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Callahan #8: Keine Chance für Jimmy Scurley

2017 120 Seiten

Leseprobe

Keine Chance für Jimmy Scurley


Ein Western von Glenn Stirling







IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von N.C. Wyeth, 2017

Früherer Originaltitel: Jimmy dreht durch

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Klappentext:

Jimmy Scurley war einer meiner ältesten und besten Freunde. Als er mir einen vielversprechenden Job anbot, lehnte ich den natürlich nicht ab. Zumal ich einer schönen Frau namens Janice Eastwood helfen sollte. Janice hatte es sich in den Kopf gesetzt, einen wilden Mustang einzufangen - und von Jimmy wusste sie, dass ich mich mit Mustangs gut auskannte. Als ich mit Janice in die Berge ritt und kurz darauf den Hengst zum ersten Mal sah, wusste ich, dass es ein Fehler war, dieses edle Tier anzufangen und zu zähmen. Als ich das Janice zu erklären versuchte, bekam ich Ärger mit ihr - aber es blieb nicht nur dabei. Denn wir liefen einem Trupp entfloher Sträflinge aus Yuma über den Weg, und Janice hatte nichts Besseres zu tun, als diese Männer vor ihren Karren zu spannen. Dass Jimmy das alles von Anfang an gewusst hatte, sorgte für jede Menge zusätzlicher Probleme - denn sein Bruder hatte da auch noch die Finger im Spiel ...



Roman:

Ich muss ihn haben, stieß Janice Eastwood hervor und deutete aufgeregt in die Schlucht hinunter.

Dort unten stand der Hengst, ein prächtiger Bursche, wie aus Bronze gegossen, mit seidig schimmerndem tiefbraunen Fell. Mähne und Schwanz waren von bläulicher Schwärze. Er war einer der schönsten Hengste, die ich in meinem Leben gesehen hatte, und er gehörte niemandem. Er war ein Bronco, frei wie das Land hier und ebenso wild.

Ein Stück entfernt von ihm stand die Herde, Pferde aller Schattierungen, aber keines so schön wie dieser braune Hengst, nicht annähernd.

Wir standen oben am Rand der Schlucht zwischen Büschen und hatten die Sonne im Rücken. Die Pferde konnten uns nicht sehen. Sie waren geblendet. Der herrliche Hengst, dessen braunes Fell in der Nachmittagssonne wie eingeölt glänzte, wieherte dumpf.

Ich muss ihn unbedingt haben! Ich muss ihn haben!“, sagte Janice Eastwood.

Ich warf ihr einen Blick zu. Eine hübsche Frau war sie, sechsundzwanzig Jahre jung, voll aufgeblüht in ihrer Schönheit, das kupferfarbige Haar lang bis zu den Schultern. Der anmutig geformte Körper steckte in knappen Hosen und einem Hemd, das sich über der Brust spannte. Janice Eastwood sah begehrenswert aus, und sie wusste es. Es war eine der Waffen, die sie in ihrem Spiel durchs Leben einsetzte, wo immer es angemessen war.

Als ich hinunter sah zu dem Hengst, war mir klar, dass Janice ihn haben wollte und es nicht nur so sagte.

Und prompt begann sie wieder. „Ich muss ihn haben!“, flüsterte sie erregt. „Es würde all mein Glück bedeuten, wenn ich ihn...“

Ich wandte mich ihr zu, aber sie sah mich nicht an. Gebannt starrte sie nach unten in die Schlucht.

Drei Männer wollten ihn haben, kräftige, gesunde, erfahrene Männer, die nicht zum ersten Male hinter Wildpferden her waren. Aber er brachte ihnen den Tod“, sagte ich, „und zwei andere kamen als Krüppel aus den Bergen heraus. Ein sechster, Mrs. Eastwood, hatte nichts weiter erlitten als den Schreck. Er ging in die Kirche und sprach den Eid, dass er nie wieder nach diesem braunen Teufel jagen wollte.“

Sie warf den Kopf herum, dass die kupferroten Haare durch die Luft flogen. Mit dem Ausdruck abgründigster Verachtung sah sie mich an.

Hatten Sie gesagt ,Männer', Mr. Callahan?“

Ich erwiderte ihren Blick ganz ruhig, lächelte und sagte: „Ich hatte ,Männer' gesagt. Es waren stahlharte, mit allen Wassern gewaschene Burschen. Den Hengst haben sie nicht geschafft. Den können Sie erschießen. Sie können ihn in eine Falle locken, dass er sich die Knochen kaputt schlägt in seinem Freiheitsdrang. Aber heil fangen, dass man mit ihm noch etwas anstellen kann und ihn nicht anschließend notschlachten muss, das hat bis jetzt noch keiner geschafft, Mrs. Eastwood.“

Sie machte schmale Augen. „Fünfhundert?“, fragte sie.

Geschäftstüchtig ist sie also auch, dachte ich. Fünfhundert Dollar, ein Vermögen! Aber der Hengst war weit mehr wert. So einen Hengst zu fangen, war eine Sache für sich. Dass der für die Zucht verwendet, auch noch herrlichen Nachwuchs zeugen würde, machte ihn zu einem Wertgegenstand ohnegleichen.

Sie haben die Eins vor der Fünf vergessen“, erklärte ich.

Das ist zuviel“, zischte sie.

Bei dieser Gelegenheit entdeckte ich, dass sie gewohnt war zu handeln. Es bereitete ihr Spaß. Sie musste ganz einfach so reden, wie sie es jetzt tat, musste versuchen, den Preis zu drücken, ganz gleich, um was es ging.

Ich ließ sie reden, und als sie dann bei neunhundertfünfzig angelangt war und mich anstrahlte, dies sei nun endgültig ihr letztes Angebot, da nickte ich.

Sie haben recht, wenn Sie soviel Geld nicht haben, können Sie nicht mehr zahlen. Dann müssen Sie den Hengst selber fangen. Vielleicht finden Sie einen anderen. Ich weiß nicht, wie ich es machen soll, selbst für fünfzehnhundert. Ich habe mir etwas überlegt. Ich werde es nicht machen.“

Also Angst“, meinte sie.

Ich zuckte nur die Schultern. „Vielleicht habe ich Angst, weniger um mich, als um diesen Hengst. Am Ende bleibt doch nur die Kugel, dass man in seiner Verzweiflung versucht, das eigene Leben durch einen Schuss zu retten. Und davor hätte ich Angst, der Natur ein so herrliches Tier zu nehmen, den Leithengst einer wunderbaren Wildpferdherde.“

Das ist doch alles Gerede“, fauchte sie mich an.

Das ist kein Gerede. Es wäre besser, wir würden die jungen Hengste aus der Herde herausfangen. Das gelänge. Und es sind ja schließlich seine Söhne. Mit ihm können wir am Ende vielleicht noch nicht einmal etwas anfangen, wenn wir ihn zur Zucht verwenden.“

Also doch Angst. Sie reden sich heraus.“

Wenn Sie nur mitgekommen sind, um mich zu beleidigen, dann tun Sie doch, was Ihnen Spaß macht. Aber zählen Sie nicht mehr auf mich“, erwiderte ich schroff.

Sie lächelte versöhnlich. „Es ist doch nicht so gemeint. Ich möchte diesen Hengst. Bitte helfen Sie mir, bitte! Es ist so sehr schön, er ist ein herrliches Tier. Ich muss ihn unbedingt haben!“

Ich fand Janice begehrenswerter als den Hengst. Allerdings war ich mir auch über die Gefahr im klaren, die von ihr ausging. Ja richtig, sie war eine gefährliche Frau. Man musste aufpassen. Sie brachte es fertig, einen Mann voll und ganz in ihren Bann zu schlagen. Vor allen Dingen war sie verwöhnt aufgrund ihres Reichtums. Ich wusste, was ihr alles gehörte. Ich hatte auch das Gefühl, dass sie mehr wollte als den Hengst, nämlich mich auch. Der Hengst war ebenso ein Spielzeug wie irgendein Mann, mit dem sie es zu tun hatte.

Ich versuchte, sie mir vorzustellen, wie sie im Bett sein könnte. Bestimmt war sie Rasse. Eine Anfängerin war sie ganz bestimmt nicht mehr. Soviel ich erfahren hatte, war sie schon mit achtzehn Jahren verheiratet gewesen mit einem sehr viel älteren, aber äußerst vermögenden Mann, der nur ein paar Jahre später am Biss einer Klapperschlange starb. Damit war sie Witwe und sehr reich. Und wie es hieß, sollte sie eine sehr lustige Witwe sein mit einem dicken Paket Eisenbahnaktien im Rücken, einem riesigen Haus in Denver und zudem einem fantastischen Gestüt, einer sogenannten Pferdefarm in Texas.

Der Reichtum hatte sie sehr selbstbewusst gemacht. Und wieder begann sie mit mir um den Preis zu feilschen, den es kosten würde, wenn ich ihr das herrliche Tier dort unten einfinge.

Also gut“, sagte sie. „Ich bin einverstanden. 1500 Dollar, ein Haufen Geld für diese Aufgabe.“

Ich sah sie an, lächelte und meinte: „Ich habe es mir ebenfalls überlegt. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es jetzt zweitausend kostet.“

Sie wurde schlagartig wachsbleich. Die Augen schmal, der Mund wie ein Strich, so sah sie mich an, und dann stieß sie hervor: „Sie sind ein Halsabschneider und ein ganz gemeiner Kerl!“

Nahezu von einem Moment zum anderen verwischte sich diese Miene, und sie setzte ein neues Gesicht auf. Sie setzte es auf wie eine Maske oder einen Hut. Mit honigsüßem Lächeln, den Mund wie zum Kuss gespitzt und mit runden Augen wie ein kleines naives Kind, so sah sie mich nun an. Und dann flötete sie, als könnte sie kein Wässerchen trüben: „Warum sind Sie nur so garstig mit einer schwachen Frau?“

Sie und eine schwache Frau? Sie war alles andere als schwach. Ich wünschte, die meisten Männer hätten diese Kraft und Energie und dieses Selbstbewusstsein wie Janice Eastwood. Deshalb ging ich auch auf diese Bemerkung nicht ein und lachte nur.

Aber sie wusste jetzt ihre Waffen einzusetzen. Im Kleid war sie schon äußerst aufreizend, aber in Hosen, dazu noch in so engen, wie sie sie trug, besaß sie nahezu alles, um einen normalen Mann verrückt zu machen.

Aber wir beide ahnten zu diesem Zeitpunkt nicht, wie diese Geschichte weitergehen würde. Es sollte sich zeigen, dass wir schon in wenigen Minuten ganz andere Sorgen haben sollten als etwa das Einfangen dieses wunderbaren Hengstes.

Wer kann schließlich ahnen, dass in dieser herrlichen Natur nicht nur ein wunderbarer Hengst mit seiner Herde lebt, sondern dass es hier auch noch anderes „Getier“ gab, von dem wir nicht den mindesten Schimmer hatten.


*


Das Dumme dabei war, vielleicht wäre es zu all dem, was uns erwartete, gar nicht gekommen, hätten Janice Eastwood und ich einen anderen Weg genommen. Aber es trübte sich ein. Schwere dicke Wolken schoben sich über die Felsenberge, und auch der Hengst und seine Herde schienen das Nahen eines Unwetters zu spüren.

Wie haben Sie sich entschieden?“, fragte Janice, und ich zuckte nur die Schultern. „Wir können später noch darüber reden. Vielleicht mache ich es, vielleicht mache ich es nicht. Aber Sie kennen meinen Preis. Und im übrigen bekommen wir schlechtes Wetter. Sehen Sie sich die Wolken an. Wir müssen machen, dass wir wegkommen.“

Das genau war es. Wir mussten machen, dass wir wegkamen, und ich wählte natürlich den kürzesten Weg. Er führte bergab durch die schmale Schlucht, die zum Teil von Dornen und Kakteengestrüpp zugewachsen war. Aber es gab da eine schmale Gasse, und die waren wir vorhin auch heraufgekommen. Weiter unten im Talkessel standen unsere beiden Pferde.

Wir müssen wirklich machen, dass wir wegkommen!“, mahnte ich Janice. „Sehen Sie hin! Die Wolken haben gelbe Ränder. Das bedeutet Hagel. Und in dieser Gegend können die Eisstücke so groß sein wie Schneebälle. Wir haben hier oben keinen Schutz. Sehen wir zu, dass wir nach unten kommen. Und außerdem müssen wir bei den Pferden sein, bevor es losgeht. Sonst geraten sie uns in Panik und laufen davon. Ohne Pferde sind wir aber hier in den Bergen ziemlich übel dran.“

Sie begriff, dass ich das nicht nur aus Spaß sagte, nickte ernsthaft und folgte mir ohne Widerspruch, als ich nach unten auf die Schlucht zuging.

Dort herrschte Dämmerung, denn zum Teil hingen oben die Felsen über. Im übrigen hatte sich die Wolkenbank vor die Sonne geschoben, und es war, als wollte es Nacht werden.

Janice, die sich in ihren Gedanken immer noch mit dem Hengst beschäftigte, sagte gerade: „Es ist zuviel, was Sie verlangen. Aber ich möchte, dass Sie es tun, ja ich möchte es.“

Vielleicht lag es daran, dass ich mich halb zu ihr umdrehte, um ihr zu antworten, vielleicht lag es auch an dieser Schwüle, die hier unten herrschte, oder es war ganz einfach, weil ich durch das drohende Unwetter abgelenkt wurde. Ich wollte gerade zu Janice sagen, dass jetzt keine Zeit für ein weiteres Gespräch sei, dass wir uns beeilen mussten, um zu den Pferden zu kommen.

Da hörte ich plötzlich ein klickendes Geräusch vor mir. Ich zuckte herum und stand wie vom Schlag gerührt.

Drei Männer waren es, die da plötzlich aus den Büschen auftauchten.

Janice prallte gegen meinen Rücken. Offensichtlich hatte sie nicht erwartet, dass ich so jäh stehenbleiben würde.

Im Zwielicht erkannte ich deutlich, dass die drei Gestalten vor mir Gewehre in den Händen hielten. Die Läufe waren auf mich gerichtet. Von den Männern selbst sah ich nur bei einem etwas Typisches, nämlich die Jacke. Er trug eine Jacke, wie sie nur an einem Platz dieser Erde getragen wird: im Staatsgefängnis von Yuma, dem schlimmsten und schrecklichsten aller Gefängnisse dieses Kontinents.

Es war eine orangerote Jacke mit weißem Streifen. Diese Jacken wurden wie Hemden angezogen und vorne geschlossen und hatten oben nur einen Ausschnitt ohne Kragen. Vorn auf der Brust stand schwarz die Aufschrift: 112.

Entflohene Sträflinge, fuhr es mir durch den Kopf, und sie müssen von Yuma sein.

Nehmt die Arme hoch! Los!“

Was, zum Teufel, wollt ihr?“, fragte ich, nur um etwas zu sagen. Ich konnte mir denken, was sie wollten.

Janice stand dicht hinter mir. Ob die Burschen schon gesehen hatten, dass sie eine Frau war?

Dreh dich um, Bruder!“, sagte der vorderste mit der Gefangenenjacke.

Ich konnte ihn jetzt etwas besser erkennen. Und als dann noch ein Blitz vom Himmel zuckte, sah ich sein Gesicht ganz deutlich vor mir. Er war schon älter. Sein Haar war ihm bis zum Nacken gewachsen. Einen Hut trug er nicht.

Die Tatsache, dass er langes Haar besaß, verriet mir etwas mehr über seine Herkunft. Er gehörte offensichtlich zu den Lebenslänglichen und war nie auf einem Arbeitskommando gewesen. Denn ich wusste, dass sie in Yuma nur denen die Haare abschnitten und ihnen Glatzen rasierten, die auf den Außenkommandos arbeiteten. Die Lebenslänglichen aber, die in diesen schlimmsten aller Zellen eingebuchtet waren, scherten sie nicht das Haar.

Willst du dich endlich umdrehen?“, fragte der Mann vor mir.

Meine Möglichkeiten waren nur sehr klein, und zudem trat jetzt ausgerechnet Janice einen Schritt zur Seite, so dass sie von den dreien voll gesehen werden musste.

Wieder zuckte ein Blitz vom Himmel, und unmittelbar danach erfolgte der Donnerschlag. Ich erkannte, dass der Mann vor mir etwas sagte, aber ich konnte es in dem Lärm des Donners nicht verstehen.

Die drei starrten auf Janice. Aber wenn ich glaubte, jetzt eine Chance zu haben, so irrte ich mich. Dieser Ältere mit dem langen Haar vor mir sah mich sofort wieder aus seinen rot unterlaufenen tiefliegenden Augen an.

Wieder zuckten Blitze vom Himmel und erhellten das faltige Gesicht des Mannes, den ich anblickte. Nur die beiden anderen starrten noch unverwandt auf Janice. Ich konnte erkennen, wie sie schluckten, wie sie dieser Anblick beeindruckte. Wer weiß, wie lange sie keine Frau mehr gesehen hatten und schon gar nicht eine wie Janice.

Ein Weib also“, sagte der Älteste, und er sagte es zu mir. Dass er nicht auf Janice sah, sondern mich weiter beobachtete, bewies mir, wie erfahren er war. Er ließ sich nicht ablenken, und das verkleinerte meine Chance ganz wesentlich, denn immerhin besaß er ein Argument, das ich sehr respektierte: das Gewehr in seinen Händen, und die Mündung zeigte auf meinen Bauch.

Ich würde es nicht so sagen. Sie ist eine Frau, und ihr könnt sie ruhig anständig behandeln.“

Zerbrich dir nicht deine Rübe, wie wir diese Frau behandeln, Bruder! Dreh dich jetzt um, oder ich jage dir eiskalt ein Stück Blei in den Bauch!“

Es klang nicht so, als wollte er mir nur drohen. Etwas in seiner Stimme warnte mich. Er gehörte zu der Sorte, die sich schon jenseits von Gut und Böse wähnte, einer, der abgeschlossen hatte mit sich und allem auf der Welt, dem es nichts mehr ausmachen würde, tatsächlich den Finger krumm zu machen und mir die Gewehrkugel in den Bauch zu jagen.

Zum Selbstmörder war ich nicht geboren. Ich drehte mich um.

Und du auch! Los, Schätzchen, dreh dich um!“, hörte ich ihn sagen.

Ich blickte zur Seite auf Janice und murmelte: „Tun Sie, was er sagt.“

Janices Gesicht, das eben noch vom Schreck gezeichnet war, wandelte sich schlagartig. Jetzt spiegelte es zornige Entrüstung wider.

Was fällt euch ein?! Was bilden Sie sich denn ein, wer Sie sind?“, schrie sie trotzig.

Der Mann, der hinter mir stand, sagte völlig unbeeindruckt: „Quake nicht wie ein Frosch, Schätzchen. Dreh dich um und stell dich neben ihn! Sonst werde ich nervös. Wir sind keine Hampelmänner, die du tanzen lassen kannst, bloß weil du eine schöne Larve bist.“

In dem Augenblick begann es zu regnen. Und da nichts in diesem Land nur halb oder mittelmäßig geschieht, schüttete es natürlich herunter wie aus Eimern. Erst fiel der Regen und wir waren natürlich im Handumdrehen durchnässt. Von den Felsen goss nicht nur Wasser herunter, sondern es spülte auch den Dreck herab, der monatelang dort gelegen hatte. Denn monatelang war überhaupt kein Regen gefallen. Alles war ausgedörrt, und der Boden vermochte den Regen gar nicht so schnell aufzunehmen. Im Handumdrehen floss das Wasser von der Höhe herunter, und die Schlucht wurde zum reißenden Bach.

Die Männer hinter uns zeigten sich davon wenig beeindruckt. Ich spürte, wie sie mir meine Revolver aus dem Holster zogen und sah auch, wie einer von ihnen Janice abtastete. Sie schimpfte, versuchte, nach dem Mann zu schlagen, aber dann rammten sie auch ihr eine Gewehrmündung in den Rücken, und ich riet ihr, ruhig zu stehen.

Mich tasteten sie ebenfalls ab, nahmen mir mein Messer weg, das ich im Stiefelschaft trug. Dann sagte der Anführer der drei: „Los, runter in den Felskessel! Ihr kennt ja den Weg. Eure Pferde haben wir schon gefunden. Voran! Beeilt euch! Da unten ist eine Höhle, da haben wir Schutz.“

Von der Höhle wusste ich nicht einmal etwas, und mir schoss der Gedanke durch den Kopf, ob diese drei etwa in dieser Höhle gewesen waren, noch bevor wir den Aufstieg begonnen hatten, um den Hengst zu sehen.

Als wir unten ankamen, begann es zu hageln. Und es war genau so, wie ich es prophezeit hatte. Da waren keine kleinen Hagelkörner, da kamen richtig große Stücke herunter, und wir hielten schützend unsere Arme über den Kopf, während der Anführer der drei schrie: „Nach links! Links hinüber! Dort, dort ist die Höhle.“

Ich sah nach rechts, wo wir vorhin unsere Pferde festgemacht hatten, aber da war nichts mehr. Offensichtlich hatten die drei unsere Pferde weggebracht.

Die Höhle befand sich hinter Gestrüpp. Man konnte sie so ohne weiteres gar nicht sehen. Einer der drei rannte jetzt voraus und zeigte uns damit den Weg.

Endlich waren wir in der Höhle drin. Sie hatte gewaltige Ausmaße. Man hätte mit einem Wagen hineinfahren können. Aber vor dem Eingang wucherte so viel Gestrüpp, dass es mühsam war, hineinzugelangen. Jedoch der Hagel trieb uns an. Schließlich standen wir geschützt drin, drehten uns um und blickten zurück, wo es nur so vom Himmel schüttete. Das Eis zerplatzte auf den Felsen oder meißelte sich dort, wo Erdreich war, in den Boden. Der Lärm, der dabei entstand, war so gewaltig, dass eine Unterhaltung gar nicht möglich gewesen wäre. Ein paar Augenblicke lang waren wir allesamt von diesem Anblick gebannt.

Ich schielte nach links und rechts, ob sich da nicht für mich eine Gelegenheit ergeben sollte, aber so leichtsinnig waren sie wiederum nicht, vor allen Dingen der Ältere mit den langen Haaren. Unsere Blicke begegneten sich, und um seinen sonst so harten Mund schlich sich ein spöttisches Lächeln. Er schien meine Gedanken erahnt zu haben.


*


Das Trommeln des Hagels wurde immer lauter. Wie eine weiße Wand kam es vor dem Höhleneingang nieder.

Ich drehte mich um, und hinter mir stand ein vierter Mann, den ich vorher gar nicht gesehen hatte. Ein Stück weiter hinten im Dunkeln der Höhle entdeckte ich die Pferde, unsere Pferde.

Der Mann, der hinter mir stand, war mindestens einen Kopf größer als ich und sicherlich doppelt so breit. Wie ein Ungeheuer stand er da, mit hängenden Armen und Fäusten wie Schmiedehämmer. Er hatte etwas von einem Orang-Utan in seinem Gesicht, und er besaß mindestens soviel Kraft.

Während sich draußen im Talkessel das Eis fast kniehoch türmte, hörte nach etwa zehn Minuten das Unwetter schlagartig auf. Wieder zuckten Blitze vom Himmel, und einer schlug gar nicht weit vom Höhleneingang ein. Der gleichzeitig erfolgte Donner wirkte wie eine Explosion. Unsere Pferde hinten in der Höhle scheuten, wieherten dumpf, und auch wir zuckten wie unter einem Schlag zusammen. Instinktiv presste sich Janice an meine Seite und klammerte sich an mir fest. Die Aufforderung, die Arme zu heben, schien sie vergessen zu haben. Auch ich hatte die Arme sinken lassen und legte jetzt meinen rechten Arm um Janice.

Draußen löste Regen den Hagel ab. Aber auch der ließ bald nach, und mit einem Mal schien wieder die Sonne, ließ das Eis, das den Boden bedeckte, wie Diamanten glitzern und strahlen.

Los, nach hinten mit euch!“, befahl der Langhaarige, und der Riese, der hinter mir stand, trat einen Schritt beiseite, um mich vorbeizulassen.

Nimm die Pfoten hoch!“, sagte er mit uriger Stimme zu mir, als ich an ihm vorbeiging.

Er hatte die rechte Faust erhoben, als wollte er zuschlagen, und ich rechnete auch mit einem Schlag.

Lass das, Sledge!“, rief der Langhaarige. „Und ihr zwei macht, dass ihr nach hinten kommt!“

Sie ist eine hübsche Frau“, hörte ich diesen Riesen Sledge sagen. „Sie gefällt mir, Prato.“

Mach bloß kein dummes Zeug! Frauen sind für uns Gift, merk dir das! Frauen und Schnaps! Lass die Hände davon!“

Ich warf einen Blick nach links, sah auf das Gesicht des Riesen, das dümmlich und verwirrt wirkte. Er schien die Erläuterung seines Anführers Prato nicht zu begreifen.

Für uns hatte das im Moment keine Bedeutung, ob Sledge begriff oder nicht. Ich fand den Spitznamen Sledge gut. Er traf wie die Faust aufs Auge, denn Sledge heißt Vorschlaghammer.

Hinten in der Höhle waren die beiden Pferde angebunden. In der Höhle gab es sogar Ringe, die in den Fels geschlagen waren, offenbar hatte sie schon einmal als eine Art Unterkunft oder Stall gedient. Viel wies hier in der Höhle nicht darauf hin. Und dann rief Prato sogar nach einer Lampe.

Los, Fish, mach die Lampe an!“

Fish, Sledge und der vierte Mann, den sie Blue nannten, hatten kurze Haare. Und damit war für mich klar, dass sie nicht wie Prato in lebenslänglicher Einzelhaft gesessen hatten.

Außer Prato trugen auch Sledge und Blue noch ihre Gefängniskleidung. Nur Fish hatte sich ein blaues Farmerhemd übergezogen.

Als die Lampe brannte, konnte ich sie mir genauer ansehen. Zuerst also Prato mit dem bis zur Schulter reichenden Haar, dem faltenreichen, wie verwittert wirkenden harten Gesicht mit den tiefliegenden geröteten Augen. Nach meiner Schätzung waren ihre Stoppelbärte etwa eine Woche alt. Das bedeutete für mich, dass sie etwa die gleiche Zeit unterwegs sein mussten. Aber daraus konnte ich mir auch keinen Vorteil errechnen. Ich musste einfach abwarten. Vielleicht bot sich eine Chance.

Ich sah mir Fish an. Er war kleiner als die anderen, drahtig, aber in seinen Augen war etwas Böses, etwas Verschlagenes. Er erinnerte mich an eine Raubkatze und schien ständig in gereizter Stimmung zu sein.

Neben ihm hockte Blue. Blue war jünger als die anderen. Die etwa einen Zentimeter langen Haarstoppeln auf dem Kopf waren blond. Im Gegensatz zu den Stoppelbärten der drei anderen war der seine noch relativ licht und flaumartig. Nach meiner Schätzung konnte Blue nicht viel älter als neunzehn oder zwanzig Jahre sein.

Was wollt ihr denn eigentlich von uns?“, fragte ich Prato, der mich durchdringend anblickte. Aber statt einer Antwort wandte sich Prato Blue zu, der unverwandt auf Janice starrte. Auch Fish und Sledge fielen bald die Augen aus dem Kopf, als sie nun im Lampenlicht genauer sehen konnten, wie gut Janice aussah.

Ich habe euch gesagt“, fauchte Prato in Blues Richtung, „dass Frauen und Schnaps Gift für euch sind.“ Die drei Köpfe ruckten herum und sahen nun auf Prato. Der fuhr fort: „Wie ich dich einschätze, hast du längst begriffen“, sagte er zu mir, „was mit uns los ist. Wir machen auch gar keinen Hehl daraus. Wir kommen aus Yuma.“

Die drei anderen nickten wie auf ein Kommando.

Es war ein weiter Weg von da hierher. Wir haben sie abgeschüttelt“, berichtete Prato weiter. „Aber wir sind ziemlich am Ende. Das einzige, was wir besitzen, sind drei Gewehre, die wir den Wächtern abgenommen haben, und nun deinen Revolver und dein Messer. Wir haben die Burschen, die hinter uns hergewesen sind, abgeschüttelt, weil wir nicht das taten, was viele tun, wenn sie auf der Flucht sind und nichts mehr haben: nämlich über eine Farm herfallen und sich nehmen, was sie brauchen. Wir haben lieber gehungert, und zum ersten Mal gestern eine Gabelantilope geschossen. Seitdem fühlen wir uns besser. Aber was wir brauchen, sind Pferde, ist Kleidung. Sledge, zeig ihm deinen Fuß!“

Sledge hob sein Bein hoch, und ich sah einen nackten, von schmutzigen Lappen umwickelten Fuß. Die Lappen waren blutdurchtränkt.

Er kann nicht mehr laufen“, sagte Prato zur Erklärung. „Er hat sich den ganzen Fuß aufgelaufen. Die Felsen sind scharf. Die Stiefel hat er wegwerfen müssen. Sie taugten nichts. Es sind nicht die besten Schuhe, die sie Gefangenen geben, auch nicht denen, die in den Steinbrüchen arbeiten. Aber er hat große Füße. Für ihn war nichts zu bekommen. Und in der Weidehütte, in der wir einmal nach Vorräten suchten, fanden wir nur Kleidung für Fish. Deine Hosen und dein Hemd könnten mir gut passen“, meinte er und musterte mich.

Dann sah er Janice an. „Nein, die Hose passt höchstens Fish, und der hat schon eine. Aber die Bluse! Nein, zum Teufel, mit einer Bluse von einem Weib können wir nichts anfangen. Ein schlechter Fang für uns. Nichts an ihr taugt etwas für uns“, stellte er fest.

Ich sah mir die Gesichter der drei anderen an, wie wenig sie da mit ihrem Anführer übereinstimmten. Die drei jedenfalls waren absolut der Meinung, dass Janice für sie schon taugte, ja geradezu wie von einem guten Geist zu ihnen geschickt worden war. Besaß doch Janice all das, wonach sich die drei möglicherweise jahrelang gesehnt hatten. Sie war nicht nur eine Frau, sie war auch noch eine begehrenswerte schöne Frau. Und die drei hätten sicherlich mit einer weitaus hässlicheren vorlieb genommen.

Starrt sie nicht so an“, knurrte Prato. „Wenn ihr euch mit einem Weib einlasst, könnt ihr genauso gut auf geradem Weg zurücklaufen nach Yuma. Schnaps und ein Weib, habe ich euch gesagt...“

Bis dahin ließ ihn Fish noch kommen. Dann aber fauchte er widerborstig: „Das hast du uns schon tausend Mal gesagt. Wir können es singen. Es kotzt uns an. Hör auf mit diesem Quatsch! Wer wird denn je von ihr etwas erfahren? Wir haben sie doch hier.“

Wir hinterlassen keine Spuren“, sagte Prato, der ganz genau begriff, was Fish damit sagen wollte.

Ich hinterlasse auch keine Spuren.“

Du hast eine so prächtige Spur hinterlassen, dass sie dich nach deinem Überfall auf die Bank in Tucson geschnappt haben wie einen Anfänger.“

Er war auch nicht viel mehr als ein Anfänger“, stellte Sledge fest.

Sei still jetzt!“, fauchte Prato und wandte sich wieder mir zu. „Habt ihr Geld?“, wollte er wissen.

Ein paar Dollar schon“, gab ich zu. „Aber die helfen euch nicht weit.“

Wieviel ist es?“ Er reckte den Kopf nach vorn, als hätte ich schon das Portemonnaie geöffnet.

Es ist in meiner rückwärtigen Tasche.“

Schon fuhr die Hand von Fish hinein und riss mein Portemonnaie heraus. Genau genommen war es kein Portemonnaie, es war ein kleiner Sack aus Leder, den ich mir einmal selbst gefertigt hatte und der oben zugeschnürt wurde. Fish riss gierig den Beutel auf und brachte dann die vierundzwanzig Dollar zum Vorschein, die sich darin befunden hatten.

Vierundzwanzig Bucks!“, schrie er.

Prato nahm ihm das Geld ab und steckte es wie selbstverständlich ein. Dann warf er mir den leeren Beutel zurück.

Ich fing ihn auf und überlegte blitzschnell, ob sich daraus für mich nicht eine Möglichkeit ergeben könnte, den Spieß umzudrehen.

Aber es bot sich keine Möglichkeit. Prato passte auf, und die drei anderen waren ebenfalls hellwach. So sehr konnten sie von Janice gar nicht abgelenkt sein. Der Harmloseste, so schien mir, war im Grunde Blue. Aber Fish und Sledge würden niemals aufhören, in mir eine Gefahr zu sehen. Prato, der mir mit allen Wassern gewaschen schien, war sowieso von allen der gefährlichste, allerdings auch derjenige, der den Verstand mehr gebrauchte als irgendein anderer und deshalb niemals ein unnötiges Risiko eingehen würde. Insofern war er berechenbar, würde sich niemals vom Überschwang seiner Gefühle hinreißen lassen. Aber so leicht unterlief ihm auch kein Fehler. Da war ich mir ganz sicher.

Es ist wirklich Pech, dachte ich mir, als ich in sein Gesicht blickte. Mit einer solchen Falle hatte ich wirklich nicht gerechnet. Und alles nur wegen des Hengstes, oder, um es genauer zu sagen: wegen der Laune einer schönen Frau, die sich einbildete, diesen Hengst haben zu müssen, weil sie immer alles bekommen hatte, was ihr gefiel. Diesmal war es nun der Hengst gewesen.

Ich warf ihr einen kurzen, prüfenden Blick zu und entdeckte, dass ihre Selbstsicherheit erheblich gelitten zu haben schien.

Ein wenig verzagt und sehr unsicher schaute sie drein. Aber das hatte sie rasch überwunden. Schon ein paar Minuten später gewann sie ihr Selbstvertrauen zurück, als Fish einen zweiten Anlauf nahm, sich den Maßregeln Pratos zu widersetzen.

Du glaubst doch nicht im Ernst“, sagte Fish, „dass wir diese Puppe einfach hier sitzen lassen und uns damit begnügen, sie anzugaffen. Ich will mehr von ihr haben. Zum Teufel mit deinem Gequatsche! Eine Moralstandpauke brauchst du mir nicht zu halten.“

Prato wandte sich ihm nicht einmal zu. Er sah mich an, als er entgegnete: „Du bist ein dummer Junge. Ich sage dir nur: Lass die Finger von ihr!“

Und warum?“, fragte jetzt Sledge. Als ich ihn ansah, bemerkte ich seinen einfältigen Gesichtsausdruck. Er hielt beide Hände vorgestreckt, als wollte er Janice packen und an sich ziehen. Irgendwie kam er mir wie ein Kind vor, das nach seinem Spielzeug verlangt.

Wir haben etwas abgemacht“, sagte Prato. „Wir haben geschworen, diese Abmachung zu halten. Ihr könnt wählen. Entweder geht ihr zurück in den Knast, oder aber wir kommen zum Ziel, wie ich euch versprochen habe. Dieses Versprechen gilt nur, wenn ihr euch an alles haltet, womit ihr anfangs einverstanden gewesen seid.“

Verdammt noch mal, ich habe tagelang gehungert“, meinte Blue, „und bin erst seit gestern satt, zum ersten Mal nach langer Zeit. Sie ist wirklich hübsch. Den Kerl blasen wir um, und wir nehmen sie mit. Was, zum Teufel, gibt es dagegen einzuwenden?“

Prato trat einen halben Schritt zurück und stand jetzt schräg hinter allen dreien. Er besaß auch meinen Revolver. Das Gewehr hielt er in der Armbeuge. Mit der Rechten wirbelte er den Revolver am Abzugsbügel um seinen rechten Zeigefinger. Es sah spielerisch und harmlos aus, aber die drei anderen, die es bemerkten, verstanden sofort, dass sie eben einen Fehler gemacht hatten. Er war hinter ihnen, hatte einen Revolver, und er würde sehr rasch damit schießen können.

Ihr könnt sie ruhig anfassen, wenn ihr wollt“, sagte Prato. „Ihr. könnt es versuchen. Ich möchte nur vorher jedem den Rat geben, sein letztes Gebet zu machen, denn viel weiter, als sie anzufassen, kommt er nicht. Ich knalle denjenigen kaltblütig über den Haufen, weil ich als einziger von euch begriffen habe, was es bedeutet, wenn wir uns mit einer Frau einlassen. Oder wollt ihr sie umbringen? Wer von euch will es tun?“

Sie wandten sich ihm zu, starrten ihn an, jeder auf seine Weise. Fish aus schmalen hasserfüllten Augen. Seine Gier auf die Frau war so stark, dass er sich kaum noch bezähmen konnte. Diese Begierde wuchs.

Blue wäre wohl als erster bereit gewesen, der Forderung Pratos nachzugeben, auch wenn er das Gegenteil behauptet hatte. Aber da war Sledge. Sledge hatte etwas Tierhaftes, Triebartiges an sich. Was Janice anging, war er entschlossener, und damit auch gefährlicher als die beiden anderen.

Es sah wie Zufall aus, aber ich hielt es nicht dafür, dass Prato den Revolver von mir plötzlich am Kolben packte und dann so hielt, dass die Mündung auf den Bauch von Sledge zeigte. Und dann sagte Prato:

Auch du wirst dich nicht an ihr vergreifen. Du lässt die Finger von ihr, Sledge!“

Sledge, der eben wieder auf Janice geblickt hatte, wandte das Gesicht Prato zu. Ein ungläubiges Staunen überzog diese primitive Visage. Dann sagte er mit abgrundtiefem Grollen:

Du kannst es mir nicht verbieten.“

Er streckte die Hand vor, öffnete die riesige Pranke und schloss dann die Finger zur Faust, dass man den Eindruck hatte, er wollte irgend etwas zerquetschen. Die Geste wirkte durchaus eindrucksvoll, und ich will ehrlich bekennen, dass mir eine solche Faust schon eine Menge Respekt einflößte, jedenfalls würde ich meinen Unterarm nicht hineinhalten wollten. Dieser Kerl war imstande, einem die Hand oder den Arm zu Mus zu quetschen.

Prato zeigte sich völlig unbeeindruckt. Er lächelte wieder spöttisch, wie er es schon vorher getan hatte, und sagte: „Glotz mich nicht so blöde an, du Idiot! Du lässt sie in Ruhe! Hast du mich verstanden?“

Der Hüne wandte sich halb um, und ich glaubte schon, er wollte sich jetzt auf Prato stürzen. Aber ich kannte ihn noch nicht richtig und wusste nichts von dem seltsamen Verhältnis zwischen den beiden.

Ich habe dich gefragt, ob du mich verstanden hast?“, wiederholte Prato.

Der Hüne glotzte Prato noch immer einfältig an, öffnete seine wulstigen Lippen, und ich glaubte schon, er würde nun sagen, was Prato verlangte. Statt dessen aber schüttelte er den Kopf und er entgegnete trotzig wie ein ungezogenes Kind: „Ich will aber nicht. Ich will sie! Sie will ich!“

Er wandte sich wieder Janice zu, und sein eben noch im Trotz verzogenes Gesicht entspannte sich zu einem wolllüstigen Lächeln.

Janice wich instinktiv ein Stück zurück, und dann stand sie dicht vor mir.

Der Riese wollte auf Janice zugehen. Aber da geschah etwas, das ich nicht für möglich gehalten hatte.

Denn plötzlich sprang Prato vor. Noch im Sprung schob er sich den Revolver vorne in den Hosenbund, holte aus und schlug links und rechts mit den flachen Händen dem viel größeren Mann ins Gesicht. Er schlug ihn, als wäre dieser Hüne nur ein Kind, als könnte er nichts gegen Prato ausrichten.

Wenn ich nun glaubte, dieser bullige Sledge würde sich herumwerfen, Prato packen und in der Luft zerreißen, so irrte ich mich.

Einen Augenblick nur stand Sledge stocksteif, und ich dachte schon, jetzt ... jetzt geht er auf Prato los. Jetzt erschlägt er ihn. Er brauchte ja nur mit der bloßen Faust auszuholen und von oben nach unten zu dreschen, bevor es Prato gelänge, an den Revolver zu kommen.


*


Doch nichts dergleichen geschah. Die kurze Erstarrung von Sledge löste sich, dann wich er zurück, schrie auf unter jedem der klatschenden Schläge, die Prato noch immer austeilte, hielt schützend die Hände vors Gesicht, krümmte sich und begann zu wimmern, als empfände er die größten Schmerzen.

Janice und ich waren so gebannt von diesem Anblick, dass wir ein paar Sekunden lang unsere Umgebung völlig vergaßen.

Fish allerdings hatte Janice keine Sekunde und nicht einmal den Bruchteil davon vergessen. Er nutzte seine Möglichkeit, die sich ihm an bot, packte Janice, griff ihr brutal ins Haar, wollte ihren Kopf herumreißen und sie küssen. Seine Linke fummelte an ihrem Hosenbund herum - und bis dahin kam er noch. Weiter ließ ich es nicht zu.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738912654
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (August)
Schlagworte
callahan keine chance jimmy scurley

Autor

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Titel: Callahan #8: Keine Chance für Jimmy Scurley