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Ein Meister seines Fachs: Kriminalroman

2017 240 Seiten

Zusammenfassung

Ein Meister seines Fachs
Krimi von A. F. Morland

Der Umfang dieses Buchs entspricht 207 Taschenbuchseiten.

Jack Corrington lebt von Einbrüchen, und er ist ein Meister seines Fachs. Als er nach einer Haftstrafe von dreieinhalb Jahren wieder zur Verfügung steht, hat der Gangsterboss Nic Orlando gleich wieder ein großes Ding, das Corrington für ihn durchziehen soll. Doch die Aktion steht unter keinem guten Stern, und so macht Corrington vorab sein Testament …

Leseprobe

Ein Meister seines Fachs

Krimi von A. F. Morland

Der Umfang dieses Buchs entspricht 207 Taschenbuchseiten.

Jack Corrington lebt von Einbrüchen, und er ist ein Meister seines Fachs. Als er nach einer Haftstrafe von dreieinhalb Jahren wieder zur Verfügung steht, hat der Gangsterboss Nic Orlando gleich wieder ein großes Ding, das Corrington für ihn durchziehen soll. Doch die Aktion steht unter keinem guten Stern, und so macht Corrington vorab sein Testament ...

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

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© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

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Kapitel 1

Ein gemeines Feuer flackerte in den Augen des Mannes. Er führte nichts Gutes im Schilde.

Die Angelegenheit muss wie geschmiert ablaufen, sagte er sich. Er redete oft und gern im Geist mit sich selbst. Du musst genau den richtigen Zeitpunkt abwarten. Das Timing ist in solchen Situationen immens wichtig. Schlägst du zu früh zu, geht die Sache schief. Schlägst du zu spät zu, ebenfalls. Es gibt nur einen einzigen richtigen Moment. Und den musst du erwischen.

Ein böses Grinsen kerbte sich um seine Mundwinkel. Wenn die Geschichte erledigt ist, wird jemand ganz schön blöd aus der Wäsche gucken, ging es ihm durch den Kopf. Mit mir kann man so nämlich nicht umspringen. Ich weiß mich zu wehren, weiß mir zu meinem Recht zu verhelfen. Jawohl.

Jemand rempelte ihn an. Nur ganz leicht. Kaum der Rede wert. Dennoch blieb er grimmig stehen, ballte die Hände zu Fäusten und drehte sich feindselig um.

Der junge Mann, dem das Missgeschick passiert war, entschuldigte sich hastig, als er das teuflische Glühen in den Augen seines Gegenübers sah.

»Es - es tut mir leid«, stammelte er.

»Hast du keine Augen im Kopf?«

»Tut mir wirklich sehr leid«, sagte der andere, während er sich - rückwärts gehend - entfernte.

Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich dir jetzt die Fresse polieren, dachte der Mann und hielt nach der Person Ausschau, hinter der er schon seit einer halben Stunde her war.

»Wo ist sie?«, zischte er nervös. Er konnte sie nirgendwo mehr sehen. »Verdammt, wenn ich sie aus den Augen verloren habe ...«

Er beschleunigte seinen Schritt, lief fast schon. Wo bist du Luder?, dachte er aufgeregt. Du darfst mir nicht entkommen. Ich brauche dich. Du bist sehr wichtig für mich.

Er stürmte an Menschen und Schaufenstern vorbei, stoppte, drehte sich um die eigene Achse, sprang hoch, machte den Hals lang, lief weiter, wurde immer hektischer. Und er beruhigte sich erst, als er die Blondine wieder entdeckte.

»Vaterland gerettet«, grummelte er und atmete erleichtert auf.

*

Wir schwitzten um die Wette. Milo Tucker, mein Freund und Partner, und ich. Wir hatten den ersten dienstfreien Nachmittag seit Monaten zu einem Saunabesuch genutzt, waren allein in der Kammer und genossen die beißende Hitze, nicht ahnend, dass es in Kürze einen hässlichen Paukenschlag geben würde, der uns brutal aus den Schuhen gestoßen hätte, wenn wir welche getragen hätten. Die Luft war nach dem Aufguss so dick, dass man daraus Kugeln formen und sie zur Tür hinausrollen hätte können.

»Hundertzehn Grad«, ächzte Milo. »Warum tut man sich so etwas eigentlich an?«

Ich grinste. Der Schweiß tropfte unaufhörlich von meinem Kinn. »Weil es gesund ist.«

»Wir sind Masochisten.«

Wir »quälten« uns noch zehn Minuten. Dann reichte es. Nach einem Sprung ins eiskalte Wasser kam unser Motor herrlich auf Touren.

»So«, sagte Milo, während er sich ein Handtuch um die Hüften schlang. Seine Sixpacks sahen gut aus. »Und jetzt ... Carmen. Sie wird mich mit ihren goldenen Händen kräftig durchkneten.« Er lachte. »Woher die kleine, zarte, glutäugige Fee nur so viel Power hernimmt.«

Ich war bei Marc, einem kraftstrotzenden Riesen mit Muskelpaketen wie Arnold Schwarzenegger in seinen besten Tagen, zur Massage angemeldet.

Doch wir mussten beide unsere Termine sausen lassen, weil plötzlich jemand hinter uns mit dröhnender Stimme rief: »Jesse! Milo!«

Wir drehten uns gleichzeitig um. In der offenen Tür, die zur Saftbar hinausführte, stand Hank Hogan. Ein Herkules wie Marc, der Masseur.

Unser bester V-Mann. Privatdetektiv von Beruf. Und unser Freund seit vielen Jahren. Ich sah dem blonden Hünen ins Gesicht und wusste sofort, noch ehe er den Mund aufmachte, dass etwas Schlimmes passiert war.

»Hank«, sagte ich.

»Belinda«, stieß der große Blonde mit den buschigen Augenbrauen heiser hervor.

Belinda Fox war seine Sekretärin. Seine zuverlässige Assistentin. Und wahrscheinlich noch ein bisschen mehr. Wie viel mehr, entzog sich jedoch unserer Kenntnis. Aber mir war aufgefallen, dass es bisweilen ziemlich vernehmlich zwischen den beiden knisterte.

Kein Wunder. Die Kleine war, neben allen anderen Vorzügen, die sie unbestritten hatte, auch noch verdammt hübsch. Schlank. Wohlgeformt. Langbeinig. Blond und blauäugig. Einfach Barbie und mehr.

»Belinda wurde gekidnappt!«, platzte es aus Hank heraus.

Mir war, als würde jemand mit einer hart gefrorenen Salami über meinen Rücken streichen, und meine Kopfhaut zog sich schmerzhaft zusammen.

*

Belinda Fox hatte sich mit einer Freundin zum Shoppen getroffen.

»Kampf der Inflation«, hatte Kimberley Gish aufgekratzt gesagt, während sie in Queens durch ein neu eröffnetes Einkaufszentrum schlenderten – wachsamen Auges nach lohnenden Schnäppchen Ausschau haltend. »Wir kaufen die Läden leer, bevor unser sauer verdientes Geld nichts mehr wert ist. So macht man das. In Aktien zu investieren ist mir zu unsicher geworden. Die können morgen schon ins Bodenlose fallen.«

Belinda Fox blieb vor einem Schaufenster stehen und nahm einen dicken, farbenfrohen Wollponcho in Augenschein. »So sauer verdiene ich mir mein Geld gar nicht.«

»Arbeitest du noch immer in dieser Detektei?«, fragte Kimberley. Ihr braunes Haar war streichholzlang. Sie sah aus wie ein hübscher Junge, war überschlank und flachbrüstig. Sie hätte Keira Knightleys Schwester sein können. »Gott, wenn ich nur auch so einen blendend aussehenden Chef hätte.« Sie seufzte theatralisch und verdrehte die Augen, als ob sie gleich ohnmächtig würde. »Läuft was zwischen euch?«

»Kein Kommentar.«

»Hey, was soll das?« Kimberley boxte Belinda in die Seite. Sie arbeitete in einer großen Anwaltskanzlei, und ihr Chef war so fett, dass sie ihn sich lieber nicht nackt vorzustellen versuchte. »Ich bin deine Freundin. Komm schon. Mir kannst du es doch verraten. Ich erzähle es auch ganz bestimmt nicht weiter.«

Belinda ging in das Geschäft und kaufte den Poncho. Die Frage der Freundin blieb unbeantwortet.

Eine Stunde später sagte Kimberley – vollbeladen mit Päckchen und Einkaufstüten: »Grundgütiger, ich komme mir vor wie ein tibetanischer Sherpa. Ich schlage vor, wir legen unsere Beute in meinen Wagen und gönnen uns anschließend einen prima Cappuccino.«

»Vorschlag angenommen«, sagte Belinda, die ihren Kaufrausch sehr viel besser unter Kontrolle hatte, als Kimberley. Was sich daran zeigte, dass sie nicht so viel zu tragen hatte.

Sie fuhren mit dem Lift zur Tiefgarage hinunter.

Und dort passierte es ...

Kimberley Gish öffnete den Kofferraum ihres dunkelgrünen Hyundai und legte ihre Trophäen hinein. Plötzlich vernahm sie einen dumpfen Schlag, und als sie sich aufrichtete, kippte Belinda Fox bewusstlos neben ihr in den Kofferraum.

Fassungslos drehte sie sich um. Jemand riss ihr die Fahrzeugschlüssel aus der Hand. Sie wollte um Hilfe schreien. Doch da knallte etwas Hartes gegen ihre Schläfe und sie fiel ächzend in ein schwarzes Loch.

Der Täter fesselte Belindas Arme und Beine mit einem extrem reißfesten, weil gewebeverstärkten, silbernen Plastikband und klebte ihr den Mund zu. Dann holte er sein Handy heraus, knipste ein paar Fotos von der Bewusstlosen, klappte den Kofferraumdeckel zu, stieg in den Wagen und fuhr los. Um Kimberley Gish kümmerte er sich nicht.

Der ganze Spuk hatte nur wenige Augenblicke gedauert.

*

Frei. Er war wieder frei. Meine Güte, war das ein gutes Gefühl, nicht mehr eingesperrt zu sein. Jack Corrington genoss es mit geschlossenen Augen.

Er stand mitten im Central Park und pumpte gierig die würzige Luft in seine Lungen, die endlich nicht mehr von Gittern gesiebt wurde.

Sie hatten ihn rausgelassen. Zwar nur auf Bewährung, aber immerhin. Wenn er sich nichts mehr zuschulden kommen ließ, brauchte er nicht mehr in den Knast zurückkehren. Na ja, falls er doch wieder ein Ding drehen sollte, durfte er eben nicht so dämlich sein, sich dabei erwischen zu lassen. Er ging eigentlich davon aus, dass er sich bald wieder an irgendjemandes Eigentum vergreifen würde. Das war sein Job. Er hatte nichts anderes gelernt.

Er lebte vom Einbrechen. Wie der Milchmann vom Milch liefern, der Chirurg vom Aufschneiden von Bäuchen oder der Metzger vom Schlachten.

Als er die Augen öffnete, huschten zwei Eichhörnchen mit buschigen Schwänzen an ihm vorbei. Federleicht und lautlos. Sie sausten an einem Baum hoch, als gäbe es keine Schwerkraft und entschwanden in der schier unendlichen Weite der riesigen Baumkrone.

»Ihr habt es gut«, murmelte der Ex-Knacki. Er wackelte mit dem Kopf. »Euch sperrt niemand ein. Die Menschen lieben und füttern euch. Ihr habt keine Sorgen. Ihr könnt anstellen, was ihr wollt. Niemand nimmt euch irgendwas krumm. Wie wär's? Wollen wir tauschen?«

Dreieinhalb Jahre hatte er im Knast verbracht. Eine lange Zeit.

Und wenn ich denen, auf die es ankommt, die da drinnen etwas zu sagen haben, nicht so eifrig in den Arsch gekrochen wäre, würde ich mit dem Dauerfurzer Fred Toon und dem schwachsinnigen Alec Meeker, der die Finger zu Hilfe nehmen muss, wenn er zwei und zwei addieren möchte, noch immer in derselben Zelle sitzen, dachte er. Man müsste einen Coup landen, der so viel einbringt, dass man danach nie mehr zu arbeiten braucht und ein sorgenfreies Leben führen kann. Welcher Ganove hat noch nie davon geträumt? Ich kenne keinen.

Jack Corrington war groß, dunkelhaarig und schlank. Man sah ihm an, dass er eine Zeitlang geboxt hatte. Das hatte deutliche Spuren in seinem Gesicht hinterlassen.

Dass ihn die Frauen trotzdem attraktiv fanden, konnte er nicht verstehen. Er selbst fand sich hässlich. Fünfzehn Siege hatte er en suite geschafft. Sieben davon mit K. O. Dann hatte er sich beim Training den Mittelhandknochen gebrochen und nach seiner Genesung nicht mehr an seine »durchschlagenden« Erfolge anschließen können.

Deshalb hatte er es bleiben lassen und dem Ring für immer den Rücken gekehrt. Kürzlich, im Gefängnis, hatte Doc Myers bei ihm ein Herzleiden, das er nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte, diagnostiziert.

Bei ihm!

Bei einem Mann, dem man zugetraut hätte, dass er bei einer Reifenpanne seine Karre kurz mal mit bloßen Händen zum Reifen wechseln hochhob, wenn gerade kein Wagenheber greifbar war. Aber er Schein trog – leider.

Corrington verließ den Central Park und suchte seine Stammkneipe am Hudson River auf. Das Lokal war leer. Und hinter dem Tresen stand ein großer, fremder Mann.

»Was darf's sein?«

»Budweiser«, antwortete Corrington. »Wo ist Harry?«

»Welcher Harry? Harry McFay? Harry Spooner? Harry Wylder?«

»Harry Bronco«, sagte Corrington.

»Den gibt es nicht mehr.«

»Was ist passiert?«, wollte Corrington wissen.

»Er hatte Streit mit einem Gast.«

»Und?«

»Der Gast hat ihn erstochen. Gleich draußen vor der Tür.«

Corrington bekam sein Bier. »Wann?«

»Vor drei Jahren.«

»Vor drei Jahren schon?«, staunte Corrington. Er trank einen Schluck. Das Bier schmeckte himmlisch. Das erste Budweiser in der wiedergewonnenen Freiheit. Als ob einem ein Engel auf die Zunge pinkelt, dachte er. »Ich war hier früher mal Stammgast.«

»Hab Sie noch nie gesehen.«

»Ich war verreist«, sagte Corrington.

»Verstehe. Und nun sind Sie wieder zurück.«

Corrington nickte. »So ist es.«

»Wie ist Ihr Name?«

»Corrington«, gab der Ex-Knacki zur Antwort. »Jack Corrington.«

»Den kenne ich. Die Leute reden ab und zu über Sie.«

Corrington grinste. »Schön, dass sie mich noch nicht vergessen haben.«

»War es schlimm da, wo Sie waren?«

Corrington zuckte mit den Achseln. »Ich konnte es mir ein wenig richten.«

Der Wirt streckte die Pranke über den Tresen. »Mein Name ist Seberg. Hal Seberg. Der Laden gehört seit Harrys Tod mir. Ich würde mich freuen, Sie von nun an öfter hier begrüßen zu dürfen, Mr Corrington. Das Bier geht selbstverständlich aufs Haus.«

»Jack. Nenn mich Jack, okay?«, verlangte der entlassene Häftling. »Mr Corrington – das war mein Vater. Ein Ehrenmann. Hat sich nie auch nur das Geringste zuschulden kommen lassen. Dem wäre es zum Beispiel nie im Leben in den Sinn gekommen, seine Versicherung zu bescheißen. Oder sonst was zu drehen, was nicht ganz koscher war. Unrecht Gut gedeiht nicht. Ehrlich währt am längsten. Was du nicht willst, das dir man tu, das füg auch keinem andern zu. Mit solchen frommen Sprüchen bin ich aufgewachsen. Mein alter Herr hatte jeden Tag einen neuen für mich parat. Weiß der Geier, wo er die alle ausgrub. Einige hat er sich wohl auch selbst zusammengekleistert. Und was hat ihm sein lupenreiner Lebenswandel eingebracht? Hoch verschuldet ist er gestorben. In einer billigen Holzkiste hat man ihn beerdigt. Weil kein Geld für was Besseres da war.« Er wackelte mit dem Kopf, als würde ihn etwas mächtig beeindrucken. »Aber – dafür ist er jetzt im Himmel. O ja, das ist er. Auf Augenhöhe mit Gott. Leider ist damit aber auch die Chance vertan, dass wir einander eines Tages wiedersehen werden. Weil Jungs wie ich da oben nämlich nicht reingelassen werden.« Er wies mit dem Zeigefinger zur Decke.

»Alles hat eben seinen Vor- und seinen Nachteil«, philosophierte Hal Seberg.

»Bist du verheiratet, Hal?«, fragte Corrington.

»Nein«, antwortete der Wirt. »Aber ich hab jemand, bei dem ich mein Zeug loswerde.«

Corrington nickte. »Das ist sehr wichtig. Ich musste dreieinhalb Jahre darauf verzichten.«

Seberg sah ihn an, als würde er ihn bemitleiden. »Ist 'ne verdammt lange Zeit.«

Corrington setzte sein breitestes Grinsen auf. »Aber von nun an wird wieder scharf geschossen. Die Hasenjagd ist eröffnet.« Er trank den Rest seines Bieres. »Danke für die Spende. Ich muss weiter. Man sieht sich. Mach's gut, Hal.«

»Du auch, Jack.«

Corrington verließ das Lokal.

*

Kimberley Gish war nach dem brutalen Überfall im Krankenhaus gelandet. Sie hatte eine Platzwunde an der Schläfe abbekommen, die genäht werden musste, und nun lag sie zur Beobachtung allein in einem Krankenzimmer, weil die Ärzte bei ihr eine mittelschwere Gehirnerschütterung festgestellt hatten. Sie bekam Infusionen, und ihre wichtigsten Lebensfunktionen wurden von medizinisch-technischen Geräten überwacht.

Dr. Rob Foster, der Stationsarzt, ein schrumpeliger Dreikäsehoch, wollte uns nicht zu ihr lassen. »Das – das kann ich nicht verantworten«, stieß er - beinahe entrüstet - hervor. »Das ist ganz unmöglich. Kommen Sie morgen wieder. Wenn es der Patientin dann schon besser geht, dürfen Sie mit ihr sprechen. Aber nicht heute. Auf gar keinen Fall heute. FBI hin, FBI her. Das Wohl der Patientin muss an erster Stelle stehen.«

Es wäre für uns eminent wichtig gewesen, jetzt gleich mit Belindas Freundin zu reden. Heute war die Spur noch warm. Morgen vielleicht schon nicht mehr.

Ich versuchte dem Doktor das klar zu machen, und ich versprach ihm auch, mit Kimberley so behutsam wie nur irgend möglich umzugehen.

Dr. Foster blieb bei seinem Nein. Er war ein starrköpfiger alter Mann. Erst als Milo die Idee äußerte, mit Mr McKee, unserem Vorgesetzten, der mit dem Chef der Klinik gut bekannt, wenn nicht gar befreundet war, zu telefonieren, schwenkte Rob Foster mit einem Mal um.

»Also gut«, gab er seufzend nach. Seine Augen funkelten kriegerisch. Er war kein guter Verlierer. »Aber machen Sie es kurz. Ich gebe Ihnen nicht mehr als fünf Minuten. Und wenn die Patientin durch dieses Gespräch, gegen das ich nach wie vor bin, Schaden nimmt, mache ich Sie dafür verantwortlich.«

Hank, Milo und ich gingen zu Kimberley. Wir vereinbarten, dass nur Hank mit ihr sprach. Weil sie ihn kannte. Uns aber nicht. Milo und ich wollten lediglich zuhören.

Während Hank Hogan an das Krankenbett trat, blieben wir im Hintergrund. Kimberley schien zu schlafen. Hank beugte sich über sie.

Sie schien seine Nähe zu spüren. Ihre Lider zuckten kurz. Dann öffnete sie die Augen. »Hank«, hauchte sie. »Es tut mir ja so leid ...«

Der blonde Hüne schüttelte langsam den Kopf. »Ihnen braucht nichts leid zu tun, Kimberley. Sie haben nichts getan. Wie geht es Ihnen?«

»Mir ist, als wäre ich nicht richtig da«, flüsterte sie. »Als würde ich auf einer riesengroßen Wolke schweben. Was haben die mir gegeben?«

»Alles, was Sie brauchen, um schnell wieder fit zu werden«, antwortete der Detektiv.

»Was ist mit Belinda?« Eine Träne rann aus Kimberleys Augenwinkel.

Hank Hogan hob die breiten Schultern. »Ich weiß es nicht.«

»Warum hat uns dieser Kerl überfallen?«

»Ich werde es herausfinden. Hören Sie, Kimberley, ich weiß, es geht Ihnen nicht gut, und der Arzt wird mich in fünf Minuten hinauswerfen. Aber es wäre sehr wichtig für mich, zu erfahren, was geschehen ist. Würden Sie es mir bitte so genau wie möglich erzählen?«

Kimberley Gish nickte kaum merklich. Sie schloss die Augen, ließ den Erinnerungsfilm laufen und schilderte mit schwacher Stimme, was sie sah.

Es war bedauerlicherweise nicht sehr viel. Sie hatte nur wenig von dem Überfall mitbekommen. »Das – das ging alles so furchtbar schnell«, flüsterte sie. »Kaum hatte der Kerl Belinda niedergeschlagen, verlor auch ich schon das Bewusstsein.«

»Haben Sie ihn gesehen? Wie sah er aus?«

»Ich erinnere mich nicht an den Mann, Hank.«

Amnesie, dachte ich. Das ist kein Einzelfall. Der menschliche Geist schützt sich auf diese Weise. Wenn es zu einem traumatischen Schock kommt, schaltet er kurzerhand ab. Personen, die einen Unfall hatten, können sich oft tage- bis wochenlang nicht an die letzten Sekunden vor dem Blackout erinnern. Aber irgendwann fällt ihnen zumeist doch wieder alles ein.

»Hatten Sie das Gefühl, dass der Mann schon länger hinter Ihnen her war, Kimberley?«, erkundigte sich Hank Hogan.

Genau dieselbe Frage hätte ich jetzt auch gestellt, ging es mir durch den Sinn.

»Oder war das Ganze eine Spontanaktion?«, fügte Hank hinzu. »Er sah euch beide – und schlug zu. War das Verbrechen eiskalt geplant oder nicht? Was meinen Sie?«

Kimberley sah den Hünen traurig an. »Ich wollte, ich könnte Ihnen darauf eine Antwort geben, Hank. Aber ich kann es nicht. In meiner Erinnerung gähnt ein schwarzes Loch, das ich nicht schließen kann.«

»Es wird sich von selbst schließen«, tröstete der Detektiv sie. »Vielleicht schon bald.« Er schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln. »Machen Sie sich keine Sorgen ...«

Wieder rann eine Träne aus Kimberleys Augenwinkel. »Ich muss immerzu an Belinda denken. Daran, wie es ihr geht. Vielleicht würde auch sie ärztliche Hilfe brauchen, doch sie wird keine bekommen, solange sie sich in der Gewalt dieses Verbrechers befindet. Warum hat er das getan, Hank? Das ist doch verrückt. Belinda ist nicht reich. Was für einen Sinn hat es, sie zu entführen?«

»Vielleicht möchte mir jemand eins auswischen«, mutmaßte der Privatdetektiv. »Jemand, dem ich in der Vergangenheit das kriminelle Handwerk gelegt, den ich möglicherweise ins Zuchthaus gebracht habe.«

Hinter mir öffnete sich die Tür. Dr. Foster erschien. Mit einem Gesicht, als wollte er mich in die Wade beißen. Er ließ uns unfreundlich wissen, dass die fünf Minuten, die er uns zugestanden hatte, schon längst um seien.

»Machen Sie's gut, Kimberley«, sagte Hank. »Alles Gute. Wir sehen uns morgen wieder. Vielleicht erinnern Sie sich dann schon an einiges mehr.«

Ich sah den schrumpeligen Stationsarzt an und dachte: Gleich wird er kläffen. Um ihm das zu ersparen, verließ ich den Raum. Milo und Hank folgten mir.

Milo wies mit dem Daumen über seine Schulter. Auf die Tür, die Dr. Foster geschlossen hatte. »Du hast da drinnen etwas gesagt, Hank ...«

»Dass mir jemand eins auswischen möchte?«, fragte unser bester V-Mann.

»Ja.«

»Das war nur so ein Geistesblitz«, sagte Hank.

»Der aber ins Schwarze getroffen haben könnte«, meinte Milo. »Denk mal scharf nach«, forderte er den blonden Hünen auf. »Wem würdest du einen solchen Racheakt zutrauen?«

»Oh, da fallen mir auf Anhieb mindestens zwanzig linke Bazillen ein.«

»Dann fang mal an zu sieben«, sagte Milo.

»Niemand entführt nur um des Entführens willen«, meldete ich mich zu Wort.

Hank sah mich an. Seine Stirn war sorgenumwölkt. »Du meinst, da kommt noch etwas hinterher.«

»Ist doch klar«, sagte ich. »Ich könnte mir vorstellen, dass sich der Kidnapper demnächst bei dir melden wird. Um irgendetwas loszuwerden. Vielleicht eine Geldforderung. Oder die Nachricht, was er mit Belinda anzustellen gedenkt, wenn du nicht tust, was er von dir will.«

Zornesröte schoss in Hanks Gesicht. Er ballte die großen Hände zu Fäusten, die die Härte von Schmiedehämmern hatten, und knurrte aggressiv: »Ich breche dem Bastard sämtliche Gräten, wenn ...«

»Ist noch was?«, fiel ihm Dr. Rob Foster ins Wort. Er war an uns herangetreten.

Ich drehte mich zu ihm um. »Nein.«

»Würden Sie dann bitte die Station verlassen?«, sagte der Mediziner, nicht besonders freundlich. Es schien ihn zu ärgern, dass er vorhin klein beigegeben hatte.

»Aber ja doch«, murmelte Hank.

Wir gingen den Gang entlang und riefen den Fahrstuhl per Knopfdruck vom achten Stock herunter.

*

»Donnerwetter«, sagte die leicht übergewichtige Nutte, als Jack Corrington endlich fertig war.

Er grinste breit. »Na ja. Dreieinhalb Jahre sind dreieinhalb Jahre. Da kommt schon was zusammen.«

»Manche helfen sich im Knast gegenseitig, hört man.«

»Zu der Sorte habe ich noch nie gehört.« Corrington hatte mit ihr einen Pauschalbetrag vereinbart und auch, wie das so üblich war, gleich gelöhnt.

Er hatte ihr von Anfang an reinen Wein eingeschenkt, damit sie sich auf das, was auf sie zukam, einstellen konnte, und sie hatte ihm einen fairen Preis gemacht, weil sie ein Herz für Ex-Knackis hatte, wie sie sagte.

Ihr Name war Chantalle. Hatte sie ihm verraten. Er war sicher, dass sie einen wesentlich hausbackeneren Namen hatte. Nicht so klangvoll. Nicht so branchenüblich. Vielleicht Ivy. Oder Edna. Oder Meg.

Überall auf der Welt gibt es Prostituierte, die sich Chantalle nennen, dachte er. Warum eigentlich? Was ist so großartig, so schlüpfrig, so verrucht, so erotisch an diesem Namen?

Er zog sich an.

»Kannst gern mal wieder kommen«, meinte Chantalle. Sie zündete sich eine lange dünne Zigarette an und pumpte den ersten Zug bis in ihre Zehenspitzen hinunter. »Mit dir hat es mir echt Spaß gemacht.«

Er grinste skeptisch. »Ich wette, das sagst du zu jedem Kerl.«

»Stimmt«, gab sie ehrlich zu. »Aber bei dir ist es wahr. Hattest du eine Freundin, bevor du ...«

»Klar hatte ich eine Freundin.«

Chantalle blies Rauchringe in die Luft. Einen durch den andern. Corrington hätte das nicht so perfekt hingekriegt. »Sie hat nicht auf dich gewartet, hm?«, sagte Chantalle. »Sonst wärst du nicht zu mir gekommen, sondern wärst schnurstracks zu ihr gelaufen.«

Er lachte. »Hey, du bist ja ziemlich hell auf der Platte.«

»Dachtest du, Nutten wären blöd?«

Er antwortete nicht, schloss seinen Hosenstall und zog sein Jackett an. Plötzlich hielt er inne.

»Was ist?«, fragte Chantalle. Sie schnippte die Zigarettenasche neben dem Bett auf den Boden. Deshalb war es in ihrem Apartment auch nirgendwo klinisch sauber.

»Du erinnerst mich an jemand«, verriet ihr Corrington nachdenklich.

»An wen?«, wollte Chantalle wissen.

»An meine erste Prostituierte. Ihr Name war Leonie. Und ich war noch ... Na ja, du weißt schon. Ich hatte noch nie ... Ich war noch Jungfrau. Ich hatte gerade meinen ersten Einbuch hinter mir ...«

»Wie alt warst du damals?«, fragte Chantalle.

»Dreizehn.«

Chantalle hob beeindruckt die dunklen Augenbrauen. »Früh übt sich, wer ein Meister werden will.«

»Ich habe alles, was mir der Einbruch eingebracht hat, mit Leonie vervögelt.«

»Sie war eine gute Lehrmeisterin.«

Corrington nickte. »O ja. Das war sie.«

»Und ich sehe aus wie sie?«

Corrington zuckte mit den Achseln. »Irgendwie.«

»Vielleicht bin ich es.«

Corrington schüttelte den Kopf. »Ganz sicher nicht. Leonie lebt nicht mehr. Ich hatte dreimal das Vergnügen mit ihr. Dann hat ihr ein durchgeknallter Freier die Kehle durchgeschnitten.«

Chantalle seufzte. »Manchmal kann dieser Job schon verdammt gefährlich sein.«

Corrington zeigte auf sie. »Pass auf dich auf.«

Sie nickte. »Mach ich, Süßer. Gehst du jetzt zu deiner Freundin?«

»Mal sehen.«

»Wenn sie nichts mehr von dir wissen will – du findest mich hier.« Sie spreizte verführerisch die Beine. »Und ich bin für dich allzeit bereit.«

Er nickte und ging.

*

Das Haus am East River war alt und schäbig. Es stank darin so erbärmlich, dass ich am liebsten meine Nasenflügel zugeklappt hätte.

Im Erdgeschoss wohnte keiner mehr. Sämtliche Türen standen offen. Die früheren Mieter hatten vermutlich bessere Bleiben gefunden.

Dutzende herrenloser Katzen hatten sich an ihrer Stelle hier eingenistet. Die Bude war für die vierbeinigen Hausbesetzer das reinste Eldorado.

Niemand würde sie vertreiben. Hier konnten sie unbehelligt leben und sich nach Belieben vermehren. Und zu hungern brauchten sie auch nicht, weil es zur Genüge leckere Mäuse und fette Ratten gab.

Ich zog meine SIG Sauer aus dem Schulterhalfter. Nicht wegen der vielen Katzen – oder weil ich Angst vor den Mäusen und Ratten hatte -, sondern wegen Jim Burns.

Angeblich war er ein höchst unangenehmer Zeitgenosse. Er redete nicht gern, und wenn man ihm auf den Geist ging, antwortete er mit »bleischweren« Argumenten, die direkt aus seiner Kanone kamen.

Hank Hogan hatte uns vor ihm gewarnt. »Seht euch vor, wenn ihr zu Burns geht. Der Mann schießt aus allen Knopflöchern, wenn man ihn reizt.«

»Er würde das Echo, das er damit auslöst, nicht vertragen«, hatte Milo gebrummt.

Hank hatte eine Liste all jener Typen aufgestellt, die nicht gut auf ihn zu sprechen waren, und denen er zutraute, Belinda Fox entführt zu haben. Und Jim Burns stand auf dieser Liste ganz weit oben.

Auf Platz zwei, um es zu präzisieren. Der Mann auf Platz eins hieß Kowalski. Norman Kowalski. Den wollte sich Hank selbst vornehmen.

Verfolgt von argwöhnischen Katzenblicken, stiegen wir zum ersten Stock hinauf. Die Dienstpistole lag schwer in meiner rechten Hand.

Wenn Burns es auf die harte Tour wollte – wir würden nicht kneifen. Lieber wäre es uns allerdings gewesen, wenn er mit sich vernünftig hätte reden lassen. Die gute alte Hardrockgruppe Deep Purple empfing uns in der ersten Etage mit einem Sound, der so satt war, dass Milo und ich uns nur noch mit Handzeichen verständigen konnten.

Wir näherten uns mit schussbereiten Waffen der Tür, hinter der offenbar die knallharte Band Aufstellung genommen hatte und jetzt rockte, was das Zeug hielt.

Burns liebte es allem Anschein nach laut. Er hatte seinen Ghettoblaster oder irgendeine andere leistungsstarke Sound machine auf volles Rohr gestellt. Manche Irre dröhnen sich auf diese Weise völlig zu. Für sie ist Musik in Überlautstärke eine Art Ersatzdroge.

Milo und ich positionierten uns links und rechts neben der schäbigen Tür. Ich hob die linke Hand und begann mit dem Countdown – von fünf herunter.

In mir wuchs die Spannung.

Würde Burns versuchen, seinem schlechten Ruf gerecht zu werden? Würde er sich friedlich geben, wenn ihn zwei schwarze Mündungsaugen eiskalt anstarrten? Würde er durchdrehen?

Ich zog einen Finger nach dem andern ein. Und als keiner mehr zu sehen war, öffnete mein Partner für mich die Tür. Sie schwang langsam auf.

Ich schraubte mich augenblicklich in die dröhnende Klangwolke. Meine SIG kam selbstverständlich mit, und sie wäre zu jedem unfreundlich gewesen, der es zu mir gewesen wäre.

Aber da war niemand.

Nur Deep Purple. Überall. In der Luft. Hinter den Tapeten. In den Wänden. Unter dem Teppich.

Mein Brustkorb dröhnte. Meine Ohren schmerzten.

Das wäre selbst für einen, der stocktaub ist, zu viel, dachte ich. Wie hält Burns das aus? Ist er am Ende gar nicht daheim? Hat er die Musik ganz laut aufgedreht und ist abgehauen? Bekämpft er auf diese Weise eine Kakerlakenplage? Wie gut hören Küchenschaben eigentlich?

Milo folgte mir, sobald ich ihm anzeigte, dass die Luft im Moment zwar laut, aber rein war. Gemeinsam wagten wir uns tiefer in die Wohnung hinein.

Ich entdeckte die Lärmquelle. Ein futuristisches Gebilde aus Glas, Stahl, Gummi, Stoff, Blech, Plastik und weiß der Geier, was noch allem.

Von protzigen Lautsprechern flankiert. Das Ungeheuer schien im Takt der Musik Feuer zu speien. Ständig zuckten mal hier, mal da Lichter auf.

Ich konnte der Versuchung nur sehr mühsam widerstehen, dieses Monster mit einer schnellen Kugel zu killen, es für immer zum Verstummen zu bringen.

Was würde geschehen, wenn ich das Gerät abschaltete? Würde sich Jim Burns dann zeigen? Mit einer Waffe in seinen Händen, so groß und schwer, dass nicht einmal John Rambo sie hätte tragen können?

Kaum war mir dieser Gedanke gekommen, da sah ich Burns. Er war splitterfasernackt, schob sich von links – hüpfend wie Chuck Berry, mit dem Rücken zu mir - in mein Blickfeld und spielte Luftgitarre. Ekstatisch zuckend. Geistig total weggetreten. Voll im Deep-Purple-Rausch. Von oben bis unten tätowiert. Ein lebendes Bilderbuch.

Ich sah einen Drachen, zwei kämpfende Piraten, einen Papagei, ein Krokodil, einen Dolch, einen Säbel, einen Delfin, einen Totenkopf, eine Rose, eine Schlange, einen Atompilz, mehrere nackte Mädchen, zwei kopulierende Affen, ein Skelett und noch vieles mehr.

Hank hatte gesagt, der Knabe würde immer gleich aus allen Knopflöchern schießen. Nun, dann war er jetzt nicht gefährlich, denn er war nackt.

Es gab also keine Knopflöcher, aus denen er hätte schießen können. Ich beschloss, mich bemerkbar zu machen, indem ich für Stille sorgte.

Da ich den Ausschaltknopf erst hätte suchen müssen, zog ich kurzerhand den Stecker aus der Dose. Grabesstille - wie ein Hammerschlag.

Absolut und urplötzlich. Das war ein »Knaller«. Damit hatte Jim Burns nicht gerechnet. Das stieß ihn aus den nicht vorhandenen Pantoffeln.

Er flitzte aus meinem Blickfeld, und im nächsten Moment krachte schon der erste Schuss. Die Kugel hackte irgendwo ein Loch in die Wand.

»Verdammt, wer seid ihr?«, schrie Burns erst danach. Das war seine Maxime. Zuerst schießen, dann fragen.

»FBI!«, antwortete ich.

»Bullen?« Er fand uns zum Kotzen. Das war deutlich zu hören. »Was zum ... Was wollt ihr?«

»Legen Sie die Waffe weg, Burns!«, verlangte ich schneidend.

»Scheiße, ich habe euch nicht erlaubt, meine Wohnung zu betreten. Ihr hattet kein Recht dazu.«

»Hätten Sie's bei dem Radau gehört, wenn wir geklopft hätten?«, fragte Milo.

»Das war kein Radau«, schnappte Jim Burns, als hätte mein Partner ihn beleidigt. »Das war Musik.«

»Wir wollen Sie sehen, Burns!«, rief ich. »Mit erhobenen Händen! Unbewaffnet!«

»Wieso seid ihr hier? Ich habe nichts verbrochen.«

»Wir möchten mit Ihnen reden«, antwortete ich. »Nur reden. Okay?«

»In aller Freundschaft«, ergänzte Milo.

»In aller Freundschaft«, ätzte Burns. »Mit 'ner Wumme in der Hand. Ich lach mich gleich tot.«

Ich forderte ihn noch einmal mit Nachdruck auf, sich unbewaffnet zu zeigen. Es vertickten einige Minuten, in denen nichts passierte.

Was gab es groß zu überlegen? Schließlich erschien er. Wie gewünscht, mit erhobenen Händen. Ärgerlich. Gereizt. Verstimmt. Feindselig.

Und nicht mehr nackt. Er trug jetzt Jeans und ein weißes T-Shirt. Meine SIG und ich musterten ihn argwöhnisch. War er unbewaffnet?

Ich bat Milo, sich davon zu überzeugen. Mein Partner tat es mit flinken, kundigen Händen und ließ mich wissen, dass Burns sauber war.

Daraufhin steckte ich meine SIG Sauer weg, um für eine optische Entspannung der Situation zu sorgen. Burns erlaubte sich, die Hände runterzunehmen.

Ein – für ihn unerfreulicher - Verdacht schien sich ihm plötzlich aufzudrängen. Eine tiefe Falte bildete sich daraufhin zwischen seinen Augenbrauen.

»Ich kenne euch«, sagte er und kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. »Ihr seid Trevellian und Tucker. Die bissigsten Hunde des FBI.«

Milo schüttelte mit vorwurfsvoller Miene den Kopf. »Na. Na. Na.«

Burns hob unschuldig die Schultern. »Das ist nicht auf meinem Mist gewachsen. So nennt man euch. Ich kann nichts dafür.« Sein Blick wanderte zwischen uns hin und her. »Tut mir leid, dass ich auf euch geschossen habe«, bemühte er sich um einen versöhnlicheren Ton. »Aber wenn plötzlich zwei bewaffnete Typen mitten in meiner Wohnung stehen ... Ihr habt mir einen Mordsschrecken eingejagt.«

»Wir wissen von Hank Hogan, dass Sie immer gleich mit der Kanone zur Hand sind«, sagte Milo.

»Wir leben in gefährlichen Zeiten«, rechtfertigte sich Burns.

»Tragen nicht Leute wie Sie maßgeblich dazu bei?«, fragte Milo.

»Was soll das heißen?«, fragte Burns vergrämt. »Ich werde mich doch wohl noch in meinen eigenen vier Wänden verteidigen dürfen.«

»Wir haben Sie nicht angegriffen«, sagte ich.

»Aber ich habe mich bedroht gefühlt.«

»Schlechtes Gewissen?«, fragte Milo.

»Wie?«

»Haben Sie ein schlechtes Gewissen?«, erkundigte sich mein Partner.

»Nein«, gab Burns zur Antwort. Mit ziemlich viel Groll im Blick. Bestimmt wünschte er uns zum Teufel. Oder zumindest ins Fegefeuer. »Warum sollte ich?« Er reckte sein Kinn herausfordernd vor. »Würden Sie mir jetzt endlich verraten, weshalb Sie hier sind?«

»Sie sind nicht gut auf Hank Hogan zu sprechen, stimmt's?«, sagte ich.

»Ich habe auch allen Grund dazu.« An Burns' Wangen bildeten sich rote Flecken. Ein Hauch von Hass legte sich über seine Züge. »Jedes Mal, wenn jemand eine Schussverletzung abkriegt, bin ich der Erste, dem er es in die Schuhe zu schieben versucht. Ich hatte seinetwegen schon verdammt viel Ärger.«

»So viel Ärger, dass Sie ihm endlich mal ordentlich eins auswischen möchten?«, fragte ich.

»Gebühren würde es ihm«, brummte Burns. »Er kann mich einfach nicht in Ruhe lassen.«

»Woran das wohl liegen mag«, sagte ich.

»Ich habe keinen blassen Schimmer«, behauptete Burns. »Offenbar kann Hogan mich nicht leiden.«

»Jemand hat seine Sekretärin entführt«, ließ ich die Katze aus dem Sack.

Ich beobachtete Burns dabei sehr genau und hoffte, dass er sich mit einem kurzen Blinzeln, mit einem tückischen Zucken der Lippen, mit irgendeiner unbedachten Geste verriet.

»Verdächtigt er etwa mich?«, fragte Burns zornig.

»Haben Sie's getan, Burns?«, fragte Milo ihn ganz direkt.

»Nein.«

»Wissen Sie, wo sich Belinda Fox zurzeit aufhält?«, hakte ich nach.

»Nein, das weiß ich nicht«, antwortete Jim Burns sehr laut. Fast so laut wie vorhin Deep Purple. »Ich bin kein gottverdammter Kidnapper.«

War seine Empörung berechtigt? Ich nannte die Tatzeit und wollte wissen, wo er da gewesen war.

»Beim Maulklempner.« Er sah mich triumphierend an. »Sie können es gerne nachprüfen. Ich war beim Zahnarzt. Dr. Andy Miller. 9082 Lexington Ave. Hab mir eine neue Plombe machen lassen. Wollen Sie sie sehen?« Obwohl ich nicht Ja sagte, riss er seinen Mund ganz weit auf und fuhr undeutlich fort: »Hier. Ganch hinnen. Linkch. Der Weichheitchchahn.«

Sein Mundgeruch machte mich high. Er schien, kurz bevor er anfing, Luftgitarre zu spielen, eine Pulle Rotwein geleert zu haben.

»Okay, Burns«, sagte ich und trat einen Sicherheitsschritt zurück. »Sie können zuklappen.«

»Bestellen Sie Ihrem bescheuerten Freund einen schönen Gruß von mir«, verlangte Burns giftig. »Sagen Sie ihm, ich wünsche ihm die Pest an den Hals.«

Kapitel 2

George Jones hatte in seinem Stammrestaurant, nahe der Wall Street, ausgezeichnet gespeist, und nun ließ er sich vom Kellner einen doppelten Kognak bringen. Er aß immer allein, um sich voll und ganz dem Genuss der Speisen hingeben zu können und sich mit niemandem in seichter Konversation verzetteln zu müssen oder gar gezwungen zu sein, tiefschürfende Probleme zu wälzen. Essen – das war für ihn nicht bloß eine lästige Sättigungsprozedur (wie für viele, die absolut unkultiviert auf die Schnelle irgendetwas in sich hineinschaufelten oder –stopften), sondern ein beinahe sakraler Akt, den er völlig ungestört und geistig abgehoben zelebrierte.

»War alles zu Ihrer Zufriedenheit, Mr Jones?«, erkundigte sich der Kellner, während er den Kognakschwenker vor den Gast hinstellte.

»Ja. Danke, Lester. Wie immer.«

Lester deutete ein kleines Lächeln an und zog sich zurück. Jones nahm den Schwenker in die Hand und ließ den Kognak im Glas kreisen.

Er wärmte ihn auf diese Weise mit der Hand an, damit er sein volles Aroma entfaltete. Aber es war ihm nicht gegönnt, ihn ungestört zu trinken.

Ein Mann stürmte mit grimmiger Miene durch das Lokal. Lester lief aufgeregt hinter ihm her. Doch ehe er ihn einholen konnte, setzte der Ungestüme sich an Jones' Tisch.

»Mr Jones«, stöhnte der Kellner. »Es tut mir furchtbar leid, aber ...«

George Jones nickte und machte eine dämpfende Handbewegung. »Schon gut, Lester.«

Der Mann, der sich zu ihm gesetzt hatte, bleckte blitzweiße Zähne. »Hallo, George.«

Der Kellner zögerte einen Augenblick. Dann entfernte er sich mit gesenktem Kopf. Schuldbewusst, weil er sich von diesem ungehobelten Kerl einfach überrennen lassen hatte.

George Jones musterte sein Gegenüber kalt und abweisend. »Was willst du?«

»Mal wieder nobel gefuttert, George?«, erkundigte sich Ving Wipper. Das dunkle, dicht gewellte Haar stand wie Draht von seinem Kopf ab.

»Ich wüsste nicht, was dich das angeht«, erwiderte George Jones bärbeißig.

»Oh, das geht mich sogar verdammt viel an. Du verfrisst hier immerhin mein Geld.«

»Fang nicht schon wieder damit an.« Jones war es leid, sich mit Wippers Problem auseinandersetzen zu müssen.

»Ich hab damit noch nicht aufgehört«, erklärte Ving Wipper. Er starrte Jones durchdringend an.

»Du wusstest, worauf du dich einlässt«, entgegnete George Jones. »Ich habe dich über die Risiken nicht im Unklaren gelassen.«

»Du hast mir eine Rendite von fast vierzig Prozent versprochen«, zischte Wipper.

»Ich habe dir aber auch gesagt, das die Sache schief gehen kann.« Jones breitete die Arme aus. »Wer viel riskiert, kann viel gewinnen, aber auch viel verlieren. So ist das nun mal im Immobiliengeschäft. Mal gewinnt man. Mal verliert man.«

Wipper sah George Jones an, als wollte er ihm an die Kehle gehen. »Du hast mein ganzes Geld verspekuliert.«

»Mit deinem Einverständnis.«

»Moment.« Wipper schüttelte den Kopf. »Moment, Kumpel. Du hast dreihunderttausend Dollar in den Sand gesetzt. Damit war ich nicht einverstanden.«

»Ich hatte auf das, was da schiefgelaufen ist, keinen Einfluss«, verteidigte sich Jones. »Das war höhere Gewalt.«

»Ich will mein Geld wiederhaben, George.«

»Es ist weg. Begreif das doch endlich. Es ist nicht mehr da. Ich kann es dir nicht zurückgeben.«

»Das interessiert mich einen Scheißdreck, Mann. Du schuldest mir dreihunderttausend Bucks. Mir ist es völlig egal, wie du die Kohle auftreibst. Überfall eine Bank. Geh auf den Strich. Schick deine Alte anschaffen. Du wirst mir mein Geld zurückgeben. Bis auf den letzten Cent. Sonst ...«

»Sonst was?«

Wipper kniff die Augen zusammen. »Ich weiß, dass du was mit deiner schnuckeligen Sekretärin hast.«

Jones lächelte schief. »Willst du's meiner Frau erzählen? Möchtest du mich damit erpressen?«

Das würde nicht funktionieren. Weil Sadie, Jones' alkoholkranke Frau, das schon längst wusste. Und weil sie absolut nichts gegen dieses Verhältnis hatte – solange sie von ihrem Mann in Ruhe gelassen und mit erstklassigem Stoff versorgt wurde. Man hatte sich – wie in vielen anderen Ehen auch - arrangiert.

»Du bumst Jodie Simon nicht bloß. Du liebst sie auch. Und jetzt pass mal ganz genau auf, Arschloch.« Wipper holte sein Handy heraus und fingerte kurz daran herum. Dann schob er es George Jones zu.

»Wen soll ich anrufen?«, fragte der Immobilien-Spekulant. Er war beruflich nicht so glücklos, wie es im Moment den Anschein hatte.

Die meisten Geschäfte, die er tätigte, warfen satte Gewinne ab. Ab und zu ging natürlich auch mal was daneben. Das war ganz klar. Aber übers Jahr gesehen war Jones in der Immo-Branche recht erfolgreich unterwegs.

»Du sollst niemand anrufen, sondern dir die Fotos ansehen, die ich gemacht habe.«

Jones tat es – und wurde blass. Die Aufnahmen waren nicht besonders scharf. Dennoch war zu erkennen, dass im Kofferraum eines Wagens eine junge blonde Frau lag. An Armen und Beinen gefesselt. Mit einem Plastikstreifen auf dem Mund.

Jones sah sein Gegenüber entgeistert an. »O mein Gott.« Schweißperlen glänzten mit einem Mal auf seiner Stirn.

Wipper lachte böse. »Ja, da staunst du, was? Ich hab mir dein geiles Flittchen gekrallt.«

»Wo ist sie?«, fragte Jones mit belegter Stimme. Er wischte sich fortwährend seine feuchten Handflächen an den Oberschenkeln trocken. »Wo hast du gottverfluchter Hurensohn Jodie hingebracht?« Er konnte sich nur sehr schwer zurückhalten, stand kurz davor, zu explodieren.

»Sie befindet sich an einem sicheren Ort, und es geht ihr relativ gut«, antwortete Wipper gelassen. »Vorläufig jedenfalls. Natürlich hat sie Angst. Weil sie nicht weiß, wie ihre Zukunft aussieht. Das ist zu verstehen. Und sie hat wahrscheinlich auch Hunger und Durst. Ich könnte ihr was zu essen geben. Und was zu trinken. Ob ich es tun werde, hängt von dir ab. Du kennst mich. Du weißt, dass es mir mit solchen Dingen sehr ernst ist. Und du kannst dich darauf verlassen, dass ich die kleine Schlampe skrupellos massakrieren werde, wenn du dich weiterhin weigerst, mir meine dreihunderttausend Bucks zurückzugeben. Haben wir uns verstanden?« Er nahm sein Handy wieder an sich. »Ich denke, das haben wir.« Er stand auf. »Du hast drei Tage. Wenn ich bis dahin mein Geld nicht habe, mache ich dein Püppchen kalt. In drei Tagen erlischt dein süßer Augenstern für immer.«

Jones blickte zu ihm hoch. »Du bist irre, Ving. Total irre, weißt du das?«

Wipper zeigte auf ihn. »Drei Tage. Oder Jodie Simon ist tot.«

*

Gleich nachdem Wipper gegangen war, trank Jones hastig seinen Kognak, und Lester musste ihm einen zweiten bringen.

»Ist Ihnen nicht gut, Sir?«, erkundigte sich der Kellner fürsorglich. »Fühlen Sie sich nicht wohl? Kann ich irgend etwas für Sie tun?«

Jones winkte mit einer vagen Handbewegung ab. Er verlangte die Rechnung, bezahlte mit Kreditkarte und schleppte sich wie ein alter Mann aus dem Lokal.

Draußen klingelte sein Mobiltelefon. »Ja?«, meldete er sich krächzend.

»Das ist eine Angelegenheit zwischen uns beiden«, sagte Ving Wipper am andern Ende. »Komm also nicht auf die blöde Idee, die Polizei einzuschalten, okay? Keine Bullen. Keine Bullen. Sonst ist deine heiße Biene auf der Stelle tot.«

Jones wollte etwas erwidern, doch ehe er ein Wort herausbringen konnte, hatte Wipper die Verbindung bereits unterbrochen. Jones kickte wütend eine leere Bierdose in den Rinnstein.

Als er seinen Wagen erreichte, klingelte sein Handy erneut. War das noch einmal Ving Wipper? Jones holte tief Luft und wollte einen zornigen Wortschwall loswerden, doch am andern Ende war nicht Wipper, sondern Sadie, seine Frau.

Und sie war mal wieder betrunken. Wie fast immer. Irgendwann wird sie sich selbst erledigen, dachte Jones emotionslos. Er liebte Sadie nicht. Er hatte sie noch nie geliebt. Jedenfalls nicht so wie Jodie Simon. Und er hätte Sadie nie geheiratet, wenn sie nicht ein bisschen Bares mit in die Ehe mitgebracht hätte. Ihr Geld war sein Startkapital gewesen. Damit hatte er seine Firma gegründet.

»Was gibt's, Sadie?«, erkundigte er sich.

»Du musst für Nachschub sorgen, Süßer«, sagte sie mit schwerer Zunge. »Ich sitze auf dem Trockenen, und das ist nicht gut für mich.«

»Was brauchst du?«, fragte er ernst. Sie tat ihm leid. Trank sie seinetwegen so viel? Weil er ihre Liebe nie richtig erwidert hatte?

War er schuld an ihrer Alkoholkrankheit? Er wusste eigentlich nicht, wann sie begonnen hatte. Sie hatte sich schleichend entwickelt. In aller Heimlichkeit.

Irgendwann hatte er gemerkt, dass Sadie ein Alkoholproblem hatte. Aber da war sie davon schon nicht mehr losgekommen. Er hatte sie in einem Sanatorium unterbringen wollen, in dem man sie so sanft wie möglich entwöhnt hätte, doch sie hatte sich geweigert, da hinzugehen.

»Wir haben keinen Champagner mehr«, sagte Sadie.

»Okay, Schatz. Ich besorge welchen.«

»Dom Perignon. Etwas anderes trinke ich nicht.«

»Das weiß ich, Schatz.« Damit beendete er das Gespräch. Er stieg in seinen Wagen und fuhr los. Auf dem Weg zum Büro hielt er kurz an, kaufte zwei Kartons Dom Perignon und setzte die Fahrt fort.

Seine Gedanken kreisten um Ving Wipper. Und natürlich um Jodie Simon. Er hätte nicht gedacht, dass er sich jemals so sehr verlieben könnte.

Aber es war passiert, und er war zum ersten Mal in seinem Leben richtig glücklich. Jodie wäre die einzige Person gewesen, die er zum Essen mitgenommen hätte. Doch sie kasteite sich fortwährend mit irgendwelchen Diäten – gesunden und ungesunden –, um nur ja nicht Gefahr zu laufen, dick zu werden. Obwohl sie das überhaupt nicht nötig gehabt hätte. Sie war herrlich schlank und sexy.

Da er Ving Wipper kannte, wusste er, dass er sich um Jodie ernsthaft Sorgen machen musste. Der Kerl war ein durchgeknallter Psychopath. Wipper war zu allem fähig. Auch zu einem grausamen Mord.

Ich werde die dreihunderttausend Dollar wohl oder übel locker machen müssen, sagte sich Jones. Der Bastard lässt mir keine andere Wahl. Wenn ich nicht zahle, tötet er Jodie. Ganz bestimmt. Verdammt, ich muss sie so schnell wie möglich freikaufen, muss sie aus ihrer misslichen Lage befreien.

Er betrat das Haus, in dem er sein Büro hatte, fuhr mit dem Fahrstuhl zur vierten Etage hinauf. Sein Mund trocknete aus. Seine Kehle wurde eng. Sein Herz schlug schneller, während er den Gang entlangging.

Gleich würde er sein Büro betreten und Jodies verwaisten Schreibtisch sehen. Jodie ... Er blieb vor der Tür stehen, hatte nicht den Mut, sie zu öffnen.

Aber es musste sein. Er musste sein Büro betreten und einige wichtige Telefonate führen, um die dreihunderttausend Bucks aufzutreiben, die Ving Wipper verlangte.

Rasch griff er nach dem Knauf. In der nächsten Sekunde schwang die Tür zur Seite, und ihm stockte der Atem. Jodies Schreibtisch ...

Er war nicht verwaist. Seine Sekretärin saß dort. Jung, attraktiv, strahlend schön und unversehrt. Jetzt verstehe ich überhaupt nichts mehr, hallte es in seinem Kopf. Was hat das zu bedeuten?

»Hallo, Chef.« Jodie funkelte ihn mit ihren wunderschönen blauen Augen an. »Hast du gut gespeist?«

Er war nicht fähig, zu antworten.

Sie lachte. »Wieso siehst du mich an, als hättest du einen Geist vor dir?«

Ihm fiel ein riesengroßer Stein vom Herzen, und er atmete unendlich erleichtert auf.

*

Es stimmte, was Jim Burns gesagt hatte. Die Assistentin des Zahnarztes bestätigte seine Aussage, dass er zur Tatzeit auf Dr. Millers Folterstuhl gesessen hatte.

Der nächste Name auf Hank Hogans Liste – gleich unter Jim Burns - war Cal Morano. Er spielte nicht nur als Wrestler den Bad Guy.

Er war es auch privat. Er hatte seiner Freundin so übel zugesetzt, dass sie wochenlang im Krankenhaus gelegen hatte. Und Hank hatte dafür gesorgt, dass er dafür zur Rechenschaft gezogen, vor Gericht gestellt und eine Weile eingebuchtet wurde. Möglicherweise hatte er Belinda Fox entführt, um sich an Hank zu rächen.

Als wir in meinen Sportwagen stiegen, läutete mein Mobiltelefon. Hank war dran. Er wollte wissen, ob wir uns Jim Burns schon vorgenommen hatten. Ich berichtete ihm, wie unser Besuch bei diesem Sonderling verlaufen war und dass der Mann, den Hank auf Platz zwei gereiht hatte, ein hieb- und stichfestes Alibi hatte.

»Jetzt fahren wir zu Cal Morano«, sagte ich abschließend.

»Den Weg könnt ihr euch sparen.«

»Ach ja? Und wieso?«

»Ich habe vor knapp zwanzig Minuten erfahren, dass Morano vor vier Tagen beim Training eine Ader im Kopf geplatzt ist«, teilte mir Hank Hogan mit. »Er ist seitdem blind und gelähmt. Die Ärzte haben ihn in künstlichen Tiefschlaf versetzt. Sie befürchten, dass er nicht durchkommen wird.«

»Dann statten wir der Nummer vier auf deiner Liste einen Besuch ab: Ben Warwick«, entschied ich. »Und was tust du inzwischen?«

Unser bester V-Mann seufzte. »Ich sitze hier däumchendrehend in meinem Wagen vor Norman Kowalskis Haus. Der Gute ist nicht daheim. Also muss ich auf ihn warten.«

»Schlaf nicht ein dabei.«

»Ich werde mir Mühe geben.«

*

George Jones fluchte und tobte am Telefon. Sein Kopf war knallrot. Er brüllte so laut, dass Jodie Simon draußen im Vorzimmer durch die geschlossene Tür jedes Wort verstehen konnte. Der Immobilien-Spekulant verwendete die deftigsten Ausdrücke und die schlimmsten Beleidigungen. Er musste sich einfach Luft machen und seinen Zorn bei Ving Wipper abladen.

Wipper beschränkte sich aufs Zuhören. Eine andere Möglichkeit gab es im Moment nicht. Außer der, aufzulegen. Doch das tat er nicht.

Er wartete auf die erste Pause, und als die kam, fragte er: »Bist du endlich fertig?«

»Ich würde zu gern wissen, was in deinem kranken Kopf vorgeht«, sagte Jones. Er saß an seinem Schreibtisch und schob einen Brieföffner fortwährend hin und her.

»Das weißt du doch«, erwiderte Wipper gelassen. »Habe ich mich nicht klar genug ausgedrückt? Wenn ich mein Geld nicht wiederbekomme, schneide ich deiner hübschen Sekretärin die Kehle durch. Mit einem stumpfen Messer. Damit sie ein bisschen mehr davon hat.«

»Was soll das?«, schrie Jones. Die Adern traten ihm weit aus dem Hals. Wie die Seile einer Standseilbahn sahen sie aus. »Meine Sekretärin sitzt draußen im Vorzimmer und erfreut sich bester Gesundheit, du blödes Arschloch. Ich weiß nicht, wen du gekidnappt und mit deinem Handy fotografiert hast. Ich weiß nur, dass es ganz sicher nicht Jodie Simon ist.«

Pause am andern Ende.

»Jetzt möchte ich dein Gesicht sehen, Dämlack«, spottete George Jones.

Pause.

Dann Wipper, unsicher: »Du bluffst.«

»Soll ich Jodie ans Telefon holen? Möchtest du mit ihr reden?«

Pause.

»Du wirst verstehen, dass ich für die Freilassung einer wildfremden Frau keine dreihundert Riesen blechen werde«, höhnte Jones, während er nicht aufhörte, den Brieföffner mal hier hin, mal dort hin zu schieben.

Pause.

»Bist du noch dran, Ving?«, erkundigte sich Jones.

»Klar bin ich noch dran«, antwortete Wipper. »Und ich werde dir jetzt mal was sagen, Mistkerl. Du hast mich betrogen. Du hast mein gutes Geld leichtfertig verspekuliert, und du wirst es mir wiedergeben, weil du sonst nämlich schuld am Tod meiner Geisel sein wirst. Jodie Simons oder nicht. Das macht für mich keinen Unterschied. Ich habe eine junge blonde Frau in meiner Gewalt, die haargenau so aussieht wie deine Sekretärin, und sie wird sterben, wenn du nicht zahlst. Kannst du damit leben? Kannst du es mit deinem Gewissen vereinbaren, den Tod dieser Frau nicht verhindert zu haben, obwohl du es gekonnt hättest? Welchen Stellenwert hat Geld für dich, George Jones? Steht es über dem Leben einer bildschönen, unschuldigen Frau?« Er senkte seine Stimme. »Drei Tage, George. Das ist nicht sehr viel. Du musst dich beeilen. Der Countdown läuft. Und ich werde die Frist ganz sicher nicht verlängern.«

*

Belinda Fox hing an einem dicken Eisenhaken, der sich hoch über ihr befand. Ihr Gewicht zerrte an ihren Schultergelenken. Sie war zwar nicht schwer – gerade richtig -, aber die Zeit war ein Faktor, der sich immer schmerzhafter bemerkbar machte.

Sie hob den Kopf und sah nach oben. Gab es eine Möglichkeit, freizukommen? Ein dumpfes Pochen setzte zwischen ihren Schläfen ein.

Sie hatte schon x-mal im Geist Revue passieren lassen, was geschehen war. Zuerst der vergnügte Einkaufsbummel mit Kimberley Gish.

Lachen. Scherzen. Heitere Stimmung. Unbeschwertheit. Und dann ... der Paukenschlag. Auf den Kopf. Hart und brutal. Schwärze. Das unendliche Nichts. Das große Vergessen ... Irgendwann war sie zu sich gekommen.

Heftiges Rumpeln und Schütteln hatte sie geweckt. Dunkelheit hatte sie umgeben, und es hatte einige Augenblicke gedauert, bis sie begriffen hatte, dass sie im Kofferraum eines fahrenden Wagens lag.

Sie hatte gemerkt, dass sie an Händen und Füßen gefesselt war und nur durch die Nase atmen konnte, weil jemand ihr den Mund zugeklebt hatte.

Was hatte das alles zu bedeuten? Warum war das passiert? Wer überfällt in der Tiefgarage zwei junge Frauen und entführt eine von ihnen?

Ein Verrückter? Oder gab es für die Tat ein Motiv? Was hat der Kerl mit Kimberley gemacht?, durchzuckte es Belinda, während sie im dunklen Kofferraum kräftig durchgeschüttelt wurde. Lebt sie noch? Warum hat der Mann mich gekidnappt und nicht sie? Gefalle ich ihm besser? Ist er ein Triebtäter? Ein Sexmonster? Wohin bringt er mich? An einen Ort, an dem er mit mir ganz sicher allein ist? An dem ich ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert bin? Wo er mit mir anstellen kann, was immer ihm in den kranken Sinn kommt, ohne dass ihn dabei jemand stört? Wo ich mir die Seele aus dem Leib schreien kann, ohne gehört zu werden?

Unzählige Fragen stürmten auf sie ein. Und zu der Sorge um die eigene Zukunft gesellte sich immer wieder auch die Sorge um Kimberley.

Wieso sind es immer nur Männer, bei denen geistig alles aus dem Ruder läuft, sobald sie eine schöne Frau sehen?, fragte sich Belinda Fox. Umgekehrt passiert so etwas nie. Frauen haben sich in dieser Hinsicht sehr viel besser im Griff. Männer ... Die Krone der Schöpfung – wie sie sich selbst gerne bezeichnen. Was für eine schmutzige, glanzlose Krone.

Der Wagen fuhr allmählich langsamer, und schließlich hielt er an. Stille. Kein Rütteln, Schaukeln und Schütteln mehr. Und was nun?, fragte sich Belinda nervös. Warum dauert es so lange, bis der Mistkerl aussteigt? Ist er Dr. Jekyll und Mr Hyde? Ringt er im Moment mit sich selbst? Wird das Böse in ihm siegen? Oder das Gute? Wird er mich laufen lassen? Oder wird er aussteigen, das Weite suchen und mich im Kofferraum liegen lassen? Einfach vergessen?

Die Tür öffnete sich. Der Fahrer stieg aus. Belindas Herzschlag beschleunigte. Ihre Zunge klebte am Gaumen. Sie regte sich nicht.

Gespannt lauschte sie auf jedes Geräusch, das zu ihr durchdrang. Sie hörte einen trockenen Zweig knacken. Knirschende Schritte, die sich dem Fahrzeugheck – und somit dem Kofferraum – näherten.

Dann geschah wieder quälend lange nichts. Sah der Kidnapper sich aufmerksam um? Vergewisserte er sich gründlich, dass niemand in der Nähe war, ehe er den Kofferraumdeckel hochklappte? Jetzt knackte der Verschluss, und im nächsten Moment stürzte sich eine quälende Helligkeit auf Belinda.

Sie schloss stöhnend die Augen, und als sie sie wieder öffnete, erblickte sie einen Mann, den sie noch nie zuvor gesehen hatte.

Sein drahtiges gewelltes Haar stand ungebändigt von seinem Kopf ab. In seinem Blick vereinten sich Verschlagenheit, Bosheit, Brutalität, Grausamkeit und noch viele andere unerfreuliche »Tugenden«.

Sie versuchte etwas zu sagen, doch sie brachte nur ein unartikuliertes »Mh, mh, mh!« zustande.

»Ach, halt's Maul!«, knurrte der Mann. »Sonst kriegst du gleich noch mal eins auf die Birne!«

Er packte sie mit beiden Händen, hievte sie aus dem Kofferraum und warf sie sich wie einen Kohlensack über die Schulter.

Mit dem Kopf nach unten bekam sie mit, dass sie sich mit ihrem Entführer in einem dichten Mischwald befand. Irgendwo außerhalb der Stadt.

Hank wird mich suchen, dachte sie. Vielleicht mit Jesse und Milo. Aber hier? Hier bestimmt nicht. Wie sollten sie auf eine solche Idee kommen? Ich muss mir selbst helfen, sonst bin ich verloren. Selbst helfen ... Wie denn? Wenn man gefesselt ist und kaum genügend Luft zum Atmen bekommt.

Der Mann trug sie in eine vergammelte Hütte, die aus morschen, rissigen grauen Brettern bestand. In den Fensterrahmen befand sich kein Glas mehr.

Der Boden ächzte und knarrte. Überall stand Gerümpel herum. Unbrauchbar gewordene Betteinsätze. Ein Kühlturm ohne Türen. Eine Schaufel, deren Stiel abgebrochen war. Eine rostige Sense. Eine verbogene Sichel. Eine abgenutzte Spitzhacke. Eine stumpfe Axt. Zwei verbeulte Ölfässer.

Von den ausgetrockneten Deckenbalken, die ihrer Funktion wohl nicht mehr lange gerecht werden konnten, hingen Ketten unterschiedlicher Dicke herunter.

Das Ganze erinnerte an eine Werkstatt. Oder als Lager für das, was Menschen im Wald entsorgt hatten, weil sie dafür zuhause keinen Platz und keine Verwendung mehr hatten, und von anderen Menschen im Zuge einer groß angelegten Waldsäuberung eingesammelt und hier untergebracht worden war.

Der Kidnapper ließ Belinda von der Schulter rutschen und auf den Boden fallen. Sie schlug hart auf und stöhnte. Den Kerl kümmerte das nicht. Er stolperte durch die Hütte, beförderte jedes Hindernis mit einem kräftigen Tritt aus dem Weg – es schepperte, klapperte und klirrte -, beugte sich aus einem der Fenster und grunzte: »Hübsche kleine Waldvilla ist das. Beste Lage. Gute Luft. Keine Abgase. Keine Feinstaubbelastung. Hier lässt sich’s leben. Vorläufig.«

Was meint er damit?, fragte sich Belinda Fox. Was hat dieser fehlgesteuerte Mistkerl mit mir vor?

Der Mann kehrte zu ihr zurück. Er packte sie mit beiden Händen, hob sie hoch und hängte sie an diesen Haken, an dem sie jetzt noch immer hing.

»Hab was zu erledigen«, murmelte er. »Bin bald wieder zurück. Lauf inzwischen nicht weg, hörst du?«

Er lachte laut und gehässig, weil er genau wusste, dass sie nicht abhauen konnte. Schlendernd verließ er die einsame Waldhütte, die eines nicht mehr allzu fernen Tages in sich zusammenkrachen würde, weil sich niemand um ihr altes, pflegebedürftiges Holz kümmerte.

Belinda hörte ihn in den Wagen steigen, in dessen Kofferraum sie gelegen hatte, und als er am Fenster vorbeifuhr, sah sie, dass es Kimberley Gishs Wagen war.

Das war ihr vorhin nicht aufgefallen. Das Fahrzeug umrundete die Hütte und entfernte sich sodann in die Richtung, aus der es gekommen war.

Von da an herrschte um die Hütte herum die lebendige Stille der Natur. Das permanente Wispern in den Baumkronen. Das harte Klopfen eines Spechts. Das Knarren von sich aneinander reibenden Bäumen ...

Und Belinda hing allein gelassen an diesem dicken Eisenhaken und hatte sehr viel Zeit, über ihre üble Situation nachzudenken. Sie dachte an Kimberley und hoffte, dass sie den Überfall weitgehend unbeschadet überlebt hatte, dachte an Hank Hogan, der Himmel und Hölle in Bewegung setzen würde, sobald er erfuhr, was ihr widerfahren war.

Und sie fragte sich immer wieder, wieso ausgerechnet sie in diese missliche Lage geraten war. Zufall? Absicht? Hatte der Entführer für das, was er tat, ein Motiv? Oder gab es nur in seinem wirren Kopf einen Grund für sein Handeln?

*

Als Norman Kowalski nach Hause kam, verließ Hank Hogan seinen Wagen. Er folgte der Nummer eins auf seiner Liste. Der Bursche war aalglatt, hinterlistig und verschlagen. Einen richtigen Beruf hatte er nicht.

Er war Spieler. Nicht aus Leidenschaft, sondern zwecks Broterwerbs. Er zockte Typen, die glaubten, sich mit ihm messen zu können, gnadenlos ab.

Selbstverständlich spielte er falsch. Jeder, der sich auf sein Glück verließ, war in seinen Augen ein ausgemachter Idiot. Er half seinem Glück lieber mit einer Vielzahl von Tricks auf die Beine.

In fünfundneunzig von hundert Fällen kam er damit durch. Es fiel so gut wie nie auf, wenn er Lady Luck gelegentlich einen kleinen Schubs gab, um sich den erforderlichen Vorteil zu verschaffen, denn er war sehr geschickt, mit allen Wassern gewaschen und mit allen Salben geschmiert und verfügte über die Fingerfertigkeit eines geübten Taschendiebs. Ging die Sache mal schief, war er sehr schnell mit dem Messer zur Hand. Vor drei Monaten hatte Norman Kowalski nach einer heißen Pokerrunde – die er mit gezinkten Karten für sich entschieden hatte - im Streit einen Mann erstochen.

Die Witwe hatte Hank Hogan engagiert, doch es war ihm nicht gelungen, Kowalski hinter Gitter zu bringen, weil dessen gerissener Anwalt für seinen Mandanten eine »Notwehrüberschreitung mit Todesfolge« herausgeholt hatte. Nach dem Prozess war Norman Kowalski dem Detektiv gefolgt, und als Hank in seinen Wagen gestiegen war, hatte Kowalski ihn daran gehindert, die Tür zu schließen.

Hank hatte zu ihm hochgesehen und frostig gefragt: »Ist noch was?«

»Du hast einen Fehler gemacht, Schnüffler.«

»Welchen?«

»Du hast dich mit Norman Kowalski angelegt. Das hättest du nicht tun dürfen. Du weißt nicht, wozu ich fähig bin.«

»Mir schlottern gleich die Knie.«

»Ich nehme dir verdammt übel, was du getan hast, Hogan. Irgendwann zahle ich dir das heim. Ich werde dich für das, was du dir mir gegenüber herausgenommen hast, bestrafen. Vielleicht schon morgen. Vielleicht aber erst in ein paar Monaten. Ich bin wie ein Elefant. Ich merke mir so etwas sehr lange. Und ich habe einen Geburtsfehler: Ich kann nicht vergeben.«

Hinter diesem Mann war Hank Hogan jetzt her. Er betrat das Haus, in dem Norman Kowalski soeben verschwunden war. Und im nächsten Moment packte ihn der Bursche von hinten und setzte ihm sein Messer an die Kehle.

»Keine Bewegung!«, zischte Kowalski.

Hank versteifte.

»Überraschung«, sagte Kowalski mit höhnischem Singsang. »Damit hast du nicht gerechnet, was? Tja, ich habe meine Augen überall, Stinker.«

»Nimm das Messer weg, Kowalski!«, verlangte Hank Hogan eisig.

»Warum sollte ich?«

»Weil ich sonst nicht garantieren kann, dass ich dir nicht den Arm breche.«

Norman Kowalski lachte rau. »Du hältst dich wohl für David Copperfield.«

Hank handelte. Denn zu diesem Zeitpunkt rechnete Kowalski bestimmt noch nicht damit. Und so war es auch. Hanks Schuhabsatz traf Kowalskis Schienbein. Hart. Kräftig. Schmerzvoll. Der Getroffene stieß einen heiseren Schrei aus. Hank griff blitzartig nach der Messerhand und wirbelte herum. Kowalski schrie noch einmal auf, und dann fiel das Messer auf den Boden. Hank Hogan hob es auf und richtete die Spitze der langen Klinge gegen Kowalskis Brust.

»Wie war das damals mit der Notwehrüberschreitung mit Todesfolge?«, fragte der Privatdetektiv grimmig.

Kowalski hielt sich den schmerzenden Arm. »Du wirst das nicht tun.« Er sagte es nicht sehr überzeugt. In seiner Stimme schwang ein gerüttelt Maß an Unsicherheit mit.

Hank kniff die Augen zusammen. »Und wieso nicht?«

»Du bist Privatdetektiv.«

»Du hast mich angegriffen.«

»Du warst hinter mir her«, verteidigte sich Norman Kowalski heiser.

»Wo ist Belinda Fox?«, wechselte Hank Hogan sprunghaft das Thema.

»Wer?«

»Du weißt, von wem ich rede.«

»Woher soll ich wissen, wo deine Sekretärin ist?«, fragte Kowalski.

»Du hast mir gedroht. Hast gesagt, du würdest mich bestrafen, weil ich gewagt habe, mich mit dir anzulegen. Schon vergessen? Ich dachte, du wärst ein Elefant.«

»Ich hab das damals im Zorn gesagt«, entgegnete Kowalski. »Inzwischen hatte ich Zeit, Dampf abzulassen und mir die Sache anders zu überlegen. Du bist die Mühe nicht wert, Hogan.« Er grinste frech. »Niemand kann mir verbieten, über Nacht klüger zu werden.«

Hank Hogan nannte die Tatzeit und verlangte von Norman Kowalski ein Alibi. Der Spieler straffte seinen Rücken. Damit schien er dienen zu können. Er wirkte sichtlich erleichtert, sagte, er wäre drei Tage in Las Vegas gewesen und erst vor einer Stunde zurückgekommen, und er konnte das auch mit einer Faust voll Zahlungsbelegen, die er achtlos in seine Hosentasche gestopft hatte, beweisen.

Hank drehte sich enttäuscht um und ging.

»Hey!«, rief ihm Norman Kowalski renitent nach. »Was ist mit meinem Messer?«

»Das ist konfisziert.«

»Es gehört mir.«

»Kannst mich ja verklagen.«

*

Belinda Fox versuchte vom Haken loszukommen, indem sie sich voll durchstreckte, und als das zuwenig war, hüpfte sie mehrmals hoch.

Doch auch auf diese Weise kam sie nicht frei. Es sah ganz danach aus, als wäre sie gezwungen, am Haken hängen zu bleiben und auf die Rückkehr ihres Entführers zu warten. Das sind bei Gott keine rosigen Aussichten, dachte sie. Die Schmerzen in ihren Schultergelenken nahmen von Minute zu Minute zu. Irgendwann werden sie unerträglich sein, dachte sie. Und ich werde meinen Schmerz wegen dieses verflixten Klebestreifens nicht einmal herausschreien können.

Die Zeit verrann wie langsam erkaltender Teer. Belinda wusste nicht, wie lange sie schon in dieser schäbigen Waldhütte – umgeben von Dreck, Staub, Modergeruch und Gerümpel - gefangen war. Ihr war bereits jeglicher Zeitbegriff abhanden gekommen.

Sie schaute einmal mehr nach oben. Hinauf zu diesem Haken, an dem sie hing und von dem sie trotz intensivster Bemühungen noch immer nicht losgekommen war.

Wie lange würde sie hier noch so hilflos hängen müssen? Würde ihr Entführer zurückkommen? Wenn ja – wann? Wenn nein ... Sie fröstelte. Auch das war denkbar. Der Mann konnte einen Unfall haben.

Es brauchte nicht einmal ein tödlicher zu sein. Nur einer, der einen längeren Krankenhausaufenthalt erforderlich machte. Er könnte einige Zeit im Koma liegen, dachte Belinda. So dass er niemandem sagen kann, wo ich bin. Dann wird diese armselige Waldhütte zu meinem Sterbehaus.

Sie hatte sich noch nie in einer kläglicheren Lage befunden. Und die verrückte Situation machte es auch noch erforderlich, dass sie ihrem gemeinen Kidnapper die Daumen drücken musste, damit ihm nichts zustieß.

Plötzlich hörte sie ein Fahrzeug. Es kam näher, fuhr mit mäßiger Geschwindigkeit durch den dichten Mischwald und hielt vor der Hütte an.

Das ist bestimmt er, dachte Belinda. Wer sollte es sonst sein?

Jemand stieg aus. Schritte. Sie näherten sich der verwitterten Holztür. Sekunden später wurde die altersschwache Tür geöffnet.

Sie bewegte sich unter knarrendem, quietschendem und ächzendem Protest. Und dann sah Belinda Fox ihren Entführer wieder.

Das Daumen drücken hat genützt, dachte Hank Hogans Partnerin sarkastisch. Er lebt. Es geht ihm gut. Er ist zu mir zurückgekehrt.

Der Mann trat vor sie hin und musterte sie eingehend. Als suchte er in ihrem Gesicht nach einer speziellen Besonderheit. Eine Sommersprosse vielleicht?

»Scheiße ja«, sagte er nach einer Weile. Er nickte mit grimmiger Miene. Er fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, als wollte er etwas wegwischen. »Verdammt, ich hätte besser hinsehen sollen. Du bist nicht Jodie Simon. Aber du siehst ihr so sehr ähnlich, als wärst du ihre eineiige Zwillingsschwester.«

Ein Irrtum, hallte es in Belinda Fox. Ich bin das Opfer eines Irrtums geworden. Ach herrje. Er hat die Falsche erwischt. Er wollte nicht mich entführen, sondern Jodie Simon – wer immer das sein mag.

»Durst?«, fragte der Mann.

Belinda reagierte nicht.

»Hast du Durst?«, blaffte der Kidnapper.

Sie nickte.

Er sagte mit gedämpfter Stimme: »Ich werde jetzt den Klebestreifen von deinem Mund entfernen. Aber ich warne dich. Wenn du mich nervst, wenn du zu viel redest oder gar anfängst zu schreien, klebe ich dir dein Maul gleich wieder zu, und du bekommst von mir weder zu trinken noch zu essen. Ist das bei dir angekommen?«

Belinda nickte wieder. Er riss daraufhin den Klebestreifen mit einem schnellen Ruck weg. Es tat kurz weh. Aber die Schmerzen in den Schultergelenken waren schlimmer.

Endlich konnte Belinda wieder richtig atmen. Sie tat es ausgiebig. Noch nie hatte sie das so sehr und so bewusst genossen. Luft. Luft ...

»Schreien nützt hier draußen gar nichts«, informierte der Kidnapper sie. »Du bist mit mir allein. Also plärr mir nicht die Ohren voll, sonst ...« Er hielt den Klebestreifen warnend vor ihre veilchenblauen Augen.

»Wer ist Jodie Simon?«, wagte Belinda zu fragen.

»Sie ist George Jones' Sekretärin.«

»Und wer ist ...«

Er drehte sich um, ging hinaus, holte einen Becher Coca Cola und einen Hamburger aus dem Wagen, kehrte zu ihr zurück und begann sie zu füttern.

Details

Seiten
240
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738912081
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (April)
Schlagworte
meister fachs kriminalroman

Autor

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Titel: Ein Meister seines Fachs: Kriminalroman