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Das letzte Hemd hat viele Taschen

2017 160 Seiten

Leseprobe

Das letzte Hemd hat viele Taschen

Krimi von Walter G. Pfaus


Der Umfang dieses Buchs entspricht 179 Taschenbuchseiten.


Klappentext:

Harry Steinberger hat seinen Vater gehasst - so sehr gehasst, dass ihn die Nachricht von seinem Tod wenig berührt. Aber das Gerücht, der skrupellose Bauunternehmer sei ermordet worden, weckt Harrys Neugier - und seinen beruflichen Ehrgeiz. Denn Harry ist Privatdetektiv.

Obwohl er sich nach dem Bruch mit seinem Vater geschworen hat, nie wieder in seine oberschwäbische Heimatstadt zurückzukehren, fährt Harry nun doch nach Rotbach, um den mysteriösen Tod seines Vaters aufzuklären. Die Wiederbegegnung mit der Vergangenheit verläuft schmerzhaft - im übertragenen wie im buchstäblichen Sinn: Immer wieder wird Harry überfallen und zusammengeschlagen. Und der korrupte Polizeichef von Rotbach rührt keinen Finger, stellt Harry schließlich sogar unter Mordverdacht. Bald ahnt Harry die Wahrheit - wenn er sie auch nicht fassen kann.


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

w ww.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



1

Es waren drei. Auf ihren schweren Maschinen kreisten sie ihn langsam ein. Sie trugen schwarze Lederkleidung und schwarze Sturzhelme. Die silbernen Knöpfe und Nieten an ihren Jacken spiegelten im matten Licht der Straßenlaternen. Das Rasseln der Ketten in ihren Händen untermalte das Dröhnen der Motoren. Harry Steinberger blickte sich nach allen Seiten um. Aber er entdeckte keine Möglichkeit, aus dem tödlichen Kreis herauszukommen. Sie hatten die Stelle gut gewählt.

Harry sah nur eine Chance: Er musste einen der Kerle zum Sturz bringen. Er konzentrierte sich auf den kleinsten der drei Angreifer und drehte sich mit ihm im Kreis.

Da traf ihn eine der großgliedrigen Ketten in den Rücken, und brennender Schmerz brachte ihn aus dem Gleichgewicht. Bevor er sich wieder gefangen hatte, war der nächste da, und die Kette pfiff so nahe an seinem Gesicht vorbei, dass er den Luftzug spürte. Der Kleine vor ihm schwang seine Kette wie ein Lasso. Harry sah ihn auf sich zukommen. Er wartete, bis er heran war. Dann duckte er sich blitzschnell ab und setzte zum Sprung an. Doch er zögerte den Bruchteil einer Sekunde zu lange. Die Chance war vorbei. Ein Gerangel in seinem Rücken ließ Harry herumfahren. Die beiden anderen Motorradfahrer waren zu dicht aufeinandergeraten, und sie wären fast gestürzt. Aber dann kamen sie in einem größeren Bogen wieder auf Harry zu.

Harry rannte auf einen Schuppen los. Aber die Rocker auf ihren schweren Maschinen waren schneller. Sie schnitten ihm den Weg ab und begannen wieder, ihn einzukreisen.

Diesmal wartete Harry nicht, bis der Kreis sich geschlossen hatte. Als er eine Lücke entdeckte, brach er durch.

Die Rocker änderten sofort die Fahrtrichtung und folgten ihm. Nach knapp dreißig Metern hatte ihn der erste erreicht. Er schwang seine Kette und traf Harry an der linken Schulter. Die Wucht des Schlages warf ihn der Länge nach auf die Straße, und der stechende Schmerz in seiner Schulter hielt ihn am Boden. Harry rollte sich zur Seite. Keine Sekunde zu früh. Mit hoher Geschwindigkeit fuhr der nächste Rocker genau über die Stelle, an der er gerade noch gelegen hatte.

Harry versuchte sich aufzurichten, da sah er den dritten auf sich zukommen. Aus seiner Kauerstellung schnellte er sich weg, landete auf weicher Erde, und unter seiner linken Hand fühlte er ein schmales, loses Brett.

Harry hob das Brett mit der linken Hand an. Der Schmerz in seiner Schulter ließ ihn zusammenzucken, aber er konnte den Arm bewegen, es war nichts gebrochen.

Die Holzlatte war etwa zwei Meter lang und schien ziemlich stabil. Harry klemmte sie sich unter den rechten Arm und wandte sich dem ohrenbetäubenden Motorenlärm zu. Der erste der drei Rocker war schon wieder ziemlich nahe. Es war der Kleine. Er fuhr diesmal langsamer, um beweglicher zu sein.

Harry zwang sich auf die Knie hoch und hob die Latte wie eine Lanze. Er zielte auf die Brust des Rockers und stieß zu.

Der Kleine klammerte sich an der Lenkstange fest und versuchte krampfhaft, auf der Maschine zu bleiben. Aber es gelang ihm nicht. Er stürzte, und die Kawasaki fiel auf ihn. Ihr Motor dröhnte im Leerlauf weiter.

Harry kümmerte sich nicht um den Gestürzten, dessen Schreie den Motorenlärm übertönten. Sein Blick galt den beiden anderen, die ungestüm herangebraust kamen. Er stellte sich so, dass er die am Boden liegende Maschine zwischen sich und den andern hatte. Vor der gestürzten Kawasaki trennten sich die beiden, und Harry konzentrierte sich auf den linken. Wieder hob er die Latte, stieß sie dem Schwarzgekleideten vor die Brust und ging gleichzeitig tief in die Hocke. Damit wich er zwar der Kette des dritten Rockers aus, der ihm damit einen Scheitel hatte ziehen wollen, aber in der Hocke hatte Harry nicht mehr die Kraft, den andern aus dem Sattel zu heben. Er wurde selbst umgestoßen. Er kippte auf den Rücken, und die Latte brach ab.

Während Harry sich wieder hochrappelte, sah er, dass die beiden Rocker von ihren Maschinen stiegen. Kettenschwingend kamen sie auf ihn zu. Harry wich langsam zurück.

»Was, zum Teufel, wollt ihr von mir?«, schrie er.

Aber er bekam keine Antwort. Da begann er zu rennen. Harry hätte es sich zugetraut, mit den Burschen fertigzuwerden, wenn sie keine Ketten gehabt hätten. Die Ketten fürchtete er; er wusste: Ein einziger Schlag auf den Kopf könnte sein Tod sein. Harry war noch keine zwanzig Meter gerannt, als ein Streifenwagen auftauchte. Er blieb stehen und drehte sich um. Auch die beiden Rocker starrten dem Streifenwagen entgegen. Sie machten jetzt keine Anstalten mehr, ihn anzugreifen.

Harry trat in den Lichtkegel des heranfahrenden Wagens. Zwei Polizisten sprangen aus dem grünen VW.

»Was ist hier los?«

Harry erklärte es ihnen. Einer der beiden Rocker kam näher. Der andere kümmerte sich um ihren Kumpel, der immer noch unter seiner Maschine lag und wimmerte.

»Glauben Sie dem kein Wort!«, schrie der Rocker dem vorderen Beamten zu. »Er hat angefangen. Er hat Jens von der Maschine gestoßen ...«

»Und warum?«, fragte der Polizist.

»Woher soll ich das wissen?«, fauchte der junge Bursche. Er hatte den Helm abgenommen. »Fragen Sie ihn doch.«

Der andere Beamte forderte einen zweiten Streifenwagen und einen Krankenwagen an. Den Kleinen brachte man ins Krankenhaus. Die beiden Rocker und Harry mussten mit aufs Revier.

Harry wies sich aus.

»Privatdetektiv?«, wunderte sich Hauptmeister Berwald. »Angestellter bei der Detektei Kalmay.«

»Was haben Sie nachts um zwei an dieser gottverlassenen Stelle am Hafen gewollt?«

»Jemand hat mich angerufen«, erklärte Harry. »Er wollte sich dort mit mir treffen.«

»Wer war das?«

»Das weiß ich nicht. Er nannte keinen Namen. Er hat nur gesagt, es sei sehr wichtig.«

»Und da sind Sie einfach hingefahren?«

»Auf diese Art und Weise hab ich schon manch gute Information bekommen.«

»Das Schwein hat uns einfach überfallen«, sagte der größere der beiden Rocker. Er hatte ein vernarbtes Gesicht und glatt nach hinten gekämmtes Haar.

»Und was hattet ihr dort um diese Zeit zu suchen?«, fragte Berwald.

»Jemand hat uns hinbestellt«, antwortete der Pockennarbige und grinste.

Berwald sah seine Kollegen an. »Das kann ja eine lange Nacht werden.«

»Hören Sie«, sagte Harry. »Mir tun sämtliche Knochen weh, weil mich die Kerle mit ihren Ketten erwischt haben. Außerdem bin ich hundemüde. Können wir das Protokoll nicht morgen aufnehmen?«

»Solange ich nicht weiß, wer hier lügt, kommt keiner von euch raus.«

»Lassen Sie mich gehen, wenn ein Kollege von Ihnen für mich bürgt?«, fragte Harry.

»Wer sollte für Sie bürgen?«

»Kommissar Band ow.«

»Bandow? Haben Sie Kommissar Bandow gesagt? Sie haben ja nicht alle Tassen im Schrank.«

»Rufen Sie an, dann werden Sie schon sehen.«

»Einen Dreck werde ich.« Berwald schüttelte den Kopf. »Ich bin doch nicht lebensmüde.«

Ein Polizist im Hintergrund lachte.

Sie kannten Bandow alle. Er war einer der fähigsten und härtesten Kriminalbeamten in Hamburg. Aber er war ein ewig mürrischer und immer schlecht gelaunter Mann, der bei seinen Kollegen unbeliebt und in der Unterwelt verhasst war. Niemand hatte ihn jemals lachen sehen. Wer diesen Mann mitten in der Nacht anrufen wollte, nur damit er für ihn bürgte, konnte nicht ganz richtig im Kopf sein.

»Wählen Sie Bandows Nummer und geben Sie mir dann den Hörer«, schlug Harry vor.

Berwald zuckte mit den Schultern. »Meinetwegen. Aber in Ihrer Haut möchte ich nicht stecken.«

»Das brauchen Sie ja auch nicht.«

Berwald wählte. Dann reichte er Harry den Hörer, als wäre er eine tickende Zeitbombe.

Nach dem fünften Klingeln meldete sich eine verschlafene, übellaunige Stimme.

»Bandow.«

»Ich bin’s, Harry.«

»Was?« Sekundenlang herrschte Stille. Dann tobte Bandow los: »Weißt du, wie spät es ist?«

»Drei Uhr fünf und zehn Sekunden.«

»Du steckst also wieder mal bis zum Hals im Dreck, was?«

»So würde ich das nicht gerade nennen.« Harry lächelte in die Runde. »Ich bin hier in Gesellschaft von einigen deiner Kollegen. Sie wollen mich nicht nach Hause lassen, weil mich heute Nacht drei Rocker überfallen haben, und die behaupten jetzt, ich hätte sie angegriffen. Deine Kollegen wissen nicht, wem sie glauben sollen, und da hab ich gedacht, wenn du ihnen sagst ...«

»Wem hast du denn jetzt wieder in die Suppe gespuckt?«, erkundigte sich Bandow plötzlich ruhig.

»Ich weiß es nicht, Roland. Wirklich nicht.«

»Was bearbeitest du gerade für einen Fall?«

»Völlig harmlos, Roland. Das übliche in dem Scheißladen. Überwachung und so. Damit kann die Sache nichts zu tun haben. Ich arbeite erst seit gestern daran.«

»Dann haben sie dich vielleicht verwechselt.«

»Ausgeschlossen. Ich hab einen anonymen Anruf bekommen. Jemand hat mich zum Hafen bestellt. Wegen einer wichtigen Information. Ich bin rausgefahren und hab gewartet. Und dann kamen diese Kerle auf ihren Feuerstühlen ...«

»Bist du verletzt?« Roland klang besorgt.

»Es geht«, sagte Harry. »Sie haben mich zweimal mit ihren Ketten erwischt. Aber nicht voll. Ich brauch nur ein paar Stunden Schlaf, dann bin ich wieder okay. Ich geb dir jetzt Hauptmeister Berwald.«

Den Hörer am Ohr, nickte Berwald immer wieder und sah Harry dabei unverwandt an.

»Alles klar, Herr Kommissar«, sagte Berwald schließlich. »Machen wir ...«

Harry winkte. »Ich möchte ihn noch mal sprechen.«

»Er will Sie noch mal sprechen«, gab Berwald weiter. Dann hörte er mit hochgezogenen Brauen zu. »Ich sag’s ihm ... Gute Nacht, Herr Kommissar.«

Berwald legte auf. »Ich soll Ihnen ausrichten ...«

»Ich kann mir denken, was«, sagte Harry. »Ich soll ihn am Arsch lecken und mich zum Teufel scheren.«

Berwald lachte verblüfft. »Ja, wortwörtlich das.«

»Dann kann ich jetzt also gehen?«, fragte Harry.

Berwald nickte. »Aber Sie sind morgen Vormittag Punkt zehn Uhr hier, sonst lasse ich Sie mit dem Streifenwagen abholen.«

»Ich werde da sein«, versprach Harry. Er deutete auf die Rocker. »Quetscht die Burschen richtig aus. Sie haben bestimmt im Auftrag gehandelt. Es würde mich wirklich interessieren, wem ich da im Weg bin ...«

»Er lügt!«, schrie der Pockennarbige. »Er hat uns zum Hafen gelockt und überfallen. Der Dreckskerl hat es schon lange auf uns abgesehen ... Wir verlangen sofort einen Anwalt.«

»Hier - Ihr Autoschlüssel«, sagte Berwald zu Harry. »Einer meiner Beamten hat Ihren Wagen hergefahren. Gute Nacht.«

»Danke. Und viel Spaß noch«, grinste Harry und ging.

Während der Fahrt dachte er an Roland Bandow, dem er es zu verdanken hatte, dass er jetzt nach Hause fahren konnte. Mit dem Kommissar verband ihn eine herzliche Freundschaft. Es war so etwas wie ein Vater-Sohn-Verhältnis. Aber davon wusste niemand.

Angefangen hatte es vor fünf Jahren. Harry war damals erst ein paar Tage in Hamburg, als er starr vor Entsetzen beobachtete, wie zwei Männer in einem Ford Capri gegen einen Baum fuhren, dann einen bewusstlosen Mann aus einem anderen Wagen hoben, ihn hinter das Steuer des Fords setzten und den Wagen mit Benzin übergossen. In diesem Augenblick hatte er sich auf die beiden Männer gestürzt. Mit Fäusten und Füßen hatte er zugeschlagen, und seine Karateausbildung war ihm dabei sehr zustatten gekommen. Er überwältigte die beiden Männer und rettete damit Kommissar Bandow das Leben.

Seit diesem Tag waren die beiden unzertrennlich.

Harry hatte in Roland Bandow einen Mann gefunden, der so war, wie er sich seinen Vater immer vorgestellt hatte. Seinen richtigen Vater hatte er wenige Tage vorher verlassen. Er wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben. Er wollte ihn nie mehr wiedersehen.

Nachdem Harry ein Jahr in einem Architekturbüro in Hamburg gearbeitet hatte, ließ er sich bei der Detektei Kalmay anstellen, und dank Roland Bandow wurde er zum erfolgreichsten Mann in der Detektei.



2

Als Harry im Bett lag, dachte er noch einmal an den geheimnisvollen Anrufer und den Angriff der Rocker. Aber er konnte die Geschehnisse der Nacht mit keinem seiner Fälle in Verbindung bringen.

Hundemüde schlief er ein. Um acht Uhr klingelte das Telefon. Verschlafen hob Harry ab.

»Hallo, Harry!«

»Mit wem spreche ich?«, fragte Harry und gähnte.

»Hier ist Ellen.«

»Ellen?«

»Deine Schulfreundin und ehemalige Verlobte.«

Harry Steinberger zog den Atem ein. Er presste den Hörer fester ans Ohr, und seine Zähne gruben sich in seine Unterlippe. Zwischen seinen dunklen, buschigen Augenbrauen bildeten sich zwei steile Falten.

»Woher weißt du, wo ich bin?«, fragte Harry nach der ersten Überraschung.

»Hier weiß fast jeder, wo du jetzt wohnst.«

»Und woher weiß man das?«

»Jemand hat dich in Hamburg gesehen.«

»Scheiße!«

»Die Welt ist klein, Harry«, sagte Ellen.

»Weshalb rufst du an?«

»Weil ich von dir wissen will, warum du nicht gekommen bist.«

»Weshalb hätte ich kommen sollen?«

»Hat man dich denn nicht benachrichtigt?«, fragte Ellen bestürzt.

»Warum und wieso? Ich will mit dem Pack nichts mehr zu schaffen haben. Die können mir alle gestohlen bleiben.«

»Harry, dein Vater ist tot.«

Harry richtete sich auf.

»Harry, bist du noch da?«

»Ja«, murmelte Harry. »Ich bin noch da.«

»Hast du das wirklich nicht gewusst?«

»Nein. Seit fünf Jahren hab ich keinen Kontakt mehr zu irgendwem in Rotbach. Ich hab auch keinen gesucht, ehrlich gestanden.«

»Jetzt begreife ich langsam«, sagte Ellen leise.

»Was begreifst du?«

»Harry!« Es war fast wie ein Schrei. »Du musst sofort kommen.«

»Wozu? Um ihn auf seinem letzten Weg zu begleiten? Das schenke ich mir. Die bringen ihn auch ohne mich unter die Erde.«

»Aber das ist es ja, Harry. Er ist längst begraben. Seit vier Tagen schon.«

»Dann ist ja alles in Ordnung.«

»Eben nicht«, widersprach Ellen heftig. »Harry, hier ist etwas faul. Ernst sagt, dass seit dem Tode deines Vaters recht merkwürdige Dinge vor sich gehen.«

»Wer ist Ernst?«

»Mein Mann.«

»Ich dachte, du wolltest auf mich warten.«

»Ich hab auf dich gewartet. Zwei Jahre.«

»Du wolltest ewig auf mich warten.« Harry lächelte leise vor sich hin. »Hast du gesagt. Du hast es mir sogar geschworen.«

»Harry, ich bin kein Stück Holz. Und ein Mann, der über Nacht spurlos verschwindet und nichts mehr von sich hören lässt ...«

»Geschenkt, Ellen«, unterbrach Harry. »Du hast mich überzeugt.«

»Und was ist mit dir? Bist du auch verheiratet?«

»Ich war.«

»Also, das ist doch ...«

»Ich hab gesagt, ich war verheiratet.«

»Und da wirfst du mir vor ...«

»Bei mir war das etwas anderes.«

»Noch ein Wort zu diesem Thema, und ich lege auf der Stelle auf!«

Ellen war wirklich wütend.

Harry lachte. »Jetzt möchte ich dein Gesicht sehen. Es war immer sehr schön. Aber wenn du wütend warst, hast du mir noch besser gefallen.«

»Harry, bitte, lass den Quatsch. Dazu noch für mein Geld. Es ist sehr ernst. In dieser Stadt stimmt was nicht.«

»Was geht mich eure Stadt an.«

»Du bist hier geboren und aufgewachsen«, sagte Ellen laut. »Und dein Vater hat ...«

»Ich habe keinen Vater mehr.«

»Harry.« Ellen sprach jetzt ganz leise. »Ich glaube, dein Vater wurde ermordet.«

Für Sekunden versteifte sich Harrys Körper. Dann stand er auf, zog den Telefonapparat an der langen Schnur ins Wohnzimmer, setzte sich in einen Sessel und zündete sich eine Schwarze Hand an. Langsam sagte er: »Das musste früher oder später so kommen.«

»Du kommst also her, ja?«

»Ich wüsste nicht, was ich bei euch sollte.«

»Mein Gott, Harry, begreifst du denn nicht?« Ellens Stimme klang verzweifelt. »Dein Vater wurde umgebracht. Ist das für dich kein Grund, nach Hause zu kommen?«

»Geh zu Kästner«, sagte Harry. »Kästner ist euer Polizeichef. Er und seine Leute sind für so was zuständig.«

»Harry, tu bitte nicht so, als ob du nicht wüsstest, dass die hier alle unter einer Decke stecken«, versetzte Ellen ärgerlich. »Alle miteinander. Ich kann nicht zu Kästner.«

»Kästner ist Polizeibeamter«, erklärte Harry ruhig. »Und als solcher muss er jedem Hinweis nachgehen. Er muss nachprüfen, ob dein Verdacht begründet ist.«

»Einen Dreck wird er. Kästner steht kurz vor seiner Pensionierung. Er wird sich hüten, irgendetwas zu tun, was seinen ruhigen Lebensabend gefährden könnte.«

»Es ist seine Pflicht ...«

»Harry!«, unterbrach sie ihn eindringlich. »Es ist doch nur so eine Ahnung. Ernst weiß nichts Genaues. Du musst herkommen, in deinem eigenem Interesse.«

»Jetzt hör mir mal zu, Ellen. Mein Vater ist tot und begraben. Was soll ich also in Rotbach? Weihwasser auf seinem Grab verspritzen? Der braucht mein Weihwasser nicht. Das hilft ihm jetzt nichts mehr. Nach der Lehre der Kirche schmort er bereits in der Hölle.«

»Es gibt verschiedene Gründe, weshalb du einfach kommen musst«, drängte Ellen. »Erst mal geht es um dich, um den Besitz deines Vaters, der jetzt dir gehört. Zum andern geht es um meinen Mann. Er steckt mit drin, aber ich weiß nicht wie, er will mir nichts sagen. Und dann hat sich hier herumgesprochen, dass du inzwischen Privatdetektiv oder so was bist. Du musst also schon von Berufs wegen kommen. Ich hab dich nämlich soeben engagiert. Und nicht zuletzt habe ich selber auch noch ein Interesse daran, dass du zurückkommst. Ich möchte dich wiedersehen.«

Harry lachte. »Deinen letzten Grund akzeptiere ich. Einen Mann wie mich vergisst man nicht. Den möchte man gerne mal wieder haben.«

»Affe.«

»Weißt du noch, wie wir’s immer gemacht haben? Englisch, dänisch, spanisch, französisch ... französisch war’s gut, was?«

»Ekel.«

»Und dann polnisch. War ganz schön anstrengend damals. Erinnerst du dich noch, dass uns damals erst so richtig bewusst wurde, wie viele Staaten Europa eigentlich hat? Dabei haben wir unser Land immer ausgelassen.«

»Du bist unmöglich.« Ellen lachte. »Also, wann kannst du hier sein?«

Harry drückte seine Zigarette aus.

»Ich bin hier angestellt. In einer Detektei. Gestern bekam ich einen wichtigen Auftrag übertragen. Außerdem habe ich noch einen Chef ...«

»Der Mord an deinem Vater ist wichtiger als alles. Wenn du bis heute Abend um neun nicht hier bist, kümmere ich mich selbst um die Sache. Und es ist mir egal, wenn ich dabei draufgehe. Hast du gehört? Es ist mir völlig egal!«

Es machte klick. Ellen hatte aufgelegt.

Harry schlüpfte aus der Pyjamahose und zog das Telefon mit ins Bad. Er wählte die Nummer der Detektei und begann sich zu rasieren.

Dann wurde am anderen Ende abgehoben.

»Steinberger«, meldete sich Harry. »Morgen, Sigrid. Sieh bitte mal nach, wann die nächste Maschine nach München geht. Und buche mir sofort einen Platz.«

»München? Was willst du in München?«

»Frag nicht so viel, meine Teure. Ich hab es eilig.«

»Sag mal, was ist denn das für ein Geräusch?«

»Ich rasiere mich.«

»Mein Gott. Wie heißt sie?«

»Sigrid, wenn du mir nicht augenblicklich einen Platz in der nächsten Maschine nach München buchst, verrate ich Jupp Kloos deine neue Adresse ...«

»Harry! Okay, Harry, okay. Ich ruf in zehn Minuten zurück.«

»Fein, mein Schatz.«

Harry wählte die Nummer von Roland Bandow.

»Gott sei Dank, du bist noch da.« Harry schaltete den Rasierapparat aus. »Roland, ich glaube, ich weiß jetzt, wo’s langgeht.«

»Du meinst wegen der Rocker heute Nacht?«

»Ja. Eben hat mich eine alte Freundin aus Rotbach angerufen.«

»Rotbach?«

»Meine Heimatstadt. Meine Freundin sagte, mein Vater sei ermordet worden. Sie vermutet es nur, aber sie dürfte damit ziemlich richtig liegen. Man hat meinen Vater vor vier Tagen beerdigt, und kein Mensch hat es für nötig befunden, mich zu informieren. Dabei weiß in Rotbach offenbar so gut wie jeder, dass ich in Hamburg wohne.«

»Das mit deinem Vater tut mir leid, mein Junge«, sagte Bandow. »Aber ich sehe nicht recht, was das mit dem Überfall auf dich zu tun haben soll?«

»Das kann ich dir auch noch nicht sagen«, erwiderte Harry. »Es ist nur so ein Gefühl. Sie haben alle gewusst, wo ich zu erreichen bin, aber niemand hat mich benachrichtigt. Also wollten sie mich nicht dort haben. Und vermutlich wollen sie mich auch jetzt nicht dort haben, deshalb haben sie diese Rockerbande auf mich gehetzt.«

»Ist das nicht ein bisschen weit hergeholt?«

»Du kennst die Verhältnisse in Rotbach nicht. Ich bin mir fast sicher, dass die mir die Kerle auf den Hals geschickt haben. Ellen hat von seltsamen Dingen geredet. Ihr Mann soll irgendwie darin verwickelt sein. Wahrscheinlich hat sie gesagt, dass sie mich anrufen will, und prompt hat man versucht, mich aus dem Verkehr zu ziehen ...«

»Du willst also hinfahren.«

»Ja, Roland.«

»Gut, Junge. Das ist sehr gut. Schließe Frieden mit deinem Vater.«

»Er ist tot, Roland.«

»Man kann auch mit einem Toten Frieden schließen.«

»Wir werden sehen, Roland.«

»Wenn du Hilfe brauchst, ruf mich an, ja?«

»Vielen Dank, Roland. Aber ich hoffe, ich schaff es alleine.«

»Du schaffst es, da bin ich sicher. Du bist so viel wert wie drei meiner Männer.«

»Danke für die Blumen. Du wirst mir fehlen, Roland.«

»Du mir auch, Harry. Pass auf dich auf.«

»Mach ich. Ich melde mich wieder.«

Harry legte auf und ging unter die Dusche. Er trocknete sich gerade ab, als das Telefon wieder klingelte.

»Deine Maschine geht um zehn Uhr fünfzehn«, meldete Sigrid. »Schaffst du das noch?«

»Natürlich. Du bist ein Engel.«

»Leg noch nicht auf, Harry. Der Chef möchte dich sprechen.« Harry seufzte. »Okay.«

»Was höre ich da von München und so?«, erkundigte sich Kalmay mit seiner hohen Stimme. »Was wollen Sie in München?«

»Ich muss nach Rotbach.«

»Und wo, zum Teufel, liegt Rotbach?«

»Zwischen Biberach und Memmingen. Aber das sagt Ihnen wahrscheinlich auch nichts. Es ist meine Heimatstadt.«

»Was wollen Sie dort?«

»Mein Vater ist gestorben.«

»Oh! Mein Beileid, Harry. Wie lange werden Sie bleiben?«

»Das weiß ich noch nicht.«

»Drei Tage sind Sie beurlaubt. Sonderurlaub sozusagen.«

»Vielen Dank. Aber ich glaube, das wird nicht reichen. Ich habe einiges zu erledigen.«

»Wie lange?«

»Ich weiß es wirklich noch nicht.«

»Kommen Sie, so bald Sie können, Harry. Sie sind mein bester Mann. Ich brauche Sie.«

»Ich melde mich bei Ihnen, wenn ich zurück bin.«

In wenigen Minuten war Harry angezogen. Er packte ein paar Sachen in seine Reisetasche. Nur das Wichtigste. Als er die Schublade öffnete, in der die Pistole lag, blieb er lange davor stehen. Er hatte keinen Waffenschein. Die Pistole hatte er vor zwei Jahren einem Ganoven abgenommen. Die Waffe war sicherlich nirgends registriert, und er hatte sie damals behalten, ohne jemandem etwas zu sagen. Nicht einmal Roland wusste davon.

Bisher hatte er die Waffe nie benutzt. Aber jetzt hatte er das unbestimmte Gefühl, sie brauchen zu können. Wer es gewagt hatte, seinen Vater umzubringen, würde auch nicht davor zurückschrecken, den Sohn zu töten.

Harry packte die Pistole ein. Dann rief er ein Taxi und ließ sich zum Flugplatz fahren.



3

Fünf Stunden später stand er vor dem frischen Grabhügel. Eine Menge Kränze und angewelkte Blumen bedeckten die Erde. Harry hatte noch nie so viele Kränze auf einem Grab gesehen. Aber er wusste, dass dies kein Zeichen der Beliebtheit seines Vaters war. Niemand hatte ihn geliebt. Trotzdem hatten sie Kränze auf sein Grab gelegt, und Harry war sicher, dass bei der Beerdigung die ganze Stadt auf den Beinen gewesen war, wie es sich für Kleinstadtbürger gehört, wenn ein Mann wie Alexander Steinberger zu Grabe getragen wird.

Alexander Steinberger war ein Tyrann gewesen. Er besaß die größte Baufirma im Umkreis von fünfzig Kilometern und beschäftigte an die dreihundert Menschen. Seine Leute konnten ein Lied von der Härte ihres Chefs singen. Er war immer dort gut Freund, wo er wusste, dass es für ihn von Nutzen war. Und er kehrte mit eisernem Besen, wo er es sich erlauben konnte. Am meisten hatten seine Angestellten darunter zu leiden. Wem es nicht passte, der konnte gehen. Aber kaum jemand ging. Steinberger zahlte gut, und es gab nur wenig Ausweichmöglichkeiten.

Seine Freunde hatte er in der ganzen Umgebung. Fast überall hatte er einen oder zwei Mann im Gemeinderat sitzen, die er schmierte. So ging ihm selten ein Auftrag durch die Lappen. Auch in Rotbach hatte er seine Freunde. Im Stadtrat war er selbst. Soweit Harry zurückdenken konnte, hatte es nicht eine einzige Baustelle in der Stadt gegeben, an der die Firma Steinberger nicht mitarbeitete. Und dies lag keineswegs daran, dass Alexander Steinberger immer das billigste Angebot abgegeben hätte. Jedenfalls nicht von Anfang an. Wenn es dann jedoch zur Auswertung kam, war er der Billigste.

Harry, der Sohn des großen Alexander Steinberger, wusste das deshalb so genau, weil er verschiedentlich Gespräche zwischen zwei Stadträten und seinem Vater und zwischen dem Bürgermeister und seinem Vater belauscht hatte.

Damals war er zwölf gewesen und konnte sich keinen Reim auf das Gehörte machen. Später ging ihm dann ein Licht auf, und er erinnerte sich an die Unterredungen. Aber Harry war ein guter Sohn. Er schwieg. Hätte er seinen eigenen Vater anzeigen sollen? Weil dieser mit unlauteren Mitteln arbeitete, um Geld anzuschaffen, das ihm und seiner Mutter doch auch zugute kam?

Aber wie so viele Tyrannen, tat auch Alexander Steinberger Gutes an seinen Mitmenschen, ohne es zu wollen.

Als es vor sieben Jahren darum ging, ob man die alte Schule vergrößern oder besser gleich ein neues Schulhaus außerhalb der Stadt erstellen sollte, hatte sich Steinberger für das neue Projekt stark gemacht. Man stimmte ihm zu. Das Projekt wurde ausgeschrieben, und Steinberger lag deutlich unter allen Angeboten. Er bekam den Auftrag zugesprochen.

Aber statt mit dem Bau anzufangen, brachte Steinberger einen neuen Antrag ein. Er meinte, nach gründlichen Recherchen und Rücksprachen mit Architekten, die viel Erfahrung mit der Planung von Schulen hätten, sei er zu der Überzeugung gelangt, dass auch das geplante Projekt noch zu klein war. Spätestens in acht Jahren stünde man damit wieder vor dem gleichen Problem. Drei Monate später hatte es Alexander Steinberger geschafft. Aus den drei Millionen Baukosten waren acht Millionen geworden.

Und worauf sich Steinberger verlassen hatte, trat ein. Niemand dachte jetzt mehr daran, neu auszuschreiben. Steinberger hatte das billigste Angebot abgegeben und blieb im Auftrag.

Nach der Fertigstellung des neuen Schulgebäudes wurde in der Stadt zwar gemunkelt, Steinberger habe über eine Million Gewinn gemacht. Aber das war bald vergessen. Alexander Steinberger brachte es fertig, dass bei der Einweihung nicht nur der Landrat zugegen war, sondern auch der Ministerpräsident. Seine lobenden Worte über die größte und schönste Schule weit und breit versöhnten die Bürger wieder. Und als danach von allen Seiten Glückwünsche für die Stadt kamen, war man nur noch stolz.

Alexander Steinberger aber hatte seinen größten Sieg errungen, und auch seine bisherigen Widersacher schlugen sich nun auf seine Seite.

Die Straße am alten Sportplatz entlang war seit Jahren das Ärgernis der Bürger gewesen. Sie war zu schmal und außerdem voller Schlaglöcher. Die Schlaglöcher stammten hauptsächlich von Steinbergers Lastwagen, die kiesbeladen täglich diese Straße benutzten.

Steinberger setzte nun im Stadtrat durch, dass die Straße verbreitert und mit einem neuen Belag versehen wurde. Natürlich bekam der Bauunternehmer Steinberger den Auftrag, und er schlug drei Fliegen mit einer Klappe. Seine Kipper sparten auf der jetzt gut ausgebauten Straße Zeit, waren nicht mehr so reparaturanfällig, und Steinberger strich zusätzlich einen ansehnlichen Gewinn ein.

Dass auch die Bevölkerung einen Nutzen davon hatte, war nicht gewollt, aber wiederum die Folge von Steinbergers Egoismus. Mit vierundzwanzig hatte Harry seinen Hoch- und Tiefbau Ingenieur in der Tasche. Er stieg in das väterliche Unternehmen ein.

Knapp eine Woche später kam es zum Bruch. Elisabeth Steinberger, Harrys Mutter, hing eines Morgens in der Küche an einem Haken.

Selbstmord, hatte Polizeihauptkommissar Gregorius Kästner, Polizeichef von Rotbach und Freund des Hausherrn, konstatiert. Auch Dr. Zieher, ebenfalls ein Freund seines Vaters, schloss sich dieser Feststellung an.

Nur Harry war anderer Meinung gewesen. Er war davon überzeugt, dass sein Vater seine Mutter umgebracht hatte, um künftig ungestört seine Weiber nach Hause bringen zu können.

Harry hatte seine Mutter sehr geliebt. Ihr gewaltsamer Tod erfüllte ihn mit blindem Hass gegen seinen Vater. Ein Jahr zuvor hatte Harry einen Streit zwischen seinem Vater und seiner Mutter mit angehört. Damals hatte seine Mutter gesagt, dass sie diese Demütigungen nur noch bis zu Harrys Examen hinzunehmen brauche, dann werde sie mit ihm weggehen.

Danach hatte Harry immer darauf gewartet, dass seine Mutter mit ihm darüber sprechen würde. Aber sie hatte es nie getan. Dann waren die vielen Prüfungen gekommen, und Harry hatte das Gespräch vergessen.

Erst als er seine Mutter in der Küche an dem Seil hängen sah, fiel ihm alles wieder ein. Ein Steinchen reihte sich an das andere. Plötzlich war ihm alles klar.

Seine Mutter wollte sich von Alexander Steinberger scheiden lassen, um mit ihrem Sohn in einer anderen Stadt neu anzufangen.

Eine Aufteilung des gemeinsamen Vermögens wäre jedoch der Ruin der Firma gewesen. Scheidung kam also nicht infrage. Er musste sie umbringen.

Die ganze Stadt glaubte damals an den Selbstmord, da seine Mutter schon einmal einen Selbstmordversuch unternommen hatte. Aber Harry hatte sich nicht täuschen lassen.

Er hatte seinen Vater zur Rede gestellt. Aber dieser stritt alles ab. Er hatte sogar die Stirn zu behaupten, eine gute Ehe geführt zu haben. Nach außen hin hatte es auch so ausgesehen. Harrys Mutter war eine tapfere Frau gewesen, und sie hatte sich nie etwas anmerken lassen.

Doch Harry wusste es besser. Seine Mutter hatte sehr gelitten, und sie hatte nur durchgehalten, um eines Tages mit ihm, Harry, irgendwo ein neues Leben anfangen zu können.

Die Kaltblütigkeit, mit der ihm sein Vater gegenübertrat, hatte ihn rasend gemacht und sein Hirn umnebelt.

In diesem Zustand hatte er die kriminellen Machenschaften seines Vaters unter die Bevölkerung gebracht, und die Leute waren geneigt, ihm zu glauben, denn gemunkelt wurde ja schon lange.

Steinbergers Thron begann zu wackeln.

Da griffen der Bürgermeister und der gesamte Stadtrat ein. Das konnte man sich nicht bieten lassen. Ein Schnösel, kaum den Kinderschuhen entwachsen, wagte es, den ehrenwerten Stadtrat mit Schmutz zu bewerfen.

Harry hatte sich nicht beirren lassen. Er hatte weiter ausgeplaudert, was er wusste. Aber als er dann so weit ging, seinen Vater einen Mörder zu nennen, verlor er bei der Bevölkerung seine Glaubwürdigkeit, denn niemand traute Alexander Steinberger einen Mord an seiner Frau zu.

Und dann waltete Gregorius Kästner, Polizeichef von Rotbach, seines Amtes. Er legte Harry nahe, aus der Stadt zu verschwinden und sich nie wieder hier blicken zu lassen.

Harry wusste, dass Kästner im Auftrag seines Vaters handelte. Und plötzlich redete niemand mehr mit ihm. Jemand hatte in der Stadt das Gerücht verbreitet, Harry sei nicht mehr ganz richtig im Kopf. Der Selbstmord seiner Mutter habe seine Sinne verwirrt. Dr. Zieher ließ verlauten, dass er die nötigen Schritte schon unternommen hatte. Man müsse den Jungen vorübergehend in eine Nervenheilanstalt stecken.

In ohnmächtiger Wut merkte Harry, dass er gegen den Einfluss und die Macht seines Vaters nicht ankam. Bei Nacht und Nebel verließ er die Stadt, mit dem festen Vorsatz, nie wieder hierher zurückzukehren.

Und jetzt hatte ihn seine Vergangenheit eingeholt.

Er stand vor dem Grab seines Vaters.

Man kann auch mit einem Toten seinen Frieden schließen, hatte Roland gesagt.

Aber Harry konnte es nicht. Er war noch immer der Meinung, dass seine Mutter keinen Selbstmord begangen hatte. Alexander Steinberger hatte sie umgebracht.

Wie ein Film waren die Ereignisse der Vergangenheit vor seinen Augen abgerollt, und er sah und hörte nicht, was um ihn herum geschah.

Plötzlich vernahm er die Stimme in seinem Rücken.



4

»Bleiben Sie so stehen und rühren Sie sich nicht!«, befahl eine blecherne Stimme. »Drehen Sie sich nicht nach mir um, sonst müssen wir beide sterben! Tun Sie so, als hätten Sie mich gar nicht bemerkt.«

Die Stimme hatte etwas Gespenstisches, und Harry wusste nicht, ob er nun gehorchen oder sich einfach umdrehen sollte. Es war für ihn auch nicht zu erkennen, ob die Stimme einem Mann oder einer Frau gehörte. Aber in der Stimme hatte unüberhörbare Angst mitgeschwungen. Er beschloss zu warten, was geschehen würde. »Ich muss Sie unbedingt sprechen«, fuhr die Stimme fort. Die Angst war jetzt noch deutlicher herauszuhören. »Es ist sehr wichtig. Es geht um Ihren Vater.«

»Was ist mit ihm?« Harry bückte sich und strich das schwarze Band eines Kranzes glatt. »Reden Sie. Was ist mit meinem Vater?«

»Mit dem Tod Ihres Vaters ist etwas nicht in Ordnung«, teilte ihm die Stimme mit. »Aber hier ist nicht der geeignete Ort, darüber zu sprechen. Wir werden beobachtet. Man wird uns beide umbringen, wenn man uns zusammen sieht. Die scheinen zu ahnen, dass ich etwas beobachtet habe. Seit Tagen werde ich verfolgt. Man lässt mich nicht aus den Augen. Ich darf mit niemandem sprechen.« Einige Zeit war es totenstill. Harry überlegte, ob er ihr einfach weitere Fragen stellen sollte. Aber er unterließ es dann. Ihre Worte hatten ihn doch ziemlich beeindruckt.

Harry ging in die Hocke und stellte eine umgestürzte Blumenvase auf.

»Wer sind Sie?«, fragte er leise und versuchte dabei die Lippen nicht zu bewegen.

»Ich bin Mathilde Falter.« Die Antwort kam schnell und gehetzt. »Aber fragen Sie jetzt nicht weiter. Tun Sie nur, was ich Ihnen sage.«

Mathilde Falter!

Harrys Gedanken jagten sich. Wer war diese Frau?

Er wusste, dass er den Namen schon gehört hatte, aber er erinnerte sich nicht mehr, in welchem Zusammenhang. Als er den Namen mit seiner Kindheit in Verbindung brachte, fiel es ihm plötzlich ein, und ein Schauer ging über seinen Rücken.

Die Hexe! Die Alte vom Friedhof!

Jetzt sah er sie auch wieder vor sich. Ein schmales, von unzähligen Runzeln überzogenes Gesicht, aus dem eine lange Nase hervorstach. Schlohweißes Haar unter einem selbst gehäkelten schwarzen Kopftuch. Ein zahnloser Mund, der krumme Rücken und ein Krückstock vervollständigten das Bild einer Hexe aus dem Märchenbuch.

Als Kinder hatten sie die alte Frau immer nur verspottet. Sie waren hinter ihr hergerannt und hatten versucht, ihr das schwarze Tuch von den Schultern zu reißen, und die Alte hatte nach ihnen geschlagen und sie verwünscht, wenn sie niemanden traf.

Als Harry elf Jahre alt war, hatte er eine Bande gegründet. Wer in die Bande aufgenommen werden wollte, musste zuerst eine Mutprobe bestehen: Er hatte sich eine Stunde lang in unmittelbarer Nähe der Alten zu bewegen, ohne von ihrem Stock getroffen zu werden. Außerdem musste er mindestens eines der langen weißen Haare erbeuten.

Und diese alte Frau, der sie als Kinder so übel mitgespielt hatten, stand nun hinter ihm und behauptete wie Ellen, mit dem Tod seines Vaters stimme etwas nicht. Und es schien sogar so, als wüsste sie etwas, das ihr gefährlich werden konnte.

In seinem Rücken hörte er es rascheln. Etwas Hartes schleifte über den Kiesweg, und keuchender Atem drang an sein Ohr. Er hätte sich jetzt gerne umgedreht, um zu sehen, was sich dort tat. Aber er beherrschte sich und starrte auf die roten Dachziegel der Friedhofskirche. Zwei Spatzen saßen am Rand der Dachrinne und stritten sich um die Beute. Irgendwo in der Ferne bellte ein Hund, und von der nahen Hauptstraße drang Verkehrslärm in die Stille des Friedhofes.

Die Alte sagte: »Kommen Sie heute Nacht um zehn zu mir. Aber nicht auf dem üblichen Weg und nicht durch die Vordertür. Fahren Sie nach Osten aus der Stadt und in einem Bogen zurück zum Buchenstock. Stellen Sie dort Ihr Auto ab und kommen Sie durch den Wald zu meiner Hintertür. Sie ist immer offen. Sie klemmt, und Sie müssen Sie ein wenig anheben ... Passen Sie auf, dass Ihnen niemand folgt. Denen kommt es jetzt auf einen zweiten oder dritten Mord nicht mehr an.«

Harry sagte nichts. Er wartete darauf, dass sie weitersprechen würde.

Aber dann hörte er nur noch knirschende Schritte, die sich langsam entfernten.

Harry blieb noch eine Weile still stehen. Sein Blick wanderte an der Friedhofsmauer entlang. Sekundenlang behielt er das Gebüsch im Auge. Aber es rührte sich nichts.

Und dann sah er, wie ein paar Vögel aus den riesigen Kastanienbäumen, links und rechts des Eingangs zum Friedhof, aufflatterten.

Harry nickte unmerklich und wandte sich wieder dem Grab zu. Er bückte sich, verspritzte etwas Weihwasser auf das Grab und begab sich dann zum Ausgang.

Unter den Kastanienbäumen blieb er stehen und blickte auf die Uhr. Es war kurz nach halb vier.

Er setzte sich in den Manta, den er sich in München geliehen hatte, und fuhr die zwei Kilometer in die Stadt.


5

»Grüß Gott!«, rief Harry fröhlich in den Raum.

Drei Polizisten wandten sich ihm zu.

Zwei von ihnen erschraken sichtlich. Der dritte blickte ihm nur neugierig entgegen. Er war neu hier. Er kannte Harry Steinberger nicht.

Der älteste der drei Beamten erhob sich, verhedderte sich und riss seinen Stuhl um.

»Mein Gott, Harry«, stammelte er. »Ich meine, Herr Steinberger ... Sind Sie es wirklich? Ich weiß gar nicht ... Wo kommen Sie so plötzlich ...«

Er stand jetzt vor der Barriere.

Harry lächelte ihn an. »Es freut mich, dass Sie mich gleich wiedererkannt haben.«

»Warum hätte ich Sie nicht erkennen sollen? Sie haben sich überhaupt nicht verändert.«

»Umso besser.« Harry lächelte noch immer. »Es ist schön, wieder hier zu sein.«

Polizeichef Gregorius Kästner war blass geworden. Er wirkte nervös und unsicher. Auf seiner Stirn standen feine Schweißperlen, und seine Augen wanderten unruhig hin und her.

»Warum sind Sie zurückgekommen, Harry?« Kästner sah Harry nicht an.

»Weil mein Vater gestorben ist«, erwiderte Harry sanft. Und dann fragte er plötzlich laut: »Warum hat mich niemand benachrichtigt? Wie ich höre, weiß fast jeder in der Stadt, wo ich zu erreichen gewesen wäre. Aber niemand hat mich angerufen. Warum nicht?«

»Dein Vater wollte es nicht«, erklärte Kästner mit unsicherer Stimme. Die Begegnung schien ihm äußerst peinlich zu sein. »Er sagte, er habe keinen Sohn mehr.«

»Wann hat er das gesagt?«

»Kurz vor seinem Tod.«

»Und er hat Ihnen verboten, mich zu benachrichtigen?«

»Nicht mir. Dem Bürgermeister.«

»Und der gab es an Sie weiter?«

»Ja.«

Harry schwieg eine Weile und blickte Kästner in die Augen. Aber dieser hielt seinem Blick nicht stand.

»Erzählen Sie mir, wie er ums Leben gekommen ist«, verlangte Harry.

»Das ist schnell erzählt.«

Kästner atmete auf. »Es war in der vergangenen Woche, am Mittwoch ...«

»Er starb am Dreiundzwanzigsten«, unterbrach ihn Harry. »So steht es jedenfalls an seinem Grab.«

»Ja«, sagte Kästner. »Der Dreiundzwanzigste war der Donnerstag. Aber Ihr Vater fuhr schon am Mittwochnachmittag nach München. Geschäftlich, wie er sagte. Am Donnerstagmorgen wollte er wieder zurück sein, weil er die Stadtratssitzung, die für neun Uhr angesetzt war, nicht versäumen wollte. Deshalb fuhr er auch noch in der Nacht nach Hause. Und da passierte es dann. Er prallte mit hoher Geschwindigkeit gegen einen Baum, sein Wagen fing Feuer, und er verbrannte. Man konnte ihn kaum noch identifizieren.«

»Wie haben Sie feststellen können, dass der Tote mein Vater ist?«, fragte Harry.

»In erster Linie an seinem Gebiss. Dr. Merk hat ihm erst vor kurzem eine Brücke eingepasst. Und an seiner linken Hand fehlte ihm ja der kleine Finger. Die Hand des Toten war nur angesengt, und das Glied fehlte. Dann natürlich an seinen Beinen. Er hatte doch eine lange Narbe über dem rechten Knöchel. Die Narbe war da. Seine Beine waren bis zu den Knien unverletzt.«

»Wo ist das passiert?«

»Einen knappen Kilometer vor der Stadt.«

»Am Waldheimer Berg?«

»Ja.«

»In der Todeskurve?«

»Nein, weiter oben. Mitten in der langen Geraden. Er muss eingeschlafen sein.«

Harry nahm sich vor, die Stelle heute noch zu besichtigen.

»Um welche Zeit ist es passiert?«

»Das konnte man nicht genau feststellen. Aber es muss gegen drei Uhr morgens gewesen sein.«

»Wer hat meinen Vater gefunden?«

»Dr. Zieher. Er wurde nachts zu einem Patienten gerufen. Auf der Rückfahrt sah er dann den brennenden Wagen. Er ist sofort hingefahren.«

»Der Wagen hat also schon gebrannt, als Dr. Zieher ihn entdeckte?«

»Ja, leider. Da war nichts mehr zu machen.«

»War er sofort tot?«

»Ja, er muss sofort tot gewesen sein«, meinte der Polizeichef.

»Vorher haben Sie gesagt, dass mein Vater kurz vor seinem Tod noch verfügt habe ...«

»Das war schon vor ein paar Wochen«, sagte Kästner schnell. »Als ob er es geahnt hätte.«

»Zu wem soll er das gesagt haben?«

»Zum Bürgermeister.«

»Sie meinen also, mein Vater hat zum Bürgermeister gesagt, wenn er einmal plötzlich sterben sollte, dann möchte er nicht, dass man mich benachrichtigt?«, fragte Harry. »Habe ich das richtig verstanden?«

»Vollkommen richtig«, bestätigte Kästner.

Harry erwiderte nichts. Er hätte Kästner jetzt sagen können, dass er ihn für einen Lügner hielt. Aber er dachte an die Alte und ihre Worte, und es war ihm klar, dass er sie unter Umständen in Gefahr bringen könnte.

»Was wollen Sie jetzt machen?«, fragte Kästner.

»Was soll das heißen?«

»Nun, ich dachte, es wäre in der Zwischenzeit klargeworden, dass du hier unerwünscht bist«, erklärte Kästner.

Harry ließ es unkommentiert, dass ihn der Polizeichef von Rotbach geduzt hatte. Er sagte: »Natürlich habe ich gemerkt, dass man mich hier nicht haben will. Aber das stört mich im Moment nicht. Ich habe nicht die Absicht, für immer hierzubleiben. Doch jetzt gibt es bestimmt einige Dinge zu regeln, die nur ich regeln kann. Sie scheinen das vergessen zu haben.«

»Das alles hat längst Ihr Onkel in die Hand genommen.«

»Wer hat ihn dazu ermächtigt?«

»Der Bürgermeister.«

»Wieder der Bürgermeister«, stellte Harry fest. »Ich werde mich mal mit ihm auseinandersetzen müssen.«

»Hören Sie, Harry«, sagte Kästner eindringlich. »Ich rate Ihnen, vorläufig nichts zu unternehmen. Sie bringen sich nur in Schwierigkeiten. Verlassen Sie die Stadt. Lassen Sie Gras über die Geschichte wachsen und kommen Sie später wieder zurück. Niemand kann Ihnen Ihr Pflichtteil streitig machen, das wissen Sie so gut wie ich. Aber im Augenblick wäre es ratsamer, nicht so viel Staub aufzuwirbeln. Der Tod Ihres Vaters hat hier einiges durcheinandergebracht. Erinnerungen wurden geweckt, und manch einer könnte über das Ziel hinausschießen, wenn er Sie hier sieht. Ihr Vater war sehr beliebt, und die Leute haben noch nicht vergessen, dass Sie ihn damals einen Mörder und Verbrecher genannt haben. Außerdem bin ich überzeugt davon, dass man das diesbezügliche Vermächtnis Ihres Vaters unbedingt befolgen wird.«

»Ein Vermächtnis?«, fragte Harry verdutzt. »Soll das heißen, dass mein Vater ein Testament hinterlassen hat?«

»So etwas Ähnliches«, formulierte Kästner vorsichtig. »Es soll ein Schriftstück existieren, in dem Ihr Vater verfügt hat, man solle Sie unverzüglich aus der Stadt jagen, sollten Sie sich nach seinem Tode hier sehen lassen.«

»Das ist doch Quatsch.«

»Nein«, widersprach Kästner. »Bürgermeister Sabisch hat mir versichert, dass das Schriftstück existiert.«

»Sie wissen so gut wie ich, dass niemand das Recht hat, mich aus der Stadt zu weisen«, erklärte Harry. »Auch nicht, wenn es sich um den Letzten Willen eines Toten handelt.«

»Das wissen Sie, und das weiß ich«, stellte Kästner trocken fest. »Aber wissen es auch die anderen?«

Jetzt explodierte Harry, obwohl er sich vorgenommen hatte, sich nicht provozieren zu lassen.

»Dann haben Sie die verdammte Pflicht, es diesen Leuten beizubringen!«, schrie er.

»Aber, Herr Steinberger, das ist doch selbstverständlich«, beschwichtigte Kästner. »Ich werde tun, was in meiner Macht steht. Ob das jedoch reicht, Sie vor der Willkür der aufgebrachten Menschen hier zu schützen, weiß ich nicht. Es wird jedenfalls sehr schwer sein. Ich habe Ihnen deshalb ja schon geraten, zunächst mal für eine Weile zu verschwinden, bis sich die Wogen etwas geglättet haben.«

Eine Frau stürzte zur Tür herein und erkundigte sich aufgeregt, ob man ihren Mann schon gefunden habe. Sie redete sehr laut und schnell, und Harry verstand nur die Hälfte. Aber er kannte die Frau. Er wusste, dass ihr Mann ein Säufer war und dass sie ihn schon des Öfteren hatte suchen lassen müssen. Es war doch überall dasselbe. Auch in Hamburg gab es ein paar Frauen, die mit schöner Regelmäßigkeit ihren Mann als vermisst meldeten. Und regelmäßig tauchte er dann plötzlich wieder auf, als wäre nichts gewesen.

Einer der jungen Polizeibeamten nahm sich ihrer an und machte ihr klar, dass es nicht so einfach sei, einen vermissten Mann zu finden, und dass sie noch eine Menge andere Arbeit hätten und dass ihr Mann schließlich ja noch jedes Mal wieder von selbst zurückgekommen wär. Sie solle erst mal abwarten. Aber wenn man nicht selbst davon betroffen war, hatte man leicht reden. Die Frau hatte für fünf Kinder zu sorgen.

Harry wandte sich wieder Kästner zu.

»Ich habe nicht die Absicht, von hier zu verschwinden«, sagte er. »Ich werde hierbleiben, bis alles geregelt ist. Erst dann kehre ich nach Hamburg zurück.«

»Wie Sie meinen.« Kästner zuckte mit den Achseln. »Es ist Ihre Entscheidung.«

»Richtig«, bestätigte Harry lächelnd. »Es ist meine Entscheidung.«

»Soll ich Ihnen einen Mann als Begleitschutz mitgeben?«, erkundigte sich Kästner.

»Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?«

»Aber nein«, beeilte sich Kästner zu versichern. »Ich habe es nur gut gemeint.«

»Danke. Ich kann sehr gut auf mich selbst aufpassen.«

Ruhig wandte sich Harry um und ging hinaus. Hätte er aber gesehen, wie Kästner, nachdem er den Raum verlassen hatte, in eines der Hinterzimmer ging, mit zitternden Händen den Telefonhörer abnahm und wählte, wäre er doch beunruhigt gewesen.



6

Das Lokal war nur halb voll. Aber für diese Tageszeit war das schon allerhand. Es war eines der besten Speiselokale der Gegend, und Harry war früher hier Stammgast gewesen.

Die Bedienung war neu.

Harry bestellte sich ein Pils vom Fass und fragte nach dem Koch. »Sie meinen den Chef«, sagte die Bedienung, eine hübsche Schwarzhaarige mit freizügigem Ausschnitt.

»Nein, ich meine den Koch.«

»Der Koch ist der Chef.«

»Und wer ist der Chef?«

»Der Koch.«

»Das habe ich inzwischen kapiert«, grinste Harry.

»Fein.« Sie wollte gehen.

»Und wie heißt dieser Chefkoch?«, hielt sie Harry zurück.

»Das steht draußen an der Tür auf einer großen schwarzen Tafel«, erwiderte das Mädchen.

»Würden Sie’s mir trotzdem sagen?«

»Klar doch. Er heißt Rudi Meister.«

Harry hob erstaunt die Augenbrauen. »Sieh mal einer an. Der Rudi. Würden Sie ihm ausrichten, dass ich ihn gern sprechen möchte?«

»Ausrichten kann ich es ihm schon. Aber ob er Zeit hat?«

»Für mich wird er Zeit haben.«

»Wie Sie meinen.«

Sie ging weg und gab an der Theke Harrys Bestellung auf. Dann verschwand sie durch eine Seitentür.

Wenige Minuten später kam Rudi durch das Lokal auf Harrys Tisch zu.

Er ist dicker geworden, stellte Harry fest. Seine Küche ist zu gut.

»Sie wollten mich ...« Er stockte. »Mich laust der Affe! Das ist ja Harry! Mensch, Harry, alter Junge ...«

Harry erhob sich lächelnd und boxte Rudi Meister auf den Oberarm, und der boxte zurück, und sie lachten.

Und dann setzten sie sich, und Rudi sagte: »Mein Gott, Harry, wie lange haben wir uns schon nicht mehr gesehen?«

»Ziemlich genau fünf Jahre.«

»So lange schon? Himmel, wie die Zeit vergeht. Warum hast du eigentlich nie mehr was von dir hören lassen?«

»Du hast dich ja auch nicht gerührt.«

»Aber ich hab doch nicht gewusst, wo du steckst.«

»Wirklich?«, fragte Harry verwundert. »Ellen meinte, fast jeder hier wusste, dass ich mich in Hamburg niedergelassen habe.«

»Ich nicht.«

»Na ja, ist ja auch egal.« Dann sagte er: »Ich brauche deine Hilfe, Rudi.«

»Was kann ich für dich tun, alter Junge?«

Harry glaubte ein kurzes Aufblitzen in Rudis Augen gesehen zu haben. Aber er war sich nicht ganz sicher.

»Hier trifft sich doch noch immer die Hautevolee? Und wie ich höre, bist du jetzt der Besitzer.«

»Das bin ich«, erklärte Rudi Meister stolz. »Seit zwei Jahren gehört mir der Laden.«

»Gratuliere«, sagte Harry aufrichtig. »Das freut mich wirklich für dich. Ich habe ja immer gesagt, dass aus dir noch mal was wird. Nun, jetzt hast du’s geschafft.«

»Oh nein«, wehrte Rudi Meister ab. »Ich hab noch ’ne Menge Schulden.«

»Du machst das schon«, meinte Harry. »Aber was macht Schachtner jetzt?«

»Er ist tot. Hat die Vorfahrt missachtet und ist unter die Räder eines Lasters geraten.«

Nach einem Augenblick des Schweigens sagte er: »Also, um wieder auf mein Problem zu kommen. Könntest du hier ein wenig die Ohren spitzen?«

»Um was geht es, Harry?«

»Das sollst du ja herausfinden. Ich weiß nicht warum, aber sie wollen mich hier nicht haben. Kästner hat was von einem Schriftstück gefaselt, das mein Vater hinterlassen haben soll. Demnach hätte man mich unverzüglich aus der Stadt zu weisen, sollte ich mich nach dem Tod meines Vaters hier blicken lassen. Ich glaube aber nicht an einen solchen Quatsch. Ich glaube eher, dass da eine große Schweinerei im Gange ist.«

»Selbstverständlich kannst du auf meine Hilfe rechnen«, versicherte Rudi. »Aber was das Schreiben deines Vaters betrifft, muss ich dich enttäuschen. Das Schreiben existiert. Sabisch hat es mir selbst gesagt.«

»Und was hast du darauf erwidert?«

»Nichts. Was hätte ich sagen sollen?«

»Dass es ein hirnverbrannter Quatsch ist, hättest du sagen können.«

»Wenn ich gewusst hätte, dass du zurückkommst, hätt ich’s bestimmt getan, Harry. Aber so wollte ich mich nicht mit ihm anlegen. Schließlich hätte es ja doch nichts genützt.«

»Das ist richtig«, gab Harry zu. »Viel Sinn hätte es nicht gehabt. Aber was hältst du von der Sache? Glaubst du auch, dass mein Vater so was geschrieben hat?«

»Wenn Sabisch es sagt, wird es schon seine Richtigkeit haben. Außerdem habe ich noch zwei Stadträte, Meier und Schölten, davon sprechen hören.«

»Das überzeugt mich noch lange nicht«, entgegnete Harry. »Ich kann einfach nicht glauben, dass mein Vater so etwas geschrieben haben soll. Er hätte gewusst, dass der Letzte Wille eines Toten keine rechtliche Grundlage für die Ausweisung aus einer Stadt sein kann.«

»Auch nicht, wenn es der Stadtrat will?«

»Auch dann nicht.«

»Bist du ganz sicher?«

»Natürlich.«

»Na ja, als Detektiv musst du es schließlich wissen«, meinte Rudi Meister langsam. »Was soll ich also für dich tun?«

»Du sollst für mich herausfinden, warum man mich hier nicht haben will«, erklärte Harry ohne besonderen Nachdruck. Auf einmal schien es ihm nicht mehr so wichtig zu sein, dass Rudi Meister sich umhörte.

»Ich werde tun, was ich kann«, versprach Meister. »Schau morgen Mittag wieder herein. Vielleicht habe ich bis dahin schon etwas für dich.«

Harry lächelte ihn an. »Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann.«

»Ist doch klar, Harry.«

»Gut, dann mach mir jetzt die Rechnung.«

»Kommt überhaupt nicht infrage«, wehrte Rudi ab. »Du warst mein Gast.«

»Nun, dann bedanke ich mich, Rudi. Und du sperrst für mich die Ohren auf?«

»Sicher, Harry.«

»Also dann.«

Rudi Meister, der neue Besitzer des Feinschmeckerlokals, wartete, bis Harry die Tür hinter sich zugezogen hatte. Dann ging er ans Telefon. Aus seinen eisgrauen Augen war die Freundlichkeit verschwunden.

Was geht mich Harry an, dachte er, während er wählte. Das Hemd ist mir näher als die Jacke. Jetzt geht es um meine Existenz. Es geht um mich und meine Familie. Ich kann mir keine Gefühle leisten.

Endlich hatte er seine Verbindung. Erst sprach er eine Weile aufgeregt, dann hörte er nur zu. Als er den Hörer zurücklegte und die kleine Zelle verließ, war sein Gesicht eher nachdenklich.



7

Es war ein großer Wohnblock, weiß getüncht und mit schönen Grünanlagen vor und hinter dem Haus. Harry erinnerte sich, dass das Haus gerade im Bau gewesen war, als er die Stadt verlassen hatte. Zwei Tage lang hatte er sogar selbst mit daran gearbeitet. Harry blickte auf das Straßenschild und die Hausnummer. Finkenstraße achtunddreißig. Hier musste sie wohnen. Die Adresse hatte er aus dem Telefonbuch.

Ellen wohnte im zweiten Stock, erster Eingang. Harry stieg die Treppe hinauf und klingelte.

Sie öffnete ihm sofort. Sie sprachen nicht. Sie standen sich stumm gegenüber und sahen sich an.

Nach einer Weile sagte Harry: »Ich hoffe, du wirfst mich nicht gleich hinaus.«

»Eigentlich sollte ich das tun, du Schuft.«

»Ich bin kein Schuft.«

Zusammenfassung

Harry Steinberger hat seinen Vater gehasst - so sehr gehasst, dass ihn die Nachricht von seinem Tod wenig berührt. Aber das Gerücht, der skrupellose Bauunternehmer sei ermordet worden, weckt Harrys Neugier - und seinen beruflichen Ehrgeiz. Denn Harry ist Privatdetektiv.
Obwohl er sich nach dem Bruch mit seinem Vater geschworen hat, nie wieder in seine oberschwäbische Heimatstadt zurückzukehren, fährt Harry nun doch nach Rotbach, um den mysteriösen Tod seines Vaters aufzuklären. Die Wiederbegegnung mit der Vergangenheit verläuft schmerzhaft - im übertragenen wie im buchstäblichen Sinn: Immer wieder wird Harry überfallen und zusammengeschlagen. Und der korrupte Polizeichef von Rotbach rührt keinen Finger, stellt Harry schließlich sogar unter Mordverdacht. Bald ahnt Harry die Wahrheit - wenn er sie auch nicht fassen kann.

Details

Seiten
160
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738912227
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Januar)
Schlagworte
hemd taschen

Autor

Zurück

Titel: Das letzte Hemd hat viele Taschen