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Das Fliegenmonster von Montelepre

2017 120 Seiten

Leseprobe

Das Fliegenmonster von Montelepre




Unheimlicher Roman






IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild:

(ehem. Titel: Die Fliege)

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Klappentext:

Eigentlich hatte Vito de Lorenzo mit seinen Komplizen nur einen Banküberfall verüben wollen, doch auf der Flucht vor der Polizei gelangt er in den Bergen um seine Heimatstadt in einen geheimnisvollen Stollen. Darin wartet seit Jahrzehnten der untote Geist des erschossenen Banditen Giuliano auf eine Gelegenheit, sich an den Nachkommen derer zu rächen, die ihn töteten. Er ergreift Besitz von dem Bankräuber und lässt ihn eine grauenvolle Metamorphose erleben, bevor er das Werkzeug von Giulianos Vergeltung werden kann. In Montelepre geschehen bald unheimliche Dinge, und der junge Kommissar Manuli kämpft einen scheinbar aussichtslosen Kampf um das Leben Unschuldiger und gegen einen zunehmend mächtiger werdenden Gegner …




Roman:

Die Stimme klang hart und blechern. Sie wurde durch ein Megaphon verstärkt und drang mühelos über das sonnendurchglänzte bizarre Stück Land, das die Polizeieinheiten von Vito de Lorenzo und Lucio Capoccia trennte.

De Lorenzo! Capoccia! Gebt auf! Werft die Waffen weg und kommt mit erhobenen Händen heraus! Ihr seid zwei gegen hundert. Was ihr tut, ist Wahnsinn. Kommt heraus! Ich wiederhole zum letzten Mal …“

Sie lagen dicht nebeneinander auf dem Boden einer flachen Grotte und blickten über Kimme und Korn ihrer Gewehre hinweg eine Geröllhalde hinab. Sie wussten, dass die Widersacher irgendwo unten im zerklüfteten Bergland warteten. Vito de Lorenzo war ein stämmiger, bieder wirkender Mann mit schwarzem Schnauzbart. Lucio Cappocias Gesicht war glatt und um einige Jahre jünger. Auf seiner Haut schimmerten Schweißperlen. Er hatte Angst.

Glaubst du, dass es wirklich hundert sind?“, fragte er.

De Lorenzo zuckte mit den Schultern.

Vielleicht. Vielleicht auch etwas weniger.“

Sie haben Franco Battista und Nando delli Paoli bei der Verfolgungsjagd niedergeschossen. Sie fackeln nicht lange.“

Diese Bastarde“, sagte de Lorenzo voller Hass.

Wir entkommen ihnen nicht …“

De Lorenzos Augen glitzerten kalt, als er seinen Kumpanen anblickte.

Willst du dich ergeben? Bei allem, was auf uns wartet? Der Bankraub ist uns missglückt, aber wir haben einen Polizisten abserviert. Besser sterben, als uns denen da unten ausliefern.“

Du bist der Capo. Der Chef.“

Capoccia schwitzte stärker. Der Schweiß lief über seine Wangen auf den Hals und von dort unter den Kragen seines Hemdes. Panik überkam ihn. Aber er wagte keine Widerrede.

Etwas später verließ de Lorenzo die Plattform der Grotte auf einem winzigen Pfad. Die

Megaphon‑Stimme war verstummt.

Capoccia lag auf der Lauer, bereit, auf alles zu feuern, was sich regte. Vito de Lorenzo wollte einen Bogen schlagen und den Polizisten in die Flanke fallen. Aber es kam anders.

Schüsse krachten. De Lorenzo beobachtete aus einer Felsenbresche heraus, dass Capoccia auf anrückende Uniformierte schoss. Jemand schrie auf. Das Feuer wurde erwidert.

Capoccia gab einen kaum als menschlich zu bezeichnenden Laut von sich, und seine Gestalt löste sich aus dem Dunkel der Grotte. Sie kullerte die Geröllhalde hinab und blieb liegen. Eine Weile hielten die Polizisten inne, dann holten sie die Leiche. Sie schwärmten aus und nahmen die Grotte in die Zange.

Vito de Lorenzo verfluchte die Verfolger, unternahm aber nichts gegen sie. Zwei oder drei von ihnen hätte er mühelos erschießen können. Sie befanden sich auf dem Präsentierteller. Doch er verzichtete darauf. Noch vermuteten sie ihn in der Grotte. Dieser Umstand gab ihm eine Chance. Er verließ die Bresche, kroch auf ein schmales Plateau, überquerte es

und hastete auf eine Gruppe öder Kuppen zu. Hier, in den Bergen südwestlich von Palermo, kannte er sich vorzüglich aus, denn sie waren seine Heimat. Hier hatte er Schafe gehütet, bevor seine Familie in die Stadt Montelepre gezogen war. Hinter den karstigen Höhen musste er ungefähr fünfhundert Meter zurücklegen. Dann kam er in eine von

Höhlen durchzogene Gegend. In dem Labyrinth, konnte er sich verstecken und notfalls Tage verborgen halten.

Es existierte aber auch ein geheimer Stollen, der fast bis nach Montelepre führte. Ein berüchtigter Landsmann sollte ihn entdeckt haben: der Bandit Salvatore Giuliano. In diese Berge zog er sich immer wieder von seinen blutigen Überfällen zurück.

Vito de Lorenzo lief und blickte sich immer wieder um. Niemand war ihm auf den Fersen. Wieder war die Megaphon‑Stimme zu vernehmen, aber der schnauzbärtige Mann konnte den Inhalt der Worte bereits nicht mehr verstehen. Er lachte auf. Mit jedem Meter, den er zwischen sich und die Polizisten legte, wuchs seine Zuversicht.


*


Doch dann ereignete sich etwas Unerwartetes.

Von einer Sekunde zur anderen nahm die Wärme ab. Vito de Lorenzo blieb unwillkürlich stehen. Sein Körperschweiß erkaltete, und er begann zu frösteln. Über ihm färbte sich der Himmel dunkel. Ein eigenartiges fahles Licht breitete sich aus. Rascheln und Tuscheln war zu hören und andere Laute, die der Verbrecher nicht deuten konnte.

Santa Madonna!“, stieß er im ersten Schrecken hervor.

Er war kein gläubiger Mensch, aber tief in seinem Inneren hatte er jene bigotte Einfalt bewahrt, die ihre Ursprünge in Tradition und Erziehung hatte.

Gütiger Himmel!“, fügte er entsetzt hinzu.

Als hätte er jemanden beleidigt, klang ein zorniges Fauchen auf. De Lorenzo fuhr zusammen. Er hätte sich gern geduckt, wäre herumgefahren, hätte sich davongemacht, aber etwas hielt ihn zurück. Etwas, das er sich nicht erklären konnte.

Ein Bann hielt ihn gefangen und führte ihn von der Kuppe in eine düstere Senke hinab. Obwohl er sich hier gut auskannte, hatte er diese Vertiefung noch nie gesehen. Und es war ihm auch nicht bekannt, dass sich in dieser Gegend ein Gebäude befand!

Das Haus stand im Zentrum der Senke – ein kastenförmiger Bau mit zerstörtem Dach und anderen Zeichen des Verfalls. Vito trat näher und erkannte Flechten, die die schmutzigweißen Mauern überzogen. Ein Schwarm schwarzer Vögel erhob sich träge und flatterte davon. Die Dunkelheit nahm zu. Die vielen unerklärlichen Geräusche wurden von einem feinen Rauschen abgelöst.

Vito de Lorenzo bewegte sich wie ein Schlafwandler. Er ging auf die Tür des Hauses zu und nahm ohne Gemütsbewegung zur Kenntnis, dass sie knarrend aufschwang. Nun spürte er keine Furcht mehr. Er hatte den Eindruck, dass er außerhalb seiner sterblichen Hülle schwebte und gelassen beobachtete, wie er von dem düsteren Bau verschluckt wurde.

Die Konstruktion ähnelte einem der typischen sizilianischen Bauernhäuser. Vito hatte den Eindruck, eher ein Mausoleum zu betreten. Das Innere des Baus war von feuchter, stickiger Luft und einer beklemmenden Atmosphäre erfüllt. Dazu trugen auch der süßliche Geruch, der modrige Dunst und ein zunehmendes Rauschen bei.

Unversehens hörte das Rauschen auf.

ICH HABE AUF DICH GEWARTET, flüsterte eine Stimme in Vito de Lorenzo – eine Stimme, die ihm nicht gehörte.

Wer spricht?“, fragte er mit schwerer Zunge.

DU BIST STARK UND FÄHIG, fuhr die wispernde Stimme fort.

Offensichtlich hatte sie Schwierigkeiten, sich verständlich zu machen. Vito vernahm in sich ein gequältes Keuchen.

Er blieb stehen. Weißes Licht breitete sich in dem einzigen Raum des Hauses aus. Die Wände waren von schneeweißer Farbe, und in dem Geviert gab es weder Fenster noch Einrichtungsgegenstände. Selbst der Fußboden war weiß.

Vito drehte sich um. Die Eingangstür war verschwunden. Er war in einem quadratischen Gefängnis eingeschlossen, in einer Zone der Kälte und Ungewissheit. Er fror so sehr, dass er am ganzen Leib zu zittern begann.

ENDLICH, raunte die Stimme, ENDLICH …

Wer bist du?“, rief Vito.

BIN GIULIANO, flüsterte die Stimme.

Der Sprecher wollte noch mehr sagen, aber offenbar gelang es ihm nicht. Woran das liegen mochte, war Vito unverständlich. Die Stimme verstummte mit einem verhaltenen Wehlaut.

Die Erkenntnis durchfuhr Vito de Lorenzo wie ein Schlag.

Giuliano … der Bandit Salvatore Giuliano!“

Er drehte sich mit ausgebreiteten Armen im Kreis, blickte suchend auf, taumelte. „Allmächtiger, ich … Du bist der … der Geist Giulianos!“

Ein Hieb traf ihn. Er fiel, und sein Gewehr rutschte davon. Die weiße Mauer verschluckte es. Aber die Macht, die all dies verursachte, war nicht greifbar. Sie kam aus dem Nichts. Vito de Lorenzo setzte sich auf und umklammerte seine Knie mit den Händen. Immer noch bebte er vor Kälte.

Starr hielt er den Blick auf die gegenüberliegende Mauer gerichtet. Buchstaben, rot wie Blut, erschienen und setzten sich zu Worten zusammen. Die Schrift lief von rechts nach links und verblasste auf der einen Seite, während auf der anderen immer neue Lettern erschienen. Es war eine gespenstische Leuchtschrift, und ihr Inhalt ein zusammenhangloses, geradezu schizophrenes Menetekel:

Denke an mich der einzig auf deinen Glanz sinnt wo der Wohlstand und die Herrschaft entschlummern den eine Erde und alles Reich der Finsternis besonnen die ich für dich und mich erobert habe ich sehe dich an und ich sehe deine Augen an und ich habe deine Augen geöffnet und ich will alle deine Augen und deinen Leib gesehen haben verfluchen und dir Gewänder aus Haut und Haar und Blut und Macht geben die du ablegen musst wenn ihre Augen dich verdammen mit ihrer Verachtung und ihrem Hass …“

Etwas Dunkles kam geräuschlos herangeschwebt, teilte sich und suchte Einlass. Er sah es über seine Augen kriechen, wehrte sich aber nicht, sondern lächelte. Er spürte, dass es in ihn eindrang und das Gefühl der Kälte einem wohligen Prickeln wich. Schmerzen empfand er nicht.

Ja“, sagte er. „Ja, ich habe verstanden.“

*


Kommissar Mario Manganiello von der Criminalpol in Palermo war ein schlanker Mann Mitte Vierzig, energiegeladen, resolut, mit wachen grauen Augen. Lucio Capoccia hatte ihn am Arm verletzt, bevor er selbst von der tödlichen Kugel getroffen worden war. Manganiello hatte sich verarzten lassen und trug den Arm in einer Schlinge. Als er gemeinsam mit einigen anderen Männern in Uniform und Zivil die Grotte erreichte, rutschte er zum dritten Mal an diesem Nachmittag aus und schlitterte die Geröllhalde hinunter.

Salvo Manuli hastete hinterher. Er kam ebenfalls zu Fall und rutschte auf dem Hosenboden nach unten. Manuli war der erste, der bei dem Kommissar war, und hörte, dass der Mann wetterte.

Verdammt und zugenäht!“

Salvo Manuli beugte sich über den am Fuß der Halde liegenden Kommissar.

Die Wunde hat sich wieder geöffnet. Nehmen Sie’s mir nicht übel, aber so können Sie nicht weitermachen. Sie riskieren zu viel.“

Manganiello presste die Lippen zusammen und stöhnte. Oben in der Grotte gestikulierten die Beamten. Aus dem zerklüfteten Felsland kamen die Männer des Ambulanzwagens herbeigestürmt.

Ich sehe rote und schwarze Schleier“, sagte Manganiello. „Himmel, ich halte wirklich nicht mehr durch. Hören Sie zu, Salvo. Mit Ihren zweiunddreißig Jahren sind Sie ein verdammt junger Kommissar, und es gibt noch einiges mehr, das gegen Sie als meinen offiziellen Stellvertreter spricht. Sie sind nicht in Sizilien geboren. Ihre Ansichten sind der Volksmeinung um rund fünfzig Jahre voraus. Außerdem tragen Sie dauernd Blue Jeans und haben blonde lange Haare. Sie sehen aus wie ein … ein Strauchdieb, Salvo!“

Manuli grinste. Wie ein ernsthafter Polizeiagent wirkte er tatsächlich nicht. Sein strohblondes Haar stellte sich im Wind auf, und seine blauen Augen blickten durch eine riesige Sonnenbrille. Er machte eher den Eindruck eines verirrten Touristen.

Die Männer der Ambulanz und ein paar Beamte waren nun zur Stelle. Manganiello sah sie der Reihe nach an. Dann wandte er sich wieder an Salvo Manuli.

Aber, hol’s der Teufel, Sie … Sie haben allerhand auf dem Kasten. Ich … ich übertrage Ihnen das Oberkommando in diesem … diesem hundsgemeinen Fall.“

Dann wurde er bewusstlos.

Er wurde auf einer Trage weggebracht. Die Beamten blickten Salvo Manuli an. Sie trugen teils Uniform, teils Zivil. Einige von ihnen musterten den relativ jungen Mann nicht ohne Neid.

Die Grotte ist leer“, sagte einer. „Wie sollen wir jetzt vorgehen, Kommissar?“

Gibt es einen seitlichen oder rückwärtigen Ausgang?“

Einen kleinen Pfad.“

Ich gehe als erster“, sagte Manuli. „Wer sich anschließen will, kann das tun. Der Rest der Mannschaft schwärmt aus und klettert wie eine Herde Bergziegen, aber bitte mit eingezogenen Köpfen. Wir haben Battista, delli Paoli und Capoccia, aber der gefährlichste Mann ist noch auf freiem Fuß. Ich möchte ihn lebend.“

Etwas später folgte Salvo Manuli an der Spitze eines vierköpfigen Trupps dem Pfad. Die Männer gelangten auf das schmale Plateau und entdeckten Spuren von Vito de Lorenzo. Sie erreichten die Höhe und legten sich in Deckung, als sie eine Stimme hörten.

Manuli spähte zwischen Felsbrocken hindurch und sah den Verbrecher.

Verblüfft drehte er sich zu seinen Begleitern um.

Das gibt es nicht. Er hockt ohne Gewehr auf dem Hang und redet unverständliches Zeug.“

Es könnte ein Trick sein“, gab einer der drei zu bedenken.

Er war der Maresciallo der Carabinieri von Montelepre, ein etwas beleibter Mann mit breiten Lippen und platter, fleischiger Nase.

Wir warten auf Verstärkung“, entschied Manuli. „Dann kreisen wir ihn ein und nehmen ihn fest. Wenn er dort bleibt, hat er keine Deckung. Ich wiederhole: Ich will ihn lebend. Falls wir gezwungen sind zu schießen, darf der Mann nur an Armen und Beinen verletzt werden.“

Er ist ein Polizistenmörder“, sagte der Maresciallo.

Salvo Manuli musterte ihn kurz, und der Maresciallo verzichtete auf weitere Bemerkungen.

Es vergingen keine zehn Minuten, und der Ring um Vito de Lorenzo war geschlossen. Unter Einhaltung aller Sicherheitsvorkehrungen robbten die Polizisten vorwärts. Salvo Manuli nahm das Megaphon zur Hand. Er lag hinter einem Felsen und zielte mit seiner automatischen Pistole auf den Verbrecher. Die Annahme, de Lorenzo würde bei dem jähen Klang des Megaphons zusammenzucken, erwies sich als Irrtum. Gelassen blieb er auf seinem ungeschützten Platz sitzen.

Es ist endgültig aus, de Lorenzo! Sie sind umstellt! Legen Sie die Waffen ab und heben Sie die Hände. Kommen Sie langsam den Hang herauf!“

De Lorenzo kicherte und erhob sich langsam. Er dachte nicht daran, zu den Beamten zu gehen, aber er stand da und unternahm nichts, als sie auf ihn zukamen. Erst im letzten Moment duckte er sich. Sein Gesicht nahm einen gehetzten Ausdruck an, und in seinen dunklen Augen glomm namenloser Hass.

Vito de Lorenzo, ich erkläre Sie für verhaftet“, sagte Manuli förmlich.

Er klärte de Lorenzo über seine Rechte auf und zückte die verbeulten Handschellen, die er stets bei sich trug. Zwei Männer hielten den Verbrecher an den Armen fest.

Du musst verrückt sein, dich so einfach festnehmen zu lassen“, sagte der Maresciallo zu dem Gefangenen. „Wir haben einen Kampf erwartet.“

De Lorenzo drehte den Kopf, gab einen knurrenden Laut von sich und spuckte ihn an. Der Maresciallo riss eine Faust hoch. Salvo Manuli stoppte ihn. Mit eisernem Griff zwang er die Faust nieder.

Hören Sie auf. Ich habe den Eindruck, der Mann hat wirklich den Verstand verloren.“

Er schloss einen Ring der Handschellen um de Lorenzos rechten Arm. Den zweiten befestigte er an seinem eigenen Handgelenk. Von allen Seiten stießen die bewaffneten Polizisten nach. Es waren insgesamt hundert, die Männer von der Ambulanz und die anderen, die bei Kommissar Manganiello zurückgeblieben waren, nicht mitgerechnet.

Es geschah, als Salvo den Verbrecher abführen wollte.

De Lorenzo brüllte auf. Ein Ruck, und de Lorenzo hatte sich losgerissen. Die Handschellen verbanden nach wie vor die beiden Arme miteinander, aber der Bandit hatte sich trotzdem befreien können.

Der Arm hatte sich am Schultergelenk von seinem Körper gelöst. Jetzt fiel er nach unten und baumelte an Kommissar Salvo Manulis verbeulten Handschellen. Der Maresciallo gab einen gurgelnden Laut von sich. Für einen Moment schien er gelähmt zu sein. Einige andere packten reaktionsschnell zu.

Vito de Lorenzo wollte davonrennen. Aber sie hatten seinen linken Arm fest im Griff. Er heulte wie ein Wolf, vollführte eine ruckartige Bewegung und kam auch diesmal los. Der Arm blieb als blutiger Stumpf in den Händen der Beamten zurück.

Vito de Lorenzo rannte den Hang hinab – ein Rumpf auf Beinen, ein rasendes menschliches Monster. Als erster erlangte Salvo Manuli die Fassung wieder. Ohne sich um den baumelnden Arm zu kümmern, kniete er sich hin, hob die Pistole und zielte auf die Beine des Banditen.

Zweimal blitzte es vor der Mündung auf. Grell blafften die Schüsse in die Landschaft. De Lorenzo kam zu Fall, richtete sich wieder auf, hetzte weiter.

Ich habe getroffen“, sagte Manuli betroffen. „Ich bin sicher, dass ich ihn an den Beinen erwischt habe und dennoch läuft er immer noch.“

Das geht nicht mit rechten Dingen zu“, stammelte der Maresciallo.

Er hieß Curzi de Sanctis, war fünfzig und hatte den Zweiten Weltkrieg in seiner ganzen Grausamkeit miterlebt. Aber so etwas ging über seine Kräfte. Sein Gesicht war bleich wie eine gekalkte Wand. Er musste sich setzen.

Salvo Manuli kettete den blutigen Verbrecherarm ab. Dann nahm er mit zwei Dutzend Männern die Verfolgung auf. Sie sahen de Lorenzo in einer Höhle verschwinden. Den restlichen Nachmittag und bis in die Nacht hinein fahndeten sie mit starken Handscheinwerfern nach dem Mann.

Niedergeschlagen kehrte Salvo Manuli gegen 22 Uhr aus dem Höhlenlabyrinth zurück. Er trat zu dem Maresciallo, der mit verdrossener Miene vor einem transportablen Funkgerät saß.

Es ist wie verhext“, sagte er. „De Lorenzo scheint wie vom Erdboden verschwunden zu sein. Wir haben nicht einmal einen Tropfen Blut gefunden. Gegen Mitternacht brechen wir ab. Aber ich bin jetzt sicher, dass wir ihn nicht wieder fassen werden. Uns bleibt nichts als ein Paar lebloser Arme.“

Hören Sie auf!“

Sind die Arme bereits abtransportiert worden?“

Ja. Ich habe mich strikt an Ihre Anweisungen gehalten und sie in eine stabile Kiste verfrachten lassen. Sie sind unterwegs zum Gerichtsmedizinischen Institut in Palermo. Wenn ich mir vorstelle, dass die Leute dort die Kiste öffnen, packt mich das kalte Grausen.“

Er schüttelte sich.

Maresciallo, man könnte meinen, Sie hätten noch nie Leichen oder Leichenteile gesehen.“

Curzio de Sanctis lachte freudlos auf.

O doch. Aber Arme, die sich einfach so mir nichts, dir nichts vom Körper trennen … nein, das will mir nicht in den Kopf.“

Haben Sie eine Erklärung für den Vorfall? Vito de Lorenzo ist ein wandelnder Krüppel. Trotzdem schien er bei bester Gesundheit zu sein. Es ist ihm gelungen, einer Hundertschaft Polizisten zu entwischen.“

Der Maresciallo musterte sein Gegenüber mit einem Ausdruck der Resignation. Er senkte die Stimme.

Da ist der Teufel im Spiel – der Teufel, die Dämonen und alle Schrecken der Hölle, verstehen Sie?“

Wir sind alle vollkommen mit den Nerven herunter“, entgegnete Salvo ausweichend. „Ich kehre jetzt noch einmal in die Höhlen zurück. Anschließend fahre ich nach Palermo. Will dabei sein, wenn die Arme untersucht werden.“

*


Das Gerichtsmedizinische Institut war in einem großen Gebäudekomplex untergebracht, in dem sich unter anderem auch das Leichenschauhaus und eine staatliche Forschungsanstalt befanden. Das Gebäude stand an der Via Buinarroti, an der Peripherie von Palermo.

Es war nach Mitternacht, als Salvo Manuli seinen Alfa neben dem Pförtnerhaus stoppte.

Der Pförtner – ein Mann in seinem Alter – bequemte sich nicht aus seinem Häuschen. Deswegen stieg Manuli kurz aus und nannte seinen Namen und seinen Dienstgrad.

Der Pförtner taxierte ihn mit einem skeptischen Blick.

Kommissar? In dem Alter? Und in dem Aufzug?“

Manche meiner Kollegen verkleiden sich als Frauen.“

Meinetwegen. Aber Sie gehören doch wohl zu keiner solchen Spezialeinheit, oder?“

Der Pförtner machte mit dem Zeigefinger eine winkende Bewegung.

Ihren Dienstausweis, bitte. Tut mir leid, aber ich habe Sie hier noch nie gesehen.“

Gleichfalls. Ich kreuze hier zwei‑ bis dreimal die Woche auf, aber Ihr Gesicht ist mir auch neu.“

Er hielt ihm seinen Ausweis hin, und der Pförtner verglich ihn mit einer Liste.

Gut, Sie können passieren. Entschuldigen Sie, aber ich habe nun mal meine Vorschriften.“

Wem sagen Sie das?“

Salvo schnupperte, trat in das Pförtnerhaus und betrachtete das Idyll, das sich seinen Augen bot. Auf einem Camping‑Gaskocher stand eine Pfanne, in der etwas Gelblich‑Grünes brutzelte.

Eierspeise mit Kürbisgurken?“

Der andere zuckte mit den Schultern und lächelte.

Sechs Stunden Nachtschicht. Da bekommt man schon Hunger. Und ich bin nun mal für eine warme Mahlzeit. Belegte Brote kann ich nicht ausstehen.“

Eierspeise lässt sich auch gut mit Kartoffelscheiben und Zwiebelringen anreichern.“

Ach, Sie verstehen was vom Kochen?“

Ist mein Hobby.“'

Wenn Sie einen Happen wollen, dann …“

Danke. Jetzt nicht. Zur Sache: Ich suche eine Kiste, die vor höchstens zwei Stunden hier abgeliefert wurde.“

Der Pförtner nickte.

Labor V/A. Das Team von Dr. Ciubini hat heute Nacht Dienst. Aber ich glaube, es ist noch mit den Leichen von Battista und Delli Paoli beschäftigt. Was ist denn in der Kiste?“

Zwei Arme.“

Der Pförtner hieb mit der Linken auf seinen blankgewetzten Schreibtisch. Ein Geräusch war zu hören, wie es nur von einer Prothese hervorgerufen werden konnte.

Fragen Sie mal, ob sich einer davon transplantieren lässt. Dann könnte ich wieder meinen Beruf als Maschinenschlosser ausüben, den ich nach dem verdammten Unfall aufgeben musste.“

Er lachte.

Salvo grinste nur schief. Dann verließ er das Häuschen und fuhr mit dem Wagen weiter.


*


Gut fünf Minuten später drückte er die Tür zum Labor V/A auf. Dr. Vanda Ciubini, eine attraktive Frau Mitte Dreißig, drehte sich zu ihm um. In ihrer Begleitung befanden sich ein Assistent und ein Laborant. Zwei graubekittelte Helfer brachten gerade die Kiste.

Kommissar!“, sagte sie erfreut. „Ich habe gehört, dass Manganiello Ihnen die Einsatzleitung übertragen hat. Vielleicht erfahren wir jetzt endlich, was sich zugetragen hat.“

Salvo reichte ihr die Hand und blickte in ihre dunklen Augen. Sie ähnelte einer Filmschauspielerin, aber ihm fiel nicht ein, welche es war.

Zu einem Rendezvous mit Ihnen hätte ich mir einen romantischeren Platz gewünscht, Dottoressa.“

Spielen Sie nicht den Draufgänger. In punkto Frauen sind Sie bestimmt ein zurückhaltender Typ.“

Gewiss. Ich habe auch nicht das Gegenteil behauptet.“

Er sah zu, als die Kiste auf einen verzinkten Arbeitstisch gehievt wurde. Die beiden Graukittel warfen sich Blicke zu. Salvo sagte:

Der Vorfall lässt sich mit wenigen Worten schildern. Die Bande von Vito de Lorenzo hat heute Nachmittag die Banca di Risparmio in Montelepre überfallen. Ein Angestellter machte gemeinsame Sache mit ihnen, fiel aber im letzten Moment um und alarmierte die Carabinieri. Der Maresciallo rief uns zu Hilfe. Wir trafen ein, als die vier Kerle bereits das Gebäude betreten hatten. Bevor wir in Aktion treten konnten, rochen sie Lunte und schossen sich den Weg frei.“

Wurde der Angestellte getötet?“, erkundigte sie sich.

Verletzt. Ums Leben kam leider einer der Beamten aus Palermo. Franco Battista, Nando delli Paoli und Lucio Capoccia wurden auf der Flucht erschossen.“

Dr. Vanda Ciubini nickte.

Capoccia befindet sich noch im Polizeilabor. Was Battista und delli Paoli betrifft, so hat jeder von ihnen mehr als eine Kugel im Leib. Im Hinblick auf die Todesursache wird die für heute früh um elf Uhr angesetzte Autopsie sicher nichts Neues ergeben.“

Die Festnahme von Vito die Lorenzo wäre ein Schlussstrich unter eine Serie von Verbrechen gewesen, die auf das Konto der Bande gehen“, erklärte der junge Kommissar. „Leider kam es ganz anders.“

Er berichtete, was mit dem Führer der Bande geschehen war.

Einer der Graubekittelten meldete sich zu Wort, nachdem Manuli geendet hatte.

Hören Sie, Kommissar, ich könnte schwören, in der Kiste hat es gepoltert, als wir sie eben aus dem Kühlschrank holten.“

Giovanni spinnt“, sagte der Assistent.

Der zweite Helfer im Kittel schüttelte aufgeregt den Kopf.

Nein. Ich habe es auch gehört.“

Öffnen Sie den Behälter!“, ordnete Salvo an.

Giovanni und sein Kollege ließen die Schlösser aufschnappen. Die Kiste gehörte der Polizia Stradale und war eigentlich für den Transport von unentbehrlichem Gerät vorgesehen. Sie war ganz aus Metall und außerordentlich stabil.

Schweigen lastete im Raum. Salvo, Dr. Vanda Ciubini, der Assistent und der Laborant verfolgten mit wachsender Spannung die Bemühungen der beiden Graukittel. Die Männer wollten den Deckel anheben.

Plötzlich ertönte ein dumpfer Laut. Der Deckel der Kiste flog ohne ihr Zutun auf.


*


Feingliedrige Hände und Gelenke erschienen. Schließlich kamen die vollständigen Arme aus dem Inneren des Behälters hervor.

Die Farbe der Haut war grünlichgrau; die Farbe der Trennstellen dunkelrot.

Alles geschah in wenigen Sekunden. Giovanni und sein Kollege schrien auf. Der Assistent wich zurück. Salvo fühlte die Hand von Dr. Vanda Ciubini auf seinem Unterarm; sie krallte sich förmlich fest. Der Laborant machte eine hastige, unbedachte Bewegung und verlor das Gleichgewicht. Auf dem blankpolierten Fußboden rutschte er aus.

Als er stürzte, klammerten sich die grausigen Hände bereits an dem Hals von Giovanni fest. Sie mussten mit enormer Kraft pressen, denn seine Gesichtsfarbe änderte sich sofort.

Der zweite Graukittel wirbelte herum und rannte schreiend davon.

Salvo Manuli musste die Frau von sich stoßen, um handeln zu können. Fluchend stürmte er an der offenen Kiste vorüber. Giovanni wurde von den würgenden Händen zurückgedrängt. Ächzend rang er nach Luft.

Er kam zu Fall. Aber jetzt war der Kommissar über ihm und riss mit aller Macht an den teuflischen Extremitäten.

Die Hände von Vito de Lorenzo würgten den Mann mit übernatürlicher Kraft, Manuli fürchtete, es nicht zu schaffen. Dann kam er auf die Idee einen Polizeigriff anzuwenden, bei dem jeder normale Mensch die Finger öffnen musste.

Er hatte Erfolg. Die Hände ließen von dem bedauernswerten Mann ab. Breite Male zeichneten sich auf dem Hals ab, und Giovanni rang mühsam nach Luft.

Salvo rechnete damit, dass die Hände nun ihn angreifen würden. Statt dessen sanken sie zu Boden. Dort stellten sie sich in grotesker Weise auf und begannen zu laufen. Dr. Vanda Ciubini quittierte dies mit einem gellenden Schrei.

Salvo eilte den Händen nach. Der Assistent bemühte sich um den immer noch am Boden liegenden Giovanni. Der zweite Graukittel und der Laborant holten einen Feuerlöscher.

Ehe irgend jemand sie zu fassen bekam, krochen sie die rückwärtige Laborwand empor. Salvo konnte deutlich verfolgen, wie die Haut der Zeigefinger aufplatzte. Blut floss und formte sich zu Buchstaben. Die Schrift lief mit geradezu beängstigender Geschwindigkeit von rechts nach links. Fassungslos lasen die Anwesenden den Text:

Ich werde kommen ihr denkt an mich ich werde kommen ich eile auf meinen sechs vollen Beinen und auf allen meinen leeren Beinen herbei meine schwingenden Arme schlagen euch umschlingen euch auf den Knien zwischen meinen Beinen und Armen um euch zu verschlingen euch geschüttelt von Furcht ihr folgt mir ich bin euch voraus um euch alle Fackeln der Hölle und der alles fressenden vernichtenden Glut zu schenken …“

Die Inschrift verblasste. Mit einem hässlichen Geräusch schlugen die Arme des Verbrechers auf dem Boden auf. Salvo eilte auf sie zu. Er wollte sie aufheben, obwohl es ihm vor ihnen graute. Doch dann hielt er abrupt inne.

Vor seinen und den Augen der anderen zerflossen die Körperteile zu einer übelriechenden Masse. Dr. Ciubini presste eine Faust gegen ihre Lippen. Der zweite Graukittel und der Laborant setzten entgeistert den Feuerlöscher ab. Der Assistent stützte Giovanni, der immer wieder murmelte:

Mein Gott! Oh, mein Gott.“

Ein Zischen erklang, und die Überreste der Arme zersetzten sich vollends. Nicht einmal ein Fleck blieb zurück.

Eine solche Form der Verwesung habe ich noch nie erlebt“, bemerkte die Ärztin mit versagender Stimme.

Dieser Text was hat er zu bedeuten?“, fragte der erschütterte Assistent.

Salvo Manuli hatte ein Notizbuch gezückt. Er notierte die Worte aus dem Gedächtnis, überflog sie noch einmal, konnte sich aber keinen Reim darauf machen.

Ich habe gehofft, die Arme des Verbrechers würden uns irgendwie auf seine Spur führen. Nun, vielleicht hilft uns diese mysteriöse Inschrift weiter. Ich besuche Kommissar Manganiello noch heute Nacht im Krankenhaus und frage ihn nach seiner Meinung. Auf jeden Fall lasse ich eine Razzia durchführen – in der ganzen Provinz Palermo.“

Er blickte die Männer der Reihe nach an und sah zuletzt Vanda Ciubini in die dunklen, von Entsetzen geweiteten Augen.

In gewissem Sinne ist es gut, dass Sie dies miterlebt haben. Sie alle werden jederzeit bestätigen können, dass ich nicht unter Halluzinationen leide.“

*


Graziella de Lorenzo schreckte aus dem Schlaf hoch. Die Nacht war warm, und sie hatte sich bei offenem Fenster zur Ruhe gelegt. Jetzt waren beide Flügel fest verriegelt. Schwüle lastete in dem Raum des alten Hauses von Montelepre.

Graziella erhob sich und tastete sich durch die Finsternis. Sie stieß gegen einen Stuhl, fand endlich den Lichtschalter und drückte ihn. Helligkeit durchflutete das Zimmer. Das Mädchen zog eine Strickjacke über das Nachthemd und verhüllte ihre nackten Schultern. Argwöhnisch lauschte sie.

Da waren die Laute wieder. Schleifende, tastende Schritte und sabberndes GemurmeL Ein blubbernder, langgezogener Seufzer ertönte. Dann hörte sie ein klatschendes Geräusch. Mehrere Stimmen tuschelten erregt.

Die eigentümlichen Geräusche konnten nur aus dem Erdgeschoss kommen. Kurzerhand stieg sie in ihre Pantoffeln, raffte den Saum ihres Nachthemdes und stieg die Treppenstufen hinab. Die merkwürdigen Laute verstummten nicht. Sie hatte den Eindruck, dass etwas in großer Hast davongezerrt wurde.

In dem alten Haus gab es kein richtiges Wohnzimmer, sondern nur eine große Küche, die allen Zwecken diente. Hier wurde gekocht und gegessen, ferngesehen, getrunken, geraucht und diskutiert. Graziella trat ein und sah sich um. Nur eine Wandlampe brannte. Rauchschwaden dehnten sich unter der Decke aus und der Aschenbecher quoll über.

Mutter, Vater und Großvater kamen durch die andere Tür herein. Sie machten einen erschöpften Eindruck. Vincenza de Lorenzo ließ sich auf einen der Stühle fallen und atmete tief durch. Sie war eine übergewichtige, außerordentlich kräftige Person.

Großvater Leone de Lorenzo nahm ebenfalls Platz. Er stützte die Hände auf seinen Krückstock und blinzelte verlegen. Am natürlichsten benahm sich Salvatore de Lorenzo, Graziellas Vater. Er machte ein paar Schritte auf das Mädchen zu, verzog in gespielter Verärgerung das Gesicht und meinte:

Findest du keinen Schlaf? Los, los, Kind, es ist schon nach Mitternacht. Du bist zwar schon über zwanzig, aber um diese Stunde hast du hier unten wirklich nichts verloren. Trink einen Schluck Milch und geh wieder.“

Wer hat mein Fenster geschlossen?“

Er schloss die Augenlider und öffnete sie wieder. Sein Gesicht war so derb wie seine Hände. Jahrzehnte hatte er als Schafbauer in den Bergen verbracht. Dann hatte man ihm einen Posten in der Verwaltung von Montelepre zugeschanzt. Aber sein Aussehen war stets das eines Mannes geblieben, der harte körperliche Arbeit verrichtete.

Ich“, antwortete er.

Habt ihr Gäste?“

Unsinn“, erwiderte ihre Mutter. „Wie kommst du darauf?“

Ich habe Lärm gehört.“

Großvater Leone zuckte ein wenig zusammen.

Verdammt, ich habe gewusst, dass es Ärger geben würde. Und ich schätze, das ist erst der Anfang.“,

Graziellas Mutter schnaufte erbost.

Hör doch mit deiner ewigen Schwarzmalerei auf! Die Familie hält zusammen. Daran gibt es nichts zu rütteln. Ich hatte fünf Kinder. Drei sind gestorben, einer an Tuberkulose, die anderen beiden auf weniger natürliche Weise. Die beiden, die übriggeblieben sind, verteidige ich notfalls mit meinen Fäusten.“

Schon gut“, sagte Salvatore de Lorenzo. „Reg dich nicht auf.“

Ich will wissen, was gespielt wird“, drängte Graziella.

Stolz warf sie ihr volles langes schwarzes Haar über die Schultern zurück.

Ihr habt jemanden rausgetragen. Wen?“

Ihr Vater wollte aufbrausen, aber Vincenza de Lorenzo hob die Hand.

Setzt euch hin. Salvatore, du musst es ihr erklären. Es gibt keinen anderen Weg. Wir können es nicht geheimhalten. Nicht vor ihr.“

Er nahm am Tisch Platz und schenkte sich und Großvater Rotwein ein. Erst nachdem er sein Glas auf einen Zug geleert hatte, sprach er wieder.

Also, das ist so. Vito ist zurückgekehrt.“

Sie lachte auf.

Meine Güte, deswegen braucht ihr doch nicht so geheimnisvoll zu tun. Na gut, das mit dem Fenster verstehe ich ja noch. Irgendwelche Leute könnten vom Nachbarhaus aus hereinsehen. Aber der Rest …“

Wenn du wüsstest“, sagte Großvater Leone heiser.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738912777
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v375028
Schlagworte
fliegenmonster montelepre

Autor

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Titel: Das Fliegenmonster von Montelepre