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DER BARON #5: Katja, die schöne Rebellin

©2017 120 Seiten

Zusammenfassung

Baron Alexander von Strehlitz und seine Freunde unterstützen ein Bewässerungsprojekt in Mexiko. Aber dabei stoßen sie auf Widerstand – in Form einer Gruppe von gewalttätigen Rebellen, die diese Arbeiten zu sabotieren versuchen. Zu ihnen gehört auch eine schöne und geheimnisvolle Frau namens Katja. Bevor die Rebellen jedoch von den örtlichen Behörden umzingelt und gefasst werden, kann Katja entkommen.
Der Baron trifft sie jedoch wenige Monate später wieder – diesmal in der eisigen Kälte Schwedens. Eigentlich will er dort in Ruhe an einem Buch schreiben, aber dann taucht Katja auf, und sie wird von ihren ehemaligen Kameraden verfolgt. Diesmal muss sich der Baron entscheiden – und diese Entscheidung hat verhängnisvolle Folgen ...

Leseprobe

Katja - die schöne Rebellin


Ein Roman von Glenn Stirling




IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von Milan Markovic/123RF, 2017

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de


Klappentext:

Baron Alexander von Strehlitz und seine Freunde unterstützen ein Bewässerungsprojekt in Mexiko. Aber dabei stoßen sie auf Widerstand – in Form einer Gruppe von gewalttätigen Rebellen, die diese Arbeiten zu sabotieren versuchen. Zu ihnen gehört auch eine schöne und geheimnisvolle Frau namens Katja. Bevor die Rebellen jedoch von den örtlichen Behörden umzingelt und gefasst werden, kann Katja entkommen.

Der Baron trifft sie jedoch wenige Monate später wieder – diesmal in der eisigen Kälte Schwedens. Eigentlich will er dort in Ruhe an einem Buch schreiben, aber dann taucht Katja auf, und sie wird von ihren ehemaligen Kameraden verfolgt. Diesmal muss sich der Baron entscheiden – und diese Entscheidung hat verhängnisvolle Folgen ...



Roman:



Aus einem Zeitungsbericht:


Baron Strehlitz vor Gericht: Katja ist keine Mörderin!


Stockholm (eig. Bericht) Die des Bankraubes und Mordes an der Kassiererin Habosloef angeklagte Katja Obermayr bestritt, in Murjek die Landschaftsbank zusammen mit einem Komplizen überfallen zu haben. Sie bestritt ebenfalls den Mord an der Kassiererin und benannte als Entlastungszeugen Baron Strehlitz, der zur Zeit im Landhaus eines Freundes nördlich von Murjek ein Buch schreibt und sehr zurückgezogen lebt.

Der Baron, dessen Auftritt vor dem Gericht viele Zuschauer angezogen hatte, sagte ganz klar aus: Katja ist keine Möderin, und sie kommt auch für den Bankraub nicht in Frage! — Vor allem das männliche Publikum klatschte Beifall, denn Katja Obermayr ist von einer seltenen und sehr attraktiven Schönheit, die gar nicht daran denken lässt, dass diese Frau kaltblütig morden und rauben könnte.



Und das sind die Leute, die Sie kennenlernen sollten:


Alexander von Strehlitz, genannt der „Baron“, 44 Jahre, 1,8S m groß, dunkelhaarig, graue Schläfen, gutaussehend, schlank und muskulös, sehr sportlich, abgeschlossenes Zoologiestudium, Hobbysegler und Hochseeschiffer mit Kapitänspatent für große Fahrt, bekannter Schriftsteller von Reiseberichten und Expeditionserlebnissen, Leiter von verschiedenen Expeditionen in Afrika und Südamerika, in Übersee durch seine Goodwillreisen zugunsten unterentwickelter Gebiete in Südamerika bekannt geworden, Sieger vom Indianapolis-Rennen für schwere Tourenwagen I960, ebenso bekannt in Monte Carlo und der Jet-Society als brillanter Pokerspieler und Gesellschafter. Frauen vergöttern ihn, Männer schätzen ihn als prächtigen Partner und umsichtigen Leiter oft abenteuerlicher Unternehmungen.


Robert Burton, der Sekretär des Barons, 35 Jahre alt, 1,70 m groß, spärliches dunkelblondes Haar, korpulent, Brillenträger. gelernter Bankkaufmann, ein Mathematiker aus Passion, spricht sieben Fremdsprachen und hat ein fabelhaftes Gedächtnis, viel Sinn für Statistiken und Daten. Robert arbeitet seit Jahren fiir den Baron und weiß über dessen Finanzen besser Bescheid als der Baron selbst. Hat die Eigenart, immer dann französisch mit dem Baron zu sprechen, wenn es um Geldfragen geht.


Michel Dupont, genannt „Le Beau“, 28 Jahre alt, 1,75 m groß, drahtiger durchtrainierter Mann mit dunklem Haar, kantigem, nicht sehr schönem Gesicht mit zerschlagener Nase. Seit vielen Jahren dem Baron ein treuer Freund und Begleiter auf vielen abenteuerlichen Reisen. Le Beau ist gebürtiger Franzose, sehr leidenschaftlich, liebt Frauen und gutes Essen und Trinken, ist leicht zu erregen, ein ausgezeichneter Karatekämpjer, Motorbootfahrer aus Leidenschaft und begeisterter Reiter. außer Frauen und Pferden liebt er auch rasante Wagen. Er ist gelernter Motorenschlosser und Flugzeugmechaniker.


James Morris, der Chauffeur des Barons, 31 Jahre alt, 1,94 m groß, sehr stark und breit, wiegt über zwei Zentner, Stirnglatze, sonst struppiges, dunkelblondes Haar, breites Gesicht mit Stupsnase. James war früher Artist, nämlich Untermann einer menschlichen Pyramide. Nach einer Knöchelverletzung verlor er sein Engagement und geriet in schlechte Kreise. Der Baron holte ihn gegen Kaution aus einem Lissaboner Untersuchungsgefängnis und fand in James den treuesten Anhänger, den ein Mensch sich denken kann. Wo James hinschlägt, blüht keine Blume mehr, aber gleichzeitig hat der Hüne ein friedliches gutartiges Gemüt, tut für den Baron alles, aber dass der Baron einen so mäßigen Autofahrer wie ihn zum Chauffeur gemacht hat, begreift James selbst nicht.


Das also sind der BARON und seine Freunde ROBERT, LE BEAU und JAMES. Ein echter und draufgängerischer Mann und seine Freunde. Ihr Feld ist die Welt, heute sind sie reich, morgen haben sie keinen roten Heller, und immer sind sie bereit, dem Teufel auf den Schwanz zu treten, wenn es gilt, oder anderen zu helfen, die in Bedrängnis sind. Wenn die Lage es erfordert, halten sie eiserne Disziplin. Sie sind vier knallharte Männer, und für manch einen sind sie die letzte Hoffnung. Sie lieben das Abenteuer, sie lieben das Leben. Ob im Orkan auf See, im heißen Urwald oder auf schillerndem Parkett des Casinos von Monte Carlo, sie sind überall zu Hause. Es gibt Zeiten, da trinken sie Sekt und essen Kaviar, und es gibt Situationen, da teilen sie sich den letzten Tropfen lauwarmen und brackigen Wassers und kauen auf harter Brotrinde. Und immer bleiben sie Kameraden und halten zusammen - der Baron und seine Crew.


*


Er begegnete ihr dreimal. Und jedes Mal hatte sie ein anderes Gesicht. Das erste Mal, das war in Mexiko, in einer schwülen Sommernacht im Hochland ...

Das Scheinwerferpaar tastete sich wie suchend über die holprige Schotterstraße. Rechts und links, von dem Lichtbündel nur gestreift, Büsche, Bäume und Lianen. Tausende, dicht an dicht. Der Urwald, durch den.hier eine Gasse geschlagen wurde, die täglich freigehalten werden musste. Denn der Urwald wollte die Straße wieder verschlingen, wie er alles verschlang, das ihm nicht trotzen konnte.

Die Männer im Land Rover blickten zu der schmalen Bahn des Himmels, die über der Straße zu erkennen war. Der Wagen stand mit leise laufendem Motor. Die Scheinwerfer erloschen, und mit einem Mal war es um sie stockdunkel. Sie hörten die Geräusche des Urwaldes, dieses Zirpen, Pfeifen, gurgelnde Plärren, das hier unentwegt, tagein, tagaus, zu hören war. Die Stimme der Wildnis. Aber da war noch ein Geräusch.

Stell den Motor ab, Le Beau!“, sagte Baron Alexander von Strehlitz, der auf dem rechten Vordersitz stand und gespannt gen Himmel spähte. Sein scharfes Profil zeichnete sich deutlich vor dem etwas helleren Himmelshintergrund ab.

Le Beau, die Hände aufs Lenkrad gestützt, blickte zum Baron empor. „Hörst du es?“

Ja, noch ziemlich weit. Versuch noch mal die Frequenz von denen zu kriegen. Es müsste Kanal 66 sein. Der...“

Ich habe sie!“, rief Le Beau, der an einem Funkgerät drehte, das im Wagen eingebaut war. „Ja, da sind sie. Hör hin, Alex!“

Aus dem Lautsprecher kamen verzerrte Stimmen. Die eine sagte gerade: „... nicht zu weit südlich absetzen. Dort haben sie Posten stehen. Mehr zum Zentrum der Anlage hin.“

Die andere Stimme antwortete nach einigen Quietschtönen: „Ich bleibe genau über der Straße. Ich setze jetzt gleich ab. Sechshundert Meter ... fünfhundert Meter, die Höhe habe ich. Noch fünf Sekunden ... vier ... drei ... zwei ... jetzt!“

Über der Straße war lautes Flugzeugbrummen. „Sender weg!“ befahl der Baron. „Jetzt müssen wir aufpassen! Dort, da ist die Maschine!“

Er deutete nach oben, wo die Silhouette eines Flugzeuges am Himmel auftauchte. Ziemlich tief kam es über den Urwald, der Pilot gab wieder Gas, und die Maschine entfernte sich in einer Schleife nach Norden zu.

Der Fallschirm, dort!“, rief Le Beau und zeigte nach hinten.

Der Baron fuhr herum. „Keine hundert Meter weg! Den kriegen wir. Diesmal kriegen wir diesen Kerl, der uns dauernd die Brunnen sprengt!“

Und vor allem die Leute bedroht und verhetzt.“ Le Beau spie aus. „Der kommt gleich herunter.“

Lass den Motor an und dreh um. Den Kerl nehmen wir ins pralle Licht, wenn er unten ankommt. Es sieht so aus, als schaffte er es, mitten auf der Straße zu landen.“

Le Beau ließ den Motor des Land Rovers an, gab Gas und fuhr an. In kurzen und scharfen Wendungen brachte er den Wagen in die Gegenrichtung und blickte den Baron an, der sich auf die Windschutzscheibe lehnte und auf den herabschwebenden Fallschirm blickte.

Er wird bewaffnet sein. Aber da setzen wir ihm die Heulboje vor die Nase, und davon hat er dann genug. Gib mir mal das Ding her, Le Beau!“

Le Beau griff zwischen die Sitze und reichte dem Baron, der immer noch auf dem Sitz stand, einen Körper nach oben, der aussah wie eine Eierhandgranate.

Licht an, er kommt herunter! Fernlicht, Le Beau! Ich nehme noch den Suchscheinwerfer. Wir wollen ihn mal so richtig anstrahlen wie ein Standbild von Washington.“

Die Scheinwerfer strahlten wie die Lampen einer Bühnenbeleuchtung auf den Fallschirm, der jetzt ganz tief war, und sie erhellten den Menschen, der unten am Schirm hing. Ein mittelgroßer, schlanker Mann in grünem Overall, mit Sturzhelm und Schutzbrille. Wie eine Puppe hing er an den Schnüren. Doch nun kam er auf, und da rief der Baron: „Los, Gas geben und hin!“

Le Beau jagte den Land Rover durch die Schlaglöcher. Es waren an die achtzig Meter bis zum Landeplatz des Fallschirmspringers. Und Le Beau kitzelte alle Pferdestärken aus dem Land Rover heraus.

Sie waren dicht vor der Landestelle, als der Springer immer noch mit seinem vom Wind geblähten Schirm zu tun hatte, wegen des grellen Lichtes offenbar geblendet war und nicht sehen konnte, wie er den Schirm bändigen musste. Hilflos schnallte der Springer die Gurte los und ließ es geschehen, dass der gelöste Schirm weggetrieben wurde und in den Büschen neben der Straße hängenblieb. Dann drehte sich der Mann um, hielt schützend die Hände vor die Augen, um nicht noch mehr geblendet zu werden.

Geh von hinten an ihn heran. Le Beau. Wenn er Ärger macht, dann schieß!“, sagte der Baron.

Le Beau stieg vom Wagen, schlug einen Bogen und näherte sich dem Mann von der Seite her. Das Gesicht sah er nicht, und auch der Baron sah nichts vom Gesicht des Fremden. Nur auf Grund des schlanken Körpers tippte er auf einen jungen Menschen. Aber das kümmerte ihn gar nicht. Diese Burschen, die nachts schon mehrfach abgesprungen waren, um Sabotageakte auszuführen, waren ihm ein derartiger Dorn im Auge, dass er mit Le Beau bereits die sechste Nacht hier gelauert hatte, um einmal einen zu erwischen. Jetzt hatten sie ihn.

Da war Le Beau schon bei dem Mann. Der drehte sich hastig um, wollte auf Le Beftu losgehen, aber der war viel zu clever für so eine Überraschung. Er duckte sich schnell ab, unterlief den Gegner, stieß ihn hoch und warf ihn auf den Rücken. Dann war er schon auf ihm und presste ihm die Arme auf den Schotter.

Doch plötzlich rief Le Beau verblüfft: „Alex, das ist kein Mann! Das ist ein Mädchen!“

Sie lag am Boden wie ein geprellter Frosch. Was sie als Mädchen oder Frau verriet, war nur ihr Gesicht. Es wirkte im fahlen Licht der Lampen, die es anstrahlten, bleich und unwirklich, als sei es aus Wachs geformt, aber es war ein hübsches Gesicht. Das Augenpaar blickte wütend, fast wie bei einem in die Enge getriebenen Raubtier.

Baron von Strehlitz blieb vor der am Boden liegenden Frau stehen, während sich Le Beau gerade aufrichtete.

Was sagst du dazu, großer Meister?“, fragte Le Beau. „Kommt ein Engel vom Himmel. Dazu noch eine Weiße.“

Die Frau blickte aus schmalen Augen von einem zum anderen. Sie lag leicht zusammengekrümmt, und sie schien krampfhaft nach einem Ausweg aus ihrer Situation zu suchen.

Du bist nicht nett zu dieser Dame“, sagte der Baron etwas spöttisch. „Hilf ihr auf die Beine!“

Le Beau grinste, aber das sah die Frau nicht, denn noch immer wurde sie von den Scheinwerfern angestrahlt. Le Beau fasste nach ihrem Arm, doch sie riss ihn hastig zurück und fauchte Le Beau auf englisch an: „Nehmen Sie Ihre Pfoten weg!“

Der Engel kann reden und bedient sich einer Sprache, bei der Fluchen noch am schönsten klingt, Alex, sie ist bissig, glaube ich."

Die Frau setzte sich, stand dann auf und tastete nach einer ihrer Außentaschen.

Wenn Sie den Revolver suchen, schöne Frau, den habe ich sicherheitshalber schon an mich genommen“, sagte Le Beau. „Gehen Sie zu unserem Jeep zurück!“

Sie sah ihn trotzig an und nahm eine abwehrende Haltung ein. Aber sie missverstand Le Beau. Es war in den letzten Wochen hier einfach zuviel passiert, um die Männer mit einem hübschen Gesicht besänftigen zu können. Und das Mädchen hatte offenbar auch gar nicht vor, diese Männer für sich zu gewinnen.

Als Le Beau sie abermals am Arm fasste, schlug sie wild um sich. Aber Le Beau hatte selbst für im Judostil kämpfende Mädchen ein Rezept. Als die wie eine Tigerin kämpfende Frau Le Beau durch einen Überwurf auf den Rücken schleudern wollte, wirbelte er herum, unterlief seine Gegnerin und hatte sie plötzlich, bevor sie sich versah, auf den Armen wie ein Kind und trug sie zum Jeep. Sie strampelte und zappelte, aber es nützte ihr gar nichts.

Als Le Beau sie absetzte, hatte der Baron die schöne Fallschirmspringerin schon gepackt und hielt sie fest. Dennoch sträubte sie sich, kratzte, biss, schlug um sich und wand sich wie eine Schlange. Le Beau konnte sie kaum halten.

Aber der Baron machte diesem Ringen ein Ende. Er trat einen Schritt vom Jeep zurück, ließ aus einer kleinen Flasche etwas auf ein Taschentuch tropfen und presste das Tuch dann vors Gesicht des Mädchens. Nach einer halben Minute lag die Kämpferin friedlich da und schien tief und fest zu schlafen.

Le Beau wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Mein lieber Mann! Die Kleine gehört auf eine Olympiade. Das ist ja eine Katze. Was machen wir mit ihr?“

Lager IV.“ Mehr sagte der Baron nicht. Er setzte sich ans Steuer und gab Gas. Holpernd fuhr der Geländewagen über die Schotterstraße, auf der es von Schlaglöchern nur so wimmelte. Das Paar der Scheinwerfer zuckte weit in die Dunkelheit hinein und tastete sich bis ans Ende der Straßenschneise, wo der Urwald lichter wurde und in Steppengebiet überging. Schnurgerade zog sich die Straße durch die Wildnis.

Erst folgte Buschland dem Wald, dann rumpelte der Jeep durch steppenartiges Land bergauf. Die Straße zog sich wie eine Himmelsleiter aufwärts, als sei die Höhe nie zu erreichen. Aber das wirkte in der Dunkelheit nur so. Plötzlich fuhr der Land Rover auf ebenem Land, dann ging es in die erste Kurve seit Meilen, und von nun an wand sich die Straße serpentinenartig in ein Tal hinunter. Und dort brannten die Lichter. Dutzende erhellten eine Ansammlung geduckt stehender Baracken. In ihrer Mitte befand sich ein Turmgerüst, das aussah wie ein Bohrturm.


*


Lasst mich allein mit ihr!“, sagte der Baron und wartete, bis alle Männer den Barackenraum verlassen hatten.

Die Frau saß in der Ecke wie ein angeschossener Puma. Ihre Augen waren das einzige, das sich an ihr äußerlich bewegte. Unruhig, fast fiebrig blickte sie auf den Baron, dann wieder auf die Tür. Seit etwa einer halben Stunde war sie hier, aber erst seit einigen Minuten hatte sie ihr Bewusstsein wiedererlangt. Le Beau, der sie in diese Ecke auf ein paar Decken gelegt hatte, war auch sonst sehr sorgsam mit ihr umgegangen und hatte ihr sogar ein kleines Taschenmesser aus der Springerkombination gezogen. Um die Kombination genauer untersuchen zu können, hatte man sie dem Mädchen ausgezogen. Jetzt zeigte sich bei der Fremden erst richtig, wie gut sie gebaut war. Sie trug enganliegende Jeans, ein rot-blau kariertes Baumwollhemd, und der einzige Schmuck, den sie zu besitzen schien, war eine kleine Armbanduhr Schweizer Fabrikats. In der Kombination waren noch eingenähte Pulverriegel gefunden worden, die meist zusammen mit Plastiksprengstoff verwendet wurden. Den Plastiksprengstoff fanden sie auch. Den hatte das Mädchen in den dicken Springerstiefeln.

Jetzt allerdings war die junge Springerin barfüßig. Zusammengeduckt hockte sie auf dem festgestampften Lehmboden in ihrer Ecke und konnte die Verzweiflung in ihrem Blick kaum verbergen, obgleich sie sich darum bemühte.

Der Baron beobachtete sie wortlos. Sie war etwa sechsundzwanzig Jahre alt, vielleicht jünger. In einem Kleid, manierlich angezogen und irgendwo in einer Stadt hätte Alexander von Strehlitz sie für eine Studentin, für eine Chemikerin oder sonst etwas gehalten. Sie wirkte intelligent und wild zugleich. Ihre blauen leuchtend hellen Augen standen in seltsamem Kontrast zu ihrem Haar, das bei der schummrigen Beleuchtung einer Kerosinlampe dunkler wirkte, als es war. Sie sah wie eine Europäerin aus, nicht wie eine Mexikanerin.

Warum tut sie das? fragte sich der Baron. Warum sprengt sie Brunnen in die Luft, aus denen Hunderte von Menschen ihr Wasser bekommen sollen.

Warum versucht sie, die Leute aufzuhetzen, um einen Aufstand gegen jene zu entfachen, die gerade diesen Armen hier helfen wollen? Warum ist sie eine von denen, die Lastwagen mit Lebensmitteln und anderen Vorräten in die Luft jagen, obgleich das für eben jene, für die diese Frau und ihre Helfer das angeblich tun, erneut Hunger und Entbehrung bedeutet? Warum? Hundert Mal hätte der Baron das fragen können.

Warum tun Sie es?“, fragte er auf englisch und sah sie an, wie ein Arzt einen Patienten anblickt, dessen Krankheit er erst noch diagnostizieren muss.

Das Mädchen musterte ihn wütend und geradezu hasserfüllt. Dann sagte es mit kratziger, sich überschlagender Stimme: „Sind Sie etwa dieser Baron von Strehlitz, dieser blaublütige Kapitalist?“

Er lächelte. Groß, breitschultrig, wie er nun einmal war, bot er Frauen einen imponierenden Anblick. Er sah gut aus, und vielleicht musste ein Mann erst über die Vierzig sein, um das zu haben, was ihn auszeichnete. Die grauen Schläfen allein waren es bestimmt nicht. Aber vielleicht lag es an der tiefbraunen Haut, die von Nordmeerstürmen ebenso gegerbt worden war wie von der Tropensonne, in die Hagelschauer vor Kap Hoorn ihre Zeichen gegraben hatten und die von den Sandstürmen in der Gilawüste gepeitscht worden war. Das Paar seiner wasserhellen Augen schien zu leuchten. Er gehörte zu den Männern, die in Lumpen, im Nachthemd und im Frack gleichermaßen gut aussahen. Diese Überlegenheit spürte auch das Mädchen, aber es schien sich dagegen zu stemmen.

Ja", sagte er, „das mit dem blauen Blut stimmt, aber ich halte es für Zufall. Das mit dem Kapitalisten ist leider ein Trugschluss. Mir - und meinem Sekretär vor allem - wäre entschieden wohler, wenn mein Bankkonto nur Spuren von Kapitalismus aufzuweisen hätte. Leider ist dem aber nicht so, und das zwingt mich besonders bei dem Bau der Wasserversorgung in diesem Land zu Sparmaßnahmen, die unsere Sache ständig behindern. Fast so behindern wie das, was Sie und Ihre Leute tun. Und warum tun Sie das? Warum stören Sie Dinge, die dem Volk hier von größtem Nutzen sind?“

Sie tun es für diese amerikanischen Konzerne, die blutsaugerischen Kapitalistenbosse und ...“

Er unterbrach ihren Ausbruch und sagte knapp: „Jetzt weiß ich, woher Sie kommen. Und jetzt weiß ich auch alles, was Sie noch zu sagen haben. Es ist immer dasselbe, aber leider wendet ihr es nach einem Schema an. Ohne zu unterscheiden, wo es hinpasst und wo nicht. Hören Sie mir zu: Ich tue das nicht für einen Konzern, nicht für einen Kapitalisten, nicht für das, was Sie westlichen Imperialismus nennen. Ich tue es für ein paar Hundert dieser mexikanischen Hochlandbauern, die vor der Tür des Wohlstands sitzen, aber eben nur vor der Tür. Mit Ihren Parolen können die ihre Felder ebensowenig bewässern wie ihre Toiletten, obgleich Ihre Parolen dort ganz gut plaziert wären. Weil Sie hier Redensarten in jemanden eintrichtern wollen, bei dem sie gar nicht passen, so wenig wie ein Kanister Dieseltreibstoff einem Fahrer hilft, der einen Benzinmotor hat, dem das Benzin fehlt.

Was die Leute hier brauchen, meine liebe Genossin, das ist tätige Hilfe. Das sind einige tausend Dollar oder Pesos. Das sind ein paar zuverlässige Bagger und Erdbeweger, einige tausend Rohre für die Bewässerung. Mit Schlagworten bekommt man hier nicht einmal einen dünnen Pfahl in die Erde, und dadurch, dass Sie die Arbeit, die wir hier, tun, sabotieren, gewinnen Sie keinen einzigen Menschen für sich. Im Gegenteil. Wenn es Tag wird und im Lager nur ein Mexikaner erfährt, dass wir Sie erwischt haben, weiß ich nicht, wie wir Sie schützen können. Man wird versuchen, Sie zu lynchen. So hübsch Sie sind, für die Leute hier sind Sie ein Flintenweib. Nach Ihrem Parteibuch wird Sie keiner fragen.“

Sie schüttelte ihr Haar bis über die Schultern und vermied es, den Baron anzusehen. Als er erwähnt hatte, sie sei hübsch, war sie etwas errötet. Ihm war das nicht entgangen, und er sagte sich, dass sie doch so abgebrüht noch nicht sein konnte, wenn Komplimente Wirkung zeigten.

Plötzlich ruckte ihr Kopf wie bei einem Roboter herum, sie sah den Baron scharf an und sagte schrill: „Sie lügen! Ich glaube Ihnen nichts, kein Wort! Sie sind ein Kapitalist, und Sie haben Angst. Sie verbergen sich hinter diesen heuchlerischen Entschuldigungen und Lügen, die Ihresgleichen immer auf der Zunge hat. Sie wollen diese Menschen hier aussaugen, wie Sie und Ihre Klasse alles ausgebeutet und ausgesaugt haben. Auch die nach Öl gebohrt haben, sagten erst, dass sie der Menschheit wertvolle Bodenschätze erschließen wollten, dass sie den Armen zu Reichtum verhelfen könnten. Und was ist heute, wo die Amerikaner ihr Öl abpumpen? Armut, noch mehr Armut, ausgepresst werden die Menschen wie Zitronen, den letzten Cent holt ihnen eine raffinierte Werbung aus der Tasche. Coca Cola, General Motors oder Camel Zigaretten, für die jemand meilenweit geht, weil er den Lungenkrebs vermutlich nicht erwarten kann.“

Der Baron lächelte. „Sie reden auch diesmal nur Halbwahrheiten, aber auch das ist jetzt gar nicht so wesentlich. Sie und Ihre Freunde haben uns mit unserer Arbeit um Wochen durch Ihre Anschläge zurückgeworfen. Mein Sekretär kann so etwas in Zahlen lassen. Sie werden sich wundern, welche Rechnung wir Ihnen präsentieren. Aber da ist noch etwas, schöne Frau: als letztens ein Lastwagen zwischen Aricoba und dem Tal gesprengt wurde, waren Sie da auch beteiligt?“

Sie sah ihn aus schmalen Augen an. „Ich gebe darüber keine Auskünfte.“

Dann müssen wir annehmen, dass Sie dabeigewesen sind, oder nicht?“

Nehmen Sie an, was Sie wollen.“

Der Fahrer hatte neben sich seinen kleinen Jungen sitzen. Zweieinhalb Jahre alt. Der Fahrer wurde nur leicht verletzt, aber der Junge starb bei dem Attentat. Die Familie des Fahrers ist hier zahlreich vertreten. Wissen Sie, was Sie erwartet? Man wird sich hier nicht in Geduld fassen und Tage ausharren, bis die Landpolizei kommt. Man wird selbst Richter spielen, und meine Freunde und ich haben keine Chance, dieses Lager daran zu hindern. Beginnen Sie jetzt zu begreifen?"

Ich habe längst begriffen. Warum nehmen Sie denn Ihre Pistole nicht? Warum schießen Sie mich denn nicht nieder oder lassen es von einem Ihrer Sklaven tun? Was zögern Sie denn? Ich habe keine Angst. Ich weiß, wofür ich sterbe.“ Sie sah ihn trotzig an und schüttelte die Faust.

So regeln Sie die Probleme vielleicht, wir machen es anders. Sie werden morgen Mittag mit nach Aricoba genommen und von dort mit dem Flugzeug nach Puenta Pueblos gebracht. Dort übergeben wir Sie der Landpolizei. Was die mit Ihnen machen, werden Sie wissen, wenn Sie vor einem Vierteljahr gehört haben, was mit Ihrem Freund und Gesinnungsgenossen geschah, den die Rurales gefasst hatten. Sie wissen ja, dass in Mexiko vieles anders ist, Die Polizei, das muss man ihr lassen, ist sagenhaft geduldig, Ausländern gegenüber, wenn es Gäste sind.

Aber mit unerwünschten Ausländern und besonders mit solchen, die unerbetene Ideologien ins Land tragen, verfahren die Rurales ungewöhnlich hart. Es gibt Fälle, da spart man sogar die Fahrkarte bis an die Grenze. Bei Ihnen jedoch bin ich sicher, dass man Ihnen eine Freifahrt spendiert. Doch in diesen Feinheiten werden Sie vermutlich selbst sehr gut bewandert sein. James!“ Der Baron hatte sich zuletzt der Tür zugewandt, sie geöffnet und den Namen seines bulligen Fahrers gerufen.

Kurz darauf kam James. Groß, schwergewichtig und breit wie ein Schrank, ein Bär von einem Mann, dessen Gesicht gutmütig aussah. Darin waren sich James und die Bären gleich: sie wirken harmlos und sind es nicht.

Bringen Sie die Dame möglichst ungesehen in die vordere Kammer. Gut absperren, James!“

Geht klar, Chef!“ James wandte sich der Frau zu. „Kommen Sie!“, knurrte er, und wider Erwarten gehorchte die Frau.


*


Die Prospektoren und Geologen hatten in diesem Tal Wasser geortet. Die Probebohrung bestätigte später diese Berechnung, aber noch war der Brunnen nicht bis zum Wasser vorgedrungen. Er musste noch gut dreißig Meter abgetäuft werden, bis die Wasserader erreicht war. Dann aber würde das Wasser nach oben in Rohrleitungen gepumpt werden, die es an drei zentrale Punkte beförderten, wo es zunächst die Trinkwasserreservoire füllte. Das meiste Wasser aber konnte weiterfließen und durch ein bereits angelegtes Verteilersystem riesige Feldflächen fruchtbar machen, so dass hochwertige Feldfrüchte und Gemüse angebaut werden konnten. Dies alles galt nur für Camp IV, in dem knapp hundert Männer tagein, tagaus arbeiteten, angeleitet von einem Ingenieur oder direkt von Baron von Strehlitz oder Michel Dupont, genannt Le Beau.

Es gab noch drei weitere Camps, aber in allen war man schon mit den Brunnen auf Wasser gestoßen. Zweimal waren diese Brunnen bereits wieder mit Sprengungen zerstört worden, doch inzwischen förderten sie schon wieder. Riesige Felder waren bewässert und nach der Bewässerung bepflanzt worden. Wo vorher steppenartiges Hochland öde und vertrocknet, karg und unwirtlich sichtbares Zeichen von Hunger und Not der hiesigen Bewohner war, grünte jetzt eine üppige Vegetation. Denn der Boden war fruchtbar, wurde er benetzt. So fruchtbar, dass man mit einer Riesenernte rechnen konnte. Für Tausende hierzulande hieß das: endlich wieder satt werden, endlich wieder ein paar Pesos verdienen, endlich wieder wie ein Mensch leben.

Um diesen Plan überhaupt ausführen zu können, hatte Baron von Strehlitz zusammen mit seinen Freunden auf die verrückteste Art Geld aufgetrieben. Dennoch fehlten ihm die Mittel noch immer an allen Enden. Die Fortführung der Arbeiten in Camp IV waren in Frage gestellt, und jeder Aufenthalt verringerte die Chancen noch mehr. Zwar schufteten die Leute fast alle umsonst, weil sie dereinst die Nutznießer von all dem sein würden, aber das Material musste bezahlt werden, auch die Spezialisten bekamen Lohn.

Schon bei Beginn der Arbeiten stand fest, dass es auf jeden Peso, aber auch wirklich jeden, ankam. Die Sabotageakte einer Gruppe, die sich L. E. A. nannte, rissen schwere Lücken in den Finanzplan des Barons. Tausende von Dollars mussten zur Wiederherstellung der zerstörten Anlagen oder Fahrzeuge ausgegeben werden und fehlten für die Ausführung des Gesamtprojektes. Der Staat sprang nochmals mit einer Summe ein, doch das gesamte Geld wurde aufgebraucht, als der Brunnen von Camp drei gesprengt wurde. Den Schacht wieder neu abzutäufen, kostete fast soviel wie der Erstausbau.

Nach der Sprengung von Schacht III kam die Armee mit einem Zug Scharfschützen. Sie blieb drei Wochen lang, und in dieser Zeit kamen die Arbeiten gut voran. Die L. E. A. rührte sich nicht, jedenfalls nicht in dieser Gegend. Dann aber wurde dreihundert Kilometer weiter im Norden eine Eisenbahnbrücke gesprengt. Die Armee stieg auf die Lastwagen und zog nach Norden, um die Saboteure dort zu jagen.

Sie war keinen Tag weg, da flog unweit von Aricoba ein Lastwagen von Camp II in die Luft. Dabei starb das Kind des Fahrers. Von diesem Augenblick an schworen die Mexikaner, dass sie einen der Saboteure vierteilen würden, sollten sie seiner habhaft werden. Rache für Tonio! war ihr Schlachtruf. Tonio war jener kleine Junge, der im Lastwagen zerfetzt worden war.

Als das passiert war, verschwanden zwei Arbeiter aus Lager IV spurlos. Es waren jene Männer, die den anderen hatten immerzu einreden wollen, die ganze Arbeit nütze nur den amerikanischen Konzernen. Die anderen, die immer nur mit einem Ohr zugehört hatten, entsannen sich nach dem LKW-Anschlag der beiden sehr gut, aber da waren die schon verschwunden, als die Nachricht vom Tod des Kindes kam.

Jetzt, als es kurz vor sieben Uhr war und die Arbeiter in den Baracken frühstückten. machte eine andere Nachricht die Runde. Der Maurer Ibarez hatte in der Nacht den Land Rover des Barons ankommen sehen und entdeckt, dass jemand vom Fahrzeug in die Bauleitungs-Baracke getragen worden war. Später hatte Ibarez sich zur Baracke geschlichen und durch ein Astloch die Frau gesehen. Wenig später entdeckte er auch die Springerkombination der Frau, die Le Beau gerade untersucht hatte. Und nun wusste Ibarez Bescheid.

Als die Arbeiter frühstückten, begann schon etwas zu sieden, das so einfach nicht mehr abzukühlen war.

Sie muss weg, Alex!“, sagte Le Beau hastig. Der mittelgroße, drahtige Mann sah unruhig durchs Fenster auf den Vorplatz des Barackenkarrees. „Die Arbeiter haben etwas mitbekommen. Ibarez hat gesehen, wie wir sie gebracht haben. Jetzt will die ganze Meute das Mädchen aufhängen.“

Der Baron wandte sich der Tür zu, durch die gerade James kam. „Na?“

James hatte einen hochroten Kopf. „Die Leute wollen sie aufhängen. Sie müssen das Mädchen wegschaffen!“

Das habe ich schon gesagt“, meinte Le Beau. „Alex, was tun wir?“

Ist mit ihnen noch darüber zu reden?“, fragte der Baron.

Kaum“; erwiderte James. Er zuckte die Schultern. „Das mit dem Kind hat sie alle verrückt gemacht. Sie kochen fast über. Ich glaube, wenn man versucht, sie zurückzuhalten, werden sie nur noch wilder."

Was man verstehen kann“, erklärte Le Beau. „Wenn mein Junge bei dem Anschlag umgekommen wäre, wüsste ich nicht, was ich mit jemandem machte, der zu den Mördern gehört.“

Hört mal, sie hat das bestimmt nicht getan“, sagte der Baron. „Als ich es ihr erzählt habe, dass ein Kind umgekommen sei, machte sie nicht den Eindruck, als ließe sie das kalt. Und dann hätte sie irgendwie eine entsprechende Reaktion des Schuldgefühls zeigen müssen. Das war nicht der Fall.“

Komm nicht damit, Alex, diese Sorte ist eiskalt, viel kälter als ein Mann. Erinnere dich an die chinesischen Milizmädchen, die waren verrückt in ihrem hysterischen Fanatismus. Nein, ich traue der Kleinen nicht, so hübsch sie sein mag. Diese Sorte legt sich mit einem Mann ins Bett und lässt alles mit sich geschehen, um dem Mann nachher den Bauch aufzuschlitzen. Wir sollten uns nicht zu sehr den Kopf zerbrechen.“

Willst du zusehen, Le Beau, wie sie in die Kakteen geworfen wird? Mexikaner sind gutmütige Leute, solange sie nicht in helle Wut gebracht werden. Im Zorn sind sie sagenhaft grausam, Le Beau. weißt du nicht mehr, wie die Leute in Los Alamos über den Mann hergefallen sind, der die Frau angefahren hat? Oder die Sache mit der Lehrerin, die einen Castro-Anhänger verraten hat und dafür von mehr als vierzig Partisanen vergewaltigt wurde? Das kann dem Mädchen hier auch widerfahren.“

Ja, weg muss sie, aber ..

Nach Aricoba, und von dort schaffen wir sie im Postflugzeug nach Puenta Pueblo. Ich brauche einen Zeugen, ohne ihn können wir diese Burschen nicht zur Kasse bitten.“

Le Beau nickte. „Du willst sie also nicht direkt dem Gericht abliefern.“

Nein, ich will meinen Schaden bezahlt haben. Von den Aufständischen. Das Gericht bringt diese Person hinter Gitter, mir aber besorgt es keinen Peso. Ich habe heute Morgen darüber nachgedacht. Das Mädchen spielt in diesem Verein eine gewisse Rolle. Man wird sie sehr vermissen. Und sicher ist sie den L. E. A.Leuten etwas wert. Robert?“

Der Baron wandte sich einem Mann zu, der in der Ecke saß. Ein ziemlich korpulenter Glatzkopf, mit hoher Stirn, großen Augen, die durch dicke Brillengläser blickten, alles in allem der klassische Typ eines Schreibtischmenschen. Er hatte das Gedächtnis eines Elefanten und war Baron von Strehlitz' Sekretär.

Ja. Sir?"

Robert, wie hoch ist der Schaden, den uns die Rebellen verursacht haben?"

Zweiundfünfzigtausendvierhunderteinunddreißig.“

Darüber schreiben Sie mir noch eine Rechnung. Robert!“

Alex, die Leute sind auf dem Platz. Sie haben sich zusammengerottet", sagte Le Beau, der durchs Fenster blickte.

Ist der Hubschrauber klar?“, fragte der Baron.

Ist klar. Aber der Treibstoff reicht nicht bis Aricoba. Sie werden nachtanken müssen“, erwiderte James, der für so etwas zuständig war. „In der Lichtung haben wir noch zweihundert Liter liegen."

Also, Le Beau, du gehst jetzt zu ihnen. Robert und James, ihr versucht sie auch etwas aufzuhalten und ihnen zu erklären, dass ich das Mädchen brauche, um den Kopf der Bande zu erwischen.“

Warum denn so? Sagen wir doch, dass es um Geld geht.“ Le Beau wandte sich um.

Das interessiert sie nicht. Du sagst ihnen, dass ich den Anführer gegen das Mädchen haben will. In der Zeit bin ich dann weg. Los, 'raus mit euch jetzt! Und keine harten Worte, Leute!“


*


Sie presste sich in die Ecke und sah ihn aus ihren großen Augen an. Alles an ihr war Widerstand, war Furcht und Trotz zugleich.

Die Mexikaner haben erfahren, dass wir Sie haben. Man will Sie lynchen, wie ich das befürchtet habe. Kommen Sie rasch. Wir haben noch eine kleine Chance, aber es kommt auf Sekunden an. Voran!“ Er fasste sie am Arm.

Sie riss sich los. „Fürchten Sie, dass man es Ihnen später vorwirft? Glauben Sie, dass Sie ein Held sind, wenn Sie mich vor dem Mob bewahren, um mich nachher einem Polizeischergen auszuliefern?“

Der Baron hatte keine Lust zum Diskutieren, und er wusste auch, was auf dem Spiel stand. Nein, dachte er. ich kann es mir nicht leisten, einem Lynchmord zugesehen zu haben. Außerdem bringt das nichts ein.

Er packte erneut zu, und diesmal hatte er sie mit eisernem Griff. Als sie sich losreißen wollte, hatte er sie mit einem Ruck auf den Armen, wie schon Le Beau mit ihr fertig geworden war. Sie wehrte sich verzweifelt, aber es nutzte ihr nichts. Er lief mit ihr durch die hintere Tür zum Geräteschuppen, dann hinaus auf den rückwärtigen Abstellplatz für die Fahrzeuge, und dort im Schutz der Lastwagen bis hinüber zum Hubschrauber. in dem James saß. Kaum sah der bullige Mann seinen Chef, startete er den Rotor. Der Helikopter begann zu brummen, der Rotor drehte sich, und der Baron schleppte die sich noch heftig wehrende Frau zur Maschine.

James sprang hinaus, half, die Frau in die Kabine zu schieben und keuchte: „Schnell, da kommen schon welche! Schnell. Chef!“

Der Baron war schon in der Kabine, setzte sich, griff zur Steuerung und gab Gas. James rannte geduckt zur Seite, während die fünf Männer, die von den Baracken her angerannt kamen, wie gebannt stehenblieben und verblüfft auf den Hubschrauber starrten.

Der Helikopter hob sich, und die Frau meinte eine Chance nutzen zu können. Sie sprang von ihrem Sitz hoch und versuchte, dem Baron das Ruder aus den Händen zu stoßen. Aber es misslang, und statt dessen wurde sie von einer Armbewegung Alex von Strehlitz’ wieder in ihren Sitz gefegt und rein zufällig so hart an der Magengrube getroffen, dass ihr die Luft ausging und sie verzweifelt um Atem rang.

Als sie dann wieder klar denken konnte, befand sich der Helikopter schon weit über dem Tal und zog geradewegs nach Südosten. Und dort irgendwo unter ihnen teilte auch die Schotterstraße die Steppe,

Eins zu null für Sie“, sagte die Frau und sah den Baron von der Seite an.

Er blickte unbeirrt nach vorn, als erlaube ihm seine Tätigkeit noch nicht einmal einen kurzen Seitenblick. Doch er antwortete: „Sie halten das alles für einen Witz, nicht wahr? Aber es war bitterer Ernst, und fast hätten Sie sich die Chance genommen, die ich Ihnen geschaffen habe. Sie sind eine Närrin, wenn auch eine hübsche. Wie heißen Sie überhaupt?“

In der Gruppe nennen sie mich Katja“

Aha. Klingt ja so slawisch wie Ihre Ideologien, die Sie verbreiten möchten. Hat das schöne Kind noch einen Familiennamen?“

Der ist Schall und Rauch. Ich erinnere mich nicht.“

Also sind Papa und Mama bürgerliche, solvente Leute, sogenanntes Establishment, dessen Sie sich schämen. In Ihrer neuen Umgebung gilt Armut. Deshalb wird der Familienname verschwiegen. Richtig?“

Sie schwieg, und für ihn war das auch eine Antwort.

Er blickte kurz nach unten. Sie befanden sich bereits unweit der Stelle, wo Katja abgesprungen war. „Ich nehme an, Sie fühlen sich berufen, große Dinge zu tun. Hat Sie jemand enttäuscht? Ich meine, vielleicht ein Mann, ein Liebhaber, vielleicht Ihre Umgebung? Im Prinzip sind Leute wie Sie mutig, haben Zivilcourage, aber noch öfter ist es Geltungsbedürfnis. Denn wer gibt Ihnen etwas für das, was Sie tun?“

Muss man ernten, wenn man ein paar Krümel Saat verstreut?“, fragte sie.

Er lächelte. „Ich gehöre zu denen, die keine Saat verstreuen, wenn sie nicht auch ernten möchten. Mein Motto ist: Bereite anderen ein besseres Dasein, und du darfst dir selbst auch ein paar fette Brocken nehmen. Sozusagen zur Belohnung. Ich lebe gerne gut, Katja. Aber ich meine, dass wir alle eine Verpflichtung haben, jenen, denen es dreckig geht, zu helfen, wenn wir es nur können. Und wir können es durchaus.“

Vorwände und Ausreden. In Wirklichkeit denken Sie anders.“

Ich habe keinen Grund, Ihnen oder etwa mir selbst etwas vorzumachen, Katja. Sind Sie übrigens Deutsche?“

Ich stamme aus Österreich.“

Ein sympathisches Land, Zentrum der Musen. Schwer, sich vorzustellen, dass dort auch Rebellen geboren werden.“

Sie schwieg verbissen, und der Baron flog jetzt auf jene Lichtung im Urwald zu, wo Treibstofffässer deponiert waren. Der Tank des Hubschraubers war fast leer. Wegen der Wasserverseuchung nach Sprengstoffanschlägen hatte der Baron die Treibstoffvorräte alle aus Camp IV wegschaffen und auf andere Camps verteilen lassen. Für Camp IV war dann noch zusätzlich unweit der Straße auf dieser Lichtung ein kleines Depot angelegt worden. Die Lichtung war groß genug, um mit dem Helikopter zu landen und zu starten.

Der Baron brachte die Bell sanft wie ein rohes Ei hinunter und stoppte den Rotor.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738912258
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Juli)
Schlagworte
baron katja rebellin

Autor

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Titel: DER BARON #5: Katja, die schöne Rebellin