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Dämonenjäger Murphy - Murphy und das Ende der Welt

von Alfred Bekker (Autor) Henry Rohmer (Autor) W. A. Hary (Autor) Theo Klein (Autor)
2017 300 Seiten

Leseprobe

Henry Rohmer /W.A.Hary

WO DAS GRAUEN HERRSCHT

11.September 2001...

Murphy blickte in Richtung der Zwillingstürme des World Trade Centers und sah anschließend auf die Uhr.

Nichts geschah.

Kein Flugzeug rammte sich mit der Spitze in das wie eine moderne Version des Turms von Babel anmutende Bauwerk. Keine zweite Maschine raste in den anderen Turm. Keine einstürzenden Hochhäuser, keine Staubwolke, keine Massenpanik, kein Ground Zero.

Dass irgendetwas mit dem temporalen Zeitfluss nicht in Ordnung war, wurde Murphy ein paar Wochen später klar, als es auch keine Sonderausgabe von THE AMAZING SPIDER-MAN

mit schwarzem Titelbild und einer schlichten Datumsangabe zu kaufen gab: 11. September 2001

Irgendetwas stimmte hier nicht...

Wann hat das eigentlich angefangen?,  fragte er sich. Seit der Geschichte in Argentinien?

Es spielte eigentlich keine Rolle.

In Murphys Innerem herrschte Chaos.

Aber nicht nur dort.

Es ist eine Störung der Realität selbst. Vielleicht ist nur diese Variante des Multiversums betroffen. Aber wer will dafür schon garantieren?

Murphy wollte mit seinen Freunden, den FBI-Agenten Leslie Weiser und Smith John über die Sache sprechen. Aber sie waren nicht in New York.

Ganz ohne magische Hilfe vermochte es Murphy, in den Personalrechner des FBI einzudringen. Er fand heraus, dass zwei Agenten dieses Namens nicht existierten.

Seltsam,  dachte der Dämonenjäger.

Äußerst seltsam.

Genauso seltsam, wie die Zwillingstürme, die die Skyline von New York dominierten und nach Murphys Gefühl dort eigentlich nicht hingehörten. Nicht mehr,  korrigierte er sich.

Alles zerfällt, dachte er. Alles verschwimmt. Die Wirklichkeit selbst scheint einen ziemlich großen Schaden zu haben. Über die Ursachen kann man natürlich nur spekulieren. Durchaus möglich, dass die in meinem Kopf zu finden sind.

Ein Gedanke, der Murphy nur noch mäßig beunruhigte. 

Eine Woche später flog Murphy nach London.

Und dort wurde es erst richtig schlimm.

*

Es war zwei Jahre her, seit Murphy aus dem ORDEN VOM WEISSEN LICHT

ausgeschlossen worden war.

Er wusste, dass der ORDEN aus Verrätern bestand. Aus Verrätern an der Sache des Guten.

Verrätern an der Sache des Lichts. Verrätern im Dienst der Dämonen.

Was die unteren Chargen des Ordens anging, so hatte Murphy schon lange Gewissheit darüber, dass sie von den Dämonenjüngern durchsetzt und unterwandert waren.

Aber selbst der Ehrwürdige Abt schien nichts weiter zu sein als ein Büttel der satanischen Bande aus dem Äther.

„Teufel!“, fluchte Murphy und nahm erst einmal eine Prise vom SALZ DES LEBENS. Er hatte nicht mehr viel von dieser Substanz, die seine magischen Fähigkeiten ernorm erhöhen konnte. Er musste diese Droge -—von der er längst abhängig war -—gut rationieren. Der einzige, der sie ihm geben konnte, war Meister Darenius, der legendäre Großmeister des Ordens, der vor den Machenschaften seiner eigenen Ordensbrüder in die Schädelhöhle von Maskatan geflohen war. Einen Ort jenseits von Raum und Zeit. Eine Zuflucht, von der aus er den Kampf gegen die Dämonen der Dämmerung und ihren immer größer werdenden Einfluss aufnehmen konnte.

Oft genug hatte sich Murphy dort aufgehalten. Neue Kraft geschöpft.

Neues SALZ bekommen!,  ging es Murphy durch den Kopf und er verzog dabei zynisch das Gesicht.

Aber inzwischen wusste er, dass Darenius selbst ein Verräter war!

*

Murphy hing in seinem Londoner Hotelzimmer herum und rationierte seinen Vorrat am Salz des Lebens so gut es ging.

Seine Lage war verzweifelt.

Schon bevor sein Vorrat am Salz zur Neige ging, hatte er das Gefühl unter Entzugserscheinungen zu leiden.

Seine magischen Sinne waren überreizt.

Vollkommen überreizt.

Er glich einem Nervenbündel.

Mit Hilfe eines Rituals aus den absonderlichen Kulten von Hermann von Schlichten versetzte er sich in einen Zustand, der einer Art Trance glich.

Das dämpfte sein Verlangen nach dem Salz.

Er wusste, dass das keine Lösung für immer war.

Aber immerhin bedeutete es eine Linderung seiner Qualen.

Der Orden hatte ihn ausgeschlossen. Ihn. Den Kämpfer des Lichts. Den Dämonenjäger. Ein Orden, der in Wahrheit längst zum Werkzeug der Dämonenjünger geworden war, wie er wusste.

Zu wissen glaubte. Es war alles so verwirrend. Langsam wusste er selbst nicht mehr, was er für wahr und was für Illusion halten sollte. Zeiten, Welten, Dimensionen, Realitätsebenen. All das wirbelte in seinem Hirn munter durcheinander.

Ein Kämpfer des Lichts -—das ich nicht lache!,  ging es ihm durch den Kopf. Ein elender Junkie. Ein Drogen-Zombie! Das ist aus dir geworden Murphy. Und wodurch? Durch deine eigene Dummheit...

Irgendwann klopfte es an der Tür.

Erst ignorierte Murphy dieses Geräusch.

Aber das Klopfen hörte nicht auf.

Immer wieder drang es in sein Bewusstsein. Immer wieder hämmerte es sich in seine Gedanken hinein.

Bis er schließlich sagte: „Herein, wenn's kein Dämon ist!“ Die Tür sprang zur Seite.

Ein Mann stand dort.

Murphy blinzelte.

Er brauchte einige Sekunden, um zurück in die Realität zu finden und den Mann zu erkennen.

Es war Tom Brown, ein Mitbruder des Ordens vom Weißen Licht.

Und ein Freund.

„Hi, Tom!“

„Hi, Murphy.“

„Was willst du? Ich dachte, ihr seid fertig mit mir und ich bin draußen.“

„Hey, Mann, wie redest du mit mir, Alter?“

„Ist es falsch, was ich sage?“

Tom Brown lächelte.

„Sagen wir -—nicht mehr ganz aktuell.“

„Was soll das heißen?“

„Meister Darenius...“

„Ach der!“

„Er hat sich für dich eingesetzt.“

„Wie bitte?“

„Du hast richtig gehört, Murphy.“

„Meister Darenius ist ein Agent der Dämonenjünger! Er hat mich dazu gezwungen, ihm das Buch des Wissens auszuhändigen!“

„Wer sagt dir, warum er dich dazu gezwungen hat? Wer sagt dir, dass er es im Interesse der Dämonenjünger tat oder dass er auch nur irgendetwas mit ihnen zu tun hat...“ Murphy schluckte.

Nein, es gab keine konkreten Beweise. Es gab nur dieses Gefühl.

Das Gefühl, das ihm sagte, dass Darenius auch einer von ihnen war. So wie der ehrwürdige Abt und Pater Domenicus und all die anderen.

Tom Brown kickte die Tür mit dem Absatz ins Schloss.

„Du bist wieder aufgenommen.“

„Das ist nicht wahr!“

„Doch. In allen Ehren.“

„Tom...“

„Ich soll dir etwas geben.“

„Was?“

„Na, dies hier!“

Tom Brown langte in die Jackentasche, holte eine kleine silberfarbene Dose hervor und warf sie Murphy zu. Murphy war noch zu benebelt, um sie zu fangen. Die Dose traf ihn am Kopf.

Murphy fühlte den Schmerz.

Eigenartigerweise eine angenehme Empfindung.

Sie verband ihn mit dem Leben.

Die Dose öffnete sich.

Das Salz des Lebens verstreute sich auf dem Boden.

„Mist“, sagte Murphy.

„Du kannst auch nicht aufpassen, Alter!“

Mit hastigen Bewegungen versuchte Murphy, das Pulver wieder in die Dose zu bekommen.

Das Meiste rann ihm zwischen den Fingern hindurch. Er nahm erstmal eine kräftige Prise und fühlte sich gleich besser. Zur Unterstützung murmelte er eine Beschwörung. Ihm war klar, welch erbärmlichen Anblick er bot. Bruder Tom Brown versuchte sich das nicht anmerken zu lassen. Aber Murphy brauchte nicht einmal das mit Mühe unter Kontrolle gehaltene Gesicht des anderen zu sehen, um zu wissen, was dieser jetzt dachte.

Die Gedanken sind frei, dachte Murphy.

Und offen wie ein Buch, wenn man gelernt hatte, darin zu lesen.

„Vielleicht...“

„Ja, Murphy?“

„Vielleicht hast du recht damit, mich zu verachten.“

„Ich verachte dich nicht.“

„Ach, komm schon. Mir gegenüber kannst du ehrlich sein, Tom. Mir gegenüber kannst du die Dinge ruhig beim Namen nennen, ich bin schon nicht sauer.“ Tom Brown schwieg.

Und das war irgendwie auch eine Antwort.

Eine, die in Murphys Sicht der Dinge wie die Faust aufs Auge passte.

Also doch—-

Er hatte es gewusst.

Murphy nahm eine weitere Prise.

„Nimm nicht alles auf einmal, Murphy.“

„Ich bin wie ausgehungert.“

Murphy bemerkte plötzlich das eigenartige Glitzern in Tom Browns Augen. Er murmelte sofort eine Beschwörung. Gleichzeitig spürte er die verräterischen Impulse bei seinem Gegenüber. Paraimpulse. Metamagische Schwingungen, die eindeutig negativer Natur waren.

Also doch...

Auch er!

Tom Brown verwandelte sich. Seine Mundpartie wurde größer. Hörner wuchsen aus seinem Kopf. Reißzähne bildeten sich. Alles nur Illusion und Lüge!,  durchzuckte es Murphy.

Er griff nach dem geweihten Dolch, den er in der Nähe abgelegt hatte. Murphy riss die Klinge geradezu an sich und schleuderte sie seinem Kontrahenten entgegen.

Ein seltsames Bild zeigte sich. Mitten im Flug verlangsamte sich die Geschwindigkeit der Waffe. So als ob da eine Kraft war, die Tom Brown – oder das Wesen, das sich mit seiner äußeren Erscheinung getarnt hatte – abschirmte. Murphy brüllte eine Beschwörung heraus.

Dann nahm er eine große Prise vom Salz des Lebens. Die Wirkung stellte sich sofort ein. Sein Bewusstsein wurde weiter, mächtiger... Er fühlte den Strom der Kraft seinen Körper und seine Seele durchströmen. Ja, dieses Gefühl hatte im Alltag lange gefehlt. So sehr gefehlt...

Aber nun galt es, die Kräfte zu konzentrieren und dafür zu sorgen, dass der geweihte Dolch, den Murphy als magische Waffe gegen die Dämonenjünger einzusetzen pflegte, sein Ziel fand.

Das Wesen in Gestalt von Tom Brown hob die Arme.

Schrie.

Der Dolch fuhr ihm in den Hals, ohne, dass er etwas dagegen hätte tun können. Blitze zuckten aus der Klinge heraus und zuckten um den zuckenden Körper herum, der wirkte, als würde er unter Strom stehen.

Dann zerfiel Tom Brown.

Staub rieselte von seinen Knochen, von seinem bleichen Schädel. Die Augen lösten sich auf und wurden zu leeren Höhlen. Tom Brown sank in sich zusammen. Ein Haufen Kleider und ascheartiger Staub blieben zurück.

Murphy streckte die Hand aus.

Der Dolch schwebte zu ihm zurück.

Seine Faust schloss sich um den Griff.

Der Dämonenjäger atmete tief durch.

Wie sagt man so schön?,  dachte er. Asche zu Asche, Staub zu Staub...

Er schluckte.

Jetzt beginnt sie also, ging es ihm durch den Kopf . Die Jagd auf mich.

*

Nebel hing über der Tower-Bridge und kroch, den Tentakeln eines vielarmigen Ungeheuers gleich, durch die benachbarten Straßen. Wie das Auge eines übermächtigen Dämons stand der Mond als verwaschener Fleck am Himmel. Die Nebelschwaden stiegen immer höher empor und leckten nach ihm. Bald würden ihn die emporreckenden Arme dieses formlosen grauen Nichts verschluckt haben.

David Murphy stand ungefähr in der Mitte der Brücke.

Er lauschte.

Eine gespenstische Stille hing über der Stadt, in der sonst das Leben rund um die Uhr pulsierte.

Totenstille, dachte Murphy und ein eisiger Schauder erfasste ihn. Er atmete tief durch.

Schon die ganze Nacht war er durch die die tote Stadt geirrt. So ruhig war sie nie gewesen, diese ehemalige Metropole eines Weltreichs, diese Geburtsstätte populärer Trends und pulsierender Kreativität. Swinging London, so hatte man sie einst genannt. Aber jetzt swingte hier nichts mehr. Nicht einmal Straßenlärm drang an Murphys Ohren. Die Möwen, die sonst über der nahen Themse kreischend umher flogen, schienen sich ebenso zurückgezogen zu haben wie die sonst so aktiven Nachtschwärmer, die für gewöhnlich dafür sorgten, dass die Stadt 24

Stunden am Tag einer der lebendigsten Orte der Welt war.

Murphy schluckte.

Auf seinem Weg hier her hatte er die Lichter verlöschen sehen. Die Neonreklamen, die Straßenbeleuchtungen, die Lichter in den Fenstern der Hochhäuser.

Auf den Straßen war der Verkehr zum Erliegen gekommen. Die Autos standen zum Teil mitten auf den Straßen, die Türen geöffnet, so als hätten ihre Besitzer sie in aller Eile, fast fluchtartig, verlassen.

Als wankende Gestalten, unsicher, stolpernd, irrten sie durch die Nacht. Hin und wieder drangen unartikulierte, dumpfe Laute aus ihren Mündern.

Wie sehr hätte Murphy sich gewünscht, dass es nur das Lallen Betrunkener gewesen wäre...

Murphy glaubte, eine Bewegung in den immer dichter werdenden Nebelmassen zu erkennen.

Schatten, tanzende dunkle Flecken, mehr schien es am Anfang nicht zu sein. Dann hörte er die Schritte auf dem Asphalt. Schwankende, wie Puppen wirkende Körper traten aus dem Nebel heraus. Das sparsame Mondlicht beleuchtete ihre Gesichter...

Murphy starrte ihnen entgegen.

Die Gesichter von verwesenden Leichen! ging es ihm durch den Kopf und er hatte das Gefühl, als ob sich eine grabeskalte Hand auf seine Schulter legte. Während seines Kampfes gegen die Dämonen der Dämmerung hatte er schon viele Schrecken gesehen. Über manche hatte sich gnädigerweise eine Erinnerungslücke gelegt, andere kehrten regelmäßig in seinen Alpträumen wieder.

Aber dieser Anblick überstieg alles.

Die wankenden Gestalten näherten sich. Dumpfe, murmelte Laute kamen über ihre zerstörten Lippen. Die Gesichter waren bleich, an manchen Stellen konnte man auf blanke Knochen blicken. Dasselbe galt für die Hände. Manche glichen Skeletthänden. Die Kleider hingen wie Säcke an den dürren, auf gespenstische Weise abgemagerten Gestalten. Wie Sinnbilder des Todes wirkten sie. Untote, nicht wirklich zum Reich des Todes und nicht ganz zum Reich der Lebenden gehörig.

Leere Augenhöhlen blickten Murphy an.

Und der Geruch!

Ein Pesthauch hing über der ganzen Stadt und er wurde jetzt noch stärker, da sich die Untoten ihm näherten. Murphys Nase war wie betäubt. Er glaubte fast, ersticken zu müssen.

Der Gestank der Verwesung und des Verfalls, ging es ihm durch Kopf. Murphy fühlte deutlich Panik in sich aufkeimen. Was war aus London geworden? Eine Stadt der halbverwesten Zombies...

Ich bin zu spät gekommen, dachte Murphy. Zu spät, um zu verhindern, was geschehen ist.

Zu spät...

Murphy wich weiter zurück.

Seine Beine fühlten sich schwer an.

Als ob ein lähmendes Gift in ihnen zu wirken beginnt! dachte er schaudernd.

Das Gift der Furcht und des Entsetzens, vielleicht war es das.

Nur wenige Schritte hatte er hinter sich gebracht. Ein großartiger Läufer war David Murphy auf Grund seiner Korpulenz nie gewesen, aber die Furcht hatte ihn vorangetrieben.

Da stoppte er plötzlich.

Auch von der anderen Seite der Tower Bridge zogen hunderte von Zombies heran. Als tanzende Schatten tauchten sie aus dem Nebel hervor. Ihre Bewegungen wirkten ungelenk, eigenartig und...

...marionettenhaft! durchfuhr es Murphy. Als ob eine unheimliche Macht aus dem Hintergrund sie an unsichtbaren Fäden führte.

Sie hatten ihn eingekreist.

Es gab keine Chance, zu entkommen.

Wie erstarrt blieb er stehen. Gedanken rasten durch seinen Kopf. Er griff in seine Jackentasche, suchte die kleine, kunstvoll verzierte Dose heraus, die Meister Darenius ihm gegeben hatte. Die Dose mit SALZ DES LEBENS...

Seine Kraft gegen die Macht des Todes, dachte Murphy. Warum nicht?

Er öffnete die Dose.

Sie war leer.

Ein Schrei entrang sich Murphys Lippen.

Ein Schrei puren Entsetzens.

Er verstummte, als er die Rufe der weiter auf ihn zustrebenden Zombies vernahm.

Sie riefen seinen Namen.

„Murphy!"

Wie eine Drohung klang das. Murphy wirbelte herum. Von beiden Seiten näherten sich die Zombies bis auf wenige Meter. Sie streckten ihre dürren, nur teilweise noch von pergamentartiger, halbverwester Haut umspannten Hände entgegen. Wie einen Singsang wiederholten sie dabei seinen Namen.

„Murphy! Murphy!"

Sie umschlossen ihn.

Murphy versuchte, ihren Händen zu entkommen.

Kalte Fleischreste legten sich auf seine Schultern, betasteten ihn.

Murphy versuchte, sie von sich zu stoßen.

Er erstarrte mitten in der Bewegung als er seine Hand hob und das spärliche Mondlicht sie erfasste. Die Haut war genauso pergamentartig und aufgerissen wie bei den Zombies. Entsetzt hob Murphy seine andere Hand, starrte sie an und hatte anschließend nicht einmal mehr die Kraft zu schreien.

Leichenhände! durchfuhr es ihn.

„Murphy!" murmelten die Untoten. „Du bist einer von uns!"

*

„Nein!"

Murphy erwachte schweißgebadet und mit einem Schrei auf den Lippen.

Kerzengerade saß er in seinem Bett und zitterte.

Er blickte sich um.

Es dauerte einige Augenblicke, bis er begriff, wo er sich befand. 

Murphy schlug die Bettdecke zur Seite. Sie war klamm vom Schweiß.

Er ging zum Fenster.

Das Mondlicht strahlte herein.

Von den Sternen war kaum etwas zu sehen, was daran lag, dass es im nächtlichen London einfach zu viel Licht gab. Ein wahres Lichtermeer erstreckte sich vor ihm.

Murphy atmete tief durch.

Bist du nicht erleichtert?

Seine Gesichtszüge entspannten sich etwas - zunächst.

Du bist im Preston Hotel in der Cyprus Grove Road und London macht nicht den Eindruck, eine Totenstadt zu sein. Scheint also alles in Ordnung.

Er ging zu dem Stuhl, auf den er seine Jacke gehängt hatte. Murphy suchte nach der Dose von Meister Darenius. Er fand sie, umschloss sie mit der Faust und zögerte dann einige Sekunden, ehe er sie öffnete.

Eine weiß leuchtende, kristalline Substanz war dort in geringer Menge zu finden.

Das Salz des Lebens.

*

Er schloss die Dose wieder, behielt sie aber in der Hand, als habe er Bange, jemand könne sich daran vergreifen, auch in seiner Anwesenheit, und kehrte zum Bett zurück. Ja, das Laken war schweißgetränkt und nicht nur das Laken. Er wischte sich eine Strähne aus der Stirn und versuchte, seine Gedanken zu ordnen, die in seinem Kopf ein Knäuel aus Chaos zu bilden begannen. Ein unentwirrbares Knäuel, bestehend aus toten, halbverwesten Gesichtern, zwischen denen vor allem eines dominierte: sein eigenes!

„Scheiße!" rief er aus, nicht nur, um seine Stimme zu hören, um zu hören, dass sie normal –

menschlich! – klang, sondern auch, um sich Luft zu machen.

Die Dose immer noch in der Hand, sie umklammernd, dass die Knöchel weiß hervortraten, sprang er auf und wankte zum Spiegel. Ja, er wankte. Ihn schwindelte so sehr, dass er fast befürchten musste, zu stolpern und hinzufallen, jedenfalls, die kurze Strecke bis zum Spiegel nicht zu schaffen.

Nicht nur wegen dem Gedankenknäuel in seinem Hirn, sondern vor allem – weil er Angst hatte vor dem, was der Spiegel ihm zeigen könnte. Denn alle beruhigenden Gedanken waren inzwischen wieder von dem Chaos in seinem Gehirn einfach verschluckt worden.

Er erreichte den Spiegel – und sah zunächst gar nichts. Seine Augen waren von Tränen verschleiert. Er hatte das Grauen gesehen in seinem Leben, das schlimmste Grauen, was sich nicht einmal das kranke Gehirn eines Irren vorstellen konnte, und doch hatte er jetzt diese panische Angst vor dem, was der Spiegel offenbaren könnte.

„Scheiße, es war ein Traum, mehr nicht! Ein Scheiß-Traum!" Das reichte nicht, um ihm Mut zu machen. Er blinzelte die Tränen weg und sah endlich klarer – sein Gesicht, sein ganz normales Gesicht. Nein, nicht ganz so normal, denn die Angst verzerrte seine Züge, die sich erst nach längerer Betrachtung allmählich entspannten.

Er schlug die Augen nieder, weil sie wieder tränten. Nicht mehr vor Angst, sondern weil er vor lauter Starren zu blinzeln vergessen hatte.

Was ist los mit mir?,  fragte etwas in diesem Knäuel, sich verzweifelt bemühend, aus dem Zentrum heraus wieder für Entwirrung zu sorgen. Was ist los mit dir, Murphy? Was bist du eigentlich? Ein Hasenfuß oder ein Dämonenjäger? Kann ein ganz gewöhnlicher Alptraum dich so aus der Fassung bringen?

Er wankte zum Fenster und schaute erneut hinaus in das Lichtermeer der Millionenstadt.

Zwar wurden in dieser Millionenstadt lange vor Mitternacht schon die Bürgersteige hochgeklappt, um die absolute Ruhe eintreten zu lassen, wie böse Zungen behaupteten, aber gottlob war das nur eine üble Nachrede. Obwohl es keinen offiziellen Ausschank mehr gab nach dem berüchtigten letzten Klingelzeichen in den Kneipen, die man hier üblicherweise Pubs nannte, und in den Bars, die andernorts auf der Welt durchgehend geöffnet hatten... Es gab die privaten Clubs – und davon mehr als sonst wo auf der Welt, erheblich mehr. Logisch, wenn das Nachtleben gewissermaßen offiziell verboten war, dass es sich dann auf inoffiziell verlagerte...

„Der Club der Untoten", murmelte jemand. Es dauerte eine Weile, bis Murphy klar wurde, dass er selber diese Worte ausgesprochen hatte.

Er schüttelte heftig den Kopf. Nein, nicht ein Club, viel mehr sogar: Eine ganze Stadt der Untoten. Ganz London! Und er erinnerte sich auf einmal wieder an sämtliche Einzelheiten seines... Traums? Er war her gekommen, hatte dieses Zimmer hier bezogen, war mitten in der Nacht erwacht – in einer toten Stadt! Er war hinaus geschritten, zwischen den Toten gewandelt

– den Untoten besser gesagt. Und dann hatte er feststellen müssen, selber ein Untoter zu sein.

Bis zu seinem Erwachen.

Nein, kein Scheiß-Traum!,  kreischte es entsetzt in seinem Gehirn. Dabei hatte das Chaos-Knäuel seiner Gedanken keine Chance mehr. Es platzte, dass sich Murphy unwillkürlich mit schmerzverzerrtem Gesicht an den Kopf fasste. Kein Traum... aber was dann?

Er stierte aus dem Fenster und versuchte sich vorzustellen, was es wirklich gewesen sein konnte. Er hatte es nicht nur geträumt? Vielleicht eine seiner Visionen, die er manchmal hatte?

Ja, das war möglich, sehr möglich sogar. Alles war so real erschienen. London in der Dunkelheit, ohne das Lichtermeer. Dennoch hatte er alles deutlich gesehen. Er hatte kein Licht benötigt, um jede Einzelheit zu erkennen. Zunächst hatten die Untoten nicht auf ihn geachtet.

Sie waren umher geirrt, ohne erkennbares Ziel. Erst auf der Brücke hatte sich das geändert. Als hätten die Untoten selber eine Weile gebraucht, um sich darüber im Klaren zu werden, dass etwas mit ihnen geschehen war.

Aber sie haben mich gekannt – sogar mit Namen!,  schrie die Stimme in seinem Gehirn –

und brachte endgültig seinen klaren Verstand wieder zurück.

Er nickte vor sich hin, grimmig, aber nicht mehr verwirrt oder gar ängstlich. Erkannt haben sie mich! Und das kann nur eines bedeuten: Ich bin nicht nur hier, weil es die Adepten des Lichtes so wollen. Ich bin hier, weil die megamagischen Schwingungen, die mich herkommen ließen, überhaupt nicht hatten verschleiert werden sollen. Nein, alles was hier abläuft - oder ablaufen wird? – bezieht von vornherein meine Person mit ein!

„Scheiße!", sagte er – nicht das erste Mal in dieser Nacht und sicher auch nicht das letzte Mal.

*

Er legte sich rücklings auf das Bett und ließ das Laken zurückgeschlagen. Die Dose umklammerte er immer noch, allerdings nicht mehr so krampfhaft wie vordem.

Er schloss die Augen, eigentlich, um noch ruhiger zu werden und um alles noch einmal zu überdenken, aber etwas ganz anderes trat ein: Schlagartig stand er wieder auf der Brücke. Keine Zeit schien vergangen zu sein.

Doch, es war Zeit vergangen, vielleicht genauso viel, wie er wach in seinem Hotelzimmer verbracht hatte...?

Verzweifelt bemüht, die aufkeimende Panik zu unterdrücken, schaute er sich um. Das Heer der Untoten hatte sich vergrößert, ganz deutlich, und alle schauten in seine Richtung. Sie rückten heran, wie um ihn in ihrer Mitte zu zerquetschen.

Murphy schrie auf und schloss die Augen. Er wünschte sich, aufzuwachen, denn jetzt glaubte er fest daran, wieder nur einen Alptraum zu erleben. Etwas anderes konnte das doch gar nicht sein. Doch als er die Augen wieder aufriss, hatte sich nichts verändert. Er war hier, stand auf der Brücke, und die Masse der untoten Leiber würde ihn in den nächsten Sekunden überfluten – und zerquetschen?

Ich stehe auf einer Brücke!, erinnerte er sich, und schon schickte er sich an, über das Geländer zu klettern. Das war der einzige Ausweg.

Ein ziemlich trügerischer Ausweg, den er viel zu spät wählte, denn sofort griffen dutzende halbverweste Hände nach ihm und rissen ihn mehr oder weniger brutal zurück.

„Bleib, Murphy! Bleib bei uns! Begreife endlich, dass du einer von uns bist. Mehr noch als das: du bist der einzige, der sich auskennt mit diesen Dingen. So bist du wirklich mehr als nur einer von uns: Du bist der wichtigste von uns!"

Murphy, der sich schon darauf eingestellt hatte, von den Untoten einfach zerfetzt zu werden, schaute sich erschrocken um. Nein, es beruhigte ihn keineswegs, dass sie ihn nun doch nicht zerfetzen wollten. In einem Alptraum... da war das ja nicht wirklich tödlich, wenn man zerfetzt wurde, nicht wahr?

Er schaute auf seine Hände, die ebenfalls die eines Untoten waren. Dabei war er froh, dass er nicht in sein eigenes Gesicht zu schauen brauchte. Er betrachtete seine Hände nur, um sich zu vergewissern, und er tat ein Übriges, indem er die Dose öffnete. Sie war leer – wie schon erwartet.

Seine Gedanken hatten wieder jene Klarheit, die erforderlich war, sich endlich der Situation zu stellen und jeglichen weiteren sinnlosen Fluchtimpuls zu unterdrücken. Er war Murphy, und eigentlich hätte er Übung darin haben müssen im Umgang mit dem Grauen. Doch er wäre kein Mensch mehr gewesen, wäre ihm das wirklich gelungen.

Er war Murphy, und jetzt schaute er wieder in die Gesichter der Untoten, die ihn erwartungsvoll anstarrten. Ja, erwartungsvoll, nicht etwa feindselig oder mordlüstern. Er war ebenfalls ein Untoter – wenigstens in diesem Alptraum, dem ihm irgendeine unbekannte Macht aufzwang.

Murphy musste lachen, erschrak jedoch über den grollenden Klang seiner Stimme, die wirklich so klang, als würde sie direkt aus einem Grab kommen.

Seltsam, dass ich überhaupt zu so etwas wie Gefühlen fähig bin – als Untoter.

Aber auch die Untoten um ihn herum waren nicht ganz so, wie man sich Untote vorstellte.

Sie waren nicht völlig seelenlos, auch wenn sie irgendwie – gleichgeschaltet wirkten. Sie waren keine Menschen mehr, nicht einmal vergleichbar mit Menschen, wenn man von einer entfernten Ähnlichkeit einmal absah. Sie waren nicht richtig tot und sie waren trotzdem nicht lebendig. Sie hatten nicht diese wachen Gefühle wie Murphy, der zwar wusste, dass er in diesem verdammten Alptraum einen Untoten spielte, dies jedoch nur äußerlich war. Niemand wusste besser als er selber, wie lebendig er auch in diesem Zustand innerlich geblieben war. Und er hatte sich auch nicht wie die anderen bewegt, als er durch die Straßen geirrt war. Nein, er war ganz normal ausgeschritten.

Aber ich habe nicht geatmet!,  erinnerte er sich auf einmal erschrocken.

Verdammt, ich erinnere mich so genau an Details, wie es unmöglich zu einem echten Traum passt!  Und doch war es einer – musste es einer sein.

Ich bin in einem Traum!,  redete er sich ein, und es gelang ihm sogar, selber daran zu glauben, denn was anderes sollte dies hier denn ansonsten sein? Wenn mir wirklich was widerfährt, dann sterbe ich nicht, sondern... ich erwache lediglich!

Das machte ihn ruhiger – ruhig genug, um die entscheidende Frage zu stellen: „Wieso wisst ihr meinen Namen?"

*

Sie schauten ihn an, als würden sie ihn jetzt zum ersten Mal sehen. Sie tauschten sogar Blicke untereinander, was sie wirklich fast menschlich wirken ließen. Dann grollten sie unwillig und lockerten den Kreis um Murphy ein wenig.

„Wir wissen es nicht!", grollte ein dürres Männlein, dem ein Auge halb aus der Augenhöhle hing. Er schien damit irgendwo hängen geblieben zu sein und hatte sich anschließend offenbar bemüht, das Auge wieder richtig hineinzudrücken, was ihm allerdings nicht recht hatte gelingen wollen. Es war erschreckend, dass aus diesem dürren Körper eine solch grollende Stimme drang. „Wir wissen es nicht", wiederholte das Männlein und hielt das Auge vorsorglich fest, bevor es den Kopf schüttelte.

Murphy stierte auf die makabere Szene und wollte schlucken. Es ging nicht.

Er konnte nicht mehr schlucken – als Zombie. Er konnte nicht mehr atmen, sich aber relativ normal bewegen. Seine Hände waren die eines Toten, aber nicht soweit verwest, dass ihre Beweglichkeit eingeschränkt war.

Er steckte die Dose endlich in eine der Taschen seines halbvermoderten Anzugs.

Es war natürlich nicht sein Schlafanzug, mit dem er seiner Meinung nach im gleichen Moment auf dem Bett im Hotelzimmer lag – im wirklichen London -, sondern das, was einmal ein ganz normaler Straßenanzug gewesen war. Als habe er nicht sehr lange in seinem Grab verbracht.

Mit Straßenanzug?,  kam ihm ein kurzer Gedanke, der aber verwehte, ehe er danach greifen konnte, und eigentlich war er ja auch nicht so wichtig, so lange es hier um wichtigeres ging, nicht wahr? Andererseits: Vielleicht würde dieser Gedanke ihn der Wahrheit ein wenig näher bringen, aber Murphy vermutete dies in seiner Situation noch nicht einmal, geschweige denn, dass es seine Aufmerksamkeit von der Masse der Untoten abzulenken vermochte, die ihn erwartungsvoll umgab.

Ja, erwartungsvoll! Sie hatten das ihrige getan: sie waren ihm gefolgt, hatten ihn eingekreist, so dass er ihnen nicht mehr länger entfliehen konnte, und jetzt war es an ihm, zu handeln.

Aber was soll ich denn tun? Was erwarten sie denn wirklich von mir?,  fragte sich Murphy im Stillen, obwohl er längst wusste, was es war.

Und dann ließ es sich nicht mehr länger leugnen. Er formulierte den Gedanken, ehe es die Untoten taten: „Ihr wollt mich als Anführer!"

Sie schrieen begeistert! Nein, nicht wie lebende Menschen, die in offenen Jubel ausbrachen.

Dafür waren ihre Bewegungen zu unkontrolliert und ihre Stimmen vom mehr oder weniger fortgeschrittenen Verwesungsprozess zu mitgenommen. Aber sie zeigten mit allem ihre Begeisterung, wozu sie noch fähig waren.

Und Murphy dachte an den Verdacht, den er im Hotelzimmer gehabt hatte, als ganz normaler, lebendiger Murphy: Er spielte in diesem Alptraum einen wichtigen Part, und jetzt sah es sogar danach aus, als habe man ihm den Hauptpart zugedacht.

Noch schlimmer konnte eine Ironie gar nicht mehr sein: Er, eigentlich der Dämonenjäger, der Vernichter aller Untoten – hier ganz als Werkzeug des Bösen, als Anführer gar eines wahren Heers der Untoten!

„Also gut", sagte er und machte die Probe, indem er einfach auf die Untoten zuging, die vor ihm den Weg versperrten. Sie wichen prompt auseinander. „Ich will es sein, wenn ihr es so wollt. Ihr kennt mich. Ihr wisst, dass ich Murphy bin." Doch offensichtlich wisst ihr nicht, dass ich eigentlich der schlimmste Feind von euch sein müsste, sonst hättet ihr mich nicht zum Anführer erhoben.

Aber nein, dachte er schmerzlich, nicht die Untoten hatten ihn zum Anführer gemacht, sondern eigentlich dieselbe Macht, die für diesen Alptraum sorgte.

Sie waren Opfer in diesem Alptraum, genauso wie Murphy selber. Aber was sollte er eigentlich tun – als ihr Anführer?

„Habt ihr einen Wunsch?", fragte er wie beiläufig.

„Ja!", grollte es prompt von allen Seiten, und sie setzten sich in Bewegung, um nicht von seiner Seite zu weichen, schlurfend, tapsend, den übelsten Gestank des Todes erzeugend, den Murphy jemals gerochen hatte. Es machte ihm nichts aus, weil er wirklich einer von ihnen geworden war – zumindest körperlich.

„Sagt es mir!", grollte er aufmunternd, und sie antworteten ihm: „Hunger! Hunger nach Lebendigem! Unser Führer, Murphy, führe uns zum Leben. Wir wollen es zerfetzen, es fressen.

Wir wollen Blut schlürfen, uns darin baden. Es gibt uns Kraft und macht uns vollkommener."

Murphy spürte keine Gänsehaut bei diesem Wunsch. Ganz im Gegenteil. Er spürte selber diesen eigentlich unstillbaren Appetit auf alles Lebendige in sich. Auch wenn er sich dem nicht hingab, sondern es mit dem analytischen Teil seines Verstandes bemerkte und auch analysierte.

Ich bin ein Untoter! Ich – bin – ein – Untoter!,  hämmerte es in seinem angewesten Kopf.

Eine einmalige Chance eigentlich, diesen Zustand zu studieren. Nicht, um Verständnis zu erhalten für künftige Untote, sondern um meine persönliche Neugierde zu befriedigen.

Damit hielt er diese unbeschreibliche Gier in seinem Innern im Zaum.

Er schritt dahin, nicht so stolpernd, schlurfend oder trottend wie all die anderen, sondern durchaus hoch aufgerichtet, fast wie ein noch lebender Mensch, und seine Armee folgte ihm brav. Sie wichen nicht mehr von seiner Seite. Nur vor ihm ließen sie Platz, damit er genau sehen konnte, wohin ihn seine Schritte lenkten, und er brauchte dennoch eine Weile, bis es ihm endlich bewusst wurde: Er ging schnurstracks zu dem Hotel zurück, in dem er als Lebender abgestiegen war. Als Lebender in Wirklichkeit, nicht in einem Alptraum wie hier als Untoter.

Es war derselbe Weg, den er gekommen war, auf der Suche nach dem London, wie er es bisher gekannt hatte und wie es offensichtlich gestorben war.

Er erreichte das Hotel und hob den Blick, um hinauf zu schauen, zu dem Zimmer, in dem er abgestiegen war.

Die Fenster waren schwarz und blind. Dort oben war das Bett, und auf diesem Bett lag sein eigentlicher Körper, jetzt in einem Zustand des Schlafes, damit er diesen Alptraum erleben konnte.

Und im nächsten Augenblick war er oben und auf diesem Bett und richtete sich auf.

Er war immer noch schweißnass – oder schon wieder?

"Ich lebe!", murmelte er unwillkürlich, denn als Untoter würde er wohl kaum den kalten Schweiß auf seiner Haut kleben spüren. „Ich lebe!" Er schrie es fast.

Und dann öffnete er wieder die Dose, um sich zu vergewissern, dass sie nicht länger leer war.

Die Substanz befand sich darin.

Murphy erhob sich ächzend vom Bett und wankte wieder zum Fenster.

Der vertraute Anblick. Er schaute hinunter auf die Straße, dorthin, wo er erst vor Sekunden als Untoter gestanden hatte, von einer Armee der Untoten begleitet. Es war ihm, als könnte er sie sehen – sich selbst sehen mit all den lebenden Leichnamen.

Es fröstelte ihn, nicht nur von dem kalten Schweiß auf seiner Haut.

Er wandte sich vom Fenster ab und schaute blicklos in den Raum. „Ich werde herausfinden, was hier vorgeht, ja, ich werde es herausfinden!" Es war wie ein Schwur. Er hatte keine Ahnung, ob er es nur gedacht oder laut ausgesprochen hatte. Es war ihm auch ziemlich egal. Er würde jedenfalls alles tun, damit es wahr wurde...

*

Murphy stand einen Augenblick vor der hölzernen Tür, die zu einer alten Villa führte, in der einer der vielen Trödelläden in der Londoner Cyprus Grove Road führte. INHABER: JERRY C.

HAWKE stand an der Tür, die mit eigenartigen Schnitzereien versehen war. Fratzenhafte Dämonengesichter, Mischwesen aus Tier und Mensch, kleine Drachen mit zahnbewährten Mäulern und weit aufgerissenen Augen. Hier ist er also, der Ort von dem man dir sogar im Kloster von Clairmont erzählt hat,  ging es Murphy durch den Kopf. Er klopfte. Niemand öffnete oder gab sonst eine Reaktion ab. Murphy versuchte es noch einmal.

Der Erfolg blieb derselbe.

Er stieß dann leicht gegen die Tür und stellte fest, dass sie nicht verschlossen war. Mit einem Knarren öffnete sich die Tür, ein Klingelzeichen ertönte dabei.

David Murphy trat ein.

Seine Augen mussten sich an das Halbdunkel erst gewöhnen, das in dem düster wirkenden Raum herrschte.

Murphy musste insgesamt drei Stufen hinabsteigen. Der Laden lag im Souterrain.

Der Eindruck von Enge vermittelte sich dem Dämonenjäger.

Er sah sich um.

Die Wände waren mit Bücherregalen voll gestellt. Dicht an dicht drängten sich daran die staubigen Folianten. Der Geruch von altem Papier hing in der Luft. Und der allgegenwärtige Staub, der in diesen uralten Schinken steckte, sorgte für einen ständigen Juckreiz in der Nase.

Murphys Blick glitt die Buchrücken entlang. Okkulte Titel bildeten die Mehrzahl der Werke. Murphy fand eine englische Ausgabe der Schriften des mittelalterlichen Mystikers Simón de Cartagena sowie einen Kommentar zum Werk des deutschen Okkultisten Hermann von Schlichten, den ein anonymer Schüler verfasste, der sich hinter dem Kürzel Y.Y. verbarg.

Mancher dieser Werke hatte Murphy bereits in der Bibliothek des Ordens vom weißen Licht im Kloster Clairmont gesehen. Von der Decke hing ein Mobilé aus Schrumpfköpfen. Der Luftzug, der mit Murphy hereingekommen war, sorgte dafür, dass es sich munter bewegte. Die grinsenden Schrumpfköpfe tanzten um ein imaginäres Zentrum herum, ihre erstarrten Gesichter machten Eindruck, als ob sie lachten. Murphy glaubte, es eine Sekunde lang beinahe hören zu können. Ein wissendes, sarkastisches Lachen, das einem das Blut in den Adern gefrieren lassen konnte, wenn man sich der Qual aussetzte, es zu deuten. Fetische hingen von den Regalen herunter. In Holz geschnitzte Gesichter kleiner Gottheiten. Magische Hilfsmittel, um das zu beeinflussen, was doch nicht zu beeinflussen war.

Du bist nicht hier, um herumzustöbern!,  rief er sich in Erinnerung. Du bist hier, weil du einen verdammt guten Grund dafür hast, denn der Besitzer dieser Hexenvilla ist wahrscheinlich einer der wenigen Menschen auf der Erde, die dir im Moment noch helfen können.

Oder zumindest nicht schaden werden...

Murphy atmete tief durch.

Er ließ den Blick schweifen. Aber nirgends war der Besitzer dieses Ladens zu finden, der sich bis auf einige Besonderheiten kaum von einer Vielzahl solcher Antiquariate unterschied, die man in London finden konnte.

"Mr. Hawke?", fragte Murphy. "Mr. Hawke, sind Sie hier?"

"Wer macht da so einen Krach als wäre der jüngste Tag?", meckerte eine heisere Stimme.

„Machen Sie damit besser keine Witze!“

„Was ist nur aus dem Swinging London geworden? Haben die Briten selbst ihren Humor verloren?“

„Ich bin kein Brite.“

„Ist mir ehrlich gesagt völlig egal, wer Sie sind.“

„Na, großartig.“

Ein kleines, dürres Männlein kam aus einer der Ecken des Ladens hervor. Er ging gebeugt.

Das Haar war schlohweiß und stand wirr herum. Der Bart wirkte drahtig und verfilzt. Diesem Alten schien alles Mögliche wichtig zu sein, aber Körperpflege gehörte kaum dazu.

Er roch so modrig und verstaubt wie die Bücher in seinem Laden. Aber zwei wache, sehr aufmerksame Augen leuchteten über den hohen Wangenknochen.

Er musterte Murphy von oben bis unten.

Murphy schwitzte.

Es war verdammt heiß in diesem Laden.

Abgestanden,  dachte er.

Die Luft ist abgestanden, so als hätte hier seit einem der wenigen Hochsommertage, die London kannte, niemand mehr eine Tür oder ein Fenster geöffnet.

"Sie sind Mr. Hawke?"

"Der bin ich. Und Sie?"

"Mein Name ist Murphy. David Murphy. Der Orden des weißen Lichtes..."

Weiter kam Murphy nicht.

Der Alte unterbrach ihn.

"Der Orden..." Das Gesicht des Alten wurde düster. "Ich will mit dem Orden nichts mehr zu tun haben", erklärte er. Er wandte sich halb herum, kratze sich am Hinterkopf. "Man sieht mich dort als Abtrünnigen."

"Sie haben sich vom Orden losgesagt!"

"Und ich möchte, dass das auch respektiert wird, Mr. Murphy!"

"Man hat mir nicht viel über die Dinge gesagt, die dazu geführt haben, dass Sie sich nicht mehr als dem Orden zugehörig betrachtet haben..."

"Meine Güte... Redet ihr jetzt so geschraubt? Kein Wunder, dass euer Orden nichts weiter ist, als eine Vereinigung von Narren! Von Narren, die nicht merken, dass sie selbst inzwischen nur noch Marionetten des Bösen sind. Wie alle! Wie die gesamte Menschheit! Ja, Murphy, das ist die Wahrheit! Das Böse regiert alles, jedes Staubkorn des Universums dient letztlich der Zerstörung. Die Physik hat das erkannt und das Prinzip der zunehmenden Entropie postuliert.

Alles steuert auf einen Zustand des Chaos hin.

Chaos und Kälte.

Bewegungslosigkeit.

Starre.

Das wird der Endzustand des Universums sein. Und manchmal erahnen wir davon etwas, wenn sich eisige Schauder über unsere Rücken legen, wenn uns die Kälte des Todes berührt...

Kennen Sie solche Erlebnisse, Murphy? Wissen Sie, wie es ist, aus einer anderen Wirklichkeitsebene heraus berührt zu werden, vielleicht sogar gezogen... "

"Das weiß ich", erwiderte Murphy ruhig.

Ein heiseres Lachen folgte. "Dann wären Sie wahrlich eine Ausnahme unter all den Narren, die Straßen unserer Städte bevölkern, die sorglos dahinleben, ohne auch nur eine Ahnung von dem zu besitzen, was unter der Oberfläche brodelt, was sich hinter den Kulissen abspielt, was wirklich ist... Sie halten das alles nur für das wirre Gerede eines alterssenilen Mannes, der zuviel in den staubigen Büchern gelesen hat, von deren Verkauf er lebt! So ist es doch!"

"Nein!"

"Widersprechen Sie mir nicht, Murphy!"

"Ich brauche Ihre Hilfe!"

"Meine Hilfe?" Er lachte erneut auf, diesmal mit zynischem Beiklang. " Sie brauchen meine Hilfe?"

"Ja."

"Das heißt, der Orden vom weißen Licht  braucht diese Hilfe."

"Wenn es Ihnen Genugtuung verschafft: nein , so ist es nicht."

„Ach, nein?“

„Ich bin ein Ausgestoßener.“

„Das weiß ich.“

„Wie bitte?“

„Manche Dinge sprechen sich schnell herum, Murphy. Sehr schnell“ Er strich über eine Kristallkugel. Fast zärtlich tat er das. Die Kugel stand ziemlich wackelig auf dem überladenen Tresen. Sie veränderte ihre Färbung. „Außerdem habe ich noch andere Informationsquellen, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

„Sicher.“

"Es verschafft  mir Genugtuung."

"Hören Sie..."

"Helft euch doch selbst, ihr Angehörigen eines Narrenordens... Helft euch selbst, wenn ihr noch könnt. Aber wahrscheinlich seid auch ihr längst verloren. Gleichgültig ob Renegat oder loyaler Idiot."

Wann hört er endlich auf mit diesem Gerede?  dachte Murphy.  Ein Schwall von Wörtern...

Mein Gott, er scheint überhaupt nicht dabei nachdenken zu müssen...Aber hast du nicht von Anfang gewusst, dass es schwierig werden wird? Aber du bist möglicherweise auf ihn angewiesen. Auf ihn, auf sein Wissen.

"Ich bin wegen der metamagischen Verwerfungen hier, die London zum Mittelpunkt haben", sagte Murphy. "In New York war die Konzentration auch sehr stark. Es gibt Störungen der Realität, die niemand zu bemerken scheint.“

„Ja, ja, immer dasselbe. Wenn da jemand drin herumpfuscht... Naja, mich geht das alles nichts mehr an. Ich bin aus dem Spiel.“

„Es geschieht hier etwas... Etwas, dessen Ursprung eigentlich nur eine Aktivität der Dämonen der Dämmerung sein kann."

Hawke runzelte die Stirn. Sein Gesicht wirkte jetzt ernst.

"Ich bin mir nicht sicher, ob das nicht ein Irrtum ist", meinte er sehr nachdenklich. Tiefe Furchen zogen sich über seine Stirn. Murphy bemerkte, dass sie ein ganz charakteristisches Muster aus Karos bildeten. Ein Muster, so individuell wie ein Fingerabdruck.

Murphy zog die Augenbrauen hoch, zuerst die Linke, dann folgte mit einer Verzögerung von einer oder anderthalb Sekunden die zweite.

"Was soll das heißen?", fragte er.

"Es gibt noch andere Mächte in den Sphären jenseits unserer Dimension, die Einfluss auf die Erde haben... Die Dämonenjünger verfolgen zwar seit langem ihren Plan, ihren Herren den Zugang zu unserer Welt zu verschaffen, aber ich habe Grund zu der Annahme, dass sie nicht die Ursache der metamagischen Verwerfungen sind. Ich habe spezielle Messungen durchgeführt.

Mit Einzelheiten will ich Sie nicht langweilen, Murphy, aber..."

"Aber was?"

"Jemand oder ETWAS scheint die Natur der Realität selbst zu stören."

"Etwas genauer geht es nicht zufällig?"

"Murphy, Sie wissen doch wie das ist."

"Sicher."

"Ich kann es nicht genau erklären. Noch nicht. Aber wie heißt es so schön? Da ist etwas faul im Staate Dänemark."

Wie schön! , dachte Murphy. Ein Okkultist, der auch noch andere Dinge liest, als die ABSONDERLICHEN KULTE eines Hermann von Schlichten. Aber gegenüber der in mittelalterlichem Latein verfassten Originalversion dieses um 1900 lebenden deutschen Geistersehers ist Shakespeare wohl wirklich die reinste Unterhaltungsliteratur.

"Mr. Hawke, wenn die Lage so ernst ist, wie Sie sagen...", begann Murphy dann.

"Wie gesagt, ich habe nichts mehr damit zu tun."

"Wenn Sie Recht haben, geht es um die Natur der Realität. Um das Schicksal unserer Welt."

"Welcher Welt?", fragte Hawke.

"Was meinen Sie damit?"

„Es gibt so viele, Murphy.

Murphy gefiel der Unterton nicht, mit dem Hawke gesprochen hatte. Hawke zuckte die Achseln. "Es war nur so eine Bemerkung, tut mir leid."

"Nein, das möchte ich näher wissen."

Hawke bedache Murphy mit einem nachdenklichen Blick. Dann drehte er sich um, ging zum Fenster.

Er zog eine Grimasse, stieß einen Art Kampfschrei aus.

Erst jetzt bemerkte Murphy die schattenhafte Gestalt, die sich vor dem Fenster befunden und offenbar ins Innere des Geschäftes geschaut hatte. Die Gestalt verschwand.

Für einen Sekundenbruchteil sah Murphy einen Teil des Kopfs. Eine dunkle Kapuze, wie von einer Mönchskutte verbarg das Gesicht. Nur Finsternis war darunter. Jedenfalls schien es so.

Hawke kicherte.

"Wer war das?", fragte Murphy.

Hawke machte eine wegwerfende Handbewegung.

"Nicht der Rede wert, Sie wissen doch, was für eigenartige Typen sich zurzeit hier in London herumtreiben. Dimensionsverschiebungen und metamagische Verwerfungen hin oder her."

Murphy schnellte zur Tür, riss sie auf, rannte ins Freie.

Er starrte in den dichter werdenden Nebel, der durch die Gassen quoll, einem vielarmigen Ungeheuer mit formlosen Tentakeln gleich. Da war nichts zu sehen. Der eigenartige Kuttenmann war nicht mehr zu sehen.

Auch sonst niemand.

Es fröstelte Murphy.

Nasskalt war es. Eine Art von Kälte, gegen die es keine Kleidung gab und die einem bis in den letzten Winkel der Seele kroch. Was ist Wahnsinn anderes als eine Überlagerung verschiedener Wahrnehmungsdimensionen?  Murphy kehrte in Hawkes Laden zurück.

Murphy erstarrte.

Eine junge Frau stand dort. Sie war mit Hawke in einen heftigen Disput verwickelt. Murphy kannte die junge Frau nur zu gut.

„Mara!“, stieß er hervor.

Mara Pearson war Novizin des Ordens vom weißen Licht gewesen. Ein Dämon hatte zeitweilig von ihr Besitz ergriffen und sie zu einem hirnfressenden Monstrum gemacht. Murphy hatte sie zu retten vermocht. Seitdem hatte er nichts mehr von ihr gehört.

„Ich lege die Hand für Murphy ins Feuer“, sagte sie. „Du kannst ihm vertrauen!“ Sie wandte sich geradezu beschwörend an Hawke.

Hawke drehte den Kopf in Murphys Richtung. „Bleib hier, Murphy! Diese Villa wird von einem magischen Schild gegen die zerstörerischen Einflüsse geschützt, die zurzeit alles erschüttern.“

„Mr. Hawke scheint etwas dagegen zu haben...“, stellte Murphy fest.

„Nun, wenn Mara sich für Sie verbürgt...“, meinte Hawke zögernd.

„Ich möchte wissen, was hier gespielt wird“, sagte Murphy.

Hawke zuckte die Achseln.

„Nennen Sie es den Untergang der Welt. Die Apokalypse. Ganz wie Sie wollen!“ BERICHT DER MARA PEARSON

Ich war ziemlich perplex, als ich Murphy in Mr. Hawkes Laden stehen sah.

„Du warst damals in Bangor plötzlich verschwunden“, sagte ich.

Er zuckte nur die Achseln.

„Damals war ich noch ein Kämpfer des Lichts im Dienst des Ordens... Jetzt bin ich ein Verstoßener.“

*

Murphy belegte eines der Gästezimmer in Jerry C. Hawkes Villa. Er schien keinerlei Gepäck zu besitzen, dessentwegen er in seine vorherige Bleibe hätte zurückkehren müssen.

Er war in einem äußerst schlechten Zustand.

Abhängig von einem weißen Pulver, dass sich SALZ DES LEBENS nennt.

Ein Teufelszeug.

Er war nicht mehr der Dämonenjäger, den ich aus Bangor, Maine kannte.

Ihm fehlte jede Initiative.

Er wirkte gebrochen, resigniert.

Manchmal versank er für Tage in seine Depressionen und verließ sein Zimmer nicht.

*

Murphy war es, der mich von dem Einfluss des Dämons einst befreit hatte.

Eines Dämons, der mich schreckliche Dinge tun ließ. Dinge, an die ich mich heute nur mit Grauen erinnern mag.

Ich saugte Menschen das Hirn aus.

Einer dieser Menschen war mein Vater.

Inzwischen kann ich das in aller Ruhe zu Papier bringen, ohne, dass ich gleich in eine psychische Krise verfalle.

Ich...

Ja, vielleicht ist das gar nicht das richtige Wort dafür. Mein Körper tat es, meine Persönlichkeit war gelähmt zur Rolle einer Zuschauerin verurteilt, während jemand anderes meine Bewegungen steuerte. Schrecklich. Es gibt kein schlimmeres Gefühl, nichts, was sich mit dieser extremsten Form von Vergewaltigung vergleichen ließe. Niemand, der das nicht erlebt hat, kann wirklich nachempfinden, was damals mit mir geschah. Niemand. Wirklich niemand.

Seit damals ist nichts so gewesen, wie es vorher war.

Es gab ein Davor und ein Danach.

Und danach war alles anders.

Ich entdeckte eigenartige Fähigkeiten und Sinne an mir. Sinne, die keinem Menschen von Natur aus zu Eigen sind. Magische Sinne, so könnte man es umschreiben.

Ich versuchte, Kontakt mit Murphy aufzunehmen, aber er war unauffindbar.

So reiste ich zum Kloster von Clairmont in den Pyrenäen, dem Stammsitz des Ordens.

Irgendjemandem musste ich mich anvertrauen. Die Fähigkeiten, die in mir schlummerten, waren einfach zu beängstigend.

Aber ich merkte schnell, dass der Orden nicht die Adresse für mich war.

Ich spürte, was ich sonst nie geglaubt hätte.

Dass der Orden längst auf der Seite des Bösen stand. Daran arbeitete, den Dämonen der Dämmerung zu helfen.

Es war unfassbar.

Aber ich entschloss mich, meinen neuen Sinnen zu trauen.

Warum auch nicht?

Später erfuhr ich von Hawke, dem Abtrünnigen.

Und davon, dass Murphy ausgestoßen worden war.

Da wusste ich bescheid.

*

Ich hielt den Atem an und blickte hinunter zum Themseufer.

Wie angewurzelt stand ich im Schatten eines halbverfallenen Hauses und lauschte dem deutlich hörbaren Hufschlag.

Vier Reiter mit knochenbleichen Gesichtern preschten aus der Dunkelheit hervor. Ihre Augen waren leer und blind, die Haut wie vertrocknetes Pergament.

Aschfahl wirkten ihre Gesichter im Licht des Mondes.

Wie tot.

Aber um ihre dünnen, blutleeren Lippen spielte ein triumphierender Zug.

Die skelettartige Hand des ersten Reiters hielt einen Bogen. Pfeile sirrten durch die Luft.

Todesschreie gellten in der Nacht und mischten sich mit dem triumphierenden Gelächter der Reiter zu einem schauerlichen Chor des Grauens.

Der zweite Reiter ließ ein gewaltiges, monströses Schwert über dem Kopf kreisen. Er hieb damit nach rechts und links in die Schwärze der Nacht hinein, während sein feuerrotes Pferd in der Dunkelheit zu leuchten begann.

Undeutlich erkannte ich fliehende Gestalten. Sie waren kaum mehr als schattenhafte Umrisse. Aber die Reiter waren unerbittlich. Pfeil auf Pfeil legte der erste Reiter in seinen Bogen und verschoss sie mit einer gespenstischen Treffsicherheit.

Und wann immer der zweite Reiter sein Schwert niedergehen ließ, erscholl ein grauenerregender Todesschrei.

Die Reiter näherten sich.

Sie hielten genau auf mich zu.

Ich wollte fliehen, aber meine Füße fühlten sich an, als ob sie im Asphalt der Straße verwurzelt wären. Einer der Flüchtenden taumelte mir entgegen. Sein Gesicht war von namenloser Furcht gezeichnet. Er schrie mir etwas Unverständliches entgegen, ehe ein Pfeil ihn in den Rücken traf und niedersinken ließ. Reglos blieb er am Boden liegen.

Die Schreie verebbten.

Die Reiter preschten heran und zügelten schließlich ihre Pferde, als sie bis auf einige Dutzend Schritte herangekommen waren.

Ich war ihnen ausgeliefert.

Eine Gefangene, durch geheimnisvolle Kräfte an den Boden gefesselt.

Kalter Angstschweiß stand mir auf der Stirn und meine Knie drohten weich zu werden.

Jetzt erst konnte ich im Schein des Mondes auch die letzten beiden Reiter genauer erkennen.

Der eine trug eine Waage in der Hand, ließ sie hin und her schaukeln und kicherte dabei. Die toten, blicklosen Augen leuchteten gespenstisch. Sein Gewand erinnerte an ein stockiges Leichentuch. Der Mund war ein dünner Strich, und die Haut spannte sich so faltig und wächsern über die hervorstehenden Wangenknochen, dass man an eine entblößte Mumie erinnert war.

Der vierte Reiter trug nur zerrissene Fetzen am Leib. Sein Gesicht war zum Skelett abgemagert. Und die knochendürren Hände balancierten eine Schale, aus der blaustichige Flammen emporloderten.

Der Geruch von Moder und Verwesung schlug mir entgegen und betäubte meine Sinne.

>Flieh!>

Immer wieder schrie eine innere Stimme dieses Wort. Aber ich hatte keine Möglichkeit dazu. Mein Wille war gelähmt. Eine unheimliche Kraft fesselte mich an das kleine Stück Erde, auf dem ich stand.

Die Reiter bildeten einen Halbkreis um mich und verharrten einige Augenblicke.

Das Herz schlug mir bis zum Hals.

Kalter Angstschweiß stand mir auf der Stirn.

„Wer seid ihr?“, murmelte ich, kaum hörbar. Ein kalter Wind pfiff indessen durch die Straßen am Themseufer und wirbelte die Nebelschwaden durcheinander, die sich am Ufer gebildet hatten.

Ein dröhnendes Lachen antwortete mir.

Dann hörte ich eine Stimme.

Sie sprach leise und erinnerte mich an das Wispern einer Schlange.

„Wir sind die Boten des Untergangs, gekommen um das Verderben zu bringen...“ Meine Kehle war trocken. Ich konnte nichts sagen. Völlig starr stand ich da. Ich hatte jetzt nicht einmal mehr die Macht, meine Hände zu bewegen. Eine geheimnisvolle Kraft hielt mich in ihrem eisernen Griff, der wie ein stählernes Korsett war.

Ich versuchte, den Mund zu öffnen und etwas zu sagen.

Aber auch diese Muskeln gehorchten mir nicht mehr.

Der vierte Reiter, der in seinen knochendürren Händen die blauschimmernde Schale balancierte, brach jetzt aus der Phalanx dieser Schreckensgestalten heraus.

Er ließ sein Pferd, dessen Farbgebung ebenso bleich war wie die seines Totenschädel-Gesichtes, ein paar Meter auf mich zutraben, bevor es stoppte.

>Wie eine Verkörperung des Todes!>

Seine Augen waren vollkommen weiß. Das Mondlicht wurde von diesen blicklosen Augäpfeln reflektiert, so dass man den Eindruck hatte, dass kleine Lampen aus dem Knochenkopf herausleuchteten. Die Haut war im Bereich des Kopfes derart dünn und pergamentartig, dass die Knochen bereits hindurchschimmerten. Sie war noch fadenscheiniger, als seine ihm in Fetzen vom Leib hängende Kleidung.

>Mein Gott, was geht hier vor!>

Der Reiter stieg von seinem Klepper. Die Augen des Tiers waren ebenso blicklos und tot wie die seines Herrn.

Er trat auf mich zu, hob etwas den Kopf und der Ausdruck in seinen Zügen wirkte fast wie die Karikatur eines Lächelns. Seine Lippen bewegten sich nicht. Und doch sprach er mit einer dunklen, sonoren Stimme, deren Klang dafür sorgte, dass sich mir die Nackenhaare aufstellten.

„Sieh her, Menschenkind“, sagte er.

Wie hypnotisiert starrte ich in sein grauenerregendes Antlitz, das mir auf gleichermaßen unerklärliche und unangenehme Weise bekannt vorkam...

>Wer um alles in der Welt ist er?>

Das Gelächter meines Gegenübers wirkte wie eine höhnische Antwort auf diese Frage, die durch meine Gedanken blitzte.

Ich schauderte.

„Es ist nicht wichtig, wer ich bin“, erklärte der Knochenmann dann, so als ob er meinen Gedanken gelesen hatte. „Wichtig ist nur, was ich dir bringe... Die Schale des Todes!“ Er hob die Schale an und balancierte sie in der Linken. Das bläuliche Feuer züngelte daraus empor.

Seine Augen begannen grell aufzuleuchten. Und das hatte nichts mehr mit den Reflektionen des Mondlichts zu tun, sondern mit der dämonischen Kraft, die ihm wohnte.

Der Knochenmann lachte heiser.

Er wandte sich von mir ab. Dabei glitt die Schale des Todes aus seiner Hand und fiel auf den Asphalt. Eine pechschwarze Flüssigkeit ergoss sich daraus und verteilte sich in rasender Geschwindigkeit über den Boden. Auf der Oberfläche dieser Flüssigkeit tanzte das blau schimmernde Feuer. Die Flammen fraßen sich an meine Füße heran. Ein geradezu höllischer Schmerz durchfuhr meinen gesamten Körper. Alles krampfte sich in mir zusammen. Ich wollte schreien, aber ich brachte keinen Ton heraus.

>In welche Hölle bist du geraten?> durchzuckte es mich, bevor eine erneute Welle aus rasendem Schmerz jeglichen Gedanken erstickte.

*

„Mara!“

Murphys Stimme riss mich aus dem beinahe tranceartigen Zustand heraus, in dem ich mir für einige Augenblicke befunden hatte.

Es ist bereits das dritte Mal, dass du die Reiter gesehen hast,  ging es mir durch den Kopf.

Und allein die Erinnerung an die düsteren Bilder, die ich soeben vor meinem inneren Auge gesehen hatte, jagte mir kalte Schauder über den Rücken. Ein leichtes Schwindelgefühl erfasste mich.

Murphy sah mich an. Er fasste mich am Arm.

„Du bist plötzlich so blass, Mara...“

„Ich hatte eine Vision, David.“

Murphy war einer der ganz wenigen Menschen, die inzwischen von meiner übersinnlichen Begabung wussten. Seit einer Woche lebte er nun in der Villa und wir hatten uns viel zu erzählen gehabt. Murphy war einer von zwei Menschen, die über meine neuen Sinne bescheid wussten. Hawke war der Andere. Im Augenblick waren wir allerdings umgeben von fast zwei Dutzend Gästen, die Jerry C. Hawke – für mich Jerry - in seine verwinkelte viktorianische Villa eingeladen hatte, um mit ihnen gemeinsam den Silvesterabend zu verbringen. Und so war es nahezu unmöglich, jetzt ungestört mit Murphy über die Sache zu reden.

Er sah mich fragend an.

Ich versuchte ein Lächeln und strich über seinen Arm.

„Es ist vorbei“, sagte ich.

„Wirklich?“

„Ja...“

Schon zweimal hatte ich diese unheimlichen Reiter gesehen. Aber beide Mal waren es nur kurze, schlaglichtartige Erlebnisse gewesen, denen ich keinerlei besondere Bedeutung zugemessen hatte. Eine kurze Beunruhigung, ein mulmiges Gefühl in der Magengrube, das einige Augenblicke lang anhielt - das war alles gewesen.

Ich hatte weder mit Murphy noch mit Hawke darüber gesprochen, einfach weil es mir nicht wichtig genug er- schienen war.

Der Eindruck, den die letzte - dritte - Vision auf mich gemacht hatte, war deutlich nachhaltiger. Erst jetzt beruhigten sich meine überreizten Nerven langsam und der Puls hatte wieder ein normales Tempo.

Mein Blick glitt über die festlich gekleidete Gästeschar, die den Salon von Hawkes Villa bevölkerte. Es waren Personen, mit denen Hawke über das Ende der Welt und andere erfreuliche Themen zu philosophieren pflegte. Sie kamen regelmäßig in die Villa. Manche jedenfalls. Sie nutzten seine immensen Vorräte an alten Büchern und Manuskripten für ihre bisweilen etwas absonderlichen Studien. Ein ausgelassenes Stimmengewirr herrschte hier.

Hawke war in seinem Element. Die alte Mann stand mitten unter den Gästen, zwischen einem Parapsychologen namens Gordon Rowes und dem Chemiker Hugh Saint, den Hawke um Hilfe gebeten hatte, als es darum ging, eine der magischen Masken chemisch zu analysieren, mit denen die Dämonenjünger ihren Herren, den Dämonen der Dämmerung, angeblich Kontakt aufnehmen konnten. Saint war emeritierter Professor für Archäologie. Gordon Rowes hingegen war wesentlich jünger. Ich schätzte ihn auf Mitte vierzig. Rowes war ursprünglich Physiker gewesen, bevor er sich der Parapsychologie zugewandt hatte. Er behauptete, ein Gerät entwickelt zu haben, mit dessen Hilfe er übersinnliche Energien messen konnte, und zwar wesentlich besser, als es die vergleichbare Technik des Ordens vom Weißen Licht vermochte.

Hawke war daran natürlich brennend interessiert. Ganz so aus dem Spiel wie er behauptet hatte, war der Alte offensichtlich nicht.

Zumindest, was sein Interesse betraf.

Ich hatte dem Gespräch der drei einige Augenblicke lang zugehört, als mich ein grauhaariger, etwas schlaksig wirkender Mann ansprach. Er war sehr groß und der dunkle Smoking schien ihm nicht so recht zu passen.

Es handelte sich um Dr. Erich Martini, einen Spezialisten für alte Sprachen.

Der gebürtige Schweizer hatte inzwischen einen Lehrstuhl in Cambridge inne.

„Nach den meisten Weltuntergangsprophezeiungen sollte doch spätestens mit Beginn des Jahres 2000 das Ende der Welt kommen - oder irre ich mich da?“, wandte sich Martini plötzlich an mich und hob sein Glas.

„Nein, da irren Sie sich nicht“, sagte ich. „Nur, dass das Millennium nach der Geburt Jesu Christi eigentlich erst ein paar Jahre später zu Ende war.“

„2003 oder 2004, nicht wahr?“

„Ja.“

„Es könnte sein, dass sogar noch ein größerer Irrtum vorlag und es vielleicht erst 2005 oder 2006 soweit ist.“

„Möglich.“

„Keine besonders angenehme Aussicht“, sagte Murphy. „Aber ich habe mich an den Gedanken gewöhnt, dass die Welt... na ja, in keinem guten Zustand ist.“

„Ich werde mich niemals daran gewöhnen“, sagte ich leise.

Martini ergriff wieder das Wort.

„Es gibt Dutzende derartiger Prophezeiungen, Miss Pearson. Verrückte, die irgendwelche willkürlichen Termine für den Weltuntergang festsetzen. Manche sind so schlau, einen kollektiven Selbstmord der Mitglieder anzusetzen, damit hinterher keiner der getäuschten Anhänger noch wütend darüber sein kann, dass die Prophezeiung nicht in Erfüllung gegangen ist... Was die Dämonenjünger angeht...“

„Ich halte die Dämonenjünger für eine ernste Gefahr“, erklärte ich. „Und die Ankündigungen dieser Gruppe nehme ich keineswegs auf die leichte Schulter... Mit den Pamphleten irgendwelcher Spinner haben die nichts gemein.“ Martini wusste nicht genug über die Hintergründe. Anders war sein leicht spöttisches Gerede nicht zu erklären. Martini blickte auf die Uhr.

„Noch ein paar Minuten und das neue Jahr bricht an, Miss Pearson. Glauben Sie, dass die Dämonenjünger unternehmen werden, sobald die Uhr drei Nullen zeigt?“

„Ich weiß es nicht“, sagte ich.

Jetzt mischte sich Gordon Rowes, der Parapsychologe ein. Er kam mit dem Glas in der Hand auf uns zu, was bewirkte, dass sich ein halbes Dutzend Augenpaare in unsere Richtung drehten. Er schien unser Gespräch verfolgt zu haben. „Miss Pearson, ich habe in den letzten Tagen mit Hilfe meiner Apparaturen eine außergewöhnlich erhöhte Intensität übersinnlicher Energien hier in London gemessen. Glauben Sie, dass das im Zusammenhang mit den Aktivitäten der Dämonenjünger steht?“

„Das will ich nicht hoffen“, erwiderte ich. „Aber vielleicht ist dieser Gedanke noch die angenehmere Variante.“

„In wie fern?“

„Nichts.“

Ich dachte nur daran, dass es möglicherweise der Orden vom Weißen Licht war, den wir als unseren Hauptgegner ansehen mussten.

Wie auch immer.

Ich dachte an meine Vision.

Das, was mir meine neuen Sinne übermittelt hatten.

Äußerlich blieb ich gelassen.

In Wahrheit war ich überzeugt davon, dass etwas Schreckliches geschehen würde...

Vielleicht nicht gerade in der Silvesternacht, aber schon in allernächster Zeit.

„Wahrscheinlich werden wir uns in Kürze mit viel näher liegenderen Problemen herumzuschlagen haben“, gab Hugh Saint seiner Meinung Ausdruck.

Hawke hob die Augenbrauen.

Ich hörte der weiteren Unterhaltung nur mit einem Ohr zu.

Stattdessen dachte ich an die furchtbaren Bilder, die ich noch vor wenigen Augenblicken gesehen hatte. Ein Schauder überkam mich.

Diese Vision hat etwas zu bedeuten und du weißt es!,  ging es mir siedend heiß durch den Kopf. Aber was immer das auch für eine Bedrohung sein mochte, vor der diese Bilder mich warnen wollten - im Augenblick hätte ich nicht gewusst, was ich dagegen tun sollte. Da war nur dieses unangenehme Gefühl in der Magengegend und die tief empfundene Gewissheit, dass irgendetwas geschehen würde.

Ich fror innerlich, obwohl Hawke sehr wärmebedürftig war und stets dafür sorgte, dass ihre Villa gut geheizt wurde.

Die Stimmen der mich umgebenden Gäste traten in den Hintergrund. Undeutlich nahm ich noch wahr, wie sich jemand über die Vorhersagen des Nostradamos ausließ und darüber, dass dieser Seher sich offenbar doch geirrt hatte, als er für das Jahr 1999 einen großen Krieg vorhergesagt hatte, der im Osten Europas seinen Anfang nehmen würde. Der Kosovo-Konflikt konnte ja wohl kaum als großer Krieg durchgehen...

Mein Blick wanderte die langen Regalwände entlang, die in der gesamten Villa die Wände bedeckten. Ein staubiger Buchrücken reihte sich an den nächsten. Hawke war ein unermüdlicher Sammler okkulter Schriften sowie jeglicher Literatur, die sich mit Grenzwissenschaften und außergewöhnlichen Phänomene beschäftigte. Die langen Bücherreihen wurden immer wieder durch eigenartige Gegenstände unterbrochen, die zumeist irgendeine okkulte oder magische Bedeutung hatten. Götterstatuetten, Schnitzereien von Dämonengesichtern, Kristallkugeln, Schrumpfköpfe und ein bemalter Totenschädel gehörten zu diesen Dingen. Sie ließen die gesamte Villa wie eine Art Museum aussehen. Der tägliche Kampf gegen die dünne Staubsicht, die sich auf ihnen absetzte, war von vorn herein verloren.

Mein Blick wanderte die Wände entlang.

So als würde er von irgendetwas auf gewisse Weise angezogen.

Die innere Unruhe in mir wuchs.

Und dann bemerkte ich einen bereits etwas grünlich angelaufenen Messingteller. Er hing an einem Haken von einem Regal herab. Er war mir nie sonderlich aufgefallen, aber jetzt stach er mir aufgrund der Gravuren ins Auge.

Vier Gegenstände waren auf dem Teller abgebildet.

Bogen, Schwert, Waage und Schale...

Die Erkenntnis traf mich wie ein Keulenschlag.

Es handelte sich exakt um jene Kombination von Gegenständen, wie sie die grauenerregenden Reiter mit sich geführt hatten, denen ich in meiner Vision begegnet war.

Das kann kein Zufall sein, Mara!

„Lasst uns hinausgehen! Sonst verpassen wir noch den Beginn des neuen Jahres!“ hörte ich in diesem Moment Hawkes Stimme.

Ein kühler Luftzug durchwehte einen Augenblick später den Salon. Jemand hatte die Tür geöffnet, die vom Salon aus direkt auf die Terrasse und in den Garten der Hawke-Villa führte.

„Wir sollten das Licht ausmachen!“, schlug Hugh Saint vor. „Dann sieht man das Feuerwerk besser!“

*

„Auf das neue Jahr, Mara!“ flüsterte Murphy.

Wir standen in dem leicht verwilderten Garten der alten Villa.

Wir schauten zum sternklaren Nachthimmel empor.

Hier und da wurde mit Sektgläsern angestoßen und ein Raunen ging durch die Gästegruppe, als endlich die ersten Feuerwerkskörper über London gezündet wurden. Kaskaden aus Licht sprühten in die Dunkelheit hinein und ließen die Sterne verblassen. Raketen heulten hoch empor und zerplatzten dann zu Myriaden von Funken.

Aber die flirrenden Lichtpunkte erloschen nicht.

Auf geheimnisvolle Weise sammelten sie sich und bildeten Linien...

Nein, das darf nicht wahr sein...

Ich ahnte, was geschehen würde - Augenblicke, bevor es dann Wirklichkeit wurde.

Die Reiter...

Ein Bild von geradezu gespenstischer Intensität entstand aus den flirrenden Lichtern am Himmel und ließ alle Betrachter den Atem anhalten.

Vier Reiter schälten sich aus dem gleißenden Licht heraus. Und jede Rakete, jeder Böller, der nun noch gezündet wurde und vor dem dunklen Hintergrund des Sternenhimmels seine Leuchtkaskaden verteilte, trug auf geheimnisvolle Weise zur Vervollständigung dieses überdimensionalen Gemäldes aus glühenden Teilchen bei.

Eine unheimliche Kraft ordnete diese flimmernden Lichtpunkte so, dass sie die Bilder der vier Reiter vervollständigten.

„Da hat sich aber jemand etwas einfallen lassen für den Beginn des Jahres!“, meinte anerkennend Professor Saint.

Doch die Bewunderung, die aus der Stimme des sonst so nüchternen Wissenschaftlers sprach, machte ungläubigem Staunen Platz.

„Murphy, hier stimmt etwas nicht“, murmelte ich. Mit der Linken fasste ich mir an die Schläfe. Ich spürte eine starke Präsenz mentaler Energie, die ich mit Hilfe meiner leichten übersinnlichen Begabung wahrzunehmen vermochte. Das Pochen hinter meiner Schläfe war unangenehm und schmerzhaft. Ein starkes Schwindelgefühl erfasste mich.

Ich starrte wie alle anderen Angehörigen dieser etwa zwanzigköpfigen Silvestergesellschaft zum Himmel. Was geschieht dort?,  fragte ich mich.

Das aus grellen Lichtpunkten bestehende Gemälde wurde immer vollständiger. Wie bei einem gigantischen Puzzle kamen immer neue Farbpunkte hinzu.

Vier Reiter waren es...

Ich hielt den Atem an.

Der erste dieser Reiter ritt auf einem Schimmel und hatte einen Bogen in der Hand. Das Pferd des zweiten war feuerrot. Er schwang ein gewaltiges Schwert über dem Kopf. Der dritte Reiter war von aufgedunsener Gestalt und ritt auf einem Rappen. In der linken hielt er eine Waage. Bei dem vierten Reiter handelte es sich um eine zum Skelett abgemagerte Gestalt. Die Augen waren hohl und blicklos, und in der unter dem zerrissenen Gewand hervorragenden Knochenhand balancierte er eine Schale, in der ein Feuer mit kalter, blaustichiger Flamme aufloderte.

„Da hat sich jemand einen schlechten Scherz erlaubt“, meinte Hawke laut. Sie sah mich an, runzelte dabei die Stirn und fragte dann: „Was ist mit dir, Mara?“

„Ich weiß nicht...“

„Du bist so blass geworden...“

„Ich habe diese Reiter gesehen! Vorausgesehen.“ In diesem Moment begannen die bis dahin starren Reiterbilder am Himmel sich zu bewegen.

Eine unheimliche Art von Leben erfüllte sie.

Es wurde still über London.

Kein Feuerwerkskörper wurde jetzt noch in die Luft gejagt. Millionen von teils verwunderten, teils ungläubigen Blicken gingen zu diesen Himmelserscheinungen empor. Die Umrisse der Reiter leuchteten jetzt grell auf, so dass es in den Augen schmerzte.

In wildem Galopp jagten die vier über den Nachthimmel.

Ein höhnisches Lachen dröhnte zu uns herab. Es klang in meinem Kopf in unerträglicher Lautstärke wider. Ich hielt mir die Ohren zu, aber das nützte nichts. Erstaunt stellte ich fest, dass nicht nur ich dieses schauerliche Lachen wahr- nahm, sondern auch alle anderen Anwesenden.

Der Reiter mit dem Bogen legte den ersten Pfeil ein. Wie ein greller Blitz zuckte das Geschoß Sekundenbruchteile später über den Himmel und ging dann mit einem lauten Zischlaut irgendwo hinter dem Horizont nieder.

Der Schwertkrieger wirbelte drohend seine Waffe über dem Kopf.

Die vier Schreckensreiter preschten direkt über uns hinweg.

Und genau in diesem Moment erreichte das Pochen hinter meinen Schläfen eine geradezu unerträgliche Intensität. Das Lachen in meinem Kopf mischte sich mit etwas anderem. Ein gespenstischer Chor war nun zu hören. Ein Chor wehklagender Stimmen, als ob die verdammten Seelen aller Zeitalter und Kontinente zu einem gemeinsamen Schrei angesetzt hatten. Ein Gesang, der einem das Blut in den Adern gefrieren lassen konnte.

Für einen Moment sah ich, wie Hugh Saint und Dr. Martini die Hände gegen die Ohren pressten. Ihre Gesichter wirkten verzerrt.

„Das ist ja kaum zu ertragen!“, rief jemand. Es war eine Frauenstimme, aber ich war mir nicht sicher, wem unter Hawkes Gästen sie zuzuordnen war.

Gordon Rowes, der Parapsychologe lief schreiend zurück in den Salon. Auch er hielt sich die Ohren zu. Aber jedem, der noch einen halbwegs klaren Gedanken fassen konnte, musste klar sein, dass das gegen diesen Chor des Grauens nicht half...

Schwindel erfasste mich.

Alles begann sich vor meinen Augen zu drehen. Ich fühlte zwei starke Hände, die mich an den Oberarmen fassten und blickte in Murphys entschlossen wirkende Augen. Vielleicht konnte er sich auf irgendeine Art und Weise besser gegen die Einflüsse abschirmen, denen wir alle im Augenblick ausgesetzt waren.

Über uns preschten die mysteriösen Himmelsreiter in einem Bogen über das Firmament.

Ihre Erscheinungen waren mit der Zeit immer realistischer geworden. Hatten sie zunächst noch recht groben und mit bunter Kreide gezeichneten Darstellungen geähnelt, so wirkten sie jetzt erschreckend plastisch. Sie glichen nun vollkommen jenen Gestalten, die ich in meiner Tagtraum-Vision gesehen hatte.

„Was geht hier vor sich?“, rief Murphy.

Ich starrte währenddessen wie gebannt auf den vierten Reiter.

Jene dürre Knochengestalt mit dem zerfetzten Gewand, die auf einem totenbleichen Pferd ritt und in der Hand eine Schale balancierte.

Die Schale des Todes...

Die blauen Flammen züngelten aus ihr heraus.

Dann schleuderte der dürre Knochenmann sie von sich. Ich hielt den Atem an. „Nein“, flüsterte ich kaum hörbar, während in meinem Kopf der Chor der Verdammten einen immer schriller werdenden Gesang aufführte.

Die Schale des Todes wird über der Welt ausgeschüttet!

Ein Gedanke, der mich lähmte.

Die bläulich schimmernde Schale irrte wie ein aus der Bahn geratener Komet über den Nachthimmel. Eine schwarze, zähflüssig erscheinende Substanz floss aus ihr heraus und breitete sich wie ein schwarzer Teppich über immer weitere Teile des Himmels aus. Die Sterne verloschen einer nach dem anderen. Und selbst das Licht des Mondes vermochte nicht, durch diese Substanz hindurch zu scheinen.

Innerhalb eines einzigen Augenaufschlags breitete sich diese vollkommene Finsternis über den gesamten Himmel aus und senkte sich dann tiefer und tiefer.

Renn! Renn ins Haus!

Mein Körper gehorchte nicht mehr den Befehlen des Gehirns. Wie zur Statue erstarrt stand ich da, unfähig, mich zu bewegen, während sich in meinem Kopf alles in rasender Geschwindigkeit drehte. Ich sah ein verwirrendes Gemisch aus Bildern, Farben und dieser allumfassenden Finsternis, die sich immer mehr ausdehnte. Gleichzeitig fühlte ich eine unheimliche Kälte in mir aufsteigen. Sie erfasste meinen gesamten Körper, und ich fühlte mich wie gefroren.

Als ob ganz London sich in eine einzige große Leichengruft verwandelt hatte...

Ein Geruch von Verwesung und Moder stieg mir in die Nase.

Die Kälte lähmte nicht nur meinen Körper, sondern auch jegliche Gedanken. Ich spürte, wie sich eine furchtbare Agonie in mir ausbreitete.

Ich schloss die Augen. Szenen aus meinem Leben zogen in rasender Folge vor meinem inneren Auge vorbei. Ich durchlebte noch einmal das Gefühl der Ohnmacht, das ich so oft empfunden hatte. Das Gefühl, ein Unheil klar und deutlich vor Augen zu sehen und nichts tun zu können, um es abzuwenden...

*

Ist das das Ende?,  ging es mir durch den Kopf. Das Ende der Welt, an das ich mich geweigert habe zu glauben? Die Endgültige Machtübernahme des Bösen?

Finsternis umgab mich nun.

Ich sah nichts mehr und hatte das Gefühl, ins Bodenlose zu fallen.

Dann war da nur noch Dunkelheit und Kälte.

*

„Mara, wach auf!“

Es dauerte einige Augenblicke, bis ich begriff, dass es Murphys Stimme war, die da zu mir gesprochen hatte. Ich schlug die Augen auf und stellte fest, dass ich auf dem Boden lag. Der Rasen im Garten der Hawke-Villa war nicht unbedingt das, was man für gewöhnlich als englisch bezeichnete und dementsprechend weich.

„Murphy...“ Ich blickte auf. Er half mir auf die Beine. Die Knie waren noch etwas weich.

Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wie viel Zeit vergangen war und wie lange ich auf dem Rasen gelegen hatte. Jedenfalls war mein Kleid auf der einen Seite ziemlich feucht.

Ich blickte hinauf zum Himmel.

Erleichtert stellte ich fest, dass die Sterne dort wie gewohnt funkelten. Der Mond stand als bleiches Oval am Himmel und wirkte wie das Auge eines übergroßen Götzen, das kalt auf uns herabblickte. Ich atmete tief durch.

„Murphy, ich bin so froh...“

„Alles in Ordnung, Mara?“

„Ich denke schon.“

Auf dem Boden lagen noch einige weitere Personen aus Hawkes Gäste-Schar, die langsam zu sich kamen, sich ungläubig die Köpfe hielten und verstört ihre Blicke kreisen ließen.

„Wo ist Hawke?“, fragte ich.

„Dr. Martini und Professor Saint haben ihn in den Salon getragen und auf den Diwan gelegt.

Ich hoffe, er kommt auch gleich zu sich...“

Ich strich mir eine verirrte Strähne aus dem Haar. Ich trug mein brünettes, etwa schulterlanges Haar an diesem Abend hochgesteckt, aber die Zeit, die ich auf dem Rasen gelegen hatte, hatte meiner Frisur alles andere als gut getan. Ich blickte Murphy fragend an. Das Mondlicht spiegelte sich in seinen Augen.

„Was ist passiert?“, murmelte ich. „Es wirkte so unwirklich wie ein Traum...“

„Wenn es ein Traum war, dann haben ihn alle hier geteilt“, erwiderte Murphy.

„Diese Reiter... Murphy, ich habe sie zuvor in einer Vision gesehen.“

„Weißt du irgendetwas darüber?“

„Nein...“

„Was immer das da oben auch war - ein gewöhnliches Feuerwerk haben wir nicht erlebt...“ Ein eiskalter Wind wehte um die Mauern der Villa herum. Ich zitterte am ganzen Körper.

Murphy führte mich auf die Terrassentür des Salons zu. Mir fiel auf, dass nirgends Licht brannte. Die Außenbeleuchtung war ausgefallen, aber auch im Inneren der Villa brannte kein Licht.

Wir betraten den Salon.

Professor Saint hatte eine Kerze entzündet, deren flackernder Schein diesen Raum notdürftig erhellte.

Hawke lag auf dem Diwan.

Ich ging auf ihn zu und sah, dass er sich etwas bewegte. Er rieb sich die Stirn und richtete sich langsam auf. Ich setzte mich zu ihm auf den Diwan.

„Jerry...“, flüsterte ich.

Er sah mich an.

„Mara!“, erwiderte er. Er atmete tief durch und versuchte dann zu lächeln. „Es geht mir gut.

Ich hoffe, dasselbe kannst du auch von dir sagen...“

Jetzt meldete sich Professor Saint zu Wort.

„Haben Sie noch weitere Kerzen, Mister Hawke?“, erkundigte er sich.

Hawke runzelte die Stirn.

„Kerzen?“, echote er etwas verwirrt. „Wozu Kerzen? Machen Sie doch einfach das Licht an!“

„Tut mir leid, aber wir haben keinen Strom...“ Der Professor zuckte die Achseln. Die Tatsache, die er soeben ausgesprochen hatte, schien ihn in keiner Weise zu beunruhigen.

„Wahrscheinlich wird es sich ein paar Stunden hinziehen, bis der Schaden behoben ist...

„Und wenn dieser Stromausfall mit den Dingen zu tun hat, die am Himmel passiert sind?“, erwiderte ich.

Hugh Saint sah mich mit hochgezogener Augenbraue an. Sein Blick drückte Skepsis aus.

„Weiß Gott, ich habe keinerlei Erklärung für das, was wir gesehen haben. Aber ich wüsste nicht, weshalb diese Erscheinungen am Himmel etwas mit dem Elektrizitätsnetz zu tun haben sollten...“

Murphy war unterdessen in die Bibliothek gegangen und kehrte jetzt zurück. „Wir haben auch kein Telefon“, erklärte er. „Und wie es scheint, ist selbst das Mobilfunknetz zusammengebrochen. Jedenfalls ist mein Handy tot. Vielleicht ist jemand anderes hier, der ebenfalls über eines verfügt, so dass wir das genauer überprüfen könnten...“ Die Bestätigung ließ nicht lange auf sich warten.

Mehrere der anwesenden Gäste überprüften ihre Handys und machten dieselbe Feststellung wie Murphy.

Hawke erhob sich von seinem Diwan. Er suchte noch ein paar Kerzen aus einer Schublade heraus. „Sollte diese Phase der Dunkelheit länger anhalten, so habe ich im Keller noch ein paar sehr dekorative Öllampen, mit denen man die Villa ausreichend beleuchten kann“, erklärte er.

Etwas Furchtbares ist geschehen!,  wurde mir in dieser Sekunde klar. Auch wenn es jetzt so schien, als wäre alles wieder wie vorher, so wusste ich doch, dass dieser Eindruck trog. Nichts wird je wieder so sein, wie es war, Mara...

Das grausige Gelächter der vier unheimlichen Himmelsreiter klang mir noch in den Ohren.

Ein furchtbarer Triumph lag darin, eine Siegesgewissheit, die mich schaudern ließ.

Ein dumpfes Grollen ließ plötzlich alle Anwesenden aufhorchen.

Die letzten Gäste stürzten jetzt durch die Terrassentür in den einigermaßen erhellten Salon herein.

„Es gibt ein Gewitter!“, meinte jemand.

„Jetzt?“, fragte Murphy. „Mitten im Winter?“

Wie, um diesen Einwand sofort zu widerlegen, zuckte der erste Blitz über den Himmel. Der Donner folgte sogleich. Der Wind wurde heftiger. Ich trat ans Fenster und konnte die dunklen Wolken sehen, die sich innerhalb kürzester Zeit gebildet haben mussten. Das Mondlicht schimmerte auf geradezu gespenstische Weise durch sie hindurch. Wie große, schwarze Ungetüme wirkten sie, formlose Schatten, die sich jederzeit in Ausgeburten der Hölle zu verwandeln drohten.

Hawke trat neben mich, während der Regen gegen die Scheiben klatschte.

„Da draußen ist etwas in schreckliche Unordnung geraten“, stellte er fest.

Und ich fürchtete, dass er mit dieser Feststellung sehr viel mehr Recht hatte, als uns das allen in diesem Augenblick lieb war...

*

Innerhalb der nächsten halben Stunde normalisierte sich das Leben in der Hawke-Villa etwas, soweit man unter diesen Umständen von einer Normalisierung überhaupt sprechen konnte.

Murphy holte die Öllampen aus dem Keller und bald war es wenigstens im Salon und in der Bibliothek fast so hell, wie es das mit elektrischem Licht gewesen wäre.

Außerdem wurden sämtliche batteriebetriebenen Taschenlampen hervorgekramt, die in der Hawke-Villa aufzutreiben waren. Alec Saint - der Sohn des Professors, der durch einige Sachbücher zum Thema Okkultismus in Afrika hervorgetreten war - versuchte sich vergeblich an den Sicherungskästen, während ich mit Hilfe des batteriebetriebenen Kofferradios in der Küche feststellte, dass es keinerlei Rundfunk mehr gab.

„Offenbar gibt es niemanden mehr, der etwas sendet“, stellte ich tonlos fest, woraufhin im Salon zunächst einmal Schweigen herrschte.

Was mochte geschehen sein?

Die Frage wurde immer drängender.

„Beinahe fühlt man sich an die Szenerie in diesen Hollywood-Filmen erinnert, die zu schildern versuchen, was nach einem Atomkrieg passiert“, meinte Professor Hugh Saint. Er hatte versucht, seine Bemerkung witzig klingen zu lassen, aber es konnte niemand darüber lachen.

Irgendjemand machte den Vorschlag, so schnell wie möglich nach Hause zu fahren, um zu sehen, ob dort alles in Ordnung war. Aber davon riet Hawke heftig ab.

„Keiner von uns“, so erklärte er, „weiß, was wirklich geschehen ist. Vielleicht ist der Strom nur in diesem Viertel ausgefallen, vielleicht auch in ganz London. Niemand kann das im Moment sagen. Wenn man von der Tatsache ausgeht, dass offenbar auch die Rundfunksender betroffen sind, würde ich letzteres für wahrscheinlicher halten. Das bedeutet, dass jetzt in der Stadt Chaos herrscht. Keine Verkehrsampel funktioniert noch, es gibt keine Beleuchtung mehr...

Wer sich da auf den Weg macht, geht ein völlig unnötiges Risiko ein...“ Hawke versuchte, ein entspanntes Lächeln aufzusetzen und seine Gäste etwas zu beruhigen. Schließlich war es das Wichtigste, dass jetzt niemand eine unüberlegte Kurzschlussreaktion zeigte und Hals über Kopf in die Ungewissheit dieser mysteriösen Finsternis aufbrach, die über London hereingebrochen war.

Aber ich kannte Hawke inzwischen gut genug, um zu wissen, dass auch er sich große Sorgen machte. Zwischen seinen Augen hatte sich auf seiner Stirn eine tiefe Furche gebildet.

Gordon Rowes, der Parapsychologe, saß mit kreidebleichem Gesicht in einem der zierlichen Sessel und starrte ins Nichts.

Seine Frau Elaine war bei ihm und redete leise auf ihn ein, doch er schien sie gar nicht wahrzunehmen. Rowes' Augen waren weit aufgerissen. Er schüttelte stumm den Kopf.

„Wir haben notfalls für mehrere Tage ausreichend Verpflegung für alle“, erklärte Hawke indessen. „Also behalten Sie die Ruhe.“

In diesem Augenblick sprang Rowes auf.

„Was ist dort draußen Ihrer Meinung nach geschehen, Mister Hawke“, begann er dann mit vibrierender Stimme. „Ich bin überzeugt davon, dass es irgendwie mit den Messergebnissen in Zusammenhang stehen muss, von denen ich ihnen schon berichtete! Sie sind einer der anerkanntesten Experten auf dem Gebiet des Okkultismus und der unerklärlichen Phänomene...

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie sich nicht Ihre Gedanken machen...“ Alle Augen waren nun auf Hawke gerichtet.

Aber ehe er etwas sagen konnte, hatte sich Hugh Saint zu Wort gemeldet.

„Mister Hawke kann nur spekulieren - so wie wir alle. Ich fürchte, wir müssen einfach abwarten, was geschieht...“

Draußen brauste ein regelrechter Sturm los. Fensterläden klapperten. Der Wind heulte wie verrückt um die Mauern der Villa. Bei einem Blick durch die hohen Fenster des Salons konnte man sehen, wie die Bäume und Sträucher des leicht verwilderten Gartens hin und her gebogen wurden. Äste knackten. Und wieder zuckten grelle Blitze über den Himmel.

Gewitter im Winter,  dachte ich.

So etwas gab es hin und wieder bei extremen Wetterumstellungen.

Ich dachte an den wolkenlosen, sternenklaren Himmel, zu dem wir noch vor wenigen Momenten aufgeblickt hatten.

Jetzt meldete sich Murphy zu Wort.

Er sprach mit ruhiger, überlegter Stimme.

„Was wir gesehen haben, waren die Apokalyptischen Reiter“, erklärte er. „Krieg, Hunger, Pest und Tod...“ Ich trat auf ihn zu. Sein Blick schien durch mich hindurchzuschauen.

„Das Auftauchen dieser Reiter wurde in der Offenbarung des Johannes angekündigt“, fuhr Murphy dann fort. „Immer wieder sind sie auf Gemälden dargestellt worden, die den Weltuntergang veranschaulichten, wie ihn sich die Menschen vergangener Epochen vorstellten.

Angefangen von römischen Wandfresken bis zu schauerlichen Darstellungen auf den spätmittelalterlichen Holzschnitten eines Albrecht Dürer.“ Dr. Martini nickte.

„Symbole des Untergangs und der Verdammnis“, murmelte er. „Fragt sich nur, wer sie an den Himmel gezaubert hat!“

„Und auf welche Weise!“ warf Professor Saint ein.

Jetzt meldete sich Elaine Rowes zu Wort, die nervös mit den Knöpfen ihres kostbaren Cocktail-Kleides herumspielte. „Sie wollen uns allen Ernstes erzählen, dass das, was wir gesehen haben, die Apokalyptischen Reiter der Bibel waren?“

„Ich will Ihnen gar nichts erzählen“, erwiderte Murphy gelassen. „Aber die Reiter, die wir gesehen haben, entsprachen in den Details genau der Beschreibung aus der Offenbarung.“ Murphy wandte sich um und nahm jenen Messingteller vom Haken, der auch mir bereits aufgefallen war. Er hielt ihn so ins Licht einer der Kerzen, dass man deutlich das Schwert, den Bogen, die Waage und die Schale sehen konnte. „Die Reiter wurden in der Kunstgeschichte je nach Epoche immer wieder unterschiedlich dargestellt - aber vier Gegenstände führten sie stets bei sich. Das Schwert tötet blindwütig wie der Krieg, der Reiter mit dem Bogen wird oft mit einem Siegerkranz dargestellt, weil er sich seines - des Todes - Triumphes gewiss ist. Mit der Waage werden die Rationen der Hungernden abgewogen...“

„Und die Schale?“ fragte ich.

Murphy sah in meine Richtung.

„Die Schale des Todes“, sagte er. „Später wurde sie mit der Pest in Verbindung gebracht...“

„Wer immer dieses Feuerwerk veranstaltet hat, er scheint es darauf abgesehen zu haben, ganz London zu erschrecken!“, meinte Saint.

„Nein“, sagte Murphy. „Da wollte uns niemand erschrecken...“

„Sie glauben doch nicht, dass wir wirklich diese Schreckensreiter gesehen haben! Das, was da in der Offenbarung steht ist doch sicher bildlich zu verstehen!“, meinte Saint, so als müsste er sich selbst davon überzeugen. Er lockerte den Sitz seiner Krawatte, denn ihm war auf unerklärliche Weise heiß geworden.

„Ich weiß es nicht“, sagte Murphy. „Ich weiß nur, dass die Menschen vergangener Epochen anders darüber gedacht haben, als wir es heute tun...“ ENDE

Henry Rohmer: DAS ENDE ALLER TAGE

Die vier Reiter der Apokalypse waren am Nachthimmel von London erschienen.

Flammende Gestalten des Grauens, die das Ende aller Tage verkündeten.

Die schauerliche Apokalypse, wie sie im Buch der Offenbahrung verkündet wurde, hatte offenbar begonnen.

Die Welt war dem Untergang geweiht.

Das Böse regierte.

Überall.

Und selbst der Orden vom weißen Licht war kein Hort des Widerstands mehr, denn seine Repräsentanten waren nichts anderes als Erfüllungsgehilfen der Dämonen der Dämmerung...

*

Bericht der Mara Pearson, ehemals Novizin im Orden vom Weißen Licht...

London, 1. Januar im Jahr der Apokalypse...

Die Lage in der Villa beruhigte sich langsam. Draußen toste noch immer ein furchtbares Unwetter. Inzwischen hatte heftiges Schneegestöber eingesetzt. Und immer noch grollten dumpf die Donnerschläge.

Die Natur schien verrückt zu spielen.

Jerry C. Hawke besaß einen Weltempfänger mit Kurzwellen-Empfangsbereich. Murphy versuchte damit, irgendeinen Radiosender hereinzubekommen, aber auch im Kurzwellenbereich war nichts zu empfangen.

Wir standen in der Bibliothek – der alte Hawke, Murphy und ich - während sich unsere Gäste nach wie vor überwiegend im Salon und den angrenzenden Räumen aufhielten. Einige hatten sich inzwischen über die Reste des Buffets hergemacht. Und obwohl es schon weit nach Mitternacht war, dachte keiner daran zu schlafen.

„Es ist seltsam“, stellte Murphy schließlich fest, nachdem Jerry C. Hawke und ich einige Augenblicke lang gebannt dem Piepen und Rauschen gelauscht hatten, das der Weltempfänger bis dahin produziert hatte. „Ich kann das einfach nicht glauben...“

„Was?“ fragte ich.

Er sah mich an.

„Dass es auf der ganzen Welt keinen Radiosender mehr gibt...“

„Vielleicht verhindern die Wetterturbulenzen einen vernünftigen Empfang“, meinte Jerry C.

Hawke.

Aber er sagte das ohne jede Überzeugung. Er schien selbst nicht an seine Worte zu glauben.

„Was mag da draußen nur geschehen sein...“, murmelte Murphy. Er schloss die Augen. Ich glaube, er nimmt zuviel von dieser Droge, die er von Meister Darenius, dem Großmeister des Ordens vom Weißen Licht erhielt. Jetzt, da er als Abtrünniger galt, wurde sein Vorrat daran knapp. Ich denke, er ist von dem Zeug schon länger abhängig. Ein Junkie als Dämonenjäger.

„Ich hatte schreckliche, apokalyptische Visionen, bevor ich in diese Villa zog“, sagte er. „Und außerdem schienen Bruchstücke aus der Realität heraus zu fallen, sich aufzulösen. Dinge, die nicht passten. Wie Webfehler in einem ansonsten makellosen Stoff oder Pixelfehler im Computerbild.“

Ich verstand, was er meinte.

Murphy fuhrt fort: „Diese Reiter...“

Details

Seiten
300
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738912289
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v373341
Schlagworte
dämonenjäger murphy ende welt

Autoren

  • Alfred Bekker (Autor)

    1243 Titel veröffentlicht

  • Henry Rohmer (Autor)

  • W. A. Hary (Autor)

  • Theo Klein (Autor)

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Titel: Dämonenjäger Murphy - Murphy und das Ende der Welt