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Circle C-Ranch #21: Trail ins Land der Geier

2017 120 Seiten

Leseprobe

Trail ins Land der Geier


Ein Western von Bill Garrett




IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von W. Herbert Dunton, 2017

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Klappentext:

Buster Tom Copper, sein Sohn Jimmy und Matt Jackson werden von einer Horde Banditen überfallen und vom Land der Circle C-Ranch verschleppt. Sie sind aber nicht die einzigen Gefangenen, die die Banditen gemacht haben. In einem versteckten Camp befinden sich weitere Männer und Frauen, die alle nach Mexiko gebracht werden sollen. Dort wollen die Banditen sie als Sklaven verkaufen und einen ordentlichen Gewinn einstreichen.

Es ist eine aussichtslose Situation, aber Buster Tom gibt so schnell nicht auf. Mit Hilfe eines Bandenmitglieds gelingt ihm, Jimmy, Matt Jackson und weiteren Gefangenen die Flucht. Der Weg zurück nach Arizona durch die glühend heiße Wüste beginnt – und es ist sicher, dass einige diesen Marsch nicht überstehen werden. Trotzdem ist und bleibt es die einzige Chance. Denn der Banditenboss Don Pedro und seine Kumpane haben bereits die Verfolgung aufgenommen ...





Roman:

Alles war zwecklos geworden. Sie saßen in der Falle und begannen sich damit abzufinden, dass das Ende so und nicht anders aussah.

Buster Tom, der Boss der Circle C Ranch, setzte das Gewehr ab und wischte sich den Schweiß aus Gesicht und Nacken, während die Geschosse ihrer Feinde über ihn hinwegfauchten und hinter ihm in den Fels klatschten. Matt Jackson, der Ranchvormann, war getroffen worden, und nun schoss auch Jimmy nicht mehr, der jüngste Sohn des Ranchers. Mochte der Teufel wissen, wo der Junge steckte. Buster Tom konnte ihn in dem unübersichtlichen Felswirrwarr nicht mehr sehen. Vielleicht lag es auch daran, dass er in dem wütenden Gewehrfeuer den Kopf nicht höher heben konnte. Er sah aber auch die Rinder nicht mehr, die sich in diese verdammte Gegend verlaufen hatten und die sie zurücktreiben wollten.

Das Gewehrfeuer brach plötzlich ab. Buster Tom schob die letzten sechs Patronen in die Waffe und richtete sich vorsichtig auf die Ellenbogen, um besser sehen zu können. Zunächst erkannte er nur Pulverschwaden, die der heiße Wüstenwind durch das Klippenfeld trieb. Dann entdeckte er im Schatten einer Felsschroffe einen Mann, der einen großen merikanischen Sombrero trug.

Einen Augenblick später sah er einen zweiten und kurz darauf einen dritten.

Doch sie waren nicht nur von Mexikanern umstellt. Unter diesen Halunken, denen es um die Rinder zu gehen schien, wie Buster Tom glaubte, befanden sich auch Amerikaner. Das hatte Buster Tom zuvor gesehen. Er erkannte bald darauf auch einen Mann, der nach Art texanischer Rinderleute gekleidet war, und sich gerade vorsichtig aus einer Deckung bewegte.

He, ihr da!“, rief er kurz darauf herüber. „Gebt jetzt auf, oder wir schießen euch gleich zusammen! Ihr habt fünf Sekunden, um über das eigene Schicksal nachzudenken.“

Buster Toms Gewehr flog hoch an die Schulter. Er sah den Kopf des Mannes genau vor Kimme und Korn. Doch ein Geräusch, das von der Seite kam, hinderte den Rancher am Schuss.

Buster Tom fuhr erschrocken herum. Da begann es rings um ihre Stellung zu krachen und zu knallen.

Es war Jimmy! Wie von einer Sehne geschnellt kam er auf Buster Tom zugeflogen, überschlug sich in der Luft, wie es dem Rancher vorkam, und krachte neben ihm zu Boden.

Alle Schüsse hatten Jimmy gegolten. Als er den Kopf hob und seinen Vater angrinste, brach das Schießen so jäh ab, wie es eben aufgeflammt war.

Buster Tom war nicht einmal zum Schuss gekommen.

Mein Gott, Junge! Bist du verletzt?“, keuchte er schwer - wie nach einer durchstandenen Anstrengung.

Viel schlimmer!“, gab Jimmy krächzend Antwort und warf das Gewehr aus der Hand. „Ich habe nicht einen Schuss mehr. Und Matt liegt da vorn und hat was abbekommen.“

Ergebt euch, oder sprecht euer letztes Gebet!“, tönte es vor ihnen aus den Klippen auf spanisch.

Buster Tom sah auch diesen Mann und riss das Gewehr hoch. Doch Jimmy schlug ihm die Hand auf den Lauf.

Vater! Wir werden uns doch wegen zwanzig Rindern, die sich ohnehin verlaufen hatten, nicht abschlachten lassen. Matt ist verletzt! Er braucht schnelle Hilfe.“

Buster Tom sah seinem Sohn in die Augen. „Noch nie hat ein Viehzüchter ein Rind kampflos preisgegeben und schon gar nicht freiwillig. Die Halunken kennen unsere Sorte. Die wissen, dass wir sie bis in die Hölle hinein verfolgen, sobald wir nur unsere Freiheit wiederhaben. Wir haben die Wahl, jetzt im Kampf zu sterben oder uns hinterher abmurksen zu lassen. Aber für das, was hinterher kommt, sind wir nicht gemacht.“

Er schlug Jimmys Hand vom Lauf und wollte aufspringen, um den Hundesöhnen zuzurufen, dass sie endlich kommen sollten. Doch diese Herausforderung war nicht mehr nötig. Sie kamen von selbst. Sie kamen nicht von vorn und nicht von hinten, sie kamen gleichzeitig von allen Seiten. Bevor Buster Tom die Beine an den Leib ziehen konnte, begannen sie mit ihrem Angriff.

Gewehrfeuer setzte ein. Wo Matt Jackson liegen musste, knallte ein Revolver. Buster Tom sah einen der Angreifer tot zusammenbrechen. Doch einen Lidschlag später stürmten dort, wo der Mann zusammengebrochen war, drei andere auf ihre Stellung zu.

Buster Tom jagte die letzten Geschosse hinaus. Jimmy griff nach seinem Gewehr, packte es am Lauf und sprang auf. Buster Tom verschoss die letzte Patrone und fegte ebenfalls empor. Jimmy schlug einen der Angreifer mit dem Kolben nieder. Auch Buster Tom schmetterte einem Mann das Gewehr auf den Kopf. Er schaffte noch einen zweiten, den er mit einem wilden Tritt zu Boden schickte. Doch dann waren die Banditen über ihnen. Zwei stürzten auf den Rancher. Fast ein halbes Dutzend warf Jimmy zu Boden. Die Coppers wehrten sich und kämpften wie die Teufel. Aber es dauerte nur Sekunden, bis sie beide lang im Sand lagen - restlos erledigt und ausgebrannt.


*


Buster Tom kam schon nach geraumer Weile wieder zu sich. Jimmy lag noch vor ihm bewusstlos im Sand. Zwei der Banditen führten Matt Jackson heran, der am Arm blutete und mächtig zerschunden aussah.

Buster Tom wollte seinen Vormann fragen, wie er sich fühlte. Doch da versperrte ihm ein großer Mexikaner die Sicht, dessen Augen förmlich zu brennen schienen.

Du verdammter Bastard!“, fuhr er Buster Tom wütend an. „Warum kämpfst du, wo du doch keine Chance hattest?“

Er hatte spanisch gesprochen. Buster Tom lächelte salzig. „Fahr zur Hölle, Strauchdieb!“, erwiderte er auf englisch.

Mann, Sie machen da einen Fehler“, sagte jemand hinter Buster Tom in englisch. „Wenn ich Don Pedro das übersetzte, macht er aus Ihnen und Ihren Leuten Hackfleisch. Darauf können Sie aber Gift nehmen.“

Buster Tom drehte den Kopf und richtete sich auf die Ellenbogen. „Wer sind denn Sie?“

Mein Name ist völlig nebensächlich“, antwortete der Mann. Er war groß, massig und schwer. Es war jener texanische Rindermann, den Buster Tom zuvor schon zwischen den Felsen erkannt hatte.

Buster Tom blickte kurz in die Runde. Sie waren von zwanzig wild und verwegen aussehenden Burschen überwältigt worden. Die meisten waren Mexikaner, die zerlumpte Uniformen trugen.

All right!“, erwiderte Buster Tom murrend. „Wir geben die Rinder auf.“ Er wollte sich erheben, doch der große Mexikaner trat ihm vor die Brust, dass er wieder zu Boden stürzte.

Dieser Bastard soll sein Maul nicht so weit aufreißen“, sagte er auf spanisch zu dem Texaner. „Wert ist er ohnehin nicht viel. Er ist zu alt. Wie der Verwundete da drüben. Brauchbar ist eigentlich nur der junge Bursche.“

Willst du die beiden älteren Gringos erschießen?“, fragte der Texaner im schlechten Spanisch. „Sie sind trotz ihres Alters recht zäh.“

Buster Tom, der die spanische Sprache beherrschte, blickte überrascht von einem zum anderen.

Der Mexikaner warf einen wägenden Blick auf Buster Tom, wandte sich dann Matt Jackson zu, der sich zwischen seinen Bewachern zu Boden gehockt hatte und sich den blutenden Arm hielt.

Verbindet ihn!“, befahl er seinen Leuten. Dann ging er zu Jimmy und trat ihm in die Seite. „Steh auf, Hundesohn! Wir haben einen weiten Weg vor uns.“

Jimmy rührte sich jedoch noch nicht. „Wasser!“, zischte der große Mexikaner wütend.

Zwei seiner Männer stürzten davon und kehrten mit einem Wasserschlauch zurück, den sie über Jimmys Gesicht öffneten. Jimmy kam schon nach den ersten Spritzern gurgelnd hoch und schlug auch sofort um sich, ohne erfasst oder erkannt zu haben, was inzwischen mit ihnen geschehen war. Drei Mexikaner stürzten sich auf den Jungen und schlugen ihn noch einmal zusammen. Sie ließen erst von Jimmy ab, als sie tatsächlich nicht mehr zuschlagen konnten. Die Arme herabhängend, wandten sie sich schnaufend ab.

Ich protestiere!“, zischte Buster Tom wütend, dem der Texaner den Stiefel auf die Schulter gesetzt hatte, um ihn am Boden zu halten.

Du spielst mit deinem Leben, Alter!“, brummte der Texaner. „Hast du immer noch nicht begriffen, dass es um den Hals geht? Diese Burschen hier fangen ein, wen sie kriegen können und verkaufen die Leute nach Mexiko. Die Minengesellschaften sind knapp an Arbeitskräften. Füge dich, sage ich dir!“

Buster Tom schluckte. Er hatte es auf spanisch vernommen, und nun sagte es ihm der Texaner noch einmal klipp und klar in der eigenen Sprache. Trotzdem vermochte er nicht zu begreifen, dass dies kein Traum, sondern bittere Wirklichkeit war.

Der Mexikaner kam zu ihm zurück, während einige von seinen Leuten mit Hilfe des Wasserschlauches Jimmy wieder auf die Beine brachten.

Der Junge soll vernünftig sein, oder wir drehen ihm den Hals um!“, sagte er zu Buster Tom. Dann sah er den Texaner an. „Aufbruch, Dunham! Sofort! Sammelt alles ein! Wir nehmen auch die Rinder mit. Da haben wir gleich Fleisch für die Gefangenen. Das reicht bis Ensenada.“

Dunham nickte. „All right, Don Pedro!“ Er machte auf dem Absatz kehrt und rief den Männern auf spanisch Befehle zu.

Buster Tom, Jimmy und Matt Jackson wurden die Hände zusammengebunden. Danach bekam jeder einen Strick um den Hals. Einer der Männer brachte ihre Pferde und befahl ihnen, in die Sättel zu steigen. Auch er saß auf, ließ sich von einem Gefährten die Enden der drei Stricke geben, die den Gefangenen um die Hälse gebunden waren, und ritt sofort an. Buster Tom, Jimmy und Matt Jackson brachten die Pferde augenblicklich in Gang, um nicht erdrosselt zu werden. Sechs Reiter folgten ihnen. Der Rest der Bande verschwand zwischen den Klippen und tauchte nach einer Meile mit den zwanzig Rindern wieder auf, die die Weide der Circle C Ranch verlassen hatten und die Buster Tom mit seinem Sohn und seinem Vormann halte zurücktreiben wollen.

Buster Tom ritt in der Mitte. „Wie geht es dir?“, fragte er seinen Vormann, der rechts von ihm ritt.

Es ist nicht der Rede wert“, raunte Matt Jackson und schaute sich dabei verstohlen um. „Aber wenn mich nicht alles täuscht, befinden wir uns in den Fäusten von Sklavenhändlern.“

Du täuschst dich nicht!“ versetzte Buster Tom und wandte sich Jimmy zu, der übel zugerichtet worden war und am meisten von ihnen zu leiden hatte.

Jimmy lächelte gequält und erwiderte den Blick seines Vaters. „Well, Boss! Das hätte sich heute Morgen von uns keiner träumen lassen. Aber zu Hause werden sie ja bald bemerken, dass wir irgendwie verschwunden sind. Und dann werden diese Schakale hier nichts zu lachen haben.“

Es ist Mittag“, sagte Buster Tom verbittert. „Vor dem Abend wird auf der Circle C kein Mensch etwas unternehmen.“

Ich fürchte auch, dass wir ganz auf uns allein gestellt sind und uns etwas einfallen lassen müsen, wenn wir nicht auf Nimmerwiedersehen in den Bergwerken von Ensenada verschwinden wollen“, meinte Matt Jackson. „Es ist zwar ein weiter Weg. Aber die Saukerle werden uns dabei nicht einen Schritt aus den Augen lassen. Schließlich ist jeder von uns sein Kopfgeld wert.“

Ein Glück!“, versetzte Buster Tom bissig. „Sonst hätten sie uns wahrscheinlich längst umgebracht.“

Wir reiten aber nicht nach Ensenada“, sagte Jimmy. „Die Halunken scheinen uns erst einmal geradenwegs in die Wüste hineinführen zu wollen. Und ich komme jetzt schon um vor Durst!“

Buster Tom wollte nach der Wasserflasche greifen, die er stets am Sattelhorn hängen hatte. Aber die Banditen hatten sämtliche Ausrüstungsgegenstände abgeschnallt. Nur der nackte und blanke Sattel war jedem geblieben. Er drehte sich um.

He, ihr Bastarde!“, rief er den Männern zu, die dicht hinter ihnen ritten. Es waren alles Mexikaner. „Gebt meinem Sohn etwas zu trinken!“ Da sie nur grinsten, wiederholte er die Forderung auf spanisch, wobei er freilich das Schimpfwort wegließ.

Ja, wir werden deinem Söhnchen zu trinken geben, Alter!“, spottete einer. „Wein und schöne Frauen dazu! Aber erst in Ensenada. Und nun reitet, sonst gibt es eine Kugel zwischen die Augen. Dann hat es sich mit dem Wein und den Frauen.“

Seine Gefährten lachten. „Schwitz ihm etwas von deinem Wasser aus, Alter!“, brüllte ein anderer. „Dann hat er zu trinken.“

Jimmy und Matt Jackson, die beide ebenfalls Spanisch sprachen, sahen Buster Tom wütend an.

Diese Brut wird uns weder etwas zu trinken noch etwas zu essen geben“, brummte Matt Jackson. „Wenn wir uns nicht bald befreien, wird uns vor Hunger und Entkräftung aller Mut dazu verlassen. Ensenada liegt am Pazifik. Wir werden mindestens vier Wochen lang unterwegs sein. Am Ende werden wir nicht einmal mehr kriechen können.“

Jimmy spie im hohen Bogen aus. „Wir machen uns noch heute Nacht aus dem Staub. Sollten die Pferde dieser Hundesöhne keine Flügel über Nacht bekommen, werden sie dann allesamt etwas Fürchterliches erleben. Das schwöre ich ihnen schon jetzt.“

Wir wollen nicht unüberlegt handeln!“, mahnte Buster Tom. „Nicht heute Nacht und auch nicht bald, sondern bei der ersten wirklich günstigen Gelegenheit, die sich uns bietet. Damit das klar ist, Jimmy!“

Ich rede von nichts anderem!“, versetzte Jimmy grollend. Die Schläge der Banditen hatten ihn ziemlich zerschunden, doch von seinem Zorn und seinem Mut hatten sie ihm nicht das geringste genommen.


*


Sie ritten bis zum Abend im Gefolge der Banditen südwärts. Als die Dämmerung hereinbrach, hatten sie den Rand der Steinwüste erreicht. Die Bande hielt an und lagerte in einer windgeschützten Mulde. Buster Tom, Jimmy und Matt mussten absteigen. Während eine Gruppe der Banditen die Rinder und Pferde zusammentrieb, schlugen zwei von ihnen drei Pflöcke in den Boden. Daran befestigten sie danach die Halsstricke der Gefangenen. Sie bekamen einen Becher Wasser zu trinken. Einer der Mexikaner verteilte an jeden ein Stück Hartbrot. Danach wurden sie aufgefordert, sich lang auf den Boden zu legen. Zwei Mexikaner hockten sich vor ihnen nieder. Die anderen versammelten sich um das Feuer, tranken dort Wein und unterhielten sich angeregt. Don Pedro und Dunham, der Texaner, führten dabei das Wort.

Also, ich glaube, ich könnte die Hände frei bekommen“, raunte Jimmy, als es völlig dunkel geworden war.

Buster Tom hatte sich gründlich umgesehen. „Ich glaube nicht, dass es hier in dieser staubigen Schüssel viel Zweck hat, Jimmy“, flüsterte er. „Um an die Pferde zu gelangen, müssten wir am Feuer vorbei. Das ist nicht zu schaffen. Jedenfalls nicht lebend.“

Wenn wir einen von diesen Halunken überwältigt haben und ihm das eigene Messer an die Kehle setzen, werden uns die anderen die Pferde bringen!“, zischte Jimmy wild.

Das glaubst du!“, brummte Matt Jackson gelassen. „Diese Halunken sind wie Wölfe. Wenn sie in ein Fangeisen geraten, beißen sie sich lieber das Bein ab, statt zu passen. Zäumen wir die Sache doch anders auf, Tom! Ich bin dafür, dass wir an diesem verdammten Feuer vorbeizukommen versuchen. Nicht jetzt. Aber im Morgengrauen!“

Ich habe die Hände frei!“, raunte da Jimmy krächzend.

Buster Tom fuhr erschrocken herum. „Rühre dich, um Himmels willen, nicht vom Fleck. Nicht jetzt, Junge!“

Das habe ich auch nicht vor!“, zischte Jimmy gereizt. „Aber wie lange, zum Teufel, wollt ihr warten?“

Bis dort am Feuer Ruhe ist!“, versetzte Buster Tom.

Dort trat auch bald Ruhe ein. Die Bande war nicht sonderlich argwöhnisch. Zwei Mann bewachten die Gefangenen. Ein dritter stand auf dem Rand der Mulde Posten. Damit hatte es sich schon.

Buster Tom drehte sich vorsichtig auf die Seite, als Jimmy zu ihm heranrückte. Er streckte ihm die gefesselten Hände entgegen. Als er frei war, griff er zum Hals und zog sich vorsichtig die Schlinge über den Kopf. Dann rückte er zu Matt Jackson hinüber, um ihn ebenfalls zu befreien.

Dann warteten sie.

Einer der Posten vor ihnen war eingeschlafen. Doch der andere starrte unentwegt zu ihnen herüber. Der Teufel mochte wissen, ob er etwas gesehen oder nur gewittert hatte. Er stand auf einmal auf und kam zu ihnen. Er blieb vor Buster Tom stehen und richtete den Gewehrlauf auf seinen Kopf. Dann beugte er sich nieder und streckte die Hand vor, um die Fessel zu kontrollieren.

Buster Tom reagierte wie ein Kastenteufel, der auf den Schwanz getreten worden war - wie ein Mann, der einfach am Leben bleiben wollte. Seine Fäuste schnellten empor. Er bekam den Mann an der Jacke zu fassen und trat das Gewehr zur Seite.

Jimmy und Matt Jackson flogen von den Seiten heran. Matt Jackson riss dem Mexikaner das Messer aus dem Stiefel und stieß blitzschnell zu. Buster Tom nahm das Gewehr, Jimmy ergriff den Colt des Mexikaners. Der Mexikaner brach zusammen, sein eigenes Messer in der Brust.

Tot“, murmelte Matt Jackson. Die Männer lauschten eine Weile angestrengt, den Atem angehalten. Dann schoben sie den toten Mann vorsichtig zur Seite.

Am Feuer war Ruhe. Die Banditen schliefen. Nur der Posten auf dem Muldenrand wachte. Er hatte offenbar nichts bemerkt, und die Nacht war in der Mulde so schwarz, dass er auch nicht einmal etwas hätte sehen können. Doch seine Silhouette hob sich klar und deutlich gegen den Himmel ab.

Die Blicke der drei richteten sich nach oben, während sie vorsichtig und lautlos auf ihren zweiten Bewacher zukrochen, der noch schlief. Buster Tom schlug mit dem Gewehrkolben zu. Es war das einzige Geräusch. Mehr war nicht zu hören. Doch dieser dumpfe Ton drang bis zum Muldenrand hinauf.

Der Posten da oben fuhr auf und schaute herunter.

He, Zarco, alter Büffel!“, rief der Posten auf spanisch. „Was ist los?“

Die drei hielten den Atem an. „Antworte, Zarco!“ brüllte der Posten. „Was ist mit den Gefangenen? Wo sind sie?“

Zu den Pferden!“, krächzte Buster Tom. „Rasch!“

Die drei schnellten hoch und stürzten vorwärts. Der Posten hörte sie rennen und jagte drei Alarmschüsse in die Nacht. Am Feuer flogen die Decken zur Seite. Die Banditen sprangen aus dem Schlaf heraus auf die Füße. Drei, vier Schüsse krachten. Dann war nur das Stampfen von Stiefeln und das Keuchen der vielen Männer zu hören.

Buster Tom, Jimmy und Matt Jackson wichen zur Seite hin aus. Sie schossen alle drei auf die Schatten, die auf sie zugestürzt kamen und ihnen den Weg zu den Pferden verlegten. Matt Jackson wurde zuerst zu Boden gerissen. Buster Tom blieb stehen, um seinen Vormann freizuschießen. Aber er kam nur einmal zum Schuss und konnte nicht einmal feststellen, ob er getroffen hatte oder nicht. Dann wurde er schon von hinten her niedergerannt. Während er stürzte, sah er auch Jimmy zu Boden gehen.

Buster Tom verlängerte den Sturz zu einer Rolle, um von dem Angreifer wegzukommen. Doch als er auf die Füße kam, standen schon zwei andere Schatten vor ihm und trommelten blindwütig auf ihn ein. Buster Tom riss das Gewehr an die Hüfte und wich zurück. Ein Hieb auf den Mund, der ihn wie ein Gewehrschuss traf, warf ihn jedoch zu Boden. Wieder wollte er sich überschlagen. Dabei ließ er das Gewehr fallen, um sich mit beiden Fäusten abschwingen zu können. Aber da traf ihn ein fürchterlicher Hieb in den Nacken, dass er von einem Augenblick zum anderen das Bewusstsein verlor.


*


Als Buster Tom zu sich kam, war es schon hell. Vor ihm standen drei Mexikaner, die Gewehre auf seinen Kopf gerichtet. Wie durch einen Schleier sah er Don Pedro und Dunham, den Texaner, danebenstehen. Sie blickten ihn an. Als er den Kopf hob, luden die drei durch und schauten erwartungsvoll auf Don Pedro.

Dunham legte Don Pedro die Hand auf den Arm. „Ja, er hat zwei von unseren Männern erschossen“, sagte er auf spanisch. „Aber wenn wir ihn jetzt abknallen, war das alles für nichts. Erzähl den Leuten in Ensenada, wie dieser Alte kämpfen kann! Damit kannst du den Preis für ihn bestimmt hochkitzeln. Wie einer kämpft, so kann er auch arbeiten. Und wenn du ihn strafen willst, nun, sein Fett, das wird er dort schon kriegen.“

Aber das sehe ich dann nicht!“, brummte Don Pedro missgelaunt. „Ich will es ihm jetzt heimzahlen. Vielleicht sollten wir seinen Sohn umbringen. Ich meine, vor seinen Augen und schön langsam. Ich finde, das ist eine verdammt gute Idee.“

Vielleicht!“, versetzte Dunham trocken. „Aber sie bringt uns nichts ein.“

Wozu habe ich dich eigentlich, Dunham?“, knurrte Don Pedro. „Du bringst mich laufend um meine Späße. Einmal wirst du dich damit um das eigene Leben bringen.“

Ich bin Kaufmann, Don Pedro!“, lächelte Dunham. „Selbst wenn dieser alte Mann mir nur einen Dollar einbringt, lohnt es schon nicht mehr, ihn abzuknallen. Ein Stück Blei kostet Geld. Zugegeben, es ist keine große Ausgabe. Aber wenn wir ihn leben lassen, bringt er uns zweihundert Dollar. Hinzu kommt noch, dass er in den Minen von Ensenada ohnehin vor der Zeit krepieren wird.“

Irgendwann wird mir vielleicht auch dein Kopf zweihundert Dollar einbringen“, sagte Don Pedro gereizt. „Vergiss nicht, dass es einmal möglich sein könnte. Also, mach, was du willst. Aber ab sofort gehen die drei Gringos zu Fuß.“

Er wandte sich ab und ging davon.

Buster Tom sah Dunham an. „Ich danke Ihnen!“, krächzte er.

Dunham spie angewidert aus. „In Ensenada werden Sie mich verfluchen, Mister. Wenn Sie einmal dort sind, werden Sie glatt bereuen, nicht schon hier krepiert zu sein.“

Er zuckte die Schultern und stapfte zu den Pferden. Buster Tom wurde von zwei Banditen auf die Füße getrieben und zu seinem Pferd gestoßen. Er war bereits wieder gefesselt und trug den Strick um den Hals.

Jimmy und Matt Jackson saßen schon in den Sätteln. Buster Tom hielt erschrocken ein, als er sie erblickte. Genau genommen erkannte er sie nur an ihrer Kleidung. Wie er später erfuhr, hatten sie nicht das Glück gehabt wie er, sofort bewusstlos geworden zu sein. Die Banditen hatten sie übel zugerichtet.

Buster Tom bekam einen Schlag auf den Kopf, der ihn in die Knie drückte. Ein zweiter Hieb warf ihn an das Pferd, und der dritte Schlag brachte ihn dazu, sich rasch in den Sattel zu schwingen, um seinem Peiniger zu entgehen.

So eine verdammte Pleite!“, sagte Jimmy murrend.

Matt Jackson stieß nur einen krächzenden Ton aus.

Buster Tom brachte erst einmal sein Pferd in Gang, um nicht stranguliert zu werden. Dann ritten sie wieder Seite an Seite inmitten der Banditen.


*


Don Pedro war mit einigen Männern vorausgeritten. Als er Stunden später auftauchte, ließ er anhalten und rief Dunham zu sich.

Du verdammter Hundesohn! Hatte ich nicht befohlen, dass die Gringos zu Fuß gehen sollen?“, brüllte er.

Gewiss!“ versetzte Dunham. „Aber hast du nicht auch befohlen, dass wir das Lager heute Abend erreichen sollen?"

Don Pedro neigte den Kopf, grinste und löste seine Lederpeitsche vom Sattelhorn. Buster Tom, Jimmy und Matt, die alle drei gut Spanisch verstanden, erwarteten, dass Don Pedro den Texaner schlagen würde. Doch Don Pedro galoppierte an, kam zu ihnen und trieb sie mit Peitschenschlägen von den Pferden.

Vorwärts!“, brüllte er. „Lauft! Springt! Rennt, ihr Teufel! Sieh her, Dunham, wie ich das mache! Wir werden schon zu Mittag im Lager sein.“

Die Pferde trabten an. Buster Tom, Jimmy und Matt begannen hinter dem Reiter herzurennen, der die Stricke hielt, die ihnen um die Hälse gebunden waren.

Don Pedros Peitsche krachte abwechselnd auf ihre Rücken. Obwohl sie genau wussten, dass sie irgendwann erschöpft hinfallen und liegenbleiben würden, rannten sie noch schneller, so dass sie den Reiter vor sich einholten und neben ihm herstolperten.

Vorwärts! Rennt!“, brüllte Don Pedro.

Die Banditen lachten und hatten ausnahmslos ihre Freude daran. Zum Glück war Don Pedro kein sehr ausdauernder Mann, zumindest nicht in diesen Dingen. Er versetzte Buster Tom noch einen letzten Hieb, zog sein Pferd dann zur Seite und galoppierte nach vorn.

Der Schlag hatte Buster Toms Jacke und Hemd aufgerissen. Er fühlte trotz des wild brennenden Schmerzes das Blut den Rücken hinabrinnen. Er fiel benommen gegen das Pferd des Mexikaners, verlor das Gleichgewicht und stürzte zu Boden. Für einen Moment war er ohne jeglichen Willen. Er war so erschöpft und erledigt, dass es ihm gleichgültig war, wann und wo er sterben würde, wenn er sich nur ausstrecken konnte. Doch die Leine straffte sich, sein Kopf wurde zurückgerissen. Er stieß einen gurgelnden Ton aus und griff mit beiden Händen zu, hielt sich am Strick fest, dessen Schlinge sich trotzdem zuzog. Er bekam keine Luft mehr. Die Augen traten ihm aus den Höhlen. Er sah, wie sich Jimmy und Matt einstemmten, um den Reiter aufzuhalten. Dann wurde ihm schwarz vor den Augen.

Du dreckiger Bastard!“, hörte er Jimmy schreien. Dann war es plötzlich still um ihn. Hände griffen nach seinem Hals und rissen die Schlinge auf. Buster Tom holte tief Luft, öffnete die Augen und drehte sich auf den Rücken.

Die Kolonne hatte angehalten. Vor ihm erhob sich der Mexikaner aus dem Sand, der die Stricke hielt. Jimmy hatte ihn daran aus dem Sattel gerissen. Der Mexikaner ließ die Enden fallen, griff nach dem Messer und stürzte auf Jimmy. Doch bevor er Jimmy erreichte, tauchte Dunham auf. Er ritt dem Mexikaner in den Weg.

Was ist denn mit dir los, du Idiot!“, fuhr Dunham den Mexikaner an. „Willst du ihn umbringen?“

Ja!“, schnaufte der Mexikaner wütend und wollte Dunhams Pferd zur Seite drängen. „Dieser gelbgestreifte Hundesohn hat mich vom Pferd gerissen. Das soll er mir büßen!“

Halt!“, rief Dunham scharf. „Du kannst ihn niederstechen. Doch vorher rückst du die dreihundert Dollar heraus, die wir in Ensenada für ihn kassieren würden.“

Der Mexikaner hielt ein, ließ das Messer sinken und starrte Dunham ungläubig an.

Dreihundert Dollar! Bist du verrückt? Diese Laus steche ich ab, ohne auch nur einen Centavo zu bezahlen.“

Wir betreiben hier ein Geschäft!“, sagte Dunham scharf. „Ware nur gegen Geld. Du kannst diesen Americano haben. Mach mit ihm, was du willst. Aber zuvor, du Idiot, musst du bezahlen. Denn in Ensenada kriegen wir Geld für ihn. Als spuck das Geld aus, dann stech ihn nieder, damit wir endlich weiterkommen.“

Die Banditen stimmten Dunham zu. Ausnahmslos, wie das Geraune ringsum bewies. Buster Tom sah in die Runde. Die Reiter hatten sie umringt. Aller Blicke waren auf den Mexikaner gerichtet, der Jimmy töten wollte.

Der Mexikaner stapfte wütend auf. „Dunham, du bist ein verdammter Gringo wie sie. Du reißt doch dein Maul nur soweit auf, weil Don Pedro wieder vorausgeritten ist. Stimmt’s?“

Don Pedro hat mir das Kommando übergeben“, erklärte Dunham gelassen. „Und wenn ich das Kommando habe, reiße ich mein Maul immer auf. Willst du nun bezahlen?“

Zur Hölle, nein!“, fauchte der Mexikaner, während er Jimmy wütend anstarrte. „Von so einem dreckigen Gringo lasse ich mich nicht aus dem Sattel reißen. Jedenfalls nicht ungestraft. Dieser Bastard wird das büßen!“

Wir werden auf die dreihundert Dollar nicht verzichten“, erwiderte Dunham. „Wenn du ihn umbringst und nichts bezahlst, werden wir einfach dich für ihn in Ensenada abliefern.“

Da hat er recht!“, rief einer der Banditen.

Warum sollen wir auf das Geld verzichten?“, meinte ein anderer. „Nur damit du deinen Spaß hast, Josephe?“

Der Mexikaner schaute in die Runde, Wut und Erschrecken in den Augen.

Dunham wartete ein paar Sekunden. Dann befahl er, weiterzuziehen.

Jimmy und Matt halfen Buster Tom hoch.

Vom Teufel wird verdammt viel geredet und gefaselt“, sagte Jimmy krächzend. „Jetzt weiß ich, dass es etwas viel Schlimmeres gibt. Diese Brut hier!“

Buster Tom wankte und blickte sich um.

Weiter!“, bellte Dunham. „Ihr da, zu Fuß!“

Buster Tom, Jimmy und Matt Jackson setzten sich in Bewegung. Der Mexikaner griff nach den Strickenden und sprang wie ein wütender Grislybär in den Sattel. Er wollte aus dem Stand heraus vorwärts galoppieren, um die drei Gringos zu quälen und zu schinden.

Im Schritt!“, brüllte da Dunham.

Don Pedro ließ sich an diesem Tag nicht mehr blicken, so dass die Kolonne das von Dunham befohlene Tempo beibehielt. Doch für die drei Gefangenen wurde es auch so ein Marsch durch die Hölle.


*


Die Banditen zogen unentwegt nach Süden in die Wüste hinein. Es gab keine Vegetation mehr, nur Steine in allen Größen und Formen, und hier und dort erhoben sich bizarr geformte Felstürme aus den steinigen Ebenen, Mulden und Schüsseln. Und über allem stand die Sonne am Himmel wie ein großer weiß glühender Fleck.

Das Geschnatter der Mexikaner verstummte bald. Die Männer hockten jedoch mehr gleichgültig als erschöpft in den Sätteln, die dunklen Gesichter von den großen Hutkrempen beschattet. Dunham, der mit zwei anderen Amerikanern an der Spitze ritt, schien die mörderische Hitze schon mehr auszumachen. Hin und wieder wischte er sich den Schweiß aus dem Nacken und Gesicht. Er griff auch öfter zur Wasserflasche als alle anderen. Buster Tom, Jimmy und Matt Jackson aber zermürbte die Hitze regelrecht. Sie stapften nebeneinander her, die Fäuste um die Stricke gekrallt, die ihnen um die Hälse geknotet waren. Sie torkelten und stolperten über die runden und platt geschliffenen Steine und ließen sich von dem Pferd des Mexikaners mehr ziehen, als sie liefen. Josephe hatte die Strickenden um das Sattelhorn geschlungen.

Die zwanzig Rinder, die von vier Banditen getrieben wurden, begannen gegen Mittag vor Durst unablässig zu brüllen.

In einer Schlucht ließ Dunham die Kolonne zu einer kurzen Rast halten. Es gab wohl Schatten. Doch da nicht der geringste Luftzug die Schlucht durchwehte, erinnerte die Temperatur an die Hitze eines Backofens. Buster Tom, Jimmy und Matt ließen sich zu Boden fallen, wo sie stehengeblieben waren.

Die Banditen versorgten die Pferde, wischten ihnen die Mäuler aus und lockerten die Sattelgurte. Dann hockten sie sich nieder, um sich auszuruhen. Dabei verlor nicht einer ein Wort. Josephe kam mit einem Wasserschlauch zu den Gefangenen. Alls drei sahen ihn erwartungsvoll an. Aber Josephe spritzte ihnen nur etwas in die Gesichter und entfernte sich wieder.

Ensenada bekommen wir nie zu Gesicht!“, keuchte Matt. „Entweder gelingt uns irgendwann die Flucht, oder wir verrecken.“

Weder Buster Tom noch Jimmy gaben darauf eine Antwort. Die Hitze lähmte ihnen die Hirne, so dass ihnen Matts Worte gar nicht ins Bewusstsein drangen.

Dann knirschten Stiefel vor ihnen auf den Steinen. Buster Tom sah auf. Es war Dunham.

Wir haben Durst!“, keuchte Buster Tom.

Dunham zuckte die Schultern. „Ihr habt uns zuviel Kummer bereitet. Durst macht gefügig. Ein bisschen Durst erspart es uns, euch wie Goldbarren hüten zu müssen.“

Hören Sie, Mr. Dunham!“, sagte Buster Tom krächzend. „Sie bekommen für uns drei ein paar hundert Dollar. Ich biete Ihnen das Dreifache, wenn Sie uns freilassen. Sie sind doch Geschäftsmann.“

Eben!“, erklärte Dunham trocken. „Ich lebe vom Verkauf. Nicht vom Erpressen oder vom Eintreiben eines Kopfgeldes. Außerdem bin ich hier nur der Buchhalter. Don Pedro ist der Geschäftsmann.“

Ich biete Ihnen dreitausend Dollar!“, keuchte Buster Tom verzweifelt.

Jaja!“, lächelte Dunham. „Dreitausend Dollar, die Sie dann durch einen Marshal und eine große Posse wieder beizutreiben hoffen. Schenken Sie sich das. Reden Sie jetzt nicht mehr. Sparen Sie Ihren Atem. Wir haben noch einen verdammt weiten Weg vor uns.“ „Dunham! Sie sind Amerikaner wie wir!“, krächzte Buster Tom.

Dunham spie aus. „Das glaubst du! Ich gehöre zu denen hier, und ich fühle wie sie. Jede Nacht bete ich darum, dass ich mich vom nächsten Morgen ab auch in der Hautfarbe nicht mehr von ihnen unterscheide.“ Er wandte sich ab. „Aufbruch!“, befahl er laut. „Wir ziehen weiter!“

Dieser Hundesohn ist aus Stein!“, keuchte Jimmy angestrengt. „Er fühlt wie sie! Die Kehle werde ich ihm durchschneiden für diese Schinderei.“

Hoch, Gringos! AufstehenI Weiterl“, brüllte einer der Mexikaner.

Die drei erhoben sich, standen wankend beisammen und schauten sich um. Die Kolonne formierte sich bereits. Josephe war da, nahm die Stricke auf, stieg in den Sattel und ritt an.

Jimmy waren die Beine schwer wie Blei. Matt torkelte erschöpft vorwärts, den Blick zu Boden gerichtet. Buster Tom umspannte den Strick vor dem Hals mit beiden Fäusten und ließ sich ziehen. Er hatte schon oft in seinem Leben schwere Träume gehabt. Doch solche Qualen waren ihm selbst im Traum erspart geblieben.


*


Zuerst verließen Jimmy die Kräfte. Er stürzte plötzlich und konnte sich nicht mehr erheben. Buster Tom kniete nieder, umfasste auch Jimmys Strick und riss daran, um Josephe zum Halten zu zwingen.

Anhalten!“, brüllte er krächzend. „Stopp! Halt! Ihr Bastarde, haltet an.“ Matt stemmte sich mit letzter Kraft ein. Das Pferd gehorchte Josephe nicht mehr, hielt und drehte sich zur Seite. Die Kolonne geriet ins Stocken. Dunham kam zurückgaloppiert.

Buster Tom sah verzweifelt zu Dunham auf. „Es ist unmenschlich!“, rief er japsend. „Der Junge kann nicht mehr. Ihr habt ihn kaputtgeschlagen, nichts zu trinken gegeben und ihn pausenlos vorwärts getrieben.“

Dunham winkte zurück. „Ein Pferd!“ Da fiel auch Matt zu Boden.

Dunham grinste grausam. „Na, nun falle auch um, Alter!“

Buster Tom starrte ihm in die Augen. „So schnell nicht, Dunham!“, bellte er wütend. „Bevor ich kippe, reitet ein Hundesohn wie du ein Dutzend Pferde müde.“

Dunham reckte sich im Sattel. „Noch einen Gaul! Nur der Alte geht zu Fuß weiter. Er hat es sich nun einmal in den Kopf gesetzt.“

Dunham schwenkte sofort ab und ritt wieder nach vorn. Die Mexikaner kamen mit den Pferden von Jimmy und Matt, brachten die beiden mit Fußtritten hoch und halfen ihnen in die Sättel. Dann setzte die Kolonne den Weg fort.

Für Buster Tom wurde es die Hölle. Doch er hielt sich auf den Beinen, bis die Kolonne gegen Abend eine breite Schlucht erreichte, in der sie längst erwartet wurde.

Mehrere Feuer brannten. Der Rauch zog sich träge am Boden dahin. Buster Tom erkannte Zelte und Höhlen in den Felswänden, die als Unterkünfte dienten. Er entdeckte Don Pedro in einer Schar bewaffneter Banditen und sah, dass die Banditen in dieser Schlucht bereits fünfzig andere Männer gefangenhielten. Siedler, Farmer und Rinderleute. Einer wie der andere machten die Gefangenen einen heruntergekommenen und ausgehungerten Eindruck auf ihn. Die Banditen trieben ein Rind in den Pulk der Gefangenen hinein. Augenblicke später lag es schon tot am Boden, und unter den Gefangenen entbrannte ein wildes Durcheinander. Jammern und Fluchen erklang.

Buster Tom, Jimmy und Matt erstarrten in jähem Entsetzen.

Die Banditen sahen dem gierigen Geraufe ihrer Gefangenen eine Weile belustigt zu. Dann trieben sie die Leute mit Peitschen auseinander. Buster Tom würgte es im Hals, als er das sah. Angst erfasste ihn. Er sah Jimmy und Matt an. Die beiden erwiderten seinen Blick. Doch keiner verlor ein Wort. Sie hatten erkannt, was sie erwartete und auf sie zukam. In ihren Augen stand blankes Entsetzen.

Dunham kam zu ihnen. „Na los!“, sagte er und grinste. „Beteiligt euch an der Fütterung. So schnell wird es nicht wieder etwas geben.“

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738912692
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (August)
Schlagworte
circle c-ranch trail land geier

Autor

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Titel: Circle C-Ranch #21: Trail ins Land der Geier