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Wenn nachts das Grauen erwacht

2017 120 Seiten

Leseprobe

Wenn nachts das Grauen erwacht


ROLF MICHAEL


Unheimlicher Roman



IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E‑Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Titelbild: 123RF mit Steve Mayer, 2017

Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Klappentext:


Auf der Suche nach Ruhe und Abgeschiedenheit kauft sich Tanja Ferry auf dem Lande ein altes Herrenhaus zu einem Schnäppchenpreis – wie sie glaubt.

Was sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß – im Kaufpreis sind die Geister aus den Geschichten und Sagen dieser Gegend und das damit verbundene Grauen enthalten. Erst als sie sich beim Bürgermeister von Somerset Mills den Schlüssel für ihr neu erworbenes Domizil abholt und er ihr bei Tee und Kuchen die ersten Schauergeschichten über das Haus auf dem Geisterhügel, wie es nur von allen genannt wird, erzählt, kommen ihr die ersten leisen Zweifel. Sie verdrängt diese jedoch anfänglich und fährt, trotz Warnung, des Nachts zu ihrem neuen Landsitz.

Als sie meinte die vermeintlichen Geister entlarvt zu haben begibt sie sich zu Bett und fällt in einen friedlichen Schlummer, der jäh beendet wurde. Das Grauen erwachte und mit ihm die Gestalten, die darin wandeln.

Komm, Tanja! Komm zu uns! Komm – wir warten!“, ruft der unheimliche Geisterchor die junge Frau, und Tanja Ferry hat keine andere Wahl. Obwohl ihr die Angst die Kehle zuschnürt und Panik ihr Herz wild trommeln lässt, setzt sie einen Fuß vor den anderen, schreitet wie eine Traumwandlerin durch das düstere, einsame Haus. Dunkel ist es hier, nur schwach fällt silbriges Mondlicht durch die verstaubten Fensterscheiben, und die Geisterstimmen locken sie immer wieder: „Komm herab! Steig herab zu uns, Tanja! Und werde eine von uns!“

Da entdeckt Tanja den geheimen Gang, der hinab in die Tiefe führt. Sie steigt in die Finsternis, hinein in die feuchtnassen Stollen, wo die Verdammten unter dem Haus auf dem Geisterhügel auf sie warten …



Roman


Dieses Haus muss ich haben! schoss es Tanja Ferry durch den Kopf, als sie die Bilder mit den verschiedenen Außenansichten betrachtete. Sie strich sich das schulterlange, leicht gewellte Blondhaar aus der Stirn, das wie ein goldfarbener Schleier bis auf ihre Schultern herabwallte. Sie hatte blaue Augen, die an das Wasser des Meeres erinnerten.

Sie konnte ihren Blick nicht von den Bildern lösen, die vor ihr lagen. Fotografien eines alten Herrensitzes, den sie kaufen konnte.

Das Gebäude war im dezent-vornehmen Baustil errichtet worden, in dem im vorigen Jahrhundert die meisten englischen Adelsfamilien ihre Landsitze hatten bauen lassen. Obwohl das Gemäuer und der Garten etwas verwildert aussahen, erkannte Tanja doch, dass es sich bei Woolton Hall um ein echtes Schmuckstück handelte. Wenn sie es etwas renovieren ließ, dann war es genau das ideale Haus, um dem Trubel von London zu entkommen.

So froh Tanja Ferry war, dass sie es geschafft hatte, von den drittklassigen Nebenrollen in den Vorstadttheatern Londons zum gefeierten Star der britischen und internationalen Filmszene zu werden – gelegentlich brauchte sie nach den anstrengenden Studioarbeiten und Außenaufnahmen ihre Ruhe.

Und in ‚Swinging London‘ fand man die nicht. Längst hatten die Reporter ihr kleines Appartement in Chelsea gefunden und störten sie an den Wochenenden, wenn sie Ruhe haben wollte, mit ihren Interviews. Die Adresse war auch irgendwelchen Fans in die Hände geraten, die vor ihrem Haus Schlange standen, um Autogramme bettelten oder ganz einfach ihren Leinwandstar nur einmal persönlich kennenlernen und einige Worte mit ihm wechseln wollten.

In der Anfangszeit fand Tanja dieses Leben faszinierend. Aber als sich die erste Begeisterung gelegt hatte, sehnte sie sich nach ihrer Ruhe. Andere Kollegen aus der Filmszene oder aus dem Musik-Geschäft hatten sich schon längst aufs Land zurückgezogen und lebten dort unerkannt in privater Atmosphäre.

Du bist jetzt ein Star, Tanja Ferry! Auch wenn du das noch immer nicht wahrhaben willst!“, klangen ihr wieder die Worte von George Johnson im Ohr, mit dem sie oft gemeinsam vor der Kamera arbeitete und zu dem sie auch mehr als nur ein kollegiales Verhältnis entwickelt hatte. „Du musst dich damit abfinden, dass der Ruhm seinen Preis hat, den man zahlen muss. Also handele danach!“

Tanja erkannte, dass George recht hatte. Er selbst hatte keine richtige Wohnung, sondern zog alle zwei, drei Wochen mit seinem Koffer innerhalb der Londoner Hotels um. Er war ein Kind der Großstadt, das sich auf dem Lande nicht recht wohlfühlte. Häufig genug zog er sich einfache Kleidung an und bummelte durch London, wo es am quirligsten ist.

Am meisten amüsierte es ihn dann, wenn ihm die Leute nachstarrten und Bemerkungen fielen wie: „Der Typ da hinten sieht fast aus wie der berühmte George Johnson!“

Bei Tanja war das anders. Sie war auf dem Lande geboren, sie hatte in einem kleinen Dorf bei Dorchester eine glückliche Jugend verbracht und erst später in London die Schauspielschule besucht. Jahrelang musste sie für Hungerlöhne auf der Bühne stehen oder für einige Pfund für billige Werbespots lächeln.

Rein zufällig war bei einer solchen Aufnahme ein Regisseur anwesend gewesen, der in den Londoner Studios einen Film drehte, für den die weibliche Hauptrolle noch unbesetzt war. Bevor Tanja es richtig begriffen hatte, war sie engagiert. Und dann ging es Schlag auf Schlag. Mit der Ruhe war es vorbei.

Ruhe, die sie sich nun sehnlichst wünschte. Und die sie in Woolton Hall zu finden hoffte. Dort in diesem romantischen Gemäuer mit dem kleinen Park, konnte sie sich verstecken, wenn sie allein sein wollte. Oder mit ausgesuchten Freunden ein Wochenende zusammen verbringen, wenn ihr der Sinn danach stand. Wieder, betrachtete sie die Fotos von Woolton Hall.

Das Anwesen lag auf einem Hügel, der von einem Erdwall und einem Graben umgeben war. Auf dem Erdwall erhob sich noch zusätzlich eine Mauer, die zudem sehr hoch war. Die Einfahrt war durch ein altertümliches Tor aus schwarzem Schmiedeeisen gesichert.

Hier war Tanja ganz bestimmt vor unliebsamen Eindringlingen geschützt. So hatte sich jedenfalls Archibald Turnstall, der Anwalt, vor ein paar Minuten ausgedrückt, als er ihr die Bilder überreicht hatte. Er saß ihr jetzt abwartend gegenüber.

Das Haus ist durch einen alten keltischen Ringwall geschützt, wie Sie sehen können, Miss Ferry“, erklärte der Anwalt jetzt in ihre Gedanken hinein. „Und ich bin sicher, dass auch die Gespenster dort alle Reporter und Verehrer verjagen. Immerhin nennen die Leute dieser Gegend Woolton Hall das ‚Haus auf dem Geisterhügel‘ !“

Spukt es denn da?“, fragte Tanja verunsichert.

Glauben Sie an Spuk?“, war die Gegenfrage des Anwalts.

Nein. Natürlich nicht!“ Tanjas Stimme war unsicher, obwohl sie sich bemühte, mit Festigkeit zu reden. „Immerhin leben wir im zwanzigsten Jahrhundert. Da haben Geister und Gespenster nichts mehr verloren.“

Ihre Vorgänger dachten auch so“, sagte Turnstall langsam, „Aber dann haben sie sogar finanzielle Verluste in Kauf genommen, um das Haus wieder loszuwerden – weil sie Angst vor den Gespenstern hatten, die dort umgehen sollen!“

Vielleicht hat die Haushälterin weiße Bettlaken zum Trocknen aufgehängt“, versuchte Tanja einen Scherz. „Aber wenn ich es mir recht überlege …“

Ich vermute, dass die Vorbesitzer das Leben dort draußen als zu einsam empfanden und deshalb zurück nach London gingen“, unterbrach sie Archibald Turnstall. „Immerhin ist es fast zwanzig Meilen bis Colchester. Und bis zum Haus fährt man von der Hauptstraße noch einmal eine gute halbe Stunde, weil die Wege dort kaum befestigt sind.

In dieser Gegend lebt man noch wie im Postkutschenzeitalter. Somerset Mills ist die nächste Ansiedlung dort in der Gegend, und die liegt durch ein Wäldchen getrennt eine halbe Meile vom Haus entfernt. Aber ich versichere Ihnen, Miss Ferry, dass Sie kein Haus in dieser Gegend finden werden, das mehr Ihren Bedürfnissen nach Ruhe und Abgeschiedenheit und auch Ihren finanziellen Vorstellungen entspricht.“

Und die Gespenster?“

Haben Sie Angst?“, wollte der Anwalt wissen.

Bei einer Gefahr, die ich nicht kenne und einzuschätzen vermag, bin ich immer vorsichtig“, gab Tanja zurück.

In Ihren Filmen stellen Sie immer ganz andere Frauentypen dar.“ Archibald Turnstall lächelte. „Dort wissen Sie sich immer zu helfen.“

Aber nur, weil es das Drehbuch so vorschreibt!“ Tanja lachte. „Von einer Detektivin oder Geheimagentin, wie ich sie auf der Leinwand oder bei Fernsehproduktionen darstelle, erwartet man das so. Da muss ich den Gangstern, die mich gefesselt haben und alles mit mir machen können, noch kühl in die Augen sehen und coole Sprüche klopfen. In Wirklichkeit wäre meine Reaktion ganz anders. Und wenn es in dem Haus spukt, dann ist das kein Film, wo der Regisseur mit einem Kommando den Spuk beenden kann oder wo ein Stunt-Girl für mich einspringt, sobald die Sache brenzlig wird.“

Also glauben Sie doch an Geister!“, schlussfolgerte Archibald Turnstall.

Tanja sah ihn an, ohne etwas zu sagen. Sie wusste in diesem Moment nicht, wie sie sich ausdrücken sollte. Ihr Blick fuhr immer wieder zu den Bildern, die sie sorgfältig vor sich auf dem Tisch ausgebreitet hatte.

Außenansichten von allen Seiten. Und Fotos aus dem Inneren der Räume. Alles war so wie vor mehr als hundert Jahren. Sogar die alten Möbel waren zum großen Teil noch vorhanden.

Der Preis für das Haus ist wirklich äußerst niedrig“, sagte Turnstall. „Die Eigentümer sind eine Erbengemeinschaft, die sich vertraglich verpflichten, das Haus unter Berücksichtigung eines gewissen Abschlags auch zurückzukaufen, wenn der Käufer vom Vertrag zurücktreten will. Nun, ist das Angebot fair?“

Und das ist die Wahrheit?“ Tanja sah ihn an.

Ich bin ein Ehrenmann, Miss Ferry!“ Turnstall wirkte in diesem Moment entsetzlich steif. „Das Haus wurde ja auch von den Vorbesitzern, die zurück nach London gingen, problemlos an die Erbengemeinschaft der Gebrüder Woolton zurückveräußert. Wenn Sie wünschen, lege ich Ihnen die Papiere zur Einsicht vor – sofern Sie dem Wort eines englischen Gentlemen nicht trauen!“

Doch, ich traue Ihnen, Mister Turnstall“, erklärte Tanja. „Wenn das so ist, dann sehe ich nicht ein, warum ich es nicht mal versuchen sollte – sofern die Gespenster im Preis für das Haus nicht eingeschlossen sind!“ Sie hatte sich jetzt wieder voll im Griff und versuchte zu lächeln.

Dann darf ich Sie bitten, hier den Kaufvertrag in dreifacher Ausfertigung zu unterschreiben, Miss Ferry“, sagte Archibald Turnstall. „Und wenn Sie mir hier auf diese Blätter noch einige Autogramme geben könnten für meine Kinder.“

Tanja gab ihm die Autogramme, die er wünschte. Das letzte setzte sie unter einen Scheck über eine höhere Summe, die aber für dieses Anwesen trotzdem fast lächerlich niedrig war.

Damit war sie die neue Eigentümerin eines alten englischen Landsitzes.

Das Haus auf dem Geisterhügel hatte eine neue Herrin …


*


Und du hast einfach unterschrieben, ohne dir das Haus wenigstens einmal anzusehen, Tanja?“, fragte George Johnson und starrte sie über sein Whiskyglas hinweg an. In den grauen Augen seines markanten Gesichtes lag Unverständnis.

Vielleicht habe ich etwas sehr Dummes getan!“, seufzte Tanja. „Aber auf den Bildern sah das Haus einfach zu schön aus. Nur die Gespenster …“

Ich rede nicht von Gespenstern oder was immer da spukt!“, gab George zurück. „Jedes Schloss in England oder Schottland, von Wales ganz zu schweigen, hat seinen eigenen Hausgeist. Das gilt, auch für die alten Landhäuser. Ich denke daran, dass du in einen solchen alten Kasten eine Menge Geld investieren musst, um ihn einigermaßen bewohnbar zu machen.

Die meisten Adelsfamilien stoßen diese Häuser für Spottpreise ab, weil die laufenden Kosten und die notwendigen Reparaturen einfach ihr Kapital übersteigen. Sie warten ja nur auf Käufer wie dich, die im Überschwang der Gefühle schnell unterschreiben – und dann feststellen, dass die Häuser über mangelhafte sanitäre Einrichtungen verfügen und oftmals nicht mal ans Stromnetz angeschlossen sind.

Sie liegen so weit ab von jeder menschlichen Ansiedlung, dass besonders im Winter die Versorgung kompliziert wird. Und weil wir gerade vom Winter reden – was denkst du, wie schwer es ist, so ein Haus mit dem Kamin zu beheizen? Oder hat deine Villa etwa eine Zentralheizung? Und überhaupt …!“

George Johnsons Stimme klang erregt. Tanja hörte ihm zu. Was er sagte, klang richtig. So betrachtet war der geringe Preis durchaus verständlich.

Bewundernd betrachtete Tanja sein ernstes Gesicht, als er ihr nüchtern und sachlich die Fakten aufzählte, die sie hätte bedenken müssen.

George war ungefähr einen Kopf größer als Tanja. Er hatte schmale Hüften und einen athletischen Körperbau, der ihn geeignet für alle Arten von Rollen machte, die sich ein phantasievoller Drehbuchautor ausdenken konnte.

Vor einer guten Woche hatten sie gemeinsam eine Szene im Wasser gedreht. Ein Urwaldfilm, bei dem George nur mit einem Lendenschurz aus Leder bekleidet gewesen war. Sein Körper war braungebrannt und wohlproportioniert. Das Ergebnis verschiedener Sportarten, die er betrieb und gezieltem Konditionstraining im Fitnesscenter. Man sah George Johnson die männliche Kraft nicht nur an – man konnte sie auch richtiggehend spüren.

Tanja war gar nicht böse gewesen, dass es das Drehbuch vorschrieb, sich von ihm retten zu lassen. Im Studio hatte man eine Stromschnelle nachgebaut. Obwohl Tanja eine gute Schwimmerin war, genoss sie es doch, von seinen starken Armen umspannt und an seine breite, muskulöse Brust gepresst zu werden. Sie konnte fast nicht genug davon kriegen.

Sechsmal musste die Szene wiederholt werden, und der Regisseur tobte. Mal schmiss Tanja die Szene, mal George Johnson. Als George sie am Abend zum Essen einlud und sie in einem indischen Restaurant in Londons Vergnügungsviertel Soho speisten, gestand ihr George, dass er die Szene absichtlich einige Male verpfuscht hatte, um ihr nahe sein zu können. Tanja machte ihm dasselbe Geständnis und das kleine Geheimnis schmiedete sie zusammen.

Doch weder Tanja noch George waren daran interessiert, die Beziehung auszuweiten. George hatte eine gescheiterte Ehe hinter sich, und Tanja wollte sich zu diesem Zeitpunkt absolut nicht fest binden.

Beide stellten aber fest, dass es gut war, einen Freund zu haben, mit dem man sich aussprechen konnte. Deshalb hatte ihn Tanja auch heute in seinem geheim gehaltenen Hotelzimmer im Regent Palace Hotel am Trafalgar Square aufgesucht, um ihm als erstem von Woolton Hall zu berichten. Und damit natürlich die Einladung zu einer improvisierten Einweihungsparty auszusprechen, die nach Möglichkeit am übernächsten Wochenende stattfinden sollte. Tanja musste sich nur erst etwas einrichten.

Bestimmt hast du recht, ich habe ohne zu überlegen gehandelt“, schnitt Tanja George das Wort ab. Seine Ausführungen wurden ihr langweilig. Tanja hatte sich diesen Abend viel schöner vorgestellt. Denn morgen wollte sie schon mal mit einigen Koffern hinausfahren und das freie Wochenende in Woolton Hall verbringen. Wenn er so weiterredete, dann nahm er ihr glatt die Freude daran.

Ich kann dich ja verstehen“, brummte George. „Manchmal verhalte ich mich ja auch so. Weißt du, als ich den Jaguar gekauft habe …“

Tanja seufzte ergeben. Sie kannte diese Story, George hatte sie ihr mindestens schon drei Mal erzählt. In den Studios kannte die Geschichte auch jeder Beleuchter und jede Garderobenfrau.

George Johnson hatte einen alten Jaguar gekauft. Einen E‑Typ mit kleinem Fahrerraum und langgezogenem Motorraum. Dazu eine knallrote Lackierung. Doch an dem Wagen war ständig etwas nicht in Ordnung, und außerdem gab es kaum mehr Ersatzteile, weil das Auto nicht mehr hergestellt wurde. George musste sich nach einem Monat noch einmal den gleichen Wagen zulegen, um Ersatzteile zu haben. Dazu kam, dass sich dieser Sportwagen zwar auf gerader Strecke rasant fahren ließ, für den Stadtverkehr in London jedoch völlig ungeeignet war.

Inzwischen war der Jaguar längst Vergangenheit, doch George hatte letztlich noch ein gutes Geschäft damit gemacht, indem er den seltenen Wagen an eine Studioproduktion verkaufte, die eine Fernsehserie über einen New Yorker FBI Agenten drehte.

Derzeit fuhr George einen rasanten Porsche, der nicht nur schnell, sondern auch überaus wendig war, denn George Johnson war sehr gut im Geschäft und konnte sich das problemlos leisten. Kaum ein Action-Film oder ein Agenten-Streifen kam ohne ihn aus. Durch seine Kondition, seinen Wagemut und seinem Einsatz vor der Kamera benötigte er nur für wirklich gefährliche Filmszenen einen Stuntman, und das auch nur deshalb, weil es die Versicherung forderte.

Er hatte, wie Tanja feststellen musste, nur drei wirkliche Leidenschaften. Schnelle Autos, guten Scotch-Whisky und die hübschen Girls von London. Aber Tanja hatte sich vorgenommen, ihm diese Leidenschaften irgendwann auszutreiben.

Sie selbst hatte in den letzten Monaten ihre eigenen Hobbies immer mehr zurückstellen müssen. Sie spielte leidenschaftlich gern Klavier. Aber in ihrem kleinen Apartment konnte sie kein solches Instrument aufstellen, und das kleine, elektronische Klavier, das in einer Ecke des Zimmers verstaubte, hatte ein ungenügendes Tastenfeld. Für etwas Unterhaltungsmusik reichte es, aber nicht für Klavierwerke von Mozart oder Beethoven, die Tanja Ferry gern hörte und auch spielte.

Außerdem war sie, wenn sie abends aus dem Studio kam, zu übermüdet, um noch eine Sonate zu spielen. Sie musste sich auch zu sehr auf die Rolle konzentrieren, wenn gleich am nächsten Tag gedreht wurde. Dadurch blieb die Freizeit auf der Strecke. Seit mehr als einem Jahr kam Tanja nicht mehr dazu, in Ruhe ein Buch zu lesen, einen Abend in der Oper zu verbringen oder durch ein Museum zu schlendern.

Ich habe nur morgen am Vormittag Dreharbeiten und dann den Nachmittag frei“, erzählte Tanja und nippte an ihrem Sherry. „Wenn die Aufnahmen schnell über die Bühne gehen, dann habe ich ein verlängertes Wochenende. Nick, unser Regisseur, sagte mir am Telefon, dass ich erst wieder am nächsten Mittwoch vor die Kamera muss. Zeit genug, um sich etwas auf Woolton Hall einzuleben und einzurichten!“

Dann ist das hier heute unser letzter Abend?“, fragte George und setze das Whiskyglas ab.

Du bist mir jederzeit willkommen!“, gab Tanja zurück. „Colchester ist nur dreißig Meilen von London entfernt. Und die Strecke ist gut ausgebaut. Da kannst du deinen Porsche mal richtig ausfahren!“

Damit mich wieder die Polizeistreife wegen überhöhter Geschwindigkeit stoppt, wie damals?“ George hob die Brauen.

Was ist denn da geschehen?“, fragte Tanja. „Bist du wieder wie ein Stuntman gefahren?“ George Johnsons Fahrkünste waren Legende. Hinter dem Steuer war er noch draufgängerischer als in seinen wilden Action-Filmen.

Damals hat mich eine Streife gestoppt, und der Polizist hat mich nach meinem Pilotenschein gefragt“, erklärte George.

Und was hast du gemacht?“, wollte Tanja wissen.

Ich hatte zufällig meine Fluglizenz dabei. Die habe ich dem Polizisten gezeigt!“ George lachte.

Und was hat er gesagt?“ Tanja war neugierig.

Er bat mich, künftig nicht mehr so tief zu fliegen. Sonst nichts. Hier in England hat man doch Humor!“ George nahm den letzten Schluck aus seinem Whiskyglas. „Dreißig Meilen sind wirklich keine Strecke, um eine Freundin zu besuchen.“

Du kommst also?“, fragte Tanja. „Wann denn?“

Du brauchst einen starken Mann zum Einräumen und Möbelrücken, stimmt’s?“, antwortete George mit einer Gegenfrage.

Vielleicht noch einen Handwerker zum Tapezieren oder zum Verlegen von Teppichen.“ Tanja lächelte. „Oder einen Klempner, falls die Installation zu wünschen übrig lässt. Und einen Elektriker, wenn die Verkabelung nicht stimmt. Außerdem einen Maurer, wenn was am Gebäude baufällig ist – und letztlich einen Geisterjäger für die Gespenster, die freundlicherweise im Preis inbegriffen sind. Ach ja, das Haus hat auch einen Kamin. Also müsste Holz gehackt werden.“

Aber Tanja, ich kann doch nicht …“, stammelte George wie erschlagen.

Im Film kannst du immer alles!“, sagte Tanja spitzbübisch. „Der große Held, der sich in allen Lebenslagen zurechtfindet. Der nicht nur so aussieht, wie sich jede Frau in England und der restlichen Welt den Mann ihrer Träume vorstellt, sondern der auch das kann, was richtige Männer eben draufhaben sollten!“

Verschone mich!“, stöhnte George. „Das Wichtigste, was ein richtiger Mann können muss, das beherrsche ich ziemlich gut. Aber ein Handwerker bin ich ganz und gar nicht. Da habe ich zwei linke Hände!“

Und was kannst du, was dich als richtigen Mann auszeichnet?“ Tanja sah ihn spitzbübisch an.

Möchtest du eine Demonstration?“, fragte George belustigt.

Ich will es nur wissen!“

Es gibt Dinge, über die redet ein englischer Gentleman nicht!“ George spielte in diesem Augenblick gekonnt einen steif zurückhaltenden Briten.

Du bist gemein, George!“, fauchte Tanja. „Aber ich weiß genau, was du meinst!“

Weißt du nicht!“ George war amüsiert.

Weiß ich doch!“

Wetten dass du es nicht weißt?“

Um was wetten wir?“

Um einen Kuss!“ Georges Stimme klang fest. „Um einen richtigen Kuss!“, setzte er bedeutungsvoll hinzu.

Die Wette ist angenommen!“

Und was ist das für eine Sache, die ich deiner Meinung nach als richtiger Mann beherrschen muss?“, fragte George lauernd.

Ich denke, du hältst dich für einen sehr guten Liebhaber“, sagte Tanja fröhlich – dann erschrak sie über sich selbst und wurde rot.

Als sie das amüsierte Gesicht von George sah, wusste sie auch, dass sie ihm auf den Leim gegangen war.

Falsch geraten. Und deswegen bekomme ich den Kuss!“

Erst, wenn du mir ehrlich sagst, was es in Wirklichkeit ist!“ Tanjas Stimme klang fest. „Und keine Flunkereien. Was kannst du, was ein richtiger Mann können muss? Raus mit der Sprache!“

Ich kann hervorragend kochen!“

Auf diese Worte hin verschluckte sich Tanja am Rest ihres Sherrys. Sie musste husten.

George sah sie belustigt an.

Du gemeiner Kerl!“, rief Tanja. „Du hast mich reingelegt!“

Du hast die Wette verloren, und ich komme jetzt kassieren!“, sagte George.

Langsam erhob er sich.

Tanja sah, dass die Fröhlichkeit aus seinem Gesicht verschwand. Er wurde ernst. Aber ein undeutliches Lächeln spielte trotzdem um seine Lippen. Der Blick aus seinen grauen Augen wirkte auf eine unheimliche Art erregend.

Auch Tanja stand unwillkürlich auf, sie spürte, wie George seine Hände an ihre Hüften legte und sie sanft berührte. Unglaublich vorsichtig zog er sie zu sich heran.

Unbewusst kam ihm Tanja entgegen. Ihr Mund war leicht geöffnet. Ein Augenblick, auf den sie gewartet hatte.

Sie spürte den sanften Druck seiner Lippen und erwiderte seinen Kuss. Aus Zärtlichkeit wurde Leidenschaft. Der milde Schein der Kerzen und die anheimelnde, gemütliche Atmosphäre des Hotelzimmers ließen alle inneren Spannungen in Tanja vergehen. Sie ließ sich treiben und gab sich ganz den Gefühlen hin, die sie nun in sich verspürte.

Ihre Hände schlossen sich um Georges Nacken und zogen ihn hinab. In ihr war ein unbeschreibliches Gefühl, von dem sie nicht genug bekommen konnte.

Dann spürte Tanja, wie George sie mit seinen starken Armen emporhob und in Richtung Schlafzimmer trug …


*


Als Tanja erwachte, war es schon heller Tag. Die Sonne schien durch das Fenster, dessen Vorhänge jetzt zurückgezogen waren. Ihre Strahlen kitzelten ihre Nase.

In der kleinen Küche des Hotel-Apartments klapperte Geschirr.

Tanja sah auf die Uhr. Dann legte sie sich wieder zurück. Für George und sie war für heute nur ein kurzer Drehtermin gegen Mittag angesetzt. Wenn sie gegen zehn Uhr im Studio erschienen, war es noch früh genug.

Kein Grund, jetzt aus dem Bett zu springen. Tanja kuschelte sich wieder in die weiche Daunendecke Und versuchte, den Traum von eben wieder aufzugreifen.

Ein Traum, in dem George die Hauptrolle spielte.

Ein seliges Lächeln glitt über Tanjas Gesicht …

In diesem Moment öffnete sich die Tür. George erschien mit einem Tablett.

Tanja stützte sich im Bett auf, gähnte herzhaft und versuchte, ihre blauen Augen jetzt offen zu halten.

Guten Morgen!“ George lächelte. „Was hältst du von einem Frühstück im Bett?“

Er stellte Tanja das Tablett hin. Sie schenkte sich eine Tasse Tee ein, nahm Milch und Zucker und kostete.

Ich könnte mich dran gewöhnen“, sagte sie. „Hoffentlich finde ich mal einen Ehemann, der so gut Tee zu kochen versteht.“

In den Teeblättern habe ich gelesen, dass du demnächst einen Heiratsantrag bekommen wirst“, sagte George lächelnd.

Vom Schlossgespenst von Woolton Hall?“, fragte Tanja.

Natürlich. Von wem denn sonst?“ George blieb immer noch ernst. Nur seine Augen lachten. „Und wie wird deine, Antwort sein?“

Ich denke, als Geisterbraut mache ich eine gute Partie.“ Tanja spielte das Spiel mit. „Wenn mich das Gespenst von Wooltort Hall auffordert, seine Frau zu werden, dann sage ich ja. Denn Gespenster können unglaublich zärtlich sein …!“


*


Nach dem Frühstück fuhren sie gemeinsam mit Georges Porsche zu den Studios, Ein flüchtiger Kuss, dann musste jeder in seine Garderobe und zur Maskenbildnerin.

Für Tanja waren die Dreharbeiten nach drei Stunden, die sie vollkommen konzentriert vor der Kamera stand, erledigt. Danach traf sie mit George zusammen, der in einem anderen Teil des Sets einige Probeszenen abgedreht hatte.

Eine betrübliche Mitteilung“, sagte er traurig. „Nick hat gesagt, dass wir mit dem Drehplan im Verzug sind. Er hat angeordnet, dass die Arbeit am Wochenende weiterläuft. Ich muss wohl Überstunden machen.“

Das bedeutet, dass du nicht kommen kannst!“ Tanja kannte den Betrieb in den Filmstudios und wusste, dass es keine Ruhepause gab, wenn ein Film mit den Dreharbeiten in Verzug geriet. Der Produzent hatte längst den Termin für die Premiere bekanntgegeben, und eine Verschiebung kostete viel Geld.

Nick Barret, ein Starregisseur aus Hollywood, der ausnahmsweise an einer englischen Produktion arbeitete, war in diesen Dingen unerbittlich. Was er von sich selbst verlangte, das sollte auch das ganze Team bringen. Privat war er ein echter Kumpel – bei der Arbeit aber eher ein Sklaventreiber, der unbedingte Perfektion vor der Kamera sehen wollte. Deswegen waren aber auch alle seine Filme absolute Kassenerfolge. George und Tanja waren stolz darauf, mit ihm arbeiten zu können.

Vielleicht klappt es mal, dass ich auf eine Tasse Tee am Abend vorbeikommen kann, wenn die Arbeit abgeschlossen ist und Nick sich mit dem Produzenten die Aufnahmen ansieht“, hoffte George. „Aber ich glaube, dass ich am Abend nur noch todmüde ins Bett falle.“

Ihr dreht das Showdown?“, fragte Tanja ahnungsvoll.

George nickte.

Da wusste Tanja genug. Der Action Streifen, den sie gerade drehten, hatte jede Menge rasante Kampf-Szenen, die George oft an den Rand der körperlichen Belastbarkeit stellten. Zwar hatte er den schwarzen Gürtel in Karate – aber diese komplizierten Schläge immer wieder auszuführen, weil es dem Regisseur noch nicht gut genug war, das kostete enorme Energie. Und dieser Showdown des Films sollte alles bisher Gebotene in den Schatten stellen.

Vielleicht besuchst du mich ja mal.“ George lächelte schwach. „Wo ich wohne, weißt du ja. Und ich bin sicher, dass ich eine Menge blaue Flecke haben werde, die du mir kühlen kannst. Obwohl alles nur Kino ist, tut es doch manchmal höllisch weh, wenn man selbst oder der andere versehentlich tatsächlich zuschlägt.“

Vielleicht komme ich tatsächlich“, meinte Tanja. „Wenn die Gespenster von Woolton Hall mir Ausgang gewähren!“

Sie konnte nicht ahnen, was sie mit ihren Worten da heraufbeschwor.


*


Zwei Koffer waren schnell gepackt. Tanja Ferry war es gewöhnt, auf Reisen zu sein und wusste ganz genau, was sie mitnehmen musste. In die Handtasche steckte sie die Besitzurkunde von Woolton Hall, die sie bei einem gewissen Winston Stuart vorlegen musste. Das war der Bürgermeister von Somerset Mills. Er hatte derzeit den Schlüssel für das Haus und sah gelegentlich dort nach dem Rechten.

Keuchend und ächzend schleppte Tanja ihre Koffer hinunter in die Tiefgarage, wo ihr kleiner Rover stand. Der Wagen war nicht besonders groß, aber wendig im Straßenverkehr und schnell genug auf der Strecke. Bedauerlicherweise war der Kofferraum mit den beiden Gepäckstücken bereits gefüllt. Die Topfpflanzen, die Tanja mitnehmen wollte, mussten notgedrungen auf den Rücksitz. Es war kaum anzunehmen, dass sich in Woolton Hall Blumen befanden. Tanja braucht aber welche, um sich wohlzufühlen. Ihr kleines Apartment wirkte fast wie ein kleiner Urwald. In jeder Ecke stand ein Blumentopf mit einer hohen Zimmerpflanze darin.

Als Tanja die Rückbank des Rovers mit Blumentöpfen vollgestellt hatte, war im Apartment nicht zu erkennen, dass irgendetwas fehlte. Nur Tanja sah auf den ersten Blick, an welchen Stellen sie ihre „Lieblinge“, entfernt hatte. Sie tröstete sich in der Hoffnung auf Ableger, weil sie das Apartment behalten wollte.

Tanja ging noch einmal nach oben und verschwand unter der Dusche. Das brauchte sie jetzt ganz dringend, obwohl der Tag immer weiter vorrückte. Jetzt, im beginnenden Herbst, wurde es früher dunkel. Hoffentlich kam sie noch früh genug nach Woolton Hall, um im Hellen die ersten Eindrücke des Gebäudes zu erhaschen.

Sicherheitshalber hatte sie eine Taschenlampe eingepackt und nahm sich vor, auch die Petroleumlampe mitzunehmen, die eine besondere Zierde ihres Bücherregals darstellte. Das Licht dieser Lampe war besonders warm und schuf eine anheimelnde Atmosphäre von Gemütlichkeit, wenn Tanja sie mal entzündete.

Einen gewissen Vorrat an Büchern hatte Tanja schon in den Koffern verstaut.

Während sie sich nun zurechtmachte und das lange, goldfarbene Haar föhnte, schwelgte sie bereits in romantischen Vorstellungen. Ein altes Haus, das ihr ganz allein gehörte. Niemand, der ihr sagte, was sie zu tun und zu lassen hatte. Und wo sie auch noch in der Nacht Klavier spielen konnte. Denn auf den Bildern hatte sie sehr wohl den kostbaren schwarzen Konzertflügel gesehen, der nach Angaben des Anwalts noch tadellos in Ordnung sein sollte. Keiner, der sie mit wilden Klopfgeräuschen unterbrach, wenn sie gerade in Stimmung kam, Beethovens Mondscheinsonate zu spielen.

Für die Reise wählte Tanja Jeans, dazu eine helle Bluse und eine modische Jacke, wie sie in diesem Sommer topaktuell gewesen waren.

Prüfend betrachtete sie ihr ebenmäßig, oval geschnittenes Gesicht im Spiegel. Sie hatte ein wenig Rouge aufgetragen, um ein wenig Kontrast zu ihrer sonst sehr hellen Hautfarbe zu bilden.

Das Makeup war so dezent, dass es völlig natürlich wirkte. Tanja lächelte sich im Spiegel an und schnitt sich dann selbst eine Grimasse. Sie war ganz zufrieden mit sich.

Ein Griff nach der Petroleumlampe und der Handtasche – dann verließ sie das Apartment. Sorgsam schloss sie ab und klingelte bei Sandra, ihrer jungen Nachbarin, die sich um ihre Blumen kümmerte, wenn Tanja unterwegs war. Sandra war auch so eine Art Freundin, mit der sie sich problemlos über tausend Dinge unterhalten konnte. Allerdings erzählte sie ihr noch nichts von Woolton Hall, sondern redete sich mit Außenaufnahmen in Cornwall heraus.

Sandra gehörte zu den Frauen, die nicht neugierig sind, aber grundsätzlich alles wissen müssen. Sie wäre schon am Wochenende angerauscht, um nach dem Rechten zu sehen. Und Tanja wollte doch – von George Johnson abgesehen –vor der Menschheit Ruhe haben. Einige Worte und lustige Redewendungen, dann hatte Sandra den Schlüssel, und Tanja ging hinunter zum Wagen.

Sie hatte Glück, dass sie gerade noch rechtzeitig vor dem großen Feierabendverkehr aus London herauskam. Denn gerade am Freitagabend ist es besonders schlimm, weil die meisten Londoner, die es sich leisten können, das Wochenende auf dem Lande verbringen. Die nordöstlich nach Colchester führende Straße war gut ausgebaut, und Tanja kam zügig voran.

Bei Mark’s Tey , einem kleinen Dorf unweit der Stadt, verließ Tanja Ferry die Hauptstraße. Jetzt musste sie das Tempo drosseln. Die Landstraßen waren nicht so dicht befahren und deshalb im Allgemeinen sehr schmal und nicht im besten Zustand. Die landwirtschaftlichen Maschinen der Farmer und die Traktoren waren überall im Weg. Aber in dieser Jahreszeit wurde auf den Feldern geerntet. Immer wieder musste Tanja so langsam fahren wie die Mähdrescher und Ackergeräte. An manchen Stellen war die Straße so verbreitert, dass zwei Fahrzeuge aneinander vorbeikonnten. Dann huschte sie davon.

Tanja tröstete sich damit, dass die Straße außerhalb der Erntesaison so gut wie unbefahren war. Die Bauern auf ihren hohen Traktoren wiesen ihr die Richtung nach Somerset Mills, das Tanja sonst niemals gefunden hätte. Denn die uralten Hinweisschilder waren fast völlig unleserlich oder überhaupt verschwunden. Wer suchte schon ein gottverlassenes Nest wie Somerset Mills? Die Einheimischen kannten es – der Rest der Welt hatte sich nicht dafür zu interessieren.

Eine halbe Stunde später fand Tanja die gesuchte Ortschaft. Sie lag in einer Talsenke an einem kleinen Bach, der kristallklares Wasser führte. Eine Straße durchquerte den ganzen Ort und zog sich dahinter in Schlangenlinien in Richtung eines kleinen Wäldchens. Tanja sah aus der Entfernung etwas glitzern und funkeln. Über die Wipfel der Bäume strahlte es zu ihr herüber. Schon hier vom Hügel aus grüßte Tanja ihr neues Haus.

Woolton Hall! In der klaren Luft war ihr neuer Besitz bis hierher zu erkennen. Das musste der von Glimmer durchsetzte Schiefer sein. Diese Vorkommen waren sehr selten. Der Himmel mochte wissen, was es damals gekostet hatte, das Dach des Herrenhauses mit diesen Schiefertafeln zu decken. Als sich jetzt das helle Licht der rotgolden herabsinkenden Sonne darauf spiegelte, glich Woolton Hall einem Zauberschloss aus einem Märchen.

Und dieses Zauberschloss gehörte ihr, Tanja Ferry.

So schnell es der schlechte Zustand der Straße zuließ, fuhr sie hinunter zum Dorf. Einige Minuten späte war sie mitten in der Ortschaft und fuhr jetzt langsam, weil hier in aller Selbstverständlichkeit die Hühner frei auf der Straße herumliefen und sie keins überfahren wollte.

Somerset Mills bestand ungefähr aus zwei Dutzend alter; windschiefer Häuser, deren Mauern bestimmt mehr als zweihundert Winter erlebt hatten. Es waren Fachwerkbauten, deren Mauerwerk weiß verputzt war. Tanja erkannte jedoch, dass an den meisten Häusern im Laufe der vergangenen Jahrzehnte oft repariert worden war. Und dass diese Reparaturen nicht von einem geschickten Handwerker ausgeführt worden waren, sondern die Bauern die Sache, so gut sie es konnten, selbst gemacht hatten.

An manchen Häuserbalken über den Toren entdeckte Tanja alte Schnitzereien, an denen noch Reste der alten Farbe zu erkennen waren. Ornamente, Figuren und Inschriften mit Jahreszahlen. Tanja nahm sich vor, diesen Ort einmal genau anzusehen. Somerset Mills war ein kleines Museum, in dem aber Menschen wohnten. Allein die kunstvoll gearbeiteten Türbeschläge aus schwarzem Schmiedeeisen verdienten, irgendwo ausgestellt zu werden.

An der linken Seite der Straße stand die alte Kirche mit dem klobigen Turm. Sie wirkte grau und düster wie der alte Friedhof, der sie umgab. Tanja sah die aus groben Steinen aufgeschichtete Mauer, hinter der sich der Gottesacker rund um die Kirche erstreckte. Im Licht der rotgolden untergehenden Sonne bildeten die Silhouetten der verwitterten Grabsteine ein schaurig-schönes Schattenspiel, dass es Tanja wie Eiswasser über den Rücken rieselte.

Etwas außerhalb des Ortes erkannte sie die Mauerreste der ehemaligen Mühle, die dem Ort den Namen gegeben hatte. Durch die leeren Fenster und in den verlassenen Räumen spielte jetzt der Wind. Vom alten Mühlrad war nur noch ein verwittertes Fragment zu erkennen.

Tanja fand Somerset Mills hinreißend romantisch. Erinnerungen an ihre Kindheit auf dem Lande wurden wach. Vielleicht hatte sie sich immer im Unterbewusstsein nach dieser kleinen Welt gesehnt, wo jeder den Nachbarn kannte, man freundliche Worte wechselte und sich gegenseitig bei der Arbeit half, ohne an Bezahlung dafür zu denken.

Sie parkte ihren Rover gegenüber der Kirche und fand nach kurzer Suche das gesuchte Haus. Ein uraltes, verwittertes Holzschild verkündete, dass hier der Amtssitz des Bürgermeisters sei. Tanja musste lächeln, als sie daran dachte, dass dieses Schild sicher noch aus den Tagen von Königin Viktoria stammte. Hier auf dem Lande hätten auch die modernen Emailleschilder nur störend gewirkt.

Sie kramte die Besitzurkunde aus ihrer Tasche und ging hinüber zum Haus. Vergeblich suchte sie die Klingel. Offensichtlich gab es hier den Luxus elektrischer Türglocken noch nicht. Oder man war der Ansicht, dass die kleine Schelle, von der aus eine dünne Kette in Höhe der Hand ging, völlig ausreichte, um Aufmerksamkeit zu erregen.

Schulterzuckend griff sie nach der Kette und zerrte einige Male daran. Ein schrilles, disharmonisches Bimmeln war zu hören, als die junge Frau immer wieder am Griffstück zurrte.

Aus dem Inneren war eine dumpfe Männerstimme zu vernehmen. Dann polternde Geräusche, die näher kamen. Durch die Gardinen hinter der Scheibe erkannte Tanja die Gestalt eines Mannes, die wie ein wandelnder Kleiderschrank den Flur durchquerte.

Gleichzeitig hörte sie ein Geräusch, das sie nicht deuten konnte.

Tock! Tock! Tock! – Immer im gleichbleibenden Rhythmus.

Es klang, als ob jemand mit einem mächtigen Holzhammer auf die Bretter der Dielen schlug.

Tock! Tock! Tock! – Je näher die Gestalt des Mannes kam, umso intensiver wurde das unheimliche Geräusch.

Obwohl es noch helllichter Tag war, bekam Tanja eine Gänsehaut. Das Unterbewusstsein des Menschen hat Angst vor Dingen, die es nicht kennt. Und die junge Frau konnte, sich nicht vorstellen, woher diese unheimlichen Geräusche stammten.

Hässliches, metallisches Knacken verkündete, dass der Riegel der Tür umgelegt wurde. Dann noch ein knirschendes Geräusch, als von innen der Schlüssel im Schloss gedreht wurde.

Quietschend und kreischend schwang die Tür nach innen auf.

Tanja Ferry prallte zurück, als sie die mächtige Gestalt des Mannes vor sich aufragen sah. Im Halbdunkel des Ganges war das Gesicht nur ungenau zu erkennen. Zwischen einem wildwuchernden schwarzen Bart und einem zerzausten Haarschopf leuchteten eine rote Nase und zwei dunkle Augen. Das gelbliche Gebiss war nicht mehr ganz vollständig, und von dem Zigarrenstummel, der zwischen den Lippen hing, ging ein übler Geruch aus.

Die Kleidung des Mannes schien nur aus Flicken zu bestehen und hätte jeder Vogelscheuche zur Ehre gereicht. Von Wasser und Seife schien der Herr des Hauses nicht viel zu halten. Der süßlich-saure Geruch ließ Tanja einen Schritt zurücktreten, wo die Luft besser war.

Wieder das tockernde Geräusch. Jetzt ganz nah.

Tanja sah auf den Boden. Direkt zu den Füßen des wildaussehenden Mannes. Schlagartig erkannte sie, woher das unheimliche Geräusch kam.

Der Herr des Hauses hatte nur ein Bein. Die Prothese, die aus dem speckig glänzenden Hosenbein herauslugte, war einfach geschnitzt wie ein Stempel. Mit Gehhilfen dieser Art begnügte man sich vor hundert Jahren. Aber hier in diesem Winkel des Landes waren die neuen Prothesen wohl noch unbekannt, die eine Behinderung solcher Art kaum mehr nach außen erkennen ließen.

Sie wünschen?“, dröhnte es Tanja wie die Posaune des Jüngsten Gerichtes entgegen.

Ich möchte Mr. Winston Stuart, den Bürgermeister dieses Ortes, sprechen“, sagte die junge Frau vorsichtig.

Dann fangen Sie nur an, Miss“, knurrte der Mann. „Er steht vor Ihnen!“

Sie sind … der Bürgermeister von Somerset Mills?“, fragte Tanja zweifelnd.

Der einzige Job, zu dem ich noch tauge, seit ich unter einen Mähdrescher kam und mein Bein verlor“, brummte Stuart. „Die anderen Farmer bestellen meine Äcker, und ich erledige dafür die Schreibarbeiten. Deshalb bin ich hier der Bürgermeister und muss nicht in ein Heim. Hier im Haus geht das mit dem Holzbein. Aber draußen auf dem Feld bin ich nicht mehr zu gebrauchen!“

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738912838
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (November)
Schlagworte
wenn grauen

Autor

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Titel: Wenn nachts das Grauen erwacht