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Der Tod geht durch die Stadt

2017 116 Seiten

Leseprobe

DER TOD GEHT DURCH DIE STADT

von Al Frederic


Der Umfang dieses Buchs entspricht 116 Taschenbuchseiten.


Wer hat das magische Erbe des alten Paul Caramou übernommen? Der logisch und nüchtern denkende Journalist Mercier sträubt sich anfangs, dieser Frage nachzugehen. Aber als sich düstere und grässliche Ereignisse nach dem Tode Caramous häufen, fängt Mercier Feuer. Glücklicherweise muss er nicht allein gegen die höllischen Mächte, gegen Dämonen und Hexen kämpfen …


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

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© Cover nach Motiven von Pixabay & Kellepics, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Jacques Mercier – Ein Lokalreporter auf der Spur des Dämons.

Pierre Crepus – Nichtsahnend stolpert er in ein für ihn ausgelegtes Netz.

Die Caramous – Auf der Familie liegt ein Fluch.

Adelaide Tessier – Eine attraktive, selbstbewusste Frau mit einem Geheimnis.



1

Sie standen etwas abseits der Trauergemeinde und unterhielten sich leise miteinander – Jacques Mercier, der untersetzte, glattgesichtige Lokalreporter, und Philipp Nolland, Gendarm in Aigues-Mortes, ein hochgewachsener Mann mit sorgfältig gestutztem Schnauzbart. Die schwarzgekleideten Menschen hatten soeben die Kirche verlassen und bildeten nun einen Geleitzug hinter dem hochrädrigen Leichenwagen. Das Gefährt wurde von vier Pferden gezogen. Matt glänzte das schwarzlackierte Kastanienholz des Sarges unter der fahlen Nachmittagssonne.

Das Orgelspiel aus der Stiftskirche verhallte mit einem langgezogenen Akkord. Die Männer der Feuerwehrkapelle, die direkt hinter dem Wagen postiert waren, hoben langsam ihre Instrumente und warteten auf das Zeichen zum Einsatz.

„Es heißt, der Alte habe es testamentarisch verfügt, das mit dem Vierergespann“, sagte Mercier.

„Stimmt. Ich war ja bei der Verlesung seines Letzten Willens zugegen“, erwiderte Nolland. Er war ständig darum bemüht, sein Unbehagen nicht offen zu zeigen. „Da wurde alles genauestens festgelegt: die Blaskapelle, und was sie zu spielen hat, der Weg zum Friedhof, die Namen der Leute, die eingeladen werden sollten. Nur der Nachlass selbst fällt mager aus.“

„Wirklich?“, fragte Mercier. Er blickte jetzt fast lauernd.

„Na ja. Ein paar persönliche Habseligkeiten, die auf seine drei Kinder verteilt wurden. Antoine hat die Briefmarkensammlung gekriegt, Mimi die goldene Armbanduhr. Guy ist mit einem hässlichen Ölgemälde abgespeist worden, eins mit so rätselhaften Phantasieungeheuern. Alles andere, das Haus, in dem er seinen Lebensabend verbracht hat, und die Einrichtung gehörten ja sowieso Mimi. Sie pflegte ihn, wie du sicher weißt.“

Mercier nickte und beobachtete, wie der Pfarrer ein paar spät eintreffende Trauergäste begrüßte. Es waren fremde Leute mit blassen, unfreundlichen Gesichtern. Der Berichterstatter nahm an, dass sie aus der Kreisstadt Le-Grau-Du-Roi oder von noch weiter hergekommen waren. Einige von ihnen schienen so alt zu sein wie der Tote selbst, der es immerhin auf 86 Jahre gebracht hatte.

„Und seine Lieblingsnichte Adelaide?“, fragte Mercier den befreundeten Polizisten.

„Sie ist leer ausgegangen. Irgendwie habe ich aber den Eindruck, Mimi hat ihr schon früher eine größere Summe zukommen lassen – auf Paul Caramous Anweisung hin. Das würde erklären, warum er sie nicht mehr mit einem Erbe bedacht hat.“

Sie stellten sich so hin, dass sie den Abschluss der Menschenschlange hinter dem Leichenwagen bildeten. Träge setzte sich das Gespann in Bewegung. Die schlecht geölten Speichenräder des Wagens knarrten, die Hufe der Tiere klapperten hohl auf dem Verbundsteinpflaster der schmalen Straße. Die Kapelle begann sehr getragen zu spielen: „Näher, mein Gott, zu dir“.

„Er gibt eine schöne Leiche ab“, sagte Mercier.

„Na, ich weiß nicht.“

„Anschließend lädt uns Mimi Caramou bestimmt zu Kaffee und Butterkuchen zu sich nach Hause ein. Und, wie es sich für einen zünftigen Leichenschmaus gehört, gibt es für jeden bestimmt auch einen Klaren.“

„Kannst du an nichts anderes denken?“

„Sag bloß, du weinst dem alten Halunken eine Träne nach.“

„Das nicht gerade, aber ...“

„Ich verstehe“, fiel Mercier ihm ins Wort. Er grinste. „Du glaubst also daran. Du denkst wie die abergläubischen alten Weiber von Aigues-Mortes – es liege ein Fluch über dem Ganzen.“

Philipp Nolland kniff die Augen zusammen. Er senkte die Stimme so weit, dass der Lokalreporter sie bei den lauten Klängen der Kapelle kaum noch hören konnte. „Die Verdammnis steckt in seinem ausgemergelten Leib und in seinem Sarg und überall drin, die Gräuel der Hölle. Es heißt, er war so was wie ein Zauberer.“

„Gewäsch.“

„Das würde ich nicht so leichtfertig sagen.“

„Also schließt du dich den Stimmen an, die behaupten, der alte Paul Caramou habe eine Art magisches Erbe hinterlassen?“ Jacques Mercier verzog spöttisch den Mund. „Also, Philipp, ich muss schon sagen, du überraschst mich. Du warst doch selbst bei der Testamentseröffnung dabei.“

„Dort wird so etwas nicht bekannt.“

„Worin besteht denn das magische Erbe?“

„Weiß ich nicht.“

„Und wer, wenn man fragen darf, ist der glückliche Empfänger?“

„Das weiß keiner.“

Mercier seufzte resignierend. „Es ist ein Kreuz mit euch Leuten aus der Camargue. Ihr seid dickschädelig und außerdem verschlossen wie die Mumien, wenn man etwas aus euch herausholen will.“ Er lebte seit gut zwei Jahrzehnten in dem Städtchen. Aber gelegentlich erzählte er voll Stolz, dass er nicht in der feuchten südfranzösischen Camargue, sondern in Paris geboren und aufgewachsen war.

„Sollte tatsächlich was Wahres daran sein“, fügte er noch hinzu, „kriege ich vielleicht noch eine Reportage zusammen, die sich überregional verkaufen lässt.“

Vor ihnen schauten sich zwei alte Frauen um und bedachten sie mit zurechtweisenden Blicken, so, als hätten sie dem Inhalt ihres Gespräches folgen können. Mercier und Nolland schwiegen und passten sich dem Benehmen der anderen Trauergäste an, die sich zwangen, möglichst betroffene Gesichter zu machen. Einige quetschten sogar ein paar Tränen hervor. Die einzige jedoch, die Mercier in dieser Beziehung für absolut ehrlich hielt, war die attraktive Adelaide Tessier. Sie ging neben dem Pfarrer und trocknete sich hin und wieder mit einem Spitzentuch die feuchten Wangen. Sie war eine trotz ihrer vierzig Jahre immer noch schöne Frau mit brünetten Locken, aber ihr Kleid war altmodischer als die Garderobe der anderen Frauen. Sie erweckte Merciers Mitleid.

Mimi Caramou trug ein schlichtes, jedoch erlesenes schwarzes Kostüm. Ihre Mutter war der erste weibliche Anwalt in der Kreisstadt Le-Grau-Du-Roi gewesen, und sie hatte Mimi in Genf studieren und ihre Nachfolge antreten lassen. Das Gefühl der Erhabenheit über die Leute von Aigues-Mortes stand Mimi im Gesicht geschrieben, was aber nicht vornehm, sondern eher dumm wirkte.

Claire Caramou, die vor sechzehn Jahren verstorbene Frau des alten Paul, hatte auch ihre Söhne Antoine und Guy studieren lassen. Antoine praktizierte als einziger Arzt von Aigues-Mortes. Guy versah ein hohes Amt bei der Oberfinanzdirektion von Montpellier, wohnte jedoch in einer auf einem Hügel erbauten Villa am Rande des Heimatstädtchens. Wegen seines Postens buckelten die Menschen vor ihm noch mehr als vor Mimi und Antoine.

Adelaide Tessier hatte mit Mimi nur eines gemeinsam: Sie war ebenfalls unverheiratet. Sonst gab es außer der Tatsache, dass Adelaides Mutter die Schwester von Claire Caramou gewesen war, nichts, das sie verband. Adelaide wohnte in Aigues Mortes, unterrichtete jedoch als Musiklehrerin in der Kreisstadt. Sie erteilte außerdem Privatstunden in Klavier und Harfe, doch in dem Städtchen gab es sehr wenig Leute, die dafür Interesse zeigten. Es wurde getuschelt, dass sich Adelaide ihren Lebensunterhalt mehr schlecht als recht verdiente.

Unter den schleppenden Klängen der Feuerwehrkapelle bewegte sich der Trauerzug an den letzten Häusern von Aigues-Mortes vorüber. Der Weg führte auf eine kleine Brücke zu. Sie spannte sich über einen Bach, und ihre Eisengeländer wurden von Nebelschwaden umhüllt, die heute wie fast an jedem Tag über dem Gewässer standen.

Das Gespann tauchte in dem milchigen weißen Streifen unter. Für kurze Zeit verschwand der Wagen mit dem Sarg. Die Kapelle strebte ihm nach, als gelte es, den Nebel fortzublasen. Mercier und Nolland hoben die Köpfe. Sie sahen, dass vorn in der Gruppe Unruhe entstand.

Jemand schrie auf. Etwas Großes flog plötzlich über das rechte Brückengeländer weg, sackte nach unten ab, landete mit einem Klatschen im Bachlauf. Der Ton der Stimme steigerte sich zu einer Art Heulen, das schon fast nicht mehr menschlich, sondern eher animalisch klang. Die Kapelle brach ihr Spiel ab. Männer fluchten, Frauen riefen um Hilfe, Nolland und Mercier eilten nach vorn.

Sie beugten sich über das Geländer. Der Nebel über dem Wasser war ungewöhnlich dick, doch die Sonnenstrahlen hatten sich trotzdem einen Weg gebahnt und hüllten mit ihrem schwachen Licht die Gestalt eines dicklichen Mannes ein. Er hatte aufgehört zu schreien, weil er Grund unter den Füßen verspürte. Kläglich und hilflos schaute er zu den Beobachtern auf.

„Wie konnte das passieren, Mann?“, fragte Philipp Nolland unfreundlich.

„Ich weiß nicht.“ Der Mann unten im Bach wirkte wie ein großes, überfüttertes Kind. Er hatte Schweinsaugen, die tiefliegenden Pupillen bewegten sich huschend hin und her. „Mit einem Mal hob mich was hoch, und dann segelte ich auch schon durch die Luft. Es ist nicht meine Schuld, ich schwör’s.“

„Helft ihm doch raus“, rief eine Frau. Es war Adelaide Tessier. Sie drängelte sich durch, blieb neben dem Pfarrer, dem Gendarm und dem Lokalberichterstatter stehen. „Worauf wartet ihr denn?“

„Wer ist das?“, erkundigte sich Nolland.

„Pierre Crepus.“

„Ein Freund von Ihnen, Mademoiselle?“

„Mein zukünftiger Verlobter.“

„Da hört sich doch alles auf“, ließ Mimi Caramou spitz vernehmen.

„Ich finde die Szene abstoßend“, bemerkte Guy Caramou und ließ sich nur allzu gern von Eloise, seiner zierlichen Frau, zur Seite ziehen. Dr. Antoine Caramou redete beschwichtigend auf seine Gattin Gaia ein, die eine schnell aufbrausende Italienerin war. Im Übrigen tat er so, als ginge ihn der Vorfall weiter nichts an.

Nolland und Mercier streckten die Hände aus. Crepus griff zu, ließ sich unter Ächzen und Stöhnen hochziehen und kletterte schwerfällig über das Geländer. Dann stand er vor ihnen: ein klitschnasses, triefendes Häufchen Elend. „Möchte immer noch wissen, wie das passieren konnte“, sagte er lahm.

„Widerlich“, bemerkte Mimi Caramou.

Adelaide Tessier zeigte sich souverän. Sie strich dem kleinen Dicken mit der Hand über die Wange, lächelte und sagte: „Geh jetzt nach Haus, Pierre. Du holst dir sonst noch eine Erkältung. Wir sprechen uns später.“

Er nickte, verzog sich möglichst unauffällig. Den Blicken der Caramous nach zu urteilen, hätten sie ihn am liebsten erdolcht. Der Trauerzug setzte seinen Weg zum Friedhof mit Blasmusik fort. Mercier wandte sich grinsend seinem Freund, den Gendarmen, zu. „Die scheinen Adelaides Zukünftigen nicht besonders gut leiden zu können, was? Wollen wir wetten, dass sie für die unfreiwillige Taufe gesorgt haben?“

Nolland entgegnete gepresst: „Glaube ich nicht. Frag mich nicht nach dem Grund, aber ich habe das Gefühl, es war eine ... eine Satanstaufe. Der Himmel möge mir verzeihen.“

„Du hast heute deinen schlimmen Tag. Redest ja wie eine alte Jungfer daher“, meinte der Lokalreporter abwertend.



2

Die Straße beschrieb einen Bogen. Hinter den allmählich verfliegenden Nebelschwaden erschienen die dunkelgrünen, schlank emporstrebenden Schatten der im Mittelmeergebiet überall gebräuchlichen Friedhofsbäume, der Zypressen. Wie ein Spalier mahnender Wächter erhoben sie sich vor der Hecke des großen Gemeindegrundstücks. In ihrer Mitte war eine Art Bresche, in der sich die Flügel des großen Eisentores geöffnet hatten.

Der Kutscher auf dem Bock des Leichenwagens lenkte sein Gespann auf das Tor zu. Neben dem rechten Flügel, direkt vor der Hecke, nahmen sich die Gestalten zweier Männer aus. Dem einen schenkte die Trauergemeinde kaum Beachtung. Es war Wigut, der Friedhofswärter.

Der andere hingegen zog sämtliche Blicke auf sich. Es handelte sich um einen kleinen, verhutzelt aussehenden Mann mit weißem Stoppelbart. Er steckte in verschlissener Kleidung, trug einen verbeulten grauen Schlapphut. Deutlich waren die Flicken auf seiner Jacke und Hose zu erkennen.

Mercier fielen an ihm vor allen Dingen die listigen blauen Augen auf, die nun einen unglaublich melancholischen Ausdruck annahmen. Der Mann stand gebückt, hielt sich auf einen krummen Knüppel gestützt.

„Ist das nicht Gerard Smorzinsky?“, fragte Mercier seinen Begleiter.

„Der verkommene Scharlatan, der im Schilf haust? Allerdings. Seit einiger Zeit betätigt er sich als professioneller Trauergast. Es muss ihm sehr dreckig gehen, und da er als polnischer Bürger ohne gültigen Pass hier praktisch als Staatenloser gilt, hat er keinerlei Anspruch auf Unterstützung“, gab Nolland zurück. „Pass auf, wie er sich den Lebensunterhalt verdient.“

Smorzinsky schleuste sich geschickt in die Gruppe ein, sobald sie an ihm vorüberzog. Er verbeugte sich vor dem Pfarrer und Adelaide Tessier und begann mit heiserer Stimme zu sprechen.

„Tut mir aufrichtig weh ... war ein großartiger, kluger, gleichsam weiser alter Mann ... ein Philosoph ... mein aufrichtiges Beileid, Mademoiselle.“

Adelaide konnte seine aufgehaltene Hand nicht übersehen, er schob sie ihr fast bis unter die Nase. Mit abwesendem Blick griff sie in ihre abgewetzte Handtasche, zog einen Schein hervor und drückte ihn dem Männchen in die Finger. Smorzinsky bedankte sich wortreich. Sodann drängte er sich weiter, gelangte in die unmittelbare Nähe von Antoine und Gaia Caramou. Der Sermon, den er herunterleierte, war annähernd der gleiche.

„… welche Leere in Ihrem Haus ... das Fehlen der verehrten und geliebten Person, des Vaters ... welch tiefer, schneidender Schmerz ... mein von Herzen empfundenes Beileid.“

„Verschwinde“, sagte Gaia. Ihre Augenbrauen zogen sich drohend zusammen. Der Pfarrer wandte sich um. Antoine klopfte ihr beruhigend auf den Arm.

„So lasse ihn doch, es ist ein armer alter Bursche.“

„Was schert mich das? Er soll gehen.“

„Fort mit dir“, rief nun auch Mimi. Guy Caramou sagte sehr förmlich: „Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass Ihr Verhalten den Umständen keineswegs angepasst ist. Sie stören die Zeremonie, merken Sie das nicht?“

Smorzinsky sah aus, als habe man ihn geohrfeigt. Seine eigentlich rosige Gesichtsfarbe war fahlem Grau gewichen. „Sie vergessen, dass der alte Paul in seinem Testament auch mich als Trauergast genannt hat. Ich habe das Recht, dabei zu sein.“

„Aber nicht das Recht, um Almosen zu betteln“, erwiderte Mimi giftig. „Wie ist es nun, ziehen Sie sich zurück, oder muss ich die Polizei um Hilfe bitten?“

Gerard Smorzinsky trat rasch zur Seite, ließ den Zug an sich vorüberdefilieren und gesellte sich schließlich zu Mercier und Nolland. Der Gendarm steckte ihm ein paar Münzen zu, klopfte ihm auf die Schulter und sagte jovial:

„Heute sind Sie an die Falschen geraten, was, Alter?“

„Diese hochnäsigen Schmarotzer“, stieß Smorzinsky finster hervor.

Na, na“, machte Jacques Mercier. „Sie werden ihr Verhalten noch bereuen, das versichere ich.“

Mercier hatte den kleinen Mann manchmal durch das Städtchen wandern sehen, ihm aber nie Aufmerksamkeit geschenkt. Jetzt beschloss er, ihn nicht mehr aus den Augen zu lassen. Smorzinskys Blick hatte deutlichen Hass gezeigt. Trug er ein Messer oder eine andere Waffe bei sich? Mercier witterte eine kleine Sensation und passte auf.

Der Zug erreichte das frisch ausgehobene Grab. Der Kutscher, der Friedhofswärter Wigut und zwei andere Helfer hoben den schwarzen Sarg von der Ladefläche des Wagens herab. Es gab eine kleine Verzögerung, als die vier Pferde zu scheuen begannen. Beinahe hätte der Kutscher geflucht, konnte es sich aber gerade noch verkneifen. Er beruhigte die Tiere.

Der Sarg wurde an Stricken gehalten, so dass er im Einlass der Grube gut zwei Meter über ihrem Grund schwebte. Die Musik verstummte. Lähmendes Schweigen breitete sich aus. Es wurde durch den Pfarrer unterbrochen, der nun ein paar passende Sätze sprach und dann mit den klassischen Bibelversen schloss, in denen die Phrase „Asche zu Asche, Staub zu Staub“ enthalten war.

Jacques Mercier beobachtete Smorzinsky, warf bisweilen aber auch einen Blick zu den blassen, verschlossenen Fremden hinüber, die nach dem kurzen Gottesdienst vor der Stiftskirche eingetroffen waren. Es handelte sich um vier Männer, alle in dunkle Herbstmäntel mit hochgestellten Kragen gehüllt, zwei von ihnen trugen Kopfbedeckungen. Starr und ohne jegliche äußerliche Gemütsregung hielten sie die Augen auf den Pfarrer gerichtet. Er bückte sich nun, hob einen kleinen Handspaten auf und warf bei seinen letzten Worten etwas Erdreich auf den Deckel des Sarges hinab. Dies war praktisch das Zeichen für die Helfer, das schwere Behältnis in die Grube hinabzulassen.

In diesem Augenblick geschah es.

Der Himmel verdunkelte sich von einer Sekunde auf die andere. Schwärzlich violetter Schimmer umgab die Menschengruppe, und plötzlich begann der Untergrund zu vibrieren. Die Frauen schrien auf. Mercier stellte fest, dass Philipp Nolland äußerst verwirrt war, und dass sich ein höhnisches Lächeln in Smorzinskys Mundwinkeln zeigte.

Mit Wucht sank der Sarg in die Tiefe. Die vier Helfer wurden mitgerissen. Aus der vordersten Linie der Trauergäste sprangen ein paar Männer vor, um den Kutscher und den Friedhofswärter und die beiden anderen festzuhalten und vor allem den Sarg vor Erschütterungen zu schützen. Doch es war zu spät.

Sie hielten die Sargträger noch fest, wurden jedoch wie von einer unsichtbaren Gigantenfaust ebenfalls in die Grube gepresst. Insgesamt sieben Männer stürzten auf den Deckel der schweren Kiste hinab, stießen sich die Köpfe und holten sich Prellungen und Verstauchungen. Donnernd erreichte Paul Caramous Totenlager den Boden. Der Deckel verschob sich plötzlich, obwohl er vorschriftsmäßig zugenagelt worden war. Ein weißer Arm mit knochigen Fingern kam daraus hervor und schlug einem der Männer ins Gesicht, es war Dr. Antoine Caramou, der den Sarg mit am Abstürzen hatte hindern wollen. Der Arzt schrie entsetzt auf.

Der Pfarrer sank auf die Knie und rang flehentlich die Hände.

Höhnisches Gelächter ertönte und ging in bedrohlichem Donnergrollen unter. Die Menschen duckten sich unwillkürlich. Nolland schaute sich entsetzt nach allen Seiten um, vermochte aber nicht festzustellen, wer da gelacht hatte. Gerard Smorzinsky sagte:

„Das habt ihr nun davon. Bei so viel Falschheit kann der Alte einfach keine Ruhe finden.“

Mercier blickte ihn forschend an und spähte dann zu den vier Fremden hinüber. Sie standen nach wie vor unbeweglich und ungerührt. „Irgendwer weiß hier mehr, als er zugeben will“, bemerkte der Reporter argwöhnisch und sah seine Äußerung schon als Formulierung im Dreispalter, den er in der nächsten Ausgabe von LE TELEGRAPH, der Departements Zeitung, erscheinen lassen wollte.

Adelaide Tessier bewies erstaunliche Kaltblütigkeit. Sie bat alle Trauergäste eindringlich, die Ruhe zu bewahren und sich nicht von der Stelle zu rühren. Den sieben Männern wurde aus der Grube geholfen. Der Sarg war rasch wieder zugenagelt, nachdem man Paul Caramous Arm in die Kiste zurückgelegt hatte. Symbolisch warfen die Familienangehörigen Erde und Blumen in die Vertiefung hinab, danach begannen Wigut, der Kutscher und die anderen Helfer mit dem Zuschaufeln.

Der Himmel hatte sich wieder gelichtet. Die Geräusche waren verklungen. Die Erde bebte nicht mehr. Verdattert versammelte der Geistliche die Leute um sich und suchte nach Erklärungen für das Phänomen.

„Erdbebenstöße sind auch in unserer Gegend nichts Ungewöhnliches mehr“, sagte Jacques Mercier beherrscht. „Und denken Sie an das Unglück zurück, das sich vor Monaten in der italienischen Region Friaul ereignet hat, das war bis hierher und noch weiter zu spüren.“

„Gott sei uns gnädig“, rief jemand. „Die Hauptsache ist, dass Onkel Paul seine verdiente Ruhe gefunden hat“, meinte Adelaide Tessier sanft. „Welchen Sinn hat es schon, an gewissen Dingen herumzurätseln? Versuchen wir zu vergessen.“

Mimi nickte heftig. „Ganz meiner Meinung. Ich lade alle ... alle guten Bekannten zu einem gemütlichen Beisammensein zu mir nach Hause ein. Gehen wir?“

Jacques Mercier stellte fest, dass sich sowohl Smorzinsky als auch die vier Fremden absonderten und vom Gottesacker entfernten. Er tippte Philipp Nolland mit dem Finger an. Dieser erschrak.

Mercier grinste wieder. „Ängstlich, Philipp? Ich schlage vor, du wirfst ein Auge auf diese vier komischen Kerle. Sie kommen mir nicht geheuer vor.“

„Ehrlich gesagt, mir auch nicht ...“

„Könnten sie für die Vorkommnisse verantwortlich sein?“

„Ich halte sie für Zauberer, die mit dem Verstorbenen in Verbindung standen“, entgegnete der Gendarm. „Es interessiert mich wirklich brennend, wohin sie sich jetzt wenden.“

„Schön. Ich hefte mich Smorzinsky an die Fersen. Man kann nicht wissen, wozu das gut ist.“ Mercier wandte sich um und marschierte davon, ehe sein Freund etwas erwidern konnte.

Gerard Smorzinsky hatte es sehr eilig, vom Friedhof wegzukommen. Immer wieder schaute er sich um, als müsse er sich vergewissern, dass ihm niemand folgte. Mercier zog sich in den schützenden Schatten der Hecke zurück und wartete an der Seite des Friedhofes, bis der rätselhafte kleine Mann sich ziemlich weit von ihm entfernt hatte.

Erst dann setzte sich auch der Berichterstatter wieder in Bewegung. Schwer fiel ihm die Beschattung des unerwünschten Beerdigungsgastes nicht. Zum einen kannte er sich ausgezeichnet in der Umgebung von Aigues-Mortes aus und wusste, dass es nur diesen einen Weg gab, der in das Sumpfgebiet der Camargue führte, einen Trampelpfad, der neben dem Friedhof von der Verbundsteinstraße abzweigte und nur von Fußgängern oder Zweiradfahrern benutzt werden konnte. Zum anderen erstreckte sich das Gelände übersichtlich vor Mercier. Er brauchte keine Angst zu haben, die Spur des Mannes zu verlieren. Wahrscheinlich, so nahm er an, zog er sich geradewegs zu seiner Behausung in der schlüpfrigen Einöde zurück.

Was wusste Mercier über ihn? Nolland hatte ihm einmal erzählt, dass Smorzinsky vor fünf oder sechs Jahren aus Polen ausgewiesen worden war und seitdem durch Europa irrte. Warum hatte man ihn in die Zwangsemigration geschickt? Was hatte er getan? In Aigues-Mortes hatte er sich bisher nichts zuschulden kommen lassen. Aus diesem Grund hatte der Gendarm ihn auch nicht fortgejagt, obwohl er alle Berechtigung dazu gehabt hätte. Smorzinsky besaß weder Pass noch Wohnsitznachweis oder sonst irgendein Dokument. Nolland jedoch galt als recht gutgläubiger Mensch mit weichem Gemüt.

Die Strecke, die das verhutzelte Männchen wählte, führte tatsächlich tief ins Sumpfgebiet hinein. Mercier wahrte den Abstand. Während seines Marsches überlegte er sich ernsthaft, ob es so etwas wie ein magisches Erbe von Paul Caramou geben konnte, und ob etwa Smorzinsky es angetreten hatte.

Bald verwarf er diesen Gedanken und schalt sich einen Tölpel. Es gab keine echte Magie, keine Geister und Dämonen, keine Vorkommnisse, für die sich nicht eine logische Erklärung fand. Möglich schien ihm hingegen zu sein, dass Smorzinsky bewusst die Beerdigung gestört hatte, durch irgendwelche Tricks. Entweder hegte er schon seit langem einen tiefen Hass gegen die Caramous, oder der alte Paul hatte es ihm vor seinem Ableben aufgetragen, während des letzten Geleites, das man ihm gewährte, für Überraschungen zu sorgen.

Mercier hatte den 86 Jahre alten Kauz nie zu Gesicht bekommen, weil er völlig unnahbar im Haus seiner Tochter Mimi gelebt hatte. Aber die Bürger des Städtchens hatten ihm berichtet, dass er nach dem Tod seiner geliebten Frau Claire zu einem eigensinnigen, böswilligen Menschen mit seltsamen Ambitionen geworden sei.

Es war also durchaus möglich, dass er Smorzinsky als „Störenfried“ angeworben hatte, einfach so, um die Familienangehörigen und Freunde zu schockieren. Aber wie passte es zusammen, dass dieser Pierre Crepus noch vor Smorzinskys Auftauchen in den Bach gestoßen worden war? War das wirklich nur ein peinlicher Ausrutscher des Dicken selbst gewesen? Oder steckte jemand anderes dahinter? Möglicherweise hatten jenes Ereignis und der Zwischenfall mit dem Sarg nichts miteinander zu tun. Warum hatte Nolland die Bemerkung mit der Satanstaufe fallenlassen? War das seine übliche Schwarzmalerei? Oder wusste er mehr, als er eingestehen wollte?

Mercier riss sich mit Gewalt von seinen düsteren Überlegungen los. Wie immer die Dinge auch standen, er konnte aus den Fakten eine spannende Reportage zurechtbasteln. Vielleicht schob er die ganze Schuld an den Vorkommnissen den von ihm zitierten Erdbebenstößen zu, um niemand zu verletzen. Alles in allem war er zufrieden. In Aigues-Mortes galten schon eine Ratssitzung oder eine Kaninchenzüchter Ausstellung als Ereignis. Ein Begräbnis mit solchen Zwischenfällen hingegen gab eine Sensation ab. Mercier beglückwünschte sich selbst zu dem Entschluss, an der Trauerfeier teilgenommen zu haben.

Er fragte sich, ob Nolland wohl bei der Verfolgung der vier Fremden erfolgreich gewesen war. Es gab zwei Möglichkeiten: Entweder machte er sich lächerlich, oder er kriegte etwas heraus, das zur Klärung der Ereignisse beitrug.

Der Boden wurde zunehmend weicher, dann nass und trügerisch. Es roch feucht und modrig, und links und rechts des untersetzten Lokalreporters erhoben sich jetzt die blassgelben, von der Sommersonne verbrannten Schilfhalme. Smorzinsky war in dem Dickicht verschwunden. Dennoch stellte es immer noch kein Problem dar, ihm auf den Fersen zu bleiben. Es gab nur den einen Pfad, den man bis zu einem gewissen Punkt benutzen konnte, ohne Gefahr zu laufen, auf Nimmerwiedersehen in einem der unzähligen Schlammlöcher zu versinken.

Dort, wo sich das verhutzelte Männchen befand, flatterten vereinzelt Vögel auf, Teichläufer oder Uferschnepfen, einmal auch ein Blesshuhn. Mercier hielt sich nun geduckt. Er ahnte, dass sie der Behausung des Alten nahe waren und wollte um keinen Preis entdeckt werden.

Viel weiter, als er jemals in dieses Gelände vorgedrungen war, hatte er sich nun auf der Fährte Gerard Smorzinskys gewagt. Merciers Neugier war geweckt. Er steigerte sich in die Überzeugung hinein, einem Geheimnis auf die Spur zu kommen.

Am Ufer eines Brackwasserteiches blieb er stehen. Er lugte zwischen den Schilfhalmen hindurch und gewahrte Smorzinsky, der in eine primitive Nussschale gestiegen war und über die Wasserfläche stakte. Das Boot lag tief, schien ein Leck zu haben. Mercier wunderte sich über die Gewandtheit, die der Alte beim Staken an den Tag legte.

Am gegenüberliegenden Ufer erhoben sich zwei verkrüppelte Pinien. Zwischen ihnen breitete sich dichtes Schilf aus, und erst jetzt stellte Mercier zu seiner Überraschung fest, dass mittendrin eine Hütte errichtet worden war. Smorzinsky steuerte darauf zu, legte an, stieg aus, zog die Nussschale an Land. Wenig später hatte sich seine Gestalt erneut dem Blick es Beschatters entzogen.

Jacques Mercier war gezwungen, den Teich zu umrunden. Er bewältigte das sehr, sehr langsam. Einmal blieb er mit dem rechten Fuß stecken. Angst befiel ihn. Mit knapper Not konnte er ihn wieder herausziehen.

Viele Menschen waren im Sumpf ums Leben gekommen, und immer wieder rieten erfahrene Leute, die Camargue nicht ohne Führer, zumindest nicht ohne die elementarsten Ausrüstungsgegenstände zu betreten. Dazu gehörten zuallererst feste Gummistiefel, ein Rettungsseil, eine Waffe oder gar ein kleines Funkgerät, so dass man nicht völlig von der Außenwelt abgeschnitten war. Am besten benutzte man ein Boot, wenn man heil wieder herauskommen wollte.

Mercier gingen alle Ermahnungen durch den Kopf, die er selbst in LE TELEGRAPH veröffentlicht hatte. So besehen beging er also eine Torheit. Er fühlte seine Angst erst wieder weichen, als er die Hütte des alten Smorzinsky erreicht hatte.

Sie war ganz aus Schilfmatten gebaut worden. Nur ins Dach waren ein paar Stücke Wellblech mit eingearbeitet. Wahrscheinlich hatte der Mann sie irgendwo gefunden. Mercier betrachtete die Behausung und verspürte mit einem Mal tiefes Bedauern für Smorzinsky. Tat er ihm vielleicht doch unrecht?

Zu weiteren Überlegungen kam er nicht.

Etwas schoss hinter ihm aus dem Dickicht hervor. Mercier hörte es knacken und prasseln und sah einen Schatten auf sich zu huschen. Er drehte sich um, erblickte etwas Abscheuliches und schrie auf. Abwehrend hob er die Hände. Das Etwas besaß einen gewaltig großen, auf- und zuschnappenden Schnabel, der mit winzigen Zähnen besetzt war. Die Knopfaugen glitzerten rötlich. Der schwarze Kopf saß auf einem langen Hals und pendelte hin und her wie die Extremität eines jener Horror-Gummispielzeuge, die man heutzutage in den Läden erstehen kann. Der Hals ragte aus einem aufgedunsenen, scheußlichen Leib mit dunklen Federn.

Die Kreatur war groß wie ein Bär. Mercier war fest davon überzeugt, dass sie anrückte, um ihm den Garaus zu machen. Sein Herz hämmerte wie wild. Er schnappte nach Luft. Schreien konnte er plötzlich nicht mehr.

Er bewegte sich rückwärts an der Schilfhütte vorüber auf den Teich zu. Dabei rutschte er auf dem Matsch aus, kam zu Fall und tauchte mit dem Kopf in den Tümpel. Er schluckte Brackwasser.

Ich ertrinke, dachte er voll panischem Entsetzen, ich muss sterben!



3

Die Straße aus Verbundsteinpflaster führte am Friedhof vorüber und mündete in die Hauptstraße, die Aigues-Mortes mit der Kreisstadt Le-Grau-Du-Roi verband. Diesen Weg hatten die vier Fremden mit den dunklen Mänteln eingeschlagen. Sie waren über die große Brücke gegangen und steuerten nun auf den Autoparkplatz vor dem Gasthaus CHEZ LUCAS zu.

Philipp Nolland strebte ihnen in großem Abstand nach. Er ging ebenfalls zu Fuß. Er hatte auf seinen Dienstwagen verzichtet und war zur Beerdigung von Paul Caramou mit seinem privaten Motorroller eingetroffen. Das Fahrzeug hatte er auf dem Marktplatz vor der Stiftskirche abgestellt.

Nolland sah die fremden Männer in ein Auto steigen. Es war der absonderlichste Wagen, den er jemals in seinem Leben zu Gesicht bekommen hatte.

Vom Typ her ließ er sich als Citroen der 30er Jahre einordnen. Allerdings waren so viele Änderungen daran vorgenommen worden, dass die Annahme, er entstamme tatsächlich einer regulären Serienproduktion, schwerfiel. Die Karosserie war schwarzlackiert und besaß einen matten Schimmer. Die Stoßstangen fehlten ebenso wie der Kühlergrill, die Trittbretter und die hinteren beiden Kotflügel. Die großen Scheinwerfer sahen so blind aus wie die Augen eines Toten. Zu Nollands größtem Erstaunen besaß das Vehikel nicht einmal Türen.

Die Männer schlossen das beidseitig offene Gefährt einfach nur mit Ketten. Anschließend startete der Fahrer die Maschine. Sie hatte einen verblüffend satten und leisen Klang. Das Auto rollte an, und Nolland begann zu laufen. Er folgte dem langsam davonsummenden Wagen. Als er auf den Marktplatz gelangte, schwang er sich keuchend auf seinen Roller und fuhr den mysteriösen Besuchern nach.

Er entsann sich ihrer Namen. Bei der Verlesung des Testamentes waren sie genannt worden. Nolland hatte damit nichts anfangen können, aber jetzt, da sie auf niemand anders passten, weil ihm sämtliche anderen Trauergäste persönlich bekannt waren, lag es klar auf der Hand: Dies mussten Leluc, Dodo, Favarger und Ba’aldisson sein. Wobei ihm der Name Ba’aldisson am meisten missfiel. Noch nie hatte er einen so ausgefallenen Namen gehört, dazu noch mit Apostroph geschrieben. Vielleicht, so dachte er, ist das nicht einmal ein Franzose.

Zauberer.

Der alte Paul Caramou hatte in den letzten fünfzehn Jahren seines Lebens keinen mehr zu sich gelassen. Nur Mimi hatte sein Zimmer betreten dürfen, um ihm das Essen zu bringen und ihn in jeder Hinsicht zu bedienen. Richtig gern gehabt hatte er aber angeblich nur seine einzige Nichte Adelaide Tessier. Stundenlang hatte sie oftmals bei ihm verweilt.

Was die beiden gesprochen hatten, wusste kein Mensch. Nolland hatte nur immer wieder munkeln hören, dass der Alte allerhand schaurigen Schabernack ausgeheckt hätte. Adelaide sollte aber nicht mit ihm unter einer Decke stecken, sondern immer wieder versucht haben, ihm die teuflischen Spielchen auszureden.

Ob er nun wirklich ein Zauberer gewesen war, wer konnte das schon beweisen? Eben aus diesem Grund hatte der Pfarrer den alten Caramou auch nicht exkommuniziert. Lieber hatte er die Klatschweiber gerügt, die Caramou am Zeuge flickten. Trotzdem, wenn in einem Hühnerhof ein Massensterben einsetzte, oder ein Autounfall passierte, oder jemand für immer im Sumpf verschwand, tuschelten die Leute, der alte Teufelsdiener Caramou stecke dahinter. Mimi war ein solches Gerücht einmal zu Ohren gekommen. Sie hatte sich das Gerede in aller Öffentlichkeit verbeten und mit strafrechtlichen Verfolgungen gedroht.

Dabei hatte sie sicherlich mehr das Ansehen des Namens Caramou schützen wollen, als das Image von Paul. Denn er hatte ja oft genug verlauten lassen, dass er weder sie noch ihre Brüder Antoine und Guy sowie deren Frauen leiden konnte. Bestimmt wäre er gern zu Adelaide Tessier gezogen. Aber Mimi hatte das nicht gestattet, gewiss, um die Familie nicht noch mehr in Verruf zu bringen.

Was immer an all den wilden Gerüchten dran war, der Alte beschwöre die Geister und Dämonen der Hölle und halte Schwarze Messen ab, Philipp Nolland war ein abergläubischer Mensch und billigte dem Gerede einen gewissen Wahrheitsgehalt zu.

Er fühlte sich nicht wohl dabei, die Fremden zu verfolgen. Ihre Fahrt führte über die Bachstraße, am Haus des Metzgers vorbei und schließlich auf eine der abzweigenden Verbundsteinstraßen. Hier waren keine anderen Fahrzeuge unterwegs. Nolland schloss nicht aus, dass die vier Männer bereits auf ihn aufmerksam geworden waren.

Aber wenigstens hatte er jetzt eine Rechtfertigung für seine Verfolgung. Ihr Auto war gleichsam der Inbegriff der Gesetzeswidrigkeit. In dem Zustand durften sie es keinesfalls auf öffentliche Straßen bringen. Der Gendarm hätte seinen Roller dagegen gewettet, dass auch die Reifen der alten Kiste total abgefahren waren.

Noch wartete er. Noch wollte er sie nicht stoppen und zur Rechenschaft ziehen. Zum einen fürchtete er sich vor ihnen, zum anderen war da noch das Bestreben, etwas über ihre Herkunft zu erfahren.

Die Straße mit dem Verbundsteinpflaster war nur eine von vielen, die hinaus in die Felder und zu den Gehöften der Camargue Bauern führte. Es existierte ein regelrechtes System von kurvenreichen Strecken, über die man mit etwas größerem Zeitaufwand die Nachbarorte genauso gut erreichen konnte wie über die Landstraße, mit dem Unterschied, dass man im Regelfall hier kaum kontrolliert wurde. Nolland wusste, dass die Gemeindestraßen bevorzugt von späten Zechern benutzt wurden, die um ihren Führerschein bangen mussten. Er duldete dies stillschweigend.

Details

Seiten
116
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738912395
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Juni)
Schlagworte
stadt

Autor

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Titel: Der Tod geht durch die Stadt