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Gold und Geister: Unheimliche Geschichten

2017 200 Seiten

Leseprobe

Gold und Geister - Unheimliche Geschichten

Hendrik M. Bekker

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2017.

Gold und Geister

Unheimliche Geschichten

von Hendrik M. Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 184 Taschenbuchseiten.

Sei es ein alter Spiegel, ein verlassenes Museum oder das nächtliche Hamburg, an vielen Orten lauern mysteriöse Erscheinungen... Ein Makler in Ostfriesland hat Probleme mit einem ruhelosen Geist, der ein Haus befallen hat. Und manchmal kann man froh sein, seine eigene Haut zu retten.

Diese Anthologie enthält folgende Geschichten:

Hendrik M. Bekker: Verlorene Gelegenheiten kommen nicht zurück ...

Hendrik M. Bekker: Das Gold der Kowaja-Berge

Hendrik M. Bekker: Preisnachlass wegen Geisterbefall

Hendrik M. Bekker: Mein Freund der Zwerg

Hendrik M. Bekker: McGrath - Magische Ermittlungen aller Art

Hendrik M. Bekker: McGrath 2: Thanatos

Hendrik M. Bekker: Nights of New York: Aufstand

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover by Hendrik M. Bekker

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Verlorene Gelegenheiten kommen nicht zurück ...

von Hendrik M. Bekker

1

Karl Gordes saß gemütlich in seiner kleinen Küche. Er setzte die blau-weiße Teetasse ab und sah zur Uhr. Er fluchte laut und pustete die Kerze im Stövchen unter der Kanne aus. Dann sprang er auf und zog sich eine Jacke an. Während er das Haus verließ, schloss er noch schnell seine Wohnungstür ab und machte sich dann auf den Weg die Große Straße entlang. Es war die Haupteinkaufsstraße seiner Stadt. Er bog in eine Seitenstraße ein, in Richtung des alten Drogeriemarktes. Die Kette war pleite gegangen, seitdem hatte sich kein neuer Investor finden können. Dort fanden seit einiger Zeit kleinere Auktionen von Haushaltsauflösungen statt. Viele Leute hatten heutzutage keine Erben mehr und auf diese Weise konnte noch Geld für die Beisetzung gesammelt werden. Die Stadt hatte das Projekt begrüßt und unterstützte es mit der Überlassung einer ungenutzten Immobilie. Karl ging gerne zu den Auktionen.

Er hoffte auf den ein oder anderen Glückstreffer bei der Auktion. Außerdem genoss er es, sich die Leute anzusehen, die boten. Seitdem Jakob Hinrichs diese Auktionen regelmäßig durchführte, waren sie vom Geheimtipp zu einer regionalen Attraktion geworden. Ob ältere Leute, die Eiche-rustikal-Möbel bevorzugten, oder Studenten der örtlichen Hochschule, die sich preiswert aber hochwertig einrichten wollten, bis hin zu Hausfrauen, die einfach nur ein Schnäppchen machen wollten, alles war vertreten. Es erinnerte ihn an die Flohmärkte, auf denen er mit seinem Vater früher immer gewesen war. Es war ein geschäftiges munteres Treiben voller Fremder und doch interessanter Leute. Als Karl den kleinen, ehemaligen Drogeriemarkt betrat, hatte die Auktion schon angefangen. Er ließ sich am Eingang ein Schild mit Nummer geben und setzte sich ins Publikum. Gut drei Dutzend Menschen waren anwesend, für einen Donnerstagabend eigentlich ziemlich gut.

Wer ein Gebot abgab, hob das Schild. Durch die Nummer war klar, wer die Person war und man brauchte nur zu sagen, was man bereit war zu zahlen. Wer nicht bar oder mit Karte zahlen konnte, da er das Geld nicht besaß, bekam den ersteigerten Gegenstand auch nicht ausgehändigt. Dann wurde er beim nächsten Mal erneut versteigert.

Gerade kam ein verzierter fünfzig Jahre alter Schreibtisch unter den Hammer. Er erinnerte an den Bauhausstil der goldenen Zwanziger.

Dann kam ein Spiegel. Dieser Spiegel gefiel Karl sofort. Dabei war er nicht besonders auffällig gearbeitet, er war nicht einmal offenkundig wertvoll.

Doch Karl war sich ziemlich sicher, dass es ein mittelalterliches Stück sein konnte. Das hier war auf jeden Fall ein solide gearbeitetes Stück mit hohem Alter.

So was hatte einen gewissen Wert bei Sammlern und durchaus auch bei Museen. Ansonsten konnte er es immer noch jemandem verkaufen, der auch glaubte, dass es alt und wertvoll war.

Dazu kam, dass der Spiegel einen Holzrahmen hatte. Holz ließ sich C14-datieren und so das wahre Alter ziemlich genau feststellen. Kohlenstoff-14-Atome kamen in jedem Lebewesen vor und wenn man aufhörte einen Stoffwechsel zu haben, weil man tot war, zerfiel es langsam. Daraus ließ sich das Alter bestimmen, oft auf wenige Jahre genau. Karl hatte zum Glück einen Studienkollegen, der sich mit der Ausrüstung der Universität ein wenig dazu verdiente. Solche Altersnachweise waren gern gesehen in den höheren Antiquitätenhändlerkreisen. Auch mancher Kunde, der mehr des Prestiges wegen ein altes Stück kaufte, als weil er wirklich Ahnung hatte von Antiquitäten, wollte so einen Nachweis.

„Der folgende Spiegel von Fritz Jakobs wurde im Haus vorgefunden. Es ist möglicherweise ein Erbstück, das der verstorbene Herr Jakobs hinterließ. Das Alter wurde von einem Fachmann auf mehrere hundert Jahre geschätzt. Leider gibt es keine klar datierbaren Verzierungen. Der Spiegel ist ohne Holzwurm, ohne Sprung und solide gearbeitet. Er hat kein Hersteller- oder Werkstattzeichen. Ich erwarte die Gebote“, begann der Auktionator. Er war nicht ganz bei der Sache. Bei Stücken, die er für wirklich wertvoll hielt, wurde er deutlich enthusiastischer. Karl kannte das schon. Das hier war mehr das Standardprogramm.

Karl machte ein faires Angebot. Nicht allzu viel, aber doch einen vernünftigen Preis.

Zu seiner Überraschung bot ein etwas älterer Mann mit ihm. Er hatte ihn schon einige Male gesehen, immer wieder bot er für Gegenstände. Manches Mal bot er ziemliche Summen, um Dinge zu bekommen. Nach welchem Muster er das tat, wusste Karl nicht. Möglicherweise war er Antiquitätenhändler. Er wusste nur, dass er sich „Herr ten Dornan“ nennen ließ. Der Mann überbot ihn, viermal in Folge. Karl zögerte erst, dann bot er weiter mit. Langsam ging es Karl nicht mehr nur um den Spiegel, es ging auch ums Gewinnen. Der Mann ging immer einige Euro über seinen Betrag! Irgendwann reichte es Karl. Hier ging es jetzt ums Prinzip! Er bot einen Betrag hundert Euro über dem aktuellen Angebot. Ein Raunen ging durch den Raum. Der andere Mann schien im Kopf zu rechnen, dann war alles vorbei. Karl hatte gewonnen! Der Mann ging nicht mit. Karl seufzte zufrieden und überlegte dann, ob es wirklich sinnvoll gewesen war. Doch für langes Nachdenken blieb keine Zeit, die nächsten Angebote kamen. Nach mehreren interessanten Stücken, bei denen er überboten wurde, entschied er sich, dass es genug war. Er ging zur Abholstelle und zahlte den gebotenen Preis für den Spiegel. Er hatte das Geld in bar dabei. Am Abend würde man ihn liefern.

2

Später am Abend saß Karl vor dem Fernseher und sah sich die Sportschau an. Irland hatte gegen Deutschland gespielt, kein berauschendes Ergebnis für die Deutschen. Zumindest nicht, wenn man das vorher an den Tag gelegte Selbstvertrauen mit beachtete. Es klingelte an der Haustür.

Karl schlurfte zur Tür. Ein freundlich lächelnder Mann im Trainingsanzug begrüßte ihn.

„Moin, hier is‘ Ihr Paket, nech. Haben Sie heute ja ersteigert, Karl Gordes, nech?“

Karl nickte.

„Dann unterschreiben Sie mal hier, nech“, sagte der Mann im Trainingsanzug und reichte Karl ein Formular. Karl überflog es, es war eine Empfangsbestätigung. Er kannte das Formular schon, es war nichts Anstößiges daran. Nach dem Unterschreiben reichte er es dem Mann zurück. Daraufhin holte der Mann im Trainingsanzug ein großes Paket aus seinem VW-Bulli und trug es ihm in den Flur.

„So, viel Spaß, nech“, sagte der Mann und war auch schon verschwunden. Karl kam gar nicht dazu, ihm einen Fünfer in die Hand zu drücken und ihn zu bitten, den Spiegel nach oben zu bringen.

Er seufzte. Wieder einmal war die Welt zu schnell für ihn.

Zuallererst räumte er im oberen Stockwerk seines Reihenhauses im Flur ein Stück der Wand leer, dann machte er sich daran, den Spiegel nach oben zu schaffen. Sein Rücken machte ihm seit einiger Zeit zu schaffen, zu viel Büroarbeit, zu wenig Bewegung, sagte der Arzt.

Stufe für Stufe brachte er mühsam den Spiegel nach oben. Er hängte ihn in sein Lesezimmer. So nannte er den großen Raum voller Bücher im zweiten Stock seines Reihenhauses.

Er lebte alleine dort und empfing selten Besuch. Es war nicht so, dass er kein Interesse an anderen Menschen oder einer Partnerin gehabt hätte, es hatte sich nur nie ergeben.

Oft, wenn er versuchte Bindungen aufzubauen oder aufrecht zu halten, scheiterte er. So vermied er sie irgendwann, um auch den Schmerz zu vermeiden.

Im Lesezimmer hängte er den Spiegel auf. Er war schön gearbeitet und bereits für die Auktion gesäubert worden.

Karl nahm sich vor, ihn ein paar Tage hängen zu lassen, bevor er entschied, was er mit ihm tat. Immerhin war er ziemlich teuer gewesen. Er kochte sich einen neuen Tee und setzte sich aufs Sofa im Lesezimmer. Dabei machte er das Radio an. Irgendein Sender, bei dem die ganze Zeit geredet wurde.

Anschließend nahm er sich ein Buch und begann zu lesen.

Er mochte das Gerede des Radios im Hintergrund. Es gab ihm das Gefühl, dass es Leben im Haus gab.

Während er las, griff er immer wieder nach seiner Tasse. Dann klirrte es, als er sie verfehlte und sie umstürzte.

Er fluchte, sprang auf und eilte in die Küche, um etwas zum Aufwischen zu holen.

Während er den Tee vom Linoleum damit aufwischte, fiel ihm etwas Seltsames auf.

Er ließ das vollgesogene Küchenpapier liegen und trat zum Spiegel.

Erst jetzt begriff er, was ihn stutzig gemacht hatte.

Der Raum war der Gleiche wie der, in dem er stand. Nur war Karl nicht zu sehen.

Er ging ins Badezimmer und sah in den Spiegel. Dort war er, so wie er sich kannte.

Er zog ein paar Grimassen. Sein Spiegelbild tat es ihm gleich.

Dann trat er erneut vor den Spiegel im Lesezimmer. Immer noch war dort kein Spiegelbild.

Er trat näher heran und hauchte dagegen. Es bildete sich kein Fleck, wo sein Atem die Oberfläche berührte.

Dann beugte sich Karl so weit vor, dass seine Nasenspitze den Spiegel berühren musste.

Doch sie tat es nicht. Da war kein Spiegel, es war vielmehr wie beim Fassen durch einen Fensterrahmen.

Er schrak zurück.

Dann hängte er den Spiegel ab und lehnte ihn an die Wand.

Vorsichtig machte er einen Schritt hindurch und kletterte auf die andere Seite.

Der Raum war der gleiche, selbst der Spiegel lehnte dort, wo er es eben getan hatte. Der einzige Unterschied war, dass der Raum verkehrt herum war. Was links stand, war rechts und umgekehrt.

Er sah sich um.

„Schatz?“, fragte eine brünette Frau, die im Türrahmen zum Lesezimmer stand. „Ist dir nicht gut?“

Karl fand keine Worte. Diese Frau, er kannte sie! Es fiel ihm nur nicht mehr ein woher. Sein Blick wanderte ihre Silhouette hinab, über ihr einladendes tief ausgeschnittenes Dekolleté hinab zu ihrer Hüfte.

„Ähm“, setzte er an. Dann fiel es ihm ein. Er hatte sie schon mal getroffen. War das im Studium? War das eine Frau, mit der er sich mal verabredet hatte?

„Komm her“, sagte sie und trat zu ihm, da er sich nicht bewegte. Sie duftete nach irgendwelchen Blumen, doch er wusste nicht, was für welche. Ihm gefiel der Duft. „Wenn dir nicht nach reden ist, ist das auch in Ordnung“, flüsterte sie ihm ins Ohr.

3

Es klingelte, laut und drängend. Karl öffnete die Augen und sah sich um.

Er lag alleine in seinem Bett, in Boxershorts und Socken. Erneut betätigte jemand die Türklingel. Wieder drückte dieser jemand mehrmals, was dem Klingeln etwas Forderndes gab.

Karl stand auf und zog seine Jeanshose an. Wer auch immer ihn störte, musste mit seinem nackten Oberkörper vorliebnehmen.

An der Tür war ein älterer Mann in einem Anzug, über dem er einen Kurzmantel trug. Er deutete eine Verbeugung an.

„Guten Tag, Herr Gordes“, sagte der Mann. „Gehe ich richtig in der Annahme, dass Sie gestern einen Spiegel bei einer Auktion ersteigert haben?“

„Hmm“, brummte Karl.

„Hätten Sie Interesse, den Spiegel zu verkaufen?“

„Sie sind dieser andere, der mitgeboten hat“, stellte Karl fest, der das Gesicht plötzlich einzuordnen wusste.

„Balthasar ten Dornan, ja. Ich habe großes Interesse an diesem Spiegel.“

„Tja, der ist aber gerade nicht zu verkaufen“, stellte Karl patzig fest. Was fiel diesem Kerl ein? Wer von den Auktionsveranstaltern hatte dem seine Privatadresse gegeben?

„Sie haben sich gar nicht meinen Preis angehört“, stellte Balthasar ruhig fest. Karl begann die Tür zu schließen.

„Werde ich auch nicht.“

Bevor sie ins Schloss fallen konnte, schob Balthasar ten Dornan seinen Fuß dazwischen. Karl hörte, wie der Mann scharf einatmete.

„In Ihrem und meinem Interesse sollten Sie mich anhören“, stellte Balthasar fest. „Dieser Spiegel ist der Tod seines Besitzers.“

„Ach was, auf einmal ist er verflucht, wenn man nicht verkaufen will?“, erwiderte Karl.

„Ich beschäftige mich damit, solche Dinge aus dem Verkehr zu ziehen. Der Spiegel erahnt Ihre Wünsche und ...“, setzte Balthasar erneut an, doch Karl drückte seinen Schuh zur Seite und zog die Tür zu.

Er ging zum Frühstück. Das Klingeln des Fremden ignorierte er einfach, bis dieser aufgab. Er schüttelte den Kopf. Erst dieser seltsame Traum und dann so ein schlechter Verlierer, der ihm Blödsinn erzählte.

Er wusste noch, dass er vor dem Einschlafen durch den Spiegel getreten war und den Abend mit dieser hinreißenden Frau verbracht hatte, seiner Ehefrau, wie sie sagte. Er seufzte. Es war einer der realistischsten Träume seit Langem gewesen und dabei auch einer der besten.

Wobei, das mit dem Spiegeltreten kam ihm bekannt vor. Ob er das schon mal bei Stephen King gelesen hatte? Dessen Bücher hatte er früher gerne und immer wieder gelesen. Da musste sein Unterbewusstsein die Inspiration her haben.

Karl ging nochmal ins Lesezimmer und sah sich den Spiegel an. Dabei beugte er sich vor und packte mit der Hand darauf. Er fühlte die Kälte des Spiegels und seine Finger hinterließen deutliche Fettflecken.

Zufrieden lächelte er. Was für ein mieser Antiquitätenhändler, der Leuten mit Geschichten Angst machen will.

Karl sah auf die Uhr und fluchte. Er beeilte sich, um pünktlich zur Arbeit zu kommen und verließ das Haus.

Als er später abends nach Hause kam, fand er an seiner Haustür die Karte von Balthasar ten Dornan vor. Er hatte sie in den Briefkastenschlitz gesteckt.

Karl warf sie in den Müll und machte es sich mit einem Teller Dosenravioli in seinem Lesezimmer gemütlich.

Während er so den Stimmen im Radio lauschte, dachte er noch einmal über den Spiegel nach. Noch immer lehnte er an der Wand.

Er stellte die Schale ab und trat vor den Spiegel.

Als er sich vorbeugte, war dort kein Spiegelbild zu sehen.

Er atmete scharf ein.

Das kann nicht sein, ging es ihm durch den Kopf.

Er reckte den Kopf hinein. Tatsächlich, wie ein Fenster, überlegte er.

Erneut kletterte er hindurch und sah sich um. Das Lesezimmer sah ganz anders aus. Es waren viele Dinge dort, die dort nicht sein sollten. Die persönliche Note von jemand anderem, ging es ihm durch den Kopf.

Dann rief jemand nach ihm. Es war eine Frauenstimme. Er ging die Treppe hinab und fand dort eine Frau vor, mit flammenden roten Locken. Sie half einem kleinen Jungen beim Ausziehen seiner Winterstiefel. Dabei berichtete er ihr mit gewichtiger Miene von seinem Schultag.

„Schatz, ist irgendwas?“, fragte die Frau. Diese Frau kannte er. Es war eine Kollegin, die er vor einigen Jahren mal zum Essen eingeladen hatte. Eine freundliche Dame, die er sehr anziehend gefunden hatte. Aber er hatte sich wohl nicht richtig um sie bemüht und so war sie irgendwann in eine andere Abteilung versetzt worden und der Kontakt abgebrochen.

4

Einige Wochen später saß Balthasar ten Dornan auf einem der billigen Klappstühle bei einer Auktion.

„Wir haben hier einen Spiegel, in sehr gutem Zustand. Er wurde von seinem Vorbesitzer erst kürzlich erworben und es handelt sich um ein sehr altes Stück“, begann der Auktionator sein neuestes Stück anzupreisen.

Balthasar hob seine Nummer und rief eine Zahl. Der Spiegel musste aus dem Verkehr gezogen werden. Diesmal durfte ihn niemand überbieten. Karl Gordes hatte ihm nicht geglaubt. Der Spiegel ernährte sich von der Lebenskraft der Menschen und zeigte ihnen dafür, was sie sich wünschten. Die Illusion war perfekt und so versanken die Menschen immer tiefer, bis von ihnen nicht mehr übrig blieb als ausgemergelte Hüllen.

Ein anderer überbot Balthasar. Balthasar hielt dagegen, doch der Fremde zog die Stirn ärgerlich in Falten und verdoppelte den Preis. Balthasar ten Dornan fluchte. So viel Geld hatte er nicht dabei ...

ENDE

Das blutige Gold der Kowaja-Berge

von Hendrik M. Bekker

1

Allan McFadden schlug immer wieder auf den Fels vor sich ein. Dieser Stein war verflucht hart! Stück um Stück konnte er ihn zersplittern, doch Gold kam nicht zum Vorschein.

Er wischte sich mit dem Handrücken über die verklebte Stirn. Schweiß und Staub bildeten eine dicke Schicht.

Hatte ihn diese dreckige Rothaut etwa belogen?

Er leckte sich über die Lippen, schmeckte den feinen Staub, der nach Stunden der Arbeit alles bedeckte. Seine Kehle brannte. Was würde er jetzt für einen kleinen Whisky geben.

Nein, ganz sicher hatte die Rothaut sie nicht betrogen. Er hatte gewusst, dass sonst seine Frau hätte dran glauben müssen. McFadden, Clive und Thomas hatten die Indianer bei einem kleinen Stelldichein in den Wäldern überrascht. McFadden und seine Männer waren auf der Flucht. Es gab seit langem das Gerücht, dass es Gold in den nahen Bergen gab. Doch angeblich wussten nur die Indianer davon. Also hatte Allan vorgeschlagen, doch einfach einen Indianer zu fragen. Doch sie hüteten das Geheimnis.

Nun, dieser hatte schließlich nachgegeben, dachte Allan McFadden und sein Grinsen wurde breiter. Wieder und wieder schlug er mit der Spitzhacke zu.

Hier sollte es doch sein!

Er und seine beiden Begleiter waren auf der Flucht hinauf in den Norden. Alle wurden aus verschiedenen Gründen an der mexikanischen Grenze gesucht. Doch McFadden wollte keinesfalls als armer Schlucker enden. Er wusste schon immer, er war zu Höherem bestimmt.

Dann endlich war es soweit. Eine dünne, goldgelbe Ader war im Fels zu erkennen.

McFadden nahm seinen ledernen Trinkschlauch und goss Wasser darüber, um den Staub loszuwerden.

Tatsächlich, es war das Ziel seiner Träume.

„Gold“, hauchte er. „Gold!“, brüllte er dann lauter.

Wenige Minuten später waren Clive Brown und Thomas Debroer bei ihm. Sie arbeiteten nun nur noch in Schichten hier, weil der Stollen zu eng war, um den Dreien die Arbeit gleichzeitig zu erlauben.

Er mochte seine Kompagnons nicht, doch sie waren aufeinander angewiesen. Jeder auf seine Weise.

2

Tagelang ging es so weiter. Als nun nach Stunden Allan eine Pause hatte und sich den kleinen Haufen goldener Klumpen ansah, war er zufrieden. Davon würde man sich ein hübsches Sümmchen Geld auszahlen lassen können. Ihm fiel auf, dass Thomas und Clive nun seit Tagen bewaffnet herumliefen. Immer, zu jeder Zeit.

Er sah zu seinem Holster herunter. Sein dicker Colt ruhte auf seinem Oberschenkel.

Seit wann hatte er damit angefangen? Hatte Clive angefangen, oder er?

War Clive nicht mal wegen Befehlsverweigerung beim Militär herausgeflogen? Er kramte in seinem Gedächtnis, kam aber nicht mehr darauf.

Er erinnerte sich daran, wie der Indianer gesagt hatte, das Gold sei verflucht von irgendeinem heidnischen Wesen. Blutgold sei es, es würde sich vermehren, wenn es Blut zu trinken bekäme.

McFadden schüttelte den Kopf. Was für ein heidnischer Bullshit.

3

Clive Brown war ein Mann, der die besten Jahre bereits hinter sich hatte. Er wusste das, während er mit der Zunge über den Zahnstumpf fuhr, der von seinen Schneidezähnen übrig geblieben war. Er trug den eisenbeschlagenen Holzeimer zum Berg von Nuggets, den sie bereits aufgehäuft hatten.

Der Eimer war rostig, aber noch hielt er das Holz zusammen. Clive dachte mit Freude daran, was er sich alles von seinem Anteil würde leisten können! Gold, zu einem kleinen Haufen aufgetürmt. Kurz wanderte sein Blick in weite Ferne. Vielleicht würde er eine kleine Farm haben? Sicher, hübsch war er nicht, doch mit genug Geld in den Taschen fand er sicher eine Frau.

Er erinnerte sich daran, wie sein Vater seine Mutter behandelt hatte. Die war schließlich auch geblieben, obwohl man eine Lady so nicht behandeln sollte. Hatte man ihm beim Militär später gesagt. Aber die hatten so einiges gesagt, was für ihn wenig Sinn machte. Zum Beispiel, dass Zivilisten so ungemein respektvoll behandelt werden mussten. Clive fühlte, wie trocken sein Mund wurde, als er daran zurückdachte, wie er dieses Bauernmädchen zurechtgewiesen hatte. So kokett war sie gewesen und so sehr hatte sie geschrien.

Er hielt kurz inne und stellte den Eimer ab. Dann nahm er einen der Trinkschläuche, die herumlagen, und trank gierig das Wasser daraus. Er brachte im Moment die Nuggets herauf, und auch wenn die Aufgabe sicher schöner war, als mit der Spitzhacke im Fels zu wühlen, war es verdammt anstrengend. Aber das hatte man im Militär immer gesagt und Clive fand, dass es wahr war: Nichts Gutes bekam man geschenkt, man musste es sich nehmen. Oder war es verdienen? Er wusste es nicht mehr genau.

Er griff nach dem Eimer und fluchte. Das Metall schnitt ihm in die Hand und Blut tropfte herab.

Dabei sah er fasziniert, wie es auf die goldenen Steine traf und versickerte. Doch nicht zwischen den Steinen, es verschwand in die Steine. Wie Wasser, das auf lockere Erde traf, saugten die Steine das Blut auf.

Er blinzelte ungläubig. Er war sich sicher, dass er einfach nur überarbeitet und erschöpft war. Die Steine konnten doch das Blut nicht aufnehmen wie weiche Erde. Was für ein Unsinn.

Allan McFadden wird dich für das Gold töten, flüsterte eine Stimme. Erschrocken sprang Clive auf. Woher war das gekommen? War es nur ein plötzlicher Gedanke gewesen? Er sah sich um. Doch die Stimme war wirklich aus seinem Kopf gekommen.

Er wird dich töten und dein Blut wird die Steine vermehren. Der Gedanke war so klar in ihm und doch völlig fremd, als wäre es nicht sein eigener.

Clive schüttelte ungläubig den Kopf. Der Gedanke begann an ihm zu nagen. Dann, neugierig, blickte er hinab zu dem Stein, der sein Blut aufgesogen hatte.

War diese Ausbeulung am Goldnugget vorher schon da gewesen? Oder war sie genau dort, wo sein Blut aufgekommen war?

Er verwarf den Gedanken, das war doch verrückt. Er brauchte eine Pause.

4

Später am Abend brachte Clive einen neuen Eimer mit Goldnuggets hinauf. Thomas war unten und schürfte nun. McFadden saß beim Gold und starrte es an. Seine Haare hingen in fettigen Strähnen ins Gesicht, angeklebt vom Schweiß. Doch er schien sie nicht zu bemerken.

„Na, was kaufst du dir davon?“, fragte Clive. Er fühlte sich angespannt. Irgendwas stimmte nicht. War McFadden schon immer so fasziniert vom Gold gewesen? Blinzelte er eigentlich noch regelmäßig?

Allan McFadden sah weiter vor sich hin. Dann, wie aus tiefer Ferne, sprach er: „Ich werde es mehren.“

„Willst du etwa ins Casino?“, fragte Clive und lachte. Es klang künstlich, leicht angespannt.

McFadden sah auf. „Was sagst du?“ Er blinzelte ein paar Mal schnell hintereinander.

„Nichts, nur, ob du damit ins Casino gehst?“

„Damit man es mir wegnimmt? Nein. Das nimmt man mir nicht mehr weg. Ich will, dass es mehr wird.“

„Das ist doch schön“, sagte Clive und bewegte langsam und unauffällig seine Hand zum Colt.

Er fühlte sich nicht wohl. Irgendwas stimmte doch nicht.

5

Thomas Debroer hieb die Spitzhacke in den Fels vor sich. Er war wütend. Auf sich, auf die Welt, auf seine tote Frau und auf die beiden Halunken, mit denen er arbeitete.

Er war wütend darauf, so wütend zu sein. Das Einhacken auf etwas tat gut, seiner Meinung nach. Er wusste, dass er viel zu selten die Gelegenheit bekam die Wut herauszulassen. Einmal hatte er einen Mann auf offener Straße erwürgt, weil er ihn beleidigt hatte.

Doch seitdem musste er sich aus dem Grenzgebiet zu Mexiko fernhalten.

Nur, weil er sich verteidigt hatte! Als wäre er ein Tier, das keine Selbstkontrolle hatte. Was für ein Unsinn. Wie die Leute sich aufgeregt hatten, dabei hatte er sich nur angemessen verteidigt. Lehrte einen das Leben nicht, schnell zu sein?

Er hörte einen Schuss.

Sofort warf er die Hacke weg und lauschte. Sein Colt lag nahe bei ihm im Holster. Beim Arbeiten behinderte ihn das nur.

Er griff nach dem Colt und ging hinauf zu den anderen.

Er hoffte, dass es nicht diese Indianer waren, die Rache wollten, weil sie hier ihr Gold stahlen.

Dabei benutzten die Rothäute es doch gar nicht! Sie ließen es hier liegen. Was für eine Verschwendung.

6

Allan McFadden fand, dass Clive nervös wirkte. Seltsam unruhig und gekünstelt. Das machte ihm Sorgen. Clive war ein Halsabschneider, das hatte er immer gewusst. Aber er würde sich an eine Abmachung halten. Doch als er sah, wie Clive seine Waffe langsam zog, reagierte Allan McFadden automatisch. Er zog seinen eigenen Colt, doch da donnerte es bereits.

Der Schuss traf ihn direkt in die Brust und schlug in seinen Knochen ein. Die Wucht riss ihn nach hinten.

Er taumelte gegen die Höhlenwand und sank an ihr herunter.

„Wieso?“, hauchte er.

7

Clive sah den sterbenden Allan McFadden. Er hatte seine Waffe ziehen wollen, dieses Schwein! Clive wusste schon immer, dass McFadden ein dreckiger Dieb war, der seine eigene Mutter verkaufen würde, doch er hatte geglaubt, er würde sich an eine Abmachung halten können.

Clive schüttelte den Kopf. Er trat gegen die Hand von McFadden, die die Waffe hielt. Der Colt klapperte davon. Nicht dass er im Sterben doch noch schoss.

Da hörte er Schritte. Thomas Debroer stürmte hinauf, seine Waffe im Anschlag. Er betrat die Höhle und sah sich um.

„Wer greift uns an?“, fragte er Clive, die Situation missdeutend.

Clive hatte noch immer den Colt in der Hand und drückte ab.

Schuss um Schuss feuerte er in Thomas hinein. Die Tränen traten ihm in die Augen. Um ihn tat es ihm wirklich leid. Doch wie sollte er ihm das erklären? Er würde glauben, dass er McFadden umgebracht hatte, um sich zu bereichern. Doch das würde er nie tun!

Zufrieden sah er auf den Berg aus Gold.

Plötzlich klackerte es neben ihm.

Er sah auf. Ein Stein hatte sich gelöst. Es knirschte und knackte plötzlich. Noch bevor er reagieren konnte, brach die Decke zusammen.

Das nächste, was Clive einatmete, war Felsstaub während er versuchte aus dem Stollen zu entkommen.

8

Wochen später ...

Prediger Ferdinand Rysum schob sich den alten Dreispitz tiefer ins Gesicht. Es war der Hut der Uniform seines Großvaters. Der hatte in den Unabhängigkeitskriegen gekämpft. Der Hut war geflickt, aber gut. Das Leder war gepflegt und immer noch besser, als die Sonne direkt auf den Kopf zu bekommen. Manchmal fragte er sich, ob er deswegen Prediger geworden war: Um das Unrecht seiner Vorväter wiedergutzumachen.

Andererseits, musste jeder sein eigenes Unrecht wiedergutmachen. Zumindest war er der festen Überzeugung. Diese katholische Lehre, die von der Erbsünde, sagte ihm nicht zu. Ein gerechter Gott bestrafte ja wohl jeden für seinen eigenen Mist.

Er ritt seinen jungen Hengst Epo gemächlich einen Abhang hinunter.

Er wollte vor Sonnenuntergang noch New-Theene erreichen. Das war eine kleine Siedlung, eingerahmt zwischen weiten ebenen Feldern und einigen Bergen. Die Indianer hier waren stark dezimiert worden durch die Pocken und machten den Menschen keinen Ärger, ebenso wenig wie der Unabhängigkeitskrieg es bis hierher geschafft hatte.

Es gab einiges an Handel durch den breiten Fluss, was viel Gesindel anzog. Aber das war unumgänglich.

Hier sollte er seinen neuen Beruf antreten. Ferdinand war Prediger und diese Gemeinde hatte ihren Pastor vor einem halben Jahr verloren. Man hatte bei der Nachbargemeinde angefragt und so war irgendwann die Wahl auf Ferdinand gekommen. Er hatte verschiedene Berufe ausgeübt und ein Freund hatte ihm Unterschlupf gewährt, als es ihm nicht gut ging. So war er mit dem Predigen in Berührung gekommen. Nun hatte dieser Freund ihn hergeschickt, um in New-Theene als Pastor zu dienen.

Schließlich tauchten die Häuser der kleinen Siedlung vor ihm auf. Der Fluss zog sich als Band durch das Land und die Baumgruppen wurden deutlich überragt von den dreistöckigen Häusern. Es waren neun Häuser, die so groß waren und um die sich der Rest der deutlich niedrigeren Gebäude drängte.

Die Stadt lärmte vor Geschäftigkeit. Ferdinand fragte sich ob ihm das nur so vorkam, weil die Natur vorher so ruhig gewesen war, oder ob er sich das einbildete.

Er ritt gemächlich an einen Mann im Dreiteiler heran, der auf seine Uhr sah, und fragte: „Guten Tag, der Herr, ich suche das Pastorat des Ortes.“

„Da muss ich Sie enttäuschen, der Pastor ist tot, dort wird Ihnen nur die Haushälterin die Tür öffnen können“, erwiderte der Mann.

„Das trifft sich gut, denn ich bin der neue Pastor“, erwiderte Ferdinand und verbeugte sich so tief es ihm auf dem Pferd möglich war.

Der Mann sah ihn kurz überrascht an und lachte dann.

„Nun, wenn Sie meinen, trifft sich das wirklich. Ich bin der Hilfssheriff Tom FitzPatrick“, stellte sich der Mann vor.

„Angenehm“, nickte ihm Ferdinand zu.

„Ich schicke ihnen dann nachher mal Coppersmith vorbei. Er ist hier der Sheriff und ehrlich gesagt auch der Bürgermeister.“

„Selten, eine solche Doppelung.“

„Der alte Bürgermeister liegt im Krankenbett. Sumpffieber, wir werden sehen, ob er es schafft. Bis dahin gibt es aber keine gute Alternative zu Coppersmith“, stellte FitzPatrick fest. „So ist es am besten.“

„Sicher“, stimmte Ferdinand zu. „Wie komme ich zum Pastorat?“

FitzPatrick beschrieb ihm den Weg und Ferdinand machte sich auf den Weg.

Das Pastorat war ein am Rand der Siedlung gelegenes einstöckiges Haus mit einigen kleinen Wirtschaftsgebäuden daneben. Nicht weit davon erhob sich auf einem Hügel die hölzerne Kirche. Sie war aus Rundhölzern errichtet, anders als das mit Holzbrettern gebaute Pastorat.

Die Kirche war hoch und Ferdinand vermutete, dass ein skandinavischer Baumeister dafür verantwortlich war. Selten war eine Holzkirche so erhaben in ihrer Bauweise.

Er war noch nie in der Alten Welt gewesen, doch hörte er gern Geschichten von dort. Immerhin waren die Vorfahren einst von dort gekommen, um hier einen neuen Garten Eden zu errichten.

Ferdinand Rysum band sein Pferd am Zaun fest und klopfte ihm auf den Rücken.

„Bin gleich zurück, mein Guter“, stellte er fest und ging zur Haustür. Im Vorgarten waren diverse Kräuter und Nutzpflanzen angebaut. Sie ergaben die Form eines Kreuzes, wobei der Weg zur Tür einen der beiden Kreuzbalken darstellte.

Er klopfte dreimal fest gegen die Tür. Schritte kamen näher und schließlich machte ihm nach einer gefühlten Ewigkeit eine junge Frau auf. Sie hatte rabenschwarzes Haar und ihre Augen waren etwas zu schmal für Ferdinands Geschmack.

„Ja bitte?“, fragte sie. Sie trug ein dunkles Kleid, das hoch geschlossen war und ihr etwas Matronenhaftes gab.

„Ferdinand Rysum, der neue Pastor“, stellte er sich vor. „Ich wurde von Dean Traviss geschickt, er wollte mich postalisch ankündigen.“

„Das hat er“, stellte die Frau fest und musterte ihn. Die Zeit verstrich und langsam fühlte sich Ferdinand unwohl. Er wusste nicht genau wieso, doch diese Pause war einfach zu lange.

„Dann wäre ich Ihnen sehr verbunden, wenn sie mich einlassen würden“, stellte Ferdinand fest und sah sie erwartungsvoll an.

Sie nickte ruckartig und ließ ihn herein.

„Bitte, den Flur runter ist der Salon, dort können wir uns hinsetzen.“

Der Salon war ein hübscher lichtdurchfluteter Raum mit einer zweiflügeligen Tür. Im Inneren standen schwere Sessel mit Lederbezug und drei Regale, die eine ganze Wand ausfüllten. Sie waren vollgestopft mit Büchern, selbst auf den normalen Buchreihen lagen noch weitere Exemplare quer.

Ferdinand legte seinen Mantel und den Hut vorsichtig auf eine Stuhllehne und setzte sich. Die Haushälterin setzte sich ihm gegenüber.

„Ihr Name, gute Frau?“

„Meliassa“, erwiderte sie.

„Keinen Nachnamen?“

„Keinen.“

Er hob die Augenbrauen. „Bitte? Wie darf ich das verstehen?“

„Im Ort wissen es doch eh alle. Der alte Pastor nahm mich auf, fand mich im Wald. Vermutlich war meine Mutter ‘n Schlitzauge und wollte keinen Bastard, denn reinblütig bin ich sicher nicht“, stellte Meliassa fest.

Ferdinand musterte sie. Dann zuckte er die Schultern.

„Und, so sind Sie als Haushälterin hier gelandet?“

„Ja. Werd‘ ich es auch bleiben?“

Ferdinand merkte an der Beiläufigkeit, mit der sie das sagte, wie sehr es sie bewegte.

Das war der Grund für ihre Zurückhaltung.

„Seien Sie unbesorgt. Ich bewerte Sie, wie es der Herr tut: an Ihren Taten. Ich bin kein Freund der Erbsünde, Sie werden an sich gemessen.“

Sie sah Ferdinand kurz mit großen Augen an, dann lachte sie von Herzen.

„Sie klingen wie er. Ich mache uns mal einen Tee.“

Damit stand sie auf und ging in die Küche.

„Wie wer?“, rief Ferdinand ihr hinterher.

„Der alte Pastor. Pastor Jakob.“

9

Später am Nachmittag hatte Ferdinand sich alles zeigen lassen und seine Privatsachen eingeräumt, als der Sheriff an der Tür klopfte. Bei ihm war Tom FitzPatrick. Sheriff Will Coppersmith war ein älterer Mann mit Lederweste und Glatze, die er durch einen üppigen Backenbart zu kaschieren versuchte.

Der Sheriffstern prangte gut sichtbar an der Lederweste und an seiner Seite baumelte ein alter Colt. Es war ein Armeemodell, soweit kannte Ferdinand sich aus.

„Sheriff“, nickte Ferdinand ihm zu.

Er bat ihn in den Salon, Meliassa brachte ihnen Tee.

„Sie wirken gestresst, Sheriff“, stellte Ferdinand fest.

„Das is‘ nichts, was einem Prediger gefallen würde.“

„Erzählen Sie es mir bitte trotzdem. Ich möchte über die Belange des Ortes Bescheid wissen. Ich schätze es, dass es einen Wachhund unter den Schafen gibt“, stellte Ferdinand klar. „Ich schätze keine unnötige Gewalt, aber auch ich weiß, dass es Menschen gibt, mit denen man sich nicht einigen kann. Mit denen man nicht verhandeln, argumentieren oder sie auf den rechten Weg bewegen kann.“

Der Sheriff musterte ihn und nickte dann ruckartig.

„Wir machen eine Menschenjagd.“

„Eine Menschenjagd?“

„Sie wissen, was das ist?“

Ferdinand nickte. „Natürlich. Nur wieso machen Sie eine? Wem wird was zur Last gelegt?“

„Es ist ein Mann. Wir sind nicht ganz sicher, wie er heißt, er streift seit Wochen durch die Wälder und hat schon acht Leute auf dem Gewissen. Zumindest wissen wir das von denen. Ob er noch andere Reisende überfallen hat, kann ich nicht ausschließen.“

Ferdinand steckte sich eine Pfeife an und bot dem Sheriff ebenfalls eine an. Dieser lehnte ab.

„Aber einen Schluck könnte ich vertragen“, erwiderte er mit Blick auf eine Kristallflasche auf dem Tisch.

„Bedienen Sie sich“, sagte Ferdinand. Es war immerhin schon Nachmittag.

Pfeife stopfen und anzünden hatte auf Ferdinand immer etwas Beruhigendes, eine Handlung, die einem Zeit zum Nachdenken verschaffte.

„Wann wird es losgehen?“

„Direkt morgen früh. Wir müssen das selbst machen. Ich will nur Männer, denen ich vertraue. Hab über ein Kopfgeld nachgedacht, aber dann hat man gleich den ganzen Abschaum dabei“, stellte Coppersmith klar.

Ferdinand nickte. Er blies einen kleinen Rauchkringel in die Luft.

„Ich möchte sie begleiten.“

Coppersmith lachte und prustete in sein Glas. Kurz fiel die ganze Anspannung von ihm ab und Ferdinand erkannte einen fröhlichen Menschen in ihm. Dann legte sich seine Stirn wieder in Falten.

„Wieso sollte ein Prediger uns helfen? Wollen Sie ihn anlocken, mit Verlaub?“

„Ich denke, eine Jungfrau in Nöten wäre da attraktiver als ich“, erwiderte Ferdinand trocken. „Mir geht es darum zu helfen. Ich bin einige Monate mal mit ein paar Trappern gereist und kann in der Wildnis auf mich aufpassen.“

„Sie wollen Präsenz zeigen“, sagte Coppersmith und Ferdinand war sich nicht sicher, ob es Anerkennung oder Kritik in seiner Stimme war.

Ferdinand nahm einen tiefen Zug aus seiner Pfeife und blies wieder einen Rauchring. Ein nussiges Aroma verbreitete sich langsam.

Coppersmith betrachtete Ferdinand nachdenklich. Dann nickte er.

Er zog eine kleine Karte aus der Tasche.

„Die können Sie haben. Sehen Sie hier, dort ist das Gebiet, in dem Sie suchen werden. Wir durchkämmen das Gebiet mit drei Dutzend Mann. Jeder von ihnen hat eine Marke von mir bekommen, klein, rund, mit einem Kreuz. Ich lasse Ihnen eine zukommen. Das sind alte Münzen, die ich hab umschmieden lassen. Wenn Sie irgendwen finden und gefangen nehmen, haben Sie so die Sicherheit, dass es keiner von den eigenen Leuten ist.“

Ferdinand nickte anerkennend. „Dann danke ich Ihnen, dass ich dabei bin.“

Sie saßen noch ein wenig beisammen und unterhielten sich über den Ort und die letzten Wochen. Zudem bekam Ferdinand etwas genauer geschildert, wer verschwunden war.

Der Ort war nicht so groß, dass nicht jeder zumindest vom Sehen wusste, wer verschwunden war. Ob sie tot waren, wusste man nicht genau. Coppersmith hatte die vage Hoffnung, dass sie vielleicht an Schlepper verkauft worden waren und irgendwo in einer Miene arbeiteten. Dann könnte man sie retten. Ferdinand hoffte, dass er recht hatte, aber er äußerte seine Zweifel nicht. Was würde es bringen?

10

Am nächsten Morgen versammelten sie sich alle auf einer großen Lichtung. Mehrere Dutzend Männer waren dabei, unterschiedlichste Berufe. Alle hatten Pistolen oder Gewehre dabei, auch wenn einige der Waffen älter aussahen. Coppersmith hielt eine kurze Ansprache, dann ging es los.

Bald war Ferdinand alleine im Wald und führte sein Pferd am Zügel hinter sich her. Da sie sich sternförmig in alle Himmelsrichtungen ausbreiteten, war bald kaum noch etwas von den anderen zu sehen. Letztlich waren sie nur das Ablenkungsmanöver, hatte ihm Coppersmith im Vertrauen erklärt. Der Sheriff würde mit einem Fährtenleser losziehen, um den hoffentlich aufgescheuchten Mörder zu finden. Umso mehr Leute im Wald unterwegs waren, umso mehr behinderten sie sein Verstecken.

11

Bis zum Abend hatte Ferdinand immer noch niemanden entdeckt. Er entschied, dass er umdrehen musste, um vor Mitternacht zurück zu sein. Er wollte nicht, dass die anderen sich Sorgen machten. Plötzlich erkannte er die Silhouette von einem Menschen im Wald. Er legte die Hand auf die Pistole und rief: „Hey da. Hände so, dass ich sie sehen kann. Wer ist da?“

Der Mann hob die Hände wie befohlen und kam näher.

„Begrüßt man sich so, da wo Sie herkommen, Mister?“

„Tut mir leid, aber man muss vorsichtig sein“, stellte Ferdinand fest.

Der Mann nickte. Er trat noch näher, nun war er auf zwei Armlängen heran. Er wirkte heruntergekommen, zerschlissene Kleidung und eine Jacke, die zu groß war. Sein Bart war dicht und reichte bis unter die Augen.

„Vor was haben Sie denn Angst?“

„Vor wem, trifft es eher“, erwiderte Ferdinand.

„Haben Sie eine Marke?“, fragte der Mann. Ferdinand hob verblüfft die Augenbrauen.

„Sie wissen schon, alle, die suchen, haben eine“, stellte der Mann fest. Seine Stimme verriet Anspannung.

Ferdinand ließ die Waffe sinken und wollte ihm seine Marke reichen, da sprang ihn der andere an und entriss ihm seine Pistole.

Er schlug Ferdinand fest gegen das Gesicht.

Die Welt wurde dunkel.

12

Später erwachte Ferdinand, gefesselt an Händen und Beinen.

„Ah, Sie sind wach. Das tut mir leid“, erklärte der Mann. Sie saßen in einer kleinen Höhle. Es stank bestialisch. Ein Haufen roter Steine war es, der für den Geruch verantwortlich war.

„Sie“, murmelte Ferdinand und fühlte sich immer noch benommen.

„Ja, Sie waren nicht der erste mit Marke. Daher war das leicht“, stellte er fest. „Ich habe Sie beobachtet. Sie alle. Sie bekommen mich nie.“

Ferdinand versuchte sich zu konzentrieren.

„Wofür die Menschen entführen?“, brachte er hervor.

„Wegen des Goldes“, erklärte der Mann und aus seinen Augen blitzte es wahnhaft.

„Des Goldes?“, fragte Ferdinand

„Des Goldes!“, rief der Mann nun und deutete auf die rotbraunen Steine. „Umso mehr Blut es bekommt, umso mehr wird es. Damit werde ich reich, reich werd‘ ich.“

Ferdinand begriff schlagartig, wieso diese Steine verfärbt waren und woher der Gestank kam.

„Aber Sie sind doch schon reich“, stellte er fest, um Zeit zu gewinnen. Wenn all diese Steine in Wirklichkeit Nuggets waren, war der Mann in der Lage, sich nicht nur eine Ranch zu kaufen, sondern einen kleinen Staat.

Ferdinand versuchte dabei an ein Messer zu kommen, das er im Stiefel trug. Es war nicht groß, aber es würde reichen, sich zu befreien.

Der Mann sah ihn plötzlich irritiert an und schlenderte zum Gold. Er nahm eines der Nuggets und strich es zärtlich.

Ferdinand bekam endlich das Messer zu fassen und drehte es so, dass er in seine Handfessel schneiden konnte.

„Aber es wird immer mehr. Jetzt bin ich reich, aber wie wäre es, noch reicher zu sein? Nur etwas. Nur etwas weniger Sorgen haben“, murmelte er.

Ferdinand bekam endlich seine Hände frei. Er stand langsam auf und näherte sich dem Mann. Dieser bemerkte, was passierte und zog die Waffe.

Ferdinand warf sich auf ihn und schlug ihm so hart er konnte ins Gesicht, packte den Lauf der Waffe und drückte ihn nach oben. Sie rangen miteinander. Ein Schuss krachte und dröhnte durch die Höhle. Blut spritzte über Ferdinands Gesicht.

Der fremde Mann sackte nach hinten, ein Teil seines Gesichts fehlte.

Ferdinand spuckte Blut aus und betrachtete das Gold. Blut lief darüber und ließ es wirken, als wäre es in Bewegung.

Er atmete tief durch, dann packte er seine Sachen und nahm eine leere Munitionskiste.

Darin verstaute er die Nuggets und verließ die Höhle. Er konnte von hier aus die Stadt New-Theene sehen. Die Kiste hinter sich her schleifend, machte er sich auf den Weg. Der Mond schien hell und war bereits wieder auf dem Abstieg. Ferdinand wusste genau, was zu tun war. Der Mann hatte recht, dieses Gold war besonders.

13

„Sie sind sich sicher?“, fragt Coppersmith.

„Beerdigen wir ihn auf dem Friedhof. Egal wer es nun war, er hat Vergebung verdient“, erklärte Ferdinand. Er und der Sheriff saßen im Salon. Meliassa brachte beiden ein frisches Bier.

„Und der Rest?“

„Das Gold hat er sich eingebildet. Sie waren in der Höhle. Da war keines. Er war verrückt.“

„Nicht besessen?“, fragt Coppersmith mit Spott in der Stimme.

„Sheriff, es gibt böse Menschen. Gäbe es das Böse nicht, wie könnten wir Güte und Gnade erfahren?“, erwiderte Ferdinand scharf.

„Nichts für ungut“, sagte der Sheriff.

Ferdinand nickte und sah aus dem Fenster hinaus in den Garten.

Dort hatte er das Gold vergraben. Niemand würde es nehmen. Vielleicht würde er es irgendwann den Armen geben können ohne aufzufallen. Vielleicht würde sich dieser Zeitpunkt aber nie ergeben. Es war zu gefährlich, zu verdächtig, jetzt etwas zu tun. Er würde es erst einmal in sicherer Verwahrung behalten. Es war nie verkehrt, etwas in Reverse zu haben.

Der Sheriff würde es ihm schließlich nur wegnehmen, beschlagnahmen, und dann? Würde er es für sich behalten.

Nein, es war besser bei ihm aufgehoben, er würde darauf aufpassen.

Jetzt war er reich, was konnte besser sein? Außer vielleicht, noch reicher zu sein ...

ENDE

Preisnachlass wegen Geisterbefall

Gruselkrimi aus Ostfriesland

von Hendrik M. Bekker

1

„Davids“, meldete sich Theodor Davids am Telefon. Einen Moment war nichts im Hörer zu vernehmen.

Dann begann ein Mann zu sprechen. Es begann für Theodor wie immer. Er bekam eine kleine Lebensgeschichte erzählt. Am Ende dann wurde der Termin vereinbart.

Theodor war ein Mittvierziger und seit fast zwanzig Jahren in der Maklerbranche tätig. Er überprüfte die Adresse während des Telefonats im Internet. Ostfriesland, nahe Emden.

Er würde sie sich erst morgen ansehen. Jetzt noch von Oldenburg rauf zu fahren war ihm zu lang. Die Stadt war der Erbverwalter und wollte die Immobilie schnell loswerden.

2

Es war ein stattliches Haus, eher die Villa eines Gutsbesitzers als ein alter Bauernhof.

Viel hatte Theodor bei der Stadtverwaltung nicht erfahren. Das Haus war vermutlich sehr alt, mit Grundmauern aus dem Mittelalter. Theodor ahnte, was das hieß: Schwer zu vermitteln, da alle Renovierungsarbeiten in Konflikt geraten konnten mit dem Denkmalschutz. Einerseits veränderte das Denkmalschutzsiegel die mögliche Käuferschicht, andererseits wurde sie damit auch kleiner. Viel Geld fand sich eben nur bei wenigen. Die letzte Besitzerin war an Herzversagen gestorben, nach einer Woche von ihrem Zivi gefunden worden, der regelmäßig nach ihr schaute.

Ein Auto hielt in der Einfahrt. Patrick „Paddy“ Schuman stieg aus.

„Was haben wir genau?“, fragte er.

„Alte Frau, tot. Das Haus gehört nun, mangels Erben, der Stadt. Es soll weg, du sorgst dafür, dass es leer wird. Vierzig Prozent für die Stadt. Es gibt ein paar Interessenten, denke ich. Ist allen lieber als eine Zwangsversteigerung“, erklärte Theodor kurzangebunden. Paddy nickte. Er arbeitete seit Jahren mit Theodor zusammen. Er war Gebrauchtwarenhändler und hatte einen großen, viel über das Internet handelnden Laden: „Von Antiquitäten bis Zündstoff“, und ein großes Lager in Bremen.

Sie gingen zur Tür und Theodor schloss auf.

„Geschmackvoll“, bemerkte Patrick. Sie betraten einen Flur mit dunklem roten Teppich und einer großen alten Standuhr. Patrick strich mit prüfendem Blick über das Holz der Uhr.

Sie wanderten durch die Räume, bald getrennt voneinander, jeder versunken in seine eigenen Gedanken, prüfend nach den eigenen Kriterien schauend.

Plötzlich stockte Theodor, als er eine Bewegung ausmachte. Etwas helles Weißes war aus dem Flur verschwunden, als er ihn betreten hatte.

Er folgte dem oder der, was es auch war, in die Küche. Er riss die Tür auf und sah sich um. Es gab nur zwei Türen, eine zur Vorratskammer und eine ins Esszimmer.

In der Vorratskammer war niemand. Sie war doppelt so groß wie ein Kleiderschrank und bis auf ein paar Einmachgläser in den Regalen völlig leer.

Theodor versuchte die nächste Tür. Als er sie öffnete, sank ihm das Herz in die Hose. Dort stand eine Frau mit schwarzem, glattem Haar in einem weißen Kleid vor ihm. Ihre Augen waren von einem so intensiven Blau, dass er sofort an Kontaktlinsen dachte. Sie sah ihn traurig an wie einen toten Verwandten. Er erwartete, dass sie gleich anfangen würde zu weinen, doch das Gegenteil geschah.

Ihre Züge verzerrten sich zu einer wütenden Fratze und sie schlug nach ihm.

Es fühlte sich an, als schlüge sie nicht mit der geballten Faust nach ihm, sondern als krachte ein Stück kaltes Eisen gegen seinen Brustkorb.

„Paddy“, rief er panisch, doch mehr als ein Keuchen brachte er nicht zustande, als er zurücktaumelte.

Beim zweiten Versuch gelang ihm ein lauter Ruf. Die Frau trat einen Schritt auf ihn zu. Theodor hatte Angst vor noch so einem Schlag und versuchte ihr zuvorzukommen. Er schlug nach ihrem Kopf, doch seine Hand glitt hindurch wie durch Nebel. Kurz wurde ihr Kopf dabei durchsichtig und schemenhaft, dann wieder fest und undurchsichtig.

„Was zum... “, schaffte Theodor noch zu sagen, bevor ihn ein weiterer ihrer Schläge traf. Erneut fühlte er sich wie von einer Eisenstange getroffen.

Inzwischen hatte Patrick den Raum betreten. Er sah die Frau, die auf Theodor zuging und den am Boden liegenden Theodor. Er zählte eins und eins zusammen.

„Hey Sie“, rief er. Die Frau blieb stehen und wandte sich nun ihm zu.

„Weg von ihm, klar? Ich schlage auch Frauen, das gehört für mich zur Emanzipation“, rief Patrick angriffslustig.

Die Frau verschwand. Theodor und Patrick blinzelten. Innerhalb eines Lidschlags war sie einfach weg.

„Was zum Geier?“, platzte es aus Patrick hervor.

Theodor stand langsam auf und rieb sich die Schulter.

„Du sagst es“, murmelte er.

„Wo ist die hin?“

„Keine Ahnung, Paddy.“

Plötzlich schrie Patrick auf. Er flog einen Meter nach vorne und konnte gerade noch rechtzeitig die Arme heben, um sich abzufangen.

Hinter ihm stand die Frau. Wütend sah sie die beiden an.

„Komm“, rief Theodor und zog Patrick auf die Beine. Er schrie es immer wieder, wie von Sinnen, obwohl die Frau sich mit völliger Ruhe und beinahe gleichmütig bewegte.

Sie rannten ins Esszimmer, von dort in den Flur und aus der Haustür.

Die Frau schien keine Anstalten zu machen, sie zu verfolgen.

Patrick wollte zu seinem Auto, doch Theodor zog ihn mit zu seinem.

„Keine Zeit“, war sein Kommentar. Sie hechteten hinein und Theodor fuhr mit aufheulendem Motor los.

Im Rückspiegel konnte er die Frau in der offenen Haustür entdecken. Ihm lief ein eiskalter Schauer den Rücken herunter.

„Was war das, was war das nur?“, murmelte Patrick und schwieg. Doch das Schweigen schien ihm noch weniger zu behagen und er fragte in die Stille hinein: „Was tun wir nur?“

Langsam ging Theodor vom Gas und begann sich wieder an die Geschwindigkeitsbegrenzung zu halten.

Ja, was nun?, ging es ihm durch den Kopf.

„Zur Polizei“, stellte Theodor zu seiner eigenen Überraschung fest. Es war das Erste, was ihm einfiel.

Es verwunderte ihn ziemlich.

„Was?“

„Da ist eine Irre im Haus, die da nicht hingehört“, erklärte Theodor und versuchte sich und Patrick dabei zu beruhigen. „Wir sind hier nicht in einem Clint Eastwood-Film. Ich habe keinen Revolver. Ich lass das Leute regeln, die dafür bezahlt werden. Sie schmeißen sie raus.“

Patrick atmete mehrmals tief durch.

War sie nicht übermenschlich stark gewesen? Es war alles so schnell gegangen. Was war Einbildung, was Übertreibung?

Patricks Gesicht verlor langsam die starke Röte.

„Ja, ist gut“, stimmte er schließlich zu. „Emden ist das nächste Revier, oder?“

3

„Nun, wir waren da“, erklärte Wachtmeister Martins.

„Und?“, fragt Patrick ungeduldig. Seit zwei Stunden saßen er und Theodor auf der Wache in Emden und warteten auf die Rückkehr der Streife, die man zum Haus geschickt hatte.

Die beiden hatten zwar auf mehr bestanden, doch hatte man ihnen die Geschichte von der Frau nicht ganz abgekauft. Erstmal hatte man von ihnen einen Alkoholtest verlangt. Da der negativ ausfiel, war dann ein Wagen mit zwei Polizisten losgeschickt worden, um sich der Sache anzunehmen.

„Ja, nix“, stellte Wachtmeister Martins fest. „Keine Frau, keine Sachbeschädigung. Nur ‘ne geöffnete Tür und Ihr Auto, Herr Schuman. Das haben wir Ihnen auch mitgebracht, Schlüssel war ja am Bund, den Sie uns für das Haus gegeben hatten. Die Haustür haben wir auch verschlossen, nicht dass da doch noch einer was klaut. Sind zwar hier nicht in der Bronx, aber Gelegenheit macht Diebe.“

„Sie war nicht da?“, hakte Theodor nach.

Wachtmeister Martins schüttelte den Kopf.

„Ne, und jetzt wären wir dankbar, wenn Sie gehen. Kommen Sie wieder, wenn auch was zu tun ist. Mehr als ‘ne Anzeige wegen Hausfriedensbruch gegen Unbekannt ist hier nicht drin.“

4

Theodor verabschiedete sich von Patrick und fuhr nach Hause.

Mit einer Tasse Tee in den Händen setzte er sich schließlich vor den Fernseher und versuchte sich zu entspannen.

Sicher war das nur irgendeine Irre gewesen. Sie war nicht einfach verschwunden, sondern nur sehr schnell gewesen. So schnell, dass er es eben mit der Angst bekommen hatte. Das konnte ja mal passieren, und wenn man erst mal in Panik war ...

Gerade als er sich soweit hatte, dass er bereit war, alles auf Stress zu schieben, klopfte es an der Tür.

Theodor zuckte regelrecht zusammen und etwas Tee schwappte auf seine Hose.

Er stellte die Tasse ab und blickte stirnrunzelnd in Richtung Hauseingang. Wer mochte das so spät noch sein?

Es war seit einer Weile schon dunkel und er wohnte etwas außerhalb.

Vielleicht Patrick? Theodor beschloss, auch ihm einen guten Tee zu machen. Für Patrick aber vielleicht eher mit Schuss, damit er sich auch beruhigte.

Theodor öffnete die Tür und erstarrte. Das da war definitiv nicht Patrick!

Der Mann, der im Eingang stand, war nicht älter als Theodor. Der Mann hatte rabenschwarzes Haar, das er zu einem Zopf gebunden trug. Er war mit einer Cargohose, einem dunklen T-Shirt und einem Ledermantel bekleidet und blickte Theodor mit stechenden grauen Augen an.

„Theodor Davids?“, fragte er höflich. Er hatte eine tiefe Stimme, gut geeignet, um einen Ansager zu machen. Theodor nickte.

„Mein Name ist Emmius Brookmer. Ich hörte von ihrem Vorfall heute, den die Polizei nicht weiterverfolgen will. Ich biete Ihnen an, mich des Problems anzunehmen“, erklärte er.

Theodor hob skeptisch die Augenbrauen. „Das war vermutlich eine Landstreicherin, eine Diebin, die mir einen Schrecken eingejagt hat. Was wollen Sie da bitte groß tun? Sie verprügeln? Ich brauche keinen Rausschmeißer.“

Emmius verzog das Gesicht zu einem wissenden verschwörerischen Lächeln.

„Wir dürften beide wissen, dass es keine Landstreicherin war“, erklärte er.

„Was denn dann bitte? Etwa ein Geist?", fragte Theodor aufgebracht. Seine Stimme verrutschte dabei um eine Oktave nach oben.

„Ja, möglich ist es", erwiderte Emmius. Theodor klappte der Mund auf.

„Lassen Sie gut sein, Mann und schlafen Sie Ihren Rausch woanders aus.“

„Ich bin Emmius Brookmer vom Orden der Nachtwache“, erklärte nun der Fremde ruhig.

Er klang dabei fast feierlich.

„Ach, und Sie sind Geisterjäger?“

„Auch.“

„Was denn bitte sonst noch?“

„Die Nachtwachen jagen alle Geschöpfe der Nacht, die die Menschen plagen. Vampire, Werwölfe, Incubi und Geister sind genauso unsere Beute wie Kobolde, Wechselbälger oder verfluchte Gegenstände.“

Theodor wollte lachen, laut lachen über diesen armen, offensichtlich irren Mann.

Doch er zögerte. Etwas in ihm glaubte dem Mann. War denn die Frau heute nicht seltsam gewesen? Hatte ihr Schlag nicht etwas Fremdartiges, Übernatürliches gehabt?

„Woher wissen Sie davon?“, fragte Theodor, um etwas Zeit zum Nachdenken zu bekommen.

„Wir haben eine Ordensvertretung in Emden und bekommen Nachricht, wenn sich Dinge ereignen“, erwiderte Emmius ausweichend.

Er kratze sich am stoppeligen Kinn und schien nach den richtigen Worten zu suchen.

„Ich sehe ein und verstehe, dass Sie skeptisch sind“, setzte er an, „aber ich kann Ihnen vielleicht helfen. Geben Sie mir einfach eine Chance.“

In Theodors Kopf rasten die Gedanken, Zweifel und Neugier wechselten im Takt seines Herzschlags.

„Okay“, entschied er dann.

„Gut. Nehmen Sie die Hausschlüssel. Wir fahren sofort los.“

Als Emmius sich umwandte und zu dem offensichtlich ihm gehörenden Opel Kadett ging, konnte Theodor sehen, dass der Mann ein Schwert auf dem Rücken trug. Worauf hatte er sich da nur eingelassen?

5

Das Haus lag dunkel da. Die Nacht wurde von einem klaren Halbmond beschienen. Nur wenige Wolken trübten das Licht kurz.

„Herrlich, nicht?“, fragte Emmius.

„Was?“

„Der Sternenhimmel. Man kann hier, so weit von den Lichtern der Stadt, mit bloßem Auge manchmal Sternennebel am Himmel sehen.“

Auf Theodors befremdlichen Blick hin fügte Emmius hinzu: „Nur weil ich meinen Job mache, muss ich nicht blind sein für eine schöne Blume am Wegesrand.“

Theodor schüttelte langsam den Kopf. Er war im Nirgendwo mit einem Irren mit Schwert auf Geisterjagd.

Sie gingen zur verschlossenen Haustür. Das Abschließen hatte ja die Polizei erledigt.

Langsam wurde Theodor mulmig zumute.

„Wenn sie so nett wären“, bat Emmius mit Blick auf die Tür.

Theodor folgte seinem Blick einen Moment verdutzt, bevor er begriff.

„Ja, natürlich.“

Er öffnete die Tür und trat hinter Emmius ein.

„Und nun?“, fragte Theodor in die Stille hinein. Vor ihnen lag der Flur im Dunkeln.

Emmius sah sich kurz um, fand den Lichtschalter und betätigte ihn.

Im Licht sah der Flur plötzlich nur noch halb so unheimlich aus.

„Ist nur halb so gespenstisch, nicht?“, fragte Emmius.

Er ging den Flur entlang und sah in die abgehenden Räume.

„Jetzt muss sie nur noch auftauchen“, setzte er an. „Haben Sie etwas Bestimmtes berührt, als sie kam, oder“, weiter kam Emmius nicht. Hinter der Tür, die er öffnete, stand sie. Die Frau in Weiß.

Sie verzog das Gesicht zu einem Schrei und schlug nach ihm.

Theodor schrie entsetzt auf, als Emmius nach hinten gegen die Wand geschleudert wurde.

Die Frau trat durch die Tür auf Emmius zu, doch dann hielt sie inne.

Ihr Blick wandte sich Theodor zu und es blitzte in ihren Augen. Sie erkannte ihn, wurde Theodor plötzlich klar. Mit schnellen Schritten kam sie auf ihn zu. Gerade als ihre Hand ihn berühren wollte, trat eine Klinge aus ihr hervor. Sie schnitt durch sie hindurch wie durch Nebel und die Frau löste sich auf. Emmius stand nun da, das Schwert noch immer fest umklammert. Die silberne Klinge schien leicht zu leuchten.

Langsam verblasste es.

„Nächstes Mal würde ich an Ihrer Stelle einfach weglaufen oder ausweichen“, bemerkte Emmius und entspannte seine Haltung. Er behielt das Schwert locker in der Rechten.

„Nächstes Mal?“, fragte Theodor entsetzt. „War es das nicht? Ist sie nicht weg?“

Emmius schüttelte den Kopf.

„Die Magie, die die Seele hier hält, ist ungebrochen. Ich habe sie nur ... wie erkläre ich das Ihnen? Sie ist zerteilt, muss sich neu zusammensetzen und sammeln.“

Emmius nahm einen Ring aus der Tasche, den ein für Theodors Geschmack viel zu großer Bernstein zierte.

„Jeder Geist hat einen Grund, hier zu sein“, erklärte Emmius. „Manche sind es wegen Gefühlen, Rache, Liebe oder etwaigen offenen Rechnungen. Das ist aber selten. Manche sind hier, weil sie ein Zauber bindet. Danach suche ich damit.“

Er hielt den Beinsternring hoch.

„Direkt aus der Zweigstelle Emden geliehen. Er verstärkt mein Gespür für verzauberte Dinge. In einem normalen Haus sollte da dann auch nichts sein.“

Theodor nickte, als würde er alltäglich über derartig absurde Dinge reden.

Eine Weile wanderte Emmius scheinbar ziellos durch das Haus. Er nahm immer mal wieder etwas in die Hand, betrachtete es und stellte es dann zurück.

Theodor folgte ihm im Abstand von ein paar Metern. Einerseits wollte er weder stören noch etwas abkriegen. Wer garantierte ihm, dass diese Magie für ihn nicht irgendwie gefährlich war?

Andererseits wollte er in Emmiuss Nähe sein, falls der Geist erneut auftauchte.

Sie waren inzwischen im zweiten Stock. Emmius öffnete eine Tür in etwas wie ein Gästezimmer und erstarrte. Der Bernstein an seinem Ring glomm aus seinem Innersten heraus.

Ansonsten wurde das im Dunkel liegende Zimmer nur von der Frau in Weiß erhellt. Regungslos stand sie da und blickte aus dem Fenster. Trauer lag in ihren Zügen.

Sie schien in weite Ferne zu schauen.

Theodor hielt den Atem an aus Angst, sie könnte ihn bemerken.

Tatsächlich ging ein Ruck durch sie und sie blickte zu ihnen.

Doch kein Hass veränderte ihre Züge. Sie sah nur müde und enttäuscht aus.

Ihr Blick wanderte zur Decke. Dann plötzlich fixierte sie Emmius.

Sie löste sich auf, verblasste wie Rauch und war einfach weg.

„Warst du das?“, fragte Theodor und vergaß völlig, dass Emmius ein Fremder für ihn war.

Emmius schüttelte den Kopf.

„Das war sie. Vielleicht will sie uns etwas sagen!“

„Vielleicht?“

„Wäre jeder Geist gleich, wäre das alles viel einfacher. Da es mal Menschen waren, sind sie alle verschieden, alle etwas eigen, will ich mal sagen.“

„Und was, denkst du, wollte sie sagen?“

Er deutete auf die Decke.

„Dachboden?“, spekulierte Emmius. Er zuckte die Schultern.

„Es ist einen Versuch wert und besser als nichts tun“, stellte er pragmatisch fest. Es führte eine schmale, sehr steile Treppe zum Dachboden herauf.

Mit Taschenlampen bewaffnet stiegen sie hinauf, Emmius mit gezücktem Schwert, was bei der steilen Treppe alles andere als leicht war.

Der niedrige Dachboden war voller Gerümpel aus vielen Generationen. Im Dunkel schwebte der Geist.

Emmius fasste das Schwert fester, doch in dem Moment war der Geist schon wieder verschwunden.

Emmius ging zu der Stelle, an der der Geist gewesen war, und hielt den Ring hoch. Er leuchtete wieder, Theodor kam es sogar so vor, als ob er stärker leuchtete als zuvor.

„Das ist es“, hauchte Emmius. Theodor trat neugierig näher.

„Was ist es?“

„Die Lösung.“ Emmius deutete auf kleine Zeichen, die quer über einen alten Balken des Dachgestühls verliefen.

„Dieses Geschmiere? Ich denke, das waren die Kinder der Besitzerin, als sie klein waren“, sagte Theodor ungläubig. Manche Zeichen schienen sich zu wiederholen, fiel ihm auf.

Emmius leuchtete die Zeichen mit seiner Taschenlampe an und fuhr sie mit dem Finger nach.

„Das sind Hexenrunen. Sie berichten von einer Frau“, er zögerte. „Diese hier wurden von einer Hexe geschrieben, die jemanden bestrafen wollte. Sie hat die Tochter des Hausherren verflucht, als Geist hier auf ewig zu wandeln.“

„Wieso? Was hat sie getan?“

„Es gab da wohl einen Mann“, erklärte Emmius und entfernte ein paar Spinnweben, die ihm die Sicht versperrten.

„Der Mann umwarb die Frau, aber sie spielte mit ihm. Dann muss ihr Geist nun hier ewig ausharren.“

„Wieso steht das dort alles?“

„Hexenrunen sind kompliziert. Ich kann sie lesen, würde aber nicht wagen, sie zu verwenden. Ein Zauber damit muss Wer, Warum und eine Auflösung enthalten.“

„Auflösung?“

„Ein Ausweg. Wie man den Geist befreit, den Zauber bricht.“

„Und wie?“

„Das fehlt hier“, stellte Emmius resigniert fest. „Sie muss echt sauer gewesen sein. Es verstößt gegen die Regeln der meisten Hexenschwesternschaften. Damals war es sicher nicht anders, das hätte eine schlimme Strafe für sie bedeutet.“

Er sah sich die Runen genauer an. Dabei schüttelte er langsam den Kopf.

„Wie kann man den Geist nun befreien?“

„Hier“, sagte Emmius und drückte Theodor sein Schwert in die Hand.

„Ich werde geschwächt durch das Ritual, das ich vorhabe. Falls ich unterbrochen werde, kann das böse enden, vor allem für mich. Du musst mich verteidigen.“

„Wieso sollte der Geist das verhindern?“

„Sie wird es vielleicht nicht absichtlich tun, aber das Auflösen des Zaubers wird ihr vielleicht eine Form von Schmerz verursachen.“

„Aber... “, setzte Theodor an, doch Emmius brachte ihn mit einem Blick zum Schweigen.

Emmius drehte den Ring, so dass der Bernstein in seiner Handfläche war, und hielt in nahe über die erste Rune.

„Magie ist Wille“, rezitierte Emmius leise. Theodor hatte nicht das Gefühl, dass Emmius mit ihm sprach. Es war eher wie ein Mantra, sein persönliches Vaterunser.

„Mein Wille verändert die Realität, denn er ist ein Teil von ihr. Wie ein Wassertropfen auf die Oberfläche schlägt und Wellen verursacht, so verursache ich etwas.“

Die letzten Worte waren bereits so leise, dass Theodor sie kaum verstand.

Emmius schien noch mehr zu sagen, doch es war nun zu leise.

Theodor wandte mühsam den Blick ab und sah sich auf dem Dachboden nach der Frau in Weiß um.

Er hoffte inbrünstig, dass er nichts sehen würde, was bedrohlich war. Er wimmerte leise, als er doch etwas sah. Sie. Langsam, fast gemächlich, kam sie auf ihn zu. Ihr Gesicht war eine Mischung aus Neugier und abgrundtiefer Abneigung.

„Bleib stehen“, sagte Theodor und versuchte dabei so selbstsicher wie möglich zu klingen.

Er war ein erwachsener Mann, verdammt! Wut stieg in ihm auf. Das würde er doch hinkriegen, dachte er.

Er warf einen kurzen Blick über die Schulter und sah, dass Emmius die Augen geschlossen hatte. Er murmelte immer noch und inzwischen leuchtete der Stein am Ring stark.

Die Hälfte der Symbole war inzwischen verschwunden! Das Holz wirkte an diesen Stellen leicht verbrannt. Es erinnerte Theodor an vernarbte Haut.

Schmerz traf Theodor und ließ ihn zurücktaumeln. Der Geist hatte ihn geschlagen, es brannte wie Feuer, wo ihn die Faust berührt hatte. Er zwang sich zur Ruhe und umklammerte das Schwert mit beiden Händen.

Seine Knöchel traten weiß hervor.

Er holte aus und schlug, einen Schrei auf den Lippen, nach der Frau. Sie wich einen Schritt zurück und schlug erneut nach ihm.

Diesmal brachte ihn der Schmerz so aus der Fassung, dass er hinfiel.

Verzweifelt hielt er das Schwert umklammert.

„Emmius“, rief er entsetzt, doch dieser hörte ihn scheinbar nicht. Oder, ging es Theodor durch den Kopf, er ignorierte ihn.

Theodor riss sich zusammen und sprang auf. Er vollführte einen senkrechten Hieb gegen den Geist. Wieder wich sie ihm mit Leichtigkeit aus.

Verzweifelt hackte und schlug Theodor nach ihr, so dass er sie schließlich doch traf!

Sie stöhnte kurz auf, dann löste sie sich in Rauch auf.

Theodor blickte sich euphorisch nach Emmius um.

„Ich hab‘s geschafft!“, jubelte er triumphierend.

Emmius stand immer noch flüsternd und in sich versunken da. Theodor konnte sehen, wie das letzte Symbol regelrecht schmolz. Es schien einfach flüssig zu werden und mit dem Holz zu verschmelzen.

Emmius öffnete die Augen, Schweiß bedeckte seine Stirn.

„Es ist vollbracht“, stellte er mit schwacher Stimme fest. Als Theodor ihm die Klinge reichte, benutzte Emmius sie als Stütze.

„Glückwunsch“, bemerkte Emmius beiläufig. „Du hast den Geist vertrieben.“

Er steckte das Schwert schließlich weg und ging zur Treppe. Seine Schritte waren etwas unsicher, so als wäre er müde oder geschwächt.

Theodor folgte ihm eilig. So ganz geheuer war ihm das dunkle Haus doch noch nicht.

„Wenn wir sie befreit haben“, überlegte Theodor, als sie zum Ausgang des Hauses gingen, „warum griff sie dann an? Nur wegen der Schmerzen?“

„Schmerzen können eine ziemliche Motivation sein. Vielleicht waren es aber auch Jahrhunderte der Wut und Verzweiflung? Wie lange kann ein Verstand in einem Gebäude ausharren, ohne verrückt zu werden?“, spekulierte Emmius.

„Wo ist sie dann nun hin?“, kam Theodor ein Gedanke.

„Wie, wohin?“

„Himmel, Hölle, Nirwana? Wenn es Geister gibt ...“

„Das zu wissen ist nicht an uns“, erklärte Emmius entschieden. „Die Nachtwache ist ein evangelischer Orden. Wir sind zufrieden damit, dass wir es irgendwann herausfinden werden. Wir glauben an einen gerechten Gott.“

Theodor kratzte sich nachdenklich am Kinn.

„Geister“, murmelte er.

„Macht es dich nachdenklich?“

Theodor nickte. „Es wirft Fragen auf, wenn es Geister gibt.“

Emmius lächelte wölfisch. „Stelle dir dann mal vor, was es zu grübeln gibt, wenn das dein Beruf ist.“

„Wenn sie wiederkommt... “, setzte Theodor an, als sie die Haustür erreichten.

Emmius unterbrach ihn.

„Wird sie nicht. Falls aber doch, sei unbesorgt. Wir, die Nachtwache, werden davon erfahren.“

Mit diesen Worten drehte er sich um und ging zu seinem Wagen. Theodor sah zu, wie er in der Dunkelheit verschwand.

ENDE

Mein Freund, der Zwerg

von Hendrik M. Bekker

1

„Du wirst heute Abend länger bleiben, und zwar für jede Minute, die du zu spät warst, eine Viertelstunde“,  keifte mich Herman Rilisky an. Er leitete das Museum, in dem ich mein Praktikum verbrachte. Wobei „abarbeitete“ vielleicht eher passte. Eigentlich war es eine tolle Idee gewesen, zumindest solange es nicht Realität war. Man muss ein schulisches Praktikum machen, um Erfahrungen in der richtigen Berufswelt zu sammeln, du hast einen Monat keine richtige Schule, keine Hausaufgaben. Klang super. Okay, das Finden eines Jobs war schon schwerer, denn was bleibt einem jungen, eher bequemen, geschichtsinteressierten Kerl an Auswahl, wo man ein Praktikum machen könnte. Irgendwie bin ich dann beim Museum gelandet, ein Kumpel eines Freundes meiner Tante, hatte mir dazu verholfen, vielleicht war da aber auch noch irgendein anderer Verwandter mit beteiligt, was weiß ich.

Jedenfalls, war ich heute einmal wieder zu spät, ich hatte verschlafen und durfte nun vier Stunden länger arbeiten, so viel konnte ich im Kopf schon mitrechnen.

Ich arbeitete mehr oder weniger als Mädchen für alles, ich war Putzkraft, Dinge-Herum-Schieber und eigentlich für alles da, was anfiel.

2

Ich verbrachte die nächsten Stunden damit, das zu tun, was die Putzfrauen irgendwie nie so richtig hinbekamen, nämlich hier sauber zu wischen. Ich gebe zu, ich bin selbst kein sehr ordentlicher Mensch, aber Rilisky konnte dafür sorgen, dass man seinen Charakter gerne änderte. Er war irgendwas über 60, sicher nicht mehr lange von der Rente entfernt und hatte mit Geschichte wenig am Hut, er war das, was ich einen lupenreinen Bürokraten und Erbsenzähler nennen würde. Was ihm auch alles menschlich fehlte, das machte er durch sein Organisationstalent wieder weg. Ansonsten wäre er vermutlich auch nicht immer noch der Leiter dieser Einrichtung. Während langsam das Licht der untergehenden Montagssonne hinter den Fenstern schwächer wurde, kam ich schlussendlich in der hintersten Abteilung der sechs Oberbereiche an. Finsteres Mittelalter. Hier gab es alles, von Rüstungen, Schwertern bis hin zu Kirchenverzierungen, wie zum Beispiel Gargoyles und anderen Teufelsfratzen, die Dämonen fernhalten sollten. Plötzlich tippte mich jemand an der Schulter an und ich nahm meinen Kopfhörer aus dem Ohr.

Details

Seiten
200
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738912128
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v373104
Schlagworte
gold geister unheimliche geschichten

Autor

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Titel: Gold und Geister: Unheimliche Geschichten