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Texas Wolf #32: Die Falle im Blind Canyon

2017 120 Seiten

Zusammenfassung

In der näheren Umgebung der Stadt Marion sind vermehrt Viehdiebstähle vorgekommen. Auch der Farmer Judd Francis und seine Familie sind überfallen worden. Es blieb jedoch nicht beim Viehdiebstahl, sondern die Halunken haben bedenkenlos Francis und seine Frau getötet. Als Texas Ranger Tom Cadburn, Old Joe und der Timberwolf Sam die abgelegene Farm erreichen, finden sie nur noch Leichen in den Trümmern. Trotzdem hat noch jemand überlebt – und nur, weil sie sich im letzten Augenblick vor den Mördern in Sicherheit bringen konnte. Es ist Rita, die Tochter der Farmerfamilie. Aber sie kann Cadburn nichts sagen, denn sie ist stumm. Cadburn und Old Joe beschließen, die junge Frau nach Marion zu bringen – aber sie ahnen nicht, dass ausgerechnet dort der Boss der Viehdiebe lebt. Ritas Leben ist in Gefahr, denn sie hat einige der Mörder gesehen und würde sie sicher wiedererkennen. Also muss sie zum Schweigen gebracht werden!

Leseprobe

Die Falle im Blind Canyon


Ein Western von Roland Heller




IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Edward Martin/Schottland, 2017

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de


Klappentext:

In der näheren Umgebung der Stadt Marion sind vermehrt Viehdiebstähle vorgekommen. Auch der Farmer Judd Francis und seine Familie sind überfallen worden. Es blieb jedoch nicht beim Viehdiebstahl, sondern die Halunken haben bedenkenlos Francis und seine Frau getötet. Als Texas Ranger Tom Cadburn, Old Joe und der Timberwolf Sam die abgelegene Farm erreichen, finden sie nur noch Leichen in den Trümmern. Trotzdem hat noch jemand überlebt – und nur, weil sie sich im letzten Augenblick vor den Mördern in Sicherheit bringen konnte. Es ist Rita, die Tochter der Farmerfamilie. Aber sie kann Cadburn nichts sagen, denn sie ist stumm. Cadburn und Old Joe beschließen, die junge Frau nach Marion zu bringen – aber sie ahnen nicht, dass ausgerechnet dort der Boss der Viehdiebe lebt. Ritas Leben ist in Gefahr, denn sie hat einige der Mörder gesehen und würde sie sicher wiedererkennen. Also muss sie zum Schweigen gebracht werden!




Roman:

Sie waren zu spät gekommen!

Verbittert starrte Cadburn auf das Bild, das sich ihm hier darbot. Tierkadaver und verkohlte Balken, die vereinzelt noch leicht glommen, stellten alles dar, was von dem Ranchhaus übriggeblieben war.

Langsam ritten er und Old Joe auf das zerstörte Gebäude zu. Den Überresten nach zu schließen, musste das Anwesen einmal ziemlich groß gewesen sein.

Konnte in diesen Trümmern noch ein Mensch leben?

Vor der zerstörten Pferdekoppel stiegen sie ab und blickten sich um. Die vereinzelt noch glühenden Balken schufen in der Abenddämmerung einen gespenstischen Anschein von Leben. Die weiße Asche, die sich überall abgelagert hatte, verstärkte diesen Eindruck nur noch. Ein leichter Wind ließ die wenigen schwarzen Rauchwolken dicht über dem Boden dahinschweben.

In der Pferdekoppel befanden sich drei tote Tiere. Deutlich konnte man erkennen, wie sie gestorben waren. Man hatte sie erschossen! In diesem Augenblick wusste es Cadburn mit Bestimmtheit, dass man das Anwesen absichtlich zerstört hatte.

Er blickte sich nach Sam um, der bereits das Gebäude durchstöberte. Vielleicht fanden sie noch einen Überlebenden.

"Scheußliche Sache", sagte Old Joe, der nun neben Cadburn trat. "Glaubst du, es lebt noch jemand?"

"Wir werden es bald wissen", gab Tom Cadburn knapp zurück und schritt auf das zerstörte Haus zu.

Das Feuer hatte in dem Gebäude mit aller ihm zur Verfügung stehenden Gewalt gewütet. Sie stiegen über herabgestürzte Balken, die ein heilloses Durcheinander bildeten, dennoch konnten sie sich einen Weg in das Innere bahnen. Im Hintergrund erkannten sie Sam. Der Schwarztimber hatte es in dieser Umgebung auf Grund seines Körperbaus natürlich leichter, überall vorzudringen. Der Halbwolf achtete aber nicht auf die beiden Männer, sondern suchte sich einen Weg aus dem zerstörten Hauptgebäude; Da wussten Cadburn und Old Joe, dass sie hier keinen Überlebenden mehr finden würden, trotzdem blieben sie hier und suchten nach den Leichen. Es dauerte auch nicht lange, bis sie den ersten Toten fanden.

Sie verharrten in ihrem Schritt, als sie die Leiche gewahrten. In der verbrannten Hand des Toten lag eine Waffe. Der Mann musste bereits tot gewesen sein, als das Feuer ihn erreicht hatte.

"Verdammt!", schimpfte Old Joe, "ich habe so etwas ja schon öfter gesehen, aber dabei dreht es mir jedes Mal fast den Magen um."

Er wandte sich ab und verließ das Haus mit hängendem Kopf, als er plötzlich ein Geräusch zu hören glaubte und augenblicklich ruhig dastand und mit höchster Konzentration horchte. Gleich darauf vernahm er das helle Fiepen von Sam.

Aufmerksam geworden schritt er leise zum Stallgebäude, das ebenfalls halb zerstört war. Die Tür, die nur an den Rändern leicht angesengt war, stand weit offen. Im letzten Licht des Tages konnte er Sam erkennen, der vor einem verängstigten Mädchen kauerte. Das Mädchen lehnte mit dem Rücken an einer Pferdebox und hielt fast krampfhaft ein Gewehr umklammert, dessen Lauf jedoch zu Boden zielte.

Da Old Joe sie nicht zu einer unbedachten Bewegung verleiten wollte, schlich er leise in den Stall. Obwohl er nicht glaubte, dass von diesem Mädchen Gefahr ausgehen könnte, zog er seine Waffe. Man konnte ja nie wissen!

Dann sprang er mit einem weiten Satz in den Stall.

Er registrierte das Zusammenzucken des Mädchens, das ihn nun wild anblickte. Mit gezogener Waffe ging Old Joe langsam auf sie zu. Sie wehrte sich nicht, als er ihr das Gewehr abnahm.

"Ruhig, Sam!", sagte er, als der Schwarztimber knurrte. Old Joe konnte die Angst in dem Gesicht des Mädchens erkennen. Sie starrte ihn stumm an. In ihren Augen stand der Schreck geschrieben. Irgendwie blickte sie ihn wild und verzweifelt an.

"Wir haben das Feuer gesehen", erklärte Old Joe seine Anwesenheit. Er wartete auf eine Antwort, doch das Mädchen blieb stumm und starrte ihn nur weiterhin verbissen an. "Wir haben nichts damit zu tun", meinte er und machte mit der Hand eine Geste, die das ganze Gelände einschloss.

Er wollte ihr die Angst vor ihm nehmen, doch so ganz schien es ihm nicht zu gelingen, denn sie warf immer wieder ängstliche Blicke auf seine Waffe und den Halbwolf.

Als Old Joe dies erkannte, steckte er seinen Colt in den Holster zurück.

Verdammt, dachte er, wenn sie doch nur etwas sagen würde.

"Wir, das heißt, Tom Cadburn und ich, wir wollen dir ja nur helfen. Du brauchst keine Angst vor uns zu haben. Du bist Francis' Tochter?" Old Joe blickte das Mädchen freundlich an, aber noch immer regte sie sich nicht. "Judd Francis hat Hilfe angefordert, deshalb sind wir hier. Tom Cadburn ist Ranger.“

Zum ersten Mal huschte so etwas wie eine überraschte Regung über ihr Gesicht, aber gleich darauf nahm sie wieder einen verbissenen Gesichtsausdruck an.

"Sie sind doch Francis' Tochter?", fragte Old Joe erneut.

Das Mädchen nickte, sagte aber immer noch nichts.

Old Joe dachte verzweifelt darüber nach, wie er das Vertrauen dieser jungen Frau gewinnen konnte, kam aber zu keinem Ergebnis. Soll sich Tom um sie kümmern, dachte er schließlich und gab ihr das Gewehr als Vertrauensbeweis zurück.

"Gehen wir hinaus", sagte er anschließend nur und schritt zusammen mit Sam, der sich misstrauisch umblickte, aus dem Stall. Das Mädchen folgte ihnen.

"He, Tom!", schrie Old Joe draußen lautstark, "jemand hat überlebt!“

Sofort kam Cadburn aus dem zerstörten Gebäude und auf sie zu. In seinem Gesicht zeigte sich Überraschung.

"Sie spricht nichts", klärte Old Joe ihn sofort auf. "Zumindest hat sie bis jetzt keinen Ton gesagt."

Plötzlich vollführte das Mädchen mit ihren Händen ein paar Bewegungen, und Tom Cadburn und Old Joe konnten unschwer erkennen, was sie ihnen sagen wollte.

Das Mädchen war stumm.


*


Francis' stumme Tochter blieb die einzige Überlebende.

Als sie später zusammen am Feuer saßen und aßen, blickte Cadburn das Mädchen erstmals genauer an. Er schätzte, dass sie nicht älter als sechzehn Jahre sein konnte. Sie besaß schwarze Haare, die ihr in langen Wellen bis fast zu den Hüften hingen. Auch ihre Augen waren dunkel und groß. Die Ereignisse des Tages hatten ihre Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen. Sie blickte traurig vor sich hin. Um ihre Mundwinkel hatten sich tiefe Falten gegraben.

Während Cadburn sie so anblickte, fing sie plötzlich zu weinen an. Obwohl sie sich recht tapfer gehalten hatte, wie der Ranger bei sich zugeben musste, übermannten sie nun die Ereignisse des Tages, und sie ließ ihrem Kummer in Form von Tränen freien Lauf.

In Cadburn erwachte das Bedürfnis, sie zu trösten. Und fast augenblicklich verdammte er sich, dass er es nicht bereits früher getan hatte, weil ihm ihre Kindheit eigentlich nie so recht bewusst geworden war.

"Es tut mir leid", sagte er mit sanfter Stimme und fühlte gleichzeitig, dass er sie so kaum trösten konnte, deshalb nahm er sie einfach in seine Arme und ließ sie an seiner Schulter sich ausweinen.

Später am Abend begruben Cadburn und Old Joe ihren Vater sowie ihre drei Geschwister auf einem nahegelegenen Hügel, der bereits ein Kreuz beherbergte.

"Wenn sie doch nur sprechen könnte", sagte Cadburn. "Sie könnte uns garantiert wertvolle Hinweise geben. Nun, heute ist es zu spät, noch etwas zu unternehmen, denn die Täter sind sicherlich längst über alle Berge verschwunden. Vielleicht finden wir morgen eine Spur, der wir folgen können."

"Du kannst das Mädchen nicht einfach hier draußen allein lassen", widersprach Old Joe. "Wir sollten sie morgen in die Stadt bringen."

"Du wirst sie in die Stadt bringen und dem Sheriff Bericht erstatten. In der Zwischenzeit werden Sam und ich der Spur folgen."

"Wie willst du die richtige Spur finden? Du besitzt keinen Anhaltspunkt. Auch Sam wird dir hier nicht viel helfen können. Um die Ranch herum laufen zu viele Spuren und alle führen in verschiedene Richtungen. Wie willst du hier die richtige Spur finden? Nun gut, versuch dein Glück. Ich werde in der Stadt auf dich warten."


*


Früh am nächsten Morgen, im Licht der ersten Sonnenstrahlen, umstreifte Sam in weiten Kreisen das Gebäude auf der Suche nach einer Spur und es dauerte auch gar nicht lange, bis er eine Witterung aufgenommen hatte, die ihm vielversprechend vorkam.

Cadburn untersuchte die Spur und fand sie, ebenso wie Sam, sehr vielsagend. Dabei stellte er fest, dass an dem Überfall mindestens zwanzig Personen teilgenommen haben mussten. Das war bereits eine halbe Armee. Gewöhnliche Banditen blieben unter sich und schlossen sich nicht zu so großen Gruppen zusammen.

Was hatte das zu bedeuten?

Cadburn spekulierte eine Zeitlang darüber und spielte im Geist mehrere Varianten durch, aber so richtig eine Lösung, die ihn rundum zufrieden stellte, fand er nicht.

Er weckte Old Joe, der noch in seinen Decken schnarchte, und berichtete ihm, was er vorgefunden hatte.

"Du kannst nicht zwanzig Mann allein ausschalten, Tom", meinte der Alte schlaftrunken. "Es grenzt an Wahnsinn, wenn du sie allein angreifen willst."

"Ich bin kein Selbstmörder, Old Joe", beruhigte ihn Cadburn. "Ich werde mir die Sache jedoch aus der Nähe ansehen. Bring du das Mädchen in die Stadt und warte dort auf mich."

Mit diesen Worten ließ er Old Joe einfach stehen und sattelte seinen Blauschimmelhengst.

Die zwanzig Mann hatten eine Spur hinterlassen, die recht deutlich auszumachen war, und Cadburn konnte ihr in der ersten Zeit auch ohne Hilfe von Sam folgen. Erst als die grasbewachsene Ebene in steiniges Gelände überging, wurde die Spürnase des Halbwolfs für ihn unentbehrlich, da die Bande wohl mit einer Verfolgung gerechnet hatte, denn mehrmals wechselte die Spur abrupt und ohne jeden Sinn, so dass Cadburn nicht einmal die ungefähre Richtung erahnen konnte, in der das Lager der Banditen lag.

Sie folgten der Spur bereits über zwei Stunden, als sie auf einen schmalen Fluss stießen. Dort endete die Spur. Eine Zeitlang suchten er und Sam getrennt das Ufer ab, aber da er nicht wusste, in welche Richtung sich die Banditen gewandt hatten und ihrer Suche kein Erfolg vergönnt war, brach er die Verfolgung vorerst ab, denn der Vorsprung der Banditen hatte gereicht, damit der Fluss jegliche Spuren verwischen konnte.


*


Old Joe warf einen Blick auf das Mädchen, das noch fest schlief. Soll sie weiterschlafen, dachte er und stand auf. Während er sich dann vorsichtig die Müdigkeit durch langsame Bewegungen austrieb, dachte er an die Vorfälle, die sich hier ereignet hatten. Und er dachte an den Auftrag, der Cadburn und ihn hierhergeführt hatte, genau zu jenem Landstrich, dessen Besitzer einem heimtückischen Überfall zum Opfer gefallen waren. Der Auftrag hatte eigentlich recht einfach ausgesehen, doch plötzlich wurde Old Joe klar, dass noch einige Schwierigkeiten auf sie zukommen würden, ehe sie ihn erledigen konnten.

Während er dann das Feuer entfachte, dachte er daran, was einen Menschen veranlassen konnte, so zu handeln. Wie er von Tom wusste, der natürlich bestens über die Hintergründe informiert war, handelte es sich bei dem gestrigen Überfall keinesfalls um einen Racheakt. Insofern musste die ganze Aktion vorerst sinnlos erscheinen - und sinnlos erschien sie Old Joe.

Aus seinen Vorräten braute er einen starken Kaffee, den er dem Mädchen brachte, nachdem es aufgewacht war.

Sie nahm ihn dankbar an und trank in tiefen Schlucken, doch wenige Minuten nach dem Aufwachen wurde ihr schlagartig die gesamte Tragweite des Überfalls bewusst, und sie fing wieder lautlos zu weinen an. Old Joe, der sie trösten wollte, saß nur hilflos daneben.

"Man könnte aus dem Fluchen nicht mehr herauskommen, wenn man es darauf abgesehen hätte!", murrte er ärgerlich und sah sich in dem zerstörten Hof um.

Die Tierkadaver!

Ich werde sie verbrennen müssen, dachte er und suchte in dem Schuppen, der etwas abseits stand und deshalb der Zerstörung entgangen war, nach Öl, wie man es für die Lampen benötigte. Aus Erfahrung wusste er, man bewahrte so etwas nicht gerade im eigentlichen Haus auf. Deshalb war er auch nicht sonderlich überrascht, als er tatsächlich einen Kanister davon vorfand. Er schüttete den Inhalt über die Tierkadaver und setzte sie in Brand.

Eine Zeitlang blickte der Oldtimer stumm in die Flammen, ehe er sich abwandte. Das Mädchen war inzwischen aufgestanden und saß nun beim Feuer und frühstückte. Old Joe setzte sich zu ihr und ließ sie essen. Dabei brummte er irgendetwas Unverständliches, während er das stumme Mädchen musterte. Vielleicht kann ich etwas von ihr erfahren, dachte er:

Gleichzeitig wunderte er sich aber, warum Cadburn nicht bereits gestern eine Reihe von Fragen an sie gerichtet hatte. Rücksicht?

Old Joe zuckte die Schultern.

"Du hast gesehen, wer euch überfallen hat?"

Das Mädchen nickte.

"Du kennst die Männer?"

Sie nickte und schüttelte gleich danach den Kopf, was wohl bedeuten konnte, sie kannte nur ein paar von ihnen. Dazu vollführten ihre Hände ein paar Bewegungen, deren Sinn Old Joe aber unklar blieb.

"Du kannst die Namen aufschreiben?", forschte er.

Sie schüttelte den Kopf und gab ihm zu verstehen, dass sie nicht schreiben konnte.

"Verdammt", stieß er bitter hervor und betrachtete sie. Wie ein Häufchen Elend saß sie zusammengesunken da und rührte ihr Frühstück kaum mehr an.

"Wir werden den Vorfall dem Sheriff melden. Er wird uns helfen, damit wir die Bande fangen."

Sie schüttelte den Kopf, und Old Joe wunderte sich, warum sie dies tat. Er fragte sie auch danach, aber die Frage blieb sinnlos, da sie ihm nicht antworten konnte und er ihre Zeichensprache nicht verstand. Er merkte jedoch, wie sie sich bemühte. Sie wollte ihm irgendetwas mitteilen und er hatte den Eindruck, dass es sich dabei um etwas Wichtiges handelte, doch sie konnten zu keinem gegenseitigen Verständnis gelangen.

Eine Stunde später machten sie sich zum Aufbruch bereit.

"Du besitzt kein eigenes Pferd mehr?"

Sie schüttelte den Kopf und deutete in die Koppel, wo der Alte die Tierkadaver verbrannt hatte.

"Na, dann musst du wohl zu mir auf Clara", meinte er und sattelte sein Maultier.

Außer ihrer Kleidung und dem Gewehr trug das Mädchen nichts bei sich, als sie sich vor Old Joe auf Clara setzte. Dem Maultier passte dies anfangs gar nicht, doch Old Joe redete Clara gut zu, und schließlich setzte sie sich doch in Bewegung.

Während sie in Richtung Stadt ritten, blickte sich das Mädchen andauernd aufmerksam nach allen Seiten um und spähte in die Umgebung. Auch Old Joe ergriff das Gefühl der Unruhe, und suchend blickte er ebenfalls herum. Und obwohl er das Gefühl hatte, tausend Augen beobachteten ihn, konnte er niemanden erspähen.

Bald darauf entdeckte er einen einzelnen Reiter, der hinter ihnen herkam.

"Das wird Tom sein", beruhigte er das Mädchen, das das Gewehr bereits anlegen wollte.

Auf der Stelle warteten sie, bis der Reiter näherkam. Wenig später konnte Old Joe bereits Sam ausmachen, und da atmete er unwillkürlich erleichtert auf.

"Die Spur verlief sich in einem Fluss", klärte Cadburn ihn auf und erzählte, was er vorgefunden hatte.

Langsam ritten sie dann nebeneinander weiter, da sich Clara weigerte, schneller als nötig auszuschreiten.

Das Gefühl der Unruhe übertrug sich bald darauf auch auf Tom Cadburn.

Als sie sich der Waldschneise näherten, an deren Grenze sie gestern das Feuer erspäht hatten, wieherte Cadburns Blauschimmelhengst nervös.

Sofort zügelten die Männer ihre Tiere und ihre Gewehre wanderten wie automatisch in ihre Hände.

"Jemand ist in der Nähe", sagte Old Joe.

Aufmerksam beobachteten sie nun die Umgebung. Hinter ihnen erstreckte sich freies Weideland. Der Fremde musste sich also vor ihnen in dem Wäldchen befinden. Vorsichtig ritten sie weiter, die Landschaft genau musternd. Cadburn horchte angestrengt, aber abgesehen vom leichten Rauschen des Windes ließ sich kein Geräusch vernehmen. Kein Vogelschwarm, der aufgeregt hin und her flog, keine verdächtige Ansammlung von Insekten, nichts, das auf die Anwesenheit eines Menschen schließen ließ.

Sie beruhigten sich aber nicht.

Dann ging alles in Sekundenschnelle.

Old Joe sah ein Gewehr aufblitzen. Gleichzeitig stieß er einen Schrei aus und duckte sich über sein Maultier, drückte gleichzeitig den Kopf des Mädchens ebenfalls nach unten, presste seine Schenkel in die Flanken des Tieres, während er bereits den Schuss hörte. Die Kugel riss seinen Hut vom Kopf.

Ein weiterer Schuss peitschte auf, doch traf er nichts mehr, denn Clara raste jetzt Haken schlagend seitlich an dem Wäldchen entlang, während Cadburn seinen Blauschimmelhengst in einem rasenden Tempo in die andere Richtung am Wäldchen entlang jagte.

Von dem wild umherlaufenden Maultier sprang das Mädchen mit einem gefährlich aussehenden Satz herunter und rollte sich bei der Landung gekonnt ab. Es dauerte keine Sekunde, bis sie ihr Gewehr ausgerichtet hatte und in das Wäldchen feuerte.

Old Joe brachte sein Maultier mit einem wilden Fluch zum Stehen und sprang ebenfalls ab. Clara wusste sich jedoch noch nicht in Sicherheit und sprang auch ohne Reiter Haken schlagend weiter.

Weitere Schüsse aus dem Wäldchen blieben aber aus. Das Mädchen schoss zwar nochmals, doch glaubte Old Joe nicht an einen Treffer ihrerseits.

Dann vernahmen sie das heisere Wiehern eines Pferdes, dem gleich darauf ein wilder Schrei folgte. Dann blieb es still.

Tom Cadburn wartete keine Sekunde. Sofort nach dem Schrei trieb er sein Tier in die Waldschneise hinein. Schon aus einiger Entfernung sah er Sam über einem Körper gebeugt stehen.

Aber er kam zu spät.

Der Mann war tot.


*


Franklin Kendall fluchte unterdrückt und goss das Glas Whisky in einem Zug in seine Kehle, ehe er sagte: "Ich verstehe den Boss nicht."

Sonst sagte er nichts, starrte nur Bricks an, der ihm gegenübersaß. Bricks führte den größten Saloon in Marion. Sein Gesicht wies markante, harte Züge auf, nur die blauen Augen wollten nicht so recht dazu passen, denn sie blickten fast freundlich.

Jerry Bricks verzog seinen breiten Mund zu einem undefinierbaren Lächeln. "Der Boss lässt ausrichten, er ist mit deinem eigenmächtigen Handeln nicht zufrieden.“

"Verdammt, aber wir mussten etwas tun! Es gab gar keine andere Möglichkeit mehr!", fuhr Kendall auf und erhob sich von seinem Stuhl, beugte sich halb über den Schreibtisch und blickte den stiernackigen Saloonbesitzer stechend an.

Du weißt genau, wir brauchen das Land. Francis stand kurz davor, seine Hypothek abzubezahlen. Hätte der das geschafft, dann könnten wir uns jetzt den Kauf des Landes in den Hintern schieben. Wir mussten es tun. Es gab keine andere Möglichkeit mehr.

"Beruhige dich!", befahl Bricks scharf und lehnte sich bequem in den gepolsterten Sessel zurück, dann umspielte ein schmieriges Lächeln seinen Mund. "Du bist zu voreilig. Zumindest hättest du die Aktion mit dem Boss absprechen müssen. Er liebt eigenmächtige Entscheidungen gar nicht. Wir haben Zeit. Wir hätten Francis schon noch in die Knie. gezwungen - mit weniger Aufsehen!“

Bricks. langte in eine Lade seines Schreibtisches und brachte eine Kiste Zigarren heraus. Umständlich kramte er sich eine hervor und schloss dann den Deckel der Kiste, ohne seinem Gegenüber eine Zigarre anzubieten. Nachdem er die Spitze der Zigarre abgeschnitten hatte, fuhr er genüsslich mit der Zunge um die Schnittstelle und schob sie mehrmals halb in seinen Mund. Anschließend holte er ein Zündholz aus seiner Rocktasche und entzündete es.

,,Habt ihr wenigstens die ganze Familie erwischt?", erkundigte er sich, ehe er die Zigarre endgültig in Brand setzte.

"Ja, wir haben wie immer saubere Arbeit geliefert."

"Unnütze Arbeit, für die ihr nicht angeworben wurdet, für die ihr auch keinen Cent zu sehen bekommt!“

"Aber...", brauste Kendall auf.

"Halt!", unterbrach Bricks sofort. "Es war ausgemacht, dass ihr nur mit Auftrag handelt. Sollte sich deine Maßnahme später als unumgänglich herausstellen, so bin ich sicher, der Boss lässt mit sich reden, wenn es um den Lohn geht. Haben wir uns verstanden?“

Kendall nickte ganz ruhig. Gelassen setzte er sich wieder und blickte sein Gegenüber fast regungslos an. So mochte es zumindest für Außenstehende aussehen, doch innerlich kochte der Bandenboss.

Amateure!, schoss es ihm durch den Sinn. Ich hätte mich nie mit ihnen einlassen sollen. Sie glaubten wohl, sie könnten das große Geschäft machen, ohne jemals hart durchgreifen zu müssen.

"Du und deine Bande werden sich in den nächsten Tagen absolut ruhig verhalten", unterbrach Bricks den Gedankengang von Kendall. "Keine Viehdiebstähle in der nächsten Zeit. Wir werden warten müssen, bis etwas Gras über die ganze Sache gewachsen ist."

"Ich verstehe deine Unruhe nicht", begann Kendall, aber Bricks winkte sofort wieder ab.

"Du verhältst dich absolut ruhig, haben wir uns verstanden? Ich diskutiere diese Sache nicht mit dir! Lass‘ ein oder zwei Mann hier, damit wir euch über die neueste Lage unterrichten können, wenn etwas vorfällt, aber du und der Rest der Bande verlassen heute noch Marion und ziehen sich in das Lager zurück. Du kannst gehen!"

Kendall warf dem Wirt einen wütenden Blick zu. "Ich könnte dich umbringen, Bricks, und niemand in der Stadt wurde dir auch nur eine Träne nachweinen. Auch euer sauberer Sheriff nicht. Wenn ich wüsste, wer der Boss ist, damit ich endlich mit ihm von Angesicht zu Angesicht reden kann, dann hätte ich es vielleicht schon getan. Du wirst schon noch von deinem hohen Ross fallen, das schwöre ich dir. Und wenn ich dich persönlich herunterholen muss!"

"Du wirst es nicht tun!", sagte Bricks mit einem gefährlichen Unterton in der Stimme, "und du weißt genau; weshalb du es nicht tun wirst. Ich habe mich abgesichert. Deine Vergangenheit reicht aus, dich gleich ein paar Mal zu hängen! Ich würde mich also nicht zu einer Unvorsichtigkeit hinreißen lassen!"

Kendall hatte seine Hand bereits am Halfter des Revolvers liegen, doch nun löste sie sich langsam wieder. Nach einem letzten hasserfüllten Blick marschierte Kendall aus dem Büro und gelangte in den Saloon, wo seine Männer bereits warteten. Er beachtete sie aber nicht und ging stattdessen gleich zur Bar, wo er sich einen doppelten Whisky bestellte.

"Mistkerl!", maulte er. Er hatte beide Hände auf den Bartisch gelegt. Er hatte es sich angewohnt in den langen Jahren seines Herumtreibens. Jeder sollte sehen können, wie wenig er sich fürchtete. Er hatte es nicht nötig, ständig eine Hand in der Nähe des Revolvers zu halten wie so mancher Revolverschwinger, der glaubte, schnell zu sein.

Als der Barkeeper das Glas vor ihm abgestellt hatte, nahm er es und trat an den Tisch, an dem seine Männer saßen. Er ließ sich jedoch nicht nieder, sondern blieb einfach neben dem Tisch stehen.

Außer dem Barkeeper befand sich zu dieser frühen Tageszeit niemand im Saloon.

"Bunch und Reynolds, Ihr bleibt hier! Ihr steht Bricks zur Verfügung, wenn er euch braucht. Der Rest reitet mit mir!"

Er leerte das Glas in einem Zug, dann verließ er den Saloon mit mächtigen Schritten. Die Sporen an seinen Stiefeln erzeugten dabei ein hell klingendes Geräusch. Seine Männer sahen ihm seine schlechte Laune an

"Mächtig geladen heute", meinte einer und kippte noch sein Glas aus. "Dann wollen wir ihm mal lieber folgen, ehe er noch explodiert."


*


Cadburn beugte sich zu dem Mann nieder und untersuchte ihn. Auch Old Joe und das stumme Mädchen erreichten nun die Stelle, an der Cadburn den Toten untersuchte. Old Joe hielt seinen Hut in den Händen. Durch das Einschussloch hatte er seinen Zeigefinger gesteckt.

"Schau dir das Loch an", meinte er wütend. "Nur ein paar Millimeter tiefer, und Old Joe wäre nicht mehr gewesen."

Cadburn interessierten im Augenblick die Sorgen seines Freundes nicht. "Er hat sich das Genick gebrochen", stellte er nüchtern fest. "Wahrscheinlich schreckte sein Pferd vor Sam zurück und hat ihn abgeworfen, dabei wird er so unglücklich gefallen sein, dass er sich das Genick gebrochen hat."

"Hm", brummte Old Joe nur und blickte finster auf den Toten. Er setzte sich seinen Hut auf und klappte die Krempe vorne wieder hoch. "So wird es wohl gewesen sein, obwohl ich nicht verstehe, warum der verdammte Kerl nicht von seinem Gaul abgestiegen ist. Wo ist der übrigens?"

"Wir werden das Pferd schon finden."

"Hoffentlich. Clara gefällt das doppelte Gewicht gar nicht.“

"Na, dann such dein hässliches Maultier."

"Was heißt hier suchen? Sie hat sich in Sicherheit gebracht. Wenn die Gefahr vorüber ist, wird sie schon wieder aufkreuzen."

Old Joe stiefelte aus der Waldschneise und blickte sich draußen nach seinem Maultier um. Er sah es etwa fünfzig Meter entfernt bei einem Baum stehen, wo es gelangweilt Blätter von den Ästen riss. Lammfromm stand es da und blickte dem Alten ruhig entgegen. der jetzt auf Clara zukam. Old Joe tätschelte dem Tier den Hals und zog sich dann in den Sattel, ohne ein Wort zu verlieren. Als er zurückkehrte, hatte Cadburn das Tier des Toten eingefangen, das sich beim Anblick des Schwarztimbers wie wild gebärdete. Doch schließlich gelang es dem Ranger, das Tier so weit zu beruhigen, dass es nicht gleich wieder fortrannte.

"Was machen wir mit dem Toten?", fragte Old Joe.

"Wir nehmen ihn mit", entschied Cadburn.

Oh nein, nicht auf Clara!", entfuhr es dem Alten.

"Dann muss das Mädchen wieder bei dir reiten."

"Wie wäre es denn auf deinem wunderschönen Blauschimmelhengst?"

"Ein Pferd ist kein Maultier."

In diesem Augenblick ließ Clara einen gequälten Ton hören und blickte Tom Cadburn zähnefletschend an.

Verdammtes Vieh, dachte der Ranger, manchmal glaube ich wirklich, dass du schon jedes Wort verstehst.

Der Ranger ließ sich davon allerdings nicht lange beirren, und das Mädchen stieg wieder zu Old Joe auf Clara.


*


Sheriff Howard Walker saß vor seinem Büro in einem Sessel und blickte ohne sonderliches Interesse die Straße hinunter. Er hatte seinen Stuhl zurückgelehnt, und seine Füße stützten sich am Geländer des Gehsteigs ab. Drückende Hitze lag in der Mittagsstunde über der Stadt, und die meisten Bewohner hielten sich im Schatten ihrer Häuser auf. Nur selten konnte Sheriff Walker einen Bürger auf der Straße beobachten, doch auch diese wenigen Männer verschwanden nach kurzer Zeit wieder in irgendeinem Haus.

Die Stadt lag ruhig da, und der Sheriff sonnte sich im Nichtstun. Er besaß ein eingefallenes Gesicht, das die Zeit und das heiße Klima geformt hatten. Seine Haare begannen bereits zu ergrauen. Mit der rechten Hand strich er sich über seinen mächtigen Bauch und nahm die Füße vom Geländer herunter. Mit einem lauten Plopp setzten nun die Vorderbeine des Stuhles auf den Holzbalken des Gehsteigs auf. Dann blickte er die andere Seite der Straße hinunter.

Drei Punkte bewegten sich auf die Stadt zu.

Er machte sich noch keine Gedanken, denn schließlich konnte jeder nach Marion kommen, der wollte. Er glaubte ohnehin nicht daran, ein fremdes Gesicht zu sehen. Wahrscheinlich handelte es sich um ein paar Cowboys von den umliegenden Ranches.

Schließlich lehnte er sich wieder bequem in den Sessel zurück und kippte ihn, bis die Lehne an der Hauswand anstand. Auf der Straße blieb noch immer alles ruhig.

Plötzlich bemerkte Walker ein helles Aufblinken an der Brust einer der herankommenden Reiter. Im Nu erwachte sein Interesse. Er nahm die Füße wieder vom Geländer und blickte direkt auf die Herankommenden.

War da nicht ein Pferd reiterlos?

Walker blickte genauer hin. Verdammt!, entfuhr es ihm dann, als er die Leiche erkennen konnte. Es musste sich um einen Toten handeln, denn einen Kranken hätte man anders transportiert. Eines der Tiere musste ein Maultier sein, und wenn ihn nicht alles täuschte, trug es zwei Reiter.

Er lockerte seinen Colt und trat aus dem Schatten des Hauses auf die Straße. Jetzt konnte er die Reiter bereits deutlich erkennen. Ebenso entging ihm nicht das Abzeichen auf der rechten Brust des jüngeren Mannes.

"Verdammt, was will ein Ranger hier?", fragte er sich laut.

Inzwischen hatten auch andere Bewohner die Reiter entdeckt und kamen nun auf die Straße, gesellten sich zu ihrem Sheriff.

Kurz darauf hielten Cadburn, Old Joe und das stumme Mädchen vor dem Sheriff. Sheriff Walker nickte ihnen leicht zur Begrüßung zu, dann ging er zu dem Pferd, das die Leiche trug.

"Was ist geschehen?", fragte er kurz. Er warf einen Blick auf das stumme Mädchen. "Und was macht Rita hier?"

"Jemand hat die Ranch der Francis' zerstört, absichtlich zerstört und die ganze Familie mit Ausnahme von ihr ausgerottet."

Der Sheriff blieb einen Augenblick lang stumm und starrte in stiller Verzweiflung den Ranger an. "Wie konnte das kommen?", erkundigte er sich, doch die Frage konnte nur rhetorisch gemeint sein, denn er erwartete keine Antwort darauf, sondern fuhr gleich fort: "Und der?" Dabei deutete er auf die Leiche.

"Er lauerte uns auf. Leider starb er, als er vom Pferd fiel.“

"Besprechen wir das dann in meinem Büro", meinte Sheriff Walker und warf einen Blick auf die umstehenden Leute, die der Anblick der Leiche aus ihren Häusern gelockt hatte.

Der Sheriff hob den Kopf der Leiche an, so dass ihn jeder sehen konnte.

"Ich kenne den Kerl nicht", brummte er und wandte sich an die Menschen, die ihn umstanden. „Kennt ihn jemand?“

Die Männer schüttelten nur einheitlich den Kopf, murmelten aber aufgeregt.

"Weiß man schon, wer die Ranch zerstört hat?", rief ein Bürger.

"Wir müssen ein Aufgebot zusammenstellen, Sheriff!", rief ein anderer.

"Wir werden die Gauner schon ausfindig machen, Leute, darauf könnt ihr euch verlassen!", rief der Sheriff.

Auch Bricks stand in der Menge und betrachtete den Toten mit einem unguten Gefühl im Magen. Er kannte den Toten ebenso wie Bunch und Reynolds, die sich aber hüteten, dies zuzugeben.

"Wie steht es mit dir, Bricks? Kennst du ihn? War er schon einmal in deinem Saloon?"

Bricks tat, als betrachte er das Gesicht genauer, dabei überlegte er sich fieberhaft eine Antwort, die glaubwürdig genug klang.

"Es ist möglich, dass ich ihn einmal im Saloon gesehen habe. Beschwören möchte ich es aber nicht, schließlich kann ich mir nicht jeden Gast merken." Verdammter Kendall!, dachte der Saloonwirt wutentbrannt und blickte Rita verstohlen an. Wie viel hatte sie dem verfluchten Ranger schon verraten? Kendall war doch sicher gewesen, die ganze Familie erwischt zu haben. Und jetzt das!

Immer wieder warfen die Männer scheue Blicke auf Sam, der sein Wolfsblut nicht verheimlichen konnte, aber er stand lammfromm da, als könnte er keiner Fliege etwas zuleide tun.

"Also, Männer", rief der Sheriff, "hier gibt es nichts mehr zu sehen. Geht nach Hause oder in den Saloon, aber steht mir nicht vor der Tür herum."

Dann bestimmte er zwei Männer, welche die Leiche wegschaffen sollten. Anschließend betrat der Sheriff mit Cadburn und dessen Begleitern das Büro.

"Was macht ein Ranger in Marion?"

"Judd Francis hatte um Hilfe gebeten, damit wir die andauernden Viehdiebstähle unterbinden."

"Verdammte Sache", meinte der Sheriff und blickte dem Ranger starr in die Augen. "Haben Sie bereits etwas herausgefunden?"

Tom Cadburn schüttelte den Kopf. "Ich habe vorerst die Spur verloren.“ Dann kam übergangslos seine eigene Frage: „Wie lange wird in dieser Gegend bereits Vieh gestohlen?"

Walker setzte sich in seinen Sessel hinter dem Schreibtisch, auf dem ein Stapel von Steckbriefen unordentlich verstreut lag. Die Frage war ihm sichtlich unangenehm. "In geringen Mengen ist das Vieh eigentlich schon immer weggetrieben worden, soweit ich mich erinnern kann, aber so richtig organisierter Viehdiebstahl..., nun, seit einem halben Jahr, und ich bin machtlos dagegen. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich bin für die Sicherheit der Stadt verantwortlich. Die Ranches liegen hier ziemlich weit auseinander, und ich kann es mir nicht leisten, jedes Mal ein paar Tage wegzubleiben

"Also werden Sie uns nicht helfen können", warf Old Joe ein. Seine Stimme klang wütend. "Schöner Sheriff!", maulte er leise, aber doch so, dass ihn Walker hören konnte. Und plötzlich erinnerte er sich wieder daran, dass Rita den Kopf geschüttelt hatte, als er draußen auf der Ranch davon gesprochen hatte, dass der Sheriff ihnen helfen würde.

Walker warf dem Alten einen bösen Blick zu. Dieser komische Alte verwirrte ihn irgendwie, auch wenn er den Grund dafür nicht angeben konnte. Er beschloss jedenfalls, auf ihn aufzupassen.

Sein Blick schweifte zu dem Wolfshund, der bei der Tür lag und ihn mit seinen Augen musterte. Sheriff Walker spürte direkt ein Kribbeln am Rücken, als er den Wolfshund mit seinen Blicken maß.

"Welchen Grund könnten die Gauner gehabt haben, die Ranch der.Francis zu zerstören? Hatte der alte Judd Francis vielleicht Feinde oder war er gar den Banditen auf die Spur gekommen?", unterbrach Cadburn die Gedanken des Sheriffs.

"Ich weiß es nicht", antwortete dieser unsicher und blickte nun seinerseits Rita stechend an. "Wie viel haben Sie von Rita erfahren können? Sie muss den Überfall doch miterlebt haben?"

"Sie ist stumm und demnach keine große Hilfe für einen Informationssuchenden, der ihre Zeichensprache nicht versteht, außerdem steht sie, glaube ich, noch unter dem Schock der Ereignisse."

"Ich werde sie im Hotel unterbringen. Vielleicht erholt sie sich dort bald, und wir können später mehr von ihr erfahren."

"Eines verstehe ich dennoch nicht“, warf Old Joe ein. "Die Gauner hatten sich ja bisher auf Viehdiebstahl spezialisiert Niemand schlachtet das Huhn, das Eier legt. Warum wird jetzt auf einmal das Huhn doch geschlachtet?"

Cadburn warf Old Joe einen warnenden Blick zu.

Sheriff Walker konnte nichts anderes tun, als die Frage erneut mit "Ich weiß nicht" zu beantworten.


*


Jerry Bricks blickte den beiden Männern, welche die Leiche wegbrachten, nachdenklich nach, dann winkte er Bunch und Reynolds zu sich. Zusammen begaben sie sich in sein Büro.

"Kendall hat wieder einmal Mist gebaut!", begann er sofort wutentbrannt und lief nervös im Raum auf und ab. "Er ist nicht einmal fähig, den kleinsten Auftrag auszuführen. Pah, er hat gesagt, die Familie sei ausgerottet! Und jetzt? Jetzt befindet sich Rita Francis in der Stadt, noch dazu in Begleitung von einem Ranger. Warum musste er auch auf eigene Faust handeln! Jetzt haben wir den Ärger in der Stadt."

Vielleicht können wir sie irgendwie erpressen, damit sie nichts ausplaudert? Erschießen dürfen wie sie in dieser Situation nicht, denn dann konzentriert sich die Suche des Rangers nur mehr auf die Stadt." Bunch schien von seiner Idee recht angetan zu sein.

Bricks dachte einen Augenblick lang darüber nach. "Ja, irgendwie müssten wir sie erpressen, aber womit? Solange der Ranger hier ist, darf ihr nichts geschehen, das ist klar. Obwohl sie stumm ist, besitzt sie in ihren Händen ein ausgezeichnetes Verständigungsmittel für den, der ihre Zeichensprache zu lesen vermag. Moment mal, wie hieß doch der Freund der Kleinen?"

Bricks blickte die beiden gespannt an.

"Bobby Dingsda ", brummte Bunch. "Ich glaube, er arbeitet auf der Hutchkins-Ranch. Ich kenne sein Gesicht"

Ein dämonisches Lächeln zog um die Mundwinkel des Saloonwirts.

"Da sie nun ihre ganze Familie verloren hat, ist dieser Junge vermutlich ihr nächster Bezugspunkt. Sie ist zwar noch verdammt jung, aber alt genug, um das Gefühl von Liebe zu empfinden. Du kennst diesen Burschen, Bunch? Gut, dann übertrag ich dir die Aufgabe. Du bringst ihn zu Kendall ins Lager. Und sorge dafür, dass diesmal nichts schiefgeht."

"Sie können sich auf mich verlassen."

"Ja, so wie auf Kendall!", erwiderte Bricks grimmig und blieb vor dem Fenster stehen.

"Sheriff Walker wird die Kleine vermutlich bei mir unterbringen. Wenn sie erst einmal hier ist, habe ich sie unter Kontrolle. Wir brauchen dieses Land! Vielleicht ist es gar nicht nötig, dass wir Rita ebenfalls umbringen. Sie allein ist kaum imstande, die Ranch ordentlich weiterzuführen. Ich werde dafür sorgen, dass wir das erste Ankaufsrecht bekommen."

Er drehte sich um und nahm wieder die unruhige Wanderung im Zimmer auf.

"Unterrichte Kendall von der neuen Lage und schärfe ihm ein, verdammt ja nichts zu unternehmen, solange dieser Ranger hier herumschnüffelt. So lange nicht, bis neue Befehle eintreffen", sagte er zu Bunch.


Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738912814
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (August)
Schlagworte
texas wolf falle blind canyon

Autor

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Titel: Texas Wolf #32: Die Falle im Blind Canyon