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Das Augsburg-Experiment

2017 120 Seiten

Leseprobe

DAS AUGSBURG – EXPERIMENT


Ein Roman von Alfred Wallon





IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Manfredxy/123rf und Pixabay mit Steve Mayer, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Klappentext:

Dr. Andreas Fischer ist ein erfolgreicher Wissenschaftler, der für einen Augsburger Pharmakonzern arbeitet. Aber er betreibt noch unbemerkt eigene Forschungen, die von einer Organisation finanziert werden, denen ein Menschenleben völlig gleichgültig ist. Erst nachdem einige Menschen in Augsburg auf rätselhafte Weise verschwunden sind, beginnt die Polizei mit ihren Ermittlungen. Das einzige, was man bisher weiß, ist, dass zwei der Vermissten miteinander befreundet waren.

Als Hauptkommissar Robert Brandner Tage später vor der Leiche eines vermissten Studenten steht, ahnt er, dass dieser Fall purer Sprengstoff ist. Denn der Tote ist auf unerklärliche Weise um Jahrzehnte gealtert – und es gibt trotz weiterer Ermittlungen nicht die geringste Erklärung dafür.

Auch der Privatdetektiv Frank Gerber ist mit diesem Fall befasst. Die Mutter des toten Studenten und eine Freundin haben ihn beauftragt, einige Ungereimtheiten zu untersuchen. Dies bringt Gerber auf die Spur von Dr. Andreas Fischer, denn mittlerweile ist ein weiterer Student spurlos verschwunden. Als Gerber gewisse Zusammenhänge zwischen den beiden Fällen erkennt, ist kurz darauf sein eigenes Leben in Gefahr. Denn die Organisation, die hinter dem Wissenschaftler steht, möchte jeden Mitwisser ausschalten!


Eine ungewöhnliche Mischung aus Crime, Action und Phantastik, wie es sie bisher in der Fuggerstadt noch nicht gab!



Roman:

Freitag 21. Oktober 2016

Am Ortsausgang Aystetten gegen 5.00 Uhr



Sie muss jeden Augenblick kommen“, sagte der Mann und warf dabei einen Blick auf seine Armbanduhr, bevor er weitersprach. „Falls sie nicht verschlafen hat ...“

Glaubst du das?“, hörte er seinen Gespächspartner über das Handy. „Wir haben sie doch eine ganze Woche lang beobachtet. Solche Menschen kann man doch ganz leicht einschätzen. Die macht doch jeden Tag und jeden Abend fast das gleiche.“

Das schon“, meinte der Mann. „Aber so wie ich sie einschätze, muss man mit so etwas rechnen. Deshalb darf einfach nichts schiefgehen. Steht du am vereinbarten Ort?“

Natürlich“, lautete die Antwort des anderen. „Schon seit zehn Minuten. Ich bin pünktlich – das weißt du ...“

Wie viele Autos sind vorbeigekommen?“

Bis jetzt noch gar keines“, bekam er zu hören. „Doch … in diesem Moment schon. Aber das macht nichts. Der Nebel ist perfekt. Einen besseren Tag hätten wir nicht wählen können.“

Das stimmt“, nickte der Mann. „Ok – ich glaube sie kommt gerade. Ich muss jetzt aufhören. Wir sehen uns gleich. Ich bin gespannt, wie weit sie mit dem Auto noch fahren kann. Eigentlich dürfte sie es gar nicht mehr bis zum Tunnel schaffen. Halte dich bereit. Es muss schnell gehen.“

Gut.“

Weiterer Worte bedurfte es nicht. Der Plan war jetzt in die entscheidende Phase getreten. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Denn der Auftrag, den die beiden Männer erhalten hatten, war ganz eindeutig. Bis jetzt waren alle Vorbereitungen gut und unbemerkt vonstatten gegangen. Selbst die kleine Manipulation am Auto der Frau hatte niemand bemerkt. Wie denn auch? Um vier Uhr morgens schliefen die meisten Menschen – es war die Stunde, wo der Schlaf bekanntlich am tiefsten ist. Und diese Zeit hatte der Mann genutzt.

Der Plan der beiden Männer richtete sich gegen eine ahnungslose junge Frau, die eigentlich nur auf dem Weg zur Arbeit war und die nicht wusste, dass die bekannte und vertraute Welt, die bisher ihr Leben bestimmt hatte, sich schon in wenige Stunden in einen Scherbenhaufen verwandeln würde!


*


Freitag, 21.Oktober 2016

Kurz vor dem Neusäßer Tunnel gegen 5.30 Uhr



Silke Mertens drehte das Radio laut auf, als sie ihre Wohnung in Aystetten verließ, sich hinters Steuer ihres Ford Fiesta setzte und sich auf den Weg ins Klinikum machte. Die dröhnenden Bässe des CD-Players sollten helfen, ihre Müdigkeit zu vertreiben. Trotzdem gähnte sie mehrmals. Silke war noch sehr müde und wäre gerne zuhause geblieben, denn in der letzten Nacht hatte sie nicht viel Schlaf bekommen. Sie war mit zwei Freundinnen auf einer Party im Drunken Monkey´s gewesen, und dort war es recht spät geworden. Ganze drei Stunden hatte sie schlafen können, und als sie dann das schrille Klingeln des Weckers brutal aus ihren Träumen riss, war ihr das so vorgekommen, als hätte sie gerade erst die Augen geschlossen.

Aber das half alles nichts. Die Schicht im Klinikum rief, und Silke musste pünktlich sein, wenn sie sich keinen Ärger einhandeln wollte. Denn ihr Chef hatte nicht viel Verständnis für nächtelanges Durchfeiern. Da Silke aus dem Grund schon einmal Probleme gehabt hatte, musste sie sich jetzt umso mehr am Riemen reißen.

Sie fuhr über die Entlastungsstraße, vorbei an der Abfahrt Neusäß-Zentrum und würde in wenigen Augenblicken den Tunnel erreichen. Silke fuhr etwas schneller als es eigentlich erlaubt war. Aber sie wollte nicht zu spät kommen, weil sie keine Lust hatte, sich irgendwelche Vorträge wegen Unpünktlichkeit anhören zu müssen.

Zu dieser frühen Stunde war kaum jemand in diesem Bereich unterwegs. Plötzlich begann ihr Auto zu stottern und wurde langsamer. Hektisch trat sie das Gaspedal durch, aber das brachte auch nichts. Der Fiesta ruckte immer noch und schaffte gerade noch einmal hundert Meter - aber dann gab er seinen Geist ganz auf. Silke konnte den Wagen noch rechts auf einen kleinen Parkplatz kurz vor dem Tunnel lenken, so dass er kein Hindernis mehr darstellte. Sie versuchte zwar nochmals, den Motor zu starten, aber die Zündung war völlig tot.

Verdammt!“, fluchte sie und schlug wütend mit der Faust aufs Lenkrad. „Ausgerechnet jetzt!“

Sie war noch einen guten Kilometer vom Klinikum entfernt - und ihr blieb nichts anderes übrig, als den Rest der Strecke zu Fuß zurückzulegen. Busse und Straßenbahnen fuhren zu dieser frühen Stunde nur im Stadtzentrum alle 10 Minuten, aber hier draußen würde das erst nach sechs Uhr der Fall sein. Bis dahin musste sie aber längst im Klinikum sein. Wenn sie sich beeilte und etwas schneller ging, war das auch zu schaffen.

Um das Auto konnte sie sich jetzt nicht mehr kümmern. Vom Klinikum aus wollte sie in der Werkstatt anrufen. Die würden dann den Schlüssel bei ihr abholen und sich dann um alles Weitere kümmern. Mit etwas Glück war dann bis zu ihrem Feierabend alles geregelt.

Noch wurde die aufgehende Sonne von dichten Nebelschleiern verhüllt. Es war kalt, und Silke fror. Sie trug nur eine dünne Jacke und hatte sich natürlich nicht darauf eingerichtet, noch eine gewisse Strecke zu Fuß zu gehen. Aber das ließ sich nun nicht vermeiden.

Sie drehte sich noch einmal kurz um, bevor sie den Eingang des Tunnels erreichte. Auf einmal spürte sie ein eigenartiges Gefühl tief in ihrem Inneren, als sie den Tunnel betrat und bemerkte, wie dumpf und hohl ihre Schritte dabei klangen. Unwillkürlich beschleunigte sie ihre Schritte, denn sie wollte diese 450 Meter durch den Tunnel so schnell wie möglich hinter sich bringen.

Ihr Auto konnte sie schon nicht mehr erkennen, obwohl sie vielleicht gerade hundert Meter hinter sich hatte. Aber der Nebel verschluckte fast alles, ließ sie den Verlauf der Straße vor Beginn des Tunnels nur erahnen. Silke kam sich allein und verlassen vor, und der dichte Nebel trug auch nicht gerade dazu bei, ihre Laune zu heben. Die hatte jetzt den sprichwörtlichen Nullpunkt erreicht.

Eine gute Viertelstunde war vergangen, und die Zeiger ihrer Armbanduhr rückten mitleidlos auf sechs Uhr vor. Nein, sie würde es doch nicht schaffen, pünktlich zu sein. Aber vielleicht drückte Dr. Cloos ja noch ein Auge zu, wenn sie nur ein wenig zu spät kam. Schließlich war sie ja nicht schuld daran, dass ihr Auto liegengeblieben war...

Plötzlich hielt Silke inne, weil sie hinter sich ein leises Scharren vernommen hatte. Sie zuckte zusammen, war verunsichert und blickte sich misstrauisch nach allen Seiten um. Aber das Zwielicht des Tunnels ließ nichts Auffälliges erkennen.

Da war doch gar nichts, redete sie sich selbst Mut zu, ging aber trotzdem schneller als sonst. Ausgerechnet jetzt musste sie daran denken, dass hier schon einmal eine Frau von einem Exhibitionisten belästigt worden war. Die Polizei hatte den Kerl aber zum Glück nur wenige Tage später schnappen können.

Da - jetzt hörte Silke wieder ein leises Tappen! Und diesmal kam es aus einer ganz anderen Richtung. Am anderen Ende des Tunnels bemerkte sie plötzlich eine konturenhafte Gestalt in den Nebelschwaden. Aber nur für Bruchteile von Sekunden. Hatte sie sich das womöglich nur eingebildet?

Ihr Herz pochte schneller, als sie sich erneut umdrehte und zurückschaute.

Schritte erklangen...

Da läuft jemand, warnte sie eine innere Stimme. Mein Gott, das ist hoffentlich keiner von diesen ...?

Mittlerweile war Silke so nervös, dass ihre Hände zu zittern begannen. Sie keuchte, während sie noch schneller ging – sie rannte jetzt, wollte so schnell wie möglich das Ende des Tunnels erreichen. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie endlich den Tunnel hinter sich ließ. Aber der Nebel, der sie jetzt umhüllte, trug alles andere dazu bei als ihre Angst zu mindern.

Weiter drüben begann sich der Nebel etwas zu lichten, und sie konnte die Lichter des großen Klinikums sehen.

Wäre der Nebel nicht gewesen, dann hätte sie auch diese beklemmende Atmosphäre nicht so gespürt. Aber selbst die Bäume am Straßenrand wirkten an diesem Morgen seltsam bedrohlich.

Mir tut doch keiner was, redete sie sich selbst Mut zu. Es lohnt sich doch gar nicht bei mir. Ich habe gerade mal zehn Euro in der Tasche. Und außerdem habe ich doch bisher immer Glück gehabt. Nein, nein - mir passiert schon nichts...

Das Herz schlug ihr bis zum Hals, und nun war es aus und vorbei mit der Ruhe, zu der sie sich selbst gezwungen hatte. Sie wusste, dass hier etwas nicht stimmte, dass irgend etwas in den weißlichen Nebelschleiern lauerte und nur noch auf den richtigen Moment wartete, um zuzuschlagen.

Nur Bruchteile von Sekunden später tauchte plötzlich eine dunkle Gestalt seitlich vor ihr in den Nebelschleiern auf und stellte sich Silke demonstrativ in den Weg. Ein großer kräftiger Mann mit schwarzen Haaren. Seine Augen richteten sich mitleidlos auf die junge Krankenschwester.

Nein...nein...“, murmelte Silke mit erstickter Stimme und hob abwehrend beide Hände, als der Mann nun auf sie zuging. Aber diese momentane Starre hielt nicht lange an. Dann wirbelte sie urplötzlich herum und rannte einfach los. Genau in die andere Richtung – wieder auf den Tunnel zu - aber das wurde ihr erst viel zu spät bewusst. Genauso wie die schreckliche Tatsache, dass der Mann, der ihr nun mit keuchendem Atem hinterher rannte, offensichtlich nicht allein war.

Hilfe!“, schrie Silke mit lauter Stimme und betete inständig, dass dies irgend jemand hörte. Aber das Schicksal meinte es an diesem nebelverhangenen Morgen nicht gut mit ihr.

Ein weiterer Mann tauchte aus dem Tunnel auf, stellte sich ihr in den Weg. So plötzlich, dass ihm Silke buchstäblich in die Arme rannte. Er packte sie grob, riss sie herum und bog ihr beide Arme auf den Rücken.

Silke trat nach ihm, während sie fast verrückt vor Angst wurde. Sie reagierte wie ein in die Enge getriebenes Tier, schrie erneut laut um Hilfe, aber das wurde nur Sekunden später im Keim erstickt. Der zweite Mann war zur Stelle und presste seine schwielige rechte Hand so fest auf Silkes Mund, dass ihr die Luft knapp wurde.

Sei still!“, sagte er mit drohender Stimme dicht an ihrem Ohr. „Noch einen Laut, und du bist tot. Hast du das verstanden?“

Um seine Drohung zu untermalen, zückte er mit der anderen Hand ein Messer, dessen Klinge er gefährlich nahe vor Silkes hübsches Gesicht hielt. Sie schloss die Augen, wurde fast ohnmächtig vor Angst und gab jegliche Gegenwehr auf.

Einer der Männer hatte in der Zwischenzeit ein Tuch auf ihre Nase und ihren Mund gepresst, und Silke roch plötzlich etwas Süßliches, das sich betäubend auf ihre Atemwege legte und sie nur noch verschwommen sehen ließ. Arme und Beine fühlten sich auf einmal bleischwer an, und sie wollte nur noch eines: schlafen und diesen schrecklichen Albtraum vergessen.

Ihre Beine konnten das Gewicht des Körpers nicht mehr tragen. Silke brach bewusstlos in den Armen des Mannes zusammen. Sie merkte nicht mehr, wie der zweite Mann ihre Füße packte und sie dann mit Hilfe seines Kumpans zu einem Auto trug, das direkt oberhalb des Tunnels stand. Silke würde erst gut zwei Stunden später in einem dunklen Kellerraum wieder das Bewusstsein erlangen - aber dann würde der eigentliche Albtraum erst beginnen.

Denn für Silke Mertens würde es keine Rückkehr mehr geben. Sie war das zweite Opfer in einer Kette mysteriöser Vermisstenfälle - und ein winziges Teil in einem grausamen Mosaik, dessen Konturen noch unscharf blieben ...


*


Freitag, 11. November 2016:

Augsburg-Haunstetten, Königsbrunner Straße, Club Red Star - kurz vor Mitternacht



Ein tiefes Stöhnen drang aus seiner Kehle, als er sich nicht mehr länger zurückhalten konnte und sich mit zuckenden Bewegungen auf Jenny ergoss. Schweiß stand ihm auf der Stirn, als er über ihr zusammensank und das wilde Pochen seines Herzens spürte. Für Bruchteile von Sekunden wurde ihm schwarz vor den Augen, und er murmelte einen leisen Fluch, weil die schwarzhaarige Frau ihn so stark gefordert hatte.

Seine Blicke huschten umher, und er sah nackte, in sich verschlungene Leiber auf den Matratzen, die sich im Rausch der Sinne verloren. Auch Clara mischte wie üblich dort mit, wo sie sich am meisten Spaß erhoffte. Die brünette Clara, Betreiberin eines Party- und Swingerclubs, der den hochtrabenden Namen Red Star Club trug, befand sich im Mittelpunkt der Exzesse, die auf der Spielwiese jetzt ihren Höhepunkt fanden.

Zehn Personen hielten sich in diesem Raum auf, und keiner achtete mehr auf den anderen. Jeder gab sich seinen Lüsten und Wünschen hin, trieb auf einen baldigen Höhepunkt zu - und Minuten später erfüllten lautes Stöhnen und spitze Schreie den Raum, als die Welle endgültig überschwappte.

Jenny (er kannte nicht mehr als ihren Vornamen, denn weitere persönliche Kontakte waren im Red Star Club nicht erwünscht) blickte leer und irgendwie enttäuscht an ihm vorbei, fixierte einen imaginären Punkt an der Decke, während sich Dr. Andreas Fischer von ihr löste und etwas Unverständliches vor sich hinmurmelte. Er war zu früh gekommen - wie es öfters der Fall gewesen war. Aber auch an diesem Partyabend blieb er ein Gefangener seiner eigenen Befangenheit, der sich selbst in diesem hemmungslosen Partytreiben nicht richtig gehen lassen konnte.

Seine Sexpartnerin kümmerte sich daher nicht weiter um ihn, sondern wandte sich einem jüngeren Pärchen zu und schenkte einer blonden, hageren Frau ihre Aufmerksamkeit, die von ihrem Partner gerade oral befriedigt wurde. Und nur wenige Sekunden später war sie auch schon ein Teil des Ganzen und achtete nicht mehr auf den zweiundfünfzigjährigen Fischer, der sich von den Matratzen erhob und rasch den Raum verließ. Das Stöhnen der anderen Partygäste nahm er nur noch am Rande wahr.

Seine Gedanken waren eine Mischung aus Bitterkeit und Enttäuschung, die ihn auch an diesem Abend ergriffen und sein weiteres Denken und Handeln bestimmten. Er hatte schnellen Sex gehabt - aber da war wieder diese Leere danach, die ihn fast verrückt machte. Eine grenzenlose Enttäuschung, die er nicht mit Händen greifen und sie auch nicht in Worte fassen konnte - aber sie war und blieb immer noch sein ständiger Begleiter. Selbst an diesem Ort, an dem man frivole Spielchen miteinander treiben konnte. Zumindest versprach das die weibliche Stimme auf dem Anrufbeantworter des Partyclubs)

Willst du schon gehen?“, erkundigte sich Elisabeth, nachdem er geduscht und sich hastig angezogen hatte. Elisabeth stand an der Bar des Clubs und blickte dabei gelangweilt auf die alte Standuhr an der gegenüberliegenden Wand, lauschte mit einer Mischung aus verhaltener Neugier und sehnsüchtiger Erinnerung auf das Stöhnen und Keuchen jenseits des Perlmuttvorhanges, der die Spielwiese und die Bar voneinander trennte. „Komm, nimm noch einen Drink - es ist doch im Preis inbegriffen...“

Na gut - ein Bier. Aber mach schnell. Es wird Zeit, dass ich gehe...“

Bist du ungeduldig, weil deine Frau zuhause auf dich wartet und sich womöglich fragt, warum das Geschäftsessen mit deinem Kunden so lange dauert?, signalisierten Elisabeths Blicke. Natürlich sprach sie das nicht aus, sondern behielt diese Gedanken lieber für sich. Sie wusste nichts außer den Vornamen der Partygäste - und manchmal war sie sicher, dass selbst diese nicht stimmten. Nur Andreas - der hieß wirklich so. Er machte nicht den Eindruck eines Täuschers, sondern schien eher einer von der Sorte zu sein, bei denen sich die Midlife-Crisis einige Jahre zu spät eingestellt hatte und der damit offensichtlich nicht fertig wurde. Aber das war sein Problem...

Wohl bekomm's“, sagte Elisabeth, nachdem sie das frisch gezapfte Bier auf die blank polierte Theke gestellt hatte. „Das tut hinterher immer ganz gut, oder?“

Mensch, lass mich doch zufrieden!“, kam es barsch über Andreas Fischers Lippen, und seine Stimme klang so feindselig, dass sich Elisabeth hastig abwandte und den einsamen älteren Mann an der Theke nicht länger beachtete. Das war auch der Moment, wo weitere Partygäste an die Bar kamen.

Fischer hielt es jetzt hier nicht mehr länger aus. Enttäuschung zeichnete sich in seinen Blicken ab, als er Jenny zusammen mit dem jüngeren Pärchen von der Spielwiese kommen sah. In ihren Augen leuchtete ein Feuer, das er bisher niemals hatte entfachen können. Neid und Missgunst stiegen in ihm auf. Hastig trank er sein Bier aus und verließ grußlos die Bar.

Aber sein Verschwinden wurde ohnehin kaum registriert - er war nur ein zahlender Gast, der seine Lust nach Sex hatte befriedigen wollen - und dieses Verlangen kostete einen einzelnen Herrn jedes Mal hundert Euro. Pärchen dagegen zahlten eine weitaus niedrigere Pauschale - und einzelne Damen hatten sogar freien Zutritt ( aus verständlichen Gründen, denn es gab immer Herrenüberschuss...).

Ein Mann wie Andreas Fischer jedoch hatte kaum andere Möglichkeiten. Er lebte allein, hatte in den letzten fünf Jahren fast alle seine Freunde und Bekannten verloren. Es hatte ganz langsam begonnen sein Leben hatte sich praktisch verändert, als Heike gestorben war. Seine Frau, mit der er mehr als zwanzig Jahre verheiratet gewesen war. Aber der Krebs fragt nicht nach Liebe und Geborgenheit, wenn er unerwartet zuschlägt. Im Endstadium war Heike nicht mehr sie selbst gewesen, und die vielen Chemotherapien hatten auch eine einst so willensstarke Frau wie sie resignieren lassen. In der Uniklinik war sie gestorben, kurz vor Silvester 2015 - und Fischer war bis zum letzten Atemzug bei ihr gewesen.

Heikes grauenhafte Schmerzen und ihre Hilflosigkeit - all dies würde er nie vergessen können. Diese Bilder hatten sich in seinem Gedächtnis verankert - und sie traten immer in solchen Momenten wieder zum Vorschein, wenn seine Stimmung zwischen Melancholie und Bitterkeit hin und herschwankte.

Er hörte Jennys Lachen wie aus weiter Feme, während er nach seinem Mantel griff und sich nicht mehr nach den übrigen Partygästen umblickte, die nun die Bar umschwärmten. Ein schwerer, moschusähnlicher Geruch schwebte in der Luft, den er in diesen Sekunden als ausgesprochen widerwärtig empfand. Deshalb hatte er es umso eiliger, den Red Star Club zu verlassen.

Mit schnellen Schritten eilte er den schäbig wirkenden Flur entlang, riss die Haustür auf, trat ins Freie - und atmete erst dann wieder auf, nachdem er die schwere Tür hinter sich zugeschlagen hatte. Erst jetzt schien er aus einem Traum erwacht zu sein, dessen glitzernde und lüsterne Fassade sich in ein Meer aus Scherben verwandelt hatte. Vor allen Dingen dann, als seine Blicke nach links und rechts schweiften und sich vergewisserten, dass die Straße auch wirklich menschenleer war ( vielleicht ein Zeichen des stummen Eingeständnisses, dass er einen anrüchigen Ort betreten hatte).

Wind kam auf, zerrte an seinem Mantelkragen und ließ Dr. Fischer frösteln. Um diese Jahreszeit waren die Nächte in Schwaben schon empfindlich kalt - erst vor wenigen Tagen hatte bereits der erste Nachtfrost eingesetzt, und es würde nicht mehr lange dauern, bis sich erste Reifglätte auf den Straßen bildete.

Das Tappen seiner Schritte auf dem Gehsteig kam ihm in diesen Sekunden seltsam laut vor. Andreas Fischer hatte beide Hände in den Manteltaschen vergraben und hielt den Kopf gesenkt, als er sich vom Red Star Club entfernte und sich auf dem Weg zu seinem Wagen machte, den er einige hundert Meter entfernt am oberen Ende der Straße abgestellt hatte. Dort gab es einen Parkplatz am EDEKA-Center, der um diese Zeit immer frei war. Und für ihn war es die beste Lösung. Schließlich wollte er nach Möglichkeit verhindern, dass ihn jemand durch Zufall den Red Star Club betreten sah. Das würde seinem Ruf nicht gut tun.

Andreas Fischer fluchte, als er feststellen musste, dass sich auf der Windschutzscheibe seines roten BMW bereits erster Reif gebildet hatte. Missgelaunt zog er den Schlüssel heraus, schloss die Wagentür auf und suchte im Handschuhfach nach dem Eiskratzer. Dann machte er die Windschutzscheibe frei und schwor sich dabei, das nächste Mal lieber mit einem Taxi zum Red Star Club zu fahren...


*


Samstag 12. November 2016

Tanzbar Amarillo, Königsbrunn

Parkplatz vor der Disco, gegen 1.00 Uhr morgens



Jens Bauer fühlte noch das dumpfe Dröhnen der Rythmen in seinem Schädel, als er zusammen mit Lukas Walser und Tina Steffens die Tanzbar Amarillo verließ. Tina war noch völlig aufgedreht und summte mit verzückter Miene die letzten Klänge mit. Sie lachte, als der untersetzte Lukas beinahe gestolpert wäre - wenn ihn Jens nicht im letzten Moment aufgefangen hätte.

Lukas war nicht unbedingt ein Draufgängertyp - seinen Mangel an Flirterfahrungen kompensierte er mit dem übermäßigen Genuss von Alkohol. Und als die schlanke Tina ihm vor etwas mehr als einer Stunde sehr deutlich zu verstehen gegeben hatte, dass sie kein Interesse an einem One Night Stand mit ihm hatte, hatte sich Lukas aus Frust einiges an Alkohol hinter die Binde gekippt.

An der frischen Nachtluft rächte sich das. Ihm wurde übel, aber er versuchte dennoch krampfhaft, sich das nicht anmerken zu lassen. Deshalb war es ihm peinlich (erst recht vor Tinas Augen), dass Jens ihn bis zum Auto stützen musste.

Ich glaube, du brauchst dringend etwas Schlaf“, meinte Jens zu seinem Freund. „Ich bringe dich jetzt nach Hause - o.k?“

K... keine Sorge“, murmelte Lukas, der immer noch ziemlich blass im Gesicht war. „Ich halte das... schon aus. Von mir aus können wir noch in die Mahagoni Bar fahren.“

Ich nicht“, meldete sich Tina zu Wort. „Mir reicht' s für heute. Ich muss morgen früh raus - meine Eltern kommen zu Besuch, und da muss ich fit sein - versteht ihr?“

Willst wohl alles auf Hochglanz polieren, wie?“, kam es stotternd über Lukas’ Lippen (und seine Worte beinhalteten einen gewissen Trotz). „Also ich würde an deiner Stelle...“

Du bist aber nicht an meiner Stelle, Lukas“, fiel ihm die blonde Tina ins Wort und gab ihm mit einer eindeutigen Geste zu verstehen, dass es besser war, wenn er jetzt seinen Mund hielt. „Was ist, Jens? Soll ich mir hier noch die Füße in den Bauch stehen, bis ihr euch endlich einig geworden seid? Falls es noch länger dauert, kann ich auch ein Taxi nehmen...“

Nein - ich fahre dich nach Hause“, antwortete Jens rasch. „Nach Bergheim sind es ja nur zehn Minuten von hier. Komm, steig ein...“

Mit einem kurzen Achselzucken wollte er Tina zu verstehen geben, dass sie Lukas’ Worte besser nicht auf die Goldwaage legen sollte. Lukas war zu bis unter die Halskrause. Egal, was er jetzt sagte - er würde bei Tina nur noch weiter ins Fettnäpfchen treten.

Jens setzte sich ans Steuer, Lukas hockte sich neben ihn, und Tina nahm auf dem Rücksitz Platz. Jens startete den Motor des alten VW Golf. Es klappte nicht gleich beim ersten Mal - aber das war ja auch kein Wunder. Der Wagen hatte schon fast 150.000 km auf dem Tacho und war kurz davor, bald ganz den Geist aufzugeben. Für kurze Strecken war er noch gut - aber eine weite Reise wagte Jens damit nicht mehr.

Jens steuerte den Wagen vom Parkplatz, bog dann wenige hundert Meter später auf die Bobinger Straße ein und fuhr weiter in Richtung Wertachstraße. Von dort aus weiter zur Königsallee, die in die Bürgermeister-Wohlfarth-Straße mündete, dem Zentrum von Königsbrunn. Wenig später sahen die drei Freunde schon die blauen Warnlichter der Polizei. In Höhe des Cineplex-Kinos schien es einen Unfall gegeben zu haben.

Komm, fahr weiter rechts ab“, schlug Tina vor. „Ich habe keine Lust, im Stau zu stehen. Fahr über die Peter Dörfler-Straße, und dann nach links in die Heidestraße – von da aus kommen wir auch in Richtung Haunstetten.“

Jens nickte nur, widmete den blinkenden Blaulichtern vor dem Kino keine Aufmerksamkeit mehr und fuhr rechts ab. Die Haunstetter Straße, die schließlich in die Königsbrunner Straße mündete, war eine der größeren Zubringer in Richtung Zentrum. Hier reihten sich Wohn- und Geschäftshäuser aneinander.

Für Jens war das alles viel zu hektisch. Er lebte in Inningen. Zwar immer noch nahe bei Augsburger Statteil Göggingen, aber wesentlich ruhiger. Dort wohnte er in einem kleinen Zimmer mit Bad, Schlaf- und Kochgelegenheit - mehr war es nicht, aber Jens stellte keine großen Ansprüche. Lukas hatte es da etwas besser - er war Mitglied einer schlagenden Studenten-Verbindung, die ihm ein großzügiges Zimmer in einem Haus für ausgewählte, politisch positiv orientierte Studenten zur Verfügung gestellt hatte (was immer das auch für Konsequenzen mit sich brachte). Lukas sprach nicht viel darüber, also kümmerte es Jens auch nicht sonderlich.

Tina Steffens studierte nicht. Sie arbeitete als Verkäuferin in der City-Galerie bei Saturn. Sie lebte in Bergheim, in einem alten Mietshaus und bewohnte dort die obere Etage.

Fahr jetzt langsamer!“, riss Jens Tinas helle Stimme plötzlich aus seinen Gedanken. „Ja, wir sind schon auf der Königsbrunner Straße. Noch langsamer, Jens...“

Kopfschüttelnd drosselte Jens das Tempo, auch wenn er nicht wusste, warum er das tun sollte. Lukas Walser murmelte etwas vor sich hin, was Jens nicht verstand.

Ja, das ist gut so“, murmelte Tina in stiller Vorfreude. Während sie das sagte, huschte ihr Blick zur Straßenseite, und Jens fragte sich erneut, was es zu dieser späten Stunde dort Interessantes zu entdecken gab.

Die Königsbrunner Straße war stadtauswärts nicht gerade ein bevorzugtes Wohngebiet. Zahlreiche Gewerbetreibende hatten sich hier ebenfalls angesiedelt.

Tinas Interesse galt jedoch einem ganz bestimmten Haus. „Ich wusste, dass es hier was zu sehen gibt...“, murmelte sie, als die Lichtkegel der Scheinwerfer zwei Männer und zwei Frauen erfassten, die gerade das besagte Haus verließen. „Na sieh mal einer an“, fuhr sie dann kopfschüttelnd fort. „Siehst du die Frau da vorn, Jens? Ich meine die Rothaarige mit dem schwarzen Mantel? Gütiger Himmel das ist meine Nachbarin Julia Greven. Es kursieren schon einige Gerüchte im Ort, dass sie ein recht lockeres Leben führt. Aber das hier jetzt...“ Sie brach ab und suchte nach den passenden Worten.

Ach so - ihr wisst gar nicht, wo wir hier sind“, klärte Tina nun ihre beiden Freunde auf. „Das ist der Red Star Club - ein recht bekannter Swingertreff in und um Augsburg. Heute Abend haben die Partytime. Da war bestimmt' ne Menge los und...“

Woher weißt du das denn?“, fiel ihr Lukas Walser ins Wort. „Sag nur, du warst da schon mal drin...?“

Ach was - man muss nur die Augen und Ohren offenhalten“, erwiderte sie. „Und in der Augsburger Allgemeinen steht ohnehin fast jeden Tag eine Kleinanzeige von diesem Club. Mensch Jens - fahr jetzt endlich weiter. Die Greven muss mich nicht unbedingt sehen. Los, mach schon!“

Jens tat, was Tina sagte und beschleunigte den Wagen wieder. Der Red Star Club und die vier Gäste blieben hinter ihnen zurück.

Ich glaube, mir wird schlecht“, murmelte Lukas urplötzlich. „Halt an, ich muss gleich kotzen. Ich...“

Der Rest der Worte endete in einem Gurgeln, und das war ein eindeutiges Alarmsignal für Jens, kurz darauf auf die Bremse zu treten. Er lenkte den Golf an den Straßenrand, gegenüber vom EDEKA-Center und hielt an.

Lukas riss sofort die Beifahrertür auf, taumelte förmlich ins Freie und übergab sich nur wenige Schritte würgend neben einer Mauer. Er kotzte sich förmlich die Seele aus dem Leib - Alkohol in Maßen wäre besser für ihn gewesen.

Während sich Lukas‘ Mageninhalt auf dem Bürgersteig verteilte, blickte Jens ungeduldig hinüber zur anderen Straßenseite. Es wäre ihm peinlich gewesen, jetzt erwischt und zur Rede gestellt zu werden. Tina dagegen schien sich über Lukas augenblicklichen Zustand köstlich zu amüsieren. Sie kicherte immer wieder und schien das alles für einen großartigen Spaß zu halten.

Mehr aus einer Laune des Zufalls heraus glitten Jens’ Blicke weiter die Straße hinauf, entdeckten plötzlich einen Mann, der auf der anderen Seite der Straße marschierte und jetzt zu einem Auto auf dem EDEKA-Parkplatz ging. Er musste an ihnen vorbeigekommen sein, während Jens angehalten hatte - aber er war ihm trotzdem nicht aufgefallen, denn der Mann trug dazu noch einen dunklen Mantel.

Erst als er sich an der Wagentür zu schaffen machte und dabei kurz hinüber sah, konnte Jens sein Gesicht erkennen.

Also sowas ...“, murmelte er sichtlich überrascht. „Das ist ja...“

Er brach ab und sah zu, wie der Mann nun hastig in seinen Wagen stieg, den Motor startete und eine Spur zu schnell vom Parkplatz fuhr.

Was ist?“, wollte Tina wissen. „Kennst du den Typen etwa?“

Ja“, sagte Jens mit einem Achselzucken. „Das ist Dr. Fischer - er ist gewissermaßen mein Chef für die nächsten acht Wochen. Ich bin überrascht, ihn hier so spät noch zu sehen.“

Vielleicht war er ja auch im Swingerclub“, grinste Tina und konnte zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen, wie richtig sie mit ihrer Vermutung lag. „Solche älteren Typen stehen doch bekanntlich auf sowas. Ist dieser Dr. Fischer verheiratet?“

Was weiß ich?“, antwortete Jens. „Es interessiert mich auch nicht. Ich mag ihn nicht sonderlich. Das ist ein besonders penibler und korrekter Bursche. Mein Praktikum bei RED Diagnostics ist kein Zuckerschlecken, Tina. Der reagiert schon mies, wenn man nur fünf Minuten zu spät zur Arbeit kommt. Für den gibt' s nur sein Labor und...“

... und vielleicht noch ganz andere Dinge, von denen weder du noch ich Ahnung haben“, fuhr sie fort. „Ich geb dir mal einen guten Ratschlag, Jens - wenn er dir wieder mal Vorwürfe macht, dann frag ihn doch einfach danach, was er hier zu dieser späten Stunde verloren hatte. Wenn er dann zusammenzuckt, weißt du genau, wo er war...“

Das war typisch Tina. Schlussfolgerungen ziehen und diese dann sofort zu ihrem eigenen Vorteil einsetzen, war eine ihrer Spezialitäten. Vielleicht wechselte sie deshalb immer wieder ihre Partner, weil ihr keiner gut genug war. Auch Jens hatte keine Chancen bei ihr - sie waren nur gute Freunde, und das reichte ihm.

He, was ist denn, Lukas?“, rief Tina. „Bist du endlich fertig? Mensch, mir ist kalt, und ich bin müde!“

Verdammte Scheiße!“, brummte Lukas, wischte sich über den Mund, stolperte dann zum Wagen zurück und ließ sich mit einem ächzenden Laut auf den Beifahrersitz fallen. „Die beiden letzten Drinks hatten es doch in sich...“

Er versuchte dabei schelmisch zu grinsen, aber daraus wurde nur eine missglückte Grimasse.

Jens Bauer schwieg und gab wieder Gas. Der Rest der Fahrt verlief ohne weitere Zwischenfälle. Zuerst setzte er Tina in Bergheim ab und fuhr dann Lukas zurück in die Stadt, wo sich in der Nähe vom Jakober Tor das Haus von Lukas‘ Stuxentenverbindung Rheno-Palatia befand. Und in der Nähe dieses Hauses hatte Lukas auch eine Wohnung gefunden. Er hatte seinen Freunden zwar nie viel darüber erzählt, aber Jens ahnte, dass Lukas ohne Mitgliedschaft in dieser Verbindung niemals solch eine preisgünstige Wohnung hätte finden können.

Beinahe hätte Jens mit dem linken Kotflügel beim Einparken die Mauer gestreift - er bemerkte es gerade noch, bevor es passierte. Lukas stieg aus, nickte Jens noch kurz zu aber der war schon seit einiger Zeit mit seinen Gedanken ganz woanders. Worum diese Gedanken und Vermutungen jetzt kreisten, das hätte Lukas mit seinem alkoholumnebelten Gehirn ohnehin nicht verstanden.

Also schwieg Jens und fuhr dann rasch wieder zu seiner Wohnung nach Inningen zurück. Schlafen konnte er ohnehin nicht - aber er besaß ein Amazon Prime-Abo, und das garantierte ihm jederzeit spannende Unterhaltung. Und zwar dann, wenn er es wollte!


*


Augsburg -Göggingen, unterhalb des Hotelturms

In der alten Villa in der Schießstättenstraße, gegen 8.00 Uhr



Dr. Andreas Fischer hatte in dieser Nacht schlecht geschlafen. Immer wieder hatte er sich von einer Seite auf die andere gewälzt und kaum ein Auge dabei zugemacht. Als dann das erste Morgengrauen die Schatten der Nacht vertrieb, fühlte er sich wie gerädert. Und als nur wenige Minuten später die ersten vereinzelten Regentropfen gegen die Scheiben der hohen Fenster klatschten, da wusste er, dass es ein trüber und öder Tag werden würde.

Er stand auf, ging ins Bad und erschrak, als er sich im Spiegel betrachtete. Seine Augen waren blutunterlaufen, und die Hautfarbe hatte eine solche Blässe angenommen, dass sich Fischers Hausarzt bei diesem Anblick wahrscheinlich ernsthafte Sorgen um ihn gemacht hätte.

Lustlos duschte er und zog sich an. Er verspürte keinen großen Hunger aber es war ihm klar, dass er etwas essen musste, wenn er seine Arbeit bewältigen wollte. Nach Heikes Tod hatte er die Oberpfalz verlassen und durch seine guten Kontakte dann einen Job bei RED Diganostics gefunden. Er lebte seitdem in der alten, mit Efeu überwucherten Villa in der Schießstättenstraße, inmitten eines parkähnlichen Grundstücks.

Etwas weiter oberhalb befand sich das mexikanische Restaurant Manolito´s, wo während der Sommermonate Hochbetrieb herrschte. Dr. Fischer hatte das am Rande mitbekommen - aber es war ihm völlig gleichgültig. Andere Menschen oder Restaurants und Kneipen interessierten ihn nicht mehr.

Das Klingeln des Telefons riss ihn aus der morgendlichen Monotonie. Im ersten Moment blickte er missmutig auf den Apparat im Wohnzimmer, entschloss sich dann aber doch dazu, das Gespräch abzunehmen.

Ja, wer spricht da bitte?“, meldete er sich schlecht gelaunt.

Wie laufen Ihre Forschungen, Dr. Fischer?“, hörte er die sonore Stimme eines Mannes, die er sofort erkannte. „Wir hoffen doch sehr, dass Sie uns nächste Woche weitere Fortschritte melden können...“

Andreas Fischer schluckte. Er kannte diese Stimme nur zu gut. In manchen Nächten verfolgte sie ihn sogar bis in seine schlimmsten Albträume. Er kannte den Mann mit dieser markanten Stimme zwar nicht nicht persönlich - aber er fühlte die mitleidlose Härte, die von diesen wenigen Worten ausging.

Dr. Fischer - was ist? Haben Sie meine Frage nicht verstanden?“

Natürlich“, beeilte sich dieser rasch zu versichern und spürte auf einmal eine seltsam intensive Gänsehaut in seinem Nacken - und das, obwohl er die Heizung an diesem kalten Morgen voll aufgedreht hatte. „Aber glauben Sie, ich kann von heute auf morgen Wunder vollbringen? Halten Sie mich für einen Nachfolger Frankensteins?“

Er erinnerte sich ausgerechnet in diesem Moment noch sehr gut daran, wie ungeduldig seine Auftraggeber geworden waren, als er zunächst auf falschen Wegen geforscht hatte und mehrere fehlgeleitete Experimente bereits auf zellularer Ebene erschreckende, unerwünschte Ergebnisse gezeigt hatten. Halb bewusst und halb unbewusst hatte Andreas Fischer einen Rest dieses Rohrkrepierers aufgehoben, ihn dann aber in irgendeiner Kammer seines Kellergewölbes vergessen. Das Klischee des zerstreuten Wissenschaftlers sollte sich hier noch auf verhängnisvolle Weise bestätigen!

Sie sind gereizt, Dr. Fischer“, belehrte ihn die höfliche, aber immer noch sehr distanziert klingende Stimme. „Das ist nicht gut. Vielleicht sollten Sie sich heute nicht zuviel den Kopf über Nebensächlichkeiten zerbrechen. Also - wann werden die Auswertungen der ersten Versuche vorliegen?“

Ich bin mir noch nicht sicher“, fügte Andreas Fischer rasch hinzu. „Einer der Probanden zeigte eine abnormale Reaktion beim Langzeitversuch. Eine junge Frau, von der ich mir einiges erhoffte. Ich muss ihre DNS noch länger und gründlicher studieren. Können Sie sich eigentlich vorstellen, aus wie vielen Bauteilen sie besteht und wie wenig wir immer noch darüber wissen? Das geht nicht von heute auf morgen und...“

Aber vielleicht von heute auf übermorgen!“, unterbrach ihn die Stimme. „Vielleicht sollten Sie noch einen dritten Versuch starten, um bessere Ergebnisse zu erzielen. Wenn Sie dabei Hilfe brauchen, dann rufen Sie bitte folgende Nummer an...“

Die Mann nannte Dr. Fischer eine Münchner Telefonnummer, die sich der Wissenschaftler hastig notierte. „Dann bis bald! Ich melde mich wieder bei Ihnen - und ein schönes Wochenende, Dr. Fischer...“

Andreas Fischer spürte den Schweiß an der Innenfläche seiner Hand, als er das Telefon auf die Ladestation stellte und gedankenverloren hinaus in den Regen starrte. Der aufkommende Morgenwind trieb dichte Schleier vor sich her, und die bei schönem Wetter so postmodern wirkende Kulisse des Hotelturms versank in dichten grauen Schleiern. Bei diesem Wetter jagte man noch nicht einmal einen Hund vor die Tür!

Andreas Fischer ging dennoch hinaus, bewaffnete sich mit einem Schirm und legte die gut zwanzig Meter bis zur hohen steinernen Mauer seines Grundstücks im Eiltempo zurück. Er holte die Zeitung aus dem Kasten, klemmte sie sich rasch unter den Arm, hastete dann wieder zurück zum Haus und war erleichtert, als er die Tür wieder hinter sich schließen konnte.

Wie jeden Morgen schenkte er der lokalen Presse immer besondere Aufmerksamkeit. Während er schon die zweite Tasse Kaffee trank, überflog er die regionalen Artikel und las dabei die Spalte POLIZEIMELDUNGEN besonders gründlich. Aber auch an diesem Tag schien es in und um Augsburg keine besonderen Vorkommnisse gegeben zu haben (außer einigen witterungsbedingten Verkehrsunfällen auf der A 8). Die ca. 250.000 Einwohner zählende Universitätsstadt stellte immer noch eine gewisse Oase des Friedens dar - verglichen mit den Gewalt- und Verbrechensraten in anderen Ballungsgebieten.

Vor gut drei Monaten hatte die Augsburger Allgemeine Zeitung über das Verschwinden eines älteren Mannes berichtet, den seine Angehörigen als vermisst gemeldet hatten. Ein Handelsvertreter aus dem benachbarten Friedberg, der von einer seiner Touren nicht mehr zurückgekommen war. Sein Auto hatte man auf dem Parkplatz der Autovermietung Buchbinder am Kobelweg gefunden - aber sonst hatte es keine Hinweise auf seinen Verbleib gegeben.

Die Ermittlungen der Polizei blieben erfolglos - ebenso, als fast fünf Wochen später eine weitere Person spurlos verschwand. Diesmal war es eine junge Frau gewesen. Eine Krankenschwester, die ihre Wohnung in Aystetten zwar pünktlich verlassen hatte, aber nicht zur Schicht im Klinikum erschienen war.

Immer wieder verschwanden Menschen in größeren Städten - und manchmal klärte sich auch deren Schicksal. Wie beispielsweise das des Obdachlosen aus Thüringen, der in einem Bauwagen in der Nähe des FCA-Trainigsgeländes gewohnt hatte und dann praktisch über Nacht verschwunden war. Die Polizei hatte daraufhin mit einem großen Aufgebot die nahe Umgebung abgesucht, war aber nicht fündig geworden. Bis sich dann gut zwei Wochen später herausgestellt hatte, dass der Vermisste aufgrund privater Differenzen einfach das Weite gesucht hatte. Erst in der Nähe von Jena hatte man ihn wieder aufgreifen können...

Andreas Fischer legte die Zeitung beiseite und spürte, wie ihn der starke Kaffee zusehends belebte. Wahrscheinlich hätte er sehr präzise Antworten auf mögliche Fragen zu dem vermissten Handelsvertreter und der verschwundenen Krankenschwester geben können, wenn ihn jemand danach gefragt hätte. Aber wer hätte denn wissen sollen, dass der honorige Wissenschafter neben seiner Tätigkeit bei RED Diagnostics noch ganz andere Forschungen betrieb?

Er ignorierte die wabernden Regenschleier draußen vor dem Fenster und stellte seinen Anrufbeantworter an. Für den Rest des Tages würde er für niemanden mehr zu sprechen sein.

Er verließ das gemütliche Wohnzimmer und betrat dann die Treppe, die in die unteren Räume der alten Villa führten. Dort wartete noch sehr viel Arbeit auf ihn. Denn ihm blieb nicht mehr sehr viel Zeit, um die geforderten Ergebnisse präsentieren zu können. Und das würde ihm erst dann gelingen, wenn seine Forschungen ein entscheidendes Stadium erreicht hatten.


*


Montag, 14. November 2016

Augsburg, Kobelweg

Im Analytischen Labor von RED Diagnostics gegen 10.00 Uhr



Jens Bauer fühlte permanent die prüfenden und zugleich kritischen Blicke von Dr. Fischer auf sich gerichtet. Es würde alles andere als ein guter Tag werden, denn Jens war fast eine Stunde zu spät gekommen - eigentlich wegen einer Lappalie, denn er hatte vergessen, den Wecker zu stellen. Und das hat bekanntlich Folgen, wenn man pünktlich zur Arbeit kommen muss.

Er war wie ein Verrückter losgerannt, um unten an der Straße wenigstens noch den Bus zu erwischen, denn ausgerechnet an diesem Morgen war das Auto nicht angesprungen. Und der Bus war ihm buchstäblich vor der Nase davongefahren. So blieb Jens nichts anderes übrig, als auf den nächsten zu warten, und das dauerte eben eine gewisse Zeit.

Während er ungeduldig auf seine Armbanduhr schaute und mit Schrecken feststellte, dass die Zeiger schon jenseits seines normalen Arbeitsbeginns standen, stellte er sich Dr. Fischers wütendes Gesicht vor, von dem er ja wusste, dass er Unpünktlichkeit nicht tolerierte.

Einen anderen Mitarbeiter des analytischen Labors hatte er schon einmal in Jens Anwesenheit kritisiert - und das nicht mit leisen Worten. Ganz zu schweigen, was Jens erwartete - ein Pharmaziestudent im dritten Semester, der bei RED Diagnostics sein Praktikum absolvierte. Und ausgerechnet ein verbitterter, älterer (und vielleicht auch irgendwie weltfremder) Mann namens Dr. Andreas Fischer hatte maßgeblich zu entscheiden, wie die Beurteilung nach Ende dieses Praktikums ausfallen würde!

Jens hatte versucht, das Beste daraus zu machen und sich deshalb beeilt, so schnell er konnte. Dennoch war alles noch schlimmer gekommen. Er hatte sich eine Predigt von Dr. Fischer eingefangen, die sich gewaschen hatte - und Jens wurde die Schuld gegeben, dass der ganze Zeitplan des Tages nicht mehr eingehalten werden konnte. Sicher eine maßlose Übertreibung, aber der Laborleiter saß nun mal am längeren Hebel.

Schluck es am besten runter und reagiere gar nicht, wenn er dich noch einmal so anmacht, sagte sich Jens im Stillen, während er einige Proben in die Eppendorf-Zentrifuge setzte und dann die gewünschte Zeit einstellte. Anschließend zog er mit einer Saugkolben-Pipette weitere Proben und stellte sie schon bereit für den nächsten Arbeitsgang.

Jens hatte sich trotz Dr. Fischers ständigen Gängeleien sehr rasch in diesen Bereich eingearbeitet, so dass man ihm solche Aufgaben schon nach den ersten beiden Praktikumswochen zuweisen konnte. Aber Dr. Fischer erkannte diese Bemühungen nicht an - er setzte solches Engagement einfach voraus und behielt den strengen Ton seinem Praktikanten gegenüber bei.

Dieser Schweinehund, schoss es Jens durch den Kopf. Hier markiert er den strengen Wissenschaftler, und am Wochenende lässt er bei den Weibern im Swingerclub die Sau raus. Vielleicht spreche ich ihn doch darauf an, wenn er sich nicht endlich einen besseren Ton angewöhnt und...

Er wusste nicht, ob es nur Sekunden oder auch mehrere Minuten gewesen waren, in denen er mit seinen Gedanken abgeschweift war. Aber das hatte jetzt fatale Folgen für das Experiment, denn er hatte bei der Zentrifuge aus Versehen die falsche Geschwindigkeit eingestellt. Das Gerät begann daraufhin zu blinken und gab ein lautes Pfeifen von sich, das Jens sofort aus seinen Gedanken riss - und natürlich auch Dr. Fischer, der gerade die letzten Vorbereitungen für die Gas-Chromatographie in die Wege geleitet hatte und nun missmutig zu Jens hinüberschaute.

Die geübten Augen des Wissenschaftlers erkannten sofort, welchen Fehler Jens begangen hatte. Mit schnellen Schritten eilte er auf den Labortisch zu, stieß Jens einfach beiseite und stoppte die Funktion der Zentrifuge über die Folientastatur. Wütend führ er dann zu dem Praktikanten herum.

Sind Sie noch ganz bei Trost?“, maßregelte er ihn in einem Tonfall, bei dem selbst ein erzkonservativer Oberschullehrer der Nachkriegsgeneration noch etwas hätte lernen können. „Kann man Sie denn noch nicht einmal ganz simple Arbeiten erledigen lassen? Wo zum Teufel waren Sie denn mit Ihren Gedanken, Bauer?“

Entschuldigung, Dr. Fischer“, murmelte Jens rasch und blickte betreten zu Boden. „Ich habe für einen kurzen Moment nicht auf die Anzeige geachtet und...“

Stümper und Nichtskönner!“, polterte Dr. Fischer los. „Ich bin anscheinend nur von Idioten und Ignoranten umgeben! Junger Mann - ich habe Ihnen schon einmal gesagt, dass Sie an Ihrer Arbeitseinstellung dringend etwas ändern sollten. Aber das haben Sie wohl nicht begriffen. Was glauben Sie eigentlich, wo wir hier sind? In einer Hexenküche, wo jeder machen kann, was er will? Hier laufen jeden Tag bis auf die Minute eingeplante Prozesse und Analysen ab. Und Sie stellen das gerade einfach in Frage! Vielleicht wäre es besser, wenn Sie Ihr Praktikum so schnell wie möglich bei uns beenden und sich eine andere Firma suchen. Da können Sie von mir aus dann weiteren Schaden anrichten - aber nicht bei RED Diagnostics. Und erst recht nicht unter meiner Führung!“

Die letzten Worte waren so laut gewesen, dass in den angrenzenden Räumen einige der Labormitarbeiter kurz die Köpfe hoben und durch die Glasscheiben herüberblickten. Jens war diese Zurschaustellung peinlich. Stille Wut stieg in ihm auf, bestimmte nun sein weiteres Handeln. Er hatte genug eingesteckt, seit Dr. Fischer sein Chef war - und bekanntlich geht jeder Krug solange zum Brunnen, bis er bricht. Genau dieser Zeitpunkt war jetzt erreicht. Auch wenn es seine Schuld gewesen war, so konnte und durfte Dr. Fischer ihn nicht so behandeln.

Ich finde, es reicht jetzt“, kam es mit unterdrücktem Zorn über Jens Lippen. „Menschen können auch mal Fehler machen, Dr. Fischer - oder sind Sie etwa völlig perfekt?“

Was erlauben Sie sich?“, ereiferte sich der Wissenschaftler und strich sich mit fahrigen Bewegungen über die hohe Stirn. „Ich werde höchstpersönlich dafür sorgen, dass Sie hier Ihre Sachen packen können und...“

Das würde ich mir an Ihrer Stelle gründlich überlegen, Dr. Fischer!“, erwiderte Jens in heftigem Trotz. „Oder ich erzähle an höherer Stelle etwas über Ihre heißen Aktivitäten in der Königsbrunner Straße...“

Auf einmal war es in diesem Raum so still, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Dr. Fischer, der gerade wieder im Begriff war, den Zentrifugationsprozess ein zweites Mal zu starten, hielt plötzlich inne und drehte sich völlig ungläubig und erschrocken zugleich zu Jens herum, versuchte dies aber sofort wieder zu verbergen. Allerdings nicht schnell genug für Jens, der sofort begriffen hatte, dass er mit diesen wenigen Worten einen Volltreffer gelandet hatte.

Finden Sie nicht, dass Sie schon zu alt für Gangbang-Parties sind, Dr. Fischer?“, hakte er süffisant nach und genoss es zu sehen, wie eingeschüchtert sein Chef jetzt wirkte. „Ich habe Sie aus dem Red Star Club kommen sehen - kurz nach Mitternacht vergangenen Donnerstag. Streiten Sie es nicht ab ich habe Sie deutlich erkannt. Und ausgerechnet einer wie Sie will mir was von innerer Einstellung erzählen...“ Er winkte ab und schüttelte dabei verächtlich den Kopf. „Sie werden mir mein Praktikum nicht versauen“, fuhr er dann fort. „Ganz sicher nicht, denn sonst erfährt jeder, was Sie für einer sind. Wollen Sie das?“

Er lachte leise bei den letzten Worten.

Was verlangen Sie?“, kam es mit zitternder Stimme über Dr. Fischers Lippen, der auf einmal seine in sich geschlossene Welt einstürzen sah.

Ein gutes Zeugnis, wenn meine Zeit hier vorbei ist - und als kleine Entschädigung für das Mobbing in diesem Labor zahlen Sie mir... sagen wir mal fünftausend Euro.“

Sie sind ja völlig übergeschnappt!“, rief Dr.Fischer und musste sich dazu zwingen, seine Stimme wieder zu dämpfen und weiterhin ruhig zu bleiben. Das Gespräch hatte jetzt eine Richtung eingeschlagen, von der niemand sonst erfahren durfte. Oder es war aus und vorbei mit seiner Karriere. Seit Heikes Tod hatte er hart dafür arbeiten müssen - und jetzt kam dieser Versager und wollte alles zerstören!

Wie haben Sie sich das vorgestellt?“, fragte ihn Fischer mit kalten Augen. Wenn Blicke hätten töten können, wäre Jens Bauer auf der Stelle tot umgefallen. Aber dies wäre zu einfach gewesen. Nein, dieser junge Kerl sollte leiden für diesen gemeinen Erpressungsversuch - und noch während Dr. Fischer daran dachte, schoss ihm auf einmal ein weiterer Gedankenblitz durch den Kopf, der auch sofort konkrete Formen annahm.

Zahlen Sie mir die fünftausend Euro - und ich werde alles vergessen, was ich jemals gesehen habe“, forderte Jens mit leiser Stimme. „Ich will das Geld noch heute - wie Sie das anstellen, ist Ihre Sache...“

Für Sekunden hing ein endloses Schweigen im Raum. Dann hatte Dr. Fischer auch schon eine Entscheidung getroffen - ein Entschluss, der noch überaus folgenschwere Konsequenzen mit sich bringen würde.

Heute schaffe ich das nicht mehr - aber kommen Sie am Mittwoch gegen 23.00 Uhr zum Wittelsbacher Park. Nehmen Sie den Aufgang von der Rosenaustraße aus“, sagte er dann. „Dort werden wir uns treffen. Sie bekommen das Geld - keine Sorge.“

Das will ich hoffen für Sie“, meinte Jens. Und seine Stimme ließ keinen Zweifel daran, dass er diese pikante Situation zu seinem Vorteil nutzen würde!


*


Mittwoch, 16. November 2016

Augsburg, Wittelsbacher Park

In der Nähe der Springbrunnens am Parkgarten gegen 22.30 Uhr



Jens Bauer zitterte ein wenig angesichts der nächtlichen Kälte, die die nur noch schwach funktionierende Heizung des VW Golf nicht mehr vertreiben konnte. Er war schon früher zum vereinbarten Treffpunkt gekommen, weil sein Auto immer noch einige Macken zeigte. Eigentlich wäre eine Inspektion längst fällig gewesen, aber Jens war gegen Monatsende immer finanziell knapp und konnte sich solche Ausgaben im Moment nicht leisten.

Er war innerlich so aufgeregt wie noch niemals zuvor in seinem Leben. Wieder und wieder fragte er sich, ob er nicht vielleicht doch einen Schritt zu weit gegangen war.

Offizielle Stellen würden Jens‘ persönliche Racheaktion schlicht und einfach als vorsätzliche Erpressung und Nötigung bezeichnen. Wenn er Pech hatte und die Sache doch noch aufflog, konnte er sich jede Menge Ärger mit der Polizei einhandeln - aber so wie es aussah, war diese Vermutung eher unwahrscheinlich. Denn der bieder und konservativ wirkende Dr. Fischer würde alles tun, um seine Sünden nicht an die große Glocke zu hängen.

Er warf einen kurzen Blick auf seine Armbanduhr. Die Zeiger standen auf 22.40 Uhr. Also wurde es Zeit. Wer A sagt, muss auch B sagen, redete sich Jens selbst Mut zu und stieg aus dem Auto. Der Parkplatz an der abschüssigen Rosenaustraße war zu dieser späten Stunde fast vollständig belegt. Viele Mieter aus den Hotelturm-Appartements nutzen diese Möglichkeiten, weil in der Imhofstraße und den angrenzenden Straßen Parkplätze immer schwer zu finden waren. Erst recht, wenn in der nahen Kongresshalle eine Veranstaltung stattfand.

Selbst in den Fenstern der gegenüberliegenden Mietshäuser brannte kein Licht mehr. Jens konnte also sicher sein, dass er ungestört seinen Plan in die Tat umsetzen konnte.

Er verließ den Parkplatz und betrat nun den Wittelsbacher Park. Misstrauisch schaute er sich nach allen Seiten um. Aber es war weit und breit niemand zu sehen. Die Kulisse des Hotelturms und dessen beleuchtete Stockwerke waren das einzig Helle, das er jetzt noch sah. Inmitten von zahlreichen Büschen und Bäumen waren etliche Grünflächen angelegt worden, die zur Sommerzeit zum Spazierengehen und Verweilen einluden. Er selbst hielt sich während der Sommermonate auch öfter hier auf. Er liebte das Modular-Festival und andere, regelmäßig stattfindende Music Acts im K-Club am Parkgarten.

An all dies verschwendete Jens jedoch keinen Gedanken mehr. Er folgte dem schmalen Weg. Es wäre normalerweise eine helle Mondnacht gewesen, wenn nicht am frühen Abend dichte Wolken aufgezogen wären und das Firmament verdeckt hätten. So musste er mehrmals auf den Weg zu seinen Füßen achten, um nicht zu stolpern. Die Konturen der Büsche und Bäume wirkten ziemlich bizarr, und das einsame Klagen eines Kauzes durchbrach die nächtliche Stille.

Für einen winzigen Augenblick ertappte sich Jens bei dem Gedanken, ob es vielleicht nicht besser gewesen wäre, sich jemandem anzuvertrauen (vielleicht Lukas oder Tina?). Bestimmt wäre Lukas mitgekommen, wenn Jens ihn darum gebeten hätte.

Ach was, ermutigte er sich dann selbst. Was soll mir denn schon passieren? Schließlich treffe ich doch nur einen schon senil wirkenden Wissenschaftler, der Angst davor hat, dass seine sexuellen Neigungen an die Öffentlichkeit geraten. Der wird froh sein, wenn er sich mein Schweigen erkaufen kann - und wenn diese Sache erst erledigt ist, wird sich auch alles andere finden...

Plötzlich glaubte er, am Rand des Parks das Knacken eines Astes vernommen zu haben. Als ob jemand aus Versehen dieses Geräusch ausgelöst hatte und sich rasch wieder verdrücken wollte.

Sofort blieb Jens stehen, schaute sich um, konnte aber niemanden entdecken.

Dr. Fischer?“, rief er mit zaghafter Stimme. „Wo sind Sie? Ich bin gekommen - nun halten auch Sie Ihr Versprechen!“

Wenn Jens gehofft hatte, dass der Wissenschaftler jetzt hinter den Bäumen hervortrat und ihm endlich das Geld übergab, so wurde er rasch eines Besseren belehrt. Nämlich in der Form, dass er auf einmal eine huschende Bewegung seitlich in den Büschen ausmachte. Zweige raschelten, wieder knackte ein Ast - dann war alles still.

Das gefällt mir nicht - das gefällt mir ganz und gar nicht, dachte er und spürte wachsende Panik in sich aufsteigen. Er beschleunigte seine Schritte und erreichte schließlich einen Abschnitt, der nicht ganz so dicht mit Büschen bewachsen war. Es gab da noch einen letzten Rest von Hoffnung und Vertrauen darauf, dass Dr. Fischer dieses für ihn so wichtige Treffen nicht scheitern lassen würde.

Wieder ertönte ein Geräusch - weiter links. Und ein drittes irgendwo hinter ihm! Jetzt wusste Jens endgültig, dass hier etwas nicht stimmte. Das waren keine Geräusche, wie sie von Vögeln oder kleinen Nagern verursacht wurden, wenn sie jemand aus ihrer nächtlichen Ruhe aufschreckte. Nein, das hier war etwas anderes!

In diesem Moment nahmen die Schatten in den Büschen plötzlich konkrete Formen an. Eine Gestalt stellte sich ihm in den Weg, verschränkte demonstrativ beide Arme vor dem massigen Oberkörper - und ausgerechnet in diesem Moment trat der Mond für Sekunden kurz hinter den dichten Wolken hervor.

Silbriges Licht erhellte das stoppelbärtige Gesicht eines Mannes mit schwarzen Haaren, dessen verächtliche Blicke sich auf Jens richteten. Er sagte kein Wort - aber seine Miene signalisierte genug.

Ein Fehler - es war gottverdammter Leichtsinn, hierherzukommen, schoss es Jens durch den Kopf, als er auf der Stelle kehrtmachte und mit schnellen Schritten zurück zu seinem Wagen eilen wollte. Daran wurde er jedoch gehindert, denn es stellten sich ihm zwei weitere Männer in den Weg, die ihn wahrscheinlich schon von dem Zeitpunkt an beobachtet hatten, als er den Wittelsbacher Park betreten hatte. Mit dem Ziel, auf ihn zu warten und ihn dann zu ergreifen.

Jens spürte eine harte Hand in seinem Genick. Er wurde herumgerissen und fühlte eine Faust im Gesicht. Der Schmerz explodierte in seinem Kopf, und er taumelte mit einem erstickten Schrei zur Seite. Jemand fing ihn auf, riss ihn wieder hoch und verabreichte ihm einen zweiten Fausthieb.

Nun waren sie zu dritt über ihm und schlugen ihn bewusstlos. Sie brauchten nicht lange dafür, denn Jens wehrte sich kaum noch. Er sah nur noch einen grellen Blitz vor seinen Augen - dann stürzte er in einen tiefen dunklen Schacht.


*


Zuerst hörte er leise Geräusche in unmittelbarer Nähe seines Kopfes, die er nicht genau erfassen konnte. Sie klangen seltsam automatisch - und dann waren da noch die roten und grünen Lichter, die er ganz undeutlich wahmahm, als er schließlich die Augen öffnete und zuerst nur undeutliche Schemen ausmachen konnte.

Jens fühlte sich speiübel angesichts des permanten Druckes in seinem Kopf, der einfach nicht weichen wollte. Benommen wollte er mit der rechten Hand nach dem Kopf tasten, um festzustellen, wie schwer die Verletzung war, die man ihm zugefügt hatte - erst dann wurde ihm klar, dass er die Hand gar nicht bewegen konnte. Auch nicht die linke Hand, und beide Beine ebenso.

Was... was...?“, kam es mit krächzender Stimme über seine Lippen, als sein Blick klarer wurde und er mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit und Erstaunen auf die vielen Geräte und Messsysteme blickte, die direkt neben ihm standen. Er selbst lag ausgestreckt auf einer Liege und registrierte jetzt erst, dass er nackt war. Sofort bildete sich eine Gänsehaut auf seinem Körper - und das lag nicht nur daran, dass es ziemlich kühl in diesen Räumlichkeiten war.

Auf einmal wurde ihm bewusst, dass man ihn auf dieser Liege festgeschnallt hatte - wie einen psychisch Kranken, den man vor sich selbst schützen musste. Aber was in aller Welt hatte das nur zu bedeuten? Eben noch war er im Wiitesbacher Park gewesen, um sich mit Dr. Fischer zu treffen - und dann waren diese drei Männer aufgetaucht!

Ich sehe, Sie sind wach“, erklang nun eine Stimme jenseits seines Blickfeldes. Eine Stimme, die ihm einen weiteren Schauer der Furcht über den Rücken jagte. Vor allen Dingen, als er erkannte, wem sie gehörte. Dr. Fischer trat neben die Liege - er trug einen weißen Kittel, und seine kalten Augen richteten sich mit seltsam intensiver Faszination auf den nackten Jens.

Verdammt binden Sie mich los!“, fluchte Jens in seiner Hilflosigkeit. „Der Spaß ist jetzt zu Ende. Hören Sie, wir können doch über alles reden und...“

Das müssen wir auch“, unterbrach ihn Dr. Fischer und berührte dabei kurz die rechte Schulter des Chemiestudenten. „Ich möchte nämlich, dass Sie begreifen, wie wichtig es ist, dass Sie hier sind. Sie werden eine wichtige Aufgabe zu erfüllen haben - und die Ergebnisse werden bahnbrechend für weitere Forschungen sein. Zumal meine ersten zwei Untersuchungen nicht das gewünschte Ergebnis gezeigt haben. Ich musste das Material leider schon entsorgen, weil es zu nichts mehr taugte. Bei Ihnen erhoffe ich mir jedoch einiges mehr...“

In den Augen des Wissenschaftlers flackerte es unstet, während er sich kurz abwandte und dann mit geübten Bewegungen eine Spritze aufzog, deren Inhalt eine eigenartig türkisblaue Farbe hatte.

Was reden Sie denn da für einen Unsinn?“, ereiferte sich Jens und versuchte sich unter Aufbietung der ihm noch verbleibenden Kräfte aufzubäumen, aber die soliden Gurte hinderten ihn daran. „Sind Sie verrückt geworden? Was soll das alles hier?“

Wenn Sie nicht so ungeduldig wären, hätte ich es Ihnen schon längst sagen können“, bekam er dann als Antwort. „Unruhe ist noch nie ein guter Ratgeber gewesen. Vielleicht werden Sie es nicht verstehen - aber ich muss mich sogar bei Ihnen dafür bedanken, dass es soweit gekommen ist. Es ist richtig - ich war im Red Star Club, und das auch nicht das erste Mal. Warum ich das tue, will und muss ich Ihnen nicht erklären. Es würde jetzt zu weit führen. Wichtig ist, dass es verlässliche Freunde in solchen Situationen gibt ...“

Jens wusste nicht, dass Dr. Fischer am Abend nach dem Streit im Labor eine Nummer in München angerufen hatte. Männer, die keine unnötigen Fragen stellten, hatten den Job sofort angenommen und ihn auch prompt erledigt. Für ein gutes Honorar!

Die Spritze mit der türkisblauen, schillernden Flüssigkeit befand sich jetzt in unmittelbarer Nähe von Jens‘ rechtem Oberarm, und das ließ ihn noch nervöser werden, als er ohnehin schon war.

Entspannen Sie sich besser - alles andere hat keinen Sinn“, riet ihm Dr. Fischer. „Sie können schreien und toben soviel Sie wollen - es wird Sie niemand hören. Die Mauern dieses Kellers sind besonders massiv und aus jahrhundertealtem Sandstein errichtet. Damals baute man noch für die Ewigkeit, verstehen Sie?“

Er lächelte bei diesen Worten, aber seine Augen blieben kalt.

Wo bin ich hier?“

In meinem eigenen Forschungslabor“, klärte ihn Dr. Fischer auf und wies dabei mit der linken Hand auf die Vielzahl Geräte und Apparaturen, die hier aufgebaut waren. Einige Schritte daneben schloss sich ein langer, rechtwinkliger Labortisch mit einer Steinzeugplatte an, auf der weitere, recht teure und kompliziert wirkende Gerätschaften standen.

Dr. Fischer bemerkte Jens‘ kreisende Blicke und schmunzelte angesichts der steigenden Verwirrung des Pharmaziestudenten.

Das ist weitaus komfortabler als bei RED Diagnostics, nicht wahr?“, meinte er mit gehörigem Stolz in der Stimme. „Einige dieser Geräte dort drüben sind wirklich vom Feinsten. Das braucht man aber auch, wenn man vernünftig forschen und brauchbare Ergebnisse erzielen will.“ Er lächelte genüsslich. „Aber ich möchte nicht abschweifen. Ihre Neugier und die daraus unerwünschten Komplikationen machen Sie automatisch zum dritten Probanden des Projekts, das ich das Augsburg-Experiment genannt habe. Während Sie schliefen, habe ich bereits eine kurze Untersuchung Ihres Blutes vorgenommen. Es sind wirklich ideale Voraussetzungen für...“

Sie müssen komplett wahnsinnig sein!“, keuchte Jens angesichts dieser Worte. Er kam sich in diesen Sekunden vor wie im Labor Dr. Frankensteins, der ebenfalls verbotene Experimente und Forschungen bei Menschen durchgeführt hatte. Gleichzeitig erinnerte ihn diese Situation auch an das verbrecherische Treiben eines gewissen britischen Arztes, dessen haarsträubende und menschenverachtende Experimente Mitte der Siebziger Jahre in einigen Romanen veröffentlicht worden waren.

Aber die Wirklichkeit ist noch viel schlimmer als die brutale Fantasie einiger weniger Horrorautoren, sagte ihm seine innere Stimme. Das hier ist keine Ausgeburt krankhafter psychologischer Abgründe - nein, das ist real!

Er wand sich wie ein Aal auf der Liege und spürte, wie die Bänder um seine Brust, Arme und Beine kaum nachgaben. Schweiß stand ihm auf der Stirn, als er sich wiederum seiner völligen Hilflosigkeit bewusst wurde.

Der Mensch ist schon ein eigenartiges Geschöpf“, hörte er wieder Dr. Fischers Stimme. „Die DNS ist der Schlüssel zum Geheimnis des Lebens. Stellen Sie sich vor, was es bedeuten würde, dieses Leben völlig entschlüsseln zu können. Nur ein Viertel der Informationen in unserer DNS mit ihren drei Milliarden Bausteinen wurde bisher enthüllt. In aller Welt wird daran gearbeitet, mehr über unsere Erbsubstanz herauszufinden. Wäre es nicht faszinierend, schon kurz nach der Geburt eines Kindes erste Aussagen über künftige Krankheiten und die genaue Lebenserwartung treffen zu können? Genau daran arbeite ich, mein Freund - und Sie werden jetzt gleich Ihren Teil dazu beitragen, um die Wissenschaft ein Stück voranzubringen...“

Mit diesen Worten näherte er sich mit der Spritze Jens Arm und tastete mit der linken Hand nach dessen Armbeuge. Dann injizierte er ihm die Flüssigkeit.

Zunächst spürte Jens überhaupt nichts - außer einem kurzen Brennen. Dann aber wurde sein Arm immer heißer und diese Hitze erfüllte schließlich den gesamten Körper, ließ ihn in ein konvulsivisches Zucken verfallen. Die Augen waren weit aufgerissen, und er konnte seine nähere Umgebung kaum noch wahrnehmen. Er sah nur noch wabernde und tanzende bunte Schlieren, und er glaubte, dass ihn das laute Pochen seines eigenen Herzens fast um den Verstand brachte.

Ein lauter Schrei kam aus seiner Kehle, der all die Pein widerspiegelte, die ihm jetzt widerfuhr. Und was er dann erlebte, war viel grausamer als das schlimmste Horrorvideo im Dark Net. Aber das war erst der Anfang eines grausamen Leidensweges, den Jens Bauer nun beschritt - und dies sollte sich noch einige Zeit fortsetzen...


*


Wo war er nur...? Und was... was war passiert?

Als Jens Bauer nach einer Ewigkeit des tiefen und traumlosen Schlafes (zumindest empfand er das so) endlich wieder die Augen öffnete, fühlte er sich jämmerlich schwach, sterbenselend und dazu noch völlig desorientiert. Es dauerte so unendlich lange, als er aus seiner tiefen, künstlich erzeugten Bewusstlosigkeit erwachte.

Langsam, Stück für Stück, kehrte die Erinnerung an die grausigen Dinge zurück, die mit ihm passiert waren... oder war einiges davon doch nur Teil eines besonders schlimmen, lebhaften Albtraums gewesen? Sehr deutlich erinnerte er sich an ein schreckliches Spiegelbild seines eigenen Gesichtes, und wie er sich buchstäblich die Seele aus dem Leib geschrien hatte. Dann hatte ihn sein Peiniger wiederum mit einer Spritze traktiert... die Injektionsnadel war in seine Armbeuge geglitten, und Jens war in einen ohnmachtsähnlichen Drogenschlaf gefallen - so plötzlich, als wäre er von einer großen Klippe in die gähnende Tiefe eines schäumenden, wild tobenden Meeres gestürzt.

Er musste zu seinem Schrecken erkennen, dass er immer noch festgegurtet auf einem fahrbaren Tisch lag - aber man hatte ihn offensichtlich in einen anderen Raum geschoben. Irgendwo unter der Erde...

Jens schauderte bei dem Gedanken. Dieser Raum hier war ziemlich klein, aber dennoch recht hoch - und wenn er den Kopf mühsam zu drehen versuchte, konnte er ganz hoch oben in einer Ecke ein halbrundes, kleines Fenster erkennen, durch das ein wenig spärliches Tageslicht hereinsickerte.

Hilfe - ich will hier raus!“, krächzte der gefangene Student mit einer Stimme, die ihm selbst fremd vorkam. Sie klang so schwach - und total hilflos. Dann verstummte er auch schon wieder, als ihm bewusst wurde, dass ihn dieser teuflische Doktor womöglich hören konnte. Vielleicht war er ja in der Nähe (in dem anderen Raum, wo Jens zuvor schon einmal das Bewusstsein wiedererlangt hatte) und würde gleich hereinkommen, um ihn wieder ruhigzustellenl

Jens zwang sich zur Ruhe. Er versuchte nachzudenken und sich über seine Lage klar zu werden. Aber seine Gedanken schwirrten immer wieder wie aufgescheuchte Bienen umher - sie ließen sich einfach nicht festhalten.

Probeweise zerrte er an seinen Fesseln. Irgendwie hatte er den Eindruck, als wenn die Gurte nicht mehr so fest anlagen - oder lag das vielleicht daran, dass seine Arme und Beine so entsetzlich dürr geworden waren?

Im schwachen Licht sah der junge Mann (für den hielt er sich nämlich noch), dass seine Haut mit seltsamen Flecken übersät war. Und wieder verspürte er den übermächtigen Drang, laut zu schreien und zu toben. Was hatte dieser satanische Wissenschaftler nur mit ihm gemacht? Jens nahm die kümmerlichen Reste seiner Selbstbeherrschung zusammen und versuchte sich zu befreien.

Immer wieder musste er eine Pause bei seinen Bemühungen einlegen, denn er fühlte sich entsetzlich schwach. Aber dann gelang es ihm doch, zuerst den einen und dann den anderen Arm aus den Gurten zu lösen (auch wenn er den Eindruck hatte, als wenn währenddessen Jahre verstrichen waren).

Das Gefühl der Erleichterung darüber wich jedoch sofort einem Gefühl namenlosen Schreckens, denn als er nun seine Hände nah ans Gesicht führte, sah er, dass sie mit Altersflecken bedeckt waren - und auch sein Gesicht, das er zitternd abtastete.

ALT - oh mein Gott - ich bin alt, ein uralter Mann bis zum Skelett abgemagert, voller Falten und Runzeln...

Die Gedanken überschlugen sich förmlich in diesen Sekunden, und sein Herz raste wie wild. Diese grauenhafte Erkenntnis brachte ihn schlagartig um den letzten Rest des klaren Verstandes. Obwohl es ihm noch mühsam gelang, seine Beine zu befreien, sich vom Tisch zu erheben und unsicher durch den Raum zu wanken - auf der Suche nach einem Ausweg aus dieser unerträglichen Situation - war sein Schicksal bereits vorgezeichnet.

Die einzige Tür, die aus diesem kleinen Raum führte, war fest verschlossen - und sie war so dick und stabil, dass niemand von draußen hören würde, wie er sich hier die Seele aus dem Leib schrie. So wurden seine Bemühungen schließlich immer sinnloser.

Dann zerbrach etwas in ihm. Immer wieder entrang sich Jens ein irres Kichern, und er verfiel in sinnlose Zerstörungswut. Mit seinen schwachen Händen fegte er eine Reihe von Fläschchen und Reagenzgläsern aus einem Regal, so dass sie klirrend zerbrachen. Er zertrampelte ein paar Kisten und daneben stehende Kartons und fing schließlich an, laut zu weinen.

Erschöpft brach er zitternd in einer Ecke zusammen und gab sich ganz seinem hemmungslosen Selbstmitleid hin. Sein Herz raste immer noch, und er begann zu frieren. Er fühlte, dass der Tod nahe war - ja, er befand sich hier in diesem düsteren Kellerloch und grinste ihn aus einer dunklen Ecke heraus an. Jens hörte sofort auf zu weinen und kicherte wieder, aber es hörte sich eher wie ein ersterbendes Röcheln an.

Was er nicht wissen konnte - und auch nie erfahren würde: bei einem der zerbrochenen Fläschchen handelte es sich um eine Lösung aus einem von Dr. Fischers berüchtigten Fehlversuchen. Und es war genau über einem halb zugemauerten Abfluss zerbrochen dadurch rann die gelbliche Flüssigkeit einen tiefen Schacht hinunter.

Dort unten befanden sich alte Tunnel und Gewölbe, die einmal in direkter Verbindung mit den Bunkeranlagen unterhalb des Parkareals gestanden hatten. Von diesen Räumen ahnte selbst Dr. Fischer nichts - und deshalb wusste er auch nichts über die Ratten, die dort unten lebten.

Hunderte von ihnen waren hier beheimatet, und niemand hatte sich bisher um sie gekümmert. Doch nun tropfte das Verderben auf sie herab. Einzelne, zähe Tropfen der Flüssigkeit trafen ein paar normale Ratten und vernichteten sie sofort. Anders aber verhielt es sich bei dem sogenannten Rattenkönig - einem Wurf besonders zottiger Kreaturen, deren Schwänze sich aufgrund einer rätselhaften Laune der Natur untrennbar miteinander verflochten hatten. Einige der Jungratten waren bereits tot und skelettiert, aber es lebte noch ein gutes Dutzend von ihnen, denn der Wurf war erst einige Tage alt.

Auch der Rattenkönig wurde von mehreren Tropfen erreicht - und innerhalb weniger Stunden begann ein biologischer Prozess, der schon Tage später in einer furchtbaren Metamorphose endete.


*


Samstag, 20. November 2016

Augsburg, an der Wertach - auf Höhe der Kulper Hütte, um 8.30 Uhr



Die Sonne war gerade erst aufgegangen. Zu dieser frühen Stunde wirkte der schmale Weg an der Wertach leer und verlassen - was nicht nur an der Uhrzeit lag, sondern vielmehr am Wetter. Als der Pensionär Norbert Gerhardt wie jeden Morgen um sieben Uhr sein Haus in der Nähe des Gasthauses Berghof verlassen hatte, um seinen Hund Bobby auszuführen, hatte es nicht so ausgesehen, als wenn es wenig später regnen würde. Mittlerweile aber fielen bereits die ersten Tropfen, und der pensionierte Postbeamte war froh darüber, dass er doch den Regenschirm mitgenommen hatte.

Norbert Gerhardt führte den Hund an der Leine, so lange er sich noch im unmittelbaren Wohngebiet aufhielt. Aber jenseits der Kulper Hütte, an dem der Weg entlang führte, breitete sich eine offene Wiesenlandschaft zu beiden Seiten der Wertach aus, die gern von Spaziergängern genutzt wurde (und natürlich auch von Hundebesitzern).

Warte mal, Bobby!“, rief Norbert Gerhardt seinem Golden Retriever zu, der jetzt schon ungeduldig an der Leine zu zerren begann. Weil der Hund natürlich auch schon wusste, dass er jetzt gleich losrennen konnte. Norbert Gerhardt ging mit seinem treuen Gefährten jeden Morgen und Abend diesen Weg - egal, welche Witterung draußen herrschte. Es war ihm so in Fleisch und Blut übergegangen wie bei anderen Leuten ähnlich lieb gewonnene Gewohnheiten. „Warte, gleich kannst du ja...“

Den Schirm in der einen Hand, und die Leine des Hundes in der anderen, passierte er einige Schrebergärten, die auf dieser Seite fast bis an die Wertach grenzten und hier am Wasser von einer dichten Hecke umgeben waren. Der schmale Weg war völlig eben und geteert dazu - so konnten Radfahrer ohne große Mühe in aller Ruhe das Stadtzentrum erreichen.

Zehn Minuten später ließ Norbert Gerhardt seinen Hund von der Leine frei. Der Golden Retriever jaulte freudig und rannte los. Jetzt war er in seinem Metier, denn das Wasser der nahen Wertach war auch nicht mehr weit...

In hundert Meter Entfernung zeichneten sich die Pfeiler einer kleinen Brücke ab, die zu den Wohnhäusern auf der anderen Seite führten. Dort befand sich auch das Rosenaustadion, und bei diesem Anblick musste Norbert Roder immer wieder traurig seufzen. Wie gerne war er dorthingekommen und hatte die Spieler des FCA anfeuernd unterstützt. Aber seit die große WWK-Arena direkt an der B17 errichtet worden war, kam ihm das alles nur noch wie ein kommerzieller Massenbetrieb vor. Es ging schon längst nicht mehr um den Sport und die einmalige Atmosphäre dieses kleinen, aber schönen Rosenau-Stadions, sondern nur noch ums Geldverdienen.

Nicht so schnell, Bobby!“, rief Norbert Gerhardt seinem Hund nach, als dieser schon gut zwanzig Meter entfernt war und dann plötzlich die Wiese hinunter rannte. „Hierher, Bobby - bei Fuß! Willst du wohl hören?“

Normalerweise gehorchte der Hund aufs Wort - aber an diesem Morgen schien er etwas gewittert zu haben, was ihn die Befehle seines Herrchens einfach ignorieren ließ. Er rannte einfach weiter die Wiese hinab, wo unmittelbar am Wertachufer einige dichte Büsche wuchsen.

Also sowas...“, seufzte Norbert Gerhardt und musste sich beeilen, mit dem Hund Schritt zu halten. Er malte sich schon aus, was passieren würde. Der Hund würde ins Wasser gehen und dort quietschfidel umhertollen - und er musste dann nachher seiner Frau erklären, warum der Hund nicht besser gehorcht hatte.

Er verließ den geteerten Weg und folgte Bobby hinunter zu den Büschen. Dabei sanken seine Schuhe tief in den vom Regen aufgeweichten Grasboden hinein. Norbert Gerhardt fluchte leise. Wenn er nasse Füße bekam, würde er sich mit Sicherheit wieder einen ordentlichen Schnupfen holen.

Als er jedoch wenige Minuten später ebenfalls das Ufer erreichte und dann sah, dass sich Bobby wie verrückt gebärdete und laut zu bellen begann, ahnte er bereits, dass da irgend etwas nicht in Ordnung war.

Zurück, Bobby!“, rief er dem Hund zu, als er noch fünf Meter von der Wertach entfernt war. „Verdammt - bist du endlich still?“

Aber der Golden Retriever wollte sich nicht beruhigen. Er bellte laut, kam zu Norbert Gerhardt gelaufen und sprang ihn so heftig an, dass dieser kurz taumelte. Dann rannte der Hund wieder zurück zu den Büschen, richtete den Kopf auf eine bestimmte Stelle und scharrte dort mit den Vorderläufen ganz aufgeregt im Gras.

Norbert Gerhardt erreichte jetzt den Uferrand und war derart erschrocken, dass er heftig nach Atem ringen musste. Er brauchte einige Sekunden, um das schreckliche Bild zu verarbeiten, das sich seinen fassungslosen Blicken bot.

Im Gebüsch hing eine leblose Gestalt, mit beiden Beinen und einem großen Teil des Oberkörpers noch im Wasser. Die Arme schienen die Büsche verzweifelt zu umklammern, während der Kopf in einem unnatürlichen Winkel zur Seite stand.

Gütiger Himmel“, murmelte Norbert Gerhardt, fasste sich ein Herz und trat noch einige Schritte näher heran. Es war ein alter Mann mit schlohweißem Haar und einem zerfurchten Gesicht, dessen tote Augen in den grauen Morgenhimmel blickten. Die Kleidung war schmutzig und teilweise zerrissen - und die Haut war so schrecklich bleich, als habe der Tote schon seit Jahren keinen Sonnenstrahl mehr gesehen.

Komm, Bobby!“, stieß Norbert Gerhardt hastig hervor, musste aber dennoch den Hund mit Gewalt vom Ufer zurückzerren. Es kostete ihn einige Mühe, das nervöse Tier wieder an die Leine zu nehmen - und dann hatte er es sehr eilig, wegzukommen und so rasch wie möglich die andere Seite der Brücke zu erreichen. Sein Atem ging keuchend, und das Herz in seiner Brust pochte wie wild, als er auf eine Gruppe von Spaziergängern stieß, die gerade die Brücke überqueren wollten.

Hilfe!“, rief er ganz außer sich vor Entsetzen. „Da unten liegt … ein Toter ...“


*


Montag 22. November 2016, 8.00 Uhr

Polizeipräsidium Schwaben Nord, Augsburg-Göggingen



Hauptkommissar Robert Brandner war schlecht gelaunt, als er an diesem Morgen sein Büro betrat - und das ließ er einige seiner Kollegen auch spüren. Weil er immer noch wütend war, seiner Meinung nach aus einem guten und nachvollziehbaren Grund. Eigentlich hatte er ein ruhiges Wochenende verbringen wollen. Und dazu gehörte auch, lange auszuschlafen.

Das hatte er eigentlich auch vorgehabt. Aber ausgerechnet am Wochenende hatte seine Frau Cornelia beschlossen, ihren Willen nach Freiheit und Unabhängigkeit durchzusetzen. Sie hatte ihm in zehn Minuten erklärt, warum eine Trennung besser war und anschließend die Koffer gepackt. Und Brandner war sich vorgekommen wie der letzte Depp, weil er Cornelia nicht überzeugen konnte, dass eine Krise auch überwunden werden konnte. Aber die beiden hatten sich schon zu weit voneinaner entfernt und nur noch nebenher gelebt, anstelle von miteinander.

Deshalb hatte er sich am Samstagabend ordentlich die Kante gegeben – und den fürchterlichen Brummschädel spürte er auch jetzt noch. Seinen heutigen Dienstantritt empfand er deshalb als sehr lästig. Aber was tat man nicht alles, wenn einen die Pflicht rief - und das schon seit über zwanzig Jahren!

Auch wenn schon zwei Tage verstrichen waren, wo man ihn und seine Kollegen am frühen Samstagmorgen aus dem Bett geholt hatte, so hatte Brandner immer noch das Bild des Toten vor Augen, den der Spaziergänger an der Wertach gefunden hatte. Sowohl dem Arzt vor Ort als auch dem Hauptkommissar war die seltsam krankhaft blasse Haut der Leiche aufgefallen - und das lag nicht nur daran, dass der Tote unter Umständen schon lange im Wasser gelegen hatte.

Irgend etwas an diesem Fall stimmte nicht, und Brandner zerbrach sich schon seit zwei Tagen den Kopf darüber. Wenn er doch nur schon einen Bescheid von der Gerichtsmedizin bekommen hätte! Aber die ließen sich Zeit (wie üblich) - und ihm brannte die Sache buchstäblich unter den Nägeln. Nicht zuletzt auch deswegen, weil die lokale Presse ziemlich ausführlich über diesen Fall berichtet hatte.

Trotz des Großstadtcharakters war Augsburg immer noch eine beschauliche und manchmal auch verträumt wirkende Stadt, wo ein Mord zum Glück eher die Ausnahme darstellte (auch wenn die Gewalt in den letzten Jahren zugenommen hatte). Und dass es sich hier um Mord handelte - das lag eigentlich auf der Hand. Dieser alte Mann war ganz sicher nicht freiwillig aus dem Leben geschieden. Da hatte jemand nachgeholfen.

Seine Gedanken brachen ab, als plötzlich die Tür aufgerissen wurde und Peter Müller, sein Mitarbeiter, hereinkam - wie üblich, ohne anzuklopfen. Deswegen blickte Brandner noch eine Spur mürrischer drein und schaute den ab und zu unsicher wirkenden Müller gereizt an.

Was ist?“, knurrte er. „Können Sie nicht wenigstens anklopfen, bevor...?“ Er brach ab und machte mit der rechten Hand eine irgendwie verloren wirkende Geste.

Tschuldigung“, murmelte Müller etwas erschrocken. „Ich konnte ja nicht ahnen, dass...“

Schon gut“, fiel ihm Brandner ins Wort und stellte die Kaffeetasse beiseite. Ohne einen starken Kaffee kam er morgens nicht in die Gänge - aber das heiße Gebräu schien seit zwei Tagen seine belebende Wirkung verloren zu haben (oder lag es daran, dass er zu sehr über den unbekannten Toten grübelte?). „Was gibt' s denn Neues? Hat sich die Gerichtsmedizin schon gemeldet?“

Ja“, antwortete Müller hastig und bemerkte, wie sich die aggressive Miene seines Chefs zu glätten begann. „Ich habe hier den Bericht - ist vor einer halben Stunde eingetroffen. Aber die Kollegen müssen sich geirrt haben. Irgend etwas passt nicht zusammen. Es muss ein Fehler sein, denn...“

Lassen Sie mich nicht länger im Unklaren!“, sagte Brandner und riss seinem jüngeren Kollegen einfach die Akte aus der Hand. „Herrgott, immer muss man alles selbst machen...“

Er blätterte in dem Bericht und überflog ihn dabei, wurde allerdings schon Sekunden später stutzig. Müller dagegen blickte ziemlich beleidigt drein, denn er konnte ja nichts dafür, warum sein Chef heute schlechte Laune hatte. Und das würde er auch nicht erfahren – so hatte sich das Brandner jedenfalls vorgenommen.

Seltsam“, murmelte Brandner beim Lesen. „Ich bin kein Pathologe - aber Sie haben recht, Müller. Klingt schon ein bisschen merkwürdig, was die da festgestellt haben. Wenn man unseren Experten glauben darf, dann scheint bei diesem Toten ein rapider Alterungsprozess eingetreten zu sein. Ich dachte, sowas gibt es eigentlich nur in ganz schlechten Horrorfilmen...“

Er wartete nicht auf eine Antwort seines Kollegen, sondern las einfach weiter, registrierte dabei auch die Angaben zu körperlichen Besonderheiten des Toten. Irgend etwas daran erschien ihm vertraut - aber er wusste nicht, warum das so war. Aber auf einmal ergriff ihn eine merkwürdige Unruhe, die er sich selbst nicht erklären konnte.

Die Akte der Vermissten, Müller“, verlangte er jetzt. „Bringen Sie sie mir jetzt gleich!“ Als der jüngere Kollege nicht gleich reagierte, polterte der Hauptkommissar schon wieder los. „Mensch, Müller - nun stellen Sie sich doch nicht so an! Sie wissen doch, was ich meine. Ich brauche die Vermissten-Akten des Vertreters aus Friedberg und die des Studenten. Ich weiß die Namen nicht mehr - aber Sie wissen ja, was ich will, oder?“

Ja... ja“, erwiderte Müller und verließ hastig das Büro, um die Anweisung seines Chefs zu befolgen. Solche Tage ließen ihn erneut daran zweifeln, ob er sich vor fünf Jahren wirklich zu dem richtigen Schritt entschlossen und sich für eine frei gewordene Stelle bei der Mordkommission beworben hatte.

Brandner verschwendete keine Gedanken mehr an Müller, sondern las den Bericht der Gerichtsmedizin nun schon zum wiederholten Mal durch. Er wusste nicht, wie lange er ins Grübeln verfallen war, als Müller wieder hereinkam und die entsprechenden Akten der Vermissten brachte.

Danke, Müller“, sagte Brandner zu seinem Kollegen. „Setzen Sie sich und lassen Sie mich jetzt mal in Ruhe nachdenken. Ich will mich jetzt nur vergewissern, ob ich mich nicht doch geirrt habe...“

Er nahm die erste Akte des vermissten Vertreters aus Friedberg. Für diesen Fall waren eigentlich die Kollegen im Nachbarkreis zuständig, aber man hatte die Augsburger Polizei mit eingeschaltet, weil der Vertreter hier Kunden besucht hatte und dann nicht mehr gesehen worden war.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738912821
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v375164
Schlagworte
augsburg-experiment

Autor

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Titel: Das Augsburg-Experiment