Lade Inhalt...

Texas Wolf #31: Jagd auf Jessys Baby

2017 120 Seiten

Leseprobe

JAGD AUF JESSYS BABY


Ein Western von Glenn Stirling



IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von Frank Tenny Johnson, 2017

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Klappentext:

Tom Cadburn wurde als der Texas Ranger mit der Dienstnummer 41 berühmt. Ein erstklassiger Mann. Aber seine Berühmtheit verdankte er Sam, dem Sohn einer schwarzen Wölfin und eines verwilderten riesigen Schäferhundes, den Tom Cadburn als elternlosen Welpen fand und versorgte, aufzog und zu einem Partner ausbildete, wie es ihn im Westen nicht noch einmal gab. Ein weiteres hatte auch Tom Cadburns Vater getan, von dem Sam Tricks lernte, die ihm und Tom oft genug halfen.

So wurde der Halbwolf Sam zur besten Waffe des Texas Rangers, zum Schrecken der Banditen und zum Freund der Bedrängten im Westen. Einen besseren Freund als ihn konnte sich Tom Cadburn nicht wünschen. Und diese Freundschaft erwies sich als sehr hilfreich, als Tom, sein Partner Old Joe und Sam nach einem entführten Baby suchten ...





Roman:

Vor dem Saloon zügelten sie ihre Pferde. Alle drei sprangen wie auf Kommando aus den Sätteln, blickten sich kurz an, und dann marschierte der große hünenhafte Brad Kinsley als erster auf die Schwingtüren zu. Tom Closterman folgte ihm, zwirbelte die Spitzen seines Schnurrbartes und sah sich kurz um. Ihm folgte Marc Shane, dessen hellblaue Augen im starken Kontrast zum pechschwarzen Haar standen.

Allen drei Männern sah man an, dass sie ihr Brot draußen als Cowboys verdienten und härteste Arbeit gewohnt waren.

Der Hüne Brad Kinsley hatte die Schwingtüren aufgestoßen, trat einen Schritt nach vorn, dann blieb er stehen.

Tom Closterman rückte bis zu ihm auf, trat einen Schritt nach links und stellte sich halb hinter Kinsley.

Marc Shane machte es ebenso, nur nahm er den Platz auf der rechten Seite ein.

Der alte Klavierspieler brach verwirrt ab und blickte über die Gläser seiner Nickelbrille hinweg auf die drei in der Tür.

Auch die drei Männer am Pokertisch hatten ihr Gespräch abgebrochen und blickten nun auch zur Tür hin. Ebenso das Mädchen, das auf dem Schoß des einen saß, den Rock bis über die Knie gerafft. Eben hatte sie noch gelacht, doch nun sah sie verschüchtert auf die Männer in der Tür.

Steh auf, Teddy!“, rief Kinsley dem jungen Burschen zu, auf dessen Schoß das aufgedonnerte Barmädchen saß.

Ich sitze gut hier!“, rief Teddy zurück, machte eine Miene, die an sich schon Herausforderung genug für den zwanzig Jahre älteren Kinsley war.

Kinsley hatte sich in der Gewalt. „Dein alter Mann will dich sehen“, sagte er schroff.

Aber ich will ihn nicht sehen“, erwiderte Teddy. Dann lachte er und blickte nach Beifall heischend in die Runde.

Das Mädchen kicherte albern, und der Mann zu Teddys Rechten sagte: „Wenn er nicht will, dann will er nicht.“

Kinsley machte einen Schritt auf den Sprecher zu und blickte ihn durchdringend an. „An deiner Stelle würde ich das Maul nicht ganz so weit aufreißen, ShugarTampico.“

ShugarTampico war bestimmt noch unter dreißig, aber er hatte schneeweiße Haare.DieAugenbrauen allerdings waren dunkel, so dunkel wie seine Augen. Das mexikanische Blut, das in seinen Adern floss, ließ sich nicht verleugnen.

Die Zornesader auf ShugarTampicos Stirn schwoll an. Während er Kinsley aus schmalen Augen musterte, erwiderte er: „Du machst mir keine Angst. Tu doch was! Schlag doch zu! Denkst du, ich wüsste nicht, wie du es draußen auf der Ranch machst? Und bei mir kommst du damit nicht an. Fang ruhig an! Bevor du dich versiehst, schneide ich dir den Bauch auf!“

Und wie zur Bestätigung seiner Worte lag plötzlich wie hingezaubert in seiner Rechten ein Dolch. Shugar Tampico grinste Kinsley an und fragte giftig: „Na, immer noch die große Schnauze?“

Teddy Fillmore lachte, und der auf der anderen Seite saß, lachte mit. Hier in der Stadt nannten sie den schiefmäuligen, etwa fünfundzwanzigjährigen Mann Larry Pokerface. Das war nicht sein richtiger Name, den kannte er womöglich selbst nicht.

Einen Augenblick lang sah es aus, als wüsste Brad Kinsley auf die herausfordernde Frechheit der drei nichts zu antworten. Und er erweckte auch den Anschein, als wollte er wieder gehen, denn er drehte sich halb herum, zuckte die Schultern, sah Tim Closterman an, wandte sich dann Marc Shane zu und meinte:

Na ja, was sein muss, muss halt sein.“

Die anderen grinsten zurück. Kinsley griff in die Tasche, zog aber die Hand sofort wieder heraus, und dann sprang er völlig unvermittelt auf ShugarTampico zu.

Der riss sein Messer hoch, als die Faust Kinsleys ihm entgegenschoss. Aber bevor Kinsleys Hand Shugar Tampico erreicht hatte, öffneten sich seine Finger,: und ein feiner Staub wehte in ShugarTampicos Gesicht. Unmittelbar darauf schrie er, ließ sein Messer los und griff sich mit beiden Händen in die Augen.

Die anderen beiden waren so verblüfft, dass sie auf ShugarTampico blickten und nicht auf ihre Gegner.

Es ging alles rasend schnell. Kinsley packte sich ShugarTampico an der Hemdbrust, riss ihn auf sich zu und jagte ihm dann die Rechte knallhart zwischen den Händen hindurch, mit denen sich ShugarTampico in den Augen rieb, gegen das Kinn. Es war, als würde dem .Mestizen der Kopf abgerissen. Er schrie, aber er musste noch einen zweiten Schlag nehmen, ehe ihn Kinsley losließ.

Larry Pokerface spürte in diesem Augenblick die Faust von Marc Shane wie einen Pferdehuf auf seiner Nase.

Tim Closterman wischte das kreischende Mädchen Rosy beiseite, packte sich Teddy Fillmore, riss ihn vom Stuhl hoch und schleuderte ihn mit voller Wucht gegen die Wand. Teddy knallte mit dem Hinterkopf dagegen und sank benommen an der Wand herab zu Boden. Aber bevor er wieder klar sah, war Tim Closterman schon bei ihm, riss ihn an den Schultern empor, um ihm einen Kinnhaken zu verpassen, der Teddy an der Wand festzunageln schien.

Larry Pokerface hatte den schwachen Versuch einer Gegenwehr gemacht und geriet jetzt in ein Stakkato von Schlägen, die ihn durch die Pendeltür hindurchtrieben und dann rücklings in den Straßenstaub stürzen ließen.

Zwei Sekunden später hatte Brad Kinsley Shugar Tampico gepackt, hielt ihn an Brust und Gürtel in der Luft, nahm Schwung und schleuderte den Mestizen, mit den Füßen voran, gegen die Tür, dass sie auseinanderflog und Shugar Tampico wie ein Geschoss unmittelbar neben Larry Pokerface auf der Straße landete.

Teddy Fillmore konnte offenbar wieder etwas klarer sehen und wollte die Flucht antreten, stürmte auf die Pendeltür zu, die immer noch wild hin und her schwang. Aber Tim Closterman streckte nur sein Bein aus, Teddy Fillmore stolperte, schlug lang hin, wollte wieder hoch, aber da stand schon Brad Kinsley neben ihm und drückte ihm seinen Stiefel auf den Rücken, dass Teddy wie von einer unwiderstehlichen Gewalt an den Boden gepresst wurde.

Du bleibst hier, Kleiner. Dich nehmen wir mit“, entschied Brad Kinsley.

Außer dem Barkeeper, der mit hochrotem Kopf hinter seiner Theke stand, befanden sich an einem hinteren Tisch noch zwei Gäste. Zwei Männer, die nicht mehr so jung waren wie jene drei Burschen, und denen man ansah, dass sie genau wussten, was sie tun und was sie lassen mussten. Der eine war ein ledergesichtiger, grauhaariger Mann mit schmalen Augen. Jeder hier in Pearsall wusste, wer er war. Henry Cool gehörte zu den Revolvermännern, um die mancher in Süd-Texas einen Bogen machte.

Der andere hatte ein Durchschnittsgesicht. Auch sonst gab es nichts Besonderes an ihm. Wer die Männer hierzulande nicht genau unterscheiden konnte, würde ihn vielleicht für einen Cowboy halten. Das war er auch früher gewesen. Aber seit zehn Jahren verdiente sich Jerome Delon sein Geld mit dem Colt. Er war kein Gesetzloser. Es gab andere Möglichkeiten. Manchmal verdingte er sich in dieser oder jener Stadt als Marshal, dann wieder betätigte er sich als Kopfgeldjäger. Eine Zeitlang war er ganz aus Texas verschwunden.

Diese beiden blickten mit scheinbar ausdruckslosen Augen auf die Szene.

Brad Kinsley warf ihnen einen Blick zu, sah Henry Cool an, als erwartete er von ihm einen Protest. Aber nichts dergleichen geschah. Da zuckte Kinsley die Schultern und wandte sich ab. Auch Jerome Delon betrachtete schweigend den Abgang der Männer.

Rosy stand zitternd an der Wand, hatte die linke Hand vor Schreck auf den Mund gehalten und starrte aus großen Augen zur Schwingtür hin, die immer noch in Bewegung war. Der Keeper hinter dem Tresen atmete geräuschvoll aus. Und das hörte sich an, als sei er kolossal erleichtert.

Jerome Delon wandte sich Henry Cool zu und sagte: „Die bringen ihn jetzt zu dem Alten.“

Henry Cool zuckte kalt grinsend die Schulter, dann stand er auf, ging mit schleppendem Schritt durch den Raum, und jedes Mal klatschte das Holster seines Revolvers gegen seinen Schenkel. Er hielt die noch immer aufgeregt schwingende Tür fest, blickte darüber hinweg auf die Straße und sah zu, wie draußen Brad Kinsley und Tim Closterman Teddy Fillmore auf ein Pferd zerrten und ihm wie einem Banditen die Hände am Sattelhom festbanden.

Shugar Tampico wollte sich gerade aus dem Dreck aufrichten, nachdem er wieder zu Bewusstsein gekommen war. Marc Shane trat zu ihm, bückte sich, packte ihn am Hemd, riss ihn hoch und knallte ihm noch einmal die Faust mit voller Wucht vors Kinn. Shugar Tampico sackte wieder zusammen und fiel in den Staub.

Larry Pokerface war auch gerade erwacht, erfasste aber offensichtlich, was mit seinen Kumpanen geschah und tat so, als wäre er noch bewusstlos.

Kurz darauf ritten Brad Kinsley, Tim Closterman und Marc Shane mit dem Sohn des Ranchers Fillmore aus der kleinen texanischen Stadt.

Als Henry Cool nach links blickte, sah er hinter dem Fenster des Sheriff Office das runde Mondgesicht des Sheriffs, von dem er wusste, dass er ein Sheriff von Joe Fillmores Gnaden war.

Cool wandte sich um, ging zurück zum Tisch, an dem Jerome Delon gerade seinen Whisky austrank. Gespannt blickte Delon zu Cool auf und fragte: „Kannst du dir einen Grund vorstellen, warum der alte Fillmore so verrückt darauf ist, seinen Sprössling zu sehen?“

Cool nickte. „Ich könnte mir schon einen fantastisch guten Grund vorstellen.“ Er wandte sich Rosy zu. „Hat er dir nicht erzählt, dass Canberrys Tochter ein Kind von ihm hat? Vorige Woche ist es geboren worden. Du müsstest das doch wissen. Du klatschst doch mit jedem."

Er sah Rosy an, dass sie es wusste, und sie meinte verächtlich: „Was geht mich der Bastard von Jessy Canberry an?“

Henry Cool lächelte hart. „Dich vielleicht nicht, weil du dumm bist . Aber der alte Fillmore denkt anders darüber. Da möchte ich eine Wette abschließen.“

Jerome Delon war aufgestanden, trat zu Rosy und strich ihr mit dem Zeigefinger unterm Kinn entlang. „Dafür kann unser kleines Würmchen hier nichts. Nicht wahr, Rosy?“ Sie lächelte Jerome dankbar an, kokettierte sofort wie auf Kommando, und Henry Cool meinte: „Die ist noch dümmer als dumm.“

Pah“, machte Rosy, alberte mit Jerome Delon herum und gebärdete sich auf eine Weise, von der sie glaubte, dass es die Männer wahnsinnig aufregen müsste. Und schon trippelte sie die Treppe hinauf, den Rock noch weiter gerafft, als es nötig gewesen wäre. Und auf Jerome Delon hatte das auch die entsprechende Wirkung. Er lief ihr nach, dann knallte oben eine Tür. Der Keeper und Henry Cool hörten das Mädchen wieder lachen und quietschen vor Vergnügen, zwischendurch dröhnte ab und zu eine Männerstimme, danach war es mit einem Mal still.

Henry Cool trank sein Glas leer, ging zum Tresen und setzte es dort ab. Er blickte den Keeper an und sagte: „Wenn Delon nach unten kommt, dann sage ihm, dass ich schon mal die Pferde sattle.“

Wollt ihr weg?“, fragte der Keeper.

Du fragst zuviel“, erwiderte Henry Cool und ging mit schleppendem Schritt zur Schwingtür, stieß sie auf und trat in den gleißenden Sonnenschein hinaus. Shugar Tampico und Larry Pokerface waren dort draußen wieder auf die Beine gekommen und hockten an der Haltestange für die Pferde, um wieder neue Kräfte zu sammeln.

Henry Cool trat zu ihnen und fuhr sie an: „Los, zu euren Pferden! Wir satteln und reiten!“

Die beiden glotzten ihn aus blutunterlaufenen Augen an, aber er achtete gar nicht darauf, sondern ging zum Mietstall hin, wo er sein Pferd stehen hatte.

Reiten, wohin?“, fragte Shugar Tampico aus verquollenem Mund.

Henry Cool blieb stehen, blickte über die Schulter zurück und raunte ihm zu: „Unser Goldstück scheint in Schwierigkeiten geraten zu sein. Ich glaube, wir müssen uns ein wenig um ihn kümmern, wenn ihn der Alte weichgeklopft hat.”


*


Joe Fillmores Frio-Ranch bedeckte das Land, so weit das Auge reichte. Entsprechend wuchtig waren auch die Gebäude. Zum großen Teil waren sie im spanisch-mexikanischen Stil errichtet, aus Adobelehm und mit flachen Dächern. So hatte sie Joe Fillmore von seinem Vorgänger, einem mexikanischen Granden, übernommen. Die neuen Gebäude allerdings besaßen Ziegeldächer. Die Ranch verriet schon einiges vom Reichtum ihres Besitzers. Aber Fillmore besaß noch mehr. Er war Teilhaber der Bank in Pearsall, hatte Aktien der noch im Bau befindlichen Texas-Bahn, und überdies war er Vorsitzender der Demokratischen Partei in drei Countys, über die sich sein Land erstreckte. Nämlich dem Frio County, dem Medina County und dem Atascosa County.

In diesem Imperium von Old Joe Fillmore war Brad Kinsley der Vormann. Er und seine Begleiter hatten die Ranch erreicht und hielten nun vor diesem flachgestreckten Adobelehmbau an. Zwei Mexikaner kamen vom Stall hergelaufen, um die Pferde zu übernehmen. Brad Kinsley zückte sein Messer, schnitt die Fesseln durch, mit denen Teddy Fillmores Hände ans Sattelhom gebunden Waren. Dann stieg er ab und fuhr den Jungen an:

Runter vom Gaul und rein mit dir!“

Das könnt ihr mit mir nicht machen, das duldet auch mein Vater nicht“, keuchte Teddy.

Du wirst dich wundem, was dein Vater duldet. Los, runter vom Pferd!“, erwiderte Brad Kinsley. Und als Teddy dann unten stand und die Mexikaner die Pferde wegführten, da nahmen Tim Closterman und Marc Shane Teddy zwischen sich, packten ihn wie einen Gefangenen und zerrten ihn ins Haus.

Drinnen sa ßin einem schweren Lehnstuhl Old Joe Fillmore. Er stand auf, als Kinsley vor den drei anderen ins Zimmer trat. Da zeigte sich, dass Fillmore mindestens so groß war wie Kinsley, ein Bär von einem Mann. Aber eben kein junger mehr. Er kam langsam auf die Gruppe zu. Er hinkte ein wenig. Erinnerung an einen Sturz vom Pferd.

Kinsley trat zur Seite, und der Alte blieb vor Teddy stehen. Er war mindestens einen Kopf größer als sein Sohn. Er blickte verächtlich auf Teddy herab und raunte denMännem zu, die ihn hielten:

Lasst ihn los!“

Closterman und Shane traten zurück. Und das gerade rechtzeitig, denn da holte der Alte aus und schlug mit einer Vehemenz Teddy eine Ohrfeige herunter, dass der das Gleichgewicht verlor, zu Boden stürzte und halb besinnungslos dort liegen blieb.

Der Alte packte ihn, riss ihn wieder hoch und stieß ihn vor sich her bis zu dem großen Lehnstuhl. Und in den warf er Teddy regelrecht hinein. Dann blieb er, die Arme in die Hüften gestützt, vor seinem Sohn stehen, der Mühe hatte, überhaupt zu begreifen, was mit ihm geschah.

Canberry ist hiergewesen. Das Kind, das seine Tochter hat, ist von dir. Ich habe dich noch gestern gefragt, du hast mich belogen und behauptet, du hättest nie etwas mit ihr gehabt, obgleich sich die Leute das Maul darüber zerreißen. Mich interessieren die Leute nicht, mich interessiert das Kind. Jessy ist ein gutes Mädchen. Dass du nichts taugst, dafür kann sie nichts.“

Teddy zitterte am ganzen Körper, aber er schwieg.

Canberry war nicht scharf darauf, dass sie deine Frau wird. Aber ich möchte es, damit zu dem schlechten Blut, das deine Mutter in meine Familie gebracht hat, wieder gutes, gesundes Blut kommt. Du wirst sie heiraten!“

Wie von der Tarantel gebissen, zuckte Teddy hoch. Und es war schon Mut, als er dem Alten erwiderte: „Niemals! Niemals werde ich sie heiraten!“

Er duckte sich, als erwartete er Schläge. Old Joe Fillmore lächelte, als habe er etwas anderes nicht erwartet als diese Antwort: „Ein Glück für das Mädchen.“ Er wandte sich um. „Brad, komm her, du hast es gehört.“

Kinsley trat zu ihm und nickte. „Dann hör mir gut zu, und ihr beiden anderen auch“, sagte Fillmore mit polternder Stimme, „was ich diesem Narren hier zu sagen habe. Ab sofort ist sein Kind, dieser kleine Junge, dieses Baby von Jessy Canberry, der Erbe von all dem, was ich hier besitze. Und er“, er zeigte jetzt auf Teddy, „ist in der Erbfolge an die zweite Stelle gerückt. Ich will es so. Wenn es ihm nicht passt, dann werde ich ihn völlig vom Erbe ausschließen. Er ist ein Trinker, ein Spieler, ein Taugenichts. Ich habe bis heute seine, Schulden bezahlt, das wird in Zukunft nicht mehr der Fall sein. Brad, notiere dir, was ich jetzt sage."

Kinsley nahm von dem schweren klobigen Schreibtisch, den der Alte sich selbst gebaut und geschnitzt hatte, ein Stück Papier und einen Bleistift und sah Old Joe Fillmore erwartungsvoll an. Der kraulte sein wuchtiges Kinn und sagte dann nachdenklich: „Er bekommt ein festes Gehalt. Sagen wir hundert Dollar im Monat. Er braucht dafür nichts zu tun. Im Gegenteil. Die Bedingung ist, dass er weder die Ranch noch die Weiden, die dazugehören, betritt. Wenn er mein Land durchquert, dann nur auf den Wagenwegen. Und das gilt ab sofort. Ja, mein Junge“, wandte er sich Teddy zu, „du hast hier nichts mehr verloren. Ich gebe dir noch eine einzige Chance. Ich frage dich noch einmal: Willst du sie heiraten?“

Teddy schüttelte nur trotzig den Kopf. Irgendwie wirkte er erleichtert, als wäre er unheimlich froh, dass ihn der Alte weggeschickt hatte.

Die hundert Dollar kann er sich jeden Monat in Pearsall auf der Bank holen. An jedem Ersten. Hast du das verstanden?“

Teddy nickte.

Brad Kinsley kaute auf der Lippe, sah den Alten flehend an, und der spürte ganz genau, was in Kinsley vorging. Aber er schüttelte den Kopf und sagte, bevor Kinsley überhaupt einen Einwand machen konnte: „Es ist richtig so, und ihr drei werdet es beim Notar bezeugen, dass ich es ihm hier erzählt habe. Und nun gebt ihm die beiden Pferde, die ich ihm geschenkt habe, das Sattelzeug dazu, packt ihm Proviant genug ein, und dann zahle ihm für den Anfang zweihundert Dollar aus, Brad, damit er seine Schulden im Saloon bezahlen kann, die er bestimmt schon wieder gemacht hat. Und von jetzt an gehen mich seine Schulden nichts mehr an. Hast du das verstanden. Teddy?“

Teddy nickte, lag aber immer noch mehr, als er saß, im Sessel seines Vaters.

Und nun scher dich hinaus!“, fuhr ihn der Alte an.

Teddy gehorchte wie ein geprügelter Hund, kroch aus dem Sessel, schlich durch das Zimmer, verließ es durch die von Closterman geöffnete Tür.

Boss“, wandte Kinsley ein, „ich weiß nicht, ob das gut ist.“

Was gut ist und was nicht gut ist, kannst du mir getrost überlassen", erklärte Fillmore. „Sorge dafür, dass es so geschieht, wie ich es bestimmt habe!“

In Ordnung, Boss“, erwiderte Brad Kinsley, gab den anderen beiden einen Wink, und sie verließen zu dritt den Raum.

Eine halbe Stunde später verließ Teddy mit seinen beiden Pferden die Ranch. Das eine Tier, das er als Handpferd mitführte, war bepackt mit Säcken, in denen sich die gesamte Kleidung und die übrigen Habseligkeiten Teddys befanden.

Als Teddy so weit weg war, dass ihn auf der Ranch kaum einer mehr sehen konnte, da hielt er an und drehte sich um, schüttelte die Faust in Richtung auf die Gebäude und keuchte in wildem Hass: „Das wirst du mir büßen! Von jetzt an wirst du keine ruhige Minute mehr haben, du verdammteralter Hund!“


*


Am Ufer des Frio River stand die alte Siedlung der Spanier. Sie war fast völlig zerfallen. In einem Teil davon lebten noch mexikanische Familien, die schlecht und recht in diesem County ihr Dasein fristeten. Wie die meisten Städte und Siedlungen aus der Zeit der mexikanischen Herrschaft in dieser Gegend waren es Adobelehm-Häuser. Doch viele taugten nicht mehr zum Wohnen. Eines allerdings mochte äußerlich verkommen aussehen, innen war es noch völlig eingerichtet. Und dieses bewohnten Henry Cool, Shugar Tampico, Larry Pokerface und nun auch Teddy Fillmore.

Ganz gegen seine Gewohnheit war Teddy nicht im Saloon gewesen. Henry Cool hockte auf einer Kiste und schnitt sich die Fingernägel. Shugar Tampico saß vor einem Spiegelscherben und betupfte sich das noch immer aufgedunsene Gesicht mit Alkohol, fluchte dabei, weil es schmerzte.

Es war gegen Abend, doch die Männer machten alle drei den Eindruck, als würden sie auf etwas warten. Teddy Fillmore blickte immer wieder zu dem kleinen vergitterten Fenster hinaus auf den Wagenweg, der von Pearsall her zum Fluss führte. Und plötzlich sah er den Reiter, der im Abendsonnenschein voll angestrahlt wurde und sich auf seinem zottigen Pferd der alten Siedlung näherte.

Larry kommt!“, rief Teddy den anderen über die Schulter zu.

Wird auch Zeit“, knurrte Shugar Tampico. Henry Cool schwieg.

Ein paar Minuten später zügelte Larry Pokerface sein Pferd, stieg ab und sattelte es ab. Als er es in den kleinen Corral führte, den sie hinter dem Haus angelegt hatten, trat Teddy hinaus, blinzelte gegen die tiefstehende Sonne Larry entgegen und rief:

Wie sieht es aus?"

Schiefmäulig antwortete Larry: „Das werde ich gerade hier herumschreien.“

Kurz darauf ging er ins Haus. Teddy folgte ihm. Henry Cool hörte auf, seine Fingernägel zu bearbeiten, und Shugar Tampico blickte sich gespannt nach Larry um.

Larry lehnte sich mit dem Rücken an die Wand und sagte: „Kinsley war beim Notar. Auch Closterman und Shane sind wieder dabeigewesen. Ich habe nachher das Mädchen gefragt, die kleine Mexikanerin, die beim Notar arbeitet. Sie sagt, sie hätte einen Teil des Gespräches gehört. Aber was sie gehört hat, ist alles das, was uns schon Teddy erzählte. Teddy ist nicht enterbt, aber sie haben ihn an zweite Stelle gesetzt.“

Ist das ganz sicher?“, fragte Henry Cool

Es ist todsicher“, erklärte Larry Pokerface.

Henry Cool nickte zufrieden. „Also gut dann fangen wir mit dem Alten an. Es gibt nur dort etwas zu erben, wo derjenige, der es vererbt, tot ist Als nächstes schnappen wir uns das Kind.“

Entsetzt blickte Shugar Tampico auf. „Willst du es umbringen?“

Henry Cool schüttelte den Kopf. „Ich könnte kein Baby umbringen. Seid ihr verrückt? Ich wollte es zu der Amme schaffen. Zu Rosalia. Ihr wisst doch.“

Larry Pokerface kratzte sich am Kinn. „Die kann das doch nicht ewig aufheben. So ein Kind wird doch mal größer.“

Henry Cool lächelte. „Natürlich wird so ein Kind größer. Aber was tut denn ein Kind, das ein paar Wochen nach der Geburt bei einer Mexikanerin aufwächst? Dieses Kind wird mexikanisch sprechen, spanisch also. Es wird unter Mexikanern leben. Und wie ich die Sache einschätze, wird es auch dunkle Haare haben. Du hast dunkles Haar, Teddy, und Jessy ebenso.“

Verdammt noch mal“, meinte Teddy, der plötzlich in sich Vatergefühle entdeckte, „ihr könnt doch nicht einfach das Kind nach Mexiko abschieben. Es ist schließlich auch mein Kind.“

Henry Cool lachte. „Willst du nun die Ranch, oder willst du sie nicht?“

Natürlich will ich sie.“

Na klar, und irgendwann einmal heiratest du eine Frau, die dir gefällt, und dann kannst du dieses dein Kind aus Mexiko zurückholen. Du kannst es adoptieren, du kannst sonst etwas damit machen. Du brauchst ja nur zwei, drei Jahre zu warten, vielleicht länger, wie du willst. Du kannst es auch vergessen, wenn du Angst hast, dass dir irgendwer auf die Schliche kommt“

Teddy schüttelte begriffsstutzig den Kopf.

Aber sie werden das Kind doch suchen. Wenn ich an Jessy denke, die muss doch wahnsinnig werden, wenn man ihr das Kind wegnimmt.“

Henry Cool wippte auf den Absätzen und hatte die Daumen in den Gürtel gehakt.

Wenn du Gefühle entwickeln willst, dann kannst du alles so lassen, wie es ist. Du schuldest mir noch eintausendzweihundert Dollar. Und ich weiß nicht, wie es mit Shugar Tampico aussieht Wieviel kriegst du von ihm, Shugar?“

Etwa achthundert“, meinte Shugar Tampico. „Er hat auch gestern wieder verloren.“

Nun siehst du“, sagte Henry Cool, „das sind schon zweitausend. Und du, Pokerface?“

Es ist nicht viel bei mir. Etwa vierhundert. Ich muss nachsehen.“

Na, dann sagen wir mal, es sind .zweieinhalbtausend. Die schuldest du nur uns. Und dem Keeper im Saloon schuldest du auch noch Geld. Alles zusammen eine Summe von rund dreitausend Dollar. Woher willst du das Geld nehmen, wenn du nicht an die Ranch kommst? Etwa von dem Geld, das er dir zahlen will? Wie lange möchtest du denn dann abstottern, bis wir das haben, was wir von dir kriegen? Weißt du, wir möchten das Geld bald. Es ist unser Geld, wir sind keine Bank, dass wir dir Kredit geben können. Also sieh zu, dass du es uns bald beschaffen kannst, oder du gehst auf das ein, was wir dir vorgeschlagen haben. Dann nämlich bist du ein reicher Mann. Du kannst dir alles leisten. Du könntest es dir sogar leisten, uns dafür zu belohnen, dass wir dir helfen. Sagen mir mal zehntausend Dollar für unsere Arbeit. Das ist es doch wert, oder?“

Teddy schluckte. „Ja, sicher, das ist es wert, aber ich finde es nur Jessy gegenüber irgendwie mies. Wir können ihr doch nicht einfach das Kind wegnehmen. Warum verschleppen wir sie nicht auch? Dann ist sie bei ihrem Kind.“

Damit sie eines Tages mit dem Kind zurückkommt. Vielleicht schafft sie es, hat Glück. Und dann kommt sie her und sagt: Hier, das ist das Kind von Teddy Fillmore, der Erbe. Dieses Kind kriegt das Geld.“

Meinst du, das ist anders“, fragte nun Shugar Tampico, „wenn das Kind nach fünf Jahren zurückkommt? Aus Mexiko?“

Ja, dann wird es anders sein. Es wird ein Kind sein, das mexikanisch spricht. Und eine Mutter kann auch ihr Kind nicht erkennen, wenn sie es fünf Jahre nicht gesehen hat – zumal es vorher ein Baby gewesen ist“, erwiderte Henry Cool.

Ja“, stimmte Larry Pokerface zu, „der Plan ist verdammt perfekt, der hat kein Loch.“

Und wenn sie euch suchen? Wenn sie das Baby finden?“, meinte Teddy Fillmore.

Sie werden nichts finden, dafür sorgen wir. Da kannst du sicher sein“, erklärte ihm Henry Cool.

Also gut. Dass ihr den Alten umlegt, bedeutet mir nichts, das lässt mich kalt. Aber das mit Jessy, wisst ihr, es war ganz nett mit ihr. Sie ist so verdammt harmlos. Sie hat wirklich gedacht, dass ich sie heiraten will, und sie ist auf mich reingefallen. Aber ich möchte sie nicht heiraten.“

Es wäre alles viel einfacher für dich gewesen, wenn du das gewollt hättest“, meinte Henry Cool.

Teddy schüttelte energisch den Kopf. „Nie im Leben! Nicht sie! Eine Frau, die ich heirate, die muss anders sein. Die kennt nur ihre Arbeit, die putzt und fummelt unentwegt an sich und dem Haus herum, wo sie ist. Und außerdem will sie mich bekehren, möchte, dass ich nicht trinke, nicht spiele. Nein, nein, mit der will ich nichts zu tun haben. Jedenfalls nicht, wenn sie meine Frau wäre. Sie spielt immer die Mama und sieht in einem Mann ein kleines Kind, das sie erziehen muss.“

Henry Cool zuckte die Schultern, blickte dann Shugar Tampico an und sagte: „Wirst du es machen?"

Ja, aber nicht das mit dem Baby“, erwiderte Shugar Tampico.

Das übernehmen wir das Baby. Und du, Teddy, du wirst morgen in die Stadt marschieren. Und um die Zeit, wo dein Vater herumläuft, wirst du dafür sorgen, dass du immer dort bist, wo recht viele Menschen sehen, was du tust. Und du wirst praktisch nichts tun, als herumsitzen, dass sie dich sehen. Damit ja keiner auf den Gedanken kommt, dass du deinen Vater erschossen hättest.“

Teddy Fillmore nickte. „Ich will aber dabeisein, wenn ihr das Baby...“

Auch dabei wirst du nicht sein. Du bist in der Stadt. Und noch etwas möchte ich dir sagen: keine Spielkarten, kein Alkohol. Merke es dir! Wenn ich erfahre, dass du getrunken hast, schlage ich dich windelweich." Henry Cool schüttelte die Faust; als wollte er schon damit anfangen. „Ich verstehe da keinen Spass, es ist mir bitterernst.“

Jerome Delon, der die ganze Zeit in der dunklen Ecke gesessen hatte, kam hervor, lehnte sich an die Wand neben Larry Pokerface und sagte: „Das mit dem Alten wird Larry Pokerface nicht allein übernehmen. Der Brocken ist etwas zu groß, der Alte kommt nicht allein. Es braucht nur das geringste schiefzugehen, und Shugar Tampico ist geliefert. Ich werde also mit ihm gehen, damit etwas Vernünftiges daraus wird. Außerdem könnte es sein, dass Shugar Tampico, wenn er Brad Kinsley sieht, Tim Closterman und möglichst auch noch Marc Shane, durchdreht und seine Beherrschung verliert. Und das wäre schon praktisch der halbe Weg zur Niederlage.“

Du hast recht“, bestätigte Henry Cool. „Morgen früh verschwindet Teddy in die Stadt, und dort bleibt er, bis wir ihn wieder da wegholen. Hast du verstanden, Teddy?“

Verdammt ja, aber das mit Jessy...“

Du sollst dich um dich und nicht um Jessy kümmern. Du kannst dich um sie kümmern, wenn alles gelaufen ist. Du hast mir gesagt, dass du sie nicht heiraten willst Warum redest du dauernd von ihr?“

Doch nicht ihretwegen, aber das Baby. Es ist schließlich auch mein Kind.“

Das ist ja ganz neu. Am Anfang hast du sogar bestritten, je mit ihr geschlafen zu haben.“

Es ist schon gut. Macht, was ihr wollt und hört endlich auf, auf mir herumzuhacken", beschwerte er sich.

Henry Cool ging zur Tür, blickte hinüber, wo die Stadt im kupfernen Abendsonnenschein lag und sagte entschlossen: „Er kommt in die Stadt, aber er verlässt sie nie mehr. Nicht lebend.“


*


Die Bank von Pearsall war ein zweistöckiges Gebäude. Im Erdgeschoss befand sich der Schalterraum, und im Obergeschoss gab es zwei Wohnungen. Die eine bewohnte der Leiter der Bank, und die zweite hatte sich Old Joe Fillmore für den Zweck eingerichtet, dass er einmal in der Stadt weilte. Eigentlich war es die Wohnung seiner Frau gewesen. Seit sie nicht mehr lebte, betrat er diese Wohnung nur noch selten. Man merkte auch an der Einrichtung, an den Gardinen und den Teppichen, dass hier eine Frau bei der Auswahl die Hand im Spiel gehabt hatte.

Joe Fillmore saß am zierlichen Schreibtisch seiner Frau, spielte mit dem Federhalter und blickte Brad Kinsley an, der ihm gegenüber saß. An Kinsleys Seite hätte der Sheriff von Pearsall Platz genommen, jener schnauzbärtige, kahlköpfige und zur Fülle neigende Jim Burkle.

So wie die Dinge liegen, gibt es also von diesen Burschen keinen Steckbrief“, meinte Fillmore resignierend.

Es müsste doch einen von Shugar Tampico geben“, wandte sich Brad Kinsley an den Sheriff.

Der zuckte die Schultern, hob beschwörend die Hände. „Wenn es einen gäbe, hätte ich ihn. Ich habe alle Steckbriefe, die hier in Texas in den letzten fünf Jahren ausgegeben worden sind. Aber von Shugar Tampico gibt es ebensowenig einen wie von Cool, Delon oder Pokerface.“

Wir müssten sie unter einem Vorwand einsperren können. Sie sind ja die ganze Zeit um meinen Jungen herumgewesen. Die haben ihn doch beeinflusst“, erklärte Fillmore.

Brad Kinsley erhob sich, trat an die Gardine und blickte auf die Straße hinunter, wo gerade ein Fuhrwerk vorüberfuhr. Mehr zufällig als bewusst sah er dann auf die Fassade des gegenüberliegenden Hauses, das der Frachtgesellschaft gehörte. Wie viele der Fassaden jener Häuser hier, täuschte sie zur Straße hin Prunk und Reichtum vor, dahinter war dann nichts. So wie dieser Giebel dort drüben, der den Eindruck erweckte, als stünde ein hohes Haus an der Straße. In Wirklichkeit war es einstöckig, und dieser Giebel war eben nichts als eine Fassade. Doch Kinsley, meinte, eine Bewegung gesehen zu haben, so, als sei ein Männerkopf hinter den Schnörkeln der Fassade weggetaucht.

Aufmerksam blickte er weiter zum Hause hin. Und plötzlich sah er es wieder. Diesmal auf der anderen Seite des Giebels. Ein Kopf!

Ohne sich umzudrehen, sägte er: „Jim, steh auf und sieh es dir an! Wenn das dort drüben nicht Shugar Tampico ist, will ich meinen Hut fressen.“

Fillmore drehte sich um und fragte: „Ist er denn allein?“

Bis jetzt ja“, erklärte Kinsley, „und ich wette, der hat mehr vor, als nur auf dem Dach herumzuturnen. Siehst du ihn, Jim? Er sieht dauernd herüber.“

Durch die Gardinen kann er uns doch nicht erkennen“, meinte der Sheriff.

Das nicht. Aber ich bin gespannt, was er vorhat. Da, er hat ein Gewehr bei sich! Jetzt sehe ich den Lauf.“

Ich meine, wir hätten Teddy vorhin auf der Straße gesehen“, sagte Jim Burkle.

Der ist jetzt noch auf der Straße“, bestätigte Kinsley, „aber weit entfernt. Er sitzt gegenüber von deinem Office, Jim. Wenn du hier auf die linke Seite kommst, kannst du ihn sogar sehen. Da hinten sitzt er. Um ihn herum ist eine ganze Herde junger Burschen. Denen wird er wahrscheinlich seine Heldentaten erzählen.“

Da ist noch einer: Delon!“, rief Sheriff Burkle. „Links drüben ist er!“ Fillmore war auch aufgestanden und blickte in die Richtung, in die Kinsley zeigte. „Da, auf dem anderen Dach. Siehst du ihn, Boss?“

Fillmore nickte. „Der sieht auch in unsere Richtung“, stellte er fest. „Es geht also gegen mich, nicht wahr?“

Könnte auch gegen mich gehen“, meinte Kinsley. „Shugar Tampico und Pokerface haben ja eine Rechnung mit mir. Kann sein, dass es damit zusammenhängt. Es kann aber auch gegen dich gehen.“

Ich werde sofort ein paar Männer holen und sie verhaften lassen“, rief Sheriff Burkle.

Kinsley blickte ihn geringschätzig an. „Verhaften? Weshalb? Was willst du ihnen erklären? Du kannst sie vielleicht einen Tag einsperren, aber dann sind sie wieder draußen. Davon haben wir nichts.“

Nein“, bestätigte Fillmore, „davon haben wir nichts. Du kannst ihnen nichts vorwerfen. Dass sie mit einem Gewehr auf dem Dach rumlaufen, ist kein Verbrechen. Noch nicht.“

Aber wenn es ein Attentat ist, das sich gegen Sie richtet, Mister Fillmore, kann ich doch nicht einfach zusehen, bis es geschieht“

Wer sagt, dass es ein Attentat ist? Das müssen wir ihnen beweisen. Und das können wir ihnen nicht beweisen, bevor sie nicht geschossen haben. Und überhaupt, was haben sie davon, wenn ich tot bin? Angenommen, es geht wirklich gegen mich und nicht gegen Brad, wenn ich tot bin, dann bekommt, das weiß ja auch Teddy, der kleine Bobby die Ranch. Und du, Brad, wirst sie verwalten, bis er soweit ist.“

Das würde ich tun. Aber ich glaube nicht, dass ich es muss. Denn du lebst ja noch, Boss.“

Die könnten auch Glück haben, doch ich frage mich nur, was es ihnen einbringt.“

Kinsley verzog nachdenklich das Gesicht und erwiderte: „Vielleicht muss es gar nichts einbringen. Der Junge war hasserfüllt. Kann sein, dass er ihnen sonst etwas dafür geboten hat, wenn sie es tun, nur aus Rache. Kalte Rache. Oder er hat ihnen aus demselben Grund eine hohe Belohnung versprochen in der Hoffnung, dass du dein Versprechen doch nicht wahr gemacht hast, ihn zu enterben. Vielleicht möchte er das Erbe antreten.“

Dann würde er sich wundern“, meinte Fillmore.

Brad Kinsley lachte trocken auf. „Darüber könntest du dich aber sagenhaft freuen, wenn du im Grab liegst. Oder?“

Natürlich nicht.“

Da kommen jetzt gerade Pokerface und Cool in die Stadt“, berichtete Kinsley. „Da links kommen sie beide. Sie reiten auf den Saloon zu. Aha, eben hat Pokerface nach links gesehen zum Lagerhaus hoch, auf dem Delon steht. Und jetzt, jetzt blickt er in die Richtung zu Shugar Tampico. Aber er sieht ihn nicht. Es passt also zusammen. Es ist ihr Spiel.“

Ich weiß, was sie vorhaben. Normalerweise würde ich in wenigen Minuten das Haus verlassen“, erklärte Joe Fillmore, „und ginge, wie ich es immer tue, genau hinüber zur Frachtgesellschaft. Und damit rechnen sie. Sie warten, dass ich das Haus verlasse. Und sie würden entweder auf mich schießen, wenn ich hinübergehe oder wenn ich drüben wieder herauskomme. Etwas anderes könnte ich mir nicht vorstellen.“

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738912180
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Juli)
Schlagworte
texas wolf jagd jessys baby

Autor

Zurück

Titel: Texas Wolf #31: Jagd auf Jessys Baby