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San Angelo Country #50: Die Legende vom Canyon Maldito

2017 120 Seiten

Leseprobe

Die Legende vom Canyon Maldito


Ein Western von LUKE SINCLAIR



IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von Frank Tenny Johnson, 2017

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Klappentext:

Die Indianer glaubten, dass ein Fluch auf diesem Canyon lastete. Auch Roy Catlin war davon überzeugt, dass dieser Canyon nicht geheuer war. Denn alle, die sich dorthin gewagt hatten, waren eines gewaltsamen Todes gestorben. Roy war einer der wenigen, die den Weg zum Canyon Maldito kannten, aber er hatte keine Lust, das Schicksal der Männer zu teilen, deren Knochen jetzt zwischen den Felsen des unheimlichen Canyons vermoderten. Aber dann hatte er plötzlich eine Meute Lyncher im Nacken. Und ihm blieb keine andere Wahl, als die Flucht ins Ungewisse zu ergreifen ...




Roman:

Alles nur Legende, behaupteten die einen geringschätzig, und andere schworen, dass es die reine Wahrheit sei. Aber manchmal vermischen sich Wahrheit und Legende miteinander, und niemand weiß genau zu sagen, wo das eine aufhört und das andere anfängt. Aber Geschichten wie diese haben schon immer die Gemüter der Menschen bewegt und werden es auch weiterhin tun Geschichten von Orten, die niemals aus dem Dunkel der Geheimnisse emportauchen und von denen manche behaupten, es gäbe sie gar nicht, nur weil sie nie gefunden wurden. Und wenn man sie doch entdeckte...

Man sollte dem Lauf dieser Geschichte nicht vorgreifen und alles schön der Reihe nach erzählen. Vielleicht ist doch alles nur Legende?

Quien sabe wer weiß das schon so genau...?


*


Der Reiter hatte das kleine Haus am Rand der Stadt fast erreicht, als die Schüsse fielen, mit denen alles anfing. Zwei Revolverschüsse dicht hintereinander, irgendwo im Innern dieses Hauses.

Einen Moment erstarrte der Reiter, im Bewusstsein irgendeines Unheils, während blitzartige Erinnerungen durch seine Gedanken zogen. Dunkelheit füllte bereits die enge Straße aus. Der letzte Rest vom Tageslicht verdämmerte irgendwo hinter dem Horizont.

Dann sprang der Mann aus dem Sattel, ließ das Tier mit schleifenden Zügeln stehen und rannte auf das Haus zu. Die Tür war nur angelehnt und knarrte leise. Er schob sich in die Diele des Hauses. Sie lag im Dunkeln. Das Licht brannte in einem der oberen Räume. Undeutlich sah er die Treppe, die nach oben führte, und stieg sie hinauf. Er kannte sich aus hier, auch wenn er lange nicht mehr dagewesen war.

Jos!“, rief er halblaut.

Er erreichte einen dunklen Korridor und blieb unschlüssig stehen. Es war ihm, als hätte er ein Geräusch vernommen, als er sich noch auf der Treppe befand. Durch einen Türspalt sickerte Licht in den dunklen Flur, aber es erhellte ihn nicht. Es warf nur einen dünnen hellen Streifen auf den Fußboden.

Da war wieder ein Geräusch. Es musste irgendwo an der dunklen Wand gewesen sein und klang wie ein leises Schürfen. Er starrte in die Dunkelheit, aber seine Blicke wurden immer wieder von dem schmalen Lichtstreifen angezogen.

Er wollte gerade weitergehen, als er eine Bewegung gewahrte, Er ahnte sie mehr, als er sie sehen konnte. Seine Hand griff nach dem Revolver, aber etwas prallte gegen ihn, und er krachte mit dem Rücken gegen die Wand. Der Anprall war so hart, dass er nicht imstande war, die Gestalt des Mannes festzuhalten, der ihn gegen die Wand gestoßen hatte.

Jemand lief hastig zur Treppe. Die Schritte stockten plötzlich, und ein greller Blitz blendete seine Augen. Er duckte sich unwillkürlich zusammen, als die Kugel dicht neben seinem Hals in die Wand schlug. Ein ohrenbetäubender Donner erfüllte den engen Flur und ließ fast das ganze Haus erzittern. Der Unbekannte polterte die Treppe hinunter, und der Mann an der Wand schoss hinter ihm her. Aber er konnte nichts von dem anderen erkennen und gab seinen Kugeln wenig Chancen.

Als der Lärm seiner Schüsse verklungen war, erfüllte eine seltsame Stille das Haus. Der Pulverdampf drang in die Atemwege und reizte zum Husten.

Der Lichtschein war unverändert da. Jener Unbekannte musste bereits aus dem Zimmer gekommen sein, als er das Haus betreten hatte. Mit zwei schnellen Schritten war er an der Tür und stieß sie mit dem Fuß auf. Mit schussbereitem Revolver sprang er in das Zimmer und blickte sich wild um.

Einen Moment stand er da, ohne sich zu bewegen, und starrte auf den Mann auf dem Boden.

Josuah Kendall“, murmelte er leise und beugte sich nieder. Der Gedanke, zu spät gekommen zu sein, erfüllte ihn plötzlich mit kaltem Grimm. Hatte dieser Mann, der einmal sein Partner war, etwas von diesem Ende geahnt?

Seine Hand tastete nach den beiden Einschüssen auf der Brust des Verletzten, und er fühlte das Blut an seinen Fingern. Dieser Mann war noch nicht tot, aber man brauchte kein Arzt zu sein, um zu sehen, dass es sich nur noch um Augenblicke handeln konnte, bis dieses Leben, verlöschte.

Warum, Jos?“

Es war, als hätte Josuah Kendall seine leisen Worte gehört. Er öffnete zuckend die Augenlider und nickte kaum merklich mit dem Kopf.

Du hast also meine Nachricht bekommen, Roy“, sagte er mit schwacher Stimme.

Roy Catlin nickte. „In San Angelo.“

Hör zu, Roy.“ Das Sprechen bereitete dem Sterbenden große Mühe, und er tastete mit seiner kraftlosen Hand nach Catlins Arm. „Hör zu, was ich dir zu sagen habe.“

Roy Catlin schüttelte den Kopf.

Du solltest jetzt lieber nichts sagen und warten, bis ich den Doc geholt habe.“

Mir bleiben so oder so nur noch ein paar Atemzüge, Roy, aber ich war dort... Ich war im Canyon Maldito. Ich habe sie gesehen...“

Was hast du gesehen?“ Roy Catlin beugte sich tiefer über den alten Mann.

San Felipe“, hauchte dieser, „es gibt sie, es gibt sie wirklich, ich habe sie... mit eigenen Augen...“ Er verstummte, und seine Atemzüge wurden röchelnd.

Mein Gott“, murmelte Roy Catlin ergriffen. Der Canyon Maldito, der verfluchte Canyon. Dieser Wahn hatte den alten Mann also bis zu seinem Tod nicht mehr losgelassen. Es gab Tausende solcher Legenden von verschwundenen Schätzen im Arizona-Territorium.

Ein mildes Lächeln kam in Catlins Augen. Dieser alte Mann hatte lange genug gelebt, um das Land und seine Menschen zu kennen. Aber an die verschwundene Mission von San Felipe hatte er fest geglaubt und hatte sein Leben lang nach ihr gesucht, ohne sie zu finden. Und deshalb war er zu einem Mann geworden, um den sich selbst zahlreiche Legenden woben, den niemand mehr ernst nahm.

Und trotzdem war er ermordet worden!

Catlins Gesicht wurde plötzlich ernst. Ein Gedanke tilgte das winzige Lächeln aus seinen Mundwinkeln. Gab es das alles wirklich? Diese Geschichte von den Goldbarren aus der mexikanischen Mine, die er hundert Mal gehört hatte? War Josuah Kendall deshalb erschossen worden? Roy konnte sich nicht entsinnen, dass der alte Mann irgendwelche Feinde hatte.

Aber das war doch alles Unsinn. Es gab unzählige solcher Schätze, die kein lebender Mensch je gesehen hatte.

Kendall öffnete erneut die Augen, aber Roy Catlin konnte die undeutlichen Worte kaum noch verstehen.

Ich wollte... mit dir zurückkehren ... Weg ... aufgezei... jetzt... zu spät...“

Alles andere verfloss zu einem unhörbaren Hauch und erstarb.

Roy Catlin hob den Kopf. Von der Straße her drangen aufgeregte Stimmen an sein Ohr. Man musste die Schüsse überall gehört haben. Sein Blick flog schnell durch den Raum. Der Täter war bestimmt längst irgendwo untergetaucht. Jetzt war er selbst der einzige Mann in diesem Haus, und er kauerte neben einem Toten mit dem Revolver in der Hand, aus dem einige Schüsse fehlten.

Hufschläge waren vor dem Haus und schrilles Pferdegewieher. Roy Catlin schnellte hoch und schlug mit einer raschen Bewegung die Petroleumlampe vom Tisch. Es klirrte hell, der Revolver traf genau den Docht, und die Flamme erlosch sofort.

Roy Catlin schlüpfte schnell auf den Flur hinaus. In der Diele und auf der Treppe waren trampelnde Schritte. Jemand rief: „Das ist Catlins Gaul vor dem Haus. Ich habe gleich so ein komisches Gefühl gehabt, als ich ihn vorhin in die Stadt reiten sah.“

Aber er war doch mal Kendalls Partner“, wandte ein anderer ein.

Das ist lange her. Du weißt, dass sie sich zuletzt nicht meht verstanden haben. Der Alte hat Catlins gesamtes Geld damals verpulvert, um nach diesem idiotischen Canyon zu suchen. Jetzt ist Catlin zurückgekommen, um zu kassieren. Das ist doch ganz einfach.“

Roy Catlin zog sich zurück und fühlte eine weitere schmale Treppe, die steil nach oben führte. Schnell folgte er ihr und gelangte durch eine Luke auf das Dach. Als er die Luke geöffnet hatte, fiel ein schwacher Lichtschimmer in das Innere des Hauses.

Dort ist er!“, brüllte jemand. Schüsse dröhnten unter ihm. Eine Kugel schrammte an seiner Stiefelsohle entlang und verursachte ein unangenehmes Summen in seinem Fuß. Dann lag er platt auf dem Dach, feuerte ein paar Mal in die Dunkelheit und warf die Klappe zu.

Er ist auf dem Dach. Umstellt das Haus!“ Eine schrille Stimme hob sich aus den anderen heraus.

Roy lud mit hastigen Fingern seine Waffe nach, während unter ihm brodelnder Lärm das . Haus erfüllte. Er blickte sich um. Es würde nicht lange dauern, und sie hatten ihn hier oben in der Falle. Er musste fort, und zwar schnell. Geduckt lief er bis zur Vorderfassade des Hauses und spähte hinunter. Das kleine Vordach über der Tür war nicht sehr tief unter ihm. Aber der Vorgarten wimmelte von Menschen. Nicht weit entfernt sah er sein Pferd stehen, aber er konnte es nicht erreichen. Jedenfalls nicht, solange die Männer da unten waren. Er lief zur Rückseite des Daches. Auch dort waren sie. Verdammt, er saß in einer üblen Klemme. Für einen Mann, der einen alten, harmlosen Narren umbrachte, gab es kein Pardon in diesem Land.

Sie sahen seine Gestalt an der Dachkante und schossen auf ihn. Das dünne Zirpen der Kugeln veranlasste ihn, sich schleunigst zurückzuziehen. Er lief zu der Luke zurück, durch die er das Dach bestiegen hatte und legte sein Ohr darauf. Nur schwache Geräusche klangen aus dem Haus herauf. Es schien, als seien alle Männer im Freien und warteten, dass er vom Dach herunter kam.

Catlin musste es riskieren, die Klappe hochzuheben. Es konnte sein, dass er dabei ein paar Kugeln einfing, aber es war seine einzige Chance.

Vom Dach des Nebenhauses knallte ein Schuss, und die Kugeln schlugen neben ihm in einen Holzaufbau. Also war man auch dort bereits.

Roy Catlin riss die Klappe hoch und schlüpfte in die schwarze Öffnung. Er fühlte die Stufen unter seinen Füßen und ließ oben los. So stand er eine Weile und lauschte. Die Geräusche, die im Haus waren, kamen von unten aus der Diele. Er ging in Kendalls Zimmer zurück. Der Tote lag nicht mehr dort. Vermutlich hatte man ihn hinuntergetragen. Roy schlich wieder vorsichtig auf den Korridor und betrat ein Zimmer, dessen Fenster auf die Straßenseite wies. Er öffnete das Fenster leise und blickte hinaus. Es lag dicht über dem kleinen Vordach. Sein Pferd stand ein paar Schritte entfernt von ihm, aber es waren zu viele Leute da.

Plötzlich kam ihm ein Gedanke. Es war die letzte Chance, die er hatte. Wenn es misslang, würde er noch in dieser Nacht hängen, denn das Gesetz in Safford war das, was diese Männer dort unten gerade empfanden.

Roy lief in das Mordzimmer zurück und sah sich um. Alles musste schnell und reibungslos gehen. Er ergriff die zerbrochene Lampe und warf sie durch die Fensterscheibe nach draußen. Das helle Klirren der berstenden Scheibe übertönte die Rufe und das Trampeln der Männer hinter dem Haus. Roy warf einen Stuhl hinterher, der in seiner Reichweite stand. Draußen erhob sich ein wildes, hysterisches Geschrei.

Hierher!“, kreischte jemand aufgeregt. Der Ruf ging im Gebrüll unter. Catlin ließ noch eine Glasvitrine folgen und hörte, wie der Lärm die Männer zur Raserei brachte. Das Fieber einer Menschenjagd hatte sie ergriffen und riss jeden einzelnen mit.

Roy lief schnell über den Flur in das andere Zimmer. Ohne zu zögern, schwang er sich aus dem offenen Fenster und landete dumpf auf dem Vordach. Auf der Straße befanden sich nur noch wenige Männer. Aber hinter dem Haus war ein unbeschreiblicher Tumult.

Roy sprang von dem Dach, und der Aufprall ließ ihn in die Knie gehen. Doch sofort war er wieder hoch und rannte durch den Vorgarten. Er setzte über den niedrigen Zaun hinweg, hinter dem sein Pferd stand. Aber dort standen Bewaffnete, und er rannte in die andere Richtung. Wieder setzte er über einen Zaun und gelangte in eine schmale dunkle Gasse.

Die Gasse war leer, und er lief weiter. Bereits nach einigen Schritten hörte er das gellende Hilfegeschrei des alten Mannes hinter sich. Aber vorerst konnte niemand wissen, wohin er gelaufen war.

Er schlug einen Bogen und näherte sich dem Mietstall. Es gab wenig Hoffnung, dort ein Pferd zu bekommen, denn seine Gegner waren bestimmt nicht so dumm; den Stall unbewacht zu lassen. Aber Roy wusste, dass ein Mietstall das beste Versteck in einer feindseligen Stadt war.

Über dem Tor des Stalles hing eine kleine Lampe, durch deren trüben Schein man unmöglich hindurch konnte, ohne gesehen zu werden. Der Stallbursche stand dort außerdem mit einigen Männern, die Gewehre bei sich hatten. Der Lichtschein war gut abgeschirmt und erhellte nur die nächste Umgebung. Roy befand sich im Dunkeln. Er bewegte sich an der Flanke des Stalles entlang.

Das hintere Tor war fest verrammelt, aber darüber befand sich eine Luke, die für bessere Durchlüftung sorgte. Roy wusste, dass diese Klappen meistens offen waren. Er stieg auf einen hohen Wassertrog, der das Regenwasser aus der Dachtraufe speicherte, und zog sich an einem Balken hinauf.

Er hatte Glück. Die Klappe war nur angelehnt und ließ sich, leicht aufdrücken. Roy blickte sich noch einmal um, dann schlüpfte er hinein. Es roch nach Heu, Staub und Pferdemist.

Catlin hörte die Stimmen der Männer, die am Eingang des Stalles standen. Er legte sich auf den Bauch und blickte vorsichtig über den Rand nach unten. Er sah nur die Schatten dieser Männer, die jene Lampe über dem Tor auf den staubigen Boden des Stalles warf. Die Schatten bewegten sich kaum.

Er darf auf keinen Fall an die Gäule herankommen“ sagte eine tiefe Stimme, „dann haben wir ihn so gut wie sicher.“

Ich habe eine Schrotflinte, und ich kann versichern, dass niemand hier herein oder herauskommt, wenn ich es nicht will.“

Das musste der Stallmann gewesen sein.

Roy Catlin sah einen der Schatten verschwinden. Er wartete noch einen Moment, und stieg dann vorsichtig die schmale Leiter hinab. Im stillen betete er, dass keine der Sprossen knarren mochte.

Als er unten ankam, schnaubte eines der Pferde. Roy verbarg sich hinter einem Pfeiler, hielt den Revolver schussbereit und spähte zu den Männern am offenen Tor. Einer von ihnen drehte sich um, schien aber nicht sehr argwöhnisch.

Roy steckte den Revolver ein und öffnete fast geräuschlos eine der Boxen. Das Pferd darin schnaubte und warf in der Dunkelheit den Kopf hoch. Roy trieb es heraus, als die Männer am Tor sich umdrehten. Sein Schuss ließ die Lampe zersplittern, und die Männer sprangen zur Seite. Das Pferd raste wiehernd durch das Tor und in die Nacht hinaus. Schüsse fetzten hinter ihm her,. Mündungsblitze zuckten durch die Dunkelheit.

Inzwischen hatte Roy Catlin weitere Boxen geöffnet. Die Tiere, durch die Schüsse und das Geschrei verängstigt, rannten sofort los. Roy schwang sich auf den Rücken des nächstbesten und duckte sich tief, als es ihn inmitten der anderen zum Tor hinaustrug. Schüsse knallten hinter ihm, der Wind rauschte an seinen Ohren.

Alles blieb hinter ihm zurück, die Schüsse, der Lärm und die hektischen Lichter. Die Nacht legte sich wie ein schützender Mantel um ihn. Er hatte es geschafft, jedenfalls bis hierher. Dem Strick war er vorläufig entgangen, aber er hatte das ungute Gefühl, dass etwas viel Schlimmeres auf ihn wartete. Etwas, das in der Einsamkeit dieses weiten Landes lauerte und bereits seine Krallen nach ihm ausstreckte.


*


Bis zum Tagesanbruch schaffte er es fast bis zu den Pinaleno Mountains. Er verbarg sich in einer kleinen Schlucht und versuchte, etwas zu schlafen. Er hatte weder Proviant noch Wasser bei sich, aber im Augenblick konnte er daran nichts ändern.

Der Tag war heiß und kroch träge und zäh dahin. Der Durst machte seine Zunge dick und die Lippen spröde und pelzig. Er verfluchte die Sonne und kroch immer tiefer in den Schatten.

Mit der Dunkelheit brach er schließlich wieder auf. Als nächstes musste er irgendwo Wasser herbekommen, denn der Durst war schlimmer als der Hunger, der sich knurrend durch seine Eingeweide fraß.

Der Mond beschien ein karges Land, das bedeckt war mit Steinen, dornigem Gesträuch und verkrüppelten Bäumen. Es war still, und Pferd und Reiter schienen die einzigen Lebewesen weit und breit zu sein.

Es war lange nach Mitternacht, als das Pferd plötzlich leise schnaubte. Roy hielt an und hob seine Nase witternd in die Luft. Es war ihm, als würde der leicht fächelnde Wind einen Brandgeruch mit sich bringen. Aber es roch nicht wie der Rauch eines Lagerfeuers.

Die Anwesenheit von Menschen in diesen einsamen Bergen überraschte ihn und erfüllte ihn zugleich mit Misstrauen. Aber der immer stärker werdende Drang nach Nahrung und Wasser machte ihn ungeduldig. Dort, wo es Menschen gab, war beides zu finden, und nur das zählte im Moment.

Er ließ das Pferd zurück und näherte sich zu Fuß den grauen Mauern, die noch halb hinter den Bäumen verborgen blieben. Die Nacht war geisterhaft still, und erneutes Misstrauen wurde in ihm wach. Irgend etwas hatte hier gebrannt, und das war kein gutes Zeichen. Es war zu ruhig für seinen Geschmack, kein Hund bellte, und kein Pferd schnaubte in irgend einem Korral.

Als er näherkam, gaben die Bäume den Blick auf einen Haufen verkohlter Trümmer frei, Dort war zweifellos ein Wagen verbrannt worden. Er konnte es im blassen Mondlicht jetzt deutlich erkennen.

Vorsichtig bewegte er sich weiter und hielt sich, so gut es ging, im Schatten der Bäume. Dabei hörte er nicht auf, sich ständig umzusehen, jeden Schatten aufmerksam zu mustern. Aber nirgendwo war eine Bewegung zu. erkennen oder sonst ein Zeichen von Leben.

Dann sah er plötzlich etwas, das ihm das Blut in den Adern stocken ließ. Unweit des Wagens lag etwas auf dem Boden. Ein totes Pferd, und in seinem Hals steckte ein Pfeil.

Roy Catlin blieb stehen. Apachen! Seine Blicke hetzten über das Land. Er hielt das Gewehr schussbereit in den Händen und ging weiter, ohne ein Geräusch zu verursachen.

Das Tor stand weit offen und gab den Weg frei, der in den rechteckigen Hof führte. Er wurde von drei Gebäuden und einer Mauer im Vordergrund umschlossen.

Neben dem Tor lag die Leiche eines Mannes. Ein abgebrochener Pfeil steckte in seinen Rippen, und den Schaft hielt der Tote in seinen blutigen, verkrampften Händen.

Roy Catlin kroch ein eiskalter Schauer über den Rücken, doch zugleich atmete er auf. Die Anwesenheit eines Toten gab ihm eine gewisse Sicherheit vor den Apachen. Er wusste, dass sie so schnell nicht an den Ort eines Massakers zurückkehrten, und besonders nicht in der Nacht, denn sie fürchteten, dass die Geister der Toten an ihnen Rache nehmen könnten.

Am Tor blieb er stehen und schaute in den Hof. Die schwarzen Schatten schienen drohend auf ihn zu lauern. Aber der Gedanke an Wasser trieb ihn weiter. Er konnte nicht warten, bis es hell wurde.

Auf dem Hof fand Roy Catlin eine etwa vierzigjährige Frau. Die Kleider waren ihr in Fetzen heruntergerissen, und unter ihrem eingeschlagenen Schädel hatte sich ein großer dunkler Blutfleck ausgebreitet.

Catlin schaute sich im schwachen Mondlicht um. Er glaubte nicht, hier noch ein lebendes Wesen vorzufinden, aber vielleicht fand er Vorräte, und bestimmt gab es hier Wasser.

Der Hof war übersät mit zerschlagenen Möbeln, Hausrat und zerschlissenem Stoff. Vor der Schmiede lag ein totes Muli, aus dem große Fleischstücke herausgeschnitten waren. Apachen hatten eine große Vorliebe für Mulifleisch.

Der Brunnen befand sich in der hinteren Ecke des verwüsteten Rechtecks. Roy Catlin tauchte sein Gesicht in das kühle, frische Wasser und trank in langen Zügen. Dann hob er plötzlich den Kopf, und das Wasser tropfte von seinem Kinn. Es war ihm, als hätte er soeben ein Geräusch gehört.

Das Herz schlug ihm bis zum Hals. Waren doch noch Apachen hier?

Langsam schob er sich im Schatten der Schmiede entlang. Er lauschte, aber er konnte nichts mehr hören. Das Geräusch musste aus dem Innern der Gebäude gekommen sein. Es hatte geklungen, als wäre jemand gegen ein Möbelstück gestoßen.

Roy bewegte sich auf das eingeschossige Haus zu und hielt den Revolver in der Rechten. Das Gewehr hatte er beim Brunnen gelassen, es wäre ihm hier nur hinderlich gewesen.

Neben der Tür lag ein zweiter Mann. Seine weit aufgerissenen Augen starrten Roy blicklos an.

Die Tür gähnte ihm schwarz entgegen.

Kurz entschlossen sprang er mit einem langen Satz durch die offene Tür. Irgend etwas wich vor ihm zurück. Er setzte sofort nach, und seine kräftigen Arme griffen nach einem undeutlichen Schatten. Erschrecktes Keuchen hielt ihn davon ab, mit dem Revolver zuzuschlagen. Er packte einen zierlichen Körper, fühlte die weichen Brüste einer Frau und ließ wie elektrisiert los.

Die Frau stieß einen schrillen Schrei aus, und er presste ihr rasch seine große Hand auf den Mund.

Um Himmels willen, seien Sie still!“, zischte er sie an. „Ich bin kein Apache."

Ihr Widerstand erlosch nur zögernd, und er ließ ihren zitternden Körper los. Sie aber klammerte sich an ihm fest und drückte schluchzend ihr Gesicht gegen seine Schulter.

Verdammt, er hatte genug damit zu tun, sein eigenes Leben zu retten. Jetzt war da noch eine Frau, auf die er achtgeben musste. Wo sollte er mit ihr hin? Wenn er sie nach Safford zurückbrachte, dann hängte man ihn dort auf, und mit ihr durch das Gebiet der Apachen zu reiten, erschien ihm wie die Idee eines Wahnsinnigen.

Er schob sie leicht von sich und schüttelte sie hin und her.

Hören Sie auf damit!“, herrschte er sie an.

Sie sagte kein Wort, und er sah an ihren Bewegungen, dass sie sich die Tränen abwischte. Sie tat ihm unendlich leid, aber was konnte sein Bedauern ihr schon helfen?

Er drehte sich um und spähte in die mondhelle Nacht hinaus.

Wann ist es passiert?“

Es dauerte eine Weile, ehe sie antwortete.

Kurz vor Sonnenuntergang. Sie kamen direkt aus der Sonne. Niemand hat sie vorher gesehen. Auf einmal waren sie da.“

Er wandte den Kopf nach ihr, obwohl er von ihrer Gestalt nur einen dunklen Fleck sehen konnte.

Und Sie?“

Ich war drüben beim Brunnen und wollte Wasser holen. Als sie kamen, lief ich vor Angst in die Schmiede und versteckte mich dort.“ Sie schwieg einen Moment. „Merkwürdig, sie haben sämtliche Gebäude durchsucht, aber die Schmiede haben sie nicht betreten. Ich habe die ganze Zeit gebetet. Glauben Sie, dass es etwas genützt hat?“

Sie haben Glück gehabt“, sagte Roy Catlin. „Die Apachen halten eine Schmiede für eine religiöse Kultstätte, in der Geister wohnen. Sie rühren dort nichts an.“

Sie tastete irgendwo in der Dunkelheit herum.

Hier war mal eine Lampe, aber die Apachen werden sie wohl zerschlagen haben.“

Machen Sie kein Licht an!“, warnte er sie.

Meinen Sie, sie kämen noch einmal zurück?“

Roy bewunderte ihre Fassung, die sie nach solch schrecklichen Ereignissen verhältnismäßig schnell wiedergewonnen hatte.

Zumindest in der Nacht nicht“, antwortete er. „Aber sie könnten noch in der Nähe sein und das Anwesen beobachten.“

Sie schwieg eine Weile und fragte dann: „War außerhalb des Hofes noch jemand?“

Ich habe im ganzen zwei Männer und eine Frau gefunden.“

Dann sind sie alle tot.“

Wenn es hell wird, werden wir sie beerdigen. Haben Sie sonst noch Angehörige hier in der Gegend?“ Sie sagte einen Moment nichts, und Roy Catlin hatte das Gefühl, als bedrücke sie irgend etwas.

Es waren nicht meine Angehörigen.“

Catlins Schweigen war fordernder als jede Frage, aber sie sagte nur: „Haben Sie kein Pferd?“

Er hatte das Tier fast vergessen, aber es war wohl besser, wenn er es jetzt holte.

Als er durch das Tor hinausging, musste er daran denken, dass die Apachen ihn möglicherweise sehen könnten, falls sie das Haus beobachteten. Doch im Augenblick konnte er nichts dagegen tun, und es würde wohl an seiner Lage auch nicht viel ändern.

Roy führte das Pferd zunächst zum Brunnen und ließ es saufen. Aus den Augenwinkeln sah er die Gestalt der Frau über den Hof kommen.

Reiten Sie immer ohne Sattel?“ Er schaute sie an und zog das Pferd vom Brunnen weg.

Nur manchmal.“

Sie kam hinter ihm her, als er das Tier in die Schmiede brachte und ihm etwas Heu vorwarf.

Ich heiße Celia McGavin“, sagte sie.

Er nickte nur und fragte: „Wissen Sie, ob noch Vorräte im Haus sind?“ Er sah undeutlich, wie sie mit den schmalen Schultern zuckte. „Damit werden wir wohl warten müssen, bis es hell wird.“


*


Roy Catlin begrub die Toten außerhalb des Hofes, noch ehe die Sonne aufging. Als er zurück kam, klebte trotz der Morgenkuhle das Hemd an seinem Körper.

Ich mache Ihnen etwas zu essen“, sagte Celia, „aber wir können kein Feuer machen.“

Er nickte. Der Tag kam über die Berggipfel und drang in die Gebäude. Zum ersten Mal konnte Roy etwas mehr von ihr sehen, als nur ihre Silhouette. Sie war noch ein Mädchen, schlank und zierlich und hatte langes schwarzes Haar. Ihr Gesicht war ein wenig herb für ein Mädchen, aber ihre sanften braunen Augen milderten diesen Eindruck wieder.

Während sie von dem Speck und hartem Brot aßen, das sie aus den Trümmern der Einrichtung herausgesucht hatte, beobachtete er ihr Gesicht.

Haben Sie sich schon mal Gedanken darüber gemacht, wo Sie von nun an leben werden; jetzt, wo diese Leute nicht mehr sind?“

Sie schaute zu den bleigrauen Felsmassiven hinüber, die in der Sonne schimmerten.

Ich werde hier auf meinen Großvater warten. Er hat mich vor etwa zwei Wochen hier zurückgelassen und wird irgendwann wiederkommen.“

Catlin schaute sie verständnislos an.

Und wohin wollte Ihr Großvater?“

Haben Sie schon einmal von dem Canyon Maldito gehört?“

Roy Catlin blieb beinahe der Bissen im Hals stecken. Er verdrehte die Äugen.

Das ist doch wohl nicht Ihr Ernst.“

Leider doch. Schon mein Vater ist auf der Suche nach diesem Canyon ums Leben gekommen. lch glaube, dass er ihn gefunden hatte.“

Wie kommen Sie darauf?“

Die Indianer glauben, dass ein Fluch auf diesem Canyon liegt. Jeder, der ihn betritt und wieder verlässt, muss sterben.“

Glauben Sie das auch?“

Sie nickte.

Ja. Ich ziehe hier schon seit Jahren mit meinem Großvater herum und hoffe, dass er ihn nicht findet.“

Warum hören Sie nicht auf damit?“

Soll ich ihn etwa allein lassen? Er ist ein alter Mann, er braucht mich.“

Sie können beruhigt sein. Er wird ihn nicht finden, weil es ihn nicht gibt. Viel größer ist die Gefahr, dass die Apachen Ihren Großvater finden.“

Sie schwieg, und er selbst war sich seiner Worte nicht mehr ganz sicher. Josuah Kendall hatte noch im Sterben behauptet, er habe den Canyon Maldito gefunden - und jetzt war er tot!

Unsinn! Roy erhob sich, drehte sich eine Zigarette und stand rauchend in der Tür. Das einzige, woran er wirklich glaubte, waren die Apachen, und er hoffte, dass sie nicht hierher zurückkamen.

Der Tag kroch träge und heiß dahin. Dann kam Celia plötzlich über den Hof gerannt. Er hörte sie schreien, und sie stolperte über die Trümmer der zerschlagenen Einrichtung. Roy rannte ihr entgegen, hob sie auf und sah das Entsetzen in ihren dunklen Augen. Sie deutete auf die hügelige Ebene vor dem Hof und stammelte: „Um Himmels willen, sie werden kommen und uns umbringen! Was sollen wir bloß tun?“

Roy Catlin fühlte ihren zitternden Körper in seinen Armen, und der Gedanke an den Tod erfüllte ihn plötzlich mit einer Verzweiflung, die er nie gekannt hatte. Langsam ging er bis zu dem Tor und spähte hinaus in das einsame, heiße Land.

Er konnte mindestens ein Dutzend Gestalten sehen, die stumm auf den Hügeln standen und herüberschauten. Die Sonne beschien ihre dunklen, fast nackten Körper. Sie regten sich nicht, schauten nur zu ihnen herüber, und der trockene Wind bewegte sacht ihre langen Haare. Vielleicht hielt noch immer die Furcht vor den Seelen der Toten sie zurück, aber sie wussten jetzt, dass es auch noch Lebende gab. Und irgendwann würden sie kommen.

Er fühlte, wie Celias Finger sich in den Stoff seines Hemdes krallten.

Bringen Sie mich hier weg, Mr. Catlin, bringen Sie mich um Himmels Willen von hier weg!“

Wir können jetzt nicht mehr weg“, erwiderte er ruhig.


*


Irgend etwas weckte Roy Catlin. Die Nacht war lau, und zwischen den Mauern hing noch die Hitze des Tages wie schwüler Dunst. Er strich sacht mit der Hand über Celias nackte Haut. Die Nähe des Todes hatte alle Schranken zwischen ihnen niedergerissen. Celia war jung, und sie wollte noch etwas Glück erhaschen, ehe das Leben zu Ende war. Sie schmiegte sich im Schlaf an ihn. Er verstand sie gut, aber er war selbst nicht sehr glücklich dabei.

Das Ende des Tages hatte ihn mit Erleichterung erfüllt, denn er wusste, dass die Apachen in der Nacht nicht kommen würden. Aber jetzt war eine seltsame Unruhe in ihm. Ein leichter Wind hatte sich aufgemacht und strich sacht um die Mauern.

Er schloss die Augen wieder, aber seine innere Stimme hielt ihn wach. Irgend etwas war da draußen, das seinen feinen Instinkt argwöhnisch machte.

Das Pferd schnaubte in der Schmiede.

Catlin löste sich von Celia und stand auf. Mit dem Revolver in der Hand trat er an die Tür und schaute auf den vom Mondlicht übergossenen Hof. Er ging hinaus und bewegte sich im Schatten des vorstehenden Daches an der Wand entlang. Von Zeit zu Zeit blieb er stehen und lauschte.

Wieder schnaubte das Pferd in der Schmiede. Roy fluchte und ging an der Wand entlang. In der Schmiede hing die Dunkelheit wie zäher Brei. Er roch die Asche des erloschenen Schmiedefeuers und die Ausdünstung seines Pferdes, aber keine Apachen.

Celias spitzer Schrei ließ ihn herumfahren, aber ehe er in das Mondlicht hinaustrat, blieb er mit einem Ruck stehen.

Etwas Hartes bohrte sich in seinen Rücken, und er hörte deutlich das Schnappen eines Gewehrschlosses. Er versuchte, über die Schulter zu blicken, aber die Finsternis hinter ihm war undurchdringlich.

Schön ruhig!“, sagte jemand. „Und lass den Revolver fallen!“

Die Waffe fiel dumpf auf den weichen Boden.

Wer seid ihr?“

Der Mann hinter Roy lachte leise.

Gedulde dich. Der Boss will mit dir reden.“

Der harte Druck in seinem Rücken verschwand, aber Roy wusste, dass das Gewehr noch da war. Die Anwesenheit von Weißen beruhigte ihn seltsamerweise. Ganz gleich, was sie auch von ihm wollten, es war ihm lieber, als wenn die Apachen ihn erwischt hätten.

Geh vor uns her! Der Boss wartet drüben, bei der Kleinen."

Roy ging über den Hof. Er sah Licht in dem Haus und trat durch die Tür.

Celia hockte in der Ecke, in eine zerschlissene Decke gehüllt, und schaute ihm aus erschrockenen Augen entgegen. Jemand hatte eine Kerze angezündet, und Roy sah den Mann in ihrem gelblichen Schein.

Big Logan“, sagte er verwundert. Er kannte diesen Mann von der Zeit her, als er noch mit Josuah Kendall zusammen gewesen war. Das war noch vor der Zeit gewesen, als er einen Siedlertreck nach Texas gebracht hatte – und selbst das schien mittlerweile eine Ewigkeit her zu sein.

Hallo, Roy!“ Logans Lächeln war falsch und lauernd. „Lange nicht gesehen, wie?“

Die anderen aus der Schmiede, es waren zwei Männer, blieben an der Tür stehen, ohne etwas zu sagen.

Ich habe Jos nicht umgebracht“, versicherte Roy. Big Logan lachte belustigt.

Deshalb bin ich auch nicht hier. Die Zeit, als ich Sheriff in Safford war, ist längst yorbei. Dieser Job hat mir außer Ärger nichts eingebracht.“

Natürlich“, erwiderte Roy. „Du hast ja deine beste Zeit auch längst hinter dir.“ Ihm entging nicht der leichte Anflug von Ärger in Logans Gesicht.

Wir wollen zur Sache kommen“, erklärte Logan kurz. „Ich habe ein Geschäft mit dir vor.“

Und deshalb kommst du in der Nacht hierher?“

Dein Aufenthalt in Safford war recht kurz“, bemerkte Big Logan zynisch. „Aber es war für mich nicht schwer, zu erraten, wohin du dich wenden würdest. Schließlich kenne ich dich besser, als diese Narren; die glauben, du hättest Jos umgebracht.“

Roy schaute den Mann eine Weile an. Er war früher Sheriff und dann Teilhaber an einem Bordell gewesen. Was Big Logan jetzt gerade für Geschäfte betrieb, wusste er nicht.

Wieso bist du so sicher, dass ich daran interessiert bin?“, fragte er.

Big Logan lächelte sein kaltes, zynisches Lächeln, für das er bekannt war.

Nachdem du es vorgezogen hast, dich nicht aufhängen zu lassen, gibt es nicht mehr viele Möglichkeiten für dich. Aber bevor du etwas sagst, hör mich erst mal an.“ Er gab einem der Männer an der Tür ein Zeichen. „Jud, gib den anderen zu verstehen, dass sie mit den Gäulen kommen können.“ Dann wandte er sich wieder an Roy Catlin. „Ich möchte, dass du mit mir zum Canyon Maldito reitest. Du bekommst einen vollen Anteil.“

Roy lachte ihm ins Gesicht. „Dieses Spiel scheint sehr in Mode zu kommen.“

Ich habe einen Plan“, sagte Big Logan. „Einen echten!“

Davon habe ich schon Dutzende gesehen. Ich hätte nicht gedacht, dass ein Mann wie du darauf hereinfällt,“

Du wirst anders darüber denken, wenn du erfährst, wer ihn angefertigt hat“, erklärte Logan leicht verstimmt.

Er holte einen Zettel aus der Tasche und faltete ihn auseinander. Im Schimmer der Kerze hielt er ihn Roy entgegen.

Schau ihn dir genau an.“

Roy trat einen Schritt näher und besah sich eingehend die Linien und Zeichen, die auf das schmutzige Papier gemalt waren, aber dann stutzte er. Diese Erläuterungen, das war unverkennbar Josuah Kendalls Handschrift. Ein Irrtum war ausgeschlossen.

Catlins Augen schimmerten kalt wie Gletschereis, als er Big Logan ansah.

Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass du in deiner Gier nach Geld und Macht so weit gehen würdest. Jos hat einmal zu deinen Freunden gezählt.“

Es ist nicht so, wie du denkst“, erwiderte Logan wenig überzeugend. „Jos hat ihn mir gegeben, ehe er starb.“

So kann man es auch ausdrücken“, sagte Roy kalt. „Aber wie erklärst du dir, dass er mit mir nach San Felipe wollte? Deshalb hat er mich nämlich kommen lassen.“

Ich weiß.“ Big Logan faltete das Papier zusammen und steckte es in die Tasche zurück. „ Aber Bud Castle und Nat Scheer hatten von der Sache Wind bekommen. Jos wusste, dass er auf dich nicht mehr warten konnte.“

Castle und Scheer waren zwei berüchtigte Banditen, und es war leicht, ihnen eine solche Tat in die Schuhe zu schieben, aber Roy glaubte kein Wort davon. Diese ganze Geschichte trug Big Logans Handschrift. Nur er war gerissen genug, es so einzufädeln, dass man gar nicht anders konnte, als seinen Plänen zuzustimmen.

Und was soll ich dabei?“, fragte Roy sarkastisch. „Du willst mir doch nicht auch noch einreden, dass es Jos’ letzter Wille war?“

Ich habe diese Karte lange studiert“, sagte Big Logan ruhig, „aber ich kenne das Land nicht so gut wie du, und aus den meisten Zeichen werde ich nicht klug. Du bist der einzige, der sich nach der Karte richten kann. Morgen früh brechen wir dorthin auf.“

Roy Catlin sagte eine Weile gar nichts. Big Logan war sich seiner Sache sehr sicher, und er hatte auch allen Grund dafür. Was blieb ihm, Roy, noch für eine Chance, als mit ihm zu reiten? In Safford würde man ihn hängen, aber Big Logan hatte es nicht einmal nötig, ihn dorthin zu bringen. Er brauchte ihn nur wegreiten zu lassen. Wohin er sich auch wenden würde, er käme nicht weit, bis die Apachen ihm den Skalp über die Ohren ziehen würden. Und wenn er mit Big Logan zum Canyon Maldito ritt, dann würden sie ihn dort umbringen, dessen war er sicher. Was er auch tat, es gab keine Chance für ihn, mit dem Leben davonzukommen. Aber vorläufig waren sie noch nicht dort. Es war immerhin der Weg, der ihm den größten Aufschub gewährte.

Und die Apachen?“, fragte er, aber Logan winkte geringschätzig ab.

Was kümmert mich eine Handvoll Apachen? Ich habe genügend Männer, um sie nicht fürchten zu müssen.“

Er gab dem Mann, der hinter Roy geblieben war, einen Wink, und Alec Dobbs warf ihm ein Gewehr zu. Logan fing es geschickt auf und hielt es Roy entgegen. Das weiche Kerzenlicht schimmerte auf dem Lauf und dem blanken Schlosskasten.

Weißt du, was das ist?“

Roy schüttelte den Kopf. „Ich habe ein solches Gewehr noch nie gesehen."

Das Neueste, was auf dem Markt ist.Eine Henry 1860“, sagte Big Logan stolz. „Man kann fünfzehn Mal damit schießen, ohne laden zu müssen. Die Roten werden sich wundern, wenn sie uns angreifen. Jeder meiner Leute hat ein solches Gewehr."

Jud Mortimer kam zurück und sagte: „Sie kommen, Big!“

Roy drehte sich nach ihm um. Mortimer war ein Revolvermann und ehemaliger Kopfgeldjäger, der keinen guten Ruf besaß. Auch von Alec Dobbs und dessen Bruder Leslie hatte er schon gehört.. Doch er konnte sich nicht entsinnen, dass etwas Gutes dabei gewesen war. Eine feine Gesellschaft, in der er sich da befand.

Er schaute Celia an und ging zu ihr.

Es tut mir leid“, sagte er, aber sie stand auf und schüttelte den Kopf.

Es braucht dir nicht leid zu tun, Roy. Wir werden erst mal am Leben bleiben, und das ist mehr, als wir erwartet haben. Und sicherlich werden wir Großvater finden dabei,“

Sie kamen mit den Pferden und einer Reihe Mulis mit hölzernen Packsätteln. Geschäftigkeit füllte den Hof und ließ ihn klein und eng erscheinen. Die Männer machten Feuer und kochten Kaffee. Es waren außer Big Logan noch acht Männer mit guten Gewehren. Vielleicht hatten sie wirklich eine Chance gegen die Apachen, wenigstens solange die Apachen die Feuerkraft dieser neuen Gewehre noch nicht kannten.

Einer unter Logans Leuten fiel Roy durch seine gierigen Blicke auf, mit denen er jede von Celias Bewegungen verfolgte. Der Mann hieß Noel Stivers, und Roy wusste, dass es mit ihm den ersten Ärger geben würde.


*


Bei Tagesanbruch brachen sie auf; Roy hatte in der Schmiede einen alten, fast ausgedienten Santa Fé-Sattel gefunden, den er seinem Pferd aufgelegt hatte. Er ritt mit Big Logan, Jud Mortimer und Celia McGavin an der Spitze des Zuges. Dann folgte, von Noel Stivers geführt, die lange Reihe der Mulis. Am Schluss ritten die Brüder Dobbs, Crazy Doodley, ein wegen seiner Unberechenbarkeit von den meisten gemiedener Einzelgänger, Paco Maneras und Julio Dijon, zwei Mexikaner, von denen Roy so gut wie nichts wusste, und schließlich Phil Gaven, dem man nachsagte, dass der einzige Gott, an den er glaubte, der Whisky sei.

Die Apachen waren noch da. Sie folgten dem Reitertrupp, hielten sich aber in respektvoller Entfernung und kamen nicht näher. Die Männer schauten immer wieder nervös zu ihnen hin, aber Big Logan sagte: „Lasst euch nur nicht nervös machen. Solange wir sie sehen können, wissen wir, wo sie sind.“

Auch nach Stunden hatten sie noch immer ihre stummen Begleiter, die ihnen auf den Höhen der Bergrücken folgten und oftmals parallel zu ihnen ritten. Sie blieben immer da, wie ein Rudel Wölfe, das beharrlich einem bald verendenden Tier folgte. Erst gegen Mittag waren sie plötzlich verschwunden. Es war fast unerträglich heiß, und die Reiter unterbrachen ihren Weg an einigen Felsentanks, wo sich im Schatten einer hohen Felswand etwas brackiges Wasser in sogenannten Tinajas gesammelt hatte.

Den Brüdern ist es auch zu heiß“, sagte Phil Gaven, und schaute aus zusammengekniffenen Augen über das steinige, von dornigen Sträuchern und Kakteen unterbrochene Land.

Scheißland“, murmelte er, nahm einen Schluck aus seiner Flasche und wischte sich mit der Hand über den Mund. „Wenn wir erst das Gold haben, dann kaufe ich mir in San Francisco einen Saloon und fahre nur noch in einer Kutsche.“

Roy setzte sich neiden Logan und zog seine Stiefel aus. Er ließ seinen Blick über diese Männer gleiten, und er glaubte nicht daran, dass Big Logan mit ihnen allen teilen würde. Er glaubte keine Sekunde daran.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738912203
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v373143
Schlagworte
angelo country legende canyon maldito

Autor

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Titel: San Angelo Country #50: Die Legende vom Canyon Maldito