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Milton Sharp #16: Die Armee des Unheils

2017 120 Seiten

Zusammenfassung

Auf Sizilien verbreitet Cyano, ein mächtiger Dämon, Furcht und Schrecken. Sein Ziel ist ein ganz bestimmtes Mädchen, das ihm helfen soll, die Katakomben von Palermo zu öffnen, um eine furchtbare Streitmacht von Tausenden von Untoten zu befreien. Doch sein Helfer Vexarus macht einen fatalen Fehler. Um sich der Gunst Cyanos wieder zu versichern, schmiedet Vexarus einen teuflischen Plan: Er lockt die berühmtesten Schattenjäger der Welt und Milton Sharp nach Schweden, um sie alle zu töten. Die Kämpfer gegen die Finsternis haben es mit einem Gegner zu tun, gegen den all ihre Erfahrung nicht zu reichen scheint. Wer aber verhindert es, dass die Armee des Unheils sich über die Erde verbreitet?

Leseprobe

Die Armee des Unheils


Ein Milton-Sharp-Roman

Nr. 16







IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay, 2017

(ehem. Titel: Vom Hexer verraten)

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2017 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de






Klappentext:

Auf Sizilien verbreitet Cyano, ein mächtiger Dämon, Furcht und Schrecken. Sein Ziel ist ein ganz bestimmtes Mädchen, das ihm helfen soll, die Katakomben von Palermo zu öffnen, um eine furchtbare Streitmacht von Tausenden von Untoten zu befreien. Doch sein Helfer Vexarus macht einen fatalen Fehler. Um sich der Gunst Cyanos wieder zu versichern, schmiedet Vexarus einen teuflischen Plan: Er lockt die berühmtesten Schattenjäger der Welt und Milton Sharp nach Schweden, um sie alle zu töten. Die Kämpfer gegen die Finsternis haben es mit einem Gegner zu tun, gegen den all ihre Erfahrung nicht zu reichen scheint. Wer aber verhindert es, dass die Armee des Unheils sich über die Erde verbreitet?




Charaktere:

Milton Sharp

Zusammen mit den anderen Schattenjägern sieht er sich mit einem Gegner konfrontiert, der sie alle vernichten kann – und dies auch tun will.


Cyano

Der mächtige Dämon hat einen teuflischen Plan ersonnen, der ihm die Herrschaft über eine unbesiegbare Armee der Finsternis verschaffen soll.


Yon-Dar

Der körperlose Dämon, der sich von der dunklen Seite abgewandt zu haben scheint, spielt ein Spiel, das Milton nicht versteht. Hat er den Schattenjäger getäuscht?






Roman:

Drückende Hitze lag über Mondello. Die Menschen auf der Insel vermochten kaum zu atmen. Aber das lag nicht am Wetter allein, denn fast alle spürten das lauernde Unheil. Sizilianer besitzen dafür einen besonderen Sinn. Annetta und Gino richteten sich auf, lächelten sich unbekümmert zu und gingen Hand in Hand zu dem kleinen Boot am Ufer. Sie wollten zu ihrer Bucht.

Das Mädchen kicherte, als das Boot beim Einsteigen schaukelte. Gino nahm die Ruder und legte sich kräftig in die Riemen. Schon bald verschwanden die beiden Verliebten hinter den Felsen …


*


Cyano saß in einer Taverne bei einem Glas Marsala und lächelte grausam. Er hatte es nicht eilig. Seine Opfer entgingen ihm nicht, und begaben sich freiwillig in die tödliche Falle.

Erst als der Hexer sein Glas geleert hatte, erhob er sich.

Der dicke Luigi hastete heran und erinnerte den Gast an die Zeche, die zu bezahlen er vergessen hatte.

Cyano richtete seinen stechenden Blick auf den Unvorsichtigen.

Luigi sah gelbe Flammen darin und schrie auf: »Madonna!«

Da packte der Hexer zu. Seine Linke umklammerte den Hals des Wirtes, die Rechte formte sich zur verkrüppelten Krallenhand. Damit stieß er auf Luigis Herz und bohrte sie hinein. Der Mann stürzte zu Boden und hauchte sein Leben aus …


*


Die Sizilianer bildeten einen Halbkreis und machten gegen den Fremden Front.

Cyano wollte ihnen seine Macht demonstrieren. Er ließ sie kommen und empfing zwei von ihnen mit glühenden Klauen, die sich in ihre Körper brannten und sie auf qualvolle Weise töteten.

Da endlich begriffen die anderen Gäste, dass das Böse unter ihnen weilte.

Sie schlugen das Kreuz und ließen ihre beiden Gefährten im Stich, denen ohnehin nicht mehr zu helfen war.

Cyano aber lachte voller Hohn und entzündete mit einem einzigen Blick die Schänke.

Die Flammenglut mischte sich mit der Hitze des Tages, als der Hexer davonging.

In der nahen Bucht lagen Annetta und Gino engumschlungen. Sie ahnten nicht, dass drei Menschen für sie gestorben waren.


*


Die geflohenen Männer hüteten sich, zur Polizei zu gehen. Von dort erwarteten sie keine Hilfe. Man würde ihnen nicht mal glauben.

Ein Kerl mit Händen aus Feuer … Lächerlich! Solche Dinge sah man nur, wenn man Luigis Wein reichlich zugesprochen hatte.

Das Unglück wurde deshalb der übergroßen Hitze angelastet.

Annetta und Gino erfuhren am Abend, was geschehen war. Sie beteten für die Toten und fuhren später nach Palermo zurück. Hier arbeitete das Mädchen als Näherin, und Gino half seinem Vater, einem Glasbläser.

Nur Cyano, der Hexer, erinnerte sich, dass er seinen Auftrag noch nicht erfüllt hatte. Durch Gedankenkraft begab er sich in die Bucht, wo er seine Opfer wusste. Doch sie waren längst nicht mehr da.

Dafür wurde er von jemand erwartet, deren Gegenwart ihn überraschte.

»Du, Vexarus?«

»Ja, ich!«, antwortete die Gestalt schneidend.

Sie standen in einer Felsnische und wurde eins mit deren Schatten. Nur das funkelnde Auge unter dem breitkrempigen Hut verriet den Unseligen.

»Warum kommst du erst jetzt? War mein Befehl nicht klar genug für dich?«

Der Hexer spürte die Unzufriedenheit, die aus diesen Worten klang, aber er fand, dass sie nicht berechtigt war.

»Die beiden entgehen mir nicht«, versicherte er selbstbewusst. »Ich hole sie mir. Noch in dieser Nacht.«

»In dieser Nacht ist es zu spät, Cyano. Es hat mich viel Mühe gekostet, dieses Mädchen zu finden. Bei ihm haben alle Daten gestimmt. Aus den Gebeinen hättest du den Schlüssel zu den Katakomben von Palermo formen können. Sein jungfräuliches Blut hätte die achttausend Mumien und Skelette zu neuem Leben erweckt. Eine riesige Streitmacht wäre meinen Befehlen gefolgt.«

Cyano hüstelte unsicher.

»Was hat sich daran geändert, Vexarus? Zwei, drei Stunden spielen doch keine Rolle.«

»Du unfähiger Narr!«, ereiferte sich der Dämon. »Hast du vergessen, dass es bei den Menschen etwas gibt, das sie Liebe nennen?«

»Pah!«, meinte der Hexer verächtlich. »Was kann die Liebe schon ausrichten? Gegen uns gibt es keine Waffen. Schon gar nicht die sentimentalen Gefühle der Menschen.«

»Wie ahnungslos du doch bist, Cyano! Drei Dinge dulde ich nicht: Feigheit, Schwäche und Dummheit. Du bist dumm, deshalb ist für dich kein Platz mehr in meinem Gefolge. Diese Annetta wird einen Sohn haben. Dadurch wird ihr Blut für mich unbrauchbar. Du hättest dies verhindern müssen, wenn du rechtzeitig hier gewesen wärst. Stattdessen hast du einen Privatkrieg mit ein paar Säufern geführt. Dieser Fehler ist für mich ein schwerer Rückschlag, für dich aber bedeutet er das Ende!«

Da endlich begriff der Hexer, wie ernst die Situation für ihn war.

Vexarus, dem er unbedingten Gehorsam geschworen hatte, hatte es in der Hand, ihn von einer Sekunde zur anderen in die Verdammnis zu schicken. Von dort gab es kein Zurück mehr.

Es war sinnlos, Beweggründe für sein Handeln erklären zu wollen. Das würde nichts nützen. Er sah seinen Fehler ein.

Reue? Davon versprach er sich erst recht nichts. Er musste dem Dämon schon ein besonderes Angebot unterbreiten, damit dieser ihm eine Bewährungsfrist einräumte.

»Höre, Vexarus!«, stieß der Hexer hastig hervor. »Ich sehe ein, dass ich töricht gehandelt habe. Wenn du mich zerstörst, muss ich es hinnehmen. Doch ich könnte dir auf andere Weise besser nützen.«

»Du willst nur Zeit gewinnen und bildest dir ein, mir zu entkommen.«

Der Unheimliche trat aus seiner Nische. Aus solcher Nähe hatte Cyano ihn noch nie gesehen und erschrak.

Das einsame Auge auf der Stirn war noch das Harmloseste. Scheußlicher war da schon die untere Gesichtspartie, die einer Wasserleiche glich. Aufgedunsen und schwammig. Braune Zahnstümpfe standen hinter aufgesprungenen Lippen. Das Kinn sprang aus einem gebrochenen Knochen hervor. Und das alles saß auf einem ausgemergelten Hals, um dem noch der Strick des Henkers lag. Auf welche Weise Vexarus vor langer Zeit geendet hatte, war nicht schwer zu erraten. Zweifellos war er nach seiner Hinrichtung noch unversöhnlicher geworden.

Der Dämon trug ein stumpfgraues Gewand. Die rechte Faust hielt einen blitzenden Gegenstand, der einem Enterhaken ähnelte, aber so scharf war wie ein Haifischzahn.

Der Hexer warf sich zu Boden.

»Warte noch, Mächtigster! Hör erst meinen Vorschlag. Missfällt er dir, dann töte mich!«

Der Dämon riss den Arm zurück und verhielt in dieser Stellung.

»Sprich aber schnell!«, forderte er. »Es werden deine letzten Worte sein …«

Cyanos Gedanken rasten. Das Bewusstsein, die letzte Chance ergreifen zu müssen, ließ ihn überzeugende Argumente finden.

Als er keuchend endete, wartete er bang auf die Entscheidung seines Herrn.

»Du willst dich da an eine Aufgabe wagen, die erheblich schwieriger ist als jene, bei der du heute kläglich versagt hast. Eigentlich müsste ich dich auf der Stelle töten, doch deine Idee ist tatsächlich verlockend. Deshalb sollst du deine Chance erhalten. Ein zweites Mal lasse ich mich nicht umstimmen. Vergiss das nicht, Cyano! Du hast dreizehn Tage Zeit. Geht dein Plan schief, kann dich nichts mehr retten.«

Eine Zentnerlast fiel von der Brust des Hexers. Er atmete auf und dankte dem Mächtigen.

Dann bat er, sich entfernen zu dürfen. Für das, was er sich vorgenommen hatte, waren dreizehn Tage viel zu kurz …


*


Der Patient lag in einer Spezialklinik in Aberystwyth in Wales. Viel war von ihm nicht zu sehen, denn große Verbände ließen ihn wie eine bandagierte Mumie erscheinen.

Selbst vom Gesicht war nur eine kaum handtellergroße Partie frei. Was sich da allerdings den Blicken des Pflegepersonals bot, war nicht gerade als anziehend zu bezeichnen.

Anscheinend handelte es sich um einen Unfall, bei dem der Mann verunstaltet worden war, und die Kunst der Ärzte sollte ihn wieder zusammenflicken. Das würde noch Monate dauern.

Von Zeit zu Zeit betrat ein Arzt das Einzelzimmer, beugte sich über den Patienten oder notierte die Messwerte, die er von einem der zahlreichen Instrumente ablas, die neben dem Bett standen und mit denen der Unglückliche über Kabel oder Schläuche verbunden war.

Auf dem Gang ging Doc Ramford mit der neuen Pflegerin vorbei und erklärte ihr alles, was sie unbedingt am ersten Tag ihrer Tätigkeit wissen musste.

»Zimmer neun ist für Sie tabu, Jessica«, erinnerte er sie mahnend. »Der Patient braucht absolute Ruhe. Sobald ich wieder zurück bin, kümmere ich mich selbst um ihn.«

»Und wenn er läutet, Doktor?«, erkundigte sich die schlanke Brünette mit den für eine Krankenschwester viel zu aufregenden Rundungen.

»Er läutet nicht«, versicherte der Arzt. »Dazu ist er nicht in der Lage.«

»Ein so schwerer Fall?«, sagte Jessica betroffen. »Besteht die Möglichkeit, dass er … ich meine, könnte es nicht sein …«

»… dass er stirbt?«

Ramfords Blick begann zu flackern, als er murmelte:

»Vielleicht wäre das sogar ein Segen.«

Laut betonte er:

»Er stirbt nicht. Voraussetzung ist, dass sich alle strikt an meine Anweisungen halten.«

Die hübsche Jessica versprach es und folgte dem Mediziner zur Treppe.

Eine halbe Stunde später hörte sie den Wagen ihres neuen Chefs über den Kiesweg fahren.

Die allein zurückgebliebene Krankenschwester war froh, den Job in der Klinik bekommen zu haben. Sie war entschlossen, ihr Bestes zu geben, damit Doc Ramford mit ihr zufrieden war.

Auch Harry hatte ihr ans Herz gelegt, fleißig und aufmerksam zu sein. Harry war ihr Verlobter. Vielleicht konnten sie bald heiraten, wenn sie nach der Probezeit das volle Gehalt erhielt.

Ob sie Harry mal anrief?

Jessica zögerte nicht lange, huschte zum Telefon und wählte die vertraute Nummer.

Harry Small hörte den Apparat im Erdgeschoss läuten.

Er führte gerade das Skalpell über die Bauchdecke des narkotisierten Meerschweinchens und konzentrierte sich auf seine Arbeit. Es würde schon nicht so wichtig sein.

Aber das Telefon blieb hartnäckig und ging ihm auf die Nerven. So konnte man schließlich keine Studien treiben.

Als der Lärm nicht nachließ, legte der Medizinstudent das Skalpell beiseite, streifte die Gummihandschuhe ab und hastete die Kellertreppe empor.

Barsch meldete er sich, doch dann nahm sein Gesicht einen versöhnlichen Ausdruck an.

»Ach, du bist’s, Jessy. Was gibt’s denn? Was, du hast Sehnsucht nach mir? Kann ich verstehen. Ich bin ja auch ein irrer Typ. Nein, im Ernst. Du fehlst mir auch. Aber wir müssen froh sein, dass du endlich Arbeit gefunden hast. Halte nur immer die Augen offen. Du weißt ja, dass Ramford hauptsächlich aussichtslose Fälle behandelt. Wenn jemand das Zeitliche segnet, möchte ich es sofort erfahren.«

Harry Small wartete darauf, an einem Leichnam experimentieren zu können. Das war auch der Grund, warum ihm soviel daran lag, dass Jessica ausgerechnet bei Doc Ramford eine Anstellung fand.

Jessica plauderte noch ein wenig von ihrem Boss und den Kollegen, versicherte Harry, dass sie ihn wahnsinnig liebe, und beendete schließlich das Telefonat. Sie musste jetzt ihre Runde machen. Ramford sollte sehen, dass er sich auf sie verlassen konnte.

Sie öffnete lautlos jede Tür und erkundigte sich, sofern er nicht schlief, nach dem Befinden des Patienten. Für jeden hatte sie ein Lächeln und ein freundliches Wort. Ihr machte dieser Beruf Freude.

Vor Zimmer neun verharrte sie. Sie sollte es nach dem Willen des Arztes nicht betreten. Er konnte aber mit seiner Anweisung kaum gemeint haben, dass sie sich nicht wenigstens davon überzeugte, ob alles in Ordnung war. Gerade die besonders schweren Fälle mussten doch laufend beobachtet werden.

Ihre Hand legte sich schon auf die Klinke. Sie wollte nur einen Blick ins Zimmer werfen. Der Kranke würde das gar nicht merken, falls er überhaupt bei Bewusstsein war.

Die junge Frau spähte durch den Türspalt und sah den Bandagierten, der die Augen geschlossen hielt. Er wirkte wie tot.

Ein Schreck durchzuckte Jessica. Vielleicht war er es wirklich. War es nicht ihre Pflicht, sich zu vergewissern?

Sekundenlang focht sie einen inneren Kampf aus. Ihr Verantwortungsbewusstsein ging als Sieger daraus hervor. Völlig geräuschlos schob sie sich in den Raum und schloss die Tür hinter sich.

Das Zimmer ähnelte eher einem Labor als einer Intensivstation. Dieser Mann wurde offensichtlich nur noch durch Apparaturen am Leben erhalten.

Ein Beatmungsgerät entdeckte die Krankenschwester nirgends, dabei wäre doch gerade das wichtig gewesen, fand sie.

Jessica trat näher. Das Schmatzen der Pumpen und das Ticken von Impulsgebern waren die einzigen Laute in der gespenstischen Stille.

Die junge Frau wusste nicht mal, wie der Mann hieß. Aber das war auch nebensächlich. Viel wichtiger erschien ihr die Tatsache, dass er nicht das geringste Lebenszeichen von sich gab.

Sie stand dicht neben dem Bett.

Ob der Mann zu sich kam, wenn sie ihm den Puls fühlte? Das konnte sie sich nicht vorstellen. Er war viel zu weit weg. Behutsam hob sie die Bettdecke, um nach dem Handgelenk zu greifen.

Mit einem Aufschrei ließ sie sie wieder los. Vor Schrecken bleich, taumelte sie bis zur Tür und atmete mühsam.

Das gab es doch nicht! Sie war schließlich nicht verrückt.

Ob sie nochmal nachsah? Jetzt durfte sie nicht mehr so tun, als wäre alles in Ordnung.

Jessicas Herz hämmerte bis zum Hals, als sie erneut auf das Bett zuging und mit gestrecktem Arm die Decke hob.

Diesmal hielt sie sie fest und starrte fassungslos darunter. Derartiges hätte sie nie für möglich gehalten …

Sie musste Harry informieren. Der würde ihr sagen, wie sie sich verhalten sollte.

Die junge Frau ließ die Bettdecke einfach zurückfallen und stürzte aus dem Zimmer. Sie gab sich keine Mühe mehr, leise zu sein. Sie wusste, dass diese Vorsicht überflüssig war.


*


Harry Small platzte fast vor Wut, als ihn das Telefon schon wieder aus der Arbeit riss.

Diesmal reagierte er sogar gereizt, als er Jessicas Stimme erkannte.

»Was ist denn schon wieder?«, fuhr er sie an. »Du weißt doch, dass ich zu arbeiten habe. Ich will vorankommen. Dafür muss man etwas tun.«

»Sei nicht böse, Harry«, schluchzte die Frau. »Du musst mir helfen.«

Dann berichtete sie stockend, was sie in Zimmer 9 gesehen hatte.

Harry hörte zu und kratzte sich am Kopf. Er wusste nicht so recht, was er von der ganzen Geschichte halten sollte.

»Sag das nochmal«, forderte er seine Verlobte schließlich auf. »Der Kerl hat keinen Rumpf?«

»Ich schwöre es dir, Harry … Ich glaube ja selbst, dass ich verrückt bin. Aber da sind nur der Kopf und die verbundenen Gliedmaßen! Kein Brustkorb, kein Unterleib … Arme und Beine liegen einfach lose auf dem Leintuch … Ich sage dir, das sieht schaurig aus.«

»Unglaublich, Mädchen! Und dein sauberer Boss hat dir verboten, das Zimmer zu betreten?«

»Ausdrücklich.«

»Das kann ich mir denken, Jessy. Ramford scheint selbst an Leichen herumzuschnippeln. Wer weiß? Vielleicht hat er bei dem Ärmsten ein bisschen nachgeholfen.«

»Um Himmels willen! Weißt du, was du da sagst?«

»Vor allem weiß ich, was ich jetzt tun werde. Ich komme auf dem schnellsten Weg mit dem Wagen. Sorge dafür, dass ich die Klinik betreten kann.«

»Was hast du vor?«

»Ich hole mir die Leichenreste. Das Beste hat sich zwar Ramford selbst genommen, aber wenigstens bleibt mir der Schädel. Das ist auch schon etwas.«

»Das kannst du doch nicht tun«, entsetzte sich die Krankenschwester. »Ramford wird dich zur Rede stellen und hinauswerfen.«

»Unsinn! Das riskiert er nicht. Er wird die Sache totschweigen, denn sonst müsste er erklären, was er mit dem Rumpf des Toten gemacht hat. Genau genommen, hast du ihn jetzt in der Hand.«

Jessica war von dieser Logik zwar noch nicht überzeugt, schenkte aber Harry Small volles Vertrauen.

Also wartete sie, bis ihr Verlobter am Hintereingang der Klinik erschien und die Leichenteile abholte.

Harry machte kurzen Prozess, klemmte sämtliche Schläuche ab, fasste die vier Ecken des Leintuches zusammen und warf sich das Bündel über die Schulter.

Ungesehen verließ er die Klinik und ahnte nicht, was er sich ins Haus holte.


*


In Vardnäs, einem winzigen Ort südlich von Linköping in Schweden, radelte Helge Eklund heimwärts. Sonst lachten die Dorfkinder hinter ihm her, denn er machte eine komische Figur auf dem Drahtesel.

Jetzt aber war es Nacht, und niemand sah den Greis, den die Sörefrids zu sich gerufen hatten.

Sorge Sörefrid war schwerkrank. Alle ärztliche Kunst hatte bisher versagt. Kein Wunder, dass die hübsche Marga keinen anderen Rat mehr wusste, als den alten Eklund zu ihrem Mann zu bitten. Helge hatte schon oft ein Wunder in letzter Sekunde bewirkt.

Der Mann galt tatsächlich als Wunderheiler. Er war keiner von den neuen, die ans schnelle Geld wollten, sondern gehörte zur alten Garde. Ihm lag nichts an Geld oder Ruhm. Er half auch nicht jedem. Nur denen, die bedingungslos an seine Kraft glaubten.

Der Alte hatte in Sorge Sörefrid einen Todkranken gefunden, doch er hatte eine beruhigende Feststellung gemacht: Sörefrid litt eigentlich an keiner Krankheit, er war verhext worden!

Helge Eklund fuhr zu seiner Hütte, um einen Heiltrank zu brauen. Außerdem wollte er es mit einer Beschwörung versuchen. Damit hatte er schon oft Erfolg gehabt.

Als der Mann das Fahrrad in den Schuppen schob und sich der Haustür näherte, stutzte er. Sie stand einen Spaltbreit offen.

Ein nächtlicher Einbrecher? Wer vermutete schon bei ihm lohnende Beute. Im ganzen Dorf wusste man, dass er ausgesprochen ärmlich lebte.

Helge Eklund kniff die fast farblosen Augen zusammen und stieß die Tür auf.

Seine Hand ging zum Lichtschalter, aber eine dünne Stimme stoppte ihn:

»Kein Licht, mein Freund! Ich liebe die Dunkelheit. Ihr kann man vertrauen.«

Der Schwede zögerte.

»Wer bist du?«, fragte er schließlich. »Wenn du dir einbildest, bei mir Reichtümer zu finden, muss ich dich enttäuschen. Wenn du dagegen hungrig bist, soll es mir auf ein Stück Brot und etwas Käse nicht ankommen. Lachs und Braten kann ich dir leider nicht bieten.«

»Sei nicht töricht«, schnarrte der Fremde im Dunkeln. »Ich bin nicht hier, um dich auszuplündern oder ein Almosen zu erbetteln.«

»Weshalb sonst?«

»Ich habe dir ein Angebot zu unterbreiten.«

»Dann fasse dich kurz«, forderte Eklund ungeduldig. »Ich habe in dieser Nacht noch viel zu tun.«

»Ich weiß. Du hoffst, diesen Bauern retten zu können. Dafür vergeudest du deine Kraft.«

»Vergeuden? Wie meinst du das?«

»Das weißt du genau, zumindest ahnst du es. Du bist schließlich nicht dumm. Deshalb ist ja unsere Wahl auf dich gefallen. Du passt in unser Team.«

»Kannst du nicht deutlicher werden?«

»Nur Geduld, mein Lieber. Du sollst die ganze Wahrheit erfahren: Sorge Sörefrid wird sterben. So ist es beschlossen. Aber nicht nur er. Überall auf dieser Erde werden in der nächsten Zeit unerklärliche Todesfälle für Ratlosigkeit sorgen. Dahinter steckt das Schwarze Heer. Wir brauchen noch Söldner, und du sollst einer von uns sein. Wir können deine Fähigkeiten einsetzen, aber du musst begreifen, dass es sinnlos ist, heilen zu wollen, wo das Schwarze Heer eine Wunde geschlagen hat. Komm zu uns, komm zu den Stärkeren!«

Helge Eklund glaubte nicht recht verstanden zu haben. Da kam jemand und bot ihm einen Platz in einer Schar des Bösen an.

Er überlegte fieberhaft. In jungen Jahren hätte er sich wahrscheinlich auf den Halunken gestürzt und ihn zu überwinden versucht.

Inzwischen war er älter und klüger geworden. Er sagte sich, dass der andere nicht in seine Hütte eingedrungen wäre, wenn er dabei eine Gefahr für sich befürchten müsste. Der Lump wusste genau, dass ihm ein alter Wundheiler nichts anhaben konnte.

Offenbar war er nur einer von einer ganzen Gruppe. Vom Schwarzen Heer hatte er gesprochen, das in vielen Ländern gleichzeitig für Schrecken sorgte. Zweifellos plante es etwas Entsetzliches, und dies durchzuführen, musste verhindert werden.

»Was erwartet ihr von mir?«, fragte er lauernd.

»Das ist schnell erklärt. Du sollst dieses Gebiet im Umkreis von vorläufig fünfzig Kilometern übernehmen. Später, wenn das Söldnernetz noch engmaschiger ist, wird dein Verantwortungsbereich kleiner, damit du dich deinen Aufgaben intensiver widmen kannst.«

»Um welche Aufgaben handelt es sich dabei?«

»Du sollst das Grauen verbreiten. Erwürge das Neugeborene der Mutter. Verhexe das Vieh, damit es wie ein Sturmwind über seine Besitzer hinwegrast. Führe unserem Gebieter neue Vasallen zu. Diene der Finsternis, wo immer du kannst.«

Helge Eklund bekam eine trockene Kehle. Er musste sich zusammenreißen, um dem Unbekannten nicht seinen heiligen Zorn ins Gesicht zu schleudern.

»Wer ist dieser Gebieter?«, erkundigte er sich.

»Das erfährst du, sobald ich deine Zusage habe.«

Dem Schweden graute. Wenn es wirklich zutraf, dass alle fünfzig Kilometer ein Angehöriger des Schwarzen Heeres sein Zepter wie eine Knute schwang, konnte das endgültige Verhängnis kaum noch verhindert werden.

Versuchen wollte er es auf alle Fälle, und wenn es das Letzte war, was er im Leben tat.

»Muss ich mich sofort entscheiden?«, wollte er wissen. »Immerhin hat mir noch nie jemand ein vergleichbares Angebot unterbreitet.«

»Du gehst kein Risiko ein. Aber wir begreifen, dass du eine gewisse Bedenkzeit beanspruchen kannst. Ich werde wiederkommen. Bis dahin wirst du erkannt haben, dass wir tatsächlich die Mächtigen sind. Behalte unser kleines Gespräch für dich, auf bald, mein Freund! Wir sehen uns morgen.«

Helge Eklund hatte noch eine Menge Fragen an den Gespenstischen, doch er kam nicht dazu, sie zu stellen.

Dort, woher die Stimme gekommen war, puffte eine rote Feuerlohe und tauchte das Innere der Hütte sekundenlang in grelles Licht.

Der Schwede erkannte nur eine grässliche Fratze, die gleich wieder in der Dunkelheit versank.

Als Helge Eklund hastig den Lichtschalter neben der Tür betätigte, entdeckte er keine Spur von dem Geheimnisvollen. Er war verschwunden.

Bis morgen sollte er seine Entscheidung treffen …

Doch getroffen hatte er sie schon längst. Nie würde er sich dem Schwarzen Heer verschreiben. Doch zunächst durfte er Sorge Sörefrid nicht vergessen. Er wollte beweisen, dass er nicht völlig hilflos war.

Der Alte schlurfte zu einem Wandregal, wählte verschiedene Töpfe und trug sie zum Herd. Mit Bedacht nahm er von den ausgesuchten Kräutern und warf genau dosierte Mengen in einen kupfernen Tiegel.

Er gab noch Teile von Tierkadavern und rätselhafte Flüssigkeiten dazu. Das alles geschah unter unablässigem Murmeln von Sprüchen, deren Sinn kaum ein Uneingeweihter verstanden hätte. Er brachte das Gemisch zum Sieden und prüfte den Geruch der aufsteigenden Dampfwolke. Nach weiteren Beigaben war er endlich zufrieden. Er goss die Brühe in eine Flasche und verkorkte sie sorgfältig.

Dann holte er sein Fahrrad erneut aus dem Schuppen und fuhr in halsbrecherischem Tempo zu den Sörefrids. Der Trank, so war Helge Eklund überzeugt, würde dem Verhexten über den Berg helfen.

Doch als ihm Marga die Tür öffnete, wusste er, dass er zu spät kam. Der Bauer brauchte keinen Wundersaft mehr. Er war tot.

»Wie ist er gestorben?«, fragte Eklund betroffen.

Die Witwe schluchzte. Sie konnte sich nicht beruhigen. Die eben erst durchlittenen Augenblicke brachten sie fast um den Verstand.

»Zuerst war er ganz friedlich«, flüsterte sie schließlich unter Tränen. »Doch plötzlich schrie er auf, als wollte ihm jemand das Herz aus der Brust reißen. Er stöhnte und nannte ständig einen Namen, den ich noch nie gehört habe. Schwarzer Schaum trat ihm vor den Mund. Endlich bäumte er sich auf und sank leblos zurück. Er hat furchtbar gelitten.«

Der Alte fragte nach jenem Namen.

Marga Sörefrid dachte nach, aber er fiel ihr nicht ein.

Helge Eklund wusste Bescheid: Das Schwarze Heer hatte zugeschlagen. Sein unheimlicher Besucher hatte ihm die Macht dieser Truppe bewiesen, um ihm die Entscheidung zu erleichtern …


*


In einem engen Haus in Avignon läutete mitten in der Nacht das Telefon.

Marcel Debuque wachte auf, blinzelte zum offenen Fenster hinüber und knurrte gereizt. Es war noch stockfinster.

Seine Hand tastete zum Apparat, glitt aber zunächst über warme, weiche Haut.

Debuque stutzte nur kurz, bis ihm einfiel, dass Yvette bei ihm geblieben war. Ein winziger Lichtschimmer fiel auf ihr Gesicht. Wie hübsch sie war!

Das Telefon rasselte noch immer. Bestimmt war das Claude, der sich einen Spaß daraus machte, sie zu stören.

Debuque musste sich halb über Yvette beugen, um den Hörer zu erreichen. Die Schlafende bewegte sich und schnurrte wie eine Katze.

»Commissaire Bruteau!«, meldete er sich mit verstellter Stimme. »Mit wem spreche ich? Haben Sie ein Verbrechen zu melden?«

Eine Pause entstand. Der Anrufer legte bestimmt schleunigst auf und ärgerte sich, weil er sich verwählt hatte.

»Sorry!«, meldete sich eine bestürzte Stimme, die Englisch sprach: »Ich fürchte, man hat mich falsch verbunden. Ist dort wenigstens Avignon in Frankreich?«

Das war nicht Claude. Der hätte ganz anders reagiert.

»Hier ist allerdings Avignon«, bestätigte Marcel Debuque. »Wen wollten Sie denn sprechen?«

»Einen Monsieur Debuque. Er wohnt in der Rue de la Fuguess.«

Der Anrufer meinte tatsächlich ihn. Ein Engländer? Kaum. Er beherrschte diese Sprache nur gebrochen.

»Kein Problem. Ich verbinde Sie.«

Debuque trommelte kurz mit den Fingernägeln auf die Sprechmuschel und meldete sich nun mit seinem richtigen Namen.

»Dem Himmel sei Dank, Monsieur Debuque«, hörte er den Anrufer sagen. »Ich hatte schon befürchtet, Sie nicht zu erreichen.«

»Ich nehme an, Sie rufen aus Amerika an. Hier bei uns in Europa ist es jetzt nämlich Nacht. Daran haben Sie wohl nicht gedacht?«

»Ich bin mir völlig im Klaren, dass es ungehörig ist, Sie um diese Zeit zu stören. Andererseits weiß ich aber auch, dass Sie gerade nachts am aktivsten sind.«

Marcel Debuque warf einen Blick auf Yvette, die nun auch zu sich kam, und grinste genießerisch. Worauf spielte dieser merkwürdige Mensch an? Dass er, Marcel, nicht wie ein Mönch lebte, konnte man ihm nicht zum Vorwurf machen. Er war ledig, und Yvette war es auch.

»Erklären Sie sich deutlicher. Wer sind Sie überhaupt?«

»Mein Name ist Helge Eklund. Ich bin Schwede. Sie kennen mich nicht, aber ich habe schon manches von Ihnen gehört. Sie kämpfen gegen die schwarzen Mächte auf dieser Welt.«

Der Franzose wurde plötzlich munter.

»Brauchen Sie Hilfe?«

»Allerdings. Aber nicht nur ich, Monsieur Debuque. Überall auf der Erde wird das Schwarze Heer zuschlagen. Es ist furchtbar.«

»Das Schwarze Heer?«

»Wer ist denn da, Marcel?«, wollte Yvette schmollend wissen. »Eine andere Frau?«

»Aber nein. Halt mal einen Moment deinen süßen Mund. Ich verstehe den Mann sonst so schlecht.«

»Was will er von dir? Um diese Zeit. Er soll uns in Ruhe lassen. Ich möchte schlafen.«

»Du sollst ja schlafen, Cherie. Sei brav und dreh dich rum.«

Er küsste sie flüchtig aufs Haar.

Yvette murrte zwar noch immer, zog es aber doch vor, sich zusammenzurollen und Ruhe zu geben.

»Wir sind unterbrochen worden, Monsieur Eklund«, bedauerte der Franzose. »Sie wollten mir vom Schwarzen Heer berichten.«

Der Schwede erzählte stockend von seinem Erlebnis mit dem Unbekannten. Er gab sich Mühe, nichts auszulassen, und natürlich erwähnte er auch Sorge Sörefrids dramatischen Tod und das Angebot des Fremden, in die Streitmacht des Grauens einzutreten.

Marcel Debuque stellten sich die Haare. Er hatte schon viel mit den Trabanten des Bösen erlebt, doch eine geballte Armee, die sich über Kontinente ausbreitete, war neu für ihn. Bis jetzt hatte er die Erfahrung gemacht, dass sich Dämonen, Vampire, Werwölfe und Ghouls gegenseitig nicht grün waren. In den Schattenreichen herrschte ein ganz ähnliches Konkurrenzdenken wie unter den Menschen. Jeder Finsterling war darauf aus, seine eigene Macht auszudenken.

Debuque erfuhr, dass der Schwede bereits zwei andere Männer angerufen hatte, von denen er wusste, dass sie einen, unerbittlichen Kampf gegen die Schwarzblüter führten.

Den einen Namen kannte er, von dem anderen hatte er noch nie gehört.

»Was erwarten Sie von mir?«

Das sagte ihm Helge Eklund genau.

»Sie müssen sämtliche Geisterjäger verständigen, die Sie kennen. Herr Knoll in Bremen hat das ebenfalls zugesagt. Wir treffen uns dann alle hier bei mir in Vardnäs und beraten, was zu tun ist. Wir müssen uns beeilen. Die Zeit drängt. In dieser Sekunde sterben vielleicht Menschen durch die Macht des Schwarzen Heeres.«

Dieser Gedanke hatte etwas Gespenstisches. Besonders für Marcel Debuque, der das Leben so sehr liebte.

Mit wehmütigem Blick streifte er die Frau an seiner Seite. Wie gern wäre er noch bei ihr geblieben. Aber es gab Wichtigeres. Auch für ihn. Er hatte eine Aufgabe. Sich ihr zu stellen, war er jederzeit bereit.

»Ich bin Ihr Mann, Monsieur Eklund«, versicherte er. »Leider kann ich nicht viele Kollegen erreichen. Ich kenne nur von einem Ägypter die Adresse, fürchte aber, dass er unterwegs ist. Auf jeden Fall nehme ich die nächste Maschine nach Stockholm. Sie müssen mir noch erklären, wie ich Sie finde.«

Der Schwede gab eine umständliche Wegbeschreibung und flehte Marcel Debuque erneut an, sich zu beeilen.

Das versprach der Franzose. Er legte den Telefonhörer auf und sprang aus dem Bett.


*


Harry Small frohlockte. Jessicas Tätigkeit in der Klinik trug schneller Früchte, als er in seinen kühnsten Träumen erwartete. Die Gebeine des Verunglückten, vor allem aber sein Kopf, boten Material für viele anatomische Untersuchungen. Damit war er anderen Studenten in seinem Semester weit voraus. Vielleicht konnte er durch diesen Vorfall sogar vorzeitig promovieren. Wenn er aber erst seinen Doktorhut besaß, wollte er sich mit ganzer Kraft der Erforschung des menschlichen Körpers widmen. Er war sicher, dabei auf manches Geheimnis zu stoßen.

Harry bewohnte das Haus seines Onkels in Kidwelly, das dieser ihm für die Zeit seines Überseeaufenthaltes überlassen hatte. Hier war er ungestört und konnte tun und lassen, was er wollte.

Er parkte den Wagen dicht vor der Haustür, damit sich kein Neugieriger darüber wunderte, was er da in dem weißen Bündel ins Haus schleppte.

Das Zeug war erstaunlich schwer. Harry Small ächzte und wankte die Kellertreppe hinunter. Unten angekommen, stieß er mit dem Fuß eine Tür auf und drückte mit dem Ellbogen gegen den Lichtschalter.

Neonröhren zuckten und spendeten gleich darauf steriles Licht.

Der Fünfundzwanzigjährige schaffte seine Last zu einem großen Tisch in der Mitte des Raumes und legte sie dort ab. Jetzt wollte er erst mal seine Beute in Augenschein nehmen. In der Klinik hatte er dazu keine Zeit gehabt. Alles hatte schnell gehen müssen.

Er öffnete das Leintuch und breitete es aus. Die Gebeine fielen zwar durcheinander, sahen aber wirklich so aus, als bildeten sie einen kompletten Leichnam. Nur der Rumpf fehlte nach wie vor. Da hatte sich Jessica nicht getäuscht.

Harry Small nickte anerkennend. Dieser Ramford verstand offensichtlich sein Handwerk. Doch der Schädel faszinierte ihn wesentlich mehr. Mit dem wollte er sich sofort befassen. Er hoffte, dass das Gehirn noch nicht entfernt war. Der Kopfverband ließ das allerdings befürchten.

Harry holte seine Instrumente und schlüpfte in einen weißen Kittel. Auf Handschuhe verzichtete er, der Tote erhob keinen Anspruch mehr auf Keimfreiheit. Verwesungsgeruch war noch nicht festzustellen.

Während Harry Small begann, den Kopfverband zu lösen, stellte er sich vor, was Doc Ramford für Augen machen würde, wenn sein angeblicher Patient verschwunden war. Ob der Mann noch weitere Leichen in den Krankenzimmern lagerte?

Es wäre eine Fundgrube für den eigenen Bedarf. Harry schnalzte mit der Zunge, und Ramford würde den Mund halten müssen. Das war das Allerschönste dabei.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738912784
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (August)
Schlagworte
milton sharp armee unheils

Autor

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Titel: Milton Sharp #16: Die Armee des Unheils