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Vater des Fluches

2017 130 Seiten

Zusammenfassung


Immer wieder verschwinden Menschen in den Höhlen des Kitos-Gebirges spurlos, auf der Suche nach dem sagenumwobenen Schatz der Gnosser. Auf ihm soll ein Fluch liegen. Jeder, der sich auf die Suche begibt, bezahlt seine Gier mit dem Leben. Nur Wenige glauben daran. Jedoch kommt keiner zurück.
Acht Männer, die in ihrem Wesen nicht unterschiedlicher sein können, bekommen den Auftrag die Vermissten zu suchen.
Kaum einer traut den anderen. Nur die beiden Freunde, Roger Grey und Wu O’Ying, arbeiten wirklich zusammen. Doch richtige Feindschaft gibt es unter den Männern nicht. – Bis der Vater des Fluches erwacht und das Grauen seinen Anfang nimmt.
Plötzlich geschehen die grausamsten Dinge, Menschen stürzen sich grundlos in den Tod oder verschwinden einfach und werden nicht mehr gesehen. Nur ihr entsetzlicher Todesschrei ist wenig später zu hören. Finden die beiden Freunde noch rechtzeitig die Ursache für alles Geschehene, bevor auch der Letzte vom Tod geholt wird oder verfallen auch sie der Gier nach Reichtum?

Leseprobe

Table of Contents

Vater des Fluches

Klappentext

Roman:

Vater des Fluches

 

 

Wolf G. Rahn

 

 

Unheimlicher Roman

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

©Titelbild: Pixabay mit Kathrin Pescchel, 2018

Korrektorat: Kerstin Peschel

Früherer Titel: Die Geistervernichter von Katmandu

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext

 

Immer wieder verschwinden Menschen in den Höhlen des Kitos-Gebirges spurlos, auf der Suche nach dem sagenumwobenen Schatz der Gnosser. Auf ihm soll ein Fluch liegen. Jeder, der sich auf die Suche begibt, bezahlt seine Gier mit dem Leben. Nur Wenige glauben daran. Jedoch kommt keiner zurück.

Acht Männer, die in ihrem Wesen nicht unterschiedlicher sein können, bekommen den Auftrag die Vermissten zu suchen. Kaum einer traut dem anderen. Nur die beiden Freunde, Roger Grey und Wu O’Ying, arbeiten wirklich zusammen. Doch richtige Feindschaft gibt es unter den Männern nicht. – Bis der Vater des Fluches erwacht und das Grauen seinen Anfang nimmt.

Plötzlich geschehen die grausamsten Dinge, Menschen stürzen sich grundlos in den Tod oder verschwinden einfach und werden nicht mehr gesehen. Finden die beiden Freunde noch rechtzeitig die Ursache für alles Geschehene, bevor auch der Letzte vom Tod geholt wird oder verfallen auch sie der Gier nach Reichtum?

 

 

 

Roman:

Die Touristen kreischten erschrocken auf. Die zischende Schlange, die ihnen unerwartet entgegenzuckte, flößte ihnen ein Gefühl von Grauen und Ekel ein. Sie begriffen nicht, dass der Fakir beinahe zärtlich, auf alle Fälle aber respektvoll mit ihr umging. „Bei uns in den Staaten“, erklärte ein beleibter Amerikaner stolz, „bringt man solche Scheusale um. Hier werden sie anscheinend verehrt. Die Asiaten sind ein merkwürdiges Volk. Reichlich primitiv. Komm, Darling! Wir müssen noch den Tempel besuchen. Der Bus fährt in fünfzehn Minuten weiter.“

Er zog eine mit Schmuck behangene, doppelbekinnte Lady mit sich fort, die verzweifelt mit der Tücke ihres Fotoapparates kämpfte, um den Schlangenbeschwörer zur Erinnerung im Bild festzuhalten.

Der Fakir versteckte sein Gesicht unter der Kutte. Seine Augen funkelten höhnisch, als er die Kobra mit sicherem Griff packte und in den runden Korb zurückzwang. Er bedeckte den Behälter wieder mit dem schwarzen Tuch, erhob sich geschmeidig, nahm den Korb und ging damit davon.

Sein Gesicht war starr wie eine Maske. Lediglich die Mundwinkel zuckten ein wenig.

 

*

 

Er verließ den öffentlichen Platz vor dem Tempel und wandte sich einer dunklen Gasse zu, die vom Touristenstrom unbeachtet war. Er verschwand in einem Hauseingang, in dem es abscheulich nach allen möglichen Abfällen roch. Den Fakir schien das nicht zu stören.

Er eilte ein paar Stufen hinauf und befand sich danach in einem abgedunkelten Raum, in dem lediglich ein paar Kerzen flackerten.

Er stellte den Korb auf den Boden und ließ sich davor nieder. Aus der Kutte zog er eine kleine Bambusflöte, auf der er eigenartig disharmonisch zu spielen begann.

Es dauerte nicht lange, da bewegte sich der Korb, das Tuch hob sich, und die Brillenschlange züngelte heraus.

Der Fakir setzte die Flöte ab. Sein Gesicht nahm einen schwärmerischen Ausdruck an, als er hauchte: „Du hast mir ein Zeichen gegeben, Vater des Fluchs. Hast du einen Befehl für mich?“

Eine grelle Stichflamme schoss aus dem Korb. Die Schlange wuchs in riesenhaften Dimensionen daraus hervor. Im nächsten Moment verpuffte sie, und dafür stand eine düstere, unheimliche Gestalt vor dem Hockenden, der nur kurz zusammenzuckte.

Die Augen des Geistes glühten. Er stieß mit verkrümmten Fingern gegen seinen Diener vor und umklammerte dessen Hals. Der Fakir wagte kaum zu atmen.

„Ja, ich habe einen Befehl“, kam es krächzend. „Es ist ein wichtiger Auftrag, für dessen Zweck ich dich mit großer Macht und Ansehen ausstatten werde. Du wirst ein anderer werden, als du jetzt bist. Wie würde dir die Rolle eines anerkannten Wissenschaftlers gefallen?“

Der Fakir, der noch immer in der knöchernen Klammer hing, zeigte ein gieriges Lächeln. „Werde ich auch reich sein, Meister?“, wollte er wissen.

„Reich an Geist und Gütern.“

„Was habe ich zu tun?“

Der Geist löste seine Finger. „Komm mit mir, dann werde ich es dir offenbaren.“

Wieder blitzte eine Stichflamme auf. Sie erfasste nicht nur den Geist, sondern auch den Fakir. Beide verschmolzen ineinander und bildeten züngelnde, leckende Flammen, die laufend ihre Farben wechselten.

Sekunden später erloschen die Flammen. Statt ihrer wanden sich zwei Schlangen am Boden, eine große und eine kleinere. Die kleinere wollte vor der anderen zurückweichen, doch diese zuckte bereits mit aufgerissenem Rachen auf sie zu und verschlang sie. Träge kroch sie in den Korb zurück, und nach einem weiteren Blitz war der ganze Spuk verschwunden.

 

*

 

Die Laterne, die der einsame Mann trug, warf zitternde Schatten, auf die ihn umgebenden Felswände. Sie formten sich zu eigenartigen Gebilden, doch der Mann achtete nicht auf ihre Zeichen. Er hastete vorwärts. Etwas trieb ihn. Es war das Gefühl, bald am Ziel zu sein.

Seine Schritte klangen gespenstisch in dem riesigen Gewölbe, das kein Ende nehmen wollte. Er hatte sich den Weg gut gemerkt und immer wieder sorgfältige Eintragungen in einem kleinen Notizbuch vorgenommen. Er konnte den Rückweg nicht verfehlen. Das allerdings wäre sein Tod gewesen.

Keith Hennick verharrte. Seit Stunden befand er sich nun bereits in diesen Gängen, die seit Jahrhunderten keines Menschen Fuß mehr betreten hatte. Er war der Erste, und seine Funde würden die Welt in Aufruhr versetzen, dessen war er sicher.

Er hob die Laterne. Er hatte sich eingebildet, entfernte Stimmen zu hören, doch das war natürlich Unsinn. Niemand konnte hier unten leben, ja, man hatte auch ihn eindringlich vor diesem Unternehmen gewarnt, doch er war nicht der Mann, der sich vor der Einsamkeit fürchtete.

Da war wieder dieses unerklärliche Wispern. Vermutlich entstand es durch irgendwelche Luftbewegungen, die sich an Felskanten brachen, durch Gänge und Kamine getrieben wurden und schließlich wie in einer gewaltigen Orgelpfeife hörbar wurden. Kein Grund, sich zu entsetzen.

Er setzte seinen Weg fort. Das Wispern begleitete ihn unaufhörlich. Die kleine Flamme in seiner Laterne flackerte heftig, als wollte sie verlöschen.

Keith Hennick stellte sie auf den Boden, um den Docht etwas höher zu drehen.

Er stutzte.

Nur drei Schritte vor ihm blitzte etwas auf. Es war, als würde ihn ein Auge aus dem Fels anstarren.

Er holte tief Luft und zwang sich weiterzugehen. Natürlich wuchsen keine Augen im toten Gestein. Er war nicht so närrisch, das für möglich zu halten. Es konnte sich nur um einen glitzernden Stein oder um etwas Metallenes handeln.

Als er näherkam, konnte er nichts mehr entdecken, so gewissenhaft er auch suchte. Dafür schwoll das Wispern an, und es wurde zu einem Gelächter, das das ganze unterirdische Gewölbe füllte.

Keith hielt sich entsetzt die Ohren zu. Etwas Vergleichbares hatte er noch nie vernommen. Die Laterne fiel zu Boden. Ihr Glas zerbrach, das Petroleum lief aus und entzündete sich.

Der Mann wollte retten, was noch zu retten war, doch als er in die rötlichen Flammen starrte, zuckte er abermals zurück. In dem Feuer sah er ein Gesicht. Es gehörte ihm selbst. Er blickte wie in einen Spiegel, und doch war es eine Täuschung.

Das Flammenbild zerfloss. Es blieb nichts als ein wenig Rauch.

Da verlor Keith zum ersten Mal die Fassung. Er griff sich ans Herz und stammelte: „Ich werde diese Höhle nie mehr verlassen. So wie mein Flammenbild werde auch ich selbst vergehen. Ich muss sterben.“

Seine Beine versagten ihm den Dienst. Langsam glitt er zu Boden. Er fiel dorthin, wo sich eben noch das Feuer befunden hatte. Die Stelle war eiskalt.

Das gespenstische Gelächter ebbte ab, nur das Wispern um ihn her blieb. Es hüllte ihn ein und legte sich auf seine Stimme. Es drang in ihn ein und befahl ihm, sich wieder zu erheben, um den unausweichlichen Gang anzutreten.

 

*

 

Die Laterne war zerbrochen, aber seltsamerweise brauchte er sie nun nicht mehr. Um ihn her war ein eigenartiges Licht, das aus den Felsen quoll und ihn einen Weg leitete, den er gar nicht hatte einschlagen wollen.

Keith Hennick sträubte sich anfangs dagegen. Er erinnerte sich, dass er hier war, um ungeahnte Schätze aus längst versunkenen Epochen aufzuspüren. Viele flüsterten hinter verborgener Hand davon, manche sprachen ihre Vermutung auch laut aus, doch gewagt, den Reichtum zu heben, hatte seines Wissens vor ihm noch keiner. Er wollte es tun, doch nun lief er, bar jeden eigenen Willens und achtete nicht mehr auf die Richtung, die er als einzig erfolgversprechende erkannt hatte.

Längst war er von diesem Pfad abgewichen. Er befand sich in einem Teil dieses stummen Labyrinths, von dessen Existenz er nichts geahnt hatte, und doch bewegte er sich ganz selbstverständlich darin.

Sein Gesicht war verschlossen. Es verriet nichts über die Gedanken, die hinter seiner Stirn arbeiteten.

Das war kein Wunder, denn es gab dort keine Gedanken. Sein Gehirn war völlig leer. Es gehorchte willenlos einem Befehl, der unsichtbar auf ihn eindrang und ins Verderben lockte.

Der Mann nahm das Wispern längst nicht mehr wahr. Es gehörte zu diesem Gewölbe wie das ihn umflutende Licht und der Sog, der ihn vorwärtspeitschte.

Doch plötzlich kehrte das Bewusstsein in ihn zurück. Laut und vernehmbar hörte er Schritte. Anfangs glaubte er, dass es sich um sein eigenes Echo handelte, doch der Klang brach auch nicht ab, als er stehenblieb und lauschte.

In nicht allzu großer Entfernung musste sich jemand in ähnlicher Weise wie er selbst bewegen. Keith Hennick zögerte. Er überlegte, ob er den Fremden als Konkurrenz betrachten musste, als einen, der hier war, ihn um den alleinigen Ruhm zu bringen.

Doch dann siegte die Vernunft und er begriff, dass er keineswegs das Recht gepachtet hatte, den Hort allein zu plündern. Ja, wahrscheinlich würde er das ohne Hilfe gar nicht schaffen. So überkam ihn eine große Freude, dass er endlich auf einen Menschen stieß, mit dem er sich unterhalten konnte. Vielleicht nicht in seiner eigenen Sprache, doch er beherrschte viele Sprachen und würde sich auf irgendeine Weise verständigen können.

Die schlurfenden Schritte entfernten sich. Er musste sich beeilen, wollte er den Anschluss nicht verlieren.

„Holla!“, rief er aufgeregt. „Warten Sie, wer auch immer Sie sein mögen.“

Doch die Schritte stockten nicht. Sie schlurften weiter, und Keith Hennick wurde von einer panischen Angst gepackt, dass er plötzlich wieder allein sein würde.

Er setzte sich in Bewegung und geriet ins Stolpern. Entgegen aller Gewohnheit fluchte er. Er rannte gegen die Felsen und schrammte sich die Stirn auf. Er fühlte den brennenden Schmerz, doch viel stärker brannte die Sorge, es nicht zu schaffen.

„So warten Sie doch!“, rief er keuchend. „Ich bin ein Freund.“ Er versuchte es in allen Sprachen und Dialekten, deren er mächtig war, doch der Unbekannte ließ sich durch keine noch so eindringliche Beschwörung aufhalten.

Keith packte die Wut. Wenn der andere glaubte, unbedingt vor ihm bei dem Schatz sein zu müssen, dann sollte er sich gewaltig irren. Da hatte er schließlich auch noch ein Wörtchen mitzureden. Auch er trieb sich nicht seit Wochen in der abgeschiedenen Bergwelt herum, um hinterher das Nachsehen zu haben. Wenn es auf einen Wettlauf hinauslief, war er dabei. So viel Kraft besaß er noch allemal.

Er begann zu rennen und blieb nur hin und wieder stehen, um sich zu orientieren, aus welcher Richtung die Schritte klangen. Unbändiger Zorn schüttelte ihn, denn er fühlte sich genarrt. Mal waren die Geräusche fast zum Greifen nah, dann tönten sie wieder aus so weiter Entfernung, als trennten sie mehrere Meilen.

Natürlich waren das akustische Täuschungen. Hier unten in dem heillosen Wirrwarr von Gängen und Spalten, von Hallen und Nischen wurden Geräusche unkontrollierbar verschluckt oder verstärkt. Sie gehorchten keinen physikalischen Gesetzen mehr.

Keiths Herz schlug bis zum Hals. Er hatte sich schon ziemlich verausgabt und musste fürchten, dieses Tempo nicht mehr lange durchzustehen. Er war gezwungen, eine Pause einzulegen. Längst war ihm klar, dass der andere wesentlich jünger sein musste.

Schwer atmend lehnte er sich gegen eine der kühlen Felswände, die in den letzten Tagen seine Heimat gewesen waren. Das Blut tobte in seinen Schläfen. Ihm war schwindlig. Er hätte sich am liebsten fallen lassen, um auszuruhen, doch dann war der Unbekannte verschwunden. Er würde ihn nie wieder finden.

Der Mann strich sich müde über die Augen. Dann riss er sie weit auf. Das war doch ausgeschlossen!

Durch den Gang, der sich vor ihm erstreckte, schlich ein gebeugter Greis. Er war in ärmliche Lumpen gehüllt. Sein schulterlanges Haar war weiß und ebenso sein zerzauster Bart, der seine Brust bedeckte. Er schleifte etwas hinter sich her. Dem Klang nach mochten es Ketten sein. Schwere Ketten, die an seine Gelenke geschmiedet waren.

Keith Hennick schüttelte sich. Kein Zweifel! Er musste phantasieren. Die Erschöpfung hatte ihn so mitgenommen, dass ihn abenteuerliche Visionen überfielen. Er schloss die Augen und sagte sich, dass der Spuk vorüber war, wenn er sie wieder öffnete.

Doch er irrte sich. Der Greis wandte sich nun sogar zu ihm um und war über seine Gegenwart nicht im Geringsten überrascht.

Seine tiefliegenden, dunklen Augen waren in dem bleichen, von Falten durchfurchten Gesicht gut zu erkennen. Wie zwei Kohlestückchen im Kopf eines Schneemannes wirkten sie. Nur nicht so fröhlich, sondern von unendlichem Schmerz gezeichnet.

Nun hob er die rechte Hand und winkte Keith zu sich heran. Tatsächlich, es waren abgerissene Ketten, die an seinen Gelenken baumelten. Sie schwangen hin und her wie die Pendel einer Uhr, die eine grauenvolle Zeit maß.

Keith fragte nicht mehr nach Logik. Er musste der Aufforderung Folge leisten, ob er wollte oder nicht.

Müde erhob er sich, und er musste feststellen, dass seine eigenen Bewegungen kaum frischer waren als die des Greises.

Er näherte sich dem Alten, doch wie zum Hohn wandte sich dieser wieder von ihm ab und schlurfte weiter. Nur der Klang seiner rasselnden Ketten blieb zurück.

Ein verwegener Gedanke durchzuckte den Forscher. Wollte der Greis ihm etwas zeigen? Wollte er ihm einen Weg weisen, den er ohne Hilfe nicht gefunden hätte? Keith Hennick hetzte vorwärts. Er mobilisierte seine letzten Kräfte, und tatsächlich gelang es ihm, ab und an einen Blick auf den enteilenden Greis zu erhaschen. Doch er holte ihn nicht ein, so sehr er sich auch mühte.

Hoffnungslosigkeit wollte ihn ergreifen. Längst war ihm klar, dass er ohne Hilfe nie wieder ans Tageslicht zurückfinden würde. Seine Aufzeichnungen hatte er schon lange nicht mehr fortgeführt. Er befand sich in einem Teil des Berges, der ihm fremd war.

Das Klirren der Ketten brachte ihn auf andere Gedanken. Nein! Noch gab es Hoffnung. Der Alte musste ihn herausführen. Notfalls würde er ihn dazu zwingen. Mit diesem klapprigen Knochengestell würde er wohl noch fertig werden.

Dieser Gedanke verlieh ihm neue Kraft. Er raffte sich auf und eilte voran. Er war nun wieder voller Zuversicht.

Den Greis sah er nicht mehr. Dafür stieß er in ein Gewölbe vor, das so hoch war wie das Mittelschiff eines Doms. Die Wände waren hier feucht. Keith spürte, dass er schon eine Ewigkeit nichts mehr getrunken hatte.

Er suchte sich eine Stelle, an der das Wasser reichlich aus einer Spalte sickerte, und hielt seine Hände darunter, um das erfrischende Nass aufzufangen.

Doch entsetzt zuckte er zurück. Seine Hände hatten sich rot gefärbt. Es war kein Wasser, das von den Felsen tropfte, sondern Blut.

War er schon wahnsinnig? Wie gelangte das Blut hierher. Er befand sich schätzungsweise eine halbe Meile unterhalb der Erde. Hier unten gab es kein Leben, also auch keinen Lebenssaft.

Er blickte auf seine blutbesudelte Hand. Ihn graute. Erst das plötzliche Funkeln und Glitzern brachte ihn auf andere Gedanken.

Links von ihm brachen gleißende Strahlen aus dem Fels, als wollte ein Vulkan seine Tätigkeit aufnehmen.

Keith trat erregt näher. Er stellte fest, dass er mit beiden Händen in einen Felsspalt greifen konnte, und als er sie wieder herauszog, waren sie voller Edelsteine. Der Schatz der Gnosser!

Der Forscher war am Ziel. Endlich hatte er gefunden, wonach er so lange gesucht hatte. Das Glitzern tat in den Augen direkt weh. Er wollte den Blick abwenden, doch er schaffte es nicht. Wie magisch wurde er von den Juwelen angezogen, und ihr Strahlen fraß sich in seine Augen.

Er schrie vor Schmerzen auf und taumelte zurück. Dabei prallte er gegen etwas Knöchernes, und als er sich umwandte, sah er, dass es der zerlumpte Greis war, der ihn aufgefangen hatte.

„Hi… hilf mir!“, stammelte Keith Hennick. In seinen Augen brannte die Hölle.

Der Greis öffnete seinen zahnlosen Mund. „Habgier“, krächzte er, „Ruhm, das ist es, was dich hergelockt hat. Du hast den Schatz gesucht. Nun sollst du ihn bis in alle Ewigkeit behalten. Hüte ihn gut, dass ihn kein anderer findet.“

„Wer bist du?“ Keuchend rang es sich aus der Brust des Forschers.

Der Greis kicherte. Es klang hohl und grausig. Noch nie hatte der Mann einen anderen so kichern hören.

„Ich war ein Narr wie du“, antwortete er. „Doch jetzt bin ich frei. Du hast mir dazu verholfen. Nimm jetzt meinen Platz ein und sei verflucht, wie ich es war.“

Dürre Hände griffen nach Keith Hennicks Armen. Eiszapfen waren heiß dagegen.

Hennicks spürte, wie alles Leben in ihm erstarrte. Er alterte binnen Sekunden. Sein Haar, vormals braun und kurzgeschnitten, wurde schneeweiß und wuchs zu beträchtlicher Länge. Seine Kleidung zerfiel und verwandelte sich in Lumpen, die an seinen hager gewordenen Gliedern schlotterten.

Er wollte fort. Fort von diesem entsetzlichen Ort, an dem er verdorben werden sollte. Aber er war gefesselt. Schwere Ketten hielten seine Arme und Beine fest. Sie endeten in massiven Eisenringen, die er zuvor nicht bemerkt hatte.

„Du Satan!“, wimmerte er. „Was hab ich dir getan?“

Er erhielt keine Antwort. Der Greis zerfiel vor seinen Augen zu Staub, und ein plötzlicher Windstoß trug die kläglichen Reste fort und löschte seine Existenz aus.

An Keith Hennicks Ohren schlug diabolisches Gelächter. Es überfiel ihn von allen Seiten und marterte ihn so, dass wilder Hass in ihm wuchs. Ohne zu wissen, was mit ihm geschehen war, wollte er diesen Zustand schleunigst ändern. Er wusste, dass er dazu ebenfalls ein Opfer brauchte. Einen Menschen, der wie er den Schatz der Gnosser suchte, der ihn vernichten würde.

Er hing in seinen Ketten und sann auf Rache, und er ahnte nicht, dass er seinen eigentlichen Vernichter gar nicht zu Gesicht bekommen hatte.

 

*

 

„Irgendwie gefällt mir die Sache nicht“, meckerte Wu O’Ying und blickte seinen Freund und Partner ernst an. „Bis jetzt haben wir immer allein gearbeitet, und nun sollen wir uns auf einmal einem Team unterordnen. Das schmeckt mir nicht.“

Roger Grey lächelte verständnisvoll. Auch ihm wäre es lieber gewesen, wenn er seine eigenen Pfade hätte verfolgen können, doch der Botschafter von Nepal hatte ihm mit solcher Eindringlichkeit die Bitte seiner Regierung übermittelt, dass er seine Mitarbeit bei der geplanten Expedition ins Kitos-Gebirge unmöglich hatte verweigern können.

Er hatte sich in aller Welt einen Namen als Geistervernichter gemacht, und seit er mit dem Chinesen zusammenarbeitete, waren sie noch erfolgreicher. Ein ideales Zweimann-Gespann. Trotzdem reizte ihn auch die bevorstehende Aufgabe, bei dem Wissenschaftler unterschiedlicher Fakultäten versuchen sollten, das Geheimnis des Kitos zu lüften.

„Du siehst das Ganze zu schwarz“, behauptete er. „Ich habe die Zusicherung, dass wir ungestört arbeiten können. Niemand wird uns Befehle erteilen. Wir haben es mit anerkannten Koryphäen zu tun, von denen jede ihren eigenen Weg verfolgen wird. Vorläufig weiß niemand, welches der richtige ist.“

„Ein Wettbewerb also? Dafür sollten wir uns nicht hergeben, Roger. Auf uns warten wirkliche Aufgaben. Die Dämonen schlafen nicht. Warum wollen wir unsere Zeit vergeuden, weil sich ein paar Regierungsbeamte mit einem Geisterjäger schmücken wollen?“

„Wenn ich diesen Eindruck hätte“, korrigierte Roger Grey, hätte ich niemals zugesagt. Ich gebe zu, dass noch völlig offen ist, ob sich unsere Teilnahme an dem Unternehmen nachträglich als Gewinn herausstellen wird. Ich leugne auch nicht, dass es Strömungen in der nepalesischen Regierung und unter den Professoren der Universität von Katmandu, die eigentlich hinter dem Auftrag steht, gibt, die unser Mitwirken für überflüssig halten. Doch vor dieser Situation stehen wir schließlich öfter.

Ich bewerte es positiv, dass überhaupt von verschiedenen Seiten der Einfluss übernatürlicher Mächte in Erwägung gezogen wird. Vielleicht haben sie recht, vielleicht auch nicht. Die Ereignisse erfordern, dass alles, aber auch wirklich alles unternommen wird, um sie zu klären. Immerhin sind in den vergangenen zwei Jahren neun Forscher im Kitos-Gebirge spurlos verschwunden, von den zahllosen privaten Abenteurern ganz zu schweigen. Nie wurde auch nur die Spur eines Leichnams gefunden. Die Männer sind in die zum größten Teil noch unerforschten Höhlen eingestiegen, ohne ein Lebenszeichen zu hinterlassen.“

„Daran finde ich nichts Außergewöhnliches“, sagte der Asiat.

„Wie kann man auch nur so töricht sein, ein solches Unternehmen allein zu riskieren. Es braucht nur eine Höhle verschüttet zu werden, und schon sieht man den Verrückten nie wieder.“

„Das müsste dann schon dreißigmal oder öfter geschehen sein“, gab Grey zu bedenken.

„Sie haben sich verirrt.“

„Zumindest die Forscher waren keine Idioten. Die wussten, wie man sich in unbekannten Gängen verhält. Sie hätten sich nicht weiter hineingewagt, wie sie auch wieder hinausgefunden hätten.“

„Es sei denn …“, meinte Wu O’Ying listig.

Roger Grey grinste. „Es sei denn, etwas hätte sie mit unwiderstehlicher Gewalt dazu gezwungen und in die Irre geleitet.“

„Was diese unwiderstehliche Gewalt ausübt, kann ich dir genau sagen“, versicherte der Chinese verächtlich. „Es ist die Gier. Die Burschen kriechen in den Klamotten herum, um sich eine goldene Nase zu verdienen. Der sagenhafte Schatz der Gnosser spukt in ihren Schädeln herum. Darüber verlieren sie nicht nur den Verstand, sondern auch das Orientierungsvermögen. Das ist das ganze Geheimnis. Um das aufzuklären, benötigt man keine Geistervernichter. Der gesunde Menschenverstand reicht völlig aus.“

„Die Herren von Katmandu haben durchaus recht. Ich habe mich ein bisschen mit den Gnossern befasst und dabei erstaunliche Dinge erfahren.“

„Du machst mich neugierig, Roger.“

„Tatsächlich? Ich wette, dass auch du dich längst informiert hast.“

Der Chinese lächelte hintergründig. „War nicht nötig. Ich kenne diese Geschichten auswendig. Schon mein Großvater hatte sie von seinem Großvater gehört, und der wiederum hatte sie bestimmt auch nicht selbst erfunden.

Die Gnosser wurden ungefähr zu Beginn unserer Zeitrechnung, vielleicht auch ein paar hundert Jahre später, so genau weiß das niemand mehr, von dem raublüsternen Volk der Teter verfolgt. Es ging um einen riesigen Schatz, den die Räuber gern in ihren Besitz bringen wollten. Aber die Gnosser waren klug und versteckten die Kostbarkeiten an einem Ort, den nur sie kannten.

Damit endete aber ihre Verfolgung nicht. Es gelang den Tetern, über die Gnosser herzufallen und sie zu erschlagen.“

„Stimmt“, bestätigte Roger. „Angeblich kam nur ein Mann mit dem Leben davon. Täglich kamen die Teter zu ihm, um ihm sein Geheimnis zu entlocken, doch selbst das Versprechen, ihm dafür Freiheit und Leben zu schenken, lockte die Wahrheit nicht aus ihm heraus. Im Gegenteil, er überschüttete seine Peiniger mit tausend Flüchen und verlachte sie. Jahre später wurden die Teter von einem anderen Stamm vernichtet. Der Gnosser hatte das Versteck des Schatzes nicht preisgegeben.“

Der Chinese nickte. „So erzählt man sich. Aber nun fangen die unverbürgten Vermutungen an. Einige sagen, der gemarterte Gnosser sei gestorben, als die Teter den Tod gefunden hatten. Andere behaupten, er würde noch jetzt den sagenhaften Schatz hüten, wieder andere sind der Ansicht, dass der Alte längst einen Nachfolger gefunden hat. Über die Existenz des Schatzes sind sich all jene einig, die darüber Theorien verbreiten.“

„Und welche Meinung vertrittst du?“, wollte Roger Grey wissen.

„Dass ich kein Maulwurf bin und deshalb nur ungern in Erdhöhlen herumkrieche“, erklärte der Chinese ungehalten. „Ob es da nun einen Schatz gibt oder nicht.“

„Um den Schatz geht es mir auch gar nicht, Wu.“

„Ich weiß, Roger. Du glaubst an die Möglichkeit, dass es im Kitos-Gebirge nicht mit rechten Dingen zugeht.“

„So ist es. An einer Geschichte, die sich seit fast zweitausend Jahren hartnäckig hält, muss doch etwas dran sein.“

„Möglich. Trotzdem wäre es mir lieber, wenn wir der Frage allein auf den Grund gehen könnten. Du wirst sehen, dass es Ärger gibt.“

Der rothaarige Hüne verzog seinen Mund. „Soll ich ehrlich sein, Wu?“, erkundigte er sich.

„Was denn sonst?“

„Den Ärger, den du befürchtest, gibt es bereits.“

Der Chinese, der seine glänzenden, schwarzen Haare schulterlang trug, sah den anderen verblüfft an. „Ich kann mir schon denken, worum es geht“, sagte er wütend. „Man mag uns nicht.“

Roger Grey seufzte. „Du hast leider recht. Mae Raja, ein Mitglied der Expedition, hat sich entschieden gegen unsere Teilnahme ausgesprochen. Wie wir ist auch er kein Wissenschaftler im engeren Sinne. Er wurde von einer konservativen Regierungsgruppe eingeladen. Diese Leute fürchten die Dämonen zwar, aber sie respektieren sie als etwas Unabänderliches.

Sie lehnen ihre Verfolgung strikt ab, weil sie mit Sanktionen rechnen. Mae Rajas Aufgabe soll es sein, etwa in den Höhlen vorhandene Geister zu besänftigen, für die wir nach Auffassung jener Gruppe eine Provokation darstellen. Leider ist sich die Regierung in diesem Punkt nicht einig, aber wenn man die Verhältnisse in diesem Land kennt, kann man das auch nicht erwarten. Das soll uns aber nicht berühren. Wir haben einen klaren Auftrag von offizieller Seite. Alles andere sollen die Herren unter sich austragen. Das gehört ins Reich der Politik.“

Wu O’Ying brachte den Mund nicht mehr zu. „Ich glaube, ich habe mich verhört. Sagtest du besänftigen? Mae Raja soll die Dämonen besänftigen.“

Roger Grey bestätigte es.

Der Chinese explodierte. „Sind die da drüben verrückt geworden? Hast du schon mal einen Dämon besänftigt?“

„Das ist ausgeschlossen.“

„Eben. Dämonen besitzen ein vorrangiges Ziel. Sie wollen den Menschen Schaden zufügen, wo das nur möglich ist. Häufig genug bleiben dabei Tote zurück. Besänftige mal einen Vulkan oder ein Erdbeben. Rede einer Sturzflut gut zu oder schmeichle einem Tornado. Das ist genauso idiotisch. Gegen diese Plagen muss man kämpfen, wenn man sich nicht besiegen lassen will. Das werde ich diesem Mister Mae Raja klarmachen.“

„Ich hoffe, du schaffst es, Wu. Im Grund kann uns der Mann egal sein. Die übrigen Teilnehmer werden uns akzeptieren, wie mir versichert wurde, und ich hoffe nicht, dass sie sich von ihm gegen uns aufhetzen lassen. Sie haben andere Sorgen.“

Der Chinese zeigte sich unbeeindruckt. „Wenn er Streit haben will, dann wollen wir ihn nicht enttäuschen. Ich glaube, allmählich freue ich mich auf das Kitos-Gebirge.“

 

*

 

Außer Roger Grey und Wu O’Ying, die am Vormittag auf dem Flugplatz von Katmandu gelandet waren, bestand die Expedition aus sechs Männern, die die beiden Freunde noch am selben Tag kennenlernten.

Da war zunächst Sten Harsson, ein baumlanger, weizenblonder Schwede, der keinen unsympathischen Eindruck machte, obwohl er sich ziemlich verschlossen gab. Er musterte die beiden Neuankömmlinge kurz, aber gründlich und nickte dann zufrieden. Die Prüfung schien positiv ausgefallen zu sein.

Amleto Costagliola stammte aus Sizilien, und genauso sah er auch aus. Schwarze Haar und schwarze feurige Augen zeichneten ihn als begehrten Frauentyp, obwohl der untersetzte, kräftige Mann Wissenschaftler hohen Grades war.

Der Dritte im Bund war Mario Lopez, ein Mexikaner. Sein Kopf war im Vergleich zu dem gewaltigen Bauch nur klein, aber die Freunde hatten sich berichten lassen, dass ungeheures Wissen darin Platz fand.

Aus Schottland kam Kevin McColl, der pausenlos seine Theorien über den vorliegenden Fall zum Besten gab. Seine Stimme klang eintönig, doch was er zu sagen hatte, verdiente durchaus Beachtung.

Dazu gehörte auch Aytac Basri, ein Türke. Obwohl er wie ein Catcher aussah, schien er doch die Gutmütigkeit in Person zu sein.

Alle Wissenschaftler machten auf Roger Grey und Wu O’Ying einen erfreulichen Eindruck. Eine Ausnahme machte lediglich Mae Raja, der aus seiner Abneigung ihnen gegenüber keinen Hehl machte.

„Ich bedauere zutiefst, dass Sie dem Ruf tatsächlich gefolgt sind“, erklärte er unumwunden. „Sie werden uns Unglück bringen, das sehe ich vorher.“ Er gab den Freunden nicht die Hand, sondern verneigte sich in einer Art, die beleidigend wirkte und wohl auch so gemeint war.

Wu O’Ying wollte zornig auffahren, doch Roger Grey hielt ihn zurück. Er zauberte sein freundlichstes Lächeln auf die scharfgeschnittenen Lippen und entgegnete: „Uns wurde nicht verraten, dass wir einen Hellseher unter uns haben. Dann ist unsere Aufgabe ja spielend leicht zu lösen. Sie brauchen sich nur zu konzentrieren, und schon können Sie uns zu der Stelle führen, an der wir die Verschwundenen finden werden.“

Der Inder wandte sich beleidigt ab, allerdings nicht ohne eine Verwünschung zu murmeln. Er trug ein langes, gelbes Gewand und ähnelte darin einem buddhistischen Mönch, doch sein stechender Blick hatte nichts Demütiges, und Roger Grey glaubte, darin nicht nur Ablehnung, sondern auch offenen Hohn zu lesen. Dieser Mann, das spürte er genau, würde ihnen mindestens so viele Schwierigkeiten bereiten wie die Suche nach den Verschollenen.

Sie brachen gemeinsam am nächsten Morgen auf. Die Luft war so klar, wie die Freunde das in Europa nirgends erlebt hatten, doch sie hatten sich sagen lassen, dass diese Wohltat nicht länger als eine Stunde anhalten würde. Mit der Sonne kam die flirrende Hitze, die sich auch durch die schneebedeckten Achttausender im Hintergrund nicht beeinflussen ließ.

Sie waren mit zwei Jeeps unterwegs, um damit das Zielgebiet, nördlich von Pokhara, zu erreichen. Der Minikonvoi setzte sich in Bewegung, nachdem die Ausrüstungsgegenstände, die Verpflegung und vor allem die Teilnehmer auf die beiden Fahrzeuge verteilt worden waren. Es ging auf der gut ausgebauten Straße nach Pokhara entlang.

 

*

 

Sie waren seit zwei Stunden unterwegs. Roger Grey und Wu O’Ying hatten sich bewusst getrennt. Dadurch hatten sie zwangsläufig erreicht, dass einer von ihnen mit Mae Raja fuhr. Sie wollten ihn im Auge behalten, denn sie rechneten damit, dass der Inder versuchen würde, Stimmung gegen sie zu machen.

Das Los fiel auf den Engländer. Außer ihm und dem Inder saßen der Mexikaner und McColl in dem vorderen Jeep. Der Schotte steuerte den Wagen.

Roger Grey befragte ihn nach seinen Kenntnissen über den Schatz der Gnosser. Es lag ihm daran, reichlich Informationen zu sammeln, die das bisherige Bild abrundeten.

McColl freute sich, dass ein Laie ihn nach seiner fachmännischen Meinung fragte. Er dozierte, was er jemals über die weit zurückliegenden Ereignisse gehört hatte. Doch plötzlich veränderte sich sein Tonfall. Seine sonst helle und etwas aufgeregte Stimme klang düster, als er sagte: „Das Unheil ist mit ihm. Es wird über uns kommen und uns vernichten.“

Es gab keinen Zusammenhang zu dem, was er vorher erzählt hatte, aber das schien er selbst gar nicht zu merken.

Auch der Mexikaner wunderte sich nicht. Ihm war heiß, und er setzte eine Flasche an die Lippen, die nach seiner Erklärung ein Vorbeugungsmittel gegen die zu erwartenden wechselhaften klimatischen Verhältnisse enthielt. Tatsächlich verbreitete sie einen Duft von Eukalyptus und anderen Kräutern.

Mae Raja stutzte jedoch, und auch Roger Grey war augenblicklich alarmiert und blickte den Inder bedeutungsvoll an.

„Es ist, als spräche ein anderer aus ihm“, fand er. „Was halten Sie davon?“

Er zog diesen Mann in voller Absicht ins Gespräch, denn erstens lag ihm nichts an einer unerfreulichen Feindschaft, mit der sie unter Umständen wochenlang würden leben müssen, zweitens wollte er den Inder aus der Reserve locken.

Mae Raja schenkte ihm keinen Blick, als er sagte: „In uns allen wohnen Dämonen, die von Zeit zu Zeit aus uns sprechen. Sie sagen Dinge, die wir zu erkennen zu töricht oder zu verblendet sind. Es gibt allerdings anscheinend auch Menschen, die selbst die Warnungen der Dämonen nicht begreifen können oder wollen.“

Das war deutlich genug. Mae Raja legte McColls Worte geschickt so aus, als wäre er, Roger Grey, damit gemeint, als wäre er der Unheilbeladene.

Der Geistervernichter sann darüber nach, was in Wirklichkeit dahinterstecken mochte. Leider konnte er mit keinem darüber diskutieren, denn der Schotte konnte sich auf Befragung nicht daran erinnern, etwas Derartiges gesagt zu haben, und Mario Lopez hatte die ganze Zeit nicht zugehört.

Roger entschied sich zu einem Waffenstillstandsangebot. Er schlug dem Inder vor, sich mit seiner Gegenwart abzufinden, und versprach ihm dafür, ihn weder in seiner Arbeit noch in seinen Gedanken zu stören.

Mae Rajas Mundwinkel zuckten verächtlich. „Es geht nicht um mich, Mr. Grey. Das begreifen Sie offenbar noch immer nicht. Es handelt sich darum, dass Sie die Dämonen durch Ihre Gegenwart erzürnen. Das ist eine schlimme Sache für uns alle, die wir uns in die Höhlen wagen wollen. Ich bemühe mich, die Geister gnädig zu stimmen, und Sie arbeiten genau dagegen.“

„Richtig, weil das nämlich meine Überzeugung ist. Im Übrigen habe ich bis jetzt noch nichts getan, was einen Dämon in Wut versetzen könnte.“

„Das haben Sie aber vor. Deshalb sind Sie doch hier.“ Mae Rajas Augen loderten voller Hass.

„Freilich“, entgegnete der Engländer ungerührt. „Dämonen sind keine Götter. Ich nehme an, Sie gehören dem buddhistischen Glauben an. Sie werden mir also zustimmen, dass es niemals unsere Aufgabe sein kann, die finsteren Mächte zu stärken oder auch nur um Gnade zu bitten. Wir müssen das Böse bekämpfen. Mit allen Mitteln. Deswegen sind Mr. O’Ying und ich hier, aber es würde uns natürlich freuen, wenn sich unsere Hilfe erübrigte.“

„Sie erübrigt sich“, stieß der Inder hastig hervor. „Ihre Anwesenheit ist nicht vonnöten. Das können Sie mir glauben.“

Roger grinste ihn an. „Ich glaube Ihnen alles, was Sie von mir verlangen. Ich würde mich sogar von Ihnen vergraulen lassen, wenn ich nicht dummerweise einen Auftrag angenommen hätte. Genau wie Sie. Und genau wie Sie werde ich diesen Auftrag zu erfüllen suchen, ob Ihnen das passt oder nicht.“

„Nein, es passt mir nicht“, gab Mr. Raja kalt zu. „Und Sie werden es auch nicht tun. Die Dämonen werden es zu verhindern wissen.“

„Na, dann brauchen Sie sich ja nicht mehr darum zu kümmern. Überlassen Sie am besten alles den Dämonen. Das ist bestimmt auch in deren Sinn.“

Der Inder hatte eine wütende Erwiderung auf den Lippen, doch er schluckte sie hinunter und wandte sich ab. In ihm kochte es, das war deutlich zu erkennen.

Der Mexikaner hielt ihm die Arzneiflasche hin und munterte ihn gutgelaunt zu einem kräftigen Schluck auf. „Trinken Sie, Señor. Wenn die Sonne so brennt, muss man von innen ein Gegenfeuer entfachen. Das ist nötig für das Gleichgewicht und lässt unangenehme Dinge sofort in einem anderen Licht erscheinen.“

„Lassen Sie mich in Ruhe!“, fauchte der andere ärgerlich und wehrte die Flasche ab. Sie fiel dem Mexikaner aus der Hand, flog aus dem Wagen und zerbrach.

Es gab einen Knall wie eine Explosion. Ein paar Männer im hinter ihnen fahrenden Jeep schrien entgeistert auf.

Roger Grey sah sich um. Auch er erstarrte. Zwischen beiden Fahrzeugen schob sich eine durchscheinende Gestalt von dreifacher Mannsgröße. Sie hob drohend die Arme und streckte sie dem hinteren Jeep entgegen, der nun ins Schleudern geriet und auf die Gegenfahrbahn gelangte. Zum Glück war die Straße frei, wodurch Schlimmeres vermieden wurde.

Der Jeep blieb quer zur Fahrtrichtung stehen. Sten Harsson drückte sein Gesicht aufs Lenkrad, um das Schaurige nicht sehen zu müssen.

Der Sizilianer riss einen Revolver aus seinem Gürtel und ballerte damit los, ohne jedoch die Erscheinung damit zu vertreiben.

Aytac Basri, der Türke, verzog sein Gesicht zu einer Grimasse und begann zu beten, was zweifellos nicht das Dümmste war.

Wu O’Ying hechtete aus dem Fahrzeug und zerrte einen glitzernden Gegenstand aus der Hosentasche, den Roger Grey auf diese Entfernung jedoch nicht erkennen konnte. Vermutlich handelte es sich um ein silbernes Kreuz, mit dem der Chinese den Spuk vertreiben wollte.

Die Gestalt wuchs noch höher und versuchte, nach dem dürren Mann zu greifen. Doch seine Arme, die wie flüchtige Rauchschwaden wirkten, wurden immer wieder von seinem viel kleineren Gegner abgelenkt. Das Kreuz, oder was immer es war, bildete anscheinend eine Bannzone, die der Unheimliche nicht durchdringen konnte.

Der Schotte hatte seinen Jeep ebenfalls zum Stehen gebracht. Roger war noch vorher rausgesprungen und lief nun zurück. Er musste seinem Partner zu Hilfe eilen, denn noch war nicht klar, wie dieser ungleiche Kampf ausgehen würde.

Sein Eingreifen war jedoch nicht mehr erforderlich. Die Dunstgestalt versuchte ein letztes Mal, den Chinesen einzuhüllen und auf diese Weise zu ersticken oder zumindest von ihm Besitz zu ergreifen, aber dann verpuffte sie wie ein Ballon, und nichts blieb von ihr übrig als ein übler Gestank, der noch eine ganze Weile in der Luft lag.

„Teufel, was war das?“, fragte der Schotte, der nun ebenfalls nach hinten geeilt kam. „So etwas habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen, und ich habe, weiß Gott, eine Menge erlebt. Da war zum Beispiel damals …“

Niemand hörte ihm zu. Seine früheren Abenteuer interessierten in diesem Moment keinen.

Roger vergewisserte sich, dass seinem Partner nichts passiert war.

„Das war eine Erscheinung der niedrigsten Klasse“, stellte dieser fest. „Er verfügte über keine große Kraft. Wenn wir einfach durch ihn hindurchgefahren wären, hätte er uns wahrscheinlich auch nichts anhaben können.“

Der Schwede fühlte sich angegriffen.

„Das hatte ich ja vor“, verteidigte er sich. „Aber dieses Phantom hat den Jeep mit unwiderstehlicher Gewalt zur Seite geschleudert. Von geringfügiger Kraft kann also keine Rede sein.“

Der Inder zeigte ein unheilahnendes Gesicht. „Wenn ihr euch die Hälse gebrochen hättet, wäre das die Schuld von Mr. O’Ying gewesen, der in eurem Wagen sitzt. Er und Mr. Grey haben die Dämonen erzürnt, und ich befürchte, dass uns noch mehr solcher Unglücke bevorstehen, wenn wir nicht geschlossen dafür eintreten, dass die beiden uns verlassen. Die gerade überstandene Warnung müsste auch den Letzten von euch überzeugen.“

„Unheimlich war das schon“, bestätigte Amleto Costaglioia und zeigte sein Piranha-Gebiss. „Aber vielleicht lässt sich auch alles ganz simpel erklären. In diesen Breiten prallen oft Luftschichten extrem unterschiedlicher Temperaturen aufeinander. Sie bilden dann Wirbel und Schlieren, die, wenn sie eine Staubwolke mit sich reißen, wie sie von zwei Jeeps verursacht wird, sichtbar werden können. Ihre Form kann ganz unterschiedlich sein. Manchmal bildet man sich eben ein, ein Gebilde mit Kopf und Armen zu sehen.“

Mr. Raja lachte höhnisch auf. „Und diese Staubwolke wirft um ein Haar ein vollbeladenes Fahrzeug um, wie?“

Der Sizilianer wandte sich wütend ab. Widerspruch konnte er auf den Tod nicht vertragen.

Roger hatte eine Erklärung. „Die Staubwolke war es sicher nicht, sondern die Scherben, die Mr. Lopez’ Flasche verursacht hat. Der linke Vorderreifen ist hinüber. Ein ganz normaler, keineswegs übersinnlicher Vorgang. Wir müssen das Rad wechseln. Das ist alles.“

„So, das ist alles“, fauchte der Inder. Seine Augen glühten vor Zorn. Er musste sich sehr beherrschen, um dem Geistervernichter nicht an die Kehle zu fahren. „Dass das noch längst nicht alles ist, werden wir schon bald erfahren. Hoffentlich ist es dann nicht zu spät.“

Er wandte sich ab und kehrte zum vorderen Jeep zurück, während die anderen das zweite Fahrzeug von der Fahrbahn herunterschoben und der schwergewichtige Türke das Rad wechselte.

Sten Harsson sammelte die Scherben zusammen, und die übrigen diskutierten das Erlebnis. Mit der Theorie der Staubwolke wollte sich zwar niemand anfreunden, doch jeder sah ein, dass die Panne durchaus reale Ursachen hatte.

 

*

 

Die Fahrt wurde fortgesetzt.

Roger machte sich seine Gedanken über den Zwischenfall. Er war weit davon entfernt, ihn auf die leichte Schulter zu nehmen.

Es war denkbar, dass eine finstere Macht, die die Herrschaft über die Höhlen im Kitos-Gebirge an sich gerissen hatte, deren Erforschung verhindern wollte. Er würde in Zukunft auf der Hut sein müssen. Den Chinesen beschäftigten ähnliche Gedanken. Er hatte die Erscheinung aus allernächster Nähe erlebt und hätte geschworen, dass beklemmende Strahlungen von ihr ausgegangen waren. Kein Staub also, kein Luftwirbel.

Verstohlen beobachtete er seine Begleiter im Jeep.

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738912807
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (August)
Schlagworte
vater fluches

Autor

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Titel: Vater des Fluches