein paar Schritte von ihnen entfernt stand.

Der Mann hielt sich mit beiden Händen an der Tresenkante fest und stierte mit gesenktem Kopf auf das noch volle Glas, das vor ihm stand. Unvermittelt hob er es hoch und kippte es mit einem Ruck in sich hinein.

Die anderen an der Theke sahen ihn neugierig an, als warteten sie auf etwas ganz Besonderes, das er jeden Moment von sich geben würde.

Kann kein Blut sehen, der Junge“, sagte A1 Swearengen, während er für Charlie und Jane die Gläser füllte. „Er kam gerade herein und erzählte wirres Zeug. Von Leuten, die skalpiert und zerstückelt wurden. Ich habe ihm Whisky gegeben, damit er wieder einen klaren Kopf kriegt. Dann erfahren wir vielleicht, was passiert ist.“

Sieht nicht so aus, als ob daraus bald was wird“, sagte Charlie Utter und trank seinen Whisky.

Dann braucht er wohl noch einen“, entschied Al und trug die Flasche hinüber.

Der struppige Mann stierte noch immer vor sich hin und schien fürchterlich mit seinem Schicksal zu hadern.

Calamity Jane setzte ihr Glas an, leerte es auf einen Zug und knallte es auf die Theke.

Der Fremde zuckte zusammen, hob erschrocken den Kopf.

He, Mister!“, rief Jane rau. „Was sind Sie, Mann oder Maus?“

Ein paar Männer im Saloon lachten, verstummten aber sofort wieder, als Jane sie ansah.

Der Blick des Struppigen ruckte in ihre Richtung. Ungläubig starrte er sie an und öffnete den Mund. Aber es kam noch immer kein Laut hervor.

Trink, mein Freund“, sagte Al Swearengen schmunzelnd und schenkte nach. „Und dann kommst du besser zur Sache, sonst kriegst du es mit Miss Jane Cannary zu tun. Die Lady wird nicht umsonst Calamity Jane genannt. Also gebe ich dir einen guten Rat – lass dich nicht von ihr in Kalamitäten bringen.“

Sie sind alle tot“, flüsterte der Fremde wie in Trance. „Diese verfluchten Wilden haben sie auf dem Gewissen.“

Hast du einen Namen?“, fragte Al. „Woher kommst du?“

Darren Robard, Sir. Ich bin aus Montana. Hab gehört, dass man hier noch Claims kriegen kann.“

Na, das ist doch schon was“, lobte ihn der Inhaber des Saloons. „Deinen Namen und deine Adresse kennst du. Also trink jetzt brav deine Medizin, dann bist du gleich wieder unter uns.“

Robard gehorchte.

Als er das geleerte Glas sinken ließ, kam Calamity Jane herüber, stellte sich an seine Seite und legte ihm die Hand auf die Schulter. Er ging dabei fast in die Knie, was erneut für Gelächter sorgte. Doch wieder wurde es rasch still. Denn Jane richtete das Wort an den seltsamen Burschen.

Jetzt pass mal auf, Darren“, sagte sie mit ihrer gewohnten Lautstärke in sein Ohr. „Ich darf doch Darren sagen?“

Ja … ja, natürlich.“

Dann darfst du auch Jane zu mir sagen: So redet es sich besser.“ Sie räusperte sich, zeigte auf ihr Whiskyglas und wartete, bis Al sie bedient hatte. Nachdem sie das Glas geleert hatte, sprach sie weiter. „Nun mal ehrlich, Darren-Boy. Wie du bei so viel Schreckhaftigkeit ausgerechnet hier im Westen überlebt hast, ist mir ein Rätsel. Aber jetzt wirst du dein zartes Gemüt überwinden und uns sagen, was du gesehen hast. Ist das so weit klar?“

Er bog den Kopf zur Seite und sah sie mit scheelem Blick an. „Ja“, ächzte er. „Ja, verdammt.“

Hört, hört, er kann fluchen, unser Zartbesaiteter“, rief Jane und hatte die Lacher erneut auf ihrer Seite. Dann dröhnte ihre Stimme abermals in sein Ohr. „Es ist nämlich so, Darren: Falls da draußen jemand Hilfe braucht, werden die Betreffenden diese Hilfe schneller kriegen, wenn wir wissen, wo wir sie finden.“

Da lebt keiner mehr“, stöhnte der struppige Mann. „Da ist nichts als Blut. Nur zerstückelte und skalpierte Leichen. Da kann man nichts mehr auseinanderhalten, so schlimm wurden die armen Menschen von den verfluchten Wilden zugerichtet.“ Er atmete tief ein, und es klang wie ein kleiner Schrei.

Wo hast du die Toten gesehen?“, fragte Jane ruhig. „Du bist von Montana gekommen, richtig?“

Ja. Das war auf der Straße von Spearfish nach Deadwood, ungefähr fünf Meilen von hier. Das muss eine ganze Familie gewesen sein. Die hatten …“

Aufgeregtes Gemurmel setzte ein.

Das waren die Lawlors“, rief einer der Männer. „Die sind heute in aller Herrgottsfrühe aufgebrochen.“

Sie hatten einen Planwagen voll mit Kram“, fuhr Robard fort. „Kommoden, Kisten und alles Mögliche. Das haben diese blutrünstigen Rothäute alles durchwühlt. Was sie mitgenommen haben, weiß ich natürlich nicht“

Hast du die Indsmen gesehen?“, erkundigte sich Jane.

Himmel, nein!“ Robard erschrak von Neuem.

Aber sie haben Spuren hinterlassen“, folgerte sie.

Spuren?“ Robard blickte begriffsstutzig.

Na, irgendwas, aus dem man erkennen kann, dass es Indianer waren. Eine Adlerfeder. Pfeile. Manchmal benutzen sie die ja noch.“

Nein, so was war da nicht. Hab ich jedenfalls nicht gesehen.“

Woher weißt du dann, dass es Indsmen waren?“ Jane blickte ihm forschend ins Gesicht.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738912845
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v375167
Schlagworte
eine frau erbarmen

Autor

Zurück

Titel: Eine Frau kennt kein Erbarmen