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Texas Mustang #16: Die verschwundene Herde

©2017 120 Seiten

Zusammenfassung

Die Armee in Little Mound hat eine Viehherde vom Händler Burnett aus Port Ysabel gekauft. Die Tiere sollen von einer erfahrenen Crew unter Führung des Herdenbosses Halloran nach Little Mound getrieben werden. Nur kommt die Herde mitsamt der Mannschaft am Ziel niemals an. Auch die Scouts, die sich auf die Suche nach der verschwundenen Herde begeben, kehren ebenfalls nicht zurück.
Ein heikler Job für US Marshal Jim Allison, denn er muss mit der Suche ganz von vorn beginnen. Die ersten Spuren weisen auf ein groß angelegtes Komplott hin, bei dem mehrere Halunken ihre Finger im Spiel haben. Allison sticht buchstäblich in ein gefährliches Wespennest und handelt sich jede Menge Ärger ein, als er den Viehdieben auf den Zahn fühlen will. Aber ein erfahrener US Marshal wie Jim Allison weiß schon, was er zu tun hat ...

Leseprobe

Die verschwundene Herde


Ein Western von Horst Weymar Hübner




IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Edward Borein, 2017

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Klappentext:

Die Armee in Little Mound hat eine Viehherde vom Händler Burnett aus Port Ysabel gekauft. Die Tiere sollen von einer erfahrenen Crew unter Führung des Herdenbosses Halloran nach Little Mound getrieben werden. Nur kommt die Herde mitsamt der Mannschaft am Ziel niemals an. Auch die Scouts, die sich auf die Suche nach der verschwundenen Herde begeben, kehren ebenfalls nicht zurück.

Ein heikler Job für US Marshal Jim Allison, denn er muss mit der Suche ganz von vorn beginnen. Die ersten Spuren weisen auf ein groß angelegtes Komplott hin, bei dem mehrere Halunken ihre Finger im Spiel haben. Allison sticht buchstäblich in ein gefährliches Wespennest und handelt sich jede Menge Ärger ein, als er den Viehdieben auf den Zahn fühlen will. Aber ein erfahrener US Marshal wie Jim Allison weiß schon, was er zu tun hat ...





Roman:

Wie ein großer Spaßmacher sah First Lieutenant Lamm nicht aus. Eher wie ein Mann, den im nächsten Moment der Schlag im Sitzen trifft, und der dann mausetot vom Stuhl fällt.

Was heißt aufgefressen, Allison? Wollen Sie mich zum besten halten? Niemand verspeist zweitausend Stück Vieh und lässt nicht einen Knochen übrig. Die Herde ist fort - spurlos verschwunden. Die Armee jagt mich mit einem Fußtritt davon!“

Natürlich, wenn Sie geduldig den Hintern hinhalten“, pflichtete US Marshal Jim Allison bei. „Mal im Ernst, Sie haben doch Kuriere und Späher ausgeschickt. Was ist damit?“

Seufzend legte Lamm die Hände zusammen. „Vorgestern hat man die Reiter Sand und Billroy eingebracht. Es war kaum der Rede wert, was von ihnen übrig war. Wir haben Uniformhut und Säbel mit begraben, damit es nach etwas aussah.“

Er deutete aus dem Fenster.

Little Mound war nur ein kleiner vorgeschobener Posten von Fort Sill. Der große Friedhof auf dem ansteigenden Hang hinter den Mannschaftsunterkünften entsprach in keiner Weise der Stärke der Garnison.

Die helle Sonne eines klaren Herbsttages schien auf die kleinen braunen Hügel und die Grabbretter.

Drei Späher sind unterwegs. Für die habe ich keine Hoffnung mehr“, sagte Lamm düster. „Sie hätten längst zurück sein müssen.“

Allison rollte sich eine Zigarette und starrte wieder aus dem Fenster auf den Hang gegenüber.

Der Friedhof von Little Mound besaß traurige Berühmtheit. Hier war vor zwanzig Jahren ein Auswanderertreck mit hundertfünfzig Wagen verbrannt worden.

Und hier begruben die nach Westen ziehenden Pioniere immer noch ihre Cholera-Toten.

Dann und wann fanden auch Soldaten da ihre letzte Ruhestätte.

Woran Allison aber dachte, das waren Viehtreiber, die bei einer Schießerei unterlagen und die man dort auf dem Hang in aller Eile begrub.

Allein in diesem Sonner waren es sieben gewesen.

Diese halbwilden Kerle kamen mit ihren wilden Rindern vom Pecos, vom Nueces, vom Colorado und vom Brazos herauf und ließen außer Gott und sich selber nichts auf der Welt gelten.

Mit dem Revolver in der Faust machten sie sich unbekümmert eine eigene Ordnung und scherten sich den Teufel um Recht und Gesetz.

Diese Treiber waren schlimmer als neunschwänzige Teufel. Geld gab es erst am Ziel. Wenn die Herde verladen war. Feste Plätze wie Little Mound waren unterwegs eine ungeheuere Verlockung für diese Kerle.

Angesichts ihrer leeren Taschen mussten sie diese Verlockungen besonders schmerzhaft empfinden.

Es gab Mannschaften, die sannen unterwegs auf Abhilfe. Manche Herde, die im Süden von Texas vollzählig abmarschierte, kam sehr geschrumpft an der Bahnlinie an. Manche nie. Das kam jedoch selten vor.

Und jetzt soll ich Ihre Herde herbeizaubern?“ Allison richtete den Blick auf Lamm.

Ich habe einen Marshal angefordert. Wenn der zaubern kann, mir soll es recht sein. Und es ist nicht meine Herde, verdammt! Es ist der Winterproviant für die Kaws, die Apachen und Comanchen. Wir haben Verträge mit ihnen, verstehen Sie? Alchesay ist ein sehr ungemütlicher Verhandlungspartner, wenn Vereinbarungen nicht eingehalten werden.“

Allison verstand Lamms Problem. Alchesay war ein allseits geachteter Apachenführer und konnte eine Menge Ärger machen, wenn der Winterproviant nicht rechtzeitig eintraf.

Und war erst einmal der Ärger da, gab man Lamm die ganze Schuld.

Warum kümmert sich die Armee nicht selber um die verschwundene Herde?“

Immerhin war Allisons Frage berechtigt. Allzu tiefschürfende Auskünfte hatte ihm Lamm bisher nicht gegeben.

Die Augen des First Lieutenants sprühten Feuer. „Die Armee hat das schon zwei Reiter gekostet. Es kostet sie wahrscheinlich noch drei Späher. Was jetzt noch folgt, ist eine Untersuchungskommission. Die enthebt mich wohl meines Ranges. Sand und Billroy wurden nicht im Stammesgebiet erschossen."

Also die Arbeit von Weißen!", hielt Allison fest.

Lamm blickte ihn grimmig an. „Wenn es sich anders verhielte, hätte ich das mit den Indianern schon ausgehandelt. Was uns jetzt hilft, ist ein Mann, der ebenso hartgesotten ist wie das undisziplinierte Volk, das die Herdenwege unsicher macht. Sind Sie hartgesotten?“

Allison verzichtete auf die Beantwortung und stellte eine Gegenfrage: „Von wem wurde gekauft?“

Burnett in Port Isabel. Ein Händler von einwandfreiem Ruf.“

Wie einwandfrei?“

Er liefert seit fünf Jahren. Nie gab es Beanstandungen.“

Den Kaufpreis erhält er wie üblich?“

Wenn die Herde hier ist, nicht eher.“

Allison seufzte. Port Isabel war wirklich der südlichste Zipfel von Texas. Im Mündungsgebiet des Rio Grande gelegen und zehn Gewehrschussweiten von Mexiko entfernt. Den Spaniern diente es mal als Ausweichhafen.

Er treibt selber?“

Lamm schüttelte den Kopf. „Er handelt mit Tieren. Bisher lieferte er erste Qualität. Er vergibt den Auftrag an Treibherdenbosse.“

Mit anderen Worten, ich brauche nur den richtigen Treibherdenboss zu finden und nachzusehen, ob er die Herde in der Tasche hat. Mein lieber Mann, da haben Sie sich was Nettes ausgedacht!“

Lamm grinste sparsam. „Die Armee darf sich nicht in die Belange von Zivilisten einmischen. Ein Marshal muss es.“

Allison konnte nicht behaupten, dass ihn die Aussichten in Hochstimmung versetzten.

Eine Herde muss her, bevor der erste Schnee fällt", fügte Lamm hinzu. „Sonst reicht der Friedhof für uns gar nicht aus.“

In diesem Punkt konnte er schon recht haben.

Mit hungrigen und dem Anschein nach betrogenen Indianerstämmen in der Nachbarschaft saßen die Skalps der Weißen beängstigend locker.

Ich kann Ihnen keine Wunder versprechen, aber Sie hören von mir - so oder so“, sagte Allison und zerdrückte die Zigarettenglut unter dem Absatz.

Er musste mit den Nachforschungen am Treibherdenweg beginnen.


*


Der ChisholmTrail führte weit im Osten an Fort Sill vorbei nach Norden.

Der schied also aus. Kein Treibherdenboss ließ eine Herde einen Umweg machen. Das ging ins Geld. Die Treiber arbeiteten ja nicht für Verpflegung und einen freundlichen Händedruck.

Allison sattelte den Mustanghengst und wandte sich von Little Mound aus nach Westen. Dort kam der WesternTrail herauf, fast so berühmt wie der Weg, den Chisholm gefunden hatte, aber wesentlich bedeutender, weil die ganz großen Herden auf ihrem Marsch zur Eisenbahnlinie dort entlang wanderten.

Wo beide Treibherdenwege durchs Indianerterritorium führten, war es mit Ansiedlungen der Weißen schlecht bestellt.

Allison kannte sein Problem. Nur in Ansiedlungen konnte er etwas über Lamms spurlos verschwundene Herde erfahren. Sie war entweder zu Geld gemacht worden - im ganzen oder geteilt - oder man trieb sie statt nach Little Mound zur Bahn, um einen fetten Profit zu erlösen.

Zweitausend Rinder war schon etwas, das Aufsehen erregte.

Im einen wie im anderen Fall musste man in den Ansiedlungen etwas gehört haben. Schließlich war man dort auf jede Neuigkeit angewiesen.

Und erst recht musste aufgefallen sein, wenn eine Mannschaft sehr viel Geld ausgegeben hatte.

Die beste Quelle, um überhaupt etwas zu erfahren, war Onslow.

Der stand im Ruf, eine schräge, zumindest aber eine sehr komplizierte Existenz zu sein. Der Territoriumsverwaltung gegenüber gab er an, den Indianern das Christentum nahezubringen und den verwilderten Treibherdenburschen das Wort zu predigen.

Weil nun die Bibel nicht satt machte, trieb Onslow mit den Roten Handel. Auch den Herdentreibern verkaufte er dieses und jenes, vornehmlich selbstgebrannten Schnaps.

Mit derselben Fröhlichkeit, mit der er die Rothäute betrog, schmierte er auch die Treiber an.

Zudem hieß es noch, dass er einen großen Teil seiner Zeit aufs Pferdestehlen verwendete, nachdem jene Erleuchtung über ihn gekommen war, dass sich Pferde sehr viel schneller durch Diebstahl vermehren ließen als durch Zucht.

Onslows Station lag zwei Tagesritte von Little Mound im Westen. Dorthin lenkte Allison den Hengst.

Am Boshakeh, einem Nebengewässer des Green River, zündete er sein Feuer an und erfreute sich bald der Aufmerksamkeit einer Kiowa-Sippe. Die war mit Kind und Kegel zu ihrem Winterplatz im Norden unterwegs und nahm die Gelegenheit wahr, sich an Allisons Vorräten zu laben. Männer und Weiber rauchten schließlich auch noch seinen Tabak weg und versuchten, ihm ein Spiel aufzuschwatzen, bei dem es darauf ankam, rot und braun gefärbte Hühnerknochen aus der Hand auf die Decke fallen zu lassen und vorher angesagte Figuren zu bilden.

Die Roten hatten darin eine unglaubliche Fertigkeit, und wer sich mit ihnen einließ, war verraten und verkauft.

Allison verzichtete, weil sie um seinen prächtigen Hengst spielen wollten. Sie murrten unzufrieden und warteten geduldig darauf, dass er wenigstens einschlief, damit sie ihm den Schädel einschlagen und mit seiner Ausrüstung weiterziehen konnten.

Gegen drei Uhr am Morgen sattelte er und ritt unter den Schmähworten der Sippe davon.

Diese verlauste Bande gereichte den Kiowas nicht zur Ehre.

Am frühen Vormittag erspähte er den vorausziehenden Küchenwagen einer Herdenmannschaft und ritt hin.

Der Koch hatte ein Gesicht wie ein vorjähriger Apfel und ließ sich auf keine langen Debatten ein, sondern griff unter den Sitzkasten und brachte die Hand mit einer Flinte wieder zum Vorschein.

Die Wagenplane hatte kleine Löcher, und auch sonst sah das Gefährt aus, als sei es vor gar nicht langer Zeit mitten durch einen Kugelhagel gefahren.

Allison schob den Hut aus der Stirn und stützte gut sichtbar die Hände aufs Sattelhorn, damit der Alte nicht noch nervöser wurde.

Ist dir was von einer Herde bekannt, die Burnett geliefert hat?“, fragte er.

Der Koch blieb unruhig und sein Zeigefinger auch.

Endlich entschloss er sich zu einer Antwort. „Scheint ein gefragtes Treiben zu sein.“

Inwiefern?“

Hat schon ’ne Rothaut gefragt, ’n Späher. Vierzehn Tage ist’s her.“

Lamm hatte gesagt, dass er noch drei Späher unterwegs hatte, aber kaum noch Hoffnungen auf sie setzte. „Und?“

Ist nichts bekannt.“ Der Alte war immer noch unentschlossen und spuckte aus.

Wo habt ihr euer Treiben zusammengebracht?“

Kommen von San Antonio herauf“, war die unwirsche Antwort. Mit der rechten Hand dirigierte der Alte die Flinte und mit der linken ließ er die Zügel auf die Maultier rücken klatschen.

Knarrend und rumpelnd setzte sich der Küchenwagen in Bewegung. Das Geschirrklappern drang noch eine Weile wie Geläut über das Land.

Zwei Stunden später sichtete Allison weit im Süden die Staubwolke über der Herde, zu der der vorausgefahrene Küchenwagen gehörte.

Wenn Lamm wenigstens eine Ahnung gehabt hätte, welche Brandzeichen Burnett in diesem Jahr heraufschickte!

Selbst das hatte der First Lieutenant nicht gewusst. Der hatte nur Angst, dass ihn die Armee fortjagte, wenn er versagte.

Als das Anforderung um Unterstützung aus Little Mound kam, hatte Allison sich Gedanken über die mickrige Begründung gemacht. Die Sache hatte ihn aber so sehr gereizt, dass er alle Bedenken beiseite wischte und losritt.

Auf den Treibherdenwegen war ja schon allerlei abhanden gekommen, noch nie aber eine Herde, die für die Armee bestimmt war. Dass die Herde dazu bestimmt war, von der Armee an die Stämme im Territorium verteilt zu werden, spielte nur in zweiter Linie eine Rolle.

Allison hatte in der Umgebung von Little Mound Ausschau gehalten und Erkundigungen über Lamm eingezogen.

Über den Mann war nichts Nachteiliges bekannt. Er versah das Amt des Proviantoffiziers seit sechs Jahren zur Zufriedenheit, machte keine großen Geldausgaben und war an den Spieltischen ein unbekannter Gast, was von einigen anderen Offizieren des Außenpostens nun nicht gerade zu behaupten war.

Von den vielen Verdachtsmomenten, die sich Allison zunächst aufgedrängt hatten, waren einige bereits erledigt.

Da war Burnett. Der bekam sein Geld aber erst bei der Übergabe. Es sei denn, er hatte den Vertrag mit der Armee gebrochen und sich entschlossen, die Herde dort verkaufen zu lassen, wo er pro Tier einen halben oder ganzen Dollar mehr bekam.

Im Allgemeinen war aber auf diese ausgefuchsten texanischen Händler Verlass. Da wog ein Wort schwerer als ein bekritzeltes Stück Papier mit vielen Unterschriften und Siegeln.

Die Offiziere von Little Mound - mit oder ohne Lamm?

Die Hand wollte Allison da nicht gerade ins Feuer legen. Andererseits waren die Leute wohl nicht so verrückt, die Herde verschwinden zu lassen und sich in Gefahr zu begeben, beim ersten Schnee die Haare zu verlieren.

Wie er die Sache auch drehte und wendete, es blieb dabei, dass unterwegs ein Gaunerstück passiert war. Mit Wissen und Mitwirkung des Herdenbosses und der Treiber.

Oder es hatte einen Überfall gegeben.

Auf diese Weise wechselte jedes Jahr zumindest eine Herde den Besitzer.

Die Aufkäufer an der Bahn waren zwar gehalten, nur Tiere mit einwandfreien Papieren zu kaufen, doch daran hielt sich kaum einer.

Völlig grundlos waren die zwei Reiter von Lamm bestimmt nicht erschossen worden. Schon denkbar war, dass sie etwas herausgefunden hatten und bloß nicht mehr rechtzeitig wegkamen.

Sechs Tagesritte südlich von Onslows Station waren sie gefunden worden.

Lamm hatte gemeint, dass man sie dort nicht getötet, sondern bloß abgelegt hatte. Ein Herdentreiber hatte die Überreste auf der Jagd nach ausgerissenen Tieren in unwirtschaftlichem Gelände zufällig entdeckt und Nachricht nach Onslows Niederlassung geben lassen, als seine Mannschaft dort vorbeikam.

Warum Sand und Billroy gestorben waren, darüber hatte Lamm nicht einmal Spekulationen angestellt. In Verwunderung versetzt hatte ihn nur der Umstand, dass beide zusammengewesen waren. Er hatte sie nämlich in grundverschiedene Richtungen losgeschickt - und Sand zudem noch zwei Tage vor Billroy.

Das hatte etwas zu bedeuten.

Sie mussten unabhängig voneinander auf Dinge gestoßen sein, die sie zusammenführten, als sie der Sache nachgingen.

Zusammen waren sie dann auch gestorben.


*


Halleluja, Bruder!“

Onslow schleppte Feuerholz zu einer Erdhütte, aus deren Kamin aus Feldsteinen Rauch quoll. Über dem Platz lag der Geruch von frischem Fusel.

Das Maisfeld hinter den drei Bretterbuden war abgeerntet. Das Brenngeschäft war in vollem Gang.

Kurz vor der Erdhütte blieb Onslow stehen, als sei ihm etwas eingefallen. Misstrauisch wandte er den Kopf. Und dann verzog sich sein fröhliches Nussknackergesicht zu einer kummervollen Miene.

Bist du schon wieder da, Marshal?‘‘ Leute wie Onslow hatten selten ein reines Gewissen. Allison war im vorigen Jahr hiergewesen und seitdem nicht wieder. Der Händler tat gerade so, als sei das gestern gewesen.

Was soll’s denn diesmal sein?“ Der Händler warf das Feuerholz hin, schob die Hände hinter die Hosenträger und kam misstrauisch näher.

Sind dir wieder Pferde zugelaufen?“, fragte Allison spöttisch.

Das Gesicht von Onslow erstarrte. Das war bei ihm stets der schwache Punkt. Allison hatte genau den Finger drauf.

Im vorigen Jahr hatte er Pulver-Jim durch drei Staaten gejagt. Der Bursche trug den Namen daher, weil er mal eine Pulverladung genau von vorn ins Gesicht bekommen hatte und seitdem eine blau unterlegte löchrige Haut hatte.

Jim war wirklich sehr in Eile gewesen und er ihm hart auf den Fersen. Aber der Kerl hatte tatsächlich noch die Nerven gehabt, eine Kutsche auszurauben, die ihm günstig über den Weg kam. Und um mit genügend Reservepferden ausgestattet zu sein, hatte er dem Kutscher das Gespann abgenommen.

Die Gespannpferde hatte der Gauner bei Onslow gegen einen mausgrauen Wallach eingetauscht, einen ausdauernden Renner. Das war auch der Grund, weshalb Allison erst achthundert Meilen entfernt hinter San Antonio Pulver-Jim zu fassen bekam.

Der Händler hatte natürlich von nichts eine Ahnung gehabt und rundweg behauptet, die Pferde seien ihm zugelaufen.

Erst als Allison begann, ihm einige Sünden vorzurechnen, war ihm eingefallen, dass der Kerl, der ihm die Gäule angedreht hate, durchaus Pulver-Jim gewesen sein konnte.

Giftig wiederholte Onslow: „Was darf’s denn diesmal sein?“

Da war doch der Treiber, der Nachricht wegen der zwei Toten gebracht hat. Waren die vorher bei dir?"

Der Händler überlegte sich die Antwort reiflich. „Das fehlt noch, dass ich mich mit der Armee anlege! Waren in Little Mound stationiert, die beiden, habe ich gehört.“

Was hört man noch?“

Allerlei. Geh rein und lass mich was verdienen.“

Den Gefallen konnte Allison ihm tun. Die fette Matrone, die Onslow die Wirtschaft führte und das Bett mit ihm teilte, war als gute Köchin am ganzen Herdenweg berühmt.

Weiter ging Allisons Liebe nicht. Am allerwenigsten stand ihm der Sinn danach, bei Onslow zu übernachten. Der hatte ständig Lager frei und verhökerte sie pro Nacht für einen Dollar.

Von diesem Angebot hatte er nur einmal Gebrauch gemacht und anderntags für mindestens zwei Dollar Flöhe herausgeschleppt.

Also sattelte er King gar nicht erst ab, sondern lockerte ihm nur den Bauchgurt, tränkte ihn und hängte ihm den Futtersack um.

Dabei sah er sich gründlich um.

Die Prärie war ungefähr das Trostloseste, was bei der Erschaffung der Erde nebenbei herausgekommen war.

Fand sich ein Platz wie Onslows Station in dieser Einöde, dann war er ein beliebter Sammelpunkt, wo man Proviant ergänzte, Reisende traf, einen Drink nahm und dies und das hörte, was einem auf dem weiteren Weg nützlich werden konnte.

Allison fand es gar nicht erstaunlich, dass unter den Cottonwoods bei Onslows Quelle ein leichter Präriewagen mit Plane abgestellt war und dort etliche Leute lagerten.

Der obere Balken vom Gästecorral war gespickt mit Sätteln. Sogar zwei kalifornische befanden sich darunter.

Allison schenkte den Pferden einen längeren Blick. Natürlich befanden sich Cowponies darunter. Deren Reiter hatten sich sicher von einer in der Nähe stehenden Herde Urlaub genommen, um sich mal anständig die Kehle auszuschwenken.

Das brauchte im Hinblick auf Lamms Kummer nichts bedeuten, vielleicht wurde aber im Verlauf des Abends eine Schlägerei daraus. Wenn die Treiber nämlich ihr Quantum hatten, hielten sie gern allerlei Reden, in denen sie sich für das Salz der Erde hielten und alle anderen Mitmenschen für schäbige Zwerge.

Solche Reden bargen gewissen Zündstoff. Dann vor allem, wenn andere Gäste der Meinung waren, diese Kuhtreiber seien nichts anderes als ein paar größenwahnsinnige Eichhörnchen, denen man beizeiten was aufs Maul geben musste.

Und dann war es meist soweit.

Allison rückte sich die Hose zurecht, schlug den Hut über dem Knie aus und gab dem Revolvergurt den richtigen Sitz. Nach diesen Vorbereitungen trat er in die größte Bretterhütte ein.

Sie wurde von Onslow hochtrabend Store genannt.

In Wahrheit war sie Küche, Gasthaus, Predigtsaal und Warenlager in einem und das Kurioseste, was es auf der ganzen Prärie gab. Sie enthielt nämlich eine Sammlung absonderlicher Gegenstände, die Onslow zusammengetragen hatte.

Darunter so bemerkenswerte Dinge wie die Mastspitze der Santa Maria vom seligen Kolumbus oder einen Weinkrug von jener denkwürdigen Hochzeit zu Kanaan. Sagte jedenfalls Onslow.

Die Luft war schnittfest. Es roch nach Schweiß und Pferd, Leder und Schmiere, heißem Fett, Fusel und Rauch.

Allison zählte ungefähr zwei Dutzend Gäste. Die einzige Frau war Onslows Matrone. Sie war am gemauerten Herd beschäftigt, Essen herzustellen, das von drei zahmen Indianern zu den derben Tischen gebracht wurde.

Man konnte bei Onslow ungefähr so alles treiben, was Gott nicht ausdrücklich verboten hatte. Ein ungeschriebenes Gesetz verlangte, dass man Onslows Leute respektierte. Zu den Leuten zählten auch die drei Roten.

Mancher Gast schaute grimmig. Es passte ihm ganz und gar nicht, sich von einer Rothaut bedienen zu lassen.

In einer Ecke zechten sechs Treiber. Dem Grad der Trunkenheit entsprechend, mussten sie länger als eine Stunde da sein.

Allison griff sich eine Holzkiste und rückte an einen mäßig besetzten Tisch, wo Jäger ihr Abendessen von Blechtellern löffelten.

Er rückte grüßend den Hut. Damit war der Höflichkeit Genüge getan.

Scharfe Augen musterten ihn. Ein bärtiger Alter machte sich zum Sprecher am Tisch.

Sie kommen vom Osten. Wie steht es da?“

Sie hatten ihn durchs Fenster beobachtet, Allison wusste Bescheid.

Trocken wie überall und weit und breit kein Wild“, berichtete er wahrheitsgemäß.

Die Tischrunde nickte.

Das kommt von den verdammten Herden“, meinte der Alte. „Vor fünf Jahren ging hier noch der Büffel. Man hatte sein Auskommen. Wohin geht die Reise?“

Allison machte eine Handbewegung, die nichts Genaues besagte. Die Reaktion war ein Grinsen.

Die Zeiten werden hart“, sagte der Alte. „Man muss sich neuen Geschäften zuwenden."

Rinder“, bestätigte Allison.

Der Alte wiegte den grauen Schädel. „Ist auch bald vorbei damit. Sie bauen überall die verdammte Eisenbahn. In zehn Jahren gibt es kein großes Treiben mehr.“

Die Runde nickte zustimmend. Wo die Eisenbahn hinkam, war es für Jäger ganz und gar aus. Denn die Eisenbahn bedeutete Siedlungen und Farmer und andere Leute, die das Land aufteilten und Zäune zogen.

John, einer der Indianer, brachte ungefragt das Essen für Allison. Onslow hatte dem Kiowa bei der Taufe diesen Namen gegeben.

Der Rote zeigte sein Erstaunen. Allison hatte den Eindruck, er wollte etwas sagen.

Aber John besann sich anders und kehrte zum Herd zurück.

Für einen Kiowa war er aus der Art geschlagen. Er hatte abstehende Ohren, einen riesigen Mund und war fast schwarz. Möglich, dass er im Stamm nicht gelitten war und Onslow schon aus diesem Grund leichte Arbeit mit der Bekehrung gehabt hatte.

Jedenfalls kannten sich Allison und John.

Über dem Abendessen wurde es draußen dunkel und in der Treiberecke lauter. Die Indianer gingen nicht mehr an den Tisch. Die Matrone trug die nächste Flasche hin.

Eingedenk der leeren Taschen, die solche Burschen in der Regel hatten, fragte Allison den Alten: „An welcher Herde sollten die arbeiten?“

Der Verdacht war ihm gekommen, dass sie hier Geld verjubelten, das es erst an der Bahnlinie geben sollte.

Phelps, glaube ich. Den Namen erwähnten sie vorhin mal. Der soll mit ’ner Riesenherde drei Meilen von hier stehen.“

Der Name war ein Begriff. Hyram Phelps brachte jedes Jahr eine Riesenherde herauf. Leider auch sehr viel Kummer. Für die Kansas-Viehzüchter die Zecken, die das Fieber übertrugen, und für die Gesetzeshüter in den Siedlungen unterwegs seine wilden Reiter, die sich wie haarige Urwaldaffen aufführten.

Onslow kam herein. Für heute war das Brenngeschäft beendet.

Er trat an den Tisch der Treiber. „Aus Westen hörte ich eben Hufschlag von ’nem einzelnen Pferd.“

Weil bei seinem Eintreten die Gespräche verstummt waren, konnten es alle Gäste hören.

Die Treiber waren zu betrunken, um seine Warnung zu verstehen. Oder sie wollten sich und den anderen beweisen, dass ein Texaner nur ging, wenn er das für angebracht hielt.

Draußen vestummte der Hufschlag. Schritte näherten sich der Tür.

Einem der Treiber drang es ins benebelte Gehirn, dass da Verdruss im Anmarsch war. In seinen Augen glomm ein böses Feuer auf.

Jemand keuchte überlaut, als der Bursche seinen Revolver unter dem Tisch hervorbrachte und mit der Hand zwischen den geleerten Flaschen in Stellung ging.

Die Tür ging auf. Es war Phelps. Breit und massig füllte er den Türrahmen aus.

Ich habe gesagt, dass ich jedem das Genick breche, der sich ohne Erlaubnis von der Herde entfernt!“ Seine Augen schossen unter buschigen Brauen Blitze, seine Stimme grollte wie Donner durch Onslows Kuriositätenstore.

Die Kugel des Treibers bekam er aus zehn Schritten Entfernung auf die Rippen.

Die Matrone zeterte los, kaum dass der schmetternde Knall durch den Raum toste.

Hyram Phelps zuckte nicht einmal zusammen.

Er holte den Revolver heraus und traf den Treiber mit einem Hüftschuss unter dem Kinn.

Noch einer?“, fragte er danach. Es klang fast freundlich.

Die fünf Burschen begriffen allmählich, dass da Phelps stand und dass einer von ihnen nicht mehr dabei war.

Schon gut“, brabbelte einer.

Sie kamen hinter dem Tisch hervor und drückten sich an Phelps vorbei.

Jedenfalls hatte er eine fröhliche Himmelfahrt, so besoffen, wie er war", sagte jemand wohlmeinend.

Für Phelps war das kein Thema. Er steckte den Revolver ein und warf zwei blanke Dollarstücke auf den Tisch. „Mach ihm eine ordentliche Kiste, Prediger.“

Danach wandte er sich um und trat hinaus.

Brausender Hufschlag verriet, dass sich die Treiber beeilten, vor ihm im Herdenlager anzukommen, bevor es ihm einfiel, noch einmal den Revolver herauszuholen.

Onslow nahm das Geld vom Tisch, warf einen Blick auf den Toten, dann einen zur verräucherten Decke seines Kabinetts und faltete die Hände. Sein Gesicht nahm einen pflaumenweichen Ausdruck an.

Er war ein verirrter Mensch und schlug den falschen Pfad ein. Doch seine Seele war sicherlich gut, und eine gute Seele braucht keine langen Gebete. Halleluja, Amen! Tragt ihn raus und lasst ihn nicht fallen wie den letzten.“

Nach diesen salbungsvollen Worten wandte er sich seiner verblüfften Zuhörergemeinde zu und sagte gar nicht mehr fromm: „Und nächstes Mal nehmt ihr bei der Predigt den Hut ab, ihr gottverdammten Schweinehunde!“

Das Seltsame war, dass niemand aufmuckte.

Allison war bekannt, dass Onslow mal mit vorgehaltenem Revolver eine wilde Mannschaft die halbe Nacht fromme Choräle hatte singen lassen. Die Kerle waren nie wiedergekommen. Die Geschichte hatte sich mächtig schnell entlang des Herdenweges herumgesprochen.

Vielleicht hielten darum jetzt die Gäste den Mund. Wer sang schon gern aus vollem Herzen, wenn ein Revolver auf seine Nase zielte?

Der alte Jäger stieß die Luft durch eine Zahnlücke. „So ist das nun mal im Leben, einer drückt dir immer den Daumen auf den Kopf. Die Treiber machen vor Phelps den Buckel krumm, weil er ihnen Lohn und Brot gibt, und wir ducken uns vor Onslow, damit wir den Hintern in seinen Store setzen dürfen.“

Er zog eine von den Fuselflaschen heran.

Die zahmen Roten brachten den toten Treiber hinaus.

Allison sah keine Notwendigkeit, in der Sache etwas zu unternehmen. Das hätte nur Misstrauen und Argwohn gegen ihn aufgebracht. Von misstrauischen Leuten erfuhr man schlecht Neuigkeiten.

Onslow und seine Leute wussten, dass er den Marshalstern trug. Auch Phelps. Solange die den Mund hielten, konnte er es auch.

Außerdem - der Treiber hatte seine Chance gehabt und den ersten Schuss. Auf Hyram Phelps fiel nichts zurück.

Onslow kam mit einem Eimer und streute hinter dem Tisch Sand auf den Boden. Zwischendurch blickte er zu Allison her. Als er die Spuren der mit plötzlicher Heftigkeit ausgebrochenen Gewalt beseitigt hatte, verschwand er durch die Tür.

Allison gab ihm zwei Minuten Vorsprung, murmelte davon, dass er nach dem Pferd sehen wolle, und trat durch die Tür.

In der Dunkelheit hörte er raunende Stimmen. Die Leute, die hier rasteten, diskutierten das Strafgericht von Phelps.

Onslow war nicht bloß ein vielseitiger, er war auch ein vorsichtiger Mann. Er hielt einen Revolver in der Hand, als Allison ihn hinter der Brennhütte aufspürte.

Ich habe keine Riesenherde zu treiben, du kannst ihn wegstecken."

Allison dämpfte die Stimme. Es war nicht gerade nötig, dass man ihre Zusammenkunft hörte.

Für ihn ist nur wichtig, dass er seine Herde an die Bahnlinie bringt“, sagte der Händler seufzend. „Die Leute, die dabei zum Teufel gehen, kümmern ihn nicht.“

Das war das einzig Nachteilige, das sich über Phelps sagen ließ.

Du hast nicht zufällig was über eine andere Herde gehört?“

Da muss ich nachdenken, Marshal.“

Denk schnell. Mit meiner Geduld ist es nicht weit her.“

Kann ich mir denken“, sagte Onslow bedächtig. „Wer viel fragt, lebt nicht lang. Die Soldaten sollen sich nach einer gewissen Herde erkundigt haben. Jetzt sind sie tot. Solche Art Neugierde ist der Gesundheit abräglich.“

Du lebst, und nicht schlecht. Was hört man noch?“

Onslow bewegte sich unruhig. Allison erkannte, dass er misstrauisch den Kopf wandte und sich überzeugte, dass niemand in der Nähe war.

Die Herde wird die Armee abschreiben müssen.“

Weißt du das genau?“

Das habe ich mir ausgerechnet. Vor ein paar Wochen sind die Lintock-Brüder hiergewesen. Mit Frobisher und Lundy und dem übrigen Anhang. Sie hatten es eilig, nach Süden zu kommen. Sie haben bei mir gegessen und über Rinder und Preise gesprochen. Nicht sehr laut, verstehst du? Meine Roten sperrten die Ohren auf. Scheint mit der Eile nicht weit hergewesen zu sein. Ungefähr eine Woche später wurde Lundy hier in der Gegend gesehen.“

Er wird sich von der Bagage getrennt haben“, sagte Allison vorsichtig.

Der treibt sich lieber in den Siedlungen herum. Er braucht Publikum, aber wenn’s nicht anders geht, ist er auch auf der Prärie zu finden.“

Du meinst, er ist mit den Soldaten zusammengeraten?“

Frag Lundy“, riet der Händler. „Und sprich mit John. Der hat eine interessante Beobachtung gemacht." Damit ging Onslow fort.

Allison stand in der Dunkelheit und dachte nach. Die Lintock-Brüder waren hochkarätige Revolverhelden und ein übles Gesindel, das schon alles verbrochen hatte, was im Gesetzbuch erwähnt war - angefangen bei Brandstiftung und endend bei Mord. Sie arbeiteten für eigene Rechnung und führten Aufträge aus.

Frobisher war im Osten ein schäbiger Advokat gewesen, der fremde Gelder in die eigene Tasche steckte. Als ihm der Boden zu heiß wurde, kam er in den Westen. Seiner Gesundheit war das zuträglicher, und auch sonst.

Nach einem Riesenschwindel mit einer Goldmine, die nicht ein Stäubchen von dem gelben Metall enthielt, kam er ins Gefängnis. Zufällig saßen gerade die Lintock-Brüder ein, um vier Jahre wegen Toschlags abzubrummen. Die vier Jahre hatten eben begonnen, dennoch waren sie guter Dinge.

Ein paar Nächte später sprengte Lundy, den man nicht gefasst hatte, das halbe Gefängnis in die Luft. Die Sache war abgekartet. Die Lintocks spazierten heraus. Frobisher kam der Einfachheit halber gleich mit.

Er revanchierte sich, indem er juristischen Rat erteilte. Die Lintocks befolgten den und ließen sich nur noch in den Staaten blicken, in denen nichts gegen sie vorlag.

Lundy, der Feuerteufel, war ein zweibeiniges Monster. Es wurde ihm nachgesagt, er habe mehr Häuser angesteckt, als an der Hauptstraße von Dodge City standen. Zudem war er ein Zweihandschütze und tödlich schnell.

Sein Trick war es, mit dem Gegner eine freundliche Unterredung zu beginnen und mitten im Gespräch zu schießen.

Eine faire Chance hatte er noch keinem Widersacher gelassen.

Die Lintocks nebst ihrem Anhang im Indianerterritorium oder in Texas zu wissen, bedeutete eine unangenehme Überraschung. Zuletzt hatte das Räuberpack im Dakota-Territorium von sich reden gemacht.

Wenn die Lintocks über Rinder und Preise gesprochen hatten, dann war klar, dass sie damit auch etwas im Sinn hatten. Allerdings passte das zu ihnen wie der leibhaftige Teufel zur Missionskirche von San Antonio.

Allison hatte das Gefühl, dass Onslow mehr wusste, als er sagte. Der Mann hatte vor irgend etwas Angst.


*


Er ging John suchen.

Das Klirren eines Spatens wies ihm den Weg.

Die zahmen Indianer gruben im Schein einer rußenden Lampe ein Loch.

Der tote Treiber war in eine alte Teekiste gepresst und mit einer durchlöcherten Satteldecke zugedeckt. Für seine Stiefel hatte schon jemand Verwendung gehabt

Es war ein wildes, grausames Land. Die Menschen, die es bevölkerten, waren das nicht weniger. Nur der überlebte, der stark genug war. Oder der Glück hatte.

Die Roten waren fertig und zerrten die Kiste rumpelnd in das Loch.

John steckte einen trockenen Maisstengel hinein, während die beiden anderen schnell zuschaufelten.

Alle Roten hatten einen höllischen Respekt vor den Geistern der Toten. Nach ihrem Glauben konnte eine eingesperrte Seele Unheil über ganze Landstriche bringen, zum Beispiel das Wasser verderben oder die Wurzeln von Bäumen und Gras verdorren lassen.

Also sah man weitblickend einen Weg vor, den die Seele nehmen konnte. Man steckte irgend ein Rohr dem Toten ins Grab und ließ das Ende herausstehen.

Praktisch war das obendrein. War die Seele müde und wollte zurückkehren, war ja das Rohr da. Die Seele war nicht gezwungen, sich in der Nähe in einer menschlichen Behausung niederzulassen.

Allison hatte sich außerhalb des Lichtkreises gehalten. John musste gespürt haben, dass er da war. Mehr noch, er kam sogar in die richtige Richtung.

Er und seine Stammesbrüder mochten als zahm gelten, ihre Instinkte waren jedenfalls noch wach. Daran hatten Onslows Bibelsprüche nichts geändert.

Der Kaekatdakeh will zu mir sprechen?“, sagte Allison gedämpft.

John blies den Atem durch die Nasenlöcher, das einzige Zeichen dafür, dass er überrascht war, von dem Weißen mit dem indianischen Wort für Kiowa angesprochen zu werden.

Der Schnee wird fallen und nicht die versprochenen Büffel des weißen Mannes sehen“, sagte er in leidlichem Englisch. „Die Kaekatdakeh werden sterben oder kämpfen.“

Es sind schon zu viele gestorben, also werden sie kämpfen.“

Allison sprach aus, was John sehr diplomatisch andeutete. Der Rote hatte Verbindung zum Stamm. Er wusste, was vorging. Er wusste von der Herde, die nicht kam und ohne die seine Vettern und Brüder verhungerten.

Was haben deine Augen gesehen?“, forschte Allison weiter, als John nichts dazu erklärte.

Am Sommerblumenbach brannte vor vielen Sonnen ein Feuer. John hat es gesehen. Die Lintock-Wasicuni lagerten mit Freunden. Es kam ein großer Wagen mit vier Pferden. Ein kleiner alter Mann, der viel redet und viel lügt, sprach lange und fuhr dann zurück. Er gab Geld.“

Und?“ Der Sommerblumenbach war mal ein beliebter Frühjahrstreffpunkt der Kiowas gewesen. Seitdem die Weißen hinkamen, mieden sie ihn.

Jetzt hieß der Ort Clay String und diente manchmal als Rastplatz und Nachtlager.

Mit dem kleinen alten Mann, der vierspännig zu einem nächtlichen Treffen mit den Lintocks gekommen war, schien es besondere Bewandtnis zu haben.

John bewegte schmatzend die Lippen. „Die Kaekatdakeh werden ohne Fleisch verhungern. Also werden sie kämpfen. Dann muss der Weiße Vater Pferdesoldaten schicken. Viele Kaekatdakeh werden sterben, und der weiße Mann wird ihr Land nehmen. So hat der kleine alte Mann gesprochen.“

Allison verspürte ein Kribbeln vom Scheitel bis zu den Fußsohlen. Wenn das wahr wäre! Der Plan war teuflisch. Kam keine Herde, dezimierte der Winter die Stämme. Und kämpften die, dann wurden Truppen aufgeboten, um den Aufstand niederzuschlagen.

Auf die riesigen Landstriche im Territorium hatten viele einflussreiche Männer und Gruppen längst ein Auge geworfen. Waren sie von Roten gesäubert, ließen sich dort Tausende weiße Siedler unterbringen, die tausend Dinge des täglichen Gebrauchs benötigten.

Ein wahrhaft gigantisches Geschäft - wenn es in wenigen Händen konzentriert blieb.

Es gab keinen vernünftigen Grund, weshalb John lügen sollte.

Da war eine Sache im Gange, die in finanzstarke Kreise spielte, vielleicht sogar in die höchsten hinein.

Frobisher hatte sich immer gerühmt, beste Verbindungen zu haben.

Wie Allison die Sache sah, benutzte jemand diese Verbindungen in umgekehrter Richtung. Die Lintocks waren genau die richtigen Leute, um eine Herde zu stoppen.

Dann war’s ein Banditenstreich, und die Politik blieb aus dem Spiel.

Eine recht einfache Rechnung.

An der Geschichte kann ich mir die Finger verbrennen wie nie zuvor, dachte Allison. Lamm ist nicht der einzige, dem man in den Hintern treten wird!

Er spärte das Lauern von John und die Hilflosigkeit.

Ich werde reiten“, sagte er einfach. „Die drei Späher aus Little Mound sollen das wissen.“

John sprach nichts. Aber er atmete so tief aus, dass es sich nach einem Seufzer der Erleichterung anhörte.

In ein paar Tagen wussten die drei Späher Bescheid, davon war Allison überzeugt. Wenn sie noch am Leben waren!

Er ging hinein und bezahlte seinen halben Dollar für das Abendessen. Dabei kam ihm ein Gedanke. Vielleicht machte sich Lamm grundlos Kopfzerbrechen. Schließlich war es ja gleichgültig, welche Rinder er ankaufte.


*


Phelps hockte beim Küchenwagen auf seinem Sattel und stopfte sich gerade das Hemd in die Hose, als Allison abstieg.

Der Koch kippte blutiges Wasser unter den Wagen und wischte mit der Schürze die Schüssel aus.

Vor einer Stunde war der Treibherdenboss bei Onslow fortgeritten. Demnach schien die Operation keine Kleinigkeit gewesen zu sein.

Mit dem Ding sind Sie nicht in der Verfassung, um morgen auf den Trail zu gehen, Phelps.“ Allison rückte am Hut.

Nein, aber ich steige dennoch aufs Pferd.“ Phelps sprach flach, um die Rippen zu schonen. „Sah Sie drüben unter den Gästen. Hat etwas nicht seine Ordnung?“

Der Mann war betrunken.“

Nicht betrunken genug. Den Revolver konnte er halten. Zwei Kugeln an einem Abend verdaue ich nicht. Nehmen Sie einen Kaffee?“

Gern.“ Allison ließ sich in die Hocke nieder. Die Einladung abzulehnen wäre unhöflich und dumm gewesen.

Phelps war ein knurriger und eisenharter Mann, und die freundlichen Augenblicke in seinem Leben ließen sich an den Fingern einer Hand abzählen.

Jetzt hatte er einen schwachen Moment. Vielleicht, weil er auf der Station hart am Rand seines eigenen Grabes gestanden hatte und sich dessen bewusst war.

Der Koch klapperte mit der Schöpfkelle und reichte zwei Becher mit brühheißem Kaffee an.

Phelps blinzelte seinen Besucher an. „Wie es mir geht, sehen Sie ja. Anteilnahme treibt Sie nicht her.“

Sie treiben zur Bahn, Phelps. Gibt es einen festen Kontrakt?“

Der Treibherdenboss lächelte dünn. „Kann mir nicht vorstellen, dass Sie sich einkaufen wollen, Allison. Ich verkaufe zum höchsten Preis.“

Ich suche eine Herde, die Burnett auf den Weg gebracht hat...“

Weiter kam Allison nicht. Der Treibherdenboss hob die Hand und verzog etwas das Gesicht.

Mehr brauchen Sie gar nicht zu sagen! Die Indianerherde scheint die Stricknadel im Heuhaufen zu sein. Tut mir leid, von der habe ich nichts gehört. Halloran soll sie führen. Fragen Sie mal in der Gegend vom Brazos herum. Da soll’s kürzlich 'ne mächtige Schießerei gegeben haben. Speukulieren Sie aber nicht auf meine Herde oder einen Teil davon. Auf dem Ohr bin ich taub. Ich verkaufe an der Bahn und sonst nirgends.“

Das war eine deutliche Absage. Mehr noch, Phelps gebrauchte seinen Verstand.

Schade!“, sagte Allison und trank schlürfend.

Phelps studierte ihn. „Man sagt Ihnen alles mögliche nach, Allison, aber nicht, dass Sie ein Narr sind. Über diese Herde wird gesprochen. Die Sache wächst Ihnen über den Kopf, bevor Sie wissen, wie Ihnen geschieht.“

Er drückte sich sehr vorsichtig aus, aber er gab damit dennoch zu verstehen, dass er etwas wusste.

Hat man Sie unter Druck gesetzt, Phelps?“

Ich will noch ein paar Jahre Herden an die Bahn treiben, verstehen Sie?“

Vollkommen, Phelps. Deswegen stehen Sie in meiner Achtung nicht tiefer. Wer?“

Das Ding ist zu heiß, lassen Sie sich das gesagt sein.“

Es ist ja meine Beerdigung.“

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738912159
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Juli)
Schlagworte
texas mustang herde

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Titel: Texas Mustang #16: Die verschwundene Herde