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HERZENSSPUREN #2: SPURENLABYRINTH

2017 190 Seiten

Zusammenfassung

Vor unseren Augen verborgen, gibt es noch eine andere, geradezu schockierende Welt, die viele nicht wahrhaben wollen, vor der die Meisten sogar die Augen verschließen, wenn sie davon erfahren, denn mit den Schrecknissen, die dort herrschen, können sie nicht umgehen.
Der zehnjährige Milan ist nach einer grausigen Vergangenheit, die ihn zwingt unterzutauchen, fast gänzlich auf si ch allein gestellt, denn er hat sein Vertrauen in nahezu alle Erwachsenen verloren. Nach einem weiteren Schicksalsschlag macht er sich auf den Weg zu Jana und Kyle, jene beiden, denen es dennoch gelungen ist, ein Vertrauensverhältnis zu ihm aufzubauen. Doch er ahnt nicht, wie groß ihre eigenen Probleme sind, die Jana an den Rand der Verzweiflung bringen, denn Kyle sitzt wegen Mordverdacht in Untersuchungshaft.
Milan stößt beim Lesen der Tagebücher sein e Mutter auf Hinweise, die einen Teil seiner unbekannten Herkunft klären könnten. Auf einem seiner Streifzüge durch das nächtliche Berlin macht er eine ungeheuerliche Entdeckung …

Leseprobe

SPURENLABYRINTH


ANGELA PLANERT



FORTSETZUNG VON HERZENSSPUREN –






IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay und Jakobradlgruber 123RF mit Steve Mayer - 2017

Lektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de






Klappentext


Vor unseren Augen verborgen, gibt es noch eine andere, geradezu schockierende Welt, di e viele nicht wahrhaben wollen, vor der die Meisten sogar die Augen verschließen, wenn sie davon erfahren, denn mit den Schrecknissen, die dort herrschen, können sie nicht umgehen.

Der zehnjährige Milan ist nach einer grausigen Vergangenheit, die ihn zwingt unterzutauchen, fast gänzlich auf si ch allein gestellt, denn er hat sein Vertrauen in nahezu alle Erwachsenen verloren. Nach einem weiteren Schicksalsschlag macht er sich auf den Weg zu Jana und Kyle, jene beiden, denen es dennoch gelungen ist, ein Vertrauensverhältnis zu ihm aufzubauen. Doch er ahnt nicht, wie groß ihre eigenen Probleme sind, die Jana an den Rand der Verzweiflung bringen, denn Kyle sitzt wegen Mordverdacht in Untersuchungshaft.

Milan stößt beim Lesen der Tagebücher sein e Mutter auf Hinweise, die einen Teil seiner unbekannten Herkunft klären könnten. Auf einem seiner Streifzüge durch das nächtliche Berlin macht er eine ungeheuerliche Entdeckung …



Für Kerstin


Meinen aufrichtigen Dank für Deine

unendliche Geduld,

Dein vielfaches Lesen,

Deine treffenden Ergänzungen,

die das „Spurenlabyrinth“

perfektioniert haben

und

den Text so wunderbar fließen lassen.


Die harmonische Zusammenarbeit

mit Dir ist für mich

sehr kostbar.

Danke!








SPURENLABYRINTH



1 Jurijs Truppe


Gespenstisch tanzten verzerrte Schatten an den Wänden entlang. Der penetrant, muffige Geruch kroch einem wie ein unsichtbares Ungetüm in die Nase und brannte sich lästig ins Gedächtnis. Plötzlich unterbrach ein herzzerreißendes Schluchzen die Stille.

Ruhe!“, schrie Pavel mit seinem rollenden R in die Nacht. Für einen Augenblick erhellte die Flamme seines Feuerzeuges den provisorischen Schlafraum. Unheimlich wurden dabei die Flatschen der blätternden Farbe, die wie Fledermäuse von der Zimmerdecke hingen, beleuchtet.

Ich hab Angst!“, weinte ein Kind.

Das ist auch gut so!“, fauchte Pavel mit seinem russischen Akzent. Für einen Moment glühte das Ende seiner Zigarette in der Dunkelheit auf. Hörbar blies er tief den Rauch aus. „Ihr sollt euch auch fürchten!“, flüsterte er mit verstellter Stimme, sodass es einem kalt den Rücken herunterlief. „Und jetzt schlaft endlich!“

Erneut zog er an seinem Glimmstängel und pustete den Qualm diesmal in Koljas Richtung. Der Zigarettengeruch war ihm in dieser Situation, wo jede Faser nach diesem Moder zu riechen schien, fast willkommen, obwohl er, durch seine Vergangenheit geprägt, kein Freund des Rauchens war.

In Koljas Jackentasche vibrierte ein Smartphone, weshalb er es aus der Brusttasche zog und entsperrte. Sinaida, die hier für die sieben Mädchen verantwortlich war, hatte ihm eine Nachricht geschickt. Er sollte sofort nach draußen kommen.

Die Chefin!“, warf er Pavel auf Russisch zu, bevor er aufstand und sich zur Zimmertür tastete.

Da!“, brummte Pavel, an seiner Zigarette ziehend, was auf Deutsch ‚ja‘ bedeutete.

Kolja zwängte sich durch den Türspalt in die dezent beleuchtete Eingangshalle, wo Sina, wie sie hier nur von allen genannt wurde, ihn erwartete.

Mit einem Lächeln, das Schokolade schmelzen ließ, sagte sie: „Der Boss ist da und will dich sprechen.“ Sie wies zum Eingang, der seit Jahren leer stehenden Villa. „Hast du etwa schon was ausgefressen?“ Sie zwinkerte ihm zu, als er an ihr vorbeilief.

Beim Öffnen der schweren Holztür quietschten die Eisenscharniere, was unheimlich durch das hohe Foyer hallte. Ein paar Meter vom Gebäude entfernt parkte eine Stretchlimousine in der Einfahrt, die nur notdürftig vom Gestrüpp befreit worden war.

Vor der hinteren Beifahrertür stand ein stattlicher, junger Mann im dunkelgrauen Anzug, vermutlich der Bodyguard. Er wies mit einer Kopfbewegung zur Tür. Etwas unsicher ging Kolja auf die Autotür zu.

Vorsicht! Er hat schlechte Laune!“, warnte ihn der Leibwächter, trat zur Seite und öffnete ihm.

Auf der bequemen Rücksitzbank saß Jurij, der Grobian, wie er von seinen russischen Landsleuten genannt wurde. Er nippte an seinem Champagnerglas. „Setz dich!“, deutete Jurij auf die gegenüberliegende Sitzbank.

Kolja spürte mächtiges Unwohlsein in seiner Magengegend wachsen, während er der Aufforderung nachkam und die Autotür hinter ihm zuging.

Du bist also der Neue?“ Jurij schien, jeden Quadratzentimeter seines Gesichtes, mit seinen Blicken abzutasten.

Kolja nickte. „Da!“, antwortete er auf Russisch.

Pavel sagt, du bist auffallend still, aber gut zu meinen Mädchen!“ Jurij musterte ihn noch immer. „Zu gut!“ Seine zunächst grimmige Miene hellte sich auf. „Mir gefällt das. - Die Mädchen sichern das Geschäft.“ Jurij trank sein Glas halb leer. „Alexeis Einweisungsritual hast du ja nun schon überstanden.“ Demonstrativ sah er auf Koljas endlich abheilenden Wangenknochen.

Auf einen Teil dieses ‚Rituals’ war Kolja vorbereitet gewesen, nur nicht auf das, was nach dem Auftragsmord folgte. Völlig überraschend, hatten drei von Jurijs Männern ihm aufgelauert. Die Platzwunde in seinem Gesicht war, im Gegensatz zu den zahlreichen Blutergüssen und geprellten Rippen, noch gut einzustecken. Einen Tag später hatte man ihm gewaltsam den kompletten Inhalt einer Wodkaflasche eingeflößt. Kolja hoffte nur, dass er damit die Feuertaufe bestanden hatte und in Jurijs Truppe Fuß fassen konnte.

Mir gefällt deine verschwiegene Art.“ Jurij beugte sich etwas vor und fasste Kolja ans Knie. „Die meisten hier können nämlich ihren Mund nicht halten.“

Fast fühlte es sich an, als wolle Jurij mehr als sich nur mit ihm unterhalten. – Eine merkwürdige Situation.

Du bekommst von mir einen ganz persönlichen Auftrag!“ Jurij lehnte sich wieder zurück und nahm dabei seine Hand von Koljas Knie. „Durch Michail weiß ich von deiner Tochter.“

Diese Worte, vielmehr der Gedanke daran, ließen in ihm einen störenden Kloß wachsen, den Kolja herunterzuschlucken versuchte.

Deshalb vertraue ich dir unser besonderes Juwel, Natalie, an. Du wirst sie heute Abend bis zum Hotelzimmer begleiten. Dort wartest du VOR der Tür und bringst sie, sobald sie fertig ist, wieder zu Alexei.“

Kolja nickte. Das klang nach einer leichten Aufgabe.


Er kehrte in die Eingangshalle zurück, wo Sina ihm lächelnd einen Autoschlüssel entgegenhielt. „Jurij muss ja schwer von dir beeindruckt sein.“ Sie kam dicht an ihn heran, schmiegte ihren Körper an seinen.

Karlshorst, Dönhoffstraße 135, Vasiliev. Alexei weiß Bescheid und wird dir die Hoteladresse geben.“

Kolja ergriff wortlos den Schlüssel und verließ die Villa. Nicht, dass die bildhübsche Sina mit ihrem Annäherungsversuch keine Empfindungen in ihm hervorrief, aber an dieser Stelle musste und wollte er keinesfalls zu weit gehen, schließlich war Sina so etwas wie Jurijs Geliebte, wenn er das bisher richtig interpretiert hatte.

Die Limousine fuhr gerade durch das offenstehende Tor hinaus und bog auf die entlegene Seitenstraße ab. Kolja sah sich auf dem verwilderten Grundstück nach dem Ford Focus um. Er parkte halb versteckt zwischen Gestrüpp und Gebäude, sodass man ihn im Vorbeifahren von der Straße aus kaum wahrnehmen konnte.

Mit einem erhebenden Gefühl setzte sich Kolja hinter das Lenkrad und startete den Motor. Diese Aufgabe war ein großer Vertrauensbeweis. Das erste Mal seit Monaten, durfte er selbstständig und ohne einen der grimmigen Aufpasser einen Auftrag erledigen.

Nach gut einer Dreiviertelstunde erreichte er die angegebene Adresse in Berlin-Karlshorst. Er lenkte den Ford in die Einfahrt, wo er ihn abstellte. Beim Aussteigen blickte er sich um. Noch immer wiederstrebte es ihm, gegen die Verkehrsregeln zu verstoßen, aber um sich Jurijs Gepflogenheiten anzupassen, musste er mal wieder über seinen Schatten springen.

Kolja ging auf den Hauseingang zu und drückte den Klingelknopf neben dem Namensschild ‚Vasiliev‘.

Nur einen Moment später hörte er jemand die Treppe herunterkommen. Alexei, den er von der Wodka-Aktion in keiner sonderlich positiven Erinnerung hatte, öffnete die Tür. „Sie kommt gleich.“ Er schaute zum Wagen, dann die Straße hinunter und schließlich Kolja an. „Allein?“

Kolja nickte.

Alexei zog seine dichten Augenbrauen zusammen. Blitzschnell hatte er Kolja am Kragen gepackt und zog ihn zu sich heran. Deutlich spürte dieser Alexeis Atem auf seinem verletzten Wangenknochen. „Ich weiß mehr über dich, als du glaubst! Also nimm dich in Acht“, flüsterte Alexei drohend.

Kolja kämpfte gegen das Verlangen an, sich zu wehren. Natürlich war ihm bewusst, dass Alexei ihn berechnet provozierte und nur darauf wartete, dass er einen Fehler beging. Allerdings schien ihm seine Äußerung nicht so ernst gemeint, wie es sich im ersten Augenblick für Kolja anfühlte. Alexei konnte keinesfalls wissen, woher er wirklich kam.

Endlich löste er den Griff, stopfte ihm ein Zettel in die Jackentasche und schupste ihn dabei ein Stück zurück. „Bezahlung im Voraus, vereinbart sind siebenhundert Euro“, raunte Alexei, dann drehte er sich zur Seite und rief auf Deutsch durch das Treppenhaus: „Komm Baby! Es wird Zeit!“

Hörbar klappte oben eine Tür. Klackernd kam ein junges Mädchen mit hohen Absätzen und kurzem Kleid die Treppe herunter. Auch wenn ihr Gesicht durch das Make‑up älter wirkte, wusste Kolja, sie war noch keine sechzehn Jahre alt. Als sie ihn erblickte, ging sichtbar ein Ruck durch Natalie. Für einen Moment blieb sie stehen.

Komm Baby!“, sagte Alexei liebevoll. Er neigte seinen Kopf zu Kolja. „Heute wird dich ‚Einauge’ fahren.“

Mit einem flehenden Blick wandte sie sich an Alexei: „Bitte Alex! Ich will das nicht!“

Baby!“ Er zog sie zu sich heran. „Wir haben doch alles besprochen!“ Zärtlich streichelte er ihre Wange.

Bitte, Alex!“ Als Natalie flüchtig zu Kolja sah, blitze Angst, ja fast Panik in ihren Augen auf. „Bitte, bitte, bitte!“, bedrängte sie Alexei.

Du weißt doch Baby! Ich lasse dich nur ungern gehen. Aber wenn wir beide hier weggehen wollen, brauchen wir das Geld.“ Er küsste sie auf die Stirn. „Und jetzt los! Ihr seid spät dran.“

Sie nickte tapfer. Während sie noch immer mit skeptischem Blick zu Kolja sah, machte Alexei hinter ihrem Rücken eine Handbewegung, die Kolja offenbar zur Eile mahnte. „Ich liebe dich Baby!“, warf er ihr in einem gleichgültigen Tonfall nach.

Kolja lief zum Wagen und hielt Natalie die hintere Beifahrertür auf. Zögernd setzte sie sich auf die Rückbank, worauf Kolja die Tür zumachte, um dann selbst einzusteigen.

Obwohl Alexei nicht mehr zu sehen war, wusste Kolja, dass er sie beobachtete. Er zog den Zettel aus seiner Brusttasche. Darauf stand die Anschrift eines Hotels in der Skalitzer Straße, nur eine knappe halbe Stunde Fahrweg entfernt.

Kolja startete den Motor und fuhr das Auto auf die Straße zurück. Unterwegs überlegte er, ob er das Mädchen ansprechen sollte, damit sie die Angst vor ihm verlor. Sein lädiertes Äußeres erweckte ja wahrhaftig kein Gefühl von Vertrauen. Vermutlich war er dennoch weniger der Grund, für Natalies Panik.

Er sah durch den Rückspiegel zu ihr nach hinten. Das Mädchen hatte sich mit ihrem, für einen Oktoberabend, viel zu dünnen Jäckchen dicht an die Autotür gelehnt und sah aus dem Fenster.

Augenblicklich fielen ihm Michails Worte ein; „Nichts, wirklich nichts was du sehen und erleben wirst, darf dich auch nur im Geringsten berühren! Kapierst du das? Zu deinem eigenen Schutz halte möglichst immer deine Klappe.“

Es wäre unklug sich mit dem Mädchen zu unterhalten, oder gar sich über ihr Schicksal Gedanken zu machen. Mühevoll schob Kolja sein Mitgefühl zur Seite. Jetzt versuchte er an sich zu denken, an diejenigen, die er über alles liebte, und für die er das hier durchziehen wollte und irgendwie sogar musste.

Hier in Jurijs Truppe gab es eine bedeutende Aufgabe für ihn zu erfüllen. Da war einfach kein Platz für Sentimentalitäten.


Gelangweilt stand Kolja auf dem stillen Flur neben dem Hotelzimmer. Erneut schaute er auf seine Uhr.

Seit geschlagenen zweieinhalb Stunden befand sich Natalie mit diesem unsympathischen Kerl in dieser Suite. Kein Laut, kein Geräusch drang durch die gut isolierte Zimmertür, was einerseits gut war, so wurde Koljas Fantasie nicht angeheizt und kein anderer Hotelgast würde von dem Vorgehen hier etwas mitbekommen.

Kolja zuckte zusammen, als die Ruhe von dem leisen Vibrieren seines Smartphones gestört wurde. „Wo bist du?“, fragte Sina gereizt.

Noch immer im Hotel“, antwortete Kolja gedämpft.

Hast du das Geld?“

Er sah den Flur hinunter und vergewisserte sich, dass ihn niemand beobachtete. „Da!“

Vereinbart waren zwei Stunden. Hol Natalie da raus und bring sie anschließend zu Alexei zurück!“ Sina beendete das Gespräch ohne ein weiteres Wort.

Kolja sah Ärger auf sich zukommen, dabei hätte er diese Information vorher gebraucht. Er klopfte energisch an die Tür. Nachdem sich nichts rührte, betätigte er mehrfach die Klingel, bis endlich der beleibte Freier im Bademantel sichtlich genervt die Tür öffnete.

Kolja hatte von Pavel gelernt, sich auf keine Diskussion mit den Kunden einzulassen. Er schubste das Dickerchen zur Seite, worauf die Tür gegen etwas dahinter donnerte.

Hey!“, schimpfte der Kerl empört.

Natalie? Zieh dich an, wir fahren!“, rief Kolja in die Suite. Ein leises Klacken, wie das Entriegeln einer Pistole, alarmierte Kolja. Er griff unter seine Jacke und zog seine PL14 hervor, während er sich umdrehte.

Verdammte Russen!“, fluchte der Fette und zielte auf Koljas Kopf.

Ein gedämpfter Schuss fiel.

Kolja hatte bereits den Abzug betätigt, bevor der Freier sein letztes Wort beendet hatte.

Scheiß Russe!“, wetterte der Beleibte am Boden liegend und hielt sich seine Schulter. Unter seinen Fingern lief das Blut auf den hellen Teppichboden. Kolja hob die Waffe auf, die der Verletzte hatte fallen lassen.

Natalie?“, wiederholte Kolja und steckte sich die HK USP ein.

Das wird Konsequenzen haben!“, jammerte der Kerl.

Da er von dem Mädchen immer noch nichts hörte, eilte Kolja durch die Räume der Suite zum Schlafzimmer. Für einen Augenblick schnappte er nach Luft und hielt inne, denn dieser Anblick traf ihn absolut unerwartet, Entsetzen machte seiner brodelnden Wut Platz.

Natalie lag nackt, seitlich auf dem Bett. Ihre Knie waren angezogen, darum erstreckten sich die Arme. Hand- und Fußgelenke waren fest miteinander verknotet, sodass sie wie ein Paket verschnürt keine Chance hatte, sich ihrem Freier zu widersetzen.

Wütend eilte er zum Bett, befreite sie von der Augenbinde, dann von dem Knebel und löste eiligst die Fesseln. Erkennbar hatte Natalie die ganze Zeit über geweint, ihre Augen waren rot und geschwollen, das Make‑up verschmiert. Damit kam ihr fast kindliches Aussehen ans Licht. „Lass uns schnell hier verschwinden!“ Kolja nahm ihre Kleidung vom Sessel und reichte sie ihr.

Am liebsten hätte er das Mädchen an einen sicheren Ort gebracht, wo sie noch das Kind sein durfte, das sie war. Er brauchte nur den GPS‑Sender vom Auto entfernen. Aber er hatte diese Aufgabe hier übernommen, um das Übel der Kinderprostitution an der Wurzel zu packen, nicht nur, um die Symptome zu bekämpfen. Er wollte und musste verhindern, dass diese und weitere Kinder wie ein gefühlloses Wesen beliebig an Freier weitergereicht und benutzt wurden.

Während der Fahrt vom Hotel zurück nach Karlshorst, hatte Natalie sich seine Jacke, die er ihr um die Schultern gelegt hatte, eng um den Körper geschlungen. Sie weinte noch immer, leise in sich hinein.

War sie wirklich so naiv, dass sie nicht erkannte, dass Alexei sie nur ausnutzte, dass er keinesfalls vorhatte von dem Geld, welches sie unter seelischen Qualen einnahm, mit ihr irgendwo hinzugehen?, ging ihm durch den Kopf. Erneut schob Kolja mühevoll sein Mitgefühl für sie zur Seite, was ihm kaum gelingen wollte.

Er benötigte einen Plan, um den selbstgefälligen Alexei, der ihm offenbar ein Zeitlimit hätte setzen sollen, zuvorzukommen. Als er von der Treskowallee in die Dönhoffstraße einbog, sah er schon von Weitem jemand auf der Straße stehen.

Kolja hielt den Wagen mitten auf der Fahrbahn, kurz vor Alexei, an, stieg aus und packte ihn nun seinerseits grob am Kragen. „Das nächste Mal bekomme ich alle wichtigen Informationen, klar?“, fauchte er auf Russisch, gleichzeitig rügte er sich in Gedanken, dass er damit Ärger heraufbeschwor. Andererseits musste er deutlich zeigen, wo seine Grenzen waren.

Sichtlich überrascht von diesem Angriff starrte ihn Alexei einen Moment lang an und versuchte Koljas Handgelenke zur Seite zu ziehen, jedoch ohne Erfolg.

„‚ Einauge’ mag halbseitig blind sein, mein Hirn funktioniert aber beidseitig!“ Triumphierend stieß er ihn zurück. Er lief zum Auto und ließ Natalie aussteigen. Ohne ihn auch nur anzusehen, sogar ohne Alexei Beachtung zu schenken, eilte sie auf die Haustür zu.

Verdammt ‚Einauge’!“ Alexei wechselte zwischen dem Mädchen und ihm die Blicke. „Was ist vorgefallen?“

Die Fesselspielchen von dem Dicken waren wohl nicht nach ihrem Geschmack!“, bemühte sich Kolja emotionslos wiederzugeben.

Scheiße!“, fluchte Alexei und rannte Natalie nach.

Kolja war kalt, ohne seine Jacke, deshalb stieg er in den Wagen und fuhr zurück zur Villa. Er stellte den Ford genau dort zwischen Gestrüpp und Gebäude ab, wo er ihn vorhin vorgefunden hatte.

Beim Aussteigen vergewisserte er sich, dass das Auto von der Straße aus keinesfalls zu erkennen war. Kurz vor der Eingangstür zur Villa standen unerwartet zwei Bekannte vor ihm, die er vom Einweisungsritual in keiner positiven Erinnerung hatte.

Das Geld!“, forderte Wiktor auf Russisch mit aufgehaltener Hand. Er war einen guten Kopf größer als Kolja.

Dieser hatte plötzlich ein mieses Gefühl in der Magengegend. Er griff in seine Hosentasche und holte die sieben Hunderteuroscheine hervor.

Dein Handy!“, verlangte Dimitri, der von der Statur her Wiktors Zwillingsbruder hätte sein können.

Kolja war versucht nach dem Grund zu fragen, doch in seinem Inneren wusste er, was jetzt passieren würde und gab Dimitri sein Smartphone.

Geräuschvoll rang er nach Atem, als er Wiktors Faust schmerzhaft in seiner Nierengegend spürte.


Jemand setzte ihm eine Wasserflasche an die Lippen, worauf Kolja mit seiner Linken zugriff.

Du musst noch viel lernen!“, sagte eine Stimme auf Russisch.

An seinem Körper schien es keine Stelle zu geben, die nicht schmerzte oder puckerte. Sein rechtes Auge war leicht zugeschwollen, sein Blickfeld damit massiv eingeschränkt.

Sina hockte neben ihm auf dem Boden. „Das war nur eine Warnung, Kolja!“ Sie streichelte ihm übers Gesicht und schob dabei die Augenklappe zur Seite. „Wobei ist das eigentlich passiert?“, fragte sie ernst.

Die Warnung“, er schluckte hart, „war die, für das überschrittene Zeitlimit oder für den angeschossenen Freier?“

Sina lachte kurz. „Du hast einen Kunden angeschossen?“

Kolja schloss die Augen. „Scheiße! Ich bin tot!“ Noch keine zwei Jahre war es her, da hatte er mit der Überlegung gespielt, sein Leben zu beenden, aber letztlich hatte ihm dafür der Mut gefehlt, sich den Lauf seiner Pistole an die Schläfe zu setzten. Und jetzt, da er allen Grund hatte am Leben zu bleiben, war er dem Tod näher, als er sich hatte vorstellen können.

Eigentlich war Alexei der Meinung, du hättest es verdient!“ Sie stand auf und sah auf ihn hinab. „Unsere Mädchen sind nie länger als zwei Stunden mit ihrem Freier allein. Länger halten sie die Spielchen keinesfalls durch.“

Kolja richtete sich stöhnend auf. Ihm tat alles weh. „Diese Information wäre hilfreich gewesen, wenn sie mir vorher zu Verfügung gestanden hätte.“

Worauf hatte er sich nur eingelassen?

Diese Aufgabe hier war wesentlich härter, als von Wolff dargestellt, was vermutlich auch seine Absicht war.

Erzähl, was ist im Hotel vorgefallen?“, wollte Sina wissen.

Kolja schob seine Augenklappe über das linke Auge zurück und berichtete, was geschehen war.

Davon muss ich Jurij unbedingt berichten.“ Sina warf ihm sein Smartphone zu und ging ins Haus. Kolja atmete tief durch. Er wusste, dass der Ärger gerade erst begonnen hatte und er keinen Ausweg sah, diese Angelegenheit, außer in einem Sarg, zu beenden. Jurijs Truppe kannte kein Erbarmen.

Beim Aufstehen spürte er weiterhin große Schmerzen in seinem Bauch, dennoch versuchte er den heftigen Schwindel zu ignorieren, was ihm jedoch misslang. Bereits nach wenigen Schritten wurde ihm furchtbar schlecht, alles schien sich zu drehen, zu allem Überfluss versagten ihm seine Beine und er nahm nur noch wahr, wie er sich an der Eingangstür festhalten wollte.

2 Abschied


Es war, wie ein nicht enden wollender Fluch!

Kaum dass Milan endlich mal zur Ruhe kam und dass Glück, in Frieden und Sorglosigkeit leben zu dürfen, genießen konnte, bahnte sich das nächste Unheil an. Milan stand zögernd an der Zimmertür und sah auf seine Armbanduhr. Obwohl er in seinem Inneren längst wusste, was passiert war, brauchte er Gewissheit.

Langsam setzte er einen Fuß vor den anderen und ging auf das Bett zu. Angst überfiel ihn wie ein schwerer Mantel. Was würde nun mit ihm geschehen? Mit zitternden Fingern berührte er ihre Wange. Kalt fühlte sie sich an. Dann wollte er vorsichtig ihre Hand anfassen, zog sie aber sofort wieder schreckhaft zurück, weil sich Giselas Linke befremdlich steif anfühlte.

Ihm wurde bewusst, dass er nun die Wohnung verlassen, seine neu angelegte Identität, zu seiner eigenen Sicherheit, löschen und sich auf den Weg in eine ungewisse Zukunft machen musste. Nach nicht mal einem Jahr war sein Leben als Milan Rieck zu Ende.

Niedergeschlagen schwenkte er seinen Blick zum Fenster, wo dicke Regentropfen gegen die Scheibe klatschten. Wenigstens eine Nacht wollte er noch bleiben, von der geborgenen Umgebung, von Gisela Abschied nehmen und alles regeln, um hier keine verräterischen Spuren zu hinterlassen.

Cinco, Milans Hündin, fiepte, als würde sie den Schmerz der Trauer mit Milan teilen. Artig saß sie an der Türschwelle zum Schlafzimmer, welches sie nicht betreten durfte. Milan schaute sich kurz zu ihr um und sah dann erneut Gisela an.

Ihre Miene sah so friedlich, ja geradezu zufrieden aus, sodass sich Milan sicher sein konnte, dass sie heute Nacht sanft eingeschlafen war.

Im Gegensatz zu seiner eigenen Mama, der seinerzeit das Entsetzen, wahrscheinlich sogar der Schmerz im Gesicht geschrieben stand. Diesen für ihn furchtbaren Anblick hatte Milan nie vergessen, obwohl er damals erst fünf Jahre alt war.

Die Zeit drängte! Cinco musste zuerst mal nach draußen, weitere Schritte wollte er sich unterwegs überlegen.


Milan räumte so gut es ging die Wohnung auf, befreite die Teppiche von Hundehaaren und packte seine Sachen zusammen. Anschließend setzte er sich an seinen Laptop, löschte die Adoption, ja die gesamte Identität von Milan Rieck und meldete sich von der Schule ab. Er musste alles sauber zurücklassen, als sei er niemals hier gewesen, als hätte es ihn nie gegeben.

Gegen halb vier in der Früh schlich er sich mit Cinco aus dem Haus. Er schob ein Stück der Fußmatte so unter die Wohnungstür, dass es aussah, als habe Gisela versehentlich die Matte eingeklemmt.

In etwa drei Stunden würde die Reinigungskraft kommen und hoffentlich bemerken, dass Gisela, die sonst immer darauf geachtet hatte, den Fußabtreter am Putztag reinzunehmen, verstorben war.

Mehr konnte Milan für seine liebe Freundin nicht tun, ohne Spuren zu hinterlassen, die nur die Polizei aufmerksam machen würde.

Er schlang sich seinen Schal um den Hals und zog den Reißverschluss seiner Jacke bis oben hin zu. Der eisige Wind war unangenehm, aber zum Glück war es trocken und bis zum Bahnhof nur ein Fußweg von etwa fünfzehn Minuten.

Allerdings hatte er wesentlich mehr Gepäck, als noch vor einem Jahr, als er hierhergekommen war. In beiden Händen trug er jeweils eine Reisetasche, die er am Bahnhof in einem Schließfach deponierte. Er würde sie später abholen, wenn er einen Plan hatte, wie es mit ihm weiterging.

Im Rucksack, den er bei sich trug, waren seine wichtigsten Dinge, wie der Laptop, die Keksdose seiner Mama und natürlich Wasser und Essen für Cinco verstaut.

Kurz vor halb fünf verließ der Zug das Bahnhofsgelände in Wismar. Milan spürte eine merkwürdige Regung in sich, als er dem alten Bahnhofshäuschen nachschaute.

So wie Jana und Kyle es am letzten gemeinsamen Juniwochenende geplant hatten, wäre er gern mit den beiden und Gisela in ein großes Haus gezogen. Aber, es war mal wieder alles ganz anders gekommen und dieser Traum zerplatze wie eine Seifenblase, wenn Cinco nach ihr schnappte.

Deine Fahrkarte, bitte!“, unterbrach ihn die Dame in Uniform in seinen Gedanken und fügte an. „Schon mal was von Maulkorbpflicht gehört, junger Mann?“

Ohne ein Wort zu sagen, zog Milan sein Bahnticket aus der Jackentasche und reichte es ihr, dann den Maulkorb aus seinem Rucksack und band ihn Cinco um. Die Hündin sah ihn auffallend traurig an.

Reist du allein?“, fragte die Dame vom Bahnpersonal.

Milan nickte und streichelte derweil Cinco tröstend über den Kopf.

Und wo sind deine Eltern?“

Milan schluckte, holte sein Handy hervor und tippte eine Nachricht ein.

Ohne diese Dinger geht heute wohl gar nichts mehr, was?“, seufzte die Frau.

Ich besuche meine Mama. Sie liegt in Berlin im Krankenhaus“, gab die Vorlese App wieder, auf die Milan wegen seiner zerstörten Stimmbänder angewiesen war.

Was soll aus der Menschheit nur werden, wenn die Jugend nicht mal mehr selbst antworten kann.“ Kopfschüttelnd ging sie endlich weiter, zum nächsten Fahrgast.

Glücklicherweise war der Zug recht leer, sodass Milan sein Gepäck neben sich auf einem Sitzplatz stellen konnte, damit Cinco auf dem Boden mehr Bewegungsfreiheit hatte.

Als er den Napf und die Wasserflasche herausnahm, kippte sein Rucksack um und fiel kopfüber beinah auf Cinco, die aber rechtzeitig zur Seite sprang.

Milan stellte den Rucksack erneut auf den Sitz neben sich.

Cinco schnupperte an der herausgefallenen Keksdose, aus der die drei Tagebücher seiner Mama herausschauten. Aus dem mittleren Buch lugte ein merkwürdiges Schwarzweißbild hervor, was Milans Neugier augenblicklich entfachte.

Aus einem unerklärlichen Grund, vielleicht aus einer inneren Stimme heraus oder aus Respekt vor seiner verstorbenen Mutter, hatte er die Aufzeichnungen bisher nicht gelesen, doch nun schien es ihm wie ein Zeichen.

Er hob die Bücher auf, achtete genau darauf, zwischen welchen Seiten das Foto gelegen hatte und betrachtete das Bild.

Mitten in einem grauschattierten Bereich war ein schwarzes Loch zu erkennen, in dem sich ein grauer Klecks befand.

Das war ein Ultraschallbild, das wusste Milan sofort. Am Rand stand ‚Lara Palladin‘ und daneben ein Geburtsdatum. Das Datum stimmte zwar mit dem seiner Mutter überein, nur der Name war falsch. Der 14. November, der Tag der Aufnahme, könnte zu den ersten Wochen seiner Entwicklung im Mutterleib gehört haben, das war jetzt fast elf Jahren her. Milan nahm sich nun das Tagebuch an der Stelle vor, wo das Bild herausgeschaut hatte.


Mittwoch, 14. November

Ich weiß nicht ob ich lachen oder weinen soll. Seit dem Vorfall fühlte sich meine Brust so merkwürdig empfindlich an, also habe ich heute Morgen meinen Frauenarzt aufgesucht.

Ich bin schwanger!

Natürlich freue ich mich, in mir wächst ein neues Leben heran, aber was, wenn es von diesem Übergriff ist? Werde ich das Kind dennoch lieben können? Genauso gut könnte es noch während der Versuchsreihe entstanden sein. Ich habe Angst davor, dass sie mir das Kind dann wegnehmen …


Milan schluckte, als er das Wort Versuchsreihe las. War seine Mama unter falschem Namen beim Arzt gewesen? War diese Lara Palladin überhaupt seine Mutter?

Aufgeregt las er das eine Tagebuch von vorn. Es war spannend wie ein Roman und hielt für Milan so einige Überraschungen parat.

Lara Palladin war seine Mutter, die zu dieser Zeit an der Universitätsklinik in Heidelberg in der Forschung für künstliche Befruchtung gearbeitet hatte. Sie selbst habe sich mehrfach zu Forschungszwecken ein befruchtetes Ei einpflanzen lassen. Bisher jedoch ohne Erfolg.

In ihren Aufzeichnungen behauptete sie, dass die genetisch veränderten Eizellen vermutlich gar nicht lebensfähig waren und sie deshalb dem letzten Versuch keinerlei Beachtung mehr geschenkt hatte. Darüber hinaus erschütterten zwei unvorhersehbare Ereignisse ihre Gefühle.

Mitte Oktober war Lara nach Berlin gereist, um in Charlottenburg an einem Klassentreffen ihrer ehemaligen Oberschule teilzunehmen.

Ein Klassenkamerad, dessen Namen im Tagebuch lediglich unter ‚meine große Liebe’ auftauchte, war bereits zu Schulzeiten von ihr angetan gewesen, und das beruhte offenbar auf Gegenseitigkeit.

Lara beschrieb ihn als gepflegten, besonders gut aussehenden jungen Mann mit Humor und Charme. Für ihn hatte sie ihre Prinzipien über Bord geworfen und war mit ihm, im Anschluss der Veranstaltung, zu ihm nach Hause gefahren, wo es zu der ‚fantastischsten Nacht ihres Lebens‘ gekommen war.

Zurück in Heidelberg kam es dann am Montagabend im Labor mit ihrem Vorgesetzten zu einem Zwischenfall.

Zwischen den Zeilen konnte Milan aber herauslesen, dass seine Mama vergewaltigt worden war. Sie schrieb von blauen Flecken an den Oberschenkeln, von Blutungen und dem Gefühl des Schmutzigseins. Für Milan waren diese vielen neuen Informationen kaum zu verarbeiten.

Es gab nun drei Möglichkeiten, wie sein Leben entstanden sein könnte. Entweder war er eine Laborratte oder das unerwünschte Produkt einer Vergewaltigung oder der sichtbar gewordene Beweis der Liebe zweier Menschen.

War er , Uwe Jansen, etwa der besondere Klassenkamerad gewesen?

Milan las weiter.

Drei Tage nach dem Besuch beim Frauenarzt hatte seine Mama ihre Sachen gepackt und war zunächst nach Frankfurt und dann weiter nach Berlin gefahren.

Nun bekam Milan Gewissheit. Obwohl er es schon lange, tief in seinem Inneren gewusst hatte, erfuhr Milan jetzt, dass er nicht sein Erzeuger war. Wie die beiden sich kennengelernt hatten und was zwischen dem 20. November und dem 31. Januar vor fast elf Jahren passiert war, hatte seine Mama für sich behalten.

Uwe Jansen hatte seine Mama an diesem letzten Januartag geheiratet, und dabei hatte sie wohl das L ihres Vornamen gegen ein M ausgetauscht und hieß von da an Mara Jansen.

Milan legte dieses Tagebuch zu den beiden anderen, ungelesenen in die Keksdose zurück und verstaute alles in seinem Rucksack. Fürs Erste hatte er genug Informationen zu verarbeiten und wollte sich die beiden anderen Bücher später vornehmen.

Er war überrascht, dass er aus diesen Aufzeichnungen so viel über sich und seine Mutter erfahren hatte. Einerseits war er erleichtert, mit diesem Jansen nicht verwandt zu sein, aber die offene Frage, wo sein Leben entstanden war, hinterließ eine merkwürdige Leere in ihm.

Bei diesem Gedanken kamen ihm Dario und Sandro in den Sinn, die Söhne von Onkel Mario und Tante Gaby, die ihm wiederholt an die Wäsche gegangen waren, ihn regelrecht gequält hatten. „Schrei nur so laut du kannst! Dich kann eh niemand hören, selbst wenn, würde es keine Sau interessieren“, hatte Sandro ihn jedes Mal ironisch lachend aufgefordert, wenn er sich wieder einmal über ihn hermachte, sich daran erfreute, wenn Milan vor Schmerzen aufzuschreien versuchte. Sandro wusste ja, dass Milan aufgrund seiner zerstörten Stimmbänder keinen Laut von sich geben konnte.

Cinco stand auf und leckte durch ihren Maulkorb Milans Hand. Durch diese liebevolle Geste seiner Hündin wurde er aus seinen trüben Erinnerungen gerissen und bemühte sich um ein Lächeln als er ihr den Kopf kraulte.

Diese furchtbare Zeit war vorbei! Dank Jana und Kyle hatte er die Chance bekommen, das Leben von einer positiven Seite kennenzulernen, ja einen selbstbestimmten Weg zu wählen.

Mit seinen zehn Jahren fühlte er sich unter gleichaltrige wie ein Fremder. Denn jede Qual, jeder Schmerz, jede Erniedrigung ob körperlich oder seelisch und jedes noch so grausame Erlebnis hatten ihn nicht zerbrochen sondern innerlich wachsen lassen.

Vermutlich war er dadurch reifer und mental stärker geworden, als andere Kinder in seinem Alter.

Milan überprüfte den Sitz seiner Brieftasche. Einen kleineren Teil von Giselas Bargeld hatte er dort deponiert, die größere Summe trug Cinco gut getarnt am Halsband mit sich. Den Rest hatte er in seinem Schuh versteckt.

Hör zu mein Engel!“, hatte Gisela vor ein paar Wochen zu ihm gesagt. „Wenn irgendetwas mit mir passieren sollte, nimmst du dir das Geld aus dem Safe und siehst zu, dass du dir damit dein Überleben sicherst, wie auch immer das aussehen wird.“ Zumindest darum musste er sich nicht sorgen. Sie musste wohl geahnt haben, dass ihr Leben bald ein Ende finden würde, warum sonst sollte sie diese Gedanken gehabt haben?

Er schaute auf seine Armbanduhr, bis der Zug den Berliner Hauptbahnhof erreichen würde, blieben noch gut anderthalb Stunden. Er plante, sich den Tag über in der Stadt aufzuhalten und dann, nach Einbruch der Dunkelheit, auf den Weg nach Bötzow, zu Jana, zu machen.

Für ihn war Jana, die seinerzeit, als es mit Jansen aus dem Ruder lief, beim Jugendamt gearbeitet hatte und sich daraufhin um ihn kümmerte, die wichtigste Bezugsperson.

Als er damals Kyle, der mit Jana sehr eng befreundet war, unvorbereitet auf dem Marktplatz von Wismar getroffen hatte, war ihm deutlich geworden, wie sehr er die beiden wirklich vermisst hatte, außerdem hatte er Kyle versprechen müssen, Jana und ihn von nun an in all seine Pläne einzuweihen.

Da er aus Sicherheitsgründen kein Handy oder Telefon benutzen wollte, sah er in einem persönlichen Besuch die einzige Möglichkeit, mit Jana in Kontakt zu treten.

Davon abgesehen, freute er sich riesig darauf, Daisy und Jana wiederzusehen, vor allem von Jana in den Arm genommen zu werden. Das fühlte sich für ihn immer so wunderbar geborgen an. Kyle saß seit dem Sommer im Gefängnis und wie Jana glaubte auch Milan an seine Unschuld.


Vom Wald aus sah Milan wiederholt zu Janas Haus hinüber. Hinter den Fenstern war alles dunkel und auch ihr Wagen fehlte unter dem Carport.

Er sorgte sich und überlegte, ob sie vielleicht im Krankenhaus war, weil etwas mit dem Baby nicht stimmte.

Er warf mehrmals ein Stöckchen und Cinco brachte es ihm immer wieder zurück. So verging die Zeit, bis endlich um halb zehn Janas Auto in die Straße einbog. Milan hob seinen Rucksack auf und schnipste Cinco, die ihm über das Feld folgte.

Seine Aufregung stieg, wachsam sah er sich dennoch um. Vor allem wegen der neugierigen Nachbarin musste er aufpassen.

Nach drei kleinen Umwegen stand er vor der Tür. Bevor er klopfen konnte, kündigte ihn Daisy bellend an.

Was ist los Daisy?“, hörte er Jana fragen. Milan drückte auf den Klingelknopf neben der Haustür. Jetzt meldete sich Daisy auf der einen Seite und Cinco auf der anderen zu Wort.

Als Jana öffnete, begrüßten sich zuerst die beiden Hunde. Dann begann Daisy mit Milan zu schmusen und wedelte dabei kräftig mit dem Schwanz.

Milan?“, hauchte Jana erstaunt. Sie sah noch furchtbarer aus, als bei ihrem letzten Besuch im September. Ihre Augen waren rot und verweint, ihre dunklen Augenränder ließen sie richtig krank aussehen. Ihre Brust war größer geworden und ihr Bäuchlein gewachsen.

Milan!“, klang es aus ihrem Mund wie eine Erlösung. Augenblicklich nahm sie ihn in den Arm, was Milan unglaublich guttat. Nach einem kurzen Moment drängte sie ihn ins Haus und machte die Tür hinter ihm zu. „Um Himmels willen? Was tust du denn hier?“

Es gibt wohl keine Neuigkeiten?‘, zeigte Milan in Gebärdensprache.

Jana schloss kurz die Augen und seufzte tief. „Nein, Milan! Alle bisher gesammelten Beweise sind derart erdrückend, dass ich manchmal schon selbst zu zweifeln beginne.“ Sie wies zum Wohnzimmer. „Komm erst mal rein.“

Ich kann nicht bleiben! Wenn mich jemand sieht, war meine Mühe umsonst!‘, deutete Milan.

Jana sah nachdenklich aus. „Aber einen Augenblick wirst du dich doch hinsetzen können? Magst du einen Kakao?“

Milan nickte heftig und ging mit ihr in die Küche. Schwanzwedelnd folgten ihnen Daisy und Cinco.

Und wie wäre es mit einem belegten Brot?“ Jana drehte sich ihm lächelnd zu.

Sehr gern!‘

Oh, oh!“, lachte Jana, „wenn du schon freiwillig was essen willst, hast du vermutlich den ganzen Tag noch nichts gegessen, stimmt’s?“

Wie gut Jana ihn kannte. Milan sah jedoch keine Notwendigkeit, darauf einzugehen. ‚Letzte Nacht ist sie eingeschlafen!‘, zeigte Milan erneut in Gebärdensprache.

Wer? Gisela? - Sie ist tot?“ Jana sah plötzlich blass aus. „Bist du dir da ganz sicher?“

Jana!‘ Milan schüttelte empört den Kopf. ‚Ihre Hand war bereits steif, als ich sie anfassen wollte … und kalt.‘

Das tut mir so leid, Milan!“ Abermals nahm Jana ihn in den Arm und drückte ihn fest an sich. „Und du warst ganz allein mit ihr! Furchtbar!“

Schon gut!‘, deutete Milan, nachdem sie die Umarmung gelöst hatte. ‚Ich habe meine Identität wieder gelöscht, nicht dass man am Ende Milan Rieck in ein Heim steckt.‘

Ja und jetzt?“ Jana machte den Herd an und stellte den Milchtopf darauf.

Ich arbeite an einem Plan.‘

Weißt du noch, bei meinem Besuch im September, hatte ich mir so sehr gewünscht, dich in meiner Nähe zu wissen.“ Sie schüttete den Kakao in die Milch und rührte um. „An manchen Tagen, hoffe ich aufzuwachen und alles war nur ein böser Traum.“

Zu gern hätte Milan von den Tagebüchern seiner Mama erzählt, davon, wie enorm ihn die Wahrheit zu seiner Entstehung interessierte, doch Jana hatte eigene, viel wichtigere Probleme, große Sorgen, da brauchte sie seine nicht auch noch.

Ich würde Kyle so gern beistehen, aber sogar meine Briefe an ihn, kommen ungeöffnet zurück“, weinte Jana. Jetzt war es Milan, der Jana umarmte.

Lena, seine Arbeitskollegin, hat es inzwischen aufgegeben, Caro und ich haben es bis Ende September weiter versucht, ihn zu besuchen“, Jana schluchzte kurz. „Anfang Oktober wurde er nach Bützow verlegt. Weißt du was das bedeutet? Man hört aus diesem Knast nur furchtbare Horrorgeschichten …“

Milan sah die Milch aufkochen, löste sich aus der Umarmung und zog schnell den Topf zur Seite.

Wie soll es nur weitergehen, Milan?“ Dicke Tränen rannen ihr über die Wangen.

Wenn du das nicht weiß, wer dann?‘

Entschuldige!“ Jana wischte sich das Gesicht trocken. „Danke fürs Kakaoretten.“ Sie machte den Herd aus, rührte den Kakao um, goss ihn in zwei Becher und stellte diese auf den Küchentisch.

Manchmal denke ich, das hat irgendetwas mit mir zu tun.‘

Was meinst du damit?“ Jana holte die Wurst aus dem Kühlschrank, nahm zwei Teller heraus und legte das Brot dazu.

Die Anschuldigungen, die sie gegen Kyle haben wollen!‘

Das ist doch Unsinn, Milan!“ Sie hockte sich zu ihm. „Die Angelegenheit hat rein gar nichts mit dir zu tun. Wie kommst du denn nur auf solch einen Gedanken?“

Milan zuckte mit den Schultern.

Bitte versprich mir, dass du diese Überlegung ganz schnell aus deinem Kopf streichst!“

Milan nickte.

Nein! Versprich es!“, forderte Jana.

Ich schwöre es!‘, zeigte Milan, dabei spürte er, wie erschöpft er eigentlich war.

Gut!“ Jana stand zufrieden auf und setzte sich an den Tisch, um eine Scheibe Brot zu schmieren. „Und für uns beide habe ich die Lösung!“ Sie sah Milan lächelnd an.

Ich mag dein Lächeln‘, deutete Milan. Bei dem Gedanken an dieses ernst gemeinte Kompliment, welches hätte von Kyle stammen können, bemerkte er, wie er darüber schmunzeln musste.

Jetzt lachte sie sogar, wenn auch nur kurz.

Bisher hatte ich noch keine Kraft, das Haus meiner Mutter zu verkaufen und nun weiß ich warum. Wir ziehen vorerst nach Zehlendorf. Wer sollte dich da kennen? Das Grundstück ist groß, von außen kann niemand den Garten einsehen, so musst du dich vor neugierigen Nachbarn nicht fürchten.“

Jana teilte das Brot in mundgerechte Häppchen, so, wie sie es früher getan hatte, um Milan das Essen schmackhaft zu machen. Häufig verspürte Milan einfach kein Hungergefühl, und das war schon immer so gewesen. Jana legte kleine halbierte Gürkchen drauf.

Ich gebe zu, die Einrichtung ist für uns beide sehr gewöhnungsbedürftig, aber es gibt da einen Computer und Internet.“

Ich hab dich lieb!‘, zeigte Milan und bemerkte sein Lächeln auf den Lippen.

Jana reichte ihm lächelnd den Teller mit den Schnitten. „Und ich dich erst. Seitdem du hier bist, halte ich wieder alles für möglich.“

Milan schob sich mit großem Appetit das erste Stück in den Mund. ‚Wann ist eigentlich deine Mama verstorben? Du hattest mir das gar nicht erzählt!‘

Sie pustete über ihren Kakao. „Stimmt!“ Sie wirkte nachdenklich. „Am 3. Juli war Kyle verhaftet worden und ein paar Tage danach rief mich Olga, die Haushälterin an, dass meine Mutter im Büro einen Herzanfall erlitten hatte. Der Krankenwagen kam zu spät, sie war bereits tot.“

Jana seufzte tief. „Kyle war für mich wichtiger, nein, er ist für mich wichtig und ich bete dafür, dass er da im Knast keine Dummheiten macht. Er muss einfach durchhalten.“

Dann steht das Haus seit Juli leer?‘, wollte Milan wissen.

Ja, aber keine Sorge, Olga ist zwei Mal die Woche da und hält alles sauber. Ich werde sie gleich anrufen und ihr Bescheid geben, dass ich vorübergehend dort einziehen werde.“

3 Ein Jahr zuvor


Morgen Sergej!“, begrüßte ihn sein Partner Dominik an diesem Sonntag auf dem Polizei-Revier.

Moin!“, erwiderte dieser leicht verkatert.

Haste von dem verschwundenen Jungen oben in Hennigsdorf gehört?“, wollte Dominik wissen.

Nee!“ Sergej rief sich den Bericht vom letzten Arbeitstag auf, den er nicht beendet hatte.

Gestern Vormittag haben sie den Vater des Jungen wegen Mordverdachtes festgenommen. Wirklich schlimm, dass der eigene Vater seinem Sohn derartiges antut. Und das ist sicher kein Einzelfall.“ Dominik setzte sich auf seinen Platz.

Als Sergej mit seinem Bericht fertig war, informierte er sich über den Fall, von dem sein Partner ihm gerade erzählt hatte. Er überflog die Zusammenfassung und stockte, als er das Foto des vermissten Jungen erblickte, der zwischen acht und zehn Jahre alt sein musste.

Es war fast, als würde er Lara vor sich sehen. Das Muttermal rechts unter dem Auge – an der Stelle hatte auch sie einen Leberfleck und diese leicht hervorstehenden Wangenknochen, diese Augenfältchen, die sich beim Lächeln nach unten abzeichneten. All diese Merkmale hatte er an Lara so geliebt.

Dieser Milan Jansen hatte unheimliche Ähnlichkeit mit ihr!

Beim Anblick des Bildes von ihm versank er in Erinnerungen an diesen unvergesslichen Abend nach dem Klassentreffen.

Seither waren zehn Jahre vergangen.

Sergej hatte nach jenem Wochenende einige Zeit täglich mit Lara telefoniert. Sie hatte ihm versprochen, sich nach einer Arbeit in Berlin umzusehen, bis dann Ende November des gleichen Jahres, der Kontakt unvermittelt abbrach.

Ihr Telefon war plötzlich abgemeldet, ihr Handy nicht mehr erreichbar und seine Post, die er ihr zugeschickt hatte, kam mit dem Vermerk ‚Empfänger unbekannt verzogen’ zurück. Seine Bemühungen, Lara zu finden, blieben erfolglos. Er hatte auch die Kollegen in Heidelberg um Hilfe gebeten, aber Lara Palladin blieb unauffindbar.

Letztlich hatte er sich damit abgefunden, sich eingeredet, dass Lara ihre Pläne mit Berlin – mit ihm – verworfen hatte.

Noch immer starte er auf den Bildschirm, auf das Foto von Milan Jansen. Konnte es vielleicht ein Verwandter von Lara sein, ein Neffe oder möglicherweise sogar ihr Sohn?

Sergej musste Gewissheit haben. Er las sich sämtliche Online-Artikel zu diesem Fall durch. Fand jedoch keinen Namen zur Mutter, nur von einer sorgeberechtigten Jana Graf war die Rede.

Furchtbare Geschichte, nicht?“ Unbemerkt stand sein Partner neben ihm.

Weißt du, was mit der Mutter ist? Ich meine …“ Dass es zwischen Lara und dem Jungen eine Verbindung geben könnte, erschien ihm augenblicklich zu abwegig. Das wäre doch ein zu großer Zufall.

Keine Ahnung! Kann ja mal Ronny aus der Meldestelle fragen, der findet das bestimmt heraus.“

Dominik hielt ihm den Wagenschlüssel vor die Nase. „Die Arbeit ruft!“


Erst ein paar Tage später schickte ihm Dominik per Mail die gewünschten Informationen zur Familie Jansen. Jedoch nichts von der Meldestelle, da gab es nämlich gar keine Lara Palladin.

Nur eine Zusammenfassung des Jugendamtes, die auf den misshandelten Jungen aufmerksam wurde. Daraus ging der Name Mara Jansen, als Mutter von Milan, hervor. Laut den Unterlagen war diese Mara genau am selben Tag wie Lara geboren. Allerdings, und das war für Sergej ein harter Brocken, war Mara Jansen bereits vor fünf Jahren an einem geplatzten Aneurysma verstorben, Angaben zum Geburtsort oder Geburtsnamen fehlten.

Sergej war es rätselhaft, wie eine Frau mit möglicherweise gefälschten Papieren durch das deutsche bürokratische System rutschen konnte. Sollte es tatsächlich seine Lara gewesen sein, die sich hier eine neue Identität verschafft hatte?

Uwe Jansen hatte jedenfalls seinerzeit angegeben, seine Frau im Januar vor bereits zehn Jahren im Ausland geheiratet zu haben, die Urkunde dazu sei aber angeblich verschwunden und andere Dokumente existierten natürlich auch nicht.

Als Sergej den Geburtstermin von Milan, im Juli, ein dreiviertel Jahr nach dem Klassentreffen, registrierte, spürte er eine seltsame Regung in sich.

Er nahm sich seinen Kalender vom Schreibtisch und rechnete vom 27. Juli vierzig Wochen zurück. In seinem Hals wuchs ein störender Kloß, der ihm das Atmen verwehrte. Der errechnete Termin lag genau an dem besagten Wochenende mit Lara!

Unsinn! Er hatte keine Indizien, nur - vage Vermutungen.

Und wenn das Wochenende nach dem Klassentreffen wirklich Folgen hatte? Lara hätte ihm das bestimmt gesagt, oder?

Zweifel keimten in ihm auf.

Er hatte Lara in der Schule zwar gut gekannt, nach dem Abschluss hatten sie sich dann aber aus den Augen verloren. Im Grunde wusste er wenig über sie, nur, dass sich ihre Leidenschaft zur Biologie wohl auch in ihrem Beruf wiederfand. Dennoch hatte sie über ihre Arbeit in Heidelberg kaum etwas verraten. Geschickt hatte sie mit ihren Fragen, von seinen abgelenkt.

Alles in Ordnung?“, hörte er Dominik vom gegenüberliegenden Schreibtisch aus fragen. „Du bist ganz blass!“

Was war damals mit Lara nur vorgefallen?

Sergej fühlte sich in seinen Gedanken wie gefangen. Konnte diese Mara tatsächlich Lara gewesen sein? War Milan möglicherweise sein eigener Sohn? Allein diese Überlegung löste ein besonderes Mitgefühl für das Schicksal dieses Jungen in ihm aus. Erst verlor er seine Mutter, zwei Jahre später seine Oma, wie er aus den Zeitungsartikeln erfahren hatte und letztlich hatte sein Vater ihn misshandelt.

Furchtbar! Aber als Opfer gab es von Milan bestimmt eine DNS, womit sich feststellen ließ, ob er der Vater von Milan sein könnte. Doch der Junge schien tot zu sein, ermordet von seinem vermeintlichen Vater! Was nützte ihm jetzt diese Erkenntnis, ob er der biologische Vater gewesen war? Wollte er das wirklich wissen?

Hier!“ Unbemerkt stand Dominik neben ihm und hielt ihm ein Glas Wasser vors Gesicht. „Du müsstest dich mal sehen!“

Automatisch griff Sergej zu und leerte das Glas in einem Zug. „Danke!“

Und nun raus mit der Sprache, was ist los?“ Demonstrativ sah Dominik auf den Bildschirm, wo noch immer die Unterlagen aus der Mail des Jugendamtes geöffnet waren. „Kennst du den Jungen?“

Sergej schüttelte den Kopf. „Ich … ich muss ins Labor!“

Hey!“ Dominik packte seinen Arm. „Du bist weiß wie eine Wand! Was ist los?“

Mit einem tiefen Atemzug sah Sergej seinen Kollegen an. „Ich habe nur einen Verdacht, der mich persönlich berührt. Entschuldige, aber bevor ich keinen Beweis habe, möchte ich keine wilden Spekulationen in die Welt setzen.“

Dominik wirkte verständnisvoll und ließ Sergej gehen.


Wieder mal so’n typischer Montagseinsatz“, lachte Dominik, als sie zwei Wochen später ins Büro kamen.

Sergej!“, winkte ihn Melanie zu sich. „Christian aus dem Labor hat vor einer Stunde angerufen. Du sollst ihn zurückrufen.“

Danke!“, sagte Sergej überrascht. Wiederholt hatte Christian ihn vertröstet. Ob er heute endlich das Ergebnis hatte? Voller Ungeduld griff er zum Telefon.

Tut mir wirklich leid, dass es so lange gedauert hat, Sergej“, entschuldigte sich Christian. „Die ersten Testergebnisse haben mich dazu bewogen, mir die DNS der Mutter zu organisieren, was etwas knifflige war.“

Aber die Mutter ist doch seit fünf Jahren tot!“, wunderte sich Sergej.

Eben!“ Christian räusperte sich. „Im Haus der Familie gab es einen Kleiderschrank, wo ich günstiger Weise Haarproben auf der Garderobe der Mutter fand, die dort auch nach all den Jahre noch hing. Damit konnte ich dann den Vergleich starten.

Es gibt ja mehrere Arten, um auf dasselbe Endergebnis zu kommen, und genau das habe ich getan und drei Tests durchlaufen lassen! Deshalb habe ich die mitochondriale DNS des Jungen mit der mitochondrialen DNS der Mutter verglichen und die chromosomale DNS …“

Stopp!“ Sergej wusste, wenn Christian mit Fachbegriffen loslegte, würde er kein Wort mehr verstehen. „Stell dir vor, ich bin Polizist und kenne mich mit lateinischen Begriffen überhaupt nicht aus.“

Christian lachte. „Entschuldige, aber das Ganze ist so was von unglaublich! Und gewisse Restzweifel bestehen dennoch. Jedenfalls sieht es so aus, als habe dieser Junge das Erbgut von drei Menschen in sich.“

So ein Quatsch! Das ist doch unmöglich!“ Sergej zog seine Stirn in Falten.

Eben! Ein solcher Fall wurde erstmals im letzten Monat bekannt. Ein New Yorker Arzt, der eine künstliche Befruchtung durchgeführt hatte, berichtete von dieser Sensation und dieser Milan Jansen kam schließlich neun Jahre früher zur Welt.“ Christian klang fasziniert.

Demzufolge ist Milan keinesfalls mit mir verwandt?“

Ähm - na ja - irgendwie schon. Wie gesagt, das ist alles recht merkwürdig und hochinteressant. Ist für mich auch Neuland! Wie bist du denn nur darauf gekommen?“

Das ist eine lange Geschichte“, hoffte Sergej, weitere Fragen abzuschmettern.

Verstehe!“, lenkte Christian ein. „Dir muss aber jetzt klar sein, dass du da in ein Wespennest gestochen hast! Zum einen ist Uwe Jansen gar nicht der Vater, wie bisher angenommen wurde und zum anderen stellt sich die Frage, wie und wo ist dieses Kind entstanden und wer war diese Mara Jansen wirklich gewesen?“

Sergej war zu bewegt, um sich mit Christian darüber auszutauschen und beendete das Gespräch.

Erneut kam das besondere Wochenende mit Lara in ihm hoch. Was war damals nur nach diesem letzten Telefonat passiert? Warum hatte Lara den Kontakt zu ihm abgebrochen, gerade zu einem Zeitpunkt, als sie ihn doch so dringend gebraucht hätte? Wieso nur hatte sie sich hinter einer falschen Identität versteckt? Und weshalb hatte sie die Schwangerschaft mit keinem Wort erwähnt?

Sergej fühlte diese unendliche Traurigkeit in sich wachsen. Schlimm genug, dass er Lara für immer verloren hatte, aber dass er einen Sohn gehabt haben könnte, von dessen Existenz er nicht mal etwas geahnt hatte, machte ihm mächtig zu schaffen. Dieser Fall gewann für ihn, mit den neu erworbenen Kenntnissen, an immenser Bedeutung.

Sein eigen Fleisch und Blut, wenn Milan wirklich sein Sohn war, lebte unter dem Dach eines Fremden, der in keiner Weise mit Milan verwandt gewesen war und genau dieser Kerl hatte seinen Sohn auf dem Gewissen!


Sergej konnte seinen Fehler, die Suche nach Lara zu schnell aufgegeben zu haben und damit die Vergangenheit, keinesfalls rückgängig machen. Doch zumindest, wollte er wissen, was Lara zu ihrem Identitätswechsel bewogen hatte.

Gemeinsam mit Dominik, der bundesweit Freunde bei der Polizei hatte, wollte er der Angelegenheit nachgehen, was allerdings recht schwierig war.

Der Fall Jansen lag in der Zuständigkeit der Brandenburger Polizei und beschäftigte sich mit Milans Verschwinden, von dem es weiterhin keinen Leichenfund gab und mit Uwe Jansen, der die Beschuldigung konsequent bestritt.

Hilfreicher weise war Christian, der aufgrund der Testergebnisse wenigstens genauso an Milans Entstehungsgeschichte interessiert war wie er selbst, unglaublich bemüht.

Während die Heidelberger Kollegen die alten Unterlagen von Lara Palladin zusammentrugen, stattete Sergej Uwe Jansen im Untersuchungsgefängnis einen Besuch ab.

Mit dem Hintergedanken, dass Jansen seinen Sohn auf dem Gewissen haben könnte, war dieses Gespräch eine emotionale Herausforderung. „Was auch immer Sie von mir hören wollen! Ich habe Milan nicht getötet!“, begrüßte ihn Jansen mit verbissenem Gesicht im Besucherraum.

Mein Name ist Sergej Wagner! Vielmehr möchte ich mich mit Ihnen über Ihre verstorbene Frau, über Mara unterhalten.“

Aha!“ Er lehnte sich auf seinem harten Holzstuhl zurück. „Das ist ja mal eine ganz neue Masche!“

Wo haben Sie Ihre Frau kennengelernt?“, bemühte sich Sergej, an seinem zurechtgelegten Fragenplan festzuhalten.

Jetzt beugte sich Jansen vor und legte seine gefesselten Hände auf den Tisch. „Das geht Sie gar nichts an!“

Wussten Sie vor der Hochzeit von ihrer Schwangerschaft?“

Verdammt natürlich wusste ich das. Ich habe Mara wirklich sehr geliebt.“ Jansen wirkte plötzlich bewegt. „Als sie starb, konnte ich mit dem Verlust einfach nicht umgehen. Ich bereue es zutiefst, was ich Milan angetan habe. Während meiner Haft habe ich keinen Tropfen mehr angerührt.

Ich gebe zu, die Briefe an Milan habe ich von einem Mitgefangenen schreiben lassen. Der Axel, der fand so unglaublich passende Worte.

Und nach meiner Haftentlassung war ich fest entschlossen, mein Leben zu ändern, ich wollte gut für Milan sorgen. Ich schwöre es. Ich habe ihn, seit meiner Verhaftung seinerzeit, nicht mehr zu Gesicht bekommen, wie um alles in der Welt sollte ich ihn da getötet haben?“

Wie lange kannten Sie Mara vor Ihrer Hochzeit?“

Jansen sah stirnrunzelnd auf. „Vier Wochen, glaube ich.“

Vier Wochen?“, wiederholte Sergej verwundert. Das passte einfach nicht zu der Lara, die er gekannt hatte. „Was hat Sie veranlasst, so schnell zu heiraten?“

Details

Seiten
190
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738912265
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Juli)
Schlagworte
herzensspuren spurenlabyrinth

Autor

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Titel: HERZENSSPUREN #2: SPURENLABYRINTH