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Saltillo #6: Der Conestoga-Boss

2017 120 Seiten

Zusammenfassung

Der zwielichtige Spieler Dave Denfield könnte bezeugen, dass die Kreolin Layla Sheen unschuldig an dem Mord an Steve Scranton ist. Dessen Vater William B. Scranton hat eine hohe Kopfprämie auf Layla ausgesetzt, und seit ihrer überstürzten Flucht aus New Orleans lebt sie in ständiger Gefahr.
Sam O´Hara – genannt Saltillo – will Layla helfen, ihre Unschuld zu beweisen. Nachdem sie Denfield verfolgt und gefangengenommen haben, schließen sie sich einem Wagenzug nach Santa Fé an. Der Boss dieses Trecks ist Jim Proctor, ein alter Freund Saltillos. Die Situation spitzt sich dramatisch zu, als die Weißen von Kiowas verfolgt und angegriffen werden. Der Anführer der Krieger heißt Marango, und er hasst alle Weißen.
Noch ahnt niemand, dass Jim Proctor und der blutrünstige Kiowa-Anführer gemeinsame Wurzeln haben. Und als die beiden es erkennen, ist es bereits zu spät ...

Leseprobe

Der Conestoga-Boss


Ein Western von John F. Beck




IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von Klaus Dill, 2017

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Klappentext:

Der zwielichtige Spieler Dave Denfield könnte bezeugen, dass die Kreolin Layla Sheen unschuldig an dem Mord an Steve Scranton ist. Dessen Vater William B. Scranton hat eine hohe Kopfprämie auf Layla ausgesetzt, und seit ihrer überstürzten Flucht aus New Orleans lebt sie in ständiger Gefahr.

Sam O´Hara – genannt Saltillo – will Layla helfen, ihre Unschuld zu beweisen. Nachdem sie Denfield verfolgt und gefangengenommen haben, schließen sie sich einem Wagenzug nach Santa Fé an. Der Boss dieses Trecks ist Jim Proctor, ein alter Freund Saltillos. Die Situation spitzt sich dramatisch zu, als die Weißen von Kiowas verfolgt und angegriffen werden. Der Anführer der Krieger heißt Marango, und er hasst alle Weißen.

Noch ahnt niemand, dass Jim Proctor und der blutrünstige Kiowa-Anführer gemeinsame Wurzeln haben. Und als die beiden es erkennen, ist es bereits zu spät ...




Roman:

Denfield erhob sich. Saltillos Colt bewegte sich mit ihm. Hasserfüllt starrte Denfield auf den großen, ganz in abgewetztes Wildleder gekleideten Texaner.

Saltillos scharfliniges, tiefgebräuntes Gesicht trug noch die Spuren der Flucht vor den Kiowas. Eine Kugel aus einem Indianergewehr hatte ihn am Kopf gestreift. Eben noch hatte er wie tot im zertrampelten Büffelgras gelegen. Jetzt ging wieder ein Strom

unbeugsamer Entschlossenheit von ihm aus.

Er ließ Denfield nicht aus den Augen, als die Planwagen von Scrantons Treck nacheinander über die langgestreckte Bodenwelle rollten. Schützend legte er den Arm um Layla Sheen.

Gemeinsam waren sie vor William B. Scrantons Kopfgeldjägern geflohen, um hier auf dem einsamen Frachtwagentrail nach Santa Fé den Mann zu stellen, der die attraktive Kreolin des Mordes beschuldigte:

Dave Denfield, der ehemalige Spieler und Croupier aus dem »Delta Star Palace» in New Orleans blickte verlangend auf den Revolver, den Saltillo ihm aus der Hand geschossen hatte.

Rasch hob Layla die Waffe auf. Denfield wies mit einer drohenden Kopfbewegung auf die näher rumpelnden Fahrzeuge.

»Jetzt bleibt euch nicht mal die Flucht.«

Der Braune, auf dem Saltillo und Layla die letzten Meilen zurückgelegt hatten, war mit den Mustangs der vor dem Treck fliehenden Kiowas davongelaufen. Über die sanftwellige Prärie kamen die Begleitreiter des Wagenzugs von der ergebnislosen Verfolgung zurück. Die Planen der schwerbeladenen Conestoga-Schoner leuchteten wie Segel über dem endlosen, von der Sonne verbrannten Grasland. Das Hufgetrappel und Räderknarren setzte aus.

Bärtige, derb gekleidete Männer lösten sich von den Fahrzeugen. Einige trugen Gewehre. Pistolen und Messer steckten in den Gurten. Es waren raue, kampferprobte Gesellen. Unwetter, Büffelstampeden und Indianerüberfälle gehörten ebenso zu ihrem Alltag wie die wochenlange zermürbende Einsamkeit, die sie umgab, seit sie Independence am Missouri verlassen hatten.

Saltillo spürte die Bedrohung, die von ihnen ausging. Entschlossen schwang er den Fünfschüsser herum. Da stockten ihre Schritte. Gleichzeitig richtete Layla die zweite Waffe auf Denfield. Das Schweigen der Frachtfahrer war eine deutliche Drohung. Saltillo blickte in finstere, feindselige Gesichter. Ein gedrungener, rotbärtiger Mann mit einer Narbe über dem linken Auge rief wütend:

»Zum Teufel, Denfield, was will dieser Bursche von Ihnen?«

»Das werd ich dem Boss selbst erzählen«, antwortete Saltillo gelassen. »Ich nehme an, er kommt mit den Reitern, die hinter den Kiowas her waren.«

Der Rotbärtige spuckte aus.

»Nimm ruhig mal an, dass dir keine Zeit bleibt, ihn kennenzulernen, Mister. Wir haben nämlich was gegen Fremde, die sich mit dem Schießeisen in der Hand für ’nen geretteten Skalp bedanken.«

Schwielige Hände tasteten nach Messer und Pistolengriffen. Saltillo jagte einen Schuss über ihre Köpfe.

»Bleibt, wo ihr seid! Haltet euch raus!«

Sie duckten sich, murrten. Aber sie spürten, dass da ein Mann stand, der sich auch von der Übermacht nicht einschüchtern ließ.

Denfields Pferd war zu den Wagen getrottet. Ohne das Tier gab’s kein Entkommen für den großen, indianerhaften Fremden und die Frau. Nur einer ignorierte Saltillos Paterson Colt. Ein hünenhafter Schwarzer schob sich aus dem Hintergrund und kam mit ausdrucksloser Mine auf Saltillo zu. Er trug eine enge, mexikanische Chivarra-Hose, ein buntes Hemd und Mokassins. Er war unbewaffnet. Doch die katzenhafte Art, mit der er sich bewegte, warnte Saltillo.

»Das gilt auch für dich, Hombre!«, fügte Saltillo seiner Warnung scharf hinzu. Doch in dem kaffeebraunen Gesicht des Hünen bewegte sich kein Muskel.

Denfield hetzte: »Mach ihn fertig! Er wird nicht schießen! Er weiß, dass er dann nicht lebend hier wegkommt.«

»Halten Sie den Mund, Dave!«, fauchte Layla. Ihre Augen funkelten. Ihr Gesicht war noch bleich vom Schock des unverhofften Wiedersehens. Bis zu dieser Stunde war sie überzeugt gewesen, dass Denfield nicht mehr lebte, sondern sich damals in New Orleans für sie geopfert hatte.

Joshua, der Farbige, zuckte nicht mit der Wimper, als Saltillo eine Kugel vor seinen Füßen in die Erde schoss. Dieser Mann war anders als seine Rassegenossen, denen Saltillo vor langer Zeit auf den Baumwollplantagen im Mississippi-Tal begegnet war. Nur mehr sechs Schritte trennten die beiden. Mit einem raschen Blick überzeugte Saltillo sich, dass Laylas Revolver auf Denfield zielte. Da schob er den Paterson in die Halfter und trat dem Schwarzen entgegen.

Joshua blieb stehen. Ein grimmiges Lächeln glitt über sein Gesicht. Ohne jegliche Vorwarnung sprang er Saltillo an. Es war ein gewaltiger Satz. Das vorzuckende Bein zielte auf Saltillos Kehle.

Saltillo warf sich zur Seite. Das gestreckte Bein des Gegners sauste knapp an ihm vorbei. Saltillo wirbelte herum, darauf gefasst, dass der eigene Schwung den Angreifer umreißen würde. Doch Joshua federte in die Knie, und aus dieser Bewegung heraus griff er sofort abermals an.

Seine geballte Rechte besaß die Wucht und Härte eines Schmiedehammers. Der Hieb streifte Saltillos Schulter. Das hätte genügt, einen anderen Mann umzuwerfen. Saltillo setzte Joshua die Faust ans Kinn, dann konnte er sich gerade noch vor dessen sofort konternder Faust wegdrehen. Mit einem Sprung rettete er sich vor dem hochzuckenden Knie des Schwarzen. Joshua ließ die klobigen Fäuste sinken und musterte ihn aufmerksam. Ein Schimmer von Verwunderung war in seinem Blick, aber kein Zorn. Dieser Mann kämpfte leidenschaftslos. ...

Schweiß perlte über Saltillos Gesicht. Seine Faust schmerzte noch. Der Hieb vorhin hätte einen mittelschweren Ochsen gefällt, doch Joshua zeigte keinerlei Wirkung. Wie von weit her hörte Saltillo nun die anfeuemden Rufe der Frachtfahrer:

»Gib’s ihm, Joshua!«

In den Augen des Hünen blitzte es auf. Aber statt auszuweichen, glitt Saltillo geschmeidig auf ihn zu. Joshuas Rechte wischte an seiner Wange vorbei, Saltillo traf abermals sein Kinn. Es war ein Schlag wie gegen eine Mauer. Im nächsten Moment bekam Saltillo die Schmiedehammerfaust des Farbigen so wuchtig an den Kopf, dass er zu Boden stürzte. Ein halb erstickter Aufschrei kam von dort, wo Layla stand. Für Sekunden verschwamm alles vor Saltillos Augen. Er biss die Zähne zusammen, rollte zur Seite, als der Gegner sich auf ihn werfen wollte.

Als er hochkam, stand auch Joshua wieder. Er schwitzte nun ebenfalls. Doch sein Atem ging so gleichmäßig, als hätte er sich überhaupt noch nicht bewegt.

»Nicht schlecht«, lächelte Saltillo rissig. »Nur schade, Muchacho, dass du dich an den falschen Mann verkauft hast.«

»Er wird dich zermalmen«, versprach Denfield wild. »Noch niemand hat Joshua im Zweikampf besiegt. Zeig’s ihm, Joshua! Ich will, dass du ihn tötest!«

Der Schwarze schloss einen Moment die Augen. Es schien, als konzentrierte er sich auf seine ganze Kraft. Die Männer von Scrantons Treck hielten den Atem an. So unvermittelt wie Joshua den Kampf begonnen hatte, sprang er wieder auf Saltillo zu.

»Sam!«, schrie Layla entsetzt, als sie das Messer in der Faust des Hünen sah.

Joshua hatte es blitzartig aus einer Nackenscheide gerissen. Der blanke Stahl zielte auf Saltillos Herz. Der Texaner stand zu nahe, dass er noch wegspringen konnte. Alles ging so schnell, dass die Zuschauer nichts mitbekamen.

Saltillos Fäuste sausten im Doppelschlag auf den Arm des Gegners. Gleichzeitig bog er sich zur Seite. So lenkte er die Klinge ab. Sie schlitzte das Antilopenlederhemd unter der linken Achsel auf. Wie ein Büffel prallte Joshua gegen ihn. Saltillo stemmte sich ein, und bevor der Mann nochmals zustoßen konnte, trieb er ihm die rechte Faust in die Magengrube.

Da geschah es: Joshua verfärbte sich jäh, die Luft blieb ihm weg, der Blick wurde glasig. Dann sank er auf die Knie. Noch immer hielt er das Messer. Die Spitze wies nach oben. Kein Laut kam über seine Lippen. Saltillo war bereits klar geworden, dass der Mann stumm war.

Es widerstrebte Saltillo, den Colt zu ziehen. Er kannte jetzt Joshuas verwundbare Stelle. Er wartete, bis der Hüne wieder stand - noch etwas wacklig, wie es schien. Da schlug Saltillo abermals zu.

Daneben! Denn Joshua war bereits wieder voll da. Er ließ sich nach hinten fallen, zog die Beine an und stieß Saltillo um. Seine Muskeln und Sehnen schienen aus Stahl. Bevor Saltillo sich erneut wegrollen konnte, war er über ihm wie ein Grizzly, groß und schwer und unheimlich flink. Das Messer blitzte.

Saltillos Hand zuckte zur Halfter.

Leer! Er hatte die Waffe beim Sturz verloren.

Joshua kniete halb auf ihm, das Messer zum Stoß erhoben. Zögerte er, oder war es ein Moment der Schwäche, der Saltillo die letzte Chance verschaffte?

Seine Linke umspannte das Handgelenk des Hünen. Mit aller Kraft schmetterte er ihm die Rechte seitlich gegen den Hals. Ein dumpfer Ton kam über Joshuas Lippen. Er schwankte, neigte sich wie ein von der Axt getroffener Baum. Dann stürzte er. Das Messer entglitt der schlaffen Hand.

Keuchend wälzte Saltillo sich herum. Ein paar Sekunden fühlte er sich ausgebrannt. Kein Laut ringsum. Nie zuvor hatten die rauen Männer solch einen Kampf erlebt.

Saltillo stemmte sich auf die Knie. Das rabenschwarze Haar hing ihm in die Stirn. Sein Blick suchte Layla. Er spürte einen Stich, als er sah, dass zwei kräftige Männer sie festhielten. Einer davon war der Rotbart mit der Narbe über dem linken Auge. Er grinste wild.

Denfield stand neben ihnen. Der Revolver deutete auf Saltillo. In dem Moment, als Joshuas Messer den Texaner bedroht hatte, war es Denfield gelungen, der erschrockenen Layla die Waffe zu entreißen.

Der Metallhammer verursachte ein hässliches, durchdringendes Knacken. Denfields Stimme passte dazu.

»Du hast zwar Joshua besiegt! Das ändert jedoch nichts dran, dass du jetzt stirbst!«


*


Die Stille verdichtete sich. Layla gab es auf, sich zu wehren. Erschöpfung und Hoffnungslosigkeit waren stärker.

Denfield hatte jetzt keinen Blick mehr für sie. Saltillo las das Todesurteil in den Augen des schlanken, städtisch gekleideten Mannes.

»Wenn Sie abdrücken, Denfield, sterben Sie mit ihm«, brach eine harte Stimme das Schweigen. »Ich dulde keinen Mord!«

Denfield duckte sich. Es sah aus, als würde er im nächsten Moment herumwirbeln. Jede Faser in Saltillo spannte sich zur blitzschnellen Reaktion. Doch Denfields Revolver blieb auf ihn gerichtet. Saltillo rührte sich nicht. Er sah das Flackern in Denfields Augen. Eine falsche Bewegung, und der Schurke würde die Nerven verlieren und doch noch abdrücken.

Ein Frachtfahrer hatte Layla inzwischen freigegeben. Der Rotbart war aus anderem Holz. Grimmig hielt er ihre Arme auf dem Rücken fest. Pferde schnaubten, Sattelleder knarrte.

Vorsichtig wandte Saltillo den Kopf. Die Reiter, die den flüchtenden Kiowas gefolgt waren, hatten die Gruppe erreicht. Ihr Anführer zielte mit einer einschüssigen Kentucky Rifle auf Denfield.

Er war ein breitschultriger, schnurrbärtiger Mann mit einer Bussardfeder am Hut. Die hochschäftigen Stiefel reichten bis zu den Oberschenkeln. Aus der Sattelhalfter ragte der silberbeschlagene Knauf einer langläufigen Pistole. Es war nun schon zehn Jahre her, dass Samuel Colt sein erstes Revolvermodell, den Paterson, entwickelt hatte. Doch der »Colt« hatte den entscheidenden Siegeszug durch das weitgehend unbesiedelte Land westlich des Old Man River noch nicht angetreten.

Saltillo traute seinen Augen nicht: Er kannte diesen Mann. Er erinnerte sich sogar an die Waffen. Doch seine indianerhaften Züge verrieten nichts davon. Der Schnurrbärtige ließ den Ex-Spieler nicht aus den Augen.

»Ich warte darauf, dass endlich Ihre Kanone verschwindet, Denfield.«

»Verdammt, Proctor, dieser Kerl ist hier, mich zu töten. Es ist ein Killer, den die Frau mir auf den Hals gehetzt hat.«

»Das ist nicht wahr, Jim«, erklärte Saltillo ruhig. Denfield hielt einen Augenblick die Luft an. Sein Revolver wackelte.

»Hölle! Ihr kennt euch?«

»Wir sind ’ne Weile zusammen geritten. Ist lange her. Aber ich hab nicht vergessen, dass wir damals das letzte Wasser und den letzten Tabak geteilt haben.«

Der Mann mit der Kentucky Rifle verharrte wie eine Statue auf seinem grobknochigen Pferd. Eine dünne Schweißschicht überzog Denfiels glattrasiertes Gesicht, in dem eigentlich nur der verkniffene Zug um den Mund störte.

»Sie können alles von ihm behaupten, Denfield, nur nicht, dass er ein bezahlter Killer ist. Wird’s bald, weg mit der Kanone!«

Es dauerte noch einige Sekunden, ehe Denfield den Fünfschüsser widerwillig in die Halfter schob. Unverwandt starrte er Saltillo an, der sich nun vorsichtig erhob. Niemand sonst rührte sich.

Jim Proctor, der Treckboss, hielt nach wie vor die Rifle schussbereit. Jetzt war keine Zeit für eine Begrüßung. Saltillo entdeckte keinen Schimmer Wiedersehensfreude in Proctors wettergegerbtem Gesicht. Proctor war etwa fünfzehn Jahre älter als er.

Bevor Saltillo das Erbe seines Vaters übernommen und im einsamen Land am Rio Bravo die Hazienda aufgebaut hatte, waren sie zusammen schon mal diesen langen Weg nach Santa Fe geritten. Die Meilen auf der von Stürmen gepeitschten und der Sonne ausgeglühten Prärie hatten sie zusammengeschweißt. Die Falten in Jim Proctors schnurrbärtigem Gesicht waren zahlreicher und tiefer geworden. Seine hellen Augen blickten jedoch so scharf und durchdringend wie eh und je.

»Lass die Frau los, Callahan!«

Der Rotbart zögerte. Denfield straffte sich.

»Warten Sie, Proctor. Sie wissen nicht, mit wem Sie’s zu tun haben!«

Vorsichtig, damit die Bewegung nicht falsch gedeutet wurde, zog er ein Papier aus der Innentasche seiner Jacke. Er faltete es auseinander und hielt es hoch, dass alle das Bild darauf sahen. Es zeigte das Gesicht einer jungen, rassigen, schwarzhaarigen Frau. Laylas Gesicht. Nur Denfield selbst konnte dem Zeichner eine so treffende Beschreibung der Kreolin gegeben haben. Tot oder lebendig! stand in großen, ins Auge springenden Lettern darüber. Und dazu: Fünftausend Dollar Belohnung!

Heiseres Geraune brandete auf. Herausfordernd drehte Denfield sich zu Proctor um.

»Sie wissen doch, dass Scrantons Sohn vor einigen Jahren in New Orleans ermordet wurde. Diese Frau hat es getan! Wenn Sie ihren Kumpan in Schutz nehmen, nur weil Sie irgendwann mit ihm Bügel an Bügel geritten sind, dann, verdammt noch mal, beschützen Sie auch eine Mörderin.«

»Mein Gott, Dave, warum diese Lügen?«, keuchte Layla. »Weshalb wollen Sie meinen Tod?«

»Alles, was ich will, ist Gerechtigkeit«, erwiderte Denfield heiser. »Das bin ich Scranton schuldig und Steve, den Sie auf dem Gewissen haben.«

»Er lügt, Jim!«, rief Saltillo. »Ich weiß nicht, was er im Treck bereits erzählt hat, aber Layla hat nichts mit dem Mord an Steve Scranton zu tun.«

Denfield faltete den Steckbrief zusammen und spuckte aus.

»Woher will er das wissen? Er war nicht dabei.«

»Sie etwa?«, fragte Proctor in einem Ton, der verriet, dass es zwischen ihm und dem ehemaligen Spieler keine Symphatie gab.

»Ja, zum Teufel!«, erwiderte Denfield heftig. »Ich hab’s mit eigenen Augen gesehen. Und verdammt will ich sein, wenn ich’s je vergesse. Sie hat ihn zuerst am Pokertisch übers Ohr gehauen. Als Steve in seiner Wut dann drohte, sich alles zurückzuholen, ist sie ihm in der Kutsche zu Lilly’s Midnight House gefolgt. Ich bin hinterher, konnte es aber nicht mehr verhindern. Ich sah ihn noch auf dem Gehsteig in seinem Blut liegen. Sie daneben, den Revolver in der Hand, mit dem sie ihn getötet hat. Ich wollt’s nicht glauben. Ich hab ja für sie gearbeitet, und es ist wahr: Ich war auch in sie verschossen. Aber sie hat Steve Scranton auf dem Gewissen, und das werd’ ich vor jedem Gericht beschwören.«

Layla starrte ihm entsetzt an. In dieser Minute hatte Denfield nichts mehr mit dem Mann gemeinsam, der ihr damals geholfen hatte, die unerbittlichen Jäger abzuschütteln, die sie durch die nächtlichen Straßen von New Orleans gehetzt hatten. War es ein Flackern von Hass oder Angst in seinen Augen? Sein Gesicht wirkte fleckig, die Mundwinkel zuckten.

Proctors Miene war düster. Die Männer hinter ihm tuschelten und murrten. Es war nicht schwer zu erraten, wem sie glaubten.

Mit einem unerwarteten Ruck befreite Layla sich von Callahan. Sofort trat Denfield einen Schritt zurück. Seine Hand fuhr zum Colt. Im selben Moment ergriff Saltillo seinen im Gras liegenden Paterson.

Layla blieb stehen. Ihre Augen brannten. Ihr Kleid war zerlumpt, das Haar zerzaust. Doch ihre Verteidigungsbereitschaft war ungebrochen.

»Wer bezahlt Sie dafür, Dave? Lafitte, der von Anfang an drauf aus war, müden >Delta Star< abzunehmen? Oder der Mann, der Steve Scranton wirklich getötet hat?«

Denfield warf einen schnellen Blick auf Proctor, dessen Finger nach wie vor am Abzug lag. Die Rifle zielte jetzt auf einen Punkt zwischen Denfield und dem großen Texaner. Proctors Miene blieb ausdruckslos. Denfield ließ die Waffe los und lachte verzerrt.

»Geben Sie’s auf, Layla, Ihre schönen Augen allein genügen nicht bei diesen Männer. Proctor, ich verlange ...«

»Scranton ist mein Boss. Niemand außer ihm hat mir was zu sagen.«

Der breitschultrige Reiter trieb sein Pferd an Denfield vorbei. Er stieg vor Saltillo ab, immer noch die Rifle in den Fäusten. Ihre Blicke trafen sich. Saltillo spürte einen Kloß in der Kehle. Er hätte eine Menge dafür gegeben, Jim Proctor nach so langer Zeit unter günstigeren Vorzeichen wiederzusehen. Sicher ging es Proctor ebenso. Aber er war noch nie ein Mann gewesen, der seinen Gefühlen mit Worten Ausdruck verlieh.

»Du kennst die Regeln, Saltillo. Ich bin für diesen Treck verantwortlich, für jeden Wagen, jeden Mann - auch für Denfield. Wenn Denfield sich irrt...«

»Es ist kein Irrtum, Jim. Er weiß, dass Layla unschuldig ist.«

»Ich werde trotzdem nicht zulassen, dass du ihn tötest. Gib mir deinen Colt, Saltillo.«

Plötzlich war ein Hauch von Kälte zwischen ihnen. Die Mündung von Proctors Rifle war dicht vor Saltillos Brust. Langsam schob Saltillo seinen Paterson Colt in die Halfter.

»Ich will ihn nicht töten, Jim. Das würde Scranton nicht hindern, Layla weiter mit seinem wahnwitzigen Hass zu verfolgen. Er hat sie ohne Richterspruch zum Tod verurteilt. Seine Kopfgeldjäger haben sie von meiner Hazienda verschleppt. Mit knapper Mühe sind wir ihnen entkommen. Doch Scranton wird immer wieder bezahlte Killer auf ihre Spur hetzen, solange er sie für die Mörderin seines Sohnes hält. Denfield kennt die Wahrheit. Er kann das ändern.«

»Den Teufel werd’ ich!«, rief Denfield schrill. »Proctor, der Kerl will doch nur...«

»Es gibt noch einen Grund, weshalb ich hier bin, Jim«, redete Saltillo weiter. »Die Kiowas haben es auf den Treck abgesehen. Sie hatten einen Hinterhalt am Point of Rocks gelegt. Nachdem wir ihnen entwischt sind, werden sie’s nun irgendwo zwischen hier und dem Canadian versuchen.«

Proctor runzelte zweifelnd die Stirn.

»Das sollte mich wundern. Ich bin immer gut mit ihnen ausgekommen. Früher hab ich eine Zeitlang bei ihnen gelebt. Die Comanchen haben mir immer mehr zu schaffen gemacht.«

»Sie haben einen neuen Anführer. Marango. Er ist zur Hälfte ein Weißer wie ich. Doch er hasst alle Weißen und will verhindern, dass sie nach dem Krieg mit Mexiko auch dieses Land in Besitz nehmen. Deshalb plant er, alle Kiowas und die Nachbarstämme zum Kampf zu vereinigen.«

»Größenwahnsinnig der Junge, wie?«

»Er ist gefährlich, Jim«, warnte Saltillo. »Er weiß, dass der mexikanische Gouverneur den Trail nach Kriegsausbruch für alle anderen Wagenzüge hat sperren lassen. Nun rechnet er ganz richtig damit, dass es hier draußen weit und breit keine Hilfe gibt. Wenn dieser Treck mit allen Waffen, Lebensmitteln, Decken, und was ihr sonst noch befördert, in seine Hände fällt, wird er alle Stämme der südlichen Prärie davon überzeugen, dass er der richtige Mann für die große Aufgabe ist. Kein Wagen wird dann je wieder über den Trail rollen, wie auch immer der Krieg zwischen den Mexikanern und Blauröcken ausgeht.«

»Wir werden bereit sein.«

Das war der alte Proctor. Ein Mann, der gewohnt war, seinen Weg mit der Waffe in der Faust zu gehen. Saltillos Blick schweifte die Reihe der Frachtwagen entlang. Es waren zweiundzwanzig Fahrzeuge. Fünf fielen ihm auf, weil Denfields Name in knalligem Rot auf den Bordwänden stand. Für einen Mann, der vor einigen Jahren noch sein Geld als Bankhalter am Roulettisch verdient hatte, war Dave Denfield bemerkenswert rasch zu diesem offensichtlichen Wohlstand gelangt.

»Kehr um, Jim!«, riet Saltillo. »Es gibt keine Chance auf dem Cimarron Cutoff, falls Marango es schafft, hundert und noch mehr Krieger auf dieser Route zu versammeln. Nimm den Weg über Bents Fort und den Raton Pass, auch wenn er länger ist.«

»Jetzt fällt die Maske«, hetzte Denfield. »Alles erstunken und erlogen! Der doppelte Weg! Er will nur, dass wir Zeit verlieren! Vielleicht fürchtet er nicht so sehr die Kiowas, sondern Scrantons Pistoleros, die noch immer hinter ihm und Steves Mörderin her sind. Und wenn Sie tausend Meilen mit ihm geritten sind, Proctor, ich traue ihm nicht. Wenn Sie mich fragen ...«

»Ich frage Sie nicht.«

Da kam Denfield näher. Er vermied es, Saltillo anzusehen.

»Sie werden nicht dran vorbeikommen, Proctor«, erwiderte er mühsam beherrscht. Seine Augen funkelten. »Vergessen Sie nicht: Ich werde Scrantons Teilhaber, sobald wir in Sante Fe sind. Sie wissen hoffentlich, was das für Sie bedeutet.«

»Noch bin ich hier der Boss.«

»Dann tun Sie Ihre Pflicht, verdammt noch mal. Wir haben genug Zeit verloren. Saltillo soll sich zum Teufel scheren. Nehmen Sie endlich die Frau fest. Die Männer hier haben ein Recht auf die fünftausend Dollar, die Scranton für ihre Ergreifung ausgesetzt hat.«

»Das ist ein Wort«, rief Callahan. Ein paar andere pflichteten hastig bei. Fünftausend Dollar waren für sie, die mit zwanzig oder dreißig Bucks im Monat entlohnt wurden, ein Riesenvermögen.

»Zum Teufel, Proctor, wir haben den Steckbrief gesehen«, drängte Lew Callahan ungeduldig. »Was willst du mehr?«

Eine Falte stand zwischen Proctors buschigen Brauen. Es war Scranton, sein Boss, der den Kopfpreis ausgesetzt hatte. Der Steckbrief trug Scrantons Unterschrift. Doch dagegen stand das Wort eines Mannes, der einmal sein Sattelpartner gewesen war.

»Ich will keinen Kampf in den eigenen Reihen, solange wir im Indianergebiet unterwegs sind«, entschied er barsch. »Wir ziehen weiter. Saltillo und die Frau begleiten uns.«


*


Mitten in der Nacht erwachte Layla. Ihr Herz hämmerte. In ihren Ohren schmerzte der Schrei, der ihr damals, als Steve Scranton gestorben war, durch die dunkle Franklin Street von New Orleans nachgehallt war: »Mörderin! «

Sie hatte geträumt. Schweißperlen standen auf ihrer Stirn. Die sternklare Nacht erschien ihr einsamer als alle Nächte zuvor, seit sie mit Saltillo aus Sante Fe geflohen war. Die Stille im Camp war vom Hauch einer unsichtbaren Gefahr durchdrungen. Dieses Gefühl der Gefahr verließ sie auch nicht, als sie Denfield drüben bei einem der erloschenen Feuer ruhen sah. Der schwarze Hüne schlief dort ebenfalls mit dem Kopf auf dem umgestülpten Sattel. Die Deckenrolle neben Layla jedoch war leer. Saltillo hatte den Wagenzug vor Einbruch der Dunkelheit verlassen. Am Stand der Sterne erkannte die Frau, dass Mitternacht bereits vorbei war.

»Ich trau’ dem Frieden nicht«, hatte Saltillo sich an seinen einstigen Trailgefährten gewandt, als die Planwagen mitten auf der Ebene anhielten. »Ich muss rausfinden, wie nahe Marango mit seinen Kiowas ist.«

Proctor hatte ihn eine Weile angestarrt und dann geknurrt: »Du kannst reiten, wohin du willst. Solange du weg bist, wird die Frau als Gefangene bewacht. Nimm dir den Braunen mit der Stimblesse. Er ist kräftig und zäh.«

Dann hatte er sich ruckartig abgewandt und war davongestiefelt. Nur Layla hatte den Schimmer der Bitterkeit in Saltillos grauen Augen erkannt, nachdem die Grenzen damit deutlich gezogen waren.

Layla richtete sich halb auf. Der stämmige Mann, den Proctor als Aufpasser geschickt hatte, lehnte am Hinterrad eines Conestoga. Der Hut war ihm halb ins Gesicht gerutscht. Das Gewehr lag über seinen Knien. Er war eingeschlafen. Tiefe, gleichmäßige Atemzüge füllten die Wagenburg. Ein Mann murmelte etwas im Schlaf. Aber so sehr Layla ihre Sinne auch anstrengte, da war nichts, was ...

Das Begreifen kam wie ein Alarmsignal: Da war kein Geräusch zuviel, sondern eins das fehlte! Die Tritte der beiden Wachtposten, die in entgegengesetzter Richtung um das Camp patrouillieren sollten.

Ihr nächster entsetzter Gedanke war: Marango! Die Kiowas waren da! Sie hatten die Posten erwischt, vielleicht auch Saltillo!

Sie wollte die Decken wegschleudern, aufspringen, schreien. Da raschelte es auf der anderen Seite des Planwagens. Eine Stimme wisperte ihren Namen. Sofort zuckte ihr Blick wieder zu dem Wächter. Er rührte sich nicht. Jetzt fiel ihr auch auf, wie merkwürdig verdreht und unbequem seine Haltung war.

»Layla«, flüsterte es wieder, und von etwas weiter entfernt kam ein Geräusch wie das leise Stampfen von Hufen.

Vorsichtig schob sie die Decken weg. Als der Mann am Wagenrad sich noch immer nicht bewegte, war sie sicher, dass er nicht schlief, sondern bewusstlos war.

»Sam ...« Lautlos formten ihre Lippen den Namen des Mannes, der sein Leben für sie aufs Spiel setzte.

Lautlos kroch die junge Frau unter dem Prärieschoner durch. Eine dunkle Gestalt ragte vor ihr auf. Plötzlich wurde sie von harten Fäusten gepackt, hochgerissen, und als sie den Mund zum Schrei öffnete, presste sich eine schwielige Hand darauf.

»Passt auf, das ist ’ne Wildkatze, Jungs«, zischte der Schatten vor ihr.

Ein blasser Lichtschimmer streifte Callahans bärtiges Gesicht. Sie wand sich verzweifelt. Sie trat und versuchte in die Hand zu beißen, die ihr den Mund zudrückte. Die Panik verdoppelte ihre Kraft. Doch die beiden Männer Callahans hielten sie mit eisernem Griff.

Rasch band der Rotbart ihr mit einem Strick die Handgelenke zusammen. Keuchend schleiften sie sie von den Wagen weg. Dann banden sie ihr ein Tuch vor den Mund. Schweiß glänzte auf derben Gesichtem. Es waren dieselben Männer, die sofort zugestimmt hatten, als Denfield ihnen den Anspruch auf die Kopfprämie in Aussicht stellte. Das Glitzern in ihren Augen ließ Layla frösteln. Lauernd blickten die Männer zur Wagenburg zurück.

»Wenn Proctor uns je erwischt, bricht die Hölle los«, schnaufte einer.

»Und?« Callahan spuckte aus. »Du wagst deinen Skalp für lumpige dreißig Bucks im Monat. Für einen Anteil an Scrantons Fünftausend nehm’ ich es auch mit dem Teufel selbst auf. Vorwärts, wir haben noch ’nen verflucht weiten Weg vor uns.«

Layla bekam einen Stoß. Sie stolperte und wäre gestürzt, wenn die Kerle sie nicht gehalten und mitgeschleift hätten. Callahan eilte geduckt voraus. Er hielt jetzt eine Pistole. Büsche tauchten vor ihnen auf. Sie wuchsen in einer von der Wagenburg nicht einsehbaren Senke. Die Nacht lag wie ein schwarzer Samtschleier auf ihr. Schweratmend blieben Callahan und seine Kumpane stehen.

»Verdammt, wieso ist Clem mit den Pferden noch nicht hier?«, schnappte der Anführer.

Misstrauisch schaute er sich um. Ein Stampfen kam aus der Schwärze zwischen den Cottonwoodsträuchern. Eine Gebisskette klirrte leise. Callahan gab seinen Begleitern einen Wink. Sie schleppten die Gefangene weiter.

»Zum Teufel, Clem, wo steckst du? Wir haben Sie! Trödle nicht rum, Mann, bring die Gäule her.«

Zweige raschelten. Der Mann war erst nur ein verwischter Schatten. Lautlos kam er auf Callahan und seine Komplizen zu.

»Clem ist verhindert, Leute. Er hat sich ein bisschen hingelegt, nachdem er gegen ’nen Revolverlauf gerannt ist. Die Pferde, die ihr braucht, stehen noch in der Wagenburg. Da hinten ist nur der Braune, den Proctor mir geliehen hat.«

Sie hielten die Luft an. Ihre Muskeln verkrampften sich. Es dauerte einige Sekunden, bis Lew Callahan den Namen herausbrauchte:

»Saltillo!«

Es klang wie ein Fluch.


*


Der Mann vom Rio Bravo stand groß und lässig vor ihnen.

Callahans Pistole deutete auf ihn. Aber als der gedrungene Frachtfahrer erkannte, dass Saltillos Colt in der Halfter steckte und nur eine zusammengerollte Treiberpeitsche in seiner herabhängenden Faust lag, schob er die Waffe in den Gurt. Das wilde Glitzern war wieder in seinem Blick.

»Hast recht, wir sollten keinen Lärm machen, wenn’s auch anders geht.« Er lachte rau. »Pass auf die Puppe auf, Bob! Rance, Amigo, schnappen wir uns den Hundesohn.«

Blitzschnell zog er ein Messer aus dem Stiefelschaft und sprang nach rechts, um Saltillo so zu einer Drehung zu zwingen. Rance, ein knochiger Bursche, der Pulverhorn und Kugelbeutel umgehängt hatte, zog ebenfalls ein Messer. Er glitt nach links, damit er Saltillo von hinten erwischte. Sie waren gut aufeinander eingespielt. Wahrscheinlich hatten sie schon mehr als einen Gegner auf diese Weise erledigt. Außerdem hatten sie Saltillo bereits im Kampf gegen Joshua erlebt und waren gewarnt.

Er machte ihnen trotzdem einen Strich durch die Rechnung. Denn als sie sich bewegten, schnellte er vorwärts und schmetterte dem Mann,der Layla festhielt, den lederumwickelten Peitschenstiel über das Ohr.

»Das Pferd, Querida!«, rief er ihr zu, wirbelte herum und hatte Callahan und Rance wieder vor sich. Sie fluchten. Gleichzeitig stürzten sie auf ihn zu. Die Messer blinkten. Ein Zucken von Saltillos Handgelenk jagte die Peitschenschnur hoch. Klatschend traf sie Callahans Messerfaust. Der Rotbart vergaß alle Vorsicht und brüllte wie ein angeschossener Stier. Gleichzeitig drehte sich Saltillo vor Rance’ heranzuckendem blankem Stahl zur Seite. Der Schwung riss den Knochingen an ihm vorbei. Saltillo stellte ihm ein Bein, und Rance sauste prompt der Länge nach ins Gras.

Da packte Callahan seine Pistole. Die Männer in der Wagenburg und die fünftausend Dollar, die er für Layla in Santa Fé hatte kassieren wollen, waren vergessen. Nur ein Wunsch glühte in ihm: Er musste diesen Mann, der so unheimlich geschickt mit der Peitsche umzugehen verstand, zur Hölle schicken! Die Waffe flog hoch - und da war wieder das Pfeifen der geflochtenen Lederschnur. Der dröhnende Schuss löschte es aus. Doch eine unwiderstehliche Kraft verriss die Pistole und lenkte die Kugel zum gegenüberliegenden Senkenrand. Pulverdampf brodelte. Alles, was Callahan dann noch sah, war ein großer, gestreckter Schatten, der auf ihn zuflog. Im nächsten Moment brach er wie unter einem Keulenhieb zusammen.

Geduckt fuhr Saltillo herum. Rance kniete. Schräg hinter ihm rollte sich Bob, der Layla festgehalten hatte, im Gras herum. Beide umklammerten ihre Messer. Saltillo schüttelte eher ungehalten den Kopf.

»Ihr lernt eure Lektionen verdammt schwer, Muchachos.«

Die Peitschenschnur schoss pfeilschnell vor, umschlang Rance’ Arm, als er zum Wurf ausholte, und riss ihn abermals um. Bob fuhr hoch, wollte fliehen, aber die Peitsche war schneller. Ein jäher Klammergriff an Bobs rechtem Fußgelenk, ein Ruck, dann lag auch er wieder am Boden.

Inzwischen war Layla zu Saltillos Pferd gerannt. Sie hatte den Knebel gelöst und tauchte mit dem Braunen zwischen den schwankenden Cottonwoods auf. Lärm schallte vom Wagencamp.

»Die Frau ist weg!«, schrie ein Mann, ein anderer brüllte: »Proctor, dein verdammter Freund hat Wilson eins über den Schädel gehauen, Clem Harper liegt ebenfalls bewusstlos bei den Pferden. Lasst sie nicht entkommen!«

»Sam, wir müssen fort!«, keuchte Layla. Saltillo zögerte. Sie hatten nur das eine Pferd, und drüben auf der Prärie westlich vom Cimarron wimmelte es wahrscheinlich von Kiowas. Doch das Getöse, das von der Wagenburg herankam, trieb ihn zu dem Braunen und in den Sattel.

Rance rappelte sich gerade fluchend auf, Bob stand nun ebenfalls, und auch Callahan begann sich wieder zu bewegen.

Saltillo hängte die Peitsche über das Sattelhorn, zog das Bowieknife und zerschnitt Laylas Fesseln. Er reichte ihr die Hand und zog sie hinter sich auf den Pferderücken.

Während das Pferd schnaubte und tänzelte, richtete Saltillo den Colt auf die drei Männer. Sie rührten sich nicht, und sie blickten auch nicht auf ihn, sondern zum Senkenrand.

»Wenn du fliehst, Saltillo, schieße ich!«

Es war Proctors Stimme, kalt wie Stahl. Das Pferd beruhigte sich, und plötzlich wurde Saltillo bewusst, wie still es jetzt war. Der Mond lugte über eine einsame Wolkenbank. Silbriges Licht glänzte auf den Cottonwoods. Alle Umrisse waren plötzlich scharf gezeichnet. Es war nun so hell, dass Saltillo jede Linie in Callahans hasserfülltem Gesicht erkannte.

»Wir dachten zuerst, es wären die Indianer«, stieß der Rotbart hervor. »Dann haben wir das Pferd gefunden und gewartet. Dieser Hundesohn! Um ein Haar wär er doch mit dem Mörderweib abgehauen!«

Mit steinerner Miene ließ Saltillo den Paterson sinken und zog das Pferd herum. Proctor stand breitbeinig auf dem Senkenrand. Seine Kentucky Rifle zielte auf den sehnigen Reiter. Der Schatten seines breitkrempigen Huts lag auf seinem Gesicht. Die Frachtfahrer hielten mehrere Yards Abstand zu ihm, wie um deutlich zu machen, dass dieser Job Proctors Sache war.

Denfield stand bei ihnen, und ein Blick in sein verkniffenes Gesicht verriet Saltillo, dass es seine Idee gewesen war, Layla entführen zu lassen.

Saltillo wusste, was damals in New Orleans geschehen war: Denfield hatte Laylas Verfolger abgelenkt. Nur so war die ehemalige Besitzerin des »Delta Star Palace« entkommen. Später war er von Lafittes Killern angeschossen worden, und Layla hatte ihn all die Jahre hindurch für tot gehalten. Was hatte Denfield so verändert, dass er nun nicht einmal mehr davor zurückschreckte, sie ihrem unerbittlichsten Feind auszuliefern? Angst vor der Rache des wirklichen Mörders? Oder - der Gedanke durchfuhr Saltillo wie ein Blitz - hatte Denfield selbst Scrantons Sohn auf dem Gewissen?

Saltillo trieb das Pferd den grasbewachsenen Hang hinauf. Denfield war so gerissen, dass er sich mit keiner Geste und keinem Wort einmischte, um ja nicht mit den Ereignissen dieser Nacht in Verbindung gebracht zu werden. Fünf Schritte vor Proctors Gewehrmündung hielt der Texaner.

»Jim, wenn du denkst...«

»Ich denke, dass du sterben wirst, Saltillo, wenn du nochmals versuchst, die Frau wegzubringen«, unterbrach der Treckboss ihn kalt. »Dieser Fluchtversuch spricht gegen sie. Jetzt werde ich Scranton die letzte Entscheidung überlassen. Steig ab! Du kannst auf einem Wagen mitfahren. Aber bleib von jetzt an von der Frau weg - wie immer du zu ihr stehst. Rühr auch keins der Pferde mehr an. Es wird sonst ohne Warnung auf dich geschossen!«

Bitterkeit schnürte Saltillos Kehle zu. Mondlicht fiel auf sein hartes Gesicht. Er wusste, dass die Umstände sämtlich gegen ihn sprachen. Doch Saltillo hatte noch seinen Colt, und er war entschlossen, ihn auch auf den ehemaligen Sattelpartner zu richten, wenn er Layla damit retten konnte.

»Wir werden beide sterben, Jim, wenn du mich zu halten versuchst«, erklärte er kehlig. Der Lauf der Waffe schwang hoch.

Proctor rührte sich nicht. Nur seine Fäuste schlossen sich fester um das Gewehr. »Du hast fünf Sekunden, Saltillo.«

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738912166
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Juli)
Schlagworte
saltillo conestoga-boss

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Titel: Saltillo #6: Der Conestoga-Boss