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Ist unsere Liebe stark genug?

2017 120 Seiten

Leseprobe

Ist unsere Liebe stark genug?



Roman






IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2017

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

Originaltitel: Wenn nur die Hoffnung bleibt

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




Klappentext:

Eigentlich wollte die junge Internistin Beate Feldhaus nur eine enttäuschende Beziehung mit einem Kollegen vergessen, als sie mit Ihrer Freundin zusammen zu einem Urlaub in Spanien aufbricht. Aus einem harmlosen Blechschaden an ihrem Auto wird eine Begegnung, die ihr Leben grundlegend verändern wird: Sie lernt den Ingenieur Günter Müller kennen und lieben. Günter zuliebe verzichtet Beate auf ihren komfortablen Job an einer renommierten Uniklinik unter der Leitung ihres Vaters. Stattdessen übernimmt sie die Praxis eines Landarztes. Doch Beates Glück ist nicht ungetrübt: Ihre Familie intrigiert gegen die in ihren Augen nicht standesgemäße Beziehung mit einem Nicht-Mediziner. Obendrein holt das Schicksal zu einem Schlag aus, der Beates Welt in ihren Grundfesten erschüttert und von ihr alles abverlangt, das ein Mensch geben kann, um eine große Liebe zu retten …




Roman:

Man sagt, dass große Ereignisse ihre Schatten vorauswerfen. Aber an jenem sonnigen Junitag deutete nichts auf ein großes Ereignis hin. Alles war wie immer.

Seit zwei Stunden versah ich meinen Dienst in der Klinik. Im Augenblick befand ich mich in der Intensivstation. Wir hatten Schwierigkeiten mit dem Kreislauf eines gestern am Magen operierten Patienten. Immerhin war es gelungen, die Krise zu überbrücken. Dem Mann ging es wieder besser, und ich wollte gerade ein paar Worte mit dem diensttuenden Oberarzt der Intensivstation sprechen. Da rief mich einer der grünen Engel, die auf der Intensivstation Dienst tun, die kleine, immer freundliche Schwester Ria aus Korea.

Fräulein Doktor Feldhaus, ein Anruf von Doktor Schäfer für Sie. Er hat schon mehrmals angerufen. Aber ich wollte Sie nicht holen. Sie waren gerade auf Zimmer drei.“

Ich lächelte zurück, ging dann vorn im Gang hinter der Desinfektionsschleuse ans Telefon und meldete mich. Aber es war nicht Dr. Schäfer, sondern das Sekretariat vom Chefarzt.

Einen Augenblick, Fräulein Doktor“, sagte die Sekretärin, „der Herr Oberarzt war eben dran. Aber er kommt sofort zurück. Können Sie warten?“

Ja, ich warte“, erwiderte ich.

Ich hatte ein paar Sekunden, in denen ich Muße fand, über Heinz und mich nachzudenken.

Dr. Heinz Schäfer war Oberarzt in der Inneren Station. Der Chef war mein Vater, Professor Dr. Feldhaus, und ich arbeitete da seit einem guten Jahr als Stationsärztin.

Alles, auch der Erfolg, schien in meinem Leben vorgezeichnet. Mein Onkel war ein berühmter Chirurg, mein Vater ein ebenso bekannter Internist. Mein Großvater schon war Arzt gewesen. Auch dessen Frau hatte sich als Ärztin einen Namen erworben. Und so lag es auf der Hand, dass auch ich Ärztin werden sollte. Ich wollte es. Mein Bruder studierte Medizin und würde eines Tages auch auf diese Bahn einschwenken, die wir alle gegangen waren. Meine Mutter allerdings war keine Ärztin gewesen. Sie hatte Pharmazie studiert und vor ihrer Ehe als Apothekerin gearbeitet. Auch sie kam also mehr oder weniger aus dem Bereich der Medizin.

Heinz genoss die besondere Wertschätzung meines Vaters. Er galt als talentiert, und Papa hatte ihn schon zum Oberarzt gemacht, als Heinz erst zweiunddreißig war. Für alle im Hause war es klar, dass er eines Tages auf Papas Stuhl sitzen würde.

Beate“, meldete sich Heinz, „ich habe alles für unseren Urlaub klargemacht. Die Buchung steht. In vierzehn Tagen können wir fahren.“

Ich war so überrascht, dass mir zunächst einmal die Sprache wegblieb. Da hatten wir erst vorgestern Abend vereinbart, dass wir alles gemeinsam planen wollten, und ich freute mich natürlich darauf wie ein Kind, denn Reisen war mein ein und alles.

Bisher hatte ich mir alles vorschreiben lassen, ohne dagegen aufzumucken. Mein Vater war der Meinung gewesen, ich sollte Ärztin werden, und ich war Ärztin geworden. Auch mein ganzer Lebenswandel, dieses festgeformte, vorbestimmte Dasein zu Hause und im Beruf –

dies alles hatte ich wie etwas ertragen, das einfach sein musste. Aber mit dem Planen einer Reise war etwas aufgerissen worden, dessen ich mir in diesen Augenblicken bewusst wurde. Ich hatte das Gefühl, dass Heinz eine Entscheidung gefällt hatte, die eigentlich zur Hälfte mir zustand. Er konnte nicht allein so entscheiden. Ich sagte:

Wir haben zwar besprochen, dass wir die Reise gemeinsam …“

Aber, mein Liebes!“ unterbrach er mich, und seine Stimme klang beschwörend.

So ähnlich, wie man mit einem kleinen Kind spricht, das plötzlich aufbegehrt.

Natürlich wollten wir es besprechen. Aber wenn wir uns jetzt nicht entscheiden, sind alle Reisen weg. Du weißt doch, wie das so ist, wenn man etwas buchen will. Und bisher habe ich doch alles sehr gut für dich miterledigt, nicht wahr?“

Vielleicht war es auch sein väterlicher Ton, diese Arroganz, die da mitschwang in seinen Worten, was mich zur Besinnung kommen ließ. Ich wollte ganz einfach nicht mehr ein Abklatsch von dem sein, was Vater und Heinz für mich dachten und was Mama guthieß. Ich wollte endlich ich selbst sein, und wenn es nur für diese lächerliche Reise war.

Heinz redete und redete. Ich hörte nur halb zu. Als er fertig war, sagte ich:

Ich will nicht wissen, was du gebucht hast, und es interessiert mich nicht, wann du verreisen willst, solange ich das nicht mit dir besprochen hatte. Du kannst nicht einfach hingehen und über meinen Kopf hinweg Termine abmachen.“

Aber, Beate, was ist nur mit dir los?“ rief er, und nun klang auch seine Stimme etwas verstört. „Warum bist du so trotzig? Also komm erst mal aus der Intensivstation. Ich habe im Augenblick noch einen Fall zu erledigen. Wir können dann anschließend über alles reden.“

Genau das wollte ich jetzt nicht. Ich konnte mir schon vorstellen, wie er versuchen würde, sich zu rechtfertigen und mich zu überreden, seiner Vorentscheidung zuzustimmen.

ln diesen Augenblicken war ich fest entschlossen, mir nichts von ihm vorschreiben zu lassen. Sie hatten mir so viel vorgeschrieben – nun wollte ich nicht mehr. An dieser Reise war es gescheitert. Es war der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Ich ging durch die Schleuse und verließ die Intensivstation. Als ich wieder in der Inneren Abteilung war, kam prompt Heinz aus seinem Zimmer gestürzt, sah mich und lief auf mich zu. Sein Gesicht war gerötet. Ich fragte mich, was wohl der Grund für seine Erregung sein mochte. dass ich dieser Grund sein konnte, darauf kam ich gar nicht. Er warf einen Blick in die Runde, ob wir auch allein waren, und sah mich dann vorwurfsvoll an.

Was ist nur in dich gefahren?“ fragte er – wiederum in einem so überheblichen Ton, als sei ich ein Kind, das seinen Lehrer maßlos enttäuscht hatte.

Ich blickte ihn an und musterte ihn auf eine Weise, wie ich es vordem noch nie getan hatte.

Er war nicht viel größer als ich und hatte ziemlich spärliches blondes Haar. In der Mitte war es so dünn, dass man die Kopfhaut erkennen konnte. Auch seine Augenbrauen waren relativ dünn. Das Gesicht wirkte oval. Seine Augen, die mich so unduldsam anblickten, waren von leuchtendem Blau. Durch die Goldrandbrille bekam sein Gesicht etwas Strenges. Streng war auch sein schmaler Mund. Sonst wirkte alles an ihm korrekt. Er war ein Ausbund an Zuverlässigkeit. So straff und präzise wie seine Krawatte saß, so war Heinz auch im Wesen.

Bis jetzt hatte mir das imponiert, aber im Augenblick missfiel es mir. Er war einfach in allem zu gerade, zu gebügelt, zu straff, zu sehr der Musterschüler meines Vaters.

In diesen Sekunden, da er vor mir stand, überkam es mich. Es war eine Situation, die ich in anderer Form schon einmal als Kind verspürt hatte. Damals war mir von einer Tante ein Pullover gestrickt worden, und diese Tante mochte ich nicht. Folglich wollte ich auch diesen Pullover nicht tragen. Er kratzte, er war mir zuwider, schon als ich ihn anprobierte. Und im Augenblick hatte ich ein ähnliches Gefühl. Ich meinte, mich umziehen zu müssen.

Heinz sah mich unerbittlich an – streng und immer noch unduldsam. Er konnte es nicht verstehen, dass ich plötzlich widerstrebte. Er runzelte die Stirn. Viel fehlte nicht, und er hätte den Kopf geschüttelt, verständnislos über so viel Widerborstigkeit.

Ich möchte dir etwas sagen“, erklärte ich ihm. „Fahr hin, wohin du willst. Ich möchte nicht mit dir in Urlaub fahren. Nirgendwohin. Ich möchte jetzt endlich einmal meinen Urlaub so machen, wie er mir gefällt. Als Kind musste ich mit meinen Eltern verreisen – in irgendein Seebad. Ich wurde mitgeschleppt zu Freunden und Bekannten, statt in der Sonne liegen zu können oder im Meer herumzuplantschen. Noch schlimmer waren die Urlaube beim Bruder meiner Mutter. Bei ihm, dem Onkel Rektor, wurde man von früh bis Abend belehrt. Das war eine Fortsetzung der Schule in den Ferien. Auch diesen Onkel konnte ich nicht ausstehen. Die Urlaube dort waren mir alle verhasst. Das war kein Urlaub, das war Zuchthaus. Und später habe ich das getan, was meine Eltern für guthielten, und schließlich das, was du für guthieltest. Jetzt ist Schluss.“

Um Himmels willen, nun schrei doch nicht so!“ mahnte er. „Komm mit in mein Büro. Wir können da in Ruhe reden.“

Ich will nicht in dein Büro. Ich will überhaupt nirgendwohin. Ich möchte das tun, was mir gefällt. Du hast mich verstanden! Du kannst in Urlaub fahren, wohin du willst, und ich fahre dahin, wo ich will.“

Aber darüber können wir doch reden, mein Gott. Du brauchst doch nicht gleich so aufzubegehren.“

Ich hätte lachen können. Jetzt, da er fürchtete, dass ich ihm entglitt, und er erkannte, dass er mich im Grunde nie gehabt hatte, da auf einmal war er bereit, mit mir über meine Vorstellungen zu diskutieren. Er nahm meinen Arm und sagte:

Komm mit! Komm, wir gehen in mein Büro!“

Er wollte mich mitziehen. Aber seine Berührung war mir zuwider. Ich riss meinen Arm von seiner Hand los und fauchte ihn an:

Lass mich los! Ich weiß selbst, wohin ich zu gehen habe.“

Er wurde zornig, griff wieder zu, packte mich am rechten Oberarm und fuhr mich an:

Du machst mir hier keine Szene! Nicht in diesem Haus!“

Lass mich los! Du tust mir weh!“, rief ich.

Am Ende des Korridors kam gerade eine Schwester, und er ließ mich sofort los. Zornschnaubend stieß er hervor:

Darüber reden wir noch. Wir sind ja heute Abend zusammen bei …“

Ich hob abwehrend die Hand und schüttelte den Kopf.

Oh nein! Da bin ich heute Abend auch nicht. Alles das ist gestorben. Ich werde jetzt mit Papa reden und ihn um Urlaub ersuchen.“

Völlig fassungslos starrte er mich an. Schließlich sagte er fast tonlos:

Ich glaube, du hast wirklich Urlaub nötig. Was, um Himmels willen, ist nur in dich gefahren?“

Ich“, erwiderte ich lächelnd. „Ich selbst bin in mich gefahren. Ich habe diese Puppe, die bis jetzt an den Fäden herumgetanzt ist, mit Leben erfüllt. Sie will nicht mehr an den Fäden tanzen, diese Puppe. Das ist es.“

Ich drehte mich abrupt um, ging den Gang entlang und steuerte auf das Chefarztzimmer zu. Ich wusste, dass Papa da war.

Als ich hineinkam, behandelte er gerade eine Privatpatientin. Zornig wandte er sich wegen der Störung um, erkannte mich aber, und sein Gesicht entspannte sich.


*


Papa war das, was man einen gutaussehenden älteren Herrn nennt. Er sah wirklich prächtig aus. Auf Frauen wirkte er trotz seines weißen Haares – oder gerade deswegen. Im Grunde hatte er ein junges Gesicht. Aber das Bezauberndste an ihm waren seine Augen und seine Stimme. In seinem Blick lag eine Wärme, die Vertrauen einflößte. Und wenn er sprach, konnte einen das regelrecht einlullen. Wie oft war ich zu ihm gekommen, aufgewühlt bis zur letzten Zelle meines Körpers, und ihm war es gelungen, mich mit drei Sätzen so zu beruhigen, wie ihm das bei den meisten seiner Patienten gelang. Papa war einfach fabelhaft.

Eigentlich hatte ich alle Männer bisher mit Papa verglichen, und sie alle waren bei diesem Vergleich schlecht weggekommen. Auch Heinz war es so ergangen.

Eine Kleinigkeit nur“, sagte ich, während ich die Patientin, eine ältere Dame, anlächelte und mich dann wieder meinem Vater zuwandte. „Kann ich nachher mit dir sprechen?“

Aber natürlich, mein Kind! Entschuldigen Sie, gnädige Frau. Meine Tochter ist Ärztin wie ich.“

Es folgte die übliche Begrüßung, dann schloss Papa seine Untersuchung ab, während ich mich hinter seinen Schreibtisch setzte und kleine Männlein auf den Rezeptblock kritzelte. Als die Patientin wieder nebenan war, um sich anzukleiden, kam Papa zu mir und setzte sich neben mich auf den Rand des Schreibtisches. Er nahm den Brieföffner und fuchtelte damit herum wie mit einem Schwert.

Na“, fragte er, „was ist passiert?“

Wieso passiert?“, wollte ich wissen.

Weil ich dir an der Nasenspitze ansehe, dass etwas passiert ist.“

Papa und ich verstanden uns sehr gut. Und wenn ich jemanden in der Familie sehr liebte, dann ihn.

Na ja“, sagte ich. „Du hast recht. Ich möchte Urlaub haben.“

Er blickte mich verständnislos an.

Aber ihr fahrt doch erst in drei Wochen, denke ich.“

Ich habe nicht gesagt, dass Heinz Urlaub haben möchte, sondern dass ich welchen will, und zwar am besten ab morgen früh.“

Morgen früh?“ meinte er fassungslos. „Ja, aber …“

Ich merkte, dass ich ihm etwas erklären musste. Es würde ihn hart treffen, darüber war ich mir in diesem Augenblick klar.

Papa, ich habe Heinz nicht gesagt, dass es aus ist. Aber es ist aus.“

Aus mit ihm? Aber ihr habt euch doch …“

Ich zuckte die Schultern.

Ich glaube, ich habe mir etwas vorgemacht. Ich bin mit ihm gegangen. Brav wie ein Schäfchen habe ich mich mit ihm ins Theater und ins Konzert gesetzt. Wir waren tanzen, haben nebeneinander an der Bar gestanden – und vor allen Dingen haben wir zusammen gearbeitet. Immer wieder wurde ich von diesem und jenem darauf hingewiesen, wie wunderbar er und ich zusammenpassten. Auch du und Mama habt das behauptet. Aber wir passen gar nicht zusammen. Alles bei ihm ist vorgeplant. Er ist so korrekt, dass es mir auf die Nerven geht. Nichts geschieht rein zufällig. Es gibt keine spontanen Gefühlsausbrüche.“

Ja, aber – du bist doch schließlich mit ihm verlobt“, meinte Papa. „Du hast ihn doch nicht auf der Straße aufgelesen. Als du dich verlobt hast, musst du doch gewusst haben, was du für ihn fühlst.“

Ich nickte.

Ich weiß, Papa“, sagte ich. „Du hast völlig recht. Es war voreilig und dumm von mir. Aber ich hatte gedacht, wenn alle mir sagen, dass wir gut zusammenpassen, so wird es ja stimmen. Ich habe all die Zeit nur das getan, was andere für richtig hielten. Aber jetzt, Papa, jetzt möchte ich endlich einmal tun, was mir gefällt.“

Er stand auf und stopfte seine Hände in die Taschen seines Kittels, dass ich sehen konnte, wie er sie zu Fäusten ballte. Dann marschierte er vor dem Schreibtisch auf und ab.

Ich versteh’ dich ja“, sagte er, ohne mich anzusehen.

Er blickte indessen zur Decke des Zimmers.

Und ob ich dich verstehe! Das ist ein Ausbruch, vielleicht eine Laune. Ist Heinz bei dir irgendwo zu weit gegangen?“

Ich schüttelte den Kopf und musste lächeln.

Heinz geht nie zu weit“, erwiderte ich.

Er blieb abrupt stehen und blickte mich an.

Was willst du damit sagen? Soll das etwa heißen, dass ihr beide …“

Er räusperte sich.

Ich meine … Also sagen wir: Du bist nicht glücklich mit ihm.“

Mit dem, was du jetzt meinst, Papa“, erwiderte ich lächelnd, „bin ich es nicht. Aber ich weiß nicht, ob man da noch glücklicher sein kann. Ich habe keine Erfahrung.“

Er ging zum Fenster, starrte hinaus und wandte mir den Rücken zu.

Ich kann mich noch erinnern“, sagte er, ohne mich anzusehen, „als du vierzehn warst. Damals hast du irgendeinen Filmschauspieler oder Schlagersänger verehrt. Eine wilde Schwärmerei! Du wolltest unbedingt zu ihm nach Berlin fahren und ihn besuchen.“

Ich konnte mich daran erinnern. Aber bevor ich etwas dazu sagen konnte, fuhr er fort: „Und dann kam die Geschichte mit deinem Englischlehrer, diesem … Na, wie hieß er doch gleich?“

Doktor Feder!“

Ach ja“, meinte er. „Für den hast du auch so geschwärmt und bist alle naselang zu ihm gelaufen, obgleich du musstest, dass er verheiratet war und zwei kleine Kinder hatte.“

Stimmt gar nicht so. Doktor Feder sah gut aus, und er war das Idol meiner Mädchenträume.“

Ich musste über mich selbst lachen, als ich das sagte. Aber ich wurde wieder ernst und fuhr fort:

Heinz passt nicht zu mir. Ich weiß jetzt, dass unser ganzes Verhältnis ein Irrtum war.“

Ich glaube jetzt auch, dass du Urlaub haben musst“, meinte Papa und sah mich in väterlicher Sorge an.

Genau das hat Heinz auch gemeint.“

Wahrscheinlich hatte er recht.“

Kann sein. Aber ich glaube, ihr nehmt es auf die leichte Schulter. Ich meine es ernst. Ihr alle tut so, als sei ich noch ein Kind. Und wenn ich mal meine Meinung äußere, dann reagiert ihr mit der Nachsicht, die man Einfällen eines Kindes gegenüber aufbringt.“

So kannst du das doch nicht sehen. Das ist eine überspitzte Formulierung. Natürlich empfinde ich viele deiner Vorstellungen als etwas zu kapriziös. Aber Heinz wird doch nicht …“

Ich schüttelte den Kopf.

Bei dir habe ich Verständnis, wenn du so denkst. Du bist mein Vater und wirst in mir noch das Kind sehen, wenn ich viel älter bin als jetzt. Ich bin immer dein Kind. Aber Heinz ist noch schlimmer. Und ich bin nicht sein Kind. Ich war bis jetzt seine Verlobte, und ich werde ihm sagen, dass ich diese Verlobung auflöse.“

Aber nicht doch, Kind!“, meinte Papa. „Wenn du wirklich in Urlaub fahren willst, um dich einmal zu entspannen und um über alles nachzudenken, verstehe ich das. Und wenn du danach deine Verlobung auflöst, dann hast du dir das alles überlegt. Aber wenn du es jetzt tust, geschieht es aus einer Laune heraus.“

Nein, Papa. Im Grunde habe ich schon oft darüber nachgedacht und doch nie so empfunden. Aber als er jetzt mitteilte, er hätte schon unseren Urlaub gebucht und alles sei klar, da ist bei mir eine Klappe gefallen. An dieser Urlaubsreise ist alles zerbrochen.“


*


Ich hatte erwartet, dass er jetzt widersprechen würde. Statt dessen aber sagte er zu meiner Überraschung:

Also, mir hätte das auch nicht gepasst. Da ist er zu weit gegangen. Und überhaupt, man sollte einer Frau keine Vorschriften machen.“

Jetzt war ich überwältigt. Das sagte Papa? Der selbstgerechte, mit sanfter Gewalt daheim und auch hier regierende Papa?

Das meinst du nicht ernst“, sagte ich.

Doch, ich meine es bitter ernst“,behauptete er. „Also, du willst in Urlaub fahren? In Ordnung, der Urlaub ist genehmigt. Die Formalitäten bei der Verwaltungsdirektion erledige ich. Wenn du willst, kannst du sofort aufhören. Darf man fragen, wohin du willst?“

Ich müsste lügen, würde ich dir jetzt schon sagen können, wohin ich fahre. Aber ich garantiere dir, dass ich morgen früh fahre und dass ich heute Abend schon weiß, wohin.“

Allein? Oder ist das indiskret, wenn ich das wissen möchte?“

Auch das kann ich dir nicht beantworten. Aber ich werde es dir sagen. Es kann sein, dass ich mit Annette fahre.“

Mit Frau Doktor Rieder?“

Ich nickte.

Ihr Urlaub fängt nämlich morgen an. Sie will nach Spanien.“

Er grübelte, und dann kam die Frage, auf die ich jetzt schon wartete:

Ist sie nicht verheiratet?“

Geschieden“, erwiderte ich, „wusstest du das nicht?“

Nein, ich kümmere mich im Prinzip nicht um die Privatangelegenheiten meiner Ärzte und Ärztinnen. Und im Übrigen ist sie eine Anästhesistin und untersteht der Chirurgie und nicht mir.“

Ich weiß noch nicht, ob ich mitfahren kann. Es kann sein, dass mir etwas anderes einfällt. Dann fahr’ ich allein.“

Papa nickte.

Warst du schon bei Mama?“, fragte er.

Ich schüttelte den Kopf. Zu Mama hatte ich in letzter Zeit ein gestörtes Verhältnis. Wenn ich es mir so recht überlegte, verdankte ich die Verbindung mit Heinz im Grunde ihr. Er war ihr Ein und Alles. Und vielleicht war es das, was mir in letzter Zeit an ihr nicht gefiel. Damit drückte ich im Grunde nur meine Ablehnung gegen Heinz aus.

Zwei Telefonanrufe unterbrachen unsere Unterhaltung. Ich musste mich verabschieden, und Papa hatte keine Zeit mehr für mich. Er rief mir nur noch nach:

Mach jetzt Schluss! Es geht auch einen halben Tag ohne dich. Und morgen bekomme ich eine Vertretung. Das nehme ich schon in die Hand. Du brauchst dich um nichts zu kümmern. Spann einfach aus, und erhol dich gut, mein Kind!“

Als ich mich in der Tür noch einmal umdrehte und ihn ansah, erwiderte er meinen Blick, und es sprang jener Funke zwischen uns über, der uns schon immer verbunden hatte. Ich wusste in diesem Augenblick, dass es niemand auf der Welt gab, der mich so gut verstand wie er. Und so lächelte ich ihn dankbar an, bevor ich die Tür hinter mir schloss.


*


Als ich die Klinik verließ, war mir wie damals am letzten Schultag vor den großen Ferien. Überhaupt erinnerte mich vieles an früher, an das Unbeschwerte der Schulzeit. Erst wenn ich gründlicher in meiner Erinnerung kramte, kam ich dahinter, dass die Schulzeit so unbeschwert gar nicht gewesen war.

Ich fuhr in meinem kleinen Wagen nach Hause und war erleichtert, als ich dort Mama nicht antraf. Auch unser Mädchen schien weggegangen zu sein. Ich konnte ungestört und ohne lästige Fragen beantworten zu müssen meine Urlaubssachen packen. Zwischendurch rief ich Annette an.

Wir waren zusammen in die Grundschule, später ins Gymnasium und noch lange Zeit gemeinsam auf die Universität gegangen. Erst in der Facharztausbildung hatten sich unsere Wege getrennt. Ich musste, dass Annette eine Autowanderung durch Spanien machen wollte, um abseits der touristischen Elefantenpfade Spanien zu entdecken. Und ich musste auch, dass Annette Begleitung suchte. Gestern noch hatten wir darüber gesprochen, und heute musste sie zu Hause sein, denn das war ihr erster Urlaubstag.

Sie meldete sich, und ich sagte:

Annette, was glaubst du, was passiert ist?“

Ich bin keine Hellseherin“, erwiderte sie mit dunkler Stimme.

Ich lachte und sagte:

Ich habe Urlaub genommen. Er hat schon begonnen. Du suchtest doch eine Begleiterin für deine Autowanderung.“

Stimmt“, sagte sie. „Willst du etwa …?“

Was heißt etwa? Ich möchte sehr gern. Wenn du mich mitnimmst?“

Natürlich würde ich dich mitnehmen, aber was sagt Doktor Schäfer dazu?“

Ist er mein Vormund?“, erkundigte ich mich.

Sie lachte dunkel.

Natürlich nicht.“

Sie räusperte sich.

Willst du damit etwa sagen, dass ihr zwei auseinander seid?“

Darüber muss ich noch nachdenken“, erklärte ich. „Also, du bist einverstanden, wenn ich mitkomme?“

Einverstanden ist gut. Ich bin begeistert. Wie lange brauchst du, um deine Sachen zu packen. Ich wollte im Grunde heute schon fahren.“

Meine Sachen sind gepackt. Wenn du in fünf Minuten vor der Tür stehst, wäre ich schon bereit.“

Sagen wir in einer halben Stunde“, meinte sie erfreut. „Ich bin ganz hingerissen von dir, Beate. Ich glaube, das wird ein schöner Urlaub. Ich hatte gar nicht mehr so richtig Lust, wusste nicht, mit wem ich fahren sollte. Allein traute ich mich nicht. Aber jetzt wird es schön. Ich weiß, dass es schön wird. Ich beeile mich.“

Eine halbe Stunde später, auf die Minute genau, war Annette unten vor der Tür.


*


Annette war im Grunde das, was man ein Glückskind nennt. Die Natur hatte ihr strahlende Schönheit verliehen. Sie besaß dunkles, fast schwarzes Haar und hatte hellblaue Augen – ein Kontrast, der nicht nur Männer faszinierte. Sie war gertenschlank, und dennoch war nichts an ihrem Äußeren unterentwickelt. Sie hatte etwas Rassiges an sich und besaß die Gabe, sich so zu bewegen, dass es Männer in ihren Bann schlug. Männer spielten überhaupt in Annettes Dasein eine bedeutende Rolle. Sie waren Annettes Glück, aber auch ihr Unglück.

Dabei war sie eine gute Ärztin. Sie versah ihre Arbeit sehr gewissenhaft. Sie besaß jenes wichtige Quäntchen Genie, das dazu nötig ist, wenn man aus dem Durchschnitt herausragen will. Aber es fiel ihr zu, während ich mich anstrengen und mit Sorgfalt ausgleichen musste, was mir an den natürlichen Gaben fehlte. Jedenfalls glaubte ich das.

Trotzdem konnte ich Annette nie beneiden, denn in einem Punkte war sie doch unglücklich. Ihre Ehe mit dem Architekten Rieder, die so heißblütig und leidenschaftlich begonnen hatte, war in einem Chaos gegenseitiger Beschimpfungen und Gemeinheiten untergegangen. Die Scheidung war nur der logische Schlusspunkt von alledem gewesen. Davor hatte es eine Zeit der Boshaftigkeiten und gegenseitiger seelischer Verletzungen gegeben, die schließlich darin gipfelten, dass einer den anderen betrog, wo sich nur eine Gelegenheit bot. Während Annette mit jedem Mann, der ihr gefiel, flirtete, amüsierte sich Rieder mit den Sekretärinnen und Stenotypistinnen seines Büros.

Im Augenblick aber, als Annette neben mir im Wagen saß und wir durch Frankreich fuhren, wirkte sie gelöst und wie von einer Last befreit. Wir hatten die Plätze getauscht. Seit Metz saß ich am Steuer. Annettes Sitzlehne war zurückgedreht, und so lag sie mehr, als dass sie saß, hielt die Augen geschlossen und hatte die Sonnenbrille ins dunkle, wie Seide glänzende Haar geschoben. Sie hatte es straff zurückgekämmt und zum Knoten geflochten. Es stand ihr gut und gab ihrem noch etwas blassen Gesicht jenen aparten Ausdruck, den ich so sehr an ihr mochte. In ihrem rotkarierten Hemd und den verwaschenen Jeans sah sie so richtig nach Urlaub aus.

Auch ich hatte mich ganz und gar darauf eingestellt. Aber da ich im Gegensatz zu Annettes Jeansanzüge nicht besonders schätzte, trug ich eine gestickte Trachtenbluse und einen langen bunten Rock.

Wir genossen diese Fahrt. Da es aber auf den Abend zuging, beschlossen wir, in Dijon oder in der Nähe zu rasten und zu übernachten. Aber in Dijon war unglücklicherweise in diesen Tagen gerade eine Messe. Wir fanden nirgendwo ein Hotelzimmer. Man empfahl uns, weiterzufahren bis Gevrey–Chambertin.

Dort fragten wir noch einmal einen Polizisten, und der sagte uns, dass sich ein Stück entfernt ein Chausseehaus befände, ein Straßenhotel also, in dem aber überwiegend Fernfahrer übernachteten. Es sei aber sehr sauber, und wir brauchten uns nicht zu genieren, es sei nur eben viel billiger als anderswo. Man könnte auch hervorragend dort essen.

Wir zierten uns erst, diesen Ratschlag anzunehmen, aber als wir dann dort hielten, entdeckten wir ein supermodernes Hotel, eher eine Art Motel, dessen Parkplatz voller Lastzüge stand. Zwischen diesen dicken Brummern kamen wir uns richtig verloren vor mit Annettes Wagen.

Drinnen war es sehr sauber und entsprach genau dem Bild, das der Polizist uns gegeben hatte. Die Einrichtung erinnerte an eine deutsche Autobahnraststätte. Wir bekamen das Doppelzimmer, um das wir baten, und schafften unsere Koffer hinauf, wollten aber noch vorher etwas essen.

Unten im großen Speisesaal saßen fast ausschließlich Fernfahrer. Wir fanden aber einen schönen freien Tisch am Fenster, durch den man die untergehende Sonne über den Hügeln im Westen erkennen konnte. Es war richtig romantisch. Und wir beide, Annette und ich, fühlten uns sehr glücklich. Wir hatten jeder eine Speisekarte in der Hand und begannen, sie zu studieren. Wir ließen uns Zeit damit. Wir hatten beschlossen, einmal richtig gut zu essen.

Beim Studium der Speisekarte stieß ich dann auf das Wort Caille, dessen deutsche Bedeutung ich nicht kannte. Ich wandte mich an Annette und fragte sie danach.

Sie zuckte die Schultern und meinte:

Caille? Das heißt dicke Milch.“

Das kann nicht sein“, sagte ich. „Das ergibt keinen Sinn. Gebackene, panierte dicke Milch! Weißt du was? Ich hole unser Wörterbuch. Es liegt noch im Auto.“

Ach, dann essen wir eben was anderes“, meinte Annette.

Ich will aber wissen, was es heißt!“

Damit war ich auch schon auf dem Weg nach draußen. Ich ahnte gar nicht, wie bedeutungsvoll dieser Gang sein sollte.


*


Als ich auf den Parkplatz kam, bog gerade ein gelber Audi von der Chaussee ab und stellte sich ein Stück entfernt von unserem Fahrzeug auf. Ihm folgten sechs ebenfalls gelbe riesige Lastwagen, die Mühe hatten, sich durch die schon parkenden Lastzüge hindurchzuschlängeln. Zwischen unserem Wagen und einem großen Kühlcontainer war nur eine schmale Gasse. Der erste Lastwagen fuhr hindurch, der zweite folgte – und da geschah es!

Es gab ein ratschendes Geräusch. Der Lastwagen fuhr weiter, und ich ahnte Schreckliches. Ich lief los. Da kam schon der dritte Lastwagen, doch der hielt an. Der Fahrer öffnete die Tür, stieg aus und ging auf unseren Wagen zu. Ich beschleunigte meine Schritte. Indessen kam von dem Audi her ein großer dunkelhaariger Mann und rief über den Platz:

Ist da was passiert?“

Der Fahrer des dritten Lastwagens war ein untersetzter, nicht mehr sehr junger Mann. Er rief zurück:

Er hat ihn gestreift, nicht schlimm, aber der Kotflügel ist eingedrückt.“

Um Himmels willen! dachte ich. Das hat uns gerade noch gefehlt. Wenn wir jetzt nicht weiterfahren können, und das am ersten Tag unseres Urlaubs!

Dann sah ich die Bescherung. Der rechte hintere Kotflügel mitsamt dem Rücklicht war eingedrückt. Ein langer Ratscher ging über die ganze rechte Seite bis nach vorn.

Der große dunkelhaarige Mann kam auf mich zu. Er sah aus wie ein Bergsteiger, trug einen Trenker‑Hut, eine Lodenjoppe und Kniebundhosen aus Wildleder. Er machte einen kräftigen, stämmigen Eindruck auf mich. Um so verwunderter war ich, dass er nicht wie ein Österreicher oder Bayer sprach, als er fragte:

Ist das Ihr Wagen?“

Ich konnte nur nicken. Ich war völlig verstört.

Sind Sie auf der Heimreise?“, fragte er.

Ich schüttelte den Kopf. Was würde Annette sagen, dachte ich. So ein Pech, dass das hier passieren musste!

Sie sind ja ganz blass, Fräulein“, meinte der Dunkelhaarige.

Ich hatte ihn noch gar nicht richtig angesehen. Ich war so verstört und hatte keinen anderen Gedanken als den, was nun werden würde.

Der Dunkelhaarige untersuchte den Schaden. Jetzt kam auch der Übeltäter. Irgendwer schien ihm wohl Bescheid gesagt zu haben, was er angerichtet hatte. Er war ein junger strohblonder Mann mit einem sommersprossigen Gesicht und einer Stupsnase. Schuldbewusst blickte er erst mich, dann den Dunkelhaarigen an, der sich jetzt aufrichtete, nachdem er den Kotflügel eingehend betrachtet hatte und kopfschüttelnd sagte:

Mensch, Helmut, machst du einen Mist! Das konntest du dir doch sparen.“

Und was soll jetzt werden?“, fragte ich verstört.

Der Dunkelhaarige blickte mich an, lächelte versöhnlich und meinte besänftigend: „Machen Sie sich keine Sorgen, Fräulein, das bringen wir in Ordnung. Auf alle Fälle so, dass Sie weiterfahren können. Wollten Sie in Urlaub fahren?“

Ich nickte.

Wenn Sie uns sagen, wohin, machen wir den Schaden so weit in Ordnung, dass Sie fahren können. Im Moment können Sie nicht fahren. Der Kotflügel drückt auf den Reifen und würde Ihnen den Gummi zerschneiden. Wir beulen das notdürftig aus und flicken Ihnen auch das Rücklicht. Die Birne ist ja noch heil. Es ist nur das Glas, das kaputt ist. Und dann können Sie fahren. Sie sagen uns, wo Ihr Urlaubsort liegt. Dort kann dann der Schaden behoben werden. Das veranlasse ich. Sie brauchen sich keine Gedanken zu machen.“

Ja, aber … Wir wissen noch gar nicht genau, wo wir hinfahren. Wir wollten eigentlich nur mit dem Auto wandern. Wir haben kein festes Ziel.“

Wollen Sie denn in Frankreich bleiben?“, wollte er wissen.

Ich schüttelte den Kopf.

Nein, nein“, erwiderte ich. „Wir wollten nach Spanien.“

Um so besser“, erwiderte er und lachte. „Das trifft sich großartig. Wir fahren auch nach Spanien. Ich weiß ja nicht, wohin Sie fahren wollen. Wahrscheinlich an die Costa Brava.“

Eben nicht. Wir wollten in Gegenden fahren, in die Touristen normalerweise nicht hinkommen.“

Er musterte mich prüfend,

Ist Ihr Mann – oder vielleicht Ihr Freund …“

Er beendete den Satz nicht, sondern wartete darauf, dass ich richtigstellte, falls er sich geirrt hatte.

Nein, ich bin mit einer Freundin unterwegs. Und das ist auch ihr Wagen, nicht meiner. Aber das ändert ja nichts an den Dingen, die passiert sind.“

Sie brauchen sich wirklich keine Sorgen zu machen“, beteuerte er.

Dann sprach er mit dem Fahrer, der den Schaden verursacht hatte. Er sprach sehr ruhig, aber ich merkte, dass er doch zornig war. Bei dieser Gelegenheit beobachtete ich ihn.

Im ersten Augenblick war er mir viel älter vorgekommen. Vielleicht lag das an seinem Hut oder der Kleidung, oder womöglich hatte ich nicht genau hingesehen. Jetzt, da ich ihn betrachtete, stellte ich fest, dass er so viel älter als ich gar nicht sein konnte, vielleicht fünf, sechs Jahre. Er schien Mitte Dreißig zu sein. Gesicht und Hände waren von der Sonne tief gebräunt. Auch jetzt noch kam er mir vor wie ein Bergsteiger. Aber dann wandte er sich mir wieder zu und sagte, während er den Hut lüftete:

Entschuldigen Sie, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Ich höre auf den äußerst seltenen Namen Müller.“

Er lachte.

Günter Müller, Bauingenieur. Wir sind auf dem Weg nach Spanien. Dort arbeiten wir auf einer Großbaustelle. Diese Fahrzeuge hier sind ganz neu. Sie sind auch größer als die vorigen, die wir hatten. Der Fahrer ist die Breite offensichtlich noch nicht so gewohnt. Und hier ist es etwas eng. Natürlich gibt es dafür keine Entschuldigung. Er hätte eben langsamer fahren müssen und sich überzeugen sollen, ob er sicher durchkommt oder nicht. Aber seien Sie beruhigt. Ich habe Ihnen schon gesagt, dass wir das in Ordnung bringen. Sie können natürlich auch in jede Werkstatt hier fahren und es dort machen lassen. Wir sind schließlich versichert. Aber ich biete Ihnen auch an, dass wir den Schaden notdürftig beheben und es dann an Ihrem Urlaubsort richtig machen lassen. Da hätten Sie auch die Zeit. So verlieren Sie nicht kostbare Urlaubstage.“

Ich musste mit Annette darüber reden und erwiderte:

Ich muss das mit meiner Freundin besprechen. Im Übrigen – mein Name ist Feldhaus, Beate Feldhaus.“

Fräulein Feldhaus, sagen Sie Ihrer Freundin Bescheid. Indessen richten wir den Kotflügel.“

Ich nickte, schloss den Wagen auf und nahm das Wörterbuch heraus. Aber als ich dann rasch zum Motel zurückging, wurde mir die Sinnlosigkeit bewusst, jetzt feststellen zu wollen, was Caille auf deutsch heißt.


*


Annette erwartete mich schon ungeduldig. Sie ahnte wohl, dass etwas passiert war, stand auf und sah mich gespannt an.

Ich schilderte ihr das Missgeschick, das uns passiert war, und sie verließ sofort den Platz.

Zum Glück habe ich noch nicht bestellt“, sagte sie.

Als wir beide hinauskamen, hatten die Männer den Kotflügel schon vom Rad weggebogen. Ich machte Annette mit Günter Müller bekannt, und sie, die erst wütend war, meinte schon bedeutend versöhnlicher:

Na ja, es ist nun mal geschehen. Was sollen wir uns aufregen? Sie haben es ja nicht mit Absicht gemacht."

Es wurde nachher noch sehr nett.

Mit den sechs Fahrern und Ingenieur Müller saßen wir noch bis kurz nach Mitternacht zusammen. Unser Ärger war völlig vergessen, und es wurde wirklich ein reizender Abend. Besonders Annette genoss es. Sie flirtete auf Teufel komm raus mit Günter Müller, obgleich dieser mit keiner Regung zeigte, dass sie ihm gefiel. Aber gerade das stachelte sie, die in dieser Beziehung siegesgewohnt war, noch mehr an.

Kurz nach Mitternacht fielen uns fast die Augen zu, und wir gingen in unsere Zimmer. Annette war so aufgekratzt, dass sie splitternackt im Zimmer herumtanzte und sich dann aufs Bett warf. Sie starrte zur Decke und sagte:

Er ist ein wunderbarer Mann, nicht wahr?“

Mir gefiel er auch, aber ich war nicht so spontan in diesen Dingen, besonders nicht nach der Enttäuschung über Heinz. Nein, sagte ich mir, von Männern will ich vorläufig nichts wissen.

Sie schien meine Gedanken erraten zu haben, denn sie sagte lachend:

Dir hängen die Männer zum Halse heraus, nicht wahr? Aber vergleich sie doch einmal. Ich kenne ja Doktor Schäfer – was ist der gegen Günter Müller? Das sind doch zwei ganz verschiedene Paar Stiefel.“

Sie lachte.

Oder sagen wir, Schuh und Pantoffel. Dein Heinz ist der Pantoffel.“

Sie lachte wieder.

Hör bitte auf!“ bat ich. „Er ist nicht mein Heinz.“

Er ist immerhin dein Vorgesetzter, wenn du wieder nach Hause kommst.“

Das werde ich mir gründlich überlegen, ob ich da bleibe“, erwiderte ich.

Ich legte mich nun auch aufs Bett, und Annette wandte mir ihr Gesicht zu.

Wenn ich so überlege, hast du es richtig gemacht. Schäfer ist kein Mann für dich. Der ist so kleinkariert, so genau. Und weißt du was? Für ihn sind Frauen ein Dreck, Aschenputtel.“

Er war immer sehr höflich zu mir“, sagte ich.

Das hat damit nichts zu tun. Er kann so ritterlich sein, wie er will. Wenn du erst mit ihm verheiratet bist, gibt es gar nichts mehr, was du selbst bestimmen kannst. Das ist einer von denen, die Herr sein wollen, immer befehlen. Die überlassen dir keine einzige Entscheidung. Die möchten stets gefragt sein.“

Glaubst du denn, dieser Günter Müller ist anders? Der ist vielleicht noch mehr so als Heinz“, erwiderte ich.

Ach Unsinn! Das ist ein richtiger Mann. Das spüre ich. Ich habe ein Gefühl für Männer.“

Ich beneidete sie darum. Mir schien so etwas völlig abzugehen. Natürlich gefiel er mir auch. Auf der anderen Seite hatte er etwas von einem Naturburschen an sich, was mich ängstigte. Ich traute ihm Roheit, ja auch Gemeinheit zu. Schon diese kräftigen Fäuste, die er besaß! Wo er hinschlug, wuchs bestimmt kein Gras mehr. Wenn ich da an Heinz’ feingliedrige Hände dachte! Nein, so ein Naturbursche war nichts für mich.

Also, ich finde ihn großartig“, meinte Annette. „Weißt du, wo die arbeiten?“

Ich habe nicht die mindeste Ahnung“, erwiderte ich.

Irgendwo westlich von Valencia, oben in den Bergen, bauen sie eine Staumauer. Ich glaube, da fahren wir hin.“

Aber wir wollten doch eine Wanderung machen“, sagte ich.

Natürlich, aber ein paar Tage können wir da irgendwo bleiben. Indessen lassen wir den Kotflügel reparieren. Überhaupt, dieser Kratzer auf der Seite muss auch gemacht werden. So etwas spachteln sie, hat er gesagt. Und dann wird die ganze Seite neu lackiert. In Spanien machen sie das ganz prima, meint er.“

Und da wollen wir uns so lange da oben in die Berge verkriechen?“

Na ja, das hatten wir doch sowieso vor. Und da oben, hat Günter gesagt …“

Nennt ihr euch schon beim Vornamen?“, fragte ich entrüstet.

Sie lachte.

Stört dich das? Na ja, eigentlich nennen wir uns nicht beim Vornamen. Ich hatte es ihm angeboten, aber er hat es abgelehnt.“

Als sie das sagte, wurde mir Günter Müller sofort viel sympathischer.

Findest du nicht“, fragte ich sie, „dass du etwas zu aufdringlich bist? Er wirkt sehr zurückhaltend.“

Stimmt!“, gab sie freimütig zu. „Er ist schüchtern. Aber so etwas stellt für mich kein Problem dar.“

Ich glaubte es ihr aufs Wort. Aber irgendwie konnte ich ihr so etwas nicht übelnehmen.

Du bist einmalig“, erklärte ich, „wirklich einmalig, Annette! Vielleicht ist er verheiratet.“

Na und?“, meinte sie. „Aber er ist nicht verheiratet. Ich habe ihn danach gefragt.“

Du hast ihn danach gefragt?“

Natürlich, ich muss doch wissen, woran ich bin.“

Sie lachte.

Du hättest ihn nie danach gefragt, nicht wahr?“

O nein“, erwiderte ich und schüttelte den Kopf. „Und was wird jetzt mit dem Wagen?“

Ich habe die Adresse, wo sie arbeiten. Wir werden dort vorbeifahren und den Wagen machen lassen“, erklärte Annette. „Und dann, wenn er in Ordnung ist, können wir immer noch die Autowanderung vornehmen. Ein paar Tage Rast tun uns doch ganz gut.“

So einfach ist das also, dachte ich, seufzte und drehte mich auf die Seite.

Bist du beleidigt?“, fragte Annette.

O nein, das nicht. Aber ich finde es doch merkwürdig, wie du mit den Männern umgehst.“

Das Leben besteht zwar nicht nur aus Männern, aber sie sind ein wichtiger Punkt – jedenfalls in meinem Leben. Ich weiß nicht, wie du darüber denkst, doch ich könnte mir vorstellen, dass es dir genauso ergeht. Aber du bist noch gar nicht wach geworden. Du schläfst ja noch.“


*


Am nächsten Morgen, als ich mich ans Fenster stellte und über den Parkplatz schaute, war von den sechs gelben Lastwagen und dem Audi nichts mehr zu sehen.

Sie sind weg“, verkündete ich.

Und irgendwie erleichterte mich diese Feststellung.

Annette richtete sich auf, reckte sich, rieb sich die Augen, gähnte und fragte dann:

Wer ist weg?“

Dein Günter Müller und seine Getreuen“, erwiderte ich.

Was? Er ist schon weg? Er wollte sich doch noch verabschieden“, rief sie empört.

Aber dann entdeckte ich an der Tür unseres Hotelzimmers einen Brief. Er war mit Tesafilm an die Klinke geklebt. Ich riss ihn ab und trug ihn ins Zimmer. Annette duschte noch. Als sie herauskam, schwenkte ich den Brief und sagte:

Er hat einen Brief hinterlassen. Weißt du, was drauf steht?“

Sie wollte ihn mir schon wegnehmen, aber ich gab ihn ihr nicht.

Er ist auch an mich", erklärte ich. „Es steht drauf: An meine beiden Opfer.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738912241
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v373161
Schlagworte
liebe

Autor

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Titel: Ist unsere Liebe stark genug?