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10 Marshal Western August 2017

von Pete Hackett (Autor:in) Uwe Erichsen (Autor:in) Horst Weymar Hübner (Autor:in)
2017 1000 Seiten

Zusammenfassung

Dieses Buch enthält folgende Western:
Horst Weymar Hübner: Blutrote Wüste

Pete Hackett: Marshal Logan und der gefährlicher Auftrag

Pete Hackett: Marshal Logan und der Trail des Verderbens

Pete Hackett: Schatzsucher des Todes

Pete Hackett: Und ich gab den Stern zurück

Pete Hackett: Marshal Logan und der blutige Trail

Pete Hackett: Bruderhass
Pete Hackett: Marshal Logan und die tödliche Quittung
Pete Hackett: Marshal Logan im Fadenkreuz des Todes

Uwe Erichsen: Wenn Grainger die Falle stellt

Leseprobe

Blutrote Wüste

Western von Horst Weymar Hübner

Der Umfang dieses Buchs entspricht 137 Taschenbuchseiten.

Der Teufel mochte wissen, warum mir auf dem Ritt nach San Fernando plötzlich die Kugeln nur so um die Ohren flogen. Ich hatte nichts weiter vor, als in der Stadt fünfzig Maultiere zu erwerben und sie durch die Wüste zu dem Canyon zu treiben, wo meine Freunde und ich Gold entdeckt hatten.

Mit knapper Not brachte ich die Maultiere auf den Trail. Aber die Burschen, die mir an den Skalp wollten, ließen nicht locker. Und dann stieß ich auch noch mitten in der Wüste auf drei Ladies, die allein nicht weiter wussten.

Fünfzig Maultiere und drei Frauen hatte ich nun bei mir, und hinter mir ritten meine hartgesottenen Verfolger ...

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

1

Oft ist es nicht sehr viel, was einen Mann von einem Feigling unterscheidet. In meinem Fall war es ein einziger Schritt. Aus der Tür von Phinks Hotel in San Fernando nämlich.

Trat ich über die Schwelle, dann war ich Augenblicke später ein toter Mann, so viel war sicher. Gegen drei Revolver kam ich nicht an.

Blieb ich im Hotel, hielten mich die Leute für einen Feigling. Das war auch nicht gerade das, was ich mir wünschte.

Andererseits blieb ich aber so am Leben. Es nützte mir wenig, erst ein mutiger und dann ein toter Mann zu sein.

Hinter mir hörte ich das Wispern und Tuscheln der Hotelgäste. Sie waren aus dem Frühstücksraum geeilt, um mit anzusehen, wie ich auf die Nase flog. Mich störte es nicht. Ich stand hinter der Schwingtür, blickte auf die Straße und wunderte mich, wieso der Kerl mit seinen beiden Freunden so schnell meine Fährte hatte finden können.

Angeblich hieß er Claggett. Vor zwei Tagen wollte er sich in Los Angeles an mir reiben. Ging einfach auf mich los, wie ein Blitz aus heiterem Himmel.

Dabei wollte ich schwören, dass ich ihn nie zuvor gesehen hatte.

Und so ganz glaubte ich ihm auch nicht, dass er großmäulige Texaner wie mich auf den Tod nicht ausstehen könne. Vielmehr hatte ich den Eindruck, dass ihn jemand geschickt hatte, um mir eine Kugel zwischen die Rippen zu schießen.

Wir Blackburns sind nämlich nicht auf den Kopf gefallen. Wir sehen bloß so aus. Möglich, dass man uns deswegen oft unterschätzt. Wir können zwei und zwei ganz gut zusammenzählen.

Und wenn dann jemand auftaucht und starke Worte macht und um jeden Preis Streit sucht, dann steckt etwas dahinter.

Der Hotelmann in Los Angeles hatte mir zugerufen, dass der lärmende Raufbold Claggett heiße und seine beiden Freunde auch nicht den besten Ruf hätten. Danach hatte er als weitblickender und vorsichtiger Mann hastig seine Flaschen weggeräumt und die kostbaren Spiegel abgehängt.

Und ich hatte mir diesen Claggett daraufhin etwas genauer angesehen.

Ein waschechter Californio war er nicht, so wenig wie seine zwei Freunde, die sich mit lauerndem Blick im Hintergrund gehalten hatten, bereit, in den Streit einzugreifen, wenn es nötig war.

Claggett hatte ein grobes Gesicht, sandfarbenes Haar und einen flotten Schnurrbart. Ja, und ein paar Narben im Gesicht, die mir zu denken gegeben hatten. Außerdem hatte in seinem Hosenbund ein Revolver gesteckt.

Das Tollste daran war, dass ich mit ihm kein Wort gesprochen hatte. Er konnte also gar nicht wissen, ob ich großmäulig war, und noch weniger, dass ich aus Texas stamme. Dennoch hatte er unbedingt Krach mit mir anfangen wollen.

An dem Abend hatte ich meinen Revolver nicht bei mir gehabt. Denn schließlich war Los Angeles eine zivilisierte Stadt, wo man nicht bewaffnet im Hotel oder auf der Straße aufkreuzte.

Es war auch möglich, dass es der Sheriff und seine Truppe nicht gern sahen, wenn Fremde mit zu viel Eisen behängt in der Stadt weilten. Ich wollte in dieser Richtung jeden Ärger vermeiden.

Aber dann hatte dieser Claggett losgebrüllt, ich solle gefälligst meinen Revolver holen oder aus der Stadt verschwinden.

Well, ich wollte sowieso weg und in San Fernando meine fünfzig Maultiere abholen. Also war ich auf mein Zimmer gegangen und hatte mit meinem Gepäck über die Außentreppe das Hotel verlassen.

Nach San Fernando hinauf waren es ungefähr dreißig Meilen, genau die richtige Reitstrecke für eine Nacht. Den Weg hatte ich mir beschreiben lassen.

Dass es fast nur durch Berge ging, hatte mich nicht abschrecken können. Schließlich stammten wir Blackburns aus den Bergen. Zwar in einer anderen Gegend, aber auch bei uns galt die Binsenweisheit, dass es hinter einem Bergkamm wieder abwärts geht.

Mein Pech war, dass in Kalifornien vieles anders war als anderswo. Besonders, was die Landschaft betraf.

Jedenfalls war ich in stockfinsterer Nacht den Laurel Canyon hinaufgeritten und hatte mich prompt in den Sepulveda Bergen verirrt. Die ganze Umgebung von Los Angeles schien nur aus Canyons und aus Bergzügen zu bestehen, die einander zum Verwechseln ähnlich sahen.

Über irgendeinen Pass, dessen Name mir nicht bekannt war, hatte ich das San Fernando Tal erreicht und war stramm nordwärts geritten, immer auf die San Gabriel Berge zu, hinter denen das Gebiet der El Tejon Ranch begann. Meines Wissens war das die größte Ranch in Kalifornien.

Auf die El Tejon Ranch wollte ich aber gar nicht. Am Ende vom Tal, am Fuß der San Gabriel Berge, lag San Fernando. Das war mein Ziel.

Ich war ziemlich verstaubt und ausgetrocknet angekommen und hatte mich wegen der lausig kalten Nacht und meines Umherirrens in den Sepulveda Bergen nicht gerade in gehobener Stimmung befunden. Möglich, dass ich darum die Maultiere so genau in Augenschein nahm, die der Händler schon zusammengetrieben hatte. Ich brauchte einfach jemand, an dem ich meine schlechte Laune auslassen konnte. Denn seit ich mich auf diesen verdammten Ritt nach Los Angeles eingelassen hatte, war eigentlich alles schiefgegangen.

Mein Misstrauen hatte sich bezahlt gemacht. Der Händler war ein Schlitzohr, er hatte richtige Maultierurgroßväter unter die Herde gemischt. Mindestens die Hälfte der Tiere war so schwach gewesen, dass sie schon der Schlag getroffen hätte, wenn ich den ersten Pass mit ihnen hinaufgeritten wäre.

Also hatte ich dem Händler unverblümt gesagt, dass man bei uns daheim Gauner wie ihn am stärksten Ast des nächsten Baumes aufknüpft. Im Übrigen könnte er seine Veteranen aufessen oder verschenken, mir sei das gleichgültig. Ich sei jedenfalls gekommen, um einwandfreie Tiere abzuholen.

Well, er hatte ziemlich dumm geguckt und dann eine Weile auf meinen Revolver geschielt. Ich hatte ihm angesehen, dass ihm nicht behagte, wie viel ich von Maultieren verstand. Er war dann wohl zu der Erkenntnis gekommen, dass ich vom Schießen ebenso viel verstand. Schließlich hatte er gemeint, ich sei der schlimmste Halsabschneider, der ihm je begegnet sei, ich würde ihn ruinieren, und ich solle mir meine Tiere gefälligst selber zusammensuchen.

Das hatte ich getan, und das war der Grund, weshalb ich überhaupt noch in San Fernando war, statt längst auf dem Rückweg nach Nevada zu sein, mitten durch die verdammte Mojave Wüste hindurch.

Eine Herde ausgesucht kräftiger Tiere hatte ich jetzt zwar beisammen, aber da draußen auf der Straße stand die nächste Schwierigkeit: drei Kerle mit Revolver in den Fäusten!

Aus Gründen, die ich nicht kannte, hatte dieser Claggett entschieden etwas gegen mich. Viel zuzutrauen schien er sich nicht, sonst hätte er seine zwei Freunde nicht so postiert, dass ich in jedem Fall eine Kugel abbekam, wenn ich rausging und die Schießerei anfing.

Ich hörte Schritte hinter mir und wandte den Kopf.

Leon Phink, der Hotelier, stand drei Schritte hinter mir und machte ein bekümmertes Gesicht.

»Das ist der schlimmste Totschläger in der Gegend«, sagte er und machte eine Kopfbewegung zum Fenster.

»Sein Name ist Claggett, wenn ich richtig gehört habe«, erklärte ich.

Er nickte trübsinnig. Vielleicht fürchtete er um seinen guten Gast. Immerhin hatte ich drei Übernachtungen im Voraus bezahlt, hatte alle Mahlzeiten in seinem Hotel eingenommen und reichlich Trinkgelder gegeben.

»Der in der Hofeinfahrt drüben ist auch sehr gefährlich«, sagte er. »Das ist Belk. Er hat sieben Männer getötet, und Claggett ist ihm nur einen voraus.«

Nach dieser Antwort sah ich immerhin etwas klarer. Claggett war mit seinem Anhang bestimmt nicht das knochentrockene San Fernando Tal heraufgekommen, um mir freundlich Lebewohl zu sagen.

»Kennen Sie auch den dritten Vogel, der sich in der Schmiede untergestellt hat?«, erkundigte ich mich.

Phink kniff die Augen erschrocken zusammen. Er hatte wohl nicht erwartet, dass ich den dritten Kerl bemerkt hatte, der in das Halbdunkel der offenen Schmiede gehuscht war.

»Das ist Maratta«, meinte er zögernd und fügte hinzu: »Wenn er endlich auf den langen Trail befördert würde, wäre es kein schmerzhafter Verlust für das Land. So wenig wie die beiden anderen Strolche.«

Ich grinste ihn an. Er wusste eine ganze Menge, und offenbar stand er nicht auf Claggetts Seite.

»Den kenne ich«, antwortete ich.

Jetzt riss er weit die Augen auf. »Maratta?«

»Dan Maratta. Jedenfalls habe ich schon von ihm gehört.«

Er schüttelte heftig den Kopf. »Dan Maratta ist bloß ein erbärmlicher Pferdedieb, treibt sich vorwiegend draußen in der Mojave herum, wenn er nicht gerade irgendwelche Pferdeweiden besucht. Der Kerl in der Schmiede ist Henry Maratta, der ältere Bruder.«

Das war ja eine schöne Überraschung! Ich hatte keine Ahnung, dass es zwei Strolche dieses Namens gab und dass sie obendrein Brüder waren. Der Pferdedieb wäre mir jetzt bedeutend lieber gewesen.

»Wenn Sie da rausgehen, haben wir heute mittag ein Begräbnis«, warnte mich Phink.

»Lassen Sie das Loch groß genug machen«, erwiderte ich. »Claggett nehme ich in jedem Fall mit. Vielleicht reicht es auch noch für Belk.«

Er musterte mich, als sei ich eben in sein Hotel gekommen und nicht schon seit zwei Tagen sein Gast. Oder er zweifelte an meinem Verstand.

»Wie ein Spaßmacher sehen Sie nicht aus«, räumte er ein. »Es ist Ihre Beerdigung.« Wie er es sagte, sah er mich bereits in San Fernando begraben.

Ich hatte jedoch ganz andere Pläne. Und ein Teil davon war, dass ich möglichst schnell mit den Maultieren in den Eldorado Canyon drüben in Nevada zurückkehrte.

»Er hat Sie in der Falle!«, sagte Phink bekümmert.

Das sah ich selber, deshalb knurrte ich ungnädig. Claggett stand links vom Hoteleingang auf der Straße, etwa auf der Höhe der einen Verandatreppe. Die Einfahrt war rechts. Ebenfalls die Schmiede. Wie ich es auch anstellte, alle drei Männer konnte ich nicht im Blickfeld behalten. Was bedeutete, dass ich einem oder zweien den Rücken zukehren musste.

Wir Blackburns ließen uns nicht in die Enge treiben. Wir verstanden zu kämpfen. Das hatten schon eine Menge Leute schmerzhaft zu spüren bekommen. Vor allem sagte man uns nach, dass wir ziemlich schnell seien. Ich konnte mich auch beim besten Willen nicht entsinnen, dass jemals einer von uns einen Kampf verloren hätte. Well, da wollte ich der Familie keine Schande machen. Und auf etwas Glück konnte ich obendrein hoffen, wo ich doch vor zwei Tagen Claggett schon einmal entwischt war.

Ich rückte meinen Gurt zurecht, nahm den Revolver aus dem Holster und drehte die Trommel über den Unterarm. Sie lief wie geschmiert. Ganz wohl war mir nicht in meiner Haut, aber das ließ ich mir nicht anmerken. Ich schob den Revolver zurück und sagte zu Phink: »Dann gehe ich jetzt raus!«

»Sie müssen ganz und gar verrückt sein!«, meinte er mit Bedauern in der Stimme. »Belk macht ein Kaffeesieb aus Ihnen!«

»Ist der so gut?«

»Das weiß ich nicht, jedenfalls hat er eine Schrotflinte.«

Ich war in Gedanken schon draußen auf der Straße und überlegte mir jeden Schritt. Aber was Phink sagte, drang durch.

»Schrotflinte?« Ich stutzte. Ich sah nur, dass der Mann seinen Revolver in der Hand hielt.

»Er hat sie an den Torpfosten gelehnt«, sagte Phink mit ganz dünner Stimme.

Jetzt schaute ich doch mächtig genau hin.

Tatsächlich, hinter dem Pfosten lugte ein Kolben heraus! Belk brauchte bloß die Hand auszustrecken.

So also dachte sich Claggett die Sache! Kam ich raus, wollte er mich beschäftigen. Auf diese Weise verschaffte er Belk die Möglichkeit, mich mit der Schrotflinte abzuservieren. Ging etwas schief, war Maratta noch als Reserve da. Ich wäre wie ein neugieriges Eichhörnchen in die Falle gegangen und hätte nur auf Belks Revolver geachtet, wenn mich Leon Phink nicht gerade noch gewarnt hätte.

»Haben Sie eine Schrotflinte?«, wandte ich mich an ihn.

Er wich entsetzt zurück und wurde ganz blass. Ich glaube, einige Gäste sahen nach meiner berechtigten Frage auch ziemlich käsig aus.

»Ich bitte Sie!« Phink rang um Haltung. »Das ist ein Hotel und keine Waffenkammer!«

»Dann eben nicht«, knurrte ich. »Kämpft Claggett eigentlich immer so?«

Das eisige Schweigen der Gäste und Phinks verkniffenes Gesicht waren eine deutliche Antwort.

Plötzlich hatte ich eine Idee. Wir Blackburns hatten eigentlich immer Einfälle, die etwas aus dem Rahmen des Alltäglichen fielen. Deshalb nannte man uns auch manchmal die verrückten Blackburns.

Ich zog die Schnalle meines Waffengurtes auf, blickte in der Halle herum und wusste auch schon, wer der richtige Aufpasser für meinen Revolver war. Eine schwarzhaarige, junge und obendrein unverschämt hübsche Lady nämlich. Gestern Mittag war sie in Begleitung einer Freundin mit der Postkutsche aus Los Angeles eingetroffen.

Mir war es gleich so vorgekommen, als hätte sie ein Auge auf mich geworfen. Bloß hatte ich keine Verwendung für sie. Ich musste erst die verdammte Maultierherde beisammen haben.

Am Abend hatte sie mir dann zugezwinkert und an der Bar schließlich mit ihrem Fächer unter der Nase herumgewedelt. Aber da war ich schon zu müde gewesen, außerdem gingen mir wichtigere Dinge im Kopf herum. Nämlich, wie ich das Kunststück bewerkstelligen sollte, fünfzig störrische Vierbeiner durch zweihundert Meilen Wüste zu treiben, in der ich nur sieben Wasserstellen kannte und von denen bloß vier an meinem Weg lagen.

Es tat mir leid, dass ich gestern Abend die Lady enttäuscht hatte, wie auch immer ihre Absichten waren. Jetzt stand sie am Fuß der Treppe und schaute mich aus ihren großen dunklen Augen an.

»Bewahren Sie ihn bitte für mich auf«, sagte ich, riskierte ein gewagtes Lächeln und griff an den Hut. »Ich hole ihn bestimmt ab.«

Ein Waffengurt mit gefüllten Patronenschlaufen und dem Revolver im Holster hat ein ganz beachtliches Gewicht. Mancher Mann, dem unversehens so ein Gurt in die Hand gedrückt wird, lässt ihn vor lauter Erstaunen über seine Schwere wieder los. Die junge Dame verzog keine Miene, als ich ihr mein Kriegswerkzeug gab. Sie ließ es auch nicht fallen. Das wurde mir aber erst bewusst, als ich schon auf dem Weg zum hinteren Hotelausgang war. Da wollte ich doch gleich auf der Stelle tot umfallen, wenn die Lady nicht eine ganze Menge von Waffen verstand!

Ich dachte aber nicht weiter darüber nach, sondern konzentrierte meine Gedanken auf Claggett und auf meinen Plan. Ich hoffte, Phinks Hotelgäste übten Nachsicht mit mir, sofern sie zu Pferd nach San Fernando gekommen waren.

2

Mit meinen Leopardenschecken standen fünf fremde Pferde im Hotelstall. Dazu kamen noch ein Wallach und zwei Stuten von Phink und ein klappriger alter Esel, der mich aus traurigen feuchten Augen anschaute und im nächsten Augenblick mit einem hinterlistigen Hufschlag vors Schienbein zu treffen suchte. Ich band den ganzen Verein los, auch den Esel, und trieb ihn mit heftigen Armbewegungen aus dem Stall und über den Hof zum weit offenen Tor an der Straße.

Der Trick, sich zu Fuß unter ein Pferderudel zu mischen, ist ein steinalter Hut. Am besten beherrschten ihn die Mescalero Apachen. Von denen hatte ich ihn gelernt. Ich war nämlich in den südlichen Sacramento Bergen zu Hause, dem westlichsten Winkel von Texas. Und die Mescaleros waren unsere Nachbarn.

Keine angenehmen Nachbarn, das will ich gern zugeben. Ab und zu stahlen sie uns ein paar Kühe oder Pferde. Aber sie waren auch keine ganz und gar blutrünstigen Teufel, als die sie von Leuten verschrien wurden, die keinen blassen Schimmer vom harten Leben in der Wildnis hatten.

Jedenfalls hatten die Mescaleros noch keinen von uns skalpiert oder in einen Ameisenberg eingegraben. Und von unseren Nachbarn auch niemand, glaube ich. Die Mescaleros nahmen sich, was das Land ihnen bot. Ungeachtet, ob es schon einen rechtmäßigen Besitzer hatte.

Da wir Blackburns alle gut schießen konnten, fingen die Mescaleros an, den Pferdetrick anzuwenden. Das war die einzige Methode, bei der wir sie nicht bluten lassen konnten. Es ist nämlich unheimlich schwierig, in einer herumwandernden Pferdeherde ein paar ausgewachsene Männer auszumachen. Auf diese Art schafften es unsere unruhigen roten Nachbarn immer wieder, an unsere Rinder heranzukommen und sich auch wieder fortzustehlen, ohne dass wir ihnen was aufbrennen konnten.

Mit diesem Trick wollte ich jetzt Claggett auf den Hals kommen.

Der Mann hatte meinen Namen in Erfahrung gebracht, er hatte auch herausgefunden, wohin ich mich von Los Angeles gewandt hatte. Da konnte ich auch davon ausgehen, dass er wusste, was für ein Pferd ich ritt. Leopardenschecken sind sehr auffällig. Und zumindest in dieser Gegend von Kalifornien selten. Das hatte ich schon an den vielen erstaunten Blicken festgestellt. Claggett würde den Braten riechen, wenn er das Pferderudel erblickte. Und er würde mich natürlich neben meinem Pferd suchen. So leicht wollte ich es ihm nicht machen.

Ich duckte mich hinter den Wallach von Phink und dirigierte mit wilden Armbewegungen das Rudel auf die Straße. Mein langohriger Freund, der Esel mit den feuchten traurigen Augen, schien zu überlegen, ob er nicht noch einmal versuchen sollte, mir einen Tritt zu geben.

Ich schlug ihm den Hut um den Kopf, und da ließ er mich in Frieden und sauste in die Lücke zwischen Phinks Stuten und meinem Schecken.

Zuerst sah ich Belk. Er trat aus der Einfahrt und blieb auf der Straße stehen wie bestellt und nicht abgeholt, so sehr verblüffte ihn das Bild. Der Gedanke, dass er die Schrotflinte vergessen hatte, war beruhigend.

Seine Schrecksekunde war aber schon um.

»Vorsicht, Lamb, das hat etwas zu bedeuten!«, schrie er.

Es gehörte nicht viel Hirnschmalz dazu, um das zu erkennen. Früh um sieben spaziert selten ein Pferderudel mutterseelenallein und grundlos über die Straße.

Jetzt entdeckte ich auch Claggett. Er schaute wütend und ratlos und wich rückwärtsgehend zur gegenüberliegenden Straßenseite aus. Und tatsächlich starrte er nur meinen auffälligen Schecken an und bückte sich sogar, um meine Beine unter dem Pferdeleib zu finden.

Das passte mir ausgezeichnet. Mit zwei Riesensprüngen war ich rechts neben dem Kopf des Wallachs und stieß den Pantherschrei aus.

Well, ein Augenzucken später war vielleicht was los auf der Straße!

Den Pantherschrei hält kein Pferd aus. Da wird selbst ein lammfrommer Gaul zum Satansbraten. Die Tiere der Hotelgäste und Phinks Pferde gingen jedenfalls hoch. Mein Schecke machte keine Ausnahme. Wie von bösen Geistern gehetzt, brach das Rudel nach links aus und raste auf die Zügelbalken und die Häuserzeile los. Und genau dort bewegte sich Lamb Claggett.

Er kam gar nicht mehr aus seiner gebückten Haltung hoch. Mein Schecke rammte ihn mit der Brust und warf ihn auf den Rücken. Eine von Phinks Stuten sprang über ihn hinweg.

Aber dann kam mein Freund, der Esel. Ich sah ihn gerade noch über Claggett hinweg trampeln. Und ich hörte einen Schrei, wie ihn jemand ausstößt, der arge Schmerzen erleidet.

Dann war alles voller Staub und rennender Pferde. Dazu kam der Lärm. Die Tiere wieherten und prusteten, der Hufschlag knallte, ein paar erschrockene Zuschauer flüchteten brüllend in die Türen. Ein Zügelbalken brach, ein mannslanges Holzstück flog hoch in die Luft. Undeutlich sah ich meinen Leopardenschecken über einen Holm stürzen und sich überschlagen. Gottlob kam er sofort wieder auf die Beine. Dann dröhnte es, als falle die Stadt zusammen wie ein Kistenstapel.

Phinks Wallach hatte sich auf den hölzernen Gehsteig gerettet und raste unter den Vorbaudächern davon, den ängstlich aus den Türen spähenden Zuschauern haarscharf an der Nase vorbei. Nur zwei Tiere brachen nach links aus, die anderen wandten sich nach rechts und brachten Belk in Bedrängnis. Mein Schecke besann sich und rannte der größeren Gruppe hinterher.

Der Staub verzog sich in einen anderen Teil der Straße. Ich konnte jetzt Claggett sehen. Er saß auf dem Hintern und machte ein Gesicht, als sei er von einem Baum heruntergefallen.

Dann erspähte er mich. Sein flotter Schnurrbart sträubte sich, seine Augen wurden groß und rund. Hastig tastete er um sich. Er suchte seinen Revolver. Aber der lag fünf Schritte entfernt neben seinem eingedrückten Hut. Jetzt war das Kräfteverhältnis ausgeglichen.

»Na, Sie wollten mich doch auf der Straße sehen!«, sagte ich. »Hier bin ich.«

Ich unterschätzte ihn. Vielleicht hatte ihn mein Schecke nur gestreift, und der Esel hatte ihn nicht kräftig genug getreten, jedenfalls war er unglaublich zäh. Er ließ sich einfach nach hinten fallen und rollte auf seinen Revolver zu.

So hatten wir nicht gewettet!

Mit gewaltigen Sprüngen flog ich auf ihn zu. Seine Hand packte den Revolver, aber schon war mein linker Stiefel da und presste seine Hand samt Waffe auf den Boden.

»Sie müssen wohl immer schießen, was?«, fragte ich unfreundlich und packte ihn am Kragen. »Jetzt regeln wir die Sache auf meine Art, mein Freund!«

Ich legte mein ganzes Gewicht auf den linken Fuß. Das sind immerhin fast zweihundert Pfund.

Er brüllte auf, dann versuchte er, mich ins Knie zu beißen. Ich ließ seinen Hemdkragen los und fasste herzhaft in sein sandfarbenes Haar. Wenigstens konnte ich ihn so von meinem Knie fernhalten.

»Lassen Sie los, oder ich breche Ihnen die Hand und alle Finger!«, versprach ich und verstärkte den Druck meines linken Fußes.

Er spürte wohl, dass es mein voller Ernst war. Er nickte vorsichtig, soweit es mein fester Griff in seine Haare gestattete. Ich hob den linken Fuß etwas an. Er zog die Hand darunter weg, als sei eine Schlange in der Nähe. Er betrachtete sie. Etwas Haut war abgeschürft, und ein wenig Blut war zu sehen. Mit dieser Hand packte er in den nächsten vierundzwanzig Stunden keinen Revolver mehr an, so viel war sicher. Die schwoll an und wurde dick, als hätte er in einem Wespennest herumgerührt.

»Sie ... Sie Hundesohn haben meine Hand ruiniert!«, keuchte er.

Für den Hundesohn gab ich ihm sofort was aufs Maul. Seine Unterlippe platzte. Eigentlich bin ich ziemlich unempfindlich gegen Beleidigungen. Aber er hatte den Streit gesucht, er war auf der Straße aufgetaucht und hatte gebrüllt, er wolle mich sehen, und er hatte eine Falle für mich aufgebaut. Da hatte er sich auch die Folgen zuzuschreiben.

Seine andere Hand wischte über das Kinn. Er starrte auf das Blut an seinen Fingern, dann schaute er mich an. Ich glaube, kältere Augen sah ich nie zuvor. Dieser Mann war ausgezogen, um zu töten. Und derjenige, den er tot sehen wollte, war ich!

»Stehen Sie auf!« Ich war ziemlich kräftig, meine Hände waren es auch. Dem Zug an seinen Haaren hatte er nichts entgegenzusetzen. Dabei schoss ihm das Wasser in die Augen.

»Keine Ahnung, warum Sie auf meinen Kopf scharf sind«, fuhr ich fort. »Ihre Abneigung gegen Texaner ist es jedenfalls nicht allein.« Ich ließ seine Haare los, und er blickte verschlagen wie jemand, der fürchtet, sein Gegner könnte mehr wissen als er.

Schon in Los Angeles hatte ich den Verdacht gehabt, dass ihn jemand geschickt hatte. Nun war ich fast restlos davon überzeugt. Welchen anderen Grund hätte es auch gegeben, dass er mir bis San Fernando nachgeritten war?

Er hielt es für besser, nichts zu erwidern. Vielleicht sah er mir an, dass er zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht mit mir argumentieren konnte.

Ich bückte mich nach seinem Revolver und achtete auf seine Füße. Ein hinterlistiger Tritt wäre das Letzte gewesen, was ich mir jetzt wünschte. Seine Augen weiteten sich, als ich seine Waffe in den Hosenbund schob.

»Sie sind ja ohne Revolver herausgekommen!«, staunte er.

»Nur weil ich heute einen guten Tag habe«, ließ ich ihn wissen. »Im Allgemeinen kommen mir Leute wie Sie nicht so billig davon. Und abgesehen davon, fangen wir daheim Bären und Pumas auch nur mit bloßen Händen.«

Er äugte mich an. Und ich fügte bissig hinzu: »Was aber nicht heißen soll, dass ich Sie für einen gefährlichen Bären halte. In meinen Augen sind Sie bloß ein schäbiger Wicht«, erklärte ich ihm, packte ihn an der Schulter und stieß ihn vor mir her. Ich musste jetzt nämlich auch auf Belk achten. Der war ziemlich aufgeregt in die Einfahrt gesaust, als die wildgewordenen Pferde direkt auf ihn losrannten.

Ich hätte es lieber gehabt, wenn er für immer von der Bildfläche verschwunden wäre. Aber er streckte schon wieder die Nase heraus und blinzelte durch den träge davon treibenden Staub wie ein kurzsichtiger Präriehund.

Jetzt erkannte er Claggett und mich. Er angelte nach der Schrotflinte am Pfosten. Die Bewegung wirkte etwas hilflos. Belk war erfahren genug, um zu sehen, dass er nur Claggett traf, wenn er losballerte.

Weiter unten in der Straße waren die verschreckten Pferde stehengeblieben. Bloß der Esel fraß von einem Blumenkasten vor einem Fenster die Blüten ab. Aber einerlei, die Pferde standen goldrichtig. Sie versperrten nämlich Henry Maratta das Schussfeld. Er saß in der Schmiede fest und konnte nicht eingreifen. Das verhalf mir zu einem Hochgefühl, wie ich es während der zwei letzten Tage beim Zusammentreiben der Maultiere vermisst hatte. Ich lachte leise.

Lamb Claggett verstand den Grund meiner Heiterkeit und fluchte. Wenn Belk schoss, dann bekam er den ganzen Segen ab, das war ihm klar. Vielleicht hatte er auch noch nicht gefrühstückt. An einer bleiernen Magenfüllung aus zwei Flintenläufen lag ihm verständlicherweise nichts.

»Sieht aus, als hätte er das Glück gepachtet!« rief Claggett. Seine Stimme kratzte. »Unternimm nichts, John! Er hat auch meinen Revolver!«

»Wenn Sie nur immer so einsichtig wären!«, sprach ich hinter ihm. »Wenn Sie mir noch einmal über den Weg laufen, bin ich nicht mehr so geduldig mit Ihnen. Nehmen Sie Ihre beiden Freunde und verschwinden Sie! Und wenn Sie noch einmal gegen einen Blackburn anrücken, dann lassen Sie sich besser bezahlen. Am besten im Voraus. Und hauen Sie das Geld gleich auf den Kopf, denn hinterher haben Sie keine Möglichkeit mehr.«

Ich sagte es so daher und traf den Nagel voll. Ich merkte es nämlich daran, wie er die Achseln hochzog und wie sein Schritt stockte. Also hatte ihn tatsächlich jemand ausgeschickt, um mich aus den Stiefeln zu stoßen.

Übermäßig neugierig bin ich nicht. Wer die Nase zu häufig in dampfende Töpfe steckt, bekommt irgendwann mal etwas drauf, dass ihm Hören und Sehen vergeht. Und ich gerate sowieso immer in Dinge hinein, die mich eigentlich gar nichts angehen. Die ganze Gegend samt ihrer Bewohner konnte mir gestohlen bleiben.

Ich hatte meine Maultiere beisammen und verspürte nur den Wunsch, möglichst schnell aus Kalifornien und von drittklassigen Revolverschwingern wie Lamb Claggett und seinen Freunden wegzukommen. Dennoch machte ich mir Gedanken, weshalb einige Leute derart zudringlich waren. Ob die etwas von dem Gold wussten?

Das war ausgeschlossen, denn ich hatte hübsch den Mund gehalten.

Und von den siebzehn Leuten, die außer mir davon wussten, war ich der einzige Mann, der den Eldorado Canyon verlassen hatte. Um eben diese verdammten fünfzig Maultiere aufzutreiben, auf denen wir unsere Ausbeute fortschaffen wollten. Geredet hatte ich bestimmt nicht. Nicht einmal im Schlaf. Betrunken hatte ich mich auch nicht. Manche Leute reden ja wie ein Buch, wenn sie ein Glas oder drei oder fünf zu viel erwischt haben.

Ich hatte aber schon von Leuten gehört, die Gold förmlich riechen können. Nicht, solange es im Boden steckt. Erst, wenn es sich in den Taschen eines Mannes befindet. Oder wenn dieser Mann auf seinem Claim fündig geworden ist. Sie wittern die Beute. Sie sind wie Aasgeier und lassen ihr Opfer nicht mehr aus den Augen.

Möglich, dass mir der Geruch von Gold anhaftete und dass der jemand in die Nase gefahren war.

Aber dann verstand ich nicht, weshalb Claggett offensichtlich den Auftrag erhalten hatte, mich in einem engen Loch mit fünf Fuß Erde über dem Kopf und einer Kugel zwischen den Rippen bis in alle Ewigkeit in Kalifornien festzuhalten. War ich tot, konnte ich doch niemand zu dem Gold führen! Das sollte verstehen, wer wollte! Ich verstand es nicht. Es ergab keinen vernünftigen Sinn.

»Weit genug!«, sagte ich zu Claggett, als wir bis auf zehn Schritte an die Einfahrt herangekommen waren.

Er traute mir alles Schlechte zu und gehorchte. Belk hielt die Schrotflinte im Hüftanschlag und war unschlüssig. Die Waffe war doppelläufig und stark verkürzt. Ich wollte wetten, dass sie streute wie eine alte Pfefferdose.

»Nehmen Sie die Patronen heraus, Belk!«, wies ich den Mann an. »Und danach werfen Sie die aufgeklappte Flinte und Ihren Revolver auf die Straße!«

»Tu's!«, rief Claggett. Er hatte miserabel schlechte Nerven.

Belk zögerte noch immer. Ich schätzte, er wartete, dass Maratta zu seiner Unterstützung herzueilte und sie mich in die Zange nehmen konnten.

Ich sagte: »Es macht mir nichts aus, Claggett mit dem eigenen Revolver in den Rücken zu schießen, Mister. Also, wird’s bald?«

Natürlich hätte mir das etwas ausgemacht. Sehr viel sogar. Aber das brauchte ich ihm ja nicht zu sagen. Ich sah, was in ihm vorging. Er traute mir auch noch diese Verrücktheit zu. Mein Trick mit dem Pferderudel hatte ihn schon genug Nerven gekostet. Und auf Maratta konnte er nicht zählen, wie es aussah.

»Was auch passiert, Belk, aus einer Richtung kriegen Sie bestimmt eine Kugel ab, dafür verbürge ich mich. Das gilt auch für Sie, Claggett!«

Nun, das überzeugte Belk. Er wollte nicht herausfinden, wie weit ich mein Spiel zu treiben bereit war. Er warf seinen Revolver in hohem Bogen auf die Straße. Dann entlud er die Flinte und ließ sie dem Sechsschüsser folgen.

»Und jetzt macht euch auf den Weg! Nach Los Angeles ist es verdammt weit zu Fuß!«

Ich sah ganz deutlich, wie Claggett weiße Ohren bekam. Vor Wut oder Schreck. Mir war es einerlei. Hauptsache, er verschwand erst einmal. In zwei Stunden wollte ich mit den Maultieren auf dem Marsch sein. Natürlich erwartete ich nicht, dass er und Belk die dreißig Meilen zu Fuß reisten. Sie waren zu Pferd hergekommen. Die Tiere waren irgendwo abgestellt. Wenn die Männer klug waren, schwangen sie sich auf die Gäule und ließen den Staub dieser Gegend hinter sich.

»Maratta schicke ich euch nach«, versprach ich. »Ob auf seinen Füßen oder in einer Holzkiste, hängt ganz von ihm ab.«

Belk wandte den Kopf und schaute mich an, als wollte er mich ohne Salz und Brühe auffressen. Claggett packte ihn am Ärmel und zog ihn fort. Vielleicht fürchtete er, ich könnte mir die Sache anders überlegen und ihnen ein paar Unzen Blei spendieren.

Ich wartete, bis das zwielichtige Gespann die Gemischtwarenhandlung zweihundert Schritte entfernt erreicht hatte. Claggett blickte nicht einmal zurück.

Ich holte mir die Patronen aus der Einfahrt, blies den Dreck herunter und las die Flinte von der Straße auf. Mit drei Handgriffen machte ich die doppelläufige Waffe fertig. Dann sicherte ich mir auch noch Belks Revolver, um den Burschen nämlich nicht in Versuchung zu führen, zurückzukommen und auf mich zu feuern, während ich Maratta aus der Schmiede zu treiben suchte. Den Revolver steckte ich zu Claggetts Waffe in den Hosenbund. Dort war noch viel Platz. Genug jedenfalls, um auch Marattas Schießeisen unterzubringen.

Ich setzte Fuß vor Fuß und ging auf die Schmiede zu. Die Flinte mit den großen Mündungslöchern hielt ich gesenkt. Vielleicht brauchte ich nicht zu schießen, was mir auch bedeutend lieber war. Sicher hatte der Mann den ruhmlosen Abzug von Claggett und Belk beobachtet und gab ebenfalls auf. Aber sicher war das nicht. Darum hielt ich die Flinte so, dass ich sie im Bruchteil einer Sekunde hochschwingen konnte.

Die Pferde und mein langohriger Freund hatten mir den Pantherschrei noch nicht verziehen. Sie beäugten mich misstrauisch und trotteten vorsichtshalber beiseite. Mein Leopardenschecke machte ein bitterböses Gesicht.

Ich konnte jetzt ungehindert in die Schmiede sehen. Im Hintergrund glühte das Feuer. Der Schmied hatte seit sechs Uhr auf dem Amboss herumgelärmt. Ohne Frage war er sehr fleißig. Ein Mann aber, der eine zweitägige Maultiertreibjagd hinter sich hat und vier Dutzend Schritte entfernt im Hotel ausschlafen möchte, schätzt solche Rührigkeit weniger.

Seitlich des Tores ging ich in Deckung. Zum Schluss wollte ich mir nicht noch eine Kugel einfangen, weil ich zu leichtsinnig war,

»Maratta, kommen Sie ohne Ihre Waffe heraus! Oder fangen Sie meinetwegen an zu schießen!«, rief ich. »Ihre Freunde sind auf dem Rückzug. Sie stehen allein gegen mich.«

Ob ihn das beeindruckte, konnte ich nicht herausfinden. Zumindest rührte er sich nicht. Da musste ich ihm weitere Argumente zum gründlichen Nachdenken liefern.

»Ich habe Belks Flinte. Sie ist geladen!«

Darunter konnte er sich allerlei vorstellen. Aber er blieb noch immer stumm. Allmählich verlor ich die Geduld. Mit dem Gesindel hatte ich mich überhaupt schon zu lange aufgehalten. Umgekehrt hätte das Pack kurzen Prozess mit mir gemacht. Ich wollte mit den Maultieren fort. Außerdem konnten Claggett und Belk Gewehre bei den Pferden haben. Wenn sie damit zurückkehrten, hatte ich mit der Schrotflinte nicht viel zu bestellen.

»Ich kann auch anders«, ließ ich Maratta wissen und trat um die Torkante. Ich erwartete ein Aufblitzen irgendwo im Dämmerlicht und hielt die Flinte schussbereit. Doch nichts rührte sich, vom Feuer einmal abgesehen. Es roch nach Ruß und Rauch und stank nach kaltem Hornqualm.

Schließlich entdeckte ich die rückwärtige Tür. Sie stand spaltweit auf. Das konnte natürlich ein Trick sein. Indem er mir nämlich vortäuschte, er sei abgehauen. Und in Wahrheit lauerte er bloß darauf, bis ich in der richtigen Position war, wo er mir eine Kugel verpassen konnte.

Ich hatte die Sache mit Claggett und Belk schon auf die Spitze getrieben und wollte mich von Maratta nicht noch leimen lassen. Also duckte ich mich und tauchte in die Schmiede hinein.

Weit kam ich nicht. Vor dem Gestell, wo der Schmied sein Bandeisen für die Reifen der Räder aufbewahrte, lag eine klotzige Gestalt mit einem Lederschurz. Den Mann kannte ich vom Ansehen. Die Beule am Schädel des Schmiedes war allerdings neu und von hervorragender Qualität. Ich wollte wetten, dass er nicht blindlings gegen einen Balken gelaufen war, sondern Maratta ihm zu der Schwellung verholfen hatte.

Vorsichtshalber durchstöberte ich die ganze Schmiede.

Der Vogel, den ich suchte, war ausgeflogen, Die offene Hintertür war kein Trick.

Maratta musste gesehen haben, wie ich erst mit Claggett und dann auch mit Belk umgesprungen war. Da hatte er Fersengeld gegeben. Mir war es auch lieber, dass es gänzlich ohne Schießerei abgegangen war.

Ich schöpfte Wasser aus dem Bottich, in dem der Schmied seine bearbeiteten Eisenstücke ablöschte, und klatschte es dem Mann ins Gesicht. Es dauerte einige Zeit, bis er einen klaren Blick bekam und erkannte, dass ich keinerlei Ähnlichkeit mit dem Burschen hatte, der ihm etwas auf den Kopf geschlagen hatte. Aber freundlicher schaute der Mann deswegen nicht. Behutsam betastete er die Beule und knurrte: »Tragen Sie Ihre Streitigkeiten gefälligst woanders aus, Mister!«

Ich grinste sparsam, schulterte die Flinte und trat hinaus in die Morgensonne.

Der Esel hatte inzwischen alle Blumen geköpft. Eine Frau schwang einen Besen, wagte aber nicht, aus der Haustür zu treten. Vielleicht war mein Langohr-Freund inzwischen als hinterlistiger Mistbock bekanntgeworden.

Es kostete mich einige Minuten harte Arbeit, die Pferde zusammenzutreiben und zu Phinks Hotel zurückzuscheuchen. Jetzt, da die Situation bereinigt war und größere Widerwärtigkeiten nicht mehr zu erwarten waren, zeigten sich die Bewohner von San Fernando in größerer Zahl. Man rief mir ein paar lobende und wohlwollende Worte zu. Es fehlte jedoch auch nicht an mahnenden und warnenden Stimmen. Danach musste ich damit rechnen, dass für Claggett die Sache noch nicht zu Ende war.

Das konnte ich nicht beurteilen, ich kannte Claggett ja kaum. Die Warnungen nahm ich jedenfalls nicht auf die leichte Schulter. Immerhin kannten die Leute den Mann und seinen miserablen Ruf viel genauer. Da sah ich mich besser vor.

War ich erst einmal draußen in der Wüste, konnte mir Claggett den Buckel herunterrutschen. Aber bis ich die Wüste erreichte, vergingen mindestens drei Tage, in denen mir allerlei zustoßen konnte.

Der Helfer aus dem General Store hatte die beiden Pferde eingefangen, die nach meinem Pantherschrei nach links davon galoppiert waren. Er brachte sie am Stallhalfter zurück. Ich gab ihm zehn Cents für seine Dienste. Er schaute nach rechts und links und sagte dann leise: »Ich sah Sie schon tot, Mister Blackburn. Die Pferde hatten sie hinter der Sattlerei angebunden. Sie sind alle drei in Richtung Tujunga Canyon fortgeritten.«

»Und wo liegt der?«

Er schaute mich an, als sei ich nicht ganz richtig im Kopf.

»Na, in den Verdugo Bergen.«

Auch die sagten mir nichts, ich schüttelte den Kopf.

»Vielleicht will Claggett für eine Weile verschwinden«, vermutete ich.

Der Helfer staunte.

»Sie sind gut, da müssen Sie doch durch, wenn Sie in die Wüste hinaus wollen.«

Ich bin nicht leicht zu verblüffen, aber jetzt warf es mich doch fast um. Außer mir und einem Mann in Los Angeles wusste niemand, wohin ich mich mit den Maultieren wenden würde. Das war ja gerade der Pfiff an der Sache. Offenbar aber wusste alle Welt über meine Pläne Bescheid.

Da sollte doch das Donnerwetter dreinschlagen!

3

Ich gab dem Helfer weitere zehn Cents und nahm ihm die beiden Pferde ab.

Während ich alle Tiere und den Esel in den Stall zurückbrachte, dachte ich scharf nach. Cleveland, so hieß der Mann in Los Angeles, hatte mir erklärt, dass ich die Maultiere zweckmäßigerweise in San Fernando abholte. Er hätte da eine Herde stehen. Natürlich hätte er auch in Los Angeles genügend Tiere, aber ein einzelner Mann, der gleich fünfzig dieser widerborstigen Teufel treibe, errege doch zu großes Aufsehen. Und möglicherweise würden dann einige Burschen zu denken beginnen und sich fragen, wozu ein Mann allein mit einer beachtlichen Maultierherde losziehe.

Er hatte dann noch darauf hingewiesen, dass sich in Los Angeles mehr Gesindel herumtreibe, als man sich träumen lasse, und dazu kämen noch Spieler, Spekulanten, Glücksritter und Herumtreiber, und jeder von ihnen lauere nur darauf, seinen Nächsten übers Ohr zu hauen. Ich hatte sofort begriffen, was er meinte.

Im Gegensatz zu seinem frommen Namen war Los Angeles nämlich zu der Zeit ein wahres Höllenpflaster. Gleich am ersten Abend hatte ich zwei Schießereien miterlebt und wenig später von einer dritten den Krach gehört. Dann hatte mir ein Dieb die Taschen ausräumen wollen.

Unter solchen Vorzeichen war mir Clevelands Vorschlag gerade recht gekommen. Je weiter entfernt von Los Angeles ich die Maultiere übernahm, desto geringer war das Aufsehen, das ich zwangsläufig erregen musste, und demzufolge auch die Möglichkeit, die Herumtreiber und Glücksritter in der Stadt auf abenteuerliche Gedanken zu bringen.

Nach dieser Unterredung mit Cleveland war dann dieser Claggett aufgetaucht, um sich an mir zu reiben. Er war mir sogar bis hierher nach San Fernando gefolgt. Ob Cleveland ihn geschickt hatte?

Ich hielt es für ausgeschlossen. Der Mann hatte einen vertrauenswürdigen Eindruck gemacht. Außerdem war er der Freund des Sprechers unseres Goldgräberrates im Eldorado Canyon. Deswegen war ich ja überhaupt durch die Mojave nach Los Angeles geritten. Was wir nämlich brauchten, um unsere Ausbeute wegzuschaffen, waren zähe Maultiere, die das heiße Klima gewöhnt waren. In der benötigten Anzahl bekamen wir die nur in Los Angeles.

Hätten wir sie in der Umgebung vom Eldorado Canyon stückweise zusammengekauft, wäre man trotz all unserer Vorsicht auf unsere Funde aufmerksam geworden. Zumindest aber wäre man auf den richtigen Gedanken gekommen, wozu wir alle Maultiere aufkauften.

Well, nun stand ich also da mit meinen Maultieren und musste mir etwas einfallen lassen, um die Tiere nach Nevada zu bringen. Die Tiere, wohlgemerkt, und nicht einen Rattenschwanz von Verfolgern, von Strolchen, Gaunern, Dieben und Halsabschneidern. Ich konnte es mir nur so erklären, dass jemand meine Unterredung mit Cleveland belauscht hatte. Wenn ich es mir richtig überlegte, hatte Cleveland sich auch erkundigt, wie viel wir denn nun gefunden hätten. Und ich hatte wahrheitsgemäß gesagt, dass pro Nase etwa zehn Pfund zusammengekommen sind. Ein heimlicher Lauscher hatte daraus schon entnehmen können, dass die Rede nicht von Kartoffeln war. In Verbindung mit den fünfzig Maultieren hatte er haarscharf schließen können, dass man nur wegen Gold solchen Aufwand treibt und derartige Vorkehrungen trifft.

Und tatsächlich benötigten wir die Maultiere ja auch nicht bloß dazu, um unser Gold aus dem Eldorado Canyon herauszuschleppen. Sie sollten es auch noch durch das ganze Arizona und Neu Mexiko Territorium tragen. Das war ein mörderischer Weg, und wir hatten einkalkuliert, dass wir die Hälfte der Tiere einbüßten. Wie es aussah, waren unsere ganzen umständlichen Sicherheitsvorkehrungen für die Katz. Und ich war derjenige, der es ausbaden musste.

Claggett war vielleicht nur der Anfang gewesen. Ich konnte mich darauf einrichten, bewegten Zeiten entgegenzugehen. Wenn schon der Helfer aus dem General Store wusste, dass ich mit den Maultieren in die Mojave Wüste wollte, dann war der Rest auch kein Geheimnis mehr.

Bei Cleveland war mehrmals der Name des Canyons gefallen, in dem wir das Gold gefunden hatten. Vielleicht waren schon ein paar hartgesottene Burschen unterwegs, um meinen Freunden drüben in Nevada einzuheizen und ihnen das Gold abzunehmen. Und meines obendrein.

Das brauchte ich aber. Für meine Leute daheim nämlich.

Und Claggett war losgeschickt worden, um mich aus den Stiefeln zu stoßen!

Ich begriff, dass ich aufbrechen musste, um meine Freunde zu warnen. Gleich jetzt!

Mein Plan war gewesen, durch die Verdugo Berge über Alta Loma zum Cajon Pass zu reiten und von dort dem alten Spanish Trail zu folgen. Über das Nest Barstow, mitten durch die Wüste.

Es war besser, wenn ich über den San Gorgonio Pass ging und die Wüste auf der Südroute durchquerte. Zwar bedeutete das einen Umweg, aber nicht immer ist der längere Weg auch der mühsamere. Auf der Südroute kannte ich nämlich nach Beschreibungen fünf Wasserstellen, statt vier auf dem Spanish Trail. Wasser bedeutet Kraft, und Kraft zahlt sich in Schnelligkeit aus. Ich konnte da unten die Maultiere besser und regelmäßiger mit Wasser versorgen und kam schneller mit ihnen voran. Ich konnte sogar erwarten, mit den Tieren einen oder zwei Tage vor den Burschen den Eldorado Canyon zu erreichen, denn womöglich waren die Kerle schon vorgestern aus Los Angeles aufgebrochen, um sich eine fette Goldbeute in die Tasche zu stecken.

Nur durfte mich unterwegs rein gar nichts aufhalten.

Und ich musste immer gefüllte Wasserlöcher vorfinden.

Das waren die beiden wichtigsten Voraussetzungen.

Wer auch immer die Sache eingefädelt hatte, er schien sich einen ordentlichen Profit zu versprechen. Und er musste genug Geld besitzen, um Leute wie Claggett und dessen Spießgesellen bezahlen zu können.

Dass Claggett sich nach seiner Niederlage nach Osten in Richtung der Verdugo Berge gewandt hatte, konnte nur eines bedeuten: Auch er war über meine Pläne bestens informiert und hoffte, mich auf dem Weg zum Cajon Pass zu erwischen, spätestens aber draußen auf dem Spanish Trail!

Und es hieß noch etwas. Er bekam für mich genug Geld, so dass ihn das Gold, das im Eldorado Canyon eventuell zu erben war, nicht verlocken konnte.

Ich legte also große Eile an den Tag und band die Pferde der Hotelgäste fest und auch die Tiere von Phink. Den Esel trieb ich mit der Mistgabel in seine offene Box. In Rekordzeit sattelte ich meinen Leopardenschecken und ließ ihn bei einer ordentlichen Ration Hafer und einem frisch gefüllten Wassereimer zurück. Mein Gepäck befand sich im Hotel. Auf das wollte ich natürlich nicht verzichten. Immerhin hatte ich eine Menge Geld hineingesteckt. Also ging ich zu Leon Phink rüber. Er stand noch in der Halle, als hätte er sich inzwischen nicht vom Fleck gerührt. Sogar ein Teil der Gäste hatte darauf verzichtet, das unterbrochene Frühstück fortzusetzen.

Und sie war natürlich auch noch da, die schwarzhaarige junge Lady, und hütete meinen Waffengurt,

Lange Umstände machte ich nicht. Ich legte die Schrotflinte und die zwei Revolver auf Phinks Empfangstisch und sagte: »Könnte sein, dass Claggett und Belk ihr Eigentum abholen kommen. Dann geben Sie es ihnen. Aber nicht vor morgen. Ich bin kein Dieb, der anderer Leute Waffen einsteckt.«

»Sie Sie sind total verrückt!«, sagte er. Das hatte ich schon einmal von ihm gehört. »Hätten Sie den Strolch doch nur umgelegt!«

»Weil er ein bisschen Lärm auf der Straße gemacht hat?«, fragte ich und schüttelte den Kopf. »Es wird sich herumsprechen, dass ich ihn ohne Waffe erwischt habe. Damit ist er erledigt. Lächerlichkeit tötet!«

»Eben drum!«, ereiferte sich Phink. »Er wird nicht eher Ruhe geben, bis er Ihren Skalp hat und die Scharte ausgewetzt ist, Blackburn.«

»Dann muss er aber weit reiten«, erwiderte ich. »Ich reise nämlich ab. Jetzt gleich. Sehen Sie in Ihrem Buch nach, ob ich Ihnen noch etwas schulde.«

»Fünfzig Cents fürs Frühstück, aber die schenke ich Ihnen. Das ist es mir wert, dass ich gesehen habe, wie Sie Claggett was aufs Maul gehauen haben. Fürchten Sie sich eigentlich vor gar nichts?«

»Doch, vor Gott und dem Teufel«, sagte ich ernsthaft. »Aber nicht vor Halunken wie Claggett.«

Danach wandte ich mich der jungen Lady zu. Sie hielt mir meinen Waffengurt entgegen und sagte: »Sie hatten schon einen Zusammenstoß mit diesem Raufbold? In Los Angeles sagen die Leute, Sie seien ein Feigling, weil Sie vor ihm weggelaufen sind. Das glaube ich nun nicht mehr. Mein Gott, ohne Waffe haben Sie sich hinausgewagt. Sie sind doch Cannon Blackburn?«

Ich schaute bestimmt nicht sehr geistreich drein. Richtig heiße ich Benton Clancey Blackburn. So steht es jedenfalls in der Familienbibel. Als Kind wurde ich Blue genannt, weil ich meistens mit einem blauen Auge und immer mit irgendwelchen blauen Flecken herumlief. Zum sechzehnten Geburtstag bekam ich meinen ersten Revolver, und weil ich schon bald mit ihm gut umgehen und und schließlich der beste Schütze in der ganzen Familie war, erhielt ich einen Kriegsnamen, wie das bei uns Sitte ist. Vater brachte ihn auf, als ich ihm eine Bande Pferdediebe vom Hals jagte und nur den Revolver dabei hatte. Ab dem Tag hieß ich Cannon, und ich war recht stolz auf den Namen.

Außer Cleveland kannte ich keinen Menschen in Kalifornien, dem ich mich unter diesem Namen vorgestellt hatte. Selbst ins Gästebuch hatte ich mich mit meinen richtigen Vornamen eingetragen.

Und da fragt mich die junge Dame mit unschuldigem Augenaufschlag, ob ich Cannon Blackburn sei! Wie sie mich außerdem auch anschaute! Mir wurde heiß und kalt. Da kam man ja auf Gedanken, über die man erst gar nicht spricht, weil‘s unanständig ist.

»Zufällig bin ich der«, gab ich zurück und legte den Gurt um. Ich war in Eile und wollte mir von ihr nicht erst noch den Stoppelbart kraulen lassen.

»Sie hatten Glück«, meinte sie und lächelte mich an, dass ich fast die Maultiere und den Eldorado Canyon vergaß. Rechtzeitig besann ich mich.

»Verstand, Madam«, widersprach ich ihr. »Wir Menschen haben den Kopf bekommen, um damit zu denken. Wäre ich mit dem Revolver auf die Straße gegangen, hätte es doch eine schlimme Schießerei und ein Begräbnis gegeben. So war die Sache viel unterhaltsamer.«

»Für Claggett bestimmt nicht«, meinte sie mit feinem Spott. »Und das meine ich auch gar nicht. Vorgestern hatten Sie Glück, dass Sie noch in der Nacht aus Los Angeles verschwunden sind. Claggett glaubte nämlich, Sie hielten sich versteckt. Er hat Ihnen den ganzen darauffolgenden Tag im Kaktusfeld aufgelauert.«

»So?«, machte ich. Ich kannte kein Kaktusfeld, ich hatte in der stockdunklen Nacht in den Sepulveda Bergen auch keines gesehen. Außerdem war sie genau informiert, wie es aussah.

Sie schien mir meine Zweifel anzumerken, darum sagte sie hastig: »Wir kamen gestern mit der Kutsche dort durch, und der Agent auf der Pferdewechselstation erzählte, Claggett und seine Freunde hätten bis Sonnenuntergang vergebens auf einen gewissen Blackburn gewartet. Als ich Sie dann hier sah, habe ich Sie sofort wiedererkannt. Ich hatte im Borego-Hotel Quartier genommen.«

Es stimmte, dass sich Claggett im Hotel dieses Namens an mir hatte reiben wollen, aber ich wollte bei meiner Seele schwören, dass ich die Frau dort nicht gesehen hatte.

Sie log, das spürte ich. Deshalb war ich sofort entsprechend misstrauisch. Vielleicht hatte sie ebenfalls von dem Gold im Eldorado Canyon gehört und ging einen anderen Weg, um es in ihre Tasche zu lenken. Über mich nämlich. Sie war viel zu hübsch und auffallend, als dass ich sie hätte übersehen können. An ihrer Geschichte stimmte etwas nicht.

»Dieses Kaktusfeld muss ich wohl verfehlt haben«, sagte ich unwirsch. »Außerdem glaube ich, dass Claggett dort so wenig Erfolg gehabt hätte wie gerade jetzt.«

»Unterschätzen Sie ihn nicht, Mr. Blackburn! Ich wohne jedes Jahr für einige Wochen in Los Angeles, und ich weiß, dass dieser Gent dort einen sehr traurigen Ruf genießt.«

»Ja, dann!«, sagte ich lahm, griff an den Hut und verabschiedete mich mit einer Verbeugung.

»Ich erwarte hier eine Freundin«, rief sie mir nach.

Von mir aus konnte sie, ich hatte weder mit ihr noch mit ihren Freundinnen etwas im Sinn. Ich musste nach Nevada hinüber, auf dem schnellsten Weg. Und ich durfte nichts verbocken. Sonst waren die siebzehn Männer aufgeschmissen.

Mein Gepäck und meine Ausrüstung hatte ich rasch zusammengeräumt. Als ich wieder in die Halle hinunterkam, sah ich die junge Dame gerade noch Arm in Arm mit ihrer Freundin, mit der sie gestern aus der Kutsche gestiegen war, aus der Hoteltür treten. Mochte der Himmel wissen, wozu sie eine weitere Freundin erwartete. Mich ging das auch gar nichts an.

Phink räusperte sich. Er hatte die Waffen fortgeräumt.

»Sie heißt Norie Catlin, ist auf der Durchreise«, sagte er.

»Ich wünsche ihr gute Reise«, brummte ich.

»Beehren Sie mein Haus bald wieder, Mr. Blackburn!«

»Bestimmt nicht«, entgegnete ich. »Kalifornien ist mir zu gewalttätig.«

Er blickte sauer. Gute Gäste sieht man ungern ziehen.

Ich stapfte zum Stall hinüber und belud den Leopardenschecken. Den Hafer hatte er restlos verputzt. Vom Wasser hatte er sparsam gesoffen. Zehn Minuten später ritt ich hinter das Haus des schäbigen Händlers, der mich mit den Maultieren hatte hereinlegen wollen. Er erwartete mich und zeigte auf die fünfzehn Packsättel, die dreißig Wasserschläuche und die zehn Falteimer aus Segeltuch, die ich ebenfalls erstanden hatte.

»Alles bereit«, meinte er unhöflich. Er war mir noch immer gram.

»Davon sehe ich nichts«, sagte ich. »Oder glauben Sie, ich würde das Zeug den Biestern allein aufladen?«

Er merkte wohl, dass ich noch immer zornig war, weil er mich die Maultiere allein hatte einfangen lassen. »Dafür werde ich nicht bezahlt«, maulte er.

»Das muss ich unbedingt Cleveland schreiben. Vielleicht will er dann hier einen neuen Maultierhändler haben.«

Was ich sagte, gefiel ihm nicht. Er schielte wieder auf meinen Revolver. Vor dem hatte er wohl größeren Respekt als vor Cleveland. Er verlegte sich aufs Verhandeln.

»Fünf Dollar?«, schlug er vor.

Er hielt mich wohl für den Gouverneur von Kalifornien!

»Nicht einen Cent!«, versetzte ich grob. »Und allmählich verliere ich die Geduld mit Ihnen!«

Das wirkte. Er ging mir zur Hand. In weniger als einer halben Stunde hatten wir fünfzehn Arrios ausgesondert und mit den Packsätteln, den Wasserschläuchen und Falteimern beladen.

»Jetzt können Sie losziehen!«, meinte er auf atmend. Wie er es sagte, wünschte er mich in die Hölle.

»Und was ist mit dem Futter?«, fragte ich und wurde nun wirklich wütend. Diese schäbige Krämerseele versuchte mich doch schon wieder anzuschmieren. Ich hatte zehn Zwanzig Pfund Säcke Maisschrot und die gleiche Menge Hafer bezahlt. Da wollte ich sie auch haben.

Er zog den Bauch ein.

»Bekommen Sie vorn an der Haustür.« Breitfüßig walzte er zum Hintereingang hinein.

Für die Herde hatte ich mir eine erstklassige Leitstute ausgesucht. Von hinten sah sie aus wie eine mexikanische Bohne, nur viel größer natürlich.

Ich hatte alle möglichen Namen ausprobiert, auf die sie hätte hören können. Ohne Erfolg. Also streifte ich ihr das Kopfhalter über, nahm sie an die Longe und zog sie hinter mir her. Störrisch und mit viel Gebrüll setzten sich die Biester in Bewegung. Der Halt nach wenigen Schritten vor dem Haus kam ihnen gerade recht.

Ich versenkte die Futtersäcke in die Tragkörbe, nachdem ich etliche Stichproben gemacht und gesehen hatte, dass der Händler mir wirklich Maisschrot und Hafer lieferte.

Plötzlich wurde er ungemütlich.

»Sie, das geht nicht! Diese Stute die können Sie nicht haben. Oder Sie zahlen drauf. Mein letztes Wort!«

»Einen Dreck werde ich! Oder ich mache Ihnen eine Rechnung auf, mein Freund! Ich sollte hier eine fix und fertig zusammengestellte Herde bester Tiere übernehmen. Davon, dass ich sie mir selber zusammensuchen musste, war nicht die Rede.«

»Das ist Abuela«, zeterte er. »Sie ist in ganz Kalifornien berühmt!«

»Dann bringe ich ja ein nettes Andenken mit, das mich hoffentlich noch recht lange an Sie erinnert, Mister. Und an Ihren Geiz!«

Damit lenkte ich meinen Schecken herum und zog Abuela an der Longe hinter mir her. Ein Grinsen konnte ich mir nicht verkneifen. Der Name bedeutet Großmutter. Aber so sah die Leitstute bei Gott nicht aus. Mürrisch und missmutig folgte die Herde nach.

Der betrügerische Händler schimpfte mir noch eine Weile nach und wünschte mir alle Plagen und Krankheiten an den Hals. Ich war froh, als ich den Kerl nicht mehr hörte, sondern nur noch das dumpfe Pochen der Maultierhufe hinter mir und das Prusten und Schnauben.

Für den Fall, dass sich heimliche Freunde von Claggett in San Fernando befanden, wollte ich sie auch nicht enttäuschen und schlug darum die Richtung zu den Verdugo Bergen ein. Aber nur, bis ich außer Sichtweite war. Die Verdugos konnte ich mühelos erkennen. Eine kahle, verbrannte, trostlose braunrote Bergkette, in der ich nicht abgemalt sein wollte.

Vorerst war ich noch gezwungen, auf die Berge zuzuhalten. Das hing nämlich mit dem Staub zusammen. Die zweihundert Maultierhufe rührten eine Staubwolke auf, dass ein Hund drin ersticken konnte. Und sie war meilenweit zu sehen.

Endlich erblickte ich voraus das, was ich mir die ganze Zeit gewünscht hatte. Eine Senke war’s, bewachsen mit Salbei und Schwarzeichengestrüpp und beschattet von etlichen Zedern und Sequoien, die man auch Mammutbäume nennt. Darauf hielt ich zu.

Meinem Leopardenschecken war die stampfende und schlechtgelaunte Meute hinter uns nicht geheuer. Er wollte Abstand gewinnen und legte einen Schritt zu. Natürlich zog er die Leitstute mit. Das hatte zur Folge, dass die Herde ins Rennen geriet. Auf diese Weise konnte ich unter realen Bedingungen erproben, wie gut Abuela als Leitstute war. Sie machte ihre Sache hervorragend.

Ich fand, es war Zeit, sich mit ihr anzufreunden.

Erst rief ich mehrmals ihren Namen. Sie drehte die Ohren nach mir. Dann begann ich ihr von Texas zu erzählen. Was ich damit bezweckte, war einfach - das Tier sollte sich an den Klang meiner Stimme gewöhnen, sollte die Unterschiede in der Tonhöhe merken und Zutrauen fassen.

War das erst einmal erreicht, konnte ich mit dem Tier sehr gut arbeiten.

Und so erzählte ich Abuela, der Leitstutengroßmutter, von Sam Housten, von Jim Bowie und Davy Crockett, die in Fort Alamo gefallen waren, von Pecos Bill und anderen berühmten Leuten in Texas. Ihre Ohren kamen gar nicht mehr zur Ruhe. Ich glaube, sie mochte meine Stimme gern hören.

Darüber erreichten wir die Senke. Der Grund war steinig. Nicht gerade das, was die Maultiere und mein Schecke liebten. Mir kam er gerade recht. Erstens gab es keinen Staub mehr, zweitens nahm der Boden kaum noch Spuren auf. Außerdem erstreckte sich die Senke nach Südosten, zeigte also an den Verdugo Bergen vorbei.

Irgendwie hatte ich die Ahnung, dass man nach meiner Staubwolke Ausschau hielt.

Eine halbe Meile weiter geriet ich auf eine leidlich gute Weide, etwas geschützt vom Schwarzeichengestrüpp ringsum und beschattet von mächtigen Sequoias. Die Weide deutete auf Wasser hin. Nach kurzer Suche fand ich auch einen seichten Tümpel, der aus einer spärlich fließenden Quelle gespeist wurde. Von dem Wasser verdunstete sehr viel, und der Rest versickerte zwischen dem Geröll, sonst wäre die Weide viel besser gewesen.

Die Maultiere hatten eine Rast verdient. Ich ließ sie grasen und saufen. Das schonte die Futtervorräte. Abuela pflockte ich an. Damit blieb die Herde beisammen und zerstreute sich nicht ins Gestrüpp.

Ich rollte mir eine Zigarette, stieg zum Rand der Senke hinauf, von wo ich die Gegend im Auge behalten konnte, und streckte die Beine von mir. Lange zu warten brauchte ich nicht. Ein Reiter erschien aus Richtung San Fernando, als sei ein Schwarm Hornissen hinter ihm her. Ich wusste, was ihn zur Eile antrieb. Er sah meine gewaltige Staubwolke nicht mehr. Jetzt wollte er nachsehen, wo ich mit der Herde geblieben war. Angesichts der Senke zügelte er sein Pferd zu einer langsameren Gangart. Er traute der Sache nicht ganz.

Schließlich hielt er am Senkenrand und betrachtete das Gelände. Besonders lange blickte er in meine Richtung. Hören konnte er die Maultiere nicht, sehen auch nicht. Dafür war das Gestrüpp zu hoch. Zudem warfen die Zedern und Sequoias kräftige Schatten. Aber es gab nur eine Möglichkeit, wohin ich mich mit der Herde gewandt hatte. In die Richtung, in die er unschlüssig starrte.

Nach Nordwesten war die Senke glatt und leer, und auf die Verdugo Bergkette zu stand keine Staubwolke über dem Land. Schließlich trieb er sein Pferd an und ritt herunter.

Zwei Dinge begriff ich in derselben Sekunde. Es war mein ganz besonderer Freund, der sich da so sehr um meinen Verbleib kümmerte. Der geriebene Maultierhändler nämlich. Und er wollte mich schon wieder anschmieren. Tiere haben nämlich die Angewohnheit, von Zeit zu Zeit etwas fallenzulassen. Ist man gleich mit fünfzig Tieren unterwegs, fällt alle paar hundert Schritte etwas zu Boden. Das ergibt eine deutliche Spur. Nur ein Blinder kann die verfehlen. Und selbst das ist fraglich, weil er sich nach seiner Nase richten kann. Frische Pferde- und Maultieräpfel duften nämlich durchdringend.

Mein überaus neugieriger Händler tat jedoch, als sähe er keine nach rechts weisenden Mistspuren, im Gegenteil. Er hängte sich etwas seitlich in den Sattel und ritt, den Blick starr auf den Boden geheftet, den jenseitigen Senkenrand hinauf auf die Verdugos zu. Wie ein richtiger Fährtenleser. Er wollte mich für dumm verkaufen. Mich täuschen und so tun, als hätte er mein Abschwenken aus der bisherigen Richtung nicht bemerkt. Was mir wiederum bestätigte, dass er verdammt genau wusste, wo ich steckte.

Eigentlich hätte ich beleidigt sein müssen. Sein Trick war jedoch so primitiv, dass er mir nicht einmal ein mitleidiges Lächeln abnötigen konnte.

Schön, der Mann war also hinter mir her. Er ritt jetzt auf die nahe Bergkette zu. Wahrscheinlich suchte er Claggett. Es war gut, dass ich das nun wusste. Und auch, dass da eine ganze Menge Leute die Hände unter der Decke stecken hatten. Jetzt konnte ich meine Vorkehrungen treffen.

4

Zunächst einmal ließ ich die Herde weiden, bis die Sonne ihren höchsten Punkt überschritten hatte.

Falls außer dem durchtriebenen Händler noch jemand unterwegs war, sollte man ruhig glauben, ich hätte keine Eile und sei ein einfältiger und nichtsahnender Tropf. In Wahrheit gab ich den Tieren Gelegenheit, die Weide leer zu rupfen und im Schatten der Zedern und Sequoias die Mittagshitze zu überstehen. Das zahlte sich dann auch aus. Als ich Abuela lockte, kam sie schon richtig zutraulich hinter mir her und mahnte mit aufgeregten Schreien die Herde zur Eile.

Leider reichte die bewaldete Senke nicht weiter als zehn Meilen. Mehr wäre mir entschieden lieber gewesen. Am Nachmittag erspähte ich drüben im Osten einen gewaltigen Einschnitt in der Verdugo Kette. Das musste der Tujunga Canyon sein. Wahrscheinlich saßen Claggett und der Händler samt Belk und Maratta dort auf einer Felsleiste und guckten sich die Augen aus dem Kopf.

Als ich dann wieder über offenes Gelände musste, schleppte die Herde eine weithin sichtbare Staubwolke hinter sich her. Ich schlug ein scharfes Tempo an und hielt auf den Eagle Rock zu.

Von Cleveland und später von Phink hatte ich mir die wichtigsten Berge und ihr Aussehen beschreiben lassen. Ich traute mir zu, sie auseinanderzuhalten.

Wenn ich es schaffte, glatt bis zum Eagle Rock durchzukommen, ohne vorher in einen blind endenden Canyon zu reiten, dann hatte ich einen besonders schwierigen Teil des Weges hinter mir. Nicht den gefährlichsten. Der führte durch die Wüste.

Den Eagle Rock erreichte ich, als schon dunkle Schatten in den Tälern und Schluchten lagen und nur noch der obere Teil des Berges im Licht der untergehenden Sonne glühte.

Ich pflockte Abuela an, spannte einen Seilcorral und trieb die Herde zusammen. Dann sammelte ich trockenes Holz und ritt den Berg hinauf. Eine grüne Falte, in der es nach Wasser roch, erschien mir geeignet. Ich schichtete das Holz auf und zündete ein Feuer an. Kaum loderten die Flammen, ritt ich zurück, löste den Corral auf und marschierte mit der Herde weiter. Mir kam es darauf an, einen tüchtigen Vorsprung während der Nacht zu schaffen.

Hatte ich Verfolger, dann entdeckten sie mein Feuer da oben und warteten geduldig bis Tagesanbruch darauf, dass ich herabkam. Zumindest hoffte ich, dass sie so verfuhren.

Gleich hinter dem Eagle Rock musste ich höllisch achtgeben, damit ich nicht in den Pasadena Canyon geriet. Zu meinem Glück roch ich Rauch und ging der Ursache nach.

Mexikanische Schafhirten hatten in der Nähe ihr Lager aufgeschlagen. Ich ließ die Maultiere außer Hörweite zurück und band Abuela an, damit sie mir nicht nachtrottete und die ganze Herde mitzog.

Der Hufschlag meines Schecken machte das Lager munter. Die Leute waren verschlafen, aber freundlich. Die sechs spinnenbeinigen Männer wollten mir alle gleichzeitig den Weg erläutern.

Ich spreche ganz ordentlich spanisch und hielt damit nicht hinter dem Berg. Das brachte mir das Wohlwollen der Hirten ein. Sie waren arm, aber stolz, und ich war ein Gringo und unterhielt mich mit ihnen in ihrer Muttersprache. Es hätte nicht viel gefehlt, und sie hätten mir zu Ehren ein nächtliches Bratfest veranstaltet und mir die Zeit vertrieben. Ich musste jedoch weiter.

Den wortreichen Erklärungen nach brauchte ich nur immer dem Tal zu folgen. Ich stieß dann ganz von selbst auf die alte Mission von San Gabriel. Fünf Meilen hinter der Mission müsste ich scharf achtgeben, da gable sich der Weg. Der unscheinbare führe nach San Bernadino, der breite in den Brea Canyon.

Das Zauberwort war San Bernardino. Da musste ich hin.

Ich versicherte die Hirten meiner Hochachtung, spendierte eine Hand voll Tabak und kehrte dem Lager den Rücken. In einer halben Meile Entfernung führte ich die Herde daran vorbei und war ziemlich erleichtert, dass ich die Gegend vor mir allein für mich hatte.

Noch vor Tagesanbruch passierte ich die alte Mission und das Mexikanerdorf, das sich anschloss. In ein paar Hütten brannte schon Licht. Jemand kam auch herausgerannt und rief etwas. Ich war aber schon vorbei und gab keine Antwort.

Ich ließ die Herde laufen und erreichte eine Weggabelung, als gerade die Berge in ihren Umrissen erkennbar wurden. Kalter Wind drückte von den Höhen herab. Immerhin hatte der kalte Wind jetzt den nützlichen Vorteil, dass meine Maultiere frisch blieben und liefen wie eine frisch aufgezogene Taschenuhr.

Meine Rechnung sah so aus: Tagsüber in der Hitze wollte ich möglichst wenig Meilen machen. Um die Tiere zu schonen, um ihnen genug Zeit zum Fressen, Saufen und Ausruhen zu geben. Schlafen musste ich auch. Ich konnte ja nicht zehn oder zwölf Tage lang ununterbrochen im Sattel sitzen. Das hält kein Mensch aus, nicht mal einer von uns Blackburns. Dafür wollte ich in der Nacht eine große Wegstrecke schaffen. Vierzig, vielleicht sogar fünfzig Meilen. Weit genug jedenfalls, dass ich nicht einzuholen war.

Wenn Claggett nicht beizeiten die Nase voll hatte von dem Geschäft und umkehrte, dann musste er am Tag auf meiner breiten Spur reiten, weil er sie nämlich nur da sehen konnte. In der schlimmsten Hitze, unter der gnadenlosen Sonne, die einem den letzten Tropfen Flüssigkeit aus dem Körper saugt. Ich wollte schwören, dass er unter solchen Bedingungen nicht mehr als dreißig Meilen packte. Was für mich mindestens zehn Meilen Vorsprung am Tag bedeutete.

Hinzu kam noch das Wasserproblem. Für ihn nämlich. Wenn ich fünfzig Maultiere und meinen Schecken getränkt und alle Wasserschläuche gefüllt hatte, waren die Wasserlöcher auf viele Stunden hinaus leer. Wenn er hinkam, musste er warten, bis genügend Wasser für seine Bedürfnisse nachgesickert war. Das hielt ihn auf. Es durfte mir nur nicht passieren, dass er alles auf eine Karte setzte und mit einem Gewaltritt vor mir eine Wasserstelle erreichte. Damit das nicht geschah, musste ich ihn über meine Route so lange wie möglich im Unklaren lassen. Wenn es mir gelang, ihn zum Cajon Pass zu locken, war ich fein heraus. Den Vorsprung holte er nie mehr auf.

Wie ich das bewerkstelligte, darüber konnte ich mir Gedanken machen, wenn es soweit war. Einen guten Einfall hatte ich jetzt jedenfalls nicht. Kam er mir jedoch auf die Schliche und wusste, welche Route ich nahm, brauchte er mich nur zu überholen. Da konnte er sich gemütlich ans nächste Wasserloch setzen und in Ruhe abwarten, Denn kommen musste ich.

Der Gedanke war mir unangenehm. Ich beschäftigte mich lieber mit naheliegenden Dingen. Zu denen gehörte, dass ich einen guten Platz für die Herde haben musste, an dem sie den Tag verbrachte. Vielleicht auf der Nordseite der Puente Hügel? Dort sollte es Wasser geben, hatte ich gehört. Sie lagen zwar südlich von mir, ihre Ausläufer reichten jedoch bis zum Weg nach San Bernardino herauf. Ich riskierte es.

Bis Sonnenaufgang schaffte ich tatsächlich mehr als zehn Meilen und trieb die Herde in einen Canyon hinein, aus dem ein schmaler Wasserlauf floss. Na bitte - ich war doch ein Glückskind.

Es gab keinen Weg, so dass ich auch nicht mit zufällig vorbeikommenden Reisenden zu rechnen brauchte.

Ungefähr eine Meile tief im Canyon fand ich eine Weide. Ich ließ die Tiere unter Führung von Abuela grasen und kochte mir eine Mahlzeit, die das gestrige verpasste Mittagessen, das Abendessen und das heutige Frühstück einschloss. Eine angenehme Müdigkeit füllte mich aus. Aber ich wurde nicht leichtsinnig. Ich spannte erst den Seilcorral, pflockte die Leitstute darin an und trieb die Herde zusammen. Danach stieg ich über ein Felsband zum Rand des Canyons hinauf und beguckte mir die Gegend.

Na, der erste Blick reichte schon, um mir alle Müdigkeit aus den Knochen zu verjagen. Aus Richtung der Mission San Gabriel näherte sich eine Staubwolke, und aus einem Canyon im Norden kam die zweite heran. Ich hatte gleich ein ungutes Gefühl und blieb auf meinem Platz.

Staubwolken bedeuten an und für sich noch nichts, aber ich war nun einmal misstrauisch.

Wie viele Reiter da heranrückten, konnte ich noch nicht erkennen. Die Entfernung war zu groß. Aber es waren unverkennbar Reiter. Ein Viehtreiben kann man niemals in diesem Höllentempo durchführen. Eine Kutsche schied aus, weil das Gelände zum Fahren nicht geeignet war. Ungefähr sechs Meilen entfernt trafen beide Staubwolken aufeinander und trieben seitlich weg, ein Zeichen dafür, dass alle Reiter angehalten hatten. Sie schienen zu beratschlagen.

Ich rollte eine Zigarette und betrachtete meinen Canyon von oben. Ich hatte nur meinen Revolver mit heraufgenommen. Der genügte aber, um das Tal zu sperren. Es war möglich, dass es sich um den San Gabriel Canyon handelte. Sicher war ich nicht. Aber sehr zuversichtlich, dass ich die Burschen dort draußen von mir und meinen Maultieren fernhalten konnte.

Plötzlich wehte wieder eine Staubwolke hoch. Die vereinigten Trupps hatten sich in Bewegung gesetzt. Nun war ich gespannt, was kam.

Die Reiter rückten bis zum Weg vor und beratschlagten erneut. Schließlich ritten sie auf San Bernardino zu. Mir war, als hätte ich eines der Pferde gestern gesehen. Die Entfernung war jedoch immer noch gewaltig, so dass ich keine Klarheit bekam. Noch einmal hielten sie an, zwei Reiter lösten sich und suchten rechts und links vom Weg. Sie wollten meine Fährte finden. Aber sie waren längst über den Punkt hinausgeritten, wo ich abgebogen war.

Dass die beiden Fährtensucher erfolglos herumstöberten, machte die anderen ungeduldig. Der ganze Verein löste sich auf und zerstreute sich im Gelände. Es erleichterte mir das Zählen. Die Burschen waren samt Pferd nicht größer als Punkte. Ich kam auf neun. Zwei dehnten die Suche in meine Richtung aus und kamen bis an die Nordseite der Puente Hügel heran, höchstens eine Meile entfernt. Und da erlebte ich die nächste Überraschung.

Es waren nämlich zwei alte Bekannte. Lamb Claggett und der Händler aus San Fernando.

Ich war drauf und dran, ins Tal abzusteigen und mein Gewehr heraufzuholen. Rechtzeitig besann ich mich, dass eine Knallerei nur die anderen herbeirief. Und entdeckt war ich ja noch gar nicht.

Ich schätzte, dass der Trupp, der aus dem Canyon im Norden gekommen war, vier Mann gezählt hatte: Claggett, Belk, Maratta und der Händler. Der Halunke hatte Claggett aufgestöbert und nichts Eiligeres zu tun gehabt, als ihm brühwarm zu erzählen, dass ich mit der Maultierherde aufgebrochen war. Außerdem war er mir ja gefolgt. Wer die anderen fünf waren, blieb unklar. In jedem Falle aber verfolgten sie gemeinsame Interessen. Sie wollten mich kriegen.

Allmählich kamen mir doch Zweifel in die Vertrauenswürdigkeit von Cleveland. Gut, ein ungebetener Lauscher konnte an der Tür oder unter dem Fenster die Ohren aufgesperrt haben. Und es gibt Burschen, die lassen sich für hundertsiebzig Pfund Gold eine Hand abhacken. Aber solche Leute wollen dann das Geschäft allein machen. Oder höchstens mit zwei, drei guten Freunden zusammen. Auf Claggett und seine Freunde im Verein mit dem Händler hätte das noch zutreffen können. Aber ich zählte ja neun Leute, von denen ich fünf nicht kannte. Und Claggett schien mit diesen fünfen zumindest freundschaftlich verbunden zu sein. Sonst hätten sie jetzt nicht in schöner Eintracht nach mir gesucht.

Das roch mir alles etwas zu sehr nach einer größeren Bande, straff organisiert und mit einem festen Auftrag ausgestattet. Ich konnte die Sache betrachten, wie ich wollte, ich kam doch immer wieder auf Cleveland zurück. Als er mich gefragt hatte, wie hoch denn unsere Ausbeute sei, hatte ich mich dumm und ehrlich gestellt und berichtet, dass wir rund hundertsiebzig Pfund Gold aus dem Boden herausgekratzt hatten. Vielleicht war ihm aufgegangen, dass fünfzig verkaufte Maultiere, ein paar Tragsättel, Wasserschläuche und Falteimer nicht der höchste Profit bei diesem Geschäft waren, sondern unsere hundertsiebzig Pfund Gold.

Ich hatte keine Beweise dafür, aber es war doch eigenartig, dass dieser Claggett gleich zweimal versucht hatte, mich aufzuhalten unter den fadenscheinigsten Vorwänden.

Gut, wenn es eine persönliche Sache zwischen ihm und mir gegeben hätte, einen alten Streit, hätte ich ihm das noch abgekauft. Aber wir waren uns fremd. So gesehen waren meine Zweifel durchaus begründet.

Es lief wohl darauf hinaus, dass jemand ein paar hartgesottenen Burschen den Auftrag erteilt hatte, einen gewissen Cannon Blackburn auf dem Marsch zum Eldorado Canyon abzufangen und ihm für alle Zeiten den Mund zu stopfen. Und dann hinüber ins Nevada Territorium zu reiten und das Gold zu holen. Möglicherweise sogar mit einem Teil der Maultiere, die dieser Cannon Blackburn in frommer Einfalt bereits auf den Marsch gebracht hatte. Schlimm dabei war, dass meine Freunde im Eldorado Canyon völlig ahnungslos waren. Sie erwarteten meine Rückkehr, aber doch nicht die Ankunft einer goldgierigen Banditenhorde, die wie die Teufel über sie herfallen würde. Das Schlimmste aber war, dass meine Freunde glauben mussten, ich hätte ihnen die Halsabschneider auf den Pelz geschickt. Ich war doch der einzige, der den Canyon verlassen hatte!

Kein Hund im ganzen Westen würde je wieder ein Stück Brot von mir annehmen. Das Land war gar nicht groß genug, dass ich mich darin verstecken konnte.

Es gab Tatsachen, die gegen mich zu handfesten Beweisen werden konnten. Die kalifornischen Maultiere! Mein Eintrag im Gästebuch des Borego Hotels in Los Angeles, dann der in Phinks Hotel in San Fernando! Außerdem hatte ich Claggett nicht über den Haufen geschossen, sondern ihm bloß aufs Maul geschlagen. Wenn man wollte, konnte man mir daraus einen Strick drehen und sagen, ich hätte das so mit Claggett abgesprochen und für die Zuschauer nur Theater aufgeführt. Denn unumstößliche Tatsache würde sein und bleiben, dass meine Freunde erst dann in Schwierigkeiten gekommen waren, als ich aus dem Eldorado Canyon fortgeritten und nach Los Angeles gegangen war. Vorausgesetzt, es trat so ein, wie ich befürchtete.

Es lag also ganz allein an mir, dass die Strolche weder mich noch die Maultiere erwischten und dass sie vor allem nicht vor mir drüben in Nevada ankamen.

Ich verspürte eine gefährliche Wut auf die Leute, die sich das alles ausgedacht hatten. Die Sache war weder dem Gehirn von Claggett noch von meinem schäbigen Maultierhändler entsprungen, dafür verbürgte ich mich. Da steckte jemand dahinter, der eiskalt plante und messerscharf kalkulierte und nicht bloß bis zur nächsten Straßenecke dachte.

5

Claggett und der Geizkragen blickten mehrmals in meine Richtung.

Vielleicht trauten sie mir nicht zu, dass ich die fünfzig Maultiere ganz allein bis zu diesem Canyon geführt hatte. Sehen konnten sie mich nicht, ich hatte mir einen vortrefflichen Platz ausgesucht. Oder sie hatten die dumpfe Ahnung, dass sie unversehens in eine Kugel hineinreiten konnten. Jedenfalls kam ihnen die Gegend nicht geheuer vor. Sie berieten sich und stöberten dann in einer Ausbuchtung des Nordhanges der Hügel herum. Deutlich konnte ich sehen, dass sie zwischen mannshohen Weidebüschen die Pferde tränkten. Also gab es dort Wasser.

Nach einiger Zeit stiegen sie auf und kehrten zum Sammelplatz zurück, wo schon drei Reiter warteten. Die anderen trafen nach und nach ein. Ohne große Eile verschwand die Bande schließlich in Richtung San Bernardino.

Ich fluchte herzhaft. Die Burschen wussten, dass ich nicht vor ihnen war. Sonst hätten sie die Pferde laufen lassen, dass die Hufeisen heiß wurden. Das gefiel mir ganz und gar nicht.

Wenigstens hatte ich die Kerle erst einmal beschäftigt, das war auch etwas wert. Ich brauchte Schlaf und Erholung. Ein übermüdeter Mann hatte keine ruhige Hand und schießt allzu leicht daneben, wenn es darauf ankommt, richtig zu treffen.

Ich wartete aber noch eine Weile an meinem Platz und rauchte noch eine Zigarette. Mein Leopardenschecke und die Leitstute der Herde witterten zu mir herauf. Vielleicht wünschten sie Unterhaltung oder wollten, dass ich zu ihnen hinunter kam. Mir gefiel mein Platz jedoch, trotz der Hitze. Hier oben war ich sicher, was immer auch geschah.

Nach einiger Zeit gewahrte ich eine Staubwolke im Westen. Sie bewegte sich auffallend schnell durchs Land. Schließlich konnte ich eine Kutsche ausmachen. Wahrscheinlich die reguläre Post von Los Angeles nach San Bernardino. Sie schnurrte vorbei und geriet hinter den Hügeln außer Sicht. Nur die Staubwolke trieb noch einige Zeit herum, bis sie sich auflöste.

Unter einem Busch grub ich mir eine Kuhle, las die Steine heraus und streckte mich aus. Ein Auge voll Schlaf hatte ich dringend nötig.

Pünktlich am Spätnachmittag wurde ich wach. Mein erster Blick ging zum Weg drüben. Nichts!

Mein zweiter galt den Maultieren und meinem Pferd. Alles war in bester Ordnung! Einige Tiere hatten sich niedergetan. Abuela versuchte mit den Zähnen den Strick aufzuziehen, mit dem ich sie angepflockt hatte. Ich musste künftig ein Auge auf sie haben, bevor sie sich befreite und mit der halben Herde das Weite suchte.

Die paar Stunden Schlaf hatten mir gut getan. Etwas steifbeinig kletterte ich den Canyon hinunter und begann mit der mühseligen Arbeit, anderen Tieren die Packsättel aufzuladen und die Futtersäcke und den übrigen Kram zu verpacken. Als ich meinem Schecken den Sattel hinauf wuchtete, bekam ich von einem bockbeinigen Maultier einen Tritt in den Hintern, dass mir der Dampf fast zu den Ohren herausfuhr. Das Rabenaas versprach sich davon wohl, dass ich ihm den Tragsattel und die Last abnahm. Das Spiel begann also. Wer einmal Maultiere getrieben hat, der weiß, wie erfinderisch diese Tiere sind.

Ich biss die Zähne zusammen, rannte dem Tier hinterher und wuchtete ihm ohne Gewissensbisse die Faust zwischen die Ohren, dass es auf die Knie stürzte und mich ganz verdattert anstarrte.

»Ich bin zu vielen Späßen aufgelegt«, sagte ich, »aber ich bestimme, wann gearbeitet wird. Also hoch mit dir, du Satansbraten!« Ich griff ihm in die Nasenlöcher und zog es hoch.

Wie ich mich dann umdrehte, hatte Abuela den Strick auf und untersuchte gerade den Inhalt meiner Satteltaschen. Ich fürchtete um Zucker, Kaffeebohnen, Mehl und andere unentbehrliche Dinge und hastete hin, um sie zu vertreiben. Sie warf sich zur Seite und raste wie von Bienen gestochen im Seilcorral herum, dass die Tiere ganz aufgeregt wurden.

»Es freut mich, dass ihr alle in guter Verfassung seid«, sagte ich grimmig. Fünf Minuten später hatte ich meinen Schecken beladen und Abuela eingefangen.

Die Tiere wollten Bewegung und hatten Flausen im Kopf. Nun gut, die Bewegung konnte ich ihnen verschaffen. Ich führte sie aus dem Canyon hinaus und am Nordhang der Hügel entlang bis zum Weg. Schon bald ging es aufwärts. Ich umritt eine mexikanische Siedlung. Pomona oder so ähnlich. Ich schaute immer wieder über die Schulter, ob jemand zwischen den Hütten herausgeritten kam. Vielleicht hatte die Bande jemand dort stationiert, dem die Aufgabe zugeteilt war, das Land im Auge zu behalten und beim Auftauchen einer großen Staubwolke sofort nachzusehen, wer da kam. Ich sah nur ein paar weißgekleidete Mexikaner von der Feldarbeit heimkehren. Ein Reiter kam nicht.

Bei Sonnenuntergang überquerte ich den Carbon Canyon, und als ich drüben wieder hochkam, sah ich links drüben in einiger Entfernung den San Antonio Peak und die Berge in seiner Umgebung im Abendrot aufglühen. Er ist über zehntausend Fuß hoch und ein markanter Wegweiser für alle Reisenden. Da wusste ich, dass ich spätestens um Mitternacht Alta Loma erreichte. Im Dämmerlicht kam mir ein zweirädriger Karren entgegen, von Ochsen gezogen. Auf dem Bock saß ein Mexikaner, und auf der Knüppelholzladung hatte er seine Familie verteilt. Er blickte mich an wie ein Weltwunder, als er die Herde hinter mir ausmachte. Dann bekreuzigte er sich und schlug hastig auf seine Ochsen ein.

Ich verstand den Mann. Wer so viele Maultiere allein treibt, muss verrückt sein. Mit mir wollte er nichts zu schaffen haben. Ich hätte ihn gerne gefragt, ob ihm neun Americanos begegnet waren, aber da war er schon in der Dunkelheit verschwunden. Nur das Quietschen der Karrenräder hörte ich noch eine Weile.

Es war ja möglich, dass der Mann meine ganz besonderen Freunde gesehen hatte. Mit dem Klapperkarren war er bestimmt nicht in den Bergen herumgefahren, sondern hatte das Holz in der Nähe des Weges geschlagen. Bei Alta Loma gab es Sequoia Wälder. Auf dem Herweg hatte ich sie ja ausgiebig bestaunt. Eine düstere Wegstrecke war das dort, weil der Weg über zehn Meilen nur unter diesen riesigen Bäumen herführte. Selbst am Tag konnte man dort ganz gut eine Laterne, gebrauchen. Bei Nacht war es naturgemäß finster wie in einem zugenagelten Fass.

Ein hübscher Platz für einen Hinterhalt, bei Gott.

Aber, sagte ich mir, die Kerle können dich gar nicht sehen. Wenn sie losballern, laufen sie Gefahr, dass sie sich gegenseitig was auf die Rippen knallen!

Ich war auf einiges gefasst.

Dass sie es aber so blöd anfingen, überraschte mich.

Bevor es in die Sequoia Wälder hineinging, blickte ich noch zu den Sternen hinauf, damit ich ungefähr wusste, ob ich in der Zeit war. Es musste zwei Stunden vor Mitternacht sein.

Eine halbe Meile später rief mich von rechts eine Männerstimme an: »He, Blackburn, Sie geben jetzt besser auf, verstanden? Wir wussten, dass Sie uns haben vorbeireiten lassen. Kein Mensch hat eine Maultierherde gesehen. Kehren Sie um und machen Sie sich in Los Angeles ein paar schöne Wochen! Ein besseres Angebot können wir Ihnen nicht machen.«

Die Stimme kannte ich nicht. Aber ich wusste auch so, was der Kerl bezweckte. Er konnte mich in der Finsternis nicht sehen und wollte mich dazu verleiten, ihm Antwort zu geben. Nie im Leben ließen die Kerle mich davonkommen. Für sie stand zu viel auf dem Spiel. Hundertsiebzig Pfund Gold. Die hielten mich für schwachsinnig.

Redete ich, wussten sie ungefähr, wo ich war. Dann deckten sie mich mit Kugeln ein, dass mir Hören und Sehen und überhaupt alles verging. Ich hustete ihnen was. Ich machte mich auf dem Schecken so klein, wie es ging, kitzelte ihn mit den Absätzen und zerrte energisch an der Longe, an der Abuela hing. Sie ließ einen Schrei los, dass es mir die Haare aufrichtete, und dann hörte ich nur noch den Lärm der los tobenden Herde und den Hufschlag hinter mir. Mein Schecke musste mindestens ebenso sehr erschrocken sein wie ich, jedenfalls lief er vorneweg, dass es mir die Knochen zusammenrüttelte.

Zwar hörte ich noch Männer brüllen, aber das war bereits ein ganzes Stück zurück und ging mich nichts mehr an. Ich war durch!

Diese kalifornischen Hühnerdiebe und Wegelagerer mussten nicht bei Trost sein, dass sie es sich so einfach vorstellten, mich hereinzulegen.

Ich wartete darauf, dass sie zu schießen anfingen. Darum behielt ich den Kopf unten. Sie verschwendeten jedoch keine Kugel. Das konnte heißen, dass sie die Erfolglosigkeit einer Knallerei einsahen. Es konnte aber auch bedeuten, dass sie meine Maultiere lebend brauchten.

Ich schlug mir auf den linken Oberschenkel. Meine Nase! Hatte ich nicht vermutet, dass sie mir die Maultiere abzunehmen versuchten, um das Gold und genügend Wasser auf dem Rückweg durch die Mojave transportieren zu können?

Die Weisheit hatten die Burschen jedenfalls nicht mit Löffeln gefressen. Versuchten es auf die primitive Tour. Im Stil eines Fünf Cent-Banditen. Wenn Sie nicht zu neunt gewesen wären, hätte ich gelacht. Aber selbst ein Schwachkopf kann ein Gewehr halten, in die richtige Richtung zielen und abdrücken. Wenn das neun Burschen gleichzeitig tun, können nicht alle Kugeln vorbeigehen. Außerdem hatte ich so das Gefühl, dass diese Wegelagerer nicht der letzte Trumpf waren, sondern dass man noch etwas in der Hinterhand hielt.

Daran dachte ich schon die ganze Zeit. Eine zweite Gruppe, die vielleicht schon die Wüste erreicht hatte und mit allen Mitteln versuchte, vor mir in Nevada anzukommen.

Das Rennen wollte ich zu meinen Gunsten entscheiden, und hier unter den Sequoien konnte ich den Anfang damit machen. Aus diesem Grund ließ ich die Maultiere rennen. Sie hatten sich den ganzen Tag im Canyon ausgeruht. Von den Pferden der Strolche um Claggett wollte ich das nicht unbedingt behaupten. Ein Pferd kann man fünfzig, sechzig Meilen am Tag treiben. Auch achtzig. Ich kenne Leute, die sogar hundert Meilen und mehr schafften. Allerdings in einem wesentlich günstigeren Gelände. Nach einem solchen Gewaltritt braucht ein Pferd dann aber wenigstens einen Ruhetag. Sonst ist es erledigt. Darum kommt es bei Rennen, die über viele Tage gehen, auch gar nicht so sehr auf die Schnelligkeit der Pferde an. Nur darauf, wie klug man ihre Kräfte einteilt und wie zäh und widerstandsfähig sie sind.

Nach einer halben Stunde steckte ich noch immer zwischen den Sequoias. Es hätte mich schon interessiert, ob Claggett und seine Kumpane mich verfolgten. Ich konnte einen Aufenthalt jedoch nicht riskieren, denn ich hatte weder Rinder noch Pferde hinter mir, sondern Maultiere. Die hätten sofort die Gelegenheit wahrgenommen, sich seitlich in die Büsche und zwischen die mächtigen Stämme zu schlagen. Vor Sonnenaufgang hätte ich sie da nicht wieder herausgebracht.

Also ließ ich sie laufen und bezähmte meine Neugierde.

Irgendwann roch es dann nach Schlamm, fauligem Wasser und frisch geschlagenem Zuckerrohr. Ich hatte die Wälder hinter mir und befand mich jetzt zwischen den Feldern von Alta Loma. Das Nest lag in einem Talkessel und war eine einzige fruchtbare Gegend. Die Leute leiteten das Wasser in Gräben von den Berghängen herbei.

Hinter einer Wegbiegung sah ich dann auch die ersten Lichter und ein paar fahlhelle Mauern. In dieser Gegend war fast jedes Haus von einer Mauer umgeben. Die Spanier hatten das so eingeführt.

Um Alta Loma herumzureiten, erschien mir zu gefährlich. Zu leicht konnte ich in schlammigen Äckern und irgendwelchen Wassergräben steckenbleiben. Also gab’s nur eines: Mitten durch das Nest hindurchzureiten!

Ich kitzelte meinen Schecken und fasste die Longe kürzer, damit mir Abuela nicht zur Seite ausbrach und die Herde in einen ummauerten Hof leitete. Es gab etliche Bodegas. In einer herrschte noch Betrieb. Wahrscheinlich dröhnte der hartgebackene Boden unter den zweihundert Hufen ganz tüchtig. Die Leute kamen herausgerannt und blieben unter der Lampe über der Tür stehen, sperrten Mund und Nasenlöcher weit auf und flüchteten schimpfend vor der Staubwolke, die meine Herde mitriss.

Es war Pech, dass sie mich gesehen hatten. Aber nicht zu ändern.

Jenseits der Siedlung schlug ich ein gemäßigtes Tempo an. Der Weg wand sich einen kleinen Pass hinauf. Oben angekommen, ließ ich die Tiere verschnaufen. Ich ging abseits und lauschte zurück. Die Lichter von Alta Loma flackerten in einiger Entfernung wie müde Leuchtkäfer. Der Nachtwind stand ungünstig. Ich konnte nicht hören, ob ein größerer Reitertrupp jetzt in das Nest einritt. Und außer den Lichtpunkten der traurigen Ölfunzeln vermochte ich auch nichts zu sehen.

Aber was machte es? Ich war jedenfalls vor Claggett hier, und dieser Umstand hob meine Laune beträchtlich.

Ein Streifen Dörrfleisch aus der Satteltasche stellte mein Abendessen dar. Mit einem Schluck Wasser spülte ich nach, rauchte hinter der Hand eine Zigarette und führte meine Herde dann weiter nach Osten. Vor Tagesanbruch kam ich wahrscheinlich nicht nach San Bernardino hinein, aber bestimmt vor Sonnenaufgang. Vorausgesetzt, der Wind von den Bergen wurde nicht zu kalt und machte meine Maultiere steif.

Ich verließ die Passhöhe und zog meinen Weg weiter. Hätten die Verfolger ausgeruhte oder frische Pferde gehabt, hätten sie mich schon eingeholt haben müssen. Daraus schloss ich, dass sie in Alta Loma keine Pferde hatten umtauschen können.

Von den Pinon Bergen blies schon bald ein eisiger Wind herunter. Erst schlug ich den Hemdkragen hoch. Aber die Kälte ging durch und durch. Notgedrungen holte ich meine Jacke aus der Gepäckrolle und schlüpfte hinein. Auch das half nicht viel. Da versuchte ich, ein paar Meilen zu schlafen. Ich hatte Übung darin, und es ging leidlich. Jedenfalls fiel ich nicht aus dem Sattel.

Natürlich schaffte ich es nicht bis Sonnenaufgang. Die Sonne stand schon handbreit über den Redland Bergen östlich der Siedlung, als ich endlich meine Maultiere nach San Bernardino hinein lenkte. Ganz offen. Jeder sollte sie sehen.

Das war ja mein Trick. Hier musste ich die Verfolger abhängen und eine falsche Fährte legen, damit sie in einer anderen Gegend der Wüste suchten. San Bernardino war der letzte Außenposten vor der Mojave. Und vor den beiden Pässen, dem Cajon im Norden und dem San Gorgonio im Osten. Gegenüber der Posthalterei strich ein Mann sein Haus mit scheußlicher gelber Farbe an. Ich hatte eine Idee - wieder so einen verrückten Blackburn Einfall. Ich hielt an und rückte am Hut. Dann sagte ich höflich zu dem Mann: »Könnte ich für fünf Cents von dieser Farbe haben, Mister?«

So eine ausgefallene Frage hatte man ihm wohl noch nie gestellt. Er schaute entgeistert und nickte dann, aber ich glaube, er hatte meine Bitte gar nicht richtig verstanden.

Im nächsten Augenblick war ich schon aus dem Sattel, nahm ihm den Farbpinsel und den Blechkanister aus der Hand und malte allen meinen Maultieren einen dicken hässlichen Strich auf die rechte Hinterbacke, und zwar an der Stelle, wo sie ihn nicht abreiben konnten. Grinsende Zuschauer fanden sich ein. Sie verfolgten mein Treiben aufmerksam und sparten nicht mit witzigen Ratschlägen. Zum Beispiel, ob ich nicht lieber die Ohren der Tiere anstreichen wolle. Ich ließ mich nicht aus der Ruhe bringen, denn ich hatte Gründe für mein Tun. In San Bernardino lebten nämlich nicht nur rechtschaffene Leute, sondern auch Burschen, die hier gestrandet waren, entweder bevor sie in die Wüste gingen oder nachdem sie gerade noch der tödlichen Mojave entkommen konnten. Es gab auch sonst allerlei gefährliche Hombres in dem Nest. Pistoleros und Halsabschneider, die man mit fünf Dollar für jede Arbeit kaufen konnte. Und versoffene Indianer, die dem Pferdedieb Dan Maratta Konkurrenz machen.

Auf dem Herweg hatte ich hier Station gemacht. Die begehrlichen Blicke, die meinem Leopardenschecken gegolten hatten, waren mir noch deutlich in Erinnerung. Außerdem hatte ich erstklassige Maultiere. Das war eine große Verlockung.

Während ich die rechte Hinterbacke der Tiere anstrich, zählte ich auch gleich. Die Herde war noch vollzählig. Zwei Männer schoben sich heran. Einer schwankte. Der andere war auch nicht gerade nüchtern. Ich hörte es, als er rülpsend fragte: »Brauchen Sie ’n paar Treiber, Mister? Ich und mein Freund sind gerade frei.«

»Danke, ich muss mit den Böcken bloß bis Barstow rauf, da erwarten mich meine Freunde«, lehnte ich ab.

»Für zwei Dollar pro Nase kaufen Sie uns, Mister!« Der Kerl ließ nicht locker, er musste wirklich restlos abgebrannt sein.

»Nichts zu machen!« Ich grinste ihn an, dass er zwei Schritte zurückwich. Dann bezahlte ich meine fünf Cents für die Farbe und gab Pinsel und Kanister zurück. Und danach ritt ich bis zur Plaza und wandte mich dem nördlichen Ausgang zu. Nach Barstow kam man nämlich nur über den Cajon Pass. Den Leuten hatte ich ein Ziel genannt. Nun ritt ich auch noch in Richtung Pass. Wenn das nicht überzeugend war, dann wollte ich nicht Cannon Blackburn sein.

Zudem wollte ich einen namhaften Betrag wetten, dass Claggett und die Strolche genau die Auskunft bekamen, die ich wünschte. Mir war klar, dass sie nach mir herumfragten, wenn sie nach San Bernardino kamen.

Meine Entscheidung stand jetzt aber fest. Ich ging nicht über den Cajon Pass, sondern über den San Gorgonio. Das erschien mir sicherer. Zwar hatte ich mir von Cleveland noch einen Pass beschreiben lassen, aber der war zu risikoreich. Außerdem wusste kein Mensch genau, wo er lag. Eben irgendwo im Süden der San Bernardino Berge, zwischen dem Cahuilla und dem Rabbat Peak. Da waren die Bergzüge durchweg zwischen fünfeinhalb und sechseinhalb tausend Fuß hoch.

Von diesem ominösen Pass wusste man nur, dass alle paar Jahre einige Leute darüber kamen. Wie es dahinter mit Wasser bestellt war, davon hatte Cleveland nicht einen blassen Schimmer gehabt.

Wesentlich ausführlicher hatten wir uns über den Cajon und über den San Gorgonio unterhalten. Wenn ich es recht bedachte und mir diese Unterhaltung nachträglich noch einmal in Erinnerung rief, dann hatte Cleveland ganz eifrig vom Cajon gesprochen und mir die Piste über Barstow schmackhaft machen wollen. Nun, da ich gegen jeden misstrauisch sein musste, mit dem ich bisher in Kalifornien zu schaffen gehabt hatte, vermutete ich dahinter natürlich Absicht. Diesem Cleveland pfiff ich was! Ich war erwachsen und konnte die Risiken einer Wüstenreise selber einschätzen. Hinzu kam, dass ich den Spanish Trail schon vom Herweg kannte. Da ich zurück musste, wollte ich mir bei der Gelegenheit wenigstens eine andere Gegend ansehen. Und, wie gesagt, auf der Südpiste hatte ich ein Wasserloch mehr.

In Sichtweite des nördlichen Stadtausganges fand ich, was ich suchte. Eine Tierhandlung. In Englisch und Spanisch pries der Unternehmer auf der Vorderwand seiner schäbigen Hütte Pferde, Esel und Maultiere zu niedrigsten Preisen an. Solche Witzbolde kannte ich. Wenn man ein erstklassiges Pferd von denen haben wollte, musste man dennoch seine hundert Dollar hinlegen. Hat sich was mit Niedrigpreisen!

Ich ritt in seinen Hof, und ich hatte richtig kalkuliert. Er kam in langen Unterhosen herausgeschossen, beguckte meine bemalten Maultiere und kratzte sich ratlos am Kopf.

Ein Mexikaner. Und zwar einer von der Sorte, der ich nicht so gern in der Dunkelheit begegnen möchte. Leute seiner Sorte bevorzugen das Messer und nicht den Revolver, weil es lautlos ist.

»Ay, Señor, verkaufen Sie diese netten Tierchen?«, fragte er und machte schon einen Vorschlag, »Zehn Dollar das Stück?«

Ihm musste die Hitze nicht bekommen sein, oder er hielt mich für einen ausgemachten Trottel, weil ich die Herde allein trieb. Fünfundzwanzig Dollar hatte ich selber bezahlen müssen, wobei ich stolz war, dass ich Cleveland noch fünf Dollar an jedem Tier abgehandelt hatte.

»No, Amigo, die sind nicht zu verkaufen.«

Wieder kratzte er sich am Kopf.

»Was wünschen Sie dann, Señor?« In seinen Augen begann es zu funkeln.

Ich war auf der Hut.

»Dass Sie diese netten Tierchen ausgiebig füttern und tränken, Amigo, und mir heute Abend nach Sonnenuntergang zum Lytle Creek rausbringen. Und zwar vollzählig, verstanden?«

Er war nur für einen Augenblick perplex.

»Pues, warum nicht gleich zum Cajon rauf?«

»Eine gute Idee, aber die Sache könnte ziemlich gefährlich für Sie werden.«

Er zwinkerte, beguckte sich noch einmal die Maultiere, dann mich. Anschließend starrte er auf den Hofeingang, und endlich kehrte sein Blick zu mir zurück und verweilte auf meinem Revolver.

»Si«, meinte der Hombre.

Der Mann wusste, was ich meinte. Er war klug. Und ein Schlitzohr.

Als ich ihm beim Abladen half, bemerkte ich seine wohlgefälligen Blicke, die den Packsätteln, den Futtersäcken und dem anderen Zeug galten. Wenn ich ihn damit zum Lytle Creek rauskommen ließ, fehlte unter jeder Garantie die Hälfte. Aber ich hatte auch mit diesem Hombre meine Pläne. Alles war Bestandteil meines großen Tricks.

6

Ich konnte davon ausgehen, dass ich meinen Verfolgern wenigstens einen halben Tag voraus war. Ohne frische Pferde konnten sie nicht vor dem Spätnachmittag eintreffen. Das gab mir Bewegungsfreiheit. Ich stromerte in dem Nest herum. Keine bequeme Sache, weil ich meine hochhackigen Reitstiefel anhatte. Bei einem Barbier ließ ich mir die letzte Rasur vor der Wüste machen, in einer Bodega nahm ich einen Whisky mit viel Wasser, dann schaute ich meinem Freund mit dem Farbpinsel zu, der das Haus fast fertig gestrichen hatte.

Gegenüber im Hof der Posthalterei wurde gehämmert und gezimmert und schlimm geflucht.

»Adelante, los Caballos por las Damas!«, befahl eine tiefe Stimme.

Wenig später trat der schwergewichtige Patron auf die Straße, blickte grimmig herüber, spuckte in den Straßenstaub und walzte in die Posthalterei hinein.

»Schlechte Laune, was?«, meinte ich an meinen Freund gewandt.

»Letzte Nacht hat man die Postkutsche zusammengeschlagen. Weiß der Teufel, wer so etwas tut! Jedenfalls fällt die Fahrt nach Barstow aus.«

»Barstow?«, machte ich nicht gerade geistreich. Meines Wissens war die Strecke durch die Wüste schon vor Jahren eingestellt worden. »Ja, fährt da überhaupt noch eine Kutsche hin?«

»Die sollte es jedenfalls.« Mein Freund zeigte mit dem Pinsel auf den Hof der Posthalterei. »Sonderkutsche aus LosAngeles, glaube ich. Irgendein reicher Mensch, der sich dieses Vergnügen leisten kann, hat sie gemietet.«

»Ach so«, brummte ich.

Wie die Kutsche drüben im Hof zugerichtet war, würde es noch zwei Tage dauern, bis sie wieder rollen konnte. Sie musste es gewesen sein, die ich gestern in der Ferne hatte vorbeischnurren sehen. Man schien großes Interesse daran zu haben, den reichen Mann noch eine Weile in San Bernardino festzuhalten. Wer so feudal reiste, lebte auch entsprechend und gab eine Menge Geld aus. Ein kleiner warmer Geldregen konnte dem Nest nur nützlich sein. Ich argwöhnte sogar, dass der Patron gegenüber die Hand im Spiel hatte und an der Zertrümmerung der Kutsche nicht ganz unschuldig war.

Prächtige Pferde wurden jetzt im Hof aufgezäumt. Aha, eine Damengesellschaft wünschte einen Ausritt zu machen. Hier gab es ja nicht nur arme Leute, sondern auch reiche Familien, was an den Häusern unschwer zu erkennen war. Ich schlenderte weiter, vertilgte in einem Speisehaus eine Frühstücksportion, die zwei Männer gesättigt hätte, aber bei mir gerade die Winkel meines Magens notdürftig ausfüllte, und kehrte danach zu meinen Maultieren und meinem Schecken zurück.

Ein paar fragwürdige Gestalten standen herum. Sie verschwanden bei meinem Auftauchen.

Der Hombre hatte die Tiere gut versorgt. Unter einem Wetterdach wühlte ich mich ins Stroh und schlief. Der halbe Nachmittag war um, als ich hervorkroch und mich am Brunnen erfrischte. Ich füllte meine Wasserflasche, tränkte den Schecken und sattelte ihn.

Darüber kam der Hombre aus seiner Hütte. Ich schaute zur Sonne hoch.

»In einer halben Stunde brechen Sie auf, Amigo.« Bei meinen Worten legte ich die Hand auf den Revolverkolben.

»Si, si!« Der Mann nickte eifrig. »Und die Bezahlung?«

»Später!«

Ich ritt aus dem Hof, zur Plaza zurück und schlug frech und unbekümmert den Weg zum San Gorgonio Pass ein. Viele Blicke folgten mir. Das wollte ich ja auch. Außer Sichtweite der Stadt schlug ich mich nach links in die Büsche und achtete darauf, niemand zu begegnen. Der Schecke war ausgeruht, und mir hatten die paar Stunden Schlaf gut getan.

Ich hielt auf den Weg zu, der nach Norden zum Cajon Pass führte. Auf einem Hügel unter schattigen Bäumen bezog ich Posten, als ich das graue gewundene Wegband erblickte.

Im Norden stand keine Staubwolke. Aber von der Stadt her näherte sich eine. Der Hombre brachte die Maultiere.

Ich ließ ihn bis auf meine Höhe kommen und jagte hinunter. Er schaute verblüfft. Noch verblüffter war er, als ich die gelben Striche zu zählen begann. Ich kam auf achtundvierzig.

Der Hombre begann zu schwitzen. Ich zählte die Tragsättel. Zwölf statt fünfzehn!

Es fehlten weiter Futtersäcke, drei Wasserschläuche und ein Falteimer.

Er hatte damit gerechnet, mir die Herde in der Dunkelheit am Lytle Creek übergeben zu können. Da wären mir die Verluste kaum aufgefallen.

»Bueno!«, sagte ich nur und zog den Revolver.

Wie der Blitz war er von seinem Pferd herunter und warf sich auf die Knie. »Madre de Dios, nicht schießen, Señor!«, jammerte er. »Ich bin ein armer Mann.«

Er war ein ausgekochter Halunke.

Ich tat unentschlossen. Schließlich dirigierte ich ihn auf sein Pferd. Er musste mir helfen, die unvollständige Herde hinter den Hügel zu bringen und den Seilcorral aufzuspannen. Abuela pflockte ich doppelt an. Wenn sie mit dem einen Strick fertig war, konnte sie ja mit dem nächsten beginnen. Bis dahin aber wollte ich zurück sein.

»Vamos, Amigo! Holen wir mein Eigentum!« Ich winkte mit dem Revolver.

Der Gauner ritt brav vor mir her.

Als das Nest in Sicht kam, trieb ich ihn vom Weg herunter. Wir näherten uns von der Rückseite seinem Hof. Ich wollte nicht gesehen werden, denn ich hatte San Bernardino offiziell bereits verlassen. Und zwar in Richtung Osten. Aber ohne meine Herde, damit auch jeder merkte, dass ich eigentlich etwas ganz anderes im Schilde führte.

Ich hörte Stimmen im Hof und packte instinktiv den Hombre an der Schulter, bevor er um die Ecke bog. Lamb Claggetts Stimme erkannte ich aus tausenden heraus. Der Kerl war da! Er hatte den Platz gefunden, wo ich die Herde untergestellt hatte!

»Wann?«, fragte er gerade.

Ich riskierte einen Blick um die Mauerkante. Claggett war‘s tatsächlich. Zu Fuß und ziemlich verstaubt und müde wirkend. Sehr viel besser sahen auch die anderen nicht aus: Belk, Maratta, mein ganz besonderer Freund, der Tierhändler aus San Fernando, und die fünf Männer, die ich aus großer Entfernung als harmlose Punkte gezählt hatte. Jetzt sahen sie weniger harmlos aus. Das waren Männer, die hart und unnachgiebig wirkten, immer auf dem Sprung. Sie trugen die Revolver tiefgeschnallt, einer war sogar mit zwei Sechsschüssern ausstaffiert.

Claggett hatte sich einen Mexikanerjungen vorgeknöpft.

»Pues, Señor, vor einer halben Stunde«, antwortete das Bürschlein. »Ich glaube, sie treffen sich am Lytle Creek.«

Ich grinste. Das klappte ja vortrefflich. Belk fluchte, dass ein Toter dabei noch erröten konnte.

Claggett winkte wütend ab.

»Glaubst du das nur, oder hast du zufällig etwas die Ohren aufgesperrt, Bursche?«

Der Junge trippelte unruhig herum. Diese unfreundlichen Americanos machten ihm Angst.

»Ich habe es gehört, Señor. Der blonde große Americano hat es befohlen. Am Lytle Creek. Nach Sonnenuntergang.«

Na, da sollte doch gleich der Blitz hineinfahren! Ich hatte keinen Lauscher bemerkt. Aber vielleicht hatte der Händler den Mund nicht gehalten.

»Ohne frische Pferde und ein paar Ersatztiere kriegen wir den nie!«, giftete Belk. »Hättest du nicht alles verbockt, wären wir längst nach drüben unterwegs.«

Nach drüben - also Nevada! Das hörte sich ja interessant an.

»Er hat mich reingelegt«, erwiderte Claggett sauer. »Und du bist auch reingefallen. Mach mir also keine Vorwürfe!« Er wandte sich wieder an den Jungen. »Und der große blonde Americano ist selber nach Osten geritten?«

»Si, es war sein Pferd!«, versetzte der Bursche trotzig. »Was für ein Pferd!« Verzückt verdrehte er die Augen.

»Verstehst du das?«, wunderte sich Claggett und schaute Belk an. »Er reitet nach Osten, und die Tiere bestellt er nach Norden. Das geht doch nicht zusammen.«

Henry Maratta grinste breit.

»Er will seine Spur verwischen, ganz einfach. Wir sollen denken, er sei zum San Gorgonio, dabei haut er in aller Ruhe über den Cajon ab. Und damit es niemand merkt, lässt er sich von einem einheimischen Händler die Herde herausbringen.«

»Warum hat er die Tiere dann angestrichen?« Das war mein Freund aus San Fernando. »Der Kerl hat tatsächlich einen Vogel!«

Also wussten sie auch das schon. Seine Meinung über mich war nicht sehr schmeichelhaft, aber auf die pfiff ich.

»Damit er sie in der Dunkelheit noch halbwegs erkennen kann, denke ich mir«, sagte Maratta.

Lamb Claggett stand nachdenklich da.

»Wenn’s nur nicht umgekehrt ist«, sagte er voller Zweifel. »Der Kerl ist mit allen Wassern gewaschen.«

»Na, und wenn schon«, meinte Belk. »Ob wir ihn kriegen oder ...« Er wandte sich ab, so dass ich seine letzten Worte nicht verstand. Das bedauerte ich. Denn ich hatte das Gefühl, dass es etwas höchst Bedeutsames war, was er sagte. Bedeutsam und wichtig für mich.

Draußen auf der Straße blieben sie stehen. Claggett winkte den Mexikanerjungen zu sich.

»Wo kann man Pferde bekommen?«

»Hier nicht, der Patron ist doch mit den Arrios fort, Señor. Wenn Sie bis Mitternacht warten wollen ...«

»Zu spät.«

»Bis Mitternacht ist er bestimmt zurück!«, bettelte der Junge.

»Ach, halt's Maul!«, sagte Claggett grob. »In diesem Nest wird man doch wohl ein paar Pferde zu verkaufen haben.«

Die Strolche entfernten sich.

Ich stieß den Atem aus. Das war knapp hergegangen. Und viel Zeit durfte ich auch nicht vergeuden. Die Halunken waren fest entschlossen, sofort hinter den Maultieren herzusausen. Es konnte nicht länger als eine Stunde dauern, bis sie ihre benötigten frischen Pferde und Ersatztiere beisammen hatten.

Ich drückte dem Hombre den Revolver ins Kreuz.

»Wir holen jetzt alles zusammen, und du bist gut beraten, wenn es schnell und lautlos geschieht.«

Der Schweiß stand ihm auf der Stirn. »Si.«

7

Ich hatte Claggett und die Bande im Nacken und den Hombre am Bein, der mich hatte bestehlen wollen. Die zwei fehlenden Maultiere und den übrigen Kram hatte ich zwar wieder, aber wohin jetzt mit dem Kerl? Ließ ich ihn sausen, ritt er schnurstracks zur Stadt zurück und der Bande genau in die Arme. Ich wollte wetten, dass Claggett dann fünf Sekunden später wusste, dass ich ihn auf dem Hof belauscht hatte. Außerdem gingen mir Belks Worte im Kopf herum. Also, ob sie mich kriegten oder ...? Oder wer?

Ich wollte mich hängen lassen, wenn da nicht noch jemand im Spiel war!

Das hatte ich die ganze Zeit befürchtet. Jemand, von dem ich keine Ahnung hatte. Oder zumindest keine Ahnung haben sollte! Schlau eingefädelt war das.

Dann hockte am Ende doch schon eine zweite Bande auf der Wüstenpiste und erwartete mich am ersten Wasserloch. Auf der Piste über Barstow allerdings. Und die wollte ich ja nicht nehmen.

»Wir verwischen jetzt erst mal unsere Spuren«, sagte ich zu meinem sauer blickenden schlitzohrigen Begleiter. Er musste mir helfen, die Fährte zu löschen, wo ich die Herde vom Weg heruntergeführt hatte.

Auf dem Ritt hinter den Hügel schleppte ich einen trockenen Busch nach und löschte oberflächlich auch diese Spur. Der Seilcorral stand noch, und die Herde war beisammen. Abuela hatte einen Strick aufgezogen und arbeitete emsig am zweiten. Mit den Tieren jetzt aufzubrechen, erschien mir zu gefährlich. Jeden Augenblick konnte Claggetts Bande aus Richtung San Bernardino auftauchen. Die mächtige Staubwolke hätten sie sofort entdeckt und wären nachschauen gekommen. Also setzte ich mich nieder, rauchte eine Zigarette und wartete.

Dem Hombre ging meine Schweigsamkeit auf die Nerven.

»Señor, was wird das, was haben Sie vor?«

»Darüber denke ich gerade nach«, sagte ich.

Als die Zigarette aufgeraucht war, nahm ich mein Gewehr aus dem Scabbard und deutete mit dem Lauf zum Hügel zwischen dem Seilcorral und dem Weg zum Cajon Pass. Der Hombre schritt ächzend vor mir her. Ein großer Fußgänger war ich auch nicht und er noch viel weniger, aber ich konnte den Burschen nicht unbeaufsichtigt lassen. Er musste mitkommen, ob es ihm gefiel oder nicht.

Wir kamen gerade zurecht, um die Bande vorbeidefilieren zu sehen. Sie hatten sich mit frischen Pferden eingedeckt und zogen sechs Ersatzpferde mit. Der Spaß hatte sie eine Stange Geld gekostet. Ohne Argwohn ritten sie vorbei. Sie nahmen ja an, dass die Herde schon halbwegs am Lytle Creek war.

Ich duckte mich unter die Bäume und drückte den Kopf des Hombre hinab, als er gar zu neugierig die Nase hochreckte. Lamb Claggett hatte die Spitze übernommen. An der Art, wie er ritt, merkte ich, dass er bis unter die Haare voller Wut steckte. Ich wünschte, dass er platzte, wenn er merkte, dass ich ihn und seine Strolche in die Irre geschickt hatte.

Die Staubwolke hinter dem Trupp zog nach Norden und geriet bald aus meinem Gesichtskreis.

»Reiten wir jetzt?«, fragte der Hombre hoffnungsvoll. Dabei schielte er auf mein Gewehr. Ich hatte es nur für alle Fälle mitgenommen.

»Si, Amigo«, sagte ich grinsend, »jetzt reiten wir auch.«

Wir kehrten zur Herde zurück, verteilten die Futtersäcke, Tragsättel, Wasserschläuche und den Falteimer richtig und stiegen auf. Der Hombre protestierte, als ich den Schecken nach Südosten ausrichtete und Abuela an die Longe nahm.

»No, Señor, Sie müssen nach Norden!« Er zeigte die Richtung an.

»Irrtum, mein Freund, unsere Reise geht nach Osten. Es sollte nur so aussehen, als hätte ich mich zum Cajon Pass gewandt.«

Er schluckte aufgeregt. Die Konsequenzen konnte er sich ausmalen.

»Und dann erschießen Sie mich?«

Ich ließ ihn zappeln. Nach einer Weile sagte ich: »Das hängt allein von dir ab, Amigo. Hilf mir, die Herde treiben und bedenke, dass ein Gewehr sehr weit schießt!«

Oh, da war er mit Feuereifer bei der Sache. Ich glaube, in diesen Minuten gab es in ganz Kalifornien keinen fleißigeren Maultiertreiber.

Ich führte die Herde auf meiner Fährte zurück zum Weg nach Osten. Einmal sah ich Reiter in der Ferne. Beim Näherkommen erkannte ich, dass es Feldarbeiter auf Eseln waren. Wir passierten sie in einer Meile Entfernung. Sie hielten an und blickten uns nach. Die Sonne ging unter, als wir auf den Weg zum San Gorgonio Pass einbogen. Der Hombre hielt an. Er hatte genug.

Ich winkte ihn weiter, mein Plan war fertig. Ich wollte ihn bis zum Morgen bei mir behalten und dann erst laufenlassen. Was er dann in San Bernardino für wüste Geschichten erzählte, konnte mir gleichgültig sein. Jedenfalls würde er fast den ganzen morgigen Tag brauchen, um heimzureiten.

Wahrscheinlich hatten bis dahin Claggett und seine Strolche gemerkt, dass ich sie auf die falsche Fährte gelockt hatte. Sie konnten schon zurück sein, bis der Hombre in das Nest kam. Mit einiger Sicherheit lief der Kerl spornstreichs zu Claggett und berichtete ihm die haarsträubende Sache. Und ebenso sicher war, dass die Bande sich auf die Pferde schwang und hinter mir herkam. Aber ich hatte vierundzwanzig Stunden Vorsprung! Und volle Wasserlöcher vor mir!

Als es finster wurde, ließ ich den Mann neben mir reiten. Ich traute ihm nicht weiter, als mein Arm reichte. Der Weg wurde hart und uneben und schlängelte sich immer steiler bergauf. Am kalten Fallwind merkte ich schon, dass wir uns dem Pass näherten. In der Bergwildnis ging rauschend ein Steinschlag nieder. Das Echo rumorte eine Weile in Tälern herum, bis es schließlich erstarb. Nach dem Stand der Sterne war es zwei Stunden nach Mitternacht, als wir oben auf dem Pass anlangten. Die Kälte lud nicht zum Verweilen ein. Die Maultiere drängten sich zusammen und suchten die Wärme des Nachbarn.

Am Tag hatte man vom San Gorgonio sicher einen herrlichen Blick auf die Bergwelt. Ich bedauerte es fast, dass ich zur Nachtzeit hier oben war. Aber ich war ja nicht unterwegs, um mir die Naturschönheiten anzusehen, sondern um ungeschoren durch die Mojave zu kommen.

Mein Begleiter wider Willen hatte endgültig die Nase voll. Er wollte Geld von mir haben. Die Futter- und Einstellkosten.

»Du warst nicht ehrlich zu mir, mein Freund, also ist es nur recht und billig, wenn du mich bis zum White Water Creek begleitest«, sagte ich. »Dort kannst du umkehren.«

Er verlegte sich aufs Flehen. Ich stellte mich schwerhörig. Er sagte eine Reihe unfreundlicher Sachen, aber er ritt los. Neben mir.

Die Maultiere hatten es eilig, von der zugigen Passhöhe fortzukommen. Außerdem roch es verdächtig nach Bär. Ganz wohl war mir auch nicht. Auf dem Osthang vom San Gorgonio legten wir zweimal Rast ein, und eine Stunde nach Tagesanbruch langten wir am letzten Bach vor der Wüste an. Das Wasser war kalt wie Eis und so klar, dass ich die Fische darin sehen konnte. Mich wunderte es, dass sie nicht längst erstarrt waren. Wir tränkten die Herde, und dann musste mein Hombre noch mit heran, um die Wasserschläuche zu füllen. Nach dieser Arbeit gab ich ihm fünf Dollar. Er schielte in den Lederbeutel, aus dem ich das Geld nahm. Sein Gesicht nahm einen seltsamen Ausdruck an.

Ich gratulierte mir zu meiner Vorsicht. Dem Kerl war wirklich nicht zu trauen.

»Du kannst jetzt heimreiten«, teilte ich ihm mit.

Zögernd und grußlos lenkte er sein Pferd herum. Ich merkte ihm an, dass er bedauerte, keine Waffe bei sich zu haben. Als er schon ein Stück entfernt war, rief ich: »Und grüße Lamb Claggett und die acht Americanos von mir!«

Er antwortete mit einem sehr unanständigen Wort und ritt zum San Gorgonio hinauf, ohne sich umzublicken.

Ich brachte meine Herde durch den Creek und schlug Tempo an. Bevor die Tageshitze einsetzte, musste ich im Yucca Tal sein. Dort gab es noch Schatten, sozusagen die letzte erholsame Oase vor der Mojave. Aber dass ich schon am Rand der Wüste ritt, merkte ich an verschiedenen Anzeichen. Es gab keinen Grasbewuchs mehr, trotz des nahen White Water Creek. Die Büsche wuchsen klein und stachelig, und der Weg verzettelte sich in viele Einzelpfade.

Die Sonne ging auf, und schlagartig wurde es heiß. In spätestens zwei Stunden war die ganze Gegend wie ein Backofen.

Halbrechts voraus sah ich den Salton. Nicht den See, sondern den gleichnamigen Berg. Über fünftausend Fuß hoch. Die Sonne war hinter ihm hervorgekommen. Davor erstreckten sich die Ausläufer der Rocklands, mehr nach Norden hin, und dem Süden zu sah ich die Ketten der Eagle Mountains. Und dazwischen erstreckten sich öde trostlose Sandflächen.

Wenn einer glaubt, die Mojave sei eine brettebene Wüste, so soll er sich den Zahn gleich ziehen lassen. In Wahrheit ist, sie eine Ansammlung von Sandebenen, staubtrockenen mächtigen Tälern, Canyons, kreuz und quer laufenden Bergketten, roten Gebirgen und schwarzen Lavabarrieren. Vor allem von Seen. Ich glaube, in keiner Wüste der Welt gibt es so viele Seen wie in der Mojave. Die haben bloß den Nachteil, dass sie knochentrocken sind. Nur die herumliegende Salzkruste verrät einem, dass es vor langer Zeit Wasser im Überfluss gab. Aber was vor Urzeiten war, nützt einem heutzutage verdammt nichts.

Meines Wissens halten nur drei Seen noch etwas Feuchtigkeit, und die ist ungenießbar, weil sie noch mehr Salze als Sand und Dreck und anderes undefinierbares Zeug enthält. Wer von der Brühe trinkt, muss sterben. Das Salz zerfrisst ihm die Därme. Davor bekommt er aber noch das Fieber.

Ich kenne schreckliche Geschichten von Leuten, die elend zugrunde gingen, weil sie davon getrunken hatten.

Eine Meile nach dem Creek erregten Vögel meine Aufmerksamkeit. Sie zankten sich vor mir auf dem Pfad um etwas. Im Heranreiten sah ich, dass es Pferde- oder Maultieräpfel waren. Schimpfend schwirrte die Vogelschar hoch und folgte dann geduldig meiner Herde und dem, was die viel reichlicher hinterließ.

Der Abwurf war zerhackt, aber offenbar frisch. Keine zwölf Stunden alt. Nun ja, ich war ja nicht der einzige Reisende, der die Südpiste kannte. Sie wurde noch benutzt, selten zwar, aber immerhin.

Ich versuchte, die passende Fährte zu dem Abwurf zu finden. Das war leichter gesagt, als ausgeführt. Es hatte seit Monaten nicht geregnet, der sandige Boden hatte alle Fährten bewahrt. Sie liefen in meiner Richtung und kamen mir entgegen. Nur so viel fand ich heraus, dass zwei oder drei Pferde vor mir gegangen waren. Nach Osten. Das brauchte nicht unbedingt etwas zu bedeuten, aber ich war besser vorsichtig. Belks unklare Worte fielen mir wieder ein.

Etliche Maultiere begannen zu stolpern. Ich hatte ihnen einen Gewaltmarsch zugemutet. Sie mussten jetzt Ruhe haben. Bloß war das YuccaTal noch nicht in Sicht.

Eine Stunde später erreichte ich es, und als ich gerade aus dem Sattel rutschen wollte, schnupperte ich Rauch.

Nun ist die Mojave ja nicht gerade belebt wie die Main Street von Los Angeles. Vor allem sieht man sich die Leute an, die man trifft. Wer durch die Wüste zieht, muss schon triftige Gründe dafür haben. Sofort dachte ich an den Abwurf und die undeutliche Fährte. Die Leute hatten wohl den Rest der Nacht im Yucca Tal verbracht und sich mit dem Aufbruch verspätet. Oder sie wollten wie ich die Tageshitze in diesem letzten schattigen Tal überstehen.

Das Tal hat seinen Namen von den Yuccas, die hier in großen Inseln wachsen, über mannshoch, mit genügend kühlem Schatten unten um die Stämme herum.

Ich band Abuela fest und erkundete erst einmal die Lage mit meinem Schecken.

Hinter einer Yucca Insel stieg der Rauch auf.

Die Leute hatten Nerven! Verbrannten halbgrünes Zeug, statt die dürren langen und nur fingerbreiten Yuccablätter zu nehmen.

Ich ritt einen Halbkreis, um eine bessere Position zu gewinnen, von der aus ich sehen konnte, wer sich da so sorglos niedergelassen hatte.

Plötzlich wieherte vor mir ein Pferd.

Dann kam schon ein krummbeiniger Kerl mit einem Gewehr um die Insel gebogen und zielte auf mich. Ich reagierte jedoch gar nicht. Ich saß im Sattel fest wie angeleimt. Vor lauter Staunen nämlich. Denn auf der anderen Seite des Yuccagestrüpps stand eine Frau, die ich zuletzt in Phinks Hotel in San Fernando gesehen hatte. Norie Catlin, oder ich wollte auf der Stelle meinen Hut verspeisen!

»Komm mal vom Gaul runter!«, knurrte mich der krummbeinige Mann an. Er war verschrumpelt wie ein alter Apfel und sah schmierig und ungepflegt aus. »Und lass die Hände besser von den Waffen!«

Seine Sprache war selbstbewusst. Nun ja, mit einem Gewehr in Händen konnte er freilich große Töne spucken. Ich drängte den Schecken mit den Schenkeln vorwärts und griff langsam an den Hut, damit mir der Kerl die Bewegung nicht falsch auslegte.

»Hallo, Madam, Sie hätte ich zuletzt hier vermutet«, sagte ich zu Norie Catlin.

»Welch ein Zufall, Mr. Blackburn!«, flötete sie.

Mir war, als sei sie nicht die Bohne überrascht.

»Pegleg, Sie brauchen das Gewehr nicht. Es ist ein lieber Bekannter.«

Mir wäre es fast wie Honigwasser runtergegangen, aber eben nur fast.

»Ja, zum Teufel, Sie erwarteten doch eine Freundin!«, platzte ich heraus. »Sollte ich mich so verhört haben, dass der Treffpunkt in der Mojave ist?«

»Steigen Sie doch ab!«, bat sie. »Meine Freundin ist hier, wir reisen immer zusammen.«

»Wohin denn, um Himmels willen?«

Well, sie guckte mich an, als sei ich nicht richtig im Kopf.

»Nach Santa Fe. Sagte ich das nicht? Wir verbringen jedes Jahr einige Zeit in Kalifornien. Mal in Los Angeles, mal in San Francisco, aber dann fahren wir wieder nach Hause.«

Ich stieg ab und machte ein dämliches Gesicht. Es stimmte, sie hatte so etwas gesagt. Dass sie eine gewisse Zeit in Kalifornien verbringt. Ich schätzte, als Freundin eines reichen Mannes vielleicht. Oder als Spielerin. Aber von Santa Fe war mir nichts bekannt.

Jetzt kamen zwei Frauen um die Insel. Die eine kannte ich. Sie war mit Norie Catlin aus der Mittagskutsche gestiegen und in Phinks Hotel eingezogen.

»Darf ich vorstellen? Mr. Cannon Blackburn, meine Freundin Daisy Frederick, meine zweite Freundin Kate Sims!«, machte uns Norie Catlin miteinander bekannt.

Die Blonde, die ich bereits kannte, war Daisy Frederick. Ich staunte über die Namen. Die klangen, als hätten sie sich die selber gegeben. Die Frederick und die Sims sahen mir nicht wie Spielerinnen aus. Allerdings auch nicht wie besonders fromme Schwestern. Ich tippte auf Mätressen oder wie das heißt.

Männer vermieten ihre Arbeitskraft. Oder ihre Kaltblütigkeit und ihren Revolver. Warum sollen Frauen nicht das vermieten, was sie haben?

Diese Frauen hatten jedenfalls einiges vorzuzeigen. Das sah ich. Und sie schauten ganz freundlich, fast erleichtert. Gerade, als sei ich ihnen wesentlich angenehmer als Gesellschafter als dieser schmierige Runzelzwerg, der noch immer mit seinem Gewehr herumhantierte.

»Ich bin entzückt«, sagte ich zu den Ladies, aber ich muss wohl ein Gesicht gemacht haben, das das genaue Gegenteil von meinen Worten ausdrückte.

Norie Catlin hängte sich ungezwungen bei mir ein, als seien wir seit Jahren die dicksten Freunde. »Sagen Sie nur, Sie reiten auch durch die Wüste?«

»Auch?« Ich blieb stehen.

»Oh, das muss ich Ihnen erklären«, plapperte sie. »Wir hatten Fahrgelegenheit bis San Bernardino. Ein Bekannter, verstehen Sie? Eigentlich sogar weiter. Aber stellen Sie sich vor, man hat seine Kutsche ruiniert. Dabei hat er einen wichtigen Termin. Den kann er nun nicht mehr einhalten.«

»In Santa Fe, nehme ich an!«, versetzte ich grimmig.

»Wie kommen Sie bloß darauf? Nein, in Salt Lake City. Er treibt Handel mit den Mormonen, glaube ich. Jedenfalls wird er nach Los Angeles umkehren, sobald die Kutsche fahrbereit ist. Schade, es wäre eine bequemere Reise gewesen als zu Pferd. Immerhin war er so großzügig, uns diese Tiere zu verehren. Er hat uns auch diesen Wüstenführer besorgt.«

Und bezahlt, fügte ich in Gedanken hinzu.

Wenn ich alles richtig verstand, hatte Norie Catlin diesem reichen Knaben aus Los Angeles abends das Bett gewärmt. Oder es war ihre Freundin Daisy. Jedenfalls hatte er sich spendabel gezeigt. Aber er musste völlig verrückt sein, dass er den Frauen gestattet hatte, durch die Mojave zu reisen. Mit nur einem Führer, der gleichzeitig Beschützer war.

Frauen haben in der Wüste überhaupt nichts zu suchen. Die Durchquerung ist selbst für erfahrene Männer immer ein tödliches Wagnis.

»Packen Sie zusammen und reiten Sie, was das Zeug hält! Zurück nach San Bernardino nämlich«, sagte ich grob. »Vielleicht treffen Sie noch den guten Mann an und können mit ihm nach Los Angeles zurückkehren. Nehmen Sie von dort die reguläre Kutsche der Butterfield Overland Linie! Es dauert zwar länger, aber Sie kommen dafür sicher nach Santa Fe. Was bei dem, was Sie vorhaben, höchst fraglich ist.«

»Aber Sie reiten doch auch in die Wüste!«, meinte sie in naiver Unschuld.

»Das ist etwas ganz anderes, Madam. Ich bin an das Leben in der Wildnis gewöhnt. Ich kann Hitze und Kälte und Entbehrungen ertragen. Aber ich kann nicht beschwören, dass ich die Mojave schaffe. Ein Sturz vom Pferd, ein Beinbruch, schon ist es vorbei. Oder ein Schlangenbiss. Es gibt auch Skorpione, von der giftigen Sorte. Und gefährliche Spinnen. Außerdem Banditen, weiße, braune und rote. Ich brauche sehr viel Glück, um durchzukommen. Ich verdiente Prügel, wenn ich Sie und Ihre Freundinnen mitnähme. Diese Verantwortung übernehme ich nicht. Niemals!«

»Wir fallen Ihnen nicht zur Last, bestimmt nicht«, beteuerte sie. »Und wir sind nicht so zerbrechlich, wie wir vielleicht aussehen. Und mit der regulären Kutsche? Mein Gott, dieser Umweg über Fort Yuma ganz unten im Süden! Wir sind doch schon in der Mojave. In einer Woche sind wir hindurch.«

»In einer Woche können wir alle längst tot sein.«

Ich machte keine faulen Sprüche. Ich sagte ihr, wie die Dinge standen.

»Sie bringen uns schon durch«, sagte sie und nickte, als müsste sie mir Mut machen. »Wir haben eine Ausrüstung und Wasservorräte.« Plötzlich zog sie die Braunen hoch. »Das wäre fabelhaft, da brauchen wir ja Pegleg nicht länger. Er kann umkehren.«

Sie traf solche Entscheidungen im Handumdrehen, ohne zu fragen, was ich von der Sache hielt. Ich hatte ihr die Mojave und die Umstände einer Durchquerung drastisch geschildert, ohne jede Übertreibung. Was ich nicht erwähnt hatte, waren meine Verfolger, die ich bald wieder auf der Fährte haben würde. Die Frauen hielten mich auch viel zu sehr auf. Das kostete mich pro Nacht mindestens zehn Meilen - und ließ Claggett und die Bande beständig näherrücken. Wenn es dann zu einer Schießerei kam, musste ich mich meiner Haut wehren und die Maultiere verteidigen. Und dabei noch drei Frauen beschützen? Das ging über meine Kräfte. Ich kenne meine Grenzen. Von allen bedeutenden Leuten, die mir einfielen, waren die meisten wegen einer Frau auf der Nase gelandet. Eine Frau lenkt ab. Man ist nicht recht bei der Sache, wenn es darauf ankommt.

Und dann gleich drei?

Da sprang ich lieber mit dem Hintern in einen Kaktus hinein.

Aber diese Norie Catlin schnurrte um mich herum wie eine Katze, der man das Fell streichelt. Zudem zwang mir dieser Pegleg eine Entscheidung auf, die er bereits getroffen hatte. Er kam auf einem Fuchswallach um die Yuccainsel geritten, griff an den speckigen Hut und sagte: »Habe das Gefühl, dass Sie bei dem Mister prima aufgehoben sind, Ladies. Der ist stärker als die Wüste. Ihnen allen viel Glück!« Sprach‘s und ritt davon.

Wenn ich nur schneller denken würde. Da hapert es bei mir. Als ich den Mund wieder zukriegte, war Pegleg schon ein ganzes Stück weg. Es sah auch nicht so aus, als könnte ich ihn zur Umkehr bewegen.

Teufel, das fing ja fein an!

Andere Leute bestimmten, und ich sollte ein freundliches Gesicht dazu machen und in alles einwilligen.

»Beeilen Sie sich, sonst holen Sie Pegleg nicht ein, Ladies!«, sagte ich fuchsteufelswild.

Norie Catlin war mächtig erstaunt.

»Wozu? Wir reisen jetzt doch mit Ihnen, Mr. Blackburn.«

Ich resignierte. »Sieht so aus«, knurrte ich.

Sie gehörte zu der Sorte Frauen, die von morgens bis abends einem Mann sagen, was er zu tun hat. Und die stets ihren Kopf durchsetzen müssen.

Noch hätte ich einfach meine Herde holen und weiterreiten können, aber drei Frauen schon halb in der Mojave sitzenlassen, war unfein, das gehört sich nicht.

Zwar brummte ich noch herum, aber die Sache war entschieden. Ich musste die Frauen mit nach drüben nehmen. Große Rücksicht wollte ich jedoch nicht auf sie nehmen.

»Können Sie überhaupt einen ganzen Tag im Sattel sitzen? Und das eine Woche lang?«, fragte ich. Es war ein letzter Versuch.

»Ganz sicher«, erwiderte Norie Catlin.

Ich marschierte zu dem Feuer und inspizierte die Ausrüstung. Es war alles da, was man für die Wüste benötigt. Sogar gefüllte Wasserschläuche.

Beim Anblick der Pferde zuckte ich zusammen. Nicht, weil es unverkennbar beste spanische Abkömmlinge waren, die eine stattliche Summe gekostet haben mussten, sondern weil ich sie in San Bernardino gesehen hatte. Im Hof der Posthalterei, nachdem der Patron gerufen hatte, seine Leute sollten die Pferde für die Ladies vorführen. Da hatte ich die Frauen und Pegleg doch wahrhaftig nur um Minuten verpasst.

Das war schon ein eigenartiger Zufall. Und genau darüber dachte ich nach.

Die Frauen hätten jedem Wüstenreisenden auf der Südpiste in den Weg geraten können. Wem passierte das? Mir natürlich.

Und auch schon in San Fernando hatte Norie Catlin Interesse an mir bekundet, kaum dass ich flüchtig auf sie getroffen war. Nach ihren Worten hatten wir uns sogar bereits in Los Angeles gesehen. Ich wollte allerdings schwören, dass das nicht wahr war. Für meinen Geschmack waren das ein paar Zufälle zu viel. Ich hatte eine wichtige Aufgabe vor mir, und ich durfte keinem Menschen vertrauen.

»Wir werden sehen«, sagte ich. »Wenn ich merke, das Sie oder eine Ihrer Freundinnen nicht mithalten, schicke ich Sie alle zurück. Mein letztes Wort in dieser Sache.«

Zwangsläufig musste ich den Lagerplatz näher in Augenschein nehmen. Die Frauen mussten mit Pegleg noch während der Nacht angekommen sein. Schlafrollen lagen herum. An Aufbruch in die heißeste Tageszeit hinein war nicht gedacht, denn es war ein Sonnensegel gespannt. Kochgerätschaften lagen schmutzig herum, Ungeziefer war bereits im Anmarsch, um sich an den Speiseresten zu laben.

»Waschen Sie den Topf und die Pfanne aus, sonst haben Sie zum Mittagessen zwei Pfund Ameisen in der Suppe«, warnte ich die Frauen. Zugleich wollte ich ihnen damit klarmachen, dass ich nicht auch noch ihr Geschirrwäscher und Koch sein wollte.

Diese Kate Sims machte sich an die Arbeit. Lieber Himmel, sie stellte sich an!

Ich war drauf und dran, ihr zu zeigen, wie man einen Topf mit etwas Wasser und einer Hand voll Sand reinigt. Gerade konnte ich mich noch bezähmen. Das wäre ja noch schöner, wenn ich gleich den Laufburschen und Lakaien für sie machte!

Ich kehrte dem Lagerplatz den Rücken und schwang mich in den Sattel meines Schecken. Irgendwie erwartete ich von einer Seite die Frage, ob ich die Ladies sitzenlassen wollte. Seltsamerweise schienen sie aber zu wissen, dass ich noch einmal wegreiten musste. Und wozu.

Na, das schmeckte mir alles nicht besonders. Darum beschloss ich, kein Wort zu viel zu sagen und mich besonders vor der schwarzhaarigen Norie in Acht zu nehmen. Ich hatte das dumpfe Gefühl, dass sie es auf mich abgesehen hatte.

8

Abuela hatte den Yuccabaum ausgerissen, an dem ich sie festgebunden hatte. Sie machte ein Gesicht wie Sünde und Teufelei, und vielleicht erwartete sie, für den Streich auch noch gelobt zu werden. Ich befreite ihre Longe von der stacheligen Yucca und führte die Herde in die Nähe des Lagerplatzes. Den Seilcorral aufzuspannen war nicht erforderlich. Ich zeigte den Tieren, dass es Wasser nur aus meinen Schläuchen gab. Sie würden wiederkommen, wenn die Hitze am größten war. Futter mussten sie sich selber suchen. Da und dort gab es verdorrtes Gras. Maisschrot und Hafer griff ich erst an, wenn wir in der Mojave nichts weiter als Sand und Steine fanden.

Die Ladies staunten über die seltsame Bemalung der Tiere.

»Wozu ist das nütze?«, erkundigte sich Kate. Sie hatte braunes Wuschelhaar und manchmal einen scheuen Blick. Wenn ich ehrlich sein will, gefiel sie mir am besten.

»Zu allerlei«, antwortete ich. »Die Farbe hält mindestens einen Monat, was es mir erleichtert, mein Eigentum wiederzuerkennen. Außerdem lässt sich in der Nacht ein gelber Strich viel leichter ausmachen als ein Maultierhintern, vor allem dann, wenn das Maultier vor einem wegläuft.«

»Dann werden wir also hauptsächlich nachts reiten?« Norie Catlin schlenderte zu meinem Vorratsstapel hinüber. »Pegleg sagte schon, dass man am besten in der Nacht unterwegs ist. Ich habe ihm nicht geglaubt.«

»Ja, man lernt eben nie aus«, versetzte ich mit gutmütigem Spott.

Sie war nicht beleidigt, im Gegenteil. Ihre Wissbegierde war geweckt. Dabei wollte ich viel lieber ein paar Stunden schlafen.

»Sind das alles Ihre Maultiere, Cannon? Ich darf doch Cannon zu Ihnen sagen? Nennen Sie mich Norie. Wir sollten nicht so förmlich sein, wo wir doch die nächste Zeit zusammen reisen.«

Ihr Mundwerk ging wie eine Klappermühle. Ich wünschte mich in die Bergeinsamkeit.

»Die Tiere gehören mir und ein paar Freunden von mir, Norie. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich jetzt etwas schlafen!«

Oh, sie schaute mich so strahlend an, als hätte ich ihr das schönste Kompliment gemacht. Als ich mich unter einer Yuccagruppe in den Schatten rollte, bemerkte ich ihren Blick, mit dem sie die herumwandernden Maultiere musterte. Genau so guckten die Pumas, wenn sie unsere Hühner erspähten.

Mein abgesattelter Schecke trottete zu den Spaniern hinüber und beschnupperte sie. Er suchte Anschluss.

Überläufer, dachte ich. Aber wie stand es denn mit mir? Ich hatte mich doch auch einwickeln lassen und saß jetzt mit drei Frauen da, die erwarteten, dass ich sie sicher durch die Mojave brachte. Ich schob meinen Revolver in den Hosenbund, legte die linke Hand auf das Gewehr an meiner Seite und deckte mir den Hut aufs Gesicht. In der Wildnis gewöhnt man sich einen sehr leichten Schlaf an, weil man bei jedem sonderbaren Geräusch voll handlungsbereit sein muss. Ich hörte die Frauen mit Geschirr klappern. Später roch es nahrhaft.

Ich schlief wieder ein und kroch am späten Nachmittag ausgeruht, aber hungrig unter den Yuccas heraus.

»Packen Sie zusammen! In einer Stunde gehe ich auf den Marsch«, sagte ich mürrisch, als ich sah, dass das Lager noch genauso aussah wie am Morgen. Ich sattelte den Schecken und holte die fehlenden Maultiere zusammen. Ich wollte gar nicht sehen, was die Frauen nun anstellten. Arbeit hatte ich selber genug. Fünfzig Maultiere zu tränken, ist kein Kinderspiel. Mir kam jedoch meine Erfahrung mit solchen Böcken zustatten. Kaum war ich damit fertig, verteilte ich die Tragsättel und die Lasten. Danach schlug ich verdorrte Yuccas. Genug, um zwanzig Kochfeuer anzuzünden. Ich teilte sie in vier Lasten und bürdete sie vier Tieren auf.

Norie, Daisy und Kate hatten inzwischen das mir unvorstellbare Wunder vollbracht, Herr über die Unordnung zu werden und alles sauber zu verpacken.

Na, sie sollten nicht denken, ich sei ein Rüpel, oder ich hätte keine gute Erziehung gehabt. Ich lud ihnen den Kram auf die Pferde und kontrollierte die Bauchgurte der Sättel. Die Spanier gesattelt hatten sie nämlich. Und ganz hervorragend, wie ich feststellte. Als Freundin reicher Männer lernt man das allerdings kaum. Mein Erstaunen behielt ich für mich. Ich deckte die Glut in der Feuerstelle mit Sand zu, stieg auf und ritt los. Genau auf die Rocklands zu.

Erst wollten die Frauen am Ende der Herde reiten, aber da merkten sie schnell, dass das der ungünstigste Platz ist. Im Handumdrehen sahen sie aus wie Staubeulen. Sie kamen nach vorn und schwatzten, dass mir die Ohren wehtaten. Von Los Angeles war die Rede, von Ballabenden und von feiner Gesellschaft. Sollten sie meinetwegen in Erinnerungen schwelgen. Bald genug würden sie sehnsüchtig an das flotte Leben in der Stadt der Engel zurückdenken. Das bedeutet nämlich der Name Los Angeles.

Bevor wir in die Rocklands hineinritten, schaute ich zum San Gorgonio zurück. Mit seinen über elftausend Fuß Höhe ragte er wirklich imponierend in den Himmel auf. Da oben in der Passfalte rechts vom Gipfel langte jetzt vielleicht gerade Claggett an. Selbst wenn die Bande über ein Fernglas verfügte, vermochte sie unsere Staubwolke nicht mehr auszumachen. Die Entfernung war schon zu groß.

Die Herde trottete willig, und Abuela klappte mit den Ohren und wehrte die mitreisenden Fliegen ab. Der Sonnenuntergang malte goldene Farben auf die Rocklands. Fantastische Felsgebilde umgaben uns. Türme mit dünnen, schwindelerregenden Brücken dazwischen, Barrieren, hohe Mauern mit unzähligen Durchbrüchen, die Blicke ins parallel laufende Tal gestatteten, nadelspitze Felsen, auf denen oben ein mächtiger Steinklotz ruhte. An letzteren führte ich die Herde in respektvoller Entfernung vorbei, weil ich fürchtete, dass die geringste Erschütterung solche Steinbrocken herunterstürzen ließ.

Ich hatte mich für einen Pfad entschieden, der nach übereinstimmenden Aussagen von Cleveland und wüstenkundigen Männern zwischen den Pinto Bergen im Süden und den Ausläufern der Bullion Berge im Norden auf die Sheep Hole Kette zuführt. Vorbei an der bekannten Wasserstelle Neunundzwanzig Palmen; die lag zu sehr abseits. Dafür lag die Dale-Quelle genau richtig. Wir erreichten sie aber erst in zwei Tagen. Dazwischen mussten wir mit den Wasservorräten auskommen.

Ich orientierte mich nach den Sternen, sobald es richtig dunkel war. Obschon ich noch nie in dieser Gegend gewesen war, schlug ich ein scharfes Tempo an. Die Felsen und der Boden strömten noch Wärme aus und gaben uns einen Vorgeschmack auf das, was uns am kommenden Tag erwartete.

Plötzlich hörte ich ein Geräusch, das anders war als das eintönige Trappeln der Maultierhufe und das Klopfen der Pferdeeisen. Ich zügelte den Schecken. Abuela rannte mir hinten drauf. Die Herde kam in Unordnung.

»Haben Sie das eben auch gehört?«

»Was?«, machte Norie. Sie sprach gepresst. Der Staub musste schon überall in ihre Kleidung gedrungen sein und scheuerte nun besonders empfindliche Körperstellen wund. Ich ärgerte mich, dass ich überhaupt gefragt hatte. Wahrscheinlich hatte sie im Sattel gedöst. Aber das seltsame Geräusch ließ mir keine Ruhe.

»Nehmen Sie die Longe! Die Leitstute folgt Ihnen.« Ich drückte Kate die Leine in die Hand. Abuela schnaubte hinter mir her. Langsam setzte sich die Herde wieder in Marsch. Ich geriet in die Flugsandwolke und wartete abseits, bis die letzte gelbbemalte Hinterbacke in der Nacht verschwunden war. Dann ritt ich eine halbe Meile zurück, kletterte auf einen Felsbuckel und lauschte. Die Mojave schwieg.

Vielleicht ein größeres Stück Wild, das wir in die Flucht getrieben hatten. Hier herum sollte es Wildschafe geben.

Ich ritt der Herde nach. Der Staub hatte sich gelegt. Im Sternenlicht sah ich den Pfad und die Fährte mit den dunklen Flecken der Abwürfe vor mir. Bei klarem Himmel ist so eine Wüstennacht ja keine rappelfinstere Angelegenheit. Die ganze Gegend ist in fahles Licht getaucht. Oft kann man zwei, drei Meilen weit sehen. Vor allem zeichnen sich Bergzüge ganz klar vor dem hellen Himmel ab. Das ist eine Stimmung, bei der einem das Herz aufgeht.

Wenn einem nicht gerade eine Bande hartgesottener Burschen auf den Fersen ist!

Als ich ungefähr jene Stelle erreichte, wo ich den seltsamen Laut gehört hatte, stutzte ich. Abseits vom Pfad lag ein heller, eckiger Gegenstand. Wie der Blitz war ich vom Pferd.

Es war gut, dass es erstens dunkel war und zweitens niemand zugegen, denn ich habe bestimmt ein ziemlich dämliches Gesicht gemacht. Es war eine Reisetasche aus Cordstoff. Nun liegen ja Reisetaschen nicht einfach in der Mojave herum. Irgendwie müssen sie hingekommen sein.

Ich öffnete sie und griff hinein.

Wenn mich meine dunklen Erinnerungen nicht im Stich ließen, fühlte sich so Frauenwäsche an.

Eine von den Ladies hatte ihren halben Hausrat verloren.

Ich wickelte die Reisetasche in meinen Packen und beschloss, den Mund zu halten. Sollte die Betreffende ruhig erst mal einen tüchtigen Schrecken bekommen, wenn sie den Verlust feststellte. Vielleicht achtete sie dann besser auf ihre Habe, statt im Sattel zu dösen und nicht einmal zu hören, wenn ein Gepäckstück herabfiel. Das Gepäck und die Ausrüstung der Ladies hatte ich im Yuccatal aufgeladen. Ich wusste genau, dass ich alles gut festgebunden hatte. Ausgeschlossen, dass sich da etwas lösen und zwischen die Felsen fallen konnte.

Eine Meile weiter hatte ich die Herde und die Frauen eingeholt.

»Ja?«, machte Norie.

»Es war nichts«, gab ich ausweichend zurück, übernahm die Longe und machte Tempo.

Um Mitternacht wäre eine Rast fällig gewesen, aber ich zog weiter. Der einfache Grund war, dass wir vor der Tageshitze eine bestimmte Stelle am Nordhang der Pinto Berge erreicht haben mussten. Der Beschreibung nach war es ein Einschnitt, nicht mehr als hundert Schritte tief. Dahinter stieg schwarzes Lavagestein turmhoch an. Das war der einzige Ort im Umkreis von dreißig Meilen, an dem es etwas Schatten gab. Und den brauchten wir, sonst verbrannten wir uns die Haut oder den Verstand. Oder beides. Und das ist dann meist der Anfang vom Ende.

Die Frauen hielten sich tapfer. Ich hatte die Ohren weit offen und vernahm ihr verhaltenes Seufzen. Den Ritt durch die Mojave hatten sie sich wohl amüsanter vorgestellt. Ich schätzte, sie bereuten bereits den Entschluss, auf Biegen und Brechen mit mir zu kommen.

Drei Stunden nach Mitternacht begann ein Hufeisen zu klirren. Auch das noch!

Ich hielt an und suchte nach dem Schaden. Kates Spanier hatte das Eisen am linken Vorderfuß losgetreten.

Ich zündete ein kleines Feuer an, um Licht zu haben, kramte das übliche Werkzeug aus der Satteltasche, das man in der Wildnis mitführt, und befestigte das Eisen mit drei neuen Nägeln.

Der Aufenthalt dauerte bestimmt nicht länger als zehn Minuten, aber die Ladies schliefen mir doch tatsächlich ein. Ich trieb sie unbarmherzig auf die Pferde hinauf, danach hob ich mit dem Messer eine kleine Grube aus und fegte die Reste meines Feuers hinein. Mit Sand machte ich die Stelle glatt.

»Bevor Sie sich wieder einmal niederlegen, klopfen Sie zuvor besser den Boden ab«, sagte ich rau. »Skorpione sind besonders gern nachts unterwegs.«

Na, diese Auskunft machte sie vielleicht munter! Daisy stieß einen dünnen Schrei aus.

Ich verstaute das Werkzeug in der Satteltasche, zog mir einen Streifen Dörrfleisch heraus und holte die versäumten Mahlzeiten des gestrigen Tages nach. Das Zeug schmeckt nicht besonders, aber es gibt Kraft. Die brauchte ich. Es konnten ja nicht alle schlafen.

Die Stelle am Fuß der Pinto Berge, die Schatten versprach, erreichten wir, als die Sonne schon zwei Stunden heraus war. Ich trieb die Herde hinein und sattelte dann ab. Ein gellender Schrei ließ mich hochfahren.

Daisy stand mit gerafftem Rock, dass ich ihre Knie sehen konnte. Sie starrte voller Entsetzen auf etwas, das sich zu ihren Füßen befand. Mit Riesensprüngen war ich bei ihr und prallte mit ihrem Spanier zusammen, der die Flucht ergreifen wollte. Ich schlug ihm auf den Hals. Er warf sich zur Seite.

»Schießen Sie!«, rief Norie aufgeregt.

Ich sah gleich, woran ich eine Kugel verschwenden sollte. Die Erschütterungen hatten eine Klapperschlange aus ihrem Versteck unter den Felsen herausgetrieben. Sie war gereizt und klapperte jetzt mit den Hornringen am Schwanzende. Das machen die Biester immer so, wenn ein Störenfried auftaucht. Verschwindet er danach nicht, wird er angegriffen. Oder man flieht vor ihm. Meist fliehen Klapperschlangen, wenn man ihnen einen Ausweg lässt. Wie alle Klügeren.

Diese floh nicht. Sie stieß nach Daisys nackten Knien.

Ich riss das Messer heraus, führte einen sausenden Hieb und trennte handbreit vor dem Knie den Schlangenkopf vom Leib. Mit den Stiefeln stieß ich den sich windenden Leib und den Kopf unter einen Stein und häufte Sand darauf.

Nachdem der kleine Zwischenfall ausgestanden war, fiel Daisy noch in Ohnmacht.

Wir besprengten ihr Gesicht mit etwas Wasser und kriegten sie schnell wieder auf die Füße. Aber sie blickte mich danach an, als sei ich dafür verantwortlich, dass die Schlange auf sie losgegangen war.

»Ich habe Ihnen wohl nicht zu viel versprochen!«, sagte ich grinsend.

Die Stimmung war nicht gut, das merkte ich sofort.

»Sehr witzig!«, machte Norie. Jetzt schnurrte sie nicht mehr um mich herum und machte mir schöne Augen.

Ich stellte den Ladies das Sonnensegel auf, zündete ein Kochfeuer an und machte mir einen ordentlichen Kaffee. Die Frauen rührten keine Hand. Ich ließ es darauf ankommen und bereitete ihnen kein Frühstück. Es war keine Prestigefrage. Sie mussten einfach begreifen und lernen, dass in der Wüste jeder für sich sorgt.

Mit einer Zigarette im Mundwinkel spannte ich Seile vor den Einschnitt, damit die Maultiere darin blieben. Später nahm ich den Pferden den Sattel herunter. Den Ladies setzte ich das Gepäck vor die Nase. Ich war gespannt, welche eine ihrer Reisetaschen verloren hatte.

Keine Reaktion. Sie rafften sich nur auf, am Feuer zu hantieren.

»Warum haben Sie nicht auf das Biest geschossen?«, fragte Daisy vorwurfsvoll.

»Ich schieße nur, wenn ich muss«, gab ich zur Antwort. »Hier draußen überlegt man sich jeden Schuss. Er ist meilenweit zu hören und könnte Leute anlocken, denen man nicht gern begegnen möchte.«

Nach einer Stunde fütterte ich die Maultiere und versorgte die Ausrüstung. Von den Ladies kam noch immer keine Reaktion.

»Vermissen Sie nichts?«, fragte ich dreist. »Gestern habe ich doch fünf Reisetaschen festgebunden, glaube ich. Jetzt fehlt eine.«

Norie blickte mich scharf an, dann betrachtete sie die Ausrüstung.

»Sie irren sich, Cannon. Es fehlt nichts.«

»Ich wette dagegen.« Ich holte die Tasche aus meinem Packen und stellte sie ihr vor die Füße. »Oder sie ist direkt vom Himmel gefallen. Das war das Geräusch letzte Nacht.«

In ihren Augen sah ich in diesem Moment etwas, das mich warnte. Mit Norie war etwas. Da stimmte etwas nicht!

»Das ist doch deine!«, sagte Daisy ganz erstaunt zu Norie.

»Tatsächlich!«, machte die schwarzhaarige Lady verwundert. »Und ich bildete mir ein, es wäre alles vorhanden. Vielen Dank, Cannon, das war sehr aufmerksam von Ihnen.«

Oh, wie sie mich dabei wieder anstrahlte. Als sei ich der Größte. Der Stimmungsumschwung kam mir zu plötzlich. Außerdem traute ich den vielen zufälligen Begegnungen nicht. Konnte es sein, dass sie mit den Burschen unter einer Decke steckte, die unbedingt meinen Skalp haben oder die Stelle wissen wollten, wo ich begraben lag, bevor ich drüben in Nevada ankam?

Blödsinn! Sie war eine Abenteuerin und wollte auf dem kürzesten Weg nach Santa Fe. Wahrscheinlich wartete dort schon ein reicher Knopf. Und im nächsten Jahr ging sie wieder nach Kalifornien. Bis sie von dem Geschäft genug oder so viel Geld zusammengescharrt hatte, dass sie irgendwo sesshaft werden konnte. Aber einen Riecher für Gold konnte sie haben. Samt ihren Freundinnen.

Gewiss fragten sie sich längst, wozu meine Freunde und ich fünfzig Maultiere benötigten, und warum ich die ausgerechnet jenseits der Mojave geholt hatte. Sie machten nicht den Eindruck, als wüssten sie nicht eine Antwort, die der Wahrheit verteufelt nahe kam.

»Schlafen Sie ein paar Stunden! Sie haben Ruhe nötig«, riet ich den Frauen. »Am Nachmittag geht es weiter.«

Mit Gewehr und Revolver kletterte ich an dem Lavagestein hinauf und beobachtete die Gegend. Ich suchte Staubwolken. Aber die Wüste und ihre Bergzüge lagen öd und verlassen. Die Hitze machte meinen Ausguck zu einem ungemütlichen Ort. Das schwarze Gestein war schon so heiß, dass ich mir fast die Finger daran verbrannte.

Ich stieg hinab, grub mir im Schatten bei den Maultieren eine Kuhle in den Sand, legte mich hinein und war Sekunden später eingeschlafen.

Etwas weckte mich. Vielleicht war’s ein Geräusch. Oder die Maultiere bewegten sich unruhig. Es kann auch der Sinn für Gefahr gewesen sein. Ich blinzelte. Noch lag ich im Schatten. Über den Bullion Bergen segelten ein paar verlorene Wolken - und am Feuerplatz kramten die drei Frauen in meinen Satteltaschen herum!

Ab dem Moment war ich auf alles gefasst!

Das waren keine harmlosen Ladies. Die waren neugieriger als ein Schwarm Elstern.

Zu verbergen hatte ich nichts, und in den Satteltaschen steckten nur Dinge, die jedermann sehen konnte. Ich schätzte, sie erhofften sich einen Hinweis auf den Verwendungszweck der Maultierherde.

In Verlegenheit brachte ich sie nicht. Ich ließ mich zurücksinken und döste noch eine Weile. Als ich dann aufstand, um den Aufbruch vorzubereiten, sah ich, dass sich die Ladies zu einem Schlaf niedergetan hatten. Das hätten sie früher erledigen müssen. Jetzt musste ich weiter, und wenn sie mitkommen wollten, mussten sie aufstehen. Ich sagte ihnen das auch unverblümt.

Alle drei sahen sie mich an, als wünschten sie, ich läge statt der Schlange dort unter dem Stein und dem Sand.

Beim Aufbruch achtete ich sehr darauf, dass nicht etwas zurückblieb, das vielleicht jemand, der uns folgte, einen Hinweis geliefert hätte. Nach dem Zwischenfall mit der Reisetasche zog ich nämlich auch diese Möglichkeit in Betracht. Viele Möglichkeiten blieben nicht, wem da ein Wink gegeben werden sollte. Claggett! Wem sonst? Der kam bestimmt mit der Bande hinter mir her.

Eines muss ich ja sagen - auf ihr Äußeres legten die Ladies großen Wert. Sie hatten ihr Wasser dazu benutzt, sich den Dreck runter zu waschen. Gekämmt waren sie auch.

Sollten sie mal zusehen, wie sie mit frisch gekämmtem Haar den Durst löschen wollten. Ich hatte nämlich auch kein Wasser mehr. Ich hatte die Herde und meinen Hengst getränkt und mir für den Notfall einen Schluck in einer Wasserflasche aufgespart.

Noch vor Sonnenuntergang ging es schon los. Sie wollten unbedingt etwas haben, mit dem sie Mund und Zunge anfeuchten konnten. Ich blieb hart.

»Das nächste Waschfest veranstalten Sie besser, wenn wir die Quelle gefunden haben«, sagte ich. »In der Wüste ist jeder Tropfen Wasser eine Kostbarkeit, denken Sie daran!«

Sie verlegten sich aufs Betteln. Wenn ich gewollt hätte, ich glaube, ich hätte alles von ihnen haben können. Das zog natürlich auch nicht. Da beschimpften sie mich, nannten mich einen herzlosen Menschen, einen Geizkragen, Sklaventreiber und Schuft, der sie absichtlich schwächen wolle, um sie dann an irgendwelche Indianer verkaufen zu können.

Das war schon vorgekommen. Ich kannte die Geschichte, und sie kannten sie auch. Die Sache hatte sich überall herumgesprochen. Aber den Chemehuevi Indianern und dem Händler, die den Streich gemeinsam ausgeheckt hatten, war das Geschäft nicht bekommen. Eine Armeepatrouille hatte die Lumpen am Colorado aufgespürt, die Frauen befreit und die Übeltäter aufgeknüpft.

»Sie haben sich mir gegen meinen Willen angeschlossen«, sagte ich hart. »Auf die Widerwärtigkeiten einer Wüstenreise habe ich Sie hingewiesen. Machen Sie mir nun keine Vorwürfe! Das ist ungerecht.«

Bevor die Sonne hinter den Bergketten im Westen versank, schaute ich aus Gewohnheit auf unserer Fährte zurück. Ganz sicher war ich mir nicht, ob es eine Staubwolke war, die von Hufen aufgewirbelt wurde oder von einer Windbö herrührte. Jedenfalls erhob sich da hinten eine und glänzte wie fliegender Goldstaub im Abendrot.

»Reiten Sie schon vor und halten Sie meine Maultiere beisammen!«, sagte ich zu Kate. »Und wenn es knallt, kümmern Sie sich am besten gar nicht drum.«

9

Sie starrten mich an, alle drei, als hätte mir die Sonne ein wenig den Verstand eingetrocknet.

»Wollen Sie etwa auf die Jagd reiten?«, fuhr mich Norie schließlich an.

»So kann man es auch nennen«, stimmte ich zu.

Da sahen sie die ferne Staubwolke. Na, und da war ihnen der Rest klar.

»Lassen Sie uns Ihre Wasserflasche da!«, bettelte Daisy. »Ihnen könnte was zustoßen.«

Das waren ja Herzchen. Hauptsache, sie hatten einen Fingerhut voll Wasser. Was mit mir geschah, war ja nebensächlich.

Ich schüttelte den Kopf.

»Der Rest Wasser ist für die Pferde, meine Damen. Kann sein, dass von denen unser Leben abhängen wird.«

Ich konnte mir nicht helfen, aber besonders erschrocken sahen sie nicht aus. Nur wütend, weil ich ihnen die Bitte abschlagen musste.

Ich zog den Leopardenschecken herum und lenkte ihn auf einer harten Salzkruste hinter einen Hügel. In dieser Gegend gibt es immer wieder unverhoffte harte Windstöße. Überhaupt in der ganzen Mojave. Jemand hatte mir mal erklärt, das könne man in jeder Wüste beobachten, und es hänge mit der aufsteigenden heißen Luft nach dem hitzeglühenden Tag zusammen. Ein solcher Windstoß konnte eine Staubwolke hochgewirbelt haben. Mit Vermutungen war mir nicht gedient. Nicht, solange ich damit rechnen musste, dass Claggett mit der Bande auf meiner Fährte daherkam. Ich brauchte Gewissheit.

Also kletterte ich auf den Hügel hinauf und wartete.

Über den breiten sandigen Tälern und den Bergrücken, die wie eingesunkene Riesentiere wirkten, flimmerte die Luft in der Hitze. Ich sah sogar einen silberglänzenden See, genau auf der breiten Fährte. So klar, dass ich darauf hereingefallen wäre, wenn ich nicht gewusst hätte, dass dort, wo wir vorbeigekommen waren, weit und breit kein See auszumachen gewesen war. Die Mojave konnte einem schlimme Streiche spielen.

Von der Staubwolke sah ich nichts mehr. Es konnte sein, dass der oder die Reiter nun hinter einem Hügelrücken steckten. Oder dass sie auf salzverkrustetem Boden ritten. Oder sie hatten beobachtet, dass ich mich von der Herde gelöst hatte, und da wollten sie erst einmal abwarten.

Oder es war tatsächlich nur ein Windstoß gewesen.

Von den Mescaleros habe ich gelernt, grenzenlose Geduld zu üben. Ich hockte mich auf die Stiefelabsätze, rollte mir eine Zigarette und wartete. Da wieder stieg Staub auf. Ein ganzes Stück von der Stelle entfernt, wo ich die Wolke ausgemacht hatte. Diesmal nach Norden hin, gegen die Bullion Berge zu.

Und wieder löste sich die Wolke auf. Das sah mir ganz nach Windstößen aus. Restlos überzeugt war ich nicht, aber hinreiten mochte ich auch nicht. Es war mindestens fünf Meilen weg, was im Endeffekt zehn Meilen ausmachte, weil ich ja auch zurückreiten musste.

Am Tag in der Backofenhitze der Mojave sind zehn Meilen eine Tagesstrecke zu Pferd. Ich war nicht versessen darauf, meinen Leopardenschecken müde zu reiten. Zwar ging jetzt die Sonne unter, aber heiß war es immer noch, und das blieb es auch noch die kommenden zwei Stunden.

Lieber wartete ich noch und blieb auf dem Hügel. Als ich die dritte Zigarette rollte, sah ich noch einmal eine Staubwolke. Jetzt schon deutlich im Norden. Wenn der Wind sie nicht verursachte, waren es Reiter. Zumindest einer mit etlichen Packpferden, denn es mussten wenigstens zwanzig Hufe sein, die den Staub aufrührten.

Vielleicht ein Reisender, der die Mojave in nördlicher Richtung kreuzte. Es gab verrückte Käuze, die in den Bergen nach Erz herumstöberten. Ich konnte ja nicht verlangen, dass ich der einzige Reisende in der Wüste war.

Aber ich war gewarnt. Hier konnte einem unverhofft jemand begegnen.

Ich ritt zurück und rauchte genussvoll meine fertige Zigarette auf.

Norie, Daisy und Kate hatten es langsam angehen lassen. Sie waren mit der Herde nicht weiter als eine Meile gekommen. Fast wäre ich wütend geworden. Das hielt uns unnötig auf. Wir mussten beizeiten die Dale-Quelle erreichen, weil das die einzige Wasserstelle in der ganzen Gegend war.

Nun hielten sie auch noch an, als sie mich heranreiten sahen.

Ich sagte nichts. Ich nahm Abuela an die Longe und ritt an der Spitze. Norie hatte Sitzbeschwerden und wünschte, dass ich mehr Rücksicht auf sie nahm.

«Wir sind hinter der Zeit. Zähne zusammenbeißen, es wird schon«, knurrte ich. »An der Wasserstelle können Sie sich pflegen.«

Aber sie hing immer mehr zurück. Zweimal ritt ich in der Dunkelheit los und musste sie suchen. Meiner Stimmung war das nicht zuträglich. Schließlich verlor ich immer mehr Zeit auf den Morgen.

Ich hatte fast den Eindruck, dass sie es absichtlich machte. Denn Kate und Daisy hatten ebenso viel Staub eingefangen wie sie. Die hatten aber keine Sitzbeschwerden. Zumindest beklagten sie sich nicht darüber. Damit mich der schwarzhaarige Teufel nicht noch mehr aufhielt, band ich den Spanier mit einem soliden Riemen am Sattelring meines Schecken fest. Das klappte. Norie ging mir nicht mehr verloren.

Auf der Höhe eines tief eingekerbten Canyons, der die Pinto Kette nach Süden durchschnitt, fuhren uns heftige Windstöße entgegen und hüllten uns bald eine halbe Stunde lang in Staub. An ein Vorwärtskommen war nicht zu denken. Ich ließ den Tieren den Willen und gestattete ihnen, dem Staub das Hinterteil zuzukehren. Bis mir dumpfer Hufschlag verriet, dass sich etliche Maultiere davonmachten.

Wie der Teufel war ich aus dem Sattel und kniff Abuela in die Ohren. Sie ließ einen Schrei los. Es kehrten aber nur drei Böcke zurück.

Ich musste warten. So hatte es keinen Zweck.

Als der Wind einschlief und der Staub langsam niedersank, lief ich herum und zählte die gelben Striche. Sechsundvierzig. Mir fehlten vier Maultiere.

Wieder kniff ich die Leitstute.

Aus der Wüste antwortete ein kläglicher Chor.

Ich ritt in die Richtung und fand meine Tiere. Sie hatten sich ängstlich zusammengedrängt und schienen froh zu sein, dass ich kam.

Maultiere vertragen einen Stiefel. Auch Staub. Nicht so Pferde. Die Spanier der Ladies keuchten kurzatmig, und mein Schecke blies schnarchend, weil auch ihn der Dreck in den Nüstern sehr störte.

Ich nahm einen Lappen aus einer Satteltasche, feuchtete ihn mit dem Rest Wasser an und wusch unseren Pferden die Nasenlöcher aus. Die Tiere waren dankbar. Nicht so die Frauen. Norie fragte mit krächzender Stimme, ob ich denn total verrückt geworden sei, dass ich das gute Wasser so verschwendete, statt es ihnen zu geben.

»Wenn Ihr Pferd stirbt, sterben Sie auch«, sagte ich brutal und stieg auf.

10

Gerastet hatten wir genug. Ich ritt mit Groll im Herzen stur nach Osten und kümmerte mich nicht um das Seufzen und Jammern der Frauen. Nun hatte es auch Daisy und Kate erwischt. Ich konnte nur hoffen, dass sie nicht das Wüstenfieber bekamen. Sonst sah ich sauber aus.

Manchmal döste ich im Sattel. Aber das Lamentieren ließ mich immer wieder hochfahren.

Bei Tagesanbruch musste ich meinen Begleiterinnen schon gut zureden, damit sie nicht einfach anhielten, abstiegen und sich in den Sand legten.

»Nur noch ein paar Meilen«, sagte ich und legte Zuversicht in die Stimme. Ich log. Bis zur Quelle hatten wir noch mindestens zehn Meilen zurückzulegen.

»Wasser bitte einen Schluck Wasser!«, bettelte Norie. Ich reichte meine Wasserflaschen reihum.

Die Frauen saugten die letzten Tropfen heraus. In der Dämmerung sah ich Nories gieriges Gesicht. Es war grau und verfallen, die Lippen spröde und eingerissen. Von ihrem atemberaubenden Aussehen in San Fernando war nichts mehr übrig.

Ich machte die Wasserflaschen am Sattelhorn fest, redete meinem hohl schnarchenden Schecken gut zu und hielt Ausschau nach der Sheep Hole Kette.

Da war sie. Dunkel gezackt vor dem hellen Himmel im Osten.

Schließlich kam die Sonne hoch und heizte uns ein. Unser jammervoller Zug schleppte sich dahin. Ich hielt nach Staubwolken Ausschau. Das Land war jedoch leer bis zum Horizont. Das beruhigte mich.

»Wo ist denn das verdammte Wasser?«, krächzte Norie. So giftig hatte ich sie noch nicht reden hören. Überhaupt redete so eine Lady nicht, wenn sie eine war.

»Vor uns, nicht mehr weit entfernt«, gab ich zurück. Ich litt ja auch unter Durst, aber ich ließ mich nicht hängen.

Zwei Stunden später bemerkte ich den schmalen Pfad, der von der Piste nach rechts zwischen haushohe nackte Felsen führte. Ich lenkte den Schecken in die Richtung. Die Maultiere wurden unruhig, sie rochen das Wasser.

Ich hätte mehr auf das Ohrenspiel meines Pferdes achten sollen. Als ich die Felsen passiert hatte, befand ich mich in einem Rondell und sah die von kümmerlichen Weidenbüschen umstandene Quelle. Leider war das der einzige erfreuliche Anblick, Was ich sonst noch sah, war schlimm.

Auf einem Felsen im Hintergrund hockten zwei Männer und zielten auf mich. Die Gewehrläufe glänzten im Sonnenlicht. Die Burschen hatte ich noch nie gesehen. Aber das war keineswegs beruhigend. Denn der dritte Mann war Maratta. Er stand breitbeinig vor den Weidenbüschen und grinste siegessicher. Der Revolver in seiner Hand zielte auf meinen Kopf.

Ich glaubte zu träumen. Wie kam der Kerl vor mich? Er befand sich doch bei Claggett und den anderen! Es war ausgeschlossen, dass er uns überholt hatte.

Um ein Haar wäre ich auf die verblüffende Ähnlichkeit hereingefallen.

Ich ritt noch einige Schritte näher und zügelte dann erst den Schecken. Aus der Nähe erkannte ich, dass der Kerl um etliche Jahre jünger war als Henry Maratta. Ich war dem Pferdedieb Dan Maratta in die Finger gefallen! Dem jüngeren Bruder!

Na, der Strolch ließ auch keinen Reisenden aus! Der Teufel musste ihn geradewegs an die Quelle geführt haben.

Hinter mir stockte die Herde. Ich hörte die erschreckten Rufe der Frauen.

Aber Maratta war keineswegs verblüfft, mich in Damengesellschaft zu sehen. Mir kam der wahnsinnige Gedanke, dass er vielleicht wusste, mit wem ich da in der Mojave unterwegs war.

Seine ersten Worte enthoben mich aller Zweifel.

»Na, du bist wirklich ein ausgekochter Hund, Blackburn. Das ist doch der Name, wie? Ein Glück, dass wir das berücksichtigt haben, du wärst uns glatt durch die Lappen gegangen.«

Damit war alles klar. Er steckte mit den Burschen unter einer Decke, die an dem Gold im Eldorado Canyon so brennend interessiert waren. Jemand musste aus Los Angeles losgesaust sein, um den Pferdedieb für die Sache zu gewinnen. In weiser Voraussicht hatte der Drahtzieher im Hintergrund alle Wüstenwege abriegeln lassen. Hinter mir rückte Claggetts Bande heran, zehn Schritte vor mir stand Dan Maratta, und ringsum war Wüste. Ich saß sauber in der Falle.

Der Fall, den ich wie die Hölle fürchtete, war eingetreten, jemand hatte sich an ein Wasserloch gesetzt und in Ruhe gewartet, bis ich kam!

Das ärgerte mich. Hatte ich mich darum mit den Maultieren abgerackert und die Frauen mitgezogen, dass mir nun dieser Wüstenbandit das Lebenslicht ausblies?

Ich kam nicht davon, das war mir klar. Einen lebenden Zeugen lässt man bei so einer Sache nicht zurück. Aber einfach abknallen lassen wollte ich mich nicht. Ich hatte nichts mehr zu verlieren und setzte alles auf eine Karte, lüftete den Hintern im Sattel an und tat, als würde ich absteigen. Die Hände hielt ich in Schulterhöhe.

Er erwartete wohl, dass ich nach links abstieg. Ich hustete ihm was. Gedankenschnell schwang ich den linken Fuß herüber, duckte mich und glitt schon an der rechten Seite meines Schecken herab. Das war Indianerart. Den rechten Stiefel hatte ich noch im Steigbügel, als sein Schuss krachte. Der harte Luftstoß der Kugel ging haarscharf am Kopf meines Schecken und an meinem Hals vorbei. Ich riss den rechten Fuß heraus, hielt schon meinen Revolver in der Hand, warf mich auf die Knie und feuerte an den Vorderbeinen meines Pferdes vorbei.

Wir schossen gleichzeitig.

Ich sah ihn unter meinem Kugeleinschlag zusammenzucken und spürte im selben Sekundenbruchteil den wuchtigen Schlag in der Hüfte. Seine Kugel warf mich auf die Seite.

Er hatte mich erwischt. Aber ich ihn auch. Er drehte sich um, als wollte er weggehen. Dann stürzte er mit dem Gesicht voran in die Weidenbüsche.

Mein Schecke war schussfest. Er rührte sich nicht von der Stelle.

Dafür tobten die Maultiere. Auch die Spanier wurden wild. Ich hörte durch den Aufruhr die spitzen Schreie der Frauen. Aber jetzt konnte ich mich nicht darum kümmern, was dort los war. Die Gewehrschützen auf dem Felsen deckten mich mit Kugeln ein. Mir war von der Kugel ganz flau, ich sah alles nur verschwommen. Aber ich wusste, dass ich mich wehren, dass ich die Kerle bei ihren Zielübungen stören musste. Sonst war es ganz und gar aus mit mir.

Ich rollte herum. Eine Kugel biss mich ins linke Bein. Vor Schmerzen brüllte ich laut auf. Ich stieß gegen die Vorderbeine meines Pferdes, richtete mich auf und riss keuchend das Gewehr aus dem Scabbard. Mit dem Revolver konnte ich nichts ausrichten. Die Halunken waren für sichere Treffer zu weit weg.

Ich torkelte herum, schüttelte den Kopf, um die Benommenheit zu vertreiben, legte das Gewehr auf dem Sattel auf und feuerte über meinen Schecken hinweg.

Damit hatten die Halsabschneider wohl nicht gerechnet. Einen holte ich mit der ersten Gewehrkugel vom Felsen herunter. Der andere schnellte hoch, gab einen ungenauen Schuss ab, der hinter mir mit einem hässlichen Klatschen ins Fleisch traf, und kletterte flink wie eine Bergziege in Deckung. Das war eine Falte in den Felsen. Ich jagte zwei Kugeln hinein. Aber er kam nicht heraus.

Schießend torkelte ich hinter dem Schecken heraus und stolperte in den Hintergrund des Rondells. Der verschwundene Kerl war eine ständige Bedrohung. Solange er in der Nähe war, konnten wir uns keine Sekunde sicher fühlen. Ich knickte links ein, schlug hin und verlor den Revolver aus dem Hosenbund. Mühsam tastete ich nach der Waffe, steckte sie ins Holster, raffte mich auf und stolperte weiter.

Der Felsen war leicht zu erklettern für einen voll bewegungsfähigen Mann. Das war ich nicht, ich hatte zwei Kugeln kassiert.

Dennoch musste ich da hinauf.

Ich begann zu klettern, rutschte ab und schlug unten auf den Rücken. Die Frauen schrien immer noch, ein Maultier gab entsetzliche Töne von sich.

Ich spuckte Sand aus, raffte mich auf und unternahm den nächsten Versuch. Diesmal kam ich hinauf. Das Klettern wurde erschwert, weil ich das Gewehr mitnahm. Ich knallte einen Schuss in die Falte und hörte die Kugel als Querschläger irgendwo hinausquarren.

Plötzlich rumorte Hufschlag hinter den Felsen los.

Hastig krabbelte ich auf Händen und Füßen höher. Bis ich jedoch oben war und in die Wüste blicken konnte, hatte der Kerl schon einen zu großen Vorsprung. Er zog zwei ledige Pferde mit sich. Also hatten mir drei Männer aufgelauert. Zwei waren tot, der dritte floh.

Damit er den nötigen Respekt mit auf die Reise nahm, schickte ich ihm eine Kugel nach. Er schlug Haken und jagte auf die Pinto Kette zu. Sollte er. Es hätte mir weniger gepasst, wenn er sich den Sheep Hole Bergen zugewandt hätte.

Ich setzte mich hin, weil mir ganz komisch wurde.

Nach ein paar Minuten war nur besser, ich konnte wieder sehen.

Ein Maultier war getroffen und wälzte sich am Boden. Ich hob das Gewehr und erlöste es mit einer Kugel von seinen Qualen. Norie kämpfte mit ihrem Spanier. Sie war abgestiegen und hing an den Zügeln. Daisy und Kate sah ich nirgends, auch ihre Pferde nicht.

Aber draußen in der Wüste war niemand außer dem eiligen Reiter, der nach Süden strebte. Wahrscheinlich hielten die Frauen draußen vor dem Eingang zur Quelle im toten Winkel.

Ich kletterte vorsichtig hinab und stutzte, als ich die blutrote Fährte im Sand sah. Da war ich gegangen, sonst niemand. Ich lehnte mich an den Felsen. Auch der war blutbeschmiert. Ungeniert zog ich die Hose herunter und betrachtete das Loch in der Hüfte.

Dan Marattas Kugel hatte hart oberhalb der Patronenschlaufen meinen Waffengurt durchschlagen, ein Loch durch Hemd und Hose gebohrt und steckte in der Hüfte. Ich blutete schlimm. Des Blutverlustes wegen wurde mir dauernd schummerig vor Augen.

Ich biss die Zähne zusammen und drückte auf die Knochen. Die schienen heil. Aber die Kugel musste heraus. Ich zerrte die Hose hoch, schnallte den Waffengurt über die Wunde und hoffte, dass ich nicht austrocknete. Dann untersuchte ich das linke Bein. Der Stiefel war durchschossen. Da ich aber herumgehumpelt war, konnte die Kugel nur die Wade erwischt haben.

Ächzend torkelte ich zu meinem Schecken und kramte das Messer und Verbandszeug aus der Satteltasche.

»Es ist vorbei, glaube ich«, murmelte ich in Richtung von Norie. Ich konnte ihr nicht helfen. Sie musste mit ihrem Pferd selber fertig werden. Ich war soweit, dass ich selber Hilfe nötig hatte.

Mit einer Blechflasche in der Hand stolperte ich zur Quelle und brach mir Bahn durch die Büsche. Am Wasser ließ ich mich einfach auf den Hintern fallen, legte mich auf den Rücken und streifte die Hose hinab. Die Kugel in der Hüfte saß tief. Ich bekam sie aber mit der Messerspitze zu fassen und konnte sie herausheben. Blut quoll dick und klumpig nach. Ich ließ die Wunde ausbluten. Wenn ich unverschämtes Glück hatte, entzündete sie sich nicht. Um das Fieber kam ich aber bestimmt nicht herum.

Ich machte einen festen feuchten Verband auf das Loch und schnallte den Gurt fest darüber. Danach kümmerte ich mich um das Bein. Die Wade war durchschossen und der Stiefel vollgelaufen. Ich ließ ihn auslaufen, säuberte die Wundränder der zwei Löcher und machte einen dünnen Verband, damit ich den Stiefel wieder an den Fuß kriegte.

Als ich mich zusammengeflickt hatte und nach Norie sah, waren Daisy und Kate ins Rondell zurückgekommen. Sie standen und starrten auf die zwei Toten.

Die mussten weg. Ich fühlte mich wie betrunken. Irgendwie schaffte ich es, Dan Maratta und den anderen zu einem etwas überhängenden Felsen zu schleifen. Ich rollte sie in die Höhlung und deckte sie mit Sand zu. Dann kümmerte ich mich um die Herde. Ich hätte mich hinlegen und Kräfte sammeln müssen, aber wer hätte die Arbeit machen sollen? Ich fütterte die Tiere und meinen Hengst. Saufen mussten sie aus eigenem Antrieb.

»Die Quelle gehört jetzt Ihnen«, sagte ich zu den Ladies und machte eine unbeholfene Handbewegung. »Erfrischen Sie sich, in einer Stunde reiten wir.«

«Was?« Norie starrte mich wie eine Erscheinung an. »Sie sagten doch, wir würden nachts reiten!«

»Das war, bevor ich die Kugeln erwischte. Wahrscheinlich werde ich das Fieber bekommen, aber dann will ich nicht allzu weit vom Wüstenrand entfernt sein.« Ich verkroch mich in den Schatten, verspeiste trockenen Proviant und lud Revolver und Gewehr nach. Ich hatte mich gründlich überschätzt. Ich schlief ein.

Als ich wach wurde, war es Nacht. Bei der Quelle brannte lustig ein Feuer. Meine Begleiterinnen kochten eine Mahlzeit. Der Schreck trieb mich auf die Füße. Ich dachte nur an Claggett und die Bande. Meine schmerzenden Wunden machten mir eindringlich klar, dass ich auch noch an andere Dinge denken musste. Aber ich war viel zu wütend, um mich zu bedauern.

»Warum haben Sie mich nicht geweckt?«, fauchte ich die Frauen an.

Sie hatten gebadet und sich in Form gebracht, das sah ich. Geschlafen hatten sie auch. Und sie verfeuerten mein Yuccaholz im Unverstand, statt dürre Weideäste zu verbrennen.

»Wir reiten, jetzt gleich!« Ich kehrte ihnen den Rücken und begann, die Maultiere zu beladen. Denen missfiel das, sie wurden bockig. Mit saftigen Flüchen, Schlägen und Tritten brachte ich sie zur Vernunft. Hier ging es nicht darum, was sie wollten, sondern um mein Leben. Und das wollte ich behalten.

Ich war geschwächt. Wahrscheinlich schafften wir statt vierzig Meilen nur dreißig. Bekam ich Fieber, waren es nur noch zehn. Ich wollte nicht, dass mich Claggett hilflos antraf.

Und er kam, das war so sicher, wie wir in der Wüste steckten. Dan Marattas Falle an der Dale-Quelle war der beste Beweis. In die Zange wollten sie mich nehmen.

Schön, die Zange hatte ich nach der einen Seite aufgebrochen. Aber um welchen Preis!

Ich hatte das dumpfe Gefühl, dass noch mehr Blut floss, bevor ich aus der Mojave heraus war.

11

Die Sterne sagten mir, dass es zwei Stunden vor Mitternacht war.

Ich kaute Kaffeebohnen, um auf der Höhe zu bleiben.

Wir passierten einen trockenen Salzsee und gingen die Sheep Hole Berge an. Es gab einen tiefen Einschnitt in dem dunklen Massiv. Er wirkte ungemein einladend. Aber es war ein Canyon, der tot endete. So hatte man mir erzählt.

Ich musste den schmalen Einschnitt mehr im Süden nehmen. Der sah wie eine Verwerfung aus, aber der Spalt lief durch die ganze Gebirgskette hindurch und mündete im Osten, wo man schon die Iron Mountains sah, die Eisenberge. Dazwischen lagen aber mindestens zwanzig Meilen offene Wüste, mit einer dünnen Salzkruste bedeckt und flach wie ein Brett. Dort mussten wir durch, wenn ich das Wasserloch in der Sheep Hole Kette gefunden hatte. Die nächste Wasserstelle gab es in den Eisenbergen. Das war dann die dritte auf der Südpiste.

Im Morgengrauen war ich mehr tot als lebendig, aber ich saß noch immer im Sattel und konnte meine Herde und die Frauen in den schmalen Einschnitt führen. Der halbe Vormittag war herum, bevor wir auf das Wasserloch stießen.

Wenigstens war es gefüllt. Ich ließ die Herde saufen, ergänzte die Vorräte in den Schläuchen und quälte mich eine Felsleiste hinauf, während unter mir die Maultiere ihre Rationen Maisschrot und Hafer fraßen.

Ich konnte weit nach Westen blicken, in die Richtung, aus der Claggett kommen müsste, wenn er kam.

Eine Staubwolke war weit und breit nicht zu sehen. Aber das wollte nichts bedeuten. Ich hatte ja auch keine Anhaltspunkte für die Anwesenheit von Dan Maratta an der Dale-Quelle gefunden.

Ich ruhte da oben aus, stieg dann hinab und kochte Wasser ab, um meine Kugellöcher zu baden. Das heißt, ich drückte einen leicht ausgewrungenen Lappen auf die Wunden, so heiß, dass ich es gerade noch ertragen konnte.

Kate brachte mir einen Becher Kaffee. Ich blickte sie dankbar an. Wenigstens eine, die begriff, was meine Lebensgeister stärkte.

Nach sechs Stunden brachen wir auf. Manchmal fächelte Wind durch den Einschnitt. Er brachte jedoch keine Kühlung. Er trieb uns nur Staub und den Gluthauch der Mojave ins Gesicht und in die Augen. Jede Stunde hielt ich an und wusch unseren Reittieren die Nüstern aus. Egal, was mit uns geschah, Hauptsache, die Pferde blieben frisch.

Als wir durch die Sheep Hole Kette hindurch waren, war es wieder Nacht. Ich freute mich insgeheim, denn vor den zwanzig Meilen Salzwüste hatte mir gegraut. Jetzt konnten wir sie angehen, ohne von der mörderischen Sonne behelligt zu werden.

Ich tränkte meine Maultiere, bevor der Ritt über die endlos scheinende Ebene begann. Die letzten Stunden hatten wir alle mächtig geschwitzt. Das Fell meines Schecken war verklebt, die Maultiere stanken, und mir hing die nasse Kleidung auf dem Leib, als hätte ich im Wasserloch gebadet. Salziger Schweiß war in meine Wunden gekommen und brannte teuflisch.

Die Frauen waren abgestiegen und hatten sich neben den Pferden ausgestreckt.

»Die Mojave ist nun mal kein Paradies«, sagte ich rau.

Ich verstand ja, dass sie litten. Aber damit, dass ich Verständnis aufbrachte, kamen wir noch lange nicht zu den Eisenbergen hinüber.

Meine Worte bewirkten gar nichts. Die Frauen rührten sich nicht. Ich wurde deutlicher.

»In zehn Minuten reite ich. Falls Sie mitkommen wollen, steigen Sie auf!«

Eine der Gestalten bewegte sich am Boden.

»Bitte, Cannon, nehmen Sie Rücksicht!« Das war Kate. Sie sprach flehend. »Wir können nicht mehr, sehen Sie das nicht?«

»Diese Reise war Ihre Idee, nicht meine. Stehen Sie auf - alle!« Ich rollte mir eine Zigarette. Meine Finger waren feucht, das Papier und der Tabak klebten daran.

»Nur bis Sonnenaufgang!«, bettelte jetzt auch Daisy.

Ich zündete die missratene Zigarette an und erdrückte die Streichholzflamme zwischen Daumen und Zeigefinger. Die Frauen hatten gebadet, geschlafen und gegessen, und eigentlich mussten sie noch eine Weile durchhalten. Ich verlangte nichts Unbilliges von ihnen. Mit meinen Kugellöchern war ich weit schlimmer dran. Vielleicht lag ich in ein paar Stunden schon mit klappernden Zähnen am Boden und wand mich in Fieberkrämpfen.

»Wie Sie wollen«, sagte ich so daher. »Die Sonne wird Sie umbringen. Oder die Geier.«

Na, da kamen sie aber auf die Füße. Seit der Sheep Hole Quelle folgten uns drei Geier. Ich wollte wetten, dass sie uns am Morgen sofort fanden, selbst wenn wir bis dahin zwanzig oder dreißig Meilen geschafft haben sollten. Die Aasfresser haben ein unheimliches Gespür für Situationen, die Beute versprechen. Mir waren die Blicke nicht entgangen, die die Frauen immer wieder zu den Todesvögeln hinaufgeschickt hatten.

Sie rumorten in der Dunkelheit. Das Gluckern verriet mir, dass sie Wasser tranken. Ich ließ ihnen gerade so viel Zeit, bis ich die Zigarette aufgeraucht hatte. Den Rest trat ich mit dem Absatz in den Sand. Dann stieg ich auf. Langsam und bedächtig, denn ich konnte mich nicht gut bewegen.

Als wir auf die sternenlichtbeschienene Ebene hinausritten, lärmte draußen ein Wüstenfuchs. Es klang schaurig. Und so empfanden es auch die Frauen. Ich merkte, dass sie die Pferde dichter zusammentrieben. Schließlich rückten sie sogar meinem Leopardenschecken aufs Fell.

Die ersten Meilen kamen wir ganz gut voran. Aber dann merkte ich, dass die salzverkrustete Ebene noch nicht so harmlos war, wie man mir beschrieben hatte. Immer häufiger brachen Pferde und Maultiere durch die Kruste und gerieten ins Stolpern.

Einige Maultiere stürzten. Eines verletzte sich so schwer, dass ich es nicht mehr auf die Beine brachte. Es schrie, wälzte sich und schlegelte.

Ich warf ihm Stricke um die Beine und untersuchte es. Der rechte Hinterfuß war gebrochen.

Norie und Kate leuchteten mir mit Streichhölzern.

»Sie müssen es erschießen, nicht wahr?«, fragte Norie. Sie verstand etwas davon. Aber von der Wüste überhaupt nichts.

»Nicht erschießen«, erwiderte ich. »In der Nacht ist jeder Laut meilenweit zu hören. Gehen Sie zu den Pferden zurück!«

Ein Schuss wäre das beste Signal gewesen. Ich hatte das untrügliche Gefühl, dass Claggett in der Nähe war. Ich wollte ihn nicht noch mit einer leichtsinnigen Tat herbeilocken. Ich zog das Messer, tastete nach der Halsschlagader des Maultieres und stieß die Klinge hinein. Der Tod kam schnell. Für das Tier war dieses Ende gnädiger, als wenn ich es den Geiern und der Sonne lebendig überlassen hätte. Ich löste die Stricke und humpelte zu meinem Schecken.

Zehn Meilen weiter legte ich eine längere Rast ein. Aber nicht meinetwegen. Denn ich musste ja arbeiten. Ich ging mit meinen Wasserflaschen und dem Lappen herum und wusch den Maultieren und den Pferden die Nasenlöcher aus. Der Salzstaub hatte sich festgesetzt und begann zu fressen.

Hinterher war ich so zittrig, dass ich zunächst nicht den Fuß in den Steigbügel bekam und danach zweimal am Sattelhorn vorbeigriff. Mit mir stand es nicht zum Besten.

Aber ich musste es irgendwie schaffen. Dazu war ich fest entschlossen. Was würde es daheim bei meinen Leuten für einen Eindruck machen, wenn sie hörten, dass ich in der Mojave geblieben war? Außerdem waren sie auf mich angewiesen. Das Gold brauchte ich nämlich nicht für mich, sondern für meine Leute. Einer unserer Nachbarn wollte hinauf nach Montana, und er bot uns sein Land an. Eine gute Winterweide mit einem Bach. Und zwei Wasserstellen.

Wenn das Gold umgetauscht war, konnte Dad mit dem Rest vom Geld zwei oder drei Reiter einstellen. Dann konnten wir endlich unsere Viehzucht vergrößern und auch mit Pferden anfangen.

Solange ich meinen Goldanteil nicht in der Satteltasche hatte, war die Verwirklichung dieser Pläne eine höchst unbestimmte Sache. Ich musste erst Claggett los sein. Und seine Bande. Und weiß der Teufel wen noch.

Da war auch noch der Kerl, der bei der Dale-Quelle entkommen war. Vielleicht suchte er Anschluss zu Claggett. Oder er ritt zu Dan Marattas Pferdestehlerbande und erzählte den Lumpen eine faule Geschichte. Dass ich einfach Dan und noch einen Mann auf die Nase gelegt hätte.

Man hatte mir nämlich erzählt, dass Dans Bande mindestens fünfzehn Köpfe stark war. Dem Umstand, dass Dan nur zwei Leute zur Quelle mitgebracht hatte, entnahm ich, dass er seine eigenen Leute angeschmiert hatte. Er hatte nur seine allerbesten Freunde mitgenommen! Das war’s!

Die anderen hätten zu leicht herausfinden können, dass im Gold ungleich mehr Profit liegt als im Pferdediebstahl. Bei gleichem Risiko. Deshalb hatte er ihnen von dem Gold wohlweislich nichts erzählt, um nicht plötzlich Leute um sich zu haben, die einen Anteil am Gold beanspruchten.

Während wir durch die brechende Salzkruste ackerten, gingen mir diese Gedanken durch den Kopf. Und noch andere.

Die ganze verdammte Geschichte, in der ich jetzt bis zum Hals drinsteckte,

Alles musste von langer Hand vorbereitet sein. Wie hätte denn sonst Dan Maratta so schnell benachrichtigt werden können. Ich schätzte, dass die Vorbereitung der ganzen Geschichte fünf bis sechs Wochen gedauert hatte.

Das brachte mich auf Cleveland. Zum Teufel, da tat ich dem Mann ja unrecht! Der hatte doch gar nicht wissen können, dass ich kam, um Maultiere bei ihm zu holen. Von meiner Existenz hatte er doch erst erfahren, als ich mit dem Brief vom Sprecher unserer Goldgräberversammlung in sein Büro hineinspaziert war.

Na, das war ja etwas! Jetzt war ich so schlau wie am Anfang.

Wir erreichten die Wasserstelle in den Eisenbergen. Es war Vormittag und schon wieder entsetzlich heiß. Wir hingen zusammengesackt auf den Pferden.

Die Geier kreisten nicht über uns. Sie hatten Aas auf der Piste gefunden. Mein Maultier.

Ich versorgte die Herde, so gut ich konnte. Am liebsten hätte ich mich in einen Winkel verkrochen und meine Wunden auskuriert. Aber wohin mit der Herde inzwischen?

Nahe der Wasserstelle fand ich Cholla- und Biberschwanzkakteen. Ich kochte mir daraus einen Sud. Die Brühe schmeckte gallebitter und drohte mir den Magen umzukrempeln. Die Mescaleros kurieren damit alle Arten von Fieber. Was denen nützt, konnte mir nicht schaden. Ich spürte auch bald eine Wirkung. Die nämlich, dass es mir den Schweiß aus allen Poren trieb. Dann begann ich Gestalten zu sehen, verwaschen und ungenau, um dann im nächsten Moment festzustellen, dass es nur nackte Felsen waren. Auch Stimmen hörte ich. Aber es war bloß der heiße Wüstenwind, der den Sand bewegte und um Felskanten wuschelte.

Ich sah Kate mit der Kaffeekanne kommen. Matt winkte ich ab. Ich brauchte Ruhe, ich musste Kraft sammeln.

Fieberfantasien plagten mich. Ich sah Claggett daher geritten kommen. Er feuerte aus allen Rohren. Dann verzerrte sich sein Gesicht und nahm das Aussehen von Abuelas Kopf an - mit schönen langen Ohren.

Irgendwann hörte ich dann aber doch Stimmen, die sehr wirklich klangen. Die Frauen unterhielten sich ungeniert. Über mich. Sie glaubten wohl, ich läge in tiefem Schlaf.

»... war von Anfang an dagegen. Es ist Wahnsinn.« Kate sprach.

Nach ihr sagte Norie so kalt und herzlos, wie ich sie die ganze Zeit noch nicht hatte sprechen hören: »Er ist misstrauisch. Ihr habt es ja gemerkt. Es war die einzige Möglichkeit. Gegen uns hat er keinen Verdacht, und wenn ihr die Nerven bewahrt, merkt er auch nichts. Er soll uns nur den Weg zeigen.«

Na, das klang ja so, als ginge es über mich her!

Norie musste da etwas angesprochen haben, was Daisy und Kate maßlos verblüffte.

»Willst du damit sagen, dass ...?« Kate ließ den Satz unvollendet.

»Dass die Anteile entschieden höher sind, wenn sie nur durch drei geteilt werden. Das will ich damit sagen, mein Herz.«

Das kam bei mir an. Und wie!

Ich hatte ja schon befürchtet, dass die Frauen zu der Bande gehören könnten. Dass sie aber zumindest eng mit dem Burschen zusammenarbeiteten, der die Fäden zog. Zwischen einem Verdacht und der Gewissheit ist aber immer noch ein himmelweiter Unterschied.

Nun sah ich klar. Ich sollte sie zum Eldorado Canyon führen, und sie wollten ihren Auftraggeber und die Bande betrügen und das Gold für sich nehmen.

Keine Ahnung, was in Nories Kopf vorging. Im Canyon warteten siebzehn ausgewachsene Männer, und mit mir musste sie auch rechnen. Wir hatten ja nicht monatelang im Boden gewühlt, um dann das Gold an drei Frauen zu verschenken.

Auch Kate teilte meine Zweifel.

»Ja, das stellst du dir aber sehr einfach vor, Norie.«

»Es ist auch sehr einfach. Für alles ist gesorgt. Warte nur ab!«

Da war ich aber auch mächtig gespannt. Sie schien indes genau zu wissen, wovon sie redete. Leider ließ sie sich nicht weiter darüber aus.

»Sie werden uns erwischen.« Kate hatte Bedenken.

Norie lachte. »Wo denn, du Schaf? Wir werden Reisen machen, die ganze Welt steht uns offen.«

Mit hundertsiebzig Pfund Gold freilich. Ich kam in Zorn. Und ich hatte so eine dumpfe Ahnung, dass die Sache noch nicht ausgestanden war, falls ich lebend aus der Wüste herauskam.

Ich sperrte weiter die Ohren auf, aber nun sprachen sie von Dingen, die mich nicht interessierten. Von Mode und von Theaterbesuchen in Los Angeles.

Ich dämmerte so dahin und machte meine Schwitzkur. Die Hitze half mir dabei. Am frühen Nachmittag kochte ich noch einmal Kakteen ab. Wieder bekam ich nach dem Genuss der Brühe Halluzinationen. Aber danach merkte ich, dass die Mescaleros keine Dummköpfe sind. Ich konnte förmlich spüren, wie die elende Schwäche aus meinem Körper wich und wie die Kraft zurückkehrte.

Das machte mich hungrig. Also kochte ich einen Topf Bohnen mit Dörrfleisch, lud die Ladies ein und aß dann doch allein. Sie guckten, als hätte ich ihnen Schlangenfraß angeboten.

Beim Aufbruch fiel mein Blick auf die Reisetaschen der Frauen. Und da ging mir endlich ein Licht auf.

Norie hatte die Tasche absichtlich losgebunden und fallen lassen, um nämlich Claggett ein deutliches Zeichen auf der Piste zu hinterlassen.

Als sie nach der Schießerei an der Dale-Quelle begriffen haben musste, dass auch Banditen vom Schlag eines Dan Maratta sterblich waren, hatte sie eigene Pläne entwickelt. In Bezug auf das Gold natürlich. Sie wollte es für sich und ihre Freundinnen haben. Ich wollte wetten, dass sie sich auch schon überlegte, wie sie das Verteilen an ihre Freundinnen verhindern konnte.

Claggett hatte sie jedenfalls in der belauschten Unterhaltung mit keinem Wort erwähnt. Was bedeutete, dass sie mir zutraute, dem Kerl und seiner Bande zu entkommen.

Das war in der Tat mein fester Wille.

Und darum ließ ich auch aufbrechen, als noch die Sonne am Himmel stand.

Draußen in der Wüste schwammen Hitzeseen. Das passte mir ausgezeichnet, denn solche Seen verbergen alles, was sich hinter ihnen befindet. Ob Marattas Männer heranrückten oder Claggett mit der Bande, sie würden uns nicht sehen können.

Ich sie allerdings auch nicht, das war der Nachteil.

Ich musste mich jetzt entscheiden, ob ich weiter nach Osten ritt. Dort lagen die Turtle Berge. Übrigens haben die ihren Namen nicht daher, dass es dort jede Menge Schildkröten gibt, sondern wegen der Form der kuppigen Berge. Also, wie gesagt, die Turtle Berge und weiter zum Colorado. Das waren, wenn es keine Zwischenfälle gab, noch vier Tage. In den Turtle Mountains sollte es Wasser geben. Aber die Plätze hatte man mir nicht beschreiben können. Und nach ihnen zu suchen, dazu hatte ich keine Zeit.

Also war es besser, ich bog jetzt nach Nordosten ab und hielt auf die Sandwüste zwischen der Turtle Kette und den Old Women Bergen zu.

Das machte einen Tag mehr aus, aber ich kannte dort zwei Wasserstellen. Das gab den Ausschlag. Ich führte aus den Eisenbergen heraus. Wir erreichten in der Abenddämmerung den Rand des trockenen Danby Salzsees. Ich trieb meinen Schecken auf die Kruste hinaus. Sie hielt.

Da ritt ich zum Rand zurück und führte die Maultiere auf die weiß schimmernde Fläche. Die Frauen folgten in seitlichem Abstand.

Weit vor Mitternacht langten wir wohlbehalten drüben an. Kühler Wind stand uns entgegen. Ich kaute wieder Kaffeebohnen und zog die Jacke über, weil mich fröstelte.

Am frühen Morgen erreichten wir den Ostrand der Old Women Kette und ritten daran entlang, bis wir einen Schlupfwinkel für den Tag fanden. Ich teilte den Frauen Yuccaholz zu, damit sie nicht wieder ein Freudenfeuer brannten, kochte mir mein Essen, versorgte die Herde und hielt aus Gewohnheit Ausschau. Geier waren da, acht Stück. Aber keine Staubwolke und keine Verfolger.

Ich schlief, badete danach meine Wunden, die sich erfreulich gut machten, und übernahm wieder die Spitze. Von den Frauen hörte ich seit geraumer Zeit keinen einzigen Klagelaut mehr. Sie hatten begriffen, dass sie mit mir nicht handeln konnten. Aber ich glaube, es war mehr der Gedanke an das Gold, das sie alle Strapazen und Schmerzen geduldig ertragen ließ.

Wir ritten hart an der Bergkette entlang, den Spätnachmittag, den Abend, die ganze Nacht. Bis zum nächsten Vormittag. Mir ging es wieder dreckig. Ich hätte die Kakteenkur fortsetzen müssen. Aber hier gab es keine Chollas und Biberschwänze. Dabei war das die Gegend, in der sie wuchsen. Nur knochentrockenes Gras gab es vereinzelt, so hart, dass man sich die Finger daran zerschnitt. Nicht einmal die Maultiere wagten sich daran, und die fressen sonst alles, was halbwegs genießbar aussieht.

Ich sackte immer mehr zusammen. Ich litt wieder unter Schwäche.

Endlich fand ich einen halb verschütteten Canyon. Wir kampierten in seinem Maul und ließen die schlimmste Tageshitze verstreichen. Unterhaltungen kamen gar nicht mehr auf. Ich besprach mit den Frauen nur das Allernötigste. Die Ladies hatten sich mit Kopftüchern vor der verheerenden Sonne geschützt. Bloß nicht ausreichend. Ich sah, dass sie an den Armen und am Hals übel verbrannt waren.

Sie wollten Fett von mir haben, um die Stellen zu behandeln. Fett und Mehl sind angeblich alte Hausmittel, aber der größte Blödsinn, den man anrichten kann. Ich empfahl den Damen, feuchte Tücher aufzulegen.

Am Abend zogen wir weiter. Wir hatten kaum noch Wasser. Morgen mussten wir auf die Badger-Quelle treffen, die einzige am Ostrand der Old Woman Kette.

Wir fanden sie kurz vor Sonnenaufgang, aber wir konnten keinen Tropfen Wasser entnehmen. Ein totes stinkendes Bergschaf lag darin.

Die Ladies waren der Verzweiflung nahe. Nun jammerten sie wieder. Ich behielt einen halbwegs klaren Kopf, wusch allen unseren Tieren mit unseren Reserven die Nüstern aus und teilte jedem Pferd und Maultier einen Becher Wasser zu. Danach blieben uns noch zwei volle Schläuche.

Ich stieg in das Wasserloch und holte den Kadaver heraus. Bergschafe pflegen nämlich verdammt selten zu ertrinken. Ich fand schnell die Ursache. Eine Kugel hatte das Tier getötet. Danach hatte man es in die Quelle geworfen.

Ich wanderte etwas in der Umgebung herum und fand Spuren eines großen Reitertrupps.

Da wusste ich Bescheid. Das galt mir. Männer waren dagewesen und hatten die Quelle unbrauchbar gemacht.

Das nächste Wasserloch war die Piute-Quelle zwei Tagesritte nordöstlich von hier, am Ostrand der Piute Mountains gelegen. Ich konnte mir bildhaft vorstellen, wie die Erzhalunken dort hockten und sich ins Fäustchen lachten. Wir mussten kommen, ganz einfach. Wir brauchten Wasser.

Ich überlegte verzweifelt. Es gab da noch eine Möglichkeit. In den Nordausläufern der Turtle Berge sollte es eine gute Quelle geben.

Ich blickte über die hitzeflirrende Wüste hinüber. Die Luft war klar. Drüben im Osten konnte ich die dunkle Kette der Turtle Berge ausmachen, drei Dutzend Meilen entfernt. Sie sind durchschnittlich zweitausend Fuß hoch. Jetzt in der Tageshitze kamen wir niemals hinüber. In der Nacht musste es gehen. Ich hatte den Willen dazu, wenn auch nicht die Kraft. Irgendwie musste ich es schaffen.

Ich setzte den Ladies auseinander, was uns erwartete. Und ich erklärte ihnen, warum man das Bergschaf in das Wasserloch geworfen hatte.

Na, da machte Norie aber ein Gesicht. Gerade, als wollte ich diejenigen, die dafür verantwortlich waren, eigenhändig umbringen. Und ich wollte mich hängen lassen, wenn sie nicht an ganz bestimmte Leute dachte. An Lamb Claggett, Belk, Henry Maratta und die anderen nämlich!

Mir fiel auch sofort wieder die Staubwolke ein, die ich vor einigen Tagen beobachtet und für die Folge von Windstößen gehalten hatte. Die letzte Staubwolke hatte weit im Norden gestanden.

Wenn Claggett und die Bande dort nach Norden abgebogen und durch die Bullion Berge, die Bristol Mountains und die Old Dad Mountains geritten waren, dann hatten sie eine Abkürzung gefunden und mir wenigstens einen Tag abgeknöpft. Dann konnte es hinhauen, dass sie vor mir waren. Allerdings mussten sie dann Reservetiere mitführen.

Wir brachen erst auf, als es dunkel war, damit man unsere Staubwolke nicht sah. Da von den Frauen keine Gegenvorschläge gekommen waren, hielt ich also in die Wüste hinaus und ließ meinen Schecken auf die Turtle Berge zutrotten.

Nach Mitternacht musste ich die Traglasten anderen Maultieren aufpacken. Ich wusch wieder Nüstern feucht aus, und danach ging es weiter.

Noch vor Tagesanbruch waren wir drüben. Ich hatte wieder etwas Fieber, aber ich war klar genug, um noch zehn Meilen zu führen, bis wir hinter einer angewehten Sanddüne einen Einschnitt in der Felsbarriere fanden. Dort verbrachten wir den Tag. Es war entsetzlich. Die Maultiere schrien nach Wasser, die Pferde verfielen zusehends. Ich gab die Rationen nur becherweise aus und grub den Boden auf in der Hoffnung, auf etwas Feuchtigkeit zu stoßen. Nichts. Ich vergeudete nur Kraft.

Mehrmals blickte ich über die Sanddüne. Drüben lag die endlos lange Kette der Old Woman Berge. Wahrscheinlich hockte auf einem Vorsprung ein Späher und hielt nach unserer Staubwolke Ausschau. Ich wünschte, dass ihn der Schlag traf und er tot herabfiel.

Kaum war es dunkel, brachen wir auf. Ich hatte das letzte Wasser ausgegeben. In dieser Nacht kam es darauf an. Und darauf, dass ich die Quelle in den nördlichen Bergausläufern fand. Sonst waren wir am Ende. Ich glaubte, die Tiere spürten, worauf es ankam. Sie marschierten brav und machten keinen Unsinn, der uns aufhielt. Zweimal lud ich die Lasten um, aber mehr als diese Aufenthalte gestattete ich nicht.

Der Tag brach an, und wir hatten rechter Hand immer noch die kuppigen Berge als Begleiter. Erst als die Sonne schon heraus war, sah ich, dass die Berge flacher wurden. Wir waren bei den Nordausläufern angelangt.

Ich hätte brüllen mögen vor Freude. Jetzt musste noch die Quelle her. Aber wie die finden?

Manchmal helfen einem Bienen. Wo die hinfliegen, ist Wasser, Aber hier hörte ich keine vorbei brummen. Also ließ ich ein Maultier los.

Ich bedachte bloß nicht den Herdenzusammenhalt dieser Tiere und dass sie genügsamer als Pferde sind. Das Tier trottete ein paar Schritte weg und kehrte zurück. So ging es also nicht.

Mein Blick fiel auf die Spanier der Ladies. Die Pferde sahen arg mitgenommen aus. Mein Schecke auch. Und wir ebenfalls. Besonders ich mit meinem tagealten Bart.

Hier ging’s allerdings nicht um Schönheit, sondern um Wasser.

Das Pferd von Kate stand zitternd auf drei Beinen und ließ den Kopf hängen.

»Geben Sie ihm die Zügel frei«, sagte ich krächzend mit trockenem Mund. »Und treiben Sie ihn an.«

Der Spanier zottelte eine Weile dahin, und wir folgten. Nach einer Meile hob er den Kopf, witterte zu einem Felshaufen hin, in den der Wind gelben Sand geweht hatte, und schritt schneller aus. Und jetzt ruckten auch die anderen Pferdeköpfe hoch.

»Na also!«, krächzte ich.

Und dann sagte ich vorerst gar nichts mehr. Denn eine der Frauen schrie plötzlich los und deutete auf die Wüste hinaus. Weit drüben sah ich das Nordende der Old Woman Berge. Rechts dahinter erhob sich die Piute Kette. Aus dem Einschnitt dazwischen stieg eine dünne Staubwolke. Sie sah nur wegen der Entfernung winzig aus. In Wirklichkeit war sie riesig. Da es windstill war, konnte sie nicht von einem Luftwirbel stammen, die gelegentlich entstehen.

Da kam ein Reitertrupp - in wildem Galopp.

12

Ich machte mir keine falschen Hoffnungen. Das waren Claggett und die Bande. Sie waren durch die Bristol und Old Dad Berge gekommen, hatten die Badger-Quelle versaut und nun unsere Staubwolke entdeckt. Allerdings auf der falschen Seite des Wüstenzipfels. Statt, dass wir ihnen in die Arme ritten, mussten sie zu uns kommen.

Über zwanzig, dreißig Meilen offene Wüste. Mitten in der schlimmsten Hitze. Ich schätzte, dass sie in zwei Stunden da waren, wenn sie genügend Pferde zum Wechseln mitführten.

Das verschaffte uns Zeit.

»Keine Angst, vor dem Mittag sind die nicht da, und bis dahin haben wir Wasser«, beruhigte ich die Frauen.

Wir ritten weiter und folgten Kates Pferd zwischen die Felsen. Einige standen herum wie auf die Spitze gestellte Eier. Hinter der Ansammlung ging es etwas aufwärts zum Rücken eines Bergausläufers. Dort oben standen viel mehr dieser seltsamen Felsen. Ich beguckte argwöhnisch die Gegend. Ich hielt es für ausgeschlossen, dass wir dort Wasser fanden. Aber der Spanier trottete unverdrossen bergauf.

In einer Nische unter einem dieser Eierfelsen fanden wir tatsächlich die Quelle. Ich ließ den Frauen den Vortritt. Dann tränkte ich die Tiere und begann, die Wasserschläuche zu füllen und meine Flaschen. Als ich fertig war, enthielt das Loch kaum noch etwas. Und es sickerte nur sehr langsam Feuchtigkeit nach.

Was auch passierte, wir hatten wieder Vorräte und konnten jederzeit fort. Bloß nicht jetzt. Das Rennen gegen die Reiter hätten wir nämlich verloren. Ich konnte sie jetzt schon als winzige Punkte erkennen. Und wenig später fand ich bestätigt, dass sie Reservetiere mitzogen. Für jeden zwei. Deshalb auch die mächtige Staubwolke.

Ich holte mein Gewehr und die Munition, suchte mir einen guten Platz und wartete. Kurz nach Mittag waren sie da.

Lamb Claggett, Belk, Henry Maratta, mein schuftiger Maultierhändler, das ganze Pack. Sie führten auf den Pferden Wasserschläuche mit, aber besonders prall gefüllt erschienen mir die nicht.

Sie ritten in den Steinhaufen weiter unten und kamen nicht wieder zum Vorschein.

Lange ließen sie mich über ihre Absichten nicht im Unklaren.

Plötzlich blitzte es unten auf. Ich hörte ein paar Kugeln vorbeizischen und eine gegen einen Felsen klatschen. Dann erst kam der Krach der Abschüsse.

Der Kampf war eröffnet.

Die Männer waren eisern entschlossen, mich zu kriegen. Deshalb hielten sie sich auch gar nicht lange mit windigen Angeboten an mich auf. Wahrscheinlich hatten sie längst begriffen, dass mit mir nicht zu handeln war.

Mit ihrem Feuer hielten sie mich nieder. Ich zog den Kopf etwas ein. Dennoch sah ich, dass zwei Männer aus dem Felshaufen nach links liefen und sich in Deckung warfen.

Ich entlarvte ihre Taktik. Ein Teil von ihnen wollte mich beschäftigen, der andere arbeitete sich zu mir herauf und wollte mich von der Seite packen. Hinter einem Felsen stand ich auf und beobachtete den Ort, wo die zwei Strolche untergetaucht waren.

Gerade kamen sie wieder hoch und hasteten geduckt den Anstieg herauf. Der eine war Belk. Das räumte meine letzten Zweifel aus. Ich traf den Kerl mit der ersten Kugel. Genau an der richtigen Stelle. Er rollte abwärts und blieb in der Sonne liegen. Den anderen traf ich in den Oberschenkel. Er brüllte gewaltig und kroch in eine kümmerliche Deckung.

»Es fängt schlecht für Sie an, Claggett!«, rief ich hinunter.

Ein Kugelhagel war die Antwort. Ich wartete, bis sich ihre Wut etwas gelegt hatte. Dann meldete ich mich wieder.

»Sie schaffen es niemals, mein Freund. Wir haben Schatten, Futter, Proviant und Wasser. Sie können sich höchstens einen Tag halten, dann sind Sie erledigt. Das tote Bergschaf in der Quelle war keine schöne Geste.«

Ich reizte sie, und sie schossen, was das Zeug hielt.

Nach einer Weile ärgerte ich sie erneut.

»Auch das mit Dan Maratta war keine glänzende Idee!«, brüllte ich. »Der Pferdedieb ist tot. Einer seiner Männer auch.«

Unten kam Henry Maratta mit gesenktem Gewehr hinter einem Felsen hervor. Er wollte es nicht glauben, dass sein kleiner Bruder tot war.

»Sie lügen, Blackburn! Niemals ist er tot!«

»Wie sollte ich sonst wissen, dass er in diesem Spiel mitmischte, he? Ich habe ihn und den anderen an der Dale-Quelle vergraben.«

Er hob das Gewehr in den Hüftanschlag und gab rasend schnell ein paar Schüsse in meine Richtung ab. Ich lag längst wieder in Deckung.

Dann herrschte Stille. Eine Stunde. Noch eine.

Es wurde Nachmittag. Sie rührten sich nicht. Der Verletzte wimmerte.

Als der Osthang der Old Woman Berge drüben schon im Schatten lag, kamen sie heraus. Flink wie Pumas und so gereizt wie Klapperschlangen. Sie feuerten herauf und liefen auseinander.

Ich traf meinen Maultierhändler in die Schulter und einen anderen in die Brust. Die anderen fanden Deckung und begannen heraufzukriechen. Ich hörte sie.

Da rief plötzlich Norie irgendwo hinter mir: »Lamb, sind Sie von allen guten Geistern verlassen? Wir sind hier oben, bedenken Sie das!«

Naja, jetzt ließ sie die Maske fallen und gab sich zu erkennen. Als Antwort krachten von rechts drüben Schüsse. Ein Aufschrei aus weiblicher Kehle folgte.

Ich fuhr herum. Daisy saß neben einem Eierfelsen am Boden und starrte auf einen roten Fleck auf ihrem Kleid hoch in der linken Schulter.

Geier unter sich, ging es mir durch den Kopf.

Die Frauen hatten die Bande aus dem Geschäft drängen wollen, und wie es jetzt aussah, wollte die Bande die Frauen los sein. Mir hätte es recht sein können, dass sie sich gegenseitig dezimierten. Aber ich kann es auf den Tod nicht leiden, wenn auf Frauen geschossen wird. Da sehe ich rot, da hakt es bei mir aus.

»Schnell, ziehen Sie sich zurück!«, rief ich Norie zu. »Die Köpfe runter, schnell!«

Ich feuerte nach rechts, sah einen Stiefel aus einer Deckung ragen und setzte eine Kugel drauf.

Der Stiefel zuckte weg, ein Mann,fluchte entsetzlich.

Dann rollten Steine, rechts und links von meinem Platz. Ich kam in die Klemme.

Langsam zog ich mich zurück. Bei dem Lärm der Maultiere hörte ich nicht jedes Geräusch. Nur so war es möglich, dass mich Henry Maratta beinahe überraschte. Plötzlich trat er um einen Felsen. Er hatte keine Schrecksekunde. Ich allerdings auch nicht. Und ich hatte das Gewehr einen Sekundenbruchteil eher oben.

Er schoss mir zwischen den Beinen hindurch. Ich traf ihn besser.

Meine Kugel schleuderte ihn gegen den Stein. Er verlor das Gewehr, drehte sich, machte ein paar Schritte und stürzte den Anstieg hinab.

Ich erwartete den nächsten Strolch.

Aber es kam keiner. Nicht aus dieser Richtung.

Dafür sah ich Kate Sims, leichenblass unter dem Sonnenbrand, herbeieilen. Sie ergriff Marattas Gewehr, strich sich ihre langen blonden Haare zurück und kniete sich neben den Felsen. Das Gewehr nahm sie in Anschlag.

»Tun Sie doch was, Cannon!«, rief sie. Ihre Stimme war schrill. Ich hörte, sie hatte Angst.

Und wirklich schlugen auch wieder Kugeln herein.

Ich warf mich hin, kroch auf einen kleinen Felsbuckel und feuerte erst nach rechts und dann nach links. Dann musste ich nachladen. Kate übernahm jetzt das Schießen.

Teufel, ich hatte gar nicht gewusst, wie gut sie das konnte. Bestenfalls geahnt. Oder gehofft.

Sie traf einen Mann, ich hörte ihn schreien und erstickt husten, ganz dicht vor unserer Deckung. Dann fiel ein Körper und rutschte abwärts.

»Claggett, geben Sie auf!«, rief ich. Es war Wahnsinn, was er vorhatte.

Gegen zwei Gewehre konnte er unser Felsennest nicht stürmen.

Er probierte es dennoch. Er kam von links. Ich sah ihn ziemlich spät.

Er schoss Kate ein Loch in den Reitrock, kratzte sie aber zum Glück nicht einmal an. Dann setzte er mir eine Kugel vor die Nase, dass ich dachte, mir fliegt der Kopf fort.

Es waren aber bloß ein paar Steinsplitter, die mich verletzten.

Ich rollte herum, kniete hin und erschoss Lamb Claggett auf weniger als zehn Schritte Distanz. Ich glaube, sein letzter Eindruck war, dass er mich doch unterschätzt hatte.

Als sein Körper unten zur Ruhe gekommen war und in der gnadenlosen Sonne mit ausgebreiteten Armen lag, rief ich: »Claggett ist tot, Leute. Hört zu schießen auf! Oder macht weiter, mir ist es egal.«

Der Verletzte links in seiner schlechten Deckung wimmerte wieder. Seit Stunden lag er ohne Wasser und ohne Versorgung seines Oberschenkels.

Endlich rief jemand: »Sieht aus, als hätten Sie gewonnen, Blackburn. Was schlagen Sie vor?«

»Nehmt die Verwundeten, reitet zwei Stunden in die Wüste hinaus. Dann könnt ihr umkehren und die Toten begraben. Bis dahin ist auch wieder genügend Wasser im Felsenloch. Was haltet ihr davon?«

Sie wussten, wann sie verloren hatten.

»Einverstanden!«, schallte es zurück.

Zwei Männer waren unverletzt, drei mehr oder weniger stark beschädigt. Claggett, Belk, Maratta und ein anderer lagen tot auf dem Anstieg. Ihr Lebenssaft färbte die Wüste blutrot. Der Griff nach unserem Gold war sie teuer zu stehen gekommen.

Ich ließ die Männer abziehen und beobachtete ihren Marsch in die Wüste hinaus. Dann kümmerte ich mich um Daisys Schulter. Ich grub die Kugel heraus und wusch die Wunde mit heißem Wasser.

Reiten könne sie, sagte sie. Nur eben langsamer.

Mir sollte es recht sein. Ich wollte die Frauen aus der Wüste bringen, aber dann nichts mehr mit ihnen zu schaffen haben.

Bevor wir am späten Nachmittag aufbrachen, tränkte ich noch einmal die Tiere. Ich wollte den Rest der Bande hier festnageln, die Männer sollten warten müssen, bis wieder Wasser nachgesickert war.

Wir schleppten eine mächtige Staubwolke mit. Aber es war die einzige weit und breit. Wir hatten keine Verfolger mehr.

13

Das Abschütteln der Frauen hatte ich mir leichter vorgestellt.

Nachdem wir eine tödlich langweilige Wüstenstrecke durchquert hatten, langten wir in den Chemehuevi Hügeln an. In der Ferne konnte ich schon den Canyon des Colorado sehen.

Das war drei Tage nach der Schlacht bei den Turtle Bergen und nach drei fieberfreien Tagen für Daisy. Sie hatte sich toll gehalten und kaum geklagt. Die Wunde schloss sich schon wieder.

»Tja, dann hätten wir es also geschafft«, sagte ich und rieb in meinem Räuberbart herum, dass der Staub nur so flog. »Ich habe Sie durch die Mojave gebracht. Hier trennen sich unsere Wege. Ladies!« Ich griff an den Hutrand.

Damit kam ich bei Norie schön an.

»Wollen Sie uns in der Wildnis aussetzen? Nehmen Sie uns mit, bis wir auf Menschen treffen!«

Oh, das war geschickt. Die nächste Ansiedlung auf dieser Seite vom Colorado befand sich fünf Tagesritte nordwärts und bestand aus ein paar schäbigen Zelten und Erdlöchern. Das war nämlich unser Lager im Eldorado Canyon.

Mich juckte das Fell. Kaum war ich der tödlichen Wüste entkommen, war ich schon wieder bereit, den Teufel am Schwanz zu zupfen. Ich war neugierig, was Norie sich jetzt wieder hatte einfallen lassen.

Also nickte ich und fügte knurrend hinzu: »Meinetwegen, aber dann ist Schluss.«

Also ritten wir nordwärts.

Norie begann sich wieder von der liebenswürdigen Seite zu zeigen. Einmal kam sie nachts sogar an meinen Schlafplatz gekrochen. Sie wollte mich zu irgendetwas herumkriegen. Aber ich ließ mich nicht von ihr verführen. Ich plauderte mit ihr leise, um Daisy und Kate nicht zu wecken. Da zog sie bald wieder ab.

Wir ritten wieder am Tag und rasteten nachts. Das war Daisy und mir auch zuträglicher. Unsere Wunden heilten gut. Was mich etwas ärgerte, waren die zwei Maultiere, die ich verloren hatte. Wahrscheinlich hätte ein anderer mehr Tiere eingebüßt. Ich bin jedoch ehrgeizig, außerdem gelte ich als eisenharter und sturer Bursche, der sich nichts wegnehmen lässt. Naja, man kann im Leben nicht alles haben, sagte ich mir.

Nach fünf Tagen ritten wir in den Eldorado Canyon hinunter.

Unser schäbiges Camp war noch da, meine Freunde auch.

Einer schrie begeistert: »He, der Kerl reist tatsächlich in angenehmer Damenbekanntschaft! Lieber Himmel, ich sehe lauter Jungfrauen, mindestens tausend Stück!«

Lachend und schwatzend wurden wir umringt. Die Maultiere trotteten zum kleinen Bach und verteilten sich. Nur Abuela, die treue Maultiergroßmutter, stand in meiner Nähe und blickte mich aufmerksam an.

Die Wiedersehensfreude war groß. Niemand achtete besonders auf die Frauen.

Plötzlich hielt Norie einen schweren Revolver in der Hand und zielte auf den Sprecher unserer Goldgräberversammlung. Ich hatte keine Ahnung, woher sie die Waffe hatte.

Dann fiel mir ein, dass sie sie einem der Toten an der Turtle-Quelle abgenommen haben musste.

»Wir haben den weiten Weg nicht umsonst gemacht, Jasper!«, sagte Norie scharf und deutlich. Der Revolver in ihrer Hand unterstrich die Worte. »Wo ist es?«

»Jasper?«, staunte ich. Zum Teufel, ich kam mir wie der dumme Junge aus den Bergen vor. »Das ist Sam Moss, unser Sprecher.«

Ihre Lippen kräuselten sich verächtlich.

»Das glauben Sie, Cannon. Er ist Jasper Cleveland, der Bruder von Charles Cleveland in Los Angeles. Keiner bewegt sich! Ich schieße jedem Narren den Kopf herunter!«

Mir fiel es wie Schuppen von den Augen.

Die Cleveland Brüder hatten ein schäbiges Spiel mit uns gespielt. Und um ein Haar wäre ich dabei draufgegangen.

»In Ordnung, dann hol es ihr, Sam Moss«, sagte ich ganz ruhig. »Sie will bloß das Gold haben.«

Ich sah eine Menge verstörter Gesichter in der Runde, der Wechsel war gar zu schnell gekommen.

Sam Moss, oder Jasper Cleveland, machte ein Gesicht wie ein Fuchs in der Falle.

»Diese Frau muss total verrückt sein. He, Miss, was soll ...?«

Der Revolver krachte und spuckte Feuer und Rauch. Norie schoss dem Kerl beinahe ein Ohr weg.

Ich stand ihr zunächst, warf mich auf sie und drückte ihre Hand mit dem Revolver zu Boden. Sie krümmte noch einmal den Finger um den Drücker und zog durch.

Himmel, der Schuss kostete mich fast den rechten großen Zeh! Haarscharf fuhr die Kugel neben der Stiefelspitze in den Canyongrund.

Ich drückte einmal zu, und da ließ sie mit einem Wehlaut den Revolver fallen und gab auf.

Das Gold bekam sie nicht, so viel war sicher.

Wir fanden in Jaspers Sachen Briefe, die belegten, dass er tatsächlich Jasper Cleveland war und nicht Sam Moss. Er musste seinem Bruder in Los Angeles eine Botschaft geschickt und mit ihm die ganze Sache ausgeheckt haben. Darum hatte er mich auch nach Kalifornien rübergeschickt. Nicht bloß wegen der verdammten Maultiere, sondern damit sich eine Bande an mich hängen konnte.

Hätte Claggett mich erwischt, wäre seine Bande wie ein Unwetter über meine Freunde im Canyon hergefallen. Das waren brave Burschen, aber keine sonderlich guten Kämpfer. Sie hätten keine Chance gehabt.

Die Männer wollten Jasper hängen. Die meisten jedenfalls. Ich erhob Einwände. Da setzten wir ihn auf sein Pferd und jagten ihn davon. Ohne seinen Anteil am Gold. Den hatte er verspielt.

Tags darauf brachte ich die Frauen an den Weg, der auch nach Santa Fe führt. Wir waren zwei Tage unterwegs.

»Vielleicht haben Sie dort mehr Glück«, sagte ich spöttisch und war froh, dass ich sie endlich los war.

Aber ich weiß nicht, was gewesen wäre, wenn in jener Nacht statt Norie Kate zu meinem Schlafplatz geschlichen gekommen wäre. Die hatte mir von allen dreien eigentlich am besten gefallen. Und sie schien mir am wenigsten verdorben.

Es war gut, dass sie fortritten, ohne sich einmal umzusehen. Aber ich hockte noch im Sattel und wartete mit meinem Schecken, bis wir die Staubwolke nicht mehr sehen konnten. Das dauerte mehr als eine halbe Stunde.

Schließlich schüttelte ich den Kopf und grinste verlegen. Ich war ja verrückt.

Es gab noch andere Frauen. Ich brauchte nicht unbedingt eine aus Kalifornien. Oder wo sie sonst herstammen mochte.

Ich zog den Schecken herum und ritt nach Süden, dem Eldorado Canyon zu. Und jetzt war mir bedeutend wohler.

ENDE

Sammelband 14 (Band 105-112)

U.S. Marshal Bill Logan

von Pete Hackett

Pete Hackett Western - Deutschlands größte E-Book-Western-Reihe mit Pete Hackett's Stand-Alone-Western sowie den Pete Hackett Serien "Der Kopfgeldjäger", "Weg des Unheils", "Chiricahua" und "U.S. Marshal Bill Logan".

U.S. Marshal Bill Logan – die neue Western-Romanserie von Bestseller-Autor Pete Hackett! Abgeschlossene Romane aus einer erbarmungslosen Zeit über einen einsamen Kämpfer für das Recht.

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Über den Autor

Unter dem Pseudonym Pete Hackett verbirgt sich der Schriftsteller Peter Haberl. Er schreibt Romane über die Pionierzeit des amerikanischen Westens, denen eine archaische Kraft innewohnt, wie sie sonst nur dem jungen G.F.Unger eigen war - eisenhart und bleihaltig. Seit langem ist es nicht mehr gelungen, diese Epoche in ihrer epischen Breite so mitreißend und authentisch darzustellen.

Mit einer Gesamtauflage von über zwei Millionen Exemplaren ist Pete Hackett (alias Peter Haberl) einer der erfolgreichsten lebenden Western-Autoren. Für den Bastei-Verlag schrieb er unter dem Pseudonym William Scott die Serie "Texas-Marshal" und zahlreiche andere Romane. Ex-Bastei-Cheflektor Peter Thannisch: "Pete Hackett ist ein Phänomen, das ich gern mit dem jungen G.F. Unger vergleiche. Seine Western sind mannhaft und von edler Gesinnung."

Hackett ist auch Verfasser der neuen Serie "Der Kopfgeldjäger". Sie erscheint exklusiv als E-book bei CassiopeiaPress.

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Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author

© der Digitalausgabe 2014 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

INHALT

Band 105  Marshal Logan und der gefährlicher Auftrag

Band 106  Marshal Logan und der Trail des Verderbens

Band 107  Schatzsucher des Todes

Band 108  Und ich gab den Stern zurück

Band 109  Marshal Logan und der blutige Trail

Band 110  Bruderhass

Band 111  Marshal Logan und die tödliche Quittung

Band 112  Marshal Logan im Fadenkreuz des Todes

Band 105  Marshal Logan und der gefährliche Auftrag

Es klopfte an die Tür des Büros von Richter Humphrey. Der Richter blickte von seiner Arbeit auf und rief: »Herein!«

Die Tür ging auf, ein Mann von etwa fünfzig Jahren trat in das Büro. Er hatte den Hut abgenommen. Seine Haare waren grau. Ein Grinsen zog seine Lippen in die Breite. »Hallo, Jerome.«

Ein erfreuter Zug glitt über das Gesicht des Richters. »Hallo, Joshua. Gott, hab ich dich lange nicht gesehen.« Der Richter erhob sich, kam um seinen Schreibtisch herum und streckte dem Besucher die Hand hin.

Dieser schüttelte sie. »Ja, es sind wohl sieben oder acht Jahre, Jerome. Mein Gott, wie die Zeit vergeht. Wie geht es dir?«

»Mir geht es gut. Und dir?«

»Ich habe eine Herde Longhorns nach Amarillo gebracht und werde einige Tage in der Stadt bleiben.«

Joshua Brewster ahnte nicht, dass er für immer in Amarillo bleiben sollte. Seine letzten Stunden waren angebrochen ...

Die Hände der beiden Männer lösten sich. »Setz dich«, forderte der Richter seinen Besucher auf und wies auf einen der Stühle, die um einen kleinen, runden Tisch gruppiert waren. Auch der Richter setzte sich an den Tisch. »Erzähle, Joshua. Wie ist es dir in all den Jahren ergangen?«

»Da gibt es nicht viel zu erzählen. Ich züchte nach wie vor Rinder am Dry Devils River. Meine beiden Kinder sind in der Zwischenzeit erwachsene Leute geworden. Erzähl mir von dir, Jerome. Du hast ja eine steile Karriere gemacht, nachdem du damals aus dem Val Verde County weggegangen bist. Ich habe schon gehört, dass du oberster Gerichtsherr hier im Panhandle bist.«

»Oftmals ein harter Job, das darfst du mir glauben.«

»Wie geht es deiner Frau?«

Der Richter erzählte, dann berichtete Joshua Brewster über sein Leben im Süden, und so verging mehr als eine Stunde, bis sich Brewster wieder verabschiedete. Er versprach, noch einmal beim Richter vorbeizuschauen, ehe er Amarillo verließ ...

*

Es war Abend. Im Cristal Palace in Amarillo summte es wie in einem Bienenkorb. Die drei Bedienungen hatten alle Hände voll zu tun. An einigen Tischen wurde Karten gespielt; Black Jack und Poker. Stimmen schwirrten durcheinander, vermischte sich mit dem Gelächter der Männer, die Stimmung war ausgelassen und nichts deutete darauf hin, dass der Tod den Saloon bereits betreten hatte.

Er begleitete Joshua Brewster, der jetzt in den Schankraum gekommen war. Die Flügel der Pendeltür schlugen hinter ihm aus. Er schaute sich um. Dann ging er zu einem Tisch, an dem drei Männer saßen, die gekleidet waren wie Cowboys. »Hallo, Leute. Ihr habt die Stadt also noch nicht verlassen.«

Es waren Reiter der Treibermannschaft, die Brewster eingestellt hatte, um die Herde nach Amarillo zu bringen. Junge Burschen, denen die Verwegenheit in die Gesichter geschrieben stand.

»Wir bleiben noch einen oder zwei Tage hier«, sagte Dennis Carter, ein blonder Bursche mit blauen Augen.

»Wohin werdet ihr dann reiten?«, wollte Brewster wissen.

»Hinauf nach Kansas. Dort gibt es sicher einen Job für uns.«

»Solltet ihr im nächsten Herbst wieder in den Süden kommen, habe ich sicher wieder eine Arbeit für euch.«

»Wir werden es sehen.«

An einem der Tische, an dem gepokert wurde, warf ein Mann seine Karten hin und erhob sich mit einem Ruck. Sein Stuhl rutschte polternd zurück, der Mann knirschte: »Ich habe heute kein Glück. Verdammt! Darum steige ich aus, ehe ich meine letzten Dollars verliere. Das Glück ist wohl tatsächlich ein Rindvieh und sucht seinesgleichen.« Er schob sich den Stetson aus der Stirn und ging zum Tresen. »Gib mir einen doppelten Whisky, Jeff!«

»Will jemand für ihn einsteigen?«, fragte der Spielertyp, der die Bank hielt.

»Ein Spielchen kann nicht schaden«, murmelte Joshua Brewster und erhob sich. »Ich steige ein«, sagte er laut genug, so dass ihn der Mann am anderen Tisch hören konnte. Er ging zu dem Spieltisch hin, ließ sich nieder und zog seine Brieftasche aus der Innentasche seiner Weste.

»Wir spielen ohne Limit«, sagte der Spieler, ein Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, der einen dunklen Anzug und ein weißes Hemd trug, das am Hals von einer weinroten Schnürsenkelkrawatte zusammengehalten wurde. Er hatte ein scharfliniges Gesicht, das von einem pulvergrauen Augenpaar beherrscht wurde. »Einsatz sind fünf Dollar, jede Karte kostet einen Dollar. Wer nicht mehr setzen kann, muss aussteigen.«

»Dann geben Sie mal die Karten aus«, forderte Brewster und grinste. Vor ihm lagen zweihundert Dollar.

Er bekam zwei Buben und kaufte drei Karten. Es blieb bei den beiden Buben. Der Spieler links vom Bankhalter setzte fünf Dollar. Der nächste Spieler hielt mit, und auch Brewster schob fünf Dollar in den Pot. Der Bankhalter erhöhte um zehn Dollar. Der nächste Spieler stieg aus, der andere wollte sehen, auch Brewster passte. Das Spiel ging an die Bank. Neue Karten wurden ausgegeben, die Einsätze wurden in die Tischmitte geschoben. Brewster kaufte wieder drei Karten und hielt schließlich drei Neunen in der Hand. Er steigerte mit, bis nur noch der Spieler links vom Bankhalter mit von der Partie war. Der Mann sagte: »Ihre zwanzig, Mister, und noch mal zwanzig drauf. Wenn Sie sehen wollen, müssen Sie zwanzig Bucks bringen.«

Brewster schob den geforderten Betrag in die Tischmitte. Dann zeigten sie ihre Karten. Der andere Spieler hatte zwei Paare; Assen und Zehner. Der Pot ging an den Rancher aus dem Val Verde County.

Sie spielten mit wechselndem Glück. Es ging auf Mitternacht zu, als Brewster ein Full House bekam. Der Bankhalter kaufte zwei Karten und der Rancher vermutete, dass er über einen Dreier verfügte. Sie begannen zu setzen. Der Spieler, der die Bank hielt, trieb den Einsatz immer weiter in die Höhe. Die beiden anderen Männer stiegen aus. Brewster ging mit. Dann war das Geld, das er vor sich auf dem Tisch liegen hatte, alle. Er holte weiteres aus seiner Brieftasche und schließlich lagen mehr als tausend Dollar im Pot.

Der Bankhalter sagte: »Ihre fünfzig und weitere hundert.«

Brewster schob zweihundert Dollar in die Tischmitte. »Ich erhöhe um hundert.«

»Okay. Und noch einmal hundert drauf.« Auch der Spieler legte zweihundert Dollar auf den Haufen Geld in der Tischmitte.

Langsam wurde Brewster unsicher. Er spürte Erregung. Sein Herzschlag hatte sich beschleunigt. Es war viel Geld, das sich im Pot befand, und wenn er verlor, war das ein herber Verlust. Er entschloss sich, das Spiel zu beenden und warf einen Hunderter in die Tischmitte. »Ich will sehen.«

Der Spieler legte seine Karten mit den Bildern nach oben auf den Tisch. »Vier Damen.«

Einen Moment lang wurde es Brewster schwindlig. Er stieß scharf die Luft durch die Nase aus. Dann grollte er: »Wie können Sie vier Damen haben, Mister. Eine Dame habe ich abgelegt. Es gibt keine fünf Damen in einem Spiel.«

Der Spieler kniff die Augen zusammen. Sein starrer Blick verkrallte sich an Joshua Brewster. »Was wollen Sie damit sagen?«

»Dass Sie falsch gespielt haben.«

Wie von Schnüren gezogen erhob sich der Spieler. »Das lasse ich mir nicht bieten.«

»Eine andere Antwort gibt es nicht. Bei fünf Damen ist eine zu viel im Spiel. Aber ich will mich nicht mit Ihnen streiten, Mister. Ich nehme mein Geld wieder heraus und ...«

»Der Pot gehört mir!«

Die Worte fielen wie Hammerschläge. Füße scharrten, Stühle wurden gerückt. In der Runde war man auf den Streit aufmerksam geworden. Die Gespräche verstummten. Die Atmosphäre im Saloon war plötzlich angespannt und gefährlich. Die Luft schien zu knistern wie vor einem schweren Gewitter.

»Sie sollten Vernunft annehmen«, murmelte Brewster. Er hielt dem stechenden Blick des Spielers stand. »Hier ...« Er drehte die Karten um, die er abgelegt hatte. Tatsächlich befand sich eine Dame darunter.

Der Spieler sagte: »Ich weiß nicht, wer die fünfte Dame ins Spiel gebracht hat. Ich jedenfalls nicht. Und darum gehört der Pot mir.«

»Nein.« Brewster schüttelte den Kopf. »Notfalls holen wir den Sheriff und ...« Er griff unter seine Jacke.

Der Spieler zog blitzschnell seinen Revolver und feuerte. Brewster bekam die Kugel in die Brust und kippte samt Stuhl nach hinten um. Seine Hand rutschte unter der Jacke hervor. Sie hielt die Brieftasche. »Ich – ich wollte doch nur ...« Seine Stimme erstarb. Ein Gurgeln kämpfte sich in seiner Brust hoch und platzte über seine Lippen.

Vor dem Gesicht des Spielers schwebte eine Pulverdampfwolke. Ein Rauchfaden kräuselte aus der Mündung des Bullcolts, den er unter der Jacke hervorgezaubert hatte. Seine Augen flackerten.

»Verdammt!«, rief jemand. »Der Mann war unbewaffnet.«

Jemand kniete bei dem Verletzten ab. Brewster murmelte mit verlöschender Stimme. »Holt Richter Humphrey her. Schnell. Es – es ist sehr wichtig. Bitte, holt den Richter ...«

Der Spieler schwenkte den Revolver in die Runde. Er vermittelte einen gehetzten Ausdruck. »Er griff unter die Jacke, und ich dachte, er greift nach einem Revolver«, hechelte er.  »Versucht nur nicht, mich aufzuhalten. Es – es war ein Unfall. Er hätte nicht unter seine Jacke greifen sollen ...«

Er schob sich zum Ausgang. Niemand hinderte ihn. Er war voll Panik, und das machte ihn unberechenbar und gefährlich. Dann war er draußen. Da standen einige Pferde. Er band eines der Tiere los und schwang sich in den Sattel. Hart trieb er das Tier an ...

*

Es war früher Morgen, als jemand an die Tür meiner Unterkunft klopfte. Ich lag noch im Bett. Das Zimmer teilte ich mir mit einigen anderen Marshals. Sie waren – abgesehen von meinem Partner Joe Hawk – irgendwo im Panhandle unterwegs. Im nächsten Bett lag Joe. Ich richtete meinen Oberkörper auf und rief: »Wer ist draußen?«

Es war Simon Calispel, der Sekretär des Richters. Er sagte: »Raus aus den Betten, ihr faule Bande. Der Richter will euch sehen. Also schwingt die müden Hufe!«

Joe schoss von seinem Bett in die Höhe. »Ich mache der kleinen Kanaille einen Knoten in den Hals ...«

Simon verschwand wie der Blitz.

Es war immer dasselbe mit den beiden.

Ich erhob mich, ging zu der Waschschüssel auf einem eisernen Dreibein und warf mir einige Hände voll Wasser ins Gesicht. Vor dem Fenster hing noch die Morgendämmerung. Es wunderte mich, dass der Richter um diese Zeit schon im Dienst war. Ich griff nach dem Handtuch, das an der Wand hing ...

Zwanzig Minuten später betraten wir das Büro des Richters. Humphrey sah müde aus. Unter seinen Augen lagen dunkle Ringe. Sein Gesicht war ausgesprochen ernst. »Guten Morgen, Marshals«, begrüßte er uns. »Bitte, nehmen Sie Platz.«

Wir setzten uns an den kleinen, runden Tisch.

»Ich habe einen besonderen Auftrag für Sie«, sagte der Richter. »Heute Nacht wurde im Cristal Palace ein alter Freund von mir erschossen. Sein Name ist Joshua Brewster. Er betreibt eine Ranch unten im Val Verde County. Um die Ranch ist es nicht besonders gut bestellt. Darum hat Josh eine Herde nach Amarillo getrieben. Der Erlös der Herde – 20.000 Dollar – ist dafür bestimmt, eine Hypothek bei der Bank in Comstock abzulösen.«

Der Richter machte eine Pause.

Joe und ich schwiegen.

Der Richter fuhr fort: »Der Mann, der Josh erschoss, heißt James Lancer. Er erschoss Josh, als dieser in die Tasche griff, um seine Brieftasche herauszuholen. Der Bursche ist geflohen, als er merkte, dass er einen waffenlosen Mann niedergeschossen hat.«

»Wir sollen ihn schnappen und zurückbringen, wie?«, fragte Joe.

»Das wird Ihr Job sein, Joe«, versetzte der Richter, dann heftete er seinen Blick auf mich. »Mit seinem letzten Atemzug hat mich Josh gebeten, sicherzustellen, dass die 20.000 Dollar auf jeden Fall die Dry Devils Ranch erreichen. Ohne das Geld kommt sie unter den Hammer. Darum bitte ich Sie, Logan, das Geld auf die Ranch zu bringen.«

»Kann nicht jemand anderes ...?«

»Es ist mir sehr wichtig, Logan.«

Ich konnte mich der Bitte des Richters nicht verschließen.

*

Das Geld war bei der Bank hinterlegt. Ich sattelte mein Pferd, verabschiedete mich von Joe, dessen Job es war, James Lancer zu stellen und nach Amarillo zurückzubringen, dann schwang ich mich in den Sattel und ritt zur Bank.

Richter Humphrey hatte bereits mit dem Bankier gesprochen. Er händigte mir ohne große Formalitäten die Satteltaschen mit dem Geld aus. Als ich die Bank verließ, sah ich einige junge Kerle in der Nähe herumlungern. Sie waren gekleidet wie Cowboys und schauten zu mir her. Ich schnallte die Taschen hinter meinem Sattel fest und saß auf. Mit einem Schenkeldruck trieb ich mein Pferd an. Es war ein Rotbrauner, der sich leicht führen ließ. Er setzte sich in Bewegung. Ich wandte mich in eine Gasse, die nach Süden aus der Stadt führte.

Wenig später lag Amarillo hinter mir. Hin und wieder schaute ich mich um. Hügel begrenzten jedoch mein Blickfeld. Mir kamen die Kerle in den Sinn, die mich beim Verlassen der Bank beobachtet hatten, und ein beklemmendes Gefühl machte sich in mir breit. Ich folgte den Windungen zwischen den Hügeln. Das Gras war staubig. Der Wind brachte den feinen Staub, der alles puderte, von Süden, vom Llano Estacado herauf. Es war ein klarer, kalter Tag im Dezember. Bäume und Sträucher waren entlaubt. Schnee war noch nicht gefallen. Die Sonne schien und der Himmel, der sich über mir spannte, war blau. Hier und dort zogen weiße Wolken.

Dumpf pochten die Hufe meines Pferdes. Weiße Dampfwolken standen vor den Nüstern des Tieres. Ich schaute zurück und konnte die Spur, die mein Pferd hinterließ, deutlich erkennen. Sie zog sich wie ein dunkler Strich durchs kniehohe Gras. Als ich einmal auf einen Hügel ritt, um auf meiner Fährte zurückzublicken, sah ich die fünf Reiter. Mir war klar, dass sie mich verfolgten. Schlagartig wurde mir bewusst, dass es ein Himmelfahrtskommando war, mit dem mich der Richter betraut hatte.

Ich ritt weiter, wandte mich aber nach Westen, um auf felsiges Terrain zu geraten, wo ich hoffte, meine Spur zu verwischen. Meile um Meile zog ich dahin. Die Vegetation wurde karger, und schließlich ritt ich zwischen die ersten Felsen. Der Boden war steinig, manchmal klirrte es, wenn ein Hufeisen gegen Gestein schlug. Die Vegetation bestand aus Mesquitesträuchern und dornigen Comas.

Die Wüste schien nur aus totem Gestein, Wind und Staub zu bestehen. Wispernd strich der Wind an den kahlen Felsen entlang, raschelte in den Zweigen der halbverdorrten Sträucher und wühlte im feinkörnigen Sand, der das ganze Land wie grauer Puder überzog. Gerölltrümmer lagen überall umher und zwangen mich, manchmal große Bogen zu reiten. Vor mir erhob sich eine Hügelkette mit steilen Geröllfeldern, und ich befürchtete schon, dass ich mitten hindurchreiten musste, als ich den schmalen Pfad entdeckte, der sich in Windungen über einen der Hügel hinwegzog.

Ich folgte diesem Pfad, durchritt ein staubiges Tal, folgte einem aufsteigenden Canyon zu einem Bergsattel, dann ging es wieder einen sich abwärts senkenden Canyon hinunter. Der Canyon war tief und ich hatte das Gefühl, ins Innere der Erde hinabzusteigen.

Und als ich aus dem Canyon hinausritt, kam mir aus einer Schlucht ein Reiter entgegen. Er saß vornübergeneigt im Sattel, sein Pferd ging im Schritt. Das Gesicht des Mannes lag im Schatten der Hutkrempe.

Ich hielt an. Mein Pferd trat auf der Stelle. Ich nahm es in die Kandare. In mir loderte die Flamme des Misstrauens. Die Kerle, die mich vor der Bank in Amarillo beobachtet hatten, kamen mir wieder in den Sinn. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt noch keine Ahnung, dass es sich um die Treibermannschaft handelte, die mit Joshua Brewster die Herde nach Amarillo gebracht und die Brewster nach erfolgreichem Trieb entlassen hatte.

Dann war der Bursche heran. Er hatte die rechte Hand unter die linke Achsel geklemmt. Er hob das Gesicht. Der Bursche war höchstens Mitte zwanzig und stoppelbärtig. Und unvermittelt zog er seine Hand unter der Achsel hervor. Sie hielt einen Revolver. Ich gab meinem Pferd die Sporen. Aus dem Stand sprang das Tier an, und ehe sich der Bursche versah, rammte mein Pferd das seine. Zugleich zog ich den Remington.

Der Kerl wurde aus dem Sattel katapultiert und krachte auf den Boden. Ich jagt davon, auf die Schlucht zu, aus der der Bursche gekommen war. Ein Schuss krachte, aber die Kugel verfehlte mich. Dann stob ich zwischen die Felsen. Als ich mich einmal umschaute, sah ich, dass zwei Reiter hinter mir hersprengten. Sie mussten irgendwo zwischen den Felsen gesteckt haben. Die Hufe trappelten und die Echos vervielfältigten die hämmernden Geräusche. Die Schlucht war voll vom Krachen der Hufe. Und dann sah ich zwei Reiter, die mir den Weg versperrten. Ich zerrte mein Pferd in den Stand und sprang ab. Mit zwei Griffen löste ich die Taschen mit dem Geld vom Sattel, dann schnappte ich mir die Winchester und rannte in einen Felsriss, der sich rechterhand öffnete. Eisige Luft strömte mir entgegen. Der Boden stieg an. Er war geröllübersät. Der Riss erweiterte sich. Das Poltern der Hufe holte mich ein. Der Anstieg wurde immer steiler. Unter meinen Schritten löste sich Geröll und kollerte in die Tiefe.

Bald pumpten meine Lungen. Ich spürte, wie mir trotz der Kälte der Schweiß ausbrach. Dann endete der Anstieg und ich befand mich auf einem Plateau, aus dem zerklüftete Felsen ragten. Der Wind trieb Staubwirbel vor sich her. Ich verschnaufte kurz und lauschte hinter mich. Das Poltern von Geröll verriet mir, dass meine Verfolger auf dem natürlichen Pfad zwischen den Felsen nach oben kamen.

Ich lief ein Stück über das Plateau und versteckte mich zwischen den Felsen. Herzschlag und Atmung nahmen bei mir wieder den regulären Rhythmus auf. Ich hatte die Satteltaschen zu meinen Füßen abgestellt und hielt mit beiden Händen die Winchester. Eine Patrone befand sich in der Kammer.

Und dann kamen drei der Kerle. Sie liefen sofort auseinander und gingen in Deckung. Ich hörte ihre Stimmen. Sie verständigten sich gegenseitig. Und dann sah ich einen von ihnen hinter einem Felsen hervortreten. Er bewegte sich geduckt, in seinen Händen lag das Gewehr. Er hielt es schräg vor seiner Brust. Langsam näherte er sich mir. Ich schoss. Die Kugel pflügte vor seinen Füßen den Boden und ließ den Staub spritzen. Der Bursche stieß sich ab und rannte wie von Furien gehetzt in Deckung. Und dann krachten die Gewehre der drei. Es war ein hämmerndes Stakkato. Querschläger quarrten ohrenbetäubend. Schlagartig brach der Krach ab. Pulverdampf zerflatterte über den Deckungen. Wie ein Leichentuch senkte sich die Stille zwischen die Felsen.

»Gib auf, Marshal!«, schrie einer rau. »Wir kriegen dich.«

Ich gab keine Antwort sondern zog mich zurück, darauf bedacht, immer die Felsen zwischen mir und meinen Gegnern zu haben. Dann musste ich ein Stück freies Terrain überqueren, ehe mir wieder Felsen Deckung boten. Ich spurtete los. Ein Schuss peitschte. Ich schlug einen Haken. Dann erreichte ich die Felsen und sprang in einen Felsspalt, der mir Schutz bot.

Die Kerle griffen an. In der Zwischenzeit hatten sich auch die beiden anderen hinzugesellt. Es wurde für mich brenzlig. Einer der Kerle verließ seine Deckung und rannte zu nächsten. Ehe er sie erreichte, schoss ich ihm eine Kugel ins Bein. Er stürzte und kroch zwischen die Felsen, dann erklang seine schmerzgepresste Stimme: »Er hat mich erwischt! O verdammt, er hat mir eine Kugel in den Oberschenkel geknallt.«

Ich setzte mich in Bewegung. Die Satteltaschen hatte ich mir über die Schulter gehängt. Im Gewirr der Felsen gelang es mir, mich abzusetzen. Ich beobachtete die Kerle, wie sie das Plateau verließen. Es war ihnen wohl zu gefährlich geworden, mich offen anzugreifen. Einer stürzte sich schwer auf seinen Komplizen. Es war der Kerl, dem ich eine Kugel ins Bein geschossen hatte.

Ich hatte kein Pferd. Zu Fuß machte ich mich auf den Weg nach Süden. Mir war klar, dass die Kerle nicht aufgeben würden.

*

»Es ist ein glatter Durchschuss«, sagte Dennis Carter.

Herb Callagher saß am Boden. Er hatte die Hose hinuntergelassen. Blut sickerte aus den beiden Wunden, die die Kugel in seinen Oberschenkel gerissen hatte.

Jim Morgan kam mit einer Binde, die er aus der Satteltasche genommen hatte, und machte sich daran, die Wunden zu verbinden. »Daran stirbst du nicht.«

Jesse Jackson räusperte sich und sagte: »Er kommt nicht weit ohne Pferd. Irgendwo weiter südlich werden wir ihn abfangen. Und dann werden wir keine Rücksicht mehr auf sein Leben nehmen.«

»Der Hurensohn ist gefährlicher als ein Nest voller Klapperschlangen«, bemerkte John Prewitt. »Wir dürfen ihn auf keinen Fall auf die leichte Schulter nehmen.«

Dennis Carter ergriff das Wort: »Wir versuchen, seine Spur aufzunehmen. Jesse hat recht. Ohne Pferd kommt er nicht weit. Wenn wir ihn eingeholt haben, kreisen wir ihn ein. Und dann ...«

»Das gefällt mir nicht«, murmelte Herb Callagher, dem der Schmerz die Tränen in die Augen trieb. »Mord an einem U.S. Marshal ist sicher kein Kavaliersdelikt. Sind es 20.000 Dollar wert, dafür gejagt zu werden wie ein tollwütiger Hund und am Ende vielleicht gehängt zu werden?«

»Wir verschwinden aus Texas, sobald wir das Geld haben«, erklärte Dennis Carter. »Außerdem wird nie jemand erfahren, was aus dem Marshal wurde. In diesem Land kann ein Mann verschwinden wie ein Sandkorn in der Wüste. Mach dir keine Sorgen, Herb.«

Dann hatte Jim Morgan die Wunde verbunden. Herb Callagher erhob sich stöhnend und zog seine Hose in die Höhe. Das Hosenbein war am Oberschenkel blutgetränkt. Er schloss die Hose. »Dafür werde ich diesem Hurensohn die Haut streifenweise abziehen.«

Dennis Carter zog seinen Tabakbeutel aus der Jackentasche und drehte sich eine Zigarette. Als sie brannte, sagte er: »Jesse, John, versucht, seine Spur aufzunehmen. Und wenn ihr sie gefunden habt, gebt uns Rauchzeichen. Wir warten hier.«

Jesse Jackson und John Prewitt stiegen auf ihre Pferde und ritten davon. Die Nasen ihrer Pferde wiesen nach Westen.

Nach zwei Stunden kamen sie zurück. Jackson legte beide Hände auf das Sattelhorn und beugte den Oberkörper ein wenig nach vorn. »Nichts. Der Hundesohn scheint sich in Luft aufgelöst zu haben. Aber die nächste Stadt weiter südlich ist Canyon. Dort versucht er vielleicht, sich ein Pferd zu beschaffen. Wir sollten dem Ort einen Besuch abstatten.«

»Reiten wir«, sagte Dennis Carter, der so etwas wie die Rolle des Anführers des Rudels einnahm.

*

Meine Füße brannten. Ich hatte mich wieder nach Osten gewandt und folgte dem Palo Duro Creek in den gleichnamigen Canyon. Die Felsen zu beiden Seiten erhoben sich steil und muteten mich himmelhoch an. Es ging auf den Abend zu. In der Schlucht war es schon düster. Langsam wurde für mich jeder Schritt zur Tortur. Aber ich hatte ein Ziel. Und das war der Ort Canyon. Dort wollte ich mir ein Pferd beschaffen und die Nacht verbringen.

Mechanisch setzte ich einen Fuß vor den anderen. Der Creek rauschte und gurgelte. Hier und dort wuchs am Ufer ein Strauch. Es gab keinen Weg. Felsen ragten aus dem Boden. Ich schaute nach oben. Der Wind trieb Staubfahnen über die Ränder der Felsen. Im Canyon war es windstill.

Schnell kam die Finsternis. Am Himmel flimmerten Myriaden von Sternen. Der Mond war noch hinter den Felsen im Osten verborgen. Meine Füße wurden schwer wie Blei. Leise klirrten meine Sporen. In der Schlucht war es finster. Mit dem Einbruch der Nacht hatte die Kälte zugenommen.

Irgendwann sah ich weit vor mir einige Lichter. Erleichtert atmete ich auf. Ich hatte Canyon erreicht. Der Anblick der Lichter beflügelte mich. Ich mobilisierte noch einmal sämtliche Reserven, die in mir steckten. Die Lichter rückten näher. Und dann taumelte ich zwischen die ersten Häuser der Stadt. Aus den Schornsteinen stieg Rauch. Es roch nach verbranntem Holz. Viele der Häuser lagen schon in Dunkelheit.

Ich ging zum Mietstall. Das Tor war geschlossen. Ich hob den Riegel aus der Verankerung und öffnete einen der Torflügel. Er knarrte in den Angeln. Warme Luft schlug mir entgegen, durchsetzt von der Ausdünstung der Pferde und dem Geruch von Heu und Stroh. Ich riss ein Schwefelholz an, vager Lichtschein umgab mich, der allerdings schon nach einem halten Schritt endete. Neben dem Tor hing an der Wand eine Lampe an einem Nagel. Ich nahm sie herunter und zündete sie an. Es schepperte, als ich den Glaszylinder wieder über die Flamme stülpte. Das Licht kroch auseinander.

Eine Leiter führte hinauf zum Heuboden. Ich stieg sie empor und löschte oben die Laterne. Dann legte ich mich ins Stroh.

Lautes Knarren weckte mich. Es war düster. Durch die Ritzen zwischen den Brettern der Stallwand sickerte Tageslicht. In den schrägen Bahnen tanzten winzige Staubpartikel. Ich erhob mich und klopfte Heureste von meiner Kleidung. Dann stieg ich nach unten. Überrascht musterte mich der Stallmann. Er kannte mich. »Guten Morgen, Marshal«, grüßte er.

»Ich war so frei und habe hier im Stall übernachtet«, sagte ich. »Sie haben doch sicher nichts dagegen.«

»Warum sollte ich? Wann sind Sie denn angekommen?«

»Irgendwann gegen Mitternacht. Ich bin auf dem Weg nach Süden und habe mein Pferd verloren. Einige Banditen haben es mir abgejagt. Sie werden mir ein Reittier leihen müssen.«

»Waren es fünf Kerle, Marshal, die Ihnen das Pferd abjagten?«

»Ja, das kann hinkommen.«

»Die sind in der Stadt. Einer von ihnen hat eine Kugel im Bein und hat ärztliche Hilfe in Anspruch genommen.«

»Das sind sie«, sagte ich. »Sie befinden sich noch in Canyon?«

»Ja. An Ihrer Stelle würde ich mich aber nicht mit den fünf Burschen anlegen. Das sind keine Anfänger. Ich kann Männer einschätzen. Und die fünf sind Wölfe.«

Ich nagte an meiner Unterlippe. Dann sagte ich: »Wahrscheinlich haben Sie recht. Suchen Sie mir ein gutes und ausdauerndes Pferd aus und legen Sie ihm einen Sattel auf. Ich werde unverzüglich die Stadt verlassen.«

»Warum hat es das Quintett auf Sie abgesehen, Marshal?«

»Sie sind hinter dem Geld her, das sich hier in diesen Satteltaschen befindet«, antwortete ich. »20.000 Dollar, die ich ins Val Verde County zu bringen habe. Diese Summe bringt so manchen Mann auf krumme Gedanken.«

Der Stallmann pfiff zwischen den Zähnen. »Das ist eine Menge Geld.«

Er holte ein Pferd aus einer Box. Es war ein hochbeiniger Grauer mit breiter Brust, was Schnelligkeit und Ausdauer verriet. »Ist der in Ordnung?«, fragte der Stallmann.

Ich nickte.

Er sattelte und zäumte ihn. Ich schnallte zuletzt die Satteltaschen fest und versenkte mein Gewehr im Sattelschuh, dann führte ich das Pferd aus dem Stall und saß auf. Ich ritt nicht auf die Straße, sondern benutzte eine Gasse, um die Stadt zu verlassen. Die nächste Stadt, Tulia, war etwa vierzig Meilen von Canyon entfernt. Ich wollte sie bis zum Abend erreichen.

*

Grazia Esteban schaute aus dem verstaubten Fenster. Es war um die Mitte des Vormittags. Auf der Straße und den Gehsteigen bewegten sich einige Passanten. Ein Mann erregte die Aufmerksamkeit der schönen Mexikanerin. Er war Ende zwanzig und kam langbeinig über die Straße. Ein Lächeln umspielte die sinnlichen Lippen der Frau. Ihre dunklen Augen begannen in einem besonderen Licht zu glänzen. Sie wandte sich vom Fenster ab.

Ja, Grazia Esteban war eine sehr schöne Frau von fünfundzwanzig Jahren. Sie hatte lange, schwarze Haare, die in sanften Wellen auf ihren Rücken und ihre Schultern fielen. Ihr Gesicht verriet Rasse, sie war schlank, aber dennoch wohlproportioniert und mittelgroß.

Es klopfte gegen ihre Tür.

»Es ist offen.«

Die Tür ging auf, Jack Webb betrat das Zimmer. Der Ranchersohn blickte düster drein. Von ihm ging etwas aus, das Grazia seltsam berührte. Ihr Lächeln erlosch. »Hola, Cariño«, sagte die Frau. Erwartungsvoll-fragend musterte sie den Mann.

Dieser baute sich vor ihr auf, stemmte beide Hände in die Seiten und sagte grollend: »Ich habe mich gestern mit Kim Merewither verlobt. Wir wollen heiraten.«

Grazia war wie vor den Kopf gestoßen. »Aber ...«

»Kein aber! Es ist so.«

»Aber sagtest du nicht, dass du mich liebst und dass ich deine Frau ...«

Er verzog geringschätzig den Mund. »Sicher, das sagte ich.« Er zeigte ein scharfes Grinsen, das jedoch seine Augen nicht erreichte. »Schließlich musste ich dich mit etwas ködern. Anders hätte ich dich wohl kaum bekommen.« Sein Grinsen zerrann, seine Brauen schoben sich düster zusammen. »Damit ist Schluss. Ich hatte nie vor, dich zu heiraten. Das hätte mein Vater auch gar nicht geduldet.«

Grazias Gesicht verzerrte sich. »Ich kann das nicht glauben.«

Er winkte ungeduldig ab. »Diese Stadt lebt im Schatten meines Vaters, und eines Tages wird sie in meinem Schatten leben. Für dich gibt es hier keinen Platz mehr, Honey. Du weißt, was ich meine.«

»Du – du willst mich aus dem Weg haben. Por Dios, was bist du für ein Schuft. All die Monate war ich dir recht. Du – du hat mich benutzt, du hast mich schamlos ausgenutzt. Du heiratest Kim Merewither doch nur, weil ihr Vater ein reicher Viehhändler ist und ...«

Hart unterbrach er sie: »So ist es. Was bist du denn? Ein mexikanisches Flittchen, das jeden Abend im Saloon singt. Denkst du wirklich, mein Vater ließe zu, dass du dich auf der Ranch einnistest? Niemals! Nimm es hin, wie es ist. In einer Stunde fährt die Postkutsche nach Süden. Nimm sie, Honey. Ich kann dich fertigmachen. Das weißt du sicher. Ich kann dafür sorgen, dass du hier keinen Fuß mehr auf die Erde kriegst. Also sei vernünftig und verschwinde.«

»Du bist ein verdammtes Schwein.«

Er zog auf und schlug ihr die flache Hand ins Gesicht. Seine Finger zeichneten sich rot auf ihrer Wange ab. »Das ist nur ein kleiner Vorgeschmack von dem, was du zu erwarten hast, wenn du nicht verschwindest!«, zischte Jack Webb. Er packte sie am Oberarm, schob sie zum Bett und versetzte ihr einen Stoß, der sie auf die Liegestatt warf. »Bevor ich jedoch gehe, will ich dich noch einmal haben, Honey. Also stell dich nicht an und zieh dich aus ...«

Er begann, seine Hose aufzuknöpfen.

»Du – du musst verrückt sein!«, stieß Grazia hervor. »Wie könnte ich dir noch zu Willen sein? Geh zu deiner Kim! Ich ...«

Er beugte sich über sie und schlug ihr den Handrücken bretterhart auf den Mund. Ihre Lippe platzte auf, Blut rann über ihr Kinn. Ein Aufschrei entrang sich ihr. »Hier gilt nur ein Wille!«, knurrte Jack Webb. »Und das ist meiner. Also, zieh dich aus! Oder muss ich mir mit Gewalt nehmen, was du mir freiwillig nicht geben willst?«

Ein Blick in sein Gesicht verriet Grazia all die Skrupellosigkeit, die in ihm steckte. Seine Worte und sein Verhalten waren erschreckend in ihrer Unmissverständlichkeit. In seinen Augen glitzerte ein böses Licht der Unduldsamkeit und der Habgier.

Grazia warf sich herum. Ihre Hand fuhr unter das Kopfkissen. Als sie wieder zum Vorschein kam, hielt sie einen Derringer. Sie richtete ihn auf Jack Webb und zischte: »Verschwinde aus meinem Zimmer, Jack, oder ich erschieße dich!«

Er erstarrte. In seinem Gesicht arbeitete es. Dann knirschte er: »Das würdest du nicht wagen.«

»Doch!«, versetzte sie mit klirrender Stimme.

Er lachte rasselnd. »Nein, o nein, das wagst du nicht. Mein Vater würde dir den schönen Hals lang ziehen. Also, nimm das Spielzeug runter und lass es über dich ergehen. In einer Stunde verlässt du die Stadt und ...«

»Ich zähle bis drei! Und wenn du dann nicht zur Tür hinaus bist, schieße ich.«

Er fuhr fort, seine Hose aufzuknöpfen. »Du bluffst doch nur, Honey. Komm, nimm Vernunft an. Ich werde es dir noch einmal richtig besorgen und du wirst ...«

»Eins!«

Er warf sich auf sie. Grazia drückte ab. Ein zerrinnender Ton brach aus Jack Webbs Kehle. Seine Gestalt erschlaffte auf der Frau. Grazia wand sich unter ihm hervor. Entsetzt starrte sie ihn an. In seinen Mundwinkeln zuckte es. »Hölle«, keuchte er. »Du – du hast mir – eine Kugel ...«

Er bäumte sich auf, fiel zurück und war tot. Ausdruckslosigkeit senkte sich in sein Gesicht – es war die absolute Leere des Todes ...

»O mein Gott!«, entrang es sich der Frau. Sie war fassungslos, in ihren Augen irrlichterte es. Schlagartig wurde ihr die Tragweite ihres tödlichen Schusses bewusst. Kalt und stürmisch kam die Angst vor Big Adam Webb, dem Boss der Diamant-W Ranch.

Grazia zwang sich zur Ruhe. Ihre Hand, die den Derringer hielt, hing schlaff nach unten. Im Saloon unten war noch kein Betrieb. Sie fragte sich, ob jemand auf der Straße den Schuss gehört hatte. Grazia ging zum Fenster, schob es in die Höhe und beugte sich hinaus. Vor dem Saloon hielt sich niemand auf. Wahrscheinlich war der Knall des Derringers gar nicht bis auf die Straße gedrungen.

Die Frau wandte sich ab. Auf dem Bett lag der tote Ranchersohn. Seine gebrochenen Augen drückten Unglauben und das letzte Entsetzens seines Lebens aus. Grazia schluckte würgend. Ihr Kehlkopf rutschte hinauf und hinunter. Sekundenlang stand sie wie gebannt auf der Stelle, die linke Hand auf den Halsansatz gepresst, also versuchte sie so, ihren fliegenden Atem zu beruhigen.

Schließlich aber kam Leben in ihre Gestalt. Sie legte den Derringer auf den Tisch, öffnete den Kleiderschrank, nahm eine Reisetasche heraus und begann, sie mit ihren Utensilien vollzustopfen. Wahllos warf sie alles an Kleidung hinein, was ihr in die Hände fiel. Zuoberst verpackte sie den Derringer, dann zog sie sich eine warme Jacke an und verließ das Zimmer. Sie sperrte es von außen ab.

Im Schankraum befand sich niemand. Grazia verließ den Saloon durch die Hintertür. Auf Schleichwegen erreichte sie den Mietstall. Der Stallbursche machte große Augen, als er sie sah. »Sie, Señorita«, sagte er erstaunt.

»Man hat mich aus der Stadt gewiesen«, sagte Grazia. »Ich brauche ein Pferd und einen Wagen. Einen Einspänner. Ich kann alles bezahlen.«

»Wie bitte? Wer hat Sie aus der Stadt gewiesen?«

»Jack Webb, im Namen von Big Adam Webb.«

»Aber, ich dachte ...«

»Er hat mich nur ausgenutzt. Gestern hat er sich mit Kim Merewither verlobt, und nun bin ich ihm im Weg. Er hat mir eine Stunde Zeit gegeben. Die Stunde ist gleich vorbei. Können Sie mir einen Wagen und ein Pferd verkaufen?«

»Natürlich, Señorita. Ich spanne das Pferd an. Warten Sie nur wenige Minuten.«

»Beeilen Sie sich.«

Der Stallbursche machte sich an die Arbeit. Und während er ein Pferd vor den Buggy spannte, sagte er: »Webb ist vor einer halben Stunde in die Stadt gekommen. Er hat sein Pferd bei mir untergestellt. Ich war schon verwundert, weil er mitten in der Woche am helllichten Tag in die Stadt kam und ich sagte mir, dass es schon ein besonderer Grund sein müsse, das ihn herführt. Wo ist er jetzt?«

»Im Saloon.«

Schweigend vollendete der Stallmann seine Arbeit. Grazia zahlte das Gespann, verstaute ihr Gepäck hinter dem Sitz, dann stieg sie in den Wagen. Der Stallbursche reichte ihr die Zügel. »Hüh!« Sie ließ die Zügel auf den Rücken des Pferdes klatschen. Das Tier zog an, der Wagen setzte sich in Bewegung. Der Stallmann blickte der Frau hinterher. Ein ungewisses Gefühl sagte ihm, dass etwas nicht stimmte. Woher es rührte, entzog sich seinem Verstand.

*

»Mein Sohn ist tot, sagst du«, stieß Big Adam Webb hervor. »Erschossen! Und dieses Satansweib ist spurlos verschwunden!«

Die Stimme des Ranchers klang wie fernes Donnergrollen. Sie wies einen unheilvollen Unterton auf. Durchdringend starrte Webb den Mann aus Abernathy an, der ihm die Hiobbotschaft überbracht hatte. Sie befanden sich in der Halle des Ranchhauses. Sie war prunkvoll eingerichtet. Schwere Polstermöbel nahmen die Mitte des Raumes ein. An den Wänden standen Vitrinen mit viel Kristall. Die Wand über einem offenen Kamin war mit alten Waffen und indianischen Handarbeiten dekoriert.

Big Adam strich sich mit fahriger Geste über die Augen. Schwerfällig ging er zu einem der Sessel und ließ sich hineinfallen. »Und niemand in der Stadt will den Schuss gehört haben«, murmelte er.

»Ihr Sohn kam kurz vor zehn Uhr in die Stadt. Er hat sein Pferd im Mietstall untergestellt. Dann ging er in den Saloon und besuchte sofort die Sängerin in ihrem Zimmer. Was dort geschah, weiß niemand. Vom Stallmann weiß ich, dass Grazia einen Wagen und ein Pferd kaufte und die Stadt verließ.«

»Jack war mein einziger Sohn.« Der Rancher murmelte es wie im Selbstgespräch vor sich hin. Gedankenverloren starrte er auf die Tischplatte. In seinem Gesicht zuckten die Muskeln. Nur das Ticken des Regulators an der Wand war zu vernehmen. Rhythmisch schwang das Messingpendel der Uhr hin und her. Der Bote aus der Stadt hatte trotz der Uhr das Gefühl, dass die Zeit plötzlich stillstand.

Das änderte sich, als sich der Rancher mit einem Ruck erhob. Ein entschlossener Ausdruck prägte jeden Zug seines kantigen Gesichts. »Ich reite mit den verfügbaren Männern in die Stadt.« Er ging zur Tür und riss sie auf, trat hinaus auf die Veranda, legte beide Hände auf das Geländer und brüllte: »Wilson!«

Aus einem Anbau, in dem das Ranch Office untergebracht war, trat ein hochgewachsener Mann. »Hier, Boss. Was gibt es?«

»Jack ist tot«, grollte der Rancher. »Die mexikanische Hure hat ihn erschossen. Wir reiten in die Stadt. Jag alle verfügbaren Männer in die Sättel.«

»Was?!«

»Du hast richtig gehört. Mein Sohn ist tot. Soeben hat man mir die Nachricht überbracht. Lass mein Pferd satteln. In einer Viertelstunde reiten wir.«

Fünfzehn Minuten später waren ein halbes Dutzend Reiter auf dem Weg nach Abernathy. Der Rancher ritt mit Trauer im Herzen. Er war erschüttert und fassungslos – aber da war noch mehr. Da war verzehrender Hass – Hass auf die Frau, die seinen Sohn auf dem Gewissen hatte. Ein Hass, der kein Verständnis, keine Zugeständnisse und keine Versöhnung kannte.

Der Ranch ritt mit seinem Vormann Hank Wilson an der Spitze des kleinen Rudels. Die Hufe rissen kleine Staubwolken in die klare Luft. Der Mann aus Abernathy hatte sich der Crew angeschlossen. Er ritt am Ende. Die Männer ritten in dumpfes Schweigen versunken. Die Hufe pochten, Gebissketten klirrten, Sattelleder knarrte. Manchmal wieherte ein Pferd.

Sie erreichten die Stadt nach einer Stunde. Menschen standen auf der breiten, staubigen Main Street in Gruppen zusammen. Sie gestikulierten und debattierten. Als das Rudel auftauchte, brachen die Gespräche ab. Mit gemischten Gefühlen beobachteten die Menschen den kleinen Pulk.

Big Adam ritt zum Haus des Totengräbers und saß ab. »Wartet hier auf mich«, sagte er halblaut, dann ging er sattelsteif hinein. Der Undertaker empfing ihn in der Halle des Hauses. Auf zwei Böcken stand ein offener Sarg, in dem Jack Webb lag. Sein spitzes Gesicht mutete wächsern an. Man hatte ihm die Augen geschlossen. Big Adam trat vor den Sarg hin, sein Blick saugte sich am Gesicht seines Sohnes fest. »Warum hast du keine Kerzen angezündet, Kellog?«

»Ich – ich dachte, Sie – Sie werden ihn auf der Ranch aufbahren und beerdigen. Darum ...«

»Schon gut. Du hast recht. Jack soll auf der Ranch neben seiner Mutter seine letzte Ruhe finden. Bring ihn auf die Ranch, Kellog, und bahre ihn in der Halle des Haupthauses auf. Wir werden ihn begraben, wenn ich zurück bin.«

Der Rancher schwang auf den Absätzen herum und marschierte nach draußen. Dort saß er auf. »Zum Saloon, Leute.«

Sie setzten die Pferde in Bewegung. Ein kalter Hauch schien durch die Stadt zu ziehen. Big Adam verströmte eine tödliche Entschlossenheit. Seine Mannschaft vermittelte einen unübersehbaren Eindruck von Wucht und Stärke. Vor dem Saloon zügelten sie die Pferde und saßen ab. Nachdem sie die Pferde angebunden hatten, gingen sie hinein. Ihre Schritte riefen ein hallendes Echo auf den Dielen des Fußbodens wach. Ihre Sporen klirrten. Die Männer, die sich im Schankraum befanden, schwiegen. Die Leute von der Diamant-W gingen zum Tresen und bauten sich dort auf. »Whisky«, forderte Big Adam.

Der Keeper stellte sechs Gläser vor die Männer hin, angelte sich eine Flasche Whisky und schenkte ein. Der Rancher trank das Glas mit einem Zug leer. »In welche Richtung ist die dreckige Hure geflohen?«

»Einige Leute sahen sie in Richtung Süden die Stadt verlassen«, antwortete der Keeper.

»In Ordnung. Trinkt aus, Leute. Ich will sie vor dem Abend noch einholen.«

Der Ranch machte kehrt und ging zur Tür. Seine Männer beeilten sich, ihm zu folgen. Wenig später stob das Rudel in wilder Karriere aus der Stadt. Es gab keine Schonung für die Pferde. Der Pulk zog eine Staubfahne hinter sich her. Die Poststraße nach Lubbock war von Wagenrädern zerfurcht und von Hufen aufgewühlt. Den Pferden trat weißer Schaum vor die Nüstern. Der Reitwind bog die Krempen der Hüte vorne senkrecht in die Höhe. Die Halstücher flatterten.

»Wir müssen das Tempo drosseln, Boss!«, schrie der Vormann. »Andernfalls halten sie keine halbe Stunde mehr durch.«

Widerwillig fiel der Rancher seinem Pferd in die Zügel. Die Tiere röchelten und röhrten. Ihre Flanken zitterten. Das Fell war dunkel vom Schweiß. Auch die anderen Reiter reduzierten die Geschwindigkeit. Sie ließen die Pferde eine Viertelstunde im Schritt gehen und verschnaufen. Dann trieben sie sie wieder an. Big Adam war voll tödlicher Ungeduld. In ihm wühlte eine böse Leidenschaft. Er wollte seinen Sohn rächen. Dabei spielte es für ihn keine Rolle, dass er eine Frau jagte. Sie hatte seinen Sohn getötet, und nur das zählte. Dafür musste sie büßen.

In einem hämmernden Stakkato stoben die Reiter dahin. Und als die Sonne im Südwesten stand, sahen sie weit vor sich auf der Straße den einsamen Wagen. Ein Stück weiter bohrte sich die Straße zwischen die Hügel. Big Adam riss sein Pferd in den Stand. Der Pulk kam zum stehen. »Wir haben sie eingeholt. Vorwärts, Männer, schnappt sie euch. Ich will dieses Weibsbild hängen sehen. Schnappt sie euch!«

Die Reiter spornten ihre Pferde an ...

*

Grazia vernahm den brandenden Hufschlag und wandte sich um. Der Schreck ging tief. Das Herz drohte ihr in der Brust zu zerspringen. Sie trieb das Pferd an. Der Wagen rumpelte und holperte. Die Frau wurde durch und durch geschüttelt. An ihr schien die Gegend vorbeizufliegen. Es ging zwischen die Hügel. Immer wieder ließ sie die Zügelleinen auf den Rücken des Pferdes klatschen. »Lauf!«, feuerte sie mit schriller Stimme das Tier an.

Angst umkrallte Grazias Herz und wütete in ihren Eingeweiden. ‚Angst‘ war vielleicht gar nicht das richtige Wort, um auszudrücken, was sie empfand. Panik kroch in ihr hoch. Beim Gedanken daran, was Big Adam mit ihr anstellen würde, drohte ihr das Blut in den Adern zu gefrieren. Ihre Nerven lagen blank. Ein Laut, der sich anhörte wie trockenes Schluchzen, entrang sich ihr.

Noch wirbelten die Hufe des Pferdes in einem regelmäßigen Rhythmus. Aber wie lange hielt das Tier noch durch? Sie hatte es nach ihrer Flucht aus Abernathy nicht geschont, weil sie mit Verfolgung gerechnet hatte. Das machte sich nun bemerkbar. Bald würde sich der Hufewirbel verlangsamen ...

»Hüh, hüh, lauf!«

Das Pferd schien das Letzte aus sich herauszuholen. Grazia schaute über die Schulter zurück. Die Reiter hatten aufgeholt. Das Grauen griff mit knöcherner Klaue nach ihr. Ein eisiger Schauer rann ihr über den Rücken hinunter.

Das Pferd konnte nicht mehr. Es wurde langsamer. Grazia versuchte es mit schrillem Geschrei und mit den Zügeln anzufeuern. Vergebens. Das Tier war total verausgabt. Schaum tropfte von seinen Nüstern.

Schnell holten die Reiter auf. Und dann überholte einer das Fuhrwerk, ritt neben das dahinstolpernde Pferd und griff nach dem Zaumzeug. Er brachte das Gespann zum Stehen. Grazia sprang ab und versuchte zu Fuß zwischen die Hügel zu fliehen. Einer der Reiter folgte ihr und ritt sie über den Haufen. Sie stürzte. Ihre Finger verkrallten sich im gefrorenen Boden. Ihre Nägel brachen. Stoßweise atmete sie, ihre Augen flackerten.

Die Reiter kreisten sie ein. Hank Wilson, der Vormann, stieg vom Pferd und trat vor Grazia hin. »Steh auf.«

Als sie nicht sogleich reagierte, packte er sie an den Oberarmen und zerrte sie auf die Beine. Die Frau konnte keinen klaren Gedanken fassen. Ihre Zähne schlugen wie im Schüttelfrost aufeinander. »Es – es war Notwehr«, stammelte sie. »Jack – wollte mich vergewaltigen.«

»Erzähl das dem Teufel in der Hölle«, erwiderte der Vormann kalt. Dann schaute er einen der Cowboys an. »Nimm mein Pferd, Curly. Ich fahre mit der Lady im Wagen.«

Er bugsierte Grazia zu dem Buggy und nötigte sie, einzusteigen. Er setzte sich neben sie und angelte sich die Zügel. Dann fuhren sie zurück. Die Reiter eskortierten sie. Grazias Hals war trocken wie Wüstensand. Das Herz schlug ihr bis zum Hals hinauf. Ihre Gedanken wirbelten. Die Aussichtslosigkeit ihrer Situation drohte sie wie mit tonnenschweren Gewichten zu erdrücken.

Sie kamen bei Big Adam an. Schwer und wuchtig saß der grauhaarige Rancher auf seinem lehmgelben Wallach. Sein Gesicht hatte sich verkniffen. Seine Augen blickten hart wie Bachkiesel. Der Wagen kam zum Stehen, das Rumpeln und Poltern endete. Auch die Hufschläge und anderen Geräusche verklangen. Nur das Schnauben und Prusten der Pferde war zu vernehmen.

Der Rancher erhob seine Stimme: »Du hast Jack ermordet.«

Grazia zog den Kopf zwischen die Schultern. Ihre Stimmbänder wollten ihr nicht gehorchen. Sie musste zweimal ansetzen, dann sagte sie mit belegter Stimme: »Ich wollte Ihren Sohn nicht töten, Sir. Aber nachdem er mich geschlagen hat, versuchte er mich zu vergewaltigen. Ich setzte mich zur Wehr und bedrohte ihn mit dem Derringer. Er – er ...«

»Du bist ein dreckiges Flittchen. Du hast dich meinem Jungen an den Hals geworfen, weil du dachtest, er würde dich heiraten. Ich weiß alles. Um dich zu nehmen, brauchte er dich nicht zu vergewaltigen. – Hängt sie auf, Leute.«

»Nein!« Gellend schrie es Grazia. »Es – es war ein Unfall! Er stürzte sich auf mich und der Schuss löste sich. Ich – ich will vor ein ordentliches Gericht gestellt werden. Darauf habe ich ein Recht.«

Big Adam nickte seinem Vormann zu. Dieser gab den Männern einen Wink. Zwei saßen ab und packten Grazia. Ein dritter nahm sein Lasso vom Sattel und ritt zu einer Eiche mit dicken, ausladenden Ästen. Über einen dieser Äste warf er das Lasso.

Grazias Hände wurden mit einer Lederschnur auf den Rücken gefesselt. Dann setzte man sie auf ein Pferd und führte es unter die vom Ast baumelnde Schlinge. Einer ritt heran und griff nach der Schlinge. In dem Moment, als er sie der Frau über den Kopf streifen wollte, peitschte ein Schuss.

Die Männer riss es herum. Auf dem Kamm des Hügel weiter westlich verhielt ein Reiter. An seiner linken Brustseite schimmerte ein Stern. Er feuerte noch einmal einen Schuss in die Luft ab, dann trieb er sein Pferd an ...

*

Ich erreichte das Rudel. Stechende Augen taxierten mich, schienen mich einzuschätzen, die Kerle machten sich ein Bild von mir. Einer, der war ungefähr Mitte fünfzig und grauhaarig, stach mir in die Augen. Er verströmte natürliche Autorität und Unduldsamkeit. Der Mann war dazu geboren, Anordnungen zu erteilen, zu loben und zu tadeln und – zu bestrafen. Er starrte mich düster an.

Die Hände der anderen befanden sich nahe bei den Revolvern. Das war eine hartgesottene hartbeinige Mannschaft, die ihrem Boss gehorchte wie Landsknechte ihrem Fürsten. Die Gesichter waren verkniffen, ein Hauch von Unerbittlichkeit und Gnadenlosigkeit ging von ihnen aus.

»Ich habe einiges gegen Lynchjustiz einzuwenden«, rief ich und ließ den Grauhaarigen nicht aus den Augen. »Mein Name ist Bill Logan. Ich bin Deputy Marshal des Bezirksgerichts in Amarillo.«

»Ich sehe Ihren Stern, Marshal«, grollte der Grauhaarige. »Mein Name ist Adam Webb. Man nennt mich Big Adam. Diese Frau hat meinen Sohn ermordet. Und dafür strafe ich sie. Das ist legitim und mein gutes Recht.«

Ich schüttelte den Kopf. »Sie irren sich, Webb. Die Zeit, in der jemand ohne entsprechenden gerichtlichen Beschluss gehängt werden durfte, ist vorbei.«

»Sie ist eine Mörderin, und auf Mord gibt es nur eine Antwort.«

»Es stimmt nicht!«, rief die Frau mit hartem Akzent. »Sein Sohn versuchte mich zu vergewaltigen. Ich habe mich nur gewehrt. Als er sich auf mich stürzte, löste sich der Schuss. Es war ein Unfall, außerdem setzte ich mich nur zur Wehr.«

»Macht weiter«, gebot Adam Webb. »Und Sie sollten sich raushalten, Marshal. Ich tue nur, was getan werden muss. In Abernathy gibt es kein Gesetz. Wir sind auf uns alleine gestellt. Das Gesetz vertrete in diesem Fall ich.«

Einer der Männer legte der Frau den Strick um den Hals und zog die Schlinge ein wenig zu. Ich konnte das Entsetzen in den Augen der Lady erkennen. »Sie – Sie dürfen es nicht zulassen, Marshal«, keuchte sie.

Ich richtete das Gewehr auf Adam Webb und sagte hart: »In dem Moment, in dem Sie den Befehl geben, das Pferd unter ihr wegzutreiben, schieße ich Sie aus dem Sattel. Mir scheint, das ist die einzige Sprache, die Sie verstehen, Mister.«

»Meine Leute würden Sie in Fetzen schießen, Marshal«, drohte Webb.

»Allerdings werden Sie nicht mehr viel davon haben«, versetzte ich kalt und repetierte. Das scharfe, metallische Geräusch hing für einen Sekundenbruchteil in der Luft, dann versank es. »Nimm der Frau den Strick wieder ab!«, kommandierte ich. »Mach schon.«

Aus den Augenwinkeln sah ich eine Bewegung. Ich zuckte halb herum und feuerte, repetierte sofort wieder und richtete das Gewehr erneut auf Adam Webb. Der Bursche, der nach dem Revolver gegriffen hatte, stürzte vom Pferd. Ein langgezogenes Stöhnen war zu vernehmen.

Im Gesicht des Ranchers arbeitete es krampfhaft. Seine Kiefer mahlten. Seine Lippen waren nur ein dünner, messerrückenscharfer Strich. In seinen Augen las ich die tödliche Drohung. Es war ein stummes Duell. Unsere Blicke kreuzten sich wie Degenklingen. Schließlich nickte Webb. »Okay, Lane, nimm ihr den Strick ab.« Und an mich gewandt sagte der Rancher: »Aber in dieser Sache ist nicht das letzte Wort gesprochen, Marshal.«

Zwei Männer saßen ab und kümmerten sich um den Verwundeten. Ich hatte ihm eine Kugel in die Schulter geschossen.

»Ich bringe die Frau nach Lubbock und übergebe sie dort dem Sheriff«, erklärte ich. »Er wird ermitteln, was sich zugetragen hat, und das Gericht wird ein entsprechendes Urteil fällen. Sie, Webb, sind weder Richter noch Henker. Das Gesetz der freien Weide gibt es nicht mehr.«

»Sie hat meinen Jungen ermordet«, knurrte der Rancher, kaum die Lippen bewegend. »Und dafür wird sie sterben. Ich verlasse mich nicht auf die so genannte Gerechtigkeit. Die Gesetze haben Lücken. Sie darf nicht ungeschoren davonkommen.«

»Ich sehe es schon«, sagte ich. »Sie sind nicht zur Vernunft zu bringen. Na schön. Ich werde Ihnen die Möglichkeit nehmen, uns zu folgen. Runter von den Pferden!«

»Bis jetzt geht es nur um die Frau«, grollte der Rancher. »Sie sind nur eine Figur in diesem Spiel, Marshal. Sie sollten aber vermeiden, sich meinen persönlichen Zorn zuzuziehen. Ich warne Sie.«

»Absteigen!«

Der Rancher dachte nicht daran, meiner Aufforderung Folge zu leisten. Ich schoss seinem Pferd eine Kugel zwischen die Vorderhufe. Erdreich spritzte. Das Tier stieg erschreckt auf die Hinterhand und wieherte. Sofort lud ich nach und ließ die Mündung der Winchester über die Kerle pendeln.

Der Rancher hatte Mühe, sich im Sattel zu behaupten und sein Pferd wieder unter Kontrolle zu bringen.

»Mit der nächsten Kugel schieße ich Ihnen das Pferd unter dem Hintern weg!«, drohte ich.

Die Mundwinkel des Ranchers zeigten tiefe Kerben. Ein rasselnder Atemzug entrang sich ihm. Das Flirren in seinen Augen verriet, wie sehr die Wut in ihm wütete.

»Ich warte nicht mehr lange«, stieß ich hervor.

Plötzlich schwang sich Webb vom Pferd. »Das werden Sie büßen, Marshal.«

»Sparen Sie sich Ihre Drohungen.«

»Steigt ab, Leute. Er sitzt am längeren Hebel. Aber noch ist nicht aller Tage Abend.«

Sie schwangen sich aus den Sätteln.

»Und jetzt legt eure Waffen ab!«, befahl ich.

Zähneknirschend kamen sie meinem Befehl nach. Und dann gebot ich ihnen, zu verschwinden. Einer stützte den Verwundeten. Von ihnen ging eine stumme Prophezeiung aus. Die Feindschaft berührte mich wie ein heißer Atem. Adam Webb drohte nicht mehr. Ich blickte den Kerlen nach, bis sie hinter einem Hügel aus meinem Blickfeld verschwanden. Dann ritt ich zu der Frau hin und knüpfte ihre Handfessel auf. Ich saß ab und half ihr vom Pferd.

»Sie hat der Himmel geschickt, Marshal.«

»Sieht so aus«, erwiderte ich. »Machen wir, dass wir wegkommen von hier.«

Ich band die sechs Pferde mit dem Diamant-Brandzeichen zusammen, indem ich immer den Zügel eines Tieres am Sattelhorn des anderes festzurrte. Das vorderste Pferd band ich am Buggy fest. Dasselbe machte ich mit meinem Pferd. Dann half ich der Mexikanerin in den Buggy und setzte mich neben sie. Ich trieb das Pferd an. Die Achsen quietschten leise in den Naben. Ich spürte, dass mich die Frau von der Seite beobachtete.

*

»Dieser verdammte Bastard!«, fluchte der Rancher.

»Ohne Pferde sind wir aufgeschmissen«, gab Hank Wilson, der Vormann, zu bedenken.«

»Ich weiß, verdammt! Holen wir unsere Revolver.«

Die Waffen lagen dort im Gras, wo sie sie hingeworfen hatten. Der Marshal hatte sich nicht die Mühe gemacht, sie aufzusammeln. Ihre Gewehre steckten in den Scabbards an den Sätteln der Pferde. Webb schickte einen der Cowboys auf einen Hügel, damit er Ausschau nach dem Buggy hielt. Der Cowboy kam zurück und sagte: »Sie sind zwischen den Hügeln verschwunden. Zur Hölle mit diesem Marshal. Bis Abernathy sind es gut und gerne zehn Meilen, und bis Lubbock ist es genauso weit. Wir werden einen halben Tag unterwegs sein.«

»Jammern bringt uns nicht weiter«, knurrte der Vormann. »Es gibt nur die beiden Möglichkeiten. Umkehren oder nach Lubbock laufen.«

»Wir gehen nach Lubbock«, stieß Webb hervor.

Das Rudel setzte sich in Bewegung. In den Gesichtern spiegelte sich wider, was die Männer empfanden. Ihr Zorn auf den Marshal war grenzenlos ...

*

»Er hat mir das Blaue vom Himmel versprochen«, erzählte Grazia Esteban. »Immer wieder beteuerte er, wie sehr er mich liebt und dass er mich auch gegen den Willen seines Vaters heiraten würde. Ich vertraute ihm und gab ihm alles, was eine Frau einem Mann geben kann. Aber dann kam er auf mein Zimmer, eröffnete mir, dass er sich mit Kim Merewither verlobt habe und dass er sie heiraten werde. Er schlug mich, und dann verlangte er von mir, dass ich mich ihm ...«

Grazias Stimme brach.

»Erzählen Sie weiter«, forderte ich.

»Ich – ich nahm den Derringer und bedrohte ihn. Doch er ließ sich nicht beirren und stürzte sich auf mich. Da löste sich der Schuss. Ich wollte ihn nicht töten. Es – es war eine Verkettung unglücklicher Umstände.«

»Wohin wollten Sie fliehen?«, fragte ich.

»Zu meinem Bruder Sebastiano. Er besitzt am Arroyo de la Zorra, jenseits des Rio Grande, eine Hazienda. Zu ihm will ich. Bei ihm kann ich leben.«

»Ich muss Sie dem Sheriff in Lubbock übergeben«, sagte ich. »Die Umstände des Todes von Jack Webb müssen geklärt werden.«

»Ich habe Ihnen die Wahrheit gesagt, Marshal. Das Gericht wird mir glauben müssen. Ich habe in Notwehr gehandelt. Bitte, Marshal, glauben Sie mir. Ich will nicht, dass man mich in Lubbock festhält. Big Adam wird kommen, und er wird nicht ruhen, bis ich elend an einem Strick krepiere. Bringen Sie mich zu meinem Bruder, Marshal. Der Arroyo de la Zorra befindet sich in der Nähe von Del Rio.«

»In diese Gegend muss ich auch«, sagte ich. Dann schüttelte ich den Kopf. »Ich muss Sie nach Lubbock bringen. Schließlich haben Sie einen Mann erschossen.«

Grazia seufzte. »Sind Sie in einer besonderen Mission unterwegs?«

»Ja«, versetzte ich kurz angebunden.

Von da an schwiegen wir.

Die Sonne näherte sich unaufhaltsam dem Westen. Es war kalt. Der Himmel im Osten verfärbte sich grau. Dann ging die Sonne unter und die Düsternis kam. Schnell wurde es finster. Ich wollte an diesem Abend noch Lubbock erreichen. Bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt hatte ich keine Lust, die Nacht im Freien zu verbringen.

Zu beiden Seiten des Weges buckelten die Hügel und Tafelberge. Sie erinnerten an riesige, geduckt daliegende, lauernde Raubtiere aus grauer Vorzeit. Am Himmel blinkten die Sterne. Im Osten schob sich groß und kugelrund der Mond über den Horizont. Wir zogen in den Schattenfeldern der Anhöhen nach Süden.

Und dann sah ich weit vor uns die Lichter von Lubbock. Zehn Minuten später passierten wir die ersten Häuser der Stadt. Aus vielen Fenstern fiel Licht. Ich war schon einige Male hier und kannte mich aus. Mein erster Weg führte mich zum Sheriff's Office. Es war erleuchtet. Ich zügelte das Pferd. Das Poltern und Quietschen endete. Lose schlang ich die Zügel um den Bremshebel, dann stieg ich aus dem Wagen. »Wenn Ihre Geschichte stimmt, dann haben Sie nichts zu befürchten, Ma'am«, sagte ich und half Grazia, auszusteigen. Sie holte ihre Reisetasche aus dem Buggy.

Ich klopfte gegen die Tür des Büros und wurde aufgefordert, einzutreten. Ich ließ Grazia den Vortritt. Hinter mir drückte ich die Tür zu. Am Schreibtisch saß ein Mann und musterte uns interessiert. Ich stellte mich vor, dann sagte ich: »Bei der Lady handelt es sich um Grazia Esteban. Sie hat in Abernathy Jack Webb erschossen. Sie behauptet, es war Notwehr.«

»Big Adam Webb wollte mich hängen«, stieß Grazia hervor. »Ich hatte schon den Strick um den Hals. Der Marshal hat mich gerettet. – Ich bin unschuldig. Als ich Jack erschoss, geschah das in Notwehr.«

Der Gesetzeshüter erhob sich. »Ich bin Deputy Sheriff Matt Jones. Wenn das so ist, muss ich Sie in Gewahrsam nehmen, Lady«, sagte er. »Morgen früh wird Sheriff Wilcox entscheiden, was mit Ihnen zu geschehen hat.« Er holte einen Schlüsselbund aus einem Schub seines Schreibtisches. Dann zündete er eine Laterne an, die auf einem Brett an der Wand stand. »Folgen Sie mir.« Er ging zu einer Tür und öffnete sie. Ich konnte Gitterstäbe sehen. Die Tür führte in den Zellentrakt.

Grazia starrte mich an. Ich nickte. Sie atmete tief durch, dann setzte sie sich in Bewegung und ging am Deputy vorbei in den Zellentrakt. Eine raue Stimme erklang: »Was ist denn das? Gütiger Gott, eine Frau! Und was für eine! Das ist eine Göttin!«

Ich vernahm das Scheppern einer Gittertür.

Wieder erklang die raue Stimme: »Warum sperrst du sie nicht zu uns in die Zelle, Deputy? Wir würden eine Menge Spaß mit ihr haben. Du gönnst uns aber auch gar nichts.«

»Halt die Klappe, Mason!«

Der Deputy kam zurück und schloss die Tür. »Was ist dran an ihrer Geschichte?«

»Sie klingt glaubhaft. Und es gibt keinen Zeugen. Man wird ihre Aussage kaum widerlegen können.«

»Ich habe von Big Adam Webb gehört«, erklärte der Deputy. »Ein Weidekönig. Sein Wort ist oben in Abernathy Gesetz.«

»Ich habe ihn kennengelernt«, antwortete ich, und dann erzählte ich die Geschichte von meinem Zusammentreffen mit der Webb-Mannschaft. Aufmerksam hörte der Deputy zu, er unterbrach mich mit keinem Wort. Schließlich sagte er, als ich geendet hatte: »Das sieht Webb ähnlich. Er hält sich für den lieben Gott. Nun, Sie haben ihm einen gehörigen Denkzettel verpasst, Marshal. Ich glaube aber nicht, dass ihn das zur Vernunft bringen wird. Im Gegenteil – es wird seinen Zorn schüren.«

»Ich musste mir die Kerle vom Hals schaffen.«

»Ich denke, Sie bleiben die Nacht über in der Stadt.«

»Sicher.«

Ich verließ den Deputy und fuhr zum Mietstall. Eine Laterne an der Stallwand warf einen großen Lichtkreis auf den Boden vor dem Stall. Auch im Stallinnern brannte eine Laterne. Vor dem Tor hielt ich an. Der Stallmann kam aus dem Verschlag, der ihm als Stall Office und Aufenthaltsraum diente. Ich wies auf die Pferde und sagte: »Ich habe die Tiere Adam Webb und seinen Leuten abgenommen und bitte Sie, sich um sie zu kümmern. Das ist mein Pferd. Ich werde die Nacht über in Lubbock bleiben. Der Wagen und das Gespannpferd gehören einer Lady namens Grazia Esteban. Kümmern Sie sich auch um dieses Pferd. Ich weiß nicht, wann es die Lady abholen kann.«

Ich schnallte die Satteltaschen mit dem Geld los, nahm mein Gewehr und verließ den Mietstall. Unter meinen Stiefelsohlen mahlte Staub. Melodisch klirrten meine Sporen. Aus einem Saloon, der auf meinem Weg zum Hotel lag, drang wüster Lärm. Ich verspürte Hunger und Durst.

Die Rezeption im Hotel war verwaist. Ich schlug mit der flachen Hand auf die Glocke, die da stand. Aus einer Tür kam ein Mann mittleren Alters. Ich mietete für die Nacht ein Zimmer und brachte die Satteltaschen hinauf. Dann schloss ich die Tür ab und ging in einen Saloon, um etwas zu essen und mir ein Bier zu genehmigen ...

*

Herb Callagher stöhnte langanhaltend. Die Cowboys, die ins Banditentum abgerutscht waren, hatten in einem Schober übernachtet, in dem die Ranch Heu für die Winterfütterung gehortet hatte. Durch die Ritzen in der Stallwand sickerte das Morgengrau. Im Stall roch es nach Heu.

»Was ist?«, fragte Dennis Carter.

»O verdammt, mein Bein schmerzt, dass ich es fast nicht mehr aushalte. Wahrscheinlich hat sich die Wunde entzündet. Ich muss einen Arzt aufsuchen.«

»Du hältst uns nur auf«, maulte Jim Morgan.

»Du bist ein dreckiger Bastard!«, zischte Callagher, dann stöhnte er wieder.

Dennis Carter schälte sich aus seiner Decke und reckte sich. Auch die anderen standen auf. Einer öffnete das Scheunentor. Sofort kroch Helligkeit zwischen die Wände. Frische Luft zog herein.

Die Kerle aßen Pemmican und tranken dazu Wasser. Dann rollten sie sich Zigaretten und rauchten. Zwischen ihnen hing Schweigen. Carter brach es, indem er sagte: »Bis Lubbock sind es nur noch ein paar Meilen. Wir bringen dich dort zum Arzt, Herb. Wir werden allerdings nicht darauf warten, bis du wieder reiten kannst. Deinen Anteil an dem Geld kannst du streichen.«

»Das ist nicht fair. Immerhin hat mir die Jagd auf das Geld die Kugel eingebrockt. Zur Hölle, Dennis, das ist unfair.«

»Was ist schon fair, Herb?«

»Die Pest an deinen Hals.«

»Satteln wir die Pferde«, bestimmte Carter. »Und dann reiten wir. Bin neugierig, ob der Marshal vor uns Lubbock erreicht hat. Wenn nicht, warten wir vor der Stadt auf ihn.«

»Und wenn doch«, warf John Prewitt hin, »dann geht die Jagd weiter. Wenn nötig, warten wir auf der Dry Devils Ranch auf den Sternschlepper.«

Sie legten ihren Pferden die Sättel auf und zäumten die Tiere. Dann brachen sie auf.

*

Es war hell, als ich das Hotel verließ. Die Satteltaschen mit dem Geld hatte ich mir über die Schulter gehängt. Das Gewehr trug ich links am langen Arm. Mein Weg führte mich ins Sheriff's Office. Der Deputy vom Vorabend und ein weiterer Mann waren anwesend. Bei dem Burschen handelte es sich um den Sheriff. Der Deputy stellte mich vor. Der Sheriff reichte mir die Hand, dann sagte er: »Ich habe die Mexikanerin verhört. Ihre Version der Geschichte klingt glaubhaft. Außerdem gibt es nichts, was das Gegenteil beweisen könnte. Ich werde mit dem Bezirksankläger sprechen, und dann lassen wir sie wohl laufen.«

Eigentlich hatte ich nichts anderes erwartet.

Der Sheriff fuhr fort: »In der Nacht ist Big Adam mit einigen seiner Männer in der Stadt angekommen. Big Adam war vor einer Stunde hier. Er hat geschworen, nicht eher zu ruhen, bis Grazia Esteban am Ende eines Stricks hängt.«

»Er ist sturer als ein Longhorn«, knurrte ich. »Grazia will zu ihrem Bruder Sebastiano zum Arroyo de la Zorra. Der Schwur des Ranchers darf nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Er wird nur warten, bis sie die Stadt verlässt. Und dann ...«

Ich fuhr mir mit der flachen Hand quer über den Hals.

»Das ist zu befürchten«, sagte der Sheriff. »Ich kann sie leider nicht beschützen.«

»Ich muss in die Gegend von Comstock«, erklärte ich. »Falls Sie Grazia laufen lassen, kann sie sich mir anschließen. Kann ich sie sprechen?«

»Natürlich.«

Der Sheriff begleitete mich in den Zellentrakt. In einer Zelle befanden sich zwei Gefangene. Kerle, in deren Gesichter die Verkommenheit geschrieben stand und die Spuren eines liederlichen Lebenswandels aufwiesen. Sie grinsten schief. Ihre Gebisse waren lückenhaft. Das waren Sattelstrolche der übelsten Art und Weise.

Grazia saß auf der Pritsche. Jetzt erhob sie sich und kam an die Gitterwand, umfasste zwei der zolldicken Eisenstäbe mit ihren Händen. Unter ihren Augen lagen dunkle Ringe. Sie sah blass aus. Müde schaute sie mich an. Mir wurde wieder bewusst, wie schön sie war. Kein Mann konnte sich ihrer Ausstrahlung entziehen. Sie schlug jeden Mann in ihren Bann.

Ich sagte: »Der Sheriff glaubt Ihnen Ihre Version der Geschichte, Grazia. Er spricht mit dem Ankläger, und wenn dieser zu demselben Ergebnis kommt, wird man Sie laufen lassen.«

»Darauf wartet Big Adam nur. Sobald ich diese Stadt verlasse, werde ich ihm ausgeliefert sein. Was das bedeutet, brauche ich Ihnen nicht zu sagen, Marshal.«

»Machen Sie sich keine Sorgen, Grazia«, sagte ich. »Wenn Sie freigelassen werden, bringe ich Sie zu Ihrem Bruder nach Mexiko. Ich muss zum Dry Devils Creek. Auf die paar Meilen bis nach Mexiko wird es mir dann auch nicht mehr ankommen.«

»Big Adam wird vor Ihrem Stern nicht haltmachen, Marshal«, gab der Sheriff zu bedenken.

»Ich brauche einen Vorsprung«, antwortete ich und schaute Grazia an. »Können Sie reiten?«

»Sicher. Ich bin auf einer Hazienda aufgewachsen.«

Ich wandte mich an den Sheriff. »Sie müssen mir helfen, Sheriff.«

»Wie?«

»Hören Sie ...«

*

Adam Webb und seine Männer hatten in einem Boarding House übernachtet. Jetzt verließen sie die Unterkunft. Vom Deputy Sheriff hatten sie erfahren, in welchem Mietstall der Marshal ihre Pferde abgegeben hatte. Sie suchten ihn auf und holten ihre Gewehre.

Sie waren zu fünft. Der Mann, der eine Kugel in die Schulter bekommen hatte, war im Boarding House geblieben. Als sie den Hof des Mietstalles verlassen wollten, kamen ihnen der Sheriff und zwei Gehilfen entgegen. Sie blieben stehen. Der Sheriff war mit einer Winchester, seine Gehilfen waren mit Schrotflinten bewaffnet. Die drei Gesetzeshüter hielten ebenfalls an. Brad Wilcox, der Sheriff, sagte: »Ich habe mit dem Marshal gesprochen. Er hat die Aussage der Frau bestätigt, dass Sie sie hängen wollten, Webb. Der Marshal verhinderte den Lynchmord im letzten Moment.«

»Was wollen Sie, Sheriff?«

»Es handelt sich um einen versuchten Mord, Webb. Bei aller Trauer um Ihren Sohn – sie hatten kein Recht, der Frau einen Strick um den Hals zu legen. Um zu bestrafen, sind die Gesetze da. Lassen Sie Ihre Waffen fallen. Ich verhafte Sie im Namen des Gesetzes.«

»Sie sind wohl übergeschnappt!«, presste der Rancher hervor.

Die drei Gesetzeshüter schlugen die Waffen an. Die Deputys spannten die Hähne der Shotguns. Wilcox repetierte. »Ich rate Ihnen, uns keine Schwierigkeiten zu machen. Sonst zwingen Sie uns, von der Waffe Gebrauch zu machen.«

Webb mahlte mit den Zähnen. Nach vorne gekrümmt stand er da und atmete stoßweise. Plötzlich sagte er: »Das habe ich diesem verdammten Marshal zu verdanken, nicht wahr?«

»Sie haben es sich selber zuzuschreiben, Webb«, kam die gleichmütige Antwort des Sheriffs.

»O verdammt!« Der Rancher ließ das Gewehr fallen, dann setzte er sich in Bewegung. »Von dir kleinem Licht lasse ich mich nicht aufhalten!«, fauchte er und griff den Sheriff an. Aber Wilcox war ein erfahrener Mann. Er steppte einen halben Schritt zur Seite, ließ den Rancher ins Leere laufen, und als dieser sich ihm wild zuwandte, schlug er mit dem Gewehr zu. Webb bekam den Lauf schräg über das Gesicht und ging auf das linke Knie nieder. Aus einer Platzwunde an seiner Stirn rann Blut.

»Widerstand gegen die Staatsgewalt«, knurrte der Sheriff. »Ihr Konto wächst, Webb. Das Gericht hat sicher kein Verständnis dafür.«

Die Männer, die Webb begleiteten, unternahmen angesichts der drohend auf sie angeschlagenen Schrotflinten nichts.

»Die Gewehre runter!«, peitschte die Stimme des Sheriffs.

»Tut, was er sagt«, sagte der Vormann.

Die Gewehre flogen in den Staub.

»Und jetzt lasst die Revolver folgen.«

Auch dieser Anordnung kamen die Reiter nach. Dann trieben die drei Gesetzeshüter das Rudel vor sich her zum Office. Sie wurden auf die Zellen verteilt. Hinter ihnen schlossen sich die Gittertüren. Der Sheriff schloss die Tür zu Grazias Zelle auf und sagte: »Ich habe mit dem Ankläger gesprochen, Ma'am. Er ist der Auffassung, dass es sich nicht lohnt, Anklage zu erheben, weil ein Verfahren in Ihrem Fall sowieso mit einem Freispruch enden würde. Sie sind frei.«

Grazia nahm ihre Reisetasche und verließ die Zelle.

»Mir entgehst du nicht, Mörderin!«, prophezeite Big Adam. »Ich kriege dich. Es gibt keinen Platz auf Erden, an dem du dich vor mir verstecken könntest.« Der Rancher schaute den Sheriff an. »Gibt es in Lubbock einen Rechtsanwalt?«

»Sicher. Lubbock ist eine große Stadt.«

»Ihre Kommentare können Sie sich sparen, Sheriff. Ich will den Anwalt sprechen. Und zwar gleich.«

»Ich werde ihm Bescheid sagen«, versprach der Sheriff.

Grazia verließ den Zellentrakt, ohne den Rancher eines Blickes zu würdigen. Als sie das Office verließ, kam Logan die Straße heruntergeritten. Er führte an der Longe ein Sattelpferd mit sich. Im Scabbard steckte ein Gewehr. Hinter dem Sattel war eine Decke festgeschnallt. Bei Grazia zügelte der Marshal und saß ab. Ein zufriedenes Grinsen umspielte seinen Mund. »Wenn es dem Sheriff gelingt, Webb lange genug festzuhalten, dann können wir einen guten Vorsprung herausreiten.«

*

Dennis Carter und seine Kumpane kamen nach Lubbock. Sie ritten den ersten Mietstall an, der an ihrem Weg lag. Vor dem Tor saßen sie ab. Lediglich Herb Callagher blieb im Sattel. Er sah schlecht aus. Seine Augen waren rotgerändert und glänzten fiebrig. Der Stallmann schritt über die Schattengrenze unter dem Tor und schaute die Kerle der Reihe nach an. Dann sagte er: »Guten Morgen, Gentlemen. Sie sehen ziemlich mitgenommen aus. Haben wohl einen langen Ritt hinter sich.«

»Wir haben Rinder nach Amarillo getrieben«, erklärte Dennis Carter, »und sind nun auf dem Rückweg ins Val Verde County. Einer unserer Freunde hat eine Kugel ins Bein bekommen. Die Wunde hat sich entzündet. Wo findet er einen Arzt?«

Der Stallmann beschrieb den Weg. Callagher setzte wortlos sein Pferd in Bewegung und ritt zurück auf die Straße.

»Eine Frage«, sagte Carter an den Stallmann gewandt. »Ist ein Deputy Marshal nach Lubbock gekommen?«

»Ich habe keine Ahnung«, antwortete der Stallmann. »Es gibt vier Ställe in der Stadt. Wenn er gekommen ist, muss er nicht unbedingt diesen angeritten haben. Müsst ihr den Marshal fürchten?«

Carter gab darauf keine Antwort. Sie nahmen ihre Gewehre und verließen den Stall. Wenig später betraten sie einen Saloon. Einige Männer bevölkerten ihn. Sie suchten sich einen leeren Tisch und ließen sich nieder. Als der Keeper fragte, was sie wollten, bestellten sie Bier.

Einer der Gäste sagte laut: »Ich bin gespannt, wie lange der Sheriff den Rancher und seine Leute festhalten kann. Bancroft hat sich der Sache angenommen. Und Bancroft ist ein Fuchs. Er findet gewiss einen Weg, um die Kerle freizukriegen.«

Ein anderer antwortete: »Adam Webb ist reich. Er gehört zu den Mächtigen im Lande. Einem solchen Burschen drehen sie keinen Strick. Ich gehe jede Wette ein, dass er in spätestens sechs Stunden auf freiem Fuß ist.«

Als der Keeper die Biere brachte, hielt ihn Carter am Arm fest und fragte: »Was ist denn vorgefallen? Von welchem Rancher ist die Rede?«

»Ach, das ist so eine Sache«, erwiderte der Keeper. »In der Nacht kam ein U.S. Deputy Marshal mit einer Mexikanerin in die Stadt und übergab sie dem Sheriff. Sie hat in Abernathy den Sohn des reichsten Ranchers erschossen. Der Sheriff sperrte sie ein. Einige Stunden später kamen Big Adam, der Rancher, und seine Leute in die Stadt. Zu Fuß – der Marshal hatte ihnen die Pferde weggenommen. Webb war hinter der Lady her, die seinen Sohn abgeknallt hat. Er hat sie irgendwo zwischen Abernathy und Lubbock auch eingeholt. In dem Moment, als er sie hängen wollte, kam der Marshal ...«

»Weiter«, drängte Carter.

»Nun, die Mexikanerin berief sich auf Notwehr und ihre Angaben waren nicht zu widerlegen. Der Sheriff ließ sie laufen. Dafür sperrte er Webb und seine Leute ein; man wirft ihnen versuchten Mord vor, bei dem Rancher kommt außerdem Widerstand gegen die Staatsgewalt hinzu.«

»Danke.« Carter ließ den Arm des Keepers los, und der Mann ging davon. An seine Kumpane gewandt sagte Carter: »Interessant.«

»Die Frage ist, ob sich der Marshal noch in der Stadt befindet«, sagte Jesse Jackson.

»Das finden wir heraus.« Die Stimme Carters hob sich. »Befindet sich der Marshal noch in der Stadt?«, fragte er laut.

»Nein. Er hat mit der Mexikanerin, nachdem sie der Sheriff auf freien Fuß setzte, die Stadt verlassen.«

»In welche Richtung sind sie geritten?«

»Nach Süden.«

Leise sagte Carter: »Mit dem Weib kommt er nicht so schnell voran. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir ihn einholen.«

»Ihn und die Mexikanerin«, bemerkte Jim Morgan.

Versonnen schaute Carter seinen Kumpan an. Plötzlich nickte er und sagte: »Du hast recht, Jim. Ich glaube, ich muss ein paar Takte mit diesem Rancher sprechen.«

Carter trank einen Schluck, dann erhob er sich mit einem Ruck. »Wartet hier auf mich. Ich gehe zum Gefängnis.«

Er verließ den Saloon. Im Sheriff's Office traf er auf einen Deputy. Carter sagte: »Ich möchte Webb sprechen. Es ist wichtig.«

»Legen Sie Ihren Revolver hier auf den Schreibtisch«, sagte der Deputy. Und nachdem Carter der Aufforderung nachgekommen war, führte ihn der Deputy in den Zellentrakt. »Dieser Mann möchte sie sprechen, Webb«, erklärte der Sheriffsgehilfe. Dann verließ er den Zellentrakt.

Webb und seine Männer waren in zwei Zellen eingeschlossen. Insgesamt gab es vier Käfige. In der dritten Zelle befanden sich zwei weitere Gefangene. Der Ranch trat an die Gitterwand heran. »Ich bin Adam Webb«, gab er zu verstehen. »Wer sind Sie und was wollen Sie von mir?«

»Mein Name ist Carter – Dennis Carter. Ich habe gehört, Sie sind scharf auf den Kopf der Mexikanerin.«

»Was wissen Sie von der Geschichte?«

»Nun, sie hat Ihren Sohn erschossen und Sie möchten sie dafür zur Rechenschaft ziehen. Allerdings hat man Ihnen hier in Lubbock einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht.«

»Was wollen Sie?«

»Was ist Ihnen die Lady wert?«

Der Rancher schaute verbissen drein. Dann grollte er: »Es ist nur eine Frage von Stunden, bis wir wieder in Freiheit sind. Und dann werde ich das Luder jagen, bis ihm die Zunge zum Hals heraushängt.«

»Ein Marshal begleitet die Frau.«

»Dem ziehe ich die Haut streifenweise ab.«

»Nun, die beiden werden viele Stunden Vorsprung haben, bis Sie vielleicht freikommen – wenn Sie überhaupt freikommen. Es ist lediglich eine Frage des Preises, Webb. Machen Sie mir ein vernünftiges Angebot, und ich serviere Ihnen die Lady auf dem silbernen Tablett.«

»Tausend Dollar.«

»Das ist ein guter Preis. Ich bin einverstanden. Wir werden Ihnen die Lady bringen.«

Carter verließ den Zellentrakt. Im Office fragte er den Deputy: »Wie hoch sind Webbs Chancen, freigelassen zu werden?«

»Der Rechtsanwalt und der Sheriff befinden sich gerade beim Richter. So viel ich weiß, will Webb eine Kaution hinterlegen. Wenn sie hoch genug ausfällt, wird ihn der Richter wohl auf freien Fuß lassen. Webb hat viel zu viel zu verlieren, als dass Fluchtgefahr bestünde.«

Carter kehrte in den Saloon zurück. »Trinkt aus, Leute, wir reiten.«

*

»Was haben Sie im Süden zu tun, Marshal?«, fragte Grazia.

Wir ritten Steigbügel an Steigbügel. Manchmal schaute ich nach hinten. Ich wusste nicht, wie lange der Sheriff von Lubbock den Rancher und seine Leute festhalten konnte. Einen Mann wie Adam Webb festzuhalten war schwer, wenn er sich nicht gerade eines Kapitalverbrechens schuldig gemacht hatte. Ich hatte auch die Kerle nicht vergessen, die mir von Amarillo aus gefolgt waren. Sie waren nicht auf die leichte Schulter zu nehmen.

Das Land hinter uns war leer, wie ausgestorben. Nichts deutete darauf hin, dass wir verfolgt wurden.

»Ich habe dort dienstlich zu tun«, sagte ich ausweichend.

»Ich bin Ihnen zu Dank verpflichtet, Marshal.«

»Ich tue nur meine Pflicht.«

»Nein, es ist nicht Ihre Pflicht, mich zu beschützen. Wie kann ich das je wieder gutmachen?«

»Vergessen Sie's.«

»Sie müssen mich auf die Hazienda meines Bruders begleiten und dort unser Gast sein.«

»Erst habe ich in der Nähe von Comstock etwas zu erledigen. Ja, dann bringe ich Sie nach Mexiko.«

»Mein Bruder wird es Ihnen zu danken wissen.«

»Was hat Sie in die Staaten verschlagen?«, fragte ich.

»Das ist keine schöne Geschichte«, antwortete sie. »Ich bin einem Mann gefolgt. Als ich mich in ihn verliebte, ahnte ich nicht, dass er ein Glücksritter und Abenteurer war. Nun, wir zogen vier Jahre lang durch Texas, New Mexico und Arizona, und eines Tages wurde Ben Hendrik am Spieltisch erschossen. Ich schämte mich, nach Mexiko zurückzukehren und begann zu singen und zu tanzen. Damit habe ich mich über Wasser gehalten. Nun aber habe ich Jack Webb erschossen. Sicher bin ich nur bei meinem Bruder am Arroyo de la Zorra. Dorthin wagt sich Big Adam mit Sicherheit nicht.«

Das Gespräch schlief ein. Mir war klar, dass Grazia die Höhen und Tiefen des Lebens kennengelernt hatte. Sicher war ihr eine Reihe von Lektionen erteilt worden, die sie geformt und geprägt hatten.

Als ich mich wieder einmal umwandte, sah ich Staub. Es war mehr Staub, als dass ihn nur der Wind hochgewirbelt haben konnte.

Da kamen Reiter!

Ich sagte: »Wahrscheinlich werden wir verfolgt. Wir weichen nach Westen aus und lassen Tahoka liegen. Das bedeutet, dass wir eine Nacht im Freien verbringen müssen. Aber wir schaffen das. Die nächste Stadt ist Lamesa. Wir können sie morgen Abend erreichen.«

»Warum erwarten wir die Kerle nicht und schießen sie von den Pferden?«

»Weil ich es hasse, auf Menschen zu schießen.«

Ich zog mein Pferd halb um die rechte Hand und ritt von der Straße. Grazia folgte mir. Wir zogen nach Südwesten und erreichten felsiges Gebiet. Die Felswüste zog sich bis weit nach New Mexico hinein. Hier hoffte ich unsere Spur zu verwischen.

Nach einer Stunde schlugen wir wieder die Route nach Süden ein. Der Abend kam, und dann die Nacht. Es wurde empfindlich kalt. Wir hielten bei einer Gruppe von Büschen in einer Senke an und saßen ab. Nachdem wir die Pferde angebunden hatten, sammelte ich trockenes Holz, und dann machte ich ein Feuer. Die Flammen züngelten. Licht- und Schattenreflexe zuckten über uns hinweg. Im unwirklichen Licht sah das Gesicht der Frau besonders rassig und gelöst aus. Wir schnallten unsere Decken los und breiteten sie am Boden aus. Dann nahmen wir den Pferden die Sättel ab. Sie sollten uns als Kopfkissen dienen. Das Feuer verbreitete Wärme. Ich holte aus meiner Satteltasche Trockenfleisch und Brot und teilte es mit Grazia. Wir aßen.

»Weshalb haben Sie eigentlich zwei Satteltaschenpaare bei sich?«, fragte Grazia nach einer Weile.

Ich überlegte nur kurz. »Um meine persönlichen Dinge unterzubringen. Ich verbringe die meiste Zeit im Sattel. Das ist der Grund.«

Sie musterte mich zweifelnd, dann rollte sie sich neben dem Feuer in ihre Decke. In ihren Augen spiegelte sich der Feuerschein. Ich sagte: »Ich suche noch etwas Holz zusammen, damit wir das Feuer die Nacht über in Gang halten können. Andernfalls sind wir morgen früh steifgefroren.«

Ich entfernte mich. Zwischen den Büschen hielt ich an. Ich konnte unseren Lagerplatz gut sehen. In der Hitze knackte das Holz. Manchmal sprühten Funken. Im Wechselspiel von Licht und Schatten beobachtete ich die Frau. Dazu bog ich mit der linken Hand das Zweiggespinst etwas zur Seite, um besser sehen zu können.

Grazia erhob sich und ging zu meiner Decke, kniete nieder und zog die Satteltaschen zu sich heran. Sie machte sich daran, sie aufzuschnallen. Ich verließ mein Versteck und näherte mich der Frau. Sie wandte mir die Seite zu und richtete ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Satteltaschen.

»Was tun Sie da?«

Sie zuckte zusammen wie unter einem Peitschenhieb. Ihr Gesicht ruckte zu mir herum. »Ich – ich ...«

»Finger weg von den Taschen!«, gebot ich.

»Ich wollte doch nur ...«

»Seien Sie still!« Ich war echt wütend und empfand ihr Verhalten als Vertrauensbruch. »Gehen Sie weg von meiner Decke!«

Sie erhob sich. Mit gesenktem Kopf sagte sie: »Es tut mir leid.«

Danach trat sie zur Seite. Ich bückte mich nach den Satteltaschen. Eine hatte sie bereits geöffnet. Sie wusste also, dass ich Geld beförderte. Ich schloss die Tasche und sagte: »Das Geld ist für eine Ranch in der Nähe von Comstock bestimmt. Und ich werde es dort abliefern.«

Ich sprach den letzten Satz mit Nachdruck.

»Misstrauen Sie mir?«, fragte Grazia.

»Kann ich Ihnen trauen?«

»Ich bin Ihnen zu Dank verpflichtet.«

»Warum haben Sie sich an den Satteltaschen vergriffen?«

»Ich war einfach neugierig. Es – es tut mir wirklich leid.«

Ich schnallte die Tasche zu und warf sie auf den Boden. »Es sind 20.000 Dollar. Ist Ihre Neugierde nun gestillt?«

Grazia setzte sich auf ihre Decke. »Ja. Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, Marshal. Ich habe kein Interesse an dem Geld.«

»Dann kann ich ja beruhigt Holz sammeln, wie?«

»Ja. Sie können wirklich unbesorgt sein.«

Ich entfernte mich wieder. Nach einiger Zeit kam ich mit einem Arm voll Feuerholz zurück. Die Satteltaschen lagen noch so da, wie ich sie zurückgelassen hatte. Grazia schaute mich mit großen Augen an. Ich warf das Holz auf den Boden. »Schlafen Sie«, sagte ich. »Vor uns liegen noch viele Meilen und der Ritt nach Mexiko ist sicher kein Zuckerschlecken. Einige Kerle sind hinter dem Geld her. Ja, Sie hören schon richtig. Nicht nur Sie werden gejagt. Und den Schuften, die mich jagen, ist nichts heilig.«

Bald verkündeten tiefe, regelmäßige Atemzüge, dass Grazia eingeschlafen war. Hinter uns lagen über zehn Stunden im Sattel, und die Strapazen hatten an ihrer Substanz gezehrt. Ich fand keinen Schlaf. Immer wieder öffnete ich die Augen und blickte zum Himmel hinauf. Manchmal warf ich Holz ins Feuer. Irgendwo in der Ferne bellte ein Coyote. Die Jäger der Nacht waren aktiv. Und irgendwann übermannte auch mich der Schlaf.

Als ich hochschreckte, lichtete sich die Dunkelheit. Die Sterne begannen zu verblassen. Der Himmel am östlichen Horizont verfärbte sich schwefelgelb. Ich setzte mich auf. Grazia schlief noch. Das Feuer war heruntergebrannt, glühte aber noch. Ich warf Holz in die Glut und blies hinein. Die Flammen begannen zu flackern. Eins der Pferde erhob sich. Das Tier prustete. Jetzt ruckte auch das andere Pferd in die Höhe. Ich beugte mich über Grazia und rüttelte sie an der Schulter. »Aufstehen«, sagte ich. »Es geht weiter.«

Sie richtete sich auf und rieb sich die Augen. »Ich fühle mich wie gerädert.«

»Es wird sicher nicht besser werden«, versetzte ich und rollte meine Decke zusammen. Dann trug ich meinen Sattel zu meinem Pferd. Insgesamt benötigten wir etwa zwanzig Minuten, den Lagerplatz abzubrechen. Dann saßen wir auf und ritten los.

»Warum hat man Sie mit diesem Auftrag betraut, Logan?«, fragte Grazia, während wir dahinzogen.

Ich erzählte ihr die Geschichte von Joshua Brewster. Dann ritten wir in Schweigen versunken. Jeder hing seinen Gedanken nach. Ich hätte gerne gewusst, was hinter Grazias Stirn vorging. Ich kannte diese Frau nicht. Alles, was ich von ihr wusste, war, dass sie die vergangenen Jahre mehr oder weniger als Abenteurerin verbracht hatte. Ich konnte ihren Charakter nicht einschätzen.

Ich beschloss, auf der Hut zu sein.

*

Big Adam und seine Männer waren gegen eine Kaution von insgesamt tausend Dollar auf freien Fuß gesetzt worden. Jetzt stoben sie in wilder Karriere nach Süden. Sie hatten mitten in der Nacht Tahoka erreicht und im Mietstall übernachtet. Am Morgen hatten sie erfahren, dass der Marshal und die Frau nicht in der Stadt angekommen waren. Dennis Carter und seine Kumpane hatten sich in der Stadt befunden. Sie waren fast zur gleichen Zeit aufgebrochen. Big Adam hatte sein Angebot erneuert, den Cowboys tausend Dollar zu zahlen, wenn sie ihm die Mexikanerin brächten.

Der Pulk ritt in Intervallen. Eine Stunde schnell, dann ließen die Reiter die Pferde wieder eine halbe Stunde im Schritt gehen und verschnaufen. So kamen sie schnell vorwärts, ohne die Pferde zu verausgaben.

Von Dennis Carter und seinen Komplizen war nichts zu sehen. Hank Wilson, der Vormann, ritt neben seinem Boss. Die Cowboys folgten. Sie ließen die Pferde wieder einmal verschnaufen. Es ging auf Mittag zu. Obwohl die Sonne schien, war es eisig kalt. Ein heller, klarer Wintertag ...

»Was ist, wenn der Marshal und das Weib auch nicht nach Lamesa gekommen sind?«, fragte Hank Wilson.

»Wir werden bei diesem Tempo die Stadt am späten Nachmittag erreichen«, erwiderte der Rancher. »Dann werden wir es sehen.«

»Was ist, wenn sie Lamesa nicht angeritten haben?«, wiederholte der Vormann seine Frage.

»Dann reiten wir nach Big Spring«, versetzte der Rancher. Er schoss seinem Vormann einen schnellen Seitenblick zu. »Ich habe geschworen, dem Weib bis zum Südpol zu folgen, wenn es sein muss. Ich will diese mexikanische Hure hängen sehen.«

»Die Männer fehlen auf der Ranch«, gab der Vormann zu bedenken.

»Die Ranch!«, schnaubte Big Adam verächtlich. »Sie ist für mich nicht mehr wichtig.« Und plötzlich brach es aus dem Rancher bitter heraus: »Mein Sohn, für den ich alles aufgebaut habe, ist tot. Wenn ich einmal sterbe, werden irgendwelche Neffen und Nichten über meinen Besitz herfallen wie die Aasgeier – Leute, die ich nicht mal richtig kenne. Die Ranch ist zweitrangig geworden.«

Der Vormann war betroffen.

Der Rancher fuhr fort: »Das Weib hat alles zerstört, wofür ich lebte und arbeitete. Dafür fordere ich Rechenschaft. Ich will die verdammte Hure tot sehen. Das ist alles, was ich noch will im Leben.« Seine Stimme sank herab. »Zur Hölle, es ist alles sinnlos geworden. Ich habe, als ich am Double Mountain Fork die Ranch gründete, gegen zweibeiniges und vierbeiniges Raubzeug gekämpft, ich musste mich gegen Indianer zur Wehr setzen, und ich musste meinen Platz behaupten, als die Regierung das Land zu besiedeln begann. Ich bin groß geworden und habe mir eine Position im Lande erkämpft, die mir niemand streitig machen kann. Ich beherrsche das Land am Fluss und die Menschen dort tanzen nach meiner Pfeife. Ich habe es zu Macht, Ansehen und Reichtum gebracht. Wofür das alles?«

Der Vormann wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Aber er spürte, wie sehr sein Boss verbittert war und mit dem Schicksal haderte. Und er konnte ermessen, wie groß der Hass war, den Big Adam hegte. Er musste monströs sein.

Noch einmal ergriff der Rancher das Wort: »Ich kann keinen von euch zwingen, mit mir zu reiten. Doch für denjenigen, der aussteigt, gibt es künftig keinen Platz mehr im Hale County.«

Der Vormann verzog das Gesicht. »Keiner von uns denkt daran, auszusteigen, Boss.«

*

Wir waren wieder nach Südosten gezogen und gegen Abend tauchte vor uns Lamesa auf. Die Sonne war untergegangen und der Himmel im Westen schien zu glühen. Die Schatten waren verblasst. In den Fenstern der Häuser brach sich das letzte Licht des Tages.

Wir hatten angehalten. Was erwartete uns in der Stadt? Ich wollte Grazia keine zweite Nacht im Freien zumuten. Die Gefahr, der ich mich aussetzte, war nicht zu unterschätzen.

Die Pferde traten unruhig auf der Stelle und peitschten mit den Schweifen. Ich beobachtete die Stadt. Von ihr schien Unheil auszugehen. Ich sagte: »Warten Sie hier, Grazia. Ich reite voraus und sehe mich um. Es ist nicht auszuschließen, dass wir erwartet werden.«

Grazia saß ab und führte ihr Pferd zu einem Buschgürtel, band es an einen Ast und sagte: »Was soll ich tun, wenn Sie nicht zurückkehren, Logan?«

»Dann rate ich Ihnen, die Stadt zu meiden und sich nach Big Spring durchzuschlagen. Die Stadt liegt etwa fünfzig Meilen südöstlich von hier. Sie werden jedenfalls alleine zusehen müssen, wie Sie durchkommen, Grazia.«

»Ich bete, dass Sie zurückkehren, Logan.«

Ich ritt weiter. Langsam näherte ich mich der Stadt. Ich betrat sie durch eine Gasse. Dort, wo die Gasse in die Main Street mündete, hielt ich an. Die Abenddämmerung begann sich zwischen die Häuser zu senken. Aus den Kaminen stieg Rauch. Der Geruch von verbranntem Holz stieg mir in die Nase. Auf der Main Street befand sich fast niemand. Ein Stück weiter unten gingen zwei Männer. Links von mir zog ein Mann eine zweirädrige Karre quer über die Fahrbahn. Der Haltbalken vor dem Saloon war verwaist.

Ich ritt hin. In mir war Beklemmung. Sollte die Stadt zu einem blutigen Meilenstein auf meinem Weg nach Süden werden? Dumpfe Ahnungen erfüllten mich – Ahnungen, an deren Ende etwas Dunkles, Unheilvolles stand. Vor dem Hitchrack saß ich ab. Lose schlang ich den Zügel um den Querbalken, dann nahm ich die Satteltaschen mit dem Geld ab und ging hinein. Im Schankraum war es düster. An einem Tisch saßen drei Männer und musterten mich. Ich ging zum Tresen und verlangte einen Whisky.

Der Keeper sagte, nachdem er mir den Drink eingeschenkt hatte: »Am späten Nachmittag sind vier Kerle nach Lamesa gekommen, Marshal. Etwas später kamen fünf weitere. Diejenigen, die zuerst gekommen sind, ritten weiter. Die fünf anderen haben sich in der Stadt verteilt. Kann es sein, dass diese fünf auf Sie warten?«

Ich trank den Whisky. Wärme breitete sich in meinem Magen aus. Ich hatte mich also nicht geirrt, mein Gefühl hatte mich nicht getrogen. Die Gewissheit brachte meine Nerven zum Schwingen. Wahrscheinlich hatten sie mich beobachtet, als ich in die Stadt kam. Und wenn ich jetzt hinausging ...

Ich zahlte fünf Cent für den Whisky, dann stieß ich mich vom Tresen ab und schritt zur Tür. Über die geschwungenen Ränder der Pendeltür blickte ich nach draußen. Zwischen den Häusern begann sich schon die Dämmerung einzunisten. Aus den Fenstern mancher Häuser fiel Licht. Ich witterte und ließ meinem Instinkt freien Lauf. In mir läuteten die Alarmglocken.

Mit meinem Körper stieß ich die Türflügel auf. Meine Rechte lag auf dem Griff des Remingtons. Ich ging bis zum Geländer des Vorbaus und ließ meinen Blick in die Runde schweifen, schwenkte ihn die Fahrbahn hinauf und hinunter. Dann sprang ich auf die Straße.

Da erklang eine harte, brechende Stimme: »Auf dich sind fünf Revolver gerichtet, Marshal.«

Ich erstarrte. Mein Puls raste und jagte das Blut durch meine Adern. Gewaltsam zwang ich mich zur Ruhe und rief: »Sie hatten eine gute Nase, Big Adam. Leider muss ich Sie enttäuschen. Grazia Esteban und ich haben uns getrennt. Sie hat einen anderen Weg genommen, um nach Süden zu gelangen.«

Zwischen den Häusern kamen Männer hervor. Sie hielten die Revolver in den Fäusten. Ich sah den Rancher. Auch er hielt eine Waffe in der Hand. Langsam kamen sie von allen Seiten auf mich zu. Dann hielt der Rancher vor mir an. Sein Gesicht drückte nur Härte, Unerbittlichkeit und Unversöhnlichkeit aus. Er hob die Hand mit dem Revolver und zielte auf meinen Kopf. »Wo ist sie?«

»Ich sagte es Ihnen doch ...«

»Ich glaube dir kein Wort.«

»Es ist aber so.«

»Na schön, Marshal. Du willst es nicht anders. Packt ihn!«

Zwei der Kerle holsterten ihre Schießeisen und packten mich an den Armen. Sie drehten sie mir auf den Rücken. Die Satteltaschen fielen zu Boden. Ich hatte den beiden Cowboys nichts entgegenzusetzen. Sie drohten mir die Arme auszukugeln. Um dem Druck in den Schultergelenken entgegenzuwirken, machte ich das Kreuz hohl. »Sie sollten sich überlegen, was Sie tun, Webb!«, stieß ich hervor.

Seine Mundwinkel sanken geringschätzig nach unten. Ein brutaler Zug setzte sich in ihnen fest. Und dann hämmerte er mir die Faust in den Leib. »Wo ist die dreckige Hure?«

Der Schlag presste mir die Luft aus den Lungen. Ich hatte das Bedürfnis, mich nach vorn zu krümmen, doch die beiden Kerle, die mich festhielten, verhinderten dies. Ihre Hände waren wie Stahlklammern.

Ich schnappte erstickt nach Luft. Schwindelgefühl befiel mich. Schließlich kam der befreiende Atemzug und meine Lungen füllten sich mit frischem Sauerstoff. »Und wenn Sie mich totschlagen ...«

Wieder drosch er mir die Faust in den Leib. Ein dumpfer Ton brach aus meiner Kehle. Ich atmete schnell und stoßweise. Sekundenlang wurde mir schwarz vor den Augen. »Nimm die Zähne auseinander, Marshal. Du kannst dir Schmerzen ersparen.«

»Ich – ich sagte es bereits: Grazia und ich haben uns getrennt. Ich ...«

Der dritte Schlag des Ranchers traf mich. Und wieder nahm mir der Schlag die Luft. Benommenheit brandete gegen meinen Verstand an, graue Nebel schienen auf mich zuzukriechen. Ich japste verzweifelt und dachte: Er schlägt dich tot. O verdammt, er kennt keine Gnade und kein Erbarmen. Aber du kannst ihm doch die Frau nicht ausliefern. Du kannst es nicht tun. Heiliger Rauch ...

Ich überwand meine Not und keuchte: »Sie werden sich dafür verantworten müssen, Webb. In der Zwischenzeit geht einiges auf Ihr Konto. Denken Sie wirklich, dass Sie ungeschoren davonkommen?«

Die Antwort bestand in einem Schlag. Ich zog unwillkürlich die Beine an und hing einen Augenblick lang in der Luft. Der Schmerz in meinen Schultergelenken eskalierte. Ich schrie auf. Da erklang eine gellende Stimme: »Schluss jetzt! Wenn Sie noch einmal zuschlagen, schieße ich Ihnen eine Kugel in den Kopf.«

Ein Gewehr wurde repetiert ...

*

Es war Grazias Stimme gewesen, die gerufen hatte. Ein Schuss peitschte.

Noch einmal ließ die Frau ihre Stimme erklingen: »Ich spaße nicht, Webb. Und ich kann schießen. Lasst Logan los!«

Ich brach auf das linke Knie nieder und atmete gepresst. Es war eine große Not, gegen die ich anzukämpfen hatte. Ich hörte die grollende Stimme des Ranchers: »Da bist du ja, Lady. Die Mühsal, dir zu folgen, war also nicht umsonst. Denkst du im Ernst, dass du mir und meinen Männern noch entkommen kannst? Du wirst baumeln, Lady. Schnappt sie auch, Männer!«

Ich überwand in diesem Moment meine Not und richtete mich auf. Die Cowboys liefen auseinander. Auch der Rancher wollte sich in Bewegung setzen, aber ich stellte ihm ein Bein und er flog der Länge nach auf den Bauch. Sofort rollte er herum. Ich zog blitzschnell den Revolver und schlug ihn auf ihn an. Es knackte, als ich den Hahn spannte. Klickend rotierte die Trommel um eine Kammer weiter. Big Adam lag auf den Ellenbogen und starrte zu mir in die Höhe. »Pfeifen Sie Ihre Leute zurück, Webb!«, gebot ich mit klirrender Stimme.

»Nein. Was wollen Sie tun, Marshal? Wollen Sie mich erschießen?«

»Stehen Sie auf.«

Er erhob sich und belauerte mich mit tückischem Blick.

»Gehen Sie in den Saloon.« Ich winkte mit dem Revolver.

Der Rancher atmete schwer. Seine Brust hob und senkte sich. Einen Moment lang sah es so aus, als wollte er sich weigern, meinem Befehl Folge zu leisten. Ich senkte den Remington und zielte auf seinen Oberschenkel. »Wollen Sie eine Kugel ins Bein?«

Er setzte sich in Bewegung. Ich hob die Satteltaschen mit dem Geld auf und dirigierte den Rancher zum Schanktisch, nahm das Handschellenpaar von meinem Gürtel und fesselte ihn gegen den Handlauf aus Messing.

Draußen dröhnte ein Schuss. Ein Revolver antwortete. Ich rannte nach draußen. Auf dem Vorbau angelangt brüllte ich: »Ich habe Big Adam in meiner Gewalt. Wenn ihr Grazia Esteban auch nur ein einziges Haar krümmt, wird er es auszubaden haben. Ein Richter hat festgestellt, dass es keinen Grund gibt, sie anzuklagen. Fügt euch diesem Beschluss.«

Auf der anderen Straßenseite tauchte einer der Kerle in einer Passage zwischen den Häusern auf. Er schrie: »Was interessiert uns der richterliche Beschluss? Sie hat Jack Webb ermordet und nur das zählt. Fahr zur Hölle, Marshal!«

Der Kerl feuerte auf mich, in dem Moment jedoch, als er abdrückte, glitt ich zur Seite und die Kugel verfehlte mich. Mein Geschoss riss ihn von den Beinen. Ich tauchte unter dem Vorbaugeländer hindurch, band mein Pferd los und zerrte es zwischen die Häuser. Die Satteltaschen mit dem Geld schnallte ich fest. Dann führte ich das Pferd zu den Pferchen mit Schafen und Ziegen und band es an einer der Querstangen fest.

Ich holsterte den Remington und zog das Gewehr aus dem Scabbard, repetierte und lief zurück zur Main Street. Soeben schleppten zwei der Kerle Grazia zwischen zwei Häusern hervor. Sie wehrte sich gegen die beiden, zerrte, riss und schrie hysterisch. Ihre Haare flogen.

Ich lief in die Straße. Die beiden hielten an und starrten zu mir her. »Lasst sie los!« Ich hielt das Gewehr an der Hüfte im Anschlag. Mein Zeigefinger krümmte sich um den Abzug. Meine Finger steckten im Ladebügel.

Sie stießen Grazia in den Staub. Sie lag auf allen Vieren. Halbrechts hinter mir erklang es klirrend: »Du hast das Schicksal herausgefordert, Marshal. Nun musst du die Konsequenzen tragen.«

»Bleiben Sie unten, Grazia«, presste ich hervor, dann stieß ich mich ab. Ich flog zur Seite. Schüsse krachten. Aber die Kerle vermochten sich nicht schnell genug auf das so jäh veränderte Ziel einzustellen. Ich landete seitlich im Staub, rollte auf den Rücken, zuckte hoch und schoss. Der Bursche, der mich von hinten angerufen hatte, bäumte sich auf, dann brach er zusammen. Ich wälzte mich einige Male herum. Dort, wo ich eben noch gelegen hatte, fuhren die Projektile der anderen beiden Cowboys in den Boden. Ich kam auf den Bauch zu liegen, repetierte und schoss. Einer von ihnen wirbelte halb um seine Achse und kreiselte regelrecht zu Boden. Der andere feuerte noch einmal, dann warf er sich herum und ergriff die Flucht. Ich zielte sorgfältig, mein Schuss krachte. Sein rechtes Bein knickte ein wie eine morsche Stelze, er stürzte auf die Straße und schlitterte ein Stück auf dem Bauch dahin.

Pulverdampf wurde vom schralen Wind zerpflückt. Der letzte Knall verhallte mit geisterhaftem Geflüster. Dann senkte sich Stille in die Stadt. Stöhnen erreichte mein Gehör. Ich erhob mich. Staub rieselte von meiner Kleidung. Das Gewehr im Anschlag ging ich zu den beiden Kerlen hin, die auf der Straße lagen. Der Bursche, der meine Kugel in den Oberschenkel bekommen hatte, umklammerte das Bein mit beiden Händen. Blut sickerte zwischen seinen Fingern hervor. Schmerz wühlte in seinen Zügen, aus blutunterlaufenen Augen schaute er mich an.

Ich hob seinen Revolver auf und schleuderte ihn über die Straße, wo er zwischen den Häusern im Unkraut landete. Dann ging ich zu dem anderen Mann hin. Er lag auf der Seite und hatte die Augen geschlossen. Aber er atmete. Auch seine Waffe warf ich fort. Dann schritt ich zu dem Burschen hin, den ich zuerst niederschoss. Auch er lebte, aber er hatte die Kugel in die Brust bekommen.

Menschen kamen auf die Straße. Ich rief: »Hole jemand den Doc her. Er wird gebraucht.«

Dann ging ich zu dem vierten Burschen. Er war tot. Nun, ich hatte nicht die Zeit gehabt, genau zu zielen. Diese Zeit hatten sie mir einfach nicht gelassen. Ein gallenbitterer Geschmack breitete sich in meinem Mund aus. Ich hasste es, zu töten. Aber manchmal ging es eben nicht anders.

Grazia trat neben mich und sagte: »Du hast gekämpft wie ein Tiger, Gringo.« Sie ließ jetzt die Förmlichkeiten weg. »Nie habe ich einen Mann so kämpfen sehen.«

»Warum bist du in die Stadt gekommen?«, fragte ich und griff auch auf das vertraute Du zurück. »Es hätte ins Auge gehen können.«

»Ich ahnte, dass wir in der Stadt erwartet werden. Was sollte ich ohne dich tun, Logan? Alleine schaffe ich es nicht zum Arroyo de la Zorra. Und Big Adam hätte dich sicher getötet. Das konnte ich nicht zulassen.«

Wir gingen in den Saloon. Voll Hass starrte der Rancher die Frau an. Er irrlichterte in seinen Augen und sprach aus jedem Zug seines von Wind und Sonne gegerbten Gesichts. Hart traten die Backenknochen in seinem Gesicht hervor, so sehr biss er die Zähne zusammen.

»Einer Ihrer Männer ist tot«, sagte ich, »ein zweiter wird die Nacht wahrscheinlich nicht überleben. Zwei weitere sind verwundet. Das geht auf Ihr Konto, Webb.«

»Geh zur Hölle, Sternschlepper!«

»Was immer Sie auch anstellen, Webb«, knurrte ich. »Ihr Sohn wird dadurch nicht wieder lebendig. Wollen Sie nicht endlich die Unsinnigkeit Ihres Handelns einsehen?«

Der Rancher starrte mich nur verbissen an.

»Ich werde dafür sorgen, dass man Sie nach Lubbock bringt und dem Sheriff dort übergibt«, fuhr ich fort. »Dazu werde ich einen schriftlichen Bericht verfassen. Ich glaube nicht, dass man Sie ein weiteres Mal auf freien Fuß lässt. Aber das haben Sie sich selber zuzuschreiben.«

»Es gibt keinen Ort auf der Welt, an dem sich die Hure vor mir verkriechen kann«, presste der Rancher hervor. »Und es gibt genug Männer, die für fünfhundert oder tausend Dollar bis nach Feuerland reiten würden, um mir den Kopf der Lady zu bringen. Sie wird keine ruhige Minute mehr haben im Leben, und am Ende wird sie tot sein.«

Ich schloss die Handschelle auf, die um den Handlauf der Theke lag. »Gehen wir«, sagte ich.

»Wohin?«

»In den Mietstall.« Ich fesselte die Hände des Ranchers auf den Rücken. Dann nahm ich ihn am Oberarm und bugsierte ihn zum Ausgang. Grazia schloss sich uns an.

Im Mietstall kettete ich Adam Webb an eine eiserne Futterraufe. Dann holte ich mein Pferd und trug Grazia auf, ebenfalls ihr Tier zu holen. Wir stellten die Tiere im Mietstall ab. Ich nahm mein Gewehr und die Satteltaschen mit dem Geld. Beim Stallburschen erkundigte ich mich, ob es im Ort eine Bürgerwehr gab.

»Ja«, antwortete er, »die gibt es. Der Town Mayor führt sie an.«

»Wo wohnt der Bürgermeister?«

Der Stallmann beschrieb mir den Weg. Ich sagte zu Grazia: »Gehen Sie ins Hotel und mieten Sie für uns Zimmer. Warten Sie im Hotel auf mich. Sobald ich mit dem Bürgermeister gesprochen habe, gehen wir etwas essen.«

Ich fand das Haus des Town Mayors auf Anhieb. Eine Frau öffnete mir. »Ist der Bürgermeister zu sprechen?«

»Einen Augenblick.«

Gleich darauf zeigte sich ein Mann. »Was wollen Sie denn von mir?«

»Ich bin U.S. Deputy Marshal Bill Logan«, stellte ich mich vor.

Der Town Mayor nickte. »Ich war vorhin auf der Straße. Sie haben ziemlich für Furore gesorgt hier.«

»Adam Webb war hinter der Frau her, die mit mir reitet. Sie hat in Abernathy seinen Sohn erschossen. Es war Notwehr. Der Richter in Lubbock ließ sie laufen ...« Ich berichtete mit knappen Worten.

»Kommen Sie doch herein, Marshal«, sagte der Bürgermeister. »Zwischen Tür und Angel spricht es sich nicht so gut.«

Er führte mich in die Wohnstube. Sie war gediegen eingerichtet. Nachdem wir Platz genommen hatten, sagte ich: »Sie sind Anführer der Bürgerwehr von Lamesa.«

»Das ist richtig.«

»Adam Webb ist mein Gefangener. Er muss nach Lubbock zum Sheriff gebracht werden. Da ich selbst nicht die Zeit habe, ihn hinzubringen, wollte ich Sie bitten, den Transport durchzuführen. Ich werde einen schriftlichen Bericht für den Sheriff fertigen. Webb hat versucht, das Gesetz in die Hand zu nehmen. Versuchter Mord, Widerstand gegen die Staatsgewalt, Nötigung, Körperverletzung. Er muss bestraft werden.«

»Ich gebe Ihnen recht«, erklärte der Bürgermeister. Seine Stimme hob sich. »In Ordnung, Marshal. Ich veranlasse, dass der Bursche nach Lubbock zum Sheriff gebracht wird. Sie können sich auf mich verlassen.«

*

Grazia und ich brachen am Morgen auf. Bis Big Spring waren es fünfzig Meilen. Wir würden diese Strecke nicht an einem Tag schaffen.

»Nachdem ich eine Nacht in einem Bett geschlafen habe, fühle ich mich wie neugeboren«, sagte Grazia.

»Wir werden die kommende Nacht wieder im Freien verbringen müssen«, sagte ich.

»Was ist mit den Kerlen, die dich verfolgen, Gringo?«

»Ich weiß es nicht. Vielleicht haben sie aufgegeben. Vielleicht erwarten sie uns irgendwo weiter südlich. Es ist auch möglich, dass sie hinter uns kommen. Dann werden sie in Lamesa erfahren, dass sie sich auf der richtigen Spur befinden.«

»Soll ich dir die Wahrheit über meinen Bruder erzählen?«

»Was ist mit ihm?«

»Als ich dir erzählte, dass er am Arroyo de la Zorra auf einer Hazienda lebt, war das die Wahrheit. Aber mein Bruder züchtet keine Rinder. Er kontrolliert das Grenzgebiet. Man nennt ihn El Lobo.«

Ich verstand. »Er ist also einer der Bravados, die das Grenzgebiet unsicher machen.«

»Die Bezeichnung Bravado würde Sebastiano sicherlich nicht gefallen.«

»Aber es ist so.«

»Er nimmt den Reichen und gibt den Armen.«

Ich lachte spöttisch auf. »Er selbst kommt aber sicher auch nicht schlecht weg dabei. – Was sagen die Rurales zu seinen Aktivitäten?«

»Sie lassen ihn in Ruhe. Mein Bruder hält das Gebiet um den Arroyo de la Zorra sauber. Er ist Herr über ein kleines Dorf. Es heißt La Morita. Die Menschen dort verehren ihn.«

»Nun, ich werde dich zu ihm bringen.«

»Du hast von ihm nichts zu befürchten.«

Gegen Mittag erreichten wir einen kleinen Creek. Der Flussgrund war steinig. Forellen schossen zwischen den Steinen hin und her. Wir beschlossen, zu rasten. Während Grazia die Pferde tränkte, sammelte ich Feuerholz. Als das Feuer brannte, machte ich mich daran, ein paar Forellen zu fangen. Ich war an einem Creek aufgewachsen und hatte schon als Junge Forellen mit der Hand gefangen. Sie flohen unter Steine. Ich erwischte drei Stück, tötete sie und nahm sie aus, rieb sie mit Salz ein, das ich in der Satteltasche hatte, dann spießten wir sie auf dünne Äste und hielten sie über das Feuer.

Die Fische mundeten vorzüglich. Nachdem wir gegessen hatten, drehte ich mir eine Zigarette, setzte sie mit einem glühenden Stück Holz in Brand und beobachtete Grazia, die zwischen die Büsche ging. Die Pferde standen am Flussufer und weideten. Wir hatten ihnen die Bauchgurte gelockert.

Nachdem ich geraucht hatte, nahm ich die Wasserflaschen von den Sätteln, schüttete das Wasser aus und machte mich daran, sie am Flussufer mit frischem Wasser zu füllen. Als ich hinter mir ein Geräusch vernahm, fuhr ich herum. Da schien auch schon die Welt vor meinen Augen zu explodieren. Schlagartig riss mein Denken, Dunkelheit schlug über mir zusammen ...

Als ich wieder zu mir kam, fand ich mich nicht sogleich zurecht. Das erste, was mein Verstand erfasste, war leises Rauschen und Glucksen. Sekundenlang lag ich da, jeglichen Gedankens, jeglichen Willens beraubt. Dann wurde mir klar, dass die Geräusche der Creek verursachte, an dessen Ufer ich lag. Ich versuchte mich aufzurichten. Stechender Schmerz zuckte durch meinen Kopf und ließ mich gequält stöhnen. Und wieder griff die Benommenheit nach mir; sie kam wie eine graue, alles verschlingende Flut. Um mich herum schien sich alles zu drehen. Ich schloss die Augen und das Schwindelgefühl legte sich. Als ich die Augen wieder öffnete, sah ich klar. Vorsichtig bewegte ich mich.

Grazia und die Pferde waren fort. Ich begriff es mit schmerzlicher Klarheit. Sie hatte mich hereingelegt. Nur einen Augenblick war ich nicht auf der Hut gewesen.

Mir brummte der Schädel. Sie musste mit dem Gewehrkolben zugeschlagen haben. Vorsichtig tastete ich mit den Fingerkuppen über die Stelle. Da war eine ziemliche Beule. Da war aber auch Blut. Ich hatte eine Platzwunde davongetragen. Ich warf mir einige Hände von dem eiskalten Wasser ins Gesicht. Es belebte mich. Dann stand ich auf. Wieder hatte ich gegen eine Welle der Benommenheit anzukämpfen. Am Boden lag mein Stetson. Ich ging in die Knie und hob ihn auf. Dann drückte ich mich wieder hoch und stülpte ihn mir auf den Kopf. Meine Rechte tastete zum Holster und fühlte den Griff des Remington. Den Revolver hatte sie mir also gelassen.

Die Sonne hatte ihren Zenit überschritten. Ich marschierte los. Wenn ich Glück hatte, kam irgendwann die Postkutsche, die zwischen Big Spring und Lubbock verkehrte, und ich konnte mit ihr fahren.

Wie der geschwungene Leib einer riesigen Schlange lag die Straße vor mir. Ich war verbittert. Die Tatsache, dass ich das Geld verloren hatte, quälte mich. Ich schwor, es zurückzuholen. Nachdem ich ihr Big Adam und dessen Männer vom Hals geschafft hatte, ergriff Grazia die Gelegenheit beim Schopf. Sie war schlecht – abgrundtief verdorben. Das begriff ich jetzt.

Der Bestand der Dry Devils Ranch hing davon ab, dass der Kredit bei der Bank in Comstock abgelöst werden konnte. Der Sohn und die Tochter von Joshua Brewster warteten auf das Geld. Der Richter hatte ihnen einen Brief geschrieben und ihnen vom Tod ihres Vaters berichtet. Und er hatte ihnen zugesagt, dass er sichergestellt habe, dass das Geld sie erreichte.

Hatte Humphrey zu hohe Erwartungen in mich gesetzt?

Ich fühlte mich als Versager. Wie sollte ich dem Richter klarmachen, dass ich das Geld verloren hatte?

Ich marschierte vielleicht eine Stunde, als ich fernes Rumoren vernahm. Es erklang hinter mir. Ich drehte mich um und sah von weitem die Stagecoach kommen. Sie zog eine Staubfahne hinter sich her. Auf dem Bock saßen zwei Männer. Die Geräusche wurden deutlicher. Ich wartete am Straßenrand und hielt die Kutsche an. Der Kutscher stemmte sich gegen die Zügel. »Brrrh!« Er brachte die Pferde zum Stehen.

»Wo kommen Sie denn her in dieser Einöde?«, rief der Begleiter des Kutschers, zwischen dessen Beinen ein Gewehr stand, das er am Schaft festhielt.

»Man hat mir das Pferd gestohlen«, sagte ich. »Kann ich mit Ihnen fahren?«

»Steigen Sie ein, Marshal.«

Ich öffnete den Kutschenschlag und kletterte hinein. Zwei Männer saßen in der Kutsche. Einer war gekleidet wie ein Cowboy, der andere trug einen schwarzen Rock und einen weißen Kragen. Er las in einem Buch. Er war Priester, bei dem Buch handelte es sich um die Bibel. Er grüßte freundlich und lächelte mich an. »Der Verlust eines Pferdes ist schmerzlich«, sagte er. »Schlimmer aber ist es, vor den Augen unseres Herrn in Ungnade zu fallen.«

»Sicher haben Sie recht, Reverend«, antwortete ich, dann setzte ich mich neben den Burschen in Cowboytracht.

Die Kutsche ruckte an. Poltern und Rumpeln erklang. Die primitive Federung der Concord fing die Bodenunebenheiten nicht ab und so wurden wir durch und durch geschüttelt. Nach einer Stunde etwa erreichten wir eine Pferdewechselstation. Wir stiegen aus. Kutscher und Begleitmann stiegen vom Kutschbock. »Wie weit wollen Sie noch mitfahren?«, fragte mich der Kutscher. »Bis Big Spring sind es noch zwanzig Meilen. Es wird finster sein, wenn wir die Stadt erreichen.«

»Mal sehen, ob ich hier ein Pferd, einen Sattel und ein Gewehr bekommen kann«, erwiderte ich.

Der Stationer und sein Gehilfe machten sich daran, die Pferde auszuspannen. Die beiden anderen Reisenden gingen hin und her, um sich die Beine zu vertreten. Wahrscheinlich spürten sie jeden Knochen. Ich trat an den Stationer heran und stellte mich vor. Dann sagte ich: »Man hat mir das Pferd samt Sattel und Gewehr gestohlen. Können Sie mir mit einem Tier aus der Patsche helfen?«

»Was wir hier haben, sind keine Reitpferde«, versetzte der Stationer. »Sie kämen damit nicht sehr weit. Es wäre vielleicht ratsam, nach Big Spring mit der Kutsche zu fahren und sich dort ein Pferd zu besorgen.«

»Ist eine Mexikanerin mit zwei Pferden hier vorbeigekommen?«

Der Stationer musterte mich verdutzt, dann schüttelte er den Kopf. »Nein. Sagen Sie bloß, ein Weib hat Ihnen den Gaul abgejagt.«

»Wer ist schon gegen einen hinterhältigen Schlag mit dem Gewehrkolben gefeit?«, kam meine Gegenfrage, dann wandte ich mich ab ...

*

Eine halbe Stunde später ging es weiter. Die Fahrt war eine Tortur, aber besser, als zu Fuß nach Big Spring zu laufen. Es war tatsächlich finster, als wir die Stadt erreichten. Ich wusste, dass es in Big Spring einen Sheriff gab. Die Kutsche fuhr bis zum Depot der Overland Mail Company, dort stieg ich aus. Ich reckte mich, dann marschierte ich zum Sheriff's Office. Ich traf den Sheriff in seinem Büro an. Sein Name war Sam Hanson. Ich erzählte ihm mit knappen Worten meine Geschichte. Er hörte mir schweigend zu. Dann sagte er: »Wenn eine Frau mit zwei Pferden in die Stadt gekommen wäre, wäre mir das sicher nicht entgangen. Wie es scheint, hat sie einen Bogen um die Stadt herumgemacht. Aber vier Kerle sind in der Stadt – vier heruntergekommene Typen, Sattelwölfe, und sie haben sich nach einem Mann und einer Frau erkundigt. Liege ich richtig, wenn ich annehme, dass die vier hinter Ihnen und der Mexikanerin her sind?«

»Sie möchten mir die 20.000 Dollar abjagen. Die Kerle verfolgen mich seit Amarillo. Nun, ich werde die vier Hombres enttäuschen müssen.«

»Ich nehme an, dass ich Ihnen ein Pferd, einen Sattel und ein Gewehr zur Verfügung stellen soll, Marshal«, sagte der Sheriff.

»Ich bitte darum«, erwiderte ich.

»Sie haben also vor, der Lady das Geld wieder abzujagen.«

»So ist es.«

Der Sheriff ging zu seinem Gewehrschrank und holte eine Winchester heraus, warf sie mir zu und sagte: »Für Munition müssen Sie schon selbst sorgen, Marshal. Mit Larry Haggan vom Mietstall spreche ich, damit er Ihnen ein Pferd und einen Sattel zur Verfügung stellt. Ich nehme an, Sie wollen morgen in aller Frühe weiterreiten.«

»Ich will keine Zeit verlieren.«

»Also gehen wir zum Mietstall.«

Der Stallmann saß auf einer Futterkiste und flickte im Schein einer Laterne ein Zaumzeug. Der Sheriff begrüßte den Stallmann, stellte mich vor und erklärte dann sein Anliegen. Als er geendet hatte, knurrte der Stallbursche: »Natürlich stelle ich Ihnen ein Pferd und einen Sattel zur Verfügung, Marshal. Der Stall öffnet früh um sieben Uhr. Wenn Sie kurz nach sieben hier sind, steht das Tier für Sie bereit.«

Ich bedankte mich.

Als wir wieder auf der Straße waren, fragte der Sheriff: »Was nun, Logan?«

Ich wusste, was er meinte. Grimmig versetzte ich: »Jetzt werde ich mir die vier Burschen vorknöpfen. Sie haben dagegen doch nichts einzuwenden, Sheriff?«

»Ich denke, Sie finden die Kerle im Saloon. Ich werde Ihnen den Rücken freihalten. Kaufen Sie den Kerlen den Schneid ab, Marshal.«

In der Nähe des Saloons trennten wir uns. Der Sheriff verschwand zwischen den Häusern. Die Nacht verschluckte ihn. Seine mahlenden Schritte verklangen.

Ich wartete ein paar Minuten, dann betrat ich den Saloon. Etwa die Hälfte der Tische war besetzt. Gemurmel erfüllte den Schankraum. Zigarettenrauch schlierte um die Lampen, die von der Decke hingen. Der Geruch von Bier und Schweiß stieg mir in die Nase. Die Türpendel schwangen hinter mir aus. An einem der runden Tische saßen die vier Kerle. Sie stachen mir sofort in die Augen. Sie waren verstaubt und stoppelbärtig.

Sie starrten mich an. Plötzlich erhoben sie sich wie auf ein geheimes Kommando und glitten auseinander. Ihre Hände legten sich auf die Knäufe der Revolver.

Im Saloon verstummten die Gespräche. Anspannung erfüllte plötzlich den Schankraum, unheilvolle Impulse schienen ihn zu durchströmen. Der Saloon glich einem Pulverfass, an dem die Lunte schon brannte.

Da ging die Hintertür auf und der Sheriff kam herein. Er hatte den Revolver in der Hand. Der Daumen lag quer über der Hammerplatte. Seine Stimme grollte: »Ihr könnt euch entspannen, ihr Schießbudenfiguren. Der Marshal will euch nur etwas klarmachen. Solltet ihr jedoch die raue Tour bevorzugen, so könnt ihr es gerne haben. Führt euch aber vor Augen, dass zwei von euch auf die Nasen fallen, ehe ihr die Revolver aus den Futteralen habt.«

»Was willst du?«, knirschte einer der Burschen und schaute mich herausfordernd an.

»Ich will euch nicht im Unklaren darüber lassen, dass ich das Geld nicht mehr habe. Ihr könnt also aufhören, mich zu verfolgen. Aber selbst wenn ich das Geld noch hätte, würde ich euch raten, die Jagd danach aufzugeben. Eure Gier bringt euch in Teufels Küche ...«

»Wer sagt dir denn, dass wir hinter dem Geld her sind«, dehnte einer der Burschen. Er war ungefähr Mitte zwanzig und blondhaarig. Sein Blick schien mich zu durchdringen und war genauso herausfordernd wie seine ganze Haltung. Seine Rechte umklammerte den Griff des Revolvers. »Vielleicht haben wir nur zufällig denselben Weg wie du, Marshal.«

»Ihr habt mit Brewster die Herde nach Amarillo getrieben, nicht wahr?«

Der Bursche nickte. »Ja. Und jetzt sind wir wieder auf dem Weg nach Süden.«

»Und warum habt ihr versucht, mich zu überfallen?«

Darauf gab der Cowboy keine Antwort.

Ich ergriff noch einmal das Wort: »Gebt es auf. Das Geld ist futsch.«

»Wo hast du denn die Mexikanerin gelassen, Marshal? Ihr Kopf ist Adam Webb eine Menge Geld wert.«

»Wollt ihr euch dieses Geld verdienen?«

»Vielleicht.«

»Ich weiß nicht, wo sich die Mexikanerin befindet. Sie hat sich von mir verabschiedet, ohne mir zu sagen, welchen Weg sie nimmt. Sie kann sich nach Osten oder Westen gewandt haben, vielleicht ist sie auch nach Norden zurückgeritten. In Big Spring ist sie jedenfalls nicht angekommen.«

»Du hast dir also von ihr das Geld abjagen lassen, Marshal. Nun, das spricht nicht gerade für dich.« Der Sprecher grinste höhnisch.

»Denk, was du willst«, versetzte ich gleichmütig. Ich ließ mich nicht provozieren. Mit dem letzten Wort setzte ich mich in Bewegung und ging zum Tresen. Der Sheriff gesellte sich zu mir. Wir bestellten uns jeder ein Bier. Die vier Kerle setzten sich wieder. Der Situation war die Brisanz genommen. Die anderen Gäste flüsterten miteinander. Ich beobachtete die vier Cowboys. Sie hatten die Köpfe zusammengesteckt und tuschelten miteinander.

*

Der Sheriff stellte mir für die Nacht eine Gefängniszelle zur Verfügung. Am Morgen fand ich mich kurz nach sieben Uhr im Mietstall ein. Ein Schecke stand gesattelt und gezäumt im Mittelgang. Der Stallmann wünschte mir einen guten Morgen, dann sagte er: »Es ist ein schnelles und ausdauerndes Tier, Marshal. Sie werden Ihre Freude daran haben.«

Der Zügel war um einen der Tragebalken geschlungen. Ich knüpfte ihn auf und tätschelte dem Tier den Hals. Es schnaubte. »Sie bekommen das Pferd zurück«, versicherte ich. »Wenn nicht, wird man es Ihnen ersetzen. Das gleiche gilt für den Sattel. Ich danke Ihnen jedenfalls für Ihre Hilfe.«

»Keine Ursache, Marshal.«

Ich führte das Tier aus dem Stall und saß im Hof auf. Dann ritt ich zum Store. Er öffnete gerade. Ein Mann, der sich eine grüne Schürze umgebunden hatte, schob das eiserne Scherengitter vor dem Eingang zur Seite. Ich saß beim Haltebalken ab, band das Pferd an und sagte: »Ich brauche Munition für die Winchester.«

»Kommen Sie nur herein, Marshal. Ich war gestern Abend im Saloon. Ich glaube nicht, dass diese vier Burschen aufgeben. Sie werden jetzt wohl Jagd auf die Lady machen, die im Besitz des Geldes ist.«

»Wahrscheinlich«, erwiderte ich. »Es sind wohl unverbesserliche Narren.«

Wir gingen hinein. Ich kaufte vier Päckchen Munition, trug sie hinaus und verstaute sie in den Satteltaschen. Eines der Päckchen öffnete ich und lud das Gewehr auf. Patrone um Patrone schob ich in den Ladeschlitz. Der Storehalter beobachtete mich. Nachdem ich die Winchester geholstert hatte und aufgesessen war, sagte er: »Sie haben nicht vor, der höllischen Lady das Geld zu belassen, nicht wahr?«

»Nein, das habe ich nicht vor«, bestätigte ich. »Am Arroyo de la Zorra haust ihr Bruder auf einer Hazienda. Man nennt ihn El Lobo. Ein Bravado, der die Region dort unten beherrscht. Sie will zu ihm.«

»Von El Lobo habe ich schon gehört«, erklärte der Storehalter. »Ja, er ist ein Bandit. El Lobo war schon einige Male in Texas und hat hier Vieh gestohlen. Es gab Tote. Man hat die Texas Ranger mobilisiert, aber der Bursche ist ihnen bisher immer entschlüpft. Tja, Marshal, ich rate Ihnen nicht, den Rio Bravo zu überqueren. In Mexiko haben Sie nicht nur die Bravados dieses El Lobo zu fürchten, sondern auch die Rurales.«

Ich trieb das Pferd an. Als ich das Hotel passierte, sah ich einen der Cowboys, die hinter dem Geld her waren, auf dem Vorbau. Ich ritt hin und zügelte. Da es noch dunkel war, sah ich sein Gesicht nur als hellen Klecks. Trotzdem erkannte ich ihn. Es war der blonde Bursche, der gestern Abend im Saloon das Wort geführt hatte. »Ich hoffe, Sie nehmen Vernunft an.«

»Adam Webb hat uns tausend Dollar für den Kopf der Lady geboten.«

»Sie hat Jack Webb in Notwehr erschossen. Das Gericht in Lubbock hat es festgestellt. Aber das ist unerheblich. Big Adam befindet sich im Gewahrsam des Sheriffs von Lubbock. Er hat mit einer empfindlichen Gefängnisstrafe zu rechnen. Wie soll er euch tausend Dollar zahlen, wenn er im Zuchthaus sitzt?«

»Du willst mir doch nicht erzählen, dass du aufgibst, Marshal.«

»Ich habe keine Ahnung, wo ich Grazia Esteban suchen soll«, log ich.

Der Bursche lachte fast amüsiert auf. »Du bist ein Spürhund, Marshal, und du gibst das Geld nicht einfach auf. Du nicht. Selbst wenn du jetzt in nördliche Richtung die Stadt verlässt. Du kannst mir keinen Sand in die Augen streuen.«

»Ich warne Sie«, murmelte ich. »Meine Geduld hat Grenzen.«

»In der Wildnis haben Sie keinen, der Ihnen den Rücken stärkt, Marshal.«

Das war deutlich.

Der Bursche schwang herum und ging ins Hotel. Ich zog das Pferd halb um die rechte Hand, ruckte im Sattel und schnalzte mit der Zunge. Das Tier setzte sich in Bewegung.

Ich ritt nach Süden. Mir war Grazias Ziel bekannt. Darum musste ich mich nicht mit Spurensuche abgeben. Ich wollte die Lady am Arroyo de la Zorra, genauer gesagt in La Morita, abfangen. Was mich dort erwartete, wusste ich nicht. Aber ich war fest entschlossen, das Geld zurückzuholen. Es konnte ins Auge gehen. Denn ich würde die Grenze illegal überschreiten müssen. Wenn ich den Rurales in die Hände fiel, landete ich im Gefängnis. Mein Stern war dort unten gerade mal das Blech wert, aus dem er gestanzt war. Da war aber auch der Bruder von Grazia. Von ihm ging eine Gefahr aus, die ich jetzt noch nicht einzuschätzen vermochte.

Ich schaute mich immer wieder um. Von Verfolgern war nichts zu bemerken. Als die Sonne hoch im Zenit stand, erreichte ich einen Fluss. Ich tränkte das Pferd, füllte die Wasserflasche mit frischem Wasser und ritt weiter. Ich ritt querfeldein, überquerte Hügel und ritt durch staubige Senken. Die Nacht verbrachte ich auf einer Farm und schlief im Heuschober. Meile um Meile legte ich zurück. Wieder ging ein Tag zu Ende. Ich war über eine Woche unterwegs, dann erreichte ich Comstock. Ich erkundigte mich in der Stadt nach dem Weg zur Dry Devils Ranch und erhielt ihn beschrieben. Nachdem ich etwa eine weitere Stunde geritten war, erreichte ich die Ranch. Ich durchritt das hohe Galgentor und hielt vor dem Haupthaus an. In einem Corral standen ein Dutzend Pferde. Es gab einige Schuppen, eine Scheune und einen Stall. In der Remise standen zwei Fuhrwerke – leichte Schlutter-Wagen, wie sie auch die Armee verwendete. Alles wirkte gepflegt, sauber und ordentlich. Aus einem Schuppen trat ein bärtiger Mann und beobachtete mich. Er war mit einem blauen Overall bekleidet und trug einen verbeulten Hut.

Als ich mich aus dem Sattel schwang, ging die Tür des Haupthauses auf und eine junge Frau trat ins Freie. Sie war Anfang zwanzig und blondhaarig. Keine Schönheit – dennoch verströmt sie etwas, das sie attraktiv machte. Sie war mit einem langen, schwarzen Rock und einer grauen Bluse sowie einer schwarzen Weste bekleidet.

»Sie sind sicher der Marshal, den Richter Humphrey in seinem Brief angekündigt hat.«

Ich trat vor sie hin und reichte ihr die Hand. »Mein Name ist Bill Logan, Miss. Ja, ich bin im Auftrag des Richters ins Val Verde County geritten. Allerdings sind es keine erfreulichen Nachrichten, die ich bringe.«

»Kommen Sie ins Haus. Mein Bruder befindet sich mit unseren beiden Cowboys auf der Weide. Er kommt erst am Abend auf die Ranch.«

Als wir in der Küche am Tisch saßen, sagte ich: »Das mit Ihrem Vater tut mir sehr leid, Miss.«

Ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Hoffentlich erwischt man seinen Mörder. – Sie bringen schlechte Nachricht?«

»Ja. Man hat mir das Geld gestohlen.«

Sie zuckte zusammen. Ihr Mund wurde schmal. »Sie – Sie haben das Geld verloren«, stammelte sie entsetzt. Der Blick, mit dem sie mich anstarrte, ging mir durch und durch. Plötzlich schlug sie beide Hände vor das Gesicht. Die Verzweiflung brach sich Bahn. »Dann ist die Ranch verloren«, flüsterte sie erstickend. »Ohne das Geld kommt die Ranch unter den Hammer.«

»Wann ist die Hypothek fällig?«, fragte ich.

»Am 1. Januar.«

»Das heißt, ich habe zwei Wochen Zeit, das Geld wiederzubeschaffen.« Ich verlieh meiner Stimme Nachdruck, als ich sagte: »Ich tue alles, um das Geld für die Ranch zu retten, Miss. Kann ich die Nacht über auf der Ranch bleiben?«

Sie ließ die Hände sinken. Mit erloschenem Blick schaute sie mich an. »Das Geld war unsere letzte Hoffnung. Wenn es Ihnen nicht gelingt, es wiederzubeschaffen, wird man uns von Haus und Hof jagen. Wir müssten alles aufgeben, wofür mein Vater arbeitete und kämpfte.«

»Ich bringe es wieder«, versprach ich im Brustton der Überzeugung.«

*

Als es schon dunkel war, kam Virgil Brewster auf die Ranch. Er war dreiundzwanzig Jahre alt. Kath stellte mich vor, und dann sagte sie zu ihrem Bruder: »Es gibt keinen Grund, sich zu freuen, Virg. Dem Marshal wurde das Geld für die Herde geraubt. Und wenn wir bis zum 1. Januar nicht bezahlen können, dann nimmt man uns die Ranch weg.«

Der Gesichtsausdruck des jungen Mannes veränderte sich. Seine Brauen schoben sich zusammen. Finster fixierte er mich. Ich saß am Tisch in der Küche. Zornig flackerte es in den Augen des Burschen. Seine Lippen sprangen auseinander: »Sie haben sich das Geld abjagen lassen!«

»Man hat mich beraubt. Das ist richtig.«

»Eine Frau hat ihm das Geld gestohlen«, erklärte Kath. »Eine Mexikanerin – die Schwester von El Lobo.«

»Sie hat mich übel hereingelegt«, sagte ich. »Ich habe ihr das Leben gerettet und beschützte sie. In einem Moment, als ich unachtsam war, schlug sie mich mit dem Gewehr nieder. Ich ...«

»Zur Hölle, Marshal!«, stieß der Bursche hervor. »Sie hatten einen Auftrag zu erfüllen. Warum haben Sie sich mit dem Weib eingelassen? Hat sie Ihnen den Kopf verdreht? Oder machen Sie gar mit ihr gemeinsame Sache? O verdammt. Sie haben das Geld leichtfertig aufs Spiel gesetzt. Wie konnte der Richter einen Mann wie Sie mit dieser Mission betrauen?«

»Ein Rancher wollte die Frau hängen«, sagte ich kehlig. »Sollte ich etwa zusehen? Na schön, Virgil. Ich kann Ihre Verbitterung verstehen. Dennoch tun Sie mir Unrecht. Grazia hat mir weder den Kopf verdreht, noch habe ich auch nur einen Moment vergessen, in welch wichtiger Mission ich unterwegs war. Die Kerle, die mit Ihrem Vater die Herde nach Amarillo trieben, waren hinter dem Geld her. Ich schoss mich mit den Männern des Ranchers, der Grazia hängen wollte. Mein Weg war nicht einfach. – Ich habe Ihrer Schwester versprochen, das Geld wiederzubeschaffen. Morgen früh reite ich zum Arroyo de la Zorra. Ich werde alles daransetzen, die Ranch für Sie zu retten. Es ist mir ein inneres Bedürfnis.«

»Ich werde dem Richter einen Brief schreiben und ihn aufklären, dass er einen unfähigen Mann mit dem Geld losschickte.« Bitter lachte der Bursche auf. »El Lobo hat seinen Namen nicht umsonst. Er ist ein zweibeiniger Wolf. Sobald Sie die Grenze überschreiten, wird man ihn informieren. Selbst wenn Sie es zum Arroyo de la Zorra schaffen und es Ihnen gelingen sollte, El Lobos Schwester das Geld wieder abzujagen: El Lobo wird Sie von seinen zweibeinigen Bluthunden jagen lassen. Ihre Chance ist die eines Regentropfens im Ozean, Marshal. Ihnen haben wir es zu verdanken, wenn man uns im Januar von unserem Grund und Boden jagt. Ich hasse Sie dafür.«

Ich erhob mich mit einem Ruck. Hart blickte mich der Bursche an. »Dem ist wohl nichts mehr hinzuzufügen«, presste ich hervor und schoss Kath einen schnellen Blick zu. Im Laternenlicht glitzerten ihre Augen wie Glaskugeln. Von ihrem Gesicht war nicht abzulesen, ob sie die Meinung ihres Bruders teilte. Jetzt aber sagte sie: »Mein Bruder ist enttäuscht und verbittert. Verzeihen Sie ihm, Marshal. Ich habe Vertrauen zu Ihnen und bitte Sie, die Nacht über auf der Ranch zu bleiben.«

Virgil Brewster musterte seine Schwester düster. Unvermittelt machte er kehrt und verließ die Küche. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss.

»Virg hängt an der Ranch«, erklärte Kath. »Er kann sich nicht mit dem Gedanken abfinden, dass sie uns vielleicht bald nicht mehr gehört.« Sie senkte den Blick. »Auch ich hänge an der Ranch ...«

*

Vor mir lag der Rio Grande. Auf der anderen Seite begann Mexiko. Es war früher Nachmittag. Der Grenzfluss wälzte seine braunen Fluten nach Südosten. Strauchwerk säumte die Ufer. Ich ließ meinen Blick schweifen. Soweit das Auge reichte war nur ausgedörrtes Land zu sehen; Wildnis – menschenfeindliches Terrain, hügelig, felsig, karg.

Ich trieb mein Pferd in den Fluss. Schon bald musste das Tier schwimmen. In der Flussmitte war die Strömung ziemlich reißend. Wir wurden abgetrieben. Ich hielt mein Gewehr und den Remington in die Höhe, damit die Munition nicht nass wurde. Es war nicht auszuschließen, dass Wasser in die Patronen eindrang und das Pulver unbrauchbar machte. Da drüben aber hing von der Zuverlässigkeit meiner Waffen möglicherweise mein Leben ab.

Schließlich hatte der Schecke wieder Boden unter den Hufen. Wir erreichten das Ufer. Ich war nass bis über die Hüfte hinauf. Drüben schürte ich ein großes Feuer, an dem ich meine Kleidung trocknete und mich wärmte. Das nahm über eine Stunde in Anspruch. Dann ritt ich weiter. Die Gefahr konnte überall lauern, der Tod war allgegenwärtig. Als es Abend wurde, erreichte ich einen Fluss, der in den Rio Grande mündete. Der Beschreibung Kaths nach musste das der Arroyo de la Zorra sein. Ich beschloss, am Fluss zu lagern. Wieder schürte ich ein Feuer. Andernfalls wäre es zu kalt gewesen. Dicht beim Feuer rollte ich mich in meine Decke. Den Sattel benützte ich als Kopfkissen. Schlaf fand ich kaum. Als der Tag anbrach, ritt ich weiter. Ich ritt am Fluss entlang nach Süden. Nach sechs Stunden etwa lag eine Ortschaft vor mir. Ich verhielt auf dem Kamm eines Hügels. Vor den Vorderhufen meines Pferdes schwang sich der Hang steil nach unten. Es handelte sich um ein typisch mexikanisches Dorf. Die Häuser waren aus Holz oder Adobe. Sie hatten flache Dächer, die Dachsparren ragten aus den Frontwänden. In einigen Pferchen tummelten sich Schafe und Ziegen, auf einer Koppel standen zwei Milchkühe. Es gab auch einen Koben mit einem halben Dutzend Schweinen. Ein Mann schritt über den Dorfplatz und verschwand in einem Haus.

Ich ritt hinunter.

Die Häuser waren rund um eine große Plaza gruppiert. In der Mitte der Plaza befand sich der Brunnen. Da standen auch zwei uralte Bäume. Die Plaza war staubig. Leises Säuseln war zu vernehmen. Es war der Wind, der zwischen die Häuser strich und von ihnen gebrochen wurde. Staubspiralen trieben über den großen Platz mit dem Brunnen.

Ich zügelte beim Brunnen, schaute mich um und machte die Pulqueria aus. Ein hölzernes Schild über der Tür verriet sie. Ansonsten unterschied sich der Bau in nichts von den anderen Gebäuden. Ich saß ab und führte das Pferd am Zaumzeug. In die Wand der Pulqueria waren einige eiserne Ringe eingelassen. An einen band ich mein Pferd. Dann nahm ich mein Gewehr aus dem Scabbard und ging hinein.

In der Schänke war es düster. Die kleinen Fenster ließen kaum Licht in den Raum. Fünf Tische standen da. Auf ihnen standen Näpfe mit Talglichtern. Es gab eine Theke. Sie war aus grob gehobelten Brettern zusammengezimmert. Hier war alles einfach und primitiv. Hinter der Theke war niemand. Ich setzte mich an einen der Tische und rief: »Hallo, ist hier jemand?«

Eine Tür hinter der Theke öffnete sich und ein dicker Mann kam in den Gastraum. Seine schwarzen Haare glänzten ölig und waren glatt nach hinten gekämmt. »Buenos dias, Señor«, grüßte er. »Ah, ein Americano. Was kann ich für Sie tun?«

»Ich möchte ein Bier und etwas zu essen. Außerdem brauche ich ein Zimmer für die Nacht. Ist das zu machen?«

»Gewiss, Señor.«

Der Gastwirt brachte mir ein Bier, dann sagte er: »Wenn Sie sich das Zimmer ansehen möchten, Señor.«

Ich trank einen Schluck, dann folgte ich dem Wirt durch die Hintertür hinaus in den Hof. Wir überquerten ihn. An den Stall war ein kleines Gebäude angebaut, dessen Tür der Wirt öffnete. »Das ist das Zimmer. Ich hoffe, Sie sind zufrieden, Señor.«

Der Boden des Raumes war nur festgestampft. Es gab ein Bett und einen Schrank. Auf einem Dreibein stand eine Waschschüssel, daneben stand am Boden ein verbeulter Blechkrug. An einem Nagel, der in die Wand geschlagen war, hing ein Handtuch.«

»In Ordnung«, sagte ich. »Ich nehme das Zimmer.

Als wir wieder in der Pulqueria waren, sagte der Wirt: »Sie tragen einen Stern. Ist es ein besonderer Grund, der Sie nach La Morita getrieben hat?«

»Ich warte hier auf jemand«, versetzte ich ausweichend.

»Das heißt also, dass Sie unter Umständen länger zu bleiben gedenken.«

»Möglicherweise. Haben Sie jemand, der sich um mein Pferd kümmert?«

»Mein Sohn Juan wird das übernehmen.« Der Wirt verschwand in der Küche. Ich hörte ihn sprechen, dann schepperte Geschirr. Gleich darauf war das Pochen von Hufen zu vernehmen.

Ich drehte mir eine Zigarette und rauchte. Ich gab mich keinen Illusionen hin. Ich befand mich in der Höhle des Löwen. Es war sicher nur eine Frage der Zeit, bis El Lobo erfuhr, dass sich ein amerikanischer Gesetzesmann in den Ort verirrt hatte.

Nach einer Viertelstunde etwa erschien der Wirt mit einer Pfanne. In der anderen Hand hielt er einen hölzernen Löffel. Er stellte die Pfanne vor mir auf den Tisch. Sie beinhaltete einen Pampf aus roten Bohnen und Fleischbrocken. Der Wirt gab mir den Löffel. »Lassen Sie es sich schmecken, Hombre. Es ist Ziegenfleisch. Ausgesprochen schmackhaft und gut gewürzt.«

Nun, ich hatte Hunger ...

Draußen erklangen Hufschläge, die sich schnell entfernten. Ich vermutete, dass der Sohn des Wirts losgeritten war, um El Lobo zu informieren.

Das Essen schmeckte in der Tat vorzüglich. Ich aß die ganze Pfanne leer. Dann ging ich in das Zimmer, verriegelte die Tür von ihnen und legte mich – angezogen wie ich war –, auf das Bett, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und starrte zur Decke hinauf.

Ich wartete.

Fast zwei Stunden vergingen. Es wurde schon dämmrig. Hufschläge wurden laut. Sie endeten vor der Pulqueria. Ich erhob mich. In mir war Anspannung. Stimmen waren zu hören. Ich stand am Fenster und schaute hinaus. Sehen konnte ich die Reiter nicht, denn zwischen ihnen und meiner Unterkunft befand sich die Schänke. Ich wartete kurze Zeit, dann verließ ich das Zimmer, überquerte den Hof und betrat durch die Hintertür den Gastraum. Vier Männer bevölkerten ihn. Auf ihren Köpfen saßen wagenradgroße Sombreros. Sie waren mit Revolvern bewaffnet. Zwei von ihnen trugen schräg über der Brust einen Patronengurt. Ihre Gesichter waren bärtig und dunkel.

Ich setzte mich an einen Tisch, holte ein Streichholz aus der Tasche, riss es unter der Tischplatte an und hielt die kleine Flamme an den Docht des Talglichts. Lichtschein kroch über die Tischplatte.

»Gib uns Pulque, Santoz«, forderte einer der Ankömmlinge. Auch sie setzten sich. Sie taten so, als wäre ich Luft. Der Wirt trug eine Flasche und vier Gläser zu ihrem Tisch, schenkte ein und die Kerle tranken. Plötzlich erhob sich einer von ihnen und kam zu mir her. »Hola, Gringo.«

»Hola.«

»Was führt dich nach La Morita?«

»Ich habe hier eine Verabredung.«

»Mit wem?«

»Das geht dich nichts an.«

»Oha.«

Wir starrten uns an. Plötzlich grinste der Bursche. »El Lobo möchte dich sehen.«

»Ich habe von ihm gehört.«

»Dann wirst du ja nichts dagegen haben, uns zur Hazienda zu begleiten.«

»Nein, dagegen ist nichts einzuwenden.«

»Bueno. Santoz, lass sein Pferd satteln. Wir reiten in einer Viertelstunde.«

Der Bursche kehrte zu seinem Tisch zurück, setzte sich, nahm die Flasche und trank einen Schluck. Der Wirt war in der Küche verschwunden. Ich hörte seine Stimme. Er sprach spanisch. Ich konnte seinen Worten entnehmen, dass er seinen Sohn anwies, mein Pferd zu satteln. Dann kam er wieder in den Schankraum zurück.

Die vier Kerle schienen mich nicht mehr zu beachten. Vor den Fenstern hing die Abenddämmerung. Schließlich kam ein etwa siebzehnjähriger Bursche zur Tür herein. »Das Pferd ist gesattelt und steht vor der Tür«, erklärte in holprigem Englisch.

»Bist du bereit, Gringo?«, fragte mich der Bursche, der vorhin an meinem Tisch gewesen war.

Ich erhob mich.

Wenig später waren wir auf dem Weg.

*

Die Mexikaner unterhielten sich auf Spanisch und lachten viel. Ich ritt zwischen ihnen, gespannt auf das, was mich erwartete. Natürlich durfte ich El Lobo nicht auf die Nase binden, dass ich seine Schwester erwartete. Heißer Schreck durchzuckte mich, als ich daran dachte, dass sie vielleicht vor mir angekommen war. Doch diesen Gedanken verdrängte ich. Ich hatte keine Zeit verloren und war hart geritten. Ich war mir sicher, Grazia überholt zu haben.

Es war finster, als wir auf der Hazienda ankamen. Das Haupthaus war groß und feudal. Es besaß ein Stockwerk. Ein Balkon nahm die gesamte Breite der Vorderfront ein. Aus zwei Fenstern in der unteren Etage fiel Licht. Im rechten Winkel zum Haupthaus war ein weiteres Gebäude mit vielen Fenstern errichtet worden. Auch diese Fenster waren beleuchtet. Ich nahm an, dass es sich um die Mannschaftsunterkunft handelte.

»Absitzen!«

Wir stiegen von den Pferden. Ich band den Schecken an einen Holm. Drei der Kerle führten ihre Pferde davon. Der vierte ging zur Tür des Haupthauses und klopfte dagegen. Gleich darauf öffnete er die Tür und rief etwas auf Spanisch. Eine dunkle Stimme antwortete ihm, dann sagte der Bursche zu mir: »Geh hinein, Gringo. Der Padron erwartet dich.«

Ich ging an dem Mexikaner vorbei ins Haus. In einem Sessel saß ein Mann von etwa fünfunddreißig Jahren. Er trug eine schwarze Hose, ein weißes Hemd und eine ebenfalls schwarze, kurze Jacke, deren Knöpfe silbern schimmerten. Seine Haare waren schwarz und in der Mitte gescheitelt. Seine Oberlippe zierte ein sauber getrimmter Schnurrbart.

Jetzt erhob er sich und lächelte. In fast akzentfreiem Englisch sagte er: »Willkommen auf meiner Hazienda. Sie sind ein amerikanischer Gesetzeshüter. Was hat Sie über den Rio Bravo getrieben?«

Ich hatte mir eine Ausrede zurechtgelegt und sagte: »Ich bin hinter vier Banditen her. Ihre Spur führt am Arroyo de la Zorra entlang, und ich nehme an, dass sie nach La Morita reiten wollen. Ich will die Kerle in dem Dorf erwarten. Dagegen haben Sie doch sicher nichts einzuwenden, Señor Esteban.«

»Ihr Stern ist auf dieser Seite des Rio Bravo nichts wert.«

»Ich weiß. Dennoch möchte ich Sie bitten, mir keine Steine in den Weg zu legen. Es sind vier Mörder, auf die in den Staaten der Galgen wartet. Auf solche Leute legt ihr auf dieser Seite des Rio Grande doch sicher keinen Wert.«

»Wollen diese vier Gringos vielleicht zu mir?«

»Was sollten sie von Ihnen wollen? Mit derlei Gesindel umgeben Sie sich gewiss nicht.«

Esteban lächelte geschmeichelt. »Sie sind ein Mann nach meinem Geschmack, Marshal. Wie heißen Sie?«

»Bill Logan. Aber jeder nennt mich nur Logan.«

»Darf ich Sie auch so nennen?«

»Aber natürlich.«

»Bueno, Logan, ich bitte Sie, mein Gast zu sein. Wenn die vier Gringos ins Land kommen, werden sich meine Leute um sie kümmern. Ich werde Ihnen die vier servieren. Ich halte es für meine Pflicht, das Gesetz – auch wenn es nicht das Gesetz Mexikos ist –, zu unterstützen.«

»Sie sind ein echter Caballero, Señor Esteban.«

»Gastfreundschaft ist ein wichtiges Gebot, Marshal.«

Jetzt erst trat Esteban an mich heran und reichte mir die Hand. »Setzen Sie sich, Marshal. Was möchten Sie trinken? Ich habe echten Bourbon anzubieten.«

Er war ein Wolf im Schafspelz. Seine zuvorkommende Art war nur Fassade. In Wirklichkeit war er ein skrupelloser Bandit, an dessen Händen das Blut vieler Menschen klebte. Ich machte gute Miene zum bösen Spiel und setzte mich in einen der Sessel. Der Hausherr ging zu einer Vitrine und entnahm ihr zwei Kristallbecher sowie eine Karaffe mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit. Er stellte die Gläser auf den Tisch und goss ein. Dann prostete er mir zu. Sein Blick schien mich zu durchbohren – als versuchte er, meine geheimsten Gedanken zu ergründen. Wir tranken, dann sagte Esteban: »Ich stelle Ihnen in meinem Haus ein Zimmer zur Verfügung. Sie können hier wohnen, solange Sie möchten. Fühlen Sie sich bei mir wie zu Hause.«

*

Ich schlief wie ein Toter. Das Wiehern eines Pferdes weckte mich. Ich stand auf und ging zum Fenster. Das Zimmer befand sich in der oberen Etage des Hauses. Soeben stiegen im Hof Männer auf ihre Pferde. Ich zählte sie. Es waren zehn. Eine Stimme erklang, den Sprecher konnte ich nicht sehen. Er befand sich im toten Winkel zu mir. Dann stoben die Reiter davon. Bald markierte nur noch aufgewirbelter Staub ihren Weg. Nachdem ich gewaschen und angezogen war, begab ich mich nach unten. Ich traf Esteban in der Halle an. Er lächelte und sagte: »Ich habe meine Männer losgeschickt. Wenn es die Banditen wagen, zum Arroyo de la Zorra zu kommen, erwischen wir sie.«

»Sie sind sehr gastfreundlich.«

»Darauf lege ich ausgesprochenen Wert«, erklärte der Mexikaner. »Ich beschäftige natürlich mehr Männer als diese zehn, die ich losgeschickt habe. Die Vaqueros befinden sich auf der Weide. Auf der Hazienda befinden sich nur noch einige Helfer.«

Wir führten während des Frühstücks ein belangloses Gespräch. Ich fragte mich, wann Grazia auf der Hazienda ankommen würde. Beim Gedanken daran, dass sie die Kerle erwischt haben konnten, die mich seit Amarillo verfolgt hatten, erschrak ich. Wenn das der Fall war, dann war das Geld verloren und ich hatte Kath gegenüber ein leeres Versprechen abgegeben.

Ich versuchte, diesen Gedanken zur Seite zu schieben. Es wollte mir nicht gelingen.

Nun, ich will es kurz machen. Grazia kam am Nachmittag.

Sebastiano Esteban ging, als die Hufschläge erklangen, zum Fenster und schaute hinaus. »Ich traue meinen Augen nicht«, stieß er hervor, schritt zur Tür und trat ins Freie. Ich beobachtete vom Fenster aus die Frau, die langsam auf den Ranchhof ritt. Die Taschen mit dem Geld waren nach wie vor an meinem Sattel befestigt. Müde zogen die Pferde die Hufe durch den Staub. Sie gingen mit hängenden Köpfen.

Grazia führte mein Pferd an der Longe und sah ziemlich mitgenommen aus. Ihre Augen lagen in tiefen, dunklen Höhlen, hart traten die Backenknochen in ihrem Gesicht hervor. Ihre Haare hatten keinen Glanz mehr. Sie war verstaubt. Man sah ihr die Strapazen an, die hinter ihr lagen, an.

Ich hörte Estebans Stimme: »Träum ich oder wach ich? Bist du es wirklich, Schwester?«

»Ich bin es, Bruder.« Die Stimme der Frau klang staubheiser. »Hinter mir liegt die Hölle. Ich hoffe, du nimmst mich bei dir auf. Ich bin am Ende.«

Ich sah drei Männer aus den Schuppen und dem Stall kommen. Sie waren unbewaffnet. Von diesen Burschen ging keine Gefahr aus. Kurzentschlossen zog ich den Revolver und trat aus dem Haus. Ehe sich Esteban versah, schlang ich ihm von hinten den linken Arm um den Hals und drückte ihm die Mündung des Revolvers unter das Kinn.

»Was ...«

»Ruhe! Ich habe hier auf Ihre Schwester gewartet, Esteban.«

Grazia, die gerade dabei war, vom Pferd zu steigen, hielt mitten in der Bewegung inne. Überraschung und Schreck zeichneten ihre Züge. »Du?!«

»Ja, ich«, versetzte ich hart. »Steig ruhig ab, Lady. Du hast dich verschätzt. – Hören Sie zu, Esteban. Sie werden jetzt Ihren Männern befehlen, vier frische Pferde zu satteln. Sie werden mich in die Staaten begleiten.«

»Ich verstehe nicht.«

»Los, geben Sie den Befehl!«

Grazia stieg vom Pferd. In ihrem Gesicht arbeitete es.

Esteban rief: »Sattelt und zäumt vier Pferde. Macht schon.«

Die Helfer verschwanden im Stall.

Esteban ergriff das Wort: »Ich weiß nicht, was vorgefallen ist. Aber meine Leute werden dich jagen, Marshal, und am Ende wirst du tot sein. Dafür garantiere ich.«

»Wenn Ihre Leute klug sind, dann folgen sie uns nicht, Esteban. Sie sind mein Faustpfand, meine Lebensversicherung. – Bring die Satteltaschen mit dem Geld her, Grazia. Vorwärts.«

»Tu, was er sagt!«, gebot Esteban.

Grazia stand wie zu einer Salzsäule erstarrt da.

Ich spannte den Hahn.

»Verdammt!«, fluchte Esteban. »Willst du, dass er mich erschießt?«

Jetzt kam Leben in die Gestalt der Frau. Sie schnallte die Satteltaschen los und trug sie zu mir her, warf sie vor mir in den Staub und sagte gehässig: »Ich hätte dir eine Kugel verpassen sollen, Gringo. Es war mein Fehler.«

»Das hast du versäumt, Lady.«

Es dauerte nicht lange, dann wurden vier Sattelpferde in den Hof geführt. Ich gebot einem der Helfer, die Satteltaschen mit dem Geld an einem der Sättel festzuschnallen. Dann bugsierte ich Esteban zu den Pferden und befahl ihm, aufzusitzen. Ich holte die Gewehre von den Sätteln der beiden Pferde, mit denen Grazia gekommen war, schob eines in die Deckenrolle, das andere versenkte ich im Scabbard, dann schwang ich mich in den Sattel. Die Mündung des Remington deutete unverwandt auf den mexikanischen Banditen, der auf der Hazienda das Leben eines Edelmannes führte.

»Reiten wir.«

»Sagt Pablo Bescheid!«, rief Esteban, dann trieb er sein Pferd an.

Als die Hazienda nicht mehr zu sehen war, holsterte ich den Remington.

»Wollen Sie mich nicht endlich aufklären, Marshal?«, sagte Esteban in den pochenden Hufschlag hinein. »Was hat es mit dem Geld auf sich?«

»Es handelt sich um 20.000 Dollar. Das Geld gehört der Dry Devils Ranch. Ihre Schwester hat es geraubt. Sie hat in den Staaten einen Mann erschossen und war vor dessen Vater auf der Flucht. Ich habe sie vor dem Strick gerettet. Sie hat mir meine Hilfe schlecht vergolten.«

»Eine Menge Geld. – Sie haben mich also angelogen, Marshal. Es gibt die vier Banditen gar nicht. Sie haben sich mein Vertrauen erschlichen. Aber Sie sind ein mutiger Mann. Das erkenne ich an.«

»Ich habe versprochen, das Geld wiederzubeschaffen«, versetzte ich.

»Werden Sie mich an der Grenze laufen lassen?«

»Nein. Sie werden in Texas gesucht. Für die Menschen auf der anderen Seite des Rio Grande sind Sie zu einer Geißel geworden, El Lobo. Ihre Bravados raubten, plünderten, brandschatzten und mordeten in Texas. Auf Sie wartet in den Staaten der Strick.«

»Sie schaffen es nicht, Logan. Meine Leute ...«

»Hören Sie auf, mir mit Ihren Leuten zu drohen, Esteban. Sie können mich damit nicht beeindrucken.«

Ich verließ den Arroyo de la Zorra und wandte mich nach Osten. Der Boden war felsig und ich hoffte, so wenig Spuren wie möglich zu hinterlassen. Zwar hatte ich El Lobo als Geisel, aber das war kein echtes Faustpfand. Eine etwaige Drohung, ihn zu erschießen, wenn mir seine Leute zu eng auf die Pelle rückten, würde ich nie in die Tat umsetzen. Ich war kein Mörder. Und sicher wussten das seine Bravados auch.

Je länger ich darüber nachdachte, umso mehr kam ich zu dem Schluss, dass mir Esteban vielmehr ein Klotz am Bein war. Mit ihm als Geisel hatte ich zwar meinen Abgang von der Hazienda erzwungen, jetzt aber kam ich zu der Überzeugung, dass ich ohne ihn besser vorwärts kam.

Nachdem wir etwa zehn Meilen geritten waren, rief ich: »Halten Sie an, Esteban.«

Er zügelte. Ich gebot ihm abzusitzen. Auch ich stieg ab. »Ich werde Ihnen jetzt die Hände fesseln«, sagte ich, »und dann lasse ich Sie hier zurück. Sie haben Glück, dass ich es eilig habe, Esteban. Aber es ist sicher nur eine Frage der Zeit, bis auch Sie Ihr Schicksal ereilt.«

Der Mexikaner mahlte mit den Zähnen.

»Nehmen Sie Ihren Gürtel ab und werfen Sie ihn her.«

Er kam meiner Aufforderung nach.

»Umdrehen und Hände auf den Rücken! – Gut so.« Ich trat hinter Esteban und griff nach seiner rechten Hand. In dem Moment wirbelte er herum und warf sich auf mich. Ich ließ den Gürtel fallen und sprang zurück, drehte mich halb und entging den zupackenden Händen des Banditen. Er griff ins Leere und stolperte – von seinem eigenen Schwung getrieben – einen Schritt nach vorn. Ich drosch ihm von der Seite die Faust in den Leib, und als er sich nach vorne krümmte, hämmerte ich ihm die Linke in den Nacken. Er fiel auf das Gesicht. Sofort kam er auf alle viere hoch. Ich zog den Remington und schlug den Mexikaner damit nieder. Und dann band ich ihm die Hände auf dem Rücken zusammen.

Ich verknüpfte die Zügel der Pferde miteinander und band den langen Zügel eines der Tiere an das Horn meines Sattels. Dann stieg ich auf und ritt an. Die ledigen Pferde wurden mitgezerrt.

Ich bedauerte es, dass ich El Lobo nicht der amerikanischen Gerichtsbarkeit überantworten konnte. Aber ich musste Prioritäten setzen. Und Priorität war, das Geld in Sicherheit zu bringen.

Ich ließ die Pferde laufen. Die Dunkelheit kam. Ich ritt weiter. Irgendwann wechselte ich das Pferd. Gegen Mitternacht ließ ich zwei der Pferde frei. Ich nahm ihnen die Sättel und Zaumzeuge ab. Und dann erreichte ich den Rio Grande. Es war gefährlich, den Fluss in der Nacht zu überqueren, trotzdem riskierte ich es. Nass bis unter die Brust erreichte ich das amerikanische Ufer. Wenn ich mir nicht den Tod holen wollte, musste ich meine Kleidung trocknen. Ich ritt zwischen die Hügel, saß bei einer Gruppe von Büschen ab und machte Feuer.

Ich fühlte mich noch lange nicht sicher. Die Grenze war für Estebans Leute kein Hindernis. Ich trocknete meine Kleidung und wartete den Morgen ab. Dann ritt ich weiter.

Von einem Hügel aus sah ich das Rudel kommen. Die Bravados mussten die ganze Nacht geritten sein. Und sie mussten über einen vorzüglichen Fährtenleser verfügen. Mir war klar, dass es sinnlos war, zu fliehen. Sie würden mir bis zur Dry Devils Ranch folgen. Ich musste mir die Kerle vom Hals schaffen.

Auf dem Abhang wuchs hüfthohes Gebüsch. Es gab auch einige Felsbrocken, die aus dem Boden ragten. Ich führte meine beiden Pferde auf der den Bravados abgewandten Seite ein Stück den Abhang hinunter und band sie an. Dann nahm ich beide Gewehre und ging damit in Stellung. Die Reiter verschwanden aus meinem Blickfeld. Schließlich tauchten sie wieder auf. Sie jagten aus einer Lücke zwischen zwei Hügeln. Ich hob die Winchester an meine Schulter. Und dann hielt ich einfach in den Reiterpulk hinein. Im Knall meines ersten Schusses sah ich ein Pferd niedergehen und sich überschlagen. Die folgenden Reiter rasten in das Hindernis hinein, und im Nu bildete sich ein Knäuel ineinander verkeilter Pferde und Menschenleiber. Ich lud und schoss, so schnell ich konnte. Die Mexikaner schwärmten aus und jagten hierhin und dorthin, sprangen von den Pferden und rannten in die Deckung von Büschen und Felsen. Dann pfiffen die ersten Kugeln zu mir herauf.

Reiterlose Pferde standen umher. Drei Pferde hatte ich mit meinen Schüssen getötet. Zwei der Reiter, die schwer gestürzt waren, lagen am Boden und rührten sich nicht. Ein dritter kroch in den Schutz eines Strauches.

Ihre Kugeln wurden mir nicht gefährlich. Ein Felsblock deckte mich. Querschläger quarrten durchdringend. Dort, wo die Schützen lagen, stiegen Pulverdampfwolken in die Höhe. Ich jagte zwei Schüsse in einen Busch hinein, sah einen der Bravados hochtaumeln und im nächsten Moment zusammenbrechen.

»Wir kriegen dich, Marshal!«

Ich erkannte die Stimme. Sie gehörte El Lobo. Seine Leute hatten ihn also gefunden, und er beteiligte sich selbst an der Jagd. Hass schwang in seinem Tonfall mit. Er brüllte: »Ich werde dir die Haut streifenweise abziehen, Gringo. Du hast mir meine Gastfreundschaft schlecht gedankt. Fang an zu beten, Gringo. Ich werde ein Fest veranstalten, wenn ich dich in die Hölle schicke.«

Kriechend zog ich mich zurück. Als mich die Banditen nicht mehr sehen konnten, erhob ich mich und rannte zu meinen Pferden. Eins der Gewehre schob ich wieder in die Deckenrolle, das andere versenkte ich im Scabbard. Ich band die Pferde los und saß auf. Im gestreckten Galopp jagte ich den Hang hinunter und ritt unten in die Ebene hinein.

*

»Ich will den Hund tot sehen!«, knirschte El Lobo. »Ich will auf seinen Kadaver spucken!« Er riss sich in den Sattel. Seine Männer kümmerten sich um die am Boden liegenden Männer. Sie halfen den beiden Kerlen, die abgeworfen worden und kurz bewusstlos gewesen waren, auf die Beine. Flüche wurden laut.

Details

Seiten
1000
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738912715
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Januar)
Schlagworte
marshal western august

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Titel: 10 Marshal Western August 2017