Lade Inhalt...

Ein Auswanderer-Roman: Die Zeit gehört uns - "Tied is all us'n"

2017 160 Seiten

Leseprobe

Ein Auswanderer-Roman: Die Zeit gehört uns - "Tied is all us'n"

Hendrik M. Bekker

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2017.

Die Zeit gehört uns - Tied is all us‘n

Ein Auswanderer-Roman

von Hendrik M. Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 169 Taschenbuchseiten.

Es ist das Jahr 1861 in der ostfriesischen Hafenstadt Emden. Zwischen dem Kaufmannslehrling Jan Winter und der Bauerntochter Wiebke Onnen entspinnt sich eine junge Liebe. Diese wird jedoch auf eine harte Probe gestellt, als sich Wiebkes Familie entschließt, nach Amerika auszuwandern ...

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© Cover by  Anton Gag: Attack on New Ulm, Interpretation von 1904.

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Kapitel 1: Was Besseres als den Tod finden wir allemal

Johann Onnen sah besorgt auf seine Felder unweit der ostfriesischen Hafenstadt Emden. Es war kein guter Sommer dieses Jahr. Es war das Jahr 1861, die Welt war seiner Meinung nach wieder ein wenig mehr zur Normalität zurückgekehrt. Diese unsägliche Revolution 1848 hatte ihm nicht behagt. Das war noch gar nicht so lange her, dachte Johann, aber es kam ihm vor wie eine Ewigkeit. Die Revolution war in seiner Familie ein wichtiges Thema gewesen. Ihm behagten allerdings in letzter Zeit viele Dinge nicht. Dazu gehörten Veränderungen allgemein, aber auch im Speziellen. Er war der Meinung, das Leben sei wie ein solides Haus: Änderte man etwas Grundlegendes wie das Fundament, musste man auch weiter oben umbauen. So setzte sich eine Veränderung fort und fort. Leider trug aber das Fundament nicht mehr, ging es ihm traurig durch den Kopf. Die Ernte war schlecht gewesen, der Hof klein und gepachtet. Er seufzte und ging nach Hause. Eine Veränderung, das war ihm klar, war unvermeidbar.

*

Jan Wilhelm Winter sah mit großen Augen von seinem Fenster aus zu, wie ein Wagenzug haltmachte. Der Zirkus war in der Stadt Emden schon länger nicht gewesen. Jan war begeistert. Trotz seiner zwanzig Jahre fand er den Zirkus großartig. Denn wohin konnte man ein junges Mädchen ausführen, ohne beaufsichtigt zu sein?

Das war ein wirkliches Problem für ihn. Er war nun zwanzig Jahre alt, also seiner Meinung nach quasi ein Mann. Doch deswegen war es schwer, an seine Angebetete oder irgendeine Frau von guter Erziehung heranzukommen. Nicht dass er unlautere Absichten gehabt hätte. Nicht direkt, es war ja schließlich nicht unlauter, wenn man verliebt war, oder? Der Zirkus war die Gelegenheit, endlich seine angebetete Wiebke auszuführen. Als Kinder hatten sie noch näher beieinander gewohnt und oft hinterm Deich gemeinsam gespielt. So unbeschwert war aber an eine junge Frau nicht mehr heranzukommen, wie Jan festgestellt hatte. Jans heimlicher Wunsch war es, sie zu ehelichen. Doch dazu musste er bei ihrem Vater noch viel Überzeugungsarbeit leisten und brauchte natürlich ein anständiges Gehalt.

Der letzte Zirkuswagen war von Bord des alten Schiffes, das am Delft lag, herunter. Das war eine Bucht, ein Hafenteil im Herzen Emdens. Delft kam von delven, sagte Jans Vater Jakob, und hieß eigentlich so viel wie graben. Der Ratsdelft war also vermutlich einmal künstlich angelegt worden.

„Jan, komm runter, das Essen ist fertig“, tönte der Bass seines Vaters Jakob Winter herauf. Am Esstisch saß bereits Swantje van Dyke, ihre Haushälterin, neben seinem Vater. Frau van Dyke hatte beim Pastor ein Zimmer, denn sie war Witwe und machte hier bei Jan und seinem Vater den Haushalt. Sie war die Cousine des Pastors. Deswegen gab er ihr kostenlos ein Zimmer, aber für Kost musste sie anderer Leute Haushalt machen. Sie war zehn Jahre jünger als Jans Vater, aber nochmal heiraten wollte sie keiner. Es hieß, sie könne keine Kinder bekommen. Jan bekam einen dampfenden Teller Eintopf gereicht. Kochen konnte sie auf jeden Fall, soviel war sicher. Seit Jans Mutter tot war, hatte es eine Weile gedauert, bis Jakob Winter sich endlich eine Haushälterin gesucht hatte. So war Swantje van Dyke in Jans Leben getreten. Vor ihr hatte die Hausarbeit für ein paar Jahre Frau Althusius gemacht, aber die hatte aufgehört. Sie sagte, sie hätte es seit einiger Zeit mit dem Rücken und bekäme gerade noch den eigenen Haushalt hin.

„Großer Gott, wir danken dir, denn du bist freundlich und deine Güte währet ewiglich“, beteten sie gemeinsam. Jans Vater nahm es mit dem Gebet sehr genau. Einer von Jans Onkeln sagte, das sei erst seit dem Tod von Jans Mutter so.

Als sie begannen zu essen, sprach Jan vorsichtig seinen Plan an.

„Herr Vater, was halten Sie von dem Zirkus?“, fragte Jan.

„Na, ein Zirkus ist nicht alle Tage, Rummel aber schon“, gluckste dieser beim Essen. Rummel bedeutete im Plattdeutschen auch einfach „Durcheinander“. Jan schmunzelte ehrlich und nickte.

„Ich wollte wohl gerne die Tochter von Herrn Onnen ausführen. Was halten Sie davon?“

„Du meinst das Bauernmädchen? An der hast du ja einen Narren gefressen.“

Jan nickte verlegen und spürte, wie seine Ohren rot wurden.

„Ja, Vater.“ Sein Vater hatte immerhin durch und durch recht.

„Na, mach du mal. Ich glaub aber nicht, dass sie die Beste wäre“, sagte sein Vater dann. „Der alte Onnen verdient nicht gut und nach deiner Ausbildung beim alten Brookmer stehen dir ein paar andere Türen offen.“ Er nahm einen weiteren Löffel Eintopf. „Aber du musst es ja mit ihr zusammen aushalten“, fügte er mit einem warmen Lächeln hinzu.

*

Jans Herz schlug ihm bis zum Hals, als er eines der drei Pferde seines Vaters sattelte. Heute hatte er sich ein Herz gefasst. Heute würde er nicht nur Wiebke sehen, er würde ihre Eltern bitten, sie mit ihm zum Zirkus zu lassen. Der Zirkus wurde mit Musik und Tanzabend organisiert und Jan hoffte auf einen guten Abend. Er nahm eines der kräftigeren Pferde. Immerhin sollte es eine gute Figur machen. So wie er. Er trug seinen guten Gehrock, den ohne einen Flicken, und hatte seine Schuhe frisch geputzt. Der Ritt dauerte eine gute halbe Stunde, dann lag das kleine Haus der Onnens vor ihm. Das reetgedeckte Dach war fast bis zum Boden gezogen. Es waren einige Nebengebäude dabei, teils mit dicken Platten aus Grasnarbe bedeckt. Diese Soden schnitt man aus der oberen Moorbodenschicht. Diese preiswerte Art, das Dach zu decken, hielt sich schon lange hier in der Gegend, vor allem bei den Moorkolonisten. Der Hof war in keinem guten Zustand. Die Platten aus Grasnarbe, mit denen das Dach gedeckt war, sprachen eine ähnliche Sprache. Johann Onnen schien im Moment nicht sonderlich viel im Geldbeutel zu haben. Doch wenn Jan erst beim alten Brookmer fertig war, würde er schon ein anständiges Einkommen für Wiebke haben.

Sollten ihre Eltern doch knapp bei Kasse sein, das verbesserte nur Jans Position. Immerhin war wichtig, was Wiebkes Vater von ihm hielt.

Die grünen Wiesen und Felder waren größtenteils bestellt. Gut sah die Ernte aber nicht aus. Es war auch nicht der erste kalte Sommer in den letzten Jahren. Viele Regentage hatten der Ernte allgemein geschadet. Jan merkte das ebenso bei der Arbeit für den alten Brookmer. Dieser handelte schließlich hauptsächlich mit Getreide. Die Preise stiegen und fielen natürlich immer wieder. Doch stiegen sie in letzter Zeit und das würde die Saatgutpreise in die Höhe treiben. Dennoch war der Getreidepreis, wie auch das Wetter, schwer vorherzusagen.

Jan trat an die dunkle schmucklose Holztür. Auf der gegenüberliegenden Seite des Hauses gelangte man in die Scheune, der hinter der Tür befindliche Teil war der Wohnteil. Er war nicht sonderlich groß, das Haus schon älter. Er klopfte mit geballter Faust dreimal kräftig, damit man es auch hörte. Dabei versuchte er seine Nervosität nicht zu zeigen. Er wollte als Mann auftreten, nicht als Junge!

Einen Moment lang passierte nichts. Dann öffnete ein grantig dreinblickender Mann mit weißem Hemd und schwarzer Hose die Tür. Er hatte eine Hand hinter seine Hosenträger geklemmt, die andere am Türgriff. Sein dichter Bart reichte bis zu den klaren blauen Augen hinauf, mit denen er Jan musterte. Jan stellte zu seinem Entsetzen fest, dass seine gut zurechtgelegte, wohlüberlegte Rede einfach wie weggeblasen war. Sein Kopf war wie leer. Doch er war hier und wollte jetzt ein Erwachsener sein. Wat mutt, dat mutt, wie der alte Brookmer immer sagte.

„Jan Wilhelm Winter mein Name“, begann er.

„We koopen neit“, fuhr ihm der Alte dazwischen.

„Das trifft sich gut, ich will auch nichts verkaufen“, erwiderte Jan. „Ich will Ihre Tochter auf den Zirkus ausführen, der im Moment in Emden gastiert.“

Der Mann musterte ihn.

„De kleene Wilm“, stellte er fest. „Wiebke het van di vertellt.“

Jan erwiderte mit einem schüchternen Lächeln: „Ja, seit meiner Konfirmation ist eine Weile vergangen.“

Johann nickte nur stumm und dachte darüber nach, wie der kleine Jan Wilhelm Winter seit seiner Konfirmation doch in die Höhe geschossen war.

„Jo, ick frog mal Wiebke“, stellte Johann Onnen dann fest, als Jan nichts mehr sagte. Damit war für ihn die Unterhaltung beendet und er schloss einfach vor Jans Nase die Tür, anstatt ihn hereinzubitten.

Die Leute sagten wohl nicht umsonst, dass Johann Onnen ein echter Bauer war ...

*

Johann Onnen verweilte kurz in der schmalen Diele seines Hauses. Der Junge war gut gekleidet und ganz schön aufgeregt. Verdammt, dachte Johann, das sollte er auch sein! Es ist immerhin meine Tochter, die er ausführen will.

Er wusste noch gut, wie er seine Frau Trientje das erste Mal ausgeführt hatte. Es war nicht die allererste Frau, aber die erste, die ihm so viel bedeutet hatte. Manchmal flocht sie sich wieder ihre braunen Haare zu den beiden Zöpfen, die sie damals so oft getragen hatte. Sie brachte ihn damit immer in Stimmung, das wusste sie so gut wie er. Doch solche kleinen Beeinflussungen musste man sich gegenseitig nachsehen, fand er.

Er trat in die Küche. Wiebke war dabei, ein Huhn zu rupfen.

„Kannst du mi vertellen, vel Jan Winter was?“, fragte Johann.

Johann sah sofort den Ruck, der durch seine Tochter fuhr. Alle hielten ihn immer für einen Stoffel, aber das war er nicht. Er hatte nur mit den Jahren den Willen verloren, es immer allen recht zu machen. Er sah durchaus all diese kleinen Regungen, mit denen seine Mitmenschen ihre Gefühle verrieten.

„Ja, ich sehe ihn manchmal“, sagte Wiebke mit ruhiger und gewollt gefasster Stimme. Doch Johann wäre nicht ihr Vater gewesen, wenn er nicht gemerkt hätte, dass sie aufgeregt war. Er ließ es unkommentiert, dass sie ins Hochdeutsche gerutscht war.

„Hey vil mit di no de Rummel, in Stadt is Zirkus“, stellte ihr Vater fest. Sie rupfte weiter, langsamer, bedachter, beinahe lauernd auf seine nächsten Worte.

„Is he vör de Dör, Vader?“, fragte sie.

„Jo.“

„Vader! Ick wunder me“, sagte nun Wiebke. Dabei traf sie den Ton ihrer Mutter erstaunlich genau, sehr zu Johanns Amüsement. „Wullt du hum net rinlaaten?“

„Ma, wullt hum veliecht net sehn?“, verteidigte sich Johann halbherzig. Er wollte sie aus der Reserve locken, nur ein klein wenig. Es gelang ihm.

„Kloor, ick will hum sehn!“, platzte es aus Wiebke heraus. Johann verkniff sich ein Lächeln, als seine Tochter puterrot anlief und wieder das Huhn rupfte, diesmal schneller, energischer.

„Hmm“, sagte er. „Joa, dann sech ick hum, dat he di later utführen mach. Is gaut?“

Wiebke nickte steif, drehte sich aber nicht zu ihm herum. Ihre roten Wangen waren ihr sichtlich peinlich. Johann Onnen lächelte und verkniff sich jede weitere Bemerkung. Dabei kam ihm ein Wilhelm-Busch-Zitat aus der Schule in Erinnerung, das er immer in Gedanken sagte, wenn er nicht sicher war, ob er schweigen sollte. Meist schwieg er dann. Dumme Gedanken hat jeder, aber der Weise verschweigt sie, zitierte er den klugen Satz in Gedanken. Doch wo genau hatte Busch das geschrieben? Johann überlegte, als er zur Tür zurückging. Er kam nicht drauf. Jan stand noch vor der Tür, als Johann sie öffnete. Er war etwas aufgeregt, hatte sich aber für Johanns Geschmack gut unter Kontrolle.

„Nu komm mal rin. Wiebke is in Köiken, dat du ouk noch vör Abend mit her prouten kannst“, sagte Johann auf Plattdeutsch. Johann nickte ihm aufmunternd zu und ging zur Küche. Wo die lag, war nicht schwer zu erraten. Wiebke schnitt laut und vernehmlich Gemüse. Das Huhn würde für eine Hühnersuppe ausgekocht werden. Kurz hatte Johann den Drang, mit in die Küche zu gehen, ließ es dann aber. Nicht dass er neugierig gewesen wäre, aber er erinnerte sich gut daran, jung gewesen zu sein. War das nicht erst gestern gewesen? Na ja, gestand er sich ein, vielleicht vorgestern. Er ging in die gute Stube. Er wollte noch etwas lesen, bevor er zeitig zu Bett musste. Morgen war Sonntag und Johann half als Orgelspieler in der kleinen Kirche nicht weit von hier aus. Es war ein gutes Zubrot, da der Hof inzwischen mehr Ärger machte, als dass er etwas abwarf. Dazu kam noch die Pacht ... Von der guten Stube her hörte er die Schritte seiner Frau im Haus. Sie wurde auffallend leise und langsam im Flur und schien Geräusche zu vermeiden. Johann musste schmunzeln.

*

Liebe Lotte,

mein letzter Brief ist etwas her. Du glaubst es nicht: Er war vorhin bei mir! Jan Wilhelm Winter will heute Abend mit mir auf den Rummel, denn der Zirkus ist in der Stadt. Es ist endlich so weit! Lange schon schwärme ich für ihn. Aber er scheint das nicht zu bemerken! Oder muss ich direkter sein? Ich weiß, dass du das immer sagst. Aber ich traue mich nicht. Schreib jetzt nicht, dass ich dann selbst schuld bin, liebe Cousine. Es kann nicht jede so kess sein, wie du. Ich werde den Brief fortsetzen, wenn der Abend vorbei ist.

Deine Wiebke

*

Es war ein lauer Abend, als Jan mit der Kutsche bei Wiebke Onnen vorfuhr. Er sah nicht, dass am Dach etwas repariert werden musste und auch nicht die abgetragenen Schuhe von Johann Onnen. Er hatte nur Augen für Wiebke. Sie hatte ihr schwarzes Sonntagskleid an und die braunen lockigen Haare hochgesteckt, sodass mehrere kleine Zöpfe hinten an ihrem Kopf in einen Dutt zusammenliefen.

„Fräulein Onnen“, sagte Jan und verneigte sich etwas übertrieben für Johanns Geschmack. Wiebke hingegen spürte eine wohlige Wärme in ihren Wangen aufsteigen. Die Familienkutsche stand hinter Jan. Sie war herausgeputzt und sah beinahe wie neu aus. Kurz überlegte Wiebke, ihn zu duzen, verwarf den Gedanken aber. Sie waren ja nicht einmal verlobt!

„Herr Winter, wir können“, sagte sie und ließ sich von ihm auf die Kutsche helfen. Es war ein schöner Abend, ein leichter Wind wehte. Gemeinsam fuhren sie in Richtung Emden.

*

Johann Onnen sah seiner Tochter durch das Fenster nach.

„Nun hab dich nicht so, soll ich dich etwas ablenken?“, sagte seine Frau Trientje auf Platt und umarmte ihn von hinten. Johann lächelte unvermittelt. Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange.

„Es ist nur, du weißt, wie ungewiss die Zukunft ist“, sagte er langsam. Die Worte bereiteten ihm merklich Schwierigkeiten. Sie nickte an seine Schulter geschmiegt.

„Das war sie doch immer. Ich vertraue darauf, dass du das Schiff schon auf Kurs hältst. Wie immer. Wir werden sehen.“

Johann nickte.

*

Jan ging ging mit stolzgeschwellter Brust über den Rummel. An seiner Seite hatte er die wunderschönste Frau, die er sich wünschen konnte und sie strahlte ihn an. Ihr Lächeln war ansteckend und ihre Wangen glühten lebhaft.

„Was halten Sie also davon?“, fragte Wiebke an Jan gewandt. Sie deutete auf eine Gruppe schwarzhäutiger Männer und Frauen, die auf einem Podest standen. Daneben war ein Zelt, darin sei, laut der Reklametafel daneben, ein echtes Hottentotten-Dorf aufgebaut. Eine kleine Plakette bedankte sich für finanzielle Unterstützung durch die belgische Kolonialverwaltung.

„Wenn Sie wollen“, sagte Jan. Er hatte schon dunkelhäutige Menschen gesehen. Auf einem Schiff, das für den alten Brookmer fuhr, diente sogar einer als Steuermann. Der Kapitän war ein Bure, ein Nachfahre der Niederländer an der Südspitze Afrikas. Jan fand an den Dunkelhäutigen nichts so fremdartig, wie manche anderen, aber das lag auch daran, dass er Josef Brookmers Einstellung übernommen hatte: Welche Farbe die Hände haben, die eine Arbeit gut erledigen, ist völlig egal. Die Arbeit muss nur gut erledigt werden.

„Ich habe ein Buch aus der Schule, in dem geht es um die Buschkrieger. Laut einer Theorie eines Botanikers namens Charles Darwin sind sie mit uns genauso nahe verwandt wie mit den Affen“, erklärte Wiebke.

„Laut Pater Groothusius auch“, sagte Jan und beide schmunzelten. Ihr Pfarrer Bernhard Groothusius war Verfechter der Idee, die reformierte Kirche sollte Darwins Thesen begrüßen, nicht sich bedroht fühlen. Jan war sich bei Darwins Thesen nicht so sicher, aber die Farbe der Haut war ihm egal, ebenso, ob die zupackende Hand einer Frau gehörte. Auch das war etwas, das ihm immer schon an Wiebke gefallen hatte. Deswegen wollte er sie auch einmal zur Frau nehmen. Sie war nicht nur schön, sondern auch fleißig. Eine dumme faule Schönheit, die reizte ihn gar nicht.

Sie betraten das senfgelbe Zelt. Drinnen war es hell erleuchtet, Dutzende Laternen spendeten Licht. Eine schwarze Familie, in Felle gekleidet, saß um ein kleines Lagerfeuer. Der Rauch zog durch ein Loch in der Zeltdecke ab. Die Frau war obenherum nicht bekleidet und Wiebke blicke etwas neidisch auf die großen, straffen, vollen Brüste der dunkelhäutigen Frau. So sehr scheinen wir uns ja nicht zu unterscheiden, dachte sie, bis auf diese ebenholzfarbene Haut.

„Wenn Sie mal Ihr eigenes Handelshaus haben, fahren Sie dann auch nach Afrika?“, fragte Wiebke. Jan schmunzelte.

„Sicher, warum nicht? Und wer weiß, vielleicht kann ich ja meine Familie mitnehmen. Wenn ich denn eine reiselustige Frau haben sollte“, sagte Jan. Wiebke errötete wieder ein wenig und das lag nicht an der Wärme im Zelt. Sie erwiderte das Schmunzeln.

„Mancher Frau würde das sehr gefallen.“ Sie verließen das Zelt wieder. Als Nächstes schlenderten sie zu einem Schießstand. Dort waren ein paar Luftgewehre, mit denen man auf Dosen schießen konnte.

Jan wollte zeigen, was er für ein guter Schütze war. Er krempelte die Ärmel seines Hemdes hoch und reichte Wiebke seine Jacke. Kurz kontrollierte er seine Taschenuhr, die in seiner Lederweste steckte, und nahm dann das Gewehr. Er zielte und schoss. Jans erster Schuss ging fehl. Er ignorierte die Frustration.

„Na, etwas mehr anstrengen, um der Dame willen“, sagte der Budenbesitzer und lachte fröhlich. Jans Aufregung dämpfte das nicht. Er zielte noch einmal. Diesmal hielt er die Luft an und traf, dann erneut ein Schuss, ein Treffer. Wiebke applaudierte und der Budenbesitzer pfiff anerkennend nach den nächsten beiden Treffern. Als Gewinn gab es schließlich einen kleinen Ring aus Kupfer mit einem Halbedelstein. Er sah aus wie Bernstein, aber Jan war sich sicher, dass es kein echter war. Trotzdem war er schön. Jan nahm ihn entgegen und reichte ihn Wiebke.

„Etwas Seltenes für eine ausnehmende Schönheit, Fräulein Onnen“, sagte er dabei.

Sie lief rot an und nahm ihm den Ring ab. Er passte auf ihren Finger.

„Sie wissen, was es heißt, wenn ein Mann einer Frau einen Ring überreicht, will ich hoffen?“, sagte sie mit gespieltem Ernst.

Er nickte. „Ringe sind zweifellos Versprechen, Fräulein.“

Gemeinsam schlenderten sie weiter über den Zirkus und einer Eingebung folgend ergriff Jan die Hand von Wiebke. Ihre Finger schlossen sich um die seinen, als wollten sie sagen: „Endlich.“

*

„Hey, Jan, wo bist du grad?“, fragte Tönkes Gerdsen. Tönkes lieferte als Torffahrer frischen Torf für die Brennereien, direkt aus dem Herzen Ostfrieslands. Der kräftige Bariton des bulligen Mannes schreckte Jan von seinen Warenlisten auf. Genau genommen war er mit seinen Gedanken nicht bei den Kalkulationen gewesen. Er war bei Wiebke Onnen und dem Abschiedskuss, den sie ihm gegeben hatte. Er war bei dem, was der Kuss verheißen hatte.

„War am Rechnen“, stellte Jan klar. Er hoffte, dass er nicht rot werden würde und bemühte sich, seine Stimme ruhig zu halten. Tönkes hatte eine Stimme, die geeignet war für einen Marktschreier. Er konnte einfach nicht leise reden.

„Ach wat, du warst bei der Frau. Hoffentlich keine vom Schreyers Hoek, ich sag dir, da musst du aufpassen. Sonst juckt das, widerlich ...“, stellte Tönkes fachmännisch klar. Dabei kratzte er sich im Schritt. „Hat mich Wochen und ‘nen teuren Arztbesuch gekostet, dass das aufhört.“

„Oder du triffst da seine Frau, das ärgert Tönkes dann“, rief einer der vorbeigehenden Lastenschlepper rüber. Tönkes spuckte bei der Bemerkung geräuschvoll aus und hob drohend den Arm.

„Dann verdient meine Frau dabei immerhin was, deine treibt’s doch umsonst mit jedem, der ‘ne saubere Uniform hat“, rief er zu dem Lagerarbeiter rüber. Die beiden Männer lachten und der gespielte Ernst verflog. Jan wusste, dass all das nicht ernst war, doch hatte er es erst lernen müssen. Diese Menschen schätzten vor allem eins: Schlagfertigkeit. Das respektierten sie auch, sie stießen so lange nach, bis man sie unter Beweis stellte.

„Nun mal zurück zur Arbeit, Tönkes. Sag, wie war die Ausbeute? Wart ihr fleißig, trotz des miesen Wetters? Die Leute wollen heizen“, fragte Jan. Tönkes lachte herzhaft. Die kleine Lagerhalle, in der sie waren, stand an einem Kanal, der wiederum an das Netz aus Kanälen und Prielen angeschlossen war, das ganz Ostfriesland durchzog. So landeten Getreide und Torf im Lager des alten Kaufmanns Brookmer, der die Waren in alle Welt verschiffte.

„Was heißt hier trotz? Wegen! Ich bringe volle Ladung zum guten Preis, dazu eine lange Bestellliste.“

Tönkes brachte aus Emden immer mit, was die Menschen der umliegenden Dörfer so brauchten. Das gab ihm ein gutes Zubrot. Er brachte vom Besen bis zum Getreidesack alles Wichtige mit, was auf seinen Kahn passte.

Jan verbrachte eine gute Stunde mit dem Auflisten des Torfes, den Tönkes mitgebracht hatte. Es war viel Torf in guter Qualität dabei, die Ausbeute war beachtlich. Der Torf kam aus dem Hochmoor. Wenn das entwässert war, musste man erst mal abbunken, also die oberen Torfschichten entfernen. Die Torfstiche wurden mit der Karre zum Trocknen gebracht, meist auf irgendein abgearbeitetes Feld. Je nach Wetter trockneten die Stücke dann ein paar Monate dort, bis sie so trocken waren, dass sie als Brennmaterial in Frage kamen. Bei diesem feuchten Sommer war es ein Wunder, dass sie so viel Torf trocken bekommen hatten. Der Torf war gut, das sah Jan gleich. Zur Probe brannten er und Tönkes ein Stück an. Als sich der charakteristische Geruch vom Ofen in der kleinen Stube ausbreitete, war Jan vollends zufrieden.

Dann ging es an den schweren Teil, die Verhandlungen. Den einen Teil der Bezahlung wollte Tönkes wie jedes Jahr in Buchweizen zum Aussäen. Jedes Jahr zündeten die Moorkolonisten im Spätherbst eine Schicht des umgeharkten Hochmoores an und säten, nach dem Auslöschen des Feuers, in der fruchtbaren Asche. Buchweizen war ziemlich anspruchslos, was den Boden anging, sodass er dort im Moor gut wuchs. Schließlich einigten sie sich auf einen Preis und eine Menge an Buchweizen-Saatgut.

Am Abend berichtete Jan dem alten Josef Brookmer davon.

„Der Torf geht nach Wittmund, zur Backsteinbrennerei. Der Preis ist gut, mein Kompliment, Herr Winter. Ihr Verhandlungstalent ist beachtlich. Tönkes ist nicht unerfahren und der Preis schon gut. Doch ja, wirklich gut“, sagte Josef Brookmer und stopfte seine Pfeife. Er trug einen ältlichen bequemen Gehrock in schwarzem Brokat über seiner Weste. Er trug ihn immer abends nach getaner Arbeit in seinem Rechenzimmer, wie er sein Arbeitszimmer nannte.

„Dennoch“, sagte er dann und paffte ein paar mal Rauch in die Luft. „Irgendwann ...“

„Irgendwann?“, fragte Jan nach, als der alte Brookmer nicht weitersprach. Dieser schüttelte energisch den Kopf.

„Nichts, nichts. Wissen Sie, dass Sonnabend der Sohn des Pastors Groothusius ein kleines Konzert gibt? Er studiert am Conservatorium der Musik in Leipzig. Es ist eine kleine Runde, wollen Sie sich nicht dazugesellen? Ich weiß doch, wie sehr Sie das Piano schätzen. Beginn ist, glaube ich, um fünf.“

Jan verneigte sich leicht. Im Gegensatz zu Josef Brookmer stand er stets beim abendlichen Rapport im Rechenzimmer. „Ich nehme die Einladung gerne an, Herr Brookmer“, erwiderte er. „Ist es mir gestattet, ein junges Fräulein mitzubringen?“

„Sicher, wer ist denn die Glückliche?“

„Wiebke Onnen, Tochter des Großbauern und Orgelspielers Johann Onnen“, sagte Jan. Brookmer zog eine Augenbraue hoch.

„Der ist nicht mehr Großbauer, mein Junge. Da muss ich Sie enttäuschen.“

„Wie bitte, Herr Brookmer?“

„Es pfeifen die Spatzen von den Dächern, dass er inzwischen Pächter seines eigenen Hofes ist. Irgendwer hat da nochmal Kapital reingesteckt. Aber wenn er die Raten nicht wie eine Pacht bezahlen kann, nehmen sie ihm alles weg. Es ist alles auf tönernen Füßen. Kein Geschäft, in das ich noch investieren würde. Ist die Tochter nicht erst zehn?“

„Sie wird siebzehn, Herr Brookmer.“

„Ach, stimmt. Ihr wurdet gemeinsam konfirmiert, irgendwas war da doch. Sie waren da doch spät dran, nicht wahr?“

„Die Reisen meines Vaters, auf die er mich mitnahm. Sie haben verhindert, dass ich zeitig konfirmiert wurde, deswegen wurde ich gemeinsam mit Wiebke Onnen vom Pastor unterrichtet.“

„Ach ja, stimmt ja. Nun, Reisen bildet ja auch mehr, denke ich unter uns. Eine gute Partie ist sie jedenfalls nicht unbedingt. Aber Sie müssen sich ja überlegen, Herr Winter, worin Sie investieren. Einige meiner fleißigsten Mitarbeiter kamen aus keinen guten Verhältnissen, sind aber ihrem Nest gut entwachsen. Sie können jedenfalls gepflegte Damen gerne mitbringen, da wird der Pastor nichts sagen.“

Er betonte das Wort „gepflegt“ sehr. Jan nahm an, dass der alte Brookmer es tat, weil viele der anderen Gehilfen nach Brookmers Meinung zu offenen Umgang mit unschicklichen Damen hatten, mit solchen Frauen, an denen sie nach Meinung des alten Brookmer keine lauteren Absichten hatten.

„Es kann jedem ja passieren, dass man in wirtschaftliche Not kommt“, konnte sich Jan zur Ehrenrettung von Johann Onnen die Bemerkung nicht verkneifen. Josef Brookmer paffte ein paar Mal, bevor er etwas erwiderte.

„Das ist wahr. Aber man muss auch die Kraft besitzen, Entscheidungen für etwas Neues zu treffen. Keinen Hof pachten, den man schon nicht halten konnte. Manche müssen aber erst mal richtig hinfallen und scheitern, um die richtigen Konsequenzen zu ziehen, zum Beispiel die Profession zu wechseln.“

*

Am Samstagabend führte Jan seine Wiebke aus zur kleinen Kapelle bei Twixlum. Im Anbau sollte das Konzert stattfinden. Jemand hatte ein Klavier herbeigeschafft, damit der Sohn des Pastors Groothusius darauf spielen konnte. Der Sohn, Friedrich, den alle nur Fritz nannten, war in Jans Alter. Das Stück, das er spielte, war von einem gewissen Frederic Chopin, soviel hatte der Pastorensohn erklärt. Das, was dann durch den kleinen Festsaal neben der Kapelle schallte, zog die zwei Dutzend Zuhörer in seinen Bann.

Jan saß zwischen Wiebke und Edward Hoveen, einem älteren wohlhabenden Philanthropen, der für seine Armenspenden in der Stadt bekannt war. Er lebte im Dorf Twixlum vor der Stadt Emden. Jan war sich nicht ganz sicher über Hoveens Beruf. Er hatte dunkel die Erinnerung, dass er als Anwalt und Notar tätig war, auch das ein oder andere Mal für Josef Brookmer.

Fritz Groothusius war recht wohl beleibt. Doch Fritz’ plumpe Bewegungen täuschten. Als er begann zu spielen, war er wie ausgewechselt und bewegte sich elegant. Er wurde beim Spielen vor Anstrengung rot wie ein reifer Apfel, aber sein Spiel war wunderschön. Die Klänge füllten den kleinen Saal neben der Kapelle und ebenso Jans Herz. Hier hatte er mit den anderen Konfirmanden Unterricht gehabt. Hier hatte er zum ersten Mal Wiebke gesehen, fiel Jan wieder ein. Fasziniert sah er Fritz zu. Am Klavier erinnerte Fritz an einen Fisch im Wasser. Die Melodie des Klaviers brachte eine Saite in Jan zum Klingen. Es war wundervoll.

Herr Brookmer nahm ihn und Wiebke hinterher mit zurück zur Stadt. Seine Kutsche ließ er extra einen Umweg fahren, um Wiebke nach Hause zu bringen. Still saßen sie in der Kutsche, während Josef seine Pfeife paffte. Er sah sich milde lächelnd das Pärchen ihm gegenüber an. Plötzlich zitierte er:

„Das Fräulein stand am Meere und seufzte lang und bang.

Es rührte sie so sehre der Sonnenuntergang.

Mein Fräulein! sein Sie munter, das ist ein altes Stück;

hier vorne geht sie unter, und kehrt von hinten zurück.“

Er lachte dabei leise.

„Von wem ist das?“, fragte Jan und musste schmunzeln. Er verstand wohl, worauf der alte Brookmer anspielte.

„Ich glaube, von Heinrich Heine. Den habe ich früher gerne gelesen. Sogar einmal in Person getroffen. Leider ist der Mann schon tot. Ich glaube, 1856 gestorben? Sie beide waren in so schwermütiger romantischer Stimmung nach den Klavierstücken. Da, dachte ich, passt es ganz gut.“

„Weil der Sonnenuntergang als romantisches Symbol jeden Tag passiert, also nichts Besonderes ist?“, vergewisserte sich Wiebke. Auch sie lächelte unsicher. Josef Brookmer zog genüsslich an seiner Pfeife und nickte langsam.

„Durchaus. Aber, gutes Fräulein, man erklärt einen Witz nicht. Das ist das Vorrecht alter Männer.“

Er lächelte dabei verschmitzt und nahm seinen Worten jedwede Schärfe.

Wiebke wurde rot und sagte nichts mehr.

*

Liebe Lotte,

ich war auf einem kleinen Konzert mit Jan, es war wundervoll. Gespielt hat Fritz Groothusius, das ist der Sohn des Pastors Groothusius. Erinnerst du dich an ihn? Als du als Kind einmal hier warst, haben wir beim Pastor im Obstgarten Verstecken gespielt. Natürlich wusste er nichts davon. Als er sich um seine Bienen gekümmert hat, hat er uns gesehen und sich furchtbar erschrocken! Mir war ein bisschen mulmig, als ich mit zum Konzert genommen wurde. Doch der Pastor hat mich entweder nicht wiedererkannt oder aber es gut sein lassen. Damals hat er ja furchtbar geschimpft und sogar abends mit meinem Vater gesprochen. Erinnerst du dich?

Sein Sohn ist auf der Musikhochschule und spielt wunderbar! Es war ein Stück von einem Polen, dessen Name mir entfallen ist. Die Lieder waren unbeschreiblich schön. Ach könnte ich sie jetzt noch einmal hören, zum Einschlafen.

Ich werde meinen Kindern das Klavierspielen beibringen! Dann wird das Klavier oft bei uns erschallen. Natürlich sind die Kinder alle von Jan. Er hat heute meine Hand gehalten, als wir dem Klavierspiel lauschten.

Wiebke Winters, das klänge schön, nicht?

Was gibt es Neues bei dir in Wismar?

Alles Liebe, deine (noch)

Wiebke Onnen

*

Einige Stunden früher an diesem Abend hatten Johann und Trientje Onnen einen Entschluss getroffen, den sie am nächsten Morgen beim Frühstück ihrer einzigen Tochter mitteilten.

„Wir werden auswandern. In die Neue Welt“, begann Johann Onnen wenig diplomatisch, was ihm einen tadelnden Blick seiner Frau einhandelte. Dazu kam ein entsetzter Blick seiner Tochter, die völlig entgeistert wirkte.

„Was, warum?“

„Weil wir den Hof verlieren. Er gehört mir schon nicht mal mehr. Wir fahren zum Vetter deiner Mutter nach Amerika. Es gibt günstig Farmland zu kaufen und wer tüchtig ist, hat ein Auskommen. Hier gibt es das nicht so leicht, weder in Ostfriesland noch in Preußen. Ich will nicht als Knecht schuften, da riskiere ich lieber in der Neuen Welt etwas und schaffe uns etwas ganz Neues. Auch dort wirst du einen guten Mann finden, hier gibt es aber keine Zukunft für uns.“

„Aber Vader“, begann Wiebke, stoppte aber. Was sollte sie sagen? Sollte sie ihren Vater bitten, sich eine Stelle als Bauernknecht zu suchen, nur weil sie in Jans Nähe bleiben wollte?

„Ich weiß, das hast du dir anders vorgestellt, meine Liebe“, richtete ihre Mutter das Wort nun an Wiebke. „Aber dein Vater und ich trafen diese Entscheidung nicht leichtfertig.“

Wiebke nickte, schniefte. Es wurde ihr alles zu viel. „Entschuldigt mich“, sagte sie, bevor sie noch völlig die Fassung verlor. Sie eilte auf ihr Zimmer, wo sie vorhatte, ihrer Base Lotte einen Brief zu schreiben. Doch stattdessen begann sie hemmungslos zu weinen. So lag sie einfach auf ihrem Bett, bis ihr Gesicht ganz salzig war und die Tränen endlich versiegten. Sie dachte voller Verzweiflung an Jan und daran, dass er womöglich eine andere heiraten würde. Dann wurde sie ganz still und lauschte in sich hinein. Natürlich war sie nicht in der Position, groß mit ihrem Vater zu verhandeln und noch hatte Jan nichts zu bieten, das ihn dazu veranlassen könnte, sie ihm zur Frau zu geben. Resigniert dachte sie darüber nach, dass ihr Vater es ja wirklich nur gut mit ihr meinte. Schlussendlich betete sie still und mit einer Inbrunst, wie sie viele Menschen nur in echt empfundener Not zustande brachten. Doch als sie die Augen öffnete, hatte sich die Welt nicht geändert. Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott, so sagte immer Pater Groothusius. Aber was sollte sie tun? Sie wurde durch ein Klopfen an der Tür aus ihren Gedanken aufgeschreckt. Wiebke öffnete und sah ihre Mutter. Sie nahm einen Teller mit Butterbrot von ihr entgegen. Ihre Mutter schenkte ihr dazu ein aufmunterndes Lächeln und ignorierte geflissentlich ihr verheultes Gesicht. Dazu gab es ein sanftes Knuffen in die Schulter und ein aufmunterndes Nicken. Wiebke war ihr sehr dankbar dafür. Anschließend setzte sich Wiebke mit ihrem Brot hin und begann, ihrer Cousine Lotte aus Wismar einen Brief zu schreiben. Es gab einiges zu berichten ...

*

Jan saß mit seinem Vater Jakob Winter und Swantje van Dyke, ihrer Haushälterin, am Essenstisch. Es war Abend und sie waren fertig mit dem Essen. Swantje stellte eine Kanne Tee hin. Jan legte das Kluntje, den Bruchzucker, zuerst in die Tasse und goss dann den Tee knisternd darüber.

„Ich kann es einfach nicht glauben“, sagte er dann noch einmal, als er mit dem Sahnelöffel ein paar Tropfen Milch in den Tee fallen ließ und den kleinen Wolken zusah. „Familie Onnen ist schon dabei, die kleinen Holzkisten zu packen, für die Fahrt. Jeder seine Seekiste. Das Geschirr haben sie schon“, sagte Jan abwesend. Er blickte seinen Tee an, während sich eine helle Schicht oben bildete.

„Wie bitte, Geschirr?“, fragte Swantje überrascht. „Wieso denn Geschirr?“ Sie füllte sich selbst ebenfalls eine Tasse ein.

„Blechgeschirr für die Überfahrt. Jeder braucht sein eigenes Geschirr auf dem Schiff“, erklärte Jans Vater Jakob an sie gewandt. Jan nickte dabei abwesend. Dann wandte sich Jakob an Jan. „Ich hoffe, dir geht es gut, Sohn?“

„Am liebsten, Herr Vater, würde ich Wiebke begleiten“, gab dieser nun zu. Swantje schenke ihm ein verständnisvolles Lächeln, von dem er wusste, dass es hieß, sie amüsierte sich über ihn. Sie meinte es aber nicht böse, wie er genau wusste. Seine Mutter war schon viele Jahre tot, dennoch war er bereits zu alt gewesen, um Swantje van Dyke als einen Mutterersatz zu sehen. Er verstand sich aber mit ihr wie mit einer großen Schwester.

„Du beendest aber erst mal deine Ausbildung beim Brookmer. Dann kannst du immer noch in der Welt herumreisen. Glaube mir, du siehst da nicht so klar wie ich heute.“

Jan nickte. „Ja, Herr Vater.“

Es war keine rechte Strenge in der Stimme seines Vaters, nur ehrliche Sorge um die Zukunft seines Kindes.

„Vater, bitte bedenken Sie“, setzte Jan an, doch sein Vater fuhr ihm dazwischen.

„Jan Wilhelm Winter. Bevor du dein Argument aussprichst, bedenke, in welcher Lage ich bin. Du bist nicht einundzwanzig, damit bist du in Preußen nicht volljährig. Nun sind wir aber Teil Preußens. Würde ich dich gehen lassen, bevor du einundzwanzig bist, würde ich mich strafbar machen.“

„Doch Sie könnten es“, Jan zögerte und fuhr dann fort: „Sie, Herr Vater, könnten mir mit landesherrlicher Ausnahmegenehmigung diese Rechte verleihen. Ich weiß um Ihre Kontakte zu jenen Beamten, die das dürfen.“

Jakob lächelte. Es war ein freundliches Lächeln.

„Das ist wahr. Doch wie könnte ich? Du willst für sie alles stehen und liegen lassen?“

Er seufzte.

„Hör mir zu, Jan. Wenn du deine Ausbildung beendet hast, bist du einundzwanzig. Damit ist es an dir, zu tun und zu lassen, was du willst. Doch ich lasse dich nicht sehenden Auges ins Unglück rennen. Glaub mir, was dir jetzt wie ein außergewöhnliches, einzigartiges Drama erscheint, wirst du selbst oft im Leben sehen. Ich will deinen Schmerz nicht trivialisieren, aber ich will, dass du mir vertraust. Ich habe dich bisher immer gut beraten, oder?“

„Das ist wahr, Herr Vater“, musste Jan eingestehen.

„Gut, dann vertraue mir auch in dieser Sache und ich werde dir helfen, wenn du ihr nach Beendigung deiner Ausbildung folgen willst. Vertrau auf die Jahre, die ich schon mehr in dieser Welt verbracht habe.“

Jakob sah ihn mit dem liebevollen Blick eines Vaters an und Jan nickte. Damit war es also entschieden. Jan würde seinen Vater darin nicht umstimmen können. Er wollte nicht einfach weglaufen und seinen Vater in Schwierigkeiten bringen, geschweige denn, dass ihn ein Kapitän, der etwas auf sich hielt, als Minderjährigen mitgenommen hätte.

Sein Vater seufzte, als Jan nach dem Essen den Tisch verließ und Jakob Winter mit Swantje van Dyke am Esstisch allein zurückblieb.

„Er hat viel von dir“, sagte Swantje. Sie wechselte immer in das Du, wenn Jan nicht da war. Das war eines von ihren und Jakobs kleinen Geheimnissen.

„Ja, das fürchte ich. Aber soll ich ihn mit ihr auswandern lassen? Das wäre Irrsinn! Er hat ja nichts für eine gemeinsame Zukunft vorzuweisen. Zumindest seine Ausbildung muss er beendet haben. Darauf kann man aufbauen.“

„Er hat die Leidenschaft seines Vaters. Ich weiß nicht, ob die Zeit sein Gemüt abkühlen wird.“

Jakob nickte und stopfte sich seine Pfeife. „Muss sie ja auch nicht.“

Swantje warf ihm einen fragenden Blick zu, hakte aber nicht nach. Jakob zog genüsslich an seiner Pfeife.

*

Wiebke kam es vor, als stünde sie vor den Trümmern ihres jungen Lebens. Ganz falsch lag sie damit wohl nicht. Sie saß auf einem Wagen, der quälend langsam ihrem Schicksal entgegenfuhr. Jeder der drei Onnens hatte eine kleine Holzkiste dabei. In diesen befand sich ihr Hab und Gut, sicher verstaut. Mehr war als persönliches Gepäck auf der Fahrt nicht gestattet. Dazu war da auch eine Zinnschüssel und Besteck in der Kiste. Jeder musste sein eigenes Geschirr auf die Fahrt mitbringen. Nur das Essen, das war im Preis enthalten.

Im Emder Hafen lag die GREETJE. Es war ein Dreimaster, geladen mit Rheinkohle. In Liverpool würde diese dann gegen Getreide getauscht und das wiederum in die Neue Welt gebracht werden. Die Passagiere waren nur eine Möglichkeit, den Laderaum effizienter vollzubekommen, mit einem Stückgut, das auch noch bezahlte für den Transport. Wiebke sah zu ihren Eltern. Trientje und Johann Onnen hatten sich bei der Hand gefasst. Immer wieder tupfte ihre Mutter sich vereinzelte Tränen mit einem Stofftuch weg. Ihr Vater, Johann, sah reglos vor sich hin, doch Wiebke sah, dass auch er erschüttert war. Zwei Dutzend Leute hatten sich vor der Gangway des Schiffes versammelt. Es waren vor allem Familien, wenige Einzelpersonen. Viele Angehörige waren auch zum Verabschieden gekommen. Immer wieder schalteten Auswanderwillige Anzeigen in der Zeitung, meist nicht nur, um die Verwandtschaft zu informieren, sondern auch, um kundzutun, dass sie all ihr Hab und Gut verkaufen wollten. Denn mitnehmen konnten sie es ja nicht. Wiebke ließ ihren Blick schweifen. Ihre Verwandten hatte sie alle schon verabschiedet. Doch sie suchte gar nicht nach einem verwandten Gesicht, vielmehr nach einem sehr vertrauten. Da war er! Jan stand am Hafen, gemeinsam mit seinem Vater. Dieser blieb in schicklichem Abstand zurück, als Jan zu Wiebke trat. Trientje stupste Wiebkes Vater an und beide gingen mit Wiebkes Kiste zu den anderen Auswanderern.

So blieben Jan und Wiebke etwas abseits stehen. Er schien unschlüssig, bei all den Menschen um sie, also ergriff sie die Initiative. Zum Teufel mit dem Anstand, soll ihn doch wer anders wahren, dachte Wiebke, als sie Jan heftig umarmte.

„Ich habe Angst vor der Zukunft“, flüsterte sie in seinen Jackenaufschlag. Er erwiderte die Umarmung und schwieg lange.

„Ich genauso“, erwiderte er schließlich. Was sollte er auch sagen?, ging es Wiebke durch den Kopf. Was soll ich sagen?

Nichts konnte ihre Angst und Ungewissheit in Worte fassen. Die Welt war so groß und sie so klein. Was für Herausforderungen warteten auf sie? Würde sie Jan wiedersehen? Würde er sie vergessen? Oder gar noch schlimmer, würde sie ihn vergessen?

„Ich will dich nicht verlassen“, sagte sie. „Ich will und wollte nie einen anderen.“

„Ich werde dich finden in der Neuen Welt. So wahr mir Gott helfe“, sagte nun plötzlich Jan mit fester Stimme. Wiebkes Herz schlug schneller. Es wollte ihr, so glaubte sie, aus der Brust springen.

„Ich werde auf dich warten, ich schwöre es“, sagte sie und ihr versagte dabei beinahe die Stimme.

*

Jan sah der GREETJE nach, wie sie den Hafen verließ. Sein Mund fühlte sich wie ausgetrocknet an und sein Herz raste. Er würde Wiebke folgen, selbst bis vor das Tor der Hölle würde er gehen. Sein Vater stand schweigend neben ihm. Er ließ ihm alle Zeit der Welt, um sich zu sammeln. Jan war ihm sehr dankbar dafür. Miteinander zu reden, war oft schon nicht leicht, doch miteinander zu schweigen, war sehr viel seltener zwischen den Menschen. Ein Schweigen, das sich selbst genug ist, ohne unangenehm zu sein, so etwas war wahre Freundschaft.

Schließlich klopfte Jans Vater ihm leicht auf die Schulter. Das Schiff war schon nicht mehr zu sehen. Jan nickte und sie gingen nach Hause. Swantje hatte Jans Lieblingsessen gekocht. Er glaubte nicht an einen Zufall, sagte aber nichts. Stattdessen lächelte er ihr zu, um ihr zu zeigen, dass er verstand und dankbar war.

Zum Essen setzten sie sich an den dunklen Eichentisch. Swantje faltete die Hände und begann zu beten: „Den Armen mit den leeren Magen, wie mir, mag Gott Geduld verleih’n! Die Anderen haben nicht zu klagen, sie haben reichlich Brot und Wein. Sie haben guten Wein und Braten, Kraftsuppe, Saucen, fetten Fisch, pochierte Eier nebst Salaten, Pasteten, Torten auf dem Tisch, und dieser Müh nie überdrüssig, fressen sie alles ganz allein. Ein Mundschenk wäre überflüssig, sie schenken sich schon selber ein. Amen.“

„Amen“, erwiderten Jan und Jakob.

„Von wem ist das?“, fragte Jakob, als er zu essen begann. „Oder ist das von Ihnen?“

„Nein, nicht ganz“, sagte Swantje und errötete leicht. „Ich habe ein neues Buch gefunden, beim Antiquar Dornan. Als ich eintrat, sagte der Herr, dem der Laden gehört, er hätte genau das Richtige für eine fromme Frau wie mich. Er reichte mir eine Sammlung mit Gebeten. Das hier ist von Francois Villon aus dem Jahre 1461. Es gefiel mir irgendwie sehr gut.“

Jakob nickte.

„Hat was“, stimmte er zu. „Allerdings auch etwas Augenzwinkerndes, oder?“

Nach dem Essen versuchte sich Jan noch etwas abzulenken, indem er in einem Buch las, das ihm der alte Brookmer geschenkt hatte. Es war eine Reisebeschreibung. „Reise durch Osnabrück und Niedermünster in das Vaterland, Ostfriesland und Groningen“ hieß es. Geschrieben hatte es ein Doktor Hoche. An einer Stelle geriet Jan beim Lesen ins Stocken.

Ich bestieg ein zweimastiges Kauffahrerschiff, welches nach England abgehen sollte, ließ mir die Einrichtung zeigen und bewunderte den Geiz des Baumeisters. Nicht ein Plätzchen ist ungenutzt, alles ist nach dem strengen Gesetze der Sparsamkeit berechnet.

Jans Gedanken schweiften ab. Er dachte wieder an Wiebke. Wie es ihr wohl auf der Fahrt erging? Schon so manches Schiff war bei Sturm in der Nordsee versunken, lange bevor es überhaupt den Atlantik erreichte. Ob wohl alles in Ordnung war?

*

Vor drei Tagen hatten sie nun Liverpool verlassen und so langsam war Wiebke nicht mehr permanent schlecht. Dann begann der erste Sturm und das Schaukeln wurde wieder schlimmer. Sie waren im Zwischendeck des Schiffes eingepfercht worden.

Die Decke war gerade mal einen Meter achtzig hoch. Irgendwer übergab sich geräuschvoll in einen der Eimer hinter dem Vorhang in der Ecke. Wiebke spürte, wie ihr bei dem Geruch, der sich ausbreitete, wieder selbst übel wurde. Sie waren hier seit Tagen eingezwängt. Bei gutem Wetter durften sie an Deck der GREETJE, doch es regnete und stürmte nun schon seit zwei Tagen. So waren sie hier noch mehr eingesperrt als sonst schon. Ein dünner Vorhang bot jenen ein wenig Privatsphäre, die sich in einen der Eimer in der Ecke erleichtern wollten. Dieser Geruch vermischte sich mit dem Erbrochenen. Da Sturm war, durfte auch niemand an Deck, um den Eimer auszuleeren. Bald würde es ihr heutiges Mittagessen geben. Wiebke wollte sich das noch gar nicht vorstellen. Zu einem Mittagessen war der Schiffskapitän vertraglich verpflichtet. Wiebke seufzte und versuchte, sich in das Buch zu vertiefen, das ihr ihr Vater für die Überfahrt geschenkt hatte. Es war Johann Wolfgang von Goethes Theaterstück „Iphigenie auf Tauris“. Wiebke fühlte mit Iphigenie, die allein auf der Insel Tauris auf ihr Schicksal harrte. Würde Vernunft oder Liebe siegen?, dachte sie. Dann trat der Smutje namens Fischer in das kleine Zwischendeck. Er trug bei sich einen großen Kessel mit Eintopf.

Schon wieder, dachte Wiebke, vermutlich die Reste von gestern mit ein paar anderen Resten vermengt. Der Smutje warf ihrer Meinung nach hinein, was halt da war. Wäre es nicht wenigstens scharf gewürzt gewesen, man hätte die nicht zusammenpassenden Komponenten nicht hinunterbekommen. Wiebke holte ihre Zinnschale aus ihrer Schiffskiste und hängte wieder das Schloss davor. Dann stellte sie sich brav wie alle anderen in die Schlange vor dem Smutje. Es gab vereinzeltes Gemurre, aber der Smutje tat so, als höre er nichts, zumal ihn niemand beim Äußern der Beschwerden direkt ansah. Jeder bekam einen Schlag Eintopf und ein Stück Zwieback. Ihr Vater hatte Wiebke gezeigt, wie man den Zwieback gegen die Holzwände klopfen sollte, um zu sehen, ob Maden herausfielen. Bisher hatte sie keine gesehen und war sehr froh darum. Genauso froh war sie, dass bisher immer jemand von den Reisenden in ihrer Nähe gewesen war, dem sie halbwegs vertraute. Ein ums andere Mal hatten Matrosen anzügliche Angebote gemacht, als wäre sie irgendeine Hafendirne oder ein Gossenmädchen. Aber sie trauten sich das nur, wenn der Kapitän nicht in Hörweite war. Der war nämlich ein echter Ehrenmann. Doch wenn sie ihm von den Bemerkungen erzählen würde, was würde das nützen? Sie war schließlich noch viele Wochen auf dem Schiff gefangen, da lohnte es nicht, die Matrosen gegen sich aufzubringen.

Wiebke bekam, als sie an der Reihe war, ihre Portion Eintopf und das Stück Zwieback. Sie ging zurück zu der Koje, in der bereits ihre Mutter und ihr Vater saßen. Ihr Vater klopfte den Zwieback ihrer Mutter Trientje gerade gegen die Wand. Zufrieden gab er ihn ihr zurück, was sie mit einem „Danke, Johann“ quittierte. Es klang so gelöst, als wären sie beim gemeinsamen Tee in der guten Stube. Wiebke war selten so gelöst, seit sie hier waren, aber sie wusste, dass Trientje nur durch Johann so ruhig wurde. Sie dachte an Jan und eine Wärme breitete sich in ihr aus, die nichts mit dem Eintopf zu tun hatte.

*

Jan stand an dem gusseisernen Geländer und sah sich den Kanal an. Er war für ein paar Tage in Groningen. Die Stadt lag nicht weit von Emden, nur eine kleine Fahrt über den Dollart. Groningen hatte mit Delfzijl einen starken Konkurrenz-Hafen für Emden. Jan hatte eine Ladung Torf herbegleitet, eine Rate für Geldschulden bei einem großen Tulpenhändler. Josef Brookmer hatte immer eine Reihe von Geschäften laufen, von denen einige sicher waren wie Kohle oder Getreide und Torf. Andere, wie die Tulpenzwiebeln, waren oft sehr lukrative Versuche, ein wenig Geld dazuzuverdienen. Manchmal lohnte sich das Risiko, wie in diesem Fall. Nun war alles erledigt und abgewickelt, Jan hatte bis morgen früh nichts zu tun.

Er genoss es, Freizeit zu haben. Er konnte sie einfach so vertrödeln. Morgen würde er sich auf den Rückweg machen müssen. Beim Gedanken an die Rückfahrt über den Dollart musste er wieder an Wiebke denken. Gut zwanzig Tage war sie nun unterwegs. Mit einem Segelschiff wie der GREETJE war sie schon halb über den Atlantik in Richtung der Neuen Welt. Er schüttelte den Kopf. Ihm fiel ein, dass sie ja erst noch nach Liverpool gefahren sein mussten. So hatte Wiebke es gesagt.

Eine fröhliche Melodie lenkte seine Gedanken ab. Sie kam aus einem nahen Wirtshaus. Aus dem  Niederländischen übersetzt hieße es „Die Brüder hinter dem Mast“.

Jan sprach fließend Niederländisch, es war nicht sehr weit vom Plattdeutschen entfernt. Das Lernen war ihm leichtgefallen. „Die Brüder hinter dem Mast“ meinte, dass es ein Wirtshaus für etwas besser gestellte Seemänner war. Vor dem Mast lagen oft die Quartiere der einfachen Matrosen. Hinter dem Mast hingegen schliefen meist die Offiziere.

Jan strich seine Weste glatt und betrat das Wirtshaus. Der Innenraum war dunkel vertäfelt. Neun lange Eichentische nahmen den größten Teil des Raums ein. Erst auf den zweiten Blick erkannte er, dass die Tische aus alten Schiffsplanken gefertigt waren. Dutzende Lampen verliehen dem Raum mit ihrem warmen Licht etwas Gemütliches. Die Musik kam von einer jungen Frau, die auf einer Bühne saß und eine Harfe spielte, wozu sie sang. Obwohl die Harfe ein zartes Instrument war, entlockte sie den Saiten doch einige harte Klänge, die zu den Zoten passten, die sie sang. Jan sah sich um. Es waren alle Arten von Männern anwesend, vom Kaufmann über den Offizier in Uniform bis zum Staatsdiener. Doch nur eine junge Frau war außer der Harfenistin anwesend. Diese andere Frau gewann sofort seine Aufmerksamkeit. Sie hatte feuerrote Locken und bediente gerade eine Reihe Offiziere in der Uniform des Königreichs der Niederlande. Jan setzte sich etwas abseits und wartete auf die Bedienung. Kurz darauf war sie bei ihm. Ihr eng geschnittenes schwarzes Kleid war hochgeschlossen, verbarg aber nicht ihren wohlgeformten Körper. Sie trug eine Schürze mit dem ein oder anderen Dreckspritzer drauf. An dieser rieb sie sich die Hände ab.

„Was kann ich Ihnen bringen, guter Mann?“, fragte sie auf Niederländisch. Etwas funkelte in ihren Augen. Erst viel später sollte Jan realisieren, was es war: echte Sympathie. Geboren aus dem Augenblick trifft man manchmal Menschen, die einem sofort sympathisch sind, zu denen man eine Verbindung hat.

„Einmal das Tagesgericht und einen Becher Wasser“, sagte Jan, während er versuchte sich zu konzentrieren. Der Raum war voller Eindrücke, Menschen redeten und lachten laut und die Melodie des gespielten Stückes gefiel ihm. Während er allein auf das Essen wartete, zog er das Buch heraus, das er aktuell las. Es war ein preiswerter Nachdruck von Adam Smiths „An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations“ (Der Wohlstand der Nationen). Josef Brookmer hatte es ihm geschenkt. Als ihm die Bedienung das Essen brachte, klappte er das Buch zu und legte es beiseite.

„Ein Kaufmann in Ausbildung, den habe ich hier wohl vor mir, was?“, sagte sie auf Niederländisch. Jan stutzte und sah sie überrascht an.

„Wieso, wie kommen Sie darauf?“

„Das Buch ist doch eher die Bibel des Patriziers als gute und unterhaltsame Abendlektüre. Aber für einen erfahrenen Kaufmann ist Ihr Alter doch zu gering und Ihr Bauch zu klein. Ich denke, Sie sind bei einem Kaufmann in der Lehre, das erklärt alles.“

Jan nickte zufrieden. „Zweifellos haben Sie noch weitere kluge Feststellungen?“, sagte er ohne jeden Spott in der Stimme. Er war beeindruckt.

„Wenn Sie es wünschen, setze ich mich zwischendurch mal zu Ihnen“, sagte sie und zwinkerte. „So viel ist nicht zu tun.“

„Tun Sie das bei jedem Kunden?“, fragte Jan ein wenig spöttisch und bereute es sogleich.

Sie aber nahm ihm die Bemerkung nicht übel und erwiderte selbst mit Spott in der Stimme: „Nicht jeder weiß eine geistreiche Frau zu schätzen.“

„Dann setzen Sie sich doch bitte.“ Jan deutete auf den Platz ihm gegenüber. „Wie ist Ihr Name?“, fragte er. Sie sah sich kurz um, ob alle Kunden versorgt waren. Dann setzte sie sich.

„Elena. Elena Boomgarden heiße ich. Und Sie, junger Kaufmann?“

Jan probierte von dem ihm dargebotenen Essen, als sie sprach, und sagte dann: „Jan Winter, gute Frau. Wie kommt es ...“

„... dass ich hier die Dienerin gebe und doch Adam Smith kenne?“, fiel sie ihm ins Wort. „Sie sollten einen Menschen nie nach dem Schein beurteilen, höchstens nach den verräterischen Details suchen. Oder bei Ihrer Profession seine Geldbörse begutachten.“

Er nahm einen weiteren Bissen der vorzüglichen Rinderhaxe und musterte Elena. Die Rinderhaxe war unglaublich zart, doch das Kauen gab ihm Zeit, seine Gedanken zu sortieren.

„Sie können Englisch, da Sie den Titel meines Buches verstanden haben – und Ihre Hände sind auffallend schön. Eine Schönheit, wie sie sich nur Frauen leisten können, die nicht arm geboren sind. Soweit die verräterischen Details, richtig?“

Sie applaudierte und lächelte dabei zufrieden. „Bravo, bravo. Ich bin auf Verwandtschaftsbesuch hier. Das Lokal gehört dem Bruder meines Vaters. Ich arbeite hier, um mir meine wohlhabenden Damenhände auch mal ein wenig schmutzig zu machen. Bald geht es in die Heimat. Doch zuerst ... Kundschaft“, sagte sie und ließ ihn ohne weitere Bemerkung und Vorwarnung allein mit dem Essen. Sie kam etwas später zurück und unterhielt sich lange mit ihm.

Jan vermochte am Ende gar nicht mehr alle Themen aufzuzählen. Zu viele waren es und zu sehr sprangen sie beide von einem zum anderen Themenfeld. Doch irgendwann war der letzte Gast gegangen und ein dürrer Mann betrat den Raum. Er trug eine Kochschürze und sah nicht gerade so aus, wie man sich einen Koch vorstellte.

„Mach hinne, Elena, Liebes. Wir machen zu. Morgen kommt eh viel zu früh.“

Damit löste sich die Zweisamkeit der beiden. Jan verabschiedete sich, denn er musste am nächsten Tag früh raus, um den Rückweg nach Emden anzutreten. Er glaubte nicht, dass er Elena Boomgarden je wiedersehen würde.

*

Wiebke nahm das Zinngeschirr und holte weit aus. Dann warf sie, so fest sie konnte, das Geschirr über Bord. Irgendwo zwischen der Reling der GREETJE und dem nahen Hafen von New York klatschte das Geschirr auf dem Wasser auf und versank. Es waren so viele Gebäude, die sich dort in mehreren Städten drängten, wie Wiebke sie noch nie gleichzeitig gesehen hatte. Die ganze Bucht, die einst von den Niederländern besiedelt worden war, war voller Häuser aller Größen. Auch wenn es keine durchgehende Siedlung war, so waren doch für Wiebkes Geschmack ungeheuer viele Häuser zu sehen. Das Geschirr ihrer Mutter flog gleich neben dem ihren ins Wasser. So war es Brauch, hatte der Käpt‘n gesagt, es würde Glück bringen für das neue Leben in einer neuen Welt. Ihr Vater hingegen glaubte, der wollte nur die Krankheiten genauso loswerden wie die Auswanderer und ihre Läuse. Mehrere der anderen Passagiere hatten sich ein ums andere Mal übergeben. Wiebke hatte mehrere Nächte wach gelegen, weil manche so sehr husten mussten, dass es sie nachts aufgeschreckt hatte. Beim Husten war ein Rasseln zu hören gewesen, das an das Knistern von Papier erinnerte. Wiebke war das nicht ganz geheuer gewesen. Wiebkes Mutter hatte ihr verboten, sich ihnen auch nur auf zwei Schritte zu nähern.

Der Kurs der GREETJE ging geradewegs zur Spitze von Manhattan. Dort sollten sie bei einem Gebäude namens Castle Clinton Dokumente bekommen und sie wären endlich offiziell in der Neuen Welt angekommen. Wiebke war aufgeregt. Die Stadt und ihre Gebäude kamen immer näher. Mit ihnen kamen neue Gerüche und Geräusche auf sie zu. Eine ganze neue Welt lag vor ihr, nach nur vierzig Tagen. Hatte sie gerade noch die endlose Langeweile der immer gleichförmigen Stunden empfunden, war all dies nun vergessen. Eine neue Welt war dort!

*

Der Schnee hatte sich vor dem Butzenfenster aufgetürmt. Das schwache Licht der Sonne drang kaum hindurch. Swantje van Dyke missverstand Jans Blick zum Butzenfenster.

„Schaff dir keine kleinen Butzenfenster an. Die sind furchtbar schwer sauberzuhalten. Sehen so schnell schmierig aus, die alten Teile“, sagte sie, als sie seinem Blick folgte. Dann sah sie wieder auf ihre Handarbeit. Mit flinken Fingern stickte sie ein Kreuzstichmuster, das einen Spatzen ergab.

„Das ist es nicht, Frau van Dyke ... Im Frühjahr ...“, setzte Jan an und verstummte. Dann setzte er erneut an, diesmal an seinen Vater gewandt. Dieser las gerade die Ostfriesischen Nachrichten, seine Tageszeitung.

„Dann, im Frühjahr, bin ich bei Josef Brookmer fertig und er wird mich nicht anstellen. Ein fester Angestellter kostet ihn zu viel. Er kann sich mich nicht leisten. Also will ich auf Wanderschaft gehen“, sagte Jan. Jakob Winter legte die Zeitung weg und nahm sich eine Zigarette aus dem kleinen silbernen Etui, das er von seinem Vater geerbt hatte. Er ging zum Kamin und entzündete die Selbstgedrehte dort. Swantje warf ihm einen missbilligenden Blick zu, sagte aber nichts. Sie hatte immer Sorge, dass er eines Tages damit das Haus entzündete.

„Nun“, sagte Jakob schließlich, als er an seiner Zigarette gezogen hatte. Er blies ein wenig Rauch in die Luft. „Du willst also nach Amerika, nicht?“

Jan nickte. Es hatte keinen Sinn, das zu leugnen. Sein Vater sah ihn schweigend an. Schließlich schien er eine Entscheidung getroffen zu haben. Mit einem Blick auf Swantje sagte er: „Reisende soll man nicht aufhalten. Ich würde lügen, wenn ich sage, ich mache mir keine Sorgen um dich. Nicht weil ich an deinen Fähigkeiten zweifle, die Welt da draußen bietet einfach so manche Gefahren. Du weißt beileibe noch nichts von all diesen. Aber ich habe selbst so manche Reise gemacht und bin erst nach ein paar Irrwegen hier angelangt. Es wäre vermessen, dir die Erfahrungen vorzuenthalten, die ich selbst gemacht habe. Wir haben nicht viel, werden dich aber gut für die Reise ausstatten, Sohn.“

Jan saß überrascht da. Er hatte mit mehr Widerstand gerechnet. Doch als er in die Augen seines Vaters sah, erkannte er, dass Jakob Winter jedes Wort ehrlich gemeint hatte. Er schien zwischen Stolz und Trauer über den bevorstehenden Abschied zu seinem Sohn zu schwanken.

„So“, unterbrach sein Vater seine Gedanken und schien sich selbst aus der Lethargie zu reißen. „Nun lass uns etwas Schach spielen, ich brauche einen ernst zu nehmenden Gegner.“

Kapitel 2: Die Neue Welt

Wiebke seufzte und krempelte die Ärmel hoch. Seit Wochen schon schuftete sie mit ihrer Mutter in der Küche eines kleinen Restaurants in Brooklyn. Ein Verwandter ihrer Mutter betrieb es. Das Restaurant „Rysum“ war nicht nur bei deutschen Einwanderern beliebt. Der Cousin von Wiebkes Mutter, Fritz Smed, war ein breiter Kerl mit gütigen Augen, die einen leicht täuschen konnten. Fritz Smed war ein Despot, sobald er die Küche betrat.

„Mach hinne, Mädchen, das Geschirr wird noch gebraucht!“, rief er Wiebke zu. Sie fügte sich in ihr Schicksal und arbeitete schneller. Während sie und ihre Mutter hier arbeiteten, verdingte sich ihr Vater unten am Hafen. Davon wollten sie eine Eisenbahnfahrt Richtung Mittlerer Westen bezahlen. Fritz war inzwischen wieder dabei, von einem Herd zum anderen zu eilen. Es war nicht sonderlich hell in der Küche des „Rysum“, weil Fritz Smed immer am Lampenöl sparte. Das Restaurant lag zwischen zwei sehr viel höheren Gebäuden und so schien die Sonne kaum hinein in die Küche. Lediglich zwei Öllampen, hinter denen kleine Spiegel angebracht waren, spendeten einigermaßen Licht. Abends kam noch eine kleine Laterne mit billigem Petroleum dazu, deren Rauch Wiebke in den Augen brannte.

Irgendwann war endlich ihre Arbeit zu Ende und der letzte Gast zu Hause sowie der letzte Teller gespült. Fritz Smed klopfte ihnen beiden anerkennend auf die Schultern.

„Das Tempo ist gut, das müsst ihr halten. Dann kann ich mir noch die Anschaffung von mehr Geschirr sparen“, sagte er.

„Irgendwann musst du das aber, bald geht es für uns gen Westen“, erwiderte Wiebkes Mutter und band sich die Schürze ab. Wiebke tat es Trientje nach.

„Ich hätte mir nie genug zusammengespart für all das hier, wenn ich nicht nur wirklich nötige Ausgaben tätigen würde“, erwiderte Fritz und hängte seine eigene Schürze an den Nagel neben dem Herd.

„Gute Nacht“, sagte Trientje und bugsierte Wiebke nach draußen.

„Nacht“, hörten sie Fritz hinter sich brummen. Als sie draußen waren, machten sie sich auf zu ihrer Dachkammer, die sie von Josef Kötter gemietet hatten. Der Westfale lebte schon lange hier und Fritz hatte sie empfohlen, so bezahlten sie bei ihm nur wenig Miete für die unbeheizte Dachkammer.

*

Die Zeit, die sonst oft so zäh war, verging für Jan diesmal sehr schnell. Ehe er sichs versah, war es Frühjahr und er verließ das Kontor des alten Brookmer zum letzten Mal. Jan empfand ein wildes Gemisch an Gefühlen, als er aus dem Kontor trat und sich umdrehte. Aufregung und Angst rangen um die Vorherrschaft.

Ein Schiff in die Neue Welt war bald ausgemacht. Als Jan noch ein Kind gewesen war, hatten viele Schiffseigner die Passagiere genutzt, um nicht nur mit der Ladung an der Überfahrt zu verdienen, sondern auch an dem menschlichen Stückgut. Und inzwischen waren jene Passagiere eine feste Größe in der Kalkulation der Reedereien.

Jans Vater pflegte zu sagen: „Solange es noch unfreie Bauern in den deutschen Ländern gibt, solange wird es eben auch verzweifelte Heerscharen geben, die in der Welt ihr Glück suchen.“

Nun im Frühjahr des Jahres war Jan auch einer von ihnen.

An Bord des Schiffes JOLLY JACK würde er in die Neue Welt übersetzen.

Das Schiff lag im Hafen und auf einmal war der Tag gekommen, an dem es losgehen sollte. Es erschien Jan seltsam, an diesem Morgen seinen Seesack zu packen. Er würde dieses Haus, die Orte seiner Kindheit, hinter sich lassen. Erst heute Morgen war ihm das klar geworden. Er war nun erwachsen, allein in dieser Welt. Er hatte gewusst, dass dieser Moment kommen würde, dennoch erschien es ihm unwirklich.

Er umfasste den Türknauf der Tür, in die in Kniehöhe sein Name eingeritzt war. So klein war er mal gewesen, ging es ihm durch den Kopf. Er schritt die Treppe hinab, auf der er einmal gefallen war und sich einen Milchzahn abgebrochen hatte. Als Swantje ihn am Ende der Treppe erwartete und fest umarmte, fühlte er das Verstreichen der Zeit zum ersten Mal mit jeder Faser seines Körpers. Erst Jahre später wurde ihm klar, was da passierte.

Er stieg zu seinem Vater auf die Kutsche und fuhr zum Hafen. Jan verlor an diesem Morgen endgültig das kindliche Bewusstsein eines ewigen Morgen und gewann das Wissen um die Endlichkeit des Morgen.

Die JOLLY JACK war ein Dreimaster, der nachgerüstet worden war mit den schweren Schaufelrädern eines Dampfers. Mit einem Dampfer würde die Fahrt in die Neue Welt nur halb so lang dauern.

Jans Vater umarmte ihn zum Abschied. „Ich bin stolz auf dich, Junge, du hast dich wirklich gemacht. Ich bete seit langem nicht mehr, aber jetzt bete ich für dich. Du wirst deinen Weg machen, das weiß ich. Aber lass auch mal von dir hören?“

Jakob Winter drückte seinen Sohn fest an sich. Jan wusste gar nicht recht, was er sagen sollte. Seine Kehle war wie zugeschnürt.

„Das werde ich. Versprochen, Vater. Ich werde schreiben.“

„Gut, auf Wiedersehen, mein Junge.“

Jan kämpfte mit den Tränen. Sein Vater drückte ihn fest an sich.

„Pass auf dich auf“, flüsterte er. Dann war es so weit. Jan betrat die schmale Gangway zum Schiff und drehte sich noch einmal um. Die Zeit schien langsamer zu laufen. Nach und nach betraten alle das Schiff und die JOLLY JACK legte ab. Jan sah, wie alles, was er kannte, langsam verschwand, während sie auf den Dollart hinausfuhren.

Ein griesgrämig dreinblickender Mann scheuchte sie alle unter Deck. Er sprach Plattdeutsch mit dem ein oder anderen englischen Wort dazwischen. Eine fünfköpfige Familie hatte damit ihre Schwierigkeiten, sie kam ihrer Aussage nach aus Böhmen. Jan merkte das schnell und übersetzte für sie immer wieder ins Hochdeutsche. Jeder bekam eine Koje zugewiesen und erklärt, dass sie eine warme Mahlzeit am Tag bekommen sollten. Einige Eimer dienten hinter einem Vorhang als Toilette. Bei gutem Wetter durften sie alle auf Deck gehen und sich dort auch erleichtern. Jan verbrachte den Tag damit, von der Reling zuzusehen, wie der Dollart sich zum Meer öffnete. Irgendwann gesellte sich ein Mann, kaum älter als Jan, zu ihm. Er reichte ihm die Hand.

„Rosenhof mein Name. Wenzel Rosenhof“, sagte er. „Danke für das Übersetzen für meine Landsleute.“

„Keine Ursache. Mein Name ist Jan Winter.“

„Was hoffen Sie in der Neuen Welt zu finden, Herr Winter?“, fragte Wenzel mit einem freundlichen Lächeln. Er nahm eine Schachtel Streichhölzer und holte ein silbernes Zigarettenetui heraus. Dann bot er Jan eine an, der ablehnte. Er hatte als Kind eine mit den Nachbarskindern hinter dem Deich geraucht. Es hatte ihn geschüttelt, so schlecht war ihm geworden.

Das Schiff fuhr unter englischer Flagge und als der Wind schwächer wurde, begann die Flagge im Wind zu schnalzen.

Rufe waren zu hören, als die Dampfmaschinen mit angeworfen wurden und die beiden großen runden Schaufelräder an den Seiten des Schiffes zum Leben erwachten.

Kapitän Peter Lambertus befehligte die JOLLY JACK. Er ging mit zufriedenem Blick über das Schiffsdeck und sah den Matrosen dabei zu, wie sie ihren Beschäftigungen nachgingen. Er war ein Mann mit Vollbart, dessen Mütze einigermaßen verbarg, dass er eine Glatze hatte. Dafür waren seine Augenbrauen umso buschiger. Wie zwei dicke Raupen wanden sie sich über seinen Augen. Die Augen waren von stechendem Blau wie die See an einem klaren Tag.

„Meine Herren“, grüßte er sie auf Englisch. Dann fügte er auf Niederländisch hinzu: „Sprechen Sie auch andere Sprachen?“

Wenzel sah fragend von Jan zu Kapitän Lambertus und zurück. Dieser lachte und fasste den fragenden Blick als Antwort auf.

„Einigermaßen“, sagte Jan auf Niederländisch.

„Ah ja, bei den Friesen ist es ja nicht weit. Sie hätten auch gerne Teil des Königreichs der Niederlande werden können“, sagte er. „Dann ginge es Ihnen heute sicher besser als jetzt, unter unserer Herrschaft.“

„Dann hätten Sie aber nicht so viele, die in die Neue Welt wollten“, erwiderte Jan mit einem freundlichen Lächeln, das seinen Worten die Schärfe nahm. Käpt‘n Lambertus lachte und klang dabei, als würde man mit Stöcken auf Eisen eindreschen.

„Die gäbe es eh. Von den Habsburgern bis zu den Engländern, jeder will sein Glück machen.“

„Ist ja auch nichts Verwerfliches daran, oder? Die Neue Welt lockt mit einem Versprechen: Dass jeder Mann nach seinen Fähigkeiten etwas erreichen kann. Viele glauben nicht, dass sie das hier erreichen können.“

Kapitän Lambertus nickte langsam und seufzte.

„Aber sie vergessen alle, dass auch da drüben jemand die Bilg schrubben muss. Auch dort muss jemand die Scheiße abtransportieren und die Felder düngen. Es kann nicht jeder ein Herr werden, denn dann gibt es keine Diener mehr, Sie verstehen?“

Jan nickte.

„Natürlich. Wenn jeder nach seinem Können dort etwas erreicht, gibt es immer welche, die nichts können und auch nichts erreichen.“

„So ist es wohl, ja ...“, sagte der Kapitän und verabschiedete sich.

„Was wollte er?“, fragte Wenzel.

Details

Seiten
160
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738912111
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v373097
Schlagworte
auswanderer-roman zeit tied

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Ein Auswanderer-Roman: Die Zeit gehört uns - "Tied is all us'n"