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Kommissar Morry - Der Tod war schneller

Kriminalroman

2017 200 Seiten

Zusammenfassung

Kommissar Morry ist eine Serie von Kriminalromanen mit allen Zutaten klassischer Detektivgeschichten im englischen Stil. Nebelige Gassen, unheimliche Geschehnisse, skrupellose Mörder und ein Ermittler, der mit Scharfsinn und Beharrlichkeit dem Verbrechen den Kampf angesagt hat. Die Romane erschienen in den 1950er Jahren und spiegeln ihre Zeit wieder.
Verfasst wurden die Kommissar Morry Kriminalromane von Cedric Balmore (d.i. Hans E. Ködelpeter), der später auch zahlreiche Romane zu den Serien Jerry Cotton, Kommissar X und 'Die schwarze Fledermaus beitrug.

Leseprobe

Kommissar Morry

Kommissar Morry ist eine Serie von Kriminalromanen mit allen Zutaten klassischer Detektivgeschichten im englischen Stil. Nebelige Gassen, unheimliche Geschehnisse, skrupellose Mörder und ein Ermittler, der mit Scharfsinn und Beharrlichkeit dem Verbrechen den Kampf angesagt hat. Die Romane erschienen in den 1950er Jahren und spiegeln ihre Zeit wieder.

Verfasst wurden die Kommissar Morry Kriminalromane  von Cedric Balmore (d.i. Hans E. Ködelpeter),  der später auch zahlreiche Romane zu den Serien Jerry Cotton, Kommissar X  und 'Die schwarze Fledermaus beitrug.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

Die Romane erschienen ursprünglich als Leihbücher in den 1950er Jahren.

Die Texte wurden in alter Rechtschreibung belassen.

© by Author / Cover Firuz Askin

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de 

Kommissar Morry

Der Tod war schneller

Cedric Balmore

Clark Dixon ist Angestellter bei einer Bank. Jahrelang erfüllt er treu seine Pflicht und genießt den besten Ruf. Aber mit dem Tag, da er die verführerische Olga Marat kennenlernt, plötzlich alles anders. Er denkt nur noch daran, wie er möglichst rasch zu Geld kommen könnte. Sein Hirn entwirft einen tückischen und verbrecherischen Plan. Er weiß, daß er am nächsten Freitag die riesige Summe von achtzigtausend Pfund zur Hauptfiliale seiner Bank bringen muß. Er kennt genau den Weg, den er nehmen wird. Zwei Helfer aus der Londoner Unterwelt sind schnell gefunden. Der schurkische Plan wird genau festgelegt. Der fingierte Überfall gelingt. Clark Dixon wird niedergeschlagen und beraubt. Die beiden Helfer entkommen unerkannt. Auf Clark Dixon fällt kein Verdacht. Nun ist der Weg frei für ihn. Er hat Geld in Hülle und Fülle. Er kann sich mit Olga Marat irgendwo ein neues Leben aufbauen. Aber nun auf einmal geht alles schief. Clark Dixon wird um die ganze Beute betrogen. Die geliebte Frau läßt ihn im Stich. Er selbst aber gerät in einen furchtbaren Mordverdacht. Jetzt erst beginnt eine Serie gräßlicher Verbrechen, die Clark Dixon rettungslos in ihren Strudel ziehen. Nicht einmal Kommissar Morry gelingt es, ihn vor dem Tod zu bewahren. Aber den Mörder treibt er schließlich in die Enge. Er hetzt ihn erbarmungslos durch alle Höllen der Verzweiflung und bleibt am Ende Sieger.

Roman

Es war abends um acht Uhr, als Mary Dixon seufzend das Nähzeug aus der Hand legte. Ihr Atem ging schwer und beklommen. Dunkel und verloren irrten ihre Blicke zu Clark hinüber, der vor dem Fenster stand und ihr den Rücken zukehrte. Er trommelte mit den Fingern an die Scheiben. Dann begann er wieder im Zimmer auf- und abzuwandern. Er hatte noch immer seinen Straßenanzug und seine Schuhe an.

„Warum bist du denn so nervös, Clark?" fragte Mary Dixon endlich. „Man hält es kaum noch aus in deiner Nähe. Deine ewige Unrast geht auch auf mich über. Kannst du dich nicht ein paar Minuten auf einen Stuhl setzen?"

„No", sagte Clark Dixon hastig. „Es hat keinen Sinn. Ich muß noch weg."

Mary Dixon sah den Mann an, den sie vor vier Jahren geheiratet hatte und in den sie früher einmal verliebt gewesen war. Wenn sie ihn so recht betrachtete, so mußte sie ernüchtert zugeben, daß er keine besonderen Vorzüge besaß. Er war mittelgroß und hatte eckige Schultern. Sein Gesicht war im Lauf der Jahre blaß und schmal geworden. Die fahlblonden Haare über der Stirn hatten sich schon stark gelichtet.

„Wohin willst du?" fragte Mary Dixon nach einer Weile. „Zu Olga Marat etwa?"

Clark Dixon blieb verblüfft stehen. Er stierte fassungslos zu ihr hin. Seine Augen begannen unruhig zu funkeln. „Wie kommst du auf diesen Namen?" fragte er stockend. „Was weißt du von Olga Marat? Wer hat dir gesagt, daß ich mit ihr . . . ?"

Mary Dixon nahm wieder ihren Nähkasten zur Hand. Sie kramte Wollknäuel und Fadenrollen heraus. Auf dem Boden des Kastens lag eine Photographie in Postkartengröße. Das Bild zeigte eine junge Dame von betörendem Aussehen. Sie war stark geschminkt und kokett herausgeputzt. Verführerisch ringelten sich schwarze Locken in ihre weiße Stirn. Mary Dixon betrachtete das Photo eine Zeitlang mit verkniffenen Lippen. Dann drehte sie das Bild um. „Olga Marat ihrem Clark in treuer Liebe", las sie mit flackernder Stimme. „Eine seltsame Widmung für einen verheirateten Mann. Hast du ihr erzählt, daß du vor vier Jahren in der St. Patrick Kirche mit mir getraut worden bist?"

Clark Dixon stand da und wußte nichts zu sagen. Seine Zähne gruben sich in die blassen Lippen. Er wirkte wie das verkörperte schlechte Gewissen.

„Woher hast du das Bild?" stieß er nach langem Schweigen hervor. „He, woher hast du das Bild?"

„Ich fand es in deinem blauen Anzug", sagte Mary Dixon teilnahmlos. „Es liegt schon Wochen zurück. Ich hätte vielleicht nie etwas davon erwähnt. Aber nun mußte ich es doch sagen. Du bist fast nie mehr zu Hause, Clark. Du kommst nur noch zum Essen. Hast du dir schon überlegt, wie das mit uns beiden werden soll?"

Nein, das wußte Clark Dixon nicht. Er hatte sich auch noch gar keine Gedanken darüber gemacht. Sein Hirn war mit wichtigeren Dingen beschäftigt.

„Ich gehe jetzt", sagte er tonlos. „Du brauchst nicht auf mich zu warten. Es wird spät werden."

„Beeil' dich", sagte Mary Dixon mit bitterem Spott. „Olga Marat wird schon warten. Ein aufmerksamer Liebhaber muß immer pünktlich sein."

Clark Dixon hatte schon die Türklinke in der Hand, da drehte er sich noch einmal um. „Ich gehe nicht zu Olga Marat", knurrte er unfreundlich. „Ich habe eine geschäftliche Besprechung. Das darfst du mir ruhig glauben. Gute Nacht!"

Sein Gruß wurde nicht erwidert. Es blieb still im Zimmer. Er sah keine Tränen und er hörte auch keine gehässigen Vorwürfe. Mary sah ihm mit leeren Blicken nach. Ihre Lippen blieben fest geschlossen. Wie gut, daß bald alles vorüber ist, dachte Clark Dixon, als er die Treppe hinunterging. Wenn alles klappt, bin ich am Freitag schon nicht mehr in London. Es wird die schönste Reise meines Lebens werden. Hoffentlich bleibt Olga bei ihrem Wort. Auf keinen Fall darf sie mich jetzt im Stich lassen ...

An der Straßenecke bestieg Clark Dixon einen Bus und löste ein Ticket nach Stepney. Müde ließ er sich in die Polster zurücksinken. Geistesabwesend starrte er durch die Scheiben des zweistöckigen Kastens auf die Fahrbahn hinaus. Es ging ihm viel zu langsam. Er fieberte vor Ungeduld. Nach zwanzig Minuten endlich durfte er aussteigen. Der Londoner Osten nahm ihn auf. Enge Gassen und düstere Häuserreihen glotzten ihm entgegen. Da Clark Dixon noch nie in dieser Gegend gewesen war, fand er sich nur mühsam zurecht. Er zog einen Zettel aus der Tasche. Hastig überflog er die Anschrift. „Jebb Mackolin", stand da zu lesen, „39 Salmon Lane, Stepney."

Es wurde fast neun Uhr, bis Clark Dixon die finstere Straße hinter den Docks erreichte. Mit geheimem Abscheu betrachtete er den roten Backsteinkasten, der die Nummer 39 trug. Die meisten Fenster besaßen nicht einmal Vorhänge. Grell strahlten nackte Glühbirnen auf die Straße hinaus. Im Hausflur roch es nach billigem Essen und muffiger Wäsche. Eine steile Stiege führte in die oberen Stockwerke.

Clark Dixon machte Licht und studierte die Namensschilder an den Türen. Er mußte bis in den zweiten Stock hinaufklettern. Dort endlich fand er ein Schild mit dem Namen Jebb Mackolin. Laut und blechern schlug die Glocke an. Aus dem Innern der Wohnung kam das heisere Kläffen eines Hundes und das quäkende Geschrei eines Säuglings. Eine Sekunde später öffnete sich die Tür. Eine schlampige Frau in nasser Schürze erschien im Türspalt. Sie hatte die Ärmel ihres Kleides hochgekrempelt und die Haare hochgesteckt. „Was wollen Sie?" fauchte sie unfreundlich.

Clark Dixon konnte einen Blick in die enge Küche werfen. Er sah einen billigen Herd und eine Badewanne, die mit dampfendem Wasser gefüllt war. Feuchte Schwaden strichen durch den Korridor. „Ich möchte Jebb Mackolin sprechen", sagte Clark Dixon heiser. Die Aufregung würgte ihn im Hals. Sein Gesicht war blasser als je zuvor.

„Was wollen Sie von ihm?" fragte das schlampige Frauenzimmer mißtrauisch.

„Ich brauche ihn für ein Geschäft. Er kann eine Menge Geld verdienen. Sagen Sie ihm das."

Die Frau blieb noch immer argwöhnisch. „Das wird wohl was Rechtes sein", brummte sie abfällig. „Sicher soll er wieder ein krummes Ding drehen, wie? Eines Tages werden sie ihn für immer im Knast behalten. Ich habe ihm das längst prophezeit."

Sie brach plötzlich ab. Hinter ihr erklangen schwere Schritte. Ein bulliger Kerl mit fettem Stiernacken tauchte aus dem Dämmerlicht des Flurs. Er schob die Frau derb zur Seite.

„Scher dich in die Küche", knurrte er kurz. „Laß uns allein. Und mach die Tür zu, hörst du?"

Er knipste das Flurlicht an und nahm dann den unbekannten Besucher scharf aufs Korn. „Wüßte nicht, daß wir uns kennen", brummte er mundfaul. „Mit wem habe ich denn die Ehre?"

Clark Dixon nannte seinen Namen. Er leierte ein paar törichte Worte herunter. „Kommen Sie mit", bat er drängend. „Es ist sehr wichtig, was ich Ihnen zu sagen habe. Hier hören vielleicht zu viele Ohren zu."

Jebb Mackolin legte den Kopf schief. In seinem Gesicht arbeiteten diie Muskeln, und seine Augen liefen flink hin und her.

„Gleich unten an der Ecke ist eine kleine Kneipe", meinte er gedehnt. „Wie steht's, Mister Dixon? Geben Sie ein paar Schnäpse aus?"

„Daran soll's bestimmt nicht fehlen", stotterte Clark Dixon verwirrt. „Selbstverständlich bezahle ich die Zeche. Sie können trinken, soviel Sie wollen."

Jebb Mackolin nickte brummig und angelte sich seine Mütze von einem Haken.

„He, Kate!" rief er in Richtung der Küche. „Bin bald wieder zurück. Werde nur rasch ein Helles trinken. So long!"

Die Tür fiel krachend ins Schloß. Jebb Mackolin und Clark Dixon gingen nebeneinander die Treppe hinunter. Sie waren ein ungleiches Paar: der eine plump und vierschrötig wie ein Stier, der andere schmal wie ein Handtuch. Sie sprachen kein Wort auf ihrem Weg. Jebb Mackolin deutete stumm auf die Kneipe, die mit hellen Fenstern in die Nacht strahlte. Kurz nachher traten sie über die Schwelle.

Vor der Theke standen eine Menge Männer herum, aber die Tische waren fast alle leer. Jebb Mackolin führte Clark Dixon in die hinterste Ecke. Mit dröhnender Stimme bestellte er ein paar Schnäpse. Dann erst ließ er sich neben Clark Dixon nieder. „Was soll's also?" fragte er einsilbig. „Woher kennen Sie mich überhaupt?"

Clark Dixon blickte sich unruhig in dem kleinen Lokal um. Seine Hände begannen nervös zu zittern. Er wußte genau, daß jetzt der schwerste Teil seiner Aufgabe kam. Es hing alles davon ab, ob Jebb Mackolin mitmachte oder nicht.

„Ich bin Angestellter bei der Central Common Bank", begann Clark Dixon mit dünner Stimme zu berichten. „Deshalb ist mir auch bekannt, daß Sie im vergangenen Jahr einen Raubüberfall auf unsere Bank planten, Mister Mackolin. Ihr Name steht in den Bankakten, auch die Adresse. Es war also nicht schwer für mich, Sie aufzufinden."

Jebb Mackolin spülte hastig seinen Schnaps hinunter. Sein Gesicht wurde dunkelrot vor Ärger. Seine Augen begannen gefährlich zu funkeln.

„Sind Sie nur gekommen, um mich an diese Pleite zu erinnern?" polterte er los. „Ich weiß doch selbst am besten, wie schief der ganze Coup damals ging. Der Plan war von Anfang an verraten. Ich kam an das gelbe Transportauto überhaupt nicht heran. Trotzdem brummten sie mir im Old Bailey ein halbes Jahr Gefängnis auf. Wissen Sie das auch, Mister Dixon?"

„Ja, natürlich", stotterte der schmächtige Mann aufgeregt. „Sie mußten sitzen, obwohl Sie keinen Penny erbeutet hatten. Es war wirklich ein schlechtes Geschäft für Sie, Mister Mackolin."

Der Bulle nahm ein zweites Schnapsglas zwischen seine klobigen Finger und goß es auf einen Zug hinunter. „Reden wir nicht mehr davon", knurrte er dann verdrossen. „Die Central Common Bank kann mir in Zukunft gestohlen bleiben. Mir wird schon übel, wenn ich den Namen höre."

„Schade", flüsterte Clark Dixon. „Wirklich schade. Ich wollte eben ein Geschäft mit Ihnen besprechen, das meine Bank betrifft. Diesmal würde nichts schiefgehen. Ich würde nämlich mitspielen. Haben Sie mich verstanden?"

Jebb Mackolin schob verblüfft das Schnapsglas zur Seite. Seine Augen wurden schmal und stechend. Um seinen Mund spielte ein lauernder Zug. „Sie wollen mich wohl aufs Kreuz legen, eh?" fragte er argwöhnisch. „Wer garantiert mir, daß Sie kein Schnüffler sind? Vielleicht wurden Sie von der Bank geschickt, um mich auszuhorchen?"

„Welch ein Unsinn", keuchte Clark Dixon mit gepreßtem Atem. „Die Bank will nichts von Ihnen, Mister Mackolin. Kein Mensch denkt dort mehr an Sie. Aber ich . . . ich habe Ihren Namen nicht vergessen. Ich mußte Tag und Nacht an Sie denken. Allein kämen Sie niemals zum Zug. Aber wenn ich mitmachen würde . .

„Das sagten Sie schon einmal", brummte Jebb Mackolin unwirsch. „Reden Sie nicht solange herum, Mister Dixon. Sagen Sie mir kurz und bündig, was Sie Vorhaben."

Clark Dixon mußte erst ein paarmal schlucken, bevor er wieder weitersprechen konnte. Sein Gesicht war heiß vor Erregung. Die Zunge lag ausgedörrt im Gaumen.

„Ich will weg aus London", brach es hastig aus ihm hervor. „Ich möchte irgendwo in der Welt ein neues Leben anfangen. Mit einer Frau, der ich erst vor kurzem begegnete und die mir seither alles bedeutet. Nur wegen dieser Frau lasse ich mich auf ein Unternehmen ein, das mir . . ."

„Keine Liebesromane, bitte", knurrte Jebb Mackolin ungeduldig. „Sie wollten von der Bank sprechen. Von der Central Common Bank, in der Sie arbeiten."

„Ja", stotterte Clark Dixon. Er dämpfte seine Stimme. Ein dünnes Flüstern kam von seinen Lippen. „Ich werde übermorgen eine Tasche mit achtzigtausend Pfund zu unserer Hauptfiliale bringen. Die Strecke, die ich zu gehen habe, ist auf diesem Blatt genau eingezeichnet. Wollen Sie sich die Skizze einmal ansehen?"

Er zog nervös einen Zettel aus der Tasche und breitete das zerknitterte Papier auf dem Tisch aus. Es war ein Teilplan von London. Drei Straßenzüge waren mit einem roten Farbstift unterstrichen. „Diesen Weg werde ich gehen", raunte Clark Dixon leise. „Haben Sie denn noch immer nicht kapiert, Mister Mackolin?"

„Doch!" brummte der andere mürrisch. „Ich habe Sie sehr gut verstanden, Mister Dixon. Es ist ein aufgelegter Mist, den Sie mir da erzählen. Seit wann läßt denn die Central Common Bank ihre Gelder durch Boten befördern, he? Dafür sind doch die gelben Transportautos da. Das wissen Sie so gut wie ich."

Clark Dixon wischte sich den brennenden Schweiß von der Stirn. Seine Augen traten weit aus den Höhlen.

„Hören Sie doch zu, Mister Mackolin", keuchte er atemlos. „Wir haben in der Bank davon Wind bekommen, daß ein neuerlicher Überfall auf eines der gelben Transportautos geplant ist. Deshalb fahren die gelben Wagen seit Anfang dieser Woche leer über die gewohnte Strecke. Sie sind sozusagen nur als Attrappe da, verstehen Sie? In Wirklichkeit wird das Geld durch verläßliche Angestellte befördert. Am Freitag bin ich an der Reihe. So, nun wissen Sie alles."

Jebb Mackolin bestellte Bier und ein paar neue Schnäpse. Sein anfängliches Mißtrauen schien geschwunden zu sein. Aufmerksam studierte er die Skizze.

„Nehmen wir mal an, ich würde mitmachen", sagte er hüstelnd. „Was hätte ich dann zu tun?"

Clark Dixon hatte sich den verbrecherischen Plan bereits in allen Einzelheiten überlegt. Er brauchte nicht lange nachzudenken. „Ich gehe mit dem Glockenschlag neun Uhr von der Central Bank weg", flüsterte er. „Sie liegt am Kennington Oval. Das wissen Sie doch noch? Drei Minuten später passiere ich die Ecke der Clayton Street. Sehen Sie sich die Stelle auf der Skizze an, Mister Mackolin. Der Torbogen, der gleich hinter der Ecke liegt, ist mit einem Kreuz bezeichnet. Dort müßte der Überfall stattfinden."

„Warum gerade an diesem Ort?" fragte Jebb Mackolin gedehnt.

„Weil die Täter von hier aus am leichtesten flüchten könnten. Hinter dem Torbogen befindet sich ein geräumiger Hof. Er besitzt drei Ausgänge. Die Flucht wäre also ein Kinderspiel."

„Ich könnte die Sache trotzdem nicht allein machen", meinte Jebb Mackolin zögernd. „Ich müßte einen Freund mitnehmen."

„Wissen Sie jemand?"

Jebb Mackolin nickte. „Ich kenne genug Männer, die verläßlich und schweigsam sind. Am besten wäre wohl Lucas Turbin. Er kennt sich aus in diesem Geschäft."

„Na schön", raunte Clark Dixon heiser. „Weihen Sie den Mann in unsere Pläne ein, Mister Mackolin. Er soll den gleichen Anteil wie Sie erhalten. Überzeugen Sie ihn davon, daß der Überfall keinerlei Risiko bedeutet."

Jebb Mackolin drehte noch immer die Planskizze zwischen seinen klobigen Händen.

„Mir ist noch immer nicht alles klar", brummte er grübelnd. „Sie sind drei Minuten nach neun Uhr mit der Geldtasche an der Ecke der Clayton Street. Hier, im Schatten dieses Torbogens, werden wir uns versteckt halten, Lucas Turbin und ich. Sobald Sie das Tor erreicht haben, Mister Dixon, werden wir über Sie herfallen und Ihnen die Tasche entreißen. Ich nehme an, daß diese Tasche mit einer Kette an Ihrem Handgelenk gesichert ist. Das wäre weiter nicht schlimm. Eine einfache Stahlzange würde genügen. Aber wie steht es nun mit Ihnen, Mister Dixon? Wie wollen Sie behandelt werden? Der Überfall muß doch ziemlich echt aussehen, nicht wahr? Sollen wir Sie mit einem Knüppel . . . ?"

Clark Dixon hob ängstlich und abwehrend die Hände.

„Sie dürfen mich nicht ernsthaft verletzen", stammelte er. „Denken Sie doch daran, daß ich noch in der gleichen Nacht verreisen will. Mit der Frau, von der ich Ihnen vorhin erzählte. Eine blutige Schramme im Gesicht dürfte vollauf genügen."

„Verreisen?" murmelte Jebb Mackolin aufhorchend. „Sind Sie denn verrückt? Was sollen denn die Chefs in der Bank von Ihnen halten, wenn Sie plötzlich verschwinden. Das sieht doch glatt wie Flucht aus. Man wird einen Steckbrief hinter Ihnen herjagen, daß Ihnen Hören und Sehen vergeht."

„Keine Angst", lächelte Clark Dixon matt. „Ich habe auch an das gedacht. Man wird mich nach dem fingierten Überfall aushorchen und verhören. Ich klappe dann einfach zusammen, verstehen Sie? Meine Nerven werden die Strapazen nicht durchhalten. Ich bitte um einen achttägigen Urlaub, der mir bestimmt gewährt werden wird. Dann kann ich in aller Seelen» ruhe abreisen."

Jebb Mackolin faltete die Planskizze zusammen und barg sie behutsam in seiner Tasche. „All right, Mister Dixon", grunzte er befriedigt. „Das Ding geht in Ordnung. Ein Drittel der erbeuteten Summe gehört uns. Einverstanden?"

„Einverstanden", nickte Clark Dixon hastig.

„Bleibt also nur noch eine letzte Frage", hüstelte Jebb Mackolin. „Wohin mit der Geldtasche, Mister Dixon? Haben Sie auch da schon einen bestimmten Plan?“

„Ja, den habe ich", stotterte Clark Dixon gierig. „Sie geben die Tasche an der Gepäckaufbewahrung im Liverpool Bahnhof auf. Wir treffen uns dort um elf Uhr nachts. Um diese Stunde ist in der Mittelhalle nicht viel Betrieb. Es wird nicht auffallen, wenn ich die Tasche abhole und nachher in einem Winkel die Beute mit Ihnen teile. Eine Stunde später trennen sich dann unsere Wege. Wir dürften uns wohl kaum Wiedersehen. Jeder kann mit seinem Geld machen, was er will."

Weiter gab es nichts mehr zu besprechen. Jebb Mackolin hatte alles begriffen. Er wirkte auf einmal zuversichtlich und auffallend gut gelaunt.

„Lassen Sie mir noch ein paar Schilling da, Mister Dixon", brummelte er zum Abschied. „Möchte mir noch einige Schnäpse leisten. Dieser Tag muß schließlich gebührend gefeiert werden."

Clark Dixon gab ihm das Geld und verdrückte sich dann ziemlich hastig aus dem Lokal. Er atmete tief auf, als er auf der nächtlichen Straße stand. Es hatte geklappt. Er war eine große Sorge los geworden. Seiner Reise stand nun eigentlich nichts mehr im Wege. Ich muß zu Olga Marat, ging es ihm durch den Kopf. Sie wird wie immer im Cafe Vienna sein. Ich werde mich mit ihr aussprechen. Sie soll ruhig wissen, daß sie sich auf mein Versprechen verlassen kann. Ich werde mit ihr durch die halbe Welt reisen. Und wo es am schönsten ist, da werden wir uns ein Nest bauen . . .

Er geriet ins Träumen. Er fühlte sich jetzt schon als Millionär. Alle Schätze dieser Welt lagen ihm zu Füßen, er brauchte nur noch zuzugreifen. Aber als Clark Dixon dann das feudale Cafe Vienna betrat, wirkte er doch wieder nur wie ein kleiner Angestellter, der höchstens zwei Pfund Ersparnisse in der Tasche hat. Scheu und linkisch strich er an den Tischen entlang. Schmal und schmächtig stand er im strahlenden Licht der Wandleuchten. Er mußte durch das ganze Lokal gehen, bis er endlich Olga Marat entdeckte. Sie saß an einem kleinen Tisch hinter wuchernden Topfpflanzen. Sie war allein und hatte anscheinend auf ihn gewartet. Ein flüchtiges Lächeln huschte über ihr apartes Gesicht, halb spöttisch, halb mitleidig. Sie hatte ihn eigentlich noch nie anders angesehen. Aber Clark Dixon merkte das nicht. Er war wie in einem Taumel. Es gab für ihn kein größeres Glück, als diese Frau für immer zu besitzen. Ihretwegen wollte er jedes Verbrechen und jede Schurkerei auf sich nehmen. Mit keinem Gedanken dachte er an seine Frau, die er eben wieder verriet und für immer im Stich lassen wollte.

„Setz dich doch, Clark", sagte Olga Marat mit spröder Stimme. „Bist du mit deinem neuen Wagen gekommen? Oder ist er wieder einmal in Reparatur?"

Ihre Worte waren voll bissigen Spotts. Sie machte sich über ihn lustig und behandelte ihn wie einen dummen Jungen.

Doch Clark Dixon war mit Blindheit geschlagen. Ihre ironischen Pfeile prallten wirkungslos an ihm ab. Er sah alles in rosaroten Farben.

„Übermorgen ist Freitag", plauderte er hastig auf Olga Marat ein. „Es wird ein großer Tag für uns beide werden. Wir reisen mit dem Nachtzug nach Schottland. Ich werde zwei Schlafwagenabteile bestehlen. Der Zug geht um elf Uhr fünfzig vom Liverpool Bahnhof weg. Du wirst doch pünktlich sein?"

„Was wollen wir in Schottland?" murmelte Olga Marat geringschätzig. „Hast du geglaubt, ich würde mich mit dir in einem langweiligen Nest an der öden Felsenküste verkriechen?"

„Das kommt doch gar nicht in Frage", stotterte Clark Dixon erregt. „In Schottland nehmen wir nur zwei oder drei Tage Aufenthalt. Dann geht die Reise weiter. Mit einem Schiff oder einem Flugzeug, ganz wie du willst."

„Hast du denn soviel Geld?" fragte Olga Marat mit gerunzelter Stirn.

„Und ob", lächelte Clark Dixon geheimnisvoll. „Es wird nicht viele Männer geben, die dir soviel bieten können wie ich." Er fuhr mit der Zunge über die trockenen Lippen. Er rückte noch dichter an Olga Marat heran. Er verschlang sie beinahe mit den Augen.

Sie sah auch wirklich verführerisch aus. Die schwarzen Haare, die zu koketten Locken gedreht auf ihrer weißen Stirn klebten, waren ganz dazu angetan, einen Mann vom Schlage Clark Dixons zu betören. Ihre Figur war weder schlank noch mollig, sondern besaß jene straffe Fülle, die seit jeher ein Wunschtraum aller Männer ist.

„Du kommst doch mit", drängte Clark Dixon hastig. „Willst du nicht endlich ja sagen?"

„Ja", sagte Olga Marat mit einem verschleierten Seitenblick. „Warum regst du dich so auf? Natürlich werde ich dich begleiten."

Ihre trägen Worte warfen Clark Dixon beinahe um. Er geriet völlig aus dem Häuschen. Wie ein kleiner Junge griff er nach ihren Händen und preßte sie an seine Lippen.

„Ich werde dir jeden Wunsch erfüllen", flüsterte er mit schwankender Stimme. „Du sollst dich wie eine Königin fühlen. Wir werden nie mehr nach London zurückkehren, nie mehr. Wir bauen uns ein weißes Haus, irgendwo im Süden ..."

Olga Marat lächelte über seine törichten Worte. Lässig entzog sie ihm ihre Hände. Sein albernes Getue fiel ihr bereits wieder auf die Nerven.

„Geh jetzt", sagte sie ungeduldig. „Ich glaube, wir haben alles besprochen. Ich bin übermorgen um halb zwölf Uhr an der Liverpool Station. Wir treffen uns vor der Sperre. So long, Clark!"

Clark Dixon hatte noch tausend Worte auf den Lippen. Es verdroß ihn, daß er so kühl und abfällig behandelt wurde. Er hatte gehofft, diese Nacht bei Olga Marat bleiben zu können, doch daraus wurde also nichts. Man schickte ihn wieder einmal weg wie einen billigen Dienstboten. Aber dann tröstete sich Clark Dixon damit, daß es ja nur noch zwei Tage dauern würde, bis diese Frau für immer an seiner Seite war. Sein Geld würde sie gefügig machen, und seine reichen Geschenke würden sie blenden. Überdies war sie im Ausland völlig auf ihn angewiesen.

„Übermorgen Nacht also", murmelte Clark Dixon, während er sich erhob. „Ich kann den Zeitpunkt kaum noch erwarten. Ich freue mich wie ein Kind."

Er wartete auf eine Antwort, auf irgendein nettes Wort und einen zärtlichen Abschiedsgruß. Aber Olga Marat sagte nichts. Keine Silbe kam über ihre Lippen. Sie blickte ihm aus schmalen Augen nach, als er sich entfernte.

2

––––––––

Die Nacht zum Freitag dehnte sich unerträglich für Clark Dixon. Er lag wach und konnte nicht schlafen. Zum zehnten Male arbeitete sein Hirn den ganzen Plan durch. Er hatte an alles gedacht. Jede Einzelheit war genau vorbereitet. Wenn Jebb Mackolin und Lucas Turbin rechtzeitig auf ihrem Posten waren, dann mußte der kühne Streich gelingen. Clark Dixon drehte sich auf die andere Seite. Durch die Vorhänge drang graues Dämmerlicht herein. Er konnte Mary erkennen, die ahnungslos neben ihm in den Kissen lag. Sie schlief. Sie wußte nicht, daß es die letzte Nacht war, die er an ihrer Seite verbrachte. Morgen um diese Zeit würde ihn der Nachtexpreß nach Schottland bringen. Wenn es nur erst soweit wäre, dachte Clark Dixon in fiebernder Unruhe. Es ist doch alles viel schwerer, als ich gedacht habe. Ich tue so etwas zum ersten Male. Hoffentlich lassen mich die Nerven nicht im Stich. Ich muß ruhig bleiben und morgen früh von hier Weggehen, als begänne für mich ein Tag wie jeder andere. Ich darf weder zu gedrückt noch zu fröhlich sein. Die geringste Veränderung in meinem Wesen könnte mich bereits verraten. Seine Gedanken wanderten zu Olga Marat und kamen nicht mehr von ihr los. Er hatte Mary schon fast vergessen, obwohl er doch deutlich ihre Atemzüge hören konnte. In berauschenden Farben malte er sich die große Reise aus, die ihn geradewegs in den siebenten Himmel führen sollte.

Als sich das erste Frühlicht durch die Vorhänge stahl, hielt es Clark Dixon nicht länger im Bett aus. Sein Blut pulste heiß und ungestüm durch die Adern. In seinem gequälten Hirn zuckten und wirbelten die Gedanken. Er war krank und elend vor Aufregung und Angst. Mit leisen Schritten ging er ins Badezimmer hinüber. Er stellte sich unter die Brause und drehte den Hahn auf. Das kalte Wasser erfrischte und belebte ihn. Die gespenstischen Träume der Nacht verblaßten, und neue Energie erfüllte ihn. Es wird alles gut gehen, redete er sich ein. In vier Stunden ist alles vorüber.

„Hallo, Clark", hörte er plötzlich die Stimme Marys aus dem Schlafzimmer rufen. „Was ist denn? Wir haben doch noch über eine Stunde Zeit. Es ist erst halb sechs Uhr."

Clark Dixon drehte den Hahn zu und frottierte mit einem Badetuch den nassen Körper ab. „Schlaf nur weiter", rief er heiser durch die offene Tür. „Ich brauche dich nicht. Ich kann mir den Kaffee auch allein machen."

Er nahm den grauen Anzug vom Bügel, den er immer trug. Nur nicht auffallen, dachte er. Es muß alles so sein wie sonst. Ich werde pünktlich um acht Uhr in der Bank erscheinen. Keine Minute eher und keine Minute später. Er kleidete sich sorgfältig an und ging dann in die Küche hinüber, um sich das Frühstück zu bereiten. Als er eben das Wasser zusetzen wollte, erschien Mary im Morgenmantel auf der Tür schwelle. Sie musterte ihn aufmerksam von unten bis oben.

„Was ist denn mit dir?" fragte sie erstaunt. „Wie siehst du aus? Bist du krank?"

Clark Dixon senkte hastig den Kopf. Ich muß mich besser zusammennehmen, dachte er. Sie sieht mir als erste die Unruhe an, die mich in Atem hält. Sie sieht auch, daß ich die ganze Nacht nicht geschlafen habe. Sie könnte mir gefährlich werden, wenn sie etwas ausplaudert. Man wird sie nach dem Überfall bestimmt verhören.

„Es ist nichts", sagte er mit verkrampftem Lächeln. „Ich konnte nicht mehr schlafen. Anscheinend habe ich gestern Abend zuviel getrunken. Der Alkohol bekommt mir nicht."

„War dieses Frauenzimmer dabei?" fragte Mary Dixon mit blassen Lippen.

„Nein", sagte Clark mit unruhigem Blick. „Laß das jetzt! Du nimmst diese Frau viel zu wichtig. Ich habe einen schweren Tag vor mir. Ich kann mich nicht mit solchen Dingen befassen."

Mary Dixon machte ihm das Frühstück zurecht und füllte eine Tasse mit dampfendem Kaffee. „Wann kommst du abends zurück?" fragte sie zaudernd.

„Wie immer."

„Und dann? Gehst du dann noch einmal weg?"

„Kaum", sagte Clark Dixon einsilbig. „Ich habe nichts vor heute Abend."

Das war alles, was sie miteinander redeten. Mary ging wieder ins Schlafzimmer hinaus und ließ sich nicht mehr blicken. Das konnte Clark Dixon nur recht sein. Er hatte jetzt Zeit, um seine Gedanken zu sammeln. Immer wieder blickte er auf die Uhr. Die Zeiger schritten unbarmherzig vorwärts. Sie erinnerten ihn ständig daran, was ihn in den nächsten beiden Stunden erwartete. Endlich war es so weit, daß er die kleine Wohnung verlassen konnte. Die Uhr zeigte genau zehn Minuten vor acht. Es war still im Flur. Aus dem Schlafzimmer kam kein Laut. Mary war anscheinend wieder eingeschlafen. Clark Dixon dachte nicht daran, sie zu wecken. Er stahl sich leise aus der Wohnung. Vorsichtig drückte er die Tür ins Schloß. Dann ging er die Treppe hinunter.

„Guten Morgen, Mister Dixon", grüßten ihn die Hausbewohner respektvoll. Sie wußten, daß er in einer Bank beschäftigt war. Diese Tatsache verlieh ihm Ansehen und Würde. Er hatte auch nie einen Anlaß gegeben, sich über ihn zu beklagen, denn er war immer freundlich und höflich gewesen. Jeder hielt ihn für einen zuverlässigen Menschen, der getreu seine Pflicht tat. Das Haus, das Clark Dixon nun verließ, war am Pavement in Clapham gelegen. Gleich an der nächsten Ecke befand sich die Bushaltestelle. Aus alter Gewohnheit wußte Clark Dixon, daß er noch genau drei Minuten Zeit hatte. Er ging langsam auf die Bus-Station zu. Er sah die altbekannten Gesichter. Es waren immer die gleichen Menschen, die mit ihm fuhren. Als das zweistöckige Gefährt am Rinnstein hielt, stieg Clark Dixon ein und breitete seine Morgenzeitung aus. Er hatte sich inzwischen wieder gefaßt. Mühsam hielt er die flatternden Nerven im Zaum. Hart biß er die Zähne zusammen, aber es war ihm trotzdem unmöglich, auch nur eine Zeile zu lesen. Die Buchstaben tanzten vor seinen Augen. Das Zeitungsblatt verschwamm zu einem trüben Fleck.

„Kennington Oval!" rief der Schaffner aus.

Clark Dixon faltete rasch seine Zeitung zusammen und verließ den altertümlichen Kasten. Mit steifen Schritten ging er auf das prunkvolle Gebäude der Central Common Bank zu. Der Portier grüßte ihn höflich. Die große Uhr in der Empfangshalle zeigte genau die achte Morgenstunde an.

Clark Dixon legte Hut und Mantel ab und nahm in der Scheckabteilung Platz, die ihm seit Jahr und Tag als Arbeitsbereich zugewiesen war. Es war wirklich alles wie sonst. Niemand kümmerte sich um ihn. Die ersten Kunden tauchten vor den Schaltern auf. Sie wurden höflich und korrekt abgefertigt. Zehn Minuten mochten vergangen sein, da summte plötzlich der Lautsprecher am Schreibtisch auf. „Mister Dixon zum Chef", tönte es aus der Klappe. „Ich wiederhole: „Mister Dixon zum Chef." Der Apparat verstummte. Das blaue Licht erlosch. Es war wieder still wie vorher.

Clark Dixon taumelte benommen vom Schreibtisch auf. Er war völlig verstört. Sein Gesicht wurde grau wie Asche. Was ist los, dachte er entgeistert. Weiß man bereits von meinen Plänen? Hat Jebb Mackolin etwas ausgeplaudert? Will er sich eine Prämie verdienen? Hat er alles verraten? Clark Dixon wußte keine Antwort auf die quälenden Fragen. Er kam kaum vom Fleck. Seine Füße waren schwer wie Blei. Als er die Hand nach der Tür ausstreckte, die ins Zimmer des Direktors führte, waren seine Finger merkwürdig lahm und gefühllos. Zaudernd drückte er die Klinke nieder. Widerstrebend öffnete er die Tür. Er sah Mister Ashley Bienheim, den zweiten Direktor, ruhig und bequem am Schreibtisch sitzen. Sein schmales, kluges Gesicht wirkte freundlich wie immer. Blauer Zigarrenrauch schwebte zu den Fenstern hin.

„Kommen Sie doch näher, Mister Dixon! Nehmen Sie bitte Platz!"

Clark Dixon ging schüchtern über den schwellenden Teppich. Scheu streiften seine Blicke durch den luxuriösen Raum. Mit bleichem Gesicht setzte er sich in den ledernen Besuchersessel. Er wollte etwas sagen. Irgendein harmloses, unverfängliches Wort. Aber es wollte ihm einfach nichts einfallen. Er war wie vor den Kopf geschlagen. Aus furchtsamen Augen starrte er auf den Direktor.

„Sie sind jetzt genau sieben Jahre bei uns, Mister Dixon", begann Ashley Bienheim in freundlichem Plauderton. „Ich freue mich, daß Sie sich so gut bei uns eingearbeitet haben. Mister Banim, Ihr Abteilungsleiter, äußerte sich sehr zufrieden über Ihre Leistungen." Auch jetzt wollte Clark Dixon etwas sagen. Irgendein Wort des Dankes. Aber seine Zunge klebte am Gaumen. Sein Mund war heiß und trocken.

„Sie sollen ab morgen einen Posten bekommen, der Ihnen noch mehr Verantwortung und Arbeit aufbürdet, Mister Dixon. Natürlich wird diese Arbeit auch besser bezahlt. Sie können also mit einer wesentlichen Gehaltsaufbesserung rechnen, Mister Dixon. Freuen Sie sich darüber?"

Nein, Clark Dixon freute sich nicht. Er schämte sich. Jetzt, zum ersten Male, wurde ihm die Gemeinheit seines abscheulichen Planes voll bewußt. Er wollte gerade jene ausplündern, die ihm bisher nur Gutes getan hatten. Schamlos mißbrauchte er ihr Vertrauen.

„Noch etwas", sagte Ashley Bienheim in diesem Moment. „Sie sind heute an der Reihe, die Reservegelder zur Hauptfiliale am Brook Drive zu bringen. Machen Sie sich pünktlich um neun Uhr auf den Weg, Mister Dixon. Ihr Abteilungsleiter wird Ihnen die Tasche aushändigen. Vergessen Sie Ihre Dienstwaffe nicht. Und schließen Sie die Kette gewissenhaft an!"

Jetzt wäre für Clark Dixon noch immer Zeit gewesen, von seinem schurkischen Plan abzulassen. Er hätte nur zu sagen brauchen, daß er krank wäre und sich nicht wohl fühle. Dann hätte irgendein anderer für ihn diesen Gang erledigt. Aber Clark Dixon glaubte, es wäre schon zu spät, das Verbrechen rückgängig zu machen. Jebb Mackolin und Lucas Turbin standen sicher bereits an der Ecke der Clayton Street. Sie warteten auf ihn. Das Uhrwerk lief bereits. Es ließ sich nicht mehr abstellen.

„Gut, Sir", würgte Clark Dixon hervor. „Ich werde pünktlich sein. Sie können sich auf mich verlassen." Schwankend und taumelnd erhob er sich aus seinem Sessel. Von dem neuen Posten, den man ihm angetragen hatte, erwähnte er kein Wort. Er hatte keinen anderen Wunsch, als den gütigen Blicken Ashley Bienheims möglichst rasch zu entrinnen. Als er an seinen eigenen Schreibtisch zurückkehrte, setzte er sich in dumpfem Brüten über die angefangene Arbeit. Er konnte keinen Federstrich mehr tun. Sein Hirn war auf einmal leer und ausgebrannt. Mechanisch zählte er die verstreichenden Minuten. Seine Lippen bewegten sich in fortwährendem Murmeln. Klebriger Schweiß stand auf seiner Haut. Fünf Minuten vor neun Uhr nahm er seine Dienstwaffe aus dem Tresor und ließ sie in die Manteltasche gleiten. Anschließend meldete er sich bei dem Abteilungsleiter Lucius Banim. Er bekam eine schwere Geldtasche und die dazugehörigen Schlüssel ausgehändigt. Mr. Banim drückte ihm die prallgefüllte Ledertasche in die Hand und befestigte selbst die Kette am Gelenk.

„Gehen Sie den vorgeschriebenen Weg, Mister Dixon", sagte er kurz. „Behalten Sie die rechte Hand ständig an der Waffe. Sie wissen ja, daß wir jederzeit mit einem neuen Überfall rechnen müssen."

Auch jetzt sagte Clark Dixon nichts. Er setzte seinen Hut auf und verließ die Schalterhalle durch den Hauptausgang. Draußen auf der Straße empfing ihn milder Sonnenschein. Es war ein heller Sommermorgen, friedlich und glückverheißend. Fröhliches Vogelgezwitscher erfüllte die Luft. Vom Kennington Park wehte der betörende Geruch blühender Blumen herüber. Clark Dixon merkte nichts davon. Mechanisch wie eine aufgezogene Puppe ging er seinen Weg. Schritt für Schritt, Meter um Meter. Seine Blicke klebten am Pflaster. Er brachte einfach den Kopf nicht hoch. Sein Herz hämmerte in qualvollen Schlägen. Je näher er der Ecke der Clayton Street kam, desto schleppender wurden seine Schritte. Eine Minute noch, dachte er in fiebernder Erregung. Dann wird es geschehen. Sie werden mir die Tasche entreißen und unerkannt entkommen. Mich aber wird man mit einer harmlosen Platzwunde auffinden und in das nächste Hospital schaffen. Es ist kein Fehler in meinem Plan. Die Rechnung muß aufgehen. Jetzt bog er um die Ecke. Er näherte sich der Stelle, die er in seiner Planskizze mit einem Kreuz bezeichnet hatte. Links gähnte der dunkle Torbogen. Drei Schritte noch. Er stockte unwillkürlich, als aus dem Dämmerdunkel der Toreinfahrt ein paar harte Arme nach ihm griffen. Es ging alles so rasch, daß Clark Dixon kaum Zeit hatte, den Ablauf des dramatischen Geschehens mit klaren Sinnen zu verfolgen. Er spürte einen zerrenden Schmerz im linken Arm und gleichzeitig einen brutalen Schlag im Gesicht. Ächzend sank er in die Knie. Ein krachender Hieb sauste auf seinen Schädel nieder. Er spürte klebriges Blut und das dumpfe Dröhnen der nahenden Ohnmacht. Mit letzter Kraft zerrte er die Pistole aus der Tasche.

„Hilfe!" schrie er gellend. „Hilfe!"

Er sah noch, daß zwei, drei Passanten auf ihn zuliefen. Er hörte auch noch die gehetzten Schritte der flüchtigen Geldräuber, die sich irgendwo im dunklen Hof entfernten.

„Was ist denn geschehen, Sir?" fragten aufgeregte Stimmen. „Hat man Sie niedergeschlagen? Wurden Sie beraubt? Reden Sie doch!"

Clark Dixon konnte nichts mehr sagen. Die schwarzen Schatten einer tiefen Bewußtlosigkeit hielten ihn umfangen.

3

––––––––

Als Clark Dixon wieder zu sich kam, lag er in einem blütenweißen Bett des Fever Hospitals. Mit verschleierten Blicken starrte er in das freundliche Krankenzimmer. Er sah ein paar Herren in der Nähe seines Lagers stehen. Aber er kannte sie nicht. Er wußte im Moment überhaupt nicht, wo er war. Ächzend richtete er sich in den Kissen auf.

„Was ist denn?" lallte er mit stockender Stimme. „Wo bin ich? Ist etwas passiert?"

Ein schlanker Herr mit klugem Gesicht trat auf ihn zu. Es war Ashley Bienheim, der zweite Direktor der Central Common Bank. Er versuchte zu lächeln.

„Beruhigen Sie sich, Mister Dixon", sagte er tröstend. „Der Arzt hat die Kopfwunde bereits untersucht. Sie ist weiter nicht gefährlich. Ich glaube, Sie können noch heute nach Hause entlassen werden. Wenn Sie sich eine Woche lang schonen..."

Jetzt auf einmal wußte Clark Dixon wieder Bescheid. Er schloß die Augen. Hinter seiner Stirn kreisten die unsteten Gedanken wie flatternde Nachtvögel.

„Was ist passiert?" stöhnte er.

Ashley Bienheim drückte ihn sanft in die Kissen nieder. „Sie brauchen sich keine Vorwürfe zu machen, Mister Dixon," sagte er gutmütig. „Sie haben getan, was in Ihrer Macht stand. Wir fanden noch die entsicherte Pistole neben Ihren schlaffen Händen. Sie wollten schießen, aber Sie kamen nicht mehr dazu. So war es doch, nicht wahr?"

Die Freundlichkeit seines Vorgesetzten bereitete Clark Dixon schmerzende Qualen. Er schämte sich in den Boden hinein. Stöhnend griff er nach der Wunde am Hinterkopf.

„Die Versicherung wird den Schaden decken", murmelte Ashley Bienheim beruhigend. „Machen Sie sich keine Sorgen deshalb, Mister Dixon. Die Polizei wird versuchen, die Täter noch einzufangen. Können Sie uns eine Beschreibung dieser Burschen geben?"

Ein anderer Herr trat an das Lager heran. Er war schlank und hochgewachsen wie der Direktor. Nur seine Augen blickten etwas strenger. Die forschenden Blicke machten Clark Dixon unruhig.

„Hilfsinspektor May von Scotland Yard", stellte sich der Fremde vor. „Erzählen Sie uns bitte den Hergang des Überfalles, Mister Dixon!"

Clark Dixon hatte sich seine Aussage in vielen Nächten genau überlegt. Deshalb konnte er auch jetzt Rede und Antwort stehen, ohne erst lange nachdenken zu müssen. Plastisch und anschaulich schilderte er die verhängnisvollen Minuten, in denen ihm zwei unbekannte Täter die kostbare Geldtasche geraubt hatten.

„Wie sahen sie aus?" fragte Hilfsinspektor May hastig.

Clark Dixon legte die Stirn in Falten. Er tat, als bereite ihm das Nachdenken ungeheure Anstrengung. Dabei war ihm doch von vornherein klar, daß er eine völlig falsche Personenbeschreibung geben mußte. „Ich konnte nicht viel erkennen", stotterte er mühsam. „Es ging alles viel zu schnell, Sir! Zwei Arme griffen aus dem Dunkel des Torbogens und rissen mich nieder. Wenn ich mich nicht irre, trug der eine Täter eine graue Überjacke. Ich glaube, er war rothaarig. Sein Gesicht . . . sein Gesicht ... ist mir nicht mehr in Erinnerung, Sir! Ich war benommen von dem jähen Sturz . . ."

„Und der andere?" fragte Hilfsinspektor May ungeduldig. „Wie sah der andere aus?"

„Ich weiß nicht, Sir", würgte Clark Dixon hervor. „Der Mann blieb im Schatten. Ich hatte keine Zeit, mich nach ihm umzudrehen. Der furchtbare Hieb, der mich mitten ins Gesicht traf . . .“

„Sie müssen allerhand ausgestanden haben", mischte sich Ashley Bienheim mit seiner freundlichen Stimme ein. „Ich glaube, wir dürfen ihn jetzt nicht länger quälen, Mister May. Er braucht Ruhe." Und zu Clark Dixon gewandt, fuhr er fort: „Die Bank wird Sie für acht Tage beurlauben, lieber Freund. Ich glaube, Sie haben sich diese Ruhepause ehrlich verdient. Über ein Schmerzensgeld wird sich reden lassen. Gute Besserung, Mister Dixon!"

Fünf Minuten später war Clark Dixon allein. Ein heißer Triumph flutete wie eine glühende Welle durch seine Adern. Es hat geklappt, dachte er grenzenlos erleichtert. Sie haben nicht den Funken eines Verdachts gegen mich. Sie halten mich für völlig unschuldig. Die Täter sind ihnen entkommen, und die Geldtasche ist längst in Sicherheit. Ich aber werde Urlaub nehmen. Heute Nacht um elf Uhr fünfzig geht der Zug nach Schottland . . .

Er konnte es kaum erwarten, bis man ihn entließ. Seine Nerven flackerten vor Ungeduld. Er dachte wieder an Olga Marat und daran, wie glücklich die Zeit an ihrer Seite werden würde. Alles in ihm drängte zu ihr hin. Er überschlug in Gedanken die Stunden, die ihn noch von ihr trennten. Mit allen Fasern seines Herzens sehnte er das Wiedersehen herbei. Erschreckt horchte er auf, als es an der Tür klopfte. Ruckartig hob er sich aus den Kissen. Seine Augen hefteten sich starr auf das weißlackierte Holz. „Come in", murmelte er mit schwerer Zunge. Er spürte einen harten Stich in der Brust. Mit jedem Herzschlag fürchtete er, ein unvorhergesehener Zwischenfall könnte in letzter Sekunde alle Pläne über den Haufen werfen. Er atmete erleichtert auf, als ein biederer Dienstmann über die Schwelle trat. Er trug einen mächtigen Blumenstrauß in der Rechten.

„Soll viele Grüße ausrichten, Sir", murmelte er. „Meinen Botenlohn habe ich bereits bekommen. Bei den Blumen liegt ein Brief. Auf Wiedersehen, Sir! Wünsche gute Besserung!"

Clark Dixon wartete ab, bis der andere die Tür hinter sich geschlossen hatte. Dann wühlte er hastig die Blumen durcheinander. Ein gelbliches Kuvert geriet in seine Hände. Er riß es auf und sah einen Gepäckaufbewahrungsschein. Ein kleiner Zettel lag dabei. „Alles in Ordnung", stand darauf. „Wir warten auf Sie um elf Uhr in der Liverpool Station. So long! J.M."

Jebb Mackolin, dachte Clark Dixon auf atmend. Er hat tadellos gearbeitet. Er soll auch seinen Anteil haben. Wir werden heute Nacht an Ort und Stelle teilen. Wie entsetzlich langsam doch die Zeit dahinschlich. Es wurde Mittag. Ab und zu kamen ein paar Schwestern, um nach ihm zu sehen.‘Eine Menge Leute meldete sich zu Besuch. Die Reporter der großen Zeitungen, die Kollegen aus der Bank, Nachbarn und Bekannte aus seiner Wohngegend in Clapham. Nur Mary kam nicht. Sie mied ihn, wie sie ihm seit Wochen aus dem Weg gegangen war. Sie ließ ihn deutlich fühlen, wie sehr sie ihn wegen seiner Untreue verachtete. Der Abschied von mir wird ihr nicht schwerfallen, tröstete sich Clark Dixon. Sie verliert nicht viel an mir. Sie kann mich ohnehin nicht mehr ausstehen. Abends gegen sechs Uhr durfte Clark Dixon das Hospital verlassen. Er war zwar noch etwas schwach auf den Beinen, aber die Vorfreude auf die kommende Nacht verlieh ihm eine außergewöhnliche Energie.

In einem Krankenwagen wurde er nach Hause gefahren. Mary erwartete ihn an der Wohnungstür. Sie stützte ihn fürsorglich und bettete ihn auf ein Ruhesofa im Wohnzimmer. Aber sie sprach kein Wort dabei. Sie tat alles mechanisch und ohne Anteilnahme. Sie fragte ihn auch nicht, wie es ihm ginge, und sie wollte auch nicht wissen, was ihm passiert war. So schleppten sich die Sekunden unfroh und quälend hin, bis draußen die laue Sommernacht die Fenster verdunkelte.

„Ich habe Urlaub bekommen", sagte Clark Dixon in die Stille hinein. „Ich fahre heute nacht noch weg. Ist es dir recht?"

Mary wandte das blasse Gesicht ab. Sie zuckte mit den Schultern. „Ich kann dich nicht zurückhalten, Clark. Soll ich dich begleiten? Oder fährt die andere mit?"

„Nein. Ich fahre allein", log Clark Dixon hastig. „Leg mir alles bereit. In zwei Stunden geht mein Zug."

Je weiter die Zeiger vorrückten, desto weniger dachte Clark Dixon an die schmerzende Wunde. Eine fiebernde Unrast war wieder in ihm. Er war kaum bei klarem Verstand, bis endlich der Koffer gepackt war. Er zog seinen Mantel an und setzte seinen Hut auf. Er nahm den Koffer in die Hand.

„Auf Wiedersehen, Mary!" rief er kurz über die Schulter. „In acht Tagen bin ich wieder zurück. Mach dir keine Sorgen um mich."

Er erschrak, als Mary sich vor ihn hinstellte und ihn aus forschenden Augen abtastete. „Du hast doch gar kein Geld dabei", sagte sie gedehnt. „Wovon willst du denn die Reise bezahlen?"

Welch ein verhängnisvoller Fehler, den er da wieder begangen hatte. Er machte eine Torheit nach der anderen und durfte sich so nicht wundern, wenn er durch seine Dummheit überall Mißtrauen und Verdacht erweckte. Mary brachte eine Schatulle herbei, in der sie seit Jahren einen stattlichen Notgroschen auf bewahrte. Zuerst hatten sie geplant, ein Auto von diesem Geld zu kaufen. Aber das war ja nun kaum noch nötig. Sie wußten beide, daß sie nie mehr gemeinsam in einem Wagen fahren würden. Clark Dixon knüllte die vielen Scheine achtlos zusammen und steckte sie in seine Manteltasche. Was tue ich mit dem Plunder, dachte er geringschätzig. Ich habe diese paar Kröten doch gar nicht nötig. Ich hätte sie ihr eigentlich schenken sollen. Aber dann ließ er es sein, weil er sonst doch nur ihr Mißtrauen geweckt hätte.

Hastig ging er die Treppe hinunter. Mit dem Nachtbus fuhr er zur Liverpool Station. Es war zehn Minuten vor elf Uhr, als er dort ankam. Seine Schritte wurden noch rascher. Eine selige Erwartung erfüllte ihn. Olga Marat war sicher schon mit dem Packen ihres Koffers beschäftigt. In spätestens einer halben Stunde mußte sie hier eintreffen. Welch ein unfaßbares Glück, Tag und Nacht in ihrer Nähe sein zu dürfen!

Clark Dixon steuerte durch die Abfahrtshalle und näherte sich dem Gepäckschalter. Er zog seine Brieftasche, um den Aufbewahrungsschein herauszunehmen. Aber solange er auch suchte, er konnte den Schein nirgends finden. Es war wie verhext. Er hätte beschwören können, daß er den Schein bereits im Krankenhaus in seine Brieftasche gelegt hatte. Zu Hause hatte er seinen Anzug gar nicht berührt. Es war also auch völlig unmöglich, daß er den Schein irgendwo in seiner Wohnung liegengelassen hatte.

„Was mache ich jetzt?" murmelte Clark Dixon wie ein hilfloses Kind. „Mein Gott, was soll ich jetzt tun? In zehn Minuten kommt Jebb Mackolin, um seinen Anteil zu kassieren. Er wird mich für einen gemeinen Betrüger halten und mich an die Polizei verzinken. Es ist nicht auszudenken, was alles geschehen wird."

Von einer Sekunde zur anderen stürzte Clark Dixon in einen unendlichen Abgrund. Die plötzliche Enttäuschung und die Hoffnungslosigkeit seiner Lage machten ihn krank. Die Wunde am Hinterkopf begann wie Feuer zu brennen. In seinem Schädel war ein betäubendes Dröhnen. Müde lehnte er sich an die nächste Marmorsäule.

Was soll ich Olga Marat sagen, dachte er verstört. Wie soll ich ihr erklären, daß ich kein Geld habe. Wie soll ich ihr klarmachen, daß die geplante Reise ins Wasser fällt. Sie wird mich verhöhnen und verspotten. Sie wird nie mehr etwas von mir wissen wollen. Er nahm wieder seine Brieftasche aus dem Mantel und begann mit flatternden Händen, darin herumzuwühlen. Er legte ein Papier nach dem ändern zur Seite. Der Gepäckaufbewahrungsschein war nicht darunter. Er war spurlos verschwunden.

Man hat ihn mir gestohlen, dachte Clark Dixon in qualvoller Bestürzung. Irgend jemand hat ihn mir gestohlen. Aber wer? Wer hat nun diesen kostbaren Zettel im Besitz? Er dachte nach. Er überlegte krampfhaft, wer ihn nach dem Erscheinen des Dienstmannes noch in seinem Krankenzimmer besucht hatte. Es waren eine ganze Menge Leute gewesen: Nachbarn aus seinem Wohnviertel, Reporter der großen Tageszeitungen, die Kollegen aus seiner Bank. Jeder von ihnen konnte den Zettel gestohlen haben. Er hatte zwar in der Schublade des Nachttisches gelegen, aber es bereitete keine große Mühe, diese Schublade zu öffnen. Wer hatte den Schein? Verdammt, wer hatte diesen grüngelben Zettel in seinen dreckigen Händen und war schon im Besitz des Geldes? Clark Dixon taumelte von einem Entsetzen in das andere. Hatte man den Aufbewahrungsschein nur aus Habgier geraubt? Oder wollte der Dieb den Zettel an die Polizei weiterleiten? Hatte die Polizei die Tasche inzwischen bereits abgeholt? Wußten die Cops schon, daß er, Clark Dixon, den Überfall nur fingiert hatte und im Besitz des geraubten Geldes gewesen war? Clark Dixon fühlte brennenden Schweiß im Gesicht. Er keuchte wie ein Erstickender. Die Bahnhofshalle drehte sich vor ihm wie ein Karusell. Die Polizei, dachte er immer wieder. Man sucht bereits nach mir. Man wird mich hier verhaften, wenn ich nicht rechtzeitig verschwinde. Ich muß doch verreisen, auch ohne Geld. Ich muß mich möglichst rasch in Sicherheit bringen.

„Eh, Mister Dixon", murmelte plötzlich jemand neben ihm. „Wie ist es? Wollen wir nicht an eine unauffälligere Stelle gehen?"

Clark Dixon zuckte nervös zusammen. Seine Augen waren groß wie Suppenteller. Entsetzen und Angst standen darin. Gequält krümmte er seinen schmalen Rücken. Mit hündischen Blicken sah er zu Jebb Mackolin auf, der groß und bullig neben ihm stand. Er hatte ein zufriedenes Grinsen im Gesicht. Seine Augen glänzten lüstern und habgierig.

„Was ist mit dem Moos, Mister Dixon?" fragte er drängend. „Warum holen Sie die Tasche nicht endlich ab? Wir wollen teilen. Lucas Turbin wartet drüben in der Osthalle."

„Es geht im Moment nicht", würgte Clark Dixon hervor. „Gedulden Sie sich noch eine Viertelstunde, Mister Mackolin. Ich möchte den günstigsten Zeitpunkt abwarten. Sehen Sie den Uniformierten dort drüben? Er schielt schon die ganze Zeit zu mir her. Ich muß warten, bis er weg ist."

Jebb Mackolin ließ diesen Einwand gelten. Er hegte kein Mißtrauen. „Gut", brummelte er. „Dann gehe ich wieder zu Lucas Turbin hinüber. Wir warten neben dem Erfrischungskiosk in der Osthalle. Kommen Sie so bald wie möglich, Mister Dixon."

Clark Dixon sah den anderen Weggehen. Er hatte eine kurze Galgenfrist gewonnen. Aber was hatte das schon zu bedeuten? Die Tasche, um deretwillen er soviel gewagt hatte, war weg. Damit mußte er sich abfinden. Er war eben ein Pechvogel, den das Schicksal auslachte und verhöhnte. Plötzlich erinnerte er sich an das Geld, das ihm Mary mitgegeben hatte. Es waren immerhin dreihundert Pfund. Damit konnte er bequem nach Schottland reisen und auch einige Tage sorgenlos und in Luxus leben.

Er mußte jetzt jeden Strohhalm ergreifen. Er besaß nicht mehr viele Möglichkeiten.

Ohne lange zu zögern, ging er zum Schalter des Reisebüros und verlangte die beiden Schlafwagenkarten, die er unter dem harmlosen Namen Miller hatte reservieren lassen. Er bekam sie anstandslos ausgehändigt. Er mußte vierzig Pfund dafür bezahlen.

„Danke, Sir", sagte der Mann hinter dem Schalterfenster. „Wünsche angenehme Reise!"

Clark Dixon stand noch immer regungslos an dem gleichen Fleck. Er überlegte es sich auf einmal wieder anders. Es war ihm eingefallen, daß er unmöglich in der Halle noch länger auf Olga Marat warten konnte. Er mußte sich unauffällig durch die Sperre schleichen. Er durfte Jebb Mackolin nicht noch einmal begegnen.

„Bitte, heben Sie diese Karte für eine Dame auf, die jede Minute kommen muß", sagte Clark Dixon demütig. „Sie hat sich etwas verspätet. Ich gehe einst= weilen zum Zug. Bitte richten Sie ihr das aus, Sir. Vielen Dank."

Clark Dixon umkrampfte mit heißen Händen sein Ticket und hastete wie ein Irrer auf die Sperre zu. Um den Uniformierten machte er einen weiten Bogen. Ein verzehrendes Fieber glühte in seinen Adern. Wenn es nur gut geht, dachte er immer wieder. Wenn es nur gut geht. Der Nachtexpreß nach Schottland stand auf Gleis vier. In der Mitte befanden sich die Schlafwagen. Clark Dixon hatte sie bisher nur von außen gesehen. Es war ihm immer wie ein unvorstellbarer Traum erschienen, einmal in einem weichen Bett auf sanften Rädern durch die Nacht zu rollen. Nun besaß er diese Möglichkeit. Er hielt das Ticket für ein Abteil erster Klasse in der Hand. Aber er stieg ohne Freude in den Wagen ein. Sein Glück war in ein Nichts zerronnen. Er wollte Jebb Mackolin und der Polizei entrinnen, weiter hatte er keine Gedanken mehr. Der Schlafwagenschaffner nahm ihn in Empfang. Er wies ihm ein fürstliches Abteil an. „Das Coupe nebenan ist ebenfalls für Sie reserviert", meldete er pflichteifrig. „Wann kommt die Dame?"

Ja, wann kommt sie wohl, dachte Clark Dixon in verzweifelter Niedergeschlagenheit. Sie wird die Pleite vorausgeahnt haben. Sie wußte, daß mit mir nichts anzufangen ist. Ich habe Pech an den Händen. Was will ich mit einer Frau vom Format Olga Marats. Sie bekommt bessere Männer als mich. Dennoch wartete er mit brennender Ungeduld auf sie. Er starrte auf das weißbezogene Bett. Er legte seinen Koffer auf die Abstellbank und hantierte eine Weile daran herum. Doch er besaß im Moment nicht die Geduld, ihn zu öffnen und auszupacken. Er ging statt dessen auf den Bahnsteig hinaus. Gespannt starrte er den wenigen Reisenden entgegen und lief nervös vor dem Schlafwagen auf und ab.

Drei Minuten noch bis zur Abfahrt des Zuges. Zwei Minuten. Eine. „Bitte einsteigen!" tönte es aus dem Lautsprecher. Clark Dixon spürte, daß ihm Tränen der Verzweiflung in den Augen standen. Er war gehetzt und ausgestoßen. Er hatte durch seinen törichten Streich alles verloren, sein Heim, seine Frau, seine Stellung in der Bank, sein ganzes ordentliches, rechtschaffenes Leben. Und was hatte er dafür eingetauscht? Nichts! Gar nichts. Er fuhr mit leeren Händen in eine ungewisse Zukunft. In eine Zukunft, vor der ihm auf einmal graute. Was wollte er in Schottland? Wo sollte er sich dort verkriechen? Er kannte dieses Land doch gar nicht.

„Bitte einsteigen und Türen schließen. Der Zug fährt ab!"

Clark Dixon kletterte hastig das Trittbrett hoch und warf die Tür hinter sich zu. Aus, dachte er. Die letzte Hoffnung ist zerronnen. Olga ist weggeblieben. Sie hat meine Pläne niemals ernst genommen. Er verkroch sich in sein Abteil und riegelte die Tür ab. Er legte seinen Schlafanzug heraus und kroch ein paar Minuten, später in das weich federnde Bett. Da lag er nun und starrte mit leeren Blicken zur Decke empor. Dumpf und eintönig erklang das Rattern der Räder. Es schläferte ein. Aber Clark Dixon tat kein Auge zu in dieser Nacht. Er blieb wach, bis der Expreß die schottische Hauptstadt Edingburgh erreichte.

4

––––––––

Clark Dixon schlug sein Quartier in einem bescheidenen Boardinghouse auf, um möglichst lange mit seinem Reisegeld auszukommen. Vom ersten Augenblick an fühlte er sich unglücklich in der fremden Stadt. Er wagte kaum den Speisesaal zu betreten. Er ging allen Menschen aus dem Wege. Die meiste Zeit des Tages lungerte er an den Zeitungsständen herum. Er kaufte alle Londoner Blätter und las sie gierig von der ersten bis zur letzten Seite. Aber alle Ausgaben brachten nur eine kurze Meldung von dem Überfall auf einen Bankboten der Central Common Bank. Es wurde berichtet, daß man den Boten niedergeschlagen und ihm eine Summe von achtzigtausend Pfund geraubt habe. Sonst keine Zeile. Kein Wort des Verdachtes. Niemand beschuldigte ihn der Untreue. Nirgends war etwas davon zu lesen, daß man die kostbare Tasche inzwischen aufgefunden hatte. Sie war verschollen. Irgend jemand hielt sie in seinen Klauen und machte sich mit dem vielen Geld ein herrliches Leben. Er aber, Clark Dixon, der den ganzen Coup eingefädelt hatte, saß einsam und verlassen in dieser großen Stadt und wußte nicht aus noch ein. Er ging auf ein Postamt und meldete ein Ferngespräch nach London an. Es dauerte ziemlich lange, bis die Verbindung zustande kam. Nervös und ungeduldig ging Clark Dixon vor der Fernsprechzelle auf und ab.

„Hallo!" rief ihm plötzlich der biedere Postbeamte zu. „London ist da! Nehmen Sie bitte den Hörer ab."

Clark Dixon stürmte hastig in die Zelle. Er riß den Hörer von der Gabel und preßte ihn fest ans Ohr. „Hallo!" keuchte er in die Muschel. „Hallo! Bist du am Apparat, Olga?"

Ja, sie war es. Leise tönte ihre spröde Stimme durch den Draht. Clark Dixon war von der ersten Sekunde an wieder in ihrem Bann. Er hätte sein halbes Leben dafür gegeben, wenn sie jetzt hier gewesen wäre.

„Hallo, ich bin's, Clark Dixon", schrie er in den Apparat. „Ich bin in Edinburgh. Warum warst du denn gestern Abend nicht am Bahnhof? Du hattest es mir doch versprochen."

„Ich war doch da", sagte Olga Marat gekränkt. „Ich hatte mich leider etwas verspätet. Aber das ist schließlich eine Eigenschaft aller Frauen. Zwanzig Minuten vor Mitternacht war ich an der Sperre. Aber du warst nirgends zu sehen."

In der Seele Clark Dixons tobte ein Aufruhr. Sie wäre also tatsächlich mitgekommen. Es war allein seine Schuld, daß es nicht geklappt hatte. Er machte eben alles verkehrt.

„Hallo", rief er wieder in die Muschel. „Könntest du nicht jetzt noch hierher kommen, Olga? Deine Karte liegt am Schalter des Reisebüros in der Liverpool Station. Wenn du den Nachtexpreß nimmst, könntest du morgen früh . . .“

„Sprechen Sie noch?" mischte sich das Fräulein vom Amt ein. „Hallo, sprechen Sie noch?"

„Natürlich!" schrie Clark Dixon gereizt. „Gehen Sie gefälligst aus der Leitung. Hallo, Olga! Bist du noch da? Was hast du zu meinem Vorschlag zu sagen? Ich wäre sehr glücklich, wenn du kämst. Ich fühle mich so einsam hier..."

Seine Worte waren sinnlos. Die Verbindung war getrennt. Olga Marat meldete sich nicht mehr. Das wäre an sich nicht schlimm gewesen. Clark Dixon hätte ja nur ein neues Gespräch anzumelden brauchen. Aber er tat es nicht. Er war viel zu niedergeschlagen dazu. Er redete sich ein, daß er ein Pechvogel sei, den das Schicksal mit Händen und Füßen trat. Er hatte von keiner Seite mehr Gutes zu erwarten. Abends setzte sich Clark Dixon in den Speisesaal des kleinen Hotels, um das Essen einzunehmen. Er kam an einen Tisch zu sitzen, den ein älterer Herr mit ihm teilte. Er trug einen weißen Vollbart und einen goldenen Kneifer über den Augen und sah aus wie ein pensionierter Staatsanwalt. Clark Dixon betrachtete ihn immer wieder heimlich von der Seite. Dann aber zog der andere plötzlich eine Zeitung aus seiner Brusttasche und faltete sie weit auseinander. Er war kaum noch zu sehen. Nur ab und zu hob er den Kopf über den Zeitungsrand und schielte zu seinem Tischnachbarn hinüber. Das geschah so oft, daß Clark Dixon schließlich die Nerven verlor.

„Was haben Sie denn?" fragte er mit beklommener Stimme. „Warum sehen Sie mich so seltsam an?"

Der andere lächelte hintergründig. „Eine seltsame Ähnlichkeit", murmelte er. „Wirklich, eine verblüffende Ähnlichkeit! Sie sehen fast so aus wie der Mann, der hier abgebildet ist."

„Wer?" fragte Clark Dixon mit hervorquellenden Augen und griff mit einer wilden Bewegung nach dem Zeitungsblatt. Mit irren Blicken überflog er die erste Seite. Entsetzt stellte er fest, daß es wirklich sein Bild war, das ihm drohend in die Augen sprang.

Details

Seiten
200
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738912517
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (August)
Schlagworte
kommissar morry kriminalroman

Autor

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Titel: Kommissar Morry - Der Tod war schneller