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Drei Kriminalromane - Auch Mörder weinen

2017 400 Seiten

Leseprobe

Ein Krimi Trio

von Alfred Bekker, Glenn Stirling& A. F. Morland

Der Umfang dieses Buchs entspricht 400 Taschenbuchseiten.

Kriminalromane der Sonderklasse: hart, überraschend und actionreich.

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Glenn Stirling: Jagd auf die Millionendiebe

A. F. Morland: Abserviert von zarter Hand

Alfred Bekker: Undercover-Mission

Titelbild: Firuz Askin.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Jagd auf die Millionendiebe

Krimi von Glenn Stirling

Eine Bande skrupelloser Halunken ist verantwortlich für mehrere spektakuläre Raubüberfälle mit hoher Beute. Sie nennen sich die „Pantherbande“ - und bisher hat sie die Polizei nie auf frischer Tat ertappen können. Sie waren schneller als ihre Verfolger und konnten rechtzeitig untertauchen. Immer mit einer Millionenbeute im Gepäck!

Diesmal haben sie einen besonders raffinierten Coup geplant: sie wollen Spendengelder stehlen, die für ein soziales Projekt der spanischen Regierung vorgesehen sind. Und sie wollen es so aussehen lassen, dass Baron Alexander von Strehlitz und seine Freunde die Übeltäter sind. Allerdings haben sie in ihren ganzen Plänen eins nicht berücksichtigt: der Baron versteht keinen Spaß in solchen Dingen. Und deshalb ist er fest entschlossen, der Pantherbande ein für allemal das Handwerk zu legen. Auf seine Weise!

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––––––––

Das schwere, schmiedeeiserne Tor fiel mit einem Klirren hinter dem Baron zu. Vor ihm lag der Park, von Nebelschwaden durchzogen und umwoben wie ein Märchenhain. Von den Ästen der Bäume tropfte es herab ins braune Laub, das die Kieswege bedeckte. Weit hinten, am Ende des Weges, stand das Landhaus. Der Nebeldunst dieses Novembertages ließ es nur schemenhaft sichtbar werden.

Als Baron Alexander von Strehlitz mit federndem Schritt den Weg entlang ging, raschelten die Blätter und knisterte der Kies unter seinen Tritten. Eine Amsel flatterte von einem der Büsche auf, die unter den hohen Ulmen gediehen. Trostloses Bild eines Novembertages.

Zwei der Fenster des Hauses waren erleuchtet. Dieser düstere Mittag zwang dazu, Licht anzumachen, und es fiel durch die Scheiben der Biedermeierfenster hinaus in den Waschküchendunst des Parks.

Ein Schleier feiner Wasserperlen bedeckte die alte Kutsche, die mit hoch gestellter Deichsel direkt vor der Auffahrt des breiten Landhauses stand. Efeu rankte an den Hauswänden. Silbern glänzte der Tau in den Nadeln zweier amerikanischer Eiben, die das Portal säumten. Aus dem Kamin wehte der Duft brennenden Buchenholzes, ein anheimelnder Geruch an solch einem Tag.

Der Baron trat an die Pforte, blickte auf den Messing-Klopfer, betätigte ihn und hörte, wie im Haus ein Gong anschlug. Doch lange regte sich nichts. Endlich aber schlurften Schritte näher, ein Schlüssel knirschte im Schloss, und als sich die Tür um einen Spalt öffnete, blickte der Baron in ein griesgrämiges, von einem schneeweißen Bart umrahmtes Altmännergesicht.

Der Baron lüftete seinen Hut. „Der General erwartet mich“, sagte er und reichte dem Alten seine Karte. Der alte Mann hatte die Tür etwas weiter geöffnet, und dabei zeigte sich, wie klein der Mann in der verschlissenen Dienerlivree war. Er musste zum Baron aufblicken wie zu einem Baum.

„Ja, Sir, ich sage Bescheid... bitte treten Sie ein!“ Der Alte ließ den Baron eintreten und schloss hinter ihm die Tür.

Behagliche Wärme schlug dem Baron entgegen, als er seinen Mantel auszog und ihn dem Alten reichte, der es in eine Nische schaffte und dann über den langen weißen Korridor davonschlurfte. Eine grelle Deckenlampe erhellte den Flur und ließ die aufgehängten Hirschgeweihe lange Schatten über den Fußboden werfen. Zwischen den Geweihen hingen die Bilder von irgendwelchen Ahnen, alles zusammen wirkte ziemlich staubig und alt.

Der Alte war in einer der drei hohen Doppeltüren verschwunden, kam aber bald wieder und murmelte: „Sie möchten eintreten...“

Hinter dem Baron schloss der Alte die Tür, und der Baron sah sich in dem etwas düsteren Zimmer um, in dem nur das Feuer des Kamins flackerte und gespenstische Lichter auf die verschossenen Seidentapeten warf, zuckend über den langen Marmortisch huschte und seine Flammen über die klobigen Stühle und Polstersessel spielen ließ.

Eine alte Standuhr tickte, die Buchenscheite knackten im Feuer, und auf der Kaminkonsole begann gerade in diesem Augenblick ein Glockenspiel in einer Rokkoko-Porzellanfigur zu schlagen.

Vergeblich sah sich der Baron nach dem Hausherrn um. Doch im Zimmer war wohl niemand, und es gab auch keine Seitentür zu einem der anderen Räume. Und dennoch hatte der Baron das Gefühl, nicht allein im Raume zu sein.

Er wollte gerade auf die schwere Ottomane zusteuem, die quer vor dem Kamin stand und ihm die Rückseite darbot, da tauchte über den Lehnenrand dieser Ottomane ein nackter Fuß, dann ein Unterschenkel - übrigens ganz zweifellos der einer Frau - und schließlich auch das Knie auf.

Eine betörend dunkle Frauenstimme sagte: „Kommen Sie ruhig näher, Baron, ich tue Ihnen nichts!"

Der Baron ging zwei Schritte nach vorn. Was er dann sah, hätte einem anderen den Atem verschlagen. Er aber lächelte.

Da lag hingegossen auf der Ottomane die Sünde in Perfektion. Schlank, rank und hinreißend. Alles, was diese blonde Schönheit trug, waren ein Chiffonschal um die Lenden und ein noch kleinerer um die Brüste. Beide waren nur ein Hauch von Stoff und verrieten alles, ohne zu verhüllen.

Sie war vielleicht zwanzig, vielleicht etwas mehr. Aber gegen sie konnte manche Filmdiva einpacken, hätten einige Schönheitsköniginnen nie den Titel erringen können.

„Ich hatte den General erwartet“, sagte der Baron lächelnd.

Sie richtete sich auf, strahlte ihn verführerisch an und gab sich keine Mühe, als ihr die Brustbedeckung gänzlich herabrutschte. „Bin ich so ein miserabler Ersatz?“, fragte sie dunkel. In ihrem Blick unter den seidigen Wimpern lockte alle Weiblichkeit, zu der eine Frau fähig sein konnte, und in ihrer Stimme war jener Hauch von Sex, bei dem kein Mann gleichgültig bleibt.

„Wollen Sie sich mit mir an seiner Stelle über trockene Zahlen unterhalten?“, fragte der Baron spöttisch. „Wer sind Sie überhaupt?“

Sie lachte leise. „Verzeihen Sie, Baron, mein Name ist Bessy Laudon. Ich wollte Sie schon lange kennenlernen. Ich habe so viel von Ihnen gehört und...“

„Glauben Sie, dass sich mein Eindruck von Ihnen verbessert, wenn Sie mich nackt empfangen?“ Der Baron wurde kühl. „Ist es eine Idee von General Winters, Sie mir hier zu präsentieren?“

Sie ignorierte seinen kühlen Ton und erwiderte aufreizend leidenschaftlich: „Ich habe ihn weggeschickt. Es ist meine Idee. Ich musste Sie kennenlernen. Ich will Sie haben, Baron. Sweety, setz dich zu mir!“

„Ihre Idee?“, fragte der Baron, ohne nur einen Millimeter näher zu kommen. „Winters schuldet mir dreißigtausend Dollar. Als Militär hatte er ziemlichen Erfolg. Er hat sich als fuchsschlauer Taktiker einen Namen gemacht. Vielleicht hat er von der Artillerie auf andere Geschütze umgesattelt, wie? Miss Laudon, ich weiß nicht, in welchem Verhältnis Sie zu General Winters stehen, aber ganz bestimmt bin ich nicht zum Plaudern oder zu einem Schäferstündchen gekommen. Dreißigtausend Dollar sind ein Betrag, bei dem ich ziemlich sachlich werden kann. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie einer Erkältung vorbeugen und sich anziehen würden. Und dann holen Sie mir bitte den General! Sie wissen, warum ich gekommen bin.“

Sie räkelte sich wie eine Katze, stand dann mit unnachahmlicher Grazie auf und trat vor ihn hin. Sie war nicht gerade klein, aber gegen ihn wirkte sie sehr zierlich. Sie hatte nun alle Hüllen unter sich sinken lassen und tätschelte ihm mit den geschmeidigen Bewegungen einer Schlange die Brust, rückte dann noch näher an ihn heran und flötete: „Ich liebe dich, du Narr! Ich bin verrückt nach dir! Stell dich nicht so an, du großer Junge!“

Und schon lehnte sie an ihm. Und genau in diesem Augenblick blitzte es grell auf. Ein Fotoverschluss knackte, und eine Stimme an der Tür sagte: „Danke, Baron, das genügt!“ Und etwas schroffer sagte sie dann: „Du kannst dich anziehen, Bessy! Los, verschwinde!“

Der Baron hatte sich der Tür zugewandt, in der ein großer, stämmiger Mann von etwa fünfzig Jahren stand, breitgesichtig wie eine Bulldogge, mit spärlichen grauen Haaren auf dem massigen Schädel, in einen Anzug gepresst, der zwar von kostbarem Stoff war, doch längst nicht mehr passte und mit einer Krawatte auf dem gestreiften Hemd, die so blau war, dass dem Baron die Augen tränten.

„Wer sind Sie denn?“, fragte der Baron.

Über das breite Bulldoggengesicht huschte ein Grinsen. „Ich bin Gregor Romanow, aber was sind schon Namen, Baron? Schall und Rauch - obgleich Sie meinen vermutlich noch öfters hören werden. Tja, mein Verehrter, ich glaube, nun können wir von Geschäften reden. Halt, nicht so voreilig, Baron, nichts überstürzen!“ Romanow hob abweisend die Hände und wollte damit einem Einspruch des Barons Vorbeugen. „Wir sind kein kleiner mieser Verein, Baron. Natürlich haben wir den General aus dem Gefecht gezogen, wenn man so sagen darf. Das Foto, das ich eben von Ihnen und der lieben, süßen Bessy machen ließ, wird Sie möglicherweise kompromittieren. Sie wissen ja, wie steif es im alten London zugeht. In Ihren Kreisen jedenfalls...“

„Also Erpressung“, sagte der Baron kühl.

Romanows breites Gesicht verzog sich erneut zu einem Grinsen, das den Baron an Chruschtschow erinnerte. „Es ist ein Beweis, mehr nicht.“

Romanow kam auf den Baron zu, ließ sich in einen der breiten Sessel sinken und schlug die korpulenten Beine übereinander. Sein Anzug platzte dabei fast aus den Nähten.

„Sehen Sie, Baron, wir sind keine Unmenschen. Alles, was wir von Ihnen wollen, ist doch, dass Sie bei uns ein paar Tage Ferien machen. Hier im Haus. Und Sie sind nicht einmal allein. Ihr Chauffeur, den wir vor ein paar Minuten an Land gezogen haben, wird auch mit von der Partie sein, ebenfalls dieser Mr. Dupont, Ihr bester Freund. Tja, und Ihren Sekretär Robert mussten wir natürlich auch in die Ferien schickten. Alles in allem, man wird Sie hier blendend versorgen, und Sie könnten nur einen einzigen Fehler machen: hier versuchen auszubrechen.“

Der Baron setzte sich. „Sie glauben doch nicht im Ernst, Romanow, dass ich mitspiele. Wozu soll das alles gut sein?“

Romanow, der aussah wie ein russischer Bauer und auch einen slawischen Akzent hatte, hob beschwörend die Hände. „Aber, Baron! Was heißt das schon? Wir haben noch nie über Dinge gesprochen, die wir machen wollen. Wir sind keine Schwätzer!“

„Woher wussten Sie überhaupt, dass ich herkomme?“, erkundigte sich der Baron.

Romanow zog eine Zigarre aus der Weste, biss das Ende ab und zündete sich die Brasil umständlich an. Als sie brannte, sagte er: „Im Gegensatz zu mir ist der General ein Schwätzer, Baron, und so hat er uns auf die famose Idee gebracht. Übrigens sollten Sie sich nicht für einen Übermenschen halten. Wir sorgen natürlich dafür, dass Sie unser Gast bleiben. Drei Tage, Baron. Nur drei Tage.“

Er erhob sich, lächelte dem Baron zu, und als der sich auch erhob, deutete Romanow zum Fenster. „Vergessen Sie den dort nicht!“

Der Baron warf nur einen kurzen Blick hin. Dort stand ein Mann, und trotz des Dämmerlichtes entdeckte der Baron die Umrisse einer Maschinenpistole in den Händen dieses Fremden.

„Sie haben partout nichts vergessen, wie?“, spottete der Baron.

„Nein, das ist übrigens Charly. Und noch etwas, Baron: Sie sollen sich bei uns wohlfühlen. Deshalb lassen wir Ihnen Bessy da. Vergessen Sie nur nicht, dass sie Charlys Braut ist. Charly reagiert da immer sehr eigenwillig. Adios, Baron!“

Damit watschelte der Dicke zur Tür. Sie flog vor ihm auf, und sofort richtete sich der Lauf eines schallgedämpften Revolvers auf den Baron. Dahinter streckte sich ein Arm in den Raum, und der Baron sah überdies ein schnauzbärtiges, olivfarbenes Gesicht mit dunklen buschigen Brauen und zwei fast schwarzen Augen.

Romanow blieb neben seinem Beschützer stehen, deutete auf ihn und sah den Baron an. „Und das, Baron, ist Oliver. Er wird Charly unterstützen. Also denn, Baron, die Arbeit zwingt mich zum Aufbruch. Und folgen Sie den beiden! Dann wird es Ihnen an nichts fehlen!“

Das olivfarbene Gesicht in der Tür entspannte sich zu einem diabolischen Lächeln. Romanow verschwand, und jener Oliver stellte sich in seiner ganzen Breite in die Tür. Groß war dieser Bursche nicht, dafür breit. Irgendwie hatte er gewisse Ähnlichkeit mit einem Gorilla, und als solcher fungierte er offenbar auch.

Der Baron sah sich um. Charly stand immer noch am Fenster.

„Ihrem Freund wird es draußen kühl. Holen Sie ihn ruhig herein“, sagte er zu Oliver.

Oliver war vielleicht fünfunddreißig, stammte ganz sicherlich nicht aus England, eher schon aus Südamerika. Als er den Baron nun angrinste, zeigte er seine quittegelben Zähne, die auch noch außerordentlich groß geraten waren, als bestünde tatsächlich eine gewisse Verwandtschaft zu den Menschenaffen.

Aber bevor der Baron eine Antwort von Oliver bekam, tauchte Bessy wieder auf. Sie stolzierte an Oliver vorbei, der ihr grinsend Platz machte. Diesmal war sie angezogen, aber der Hosenanzug, den sie trug, lag wie eine zweite Haut auf ihrem herrlichen Körper, so dass im Grunde wiederum nichts verborgen war.

Schade, dachte der Baron, dass in soviel Schönheit das Hirn einer Grasmücke sitzt.

„Hallo! Ich bin wiedergekommen.“

„Man sieht es“, erwiderte der Baron geringschätzig.

Sie pflanzte sich in einen Sessel und streckte sich wohlig aus. „Sind Sie mir böse?“, frage sie scheinheilig.

Der Baron gab ihr keine Antwort, sondern ging auf Oliver zu, der sofort seinen Schalldämpfer-Revolver hob und auf ihn zielte. „Stopp! Kommen Sie mir nur nicht zu nahe!“, sagte er in hartem Englisch.

„Woher stammen Sie denn? Bolivien?“, fragte der Baron.

„Das geht Sie nichts an! Setzen Sie sich hin!“

Der Baron tat nichts dergleichen. Er hatte zum Fenster gesehen und festgestellt, dass Charly nicht mehr dort stand.

„Hören Sie, wir haben Ihren Sekretär. Wenn Sie hier Zicken machen, bringen wir den mit dem Kopf nach unten in die Themse.“

Der Baron lächelte, als interessierte ihn das nicht. „Na und?“

Etwas verwirrt erwiderte Oliver: „Wollen Sie den einfach abschreiben?.“

„Ich bin nicht übermäßig sentimental, Sportsfreund“, bluffte der Baron.

„Sagen Sie das auch von Dupont?“ Oliver lehnte sich an den Türrahmen und sah sein Gegenüber gespannt an. „Er wird Le Beau genannt. Ist doch Ihr Freund? Sollen wir den vielleicht in die Themse schmeißen?“

„Die Nürnberger hängen keinen, den sie nicht haben, sagt man bei uns“, erklärte der Baron so gleichgültig, als spräche er über absolut belanglose Dinge.

„Wir haben ihn. Ich selbst habe ihn gebracht. Da!“ Oliver zog mit der Linken etwas aus der Tasche seiner Lederjacke. Es war die Brieftasche von Le Beau. „Reicht das? Ich kann Ihnen aber auch Le Beau selbst vorführen. Später. Jetzt haben wir noch andere Sorgen. Gleich kommen Sie auch damit dran. Wir brauchen nämlich Ihre Fingerabdrücke. Und ausziehen müssen Sie sich auch.“

„Huch! Wie schön!“, rief Bessy von ihrem Sessel her. „Ganz nackt?“

„Hör auf, du verrücktes Aas!“, fauchte Oliver. „Wenn das Charly hört, klebt er dir eine!“

„Man wird doch wohl noch einen Scherz machen dürfen“, maulte Bessy und kroch fast in die Polster. Jedenfalls sank sie in sich zusammen wie ein schmollendes Kind.

„Was habt ihr vor?“

Oliver trat ein, stieß die Tür hinter sich mit dem Fuß zu und lehnte sich gegen die Füllung. „Wissen Sie, Baron, wer Romanow ist?“

„Vorher nie von ihm gehört.“

„Aber von der Pantherbande haben Sie gehört. Oder?“

„Aha. Und das seid ihr?"

Oliver nickte grinsend und schob sich ein Stück Kautabak in den Mund, auf dem er lutschte wie auf einem Bonbon.

Also daher kommen die gelben Zähne, dachte der Baron.

„Wir sind es. Lauter große Fische, die wir an Land ziehen. Die Bodenbank in New York, Wells Fargo-Bank in Los Angeles, Staatsbank in Wien, die Brillanten von Sophia Loren, die Postgelder in Lyon, das ist unsere Marke. Da staunen Sie, was?“

„Und nun London. Was ist es diesmal? Der britische Kronschatz?“

„Das möchten Sie wissen, was? Aber Sie müssten es wissen, mein Lieber!“

Er tut sich wichtig, dachte der Baron. Er packt noch mehr aus, wenn ich ihn nur richtig behandle. Aber er wird Bessy scheuen, die dann womöglich darüber spricht.

„Können Sie Bessy nicht wieder zu ihrem Freund schicken? Ich glaube, hier ist sie absolut überflüssig.“

Oliver lachte und verlor fast seinen Priem dabei. „Ich dachte, Sie sind wild auf Weiber? Hat man gesagt."

„Romanow?“

„Stimmt. Und er hat’s vom Boss. Aber den kenne ich wieder nicht. Also gut, komm, Bessy, geh raus!“

Sie tauchte wieder hinter der Lehne auf. „Aber Gregor hat gesagt...“

„Raus! Er mag dich nicht!“

Bessy wuchs in die Höhe wie ein Periskop. „Sie mögen mich nicht?“, fragte sie und sah den Baron entrüstet an. „Ich bin doch nicht hässlich!“

„Ich mag Sie schon“, erwiderte der Baron, der nicht unnützerweise die Frau gegen sich aufbringen wollte. Sie schien ein rechtes eitles Dummchen zu sein, aber wenn es um ihre weiblichen Reize ging, kannte sie offenbar keinen Spaß. Schließlich war es alles, was sie an Kapital vorzuweisen hatte. „Ja, ich mag Sie, aber was wollen wir beide denn schon anfangen, jetzt und in dieser Lage?“

Sie kam um den Sessel herum, blieb vor ihm stehen und sah zu ihm auf. Alles an ihr wirkte weich und reizte zum Anfassen. „Ich mag dich auch, Sweety! Und wie ich dich mag. Du gefällst mir, Honey! Also gut, ich gehe. Aber ich komme wieder!“

Oliver machte ein saures Gesicht. „Wenn ich das Charly sage, legt er dich übers Knie!“, drohte er.

Sie stolzierte hoch erhobenen Hauptes an ihm vorbei, öffnete die Tür und sagte schnippisch: „Glaubst du, Charly ist der Größte? Gegen den Baron ist er ein mieser Knacker!“ Und raus war sie. Die Tür knallte hinter ihr zu.

Oliver sah wütend auf die Klinke und knurrte: „Weiber!“

Der Baron ging zum Fenster und sah in den nebelverhangenen Park. Aber es war die Rückseite des Hauses, und er erspähte keine Menschenseele.

„Glauben Sie, Oliver, dass Sie mich hier anbinden können?“

Oliver kam ein paar Schritte näher und setzte sich auf die Kante des Marmortisches.

„Sie werden klug sein, Baron. Man hat uns sehr viel von Ihnen erzählt, und immer waren Sie klug. Vielleicht leben Sie deshalb noch. Ich will Ihnen etwas sagen, was nicht einmal Romanow gesagt hätte: Sie kennen doch die Sammelaktion für das Kinderkrankenhaus in Madrid.“

„Natürlich, dafür habe ich selbst etwas tun können.“

„Ich weiß, Baron. Sie haben sogar ’ne Menge getan, als Sie die Wette mit Sir Allan gemacht haben, und dann mit einem Flugzeug von 1932 allein über den Atlantik geflogen sind. Für hunderttausend Mille, die in den Pott der Sammlung kommen sollten. Sir Allan und seine Zeitung haben die hunderttausend Dollar bezahlt. Dafür möchten wir Ihnen auch danken, Baron. Wir sind nämlich dabei, das Geld abzuholen. Ihre Wette und alles übrige. Insgesamt, sagt Romanow, ist es etwas über eine Million, alles Geld, das liebe englische Menschen für die armen spanischen Kinder gespendet haben.“

„Aha, jetzt komme ich darauf. Dieses Geld wird morgen der Bank zum Auswechseln in Gold übergeben.“

„Sie sind schlecht informiert, Baron. Ihr Sekretär fehlt Ihnen. Also das ist heute schon passiert. Aber die Spanier, die Regierung wollen das Geld in Gold haben. Die brauchen Devisen, verstehen Sie! Und dieses Gold wird heute schön in Stahlkisten verpackt von einer Abordnung der Sammelaktion im Hafen auf ein spanisches Schiff gebracht. Es wird nicht dort ankommen, Baron. Aber man hat natürlich Sicherheitsmaßnahmen getroffen. Wir allerdings auch. Sehen Sie, Baron, und dazu brauchten wir Sie, Le Beau, Ihren Chauffeur und Ihren Sekretär. Die Leute, die den Überfall durchführen, Baron, werden so aussehen wie Sie, wie Le Beau, wie Ihr Sekretär und wie Ihr Chauffeur. Und Bessy wird auch dabei sein. Sie wird leider ihre Handtasche verlieren, in der sich ein Foto befindet. Das Foto, das wir eben von ihr und Ihnen gemacht haben. Dann kann die Polizei in aller Ruhe herausfinden, dass Sie es wirklich gewesen sind. Denn die Spur der flüchtigen Räuber führt hierher, Baron. Indessen sind wir mit der Beute schon weit.“

Der Baron lächelte. „Gut ausgedacht. Nur schade, dass nichts daraus wird!“

„Wieso?“

„Deshalb!“

Der Baron zuckte herum, warf eine Vase, die er von der Konsole des Kamins riss, auf Oliver zu, sprang nach und schlug dem Gorilla den Schalldämpfer-Revolver aus der Hand.

Oliver griff sofort an, aber der Baron begegnete ihm mit einem Karateschlag, den Oliver beim besten Willen nicht verdauen konnte. Er segelte über die Marmorplatte und plumpste mit dumpfem Schlag auf der anderen Seite auf den Teppich.

Der Baron sprang zum Fenster, stieß es auf, aber da tauchte dort wie ein Schatten Charly auf. Der Baron stieß sich ab, flog Charly entgegen, der seine Maschinenpistole hochriss, aber dann doch nicht mehr zum Schuss kam. Der Baron schlug, sie ihm aus der Hand, riss Charly mit sich auf den laubbedeckten Boden und wollte ihn gerade mit einem harten Karateschlag außer Gefecht setzen, da traf etwas seinen Hinterkopf mit solcher Härte, dass er meinte, in ein unendlich tiefes Loch zu versinken. Alles drehte sich, er sah rote Punkte vor Augen und versank in tiefe Bewusstlosigkeit. Er konnte nicht mehr hören, wie eine Stimme sagte:

„Ihr beiden Idioten! Schafft ihn wenigstens jetzt schnell weg! Und diesmal legt ihr ihm Handschellen an Hände und Füße!“

*

Als er erwachte, saß Bessy neben ihm. Er sah zuerst ihre Augen, die ihn so blau und so traurig anblickten. Dann entdeckte er über sich eine ziemlich tiefe Wand. Es roch nach Moder. Eine funzelige Lampe verbreitete nur spärliches Licht. Ihr Schein fiel genau in Bessys Gesicht, das bleich und bekümmert wirkte.

Er versuchte die Hände zu bewegen, aber das ging nicht. Ich bin gefesselt, dachte er.

„Sie haben nur eine Beule“, sagte Bessy. „Und eine kleine Platzwunde, aber die habe ich verpflastert.“

Verblüffenderweise verspürte der Baron keinen Schmerz im Kopf, noch nicht. Er entsann sich aber dessen, was geschehen war.

„Wo bin ich?“, fragte er, und seine Stimme klang dabei so merkwürdig, dass sie ihm selbst fremd vorkam.

„Im Keller. Sie wollten nicht, dass ich mich um Sie kümmere, aber dann hat Romanow es doch gestattet.“

„Wer hat mich niedergeschlagen?“

„Mike Down, einer von Romanows Männern. Er ist vom Dachfenster heruntergesprungen. Sie hatten wirklich Pech, dass er gerade oben war, als Sie weg wollten. Und Oliver war böse. So böse, dass Charly ihn zurückhalten musste, sonst hätte er Sie am liebsten umgebracht.“

„Und jetzt?“

„Sie sind alle weg, bis auf Oliver und Mike. Auch Charly musste mit. Romanow hat getobt, weil Sie bis in den Park gekommen sind und Charly die Maschinenpistole aus den Händen schlagen konnten. Man hat vorhin Fingerabdrücke von Ihnen genommen. Deshalb sind Ihre Hände so schwarz.“

„Was versprechen Sie sich davon, dass Sie hier bei mir sitzen?“, fragte er und sah sie prüfend an. So dämlich, wie er gedacht hatte, war sie womöglich gar nicht. Und hübsch sah sie auf alle Fälle aus, sogar im Dämmerlicht. Na ja, und sexy war sie auch, von Kopf bis Fuß. Eigentlich schrie alles an ihr nach Bett. Schamgefühl war ungefähr das letzte, was sie an der Erotik hindern konnte. Trotzdem war sie ihm rätselhaft. Was ging in diesem Mädchen vor? War sie ein Werkzeug, ein Robotertyp, dem man eine bestimmte Aufgabe eingeimpft hatte, oder besaß sie einen eigenen Willen?

Sie lächelte. „Ich mag Sie, Baron. Ich habe Sie eigentlich von dem Moment an gemocht, wo Sie aufgetaucht sind. Es ist mir nicht schwergefallen, das zu tun, was mir Romanow gesagt hatte.“

„Sie genieren sich offenbar nicht, unter Zeugen nackt vor einem Mann zu stehen.“

„Warum denn? Wenn er nett ist, dann schon gar nicht. Sie sind doch nett. Und genieren... was heißt das? Das ist etwas für Spießer.“

„Seit wann kennen Sie diese Leute, Bessy?“

„Seit ein paar Wochen. In Paris habe ich sie kennengelernt. Es ging mir dreckig. Ein Manager hatte mir versprochen, mich beim französischen Film zu lancieren, aber... na ja, Sie wissen ja, wie das so ist. Ich bin dann beim Tingeltangel gelandet.“

„Striptease?“

„Nein, das hätte ich schon gerne gemacht. Sie bezahlen es gut, aber nicht einmal dazu hat es gelangt. Ich war Animiermädchen in einer Nachtbar. Es war widerlich. Immer mit Gästen abknutschen, wildfremde Leute. Natürlich wollten die alle mit mir schlafen, aber das gab es nicht. Da hat die Chefin aufgepasst. Wenig Geld, jeden Abend viel Alkohol, zu viele Zigaretten. Ich vertrage das nicht. Und da lernte ich Charly kennen. Er hat mich dort ’rausgeholt.“

„Aus Dankbarkeit tun Sie nun alles, was diese Leute von Ihnen wollen.“

„Nicht alles. Charly hat mir gefallen. Sie sind aber besser, Sir.“

„Haben Sie nichts, um die Handschellen abzunehmen?“, fragte er.

„Es geht mit einem Schlüssel auf, aber den hat Romanow. Auch Ihre Füße sind gefesselt.“

„Oliver sagte, dass auch mein Freund Dupont, mein Chauffeur James und mein Sekretär Robert in der Gewalt dieser...“

„Ja, die sind auch hier gewesen, aber Romanow hat sie alle drei wegschaffen lassen. Der eine, den haben sie Le Beau genannt. Der hat vielleicht gekämpft. O je, das ist eine richtige Schlacht gewesen. Doch sie haben ihn überwältigt. Er hätte mir auch gut gefallen, dieser Le Beau.“

„Das ist Dupont.“

„Er hat mich an Jean Belmondo erinnert. Er ist nett.“ Sie blickte verträumt zur Decke.

Offenbar teilt sie die Männer in nette und weniger nette ein, dachte der Baron. Welch ein Glück, dass ich ihr gefalle. Vielleicht kann sie mir helfen. Sie weiss anscheinend auch eine Menge, und ich begreife nur nicht, dass Romanow sie einfach bei mir zurücklässt. Ist sie unsicher, kann er das doch nicht riskieren. Also muss er sicher sein, dass sie genau das tut, was er voraussehen kann.

Sie sah ihn wieder an, lächelte und sagte schlicht: „Jetzt fragen Sie sich, was Sie von mir halten sollen, nicht wahr?“ Sie flüsterte plötzlich: „Wenn Sie mir etwas versprechen, helfe ich Ihnen wirklich.“

„Was soll ich Ihnen versprechen? Die Ehe?“, fragte der Baron ironisch.

Sie lachte leise. „Sie Spaßvogel! Ich bin gar nicht scharf auf eine Hochzeit. Das geht doch sowieso immer schief. Nein, ich möchte etwas anderes. Sie können mir helfen. Sie haben so viele Freunde, auch welche, die beim Fernsehen und beim Film sind. Ich habe eine gute Stimme. In Boumemouth habe ich Sprachkurse gemacht. Ich war bei Madame Regnier in der Schauspielschule, aber dann hatte ich kein Geld mehr und musste aufgeben.“

„Weiß Romanow von diesen Ambitionen? Haben Sie keine Angst, dass er Ihnen heimleuchtet, wenn Sie hier abspringen?“, fragte der Baron, der nicht glauben wollte, dass Bessy dies alles auf eigene Rechnung sagte. Wer weiß, dachte er, wer ihr das eingetrichtert hat. Vielleicht ist das alles ein Stück von Romanows Plan.“

„Ach, Gregor, was kümmert den das schon“, murmelte sie und versank in Schweigen.

Seine Gedanken schweiften ab. Er entsann sich jener Sammelaktion, von der Oliver gesprochen hatte. Tausende hatten gespendet, auch und vor allem viele Menschen mit mittlerem oder kleinem Einkommen. Penny war zu Penny gekommen, Shilling zu Shilling, und schließlich machte der Betrag über zweihunderttausend englische Pfund aus, doch für die Klinik reichte das immer noch nicht. Da ging der Baron jene Wette ein, mit einem altersschwachen Doppeldecker den Atlantik im Nonstop Flug zu überqueren. Preis: hunderttausend Dollar. Zwei große Zeitungen, eine amerikanische und eine britische, setzten den Preis aus. Der Baron flog und schaffte den Sieg zum Wohl kranker spanischer Kinder, für die jene Spende gedacht war. Ein Ärzteteam und zwei berühmte Architekten wollten davon eine hochmoderne Klinik in Madrid bauen. Die spanische Regierung feierte dieses Vorhaben, wollte aber keinen Scheck, sondern pures Gold. Und genau das war auch das Ziel von Romanows Plan. Das Gold.

„Bessy. wissen Sie, dass Sie dabei sind, sich an einem Verbrechen mitschuldig zu machen?“, fragte er.

Bessy nestelte an ihrer enganliegenden Bluse herum. „Ja ich weiß, aber ich glaube nicht, dass ich mitmache. Ich bin bereits ausgestiegen, jedenfalls im Geiste. Und praktisch steige ich auch noch aus. Es hängt ziemlich viel von Ihnen ab. wie ich das schaffen kann.“

„Glauben Sie, dass Romanow das nicht vielleicht eingeplant hat? Oder denken Sie. dass er gar keine Vorsicht walten ließ?“

„Er denkt, dass ich auf die zwanzigtausend Dollar und die Flugkarte nach Hollywood scharf bin, die er mir versprochen hat. Ich war es wirklich. Ich war es bis vor einer Stunde, Baron. Und er weiß nicht, dass ich es nicht mehr bin.“

Der Baron traute ihr nicht, trotz allem. was sie behauptete. Aber wenn sie ihm jetzt helfen konnte, die Handschellen loszuwerden, war das zumindest ein Fortschritt.

„Besorgen Sie doch eine Stahlsäge oder dergleichen. Eine Feile würde es auch tun. Dann würde ich Ihnen glauben können, Bessy.“

„Sie können mir glauben, Baron!“, versicherte sie und stand auf. „Ich will sehen, dass ich etwas finde. Allerdings wird Oliver aufpassen - und wenn ich erst einmal hier herauskomme, lassen die mich nicht wieder herein. Die denken doch, dass ich nur Ihre Wunde am Kopf versorge. Deshalb bin ich hier.“

„Sagen Sie, Sie müssten noch etwas holen, Jod oder so etwas.“

„Ich will es versuchen.“ Sie nickte ihm aufmunternd zu und ging wegen der niedrigen Deckenhöhe gebückt zu einer Stahltür. Dort hing auch die Lampe. „Ich muss sie mitnehmen. Im Keller brennt kein Licht.“ Dann öffnete sie die Tür und ging gebückt nach draußen. Der Baron hörte ihre Schritte tappen, dann auf eine klirrende Leiter treten. Wieder quietschte eine Tür, und dann rief Bessy: „Oliver, mach auf! Ich muss etwas holen.“

*

„Nun halte das Foto doch mal höher, ich sehe ja nichts!“, rief der langhaarige, rotblonde Maskenbildner und beugte sich weit über die Schulter des Mannes im Sessel, dessen Gesicht er bearbeitete.

Neben dem Spiegel stand Charly White mit einem lebensgroßen Porträt des Barons in den Händen, das er so hielt, damit der Maskenbildner es immer vor Augen hatte.

Der Mann, an dem der rothaarige Maskenbildner arbeitete, war etwa fünfundzwanzig, aber je länger an ihm getuscht, gepinselt und geklebt wurde, desto mehr veränderte er sich in einen Menschen, der frappierende Ähnlichkeit mit seinem Vorbild auf dem Foto annahm.

Der Maskenbildner sah nicht nur aus wie ein Künstler, er war einer. Zwei Beweise dafür saßen in den Sesseln im Hintergrund des mit grellen Neonlampen erhellten, fensterlosen Raumes.

Der eine Beweis war mittelgroß, drahtig, muskulös, und im Gesicht wie von vielen Faustkämpfen gezeichnet. Das Gesicht Michel Duponts, genannt Le Beau. Aber das war nicht Le Beau, sondern ein in vielen europäischen Ländern bei Polizeiexperten bestens eingeführter Krimineller namens Jean Petit, und wie Le Beau war er Franzose und sprach mit entsprechendem Akzent.

Der zweite Beweis von der Kunst des Maskenbildners McDougall war ein großer und breitschultriger Mensch, der neben dem vermeintlichen Le Beau saß. Und auch er täuschte eine Person vor, die er nicht war, nämlich den Chauffeur James, der seit Jahren für den Baron fuhr und auch sonst eine Menge Dinge tat. Dieser hier war ein Double, wie es perfekter nicht kopiert sein konnte. Hinter der kunstvollen Maske steckte der Amerikaner Hank Forester, der seine Laufbahn vor zwanzig Jahren als Rausschmeißer in einem Nachtlokal in New York begann und allmählich Spezialist für brutale Gewaltanwendung wurde. Mittlerweile suchte ihn außer dem FBI, das ihm drei Morde nachgewiesen hatte, auch die französische Polizei, nachdem Forester in Lyon einen Polizisten totgeschlagen haben sollte.

McDougall konnte etwas, aber deshalb hatte er dennoch weder beim Film noch beim Fernsehen eine Chance, weil er im Zuchthaus von Dartmoor gesessen hatte. Ein Makel, den man ihm nie verzieh. Und außerdem war McDougall süchtig. Damit hatte alles angefangen.

Gregor Romanow marschierte hinter McDougall auf und ab. Seine Zigarre, die er wie einen Schnuller zwischen den Lippen klemmen hatte, dampfte wie der Schornstein einer Rangierlok. Jetzt blieb er stehen, nahm die Zigarre heraus und sagte schroff: „Wie lange willst du denn noch an ihm herumdoktern? Mensch, McDougall, wir wollen das Gesicht heute haben und nicht zu Weihnachten! Den Sekretär musst du auch noch machen.“

McDougall drehte sich empört um und sah Romanow wild an. „Entweder mache ich es richtig oder gar nicht!“, fauchte er gereizt.

„Du willst doch Stoff von uns, nicht wahr? Also streng dich etwas an! Du bekommst nichts, wenn du weiter so herumtrödelst. Wir müssen in einer Stunde unterwegs sein. Ich hoffe, das ist bei dir angekommen.“

Romanow zog seine Taschenuhr aus der Weste, ließ den Deckel aufschnappen und blickte zornig aufs Zifferblatt. „Bessy ist auch noch nicht hier! Charly, allmählich wird mir das mit deiner Kleinen zu dumm!“

„Soll ich im Landhaus anrufen?“, fragte Charly. Er blickte gleichgültig über das Foto, das er hielt, hinweg. Seine grauen Augen wirkten kalt und skrupellos. Ansonsten sah Charly gut aus. Blond, männlich, kräftig. Aber in den Augen und um seinen Mund stand geschrieben, was in ihm steckte. Zehn Jahre Fremdenlegion, davon fünf in Indochina, sieben weitere Jahre bei Romanow hatten ihn zu dem gemacht, was er jetzt war: zu einem eiskalten, knochenharten Burschen, der sich nur für zwei Dinge erwärmen konnte: für Frauen und Geld.

„Anrufen, anrufen!“, äffte ihm Romanow nach. „Das lassen wir schön bleiben! Es wird nicht telefoniert, wo jederzeit irgendwer mithören kann, und wenn es rein zufällig ist. Hoffentlich hast du diesmal nicht wieder Mist gebaut und die drei Experten gut an die Leine gelegt.“

„Die kommen nicht los. Dieser Le Beau spielte ja ganz schön verrückt, aber genutzt hat ihm das nicht viel.“

„Sieh noch mal nach den Brüdern, ich halte solange das Bild!“, befahl Romanow.

Charly White steckte sich ein Streichholz in den Mund und ließ es von einem Winkel zum anderen wandern, dann ging er lässig davon.

Er hatte nicht weit zu gehen. Das Haus lag direkt neben einer U-Bahn-Station, und das Rattern der Züge ließ jedes Mal die Mauern erzittern. Charly trabte über die eiserne Treppe nach unten. Seine Tritte hallten in dem verkommenen Gewölbe wider. Durch einen Lichtschacht fiel nur wenig Helligkeit auf die Stufen. Weiter unten brannte eine schmutzige Lampe. Sie erleuchtete eine Tür mit zerschlissenen Plakaten darauf.

Charly öffnete die Tür, gelangte in einen Kellergang, schloss die Tür wieder und erreichte in dem spärlich erhellten Gang eine weitere Stahltür, die braun von Rost war. Er musste sie aufschließen, kam in einen Raum, in dem ein Exhaustermotor für die U-Bahn-Belüftung stand, der einen infernalischen Lärm machte.

Charly ging um den Motor herum, knipste das Licht über einer weiteren Tür an, die er ebenfalls aufschloss. Dann nahm er eine Stablampe von einem Nagel und schaltete sie an. Als die Tür aufschwang, leuchtete Charly in einen dunklen Raum, in dem an zwei Stützpfosten drei Männer mit Handschellen angekettet waren. Der Hüne James, des Barons Chauffeur, der drahtige, muskulöse Le Beau mit dem zerschlagenen Gesicht, und an der zweiten Säule der glatzköpfige, etwas korpulente Robert, der Sekretär des Barons. Sie alle blickten geblendet in den grellen Schein der Lampe. Bei Le Beau sah man noch deutliche Spuren des Kampfes, den er seinen Bezwingern geliefert hatte. Auch James trug noch Zeichen davon. Robert, der nie ein Kämpfer war und auch nie sein wollte, wirkte wie ein misshandeltes Tier.

„Na, da seid ihr ja noch schön beisammen. Noch zwei Stunden, dann dürft ihr hier heraus.“ Charly lachte.

Heiser und krächzend rief ihm Le Beau zu: „Dann bete mal zu deinen Heiligen, mein Junge. Wenn wir frei sind, dann hast du keine ruhige Minute mehr. Dich nehme ich ganz persönlich auseinander!“

„Nimm nur das Maul nicht so voll, mein Freund! Mit dir sind wir einmal fertig geworden und werden es wieder. Und mit dir auch, Elefantenbaby!“ Dabei sah er auf James.

James war nicht nur groß und breit, er hatte auch Bärenkräfte, aber bevor sie ihn übermannten, bekam er einen Bausch Watte mit Chloroform ins Gesicht, und dagegen war kein Kraut gewachsen.

„Lach du ruhig, Söhnchen“, sagte James mit abgrundtiefer Bassstimme. „Lach nur, wenn dir das Spaß macht. Wir lachen auch mal wieder. Und dann, Söhnchen, wirst du nicht mehr lachen.“

„Versprechungen, alles Versprechungen! Ihr seht ja, wo ihr geblieben seid! Und wenn wir euch freilassen, dann habt ihr verdammt andere Sorgen! Haha!“

Und mit diesen Worten ging er wieder und schloss eine Tür nach der anderen hinter sich ab. Der rumorende Exhaustermotor übertönte alle übrigen Laute.

*

Der Baron wartete vergeblich auf Bessy; sie kam nicht wieder. Statt dessen brachte ihm nach einer halben Stunde der alte Mann mit dem Backenbart etwas zu trinken. Da der Baron keine Hand frei hatte, musste ihm der alte Diener die Tasse wie einem kleinen Kind an den Mund halten.

Auch Oliver war mitgekommen und lehnte unter der funzeligen Lampe neben der Tür. Amüsiert sah er zu, seinen schallgedämpften Revolver lässig in der Rechten haltend.

„Was habt ihr mit Winters gemacht?“, fragte der Baron, als er getrunken hatte.

Der alte Diener sah entsetzt auf Oliver, der jetzt herablassend grinste. „Sie haben ihn auf dem Speicher oben. Er ist von ihnen zusammengeschlagen worden! Diese Lumpenkerle!“

„Ruhig, Alter, nicht so wild!“, mahnte Oliver. „Übrigens, Baron, Winters hat uns die Schulden bezahlt, die er bei Ihnen hat. Er wollte das ja heute mit Ihnen regeln, aber wir waren so frei, den Scheck einzulösen. Er hatte ihn sogar schon für Sie geschrieben. Verlangen Sie also später nichts von ihm, was er schon einmal gegeben hat. Und Ihnen danken wir natürlich für diese milde Gabe.“ Oliver lächelte amüsiert und fuhr fort: „Bessy ist nicht mehr im Haus. Sie hat jetzt zu tun. Übrigens, unser Plan hat sich ein wenig geändert. Sie sind schon in zwei oder drei Stunden frei. Machen Sie es sich bis dahin bequem.“

„Oliver, was ist mit meinen Leuten?“, fragte der Baron scharf.

Oliver lachte. „Keine Sorge, Baron, denen geht es so gut wie Ihnen. Und damit Sie sich nicht ängstigen: Wir sind Männer, die einen Mord vermeiden, wenn es geht. Es liegt viel an Ihnen, ob wir das immer berücksichtigen können. Kommen Sie nur nicht auf die verrückte Idee, irgendwann einmal nach uns suchen zu wollen. Wir lassen jemanden zurück, den Sie nicht kennen, der Ihnen aber das Licht ausbläst, wenn Sie der Hafer juckt. Und jetzt raus, Alter! Die zwei, drei Stunden wird er auch ohne uns gut überstehen. Übrigens, Baron, dem alten John gebe ich dann die Schlüssel für die Handschellen. Er macht Sie los.“

Der Alte schlurfte hinaus, und Oliver folgte ihm, verriegelte dann von außen die Tür, und der Baron war wieder allein.

Hier half kein Trick, es gab auch keine Chance, die Ketten abzustreifen. Die Geschichte sah böse aus, und der Baron war sich völlig darüber im klaren. Ihm wurde auch bewusst, wie es sich weiter abspielen sollte. Diese Pantherbande hatte einen schlimmen Ruf, und was die Polizei verschiedener Länder am meisten bekümmerte, diese Verbrecher wandten nie die gleiche Methodik an. Aber eine Eigenart hatten sie doch: Ein paar Monate nach ihrer Tat sandten sie irgendeiner Zeitung jenes Landes die Mitteilung, dass sie, die Pantherbande, die Verantwortung für das bestimmte Verbrechen übernähmen. Bis zur Stunde war es noch keiner Polizei, ob in Frankreich, USA oder sonstwo, gelungen, nur ein Mitglied der Bande zu fassen. Und womöglich würde es auch diesmal wieder so sein, sagte sich der Baron.

Er sah sich im Geiste schon verhaftet. Natürlich würde ihm die Polizei nicht glauben, dass er von Verbrechern gedoubelt worden war. Oder doch? Der Alte wusste doch eine Menge. Der alte John würde der Polizei doch sagen, was gewesen war. Und Winters, der wusste doch auch ...

Halt, überlegte der Baron, hier steckte ein Haken. Romanow konnte sich das ebenso ausrechnen. Wieso also konnte er sicher sein, dass weder der alte John noch sein Herr, der General, reden würden? Wieso konnte er es sich leisten, Bessy plaudern zu lassen? Was gab Romanow soviel Sicherheit?

Vielleicht war das mit dem Überfall auf das Gold nur ein Bluff? Womöglich wollten die Verbrecher etwas völlig anderes durchführen. Auch diese Terminverschiebung hätte in dieses Bild gepasst.

Er sinnierte, fand aber doch keinen Ausweg, und vor allem konnte er sich nicht aus seiner gegenwärtigen Lage befreien. Im Film, dachte er, haben sie dann immer irgendwie noch eine Chance, können sich befreien, werden gerettet... aber die Wirklichkeit sieht eben anders aus, überlegte er bitter.

Die Minuten tröpfelten wie Honig.

*

Das Bild war täuschend echt. Der Bentley des Barons rollte mit rauschenden Reifen leise durch die Straße, am Steuer James, wie es schien. Hinten im Wagen saß Robert, wie immer, auf dem Klappsitz, den Rücken zum Fahrer gewandt. Im Fond der Baron, neben ihm Michel Dupont, genannt Le Beau. Dem Bentley folgte ein Sportwagen, der trotz des nebligen Tages kein Verdeck trug. In ihm saß Charly am Steuer, neben ihm Bessy mit wehendem Blondhaar. Jetzt hatte sie sich allerdings eine Pelzjacke angezogen und kuschelte sich tief in die Lederpolster.

Der rote MG schnurrte lautstark hinter dem Bentley her und bog hinter ihm in den Kreiselverkehr am Piccadilly ein. Ein dunkelblauer Polizeitransporter setzte sich jetzt zwischen Bentley und MG. Zwei mürrische Polizisten saßen vorn in diesem Bedford. Der eine Polizist hatte eine verteufelte Ähnlichkeit mit Oliver. Der Polizist im Inspektorrang neben ihm ähnelte wiederum Gregor Romanow. Alle drei Autos fuhren nun in Richtung auf den Hafen. Kurz vor der Hafenzone gesellte sich noch ein viertes Fahrzeug hinzu, ein unscheinbarer Mini Cooper, den eine Frau lenkte. An der Windschutzscheibe stand auf einem kleinen weißen Schild: Press Daily Mail.

Die junge Dame, die den Mini Cooper lenkte, war sehr schlank, trug eine Brille und hatte einen etwas zu strengen Gesichtsausdruck für eine junge Frau. Unbeirrt folgte sie jetzt dem Bentley, obgleich der Polizeiwagen hinter ihr mehrfach versucht hatte, sie zu überholen. Der Mini Cooper blieb dicht hinter der schweren Limousine.

Der Konvoi hatte jetzt den alten Hafenzoll erreicht und rollte durch die von Silos und Frachtschuppen umsäumte Straße zur Überseepier.

Indessen gelang es dem Polizeiwagen endlich, sich mit ziemlicher Rücksichtslosigkeit an dem Mini Cooper vorbeizuzwängen und hinter den Bentley zu setzen. Die junge Dame musste scharf bremsen, wobei ihr fast der MG ins Heck raste. Als nun auch der MG überholen wollte, war die junge Dame so erbost, dass sie wütend Gas gab und dicht hinter dem dunkelblauen Polizeikofferwagen blieb.

Der MG hupte, aber die junge Dame wich nicht.

Plötzlich sah sie im Rückspiegel, wie der Fahrer des MG etwas vor den Mund nahm, das wie ein Mikrofon aussah. Und keine zwei Sekunden später bremste der Polizeiwagen so heftig und unvermittelt ab, dass der kleine Mini Cooper mit einem Knall dagegen fuhr. Der Polizeiwagen gab wieder Gas, die junge Dame saß noch wie ein geprellter Frosch hinter dem Lenkrad ihres zum Stehen gekommenen Wagens, und der MG fegte jetzt rechts an ihr vorbei. Der Fahrer blickte zu ihr hinüber und grinste sie höhnisch an, während die Blondine neben ihm versuchte, ihr Gesicht zu verbergen.

Entrüstet stieg die junge Dame aus ihrem zerbeulten Wagen, sah sich um, doch keine Menschenseele schien in der Nähe zu sein. Und der Polizeiwagen als auch die beiden anderen Fahrzeuge wurden kleiner und kleiner.

Die Hafenstraße schien wie ausgestorben zu sein. Und der Mini Cooper hatte vom eine riesige Beule, kaputte Lampen und einen Motor, aus dem das Öl langsam, aber sicher auf das Kopfsteinpflaster tropfte.

Die junge Dame war den Tränen nahe, aber sie schluckte ihre Enttäuschung hinunter, stieg kurzentschlossen wieder in den Wagen, versuchte anzulassen, aber außer ein paar gequälten Anlassergeräuschen tat sich nichts. Wütend nahm die junge Frau ihre Handtasche, einen Fotoapparat, die dazugehörige Fototasche und verließ den Wagen und den Platz des kleinen Unfalls. Mit schnellen Schritten ihrer schlanken Beine folgte sie den längst entschwundenen drei Autos, die ihrer Meinung nach denselben Weg genommen hatten, den sie auch hatte fahren wollen.

Aber sie kam nicht weit. Plötzlich rollte von hinten ein Rover heran, dunkelblau, und mit einem Blaulicht auf dem Dach. Zwei freundlich winkende Polizisten sahen aus dem Fenster, der Wagen hielt neben der jungen Dame, und der Fahrer, ein nicht mehr sehr junger Beamter, fragte höflich: „Madam, ist das dort hinten Ihr Fahrzeug?“

„Ja, und man hat ihn mit Absicht beschädigt. Auch noch die Polizei!“

Der Beifahrer, ein etwas jüngerer Mann, stieg aus, kam mit den bewusst langsamen Schritten eines typischen Polizisten um den Wagen herum, baute sich wie das Denkmal Nelsons auf dem Trafalgar Square vor der jungen Dame auf und fragte mit Stentorstimme: „Dann zeigen Sie mir erst mal Ihre Papiere!“

„Die sind im Wagen.“

„Aha. Wie heißen Sie denn?“

„Ich bin Maud Lester vom Daily Mail.“

„Auch noch von der Presse. Na ja, die haben wir ganz besonders ins Herz geschlossen. Steigen Sie mal ein, wir fahren zu Ihrem Auto zurück ...“

In diesem Augenblick stand jedoch fest, dass sich Maud Lester, Journalistin beim Daily Mail, bereits in den Fall verbissen hatte. Auf der Suche nach einem Füller hatte sie rein zufällig das Auto des Barons gesehen und etwas gewittert, mit dem sie die zwei Spalten füllen konnte, die ihr noch fehlten. Jetzt aber ahnte sie schon, dass zwei Spalten gar nicht genügen würden.

*

Es lief ab wie ein Uhrwerk. Das Komitee der Sammelaktion ließ Anweisung geben, dass der Mann, der den Löwenanteil - wie man meinte - für die Aktion gesammelt hatte, mit seinen Begleitern und seiner Limousine durch die Absperrung fahren konnte, die Polizei und Beamte der Bank of England gebildet hatten. Auch das Polizeifahrzeug kam durch, und um die leichte Beule am Heck kümmerte sich keiner. Der MG fuhr nicht mit durch die Sperre auf der Pier. Er hielt direkt neben dem Schlagbaum, der den Liegeplatz des spanischen Motorschiffes „El Alcazar“ von der übrigen Freihafenpier trennte.

Direkt vor der Gangway waren zwei gepanzerte Bankfahrzeuge aufgefahren. Das Komitee der Sammelaktion hatte sich um den Kapitän des Frachters und einige Beamte der spanischen Regierung geschart. Presseleute standen in respektvollem Abstand, Kriminalbeamte hatten sich, wie sie meinten, unauffällig verteilt.

Die Bentley-Limousine des Barons rollte bis zum Komitee; der Polizeiwagen hielt daneben, und zwar so, dass er das Komitee regelrecht zwischen sich und dem Bentley hatte. In diesem Augenblick begann das, was die so zahlreich anwesende Polizei maßlos überraschte.

Ein Hubschrauber kreiste über der Pier, und die Aufschrift „Police“ an seiner Rumpfunterseite schien die Polizei sehr zu beruhigen. Doch plötzlich senkte sich der Hubschrauber, als wolle er landen. Und im gleichen Augenblick hatten Beamte der Bank of England die ersten der insgesamt sieben Kisten mit den Goldbarren aufgeladen. Sie hielten inne und schauten nach oben, wie es fast jedermann auf der Pier tat, weil alle fürchteten, der Hubschrauber könnte im Ladegeschirr des Frachters hängenbleiben. Ganz dicht kreiselte er mit seinem Rotor an den Trossen und Ladebäumen vorbei.

Wie auf ein Kommando flogen plötzlich Rauchbomben aus dem Bentley und dem Polizeiwagen heraus. Der Rotor des tief fliegenden Hubschraubers wirbelte den Rauch binnen weniger Sekunden dicht über den Boden und sorgte dafür, dass im Handumdrehen kein Mensch mehr die Hand vor Augen sah. Leute schrien, jemand drückte auf die Hupe seines Autos, eine Polizeipfeife gellte über die Szene, eine Frau kreischte - und über allem war der infernalische Lärm, den der Hubschrauber vollführte, ohne dass noch jemand imstande war, den Helikopter überhaupt zu sehen.

Dann brüllte der Motor einer Barkasse auf, und als das Durcheinander der herumlaufenden und aneinanderprallenden Menschen am größten war, entfernte sich der Lärm, den der Hubschrauber machte. Es ging viel zu schnell und es kam viel zu überraschend. Als der Rauch endlich ein wenig schwand, lagen Leute am Boden, die gestürzt waren. Neben den Bankautos lagen auch welche, aber die waren nicht gestürzt, sondern waren niedergeschlagen worden. Und die Kisten mit dem Gold schienen wie vom Erdboden verschluckt. Alle sieben.

Die Presse knipste, die Polizei befand sich in hektischer Aufregung, und das Komitee der Sammelaktion lief verstört umher. Der Bentley des Barons stand leer am Tatort. Und die ersten Stimmen wurden laut, die den Baron im Zusammenhang mit diesem Verbrechen sahen.

Nach weiteren zehn Minuten rückte Polizei an, wurde der Platz hermetisch abgeriegelt, kam Scotland Yard. Und allen voran Sir Thomas Hopkins, Chiefintendant vom Yard, und übrigens ein alter Bekannter des Barons, allerdings nicht unbedingt ein Freund. Und auch Maud Lester war zur Stelle. Doch sie blieb nicht dort. Während ihre Pressekollegen noch auf weitere Sensationen am Tatort lauerten, war sie mit einem Taxi unterwegs. Maud Lester, der die Polizei nach ihrem Unfall bescheinigte, eine famose Märchenerzählerin zu sein, hatte eine Spur. Aber auch Sir Thomas suchte nach dieser jungen Dame, nachdem ihm reichlich verspätet von der Geschichte berichtet worden war, die sie den beiden echten Polizisten erzählt hatte.

Sir Thomas war etwas über Sechzig, machte einen stattlichen Eindruck und gehörte zu der alten Garde von Scotland Yard. Er hatte seine Erfahrungen, und vor seiner Pensionierung brauchte er eigentlich noch einen ganz großen Fall, sozusagen zum Abschluss seiner ruhmreichen Laufbahn, die ihm sogar den Adelstitel eingetragen hatte. Dass der Baron in die Geschichte verwickelt war, wunderte ihn wenig. Zu einem seiner Mitarbeiter sagte er, kaum am Tatort angelangt:

„Wie schon Queen Victoria sehr richtig sagte, findet jeder Bock seinen Jäger. Gentlemen, ich denke, diesmal habe ich ihn. Ich wusste ja immer, dass er nur ganz dicke Fische fängt. Aber mein seliger Vorfahr, der Duke of Wellington, hätte Napoleon ja auch nicht zu schlagen brauchen. Doch er schlug ihn.“

„Sir, da half aber der Preuße Blücher mit“, sagte sein viel jüngerer Chefinspektor Howard etwas respektlos. Howard gehörte zu denen, die Sir Thomas für den Untergang des berühmten Yards hielt. Denn Howard war ein sogenannter moderner Mensch. Und moderne Menschen konnte Sir Thomas nicht leiden.

„Blücher? Na ja, der war auch dabei, aber Wellington hat Waterloo für Napoleon zur Hölle werden lassen. Gentlemen, ich habe da die Nachricht von dieser Miss Lester, die bei Daily Mail ist. Die Geschichte passt hier in die Sache. Wir müssen die Dame sofort haben. Kümmern Sie sich selbst darum, Mr. Howard!"

Im Glauben, Howard damit los zu sein, wandte sich Sir Thomas wieder den Dingen zu, die hier am Tatort für ihn von Interesse waren. Und dazu gehörte es, den Journalisten, die inzwischen auf ein gutes Hundert angewachsen waren, zu sagen, dass man bereits eine Spur verfolge, dass alles in besten Händen sei, dass man beruhigt sein könne, weil Scotland Yard alles tue, was getan werden könnte, und im übrigen er, Sir Thomas, die Sache ja nun leite, woraus zu schließen sei, dass dies sozusagen eine Garantie für die rasche Ergreifung der Verbrecher bedeute.

Als das Fernsehen auch noch kam, erklärte Sir Thomas dem BBC-Reporter noch einmal dasselbe, während seine Beamten in sorgsamer Kleinarbeit nach Spuren suchten, von denen ihr Chef behauptet hatte, dass es sie massenhaft gäbe.

Immerhin beruhte Sir Thomas’ Erfolg darauf, dass er immer die richtigen Leute an den richtigen Platz zu setzen wusste. Mitunter geschah es rein gefühlsmäßig, denn Sir Thomas selbst hatte in den letzten fünfzehn Jahren wenig kriminalistisches Geschick bewiesen. Das hatten seine Untergebenen für ihn besorgt.

Aber davon sprach er natürlich nicht, ganz im Gegenteil. Als er sich vor der Fernsehkamera in Pose stellen konnte, konnten ein paar Millionen Fernsehzuschauer vor ihren Bildschirmen eine Stunde später - als die Reportage gesendet wurde - das Gefühl haben, Scotland Yard, das sei Sir Thomas selbst. Ein Genie unter den Kriminalisten dieser Erde.

*

Maud Lester hatte nur eines im Sinn: den roten MG. Sie hetzte den Fahrer ihres Taxis hinter diesem Wagen her. Es ging quer durch die ganze Stadt, und das nicht mehr ganz taufrische Taxi schnaufte und ratterte, als wollte es jeden Augenblick seinen Geist aufgeben. Der Fahrer tat, was er konnte, doch als sie aus London herauskamen auf die Landstraße in Richtung Southampton, wuchs der Abstand zwischen den beiden Wagen rapide. Zu allem Überfluss gerieten sie auch noch in eine Militärkolonne, und damit war es scheinbar ganz aus.

Doch Maud Lester beschwor den Taxifahrer mit Engelszungen, doch immer noch alles zu versuchen, und plötzlich hatten sie riesiges Glück. Sie sahen den roten MG wieder. Er stand vor einer geschlossenen Bahnschranke, zwölf Wagen vor ihnen. Der Taxifahrer war mittlerweile selbst als echt englischer Sportsmann von der Dramatik gepackt worden und tat etwas, das ihn die Fahrlizenz kosten konnte: er bog links auf einen Radweg aus und fuhr an allen wartenden Autos vorbei, bis er auf Maud Lesters Geheiß schräg hinter dem MG hielt.

In dem MG saß wieder jene Blondine neben dem ebenfalls blonden Mann, der nach Maud Lesters Ansicht ziemlich smart aussah. Und sie entdeckte auch das Funksprechgerät in seinem Wagen. Es hing direkt in der Mitte des Armaturenbrettes. Da sie einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen diesem Gerät und dem jähen Abstoppen des vermeintlichen Polizeiautos sah, auf das sie dann geprallt war, begann sie zwei und zwei zusammenzureimen.

Maud Lester kurbelte das Fenster herunter, stellte die Kamera ein und schoss ein Foto, dann noch eins, als die Blondine sich halb herumdrehte und ihr Profil zeigte.

Der Zug kam, donnerte vorbei, und die Schranke hob sich wieder. Sie war noch auf halber Höhe, da jaulte der MG schon los, und Maud rief ihrem Taxifahrer zu:

„Ihm nach, und lassen Sie ihn nicht mehr entkommen!“

Der Taxifahrer quetschte sich vor die anderen Wagen, die ihm daraufhin mit ganz unenglischer Nervosität eine Hupsinfonie brachten.

„Jagen Sie ihn!“, rief Maud, und der Fahrer, noch nie zuvor im Leben mit Rennambitionen gesegnet, holte aus dem alten Schlitten heraus, was herauszuholen war. Doch der MG wurde kleiner, der Abstand größer, und die Hoffnung Maud Lesters schwand wie Schnee in der Sonne. Doch sie sah noch, wie der MG links von der Landstraße in einen Seitenweg abbog. Als das Taxi die Stelle ebenfalls erreicht hatte, meinte der Fahrer trocken:

„Mein neuer Wagen ist für März bestellt. Ich glaube, wenn ich hier hineinfahre, brauche ich ihn schon morgen ...“

„Glauben Sie an ein Wunder und fahren Sie!“, beschwor ihn Maud, und er fuhr.

Der Weg war für Pferde, kleine Ponywagen, für Rindvieh und vielleicht auch für Land Rover oder andere Geländeautos gemacht, bestimmt aber nicht für ein Taxi mit so wenig Bodenfreiheit. Aber mit dem Auspuff schlug der Wagen schon nach den ersten zehn Metern auf, und danach kam es darauf auch nicht mehr an. Jedes mal, wenn es unten knirschte oder polterte, zuckte es im Gesicht des braven Taxichauffeurs, doch er fuhr.

Er hatte sogar den Nerv, Maud von seiner Zeit als Soldat im Afrikakrieg zu erzählen. Maud, deren Gedanken bei dem weit nach vorn zwischen Hecken entschwundenen MG waren, hörte mit halbem Ohr von Sandpisten bei Tobruk, von Wüstenfahrten bei El Alamein, und mitunter hatte sie selbst das Gefühl, in einem Wüstenauto zu sitzen.

Aber nicht mehr lange. Sie kamen an eine Wegkreuzung. Es wimmelte von frischen Reifenspuren in allen Richtungen.

„Sehen Sie nicht, wo er entlanggefahren ist?“, fragte Maud aufgeregt.

„Ich sehe nur Schlamm“, sagte der Taxifahrer. „Aber es sieht aus, als ginge eine frische Spur nach rechts ... da ganz hinten ist ein Gehöft.“

Er deutete auf ein Anwesen, das aus den Büschen ragte. Aber plötzlich zuckte Maud Lesters Kopf herum. „Ein Hubschrauber!“, rief sie.

„Zweifellos, den höre ich auch. Ich denke, wir verfolgen einen MG? Mit einem Hubschrauber kann mein altes Taxi nun wirklich nicht konkurrieren, Miss ...“

Der Hubschrauber dröhnte näher, kam ganz tief über die Büsche und zog seine Bahn auf ein kleines Laubwäldchen zu, zu dem der Weg führte, der geradeaus verlief. Und hinter diesem Wäldchen verschwand der Helikopter. Dem Geräusch nach zu urteilen, schien er zu landen. Schließlich verstummte der Lärm bis auf ein leises Schnurren.

„Er ist gelandet, aber der Motor läuft noch“, sagte der Fahrer.

„Vorwärts, geradeaus!“

„Aber...“

„Geben Sie Gas und vergessen Sie das Aber!“, sagte Maud energisch.

„Welch eine Frau!“ seufzte der Fahrer und ratterte los.

*

Die Stahltür schwang ächzend auf, und unter dem schwachen Lichtschein der Türlampe tauchte Charly auf. Hinter ihm trat Bessy in des Barons Verlies.

„Na, Alter, gut ausgeruht?“, spottete Charly. „Wir machen Sie jetzt los. Kommen Sie nicht auf dumme Ideen. Ich passe auf, wenn Bessy Sie losschließt. Hier, das trifft auf diese Distanz einmalig genau!“ Er hob eine FN-Pistole und richtete sie auf den Baron.

Der Baron lächelte, aber es war ein gefährliches Lächeln. „Habt ihr die Partie erledigt?“

„Haben wir, Baron, haben wir. Und Sie bleiben am besten noch ein paar Minuten hier im Hause. Draußen ist die Luft bleihaltig.“

Bessy näherte sich mit dem Schlüssel für die Handschellen. „Fang mit den Beinen an!“, befahl Charly und stellte sich breitbeinig neben dem Baron auf, die Pistole noch immer auf des Barons Brust gerichtet.

Bessy löste die Handschellen, die um des Barons Fußgelenke geschlossen waren und richtete sich dann auf, um auch die anderen an den Händen aufzuschließen. Der Baron streckte ihr die Hände entgegen.

„Nun beeil dich!“, fauchte sie Charly an.

Sie schloss auf, und im selben Augenblick sprang der Baron auf, packte Bessy, schleuderte sie Charly entgegen, auf den sie prallte, jagte ihr mit einem Satz nach und schlug mit der Faust nach Charlys Kopf. Er traf, und Charly taumelte gegen die Tür.

Als er den Arm mit der Pistole anhob, war der Baron bei ihm, schmetterte ihm die Handkante auf den Unterarm, so dass die Pistole davonflog. Bessy wollte die Waffe auf heben, aber der Baron riss das Mädchen an der Schulter herum und schob sie Charly entgegen, der wieder angreifen wollte, diesmal mit bloßen Fäusten. Charly kam nicht zum Zug, weil Bessy ihm im Weg war, und da hatte der Baron schon die Pistole aufgehoben und richtete sie auf die beiden.

„Kinder, ich bin ein Gemütsmensch. Geht alle beide dahin, wo ich gelegen habe. Nur keine Zicken, Freund Charly! So, Bessy, und nun leg ihm die Handschellen an!“

Charly fluchte und stieß Bessy von sich. Sie kam dem Baron entgegengetorkelt, strauchelte und fiel. Der Baron sprang über sie hinweg und schlug mit dem Lauf der Pistole Charly über die Schulter. Charly schrie auf und sackte in die Knie. Ein Uppercut riss ihn wieder nach oben, und eine Gerade schickte ihn ins Land der Träume. Er stürzte genau dort nieder, wo der Baron die ganze Zeit gelegen hatte.

Der Baron sah sich um. „Kommen Sie, Bessy, legen Sie ihm die Handschellen an.“

„Draußen im Hubschrauber ist Eddy. Er wird Sie niederschießen“, sagte sie. „Nehmen Sie mich mit! Bitte, lassen Sie mich nicht hier!“

„Die Handschellen!“, wiederholte der Baron.

Sie schloss Charly mit beiden Handschellen an Füßen und Händen fest, wie das auch dem Baron vorher schon widerfahren war.

Charly begann sich zu regen, aber er war noch immer in Trance und warf nur ächzend den Kopf von einer Seite auf die andere.

„Wo ist der General? Und der Diener?“, fragte der Baron.

Bessy sah ihn an. Jetzt wirkte sie überhaupt nicht mehr so reizvoll, eher wie ein Straßenmädchen. In einem Anflug von Hohn rief sie: „Sie sind ein Narr! Sie sind ein riesengroßer Narr, Baron! Draußen ist Eddy. Sie kommen nie von hier weg. Und die Polizei ist auch schon unterwegs. Für die Bullen sind Sie der Mann, der das Gold gestohlen hat. Sie und Ihre Freunde.“

„Und wo sind meine Freunde?“, wollte er wissen.

Sie lachte ordinär. „Die hat Scotland Yard garantiert schon. Was Gregor plant, das stimmt. Oh, Sie Narr!“

„Sie wiederholen sich, Bessy. Kommen Sie mit! Gehen Sie vor mir!“

„Erschießen Sie mich doch! Ich komme nicht mit! Was wollen Sie denn machen? Wenn ich mich weigere, dann ...“ Er packte sie am Handgelenk, riss sie vor sich her, und sie schrie wild auf: „Sie tun mir weh! Aua!“

„Los, raus hier!“

*

Maud Lester ließ den Taxifahrer anhalten, als sie keine fünfzig Meter vor dem Landhaus anlangten. Die Hecke um das große Parkgrundstück verbarg die Sicht auf das Gebäude und den Hubschrauber, dessen Motor jetzt schwieg.

„Was wollen Sie machen?“, fragte der Taxifahrer.

„Kehren Sie um und holen Sie die Polizei! Ich passe schon auf mich auf“, sagte Maud energisch.

„Mein Gott, was sind Sie nur für eine Frau! Haben Sie keine Angst?“

Sie rannte schon weg und sagte über die Schulter: „Keine Zeit zum Fürchten!“

Wie ein Junge stieg sie durch die Hecke, kletterte über eine niedere Mauer und sah den Park vor sich. Die Bäume, das Laub am Boden, Fetzen von Nebel über dem Rasen und das Gebäude. Ein Landsitz. Und sie entdeckte den Hubschrauber auf einer Lichtung. Ein Stück davon stand auch der MG. Ein Mann kam jetzt vom Hubschrauber her auf das Haus zu und verschwand hinter einem Erker.

Maud rannte los. Sie war sich darüber klar, dass man sie von einem der Fenster womöglich sehen konnte, doch über die kurze freie Fläche musste sie noch kommen. Keudiend erreichte sie winterkahles Gestrüpp, huschte dahinter entlang bis zum Haus. Geduckt, um unter den Fenstern vorbeizukommen, schlich sie bis an die Hausecke und sah dann den Hubschrauber und das Auto wieder.

Nach kurzem Zögern flitzte sie wie ein Infanterist auf Spähtrupp über ein Stück kahle Fläche bis zum Auto, kauerte sich dahinter und lauschte. Aber nur der Motor des Hubschraubers lief, und der Rotor drehte sich ganz langsam. Noch vierzig Meter etwa bis zum Helikopter. Der Entschluss der jungen Journalistin stand fest. Sie, die als Kind nie mit Puppen gespielt, aber oft genug mit Jungen gerauft hatte, die in der Redaktion von manchem männlichen Kollegen wegen ihres kurzen Haarschnittes „Rettich“ genannt wurde, zeigte jetzt wieder, dass sie doch ein halber Junge zu sein schien, wie schon ihr Vater behauptet hatte.

Maud sah sich um. Der Mann, den sie vorhin bemerkt hatte, war offenbar im Haus verschwunden. Sie hörte eine Männerstimme sagen: „Charly, wie lange soll ich noch warten?“

Ohne noch länger zu überlegen, rannte Maud hinter dem Auto hervor, jagte auf den Hubschrauber zu, duckte sich auf der anderen Seite dahinter und sah zum Haus hin. Aber dort regte sich nichts. Kurzentschlossen zog sie sich am Haltegriff hoch, schob die Tür auf und kletterte in die Kabine.

Er war viersitzig. Aus dem Lautsprecher eines Funksprechgerätes kamen Piep und Pfeiftöne. Maud duckte sich hinter den linken Vordersitz und verkroch sich hinter dessen Lehne. Zusammengekauert hörte sie über sich das Dröhnen des Motors, der jetzt noch verhältnismäßig ruhig lief.

Um nicht gleich entdeckt zu werden, zog sie sich eine Decke heran, die zwischen den Rücksitzen lag. Und da entdeckte sie an der Stelle eine großkalibrige Pistole, auf der die Decke gelegen hatte. Sie nahm sie an sich und entsann sich schlagartig jener Reportage über die französische Polizei, die sie vor einem Jahr gemacht hatte. Damals hatten sie die französischen Gendarmen im Schießen ausgebildet, mehr aus Spaß und nicht zu irgendeinem Zweck. Jetzt aber war Maud dafür dankbar. Genau so eine Waffe hatte man ihr damals erklärt. Es war eine spanische Pistole vom Kaliber 9mm.

Das kühle Metall in ihrer Rechten flößte Maud erheblich mehr Selbstvertrauen und Sicherheit ein, als sie zuvor gehabt hatte.

Sie kam auf diese Weise über die bangen Sekunden hinweg, da sie nichts sah und außer dem Motorgeräusch nichts hörte und in der Angst leben musste, von gewalttätigen Verbrechern entdeckt zu werden.

Plötzlich wurde die Schiebetür aufgerissen, dass sie bis zum Anschlag mit einem Knall anprallte. Sie sah aus der schmalen Lücke zwischen der Lehne des Pilotensitzes und der Außenwand ein Gesicht, das sie kannte, dann verdeckte ihr der Rücken des Mannes den Ausblick.

Maud merkte, wie sie vor Aufregung zitterte.

*

Der Baron schob Bessy vor sich her. Als er mit ihr im dunklen Gewölbe der Kellertreppe war, blieb sie stehen, drehte sich um und sagte leise: „Eddy ist oben, und er tötet dich. Sei doch vernünftig. Mit mir zusammen könntest du heil herauskommen. Nimm mich mit! Ich habe es satt, unter Verbrechern zu leben. Bitte, Darling, nimm mich mit!“

„Gehen Sie weiter!“

Er traute ihr nicht, keinen Meter weit. Ihre Offenbarungen erschienen ihm geheuchelt. Vermutlich, sagte er sich, ist sie fester auf die Bande von Verbrechern eingeschworen als Oliver oder dieser Charly.

Als sie oben im Treppenflur waren, überlegte der Baron, ob er nach dem General und dem alten Diener suchen sollte. Aber genau in dem Augenblick tauchte jener Eddy auf.

Für Bessy hätte es die Stunde der Bewährung sein können. Sie stand direkt vor dem Baron, als Eddy vorn durch die Haustür trat.

„Eddy! Aufpassen!“, schrie sie, warf sich herum und fuhr mit ihren scharfen Fingernägeln auf den Baron los.

Der Baron packte ihre Arme, wirbelte die Frau herum und schob sie dem angreifenden Eddy mit Schwung entgegen. Eddy hatte nicht schießen können, weil Bessy direkt zwischen ihm und dem Baron gestanden hatte. So versuchte er sein Glück mit. den Fäusten. Knapp zwei Schritte vor dem Baron und Bessy angelangt, flog ihm die Frau in die Arme, und bevor er sie wieder loswerden konnte, war der Baron neben ihm, schlug ihm mit einem Handkantenschlag ins Genick, und diese Medizin verdaute Eddy nicht, so groß und breit er auch war.

Bessy schrie auf wie ein getretener Hund, aber es war ihr überhaupt nichts passiert. Der Baron hob Eddys Waffe auf und ergriff dann Bessys Arm. Er riss sie mit, so sehr sie auch zeterte.

Die ganze Zeit hatte der Baron geglaubt, es sei ein Auto draußen. Als er nun hinaus ins Freie gelangte, sah er den Hubschrauber, aber er sah auch in der Ferne, weit vor dem schmiedeeisernen Tor zum Park, auf der Straße Polizeiwagen heranrollen.

Seine Absicht, den General zu befreien oder nach ihm zu suchen, ließ er sofort fallen. Er konnte sich ganz genau ausdenken, wie die Geschichte für die Polizei aussehen musste. Soviel hatten ihm die Ganoven ja schon erzählt. Er musste frei bleiben und Handlungsfreiheit behalten.

Bessy war ihm dabei sicher auch ein Hemmnis, aber es konnte sein, dass sie eine Menge wusste. Deshalb schleppte er die widerstrebende Frau kurzentschlossen bis zum Hubschrauber mit, hob sie an der Taille hoch und lud sie ein, während sie strampelte und keifte wie ein Marktweib.

Er kletterte hinter ihr in den Helikopter, drückte Bessy, die fauchte wie ein Tigerweibchen, auf den Sitz und sagte: „Machen Sie keine Zicken, Kleines! Ich kann mitunter vergessen, dass Sie eine Frau sind!“

Er wusste gut genug, wie man einen Hubschrauber bedient. Flugzeuge und Schiffe, das waren Dinge, die er wie seine Westentasche kannte. Er warf einen Blick auf die näherkommenden Polizeiautos und entdeckte nun auch den MG und weiter den alten Diener, der draußen dem Polizeiwagen entgegenhumpelte.

Der Motor des Hubschraubers begann aufzuheulen, der Rotor wirbelte immer schneller, und schon hob sich der Helikopter wie ein riesiger Maikäfer.

Bessy versuchte, als der Hubschrauber schon gut acht Meter hoch war, die Schiebetür zu öffnen, um hinauszuspringen - aber der Baron hatte sie schon gepackt und wieder auf ihren Sitz gezogen.

Plötzlich sagte eine Stimme hinter dem Baron: „Landen Sie wieder! Sofort! Ich habe eine Waffe!“

Etwas Hartes drückte sich dem Baron zwischen die rechte Rippenpartie.

Er ließ den Hubschrauber noch immer steigen. Eine Frau, dachte er verblüfft, eine fremde Stimme. Ich habe einen Fehler gemacht und in der Eile nicht auf den hinteren Sitzen oder darunter nachgesehen.

„Hören Sie! Landen Sie, Baron von Strehlitz!“

„Ich mag aber nicht, Madam, ich mag eigentlich gar nicht. Und wenn Sie jetzt schießen, wird es eine ziemlich harte Landung, möchte ich meinen. Oder sind Sie anderer Ansicht?“

Er hatte den Helikopter jetzt auf etwa dreißig Meter und ließ ihn nach vorn und leicht geneigt abschnurren. Unten hatten die Polizeiwagen, es waren vier, vor dem Tor angehalten. Einen Mann erkannte der Baron sofort. Es war ein großer Weißhaariger, der aus dem vordersten Wagen stieg und drohend die Faust zum Hubschrauber hinauf schüttelte. Sir Thomas!

Der Baron lächelte und vergaß fast die Bedrohung durch die Frau hinter ihm.

Bessy hatte sich halb umgedreht und starrte jene Frau, die der Baron selbst nicht sehen konnte, aus schmalen Augen an. An Bessys Gesicht erriet der Baron, dass jene Dame hinter ihm eine Fremde sein musste, eine, die Bessy nicht kannte, und vor allem eine, die auch sonst nicht nach Bessys Geschmack zu sein schien. Denn Bessys Gesicht glich einem aufgeschlagenen Buch. Einer Frau gegegenüber legte sie ihre Puppenmaske ab und zeigte die Wildkatze, die in ihr steckte.

Aber plötzlich lachte Bessy und sagte schrill: „Deshalb landet er bestimmt nicht!“ Sie wandte sich dem Baron zu und rief: „Fliegen Sie bloß weiter, das ist eine von der Polizei!“

„Baron von Strehlitz, Sie sollen landen! Ich schieße!“

„Sie hat einen Hausschlüssel in der Hand“, sagte Bessy spöttisch.

„Und wenn schon! Ich wäre nicht gelandet, wenn sie eine Kanone auf mich gerichtet hätte. Aber Sie haben ihr bestimmt keine Freude gemacht, Bessy. Das wird sie Ihnen heimzahlen. Wer sind Sie überhaupt, Sie blinder Passagier?“

„Ich bin Maud Lester von der...“

„O ja, Daily Mail, ich weiß. Sie sind doch vorgestern bei mir gewesen. Und Sie spielen jetzt Polizei?“

„Da vorn sind Hochspannungsleitungen, wollen Sie darin hängenbleiben?“, rief Maud nervös.

Der Baron lächelte. „Angst? Ich habe sie auch gesehen. Wir müssen aber ziemlich tief fliegen, weil man uns sonst im Radar der Luftüberwachung hat. Und da wollen wir nun partout nicht hinein. Was ist denn überhaupt passiert, Miss Lester?“

„Das fragen Sie mich? Das wissen Sie doch besser als jeder andere.“

„Da bin ich anderer Meinung, aber das werden Sie sicher nicht hören wollen. Sie sind vermutlich auf den Bluff hereingefallen, den Gregor Romanow inszeniert hat, wie?“

„Bluff?“, fragte Maud Lester.

Bessy lachte nun auch. „Die kommt wahrscheinlich vom Mond, aber schnüffeln will sie. Diese Zeitungsschmierer habe ich vielleicht gerne, und erst noch, wenn es Frauen sind.“

„Bessy, nicht so taktlos! Miss Lester ist eine sehr nette Dame, eine zudem sehr tüchtige Journalistin.“

Maud Lester war etwas unsicher geworden, weil Bessy ganz offenbar nicht mit dem Baron an einem Strick zog. Aber die Frage, die sie dem Baron stellen wollte, unterblieb zunächst, da der Baron Bessy fragte, während er auf die Felder deutete, die unter ihnen vorbeihuschten:

„Wo sind meine Leute, Bessy? Sie haben die einmalige Chance, aus der ganzen Geschichte herauszukommen. Das wollten Sie doch vorhin noch. Sagen Sie mir, wo meine Leute sind!“

„Ich weiß nur, dass man sie in der Nähe der U-Bahn eingesperrt hat. In einem Lagerhaus.“

„Wo genau?“

„Ich bin einmal dort gewesen, aber ich kenne die Gegend nicht. Es liegt in der Nähe der City.“

„Und wo steckt Romanow, wo sind die anderen?“ Er wandte sich an Maud. „Wie war denn das alles? Und nehmen Sie Ihren albernen Schlüssel endlich von meinen Rippen, Miss Lester! Sie sind hinter mir her, weil Sie offenbar schneller als die Polizei gewesen sind. Stimmt das?“

„Es stimmt.“ Maud erzählte ihm kurz, was sie wusste. Auch die Sache mit dem Polizeiwagen, der so jäh gebremst hatte, kam zur Sprache. Bessy lachte, als sie das hörte.

„Miss Lester“, erwiderte der Baron dann auf diese Ausführungen, „ich bin nicht dabeigewesen, auch wenn Sie das anzweifeln. Ein Motorboot, haben Sie gesagt. Also, Bessy, wo ist das Motorboot? Sie wissen das doch!“

„Ich weiß gar nichts“, behauptete Bessy trotzig wie ein bockiges Kind.

Der Hubschrauber näherte sich der Themse. „Wir fliegen bis zum Meer, Bessy“, erklärte der Baron. „Ich kenne da ein paar Stellen, wo Sie bei Ebbe gut und gerne eine Meile von der festen Küste sind. Ich würde Sie so absetzen, Bessy, dass die Flut gerade einsetzt. Dann könnten Sie um Ihr Leben laufen. Wäre das ein Grund für Sie, jetzt lieber doch zu sagen, was Sie wissen?“

Bessy sah ihn an. „Das würden Sie nie tun!“

Er zuckte die Schultern. „Nehmen Sie doch an, ich wäre so eingestellt wie Romanow. Miss Lester ist überzeugt, dass ich das täte, nicht wahr, Miss Lester?“

„Ich weiß es nicht, aber ich glaube, dass Sie es fertigbrächten. Ich glaube Ihnen auch nicht mehr, als ich von Ihnen sehe, Baron von Strehlitz. Mir machen Sie jedenfalls nicht weis, Sie wüssten von dem Raub nichts.“

„Das habe ich im Augenblick gar nicht vor. Bessy, soll ich Sie im Watt ausladen?“

Der Baron blickte auf den Tankanzeiger. Der Treibstoff würde gut und gerne für fünfhundert Meilen reichen. Genug, um den Kanal zu überqueren, ausreichend, um in Sicherheit zu kommen. Aber der Baron wollte sich nicht selbst retten, sondern die Leute erwischen, die ihm diese Suppe eingebrockt hatten.

„Was machen Sie, wenn ich Ihnen die Wahrheit sage?“, fragte Bessy.

„Ich werde herausfinden, ob es die Wahrheit ist.“

„Und ich?“

„Wenn es die Wahrheit ist, können Sie verschwinden. Ich setze Sie ab, wo Sie in Sicherheit sind.“

„Romanow würde mich umbringen.“

„Wohin wurden die Kisten gebracht? Wie viele Leute haben dabei mitgeholfen?“

„Sie sind acht. Aber ich weiß nur, dass sie das Gold in England lassen wollen.“

„Sie meinen, das Motorboot ist nicht zu einem anderen Schiff gefahren oder hat mit der Beute die Hafenzone verlassen?“

„Romanow hat gesagt, das habe ich zufällig gehört, dass er sich kaputtlacht, wenn die Polizei den Baron einlocht, also Sie, und dass die dann wie die Idioten herumsuchen werden, womöglich in halb Europa, aber auf die Idee, wo die Beute wirklich sein wird, kämen die nie im Leben.“

„Das bedeutet, es ist an einem Platz, wo die Polizei nicht suchen wird.“

„Ja, ich glaube, es ist bei jemandem, der ganz unverdächtig ist.“

„Wohin wollte Eddy Sie und Charly bringen?“

„Zum alten Leuchtturm an der Küste. Wo das ist, weiß ich nicht.“

„Da gibt es ein paar Dutzend alte Leuchttürme.“ Der Baron lachte wütend. „Da können wir ja halb England absuchen.“

„Er sagte, wir müssten bei Einbruch der Dunkelheit dort sein, und das wäre zu schaffen.“

Das Gesicht des Barons hellte sich auf. „Einbruch der Dunkelheit, also in gut zwei Stunden.“

„Ja, aber wir müssten eigentlich noch Mike Down abholen. Er hat irgend etwas erledigt und wartet auf uns.“

„Wo?“

„Dort, wo Londons Müll aufgestapelt wird...“

*

Sir Thomas hatte sich vor dem Kamin auf eben jener Couch niedergelassen, auf der Bessy den Baron empfangen hatte. Der Chief Inspector rauchte eine Brasil und beobachtete versonnen, wie der Rauch Ringe schlug.

Dem weißhaarigen Prominenten von Scotland Yard stand der alte Diener gegenüber, neben ihm ein jüngerer Beamter vom Yard, und links von Sir Thomas war Charly auf einen Stuhl gesetzt worden, bewacht von zwei weiteren Beamten, diese trugen Uniform.

Sir Thomas legte die Zigarre in einen altindischen Aschenbecher und sah den alten John an.

„Wie ist das denn nun gewesen? Also Sie sagen, oder haben ausgesagt, dass Baron von Strehlitz gekommen sei, um mit Mr. Winters zu sprechen. Und ein paar andere Männer wären mitgekommen, die Sie ziemlich genau beschrieben haben. Es müsste sich also um diesen Dupont und um den Chauffeur von Baron von Strehlitz handeln. Ja und weiter! Was tat der Baron?“

„Er befahl seinen Leuten, mich zu fesseln.“

„Aha, und weiter?“

„Dann sind sie alle, bis auf einen, der mich bewacht hat, zum General. Ich hörte, wie es oben laut wurde, und dann war es mit einem Mal ruhig.“

„Als es laut wurde, sagten Sie. Stimmen oder Poltern, was war das genau?“

„Stimmen und Poltern.“

„Sehr gut. Also steht jetzt einwandfrei fest, wie es gewesen ist“, meinte Sir Thomas. „Wie lange kennen Sie Baron Alexander von Strehlitz?“

„Seit fünf Jahren.“

„Ein Irrtum ist also ausgeschlossen. Er war selbst dabei.“

Der Diener nickte.

Sir Thomas wandte sich an seinen Assistenten. „Was sagt der General? Hat er schon was sagen können?“

„Nein, Sir, der Arzt ist bei ihm. Es geht ihm offenbar noch nicht so gut, dass er reden kann. Der Arzt will ihn in eine Klinik schaffen.“

„Nichts dagegen. Lassen Sie sich die Adresse der Klinik geben und schicken Sie jemanden nach, der ein bisschen aufpasst. Es könnte sein, dass der General unliebsamen Besuch im Krankenhaus erhält. Also, da hätten wir den Baron. Ich habe es doch immer gewusst, dass er eines Tages seine Maske fallen lässt. Gut, und Sie haben gesehen, dass er diese Bessy mitgeschleppt hat. Gegen ihren Willen.“

Der Diener nickte. „Ja, Miss Bessy ist ein liebes Mädchen. Der General hat sie sehr gerne gehabt. Sie und Charly kamen oft zum General. Und gestern noch sagte Charly: ,Der Baron spielt mit gezinkten Karten, aber ich komme ihm auf die Spur.“

„Ja, ich auch... äh, ich meine, reden Sie weiter! Was taten Sie?“ Er wandte sich Charly zu. „Also gut, Sie gehören nicht zum Baron. Wie also Ihr Misstrauen? Was haben Sie unternommen?“

„Bessy und ich sind ihm heute Morgen nachgefahren. Und da passierte das Ding mit dem Überfall.“

„Vorher passierte ein anderes Ding. Sie fuhren doch hinter einem kleinen Mini Cooper, und der stieß hinten auf ein Polizeiauto. War doch so, nicht wahr?“

„Ja, aber ich wollte nicht halten, im Gegenteil. Ich versuchte, das Polizeiauto zu stoppen, aber dazu musste ich es erst überholen, und die ließen uns nicht vorbei."

In diesem Augenblick trat Inspektor Howard ein. Er nickte Sir Thomas zu, blickte prüfend auf Charly und sagte dann: „Entschuldigen Sie, Sir, wenn ich unterbreche, aber das dort ist Charly White. Für den interessiert sich Interpol sehr dringend wegen Totschlag. Es könnte auch gut und gerne Mord gewesen sein. In Paris war das, nicht wahr, Charly White?“

Sir Thomas hob erstaunt die buschigen Brauen hoch. „Mord? Ja, aber ...“

„Das muss ein Irrtum sein, Sir, ich bin nie in Paris gewesen!“, rief Charly.

Howard lächelte geringschätzig. „Jaja, das ist nun wirklich nicht neu, mein Freund. Ich würde sagen, Sir, wir legen ihm besser Handschellen an, notfalls dieselben wie vorhin. Und der andere, das ist auch eine bekannte Nummer. Eddy Cobler suchen wir seit einem Jahr. Das ist doch der, dem wir die Geschichte mit der entführten DC 6 verdanken. Ich habe ihn gleich in unser Dienstfahrzeug setzen lassen.“

Sir Thomas rieb sich das Kinn. Diese Entwicklung schien ihm gar nicht zu gefallen. Er sah dann Charly an und fragte scharf: „Also ein Trick, was? Sie und der Baron, Sie sind Komplicen, wie? Abführen lassen, Mr. Howard, ich will ihn dann vorgeführt wissen. Übernehmen Sie das Verhör selbst. So, und nun nochmals zu Ihnen!“ Er sah den Diener an. „Was ist denn ...“

Charly war aufgesprungen und rief: „Das ist eine Verwechslung, das alles ist nicht wahr! Ich habe keinen Totschlag...“

„Raus! Halten Sie den Mund, White!“, fuhr ihn Howard an, und die beiden Beamten schafften den zeternden Charly nach draußen. Zwischen Haustür und Gefangenenwagen jedoch brach Charly los wie ein Tiger. Er lieferte den Beamten eine kleine Schlacht, die Howard schließlich mit einem Schlagstock beendete. Charly bekam den Knüppel über den Schädel und sank zu Boden. Die Beamten packten ihn, legten ihm Handschellen an und luden ihn wie ein gebändigtes wildes Tier in den Kastenwagen.

Mittlerweile standen sechs Polizeiwagen auf dem Vorplatz des alten Landhauses. Ein siebtes Auto war das des Arztes.

Howard wollte gerade wieder zurück zu Sir Thomas, als aus dem Funkwagen des Polizeikommandos ein uniformierter Beamter kam und sagte: „Inspektor, wir haben eine neue Meldung. Der Hubschrauber ist in der Nähe der Müllplätze gesehen worden und soll dort sogar gelandet sein. Es sind vier Wagen von uns nach dort unterwegs. Zeugen haben beobachtet, dass dort jemand aufgetaucht ist, der auf den Hubschrauber gewartet haben soll. Dann ist es aber zwischen dem Piloten und jenem Wartenden zu einem Zweikampf gekommen. Weiter wissen wir noch nichts.“

„Geben Sie mir sofort Bescheid und halten Sie Verbindung zu den Wagen, die dorthin gefahren sind."

„Ja, Sir."

*

Der Hubschrauber kam sachte auf die plattgewalzte Fläche vor den Bergen von Müll, die sich wie ein kleines Gebirge auftürmten. Ein bulliger Mann rannte auf den noch mit kreiselndem Rotor stehenden Helikopter zu. Er hielt eine Aktentasche in der Hand. Als er dicht neben der Kabine ankam und dabei den Kopf einzog, weil er meinte, der Rotor könnte ihn treffen, schob der Baron die Tür auf und schlug zu.

Mike Down, ein Berg von Mann, sackte in die Knie, der Baron sprang ihm nach, schlug abermals zu, und Mike Down, der völlig überrascht worden war, saß plötzlich auf dem Boden und schüttelte wie betrunken den Kopf. Der Baron packte ihn am Rockkragen.

„Wo sind Le Beau und James, wo ist mein Chauffeur?“

Mike Down lallte etwas, das der Baron nicht verstand.

Plötzlich donnerte hinter ihm der Motor lauter. Der Baron drehte sich um und sah, wie Bessy versuchte, den Helikopter zu starten.

Mit einem Griff hatte der Baron die Aktentasche, sprang in die Kabine zurück und zog Bessy vom Pilotensitz. „Nein, mein Schatz, das können Sie doch nicht. Setz dich wieder hin! Wir fliegen weiter.“

Er blickte nach der Stadt hin, und dort näherte sich etwas, das auf die große Distanz wie eine Hummel aussah.

„Aha, da sind schon unsere Freunde. Miss Lester, wollen Sie vielleicht hier aussteigen?“

„Nein“, erklärte Maud. „Ich will sehen, wie Sie sich aus der Schlinge ziehen.“

„Erst müssen wir jemandem das Reden beibringen.“ Er schob die Kabinentür wieder auf und beugte sich zu Mike Down hinaus, der noch am Boden saß. „Soll dich der Doktor etwas rasieren, Sportsfreund?“

Mike Down sah aus großen runden Schweinsäuglein verstört auf die großen Flügelblätter, die über ihm kreisten.

„Wo sind Le Beau und die beiden anderen?“, fragte der Baron.

„Wir haben sie freigelassen. Hol dich und deine Idioten der Teufel!“

„Fein, vielleicht holt er dich, mein Freund.“

Der Baron gab Gas und startete. Sein Blick wurde etwas besorgt, als er den anderen Hubschrauber beobachtete, der geradewegs in Richtung auf die gigantische Müllkippe zuflog.

Der Baron hielt nun nach Süden zu, flog dabei etwas höher, während der andere Hubschrauber, ein zweisitziger Bell, bei diesem Tempo nicht mitkommen konnte. Als der Baron ihn so gut wie abgehängt hatte, zog er wieder tiefer und flog einmal sogar unter einer Überlandhochspannung hinweg. So verlor der Verfolger den Hubschrauber des Barons auch noch aus dem Blickfeld, und als die beiden Militärflugzeuge auftauchten, die von dem Bell-Helikopter herangefunkt worden waren, jagten sie in die völlig falsche Richtung. Der Baron flog indessen wieder mit Ostkurs, überquerte das Themsegebiet und näherte sich der Mündung.

„Was haben Sie vor, Baron von Strehlitz?“, fragte Maud Lester.

„Lassen Sie sich überraschen. Nicht wahr, Bessy? Sie wollten doch eben durchbrennen.“

Bessy schmollte. Sie schoss wütende Blicke auf den Baron, schwieg aber.

Der Baron flog jetzt aufs offene Meer zu. Immer noch blieb er ganz tief, um der Luftüberwachung zu entgehen. Es gelang ihm offenbar, denn nirgendwo tauchten Verfolgerflugzeuge auf. Im Osten wurde der Himmel schon dunkel, und der nach Mittag etwas gelichtete Nebel zog wieder auf.

Der Baron flog nun an der Küste entlang wieder mit Südwestkurs, konnte aber bald nicht mehr die Konturen der Küste ausmachen, weil der Nebel dichter wurde. Da sah er wie einen abgebrochenen Bleistift den ehemaligen Leuchtturm Falks South auftauchen.

Bessy deutete aufgeregt nach unten.

„Das ist er! Ich war ja schon mal dort. Da ist es!“

„Sehr hilfsbereit, Madam“, meinte der Baron zynisch. „Sie wollen mit dieser Bemerkung doch nicht etwa andeuten, dass Sie mir nun alles sagen möchten?“

„Lassen Sie mich frei, wenn ich etwas sage? Ich habe doch schon fast alles gesagt.“

„Aber eben nur fast, Bessy. Das ist nicht alles. Ich wollte alles, aber auch wirklich alles hören, und früher oder später erfahre ich es von Ihnen.“

„Landen Sie nicht in der Nähe. Da, das ist ihr Boot. Es liegt direkt in den Klippen vor dem Leuchtturm.“. Sie blickte angestrengt durch die Schleier des immer dichter werdenden Nebels nach unten. „Ich glaube, es ist gar keiner dort. Sonst müssten die Autos vor den Büschen stehen.“

„Warum soll ich nicht in der Nähe landen?“

„Sie haben Waffen dort, und Oliver ist ein Scharfschütze.“

„Ich habe ja Sie, Bessy, das wird die Jungs da unten zähmen.“

Der Baron lachte leise und setzte zur Landung an. Der Rotor wirbelte den Nebel zur Seite, und je tiefer sie kamen, desto klarer wurde die Sicht über dem ausgewählten Landeplatz, einem ebenen Stück Strand mit feinem weißen Sand.

Der Helikopter setzte sanft auf, dann stoppte der Baron den Motor ab. Mit einem Male war es Grabesstill in der Kabine. Erst als sich ihre Ohren daran gewöhnt hatten, hörten sie die Wellen rauschen, die gut fünfzig Meter weiter gegen die vorgelagerten Klippen donnerten, auf denen der Leuchtturm stand.

Der Turm hatte seine Bedeutung verloren. Seit ein paar Jahrzehnten wurde nichts mehr an ihm getan, und so wirkte er auch. An seiner Stelle befanden sich weiter im Meer Seezeichen, die nur einmal im Jahr gewartet werden mussten. Dieser Turm hier, weitab jeder Zivilisation, erschien auch dem Baron als geradezu ideales Versteck für Gangster.

Aber dieser Leuchtturm hatte auch etwas Romantisches. Wie ein Geisterfinger ragte er aus den Klippen, durchbohrte die Nebelfetzen und trotzte nun seit hundert Jahren den Unbilden von Wind und Wasser. Sein Gemäuer wirkte zermürbt und von unzähligen Sturmseen misshandelt. Doch er war aus Felsstein gebaut und stand wie eine Festung.

Im Sand wimmelte es von frischen Spuren, die Menschen und Autos hinterlassen hatten. Doch nirgendwo war jemand zu sehen. Das Boot, das vorn in den Klippen lag, war von hier aus nicht zu erkennen.

„Also, steigen wir aus, meine Damen. Die Luftreise ist beendet.“

Bessy zitterte. „Ich habe Angst. Wenn Oliver dort ist...“

„Und Sie, Miss Lester, auch Angst?“, fragte der Baron über die Schulter.

„Mir wäre wohler, wenn ich wüsste, was nun wirklich hinter allem steckt“, sagte sie.

„Wir steigen jetzt aus, da werden wir es schon erfahren. Bessy, Sie zuerst! Sonst entführen Sie mir womöglich doch noch den Hubschrauber.“

Bessy stieg aus, blickte dabei ängstlich zum Leuchtturm hinüber, aber da regte sich nichts. Der Nebel war wieder dichter geworden und ließ die Konturen des alten Gemäuers unscharf wie Schemen werden.

Der Baron stieg aus und half Maud Lester ins Freie. Sie wollte, als sie unten stand, ihre Hand aus der des Barons nehmen, aber er hielt ihre fest und sah sie ernst an: „Man könnte sich leicht in Ihnen täuschen, aber Sie sind doch eine Frau, auch wenn Sie gar nicht so aussehen, Miss Lester. Ich fühle es.“

Sie zuckte die Schultern. „Haben Sie Sorgen, Baron! Könnten Sie nun vielleicht meine Hand loslassen?“

Er lachte und gab die Hand frei. Dann drehte er sich um, und es entging ihm, wie sie errötete.

Bessy starrte aus bangen Augen auf den Leuchtturm. Der Baron nahm sie am Arm und führte sie auf die Felsbrocken zu, die dort, wo das Meer brandete, aufragten und wie eine keilförmige Mole in die See vorgeschoben waren.

Solange sie auf Sand gingen, kamen sie gut voran. Doch dann mussten sie auf die vom Nebel glitschigen Felssteine, die glatt und rund waren von all den Sturmseen, die sie abgeschliffen hatten. Sie kletterten alle drei von einem Stein zum nächsten, bis sie den alten Brettersteg erreichten, der direkt auf die Leiter zuführte, über die man dann zur hochgelegenen Pforte des Leuchtturmes steigen konnte.

Bessys Angst schien mit jedem Meter, den sie dahinbalancierte, zu wachsen. Schließlich kam sie unterhalb der Eisenleiter an, die ins Gemäuer einzementiert war und steil hinauf zu der etwa fünf Meter über dem Fundament liegenden Tür führte.

Sie drehte sich um und sah den Baron an. „Etwas stimmt nicht“, sagte sie. „Sonst ist immer jemand hier. Und wir sollten um diese Zeit hier sein.“

„Vielleicht stimmt nur nicht, was Sie sagen, Bessy“, erwiderte der Baron. „Klettern Sie vor mir hinauf. Sie haben einen Hosenanzug an, also brauchen Sie sich nicht zu genieren.“

„Nein, ich habe Angst!“, sagte sie schrill.

„Na gut“, mischte sich Maud Lester ein, „dann gehe ich eben zuerst, ich trage auch Hosen, wenn das für Sie wichtig ist, Baron von Strehlitz“, fügte sie spöttisch hinzu.

„Ich glaube, das ist wirklich nicht so wichtig. Also dann!“

Maud kletterte hinauf. Oben wollte sie die Tür öffnen, aber die war verschlossen. „Was jetzt?“, rief sie herab.

„Warten Sie, ich komme hinauf zu Ihnen.“

Bessy blieb unten stehen, als der Baron hinaufkletterte. Doch als er auf halber Höhe war, rannte sie los. Sie rannte zum Hubschrauber hin, und der Baron hielt nur inne und sah ihr gespannt nach. Er rührte keine Hand, um sie aufzuhalten. Als sie den Hubschrauber erreicht hatte, stieß sie die Tür auf und kletterte hastig hinein. Dabei fiel sie fast hin, kam aber dann doch in die Kabine, stieß die Tür zu und startete. Der Motor lief sofort, und der Rotor begann immer schneller zu kreisen, wedelte den Nebel zur Seite, und auf einmal stieg der Hubschrauber auf. Wie ein Phantom verschwand er im Nebel.

„Mein Gott, sie kann das Ding sogar lenken“, sagte Maud Lester.

„Na und? Eine größere Dummheit konnte ihr gar nicht passieren. Hoffentlich passiert ihr nichts und sie kommt zum Ziel.“

Der Baron kletterte weiter, während das Brummen des Hubschraubers sich immer mehr entfernte.

Als der Baron oben bei Maud stand, sah sie ihn verständnislos an.

„Ich begreife das nicht. Sie sehen zu. wie diese Frau mit dem Ding davonfliegt, und dann sagen Sie noch ...“

„Hören Sie, Miss Lester, das ist doch ganz einfach.“ Er lächelte, als er sah, was für ein Gesicht sie machte. Sie wirkte auf ihn wie ein Schulmädchen, das den Lehrsatz vom Euklid nicht verstanden hatte. „Bessy kann also fliegen. Und weil sie das kann, weiß sie auch, dass sie bei diesem Nebel sehr hoch fliegen muss, um nicht in eine Hochspannung oder dergleichen zu geraten. Das gelingt ihr mit dem Höhenmesser. Aber gleichzeitig ist sie im Radar der Luftüberwachung, und da ich das Funkgerät außer Funktion gesetzt habe, kann sie sich nicht orientieren. Sie wird also aufs Geratewohl in größerer Höhe nach Norden fliegen und eine Gegend suchen, wo kein Nebel ist. Dort landet sie dann, wenn nichts dazwischenkommt. Und das kriegt natürlich auch die Luftüberwachung mit. Man wird glauben, ich sei der Pilot, und die Gegend dort absuchen und damit Bessy fassen. Diese Zeit reicht uns, um hier alles anzusehen und wieder von hier ungestört wegzukommen. Jetzt müssen wir erst einmal die Tür öffnen.“

*

Das Schloss war so verrostet, dass es unmöglich vor kurzem benutzt worden sein konnte. Der Baron stemmte sich gegen die Tür, und sein Verdacht, sie könnte nur verklemmt sein, bestätigte sich. Er flog vom eigenen Schwung getrieben fast zu Boden, als sie aufschlug.

„Na bitte, treten Sie ein. Fast fürchte ich. die ganze Geschichte taugt nichts mehr. Wenn das Boot vorn nicht in den Klippen läge.“

Maud folgte ihm zögernd. Im Wendeltreppengewölbe des Leuchtturms roch es nach Moder und feuchtem Mörtel. Doch die Stufen der Eisentreppe waren in der Mitte nicht verrostet, sondern silberblank. Also hatte man sie oft in letzter Zeit betreten.

Der Baron leuchtete mit einer kleinen Dynamotaschenlampe, deren Getriebe bei der Betätigung merkwürdige Pfeiftöne ausstieß.

Der Strahl dieser Lampe reichte nicht weit, wohl aber weit genug, um die Wendeltreppe gut zwanzig Stufen weit nach oben auszuleuchten. Der Baron ging mit der Lampe voraus, Maud Lester folgte ihm. Ihre Tritte schallten im Gemäuer und übertönten noch die anrollende Brandung.

Auf halber Höhe befand sich ein Rundgang. Und hier entdeckten sie den Mann. Er lag am Boden, den Kopf in einer Blutlache. Aber er atmete. Der Baron kniete sich neben ihn und wälzte ihn auf die Seite. Ein Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren, schlecht rasiert, dunkelblond mit einem narbigen, großporigen Gesicht. Maud Lester stieß einen spitzen Schrei aus, als der Schein der Lampe auf die Platzwunde an der Stirn des Mannes fiel.

„Halb so schlimm, es ist nur Blut. Leuchten Sie mal!“, sagte der Baron und untersuchte den Mann nach weiteren Verletzungen. Aber er fand keine. Aus dem Mund des Mannes drang Fuselgeruch.

„Das sieht fast nach einem Unfall aus“, meinte der Baron und nahm die Lampe wieder. „Oder er ist die Treppe hinabgestürzt worden. Am linken Ellenbogen hat er einen Bluterguss. Sonst finde ich nichts weiter. Er könnte bald wieder aufwachen. Warten Sie hier, ich sehe nach, ob noch jemand oben ist.“

Der Baron lief die Stufen hinauf, betrat den Raum, der unterhalb des Lampenrundganges lag und in dem sich der Sockel der Lampenachse befand. Hier stand ein kastenartiges Funkgerät, das von einer Autobatterie betrieben wurde, die sich daneben befand. Auf dem Gerät leuchtete eines der drei Lämpchen. Auf einer Kiste, die mit einem Schaumstoffkissen bedeckt war, lag eine Zeitung mit dem Datum dieses Tages. In der Ecke stand eine Thermosflasche, daneben ein Becher halb mit Kaffee gefüllt. Auf dem Funkgerät lagen amerikanische Zigaretten. Ohne Zollstreifen, wie der Baron feststellte.

Er ging zum Rundgang hinauf, doch dort oben entdeckte er nur die Antenne des Funkgerätes, die einfach an der Brüstung mit Pflaster angeklebt war.

Als er dann wieder hinabstieg, hörte er Maud Lester sprechen, verstand aber nicht, was sie sagte. Und dann fiel der Schein seiner Lampe auf den Mann, der indessen mit dem Rücken an der Wand gelehnt auf dem Treppenabsatz hockte und geblendet ins Licht blickte. Maud kauerte neben ihm. Sie hielt eine kleine Pistole in der Hand, die sie auf den Mann richtete.

„Sie hätten die Waffe auch finden können, wenn Sie bei ihm danach gesucht hätten“, sagte sie vorwurfsvoll zum Baron. „Er wollte als erstes danach greifen. Leider hatte ich sie da schon in der Hand. Er sagt, dass es ein Unfall war. Er ist die Treppe hinuntergestürzt.“

Der Baron leuchtete dem Mann ins Gesicht. Infolge des Blutes wirkte es grauenhaft, doch die Wunde hatte aufgehört zu bluten und begann zu verkrusten.

„Wer sind Sie?“, fragte der Mann heiser.

„Das ist nicht so wichtig, Sportsfreund. Besser wäre es, Sie würden uns sagen, wer Sie sind!“

„Sind Sie Polizei?“

„Nein. Sie dürfen ganz offen reden.“

„Es gibt nichts zu reden. Ich hatte ein paar getrunken und bin die Treppe hinuntergefallen, das ist alles. Mein Name ist Burt Jenkins.“

„Mr. Jenkins, es gibt im Leben immer zwei Möglichkeiten. Eine davon wäre, wir beide unterhalten uns mal ganz allein und gründlich. Die zweite ist, Sie lieben Ihre Gesundheit und reden frank und klar und leiden nicht an Vergesslichkeit. Mein Name ist übrigens Alexander von Strehlitz, der Mann, dem ihr eueren Überfall in die Schuhe schieben wolltet. Und das war ein Fehler.“

„Ein Fehler?“ Jenkins lachte gequält. „Wollen Sie etwa das Gold suchen?“

„Schön, dass Sie jetzt vernünftig reden. Ja, ich will das Gold suchen. Und Sie werden dabei tätig mitwirken.“

„Ich werde mich kratzen, Sir!“ Jenkins lachte, und diesmal schon etwas herzhafter. Offenbar ging es ihm wesentlich besser.

„Da bin ich aber ganz anderer Meinung, Jenkins. Wissen Sie, die Sache ist nämlich so: Hättet ihr zum Beispiel die Kasse der britischen Armee ausgeraubt, wäre mir das völlig egal, obgleich es von mir nicht gebilligt wird. Aber ihr habt viel Schlimmeres getan: Ihr habt Geld, das auch arme Leute gesammelt und gespendet haben, und zwar Geld, das für die Hilfe an kranken Kindern bestimmt ist, einfach gestohlen. Dieses Geld war nicht einmal versichert. Die Prämie wäre viel zu hoch gewesen, und man wollte keinen Penny davon verschwenden. Und wie die Versicherungen heutzutage sind, nehmen sie es vom Lebendigen, wo sie es nur kriegen. Deshalb, Jenkins, nur deshalb werde ich euch auf die Sprünge kommen. Außerdem war es euer Fehler, ausgerechnet mir dabei auf die Zehen zu steigen. Ich bin kein Fanatiker, Jenkins, aber eines muss ich Ihnen sagen: Wenn ich mir vorgenommen habe, es jemandem heimzuzahlen, dann kenne ich keinen Pardon. Und ich habe es mir bei euch vorgenommen. So, Jenkins, und nun erzählen Sie mal, wo ich Romanow und Genossen finde!“

Jenkins sah vom Baron auf Maud Lester und fragte: „Wer ist die Frau?“

„Eine Journalistin, Jenkins, dazu eine ziemlich clevere und mutige Dame.“

Jenkins verzog das Gesicht und grinste schief. „Ziemliche Schreckschraube würde ich sagen!“

Während Maud noch nach Luft rang, fragte der Baron ungerührt: „Geht es Ihnen besser, Jenkins?“

„Ziemlich gut, würde ich sagen.“

„Stehen Sie auf, Jenkins!“

Jenkins kam grinsend auf die Beine. Der Baron sah ihn an. „Nehmen Sie die Schreckschraube zurück, entschuldigen Sie sich, Jenkins, sagen Sie, dass Sie ein Flegel sind!“

„Ich werde euch was husten!“, rief Jenkins, dann griff er an. Er kam mit erhobenen Fäusten angestürmt, aber bis zum Baron drang er gar nicht vor. Maud Lester stellte ihm ein Bein, und so flog er zum zweiten Mal an diesem Tage die Treppe einige Stufen hinab und blieb reglos liegen.

Der Baron war selbst verblüfft, sah Maud fragend an, da ihm das mit dem Beinstellen entgangen war.

„Wie das?“

Sie lächelte. „Schreckschrauben können mitunter ziemlich gefährlich werden. Ich danke Ihnen aber, Sie waren sehr charmant, ihn zu einer Entschuldigung zu zwingen. Aber ich weiß selbst, dass ich nicht hübsch bin.“

„Darüber reden wir noch“, sagte der Baron, ging bis zu Jenkins hinab und schleppte ihn wieder bis zum Treppenabsatz hinauf. Jenkins wurde diesmal schneller munter. Als er ins Licht der Lampe blinzelte, sagte der Baron:

„Nun rede mal, Freundchen, denn jetzt hast du dir auch den letzten Rest von Rücksicht verscherzt! Also, wo sind deine Leute?“

*

Sir Thomas schnaufte wütend und drückte widerwillig seine kaum angerauchte Brasil aus. „Wie schon mein seliger Vorfahr, der Duke of Wellington, sagte“, erklärte er mit mühsamer Beherrschung dem vor ihm stehenden Inspektor Howard, „ist der Feind möglichst von zwei Seiten zu schlagen. Das, mein lieber junger Freund, sollten Sie sich auch merken. Es ist sehr wahr! Wie können Sie denn überhaupt davon ausgehen, dass Baron von Strehlitz nicht der Initiator der Sache ist?“

Howard kannte die Sprüche von Sir Thomas, und sie langweilten ihn. „Sir, wir haben gearbeitet.“

„Wollen Sie damit etwa sagen, dass ich nicht arbeite?“, brüllte Sir Thomas, dass der grüne Glasschirm seiner Schreibtischlampe klirrte. Sogar das Licht schien zu flackern.

„Sir, ich will damit sagen, dass wir die ganze Zeit daran gearbeitet haben, der Sache auf den Grund zu gehen. Dieser Charly White ist ein Krimineller, und der Diener hat gelogen. Ich habe ihn festnehmen lassen. Wir haben auch diese Bessy Laudon festgenommen, nachdem sie mitten in einem Fabrikhof gelandet ist. Und sie war allein im Hubschrauber. Der ist ja nun bei der Landung zu Bruch gegangen. Auch noch ein Polizeihubschrauber. Sie liegt im Polizeihospital. Linker Unterschenkel gebrochen und Prellungen am Gesäß und dem rechten Knie. Sie hatte Glück. Wie sie angibt, ist sie vom Leuchtturm bei Falks South gekommen. Baron von Strehlitz und diese Journalistin Maud Lester sind dort. Die Lester ist angeblich freiwillig dabei. Baron von Strehlitz ist ganz sicherlich nicht derjenige, der dieses Gold geraubt hat, sondern ein Mann, unter dessen Aussehen und Namen unser noch unbekannter Gegner gesegelt ist. Das hat die Laudon auch zugegeben. Ich habe sogar die Liste aller Beteiligten, bis auf den Mann, der alles ausgeklügelt und befehligt hat.“

„Und da sagen Sie... na, das ..ist ja allerhand! Mit respektvollem Verlaub zu sagen, mein lieber junger Freund, das ist doch fast so, wie mein seliger Vorfahre, der Duke of Wellington...“

„Sir“, unterbrach ihn Howard sachlich, weil er diese Zitate nicht mehr hören konnte, „ich habe die Großfahndung auf Gregor Romanow und seine noch auf freiem Fuß befindlichen Komplicen angeordnet. Sie müssen das nur noch unterschreiben.“

„Aber...“

Howard ließ ihn gar nicht mehr zu Wort kommen. „Und dann, Sir, sind die Mitarbeiter von Baron von Strehlitz aufgetaucht. Sie sind selbst zu uns gekommen, um uns eine Story zu erzählen, die wir anfangs haarsträubend fanden, die aber nun ins Bild passt. Man hatte sie neben dem Motorenraum eines U-Bahnexhausters eingesperrt, nachher aber freigelassen und uns gleichzeitig von einer Telefonzelle aus informiert, dass wir die drei in der Nähe vom Piccadilly aufgabeln könnten. Bevor wir sie fanden, waren die drei schon auf dem 4. Revier, aber von sich aus. Wir haben alle Angaben überprüft. Es ist sogar so, dass man Wachsabdrücke von den Händen der drei angefertigt hatte. Wachsspuren waren noch in den Hautlinien zu finden.

In dem Haus, das wir nach der Beschreibung der drei dann fanden, haben wir Überreste von Schminke und Puder und dergleichen finden können. Auch eine Form, in der man von einem Wachsabguss Gipsabdrücke herstellen kann, die wiederum als Form für Plastikhandschuhe dienen. Die Fingerabdrücke, die wir in dem Bentley gefunden haben, der Bentley selbst wurde daraufhin nochmals untersucht. An diesen frischen Abdrücken waren Gummi und PVC-Spuren. Sie sind auch nicht hundertprozentig identisch mit den echten Fingerabdrücken des Barons und seiner Leute.

Alles in allem, Sir, ich bitte Sie auch um Ihre Unterschrift, die Fahndung nach Baron von Strehlitz sofort einzustellen und dafür auf Romanow und alle die Personen anzuordnen, deren Liste ich Ihnen nachher gebe, sobald das Funkbild von Interpol Paris vorliegt. Von einem, ein gewisser Oliver Mitchum ist damit gemeint, liegt bereits seit drei Wochen ein Auslieferungsantrag vor, den die Franzosen und die Schweizer jeder für sich für den Fall gestellt haben, dass unsere Interpolabteilung diesen Mann findet.“

„Mord?“, fragte Sir Thomas erregt.

„Polizistenmord. Wir haben also Grund, Baron von Strehlitz aus der Fahndung zu nehmen, und das sofort, Sir.“

„Aber das Foto! Wir haben doch die Handtasche dieser Laudon gefunden mit dem Foto, auf dem sie splitternackt vor dem Baron steht, dazu noch in Winters’ Wohnung.“

„Ja, Sir, aber es beweist nichts. Das Gesicht des Barons zeigt keinerlei Leidenschaft, und nur die Frau mimt erotische Hingabe. Sie hat auch zugegeben, dass es ein gestelltes Bild war. Nein, Sir, der Baron hat Freunde. Er kennt sogar die Familie Ihrer britischen Majestät gut. Man wird ihn sowieso protegieren. Es gibt einen Riesenskandal, wenn er offiziell gegen uns deshalb vorgeht.“

„Nur keinen Skandal, Howard, nur keinen Skandal!“ rief Sir Thomas beschwörend und dachte plötzlich sehr intensiv daran, dass er kurz vor der Pensionierung stand. Nein, sagte er sich, nur keine Pleite! Wenn es stimmte, was Howard da herausgefunden hatte, dann...

Ja, ich werde Howard gewähren lassen. Howard ist ein tüchtiger Kopf, wenn er nur nicht immer so selbstherrlich tun würde. Na ja, also, er bekommt seine Unterschriften.

„Es ist gut, Howard, ich unterschreibe, aber merken Sie sich“, fügte er streng hinzu, „dass ich ein Disziplinarverfahren gegen Sie einleite, wenn nicht alles stimmt, was Sie da sagen!“

„Da bin ich absolut beruhigt, Sir.“

Howard atmete auf. Der Alte, dachte er, ist soweit. Jetzt hat er seinen Spaß gehabt, alles war falsch, und nun überlässt er es mir, um nicht noch mehr Haare zu lassen. Zumal die Presse schon etwas von einer angeblichen Beteiligung des Barons an der Sache gewittert hatte. Nein, Sir Thomas streckt jetzt alle Viere von sich, lässt den lieben Gott und seinen Inspektor Howard zwei gute Männer sein und wird erst dann wieder aus seinem Schneckenhaus kommen, wenn alles vorbei ist und der Ruhm geerntet werden soll. Howard sah ihn schon im Geiste vor den Journalisten stehen und erzählen. Dabei war das Wörtchen „Ich“ in jedem von Sir Thomas’ Sätzen mindestens fünfmal zu erwarten - es war überhaupt eines von Sir Thomas’ Lieblingswörtem.

„Also gut, Howard, machen Sie mal, aber machen Sie’s um Himmels willen richtig. Wie schon mein seliger Vorfahre, der Duke of Wellington, sehr richtig bemerkte, hat doch...“

Howard unterbrach ihn jäh. „Verzeihung, Sir, aber ich muss sofort die Fahndung auf Baron von Strehlitz abblasen, sonst gibt es einen Skandal.“

„Mein Gott, was stehen Sie da noch hier herum?“, polterte Sir Thomas. Und Howard konnte gehen. Als er draußen war, erwartete ihn einer seiner Mitarbeiter.

„Na, Inspektor, bekommen wir die Unterschriften?“

„Und ob, Benson, und ob!“

Howard lachte und ging zufrieden mit sich und dem Schicksal den langen düsteren Gang entlang. Scotland Yard braucht dringend einen Neubau mehr, dachte er, als seine Schritte über den Gang hallten.

*

Das alte Hausboot schwankte leicht im Strom. Knarrend schabten die Fender an der morschen Anlegebrücke. Der Nebel hatte sich über dem Fluss ein wenig gelichtet, und die Lichter vom anderen Ufer blitzten wie ferne Sterne und spiegelten sich in den trüben Fluten. Aus schmalen Ritzen drang Licht aus den Läden über den Fenstern des Hausbootes. Vor dem Anlegesteg stand ein ehemaliger Militärlastwagen, ein Dreitonner mit Allradantrieb und Planenverdeck. Sonst aber wirkte die ganze Gegend verlassen um diese Zeit. Die riesigen Tanks und Röhrenschlangen eines Benzinlagers flussaufwärts und die Kräne einer Schiffswerft waren ohne Leben und Bewegung.

Sie saßen zu sieben Mann in der kleinen Kajüte des Hausbootes. Eine Petroleumlampe stand mitten auf dem Tisch und warf einen milden Schein auf die Gesichter der Männer, die rundum auf einer U-förmigen Bank saßen.

Am Kopfende hatte sich Gregor Romanow zurückgelehnt und sah seine Männer einen nach dem anderen prüfend an. Da war Jean Petit, der eine weit entfernte Ähnlichkeit mit Le Beau aufwies, neben ihm der schwergewichtige Hank Forester, der die Rolle von James bei dem Überfall zu spielen hatte, auch der verkrachte Maskenbildner McDougall war da, ebenso Oliver. Die anderen stammten aus aller Herren Ländern, sie hätten Arbeiter, Lastwagenfahrer, Handwerker, Büroangestellte und alles mögliche sein können. Aber wenn sie hier saßen, hatten sie einen anderen Beruf.

„Ich fasse nochmals zusammen“, sagte Gregor Romanow, und sein breites Gesicht schien auf einmal kantige Formen zu bekommen. Die kleinen Augen wurden noch kleiner. „Wir wissen durch den Polizeifunk, dass sie Bessy mitsamt dem Hubschrauber aufgelesen haben. Sie hat das alles so dämlich gemacht, wie eben nur eine Frau so etwas machen kann.“

„Augenblick mal!“, rief Oliver und zog seine dunklen, buschigen Brauen zornig zusammen. „Sie hat das sogar großartig gemacht. Es war doch überall Nebel! Kann hier jemand besser mit dem Hubschrauber umgehen? Bringt ihr es fertig, bei dichtem Nebel überhaupt irgendwo heil anzukommen?“

„Sie hat ein Bein gebrochen, und die Bullen haben sie natürlich in ihr Polizeikrankenhaus geschleppt. Schließlich war es ein Polizei-Hubschrauber, den Bessy da zertrümmert hat!“, rief Romanow.

Die Tür wurde geöffnet, und ein schmaler, schlaksiger Mann mit langer Blondmähne tauchte auf. Er war noch jung, trug aber einen etwas mickrigen Oberlippenbart. „Neuigkeit, Mr. Romanow!“, sagte er.

Alle wandten sich ihm zu. „Und?“, rief Romanow.

„Die Fahndung auf Baron von Strehlitz ist abgeblasen. Es kam eben über den Polizeifunk an alle Einheiten. Auch Dupont, den Chauffeur und den kleinen Dicken suchen sie nicht mehr. Sie haben dann eine genaue Beschreibung von Ihnen durchgegeben, Mr. Romanow, und auch von Oliver.“

„Verdammt!“, rief Oliver und schlug mit der Faust auf den Tisch. „Charly hat gesungen!“

„Oder Bessy“, meinte Romanow. „Oder Eddy oder Mike Down. Denn Mike hat die Polizei ja auch.“

„Es war ein Fehler, Charly als Bewacher vom Baron auszusuchen“, warf Oliver dem wie einen Bären am Tischende hockenden Romanow vor. „Die Bullen kannten ihn, und damit war alles kaputt.“

„Kein Mensch konnte von der Interpolsache etwas ahnen. Aber es ist nun mal passiert“, verteidigte sich Romanow. „Und im übrigen war es nicht meine Idee, sondern die vom Boss. Ich hätte auch Bessy nicht mitgenommen. Und vor allem nicht den alten John im Haus gelassen. Dass der singt, wenn ihn sich die Bullen vornehmen, ist doch wohl klar.“

„Ich bin dafür. Gregor, dass wir die Bildfläche räumen“, sagte Oliver. „Das Gold finden die Bullen sowieso nie, aber uns können sie jetzt an den Kragen. Ich würde vorschlagen, wir verkrümeln uns.“

„Sämtliche Flughäfen werden überwacht. Die warten nur darauf“, sagte Romanow. „Nein, wir werden McDougall bemühen und uns eine sehr schöne Bleibe in Merry old England suchen. Bleib im Lande und nähre dich redlich. Zwanzig Meilen von hier befindet sich ein Truppenübungsplatz der Armee. Oliver, du gehst mit allen dorthin. Zur Zeit, so etwa bis zum Frühling, ist der Platz völlig außer Betrieb. Ihr werdet Uniformen der Home Guard bekommen und dort eine der leerstehenden Baracken beziehen. Dem Lastwagen geben wir wieder eine Militärnummer, und damit hat es sich. Euch stört dort mindestens vier Wochen lang kein Aas. Die Ausweise und alles, was nötig ist, besorge ich euch.“

Oliver schüttelte den Kopf. „Da sitzen wir wie die Maus in der Falle. Wenn die Bullen etwas wittern, brauchen sie nur zuzugreifen. Ich möchte jetzt meinen Anteil. Und ich will wissen, wer der Boss ist.“

Die anderen stimmten Oliver zu. Jean Petit meinte: „Entweder gehen wir über den Kanal zurück auf den Kontinent, oder du packst hier aus und schenkst uns reinen Wein ein. Bis jetzt haben wir noch keinen Sou gesehen. Nur Versprechungen. Eine ganze Menge ist schiefgelaufen, dieses Mal. Früher hat bei uns immer alles funktioniert.“

„Es fing schon schlecht an“, meinte Hank Forester. „Der Überfall selbst war schon verpatzt, obgleich er mit viel Glück noch gelungen ist. Ihr hättet den Wagen von dieser Zeitungstante nicht rammen dürfen. Damit hat es angefangen.“

„Wie kommst du denn darauf?“, fragte Romanow.

Forester beugte seinen massigen Kopf nach vorn und sah Romanow scharf an. „Du hast es doch selbst erzählt. Dass diese Pressetante im Landhaus von General Winters aufgetaucht ist. Sie ist doch mit ihm mitgeflogen. Sie und Bessy. Das hast du doch gesagt.“

„Überhaupt, Gregor, woher wusstest du das?“, fragte Oliver.

„Ich weiß es eben.“

„Moment mal, Charly sitzt im Kahn, Eddy haben sie, den alten John haben sie. Wer kann es dir denn gefunkt haben?“

„Der alte John, bevor sie ihn schnappten“, behauptete Romanow.

Damit gab sich Oliver zufrieden. „Also, das mit der Baracke auf dem Manöverplatz fällt aus. Ich würde sagen, gib uns unseren Anteil, und wir vertrubeln uns auf den Kontinent.“

„Nein. Wir sind immer zusammengeblieben, wir bleiben es auch jetzt. Ihr geht in die Baracke, zieht euch Home Guard-Uniformen an und markiert dort eine Platzwache. Da braucht ihr nichts zu tun, und als einziges müsstet ihr nur dafür sorgen, dass ihr innerhalb des abgesperrten Manövergebietes bleibt.“

„Und du?“

„Ich werde jede Woche zweimal zu euch kommen. Ansonsten: kein Funkverkehr, kein Telefon, keine Weiber. Ich schätze, dass es gelingt, uns alle innerhalb von zehn Tagen aus England zu schleusen. Und zwar sicher. Solange müsst ihr ausharren.“

„Und das Gold?“, fragte der Hüne Forester.

„Darum geht es ja, das Gold geht mit. Bis dahin müssen wir die Barren noch umschmelzen. Hier in England wird nichts abgesetzt, noch kein Gramm.“

„Verdammt! Zehn Tage in einer Scheißbaracke!“, schimpfte Forester.

„Und keine Weiber!“, meinte Jean Petit.

„Wir sollten Bessy befreien.“ Forester sah sich beifallheischend um. „Sie geht mit jedem ins Bett. Das wäre doch wenigstens was, und schuldig sind wir es ihr auch.“

„Darauf warten die Bullen nur.“ Oliver machte eine wegwerfende Handbewegung und spie einen Tabakkrümel aus. „Weiber; wenn schon Weiber mitmischen!“

„Idiot! Sie hat sich prima benommen“, sagte Jean Petit. „Das hast du doch vorhin selbst gesagt.“

„Ja, habe ich, aber es ändert nichts an der Tatsache, dass so eine harte Sache nichts für Weiber ist.“

„Hast du eine Ahnung“, erwiderte Romanow. „Also, Jungs, ich hole die Uniformen und nehme euch am besten gleich mit. Kommt!“

*

„Es waren sieben Kisten“, sagte der Baron. „Nach dem, was ich inzwischen von dem Überfall erfahren habe, gibt es nur die Möglichkeit, dass die Goldkisten in ein Boot gebracht worden sind. In das Boot, was dort vorn in den Klippen liegt, Jenkins. Nun denken Sie mal ’n bisschen nach, sonst helfe ich Ihnen dabei.“

Jenkins war verbunden worden und hockte auf einem Stuhl. Die Namen seiner Komplicen hatte er inzwischen alle genannt, ausgenommen den Boss, von dem er behauptete, ihn nicht zu kennen.

Vorhin wollte der Baron, dass Jenkins eine Funkverbindung zu seinen Leuten, vor allem zu Romanow aufnehmen sollte, aber Jenkins brachte keine Verbindung zustande. Der andere Sender, behauptete er, würde nicht antworten.

Der Baron bezweifelte das, aber es war die Wahrheit, und Jenkins kam sich seitdem noch verlassener vor.

Im Boot hatte der Baron Beweise dafür gefunden, dass damit das Gold transportiert worden war. Kratzer von Metallkisten, ein Stück von einem abgerissenen Versandetikett und eine Wasserstraßenkarte der Themse, auf der eine bestimmte Route eingezeichnet war, die vom Überseehafen bis hierher zu diesem alten Leuchtturm an der Küste führte. Die Karte war versteckt gewesen, aber durch einen kleinen Zufall war der Baron dann doch darauf gestoßen.

Diese Karte lag ausgebreitet vor Maud Lester und dem Baron. Aus einer Sturmlaterne fiel Licht auf das Blatt, und der schwache Schein erhellte auch Jenkins, der müde und schmerzgequält auf einem Stuhl hockte. Sie saßen in der Kammer unter dem Leuchtsockel, wo auch das Funkgerät stand.

„Ihr habt die Kisten nicht bis hierher gebracht“, sagte der Baron. „Über die glitschigen Klippen kann man sie nicht tragen. Die Kisten sind also irgendwo unterwegs abgesetzt worden. Zwischen dem Hafen und diesem Platz hier. Mit anderen Worten: Ihr habt das Gold versteckt.“

Jenkins zuckte die Schultern. „Ich weiß von nichts. Ich war hier.“

Maud Lester rückte ihre Brille gerade, blickte auf die Karte und sagte. „Ich sehe da viele Seezeichen oder wie man das nennt. Vor allem in der Themsemündung. Wie denn, wenn das Gold neben einer Boje versenkt worden ist? Ich entsinne mich da eines Films, ich glaube, es war ein amerikanischer, da haben Gangster eine wertvolle Statue direkt neben einer Bojenverankerung im Flachwasser über ein Jahr versteckt gehalten und sich dann, als niemand mehr nach ihnen suchte, die Statue geholt.“

Der Baron sah Maud an. „Sie sind wirklich ein Schatz, Miss Lester. Das ist es! Genau das ist es!“

Jenkins merkte nicht, dass ihn der Baron nun aus den Augenwinkeln heraus beobachtete. Und Jenkins wusste auch nicht, dass ein perfekter und ausgezeichneter Pokerspieler nicht nur seine Karten bestens kennen muss, sondern auch in der Physiognomie seines Gegenübers lesen können muss wie in einem Buch. Und der Baron war ein Meister im Poker. Und ein Meister im Lesen von fremden Gesichtern.

Er versucht, ruhig zu bleiben, dachte der Baron. Aber in seinen Augen hat es gezuckt. Die Pupillen sind sehr viel größer geworden. Also stimmt es. Sie haben das Gold im Fluss oder im Meer versenkt. Sicherlich im Meer. An einer nicht zu tiefen Stelle. Und an einer Stelle, wo Felsen sind. Sonst würden die Kisten im Treibsand verschwinden. Dasselbe gilt auch für den Schlammgrund eines Flusses. Dort würde die ständige Strömung die Kisten womöglich auf Nimmerwiedersehen im Schlamm begraben. Nein, das haben sie bedacht, sagte sich der Baron. Sie haben das Gold an einer felsigen Stelle und in der unmittelbaren Nähe eines Seezeichens versenkt. Genau das ist es!

Er sah wieder Maud an. Warum, fragte er sich, ist sie so nachlässig mit ihrem Äußeren? Sie ist nicht hässlich. Das bildet sie sich nur ein. Aber sie trägt eine unmögliche Brille. Dann dieser Hosenanzug! Er ist ihr eine Nummer zu groß und schlottert an ihr herum wie ein Sack. Makeup scheint sie nicht zu kennen. Das Haar wäscht sie offenbar nur mit Seife. Zu kurz ist es auch. Dabei hat sie Formen; Brüste wie eine Venus, Hüften wie eine Sexbombe, und das alles verbirgt sie hinter diesem viel zu weiten Anzug, ein hübsches Gesicht wird durch die falsche Brille kaschiert, und mit dieser Frisur spart sie vielleicht in der Woche vier Shilling, sieht aber damit aus wie ein Rettich. Sie gebärdet sich sachlich, amazonenhaft und tut mitunter sogar etwas maskulin. Aber das ist doch Mache! Sie ist eine bildhübsche Frau und weiß es nur nicht. Und sie könnte bestimmt einen Mann glücklich machen, wenn erst einmal einer käme, der sie aus ihrem Rührmichnichtan-Zustand erweckte.

„Was starren Sie mich so an?“, fragte Maud.

„Ich bin sehr zufrieden, Sie in meiner Nähe zu wissen. So, und nun wieder zu unserem Freund Jenkins. Wo ist die Stelle? Ich werde sie Ihnen beschreiben, Jenkins. Sie liegt nicht in der Themse. Sie befindet sich im Flachwasser, das aber bei Ebbe nicht etwa trocken wird. Der Untergrund ist felsig. Es ist ein Seezeichen in der Nähe. Na?“

Maud Lester suchte auf der Karte. „Drei solche Stellen sehe ich.“

Der Baron blickte auf Jenkins. „Erinnern Sie sich immer noch nicht?“

Jenkins sah um sich wie ein Mensch, der keinen Ausweg mehr weiß und doch voller Verzweiflung hofft, es möge einen geben.

„Was ... was tun Sie, wenn ich es Ihnen sagen würde?“

„Ich würde das Gold heben lassen, nachdem ich nachgeprüft hätte, dass es dort liegt.“

„Und dann?“

„Was dann? Das Gold bekämen die spanischen Behörden. Noch liegt das Schiff ja im Hafen, und es liegt auch übermorgen noch dort. Bis dahin müssen wir das Gold haben.“

„Und ich?"

„Sie würde ich freilassen.“

„Ich will eine Kiste von dem Gold, sonst rede ich nicht.“

„Ach! Nun gut, darüber können wir noch reden. Also, wo ist die Stelle?“

Jenkins setzte alles auf eine Karte. Erst zeigte er mit dem Finger auf eine der drei von Maud Lester als mögliche Stellen bezeichneten Punkte, dann; als der Baron und Maud auf die Karte sahen, schmetterte er dem Baron die Faust an die Schläfe.

Der Baron, der auf der Kiste saß, wurde von dem Schlag bis gegen das Funkgerät geschleudert, das herunter fiel. Als der Baron etwas benommen den Oberkörper aufrichtete, stürzte Jenkins an ihm vorbei auf die Treppe zu, rannte hinunter, und seine Schuhe trommelten wie die Salve aus einem MG auf den Eisenstufen.

Der Baron kam auf die Beine und setzte Jenkins nach. Er hätte mit der erbeuteten Pistole schießen können, wollte das aber nicht tun. Er brauchte einen lebenden Jenkins.

Jenkins, der sich gehetzt fühlte, andererseits seit dem zweiten Sturz gewisse Gleichgewichtsstörungen empfand, lief noch schneller. Und plötzlich strauchelte er, kam aus dem Gleichgewicht, lehnte sich an das alte verrostete Geländer, geriet mit dem ganzen Gewicht seines Körpers dagegen, und mit einem Knall zerbarst das durchgerostete Eisen.

Jenkins schrie gellend auf und stürzte in den runden Schacht der Wendeltreppe, schlug mit den Füßen einmal an, wurde dann von einem vorstehenden Stück Träger am Kopf gestreift, schrie noch lauter, und dann gab es einen Klatsch. Der Schrei brach jäh ab. Nur das Rauschen der anrollenden Wellen war noch zu hören.

Als der Baron unten ankam, fand er nur noch einen Toten.

*

Der Nebel lähmte England wie ein Generalstreik. Kurz vor Mitternacht sank er erneut über das Land und war dabei so dicht, dass selbst die Fackeln und Feuertöpfe, die in London an den Kreuzungen aufgestellt wurden, nicht viel ausrichten konnten. Eine Riesenstadt war mit einem Mal wie ausgestorben, und wo doch ein Taxi oder ein Krankenwagen fuhr, geschah das im Schritttempo.

Das Taxi, das der Baron und Maud Lester nach einem langen Fußmarsch in einem Dorf endlich aufgetrieben hatten, kam nur drei Meilen weit, dann hielt der Fahrer vor einem Rasthof an.

„Sir, ich komme nicht weiter. Sehen Sie dort vorn die Barriere. Sie haben die Straße nach London gesperrt, vielleicht ein Unfall. Diese Waschküche, nein, da fahre ich nicht, und wenn Sie mir tausend Pfund dafür zahlen. Ich sehe ja nichts mehr. Hier ist ein Rasthaus. Warten Sie auf den Morgen, vielleicht steigt er wieder oder löst sich wenigstens etwas auf. Ich bleibe auch hier.“

„Inschallah! Allah hat es so gewollt, also steigen wir aus, Miss Lester.“ Der Baron zahlte den Taxifahrer aus und fragte: „Nehmen Sie sich ein Zimmer?“

„Nein, Sir, ich schlafe im Wagen, aber wenn Sie morgen weiterfahren wollen, ich stehe hinten auf dem Parkplatz.“

Der Baron nickte ihm zu. Sie gingen auf den Lichtschimmer zu, der kaum wahrnehmbar über der Tür des Rasthauses zu erkennen war. Als sie dann darunterstanden, sahen sie, dass es grelle und starke Neonlampen waren. Aber auch sie vermochten den Milchbrei des Nebels nicht zu durchdringen.

Der Baron öffnete die Tür und ging voraus in den mit Lastwagenfahrem, im Nebel steckengebliebenen Autobesitzern und deren Mitfahrern gefüllten Raum. Alle Tische waren besetzt, an der nach amerikanischem Vorbild eingerichteten Theke standen die Männer dicht an dicht.

„Für zwei Zimmer sehe ich Probleme“, sagte der Baron zu Maud und fügte hinzu: „Vielleicht haben wir Glück. Da, an diesem Tisch ist ein Platz für Sie frei.“

Er ging an diesen Tisch, an dem gerade ein hemdsärmeliger Kellner drei Männer bediente, die aussahen wie LKW-Fahrer. Er fragte, ob er den Platz bekommen könnte, und als die Männer zustimmten, bot er ihn Maud an. Dann ging er zur Theke. Der dicke Barkeeper, der in einen Western-Saloon gepasst hätte, war vollauf mit dem Einschenken von Bier und Schnäpsen beschäftigt. Zwei dralle Mädchen füllten Kannen mit Tee und schoben die Tabletts wie am Fließband den schwitzenden Kellnern zu, die offenbar die ganze Woche nicht soviel hatten arbeiten müssen wie diese Nacht.

„Ist ein Zimmer frei?“, fragte der Baron den rotgesichtigen Dicken am Bierhahn.

„Nicht sehr komfortabel, und es ist unser letztes Zimmer. Zwei Betten. Sonst ist nichts frei. Es ist ein Dachzimmer, Sir.“

„Es ist gut, wir nehmen es.“

„Sie können sich nachher eintragen.“

Er warf einen prüfenden Blick über sein Lokal. „Wollen Sie essen?“

„Ja, ganz gerne.“

„Wir servieren es Ihnen oben. Hier ist alles voll. Mary!“ Er wandte sich einem der beiden drallen Mädchen zu. „Sag John Bescheid, dass er in Nummer 14 den Tisch deckt und das Zimmer fertigmacht. Es sind Gäste dafür da.“ Er wandte sich dem Baron zu. „Gepäck?“

„Nein.“

„Mary, führe die Herrschaften hinauf!“

*

„Ein Doppelzimmer. Wir sind nicht verheiratet, Baron von Strehlitz.“

Maud Lester schloss die Tür, die der schmuddelige John nicht fest geschlossen hatte.

„Nein, wir sind nicht verheiratet. Aber vielleicht glauben Sie mir, dass ich die Absicht habe, mich wie ein Gentleman zu benehmen.“

„O ja, das glaube ich. Ich glaube Ihnen überhaupt mehr als vorher. Ah, ein Radio ist auch da!“

Maud ging in dem schrägwandigen Zimmer umher, betrachtete den Staub auf der Deckenlampe, die uralten Messingbetten, das nicht ganz einwandfreie Bettzeug. Aber sie sagte nichts, sondern begann an dem alten Radio herumzudrehen, bis es dann Töne von sich gab. Es liefen gerade Nachrichten.

Indessen kam der schlaksige, mit einer schmuddeligen und ehemals weißen Jacke bekleidete John mit einem Tablett dampfenden Essens. Die Auswahl war gering gewesen. Der Baron hatte nach Absprache mit Maud Steaks, etwas Salat und Toast bestellt. Mehr war mitten in der Nacht in einem solchen Lokal nicht zu erwarten gewesen. Aber es roch vorzüglich.

„Der Koch hat frische Krabben zurechtgemacht, Sir“, sagte John, dessen grauhaariger Kopf unentwegt leicht wackelte, als wollte er abfallen. „Die haben Sie nicht bestellt, aber Zimmergäste bekommen die Vorspeise auf Kosten des Hauses.“

„Sehr freundlich, John.“

Der Baron steckte ihm ein Trinkgeld zu, dann prüfte er den Wein, den er bestellt hatte. Es war eine gute Sorte, die er hier nie erwartet hätte.

„Das ist guter französischer“, sagte John. „Der Chef trinkt ihn selbst. Sonst wird er hier selten verlangt.“

John ging, und beide begannen zu essen. Sie hatten Hunger, und zu einer angeregten Konversation waren sie zu müde, vor allem Maud. Aber die Krabben waren so gut wie nachher die Steaks, auch der Wein schmeckte, und vielleicht war es die wohlige Wärme vor dem von John angezündeten Gaskamin, vielleicht auch der Alkohol, jedenfalls lehnte sich Maud auf dem weichen Polsterstuhl zurück, streckte die Arme zur niedrigen Decke und sagte: „Es ist herrlich, trotz allem. Wir sind im Nebel steckengeblieben, das Gold müssen wir auch noch finden, aber nun sitzen wir hier, haben etwas Gutes gegessen, trinken was Gutes, und in der Redaktion haben sie mich sicher schon unter die Toten gereiht. Mein lieber Baron von Strehlitz, über das, was ich mit Ihnen erlebe, schreibe ich drei Fortsetzungen. Würde Ihnen das gefallen?“

Er sah sie lange an. Sie hatte ihre Brille abgesetzt und sich die Augen gerieben. Als sie die Brille wieder aufsetzen wollte, sagte er: „Lassen Sie! Ohne sehen Sie wunderbar aus.“

„So ein Unsinn! Aber ohne Brille sehe ich nicht gut.“

„Dann kaufen Sie sich irgendwann eine andere, die Ihnen steht. Das, was Sie haben, ist ein Nasenfahrrad. Es macht Sie hässlich, aber Sie sind schön.“

Sie lachte. „Wollen Sie mich auf den Arm nehmen oder hat der Alkohol Ihren Blick getrübt? Übrigens, von Ihnen habe ich gehört, dass Sie ein Don Juan sind. Falls Sie mich für eine Ersatzlösung für die kommende Nacht halten, möchte ich gleich darauf hinweisen, dass Sie sich da auf dem falschen Dampfer befinden.“

Er lächelte. „Sie haben einen Komplex, Miss Lester. Einen richtigen, ausgewachsen dummen Komplex. Sie glauben an Ihre Hässlichkeit, und Sie sind geradezu peinlich darum bemüht, alles zu tun, dass es auch stimmt. Wollen Sie sehen, dass Sie nicht hässlich sind? Soll ich es Ihnen beweisen?“

„Beweisen?“ Sie sah ihn belustigt an. „Wie sollte man das beweisen können?“

„Könnten Sie sich vorstellen, dass ein Mann, dem schöne Frauen zulaufen, eine Frau mag, die wirklich hässlich ist?“

„In der Not frisst der Teufel fliegen, Baron.“

„Sie lesen zu viel Horrorgeschichten, Maud.“

Sie runzelte die Stirn, als er sie beim Vornamen nannte, sagte aber nichts. Er fuhr unbeirrt fort:

„Warum wollen Sie hässlich sein?“

„Weil ich es bin! Nun amüsieren Sie sich auch noch darüber!“, schalt sie.

„Maud, ich schwöre Ihnen, dass Sie es nicht sind. Fühlen Sie nicht, dass ich es ehrlich meine?“

„Ich spüre nur das eine, Baron .. .“

„Nennen Sie mich nicht Baron. Ich heiße Alex. Außerdem betrachte ich es als Wink des Schicksals, dass wir zusammen sind. Ich gebe etwas auf solche Winke.“

Sie ging nicht darauf ein, sondern sagte: „Ich spüre nur das eine, dass Sie ein Mann sind. Und Männer nutzen jede Gelegenheit. Mein Bruder ist für mich das klassische Beispiel. Wir arbeiten in derselben Redaktion. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder. Seine Frau ist hübsch, ist nett, ist tüchtig. Aber er geht fremd, wo er nur halbwegs kann. Die geringste Gelegenheit nimmt er wahr. Und alle anderen Männer in meiner Abteilung sind wie er. Alle.“

„Und die Frauen?“

„Sind einfach zu anständig und zu dumm dazu. Meine Schwägerin hätte tausend Gelegenheiten, über den Strang zu schlagen. Sie nutzt nicht eine. Sie liebt Ralph - das ist mein Bruder.“

„Sie haben keinen Mann, Maud. Keinen Mann, keine Kinder, und warum sollten Sie eine Gelegenheit ausschlagen? Oder mögen Sie mich nicht?“

Sie lachte. „Mein Gott, ich glaube, ich habe schon einen Schwips. Der Wein ist sehr stark, nicht wahr?“

„Mittel, würde ich sagen. Aber reden wir nicht vom Wein. Mögen Sie mich nicht?“

Sie wurde ernst. „Ich weiß es nicht... ach ja, ich habe Angst vor Ihnen. Ja, Angst.“

„Weil ich ein Don Juan sein soll?“

„Ja, und weil ... ach, ich weiß es selbst nicht.“

Er lächelte zuversichtlich. „Also mögen Sie mich.“

Sie lachte gequält. „Sonst machen es Ihnen die Frauen sicher leicht, nicht wahr?“

„Darauf kommt es nicht an.“

„Ich bin müde und möchte schlafen. Würden Sie so lange hinausgehen, bis ich mich ausgezogen habe?“

„Trinken Sie wenigstens Ihr Glas aus.“ Er stand auf und kam zu ihr, legte ihr die Hand auf die Schulter und setzte sich auf die Armlehne ihres Stuhles. „Maud, Sie gefallen mir wirklich. Sie sind klug, sind hübsch, ich mag Sie. Ist das so schlimm?“

Sie beugte den Kopf zurück und sah zu ihm auf. „Ich bin sechsundzwanzig, Alex. Kein Kind mehr, auch keines, das nie einen Mann gehabt hätte. Ich war drei Jahre lang verlobt mit einem Mann, der mir anfangs geschworen hatte, ich sei für ihn die Schönste. Nach drei Jahren ließ er mich wissen, dass ich aussehe wie ein Rettich, einen Dickkopf hätte wie ein schottischer Schafbock und im übrigen erst einmal ein paar Bücher über Sex lesen müsste, denn mit mir wäre es stinklangweilig. Verstehen Sie mich jetzt?“

„Dieser Mensch war ein Idiot, Maud.“

„Dieser Mensch ist der Chefredakteur einer sehr großen Zeitung, Alex. Er ist inzwischen mit einem bildhübschen Mädchen verheiratet und strahlt vor Glück.“

„Das besagt nichts. Ich bin ihm dennoch dankbar.“

Er legte Maud den Arm um die Schulter, beugte sich zu ihr herab und küsste sie auf die Stirn. Aber sie nahm den Kopf herunter und sagte: „Nein, bitte nicht. Gehen Sie jetzt, ich möchte mich ausziehen. Ich lösche nachher das Licht. Und bitte, Alex, bleiben Sie Gentleman! Bitte!“

Jetzt wirkte sie wie ein kleines, verängstigtes Mädchen.

Er war nicht der Typ, der angesichts einer verschlossenen Tür umkehrte und aufgab. Ohne sich um das zu kümmern, was sie gesagt hatte, fragte er:

„Dieser vor Glück zerschmelzende Chefredakteur bedeutet Ihnen heute doch wohl nichts mehr?"

„Nein."

„Sie sagen selbst, dass Sie kein Kind mehr sind. Warum benehmen Sie sich aber wie ein Kind? Ich könnte sagen, wie ein frustriertes Kind, weil frustriert heute so ein Modewort ist. Aber ich finde, Sie sind gar nicht enttäuscht, Sie wollen nur enttäuscht sein. Sie reden es sich einfach ein.“

Er ließ seine Hand über ihren Rücken gleiten, schlang den Arm um ihre Taille und spürte, wie sie zu zittern begann. Aber dann machte sie sich plötzlich und abrupt von ihm los.

„Ich habe gesagt, dass ich schlafen gehen will. Möchten Sie das bitte respektieren?“

Er erhob sich, lächelte sie an und sagte: „Es ist noch etwas in der Flasche. Trinken Sie das ruhig aus. Ich gehe noch eine halbe Stunde nach unten.“

*

Als er nach einer halben Stunde wiederkam und auf Zehenspitzen ins Zimmer schlich, brannte das Licht noch. Die Flasche war ausgetrunken, und Maud schlief tief und fest. Dabei hielt sie das Kopfkissen umklammert wie einen Schatz, den sie keine Sekunde loslassen wollte.

Der Baron lächelte, machte kehrt und schloss leise die Tür von außen. Dann ging er nach unten, wo sich allmählich das Lokal geleert hatte. Ein paar Fernfahrer hockten, den Kopf auf den verschränkten Armen, an den Tischen und schliefen, andere gingen gerade, und die Kellner räumten die Tische ab. Eine Putzfrau streute Sägespäne aus, um zu kehren.

Der Baron ging zur Tür, blickte nach draußen und sah, dass sich der Nebel ein wenig gelichtet hatte. Es war windig geworden. Ein schwerer Sattelschlepper fuhr gerade los, und im Paar seiner Scheinwerfer sah der Baron, dass es zwar noch stark dunstig, doch nicht mehr so hoffnungslos neblig war wie vorhin. Der Wind begann die Nebelbänke aufzulösen.

Der Entschluss kam sofort. Der Baron ging zu dem dicken Wirt und sagte: „Der Nebel lichtet sich.“

„Ja, Gott sei Dank!“ sagte der Wirt, während er von seinem Kassenbuch aufsah. „Wollen Sie einen Schluck zu trinken?“

„Nein, eine andere Bitte habe ich. Die Dame oben schläft fest. Ich möchte sie nicht aufwecken. Vorhin sind wir nicht weitergekommen. Sagen Sie ihr morgen früh, es sei Punkt acht Uhr ein Wagen für sie da, der sie in die Stadt brächte. Ich muss jetzt schon weiter. Was kostet das Essen und die Übernachtung?“

„Hm, jetzt ja nur noch für eine Person, wie?“, meinte der Wirt.

„Berechnen Sie uns beide komplett.“

Das mürrische Gesicht des Wirtes hellte sich sofort auf. Dann nannte er seinen Preis, der Baron zahlte und ging nach draußen, um den Taxifahrer zu suchen. Er fand ihn hinter dem Haus zwischen zwei Lastzügen. Der Fahrer schlief. Ohne viel Umstände weckte ihn der Baron auf und sagte: „Der Nebel geht weg. Fahren Sie mich nach London!“

Der Fahrer blinzelte schlaftrunken um sich, dann sah er den Baron fragend an: „Und die Dame?“

„Die schläft viel zu gut. als dass wir sie wecken. Fahren Sie los! London, Purdlestreet!“

*

Le Beau lief im Hotelzimmer auf und ab. James lag auf der Couch und schnarchte, und Robert stützte seinen runden Kopf in die für seine dicke Gestalt zierlich wirkenden Hände.

„Es ist vier Uhr morgens, draußen ist dicker Nebel“, sagte Robert und sah den unruhigen Le Beau über die Brillengläser hinweg an. „Der Baron kommt nicht mehr, auch wenn wir es vereinbart haben. Er kann ja auch gar nicht kommen, wenn das stimmt, was dieser Chefinspektor gesagt hat.“

„Howard hat gesagt, dass sie in dem Leuchtturm einen Toten gefunden hätten. Seine Leute sind ja immer noch dort. Die haben das über Funk an den Yard gemeldet. Und dieser Tote ist ein gewisser Jenkins, der zur Pantherbande gehört hat. Aber der Baron und diese Zeitungstante sind nicht mehr dort. Ergo, Robert, sind sie auf dem Weg hierher. Es gibt nur zwei Dinge, die den Chef abhalten können, unsere Vereinbarung, sich wenigstens einmal am Tag zu melden, einzuhalten; entweder ist er im Nebel steckengeblieben oder die Burschen von der Pantherbande haben ihn auf Eis gelegt.“

„Nebel haben wir noch.“

Le Beau trat ans Fenster, zog die Gardine zur Seite und blickte hinaus. „Ach was, das ist nur noch ein leichter Dunst. Der hält unseren Chef nicht ab. Vor ein paar Stunden, ja, da... Ein Taxi!“

Robert, eben noch müde und schlaff, schnellte aus seinem Stuhl hoch. Auch James’ Schnarchton brach jäh ab, doch der große Mann drehte sich nur um und schlief weiter.

Le Beau deutete nach unten auf die Straße. Er presste dabei die Stirn an die Scheibe und murmelte: „Er ist es! Ich habe es doch gewusst. Er ist es, mit einem Taxi vom Lande.“

„Wieso?“, fragte Robert.

„Ja. Alterchen, sonst weißt du immer alles, aber ein Stadttaxi kannst du nicht vom Landtaxi unterscheiden. Die Stadttaxis haben vorn links keine Tür. Da stellt man die Koffer hinein.“

„Das weiß ich auch.“

„Na ja, und das da unten ist eine richtige Limousine. Ein Taxi, das für Überlandfahrten verwendet wird. Ein Taxi von irgendeinem Kaff in der Provinz.“

„Er ist allein!“, rief Robert und fuhr sich mit der Hand über die Glatze.

„Wir werden schon hören, wo die Frau steckt.“ Le Beau rieb sich die Hände. „Wecke James auf! Jetzt geht es los. Der Chef ist da, und nun gnade dir Golt, Panther, jetzt wirst du geschlachtet.“

Vier Minuten später stand der Baron vor ihnen. Le Beau strahlte, als er dem langjährigen Freund die Hand drückte. Und obgleich sie beide altersmäßig gut fünfzehn Jahre auseinander waren, verband sie eine tiefe und feste Freundschaft.

James, der noch verschlafen dreinblickte, lächelte beglückt. Er hing am Baron aus tiefstem Herzen. Der Baron hatte ihn vor Jahren einmal aus einer sehr üblen Lage befreit, und seitdem war James bereit, sich für seinen Chef töten zu lassen. Und was James sagte, das meinte er auch so.

Robert, der Sekretär und Finanzchef des Teams, zeigte seine Wiedersehensfreude eigentlich nur dadurch, dass er einmal nicht so miesepetrig dreinblickte wie sonst.

„Also hört zu, Freunde“, sagte der Baron, als er sich an den Tisch setzte. „Sie, Robert, sind pünktlich acht Uhr mit einem Mietwagen vor dem Rasthaus, dessen Platz ich Ihnen noch beschreibe. Dort holen Sie Maud Lester ab.“

Er erklärte kurz, wieso er sie zurückgelassen hatte. Dann fuhr er fort: „Bringen Sie Miss Lester zu Scotland Yard. Sie wird dort ein paar Aussagen machen wollen. Danach begleiten Sie die Dame, wohin sie gehen will, lassen Sie sie möglichst nicht aus den Augen. Am besten, Sie bringen sie hierher. Und warten Sie dann mit ihr hier. Sie können aber auch dafür sorgen, dass sie auf meine Kosten ein paar hübsche Kleider aussucht und einen Friseur aus ihrem Rettichkopf etwas machen lässt. Ja, und zu einem Optiker schleppen Sie Maud Lester ebenfalls. Nun zu euch beiden!“

Er sah Le Beau an, dessen von vielen Kämpfen gezeichnetes Gesicht breit grinste, und dann James, der gottergeben aus großen Rundaugen seinen verehrten Chef ansah wie ein Bernhardiner, der auf die Befehle seines Herrn wartet.

„Ihr beiden kommt mit. Und bevor ihr mir erzählt, was ihr wisst, will ich mal darlegen, wie sich die Sache für mich ansieht. Die Bande hat etwas Pech gehabt. Eine Menge ist schiefgelaufen, und das Gros dieses Vereins hat sich in ein Versteck verzogen, das wir nicht kennen. Der Kopf aber, von dem selbst die meisten Bandenmitglieder nicht wissen, wer das ist, sitzt frei und munter in dieser Stadt oder nicht weit davon. Das Gold ist vermutlich der Punkt, wo wir sie alle wiedersehen könnten. Denn trotz eines guten Verstecks werden die ihre Beute nicht aus den Augen lassen.

James, Sie besorgen für Le Beau und mich zwei Taucheranzüge. Ach, Robert, da wäre noch etwas für Sie! Da ist doch dieser McLain in Croyton, dem wir voriges Jahr aus der Patsche geholfen haben. Erinnern Sie ihn daran. Ich brauche einen Hubschrauber und ... warten Sie mal ... ja, vierzehn von diesen Rettungsballons oder wie die Dinger heißen, die wir damals benutzt haben, als wir sein gestrandetes Boot flottgemacht haben. Sie wissen doch, was ich meine?“

„Ja, Sir, die gelben Ballons, die mit Pressluft aufgeblasen werden.“

„Genau, davon vierzehn oder fünfzehn. Er kann sie gleich in den Hubschrauber legen. Die Maschine holen wir bei ihm auf dem Gelände pünktlich in einer Stunde ab. Telefonieren Sie sofort. Fragen Sie ihn gleich nach den Tauchschwimmer-Anzügen, vielleicht hat er welche.“

Der Baron sah wieder Le Beau an, während Robert zum Telefon ging und wählte. „Le Beau, wir werden versuchen, das Gold zu bergen. Es gibt drei Stellen, wo es sein könnte. Die mit einem Boot abzugrasen, dauert einfach zu lange. Also machen wir es mit dem Hubschrauber. Es ist aber gut möglich, und ich rechne fest damit, dass wir Ärger bekommen. Mit den Pantherleuten natürlich. Deshalb brauchen wir James. James, Sie werden von uns mit einem Funksprechgerät an der Küste abgesetzt und nehmen sich die Betäubungspistole mit. Stecken Sie sich dazu noch einen Browning ein, falls es sehr ernst werden sollte. Aber nehmen Sie ihn nur, wenn es sein muss. Haben wir die richtige Stelle nicht gefunden, holen wir Sie wieder ab. Anderenfalls gehen Sie mit Ihrem Sprechfunkgerät in den Polizeifunk, wenn es Schwierigkeiten gibt, damit wir Howards Leute heranbekommen. Doch auch das würde ich zu gerne vermeiden. Sir Thomas soll den Triumph möglichst nicht haben. Es wäre zu schön, sein Gesicht zu sehen, wenn wir das Gold bereits auf dem spanischen Schiff hätten, wenn er davon erfährt.

Und du, Le Beau, springst ins Wasser, suchst die Kisten und hängst die Blasen dran. Damit wir das Zeug nachher auch abtransportieren können, brauchen wir an den drei Stellen, wo das Zeug liegen könnte, jeweils ein schnelles und großes Boot, das wir rechtzeitig heranfunken können, damit es die Kisten aufnimmt. Es kann aber sein, dass die Pantherleute inzwischen auch schon dabei sind, die Beute abzuholen. Dann wird alles noch einfacher. Denn dann nehmen wir denen die Arbeit nicht ab, sondern warten, bis sie fertig sind. Also, Robert, geht das mit McLain in Ordnung?“

Er wandte sich zu Robert um, der mit dem Telefonat fertig war.

„Ja, Sir, erst hat er gemault, aber dann hat er es zugesagt.“

„Gut, dann trinken wir noch einen Whisky und fahren los.“

„Er hat auch passende Taucheranzüge“, sagte Robert.

„Fein, das spart uns Zeit. Robert, behandeln Sie Miss Lester wie die Königin von England. Und lassen Sie sie nicht aus den Augen!“

*

„Haltet hier an!“, befahl Romanow dem Fahrer des Lastwagens, der mit müden und rotumränderten Augen auf die nebelnasse Strasse blickte. Es begann zu tagen. Der Nebel hatte sich zwar aufgelöst, aber die Sicht hätte besser sein können, und obgleich es acht Uhr war, schien es nicht hell werden zu wollen.

Romanow sah die beiden Männer im Fahrerhaus an. Sie trugen beide noch die Home Guard-Uniform, aber bis zu jenem Lager auf dem Truppenübungsplatz waren sie allesamt gar nicht gekommen.

„Mensch, Gregor, bei diesem Mistwetter bleiben wir doch noch irgendwo stecken“, sagte der Riese Forester, der hinten vom Wagen geklettert war und nun nach vorne kam. Er sah sich um. Die Bäume, von denen es tropfte, die schmale Asphaltstraße zur Küste und vorn die Waschküche von Küste, wo man das Meer nur hörte, aber nicht sah.

„Der Boss hat befohlen, dass wir die Beute jetzt bergen, also bergen wir sie jetzt“, sagte Romanow. „Ihr werdet das Boot abladen. Er kann noch ein Stück vorfahren, dann laden wir ab. Und wir bringen es auch den steilen Pfad hinab. Indessen können die beiden hier den Aufzug aufbauen, damit es nachher schnell geht.“

„Und wenn die Bullen was spitz bekommen?“, fragte Forester.

„Hier an diese Stelle kommt so schnell keiner. Ausserdem steht ja noch Oliver vorn mit dem Jaguar an der Ecke zur Hauptstraße und gibt uns schon Zeichen, wenn dort einer auftaucht. Also los, noch ein Stück vor, wenden und abladen. Wir haben die Zeit nicht in der Lotterie gewonnen!“

Forester ging mit Romanow neben dem wieder anziehenden Wagen her. „Hätten wir das nicht doch besser gleich mit einem Schiff gemacht?“

„Denk mal nach, die Mühe wird dir zwar schwerfallen, aber denk doch mal! Wenn wir mit einem kleinen Boot fahren, und es kann wegen des Tiefganges nur ein kleines sein, dann dauert es wieder einen halben Tag, bis wir überhaupt an der Stelle sind, wo die Boje stellt. Ein großes Boot, das schneller ist, läuft dort auf, denn jetzt ist Ebbe. Außerdem lauern die Bullen doch nur überall auf so ein Boot, das trotz Nebelwarnung auf dem Meer herumgondelt. Sogar die Fischerboote liegen in den Häfen. Da fallen wir doch unnötig auf. Nein, das Zeug wird auf den Lkw gebracht und fertig.“

„Und dann?“, fragte Forester. „Du hast bis jetzt noch nicht gesagt, wo ihr es dann hinschafft.“

„Das wirst du schon erfahren. Seit wann bist du so verdammt neugierig, Hank?“

„Ich habe so ein merkwürdiges Gefühl, als wolltet ihr uns anschmieren.“

„Wer ist ,ihr‘?“

„Der Boss und du.“

„Aha, auf einmal, was? Bis jetzt haben wir euch noch nie angeschmiert.“

„Einmal ist immer das erste Mal. Also gut, ich werde euch schon in die Suppe spucken, wenn ihr uns was einbrocken wollt.“

„Idiot! Da, pack lieber mit an!“, fauchte Romanow.

Die Bracke wurde aufgeklappt, und zu viert hoben die Männer ein kleines Boot mit Außenbordmotor vom Lastwagen. Die beiden Männer aus dem Fahrerhaus kamen auch noch, und schließlich hatten sie das Boot unten und trugen es zur Steilküste.

Romanow war schon dort und stand direkt vor dem schmalen Pfad, der schräg hinab zum Stand führte. Er drehte sich halb herum und sagte: „Hängt hinten ein Seil dran, sonst geht es euch durch! Und vorsichtig. Wenn ihr das Boot kaputtmacht, haben wir sechs Stunden Zeit verloren.“

Er ging selbst sehr langsam und fast ängstlich den relativ steilen Pfad hinab und tappte dann durch den Sand des Strandes. Oben begannen die Männer damit, das Boot abzulassen.

Plötzlich hörte Romanow den Hubschrauber. Er flog von See her auf die Küste zu, war aber nicht zu sehen. Dann war er keine zweihundert Yards entfernt, aber auch jetzt verdeckte ihn der Nebeldunst noch. Romanow war so, als würde der Hubschrauber direkt an der Küste eine Weile verharren, dann schnurrte er wieder zur See hinaus.

Misstrauisch und besorgt lief Romanow los. Die Boje war von hier aus nicht zu sehen, höchstens bei glasklarem Wetter. Aber der Verdacht in Romanow wuchs, als er das Geräusch des Hubschraubers weit draußen über der See hörte, ohne dass sich der Motorenlärm irgendwie veränderte. Wieder schien der Helikopter an einer Stelle zu stehen. Und es konnte gut die Stelle sein, wo die Boje lag.

Romanow wandte sich um. Die Männer waren fast mit dem Boot unten.

„Heh, schneller! Los, das Boot ins Wasser! Da draußen ist schon die Konkurrenz am Werk. Verdammt, ich sehe dabei nicht zu.“

„Was denn, die Bullen?“

„Nein, glaube ich nicht, dann wäre der Strand schon voller Polizei. Nein, der Baron, dieser Himmelhund! Der hat den Spieß umgedreht! Burt Jenkins scheint gesungen zu haben! O verdammt, nun macht doch schneller!“

*

Im Nebel drangen die Laute deutlicher, wenn auch verzerrt viel weiter als sonst. James, der oben am Rande der Steilküste stand, hörte das Gebrüll und Gepolter ziemlich genau. Und er verstand sogar Fetzen der Sätze, die Romanow schrie. Die Stimme kannte er, und jetzt galt es nur noch, herauszufinden, mit wieviel Leuten Romanow gekommen war.

James schlich sich näher und wurde dabei an seine Zeit als Soldat Seiner britischen Majestät erinnert. Sandhurst Truppenübungsplatz, o Gott, war das lange her! Er lächelte, als er daran dachte.

Da hörte er, wie sie versuchten, einen Motor anzuwerfen, aber er schien nicht anzuspringen. Romanow brüllte: „Ihr lahmen Ärsche, nun macht doch endlich! Glaubt ihr, ich lasse mir noch eine Kiste nach der anderen wegholen?“

Aha, dachte James, sie wissen schon, dass ein Hubschrauber draußen ist. Er nahm das Funksprechgerät und schaltete es auf Sendung. Dann sagte er: „Chef, sie sind da, Romanow und vielleicht fünf oder sechs Mann. Mit einem Boot. Ich weiß es noch nicht, aber vielleicht hatten sie einen Lastwagen, um es herzubringen. Sie werden ... ja, jetzt springt ihr Motor an. Sie fahren hinaus. Es ist sicher kein großes Boot. Also werden nur drei oder vier kommen. Ende.“

Er schaltete auf Empfang, ließ aber das Gerät leise geschaltet und hielt es an sein Ohr. Da hörte er des Barons Stimme, verzerrt von Motorenlärm. „James, sehen Sie zu, an den Lastwagen zu kommen. Setzen Sie den irgendwie lahm. Das mit dem Boot machen wir hier. Ende.“

„Verstanden, Ende!"

James huschte im Dunst bis zu einer zerzausten Gebüschgruppe, und gerade als er dort stand, sah er die Konturen des Lastwagens, der mit der Rückseite dicht an der Steilküste stand. Zwei Männer bauten ein Gerüst auf, das wie ein Dreibein aussah. Nach kurzer Beobachtung identifizierte James das Gerät als Seilaufzug, über dessen Rolle, von einem Motor getrieben, Lasten auf die Hochfläche der Steilküste gezogen werden konnten.

Die Männer probierten gerade den Motor aus. Er war ein Zweitakter und machte höllischen Lärm. James nutzte die Gelegenheit und war mit vier Sätzen vor dem Lastwagen, kroch darunter und sah sich um. Uber ihm war die Ölwanne des Motors. Dahinter das Getriebe. Rechts neben der Ölwanne sah er Anlasser und Stromkabel. Kurzentschlossen zog James seine isolierte Drahtzange aus der Parka und kniff das Kabel ab. Dann schob er sich weiter unter den Lastwagen, bis er genau unterhalb vom Ersatzrad dieses Bedford Trucks war. Hinten war der Motor wieder zum Stillstand gekommen, und einer der Männer sagte laut: „Eh, ihr beiden da unten, es ist alles klar. Wir werfen jetzt das Seil mit dem Haken herunter. Zieht mal daran!“

Es sind also vier, dachte James. Nun gut, versuchen kann ich es ja.

Er zog die Betäubungspistole aus seiner Parka und kroch fast lautlos weiter, bis er die Beine der beiden Männer sah. Die beiden schienen mit dem Rücken an der herabgelassenen Bracke des Lastwagens zu lehnen. Einer trat gerade eine Zigarettenkippe aus.

James zielte auf die rechte Wade dieses Mannes und drückte ab. Die von Kohlensäure angetriebene Stahlnadel mit der Ampullenfüllung zischte fast ohne ein Geräusch los. Es knackte nur, als James den Abzug zurückzog.

Sofort nach dem Abschuss hörte James den Mann vorn fluchen, sah, wie er sich an die Wade griff, sich bückte, aber James konnte nicht nur zusehen. Hastig lud er die zweite Nadel auf, denn diese Pistolen waren einschüssig.

Er hatte sie gerade drin, als der zweite Mann vorn unter den Wagen blickte, während sein Komplice bereits herumtorkelte und auf die Knie fiel.

James sah den Mann, der sich bückte, sah, wie der eine Pistole anschlagen wollte, da schoss er seine Nadel ab.

Sie traf den Gegner direkt in die linke Wange. Sofort nach dem Abschuss rollte sich James herum, und nicht zu früh. Der Mann vorn hatte immer noch ausreichend Kraft, seine Pistole abzudrücken. Einmal, zweimal, dreimal. Die Schüsse meißelten den Boden unter dem Wagen auf. Aber James war schon unter dem Wagen auf der anderen Seite hervorgerollt, sprang auf und rannte in den Nebel hinein. Dann krachten noch zwei Schüsse, aber wohin die gezielt waren, konnte James nicht mehr feststellen.

Unten am Strand brüllte jemand: „Jimmy, was war los? Was ist da?“

Oben antwortete niemand.

James kam langsam wieder zurück. Diesmal hatte er den Browning in der Hand. Diese Betäubungspistole mochte human sein, aber sie wirkte zu langsam. Wäre er vorhin nicht so schnell gewesen, hätte er jetzt zersiebt unter dem Wagen liegen können. Nein, dachte James, die Burschen fackeln nicht lange. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.

*

Es war die zweite Stelle, die sie absuchten, und hier waren sie fündig geworden. Aber zuvor wussten sie das nicht, und sie waren vorgegangen wie an der ersten Stelle. Der Baron hatte den Hubschrauber direkt über der Boje „stehen“ lassen, war auf etwa fünf Meter heruntergegangen, und Le Beau sprang dann ins Wasser, tauchte neben der Boje und blieb eine ganze Weile verschwunden.

In dieser Zeit kam dann der Anruf von James. Unten tauchte Le Beau wieder auf und wedelte mit der Hand zweimal hin und her. Das verabredete Zeichen. Er hatte die Kisten entdeckt. Wäre das Wasser klarer und hätte dabei die Sonne geschienen, wären diese Kisten womöglich in dem kaum sechs Meter tiefen Ebbewasser vom Hubschrauber aus zu sehen gewesen.

Der Baron griff nach den gelben PVC-Blasen, die aussahen wie gefaltete riesige Wasserbälle. Im Prinzip waren sie nichts anderes, aber sie hatten jeder eine Pressluftflasche am Ende. Der Baron warf zwei dieser Blasen aufs Wasser.

Unten fischte Le Beau sie auf und tauchte wieder. Während er unten war, überschlug der Baron die Zeit, die ein kleines Motorboot mit starkem Motor brauchen würde, um bis hierher zu kommen. Er schätzte die Zeit auf gut zehn Minuten. Das würde seiner Ansicht nach genügen.

Unten hatte Le Beau die Plastikbälle an die erste Kiste gebunden, die Pressluftventile aufgerissen, und nun kamen die Bälle mit ihrer Last nach oben. Die vorhin noch so flachen PVC-Bälle hatten jetzt das Ausmaß großer Kugeln mit gut eineinhalb Metern Durchmesser. Sie zogen die Kiste bis dicht unter die Wasseroberfläche.

Le Beau tauchte auf. Der Baron hatte ein paar Zeilen auf einen Zettel geschrieben und heftete ihn an eine der beiden Blasen, die er herabwarf. Er sah, wie Le Beau unten den Zettel las, die Hand hob, dass er verstanden hatte und mit den noch zusammengefalteten beiden Blasen tauchte.

Unten verrichtete Le Beau eine merkwürdige Tätigkeit, und die hatte er auch schon bei der ersten Kiste ausgeführt. Er schloss mit einem Spezialschlüssel das Schloss auf, entnahm der Kiste zwei Goldbarren und steckte sie in die Hohlräume des keinen Schritt entfernten Betonklotzes, an dem die Boje festgemacht war. Diese Verankerung glich einer Bienenwabe aus Zement. Überall gab es sechskantige Löcher, und die füllte Le Beau mit den Barren. Als er fertig war. wuchtete er drei größere Steine vom Grund in die Kiste, schloss sie ab und legte die Ballons an. Dann zog er die Leinen der Pressluftgeräte, und die Kiste stieg auf.

Er tauchte kurz auf, sah sich um, aber der Hubschrauber befand sich noch über ihm. Der Baron warf diesmal vier gefaltete Blasen, und Le Beau tauchte damit. Er wiederholte, was er schon zuvor getan hatte, mit zwei weiteren Kisten, ließ sie aufsteigen, begann dann aber damit, auch die anderen Kisten umzupacken. Der Sauerstoff in den Flaschen, die er auf dem Rücken trug, würde noch gut eine Stunde lang reichen. Aber die Gefahr wuchs mit jeder Sekunde. Er hatte auf dem Zettel gelesen, dass die Panthergangster kommen würden, und deshalb schuftete er, so gut das unter Wasser überhaupt möglich war. Was indessen oben geschah, konnte er nur ahnen. Er hoffte, dass der Baron die Leute im Boot beschäftigen würde, und zwar lange genug.

Le Beau hielt kurz inne, als er oben den Rumpf des Bootes als dunkle Wanne sah. Er hantierte noch hastiger, stopfte die letzten beiden Barren in einen der Hohlräume im Bojenanker und konnte gerade noch zwei große Steine in die Kiste heben und den Deckel verschließen, da sah er oben einen Mann ins Wasser springen.

Rasch schwamm Le Beau um das Betonstück herum und holte noch einmal tief Luft, dann drückte er den Sauerstoffschlauch zusammen, um sich nicht durch Blasenbildung zu früh zu verraten. Er duckte sich hinter den Sockel und sah, wie der Mann oben nach unten kam. Und er entdeckte die Harpune in den Händen des anderen Tauchers.

Der andere sah sich suchend um, war jetzt unten bei den Kisten und wollte gerade auf den Betonsockel zuschwimmen, als Le Beau wieder Luft holte und die Blasen ausströmen ließ. Da entdeckte ihn der andere.

Le Beau schwamm, so schnell er konnte, dicht über dem Grund davon. Sein Gegner folgte ihm, schoss die Harpune ab, doch er tat es zu früh, und sie gelangte gar nicht bis zu Le Beau.

Trotzdem schwamm Le Beau weiter, aber er hatte sich vorhin ziemlich verausgabt und an Kraft verloren. Sein Verfolger holte auf. Eine Harpune hatte er nun nicht mehr. Statt dessen blinkte ein langes Fangmesser in seiner Rechten.

*

Der Baron hatte sich dem Boot so weit genähert, dass sie unten seinen Hubschrauber sehen mussten. Und sobald sie ihn sahen, schossen sie schon aus einer Maschinenpistole.

Sofort drehte der Baron ab und entfloh ihnen im Nebel. Da sein Rotor den Nebel nach unten drückte, waren die Männer im Boot einige Zeit völlig davon eingehüllt. Jetzt galt es nur noch. Le Beau aufzufischen. Aber als der Baron dicht übers Wasser flog, sah er nichts von seinem Freund. Dafür tauchte wieder das Boot auf. Der Baron zog nach oben, während unten wieder geschossen wurde. An zwei Stellen wurde die Plexiglaskanzel durchbohrt, aber nichts beschädigt.

„Diese ungehobelten Brüder machen McLains Hubschrauber noch zur Schnecke!“, murmelte der Baron, drehte wieder um und war jetzt über der Boje und dem Boot. Die Boje, deren Stab mit einer Blinkleuchte bestückt war, konnte er an dem gelben Aufblitzen trotz des Nebels sehen. Und das Boot konnte nicht weit davon sein. Unten schossen sie wieder auf das Geräusch zu, das der Hubschrauber machte, aber sie trafen nicht. Der Baron zog die Maschine jetzt weiter auf See hinaus, ging tiefer und sah plötzlich zwei Köpfe über dem Wasser, beide dicht nebeneinander. Dann tauchte der eine unter.

Sofort setzte der Baron den Hubschrauber mit den Schwimmkörpern auf die See, keinen Schritt weit von den beiden Schwimmern entfernt.

Er sah, dass der eine Le Beau war. Der andere hatte offenbar sein Sauerstoffgerät verloren, und sein Gesicht war blutig, obgleich das Wasser ab und zu das Blut wegspülte.

Le Beau winkte. Der Baron schob die Tür auf, aber der Hubschrauber schaukelte bei diesem Wellengang so sehr, dass der Rotor ihn durch erhöhte Drehzahl etwas stabil halten musste. Der Baron konnte Le Beau nicht helfen, aber der drahtige Franzose war schon am Schwimmkörper, drehte sich um, und da versuchte der andere zu fliehen.

„Lass ihn!“, rief der Baron. „Komm herein, wir hauen ab.“

Le Beau kletterte in die Kabine und fiel keuchend auf die Knie. „Los, zisch nach oben, die kommen mit dem Boot!“

Nur keine Hast, mein Freund! Finden die auch das Gold nicht?“

„Ich habe Sand über die Löcher getan. Toll, was? Der Einfall, das Gold dort zu verstecken, war wirklich famos. Du bist eben doch der Größte! Was weiter?“

„Wenn sie es nicht entdecken, geht es klar. Wir alarmieren Scotland Yard. Der Rest ist für die Burschen Routine. Hoffentlich entkommt ihnen keiner.“

„Vorausgesetzt, sie machen nicht schon im Boot die erste Kiste auf. Dann sehen sie die Bescherung.“

„Im Augenblick werden sie versuchen, die Kisten rasch zu bergen. Dazu müssen sie mehrmals fahren. Ich muss jetzt James informieren. Flieg du das Ding mal weiter auf die Küste zu!“ Der Baron übergab Le Beau die Steuerung und nahm das Mikrophon des Funksprechgerätes.

„James, hören Sie mich?“

Nach einer Weile kam James’ Stimme: „Ja, Chef, was gibt es? Hier ist alles klar. Zwei Mann betäubt und die anderen beiden sitzen gefesselt auf dem Lastwagen. Wie geht es weiter?“

„Rufen Sie Scotland Yard und verschwinden Sie zu der Stelle, die wir verabredet haben. Ist das Küstenboot klar?“

„Die warten nur auf Ihren Anruf, Chef.“

„Sag ihnen, dass wir hinkommen und mit ihnen fahren. Ende.“

„Verstanden, Ende!“

Le Beau zog sich die nassen Gummihosen aus und sagte: „Hätten wir einfacher haben können. Aber Spaß ist Spaß. Sir Thomas wird Augen machen. Hoffentlich merken es die Ganoven nicht.“

„Wenn du die Kisten gut verschlossen hast, Bruderherz, dann klappt es.“

„Es war auch eine ganze Menge Glück dabei, dass unser Schlüssel gepasst hat.“

„Die Versandkisten, die von der Staatsbank verwendet werden, haben alle dieses Schloss. Man geht ja davon aus, dass die Kisten bewacht werden und es auf den Verschluss gar nicht so sehr ankommt. Wir sind über der Küste. Noch ein Stück, dann müssen wir landen, um James aufzunehmen. Hoffentlich kommt dem nichts dazwischen.“

Le Beau zündete sich eine seiner schwarzen Zigaretten an. „War die Kleine nett, die du auf gegabelt hast?“, fragte er.

„Die ist tabu, Le Beau, merk dir das!“

Le Beau grinste. „Schon wieder mal tabu? Hast du das auch Robert eingeimpft? Ich meine...“

„Ich wäre dir verbunden, wenn du deine Klappe einmal auf Null schalten könntest. Dort ist die Stelle, wir müssen ’runter!“

„Du gibst doch zu, großer Alex, dass wir diesmal gar nicht so gut ausgesehen haben und noch schlechter aussehen, wenn hier was schiefgeht.“

„Gebe ich zu.“ Der Baron brachte die Maschine auf den weichen Sand des Strandes. Kurz darauf tauchte James auf, der den Hang der Steilküste herabgerutscht kam und dann auf die Maschine zurannte.

„Der muss auch mal was für seine schlanke Linie tun“, meinte Le Beau. „Der frisst ja auch wie eine neunköpfige Raupe.“ Er schob die Tür auf. „Hallo, Zwerg! Na, du bist ja ordentlich außer Puste. Sport treiben! Weniger mampfen! Steig ein, aber mach dem lieben Onkel McLain sein Spielzeug nicht kaputt. Ah, Alex, sieh mal unser Elefantenbaby an, der hat ja richtig aufgeplatzte Fäuste. Was hat er denn nun wieder angestellt, der liebe Kleine, was? Hast du die bösen Kinderchen verhauen?“

James zog sich in die Kabine. „Sei still, du missratener Menschenaffe. Na, Chef, wie sieht es aus?“

„Ungewiss! Niemand weiß bis jetzt, ob sie uns auf den Leim gegangen sind. Wir fliegen noch mal bei ihnen vorbei, das wird sie beunruhigen. Und was sagt Scotland Yard?“

„Ich bin mitten in ihren Funkverkehr geplatzt. Sie haben es weitergegeben.“

„Hoffentlich nicht an die Putzfrau“, sagte Le Beau sarkastisch. „Was heutzutage so in den Funkzentralen sitzt... o Gott!“

„Ich habe gesagt, sie sollen es Howard durchgeben.“

Le Beau lachte geringschätzig. „Wenn der gerade auf dem Klo sitzt, bekommt es Sir Thomas, und der macht doch genau das Gegenteil von dem, was wir erwarten. Vielleicht lässt der die Themse absuchen, weil er uns doch nichts glaubt.“

„James hat von uns nichts gesagt, nicht wahr, James?“, fragte der Baron.

„Kein Wort, sondern nur das, was sie gesagt haben. Als hätte es der Polizeiposten durchgegeben.“

„Und das hast du dir alles merken können?“, frotzelte Le Beau und sah James frech grinsend an.

„Warte nur, eines Tages bekommst du noch deine Portion“, drohte James.

Le Beau zog eine Zigarette aus der Schachtel und bot sie James an. „Rauch mal eine richtige. Nichts steht zwischen dir und dem Teer. Richtig was für harte Männer. Wie ich dich kenne, James, wirst du den Chef gleich bitten, schnell zu landen, weil du sonst in deine schönen rosaroten Höschen machst. Oder?“

„Hör bloß auf!“

Der Baron landete dicht vor einer Anlegebrücke. Hier war der Nebel merklich dünner geworden, offenbar stieg er auch überall allmählich höher und gab die Sicht über das Meer frei. So sahen sie am anderen Ende des Steges ein ehemaliges Marineschnellboot liegen, auf dem jemand aufgeregt winkte.

„Die Jungs zappeln schon vor Ungeduld“, sagte Le Beau.

Der Rotor kam zum Stillstand, und alle drei stiegen aus. Während der Baron noch die Kabine schloss, rannten James und Le Beau schon über den Steg zum Boot. Le Beau, der nur eine Badehose unter der Schwimmjacke trug, hatte wegen der feuchten Kälte den Dauerlauf auch nötig. James kam ihm kaum nach.

Der Motor des Bootes heulte schon auf. Als der Baron das Boot erreichte, hörte er Le Beau zu dem stämmigen Bootsführer sagen: „Habt ihr auch eine komplette Tauchergarnitur dabei? Mein Sauerstoffgerät ist in einem kleinen Unterwasser-Match abhanden gekommen.“

„Wir haben drei, wie es vereinbart war.“ Der Bootsführer, ein Mann um die Fünfzig und so breit wie James, schüttelte dem Baron die Hand. Ein Mann hat seine Freunde; der Bootsskipper kannte den Baron seit Kriegsende.

„Hallo, Sir, alles klar?“

„Klar wie der heutige Morgen. Halten Sie auf Boje Sieben zu, aber stellen Sie beizeiten den Motor ab! Klappt das irgendwie, dass wir mit der Strömung ein gutes Stück hintreiben?“

Der grauhaarige Mann nickte. „Ich weiß Bescheid. Ich lege den Kahn direkt in die Strömung, da hört uns kein Aas, wenn wir heranschippern.“

*

„Tempo!“ rief Romanow, als die vierte Kiste oben auftauchte. Die Gangster hatten es ebenso gemacht wie Le Beau, nur waren ihre Auftriebsballons rot und nicht gelb.

Jean Petit lag ächzend im Boot. Sie hatten ihn vorhin aus dem Wasser gezogen. Er trug noch seine Taucherkleidung, aber die war an mehreren Stellen zerschnitten. An der Stirn hatte Jean Petit eine lange Messerwunde. Jetzt war Forester getaucht und ließ eine Kiste nach der anderen auftreiben. Oben banden Romanow und der hagere Patrick Lowell die von den Luftbällen gehaltenen Kisten an eine Schleppleine. Auf die Idee war Romanow gekommen, um Zeit zu sparen.

Sie hatten die vierte Kiste angehängt, da tauchten schon die Bälle der fünften auf. Romanow machte sie fest, dann lauschte er.

„Der Hubschrauber ist weg. Denen ist die Muffe gegangen, was?“

„Verbinde mich lieber!“, jammerte Jean Petit.

Romanow sah ihn aus seinen schmalen Augen verächtlich an. „Idiot! Lässt sich mit dem eigenen Messer die Tapete aufschlitzen. Das passiert auch nur dir, und fast hätten sie es dir ganz gegeben, du Trottel! Heh, da ist doch schon die sechste. Alle Achtung, Hank legt ganz schön vor!“

Nach drei Minuten tauchten die Bälle der siebten Kiste auf. Wenig später kam Forester an die Oberfläche. „Mensch, das war eine Arbeit!“, rief er und klammerte sich am Boot fest.

Romanow zerrte ihn ins Boot, während Lowell die siebte Kiste an die Zugleine hängte. Dann warf Romanow auch schon den Motor an, und sie knatterten auf die Küste zu. Doch das Boot kam mit der langen Schlepplast nur langsam voran. Trotzdem war Romanow sehr zufrieden und sagte anerkennend zu Forester: „Gut gemacht, Hank! Dafür hast du dir eine Extraprämie verdient. Und siehst du, der Nebel geht auch hoch!“

„Ist das etwa gut?“, fragte Forester und schüttelte sich vor Kälte.

„Die sieben Kisten haben wir schnell oben. Und wenn sie erst im Lastwagen sind, ist alles so gut wie gelaufen. Morgen sind die Barren schon umgeschmolzen.“

„Ich möchte endlich mal die Dinger sehen“, sagte Forester.

„Ich auch“, meldete sich Petit.

„Du gerade, was?“, höhnte Romanow. „Wegen dir Armleuchter wäre fast alles geplatzt. Lässt sich von einem Mann den Mut abkaufen. Da werden wir ... he, was ist denn das?“

Er blickte zur Küste, der sie sich näherten und die infolge des steigenden Nebels besser zu erkennen war. Auf dem Strand standen Männer in dunklen Uniformen.

„Das sind doch nicht unsere Jungs. Das ist doch keine Home Guard-Uniform!“, rief Romanow.

„Nein, Bruder, das sind Bullen, echte englische Bullen!“, meinte Forester. „Dreh um! Wir hauen ab!“

„Kappt die Leine!“, brüllte Romanow und drehte bei.

Forester nahm sein Tauchermesser und schnitt die Schleppleine durch. Das Motorboot wurde auf der Stelle schneller. Der Bug hob sich aus dem Wasser, und Forester wäre dabei beinahe über Bord gegangen, als er sich zum Strand hin umsah. Aber er hatte genug erkannt.

„Mindestens drei Lastwagen oben und gut und gerne fünfzig von den Bullen überall am Strand. Verflucht, und der Nebel geht auch weg!“, rief er. „Fahr, Gregor! Fahr, und wenn es den Motor zerreißt! Die dürfen uns nicht bekommen!“

„Aber das Gold haben sie schon!“

*

„Schnell wieder weg!“, sagte der Baron, der das Fernglas des Bootsführers vor die Augen hielt. „Die Sicht ist viel zu gut. Wir kommen in der Nacht wieder. Oder halt, warten Sie mal hier. Können wir hier nicht ankern?“

„Können wir, Sir“, sagte der Bootskapitän. „Warum? Sind die Kerle schon geschnappt worden?“

„Die Polizei hat ein Boot ins Wasser gebracht und ist ihnen nach. Jetzt ist es schon passiert. Aber Moment mal! Ich sehe nur drei im Boot. Es waren doch vier! Nein, vier sind noch drin. Die werden jetzt in das Polizeiboot gezogen. Einer muss unten gelegen haben. Le Beau, das ist wahrscheinlich der, den du angekratzt hast. Na, wie finde ich denn das. Die Pantherbande auf englisches Eis gelegt..."

„Dank der ach so tüchtigen britischen Polizei“, sagte Le Beau ironisch.

„Ja, das glaubt Sir Thomas sogar selbst. Vorn bringen sie die Blasen mit den Kisten an den Strand. Mann, das wimmelt ja nur so von Polizei. Ich glaube, wir ziehen hier Leine.“

„Zurück?“, fragte der Bootsführer.

„Ja, zurück. Und dort bleibt das Boot bis zum Abend. Dann holen wir die Ladung, obgleich ich es am liebsten jetzt schon täte - denn womöglich suchen die noch den ganzen Tag herum, wenn sie es erst merken.“

Le Beau grinste. „Und dann sind wir doch noch böse Räuber, was?“

„Ich habe einen Plan!“, sagte der Baron. „Le Beau, wir holen das Gold, und zwar jetzt.“

„Unter den Augen der lieben Freunde vom Yard?“

„Genau.“ Der Baron sah sich an Deck um. „Wie viele Schlauchboote haben Sie?“

..Ein Floß und zwei Pressluftboote“, sagte der Bootsführer.

„Wieviel tragen die Pressluftboote?“

„Jedes trägt acht Mann.“

„Le Beau, rechne mit! Acht Mann, das sind rund sechshundert Kilo. Das macht zwölfhundert für beide Boote. Unser Gold wiegt aber nur siebenhundert Kilo - also: wir werden das Gold heben, und das sofort. Sind die Boote aufgeblasen?“

„Nein“, sagte der Bootsführer etwas verwirrt, weil er den Sinn der Frage noch nicht verstand. „Es sind ja Pressluftboote.“

„Genau wie die Blasen, Le Beau! Genau wie die Blasen! Versenken, beladen, aufblasen! Und dann schleppen wir einmal was ganz Feines hinter uns her! Na, und jetzt zieht euch um! Wir fahren noch ein Stück näher, und Sie gehen vor Anker. Le Beau, James und ich tauchen. Wenn die Boote auf die Oberfläche kommen, Käpt’n. dann fahren Sie los, und zwar so. dass Sie zwischen Land und unserem Schatz sind. Einer von uns wird rechtzeitig auftauchen und Ihnen Zeichen geben, damit Sie noch vor dem Auftauchen der Boote zur Stelle sind. Wir machen die Boote fest und tuckern langsam los. Le Beau und James, ihr beginnt dann sofort mit dem Ausladen der Schlauchboote. Sobald alles an Bord ist. fahren wir nach London. Alles klar?“

„Alles sonnenklar!“, sagte der Bootsführer und rieb sich die Hände. „Und was tun wir mit dem Gold?“

„Wir bringen es den Spaniern. Für die war es ja sowieso bestimmt. Also, fangen wir gleich an! Schließlich sind wir das Sir Thomas schuldig.“

*

Inspektor Howard blickte durchs Fernglas auf das vor Anker liegende ehemalige Schnellboot. Er wandte sich an den Beamten an seiner Seite, einen Polizeioffizier aus dieser Gegend. „Was ist das für ein Schiff, Lieutenant?“

„Es gehört einem Kriegsveteranen, der schon mal Rundfahrten macht und ab und zu fischt, mitunter auch mit Amateuranglern. Harmloser Mann, Sir.“

„Gefällt mir aber gar nicht. Vielleicht ist er von diesen Kerlen bestellt gewesen. um sie aufzufischen. Was hat er dort draußen zu suchen?“

„Er hat Presseleute an Bord. Sir“, sagte der Lieutenant. „Wir haben ihn schon angeblinkt, und er hat uns signalisiert. dass Presseleute an Bord sind. Die müssen was erfahren haben von unserer Aktion.“

„So schnell? Hm. Na ja, langsam sind die sowieso nicht.“

Howard sah unten zum Strand, wo Polizisten die Kisten in einer langen Kette zu jenem Aufzug trugen, den noch die Pantherleute errichtet hatten.

„Sir Thomas wird sich freuen, Sir“, sagte der Lieutenant.

„Klar, der freut sich immer. Aber ich möchte nur wissen, woher wir die Nachricht bekamen. Sie sagen, das hätte keiner Ihrer Beamten getan. Woher kam das also?“

Der Lieutenant zuckte die Schultern. Und Howard warf wieder einen misstrauischen Blick zu dem weit draußen liegenden Schnellboot hin. Aber er schwieg.

Drei Kriminalbeamte schafften gerade Romanow, mit Handschellen gefesselt, den Steilpfad hinauf zu dem bereits mit Petit und Lowell beladenen Gefangenenwagen. Am Aufzug wurde die erste der sieben Kisten emporgewunden.

Es wimmelte überall von Polizei. Trotzdem war Howard nicht zufrieden. Sein Gefühl warnte ihn vor einem vorschnellen Triumph. Irgendwie gefiel ihm das Schnellboot dort draußen nicht, oder war es etwas anderes, das ihn beunruhigte?

Er beschloss, die Gefangenen etwas unter die Lupe zu nehmen. Rasch ging er zum Gefangenenwagen hin, wo gerade Romanow einsteigen sollte.

„Augenblick noch!“ sagte Howard zu den drei Scotland Yard-Detektiven. Dann sah er Romanow an, der aussah wie ein Bär, den man nach einem Ausbruch in den Zoo zurückbrachte. „Es fehlt doch noch einer von euch. Die beiden Kerle, die wir zusammen mit den Betäubten vorhin schon abfahren ließen, haben doch gesagt, dass ihr einen Boss habt, den sie nicht kennen. Wo steckt der?“

Romanow grinste. „Dann weiß der Junge mehr als ich, Inspektor. Bisher bin ich der Boss gewesen.“

„Romanow, Sie werden lange genug gesucht. Fast überall auf dem Kontinent und auch bei uns. Glauben Sie nicht, dass derjenige, der Ihnen die Befehle gibt, ebenso wie Sie eingesperrt sein sollte?“

„Ich weiß nicht, wovon Sie reden, Inspektor. Der Kopf bin ich. Gut, wir hatten Pech. Aber mehr ist nicht drin, Inspektor, auch wenn sich das in den Akten besser lesen sollte.“

Howard packte Romanow am Kragen. „Halten Sie uns nicht für dämlich, Romanow! Der Kopf sind Sie niemals! Dazu sind Sie einfach zu primitiv. Aber wir finden Ihren Boss auch noch. Steigen Sie jetzt ein!“

Romanow bellte zurück: „Jeder blamiert sich, so gut er kann! Hat Ihnen Baron von Strehlitz den Floh ins Ohr gesetzt? Haha!“

Howard knurrte wütend und wandte sich ab, während die Beamten den Gefangenen in den Wagen schoben.

Plötzlich stürzte eine der Kisten vom Aufzug herab. Ein Mann fluchte, ein anderer Polizist schrie: „Aufpassen!“

Dann schlug die Kiste schon gegen einen kantigen Felsvorsprung. Der Deckel sprang auf, und drei dicke, runde und mit grünem, glitschigem Bewuchs behaftete Steine kollerten den Abhang hinunter bis in den Sand, wo sie wie panierte Frikadellen liegenblieben.

Howard stierte aus weit aufgerissenen Augen auf die Steine, dann auf die Kiste, und plötzlich schrie er: „Aufhören mit dem Hochwinden! Alle Kisten öffnen!“

Und wieder blickte er hinaus auf das Schnellboot, das sich etwas am Anker gedreht zu haben schien und der Küste das Heck zuwandte. Aber da fiel Howard auf, dass es gar nicht mehr an derselben Stelle lag wie vorhin. Es stand ja direkt hinter der Boje.

Er nahm das Fernglas und blickte auf See hinaus. Und da entdeckte er Quirlwasser am Heck des Bootes.

„Es fährt ab! Verdammt, und wenn ich mich wirklich blamiere! He, Lieutenant! Blinken Sie das Boot dort draußen an, dass es stoppen soll! Haben die Funk an Bord?“

„Nein, Sir! Aber ich gebe sofort Befehl, dass ...“

„Schnell, das Ding fegt uns davon!“ Howard spuckte wütend aus. „Der Baron! Das ist sein Streich! Darauf gehe ich jede Wette ein. Und der hat uns auch benachrichtigt! Er steckt doch dahinter, und Sir Thomas lacht sich ins Fäustchen!“

*

Maud Lester saß schweigend neben Robert und blickte durch die Windschutzscheibe des Rover auf die Straße. Sie waren in London. Ampelverkehr, Schritttempo, Kolonnen kriechender Autos. Robert hatte ihr erzählt, was ihm der Baron aufgetragen hatte. Vorhin waren sie bei einer Modistin gewesen, und Maud trug seitdem ein schickes dunkelgrünes Kleid, sehr eng, sehr kurz, sehr modern. Eine neue Brille besaß sie auch, und nun wollte sie Robert zu einem Friseur fahren. Sie widersprach nicht, sondern fragte nach einer Zeit des Schweigens, als sie wieder an einer Ampel halten mussten:

„Glauben Sie, dass diese Pantherbande einen Kopf hat, jemanden, den wir nicht kennen?“

Robert nickte. „Baron von Strehlitz ist davon überzeugt. Auch Scotland Yard ist dieser Meinung, wie ich erfahren habe.“

„Was hat man eigentlich mit dieser Bessy Laudon gemacht? Sie sagten doch, die läge in einem Polizeihospital.“

„Ich habe auf der Fahrt zu jener Raststätte, wo Sie übernachtet haben, im Radio gehört, dass man sie gegen Kaution in ein Privathospital bringen ließ. Und zwar ins St. Ann’s Hospital in der Cornwall Street.“

„Und dahin möchte ich jetzt.“

„Wie bitte? Ich habe den Auftrag...“

Es wurde gerade grün. Aber Maud war aus dem Wagen, bevor Robert anfahren konnte. Und dann musste er weiter, denn hinter ihm hupten schon die anderen.

Maud sprang wie eine Gazelle zwischen den Autos hindurch, lächelte, weil das Hupkonzert zunahm und kam gerade auf der anderen Straßenseite an, als dort ein Taxi stoppte. Sie winkte, stieg ein und sagte zu dem Fahrer: „St. Ann’s Hospital!“

„Hören Sie, Miss, das war aber ziemlich selbstmörderisch, was Sie eben gemacht haben“, sagte der Fahrer.

„Ich wünsche keine Belehrung in Lebensweisheiten, ich will zum St. Ann’s Hospital, und wenn Sie etwas davon verstehen, möglichst rasch.“

Der Mann nickte, als hätte er alles verstanden. „Aha, ein Notfall.“

„So ähnlich“, erwiderte Maud und lehnte sich in die Polster. Drüben versuchte Robert gerade trotz Verbot zu wenden. Aber ein Polizist sprang ihm vor den Wagen, ruderte mit den Armen, und Robert würde wohl ganz sicher nicht so schnell dem Taxi nachfahren.

Maud lächelte zufrieden und besah sich im Spiegel. Sie fand selbst, dass sie mit der neuen Brille viel besser aussah. Auch das Kleid gefiel ihr. Nur das Haar... Na ja, dachte sie, das können wir nachholen. Erst einmal diese Bessy Laudon.

In der Innenstadt war der Teufel los, und das Taxi stand mehr, als es fuhr. Doch dann endlich erreichten sie die Cornwall Street, und der Wagen hielt vor einer unscheinbaren Pforte.

„Hier ist es“, sagte der Fahrer und nannte den Preis.

Maud zahlte, stieg aus und ging auf die Pforte zu. Der Fahrer blickte ihr nach und pfiff leise durch die Zähne. „Und so was bringt sich beinahe um. So ein Leckerchen!“ Dann fuhr er ab.

Maud sah ihm kurz nach und dachte: Für den habe ich das schließlich nicht getan. Ach, Alex, wärst du doch nicht so ein verrufener Don Juan, ich könnte verrückt werden nach dir!

Sie schellte, denn die Tür war verschlossen. Eine ältere Krankenschwester öffnete ihr und sah sie fragend an.

„Zu Miss Laudon“, sagte Maud. „Ich bin Verwandtschaft.“

„Aber... aber sie darf keinen Besuch ...“

Maud war schon drin und schob sich an der empört dreinblickenden Schwester vorbei. „Ich sagte doch, dass ich Verwandtschaft bin. Es ist wichtig und dringend. Wo liegt sie?“

„Aber es ist jemand bei ihr, und ich...“

Maud besaß noch ganze zwei Pfund. Die holte sie aus der Handtasche, die ihr Robert gekauft hatte, gab sie der Schwester und sagte: „Fällt Ihnen jetzt die Zimmernummer ein?“

„Ich darf es ja eigentlich nicht, aber ... aber ich mache mal eine Ausnahme. Hoffentlich merkt es der Chefarzt nicht.“

„Dem kann man vorbeugen. Geben Sie mir einen Kittel oder so etwas, dann sehe ich nicht wie Besuch aus.“

Die Schwester sah sie verblüfft an. Sie war alt und verbraucht, aber dann begriff sie doch. „Das ist gut, ja, das ist sehr gut. Kommen Sie mit!“

Sie schleppte Maud in die Pförtnerloge, holte einen weißen Kittel aus dem Schrank, und Maud zog ihn an. Fünf Minuten später stand Maud vor Zimmer 112 im Prominententeil des Privatkrankenhauses. Hier kostete ein Tag Pflege mehr, als ein Arbeiter in einer ganzen Woche Akkordarbeit verdiente.

Die Schwester lief hastig davon, als hätte sie Furcht, für ihre Unterstützung gescholten zu werden. Maud indessen drückte die Tür auf und sah ein freundliches Zimmer mit nur einem Bett, einem Bücherregal, einem Schrank, einem Tisch mit teuren Polstersesseln und netten Gardinen am Fenster. Im Bett lag Bessy Laudon, und noch interessanter war ihr Besucher. Es war General Winters. Und er sah gar nicht mehr so angegriffen aus, sondern schien gerade gelacht zu haben und hatte zu allem Überfluss seine Hand unter Bessys Decke, und zwar ungefähr dort, wo eine Dame sogar am Strand von St. Tropez bedeckt war. Jetzt zog er diese Hand rasch unter der Decke hervor. Bessy stieß einen spitzen Schrei aus, als sie Maud erkannte, und der nicht mehr ganz taufrische General zog die Stirn in strenge Falten und knurrte:

„Was wollen denn Sie hier?“

Maud lehnte sich gegen die geschlossene Tür und sah ihn scharf an. Er sah eigentlich gut aus. Graues, kurzes Haar, korrekter Anzug, dezente Krawatte, Schuhe, in denen man sich spiegeln konnte, kurzum, ein vollendeter Gentleman. Sogar die Perlennadel auf der Krawatte fehlte nicht.

„Kennen Sie mich nicht?“, fragte Maud.

„Nicht, dass ich wüsste!“, näselte Winters.

„Fragen Sie Ihre Freundin!“

Der General zuckte herum, sah Bessy an, und die sagte leicht keifend: „Das ist doch die von der Presse!“

„So, von der Presse!“ Der General stand auf, ging zum Telefon, das auf Bessys Nachttisch stand und hob ab. „Ja, hier Winters“, sagte er. „Würden Sie jemanden schicken, der einen Eindringling aus Miss Laudons Zimmer entfernt?“ Dann legte er auf, sah Bessy an, dann Maud und sagte: „Sie verbrauchen zuviel Sauerstoff in diesem Raum, Miss Soundso! Bestimmt war es gar nicht klug von Ihnen, hier hereinzuplatzen.“

„Und was tun Sie hier, Sir?“, erkundigte sich Maud.

Winters maß sie verächtlich. „Entfernen Sie sich, und zwar schnell! Dies ist ein Krankenzimmer.“

Schritte näherten sich auf dem Gang, und es waren harte Männerschritte. Maud machte die Tür weit auf und lehnte sich erwartungsvoll in den Rahmen. Ein großer Mann in Krankenpflegerkleidung sah sie verblüfft an und fragte: „Sind Sie das?“

„Ich bin es! Und ich gehe freiwillig. Sie können Energie sparen!“ Dann winkte sie Bessy zu: „Gute Besserung! Sicher wird Ihnen seine Massage helfen.“

Winters verlor in diesem Augenblick die Beherrschung und schrie: „Sie kleines freches Biest! Farell, bringen Sie sie zurück!“

Aber Maud rannte viel schneller als der schwergewichtige Pfleger, der zudem noch nicht ganz begriffen zu haben schien, warum er so eine zierliche Person wie einen Einbrecher jagen sollte. Maud verschwand um die Ecke, entwischte in die Toilette und hörte, wie der schwere Mann an der Tür vorbeistürmte. Sofort spähte Maud durch den Türschlitz, sah den Pfleger im Treppenhaus verschwinden und kam wieder zurück zum Zimmer 112 und hörte Winters durch die angelehnte Tür sagen:

„Die weiß etwas! Nein, rede mir das nicht aus! Die weiß etwas! Du hast wieder mal zuviel geredet, nicht wahr? Die hat doch irgend etwas gewittert. Solche Pressemenschen haben eine Nase dafür.“

„Ich habe nichts gesagt. Keiner weiß etwas! Mach lieber die Tür zu! Denkst du, hier wären alle taub?“, fuhr ihn Bessy an.

„Kind, werde nicht unverschämt! Ohne mich wärst du noch in dem miesen Nachtlokal, aus dem ich dich geholt habe. Du verdankst mir zu viel, um so mit mir zu reden!“

„Ach was, Charly hat mich dort herausgeholt, und du willst nur absahnen, überhaupt, was haben die Jungs alles riskiert! Und du sitzt hier und kassierst nur. Hör doch auf! Immer hast du nur kassiert und im Hintergrund gesessen. In Paris, in Wien und bei allen Dingern, die unsere Jungs für dich gedreht haben. Sie haben den Kopf hingehalten, und du hast kassiert...“

Maud hatte genug gehört. Sie schlich an der noch immer angelehnten Tür vorbei bis zum Ende des Ganges. Hier führte eine Feuerleiter an der Außenwand des Hauses in den Garten. Kurz entschlossen zog sich Maud die Schuhe wieder an, öffnete das Fenster und stieg hinaus.

Eine Minute später war sie im Garten, nach weiteren drei Minuten hatte sie eine Pforte gefunden und gelangte auf die Straße. Nach weiteren fünf Minuten stand sie in einer Telefonzelle und sprach mit Scotland Yard, dann rief sie die Redaktion ihrer Zeitung an.

*

Das Schnellboot fuhr mit voller Kraft voraus. Unten im Boot lagen die Goldbarren, darüber als Sichtschutz die beiden umgestülpten Schlauchboote.

Der Baron sah sich um. „Jetzt sind es schon zwei Barkassen, die uns folgen“, stellte er fest.

„Und ein Brummer ist unterwegs! Sieh nach dort!“, sagte Le Beau und zeigte zum Horizont über der Küste. Sie waren jetzt vor besiedeltem Gebiet, wo schon Industrieanlagen die Themse säumten.

„Ich wette, gleich werden welche von vorn kommen“, meinte der Bootsführer. „Mann, das ist ja richtig aufregend auf meine alten Tage.“

„Wir müssen bis zu dem Spanier durch, egal wie!“ Der Baron sah auf die Uhr. „Wie lange noch, Käpt’n?“

„Nicht mehr lange. Der Spanier liegt doch ... Jetzt kommen sie von vorn!“ Der Bootsführer deutete flussaufwärts, wo ein Polizeiboot auftauchte.

Der Baron hatte links einen kleinen Kanal entdeckt, der in die Themse mündete. „Dort hinein!“, rief er dem Bootsführer zu.

„Das führt in den Ölhafen.“

„Sehr gut, fahren Sie hinein!“

Das Schnellboot drehte hart bei und schoss wie ein Pfeil in den Seitenkanal.

Vom tauchte ein alter Kahn auf, der am Ufer festgemacht war. „Langsam!“, befahl der Baron. „James, springen Sie ab und drehen Sie den Kahn quer zur Fahrrinne! Das hält uns die Verfolger eine Weile auf. Und laufen Sie dann weg! Wir treffen uns im Hotel wieder. Aufpassen! Dichter ’ran! Und jetzt, springen!“

James sprang, landete auf dem alten Kahn, lief über die Planken, machte schon achtern die Leinen los und schob den etwa zwölf Meter langen Kahn vom Ufer weg. Die Strömung besorgte den Rest. Als das Schnellboot schon gut zweihundert Meter weiter war, legte sich der alte Kahn allmählich quer in den Kanal. James sprang vorn ab auf festes Land und verschwand zwischen Buden und Schuppen.

Das Polizeiboot, das jetzt näher kam, musste auf Rückwärtsfahrt umsteuern, um nicht auf das Hindernis aufzulaufen.

Indessen erreichte das Schnellboot den mit Frachtern vollbelegten Ölhafen, dessen Zufahrt weiter nordwestlich in die Themse führte. Der kleine Seitenarm, den das Schnellboot gekommen war, galt nur für Barkassen.

In einer gewagten Slalomfahrt an den Ölpiers liegenden Schiffen hindurch gelangte das Schnellboot ungehindert vom Ölhafen zum Holzhafen, und von dort fand der Skipper einen Kanal zum Überseehafen.

Während es überall an den Piers von Polizei nur so wimmelte und die Polizeiboote mit heulenden Sirenen umherfuhren, schipperte der Bootsführer mit seinem Schnellboot zwischen zwei Ozeanriesen hindurch an der Überseebrücke vorbei bis an die dem Hafenbecken zugewandte Seite des spanischen Schiffes, das schon einmal das Gold hatte aufnehmen sollen.

Oben beugte sich ein Schiffsjunge über die Reling und blickte neugierig auf das mit gestopptem Motor herangleitende Boot.

Der Baron warf dem Jungen die Leine hinauf, und der schnappte sie sich geistesgegenwärtig.

„Hol den Kapitän, Junge!“, rief der Baron, aber der Junge machte zwar die Leine fest, zuckte aber die Schultern. Da rief ihm der alte Bootsführer auf spanisch dasselbe zu, und nun lief der Junge los.

Indessen näherte sich vom Liegeplatz eines großen Passagierschiffes her ein Polizeiboot. Doch es fuhr vorbei, und die Beamten an Bord blickten allesamt auf die Hafenzufahrt hin und nicht auf das Schnellboot, das wie ein Leichter am Spanier längsseits gegangen war. Oben erschienen drei Männer an der Reling. Einer davon war der Erste Steuermann. Die anderen schienen zur Wache zu gehören. Auch der Schiffsjunge kam wieder mit.

„Wir haben das Gold wieder. Ihr könnt eine Palette herunterschicken, dann packen wir es euch drauf!“, sagte der Baron.

Der Erste riss die Augen auf. Und die wurden groß wie Spiegeleier, als Le Beau die Schlauchboote zur Seite nahm, so dass man von oben das Gold sehen konnte.

„Por dios! Wie habt ihr das gemacht?“, fragte der Erste.

„Fragen Sie das besser nicht. Also, die Palette herunter! Und nachher brauchen wir eine Quittung. Es gibt hier Leute im Hafen, die halten uns für Diebe.“

„Diebe? Feine Diebe, die eine Beute an den Bestohlenen bringen. Ich hole den Frachtoffizier!“

*

Sir Thomas blickte lächelnd auf die Presseleute. Blitzlichter erhellten sein Gesicht wie in einem Gewitter. Aber Sir Thomas lächelte. Neben ihm stand, mit etwas säuerlicher Miene, sein Chefinspektor Howard.

Der Vertreter der „Times“ rief dem Chiefintendant zu: „Sir Thomas, Sie haben uns eben erklärt, dass es der Polizei gelungen sei, den wahren Anführer der Pantherbande zu fassen. Ein Geständnis hätten Sie auch. Sie haben auch erklärt, bis jetzt sei das Gold nicht gefunden worden. Sir Thomas, ich frage Sie hier im Namen aller meiner Kollegen - mit einer Ausnahme - wieso es die .Daily Mail fertiggebracht hat, folgendes in ihrer Abendausgabe zu behaupten und über Reuter an den BBC weiterzugeben. Ich zitiere: Baron von Strehlitz und seine Mitarbeiter konnten in General a. D. Winters den Anführer der Pantherbande entlarven und hiervon Scotland Yard in Kenntnis setzen. Außerdem gelang es dem Baron und seinen Mitarbeitern, der Pantherbande das geraubte Gold abzunehmen und wieder auf das spanische Schiff zu bringen, mit dem es nun endgültig an seinen Bestimmungsort gebracht werden kann. Zur Stunde befindet sich der spanische Frachter bereits auf dem Wege zur offenen See. Der spanische Geschäftsträger und das Komitee der Sammelaktion haben zum Dank für seinen Einsatz den Baron und seine Mitarbeiter zu einer Festlichkeit eingeladen, die übermorgen in der Clubsuite des Mountbatten Clubs stattfinden soll.

Sir Thomas, ich frage Sie hier, wie stehen diese Aussagen zu Ihren Informationen? Wieso konnten Sie uns eine völlig andere Auskunft geben, als sie von BBC, dem Daily Mail und Reuter verbreitet wird?“

Sir Thomas war bleich geworden. Howard aber lächelte betreten und sagte leise, dass es nur Sir Thomas hörte: „Er hat uns ’reingelegt. Das war seine Revanche, weil wir ihn verdächtigt hatten.“

Sir Thomas wandte sich halb herum und sagte zu Howard: „Aber eines Tages, Mr. Howard, eines Tages ist die Stunde da, wo ich ihn zu fassen bekomme! Dieser verdammte teutonische Junker!“

„Ihre Antwort, Sir Thomas!“, rief ein Journalist.

Sir Thomas wurde ungehalten und polterte: „Die Antwort gibt Ihnen Mr. Howard. Ich habe leider dringend zu tun!“

*

Der Baron stürmte in den Frisiersalon, kümmerte sich nicht um empört dreinblickende Damen unter Frisierhauben, die an die Weltraumfahrt erinnerten, und prallte fast mit einer jungen Dame zusammen, die gerade ihrer Friseuse ein Trinkgeld gegeben hatte und nach vom gehen wollte.

„Verzeihung, Madam“, murmelte der Baron und wollte weiter.

„Aber Baron von Strehlitz!“

Er sah die ihm so fremde Dame verblüfft an. „Woher kennen Sie mich?“

„Oh, ich kenne Sie noch nicht lange, aber...“

Da wusste er es. Diese Stimme! „Maud! Mein Gott, Sie hätte ich nie im Leben wiedererkannt! Sie sehen ja phantastisch aus! Mit dem langen Haar, diesem rassigen Kleid!“

Sie lächelte. „Wirklich? Und warum rennen Sie hier herum, als wollten Sie eine Panik verursachen?“

„Kommen Sie, ich erkläre es Ihnen woanders!“

Zehn Minuten später saßen sie in einem Taxi.

„Ich habe Sie überall suchen lassen. Nirgendwo waren Sie. Zuletzt habe ich an die Redaktion gedacht, aber da sind Sie seit zwei Stunden verschwunden. Bis mir ein Kollege von Ihnen den Tipp mit dem Friseurladen gab.“

Sie lachte und schmiegte sich an seine Schulter. „Es ist ganz einfach. Ich war darauf gekommen, dass Bessy Laudon doch eine viel wichtigere Zeugin war, als wir zuerst gedacht hatten. Dass ich dort Winters fand, war ein Zufall. Er hat sich gewissermaßen selbst verraten. Sein Trick, den Überfallenen zu spielen, hat sogar die Polizei und auch Sie getäuscht. Aber er wollte sich an Ihnen rächen. Er war nicht bereit, Ihnen seine Spielschulden zu bezahlen. Er hätte es gekonnt, aber er hasste Sie eben. Sie haben ihn eben zu oft verlieren lassen. Und Sie sagen, die neue Frisur steht mir? Es ist nicht alles echtes Haar. Das richtige braucht seine Zeit, bis es länger ist.“

Der Baron nahm sie in die Arme, und diesmal wehrte sie sich nicht, als er sie küsste. Doch dann, als er sie losließ, sagte sie leise: „Alex, ich bin keine Frau, die man einfach so mit ins Bett nimmt. Vergiss das nicht! Ich habe dich sehr gern, aber ich möchte nicht eines von deinen vielen Mädchen sein. Sozusagen Nummer hunderteinundachtzig. Alex, lass uns gute Freunde bleiben. Ich liebe dich, und bei mir ist es echt.“

„Aber, Maud, dann ...“

„Nein, Alex, lass mich mal reden. Ich würde gerne immer an deiner Seite sein. Als dein Freund, als dein Kamerad, aber ich möchte nicht vernascht werden, um dann irgendwann abgelegt zu...“

„Maud, ich bitte dich!“

„Nein, Alex, dein Ruf besagt das.“

„Maud, ich bin besser als mein Ruf! Glaub doch das nicht. Ich beweise dir...“

„Ich möchte, dass du mir etwas versprichst!“

Er seufzte. „Und was?“

„Wir werden ein Jahr zusammen sein. Ich will deine Sekretärin sein, oder was du willst. Aber nichts weiter. Kein Bett, keine Leidenschaften. Dein Kamerad. Und danach werden wir uns beide, heute in einem Jahr, nochmals fragen, ob wir so denken wie jetzt. Ein ganzes Jahr.“

„Du bist eine Sadistin.“

„Nein, Alex, ich bin nur kein kleines Dummchen oder ein Starlet oder was sonst man zu den Mädchen sagen will, die jeden Tag die Pille nehmen und damit die Moral wegschmeißen. Ich bin anders, Alex.“

Er spürte, dass sie es ganz ernst meinte. Und dass sie wirklich nicht so ein Mädchen war, das man pflücken konnte wie eine Blume. Und noch etwas spürte er: er liebte sie, und er liebte sie sehr tief.

„Also gut, dann wirf den Zeitungsfritzen die Kündigung vor die Füße und werde meine Mitarbeiterin. Am Montag fliegen wir nach Monte Carlo.“

Sie lächelte. „Du wirst nicht bereuen, mich als Mitarbeiterin zu haben.“

„Wenn ich nichts weiß, du kleines Biest - das weiß ich! Aber einen Kuss wirst du mir doch nicht verwehren wollen, oder?“

„Den letzten, und dann ein Jahr Pause...“

––––––––

ENDE

Abserviert von zarter Hand

von A. F. Morland

Erst liebte sie ihn – aber als sie endlich sein schmutziges Spiel durchschaute, verurteilte sie ihn zum Tode ...

1

Er war einer von denen, die wussten, wann eine Sache verloren war. Bount Reinigers Automatik wies auf seine breite Brust, und er wäre verrückt gewesen, zu denken, da wäre noch ein Blumentopf zu gewinnen. Mit einem überheblichen Grinsen, wie nur er es zustande brachte, ließ er die Beute fallen. Sie befand sich in einem schwarzen Stoffsack: zwanzigtausend Dollar und noch ein paar Zerquetschte aus dem Safe der gegenüberliegenden Bar, der Dandy Moreno einen nächtlichen Besuch abgestattet hatte.

Seit einem Monat war Bount Reiniger hinter diesem raffinierten Kriminellen her. Endlich war es ihm gelungen, Dandy Moreno auf frischer Tat zu ertappen.

Über ihnen rollte der spärliche Nachtverkehr über den Stelzen-Highway, der den Hudson River begleitete. Moreno hob langsam die Hände, als wollte auch er das Betonband dort oben stützen. Bount wies mit den Augen nach rechts.

„Mein Wagen steht dort drüben, Dandy.“

Moreno bedachte ihn mit einem frostigen Blick. „Wohin fahren wir?“

„Centre Street. Nur ein paar Blocks.“

„Okay. Gehen wir.“

Reiniger winkte den gefährlichen Burschen mit dem Lauf seiner Kanone nach links. „Drei Schritte, Dandy.“ Der Gangster zählte sie grinsend ab: „Eins, zwei, drei. Recht so?“

„Ich bin zufrieden“, gab Bount zurück. Er hob den Sack mit den Dollars auf. Mit einem neuerlichen Wink veranlasste er Moreno zu gehen. Sie erreichten den Mercedes. Bevor der Verbrecher einstieg, schenkte er Bount Reiniger ein mitleidiges Lächeln. Seine Augen sagten: Du armes Würstchen, was hast du denn schon Großartiges erreicht?

Und sein Mund formte die Frage: „Meinen Sie, dass sich die Mühe wirklich gelohnt hat?“

Bount grinste breit. „Ich denke schon.“

„Was werde ich kriegen? Sieben Jahre. Wenn ich mich gut führe, bin ich in fünf Jahren wieder frei. Fünf Jahre, Reiniger. Was ist das schon? Die sitz‘ ich doch auf einer Backe ab.“

Fünf Jahre. Es war eine Rechnung. Sie ging auf.

Nach genau fünf Jahren – und keinem Tag länger – öffneten sich für Dandy Moreno die Gefängnistore wieder. Er war jetzt siebenundzwanzig ... und voller neuer Pläne.

2

Bount Reiniger ließ seinen silbergrauen Mercedes 450 SEL vor der beeindruckenden Villa ausrollen. Es war ein Tag mit allem Drum und Dran: akzeptable Temperatur, blauer Himmel, lachende Sonne, Windstille. Ein Tag zum Angeln, zum Faulenzen, zum Menschsein. Aber wer nahm darauf schon Rücksicht. Es gab Klienten, die scherten sich nicht um die Schönheit eines Tages. Sie hatten andere Probleme. Probleme, die Bount für sie lösen sollte.

Reiniger stieg aus dem Wagen. „Da wären wir“, sagte er zu seiner Sekretärin June March.

Das hübsche Mädchen klappte die Tür auf der anderen Seite zu. „Von so einer Villa träume ich manchmal“, sagte sie bewundernd. „Muss herrlich sein, in so was zu wohnen.“

Bount grinste. „Träumst du bei der Gelegenheit auch von der Miete, die dafür Monat für Monat hinzulegen ist?“

„Ich werde mich hüten. Es soll ja kein Albtraum sein.“

Sie hörten Arbeitsgeräusche: das Ächzen einer Zugsäge, die schrillen Töne einer hochtourigen Bohrmaschine, Hämmern ...

Die herrschaftliche Villa ragte beeindruckend zwischen hohen Pappeln hervor. Es gab einen breiten Balkon, hohe Fenster, Säulen vor dem protzigen Eingang, auf den Reiniger gleich darauf mit seiner Assistentin zuschritt. Ein Mann mit Schnapsnase lief ihnen über den Weg. Er trug ein Brett. Wohl nur, um den Schein zu wahren.

Bount hielt ihn auf. Der Bursche setzte sofort das Brett ab. Bloß keine Kräfte vergeuden. „Was kann ich für Sie tun?“, fragte er Bount, aber seine Augen waren auf June March gerichtet, denn die gefiel ihm scheinbar viel besser.

„Zu Mrs. Amanda Carr“, sagte Reiniger. „Wo finden wir sie?“

Der Schnapsmann schürzte die Unterlippe. „Mrs. Carr? Ich glaube, die ist im Augenblick im Obergeschoss.“

„Diese Auskunft werde ich Ihnen nie vergessen“, sagte Bount grinsend. Er schob seinen Arm unter den von June und strebte der Treppe zu, die nach oben führte. Widerwillig nahm der Handwerker sein Brett wieder auf. Er trottete durch die Räume des Erdgeschosses und rollte mit den Augen, als sich einer seiner Kollegen nach ihm umwandte.

„Da hab‘ ich jetzt ‘ne blonde Puppe gesehen ... Mann, war die klasse.“

Im Obergeschoss wurden Trennwände in sämtlichen Räumen aufgestellt. Die saalähnlichen Zimmer wurden zu kleinen Labyrinthen umgebaut. Männer standen auf hohen Leitern und bohrten Löcher in die Decke. Andere tapezierten die Kunststoffwände. Der Parkettboden wurde mit Sisalläufern ausgelegt. June March zog überall bewundernde Blicke auf sich.

Amanda Carrs Stimme war schon von Weitem zu hören. Sie diskutierte mit dem Elektriker, weil sie an seiner Arbeit etwas auszusetzen hatte. Als sie den Mann mit einer unwilligen Handbewegung entließ, betraten June und Bount den Raum.

June stellte fest, dass Mrs. Carr eine unwahrscheinlich attraktive Frau war. Schätzungsweise fünfundvierzig Jahre alt, elegant, unglaublich gut aussehend. Ihr Teint war sauber, die Figur durch sorgfältige Diät bezaubernd, sylphidenhaft. Sie besaß jene Art von reizvoller Überschlankheit, die Fotomodellen ihren besonderen Charme verleiht. Ihre Züge waren von sanfter Weichheit. Und das mit fünfundvierzig. Mehr als beachtlich. Amanda Carr trug ein einfaches, kaum dekolletiertes Kleid, dem man eine gewisse Eleganz nicht absprechen konnte. Ihr kastanienbraunes Haar war locker und gut geschnitten.

Als sie die Schritte hörte, drehte sie sich halb um. Ihre ärgerliche Miene verflog. Ein freundliches Lächeln hieß Bount Reiniger und seine Assistentin herzlich willkommen.

Mit ausgestreckten Händen ging sie auf Reiniger zu. „Bount! Freut mich, Sie wiederzusehen.“

„Die Freude ist auf meiner Seite, Amanda“, erwiderte Reiniger höflich. Er deutete eine kleine Verneigung an. „Darf ich Ihnen meine Sekretärin vorstellen? Miss June March. June, das ist Mrs. Amanda Carr. Eine der reichsten Frauen von Boston.“

Amanda winkte lachend ab. „Nun übertreiben Sie nicht, Bount. Ich bin nicht reich. Mein Mann ist es.“

„Kommt das nicht auf dasselbe heraus?“, fragte Reiniger.

Details

Seiten
400
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738912463
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v373944
Schlagworte
drei kriminalromane auch mörder

Autor

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Titel: Drei Kriminalromane - Auch Mörder weinen