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Die Agentin - Sammelband #2: Fünf Thriller in einem Band

2017 600 Seiten

Leseprobe

Die Agentin - Sammelband #2: Fünf Thriller in einem Band

A. F. Morland

Published by Uksak Sonder-Edition, 2017.

Die Agentin – Sammelband 2: Fünf Thriller in einem Band

Heiße Fälle im Kalten Krieg

Der Umfang dieses Buchs entspricht 615 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende fünf  Thriller:

A. F. Morland: Heiße Takte für Belinda

A. F. Morland: Mister Salvas sieht rot

A. F. Morland: Schwindelnde Kurven

A. F. Morland: Striptease für den großen Boss

A. F. Morland: Tanga fatale

Natalia besitzt den Körper einer Venus, die Geschmeidigkeit eines Panthers und Augen wie funkelnde Diamanten. Sie fesselt die Blicke der Männer und hasst Flecken auf weißen Westen. Ihre Rolle als Callgirl ist nur eine der vielen, die sie spielt, um ihre wahre Identität zu verschleiern. Denn in Wirklichkeit ist Natalia eine der erfolgreichsten Agentinnen, die diesen Job auf unserer Erde ausüben.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Heiße Takte für Belinda

Die Agentin – Heiße Fälle im Kalten Krieg

Band 6

von A. F. MORLAND

Alpha-Omega ist eine schlagkräftige kriminelle Organisation, die sich darauf spezialisiert hat, Verbrecher aus dem Gefängnis zu holen. Nachdem drei Attentäter vergeblich versucht hatten, den deutschen Konsul in New York zu ermorden und dabei gefangen genommen wurden, rechnet man damit, dass sie von A-O befreit werden sollen. Natalia Ustinov, rassige Schönheit und Top-Agentin einer streng geheimen US-Regierungsstelle, soll herausfinden, wer der Kopf der A-O-Bande ist und die Gruppe zerschlagen. Doch das ist gar nicht so einfach - die Kriminellen sind ihr immer einen Schritt voraus und hinterlassen eine blutige Spur.

1

Sie trafen sich vor dem Colosseum in Rom. Der eine war aus Bonn gekommen, der zweite aus Wien und der dritte aus Beirut. Wie brodelnde Lava umspülte sie der lärmende Verkehr. Keiner der Vorbeifahrenden ahnte, dass hier drei Männer standen, deren Beruf es war, für Geld zu töten. Sie waren vor dem Colosseum zusammengekommen, um ungehört zu besprechen, was als Nächstes zu erledigen war.

»Wir sollen den deutschen Konsul umlegen«, sagte Nicholas Mankiewicz, ein großer, schmaler Bursche mit Windhundgesicht.

»Hier in Rom?«, fragte Mick Rogers. Sein Gesicht war granithart und ungemein brutal.

Mankiewicz schüttelte den Kopf. »Drüben in Amerika, in New York.«

»Und wann?«, wollte Theodore Rego wissen. Er war elegant gekleidet, klein von Wuchs und deshalb weitgehend unscheinbar. Dass die grausamsten Morde auf sein Konto gingen, wussten nur wenige.

»Der Zeitpunkt liegt bei uns«, antwortete Mankiewicz auf Regos Frage. »Hört meinen Vorschlag.« Er sagte Vorschlag, aber es war ein Befehl. Zumeist arbeiteten Rego, Rogers und Mankiewicz getrennt. Ab und zu mussten sie einen Job zu dritt tun, dann war es immer Mankiewicz, der über die Komplizen das Kommando führte, und es hatte noch kein einziges Mal deswegen einen Kompetenzstreit gegeben.

»Also, wir reisen an drei aufeinanderfolgenden Tagen aus Rom ab. Du, Theodore, fliegst noch heute von Fiumicino nach Paris-Orly. Du, Mick, fliegst morgen mit der Mittagsmaschine, und ich komme übermorgen mit der Abendmaschine nach.«

»Okay«, sagte Rogers. Er war Amerikaner. Rego ebenfalls, aber italienischer Abstammung. Mankiewicz war Pole.

»Warum fliegen wir nicht zusammen nach Paris?«, fragte Rego.

»Ich möchte nicht, dass die SIFA-Leute auf uns aufmerksam werden.«

»Interessiert sich etwa der italienische Geheimdienst für uns?«

»Im Augenblick noch nicht«, erwiderte Mankiewicz und beendete damit die Unterhaltung. Er stieg in einen rostroten Fiat 125 und brauste ab. Jeder der Männer wusste, wo er in Paris abzusteigen hatte. Drei Tage nach dem Gespräch in Rom trafen sich die Männer auf der Aussichtsplattform des Eiffelturms. Mankiewicz ließ seinen Blick über die Seine-Metropole schweifen.

»Ich liebe Paris«, sagte er und sog die Luft ein, als würde ihn das berauschen.

»Ich liebe die Pariserinnen«, bemerkte Mick Rogers grinsend.

Mankiewicz sah ihn vorwurfsvoll an. »Du hast dir doch nicht etwa eine aufs Zimmer genommen?«

»Keine Spur. Wenn ich arbeite, denke ich doch nicht an so etwas.«

»Seid ihr sicher, dass ihr von niemandem beschattet werdet?«, erkundigte sich Mankiewicz.

»Ich bin absolut sicher«, sagte Theodore Rego.

»Ich auch.«

»Dann fliegen wir morgen nach New York weiter.« Mankiewicz nickte zufrieden.

»Frage«, sagte Rego. »Aus welchem Grunde sollen wir dem deutschen Konsul ans Leder?«

Mankiewicz kniff die Augen zusammen. »Weshalb interessiert dich das?«

»Nur so«, murmelte Rego achselzuckend.

Mankiewicz überlegte kurz, ob er darüber reden sollte. Dann sagte er: »Deutschland und Amerika sind unseren Auftraggebern ein wenig zu gut Freund. Der Mord in New York soll Zwietracht säen, und das wird er.«

Tags darauf flogen sie gemeinsam nach New York weiter. Sie mieteten sich in einer kleinen Quetsche am Rande von New York ein - natürlich unter falschem Namen - und bereiteten sich in den nächsten vierundzwanzig Stunden auf den Mord vor. Dann gab Nicholas Mankiewicz das Startzeichen. Das Generalkonsulat der Bundesrepublik Deutschland befindet sich in der Park Avenue Nr. 460. Sie fuhren mit einem geliehenen Mercedes dorthin. Es war alles zwischen ihnen abgesprochen. Die Sanduhr der eiskalten Verbrecher lief. Der Konsul hatte nur noch wenige Minuten zu leben. Jeder der drei Killer kannte seine Aufgabe. Der Schlachtplan stammte von Mankiewicz und war geradezu simpel: Ohne Aufsehen das Konsulat betreten, den erstbesten Mann drinnen abfangen und mit vorgehaltener Pistole zwingen, ihnen das Büro des Konsuls zu zeigen. In dessen Arbeitszimmer sollten dann mehrere Schüsse fallen, und die Killer wollten die allgemeine Panik geschickt für ihre Flucht nutzen. Falls nötig, wollten sie sich den Fluchtweg freischießen. Die Sache musste klappen, davon war Mankiewicz restlos überzeugt. Sobald sie den Mercedes verlassen hatten, entsicherten sie ihre Pistolen. Mankiewicz sah die Komplizen stumm an. Die beiden nickten mit entschlossenen Mienen. Es konnte losgehen. In hellgraue Regenmäntel gekleidet, betraten sie das Konsulat. Sobald sie an den Torposten vorbei waren, setzten sie große Sonnenbrillen auf. Dann hasteten sie ein paar Stufen hoch. Ein leerer Korridor lag vor ihnen. Rechts ein schwarzes Brett, vollgespickt mit den verschiedenartigsten Nachrichten. Daneben eine Tür. Mankiewicz schlich mit schneller pochendem Herzen darauf zu. Er wollte klopfen, da ging eine andere Tür auf. Sofort disponierte Mankiewicz um.

»Mitkommen!«, zischte er seinen Komplizen zu. Sie rannten los. Ein Mann trat auf den Gang.

Von drei Seiten pressten sie ihm ihre Kanonen gegen den Leib.

»Einen falschen Ton, und Sie kommen ein paar Klafter tief unter die Erde!«, schnarrte Mankiewicz.

Der Konsulatsangestellte starrte die drei Männer erschrocken an. Der Mann war blond, hatte wasserhelle, blaue Augen, einen blonden Oberlippenbart und kaum vorhandene Augenbrauen.

»Sagen Sie mal, was soll das?«, presste er trotz des Schocks entrüstet hervor.

»Zum Konsul! Schnell!«, zischte Mankiewicz.

»Was wollen Sie von ihm?«

»Ich sagte schnell!«

»Kidnapper? Seid ihr Kidnapper?«

»Schnell!«, fauchte Mankiewicz noch einmal. Und dann verlor er die Geduld. Er hob die Pistole und schlug damit den Mann. Der Blonde blutete sogleich. »Sie bringen uns jetzt zum Arbeitszimmer des Konsuls! Verstanden?«

Der Mann wankte den Korridor entlang. Die Killer klebten an ihm. Sein Blut tropfte auf den Fliesenboden. Plötzlich drehte er durch. Laut um Hilfe brüllend hetzte er los.

»Überfall!«, schrie er, dass es durch das gesamte Gebäude hallte. »Hilfe! Überfall!«

Die drei Pistolen zuckten gleichzeitig hoch. Donnernd rollten die Schüsse durch den Gang. Der laufende Mann brach tödlich getroffen zusammen. Türen flogen auf, Menschen schrien.

Mankiewicz kreiselte wie von der Tarantel gestochen herum. »Weg!«, rief er aufgeregt. »Schnell raus aus dem Tempel!«

Sie kamen zehn Meter weit, schossen wie verrückt um sich, zwangen die Konsulatsangestellten in ihre Büros zurück, doch dann schob sich ein schwerbewaffneter Riegel vor den Ausgang des Konsulats. Sieben Männer mit angeschlagenen Maschinenpistolen stellten sich ihnen als unüberwindlicher Wall entgegen. Die Killer waren nicht so verrückt, das Feuer auf diese Männer zu eröffnen. Es wäre ihr sicherer Tod gewesen.

Mankiewicz ging seinen Komplizen mit gutem Beispiel voran. Er schleuderte seine Pistole weg und hob beide Hände hoch über den Kopf, damit die MP-Männer sehen konnten, dass er nunmehr unbewaffnet und bereit war, sich zu ergeben. Rego und Rogers folgten unverzüglich seinem Beispiel.

»Verdammt!«, raunte Rego Mankiewicz zu. »Wie konntest du nur so felsenfest davon überzeugt sein, dass die Sache klappen würde?«

»Konnte ich wissen, dass der Kerl den Helden spielt?«, knurrte Mankiewicz, dem der Vorwurf nicht behagte.

»Jetzt lochen sie uns ein«, zischte Rego.

»Ja, das werden sie tun.«

»Rührt dich das nicht?«

»Nicht besonders. Mach dir keine Sorgen, Theodore. Alpha-Omega holt uns sehr bald schon wieder aus dem Gefängnis raus, darauf kannst du wetten.«

Weiter konnten die Männer nicht mehr miteinander reden, denn dann waren die MP-Leute da. Handschellen blitzten und klickten über den Handgelenken der Killer zu. Der Coup war zwar schiefgelaufen, aber Mankiewicz hatte trotzdem eine rosige Zukunft vor Augen. Alpha-Omega würde sie nur wenige Tage im Gefängnis schmoren lassen.

2

So, wie es kein ganzes Jahr lang regnen kann, so kann es auch nicht immer nur unangenehme Jobs geben. Was Natalia Ustinov diesmal zu erledigen hatte, war mit schönstem Sonnenschein zu vergleichen. Der Mann, in dessen Bett sie sich befand, hieß Orson Gallash. Er war kein Filmstar, aber doch so attraktiv. Es gab da einen vagen Verdacht, Gallash könnte mit einer gewissen Organisation zu tun haben, und Natalias Aufgabe bestand darin, diesen Verdacht nun entweder zu erhärten oder für null und nichtig zu erklären. Dass sie das nicht über Gallashs Wohnzimmer erreicht hätte, war klar, deshalb versuchte sie ihn im Bett auszuhorchen, wobei sie absolut nichts dagegen hatte, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Sie waren beide nackt, hatten einige Bourbons getrunken, es war aber nicht an der Zeit, die wichtigen Fragen zu stellen.

»Du bist wunderschön, Natalia«, flüsterte Orson lächelnd. Er war fünfunddreißig und prädestiniert für einen Liebhaber. Sein Gesicht war markant. Er hatte dunkelbraune Augen und brünettes Haar. Seine Blicke tasteten über ihren aufregenden Körper. Und nicht nur seine Blicke. Während die betörende Agentin in die auf dem Nachttisch stehenden Gläser neuen Bourbon goss, wobei sie darauf achtete, dass er immer mehr bekam als sie, strich er über ihren vollen Busen. Natalia stockte der Atem. Etwas verkrampfte sich in ihr, als sie daran dachte, dass sie mit Orson nur deshalb zusammen war, weil sie etwas ganz Bestimmtes von ihm erfahren wollte.

Langsam glitt Orsons Hand weiter über ihre samtweiche Haut. Natalia schüttelte das lange schwarze Haar zurück und gab ihm zu trinken. Sie selbst nippte nur am Glas. Er trank es hingegen aus. Dann fanden seine Hände wieder zu ihr zurück. Bei der Berührung zuckte Natalia unwillkürlich zusammen. Er wusste, worauf es ankam; es gab nichts, was er falsch gemacht hätte. Himmlisch war es. Die Frau versuchte an nichts anderes zu denken, gab sich mit geschlossenen Augen hin, genießend und die Welt vergessend. Eine Verzauberung ging von seinen Händen aus. Natalia atmete schneller. Sie glitt näher an ihn heran. Ihre Brüste drückten sich gegen seinen behaarten, muskulösen Oberkörper. Ein wohliger Schauer durchlief sie.

Als die tastenden Finger alle ihre makellosen Körperformen ausgekostet hatten, drängte er sich verlangend gegen ihren Schoß. Plötzlich genügte es Natalia nicht mehr, sich passiv zu verhalten. Sie wollte mehr teilhaben an dem herrlichen Liebesspiel, küsste Orson leidenschaftlich und schickte nun ihrerseits die Hände auf Entdeckungsreise. Mit viel Gefühl drang er sanft in sie ein. Schweiß bedeckte seinen Körper, als er sich nun rhythmisch zu bewegen begann, während sie sich fest umarmt hielten und Orsons Hände den herrlichen Frauenleib an sich pressten. Und als der Höhepunkt erreicht war, überrollte sie beide ein Hochgefühl wie eine vom Taifun hochgepeitschte Welle ...

Hinterher tranken sie wieder. Gallash lallte ziemlich bald.

Natalia Ustinov kam sich ein wenig schäbig vor, aber es war nun mal ihr Job, ihren Körper als Waffe einzusetzen. Schließlich hatte sie sich freiwillig zur Verfügung gestellt. Newton war es egal, wie sie an ihre Informationen kam, sie musste sie ihm nur besorgen.

Charles Newton, das war ihr Auftraggeber. Sie war Agentin. Und es war auf seinem Mist gewachsen, dass sie sich als Luxus-Callgirl tarnen sollte. Wie schon erwähnt, manchmal machte ihr dieser Job ja Spaß. Manchmal hingegen kotzte er sie an. Aber ist das nicht mit allen Jobs so?

»Sag mal, Orson, womit verdienst du dir eigentlich das Brot zum Westfälischen Schinken?«, fragte Natalia den Betrunkenen, während sie sitzend rauchte. Er hatte seinen Kopf auf ihren nackten Schenkel gelegt und schaute den blauen Seidenhimmel seines Bettes an.

»Ich bin Geschäftsmann, das weißt du doch, Nat.«

»Womit machst du Geschäfte?«

»Mit allem. Es muss nur Geld bringen.«

»Ich suche einen Job, Orson. Hast du keinen für mich?«

Gallash tätschelte lachend ihre ansehnlichen hinteren Rundungen. »Einen Job sucht die Kleine. Wozu braucht ein Mädchen, das so aussieht wie du, einen Job. Kannst du mir das erklären?«

»Die Zeit bleibt nicht stehen. Irgendwann wird diesen Körper niemand mehr haben wollen. Was dann?«

Gallash schüttelte den Kopf. »Unvorstellbar.«

»Cleopatra hat in Eselsmilch gebadet, um sich ihre Schönheit zu erhalten. Was hat’s ihr genützt? Wo ist sie heute, hm?«

Gallash tätschelte immer noch Natalias nacktes Hinterteil. »Einen Job sucht sie ...«

»Ich würde alles machen, Orson. Wirklich alles.«

»Tatsächlich?«, lallte Gallash mit schlaffen Zügen und glasigen Augen.

»Speziell politische Arbeit würde mich reizen«, sagte die schöne Agentin zielbewusst.

Gallash hob verwundert den Kopf. »Was denn, was denn? Was hat ein Mädchen wie du in der Politik zu suchen?«

»Ich bin emanzipiert genug, Orson.«

»Das bestreite ich nicht. Allein die Art, wie du mich angesprochen hast, war mir eine gründliche Bestätigung dafür. Aber Politik ist nichts für Girls. Sie macht sie kaputt, reibt sie auf.«

»Hast du überhaupt Beziehungen in dieser Richtung?«

»Einige schon.«

Natalia drückte ihre Zigarette im Ascher aus. Dann warf sie sich das Kopfkissen in den Nacken und lehnte sich daran. Ihr vollendet geformter Busen war eine Augenweide.

»Zur Zeit ist eine Gruppe bei uns aktiv, die sich Alpha-Omega nennt«, sagte Natalia Ustinov. Genau das war der Punkt, den sie in Newtons Auftrag erreichen sollte.

Finden Sie nur heraus, ob etwas Wahres an dem Gerücht ist, dass Orson Gallash irgendetwas mit der A-O-Gruppe zu tun hat, hatte der Dicke gesagt. Und finden Sie es schnell heraus, Natalia.

Deshalb hatte sie mit Orson geschlafen, weil sie zunächst sein Vertrauen brauchte, das sie sich am schnellsten auf diese Weise erschleichen konnte.

»Alpha-Omega«, echote Gallash desinteressiert.

»Schon mal was von den Leuten gehört?«, fragte die Ustinov. Es klang ganz beiläufig. Sie hatte sehr viel Erfahrung darin.

»Gehört?«, fragte Gallash. »Ich glaube, ich habe in der Zeitung davon gelesen. Soll sich um eine Gruppe handeln, die sich darauf spezialisiert hat, politische Gefangene aus den Gefängnissen zu holen.«

Die Agentin nickte mit gespieltem Eifer. Oh, sie konnte jeden anschmieren mit ihren schauspielerischen Fähigkeiten.

»Siehst du«, sagte sie erregt. »So etwas wäre der richtige Job für mich. Dabei tut sich etwas. Das verschafft dir das gewisse Kribbeln, es ist eine ungemein aufregende Tätigkeit. Findest du nicht?«

»Es ist eine gefährliche Tätigkeit.«

»Keiner kennt die Leute von Alpha-Omega.«

»Das kann sich eines Tages ändern. Und wer wird ihnen dann aus dem Gefängnis helfen?«

»Ist doch nicht unser Problem«, entgegnete Natalia achselzuckend.

»Jetzt ist es noch nicht unser Problem «, sagte Gallash mit seiner schweren Zunge. »Aber wenn du bei Alpha-Omega mitmischen würdest, wäre es irgendwann mal zumindest das deine.«

»Mich würden sie bestimmt nicht kriegen.«

»Das sagen sie vorher alle. Wieso sind denn dann die Zuchthäuser so voll, he?«

»Ich weiß sogar, warum sich die Gruppe Alpha-Omega nennt«, lenkte Natalia ab.

»Ich höre«, brummte Gallash.

»Alpha - das ist der Anfang. Und Omega ist das Ende. Sie schreiben das Ganze mit einem Bindestrich, und bedeutet, dass zwischen dem Anfang und dem Ende ein Gefängnisaufenthalt, so kurz wie dieser Bindestrich, auf jene Leute wartet, deren sich diese Gruppe annimmt. Wer heute eingelocht wird, kann morgen schon wieder auf freiem Fuß sein - mit der Hilfe von Alpha-Omega.«

»Deine Begeisterung erschreckt mich fast, Natalia«, sagte Gallash und setzte sich mühsam auf.

»Kannst du mir helfen, an diese Gruppe ranzukommen, Orson?«

»Du kannst von Glück sagen, dass ich das nicht kann.«

»Vielleicht kann mir einer deiner Freunde einen Tipp geben.«

»Ich werde mich hüten, mich diesbezüglich für dich zu verwenden. Wenn dir etwas zustieße, ginge das auf meine Kappe. Nie im Leben gäbe ich mich dafür her, Nat. Vergiss Alpha-Omega! Ein solches Leben würde dir Unglück und den Untergang bringen. Das kannst du doch nicht wollen.«

Aus, dachte Natalia erleichtert. Du brauchst ihn nicht weiter auszuhorchen. Orson weiß nichts, er ist sauber. Sie warf sich ungestüm auf ihn, drückte ihn auf das Laken nieder, küsste ihn mit einer wilden Leidenschaft und animierte erneut zu dem schönsten Spiel, was wir Menschen kennen.

Spätnachts kam Natalia nach Hause.

Gähnend machte sie überall in ihrem Penthouse Licht. Gebadet hatte sie schon in Orsons Haus. Nun musste sie nur noch Charles Newton anrufen, dann konnte sie die ganze leidige Sache vergessen - zumindest vorerst.

Newton, das war ein streng gehütetes Geheimnis für sich. Ein Mann zwischen den verschiedensten Fronten. Er stand zwischen Pentagon, FBI, CIA und Justizministerium, und gleichzeitig stand er auch über all diesen Institutionen. Seine Verbindungen erstreckten sich wie ein riesiges Spinnennetz über ganz Nordamerika. Andere Netze, auf die er jederzeit zurückgreifen konnte, spannten sich über die restlichen viereinhalb Erdteile. Das war Charles Newton, den Natalia manchmal den »Buddha« nannte, weil er wie dieser aussah. Sein bürgerlicher Tarnberuf: Rechtsberater der Großindustrie und High Society. Ein dichter Paravent, hinter dem Newton seine reichhaltigen Fäden zog. Und an einem dieser zahlreichen Fäden hing Natalia Ustinov, seine Top-Agentin.

Es war weit nach Mitternacht, als Natalia ihn anrief. Egal. Newtons Uhren gingen sowieso anders. Ihn konnte man zu jeder Tages und Nachtzeit anrufen, er hob immer ab. Deshalb wunderte es Natalia auch nicht, als der Dicke sofort da war, kaum dass sie die letzte Ziffer seiner Nummer gewählt hatte, und dass seine Stimme obendrein so frisch klang, als wäre es neun Uhr morgens.

»Ah!«, sagte er, und die Agentin hörte aus dem Tonfall heraus, dass er sich freute, ihre Stimme zu vernehmen.

»Ich war bei Orson Gallash.«

»War er schwer zu verdauen?«

»Er liegt mir nicht mehr im Magen.«

»Heißt das konkret, dass er mit der Sache nichts zu tun hat, deren er verdächtigt wird?«

»Gallash ist so sauber wie ein frisch gewaschener Kinderpopo, Mr. Newton.«

»Haben Sie alles bei ihm versucht?«

»Und ob. Wenn Orson Gallash etwas mit Alpha-Omega zu tun hat, will ich nicht mehr Nat Ustinov heißen, Chef.«

»Ich höre ganz deutlich, dass Sie den Mann mögen, Nat. Das kann gefährlich sein.«

»Ich bitte Sie ...«

»Keine falschen Beteuerungen, Nat. Ich kann sehr gut zwischen den Silben hören, und da schwingt eine große Portion Sympathie für diesen Mann mit. Muss ich mich um Sie sorgen? Soll ich Sie von der A-O-Sache abziehen?«

»Wollen Sie mir das wirklich antun, Mr. Newton? Nur weil ich einen Mann, der sowieso nichts mit dieser Angelegenheit zu tun hat, sympathisch finde?«

»Sie wissen, dass wir einen Tipp bekamen, deshalb habe ich Sie auf Gallash angesetzt.«

»Und S i e wissen, dass nicht jeder Tipp gut ist.«

»Okay, Nat. Sie haben den Mann geröntgt und nichts bei ihm gefunden, was den vorhandenen Verdacht erhärten könnte. Ihrer Meinung nach ist er sauber, also werde ich die Angelegenheit ad acta legen.«

Natalia seufzte erleichtert. Orson Gallash war nunmehr reingewaschen. Aber es gab noch eine zweite Person, die überprüft werden sollte: Belinda Sorensen - Barsängerin und scharf auf hübsche schwarzhaarige Mädchen. Natalia erkundigte sich, wie weit Newton diesbezüglich mit seiner Vorarbeit gekommen war.

»Einer meiner Männer hat der Sorensen Ihre Nummer bereits zugespielt«, sagte der Dicke. »Jetzt heißt es warten, bis sie sich bei Ihnen meldet.«

»Ich fasse mich in Geduld«, sagte die Agentin und legte auf.

3

»Wie spricht doch der Iwan? >My home is my castle<«, sagte Conny Raddatz grinsend. »Und genau nach diesem russischen Sprichwort habe ich meine Wohnung eingerichtet.«

Helga und Irmgard kicherten.

Es waren Schwestern, die sich nicht nur das letzte Hemd, sondern auch Conny Raddatz teilten. So etwas wie Neid gab es zwischen den beiden nicht. Warum auch. Connys Herz war groß genug für alle beide.

Die Sache spielte sich in München ab. Genauer: in Raddatz’ Wohnung, die sich in Schwabing befand. Die Acht-Zimmer-Klause war recht aufwendig eingerichtet für einen einzigen Mann, denn Raddatz war Junggeselle. Und er hatte vor, das auch bis an sein Lebensende zu bleiben. Pflegen konnte er sich später im Altersheim lassen - vorausgesetzt, dass er als Agent des BND - des Deutschen Bundesnachrichtendienstes - dieses Lebensstadium überhaupt erreichte. Helga und Irmgard waren verständige Mädchen. Sie studierten beide Rechtswissenschaft, und liebten ihre Freiheit im Grunde ebenso wie Conny Raddatz. Es war sein für sie so undurchsichtiger Job, der ihn für die beiden Mädchen so interessant machte. Weite Reisen in alle Himmelsrichtungen, Ansichtskarten aus Japan, China und Malaysia, Mitbringsel aus Afrika, Australien, Indien - das war Conny Raddatz, wie ihn Helga und Irmgard kannten, liebten und schätzten. Er brauchte sie nur anzurufen, wenn er von einer seiner vielen Reisen mal wieder in München eingetroffen war, dann setzten sie sich in ihren Buggy und kamen nach Schwabing, um mit ihm nach Art des Hauses Wiedersehen zu feiern.

Das Bett, auf dem dieses Fest auch diesmal wieder stattfand, nahm den Großteil des geräumigen Schlafzimmers ein. Ein schönes Spiel sollte gerade beginnen, da schrillte genau zur Unzeit im Wohnzimmer das Telefon. Ein Zeichen der Zivilisation, und das brachte meistens Ärger.

Raddatz gab seinen beiden Mädchen einen liebevollen Klaps auf den Po.

»Ihr bleibt, wo ihr seid, klar?«, sagte er zu ihnen. Dann küsste er zuerst Irmgard und anschließend Helga. »Ich komme gleich wieder«, versprach er und verließ den Raum. Auf dem Weg zum Wohnzimmer warf er sich seinen Frotteemantel über die muskulösen Schultern. Ehe Raddatz den Hörer von der Gabel nahm, zurrte er den Bindegürtel um die Mitte fest. Und dann meldete er sich mit: »Dr. Schwartz, Spezialist für einsame Seelen.«

»Freut mich, Sie bei so guter Laune anzutreffen«, kam es aus dem Hörer. Raddatz verzog das Gesicht, als hätte er Essig getrunken.

»Oh nein!«, rief er enttäuscht aus. »Wenn ich geahnt hätte, wer mich anruft, wäre ich nicht rangegangen.«

»Das ist der Vorteil vom Telefon. Man weiß nie genau, ob ein Anruf wichtig ist oder nicht. Dieser ist wichtig, Raddatz.«

»Haben Sie mich schon mal angerufen, bloß um zu hören, wie ich mich fühle, Chef?«

»Ich habe den Eindruck, Sie fühlen sich blendend.«

»Das war bis vor einer Minute der Fall. Jetzt geht’s mir saumäßig.«

»Sagen Sie bloß, daran wäre ich schuld.«

»Wo werde ich ...? Denken Sie, ich kann es mir leisten, mich mit meinem Chef zu überwerfen?«

Der Chef hieß Frankenheimer und war Oberst. Ihm unterstand der BND und somit logischerweise auch Conny Raddatz.

»Hören Sie zu, Raddatz, setzen Sie sich sofort in Ihren Commodore und kommen Sie hierher!«

»Nach Pullach?«

»Wir haben unsere Zentrale noch nicht verlegt.«

»Aber Chef, ich bin nicht allein.«

»Tut mir leid, Conny. Sie hätten sich damit eben ein bisschen mehr beeilen müssen. Jetzt ist dazu keine Zeit mehr. Ich brauche Sie dringend. Deshalb werden Sie Ihren Harem nach Hause schicken und so schnell wie möglich zu mir kommen. Eine Menge Arbeit wartet auf Sie.«

»In oder Ausland?«, fragte Raddatz nur.

»Ausland.«

»Schon wieder. Wann werde ich mal etwas zwischen die Zähne kriegen, was Mami so gut kocht?« Es hatte keinen Zweck zu jammern. Raddatz schickte die beiden Mädchen nach Hause, wie ihm geheißen worden war. Er versprach, sie anzurufen, wenn er Langeweile hatte. Sobald sie aus seinem Tempel waren, zog er sich an, dann fuhr er mit dem Lift zur Tiefgarage hinunter, warf sich in seinen unverschämt grünen Commodore, den ihm die Techniker des BND ein wenig frisiert hatten, und zischte mit Volldampf in Richtung Pullach ab. Gleich nachdem er die Zentrale betreten hatte, lief ihm der unsympathischste Agent über den Weg, der jemals für den deutschen Geheimdienst gearbeitet hatte: Bernhard Müller.

»Na«, näselte Müller feixend, »wieder zu Hause?«

»Wie du siehst«, knurrte Raddatz.

»Ferien gehabt im schönen Marokko, was?«

»Sag mal, wieso haben dich eigentlich die Chinesen vergangenes Jahr nicht dabehalten?«

»Dabehalten?«, fragte Müller belämmert. Der Wanst hing ihm über den Gürtel. Er aß zu viel.

»Wieso denn dabehalten? Ich hatte gute Papiere, konnte ohne Schwierigkeiten wieder ausreisen.«

»Ich habe die Gelbgesichter in Verdacht, dich abgeschoben zu haben. So was wie dich ist man gern los, wie ’n Keuchhusten zum Beispiel.«

»Ein feiner Kollege bist du, das muss ich schon sagen«, brummte Müller.

»Würdest du mir jetzt bitte aus dem Weg gehen, oder muss ich dich überrollen?«

Müller trat wütend zur Seite. Drei Minuten später saß Raddatz im Büro von Frankenheimer und paffte eine seiner Zigarren.

»Wenn Ihre Zigarren nicht wären, Chef, hätte ich den Dienst vermutlich längst quittiert. Nur die braunen Dinger halten mich immer wieder bei der Stange.«

Frankenheimer grinste breit. Er war ein drahtiger Mann mit eisengrauem Haar und einer Eisenhand - links. Sein Anzug saß wie immer schief. Und die Schuhe quietschten. Auch wie immer. Es war mit einem Wort alles so wie immer. Nur Raddatz war diesmal vielleicht ein bisschen mehr sauer als sonst, lag doch der letzte Einsatz erst wenige Stunden zurück, und ein bisschen Ruhe hätte sogar einer Maschine wie ihm mal ganz gutgetan.

»Ich habe Ihren Bericht gelesen, Raddatz«, sagte Frankenheimer und setzte sich auf Sie Kante seines Schreibtisches.

»So? Wenn er schlecht war, schmeißen Sie ihn in den Papierkorb. Ich bin Ihnen deshalb nicht böse.«

»Ich fand ihn ausgezeichnet.«

»He, seit wann loben Sie denn? Normalerweise putzen Sie Ihre Agenten doch nur so runter.« Raddatz’ Augen wurden schmal. »Verstehe, heute liegt Ihnen ausnahmsweise mal was daran, dass ich Ihnen gewogen bin. Was darf’s denn sein?«

»Sind Sie mit Ihrem Monolog fertig, Raddatz?«

»Vorläufig ja, Chef.«

»Dann hören Sie mir jetzt einmal genau zu, Nummer 13! Wie Sie aus den Zeitungen wissen, wurde das deutsche Konsulat in New York überfallen. Drei Männer wollten den Konsul erschießen. Der Überfall misslang. Die Kerle töteten einen Angestellten und wurden dann festgenommen.«

Raddatz grinste. »Wie Sie schon sagten, Chef. Ich hab’s gelesen, mindestens zwanzigmal.«

»Wir haben Informationen erhalten, wonach die Alpha-Omega-Gruppe die Absicht hat, diese drei Männer aus dem Gefängnis zu holen. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, was das heißt. Sobald diese Killer auf freiem Fuß sind, werden sie versuchen, irgendwo anders einen ähnlichen Überfall mit mehr Erfolg durchzuführen. Dazu darf es nicht kommen, Raddatz. Sowohl Washington als auch Bonn sind daran interessiert, dass diese Männer da bleiben, wohin man sie gebracht hat. Das heißt für uns: Wir müssen trachten, der A-O-Gruppe Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Es darf zu keiner Befreiungsaktion kommen. Alpha-Omega muss aufgerieben und unschädlich gemacht werden. So lautet Ihr Auftrag, Raddatz.«

»Bin ich auf mich selbst gestellt?«

»Natürlich versuchen auch unsere amerikanischen Kollegen, die Alpha-Omega-Gruppe in den Griff zu bekommen. Bis jetzt hatten sie damit jedoch noch kein Glück. Deshalb hat man sich drüben entschlossen, gegen Alpha-Omega die stärkste Waffe einzusetzen, die im Moment zur Verfügung steht: Natalia Ustinov.«

»Eine Russin?«, staunte Nummer 13.

»Eine Amerikanerin.«

»Ich hätte schwören können, dass das russisch klingt.«

Frankenheimer holte eine Mappe aus seinem Schreibtisch, öffnete sie und schob Raddatz einen Zettel zu.

»Da wohnt sie«, kommentierte der Oberst die Adresse, die auf dem Zettel stand. »Und so sieht sie aus«, fügte er hinzu und schob ein postkartengroßes Farbfoto hinterher. Raddatz warf einen Blick darauf, riss die Augen auf und stieß einen überraschten Pfiff aus.

»Wenn ich einen Sohn hätte, würde der zu mir sagen: Ein verdammt steiler Zahn, Papa!«

»Sie werden sich mit der Ustinov in Verbindung setzen, Nummer 13!«

»Mit dem größten Vergnügen, Chef.« Raddatz grinste. »Welche Blumen hat sie am liebsten?«

»Süßholz geraspelt wird nicht. Dafür sind Helga und Irmgard da.«

Raddatz sah den Oberst verblüfft an. »Ich kann mich nicht erinnern, Ihnen jemals die Namen meiner beiden Gespielinnen genannt zu haben.«

»Sind wir ein Geheimdienst oder ein Schützenverein?«

»Ach, das heißt, Sie bespitzeln sogar Ihre eigenen Agenten?«

»Das bedeutet lediglich, dass uns die Sicherheit unserer Leute sehr am Herzen liegt, Nummer 13.«

»Vermutlich wissen Sie sogar, wann ich zuletzt Bauchgrimmen hatte.«

»Sie übertreiben wie immer, Nummer 13.«

»Wenn ich meine Acht-Zimmer-Burg mal gründlich auf den Kopf stelle, wie viele Wanzen finde ich dann?«

Auf diese Frage bekam Nummer 13 keine Antwort. Oberst Frankenheimer wurde obendrein pampig, kehrte den Vorgesetzten hervor und wiederholte den Auftrag, den Raddatz auszuführen hatte: nach New York fliegen. Kontakt mit Natalia Ustinov aufnehmen. A-O-Gruppe zerschlagen! Ende ...

4

Für eine einigermaßen hübsche Frau von fünfundzwanzig Jahren, gepflegt und elegant, mit«; einer Bombenfigur, schönen langen Beinen und einer leisen Ahnung, wie man mit Messer und Gabel isst, ist es überall auf der Welt leicht, Anschluss zu finden. Und doch war die Sache bei Belinda Sorensen ein wenig schwieriger, denn sie war in ihrem sexuellen Empfinden nicht das, was man als normal bezeichnen kann. Sie fühlte sich zu Mädchen hingezogen. Ihr langes Haar war blond und zumeist zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Sie hatte die helle durchschimmernde Haut alter gallischer Adelsgeschlechter, und wenn man ihre Ahnengalerie zurückverfolgte, so stieß man zunächst auf Franzosen und nicht auf Schweden, wie ihr Name vermuten ließ. An diesem Tag trug Belinda ihren weißen Leinenanzug. Sie liebte Kleidung, die sie in irgendeiner Form männlich machte, obwohl sie im selben Maße daran interessiert war, ihre natürlichen Reize nicht zu sehr in den Hintergrund zu verdrängen. Nachts sang Belinda in einer nahegelegenen Bar. Tagsüber war sie sozusagen ihr eigener Herr. Da rekelte Belinda sich vor dem Haus, das ihr gehörte, in der Sonne, schwamm im Pool, schlürfte Fruchtgetränke oder grub ihr hübsches Gesicht in gezuckerte Melonen. Es war ihre Art, das Leben in vollen Zügen zu genießen, und sie scherte sich nicht allzu sehr darum, ob die Nachbarn mit ihrem außergewöhnlichen Leben einverstanden waren oder nicht. Hauptsache, sie kam dabei niemals zu kurz, denn - so fand sie - das Leben ist ohnedies so kurz wie ein Kinderhemd.

In diesem Augenblick goss sie drei Gläser mit Bacardi randvoll. Belinda hatte Besuch in ihrem Haus: zwei Männer, die grundverschieden aussahen und doch eines miteinander gemein hatten: das gefährliche Flackern in den eiskalten Augen. Der eine hieß Bill Rampling, war rothaarig, stämmig, hatte ein Hammerkinn und O-Beine. Der andere hieß Avery Hay, überragte seinen Kumpel um einen halben Kopf, hatte schütteres Haar, eine Gurkennase und eine zu kurze Oberlippe, wodurch seine Schneidezähne immerzu blitzten. Ihr Job war es, Menschen zu töten. Seit einiger Zeit taten sie dies für Alpha-Omega.

Zuerst wurde getrunken. Dann fragte Belinda: »Was wisst ihr über Sheridan Symons?«

Rampling antwortete wie ein Computer: »Neunundvierzig Jahre alt, unverheiratet, ohne Anhang, Chefredakteur des >Chronicle<, der die Absicht hat, eine Hetzkampagne gegen Alpha-Omega zu starten.«

Belinda nickte zufrieden. »Das ist euer Mann.«

»Was machen wir mit ihm?«, fragte die Gurkennase.

»Ihr müsst ihn liquidieren!«, antwortete Belinda hart.

»Wie?«, fragte der Rothaarige.

»Das bleibt euch überlassen.«

»Wann soll er die Reise über den Jordan antreten?«

»So bald wie möglich.«

»Also heute noch«, bemerkte Rampling.

»Das wäre ganz in unserem Sinne«, sagte Belinda Sorensen.

Rampling und Hay leerten ihre Gläser. Es war nicht nötig, ihnen irgendwelche Verhaltensmaßnahmen zu diktieren. Sie wussten, wie sie vorzugehen hatten. Ihre Aktionen mussten laufen wie die eines Chirurgen.

Belinda gab den beiden noch einen Tipp mit auf den Weg: »Symons geht zweimal in der Woche zum Golf, Dienstag und Donnerstag. Jeweils am Nachmittag, etwa um fünfzehn Uhr.«

»Welcher Golfplatz ist ihm da genehm?«, fragte Hay.

»Der im Felham Bay Park.«

Da brachen die Männer auf, denn es war Donnerstag — und es war 14 Uhr. Belinda brachte sie zur Tür, wohl um sicher zu sein, dass sie ihr Haus tatsächlich verließen. Ein kurzes Lächeln, der Auftrag, die Killer sollten ihr nachher melden, wie die Sache gelaufen wäre, dann klappte sie kribbelig die Tür zu. Nervös rieb sie sich die Arme. Immer wenn sie Bacardi trank, begann dieses unselige Feuer der Leidenschaft in ihrem schwellenden Busen zu brennen. Unruhig kehrte Belinda in den Livingroom zurück und goss sich noch einmal ein. Die glasklare Flüssigkeit barg den Teufel in sich. Sie wusste es, trank aber trotzdem. Und als sie die starke Wirkung des weißen Rums spürte, hielt sie die Untätigkeit nicht mehr länger aus. Sie lief zur Anrichte, griff sich ihre Krokohandtasche, schnippte sie auf, fingerte hinein und begann fiebernd nach dem Zettel zu suchen.

Wo habe ich ihn bloß?, dachte sie.

Belinda hatte eine heiße Telefonnummer bekommen. Jemand hatte sie ihr zugesteckt. Ein Freund, der um ihre Leidenschaft Bescheid wusste. Sie suchte ständig die Bekanntschaft schwarzhaariger Mädchen. Und eine besondere Attraktion sollte das Mädchen sein, nach dessen Telefonnummer sie nun so fieberhaft suchte.

Endlich fand Belinda sie. Nervös biss sie sich auf die Lippen. Etwas krabbelte über ihre Wirbelsäule. Es war ein ungemein angenehmes Gefühl. Schaudernd genoss sie es, während sie zum Telefon ging. Die Nummer war einfach: Richmond 2000. Eine Geheimnummer, wie ihr der »Freund« gesagt hatte. Hoch im Kurs.

Okay, Belinda, dachte das Mädchen. Ruf sie an.

Mit einem brennenden Prickeln im Nacken, drehte Belinda die Nummer in die Scheibe. Kurz war das Freizeichen zu hören, und dann meldete sich eine warme, gehaltvolle, ungeheuer sympathische Frauenstimme. Eine Rassefrau!, dachte Belinda fasziniert. Schon ihre Stimme hat große Klasse. Belinda trug mit stockendem Atem ihr Anliegen vor. Der Bacardi hatte ihre Zunge gelöst, und sie nahm kein Blatt vor den Mund. Sie war mit ihrer Aufforderung ziemlich direkt, und es freute sie, dass die Frau am anderen Ende in keiner Weise geschockt war. Die Harmonie war also bereits am Telefon vorhanden. Wie prachtvoll musste es mit ihnen beiden erst stimmen, wenn sie einander begegneten, vollgeladen mit herrlicher Elektrizität, die sich im Schlafzimmer auf eine wundersame Weise entladen würde. Belinda verlangte, die Frau solle so rasch wie möglich zu ihr kommen. Und sie versprach dies mit einer atemberaubenden Stimme. Dann legten die beiden Frauen auf. Die Wartezeit war schlimm für Belinda, deshalb trank sie erneut Bacardi. Damit schürte sie das Höllenfeuer in sich noch mehr. Sie stellte sich mit lodernden Augen vor den großen Facettenspiegel und betrachtete sich mit einer gewissen Eitelkeit. So mancher Mann war ihr schon nachgerannt - ohne Erfolg. Ihr lag nichts daran.

In den zwanzig Minuten, die träge wie zähflüssiger Sirup durch die Uhr rannen, trank Belinda fünf weitere Bacardis. Es klingelte. Sie setzte ein erwartungsvolles Lächeln auf. Der Rum machte ihre Wangen rot. Sie konnte es kaum mehr erwarten, die Frau, die sie angerufen und zu sich bestellt hatte, in ihre Arme zu nehmen. Mit Schwung riss Belinda Sorensen die Eingangstür auf. Im selben Moment fiel ihr das erwartungsvolle Lächeln aus dem Gesicht. Enttäuschung legte sich über ihre Züge. Ein schlanker Junge mit Kohleaugen stand vor ihr. Er trug einen nachtschwarzen Samtanzug und eine gleichfarbige Sportmütze auf dem Kopf. Sein Lächeln war gewinnend. In Belindas Augen hatte der Bursche nur einen einzigen Fehler: dass er kein Mädchen war.

»Sie wünschen?«, fragte die Sängerin abweisend und kühl.

»Ich sollte so rasch wie möglich kommen«, sagte der Knabe.

»Sag mal, Bürschchen, willst du mich auf den Arm nehmen?«

»Wir haben vor etwa zwanzig Minuten miteinander telefoniert.«

»Ich habe nicht telefoniert, jedenfalls nicht mit dir.«

»Mein Name ist Natalia.«

»Jetzt reicht’s mir aber!«, fauchte Belinda gereizt und wollte dem Jungen die Tür auf die hübsche Nase dreschen, doch irgendwie schaffte es der kohleäugige »Jüngling«, an der Betrunkenen vorbei ins Haus zu huschen.

»Sag mal, was soll das?«, protestierte Belinda zornig. »Du verlässt auf der Stelle meine Wohnung!«

»Schließ die Tür, Belinda!«, sagte die Ustinov plötzlich mit jener Stimme, die Belinda noch sehr gut im Ohr hatte. Die blonde Frau wurde stutzig. »Nun mach schon! Schließ die Tür!«

Belinda gab der Tür einen Schubs. Sie fiel ins Schloss. Verwirrt musterte sie den Jungen, der kein Junge war. Er griff nach der Sportmütze und riss sie sich vom Kopf. Eine schwarze Flut von langen Haaren wallte bis auf Natalias Schultern herab.

»Du ... du bist kein Junge?«, fragte Belinda angenehm überrascht.

»Sieht ein Junge aus wie ich?«, fragte die Ustinov zurück, und ihre schlanken, feinnervigen Finger knöpften zuerst das schwarze Samtjackett und dann das Hemd auf. Da sie keinen Büstenhalter trug, quollen sogleich ihre herrlichen Brüste heraus.

»Mein Gott!«, stöhnte Belinda überwältigt. »Mein Gott, und ich hätte dich beinahe nicht in mein Haus gelassen.«

»Das wäre schade für uns beide gewesen«, entgegnete die Agentin und ging mit aufreizend wiegenden Schritten auf Belinda zu. Sie schaute dem blonden Mädchen tief in die Augen, versprach ihr allein mit den Blicken den Himmel auf Erden.

»Ich habe dich tatsächlich für einen Jungen gehalten«, seufzte Belinda überwältigt. Ein Schauer nach dem anderen überlief sie, als sie ihre Hand auf Natalias nackten Busen legte.

»Im Verkleiden bin ich Spitze.« Natalia lächelte. »Ich dachte, vielleicht haben deine Nachbarn etwas gegen Damenbesuche.«

»Die Nachbarn können mich ...«, presste Belinda erhitzt hervor. »Natalia heißt du?«

»Ja.«

»Wir werden uns gut verstehen«, hauchte die Sorensen.

5

Sie passierten die opalblaue Eastchester Bay, fuhren den Hutchinson River Parkway hoch, am Grün des Goose Island vorbei und schwenkten dann in den Pelham Bay Park ab. Es war 15.15 Uhr. Statt bis zur Picnic Play Area weiterzufahren, zog Bill Rampling den Wagen nach Norden. Kurz darauf stoppte er den Karren im Schatten einer schlanken Pappel. Vor ihnen lag der Golfplatz. Wenig bevölkert. Deshalb war Sheridan Symons von den beiden Killern auch leicht auszumachen. Der Chefredakteur von »Chronicle« war nicht allein auf dem samtweichen Rasen unterwegs. Ein schlanker Mann spielte mit ihm. Bill Rampling verzog sein Gesicht zu einem breiten, gehässigen Grinsen.

»Da spielt er noch, und in ein paar Minuten ist er tot. Wir sollten’s ihm direkt sagen, damit er mehr von seinen letzten Schlägen hat. Er würde ganz anders spielen, hahaha.«

Avery Hay saß in sich zusammengesunken auf dem Beifahrersitz. Er zeigte wenig Interesse für Sheridan Symons. Das war normalerweise nicht seine Art.

»He!«, sagte Rampling grinsend. Er stieß den Freund an. »Ich habe eben einen tollen Witz gerissen. Warum lachst du nicht darüber?«

»Weil mir einfach nicht nach Lachen zumute ist«, knurrte Hay.

»Sag bloß, der Knabe tut dir leid.«

»Der kümmert mich einen feuchten Staub.«

»Was ist es dann, Avery? Was ist los mit dir? Du bist nicht ganz auf dem Damm, was?«

»Manchmal finde ich die ganze Welt zum Kotzen.«

»Was ist dir über die Leber gelaufen? Komm, sag’s deinem Kumpel! Na, komm schon, spuck’s aus, Avery! Dann ist dir bestimmt leichter. Vielleicht weiß ich dir einen Rat. Was bedrückt dich?«

»Du kennst doch Charlotte.«

»Klar kenne ich die. Tolle Biene, die du dir da angelacht hast. Macht sie dir Kummer, die Kleine? Betrügt sie dich gar? Dann gibt es nur eins: Du musst sie kräftig vermöbeln. Von da an sieht sie keinen anderen Mann mehr an. Glaub mir, das hilft in den meisten Fällen.«

»Charlotte würde nie einen anderen Mann anschauen«, sagte Hay.

»Womit kann sie dir sonst noch Kummer machen, he?«

»Sie kriegt ein Kind von mir«, erwiderte Hay zähneknirschend.

Rampling riss die Augen auf. »Ach du liebe Güte!«

»Kannst du laut sagen.«

»Hör mal, wie ist denn das heutzutage noch möglich? Ich meine, wir leben doch im Zeitalter der Antibabypille.«

»Sie durfte sie nicht mehr nehmen, musste aussetzen, wegen Thrombosegefahr.«

»Aha.« Rampling nickte.

»Ich muss einen Arzt auftreiben, der die Sache aus der Welt schafft«, sagte Hay ernst.

»Ist Charlotte damit einverstanden?«

»Die hat zu tun, was ich von ihr verlange.«

»Wird sie keine Schwierigkeiten machen? Ich meine, manche Mädchen werden ganz eigen, wenn sie in einen Mann so richtig verknallt sind. Dann möchten sie nämlich von ihm ein Kind haben, und keiner darf es ihnen nehmen.«

Hay kniff die Augen grimmig zusammen. »Charlotte wird tun, was ich von ihr verlange.«

»Okay, ich schlage vor, wir bringen jetzt mal die Sache mit Sheridan Symons hinter uns. Anschließend können wir gemeinsam überlegen, welcher Arzt dafür infrage käme.« Bill Rampling holte ein Gerät aus dem Handschuhfach, das wie eine Stablampe aussah. Dann wickelte er die beiden Drähte davon ab. Sie hatten Kunststoffknöpfe am Ende. Die Hörer in beide Ohren, ein Druck auf den Schalter, und der Verstärker im Richtmikrophon arbeitete. »Mal sehen, was die beiden auf dem Golfplatz miteinander reden«, brummte Rampling. Dann visierte er Symons und den Mann, der mit ihm spielte, haarscharf an. Er musste voll aufdrehen. Das dadurch auftretende störende Rauschen nahm Rampling mit dem Scratchfilter weg. Und dann hörte er die Männer so deutlich reden, als hätte er direkt zwischen ihnen gestanden.

»Ein prachtvoller Schlag!«, lobte der Partner von Symons. Es war Julian Hanner, der Rechtsanwalt und Freund des Chefredakteurs. Das bekam Rampling sehr bald heraus.

»Was für einen Schlag erwartest du von einem Mann, der seit seinem achtzehnten Lebensjahr zweimal wöchentlich Golf spielt?«, erwiderte Sheridan Symons.

»Ich frage mich, wozu ich überhaupt mitgekommen bin. Bloß deshalb, damit du jemanden hast, den du besiegen kannst?«

»Du strengst dich aber auch kein bisschen an.«

»Irrtum, mein Bester. Ich gebe alles, was in mir steckt. Mehr ist leider nicht drin. Was machen deine Pläne?«

»Welche Pläne?«

»Du weißt schon.«

»Der Feldzug steht bereits in groben Zügen«, erwiderte Symons eifrig. »Ich werde mein ganzes journalistisches Können in die Waagschale werfen. Und ich habe zwei, drei Leute an der Hand, die mich tatkräftigst unterstützen werden. Ich bin sicher, dass die Sache nicht nur die Auflage des >Chronicle< gewaltig in die Höhe schnellen lassen wird, sondern dass sie der guten Sache zum Sieg verhilft. Du kennst mich seit vielen Jahren, Julian. Ethische Werte haben bei mir seit jeher Vorrang gehabt. Ich beginne diesen Feldzug nicht des Geldes wegen, sondern weil es mir ein Herzensbedürfnis ist, dieser A-O-Gruppe das Grab zu schaufeln. Ich schwöre dir, meine Mitarbeiter und ich werden die Öffentlichkeit so sehr aufrütteln, dass jeder Bürger unseres Landes die Augen offenhalten wird, und es ginge dann nicht mit rechten Dingen zu, wenn diese politischen Banditen nicht zur Strecke gebracht werden könnten.«

»Sheridan ...«

»Ja?«

»Ich wollte es dir schon seit ein paar Tagen sagen ...«

»Was, Julian?«

»Ich möchte diesen Kampf an deiner Seite gegen Alpha-Omega austragen.«

Symons lachte. »Du bist mir herzlich willkommen, Julian.«

»Verfüge über mich, in welcher Weise auch immer. Ich werde bestrebt sein, überall meinen Mann zu stehen. Ich bin Rechtsanwalt, und ich habe nicht nur gelernt, mit den Gesetzen zu leben, sondern sie auch zu achten. Was Alpha-Omega treibt, ist für mich wie ein Schlag ins Gesicht. Deshalb werde ich deine Hetzkampagne nach besten Kräften unterstützen. Es geht nicht an, dass unser Recht von diesen wirrköpfigen Banditen unterhöhlt und lächerlich gemacht wird. Ich bin ganz deiner Meinung, dass man in diesem Fall hart durchgreifen sollte.«

Wieder lachte Symons. »Freut mich, dass du das sagst, Julian. Freut mich wirklich. Und nun sollten wir das Spiel fortsetzen. Du bist dran.«

Bill Rampling nahm die Hörpfropfen aus den Ohren und teilte dem Komplizen das Gehörte mit. Avery Hay zuckte daraufhin gleichmütig mit den Achseln und sagte knochentrocken: »Dann müssen eben beide dran glauben.«

Sie kletterten aus dem Wagen, sahen aus wie harmlose Männer, die zu einem Spielchen hierhergekommen waren. Rampling setzte sich eine große Sonnenbrille auf die Nase. Hay folgte seinem Beispiel. Dann holten sie aus dem Kofferraum die Schlägertaschen. Damit begaben sie sich zum Elektro-Caddy-Verleih. Mit den kleinen Fahrzeugen kurvten sie über den Kurs. Sie spielten sogar, aber nur, um den Schein zu wahren, und kamen schneller von Loch zu Loch als Symons und Hanner. Als sie die beiden eingeholt hatten, warteten sie einen günstigen Augenblick ab, wechselten blitzschnell die Schlägertaschen aus und verdufteten dann so rasch, wie sie gekommen waren. Nun hatte Symons die Tasche von Rampling am Elektro-Caddy. Die beiden Killer bedauerten, dass sie keine zweite Tasche mit präparierten Golfschlägern mitgebracht hatten, denn dann wäre die Angelegenheit Julian Hanner in einem Arbeitsgang zu erledigen gewesen.

Schon saßen die A-O-Killer wieder in ihrem Wagen. Bill Rampling blickte auf seine Rolex.

»Der Countdown läuft«, sagte er zufrieden. Für ihn war es ein unumstößliches Faktum, dass Sheridan Symons nur noch wenige Augenblicke lang lebte.

Avery Hay wollte das Schauspiel ganz genau miterleben. Er setzte ein Fernglas an die Augen und kommentierte, was er mit scharfer Deutlichkeit sah.

»Hanner hat seinen Ball weggedroschen. Jetzt fahren sie weiter zu Loch Nummer achtzehn.«

Rampling nickte selbstgefällig, denn der Plan war auf seinem Mist gewachsen.

»Bei Loch Nummer achtzehn wird es passieren«, sagte er und klopfte die Sekunden geduldig mit dem Fuß auf dem Wagenboden.

»Nun ist wieder Symons dran«, sagte Hay. Seine Stimme klang mit einem Mal heiser. »Er legt den Golfball auf, geht zum Caddy, wählt einen Schläger aus, stellt sich auf, wippt leer und misst mit sicherem Auge die Entfernung.«

»Das sichere Auge wird gleich brechen«, bemerkte Rampling leise.

»Jetzt schlägt er!«, schrie Hay aufgeregt.

Gleichzeitig war ein donnernder Knall zu hören. Alles hatte so funktioniert, wie Rampling es sich ausgedacht hatte. Sobald der Schläger auf den Ball traf, explodierte er. Und der Mann, der den Schläger hielt, wurde vor den entsetzensstarren Augen seines Spielpartners scheußlich zugerichtet ...

6

Die beiden Mädchen tranken im Livingroom Bacardi. Dann drängte Belinda Natalia, sie solle sich im Schlafzimmer ausziehen. Natalia tat ihr den Gefallen. Belindas Augen begannen zu leuchten.

»Wunderschön!«, seufzte sie, überwältigt vom Anblick des makellosen Körpers, der sich ihr nun hüllenlos darbot. »Du bist wunderschön.«

»Ich möchte duschen«, sagte Natalia.

Belinda nickte. »Okay.«

»Wo ist das Bad?«

»Man erreicht es durch diese Tür«, sagte Belinda und begann sich ebenfalls zu entkleiden. Der viele Bacardi ließ sie schwanken, aber das störte sie nicht. Sie fand die Stimmung hinreißend, schon lange hatte sie angesichts eines nackten Mädchens nicht mehr so intensiv empfunden wie diesmal. Natalia wollte etwas sagen, doch Belindas Gesichtszüge ließen sie verstummen, ehe sie noch eine Silbe hervorgebracht hatte. Die schönen perlgrauen Augen Belindas schienen mit einem Mal größer geworden zu sein, und ihre Lippen wirkten voller und glänzender. Das fast kindliche, reine Gesicht Belindas sah erschütternd aus in seiner Heftigkeit und Schönheit. Ein jähes Erbeben verriet, wie groß Belindas Erregung in diesem Moment bereits war. So schnell es ihr möglich war, schälte sie sich aus dem Leinenanzug. Golden glänzten ihre Brüste. Sie hatte einen flachen Bauch, eine ungemein schmale Taille und schwellende Hüften. Ihre Schenkel waren fleischig, und als sie sich nun langsam auf Natalia zubewegte, war jede einzelne Muskelfaser unter der duftenden Haut zu erkennen. Als sie Natalia fast erreicht hatte, schlug draußen das Telefon an. Belinda zuckte zusammen, versuchte das Läuten dann aber zu überhören.

Ihr Gesicht verzerrte sich, und sie stieß einen wütenden Fluch aus, weil es ihr das lästig schrillende Telefon einfach unmöglich machte, sich auf Natalia zu konzentrieren, diesen prachtvollen Mädchenkörper zu streicheln. Zornig wandte sie sich um und rannte aus dem Schlafzimmer.

Auf eine solche Gelegenheit hatte die Agentin gewartet, seit sie sich in diesem Haus befand. Schnell federte sie vom Bett hoch. Splitternackt lief sie zu ihren Kleidern. In fliegender Hast nahm sie eine winzige Tablette aus einer der Jacketttaschen. Sie warf das kleine Kügelchen in Belindas Bacardi. Es löste sich sofort auf. Natalia wusste, dass es geruch- und geschmacklos war. Sofort eilte sie zu ihrem Samtanzug zurück. Und dann begann sie die kleinen, leistungsstarken Abhörgeräte an verschiedenen günstigen Stellen zu verstecken.

Draußen hatte sich Belinda gerade mit heiserer, ärgerlicher Stimme gemeldet. Doch nun wurde das blonde Mädchen ein wenig versöhnlicher. Der Anruf schien wichtig zu sein. Natalia konnte deutlich hören, was sie sprach.

»Wie geht es Symons?«, fragte Belinda Sorensen.

Die kohleäugige Agentin wusste sofort Bescheid. Sheridan Symons, der erklärte Feind von Alpha-Omega. Vor drei Tagen hatte er im Verlaufe eines Fernsehinterviews ziemlich unerschrocken verkündet, Alpha-Omega den Kampf ansagen zu wollen. Verständlich, dass sich A-O nun um ihn kümmerte. Also stimmte der von Charles Newton aufgeschnappte Verdacht, dass Belinda Sorensen Kontakt zu Alpha-Omega hatte. Orson Gallash war ein Schlag ins Wasser gewesen. Dafür war Natalias Bohrung in diesem Hause fündig geworden. Eigentlich hätte sie sich jetzt absetzen können. Was sie herausfinden sollte, hatte sie bereits erfahren. Trotzdem blieb die Agentin. Nicht etwa aus Freude an Belindas Zuneigung, sondern deshalb, weil sie vermeiden wollte, dass Belinda in irgendeiner Form misstrauisch wurde.

Auf die Frage, wie es Symons ginge, schien Belinda eine zufriedenstellende Antwort bekommen zu haben, denn sie dehnte ein lautes »Guuut!« Dann kam es scharf: »Wie? Wie war das ...? Aha ... Natürlich auch Hanner ... Ich werde es an den Chef weiterleiten ... Jetzt geht es nicht, ich habe Besuch.«

Der Hörer klapperte in die Gabel. Natalia rannte zum Bett zurück und sprang darauf. Als die Sorensen eintrat, lag Natalia ganz ruhig auf der weißen Damastdecke. Mit wiegenden Hüften und schaukelnden Brüsten kam die Blondine auf sie zu. Ein fasziniertes Lächeln lag um ihre vollen Lippen.

Natalia setzte sich auf. »Alles erledigt?«

»Ja, es ist alles bestens.«

»Ein wichtiger Anruf?«

»Jetzt nicht mehr. Hast du mitgehört?«

»Wie konnte ich? Ich lag hier auf dem Bett.«

»War nicht für deine Ohren bestimmt, was ich zu besprechen hatte.«

»Ich habe keinen blassen Schimmer von dem, was du geredet hast.«

»Ist auch besser so. Es gibt Dinge, die man niemals hören sollte, denn sie bringen Unheil und manchmal sogar den Tod.«

»Du machst mir Angst, Belinda.«

»Oh, das wollte ich nicht. Vergiss, was ich gesagt habe.« Belinda glitt neben Natalia auf das Bett. Sie presste ihren heißen Körper an den der Agentin und atmete erregt. Gegen Natalias Vorschlag, noch einen Drink zu nehmen, hatte Belinda nichts einzuwenden. Kaum hatte die Blondine den Bacardi im Magen, erschlaffte sie mit einem friedlichen Seufzer. Tief und fest schlief sie neben der Ustinov. Die Agentin kleidete sich hastig an und verließ schon nach fünf Minuten Belindas Haus. Zwanzig Minuten später saß sie in einem Büro hoch über Manhattan. Mit Achselzucken und mit »das wär’s«, beendete die hübsche Agentin ihren Bericht, den Charles Newton mit ungeteilter Aufmerksamkeit angehört hatte.

»Es ist also erwiesen, dass Belinda Sorensen mit Alpha-Omega in Verbindung steht«, sagte der Dicke und schürzte nachdenklich die Lippen.

»Ich würde jede Wette annehmen, dass es so ist.«

»Hm«, machte Newton und wiegte den Kopf. »Es wäre wohl nicht ratsam, jetzt schon etwas gegen dieses Mädchen zu unternehmen.«

»Sie meinen, Belinda ist nur ein kleines Rädchen.«

»Wenn man eine Schlange unschädlich machen will, muss man ihr den Kopf abschlagen, nicht den Schwanz«, entgegnete Newton.

»Ein einfacher, aber ein treffender Spruch«, bemerkte Natalia schmunzelnd.

»Was ich Ihnen noch sagen möchte ... Die Deutschen schicken uns einen BND-Mann. Er heißt Conny Raddatz, hat beim Bundesnachrichtendienst die Nummer 13, ist ein hervorragender Agent und bereits auf dem Weg nach New York, wie ich erfahren habe. Er wird sich demnächst mit Ihnen in Verbindung setzen. Behandeln Sie ihn gut, er kommt als Freund, Nat.«

»Gut behandeln - heißt das, dass ich ihn bei mir im Penthouse schlafen lassen muss, Mr. Newton?«

»Das heißt es nicht. Ich möchte bloß, dass Sie sich auf ihn einstellen und gut mit ihm kooperieren.«

»An mir soll’s nicht liegen.«

»Er hat den Ruf, ein Schürzenjäger zu sein.«

»Mit einem Wort: ein interessanter Mann.« Natalia lachte. Aber sie wurde gleich wieder ernst. »Finden Sie so schnell wie möglich raus, wer Hanner ist!«

Eines von Newtons Telefonen rasselte. Der Dicke hob ab. Er tat damit einen von hundert Informationskanälen auf, aus denen er seine Neuigkeiten bezog. Als er den Hörer wieder in die Gabel legte, sagte er: »Sheridan Symons ist tot. Er hat sich mit einem Golfschläger selbst in die Luft gesprengt.« Natalia blickte den »Buddha« verwirrt an. Newton erklärte ihr den Hergang des Verbrechens mit wenigen Worten.

»Dann ist Hanner der nächste!«, stieß Natalia hervor. »Ich muss ihn warnen.«

Newton nickte. »Sobald ich weiß, wer der Mann ist, rufe ich Sie an.«

7

Faye Wolcott war sozusagen Mädchen für alles: am Tag Sekretärin, am Abend Geliebte. Doch diese Grenzen verschwammen sehr oft, und es war schon passiert, dass sie am Tag die Geliebte und nachts die Sekretärin von Julian Hanner gewesen war. Auch diesmal war sie eigentlich zu Hanner ins Haus gekommen, weil er ihr zwei wichtige Briefe diktieren wollte. Doch kaum war der zweite Brief fertig, verwandelte sich Hanner in einen reißenden Wolf. Der Mord an Sheridan Symons, den er aus nächster Nähe hatte mit ansehen müssen, lag ihm ungemein schwer im Magen. Immer wieder sah er den blutbesudelten Rasen vor sich. Er hörte die schreckliche Explosion in seinen Ohren brüllen. Er sah sich umfallen, niedergerissen von einer mörderischen Druckwelle, die ihn schwer geschockt hatte. Und er wollte das alles vergessen, wenigstens für eine Zeit lang. Wo konnte er besser vergessen als in Fayes Armen.

Sie trug ein Kleid, das von der Taille abwärts handschuheng anlag, sich dann aber unterhalb der Hüften überraschend weit bauschte. Faye saß in einem Sessel. Gerade schlug sie die Beine übereinander. Dabei entblößte ihr Rock ihre wunderbaren Schenkel. Sie bot einen ebenso anmutigen wie verführerischen Anblick, sodass Hanner sich jäh über sie beugte und unter ihren Achselhöhlen den unsichtbaren Nylon-Reißverschluss suchte, den er mit kundiger Hand bis unterhalb der Hüften öffnete. Mit der anderen Hand suchte er den nackten Körper seiner Geliebten aus dem raschelnden Schrein zu befreien.

»Julian«, flüsterte Faye erregt, »du bist verrückt. Was tust du denn?«

»Ja, was?«, flüsterte er fiebernd zurück. Ein nervöses Lächeln huschte über sein Gesicht. Es war schmal, mit hohen Backenknochen. Seine Brauen hatten einen sanften Knick. Die Stirn wies einige Falten auf, wodurch er den Eindruck erweckte, er würde immerzu nachdenken. Seine Küsse nahmen Faye den Atem. Ohne sie weiter zu entkleiden, hob er sie hoch und legte sie auf die Couch.

»Julian!«

»Still!«

»Bitte, Julian, nicht jetzt!«

»Still, Liebes! Still, still, still!«, antwortete Hanner. Rote Flecken glühten an seinen Wangen. Seine Leidenschaft überrumpelte das Mädchen. Faye ließ sich davon anstecken. Ein schwacher Einwand kam noch über ihre bebenden Lippen, er würde ihr Kleid zerknittern, doch dann vergaß sie ihr Kleid, als er sie auf den Rücken legte. Sie zog den Rock höher. Hastig suchten seine Hände den durchschimmernden Slip. Faye bäumte sich in jähem Verlangen auf, als er das Höschen über ihre vollen Schenkel nach unten streifte. Es war ein durch und durch improvisiertes Spiel, und doch machte es sie beide glücklich. Faye seufzte wohlig, als Julian sie stürmisch an sich presste. Sie fühlte eine neue, ihr unbekannte Lust aufsteigen, und sie spürte in ihrer Kehle ein Brennen wie nach einem langen Lauf.

»Ah, es ist schön«, raunte Faye beglückt. »Bleib so bei mir, Julian! Gib mir alles, Liebling ...«

Um sie herum versank die Welt. Hanner bekam, was er erreichen wollte: Vergessen, ein Aufgehen in Faye, Loslösung von irdischem Schmerz.

8

Dass Rampling und Hay in diesem Moment ganz nahe waren, ahnten die beiden Liebenden nicht.

Wie zwei schwarze Todesengel waren sie gekommen. Gleich unheilverkündenden Schatten hatten sie sich dem Haus des Rechtsanwalts genähert. Ein klarer Sternenhimmel spannte sich über ihren Köpfen, die scharfe Sichel des Mondes gab nur wenig Licht. Trotzdem fanden die beiden A-O-Killer ihren Weg zu Hanners Haus geradezu mit einer schlafwandlerischen Sicherheit. Lautlos erreichten sie die Fenster des hellerleuchteten Wohnzimmers. Rampling stieß den Komplizen mit dem Ellenbogen an, als er Hanner darin auf und ab gehen sah. Die Killer waren zu dem Zeitpunkt bei Hanners Haus eingetroffen, als dieser das Diktat für den ersten Brief gerade beendete.

»Ist das eine Prachtpuppe, was?«, flüsterte Rampling und schnalzte leise mit der Zunge. Das Fenster war halb offen, und so konnten die Killer jedes Wort hören, das im Haus gesprochen wurde.

»Die denken, mit Symons’ Tod seien alle Probleme für sie aus der Welt geschafft«, sagte gerade Hanner zähneknirschend. »Aber da haben sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht.«

Faye legte den Notizblock auf den Tisch, und den Bleistift daneben. »Was hast du vor, Julian?« fragte sie mit besorgter Miene. Eine ihrer kastanienbraunen Locken ärgerte sie, und sie strich sie mit einer unwilligen Bewegung aus dem Gesicht.

»Ich setze Sheridans Werk fort!«, sagte Julian Hanner ungemein hart und entschlossen.

»Lass die Finger davon, das ist zu gefährlich!«

»Jemand muss den Mut haben, der Öffentlichkeit die Augen zu öffnen, was das für Schurken sind. Ich werde an Sheridans Stelle treten. Davon kann mich nichts abbringen.«

»Sie werden auch dich töten, Julian.«

»Das wird ihnen nicht gelingen.«

Rampling grinste. Er wusste es bereits besser.

»Du hast gesehen, wie es Symons erging, Julian«, wandte das Mädchen mit flehender Stimme ein.

»Sie haben keine Ahnung, dass ich nun in seine Fußstapfen treten werde«, sagte Hanner.

Und wieder grinste Rampling breit. Keine Ahnung ... Wer keine Ahnung hatte, war der da drinnen. Dessen Lebensminuten waren gezählt.

»Und wenn sie doch Bescheid wissen?«, fragte Faye eindringlich.

»Woher sollen sie denn?«

»Nimm an, es ist so.«

»Ich werde mich vor ihnen in Acht zu nehmen wissen, Faye. Mach dir um mich keine Sorgen.«

Du armes Würstchen!, dachte Bill Rampling, während sein Gesicht einen hämischen Ausdruck annahm. Im Livingroom fand Julian Hanner zu seiner Arbeit zurück. Er diktierte den zweiten Brief. Rampling gab Hay einen kurzen Stoß und zischte: »Los jetzt, Junge! Zeig dem Idioten, wie sehr er sich irrt!«

Und Hay lief weg, um die Vorbereitungen für Hanners gewaltsames Ende zu treffen. Indessen blieb Rampling am Fenster stehen. Er hörte, was Hanner diktierte, beobachtete, wie die beiden zum Ende des Diktats und zum Anfang des Liebesspiels kamen. Faye schlang ihre Arme um den Rechtsanwalt. Und dann begann sie kleine Schreie auszustoßen. Rampling wurde allem vom Zusehen erregt. Er leckte sich nervös die Lippen, warf einen gehetzten Blick nach, seinem Freund und stellte fest, dass dieser mit seiner Arbeit schon fast fertig war. Da kam Avery Hay herangeschlichen, um dem Komplizen mitzuteilen, dass es losgehen konnte. Den Rest der sinnlichen Umklammerung bekam Hay noch visuell und phonetisch mit. Dann huschten sie davon. Eine tödliche Falle blieb für Julian Hanner zurück.

9

Irgendwann in derselben Stadt ...

Irgendwo in derselben Stadt ...

Brian Keeler - kein Adonis, nicht mehr der Jüngste, aber noch gut in Schuss, wenn es um Mädchen ging - torkelte zwischen zwei aufgetakelten Püppchen in ein riesiges Schlafzimmer. Die Girls waren überschminkt, hatten zu dicke Lidschatten um die Augen, zu dunkelrote Lippen und zu viel Rouge an den Wangen. Alles in allem sahen sie ziemlich ordinär aus. Dass ihnen das Leben gefiel, so wie es war, bewiesen sie dadurch, dass sie alles zum Lachen fanden. Sie steuerten mit dem schmalen Mann sofort das Bett an. Er wehrte sich nicht dagegen, hatte ein dümmliches Grinsen um die Lippen, ließ sich von den Girls aufs Bett werfen und mit fliegenden Fingern entkleiden. Sobald sie ihn ausgezogen hatten, warfen sie ihre Garderobe auf die seine. Und dann ließen sie sich einfach treiben. Was Brian Keeler nicht wusste, war die Tatsache, dass es einen Einwegspiegel im Raum gab, hinter dem eine lichtstarke Spiegelreflexkamera aufgebaut war, die die ganze Szenerie von Anfang an mitknipste.

Klick! Klick! Klick!

Insgesamt wurden sechsunddreißig lupenrein scharfe Aufnahmen gemacht, die bewiesen, wozu ein Mann fähig ist, wenn er seine Hemmungen erst einmal über Bord geworfen hat.

Hinterher fiel Brian Keeler in einen erquickenden Baby-Schlummer. Ein Lächeln, das äußerste Zufriedenheit ausdrückte, um den schmalen Mund, tief und regelmäßig atmend und seitlich zusammengerollt.

Die Schlafzimmertür wurde abrupt aufgestoßen. Ein Mann trat ein. Die Schwarzhaarige und ihre rothaarige Freundin lächelten verdorben.

»Na«, fragte die Rote, »haben wir unsere Sache gut gemacht?«

»Besser hättet ihr es gar nicht hinkriegen können. Ich bin sehr zufrieden mit euch.«

»Dann gibt’s sicher ein paar Dollars extra für die heiße Show, Boss«, sagte die Schwarzhaarige.

Der Mann starrte sie an, und sie erschrak. »Es war ein fixer Betrag ausgemacht«, knurrte er. »Und es war klar, dass ihr euch nach meinen Anweisungen richten solltet.«

Die Schwarzhaarige zuckte die nackten Schultern, wodurch ihre schweren Brüste zu wippen begannen.

»Man wird’s ja noch versuchen dürfen, Boss.«

»Okay. Und es hat nicht geklappt«, bekam sie zur Antwort. »Damit ist die Angelegenheit vergessen, verstanden?«

»Ja, Boss«, beeilte sich die Schwarzhaarige zu versichern. Die Rothaarige wollte sich nicht auch die Zunge verbrennen, deshalb saß sie mit zusammengepressten Lippen auf dem Bett und sagte keinen Ton. Der Boss kam zu ihnen und beugte sich über den Schlafenden.

»Ist mit ihm alles in Ordnung?«, fragte er.

»Aber ja. Er hat sich nur ein wenig überanstrengt, der Kleine«, sagte die Rothaarige nun, denn das war ja etwas Positives.

Der Boss nickte. »Zieht ihn an!« Er lachte. »Das dürfte ein verdammt böses Erwachen für Keeler werden. Der wird aus dem Wundern nicht herauskommen.

Also, zieht ihn an! Ich schicke dann zwei Leute, die ihn nach Hause bringen. Noch irgendwelche Probleme?«

»Nein, Boss«, sagten die beiden Mädchen wie aus einem Munde. Dann begannen sie den tief Schlafenden anzukleiden. Er wurde davon nicht wach, obwohl die Mädchen nicht gerade sanft mit ihm umgingen. Neben ihm hätte man eine Kanone abfeuern können, er hätte vermutlich nicht einmal das mitgekriegt.

Als die Girls mit ihrer Arbeit fertig waren und auch selbst wieder mehr als nur ein Hemd am Leib trugen, kamen die beiden Männer, die der Boss zu schicken versprochen hatte. Sie schleppten Brian Keeler an Händen und Füßen aus dem Gebäude, warfen ihn ziemlich unsanft in ihren Wagen und brachten ihn nach Hause. Dort ließen sie Keeler auf sein Bett fallen, wünschten ihm grinsend noch eine erholsame Nacht und empfahlen sich dann.

Viel Zeit für eine erholsame Nacht blieb Keeler nicht mehr, denn bald brach der nächste Tag an. Erst meldete er sich bloß mit einem schwachen Lichtstreifen am Horizont, doch schon begannen die Wolkenkratzer im ersten Morgenlicht zu strahlen.

Da schlug Keeler die Augen auf. Ächzend griff er sich sofort an den pochenden Kopf. Da saß ein wahnsinniger Schmerz drin, der auch mit Seufzen und Stöhnen nicht fortzukriegen war. Mühsam raffte Keeler seinen Geist so weit zusammen, dass er zumindest begriff, wo er war. Er befand sich in seinem Schlafzimmer, aber er hatte keinen blassen Schimmer, wie er hierhergekommen war, auch der Zeitpunkt seiner Heimkehr wollte ihm nicht einfallen.

Als er sich aufsetzte, meinte er, sich den Schädel an der Decke gestoßen zu haben, so heftig setzte der Schmerz sogleich ein. Er ließ sich jammernd in die Kissen zurückfallen und blieb eine Weile reglos liegen. Nur nicht bewegen. Ganz still sein, bis der Schmerz abklingt ...

Das dauerte eine halbe Stunde. Während dieser Zeit fragte sich Keeler immer wieder, was in der vergangenen Nacht gelaufen war, aber er konnte sich an keine einzige Episode erinnern.

War das nicht seltsam?

Beim zweiten Anlauf brachte er sich in Sitzstellung. Er blickte an sich herab und stellte fest, dass er vollkommen angekleidet war. Sogar die Schuhe trug er noch an den Füßen. Das ließ ihn ahnen, dass die Sache nicht mit rechten Dingen zuging, denn er war in seinem Leben schön oft ziemlich abenteuerlich blau gewesen, aber dass er einmal seine Schuhe auszuziehen vergessen hatte, das war noch niemals vorgekommen.

Die Laute, die er von sich gab, als er sich ins Bad bemühte, hätten auch in einen Zoo gepasst. Unter der Dusche erholte sich Keeler zusehends. Immerhin wusste er mittlerweile, dass er kein Weibchen, sondern ein Männchen war, woran vor kurzem noch echte Zweifel bestanden hatten.

Gekleidet in seinen malvenfarbenen Bademantel, setzte Brian Keeler in der geräumigen Küche das Wasser für den Filterkaffee auf. Er kam nicht dazu, ihn zu trinken, denn als das Wasser brodelte, klingelte jemand an der Haustür.

»Bin nicht zu sprechen!«, fauchte Keeler gereizt, aber er ging doch zur Tür.

Zwei Männer standen draußen. Der eine war rothaarig, stämmig, hatte ein Hammerkinn und O-Beine. Der andere war um einen halben Kopf größer, hatte schütteres Haar, eine Gurkennase und eine zu kurze Oberlippe, die die Schneidezähne nicht zuzudecken vermochte.

Der mit den O-Beinen grinste ziemlich unverschämt und fragte: »Haben Sie gut geschlafen, Mr. Keeler?«

Brian Keeler erschrak. »Wer sind Sie? Was wollen Sie von mir?«

»Möchten Sie uns nicht in Ihr Haus bitten?«, fragte der mit den O-Beinen. Es war Bill Rampling.

»Fällt mir nicht im Traum ...«

»Nun mach schon, Freundchen! Geh zur Seite!«, bellte Avery Hay ungeduldig.

»Ich protestiere!«, ächzte Keeler, als Hay ihm einen Stoß versetzte, der ihn von der Tür wegbeförderte.

»Schnauze!«, fauchte Hay mit drohend zusammengezogenen Brauen. »Wir kommen als Freunde.«

»Schöne Freunde sind das, die einen Mann in seinem Haus am frühen Morgen überfallen.«

Die Männer traten ein und schlossen hinter sich die Tür. Keeler fürchtete die beiden, die er noch nie gesehen hatte.

»Wer sind Sie?«, fragte er zum zweiten Mal.

»Wir kommen als Verbündete zu Ihnen, Mr. Keeler«, erwiderte Rampling grinsend.

»Schert euch sofort wieder aus meinem Haus!«

»Aber Mr. Keeler! Wir wollen doch auf den guten Ton achten, ja? Sonst müssen wir Ihnen die Vorderzähne lockern, und das wollen Sie doch nicht, oder?«

»Ich ... ich rufe die Polizei.«

»Hören Sie sich doch erst einmal an, was wir Ihnen zu sagen haben. Hinterher können Sie die Polizei immer noch anrufen, wenn Sie Lust dazu haben«, sagte Rampling in versöhnlichem Ton. »Wo geht’s ins Wohnzimmer?«, erkundigte er sich höflich. Keeler zeigte auf eine Tür. Rampling nickte einladend. »Kommen Sie, setzen wir uns kurz zusammen! Es spricht sich leichter, wenn man sitzt. Außerdem werden Sie sowieso gleich einen Stuhl brauchen.«

Keeler riss die Augen auf. Erschrocken sah er die beiden fremden Männer an. Als er mit ihnen im Wohnzimmer um den runden Tisch saß, umklammerte er seine zitternden Knie mit beiden Händen.

»Warum nennen Sie sich meine Verbündeten?«, presste er heiser hervor. »Das klingt nach einer Verschwörung. Ich bin mir keiner Schuld bewusst.«

»Wo ist Ihre Frau, Keeler?«, fragte Avery Hay direkt.

Keelers Kopf ruckte in Hays Richtung. »Was geht Sie das an?«, entgegnete er scharf.

»Sie brauchen es nicht zu sagen, wir wissen es auch so. Ihre Frau befindet sich zur Zeit auf dem griechischen Vergnügungsdampfer >Helena< und lässt sich die Mittelmeersonne auf den Bauch scheinen.«

»Woher wissen Sie ...«

»Wir wissen noch viel mehr, Keeler«, sagte Hay ernst. »Wir wissen zum Beispiel, was für ein armes Würstchen Sie waren, bevor Sie Ihre Frau kennenlernten. Sie hatten bloß einen einzigen Anzug und kaum ein zweites Hemd zum Wechseln. Heute besitzen Sie vierundzwanzig Anzüge, und die Hemden füllen zwei Schränke. Das heißt, Sie waren arm wie die berühmte Kirchenmaus, ehe Sie Ihre Frau kennenlernten.«

»Armut ist keine Schande!«, schrie Keeler aufgebracht dazwischen.

»Ist es nicht.« Hay nickte. »Ich will Ihnen ja nur beweisen, wie gut wir über Sie Bescheid wissen. Vor zwei Wochen gab es Streit zwischen Ihnen und Ihrer ach so reichen Frau. Daraufhin packte sie ihre Koffer und dampfte ab - vorerst mit unbekanntem Ziel. Doch als sich ihr Zorn verflüchtigt hatte, meldete sie sich aus Barcelona mit einer Postkarte, der dann weitere folgten.«

»Ich verstehe nicht, worauf Sie hiauswollen«, sagte Keeler abweisend.

»Sie werden bald verstehen«, bemerkte Hay trocken.

»Wollen Sie mich etwa erpressen?«

»Möchten Sie sich nicht zuerst anhören, wieso wir uns als Ihre Verbündeten betrachten?«

»Sie führen etwas Gemeines im Schilde, das kann ich fühlen«, sagte Keeler mit zusammengekniffenen Augen.

»Sie können sich sehr viel leisten, seit Sie verheiratet sind. Sie haben einen erstaunlichen gesellschaftlichen Aufstieg hinter sich. Wäre es nicht schade, wenn Sie Ihre Frau von heute auf morgen wieder auf die Straße setzen würde?«

Keeler rief mit geweiteten Augen aus: »Also doch Erpressung! Sie können sich jedes weitere Wort sparen! Da sind Sie bei mir auf dem Holzweg, meine Herren.«

»Kein Luxus mehr«, sagte Hay.

»Mein Gewissen ist sauber!«, tönte Keeler.

»Sie werden wieder so arm sein wie früher.«

»Damit können Sie mich nicht schrecken. Meine Frau hat keinen Grund, sich von mir scheiden zu lassen.«

»Alle Ihre Freunde werden sich von Ihnen abwenden«, fuhr Hay unbeirrt fort. »Denn ohne Geld gehören Sie ja nicht mehr zu ihnen.«

»Ich habe ein absolut reines Gewissen!«, rief Keeler aggressiv aus.

»So?«, fragte Hay spöttisch. »Haben Sie das wirklich?«

»Was haben Sie mir vorzuwerfen?«

Hay machte Rampling ein Zeichen. Bill zog einen cremefarbenen Umschlag aus der Innentasche seines Jacketts hervor und gab ihn seinem Komplizen. Keeler folgte jeder dieser Bewegungen. Er wurde um vieles nervöser. Unsicherheit schlich sich in sein Gehabe.

»Heute Nacht waren Sie ganz groß in Fahrt, Mr. Keeler«, sagte Hay einleitend.

Heute Nacht? Wo war ich heute Nacht?, fragte sich Brian Keeler erschrocken. Da war ein großes Loch in seinem Erinnerungsvermögen. Aufgeregt blickte er auf Hays Hände, die den Umschlag langsam öffneten und sechsunddreißig Farbaufnahmen herausholten. Eine so scharf wie die andere. Hay legte sie vor Keeler auf den Tisch. Drei Reihen zu je zwölf Stück. Keeler schaute sich eine Aufnahme nach der anderen an. Schon bei der ersten war er fahl geworden. Als er sich die letzte angesehen hatte, war er aschgrau. Er schlug die zitternden Hände vor das Gesicht und stöhnte: »Oh mein Gott!«

»Wenn Ihre Frau diese Fotos sieht, können Sie unter Garantie Ihren Ranzen schnüren, Mr. Keeler«, sagte Avery Hay, und das war die Wahrheit. »Deshalb sagten wir eingangs, wir wären Ihre Verbündeten.«

Unbeschreibliches ging in Keeler vor. Er stürzte in eine Kluft aus Verzweiflung und Angst. Nun war also klar, wo er die Nacht verbracht hatte - oder besser: mit wem. Es ekelte ihn beim Anblick dieser Fotografien vor sich selbst. Wie hatte er das bloß tun können? Wie war es dazu gekommen? Diese Hunde! Diese gemeinen Hunde hatten nichts ausgelassen. Alles hatten sie fotografiert, alles, was ihn zu Fall bringen, was ihm das Genick brechen musste, wenn er ihre Forderungen, die sie nun gleich anknüpfen würden, nicht erfüllte.

Leichenblass und mit brüchiger Stimme fragte er: »Was verlangen Sie von mir?«

»Nicht viel«, antwortete Gurkennase.

»Was?«

»Sie sind mit Senator John Thome befreundet, nicht wahr?«

»Ja, das bin ich.«

»Wir möchten, dass Sie Ihren Freund dazu überreden, zu einer bestimmten Zeit auf ein bestimmtes Hausboot zu kommen. Sie werden ihn selbstverständlich begleiten.«

»Was habt ihr mit John vor?«

»Das geht Sie nichts an. Sie haben lediglich dafür zu sorgen, dass Thome da ist, wenn wir es von Ihnen verlangen. Genauere Anweisungen erhalten Sie von uns rechtzeitig.«

Brian Keeler schluckte aufgeregt.

Himmel, was stürmte da auf ihn ein. John war ein netter Kerl. So etwas konnte er ihm doch nicht antun. Nein, dachte er, das tue ich nicht. Er schloss die Augen, um die Fotos nicht länger ansehen zu müssen. Dann schüttelte er heftig den Kopf und stieß erregt hervor: »Ich verrate keinen Freund!«

»Wie Sie wollen, Keeler«, schnarrte Avery Hay und erhob sich. Auch Rampling stand auf. »Dann kriegt Ihre Frau eben die Fotos.«

Die Männer ließen die Aufnahmen auf dem Tisch liegen, wandten sich um und verließen Keelers Haus. Der gebrochene Mann wusste sich nicht anders zu helfen, er begann vor Wut und Ratlosigkeit zu heulen.

10

Natalia Ustinov dachte an einen schlechten Scherz, als bei Sonnenaufgang das Telefon läutete. Zugegeben, sie gab sich den Anschein, ein Callgirl zu sein, und dazu gehörte vor allem ein Telefon. Aber durfte es zu solch einer barbarischen Zeit ungestraft klingeln? Schwerfällig nahm sie den Hörer von der Gabel.

»Natalia, mein Liebes!«, kam es sehnsüchtig durch die Leitung, und es war nicht mal eine Männerstimme. Da wusste die Agentin sofort Bescheid: Belinda rief sie an. Belinda Sorensen, das Püppchen, das nur mit Mädchen glücklich wurde.

»Oh, Belinda«, erwiderte Natalia. »Wie nett, dass du mich anrufst.«

»Ich möchte mich bei dir entschuldigen, Nat.«

»Entschuldigen? Aber weshalb denn? Du warst doch gestern ...«

»Ich war stockbetrunken.«

»Trotzdem hast du in mir ein Feuer entfacht, das noch lange nachher brannte.«

»Tatsächlich?«

»Wenn ich’s sage.«

»Ich kann mich nicht daran erinnern.«

»Es war schön, Belinda. Ich möchte keine einzige Minute davon missen«, log die Ustinov.

»Wir sollten das Ganze wiederholen, Natalia. Und ich verspreche dir, dass ich beim zweiten Mal nüchtern sein werde. Es wird schöner sein als beim ersten Mal, auch das verspreche ich dir, Nat. Bitte, sag ja. Sag, wann wir uns wiedersehen können.«

»Jederzeit, Belinda.«

»Heute?«

»Heute und morgen geht es leider nicht.«

»Das ist sehr schade, Nat.«

»Du sagst es«, Spielte Natalia mit. »Aber ich muss für zwei Tage geschäftlich weg. Sobald ich wieder zurück bin, rufe ich dich an, okay?«

»Ich werde kein anderes Mädchen an sehen in diesen beiden Tagen«, versprach Belinda.

»Solch großen Eindruck habe ich auf dich gemacht?«

»Den größten, Natalia. Den allergrößten.«

Natalia legte schmunzelnd auf. Das Alpha-Omega-Girl zappelte prächtig an der Angel. Und die kleine Tablette, die Natalia dem Mädchen ins Glas geworfen hatte, hatte hervorragende Dienste geleistet. Mal kurz in ihre Wohnung hineinhören, dachte die Agentin und schaltete das Empfangsgerät ein, das mit einem Tonbandgerät gekoppelt war, wodurch sie Dinge, die ihr wesentlich erschienen, sofort phonetisch aufzeichnen konnte. Sie hörte Belindas Schritte. Dann vernahm sie, wie eine Flasche geöffnet wurde. Belinda trank also schon früh am Morgen. Anschließend begab sich die Barsängerin zum Telefon. Natalia hörte, wie Belinda klappernd den Hörer von der Gabel nahm, und drückte sofort auf den Aufnahmeknopf. Belinda Sorensen wählte eine sechsstellige Nummer.

»Ich bin es, Chef, Belinda.«

»Was gibt’s?«, fragte der Leiter von Alpha-Omega. Seine Stimme konnte die Agentin selbstverständlich nicht hören.

»Symons ist liquidiert, wie Sie befohlen haben.«

»Das teilen Sie mir jetzt erst mit«?«

»Ich hatte noch keine Zeit.«

»Wohl wieder Ihrem Vergnügen nachgegangen, was?«

»Das ist meine Privatsache, Chef«, erwiderte Belinda abweisend. »Darüber brauche ich niemandem Rechenschaft abzulegen. Ich kann tun und lassen, was ich will, solange es nicht meine Arbeit für Alpha-Omega beeinträchtigt, und das geschieht in keiner Weise.«

»Eben doch. Ich möchte die Erfolgsmeldungen zukünftig wesentlich prompter bekommen!«

»Von mir aus.«

»Hatten Rampling und Hay irgendwelche Schwierigkeiten?«

»Nicht die geringsten. Sie entdeckten Sheridan Symons auf dem Golfplatz, spielten ihm die mit Sprengstoff präparierten Schläger zu, und der nächste Schlag beförderte den Zeitungsfritzen bereits ins Jenseits. Natürlich wird man den Mord an Symons mit Alpha-Omega in Verbindung bringen. Schließlich hat Symons kein Geheimnis daraus gemacht, was er vorhatte. Aber das sollte uns nichts ausmachen. Es wird nicht möglich sein, uns eine Schuld nachzuweisen, und das zählt letztlich.«

Um die Angelegenheit nicht zu komplizieren, verschwieg Belinda dem Chef, dass Julian Hanner die Absicht geäußert hatte, in Symons Fußstapfen zu treten. Hanner war bei Rampling und Hay ohnehin bestens aufgehoben. Hanner wurde gewiss nicht alt.

»Mankiewicz, Rogers und Rego beginnen ungeduldig zu werden«, sagte der Chef. »Sie haben mich wissen lassen, dass sie binnen achtundvierzig Stunden aus dem Gefängnis sein wollen. Habt ihr diesbezüglich schon etwas unternommen?«

»Die Sache läuft bestens, Chef. Spätestens übermorgen können die drei Knaben abfliegen, wohin sie wollen. Bis dahin hat es Alpha-Omega wieder einmal geschafft.«

Das Läuten ihres Telefons ließ Natalia zusammenfahren. Sie hörte, wie Belinda auflegte, und schaltete das Tonband ab. Dann begab sie sich zum Telefon.

Charles Newton war dran. »Hanner!«, sagte er und sprang damit gleich ins kalte Wasser. »Julian Hanner, Rechtsanwalt, zugezogen aus Boston vor zwei Monaten. Deshalb steht er noch nicht in unseren Telefonbüchern. Wohnhaft ...«

Natalia schrieb die Adresse sofort mit. Und sie notierte auch die Rufnummer des Anwalts, die der Dicke hatte ausgraben lassen.

»Sie haben wieder einmal ganze Arbeit geleistet, Mr. Newton«, lobte die attraktive Agentin ihren Chef.

»Dasselbe erwarte ich nun von Ihnen, Nat.«

»Wurden Sie von mir schon mal mit halber Arbeit bedient?«

»Noch nie. Und ich hoffe, dass das auch in Zukunft so bleibt.«

»Das hoffe ich in erster Linie für mich, denn wenn ein Agent bloß halbe Arbeit leistet, kann das tödliche Folgen nach sich ziehen. Sie hören wieder von mir, Mr. Newton.«

Peng. Natalia hatte den Hörer in die Gabel geworfen. Und nun drehte sie, nachdem sie den Hörer wieder in der Hand hielt, die von Newton genannte Nummer in die Scheibe. Sie ließ es gut ein dutzendmal läuten, dann legte sie seufzend auf. »Das scheint einer von den ganz tiefen Schläfern zu sein.« Doch plötzlich rieselte es Natalia kalt über den Rücken. Hieß dieses Nichtabheben etwa, dass Hanner sein Schicksal bereits ereilt hatte? Die bildschöne Agentin raste wie eine Furie durch ihr Penthouse. Sie sprang unter die Dusche, machte sich stadtfein und schlang in der Küche ganz schnell Toast und Kaffee hinunter.

Dann stürmte sie zur Tür hinaus.

Und prallte gegen die muskulöse Brust eines gutaussehenden Mannes.

»Hallo!«, sagte er. Er sagte es nicht schlecht, aber nicht amerikanisch genug.

»Wollen Sie zu mir?«, fragte die Ustinov verwirrt.

»Wenn Sie die sind, deren Name an dieser Tür steht - ja.«

Ausländer, dachte Natalia.

Er sagte schmunzelnd: »Genauso stürmisch habe ich Sie mir vorgestellt, als ich Ihr Foto sah.«

»Hören Sie, ich bin in großer Eile. Sagen Sie mir schnell, wer Sie sind, dann sehen wir weiter!«

»Mein Name ist Raddatz. Sie dürfen mich Conny nennen.«

»Raddatz vom BND?«

»Ich soll mit Ihnen die A-O-Ratten ausrotten«, erklärte der Mann vom deutschen Geheimdienst und grinste.

»Dann kommen Sie gleich mit. Ich bin gerade dabei,’ einem Menschen das von A-O-Killern bedrohte Leben zu retten.«

11

Es klingelte gut ein dutzendmal in Hanners Haus, aber der Rechtsanwalt war zu sehr mit seiner Sekretärin beschäftigt. Er hatte nicht mal eine Zehe frei, um den Hörer von der Gabel zu stoßen, obwohl der Apparat nicht weit vom Bett entfernt war. Einmal hatte er versucht, sich aufzurichten, doch Faye Wolcott hatte es nicht zugelassen. Sie war zu sehr in Fahrt gekommen, um diese Störung hinnehmen zu wollen. Begonnen hatte das alles mit einem tiefen Seufzer. Damit war Faye erwacht. Die ersten Sonnenstrahlen hatten zum Fenster hereingelacht, Julian hatte halb zugedeckt neben ihr gelegen, auf dem Rücken und noch tief schlafend. Da hatte sie sich wieder an ihn gekuschelt, und er war davon wach geworden ...

»Liebling!«, hauchte sie und holte ihn mit einem langen, innigen Kuss vollends in die schöne Wirklichkeit zurück.

Der Mann presste Faye leidenschaftlich an sich und küsste sie überall, von den Haaren hinab bis zu den Schenkeln. Mit einem Mal war Fayes Verlangen so übermächtig, dass es sie beinahe schmerzte und ihr die Kehle zuschnürte. Ihr war, als würde ihr der Atem geraubt. Julian küsste sie inbrünstig und spielte mit ihrer Zunge. Indessen glitten seine Hände zu ihrem Gesäß hinab, zeichneten genüsslich die Form der herrlichen Rundungen nach, griffen verlangender zu. Dann bahnte er sich den Weg zum Schoß des Mädchens, fühlte sich von den weichen Schenkeln umschlungen. Julian zog seine Hände hervor, massierte damit die vollen Brüste und wurde eins mit Faye.

In diesem Moment schlug das Telefon an. Hanner vergaß es gleich wieder. Er widmete sich keuchend seiner Faye, und es war für sie beide ein herrliches morgendliches Erlebnis.

Draußen fuhren Rampling und Hay - von Brian Keeler kommend - vor. Sie waren kaltschnäuzige Profis, und als solche wollten sie nach dem Rechten sehen und sich informieren, ob es mit der aufgestellten Mordfalle geklappt hatte. Die beiden A-O-Killer blieben in ihrem Wagen sitzen.

»Noch kein Menschenauflauf«, stellte Bill Rampling fest. »Also lebt Hanner noch.«

»Aber nicht mehr lange«, sagte Avery Hay.

»Wir werden warten«, entschied Rampling. »Möchtest du eine Zigarette haben?«

Hay nickte. Sie rauchten schweigend. Nach einer Weile fragte Rampling: »Wie steht’s mit Charlotte?«

»Wie soll’s mit ihr stehen?«

»Hast du schon den Arzt aufgesucht, der ihr helfen soll?«

»Ja. Gestern Abend waren wir bei ihm.« Hay schüttelte den Kopf. »Ich hätte nicht gedacht, dass das so schwierig ist.«

»Ja, ja.«

»Charlotte ist vollkommen fertig, nicht nur körperlich, auch seelisch.«

Rampling winkte ab. »Die erholt sich schon wieder. Du hast keine Ahnung, wie zäh der Mensch sein kann. Sieh dir doch die Reiseautobusse an. Da sitzen lauter alte Weiber drin. Keinen einzigen alten Mann wirst du in so 'nem Bus finden. Weil die Weiber uns Männer alle unter die Erde bringen. Sie sind eben aus einem besseren Holz geschnitzt als wir. Deshalb brauchst du dir um Charlotte keine allzu großen Sorgen zu machen. Die wird wieder. Und sie wird’s auch gern wieder mit dir machen, wenn sie die Geschichte erst mal vergessen hat.«

Sie rauchten ihre Glimmstengel zu Ende und schoben sie in den Armaturenbrett-Aschenbecher. Dann fragte Hay: »Was meinst du, ob wir nicht mal nachsehen sollten, wie die Sache steht?«

Rampling nickte. »Würde mich auch interessieren.«

Sie wollten die Türen aufstoßen, da kam ein Wagen mit Volldampf die Straße entlanggefegt. Vor Hanners Haus gab es dann eine gekonnte Vollbremsung. Ein Mädchen hatte das Fahrzeug gelenkt. Nun sprang es heraus. Auf der anderen Seite verließ ein schlanker Mann den Wagen. Die beiden eilten auf Hanners Haus zu, als würde es drinnen brennen.

»Kannst du mir verraten, was das zu bedeuten hat, Bill?«, fragte Hay mit schmalen Augen.

»Nein«, murrte der untersetzte Rampling mit missmutiger Miene. »Ich weiß nur, dass mir diese Sache nicht gefällt. Wir werden ein Auge darauf haben müssen, bis sie gelaufen ist.«

12

Brian Keeler rührte in seinem Kaffee, als versuchte er, die Milch, die sich darin befand, zu Butter zu schlagen. Er saß in einer gut besuchten Cafeteria, und warf nun schon den dritten Zuckerwürfel in den Kaffee, ohne es zu merken, denn normalerweise trank er seinen Kaffee immer ungezuckert. Er war überhaupt nicht bei der Sache. Sein Herz klopfte wie verrückt gegen die Rippen. Seine Stirn war mit Schweißperlen übersät. Das laute Lachen zweier Frauen ging ihm schwer auf den Wecker, und er hätte sie gern eigenhändig aus dem Lokal geworfen, aber dazu hatte er kein Recht. Als Keeler sich endlich anschickte, den Kaffee zu trinken, fielen ihm ein paar überlaufende Tropfen auf den Anzug. Und als dann noch jemand fragte: »Sind Sie Mr. Keeler?«, da verschüttete der nervöse Mann noch mehr von seinem Kaffee, aber zum Glück ging der Großteil davon auf den Tisch.

Ein Servicegirl war aufmerksam genug, um das Malheur gleich wieder in Ordnung zu bringen.

»Wie ungeschickt von mir«, sagte Keeler und sah dann den Mann an, der an seinen Tisch getreten war. Eine seriöse Erscheinung, adrett gekleidet und nicht von der Stange. Füllig, aber sehr beweglich in seinem Wesen. Das verrieten seine strahlenden Augen.

»Ja, ich bin Keeler. Und wie ist Ihr Name?«

»Charles Newton.«

»Sehr erfreut.«

»Bitte, behalten Sie doch Platz, Mr. Keeler. Ich darf mich doch zu Ihnen setzen?«

»Selbstverständlich, Mr. Newton.«

»Mein Büro teilte mir mit, dass Sie mich in einer äußerst delikaten Angelegenheit sprechen möchten, Mr. Keeler.«

Der seufzte. »Das kann man wohl sagen. In einer äußerst gemeinen Sache obendrein. Und in einer höchst gefährlichen.«

»Darf ich erfahren, wer Ihnen den Tipp gegeben hat, sich mit mir in Verbindung zu setzen?«

»Ich habe Ihre Nummer von einem befreundeten Bankier - Frank S. Hooper.«

Newton bestellte zwei Kaffee, aber nichts zu essen. Er war ohnehin dick genug. Außerdem hatte er sein Frühstück bereits hinter sich.

»Was kann ich für Sie tun, Mr. Keeler?«, fragte Newton, nachdem er den ersten Schluck zu sich genommen hatte.

Keeler schob ihm die Fotos zu, die ihm die A-O-Killer dagelassen hatten.

»Damit werde ich erpresst«, sagte er heiser.

Newton schaute sich die Bilder so an, dass niemand sonst sie sehen konnte. Und während er dies tat, klärte ihn Keeler ausführlich über seine Person auf. So erfuhr der »Buddha« von Keelers reicher und eifersüchtiger Frau, die ihm so einen Ausrutscher niemals verzeihen würde. Er erfuhr von dem Besuch der beiden fremden Kerle und welche Forderungen sie gestellt hatten. Forderungen, denen er nicht nachzukommen gedachte.

Newton fragte, ob er die Fotos behalten dürfe. Keeler hatte nichts dagegen. Also steckte der Dicke die heißen Aufnahmen ein.

»Haben Sie schon mit dem Senator darüber gesprochen?«, fragte er dann.

»Nein. Ich dachte, ich höre mir zuerst einmal an, was Sie mir raten, Mr. Newton.«

»Ein kluger Entschluss.« Der Dicke nickte. »Würden Sie mir jetzt erzählen, wie es zu diesen kompromittierenden Aufnahmen kam?«

Brian Keeler fiel in sich zusammen wie ein aufblasbarer Zwerg, aus dem man die Luft lässt.

»Ich habe keine Ahnung, Mr. Newton.«

»Wer sind die beiden Mädchen?«

»Keine Ahnung.«

»Wo wurden die Aufnahmen gemacht?«

»Ich weiß es nicht.«

»Finden Sie das nicht ein bisschen eigenartig, Mr. Keeler, wenn nicht schon rätselhaft? Sie werden mit zwei nackten Mädchen in höchst verfänglichen Posen fotografiert. Ich kann mir gut vorstellen, dass Sie keine Ahnung davon hatten, dass dabei geknipst wird. Aber dass Sie nicht mal wissen, wo die Aufnahmen gemacht wurden .. .«

Keeler fuhr sich mit zitternder Hand über die müden Augen. Verzweiflung lag auf seinem Gesicht.

»Ich weiß, die Geschichte klingt verrückt, und sie ist es vermutlich auch. Ich fühlte mich gestern Abend einsam, wollte nicht allein zu Hause sitzen, während sich meine Frau auf einem Vergnügungsdampfer amüsiert. Also entschloss ich mich auszugehen. Aber ganz solide, das nahm ich mir vor, und das wollte ich auch beherzigen. Ich machte einen Streifzug durch eine Reihe von Bars. Irgendwann stießen dann diese beiden Mädchen zu mir. Sie haben mich angesprochen. Ich hatte schon ein paar Promille in meinen Adern und hatte nichts dagegen, dass sie sich zu mir setzten. Wir tranken eine ganze Menge. Sie müssen mir irgendeine Droge in mein Glas gegeben haben, anders kann ich mir meinen geistigen Verfall einfach nicht vorstellen. Irgendwann schlugen sie vor, zu einem Freund zu fahren, der eine Party gäbe. Ich war damit einverstanden, aber wie ich dorthin kam und wohin sie mich brachten, das entzieht sich bereits meinem Erinnerungsvermögen.« Ein tiefer, verzweifelter Seufzer. Dann blickte Keeler den Dicken an wie der Ertrinkende einen Strohhalm. »Sagen Sie mir bloß, was ich jetzt machen soll, Mr. Newton. Ich weiß mir keinen Rat. Ich will Senator Thome in keine Falle locken. Tue ich’s aber nicht, kriegt meine Frau diese Bilder, und dann jagt sie mich mit einem nassen Fetzen aus dem Haus. Ich könnte ihr das nicht einmal verdenken. Ich habe mich ja wirklich wie ein Schwein benommen.«

»Hören Sie zu, Keeler. Vorläufig unternehmen Sie überhaupt nichts.«

»Gar nichts?«

»Sie gehen nach Hause und bleiben da.«

»Sie verlangen sehr viel von mir, Mr. Newton.«

»Diese Männer werden sich mit Ihnen schon bald wieder in Verbindung setzen. Wir müssen ihnen die Möglichkeit geben, Sie so schnell wie möglich zu erreichen. Beim zweitem Mal werden sie ihre Forderung präzisieren, den genauen Ort und den Zeitpunkt nennen, wo Thome auf das Hausboot kommen soll. Inzwischen werde ich einige Vorkehrungen treffen. Ich rufe Sie an, wenn ich damit fertig bin. Sollten sich die Erpresser aber früher melden, dann lassen Sie mich das umgehend wissen. Die Nummer meines Büros haben Sie ja. Und nun Kopf hoch, Mr. Keeler! Nichts wird so heiß gegessen, wie es vom Herd kommt.«

Keeler drückte dem Dicken dankbar die Hand. »Ich weiß nicht, wie ich mich dafür jemals erkenntlich zeigen kann, Mr. Newton.«

»Sie haben sich bereits erkenntlich gezeigt.«

»Wie denn?«

»Indem Sie mich über das Vorhaben informiert haben, anstatt Ihren Freund in die Falle zu locken.«

13

Natalia Ustinov läutete Sturm. Sie drückte den Klingelknopf in die Türfüllung, als wollte sie ihn zerquetschen. Endlich wurde geöffnet. Rechtsanwalt Julian Hanner - im Morgenmantel, mit zerzaustem Haar - sah sie erstaunt an.

»Gott sei Dank, Sie leben noch!«, entfuhr es Natalia erleichtert.

»Ist das ein neuer Gruß?«, fragte Hanner verwirrt.

»Sind Sie allein im Haus?«

»Nein.«

»Wer ist bei Ihnen?«

»Meine Sekretärin. Hören Sie, was soll diese Neugier? Wer sind Sie eigentlich? Und wer ist dieser Mann da?«

»Das ist ...«

»Conny Raddatz«, stellte sich der Deutsche selbst vor und wies sich auch aus.

»Und mein Name ist Natalia Ustinov.«

»Und weshalb sorgen Sie sich um mein Leben?«, fragte Hanner, der sich immer noch nicht auskannte.

»Dürfen wir Ihnen das drinnen erzählen?«, entgegnete die Ustinov.

Julian Hanner gab die Tür nur ungern frei. Er führte die unerwarteten Besucher ins Wohnzimmer. Die hübsche Agentin schenkte dem Rechtsanwalt nun reinen Wein ein. »Mr. Raddatz ist ein Agent des Bundesnachrichtendienstes in Deutschland. Seine und meine Aufgabe ist es, die Gruppe Alpha-Omega auszuforschen und unschädlich zu machen. Wir wissen, dass sich die A-O-Killer nach Sheridan Symons nun Sie vornehmen wollen ...«

Faye Wolcott kam ins Wohnzimmer. Sie hatte sich ganz schnell zurechtgemacht. Natalia konnte sich vorstellen, weshalb der Rechtsanwalt nicht abgehoben hatte, als sie ihn angerufen hatte. Gewiss war er beschäftigt gewesen. Die beiden Frauen musterten sich kurz. Jede stufte die andere schnell ein und fand sie sympathisch.

Hanner riss die Terrassentür auf, trat in den sonnigen Tag hinaus und reckte sich. Alle anderen folgten ihm. Faye stellte Orangenjuice auf den großen weißen Tisch.

»Hm«, sagte Hanner und streifte seinen Morgenmantel ab. Darunter trug er eine winzige Badehose, denn er hatte vorgehabt, seine morgendlichen Längen im Swimmingpool zu ziehen, als Natalia Sturm geläutet hatte. »Ich glaube, Sie sehen ein bisschen zu schwarz, Miss Ustinov. Meiner Meinung nach wird nicht so schnell gestorben.«

»Das sagen Sie, nachdem Sie gesehen haben, wie es Ihrem Freund Sheridan Symons ergangen ist? Sie waren doch dabei, als es ihn zerfetzte.«

»Ein zweites Mal würde das nicht klappen«, behauptete der Rechtsanwalt.

»Wenn es darum geht, einen Menschen zu töten, werden Killer manchmal zu genialen Erfindern.«

Hanner wies auf die Drinks. »Trinken Sie erst einmal. Wir reden nachher weiter, Miss Ustinov.« Der Rechtsanwalt trat an den Beckenrand, schnellte sich davon ab, sauste ins Wasser und begann kraulend zwanzig Längen zu ziehen.

Natalia zählte mit. Als sie bei neunzehn war, fragte sie Faye Wolcott: »Wie viele Längen macht er am Morgen?«

»Zwanzig.«

»Also eine noch«, murmelte die Agentin und beobachtete den Rechtsanwalt, wie er prustend und schnaufend mit kraftvollen Tempi herankam. Keuchend erreichte er den Ausstieg mit den blanken Chromstangen. Wie ein Fisch schnellte er aus dem Wasser. Sein schlanker Körper glänzte silbrig im gleißenden Sonnenlicht.

Plötzlich schien den Anwesenden das Blut in den Adern zu gefrieren. Kaum hatte Hanner die beiden Chromstangen berührt, da stieß er einen grellen Schrei aus. Gleichzeitig verfiel sein ganzer Körper in krampfartige Zuckungen. Seine Zähne knirschten, dass es einem eiskalt über den Rücken lief. Er warf den Kopf wild zurück. Sein Gesicht war grässlich verzerrt, und erst als seine schlaffen Finger sich von den Stangen lösten, hörte das schreckliche Zucken auf. Mit einem schaurigen Ächzen klatschte er rücklings ins Wasser.

Das war sein Ende.

»Julian!«, schrie Faye außer sich vor Entsetzen. Sie rannte an Natalia und Raddatz vorbei, erreichte die Chromstangen.

»Nicht anfassen!«, rief Natalia aus Leibeskräften. »Bleiben Sie von den Stangen weg, Miss Wolcott!«

Die beiden Agenten eilten zu Faye. Das Mädchen sank auf die Knie, starrte auf den im Wasser schaukelnden Leichnam und weinte haltlos.

14

»Na, was sagst du?«, flüsterte Avery Hay. »Hat doch prima geklappt.«

Bill Rampling verzog das Gesicht zu einem breiten Grinsen. »Klappt denn nicht immer, was wir anfassen?«

Sie hockten hinter einem Ginsterstrauch. Seit der Rechtsanwalt ins Wasser gesprungen war, wussten sie, dass er nicht mehr lange zu leben hatte. Sie hatten das Drama von einem Logenplatz aus beobachtet. Nun, wo es zu Ende war, verloren sie das Interesse an der Sache. Der Auftrag war ausgeführt. Julian Hanner lebte nicht mehr. Was die Hinterbliebenen nun anstellten, war im Grunde genommen egal. Deshalb sagte Rampling: »Komm, Avery, lass uns verduften! Hier haben wir nichts mehr zu suchen.«

Sie richteten sich halb auf.

Conny Raddatz klemmte in diesem Moment gerade die gefährliche Stromfalle ab, damit nicht noch ein Unglück passierte. Plötzlich irritierte den BND-Agenten eine Bewegung hinter dem Ginsterstrauch. Sie war kaum wahrzunehmen, doch Raddatz war darauf getrimmt, auch Dinge zu sehen, die nicht jeder normal Sterbliche sofort erkennen konnte. Das war für ihn genauso wichtig wie für Natalia. Deshalb entdeckte auch sie die beiden Killer sofort.

»Verständigen Sie die Polizei, Miss Wolcott!«, rief sie dem verstörten Mädchen zu. Dann hastete sie mit Raddatz hinter den über das Grundstück laufenden Mördern her. Ob Faye ihre Worte überhaupt verstanden hatte, wusste Natalia Ustinov nicht, sie hatte aber keine Zeit, länger am Tatort zu bleiben.

Hanner war tot. Ihm konnte keiner mehr helfen. Dort liefen seine Mörder. Die mussten umgehend gestellt werden.

Rampling und Hay erreichten einen mannshohen Maschendrahtzaun. Sie überwanden ihn mit einer affenartigen Geschwindigkeit. Dann jagten sie die Straße entlang bis zu ihrem Wagen, schwangen sich auf beiden Seiten in das Fahrzeug und brausten ab.

Natalia erreichte den Zaun. Sie turnte wieselflink über ihn, gleich darauf hatte ihn auch Conny Raddatz hinter sich gebracht. Aus den Augenwinkeln registrierte Natalia, dass der BND-Mann seine Mauser in der Faust hatte. Als der Killerwagen lossauste, riss er die Waffe hoch und wollte auf das Fahrzeug feuern, doch dann sah er ein, dass auf diese Entfernung kein Schaden mehr anzurichten war. Das wäre bloß Kugelverschwendung gewesen.

»Schnell!«, zischte Natalia, die das Jagdfieber gepackt hatte. »Wir fahren hinter ihnen her!«

Sie eilten zu ihrem Wagen. Und nun zeigte die rassige Frau mit dem bläulich schwarzen Haar, dass sie auf jeder Grand-Prix-Strecke einiges zu melden gehabt hätte. Sie drehte die Maschine zur vollen Leistung hoch, schnitt Kurven und preschte mit brüllendem Motor durch die stille Vorstadt. Raddatz wurde hin und her gerissen. Er klammerte sich an den Griff des Armaturenbretts, presste die Lippen fest zusammen, betete wohl, dass die Fahrt gut vorübergehen würde, sagte aber keinen Ton. Natalia holte auf. Manchmal waren es nur einige Yards, aber sie holte auf. Der Killerwagen tanzte um ein Gebäude herum und schoss in nördlicher Richtung weiter. Natalia beherrschte den Powerslide weit besser. Sie fing ihren Wagen geschickt ab und brachte gleich wieder die volle Kraft auf die Straße. Als die A-O-Männer bemerkten, dass ihnen der Teufel im Nacken saß, disponierten sie sogleich um. Flucht allein war zu wenig. Dazu reichten ihre Fahrkünste nicht aus. Vielleicht war auch ihr Wagen schwächer als der der Verfolger. Also mussten sie Zwischenstation machen und sich der Verfolger erst mal entledigen.

Dafür bot sich ein Kühlhaus an.

Sie rasten darauf zu. Dann kreischten die gebremsten Pneus über den rauen Asphalt. Kaum stand das Fahrzeug, da sprangen die A-O-Killer schon heraus.

Sie blickten sich kurz um. Der andere Wagen kam in Sicht. Sie rissen ihre Pistolen heraus und entsicherten. Rampling wies auf eine Tür. Sie hetzten darauf zu. Hay fegte den Riegel zur Seite. Sekunden später verschwanden sie im Kühlhaus. Eine zweite Tür versperrte ihnen den Weg. Hay hatte den Dreh schnell raus, wie sie aufzubekommen war, ohne dass man Gewalt anwenden musste. Inzwischen deckte Rampling den Rücken des Komplizen. Draußen knirschten die gebremsten Pneus des Verfolgerfahrzeugs.

»Beeil dich, Avery!«, keuchte Rampling.

»Ist schon offen«, gab die Gurkennase zurück.

»Dann nichts wie rein!«

Sie gelangten in einen Lagerraum, in dem ihr Atem zur weißen Nebelfahne wurde. Es war erbärmlich kalt. An dicken Eisenhaken hingen Legionen von gefrorenen Schweinehälften.

»Und wie weiter?«, fragte Hay seinen Kumpel.

»Wir müssen uns hier irgendwo zwischen den Säulen verstecken. Das Mädchen und der Kerl werden wahrscheinlich hinter uns herrennen. Sobald sie uns vor die Ballermänner kommen, Feuer frei. Was meinst du?«

Hay nickte.

»Ist die einfachste Lösung.«

»Also weiter!«

Sie suchten zwischen den rosigen, steinharten Schweinehälften eine Position, die es ihnen erlaubte, die Gegner kommen zu lassen, ohne selbst angreifen zu müssen. Hay überprüfte, ob das Magazin bis obenhin mit Patronen gefüllt war. Eine fehlte, die ergänzte er sofort. Rampling klapperte mit den Zähnen. Er war kälteempfindlicher als sein Komplize, zog die Schultern hoch und stellte den Kragen des Jacketts auf. Dann hoffte er, dass dieses unverhoffte Abenteuer zu einem raschen, für ihn und Avery erfreulichen Ende kommen würde.

Draußen riss Natalia Ustinov das Handschuhfach auf und entnahm diesem die Pistole, die sie dort aufbewahrt hatte. Raddatz hielt bereits wieder seine Mauser in der Rechten.

»Ich hoffe, Sie schießen damit so gut, wie Sie sie schnell ziehen können, Conny«, sagte Natalia und federte aus dem Fahrzeug.

»Das hoffe ich, Ihnen sogleich beweisen zu können«, gab der BND-Agent zurück.

Gemeinsam eilten sie zu jener Tür, durch die die A-O-Killer das Kühlhaus betreten hatten. Natalia trug einen Nylonrollkragenpulli und Jeans. Darunter kaum etwas. Deshalb sagte Raddatz feixend: »Hoffentlich holen Sie sich da drin kein Blasenleiden.«

»Wen würde das schon stören?«, gab sie zurück.

»Na, hören Sie, bei Ihrem angeblichen Beruf ...«

Natalia öffnete die Tür. Raddatz machte dann die zweite auf. Dann standen sie vor der Schweinefront. Kälte beschlich Natalia. Sie unterdrückte wegen Raddatz ein Zittern. Natürlich hatte er es besser, denn er trug ein Jackett. Natalia wollte dieses Kleidungsmanko durch mehr Bewegung wettmachen.

»Ich schlage vor, wir trennen uns«, zischelte sie.

Raddatz machte eine bedauernde Geste. »Jetzt schon? Wo wir uns erst kennengelernt haben?«

»Heben Sie sich Ihre seichten Witze für ein andermal auf!«, raunte ihm die Frau zu, machte kehrt und huschte davon. Eis knirschte unter ihren Schuhen. Sie blickte sich um. Der BND-Mann war nicht mehr zu sehen. Sie musste zugeben, dass der Mann aus Germany sein Handwerk verstand. Und Natalia fand ihn auch sympathisch. Schade, dass ein solcher Höllenjob sie zusammengeführt hatte. Unter anderen Umständen hätte sich zwischen ihnen beiden etwas anbahnen können. Jedenfalls hatte Natalia sofort gespürt, dass er dieselbe Wellenlänge hatte wie sie. Und das ist immer ein positives Zeichen für zwischenmenschliche Beziehungen.

Geduckt sprang Natalia Ustinov in eine Schweinestraße hinein. Weiter vorn pendelten ein paar Säue. Von allein taten sie das wohl kaum. Dazu waren sie erstens schon zu lange tot, und zweitens waren sie zu steif gefroren. Also hatte sie ein Mensch bewegt. Natalia spürte wieder, wie ihr Jagdfieber zu brennen begann. Die schöne Agentin glitt durch die Schweinereihen hindurch. Ihre Nerven vibrierten. Ihr Herz schien hoch oben im Hals zu klopfen. Sie hatte ihre Sinne hundertprozentig auf Empfang eingestellt. Jede ihrer Bewegungen war geschmeidig. Sie beeilte sich vorwärtszukommen. Aber sie lief nicht so schnell, dass sie in ihr Verderben rennen konnte. Alles - jeder Schritt, jede Bewegung - war genau überlegt. Raddatz war für sie ein Vorteil und ein Nachteil zugleich. Als Vorteil agierte er, wenn er die A-O-Killer aufscheuchte und vor ihre - Natalias - Waffe trieb oder sie gar überrumpelte. Als Nachteil fungierte Raddatz hingegen dadurch, dass Natalia keine Ahnung hatte, wo er sich befand. Wenn also von irgendeiner Seite eine Gestalt auftauchte, musste die Agentin sich erst vergewissern, ob es nicht Raddatz war, auf den sie ihre Waffe richtete. Inzwischen konnte der andere bereits zweimal gefeuert haben. Das war eben die Kehrseite der Medaille. Natalia war trotzdem froh, dass sie diese Aktion nicht allein hinter sich bringen musste.

Plötzlich fiel der erste Schuss. Natalia Ustinov hörte die Kugel an ihrem Ohr vorbeizischen und gleich darauf hinter ihr in den gefrorenen Tierkadaver klatschen. Von diesem Moment an war ihr siedend heiss in dieser froststarrenden Umgebung. Sie hatte den Burschen, der auf sie geschossen hatte, nicht mal gesehen. Schnell wechselte sie ihre Position. Im selben Moment peitschte ein zweiter Schuss auf. Und der hätte Natalia niedergestreckt, wenn sie am Fleck geblieben wäre. Sie tauchte atemlos unter zwei Schweinehälften weg, die nicht zusammengehörten, sah die Beine eines A-O-Killers und schoss darauf. Natalia sah, wie die Kugel die Hose zerfetzte, das Bein aber offenbar nicht streifte. In der nächsten Sekunde waren die Füße verschwunden. Natalia arbeitete sich näher an die Stelle heran, wo der Alpha-Omega-Mann gestanden hatte. Ihr bläulich schwarzes Haar war zerzaust, hing wirr auf ihre Schultern. Das verlieh ihr ein wildes, animalisches Aussehen. Etwas knirschte, ganz in Natalias Nähe. Sie hielt unwillkürlich den Atem an und konzentrierte sich auf den Gegner, der ihr irgendwo hinter einer von diesen Schweinehälften aufzulauern versuchte. Zwischen zwei Tierhälften machte die Agentin einen Ausfallschritt nach rechts. Ein Mann zuckte in Deckung. Es war nicht Conny Raddatz. Seine Pistole fuhr hoch. Da drückte Natalia ab. Das Projektil verfehlte sein Ziel um wenige Millimeter. In diesem Augenblick fielen auch weiter hinten Schüsse. Raddatz schien den zweiten A-O-Mann gestellt zu haben. Hastige Schritte waren zu hören. Die Gegner wechselten ihre Positionen. Natalia folgte ihrem Mann mit der Verbissenheit einer ausgehungerten Wölfin. Sobald sie einen Jackettzipfel von ihm erblickte, feuerte sie. Die Kugel stanzte wohl Löcher in den Stoff, aber die schöne Agentin brachte den A-O-Mann nicht zum Stehen.

Es war Bill Rampling, den sie verfolgte. Der Bursche verstand ungemein schnell zu reagieren. Immer wieder deckten ihn einige gefrorene Tierkadaver, wenn die Agentin auf ihn anlegte. Immer wieder gelang es ihm, sich blitzartig zurückzuziehen. Anscheinend legte er es darauf an, der Ustinov alle Kugeln aus der Waffe zu locken. Er wusste nicht, dass die Ustinov unheimlich schnell nachladen konnte und immer ein Reservemagazin bei sich trug.

Auf einmal: Keuchen. Laufen. Die Schweine pendelten wie verrückt. Raddatz raste hinter Hay her. Der Alpha-Omega-Killer kreiselte herum, als er sich in die Enge getrieben fühlte und verschaffte sich mit zwei Schüssen etwas Luft. Der BND-Mann war gezwungen, in Deckung zu federn, aber er kam sofort wieder. Und zwar schneller, als Avery Hay gedacht hatte. Das wurde dem Killer zum Verhängnis. Hay wollte gerade in die Schlachtstraße einschwenken, in der er Rampling entdeckt hatte, da zuckte Raddatz’ Mauser hoch und spuckte Feuer. Hay erstarrte mitten in der Bewegung mit schmerzverzerrtem Gesicht und weit aufgerissenen Augen. Er spannte das Kreuz, glotzte ungläubig um sich, ein heftiges Zucken durchlief ihn, und dann begann er wie von Sinnen in Raddatz’ Richtung zu ballern, während er sich zu seinem Komplizen schleppte. Rampling sah ihn kommen und wusste, was es geschlagen hatte. Avery war lebensgefährlich verletzt.

»Bill!«, gurgelte Hay. »Bill! Mich hat’s erwischt!«

»Raus!«, zischte Rampling mit weißen Flecken an den Wangen. »Wir müssen schnellstens aus dieser verdammten Kältefalle raus.«

»Ich ... lass mich ... hier.«

»Quatsch! Du kommst mit!«

»Ich bin ... zu schwach, Bill.«

»Dann werde ich dich eben tragen.«

»Lass ... mich ... hier, hau allein ... ab!«

»Kommt nicht infrage, Avery! Wir haben die Sache gemeinsam angefangen, wir werden sie auch gemeinsam zu Ende bringen.«

Rampling blickte auf den Boden. Da, wo sein Komplize stand, bildete sich eine dunkelrote, dampfende Blutlache. Er griff sofort nach Hays Arm, legte ihn sich mit Schwung über den festen Nacken und schleppte den Schwerverletzten mit sich. Er rempelte die gefrorenen Schweine zur Seite, rackerte sich mit straffgespannten Muskeln ab, leistete es sich nicht, stehen zu bleiben, zu lauschen, wo die Verfolger waren, sondern kämpfte sich wie ein Bulldozzer durch die hartgefrorenen Kadaverreihen. Endlich erreichte er eine Tür. Hay verfiel merklich. Er konnte kaum mehr auf seinen eigenen Beinen laufen. Er schleifte sie manchmal, wenn sie einknickten, über den Boden nach. Blut zeichnete ihren Fluchtweg. Als Rampling an der Tür war, hörte er Raddatz schreien: »Halt! Stehen bleiben! Keinen Schritt weiter! Dreht euch langsam um! Lass eure Waffen fallen! Ergebt euch!«

Rampling dachte nicht daran, sich zu ergeben. Er wirbelte mit dem Komplizen herum und schoss dann, was das Zeug hielt. Raddatz war gezwungen, von der Bildfläche zu verschwinden. Dröhnend hallten die Detonationen durch die weite Halle des Kühlhauses. Einen einzigen Schuss konnte Raddatz erwidern. Und diese Kugel traf ebenfalls Hay. Rampling spürte, wie der Komplize zusammenzuckte. Er hörte Avery ächzen, nützte Raddatz’ Verschwinden und schleppte den Schwerverletzten aus dem Kühlhaus. Draußen schien eine alles erstickende Hitzewelle ausgebrochen zu sein. Nach der Kälte des Lagerhauses wirkten die warmen Sonnenstrahlen wie glühende Dolche.

»Ich kann ... nicht ... mehr!«, röchelte Hay.

»Nicht mehr weit, Avery!«, presste Rampling schweißüberströmt hervor.

»Ich bin ... erledigt, Bill.«

»Ach, halt doch die Klappe! Ein Arzt holt die Kugeln raus, und dann bist du wieder ganz der Alte.«

»Mach dir ... doch nichts ... vor, Bill.«

»Ich lasse dich nicht hier verrecken!«, schnaufte Rampling und schleppte seinen Kumpel auf einen nahe dem Lagerhaus abgestellten Lkw zu. Die Eile trieb ihn an. Er schaffte es unter Aufbietung all seiner Kräfte, Avery im Lkw-Fahrerhaus zu verstauen und dann selbst nach oben zu klettern. Mit fliegenden Fingern schloss er die Zündung kurz.

Da tauchten Natalia Ustinov und Conny Raddatz auf. Der Lkw-Motor ließ ein gewaltiges Brüllen hören. Die beiden Agenten zuckten sofort herum. Rampling ließ den Laster einen Sprung vorwärts machen. Die Ustinov und Raddatz feuerten gleichzeitig. Ihre Kugeln stanzten Löcher ins Blech des davonbrausenden Wagens, aber sie vermochten ihn nicht zu stoppen. Rampling fuhr wie ein Wahnsinniger. Er scherte sich um nichts. Sein Fuß lag wie ein schwerer Stein auf dem Gaspedal. Er holte alles aus der Mühle heraus. Als er Woodmere erreichte es liegt außerhalb New Yorks, fiel ihm auf, dass es nun sehr rasch mit Avery zu Ende ging. Er schlug mit dem Wagen zwei Haken, um die Verfolger ganz sicher abzuhängen, kam nach Cedarhurst und Inwood, fuhr bis zum Mott Basin und stoppte da den Lkw.

Alles war voll Blut - die Sitzbank, die Rückenlehne und auch die Hände Averys, die sich zitternd in die Bauchdecke verkrallten. Über ihren Köpfen brüllte eine DC 9 zum nahegelegenen Kennedy Airport hinüber. Rampling rutschte nervös zu seinem Komplizen.

»Ich ... wusste, dass ich’s ... nicht schaffe, Bill ... Warum ... hast du .. mich mitgeschleppt?«

»Was soll die Frage, Avery? Hättest du nicht das Gleiche getan, wenn ich an deiner Stelle gewesen wäre?«

»Tust du ... mir ... einen Gefallen, Kumpel?«

»Jeden, Avery. Klar.«

»Geh - zu ... Charlotte. Eigentlich müsste sie jetzt froh sein, dass ... dass sie kein Kind ... bekommt ... Ein Kind, das keinen  Vater hat, ist doch ... ein ... armes Würstchen ...«

»Natürlich gehe ich zu Charlotte, Avery. Das mache ich für dich, Kumpel.« Rampling presste die Zähne zusammen. Er hätte nie gedacht, dass ihm der Tod des Freundes so sehr ans Herz gehen würde. Was für ein idiotischer Zwitter war doch seine Seele. Auf der einen Seite hatte er einer Reihe von Menschen den Tod gebracht. Es hatte ihm nichts ausgemacht, sie sterben zu sehen - im Gegenteil. Und der Tod dieses Menschen ging ihm fast so sehr an die Nieren wie der seines Bruders vor fünf Jahren.

Hay quälte sich röchelnd ab, seine blutbeschmierte Hand ins Jackett zu schieben.

»Nicht bewegen!«, riet ihm Rampling. »Das macht die Schmerzen noch schlimmer.«

Aber Hay hörte nicht auf ihn. Er zog ein Banksparbuch aus dem Jackett.

»Gib - es – Charlotte ... Das Losungswort ist – ist>Bahamas< ... Da ... da wollte ich ... mit ihr - hinziehen, wenn - ich mal genug Geld - verdient habe ... Bring ihr - das Buch, Bill. Sie soll ... das Geld nehmen ... Es - gehört ... ihr ...«

»Ich mach’s, Avery.«

»Verdammt!«, röchelte Hay mit gefletschten Zähnen. »Vielleicht ... hätte ich mir ... doch besser ... einen weniger ... gefährlichen Job ausgesucht ...«

Ein letztes Aufflackern. Einmal wehrte sich der junge Körper noch gegen das gewaltsame Ende, dann brachen die Augen Hays. Er wollte noch etwas sagen, aber die Worte kamen nicht mehr über seine erschlafften Lippen. Lautlos rutschte er zur Seite. Sein Kopf lehnte an der Scheibe des Seitenfensters. Auch so kann ein Leben zu Ende gehen.

Rampling nahm alles aus den Taschen des Freundes, was dieser bei sich trug. Das waren Alpha-Omega-Vorschriften. Dann entnahm er seiner Brusttasche einen Kugelschreiber. Er drehte die Kapsel um 360 Grad herum. Dadurch machte er den Sprengsatz, der sich im Kugelschreiber befand, scharf. Der Zeitzünder lief. Rampling hatte von diesem Moment an eine Minute Zeit, den Lkw zu verlassen. Er legte den Kugelschreiber auf den Sitz.

Dann kletterte er aus dem Laster und trachtete, so weit wie möglich von dem Fahrzeug in den wenigen Sekunden fortzukommen. Die Explosion leistete ganze Arbeit. Das Fahrerhaus wurde total zerstört. Der gesamte Lkw ging noch in derselben Minute in Flammen auf. Rampling wandte sich nicht mehr um. Er ging weiter, so schnell er konnte und durfte, denn niemand sollte ihn mit dieser Explosion in Zusammenhang bringen.

15

Natürlich führte die Spur des zurückgebliebenen A-O-Killer-Wagens geradewegs in eine Sackgasse. Bei dem Fahrzeug handelte es sich um einen Leihwagen, und den Mann, der ihn gemietet hatte, gab es in ganz New York und Umgebung nicht, wie Charles Newton sehr schnell herausfinden konnte. Also hatten die Killer den Wagen mit falschen Papieren gemietet. Das erfuhr Natalia per Telefon. Hinterher setzte sie Raddatz vor seinem Hotel ab und fuhr allein nach Hause. Der BND-Mann wäre gern mit ihr gekommen, doch Natalia hatte noch gut die Worte des Dicken im Ohr, wonach der Deutsche ein ganz gerissener Schürzenjäger sein sollte. Allein schon deshalb wollte sie es ihm nicht allzu leicht machen. Deshalb suchte sie ihr Penthouse allein auf. Kaum kam sie da an, meldete sich schon wieder der »Buddha« per Fernmund.

»Die Polizei hat den Laster gefunden, Nat.«

»Und was ist mit den Alpha-Omega Killern? Der eine lief nur noch auf einem halben Zylinder.«

»Dieser eine, ist tot. Und damit ihn die Polizei nicht identifizieren kann, hat ihn sein Komplize in die Luft gesprengt. Die Leute im gerichtsmedizinischen Institut wollen trotzdem nichts unversucht lassen, um herauszufinden, wer der Mann war.«

»Ich wüsste eine bessere Lösung.«

»Dann raus damit!«

»Die Polizei soll Belinda Sorensen kassieren. Sie kennt die beiden Killer. Man muss es nur richtig anstellen, dann spuckt sie die Namen aus. Und vielleicht nennt sie auch den Namen ihres Chefs. Meiner Meinung nach ist es nunmehr unverantwortlich, dieses Mädchen noch länger auf freiem Fuß zu lassen, Mr. Newton. Ich habe gehört, wie sie den Auftrag gab, auch Julian Hanner zu liquidieren. Dass sie den Killern befahl, Sheridan Symons zu töten, kann ich zwar nicht beweisen, aber ich bin sicher, dass sie es auf Veranlassung des großen Unbekannten getan hat.«

»Sie haben recht, Nat«; stimmte Newton seiner Top-Agentin zu. »Man muss die Sorensen schnappen, ehe sie einen neuen Mordbefehl weiterleitet. Vielleicht kriegen die Vernehmungsspezialisten sie weich. Ich werde die City Police einschalten. Doch nun zu einem zweiten Problem: Sagt Ihnen der Name Brian Keeler etwas?«

Natalia dachte kurz nach und verneinte die Frage dann. »Ich kann schließlich nicht ganz New York kennen. Ist er überhaupt New Yorker, dieser Mr. Keeler?«

»Allerdings.«

»Sollte ich ihn kennen?«

»Es wäre reiner Zufall. Keeler ist mit einer steinreichen Frau verheiratet. Früher war er eine gesellschaftliche Null. Heute gehört er zur High Snobiety. Doch nicht nur das, er zählt auch zum Freundeskreis von Senator John Thome.«

»Ich höre den Theaterdonner schon im Hintergrund«, sagte Natalia.

»Alpha-Omega hat sich an Keeler herangemacht. Seine Frau ist gerade nicht da. Sie befindet sich auf einem Vergnügungsdampfer und durchkreuzt das Mittelmeer. Sie kann alles vertragen, nur keine Untreue. Keeler weiß das und lebt danach. Er sieht keine andere Frau an, weil ihn sonst seine eigene aus dem Luxushaus werfen würde. Aber Alpha-Omega fand einen einfachen Dreh, den Mann schwach zu kriegen. Man beobachtete ihn auf einem seiner einsamen Streifzüge durch diverse Bars, schickte ihm zwei Bienen auf den Hals, mit denen er sich ganz seriös unterhalten wollte, doch die Biester mixten ihm irgendwas in seinen Drink, was ihn von Grund auf ummodelte und das Unterste zu oberst kehrte.«

»Jetzt kann ich’s schon fast erraten, Mr. Newton.«

»Und?«

»A-O brachte den armen Kerl dazu, mit den beiden Bienen etwas anzufangen.«

»Richtig. Und damit das Ganze dokumentarischen Wert bekommt, wurden von diesem Exzess sechsunddreißig herrliche Farbaufnahmen gemacht.«

»Denen ist nichts zu dreckig, was?«

»Wenn Sie die Fotos sehen möchten, ich habe sie hier.«

»Ich glaube, ich habe Fantasie genug, um sie mir auch so vorstellen zu können, Mr. Newton. Wenn Sie die Bilder haben, dann hat sich Keeler an Sie gewandt.«

»Stimmt, meine Liebe. Ein bekannter Bankier hat ihm die Nummer meines Büros gegeben.«

»Man will die Bilder seiner Frau zuspielen, wenn er w a s nicht macht?«

»Er soll den Senator in eine Falle locken.«

»Wozu braucht Alpha-Omega den Senator?«

»Vergessen Sie nicht, dass Mankiewicz, Rogers und Rego immer noch auf ihre Entlassung warten.«

»Ach, so läuft der Hase. John Thome soll kassiert werden, damit Alpha-Omega der Regierung ein Tauschgeschäft vorschlagen kann: Thome gegen die drei Konsulatsattentäter.«

»Sie haben wieder einmal ins Schwarze getroffen, Nat.«

»Wie steht Keeler zu dieser Sache?«

»Ich habe ihn gebeten, mit niemandem darüber zu reden, auch mit dem Senator nicht.«

»Sie haben doch nicht etwa schon einen Plan, wie wir Alpha-Omega aufs Kreuz legen können, Mr. Newton?« Die bildschöne Agentin lachte silberhell auf.

»Doch, Nat. Ich habe einen. Aus diesem Grunde werde ich heute Abend zu Ihnen kommen. Sorgen Sie dafür, dass auch Conny Raddatz zugegen ist, damit ich die Geschichte nicht zweimal vortragen muss.«

»Geht in Ordnung.«

»Wie verstehen Sie sich übrigens mit ihm?«

»Ausgezeichnet.«

»Ist er ein schwieriger Mensch?«

»Nicht schwieriger als ich.«

»Also doch schwierig«, sagte der Dicke. »Was ich noch sagen wollte: Sie brauchen inzwischen Ihre Hände nicht in den Schoß zu legen.«

»Papa Newton hat natürlich auch für zwischendurch noch Arbeit genug«, frotzelte Natalia.

»Ich habe die Fotos, die Keeler mir zur Verfügung gestellt hat, von unseren Experten auswerten lassen.«

»Bekamen sie dabei nicht Stielaugen? Ich habe mir sagen lassen, dass in jedem Mann ein kleiner Voyeur steckt.«

Newton ging darauf nicht ein, sondern fuhr fort: »Den Experten ist es gelungen, eines der beiden Girls zu identifizieren. Wenn Sie bitte notieren wollen ...«

Und Natalia schrieb auf: Clarisse Spiegel, Studentin an der Musikakademie. Wohnhaft: Throgs Neck, Chaffee Street 7068.

Damit war das Gespräch beendet. Newton erwartete nun zwar, dass sich Natalia Ustinov sogleich auf die Selbstgestrickten machte, aber die Agentin fand, dass sie zuerst wieder einen Menschen aus sich machen musste. Sie fühlte sich nicht wohl in den verschwitzten Kleidern. Gott, was war nicht alles auf sie eingestürmt, seit sie die Augen aufgeschlagen hatte. Der Tag hatte es mal wieder so richtig in sich. Nicht mal zum Verschnaufen kam sie. Obwohl die Zeit knapp bemessen war, nahm sie die Gelegenheit wahr, als sie nun schon mal nackt durch die Räume lief, kurz zu duschen. Natalia wusch sich den Schweiß aus den Poren, rieb mit dem löwenkopfgroßen Schwamm über ihre vollen Brüste, den flachen Bauch und die muskulösen Schenkel. Nach diesen zehn Minuten war sie wieder ganz oben. Sie wählte einen durchsichtigen Slip, streifte ihn an ihren unverschämt langen Beinen hoch, schlängelte sich in das streichholzschachtelgroße Ding mit viel Übung hinein, verzichtete auf den BH, tupfte französisches Parfüm dorthin, wohin es gehört. Dann schlüpfte sie in ein dezent dekolletiertes Kleid, schaute sich im Penthouse noch einmal um, ob alles in Ordnung war, und gondelte dann mit dem Lift nach unten. In der Tiefgarage schwang Natalia sich in ihren Wagen und ließ ihn gleich darauf die Auffahrtschnecke hochbrummen.

Von Richmond ging es über die Verrazano Narrows Bridge nach Brooklyn. Dies ist der größte Stadtteil New Yorks. Dort wohnen rund drei Millionen Menschen. Und an diesem Tag schienen sie alle auf den Straßen unterwegs zu sein. Es folgte eine endlos lange Fahrt. Dann erreichte Natalia Ustinov Queens - New Yorks jüngster Stadtteil mit annähernd zwei Millionen Einwohnern, und von da rollte ihr Wagen über die Throgs Neck Bridge, von wo es nicht mehr weit bis zur Chaffee Street war, in der Clarisse Spiegel zu Hause sein sollte.

Sie war es aber nicht. Das Gebäude, das die Nummer 7068 trug, war schmalbrüstig und hatte gewiss schon prächtigere Zeiten gesehen. An manchen Stellen schien die Fassade von der Steinpest befallen zu sein. Im Haus - vor Clarisses Tür - versuchte Natalia Ustinov alles, vom Läuten übers Klopfen bis zum Gegen-die-Tür-Treten. Nichts half. Das Girl war nicht daheim. Also, wiederum zurück zum Wagen, und ab in Richtung Musikakademie. Unwillkürlich musste Natalia an Newton denken. Es war unschwer zu erkennen, dass der Dicke den leichteren Job hatte. Er brauchte bloß zu sagen, was sie zu tun hatte, und sie musste es dann in die Tat umsetzen. Doch als die Agentin so ihren Wagen durch die Straßenschluchten rollen ließ, einen Blick auf Denkmäler und alte, guterhaltene Gebäude aus der Kolonialzeit warf, sich am Grün der zahlreichen Parks erfreute, da wusste sie, dass sie mit dem Schreibtischhengst Newton niemals tauschen würde.

Unweit der Akademie fand Natalia einen Parkplatz. Den Tag hätte sie sich im Kalender rot ankreuzen sollen. Wie oft passierte das schon. Vor dem Gebäude standen Studenten in Gruppen beisammen. Sie lachten und scherzten miteinander.

Ein verwegener, pickeliger Junge machte sich an die attraktive Frau heran und legte ihr seinen kräftigen Arm um die Mitte.

»Na, Schwester, so allein?«

Die Ustinov maß ihn mit einem kühlen Blick. »Hast du schon mal in den Spiegel gesehen, Bruder?«

»Aber ja, jeden Tag beim Rasieren.«

»Ach, du rasierst dich bereits. Gehörst wohl zur frühreifen Gattung.«

»Ich bin fast zwanzig.«

»Und was dir jeden Morgen aus dem Spiegel entgegensieht, das gefällt dir?«

Der Junge grinste eitel. »Und wie.«

»Dann solltest du meiner Meinung nach besser darauf aufpassen, sonst guckt schon morgen ein Typ mit ’nem gebrochenen Nasenbein aus dem Spiegel. Und nun die Pfote weg, sonst werde ich ungemütlich!«

»Bist wohl schon mit Haaren auf den Zähnen auf die Welt gekommen, wie?«, maulte der Junge, aber er hatte doch nicht den Mut, den Arm länger da zu lassen, wo er war. Er verdrückte sich zu seinen Freunden, die ihn mit einem höhnischen Grinsen empfingen.

»Abgeblitzt?«, fragte ihn einer.

»Halt’s Maul!«

Natalia steuerte einen sympathischen Mann im sportlichen Flanell-Zweireiher an. Sie hielt ihn für einen Professor, und das war er auch. Ihn fragte sie nach Clarisse Spiegel. Er kannte sie nicht, aber er verwies sie an einen Kollegen. Und schließlich, nach vier Stationen, stand die Ustinov jenem Mädchen gegenüber, das - vermutlich für eine schöne Stange Geld - an einer großen A-O-Schweinerei teilgenommen hatte. Sie hatte feuerrotes Haar, war mager und wie immer ordinär geschminkt.

»Wer sind Sie?«, fragte Clarisse abweisend. »Würden Sie Ihren Namen wiederholen?«

»Natalia Ustinov.«

»Russin?«

»Die Frage stellt man mir öfter. Nein, ich bin Amerikanerin. Französische und deutsche Vorfahren. In Osteuropa geboren, über Westeuropa in die Staaten gekommen. Ich bin ein lebendes Sammelsurium von Nationalitäten.«

»So genau wollte ich es gar nicht wissen«, sagte Clarisse scharf. Sie standen auf dem Korridor. Natalia hatte das Mädchen dort abgefangen, als es die Akademie verlassen wollte.

»Was studieren Sie hier, Miss Spiegel?«

»Harmonielehre. Kontrapunkt.«

»Was möchten Sie werden?«

»Weiß ich noch nicht. Warum interessiert Sie das?«

»Wovon leben Sie?«

»Das geht Sie einen Dr... Meine Eltern schicken mir jeden Monat einen Scheck.«

»Wo wohnen Ihre Eltern?«

»In Baltimore. Sagen Sie, soll das ein Verhör sein? Sind Sie von der Polizei? Von der Presse? Privatdetektivin? Was sind Sie eigentlich?«

»Ich arbeite für die Regierung, Miss Spiegel.«

»Und was wollen Sie von mir?«

»Oh, eine ganze Menge. Sie arbeiten für Alpha-Omega!«

Clarisses Kopf ruckte herum. Ihre Lider flatterten kurz, aber sie hatte sich schnell wieder in der Gewalt.

»Für wen arbeite ich?«

»Nun kommen Sie mir bloß nicht damit, Sie wüssten nicht, wer Alpha-Omega ist, Miss Spiegel, das würde ich Ihnen nämlich nicht abkaufen.«

Clarisse schob das Kinn trotzig vor. »Ich weiß es wirklich nicht«, sagte sie, und gleichzeitig sollte das heißen: Beweise mir das Gegenteil!

»Kennen Sie einen Mann namens Keeler?«

»Nie gehört.«

»Sie haben gestern mit ihm geschlafen.«

»Sie sind ja verrückt, Miss Ustinov!«

»Sie und Ihre Freundin haben sich in schamloser Weise für kompromittierende Fotoaufnahmen zur Verfügung gestellt. Wir sind im Besitz dieser Bilder. Unsere Experten haben Sie identifiziert. Ich nehme an, Sie hatten schon mal mit unserer Organisation zu tun.«

Clarisse lachte schrill. »Wenn Sie nicht ’ne Meise haben ...«

»Wie viel hat Ihnen Alpha-Omega dafür gezahlt?«, fragte die Agentin schneidend.

»Ich weiß überhaupt nicht, wovon Sie reden.«

»Wer hat Sie auf Brian Keeler angesetzt?«

»Sie sollten mal einen Psychoanalytiker aufsuchen. Bei Ihnen stimmt’s doch nicht.«

»Wie heißt das andere Mädchen?«

»Welches andere Mädchen denn?«

»Denken Sie, es hilft Ihnen etwas, sich dumm zu stellen, Clarisse? Nennen Sie mir ein paar Namen! Namen von Leuten, mit denen Sie zu tun hatten. Dann kann ich eventuell vergessen, dass Sie in dieser Sache mit drinhängen.«

»Herrgott noch mal, was wollen Sie denn eigentlich von mir? Ich habe Ihnen nichts zu sagen. Ich weiß nicht, wer Alpha-Omega ist und kann Ihnen auch keine Namen nennen. Ich kenne auch keinen Keeler. Sagen Sie mal, was werden Sie sich noch alles aus Ihrem Finger saugen?«

»Alpha-Omega hat vor, Senator John Thome zu kidnappen, Clarisse. Und Sie haben mitgeholfen, das einzufädeln.«

»Ich habe gar nichts getan.«

»Doch. Sie haben Keeler mit einer Droge so weit gebracht, dass er mit Ihnen und mit Ihrer Freundin ins Bett stieg. In wessen Haus hat die Party stattgefunden, Clarisse?«

»In niemandes Haus.«

»Auf wessen Veranlassung hat sie stattgefunden?«

»Ich höre immer Party. Es gab keine.«

»Okay. Alpha-Omega wird Thome möglicherweise kidnappen, Clarisse. Brian Keeler wird mit den Fotos gezwungen, seinen Freund in die von Alpha-Omega gestellte Falle zu locken. Die ganze Angelegenheit ist unblutig geplant. Sicher hat man Ihnen das auch zu Ihrer Beruhigung gesagt. Dem Senator soll nichts passieren, denn man braucht ihn, um ihn gegen die drei Konsulatsattentäter auszutauschen. Eine harmlose Sache, und Sie können vermutlich nicht verstehen, weshalb ich mich hier so sehr echauffiere. Ebenso gut könnte man alles so laufen lassen, wie es geplant ist, dann wird niemandes Blut,vergossen. Die drei Killer kommen aus dem Knast, und Thome kehrt wieder an seinen Schreibtisch zurück. Doch nun will ich Ihnen verraten, dass mir bei dieser Aktion eine ganze Menge stinkt. Zum Beispiel: Alpha-Omega hat kein Recht, Menschen aus Gefängnissen zu befreien, in die sie durch eigene Schuld gelangt sind. Es sind Verbrecher, die von der A-O-Gruppe befreit werden, und dagegen habe ich etwas. Zudem handelt es sich bei Mankiewicz, Rogers und Rego um politische Killer. Sie hatten vor, den deutschen Konsul zu erschießen, und sie werden nicht eher ruhen, bis irgendeine hochgestellte deutsche Persönlichkeit von ihren Kugeln durchlöchert wurde. Und dann noch eines: Wer sagt, dass John Thome nicht die Nerven verliert, wenn er merkt, dass er den A-O-Leuten in eine Falle gegangen ist? Angenommen, er widersetzt sich der Entführung. Dann werden die A-O-Männer zu ihren Waffen greifen. Und was dann? Vielleicht stirbt Thome. Vielleicht bringen sie auch Keeler um, denn der ist ihnen dann ohnehin nur noch ein Klotz am Bein. Keeler tot, Thome tot. Und das Kidnapping-Karussell wird sich erneut zu drehen beginnen. So kann die Sache im schlimmsten Fall aussehen, Miss Spiegel. Und dabei hätten Sie dann mitgeholfen. Haben Sie mir immer noch nichts zu sagen?«

Ein spöttisches Lächeln huschte über die aufdringlich geschminkten Züge von Clarisse.

»Wie sollte ich? Ich weiß doch nichts.«

Die Ustinov nickte seufzend. »Okay. Dann werden Sie mich jetzt zum nächsten Polizeirevier begleiten!«

Sie verließen die Musikakademie. Clarisse Spiegel erweckte den Eindruck, als wäre sie so unschuldig wie ein neugeborenes Kind. Sie gab sich unbekümmert. Doch Natalia ließ sich davon nicht täuschen. Sie hat sich nur ungemein gut in der Gewalt, dachte die Agentin. Aber wenn sie erst mal auf dem Verhörstuhl sitzt, wird ihre harte Schale auseinanderbrechen und wie weich gewordenes Wachs zerfließen. Plötzlich ein kurzes Flimmern in Clarisses Augen. Die Ustinov sah es und deutete dieses Signal sofort richtig. Das hieß Flucht! Und schon rannte Clarisse los. Natalia wollte ihren Arm fassen, doch ihre vorschnellenden Hände verfehlten das Ziel. Ohne nach links und rechts zu sehen, hetzte Clarisse Spiegel über die Straße. Zwei Fahrer mussten ihre Wagen scharf bremsen, um das wie verrückt rennende Mädchen nicht über den Haufen zu fahren. Und plötzlich war ein Bus da. Er kam von rechts. Clarisse stürmte mitten durch das Hupkonzert, das die Autofahrer angestimmt hatten. Sie hatte nur Augen für die gegenüberliegende Straßenseite. Wie eine Schwimmende war sie, die sich in einem reißenden Strom befand, das rettende Ufer vor Augen, das sie unter Aufbietung ihrer letzten Kräfte erreichen wollte. Als Natalia Ustinov den Bus sah, krampfte sich ihr Herz zusammen. Mit der bulligen Schnauze stieß er sie zur Seite. Sie wirbelte herum, die Arme flogen hoch, dann geriet Clarisse unter die riesigen Vorderreifen.

Als der Bus endlich stand, war das Mädchen längst tot.

16

Belinda Sorensen war in der Bar. Wenn sie dort sang, verbarg sie ihr naturblondes Haar unter einer rothaarigen Perücke. Ein Wunsch des Chefs, der meinte, rot wäre besonders verrucht und käme bei den Männern daher auch besser an. Der Mann am Klavier war ein Schwarzer. Sympathisch und Vollblutmusiker. Er spielte oft stundenlang mit geschlossenen Augen, improvisierte, klopfte Rhythmen auf dem Klavier, die eigentlich viel zu schade für die Gäste waren, denn für die bedeutete Sams Musik nichts weiter als eine willkommene Geräuschkulisse. An diesem Abend stand Belinda bei Sam am Klavier und lauschte hingerissen seiner Musik. Sie trug ein dunkles Paillettenkleid mit tiefem Rückenausschnitt. Seltsam, dachte sie, Sam ist der einzige Mann, zu dem ich mich irgendwie hingezogen fühle. Nicht körperlich natürlich, immerhin doch geistig. Weil seine Hände so herrliche Musik machen können. Musik, zu der sich Nelly im Hintergrund der schummerig ausgeleuchteten Bar gerade langsam auszog.

Nellys Marzipanrundungen waren immerzu in Bewegung und boten den gaffenden Männern eine prickelnde Show.

Sie befand sich in einem kleinen Käfig, dessen Stäbe aus Gummi waren. Ihre wohlgerundeten Schultern zuckten im Rhythmus von Sams gefühlvoller Klaviermusik. Er verstand es, die Atmosphäre aufzuschwülen. Ein paar Noten - wie beiläufig hingeklimpert  -genügten schon, und die Stimmung passte aufs Haar. Die Bewegung von Nellys winzigen Füßen war kaum wahrzunehmen. Während sie ihr Publikum mit verlok kenden Blicken maß, begann sie die beachtlichen Kurven zu drehen und zu wiegen. Sie tat so, als würde ein Schauer ihren Körper durchrieseln. Dann klammerte sie sich an eine der Gummistangen und streifte das lästige Kleid mehr und mehr ab, bis sie nur noch das mit schwarzen Spitzen besetzte Korsett trug. Die Männer betrachteten mit vibrierenden Sinnen das Gleiten ihrer schwellenden Hüften, und als Nelly langsam das Korsett aufhakte, geriet das Blut der Zuschauer in Wallung. Einen winzigen Augenblick lang ließ sie das offene Korsett lose auf ihrem schimmernden Körper, indem sie es mit beiden Händen gegen die heiße Haut presste. Dann warf sie es mit einer raschen Bewegung fort. Ihre vollen Schenkel, ihr nackter Körper, der sich wie ein aufgerichteter Kobra-Leib wiegte, war den begeisterten Blicken des Publikums preisgegeben. So manchem von ihnen raubte der Glanz von Nellys vollen, ideal geformten Brüsten beinahe die Beherrschung. Sie streichelte sich selbst, geriet dadurch in Ekstase, und wälzte sich schreiend auf dem Boden, bis sie sich theatralisch streckte und die Finger spreizte.

Nachdem Nelly abgetreten war, sagte Belinda zu Sam: »Das war mal wieder Spitzenklasse.«

»Und was kommt jetzt?«, fragte der sympathische Schwarze. Er grinste breit.

»Jetzt kommen heiße Takte für Belinda!«, sagte die Sängerin und griff nach dem Handmikrophon, um die Bargäste mit ein paar guten Ohrwürmern zu unterhalten.

Sie war beim dritten Lied, da platzten die beiden Cops zur Tür herein. Die Uniformierten traten auf Belinda zu und nahmen ihr das Mikrophon aus der Hand. Sie wusste sofort, was das zu bedeuten hatte. Doch außer ihr hatte niemand eine Ahnung, was gespielt wurde. Sam zum Beispiel war darüber so empört, dass er einen Missakkord ins Klavier knallte und wütend aufsprang.

»He, was soll das?«, rief er protestierend. »Ihr könnt doch hier nicht so einfach hereinplatzen und das Mädchen kassieren.«

»Halten Sie sich da raus!«, sagte der größere Cop und machte Belinda Sorensen dann klar: »Sie sind festgenommen! Alles, was Sie von nun an sagen, kann gegen Sie verwendet werden.«

»Hier handelt es sich doch bestimmt um eine Verwechslung!«, schrie Sam zornig.

»Irrtum, Johnny!« Und an Belinda gewandt: »Abmarsch, Freundin!«

17

Raddatz war schon da. Natalia fand, dass er sehr gut aussah. Sie hatte erst jetzt Zeit, ihn sich genauer anzusehen. Sein Gesicht war nicht puppenhaft schön, doch wer erwartet das schon von einem Mann. Es war markant und männlich. Und genau das zählte. Sein Kinn war breit und wies Raddatz als einen energischen Kerl aus. Sein Blick versprühte Intelligenz. Ein Schürzenjäger? Kein Jäger. Er nahm einfach, was sich ihm an bot. Und das war gewiss nicht wenig. Natalia sorgte für gute Musik, die aus den Stereoboxen rieselte. Sie trat auf die Terrasse hinaus und ließ die abendliche Skyline von Manhattan auf sich einwirken. Millionen Lichter funkelten. Und jedes beleuchtete ein anderes menschliches Problem in dieser riesigen Metropole.

»Ein Schmelztiegel, dieses New York«, sagte Conny Raddatz. Er stand hinter Natalia und legte seine Hände auf ihre zarten Schultern. Ein Schauer durchraste sie, und erst da wusste Natalia, dass sie sich nach dieser Berührung gesehnt hatte.

»Meine Heimat«, sagte die betörende Frau leise, als wollte sie die knisternde Atmosphäre nicht mit Worten zerstören.

»Wir sind mittendrin in diesem Schmelztiegel, Natalia. Sollen wir uns dagegen wehren, dass er uns vereinigt?«

»Wir sind Agenten, Conny, und kämpfen in einem Fall Seite an Seite. Im nächsten stehen wir uns vielleicht schon als Feinde gegenüber.«

»Wir beide würden einen Weg finden, um diese Feindschaft nicht aufkommen zu lassen, nicht wahr?«

»Ich denke, ich würde alles tun, um so etwas zu verhindern.«

Der Druck von Connys Händen verstärkte sich. Er drehte die schöne Agentin langsam zu sich herum und schaute ihr eine Weile tief in die Augen.

»Ich glaube, ich habe zum ersten Mal in meinem Leben jemanden gefunden, der es wert ist, dass ich ihm meine Liebe schenke, Nat.«

»Du weißt, was für einen Ruf du hast, Conny.«

»Ich könnte verzichten.«

»Auf alle anderen Mädchen?«

»Keine Schwierigkeit, wenn ich dafür dich ...«

»Du weißt, dass es nicht geht, Conny.«

»Lass es uns wenigstens versuchen, Natalia.«

»Wir hätten uns nie kennengelernt, wenn der BND nicht ausgerechnet die Nummer 13 nach New York geschickt hätte.«

»Wenn nicht jetzt, dann wären wir uns in einem Jahr begegnet. Irgendwann wären wir beide uns über den Weg gelaufen, und dann hätte es bei mir genauso geklingelt, wie es heute schon den ganzen Tag über schellt. Wir sollten etwas unternehmen, Natalia - nachher, wenn dieser Fall abgeschlossen ist.«

Natalias Miene wurde traurig. »Ich bin darauf gekommen, dass ich nur allein eine Zukunft habe, Conny. Wie oft habe ich diese Worte schon gehört: >Nachher, wenn alles vorbei ist.< Es will nicht klappen, Nummer 13. Es wird auch mit dir nicht klappen.«

Raddatz riss den herrlichen Venuskörper an sich. Er küsste Natalia leidenschaftlich, und sie erwiderte seinen Kuss mit derselben Leidenschaft. Doch dann läutete jemand an der Penthousetür, und die ganze wunderbare Stimmung zerplatzte wie eine Seifenblase, die gegen ein Hindernis stößt. Vielleicht war es besser so. Es war verrückt, sich in einen Agenten eines anderen Landes zu verlieben.

Natalia eilte zur Tür. Als sie öffnete, standen ihr zwei Männer gegenüber. Der eine war Newton, der andere Senator John Thome. Er war klein, etwas dicklich, hatte eine Glatze, freundliche Augen, einen sichelförmigen Bart unter der Nase und einen Vollbart am Kinn.

»Oh, Senator Thome«, sagte die Agentin und trat zur Seite.

Da begann der Senator schallend zu lachen. Er stieß dem Dicken seinen Ellenbogen in den Bauch und sagte: »Nun sehen Sie mal an, sogar unsere glutäugige Natalia fällt auf meine Maske rein, Chef.«

Erst an der Stimme erkannte die Ustinov ihren langjährigen Freund und Kollegen Jerry Armstrong. Sie fasste übermütig nach dem Ohr des Kleinen und zupfte kurz daran.

»Dir werde ich zeigen, was es gibt, wenn man Natalia Ustinov anführt.«

»Hör doch auf, Nat! Du reißt mir das Ohr ab.«

»Im Selbstbedienungsladen kriegst du jederzeit ein neues.«

Die Männer und die Agentin setzten sich im Livingroom zusammen. Natalia schaltete die Musik ab. Die war für Raddatz richtig, aber nicht für Newton.

Sie schob die fahrbare Hausbar heran und gab jedem zu trinken. Auch dem »Senator«.

»Dass ich nicht auch auf die Idee gekommen bin, aus Jerry ein Double des Senators zu machen«, sagte Natalia kopfschüttelnd.

»Andere Dinge haben Sie zu sehr auf Trab gehalten«, führte Charles Newton zu ihrer Entschuldigung an. »Er sieht wirklich echt aus, nicht wahr?«

»Erstaunlich, geradezu verblüffend echt«, gab Natalia Ustinov zu.

»Damit nicht immer nur du mit deinen Verwandlungskünsten protzen musst«, sagte Jerry und grinste unverschämt. Eigentlich war er nur ein halber Mensch, denn seine zweite Hälfte war Ole Eriksson, ein blonder, blauäugiger, athletisch gebauter Bursche und somit genau das Gegenteil von Jerry. Sie hatten nur eines gemeinsam: sie waren beide umwerfend sympathisch. Und Jerry war der Clown der »Firma«. Er konnte kein Blut sehen und ging zumeist jeder Gefahr aus dem Weg. Nur wenn es unumstößlich nötig war, dann sprang er auch schon mal ins eiskalte Wasser und stand da zähneklappernd seinen Mann - wie diesmal. Denn es wartete ein gefährlicher Job auf ihn.

»Jerry wird Thomes Rolle übernehmen«, sagte der Dicke ernst.

»Warum muss ich dem Senator auch bloß so verdammt ähnlich sehen!«, maulte Jerry. »Ich fürchte, diesmal werde ich mir einen Vorrat an kreislaufstärkenden Tropfen anlegen müssen.«

»Weiß Thome schon Bescheid?«, fragte Natalia.

Newton nickte. »Und er hat auch schon sein Ebenbild gesehen und uns dazu gratuliert.«

»Er hätte besser sich selbst dazu gratuliert. Schließlich erspart ihm meine Existenz eine Menge Ärger«, bemerkte der Kleine.

»Wir werden gut auf Sie aufpassen, Jerry«, versprach Newton.

»Wer von Ihren Leuten ist schneller als eine Kugel, he?«

»Sie waren einverstanden, sich für dieses Unternehmen zur Verfügung zu stellen, Jerry. Ich ließ Sie frei entscheiden.«

»Können Sie mir einen Mann in unserem ganzen Haufen nennen, der sich schon mal gegen Sie entschieden hätte, Mr. Newton?«, fragte Jerry und rollte mit den Augen.

»Jedenfalls hatten Sie die Gelegenheit abzulehnen.«

»Vielleicht hatte ich nicht genug Mut dazu.«

Newton sagte zu Natalia und Raddatz: »Brian Keeler ist ebenfalls bereits in die Sache eingeweiht. Sobald die Apha-Omega-Leute sich mit ihm in Verbindung setzten, wird er Jerry alias John Thome zu dem Hausboot bringen, von dem die beiden Männer, die bei Keeler waren, gesprochen haben. Jerry Armstrong wird ...«

»Blut schwitzen!«, warf der Kleine ein.

»Er wird gut ausgerüstet in die Falle gehen«, fuhr der »Buddha« mit einem flüchtigen Blick auf Jerry fort. »So wird sich in seinem Schuhabsatz zum Beispiel ein Sender befinden, der kontinuierliche Pieptöne von sich gibt. So könnt ihr, die ihr ihn bewachen werdet, Jerry jederzeit orten. Es ist anzunehmen, dass Jerry früher oder später im A-O-Hauptquartier landen wird. Wenn dieser Ort ausfindig gemacht wurde, müsst ihr sofort zuschlagen. Ich werde für alle Fälle auch noch Ole Eriksson mobilisieren, dann seid ihr zu dritt.«

»Womit wird Jerry bewaffnet sein, Mr. Newton?«, erkundigte sich Natalia.

Der Dicke führte die Armbanduhr vor, die Jerry bereits am Handgelenk trug. Daraus ließ sich ein widerstandsfähiges Drahtseil ziehen. Mit dieser dünnen Schlinge war jeder Gegner in kürzester Zeit auszuschalten. Außerdem sollte Jerry Armstrong noch ein winziges Messer bekommen, dessen Klinge auf das Zehnfache zu verlängern war. Mehr Waffen gab es für den Kleinen nicht. Das wäre zu riskant gewesen.

Als nächstes kam Newton auf Belinda Sorensen zu sprechen. Er sagte: »Zwei Cops - Gilmore und Brannigan - sollten die Sängerin aus der Bar holen. Das Mädchen widersetzte sich jedoch der Festnahme, sobald es aus dem Lokal war. Belinda riss den Saum ihres Kleides hoch. Sie hatte im Strumpfband ein Stilett stecken, mit dem sie Gilmore einen lebensgefährlichen Bauchstich verpasste und Brannigen in den rechten Arm stach. Dann floh sie durch einige Hinterhöfe. Da sie ortskundiger ist als die Polizisten, entkam sie fast mühelos. Jetzt läuft eine großangelegte Fahndung nach dem Mädchen, die aber meiner Meinung nach nichts einbringen wird. Belinda Sorensen wird nicht so dumm sein, sich zu Hause blicken zu lassen. Und sie wird auch die Straßen unserer Stadt meiden, sich stattdessen irgendwo verkriechen.«

»Ich kann mir vorstellen, wo«, sagte Natalia.

»Wo?«, fragte Jerry Armstrong aus seinem dichten Vollbart heraus.

»Belinda hat mit Sicherheit im Schoß ihrer Organisation Schutz gesucht. Da, wo du in naher Zukunft landen wirst, Jerry: im Hauptquartier von Alpha-Omega.«

»Wir nehmen an, dass die Aktion morgen Abend steigen wird«, sagte der Dicke und nippte an seinem Manhattan. »Sobald sich Alpha-Omega mit Keeler in Verbindung gesetzt hat, wissen wir es genau. Ich halte Ihnen allen die Daumen und wünsche Ihnen Hals und Beinbruch!«

»Wenn schon, dann lieber Beinbruch«, ächzte Jerry Armstrong mit grauen Ringen unter den Augen.

18

Zweiundzwanzig Stunden später war wieder Abend. In dieser Zeit hatte sich Jerry Armstrong mit Hilfe von autogenem Training so weit aufgebaut, dass er auf seine kreislaufstärkenden Tropfen verzichten konnte. Er war sogar zu einer Form angeschwollen, die es ihm erlaubte, Brian Keeler Mut zuzusprechen.

Keeler war mit seinem Wagen durch College Point gefahren. Er hatte noch die Stimme des Anrufers im Ohr. Der Mann hatte gesagt: >Es ist soweit, Bester. Jetzt können Sie sich die Negative verdienen. Rufen Sie Ihren Freund Thome an!<

>Was ist, wenn er nicht zu Hause ist?<, hatte Keeler eingewandt.

>Er ist zu Hause. Wir haben uns vergewissert. Jener Thome, den die A-O-Leute gesehen hatten, war bereits Jerry Armstrong gewesen. Der echte Thome war vorsorglich in den Untergrund gegangen. >Rufen Sie ihn an und sagen Sie ihm, Sie müssten ihm etwas äußerst Wichtiges zeigen. Wie Sie Ihren Kumpel dazu kriegen, dass er die Reise mit Ihnen antritt, ist Ihr Bier. Ich rate Ihnen nur, hängen Sie sich tüchtig an, sonst erfährt Ihre Frau, mit was für einem Filou sie verheiratet ist.<

>Ich werd’s schon schaffen<, hatte Keeler geächzt.

>Ihr Vorteil, Keeler.<

>Wohin soll ich John bringen?<

>Sie holen ihn ab und fahren mit ihm nach College Point, klar?<

»College Point, ja. Und dann?<

>Es ist jetzt neunzehn Uhr. Um zwanzig Uhr sind Sie da.<

>Das müsste klappen.<

>Und ob, Mann. Wir haben uns die Mühe gemacht, die Strecke mit der Stoppuhr abzufahren. Mit siebzehn unvorhergesehenen Aufenthalten und zwei Reifenpannen schafften Sie das immer noch. Aber beten Sie zu Ihrem Schutzpatron, dass es zu keiner dritten Reifenpanne kommt!<

>Was mache ich, wenn ich in College Point bin?<, hatte Brian Keeler gefragt, und er hatte sich über sich selbst gewundert, wie phänomenal er Theater spielen konnte.

>Cove Boulevard<, war es knapp aus dem Hörer gekommen. >Kennen Sie sich da aus?<

>Leidlich.<

»Zwischen College Point und dem La Guardia Airport liegt die Flushing Bay.< »Das weiß ich.<

>Na prima. Dann brauchen Sie nicht mal einen Stadtführer zu bemühen<, hatte der Anrufer gespottet. >Also: Sie fahren den Cove Boulevard entlang und entdecken ein Hausboot mit der Aufschrift SUSY. Alles klar? Das ist der Kahn, wo Sie und Ihr Freund erwartet werden. Lassen Sie sich aber nicht einfallen, Thome zu warnen! Und nehmen Sie um Himmels willen keinen Ballermann mit. Wir machen das Ganze ohne jedes Aufsehen und vollkommen unblutig. Niemand will Scherereien haben, nicht wahr? Sobald Sie Thome bei uns abgeliefert haben, kriegen Sie Ihre heißen Negative. Damit können Sie dann machen, was Sie wollen. Vielleicht lassen Sie davon ein paar Abzüge machen und verhökern Sie auf dem schwarzen Markt. Ich bin sicher, dass sich damit einiges Geld verdienen ließe. Sind ein paar Aufnahmen für Feinschmecker dabei.< Der Mann hatte dreckig gelacht. Keeler war der Schweiß aus den Poren gebrochen, aber er hatte geschwiegen und die Zähne zusammengepresst. Der Anrufer hatte ihm noch einmal eingeschärft, sich nicht an die Polizei zu wenden und John Thome nicht vorzeitig ins Vertrauen zu ziehen. Dann war die Leitung gestorben gewesen.

Und nun brach Brian Keeler erneut der Schweiß aus allen Poren, denn er hatte den Cove Boulevard erreicht. In diesem Augenblick entdeckte er das Hausboot mit den beschwipsten Buchstaben auf dem Dach, die den Namen SUSY bildeten. Nervös nahm er den Fuß vom Gaspedal und wechselte zur Bremse hinüber. Er tupfte zu intensiv darauf, und Jerry hatte Mühe, sich rechtzeitig Halt zu verschaffen.

»Nervös?«, fragte Armstrong schmunzelnd.

»Und wie!«

»Angst?«

»Fast schon zu viel«, gab Keeler ehrlich zu. »Was meinen Sie, ob die Kerle die Negative herausgeben werden? Ich mach’s ja nur deshalb.«

»Man kann nie wissen, was denen noch für Gemeinheiten in den Sinn kommen. Von jetzt an duzen wir uns, klar? Und ich bin John Thome für Sie, was auch immer passiert, verstanden? Diese Kerle verwenden Richtmikrophone und allen möglichen technischen Schnickschnack. Da heißt es, auf der Hut zu sein, auch dann, wenn niemand in der Nähe ist.«

Keeler fuhr sich nervös über das Gesicht. »Was machen wir jetzt?«

»Aussteigen.«

Jerry klappte die Wagentür auf. Eine Windbö verfing sich in seinem falschen Vollbart und strich ihm liebevoll über die echte Glatze. Mit weichen Knien begann Keeler zu gehen. Armstrong bemühte sich, den Gang des Senators zu imitieren. Dessen Tonfall hatte er sich in stundenlangem Training bereits angeeignet. Er hielt die Augen offen, obwohl es nicht den Anschein hatte, als belauerte er die Umgebung. Es sah eher aus, als trottete er neben Keeler lustlos und desinteressiert einher. Aber das war absolut nicht der Fall. Armstrong röntgte alles, wohinter oder worin sich Alpha-Omega-Leute verstecken konnten. Keeler schritt über den wippenden Steg zum Hausboot hinüber. Der Kasten war nicht gerade ein schwimmender Palast, aber er fiel zum Glück auch nicht auseinander, als Jerry und Keeler oben waren.

Brian Keeler blickte sich erregt um. John Thome nickte ihm kaum merklich zu. Da ging Keeler weiter. Es waren keine Anzeichen vorhanden, dass sich jemand an Bord befand. Trotzdem ängstigte Keeler sogar die Stille, obwohl ihm Armstrong versichert hatte, dass sie gut bewacht würden. Es gab einen finsteren Eingang. Wie das Tor ins Jenseits, dachte Keeler und erschrak über diesen Gedanken. Liebend gern hätte er kehrtgemacht. Aber was begonnen war, konnte nun nicht mehr abgeblasen werden. Zwei Möglichkeiten hatte er vor Augen: entweder feiern sie dich als Held, oder sie tragen dich ehrenvoll zu Grabe.

Mit tastenden Schritten ging Keeler weiter. Der »Senator« folgte ihm mit wachem Auge. Unwillkürlich hatte Jerry Armstrong die Hände geballt. Er spürte eine Gänsehaut über den Rücken streichen. Kein Wunder, sein Optimismus war lediglich eine dünne Maske, die er wegen Keeler aufgesetzt hatte, damit der seine Nerven nicht wegschmiss. In Jerrys Innerem brodelte jedoch die Ungewissheit. Niemand konnte voraussagen, wie dieses Abenteuer enden würde. Und was sollte überhaupt dieses leere Hausboot? Wieso bestellte man Keeler und den Senator her, kam aber dann selbst nicht? Ein weiterer Beweis dafür, dass es auf der Welt weit mehr schlechte als gute Witze gibt? Jerry dachte an etwaige Abhörgeräte, als er sagte: »Also nein, wirklich, mein lieber Brian. Ich kann nicht begreifen, weshalb du mich hierherbringst, auf dieses erbärmliche Boot.«

Keeler ging mit zittriger Stimme darauf ein. »Ich sagte dir doch, dass ich dir etwas Wichtiges zeigen möchte, John.«

»Zeigen, zeigen. Was denn, zum Kuckuck?«

»Du wirst es sehen, John. Sei bitte nicht ungeduldig.«

Jerry fand eine Petroleumlampe und machte Licht. Sie hörten sanfte Wellen gegen den Leib des Hausbootes schlagen, während sie sich umschauten. Sie waren in einem Wohnraum, nicht sehr groß, auch schlecht eingerichtet, aber es standen mehrere Stühle herum. Allmählich wurde auch Armstrong ein wenig ratlos. Mit einem leeren Hausboot hatte er nicht gerechnet. Da war guter Rat teuer. Hatte Alpha-Omega den Braten gerochen? Das wäre nur durch Verrat möglich gewesen. Doch wer hätte der Verräter sein sollen?

Es gab auch noch zwei weitere Räume, die sahen sich Keeler und Armstrong ebenfalls an. Der eine war eine größere Gerätekammer. Der andere ein Schlafzimmer, in dessen Bett man von Flöhen und Wanzen auf Händen getragen wurde - sozusagen.

Keeler zuckte verwirrt die Achseln, und mit den Augen sagte er: Ich habe mich bestimmt nicht verhört, wir sind auf dem richtigen Hausboot.

Da vernahmen sie ein fernes Knurren, das nicht unbedingt sie angehen musste. Es kam näher und verstummte alsbald. Dann hörten sie Stimmen. Ein Motorboot legte die letzten Yards mit gestoppter Maschine zurück. Aha, dachte Jerry, Alpha-Omega spürt ebenfalls die Treibstoffknappheit. Als das Motorboot anlegte, schaukelte das Hausboot ein wenig. Keeler schwankte und wäre beinahe gestürzt, weil er das falsche Bein belastet hatte.

Jetzt kommt dein großer Auftritt, Jerry, dachte der Kleine. Hoffentlich bist du überzeugend genug, sonst machen die Pastete aus dir.

Jemand sprang auf das Hausboot herüber. Und dann traten drei Männer in den Schein der Petroleumlampe. Einer allein war schon gefährlich. Zu dritt waren sie der Tod hoch drei. In ihren Fäusten lagen Pistolen, mit Schalldämpfern verschönt. Sie fletschten wie reißende Wölfe ihre Zähne. Vielleicht sollte es ein Grinsen sein.

Keeler erkannte nur einen von den dreien wieder: Bill Rampling. Der führte auch offensichtlich das Kommando bei dieser Operation.

»’n Abend, Gents!«, tönte er.

»Senator Thome« riss erschrocken die Augen auf. Er blickte auf die Pistolen und starrte dann Brian Keeler verdattert an.

»Brian!«

Keeler ließ den Kopf hängen und sagte leise: »Tut mir leid, John.«

»Ist es das, was du mir zeigen wolltest?«, fragte »Thome« gepresst. »Männer mit Pistolen? Brian, ich verlange eine Erklärung für diese Situation! Was hat das zu bedeuten? Wer sind diese Männer? Was hast du mit ihnen zu tun?«

Rampling lachte abgehackt dazwischen. »Nicht so viele Fragen auf einmal, Senator. Die kann der Ärmste doch nicht so schnell beantworten, wenn überhaupt. Wenn Sie Fragen haben, wenden Sie sich vertrauensvoll an mich. Ich bin besser beschlagen als Ihr Freund.«

»Thome« wies mit dem Daumen auf Keeler. »Er hat mich angerufen und mir gesagt, dass er mir etwas äußerst Wichtiges zeigen müsse.«

»Er hat es Ihnen gezeigt.« Rampling grinste hämisch.

»Was denn?«

»Uns.«

»Wer sind Sie?« »Thome« stockte der Atem. Er fuhr sich an den Bart. »Sie tragen sich doch nicht etwa mit dem Gedanken, mich zu entführen?«

Rampling lachte. »Wie kommen Sie denn darauf, Senator?«

»Thome« blies seinen Brustkorb auf. »Dann verlange ich von Ihnen eine Erklärung. Ich will wissen, was hier gespielt wird.«

Rampling kam einen schnellen Schritt näher. Er sah so aggressiv aus, dass der Kleine und Keeler unwillkürlich zusammenzuckten.

»Nun will ich Ihnen mal etwas sagen, Senator. Sie mögen anderswo die große Lippe schwingen können, hier bei uns aber ist es ratsam, das Maul nicht allzu weit aufzumachen. Wir sind geduldige Leute, doch wenn Sie’s mit Ihrer Arroganz zu bunt treiben sollten, haben wir einige recht wirksame Mittelchen, die Sie sehr rasch gefügig machen. Die Fragen stellen von nun an wir, verstanden? Sollte Ihnen das nicht passen, brauchen Sie es bloß zu sagen.« Er schwang seine Hammerfaust. »Dann kriegen Sie von mir ein Ding verpasst, dass Ihnen Hören und Sehen vergeht.«

»Thome« steckte geschickt zurück. »Ich wollte doch nur ...«

»Das klingt schon besser, der demutsvolle Ton«, brummte Rampling zufrieden. »Und nun will ich Ihnen mal ein Gläschen Wein einschenken: Meine Freunde und ich arbeiten für Alpha-Omega.« Rampling lachte. »Aha. Ich sehe, Sie kennen den Verein. Dann wissen Sie auch, welche Ziele diese Organisation verfolgt. Im Moment geht es darum, Mankiewicz, Rogers und Rego aus dem Knast zu holen. Und Sie werden sich uns als Tauschobjekt zur Verfügung stellen! Wenn Sie nicht verrückt spielen, und sich wie ein vernünftiger Mensch verhalten, die Klappe halten und keinen von uns reizen, wird Ihnen kaum was passieren. Sollten Sie aber aufsässig und bockig sein oder gar zu fliehen versuchen, werden Sie entweder gar nicht mehr nach Hause zurückkehren oder als halber Krüppel. Sie haben Ihr Schicksal also selbst in der Hand.«

Auf ein Fingerzeichen wurden die Komplizen Ramplings aktiv. Sie packten den »Senator« und rissen seine Arme nach vorn.

»Was soll das?«, fragte Jerry Armstrong kleinlaut.

Rampling zuckte die Achseln. »Nur eine Vorsichtsmaßnahme, Senator.« Er holte Handschellen aus seiner Tasche und klappte sie über den Handgelenken »Thomes« zu. Dann befahl er seinen Männern: »Durchsucht ihn! Und wenn er eine Waffe bei sich trägt, haut sie ihm gleich auf den Schädel!«

»Ich bin unbewaffnet!«, beeilte sich der Kleine sofort zu sagen.

»Das werden meine Freunde gleich festgestellt haben. Gönnen Sie ihnen doch die Freude.«

Jerry wurde von vorn und von hinten abgekrabbelt, dann sagte einer der beiden Taster: »Nichts.«

»So ist es schön!« Rampling nickte zufrieden.

Die ganze Zeit über stand Brian Keeler unbeachtet und schlotternd neben dem falschen Senator. Jerry Armstrong hatte Mitleid mit dem Mann. Keeler hatte höllische Angst und musste obendrein noch Theater spielen. Es kam also auch noch die Furcht vor dem Versagen dazu. Wenn die Komödie aufflog, waren sie beide geliefert. Mit fieberglänzenden Augen starrte er Rampling an. Endlich wandte sich dieser ihm zu.

»Ich ... ich habe alles getan, was Sie von mir verlangt haben!«, presste Keeler aufgeregt hervor. Der Schweiß rann ihm lästig in die Augen und brannte da wie Feuer. Mit einer fahrigen Bewegung wischte er sich die Tropfen von der Stirn.

»Ja«, sagte Rampling, »Sie haben gute Arbeit geleistet.«

»Wie steht’s mit meinem Lohn?«

»Lohn?«, fragte »Senator Thome« mit gespielter Empörung. »Du hast mich für Geld verraten, Brian? Ich dachte, du wärest mein Freund?«

»Glaub mir, John, ich hätte es nicht getan, wenn ich nicht dazu gezwungen worden wäre.«

»Einen Freund zu verraten, das ist doch wirklich das Allerletzte!«, fauchte »Thome« verächtlich.

»Ich hatte keine andere Wahl, John. Bitte, glaube mir das!«

»Schluss jetzt mit der dämlichen Debatte!«, schrie Rampling ungeduldig dazwischen und fixierte den Kleinen. »Was geschehen ist, kann nun nicht mehr rückgängig gemacht werden. Also versuchen Sie sich dareinzufinden und das Beste daraus zu machen. Was den Lohn Ihres Freundes betrifft, so handelt es sich hierbei nicht um Geld, sondern um wertvolle Negative. Wir haben ein recht unappetitliches Schäferstündchen Ihres Freundes mit versteckter Kamera beobachtet.«

Jerry Armstrong schüttelte den Kopf. »So etwas würde Brian niemals tun.«

»Aber er hat’s getan. Und nicht bloß mit einem Luder, sondern gleich mit zweien. Sie können sich vorstellen, wie es ihn traf, als wir ihm die Aufnahmen zeigten und ihm drohten, alle Bilder seiner Frau zuzuspielen, falls er bei uns nicht mitmachen würde. Er hatte keine andere Wahl. Sie müssen ihm deshalb nicht böse sein, Senator.«

»Wo sind die Negative?«, fragte Keeler heiser. »Bekomme ich sie jetzt?«

Rampling starrte den Mann mit schmalen Augen an. »Mein lieber Keeler, die Welt dreht sich auch dann weiter, wenn wir schlafen. Und es werden auch immer wieder neue Entschlüsse gefasst ...«

»Ihr wollt mir die Negative also nicht aushändigen?«

»Wir haben eine einfachere Lösung Ihres Problems gefunden, die auch gleichzeitig für uns die optimalste Lösung ist«, entgegnete Rampling eiskalt.

»Und welche?«, fragte Brian Keeler verdattert.

Jerry Armstrong wusste, was der A-O-Mann damit meinte. Er spürte, wie sich eine kalte Hand um sein Herz legte. Nein, dachte er benommen, der Himmel möge das verhindern.

»Wir werden Sie umlegen!«, verkündete Rampling völlig ungerührt. Und schon zeigten drei schallgedämpfte Pistolen auf Keelers Bauch.

»Moment!«, rief der »Senator«.

»Nein!«, keuchte Keeler verstört. »Das - das könnt ihr doch nicht machen! Ich habe alles getan - alles. Ich habe den Senator hierhergebracht, wie ihr es von mir verlangt habt. Warum wollt ihr mich nun umbringen? Ich verstehe das nicht.«

»Sie sind für uns wertlos geworden«, erwiderte Rampling. »Wir leben nun mal in einer Wegwerfgesellschaft. Was nicht mehr gebraucht wird, kommt auf den Müll.«

»Ich ... ich bin doch kein Gegenstand! Ich bin ein Mensch!«

»Nicht mehr lange, dann sind Sie eine Leiche.«

»Moment!«, rief »Thome« lauter.

»Sie halten sich da besser raus, Senator!«, knurrte Rampling. »Vergessen Sie nicht, was ich eingangs gesagt habe. Möchten Sie als Krüppel nach Hause zurückkehren?«

»Bitte!«, flehte Keeler händeringend. Er war bleich und schlotterte am ganzen Leib. »Bitte, schont mein Leben!«

»Wir müssen alle Risiken ausschalten, Keeler. Sie sind eines.«

»Ich? Wieso denn?«

»Sie könnten zur Polizei rennen.«

»Wenn Sie die Negative behalten, haben Sie mich weiterhin in der Hand«, beeilte sich Keeler zu sagen. »Nie im Traum würde mir einfallen, mich an die Polizei zu wenden. Das hätte ich doch schon tun können. Habe ich’s getan? Nein.«

Und wieder mischte sich Jerry Armstrong in das Gespräch. Es war ihm egal, ob sie ihm die Ohren vom Schädel droschen. Brian Keeler durfte kein Haar gekrümmt werden.

»Warum nehmt ihr nicht auch ihn als Geisel mit?«, pokerte er hastig. »Ihr habt doch einen Tausch vor. Zwei gegen drei sieht doch besser aus als einen gegen drei.«

Daran nagte Rampling nun. Er schien keine genauen Weisungen zu haben, was mit Brian Keeler zu geschehen hatte, und er wollte nichts falsch machen. Die Sekunden vergingen wie Stunden. Keelers Leben hing davon ab, wie Rampling sich entschied. Als der nickte, fiel Jerry Armstrong ein mächtiger Felsblock von der Brust. Er seufzte erleichtert. Keeler war gerettet.

»Okay«, sagte Rampling. »Wir nehmen auch Keeler mit.«

Sofort bekam auch der Freund des »Senators« Stahlachter verpasst. Auch er wurde abgetastet. Dann wurden sie auf die Tür zugestoßen.

»Vorwärts!«, bellte Rampling.

»Wohin bringen Sie uns?«, fragte der Kleine.

»In unser Hauptquartier. Ich hoffe, es wird Ihnen da gefallen. Es stinkt zwar ein bisschen ...«

»Wird Ihr Chef da sein?«, fragte »Thome«.

»Vielleicht.«

Sie mussten auf ein Motorboot mit offenem Verdeck hinüberspringen und sich auf den Boden setzen. Einer von Ramplings Komplizen bediente den Kahn. Jerry blickte zurück. Unvorstellbar, dass Natalia Ustinov, Ole Eriksson und der BND-Mann irgendwo auf der Lauer lagen. Es war absolut nichts von ihnen zu entdecken. Und doch konnte Jerry sicher sein, dass sie ganz in seiner Nähe waren. Nicht gerade auf Armlänge, aber immerhin ... Als der A-O-Bootsmann nun mehr Gas gab, setzte Jerry alle seine Hoffnungen in das kleine Piep-Gerät, das ihm die Spezialisten in den Absatz praktiziert hatten. Hoffentlich klappt es, dachte er mit geschlossenen Augen. Es muss klappen. An einen Misserfolg darf ich erst gar nicht denken.

Sie fuhren aus der Flushing Bay und in den East River hinaus. Ausflugsdampfer begegneten ihnen. Bunte Glühlampenketten. Musik, Lachen. Stimmung. Gesang. Das Alpha-Omega-Boot brauste an Riker’s Island vorbei und zwischen North Brother Island und South Brother Island hindurch. Der East River wurde enger. Sie fuhren aus dem Schlauch heraus, ließen die Südspitze von Manhattan zurück und bogen bald darauf in die Gowanus Bay ein. Hier gab es eine Menge Piers, an denen mächtige Frachter lagen, deren Ladung mit saurierähnlichen Kränen gelöscht wurde. Irgendwann verlangsamte das Boot seine Geschwindigkeit. Und als Jerry Armstrong den Kopf hob, um sich zu orientieren, sah er eine hohe Kaimauer, und er hörte den Verkehrslärm vom nahen Gowanus Expressway. Das Boot legte an.

»Endstation!«, sagte Rampling und schnellte von Bord.

Damit der »Senator« und Keeler wussten, dass ihre Lage nach wie vor ernst war, angelte Rampling wieder seine Pistole aus dem Hosenbund. Damit dirigierte er die Gefangenen auf eine Steintreppe zu, die in einem finsteren Tunnel verschwand.

»Ich darf vorausgehen«, sagte er grinsend und machte den Vorreiter, während die anderen beiden A-O-Männer die Nachhut bildeten. Dazwischen eingeklemmt, stiegen Thome alias Armstrong und Keeler alias Keeler mit klapprigen Knien die Stufen hoch. Dunkelheit umfing sie. Ein Gang lag vor ihnen. Kleine Pfützen glänzten auf dem unebenen Boden. Es schmatzte, wenn einer der Männer hineintrat. Jerrys Augen gewöhnten sich sehr schnell an die Dunkelheit. Er konnte die grauen Umrisse von Rampling erkennen, und ein Stück weiter entdeckte er eine Tür, auf die Rampling zuging. Als er sie erreicht hatte, pochte er mit seinen harten Knöcheln das SOS-Zeichen. Armstrong hätte sich nicht gewundert, wenn die Tür beim öffnen wie in einem Horrorfilm geknarrt hätte. Aber sie schwang lautlos auf. Grelles Licht blendete die Gruppe. Ein Mann musterte sie misstrauisch. Ein durch und durch hässlicher Patron, der mit seinem Gesicht den tapfersten Polizeihund erschrecken konnte. Wieder eine Treppe. Diesmal war sie aus Holz. Nun begann es zu stinken. Und wieder ein Wächter, als sie das obere Ende der Treppe erreichten.

Jerry fragte sich, ob der Mann für diesen Gestank verantwortlich war, doch dann schaute er sich um und wusste Bescheid. Sie befanden sich in den Lagerräumen einer Tierhandlung, die überallhin lieferte, was auch nur annähernd nach Tier aussah. Es gab Affen, Krokodile, Junghaie, Giftschlangen, Igel, Hamster, Kolibris.

»Der Boss da?«, fragte Rampling den zweiten Wächter.

»Nein.«

»Wo ist er?«

»Zu Hause, nehme ich an.«

»Wieso weißt du das nicht genau?«, fauchte Bill Rampling.

»Bin ich seine Gouvernante?«

»Nein. Aber eine solche wirst du gleich brauchen, wenn du blöde Reden schwingst!«

»He! Nun aber mal langsam mit den wilden Pferden, ja? Was spielst du dich hier so auf?«

»Ach, geh mir aus dem Weg, bevor’s kritisch wird!«, knurrte Rampling und versetzte dem Kerl im Jeanslook einen heftigen Stoß. Zu seinen Begleitern sagte er: »Ihr passt auf den Senator und seinen Freund inzwischen gut auf, verstanden? Ich rufe jetzt den Boss an und sage ihm, dass wir haben, was wir brauchen.«

Jerry und Keeler wurden in einem unmöblierten Raum gebracht. Sie setzten sich auf den Boden, als sie dazu aufgefordert wurden, sprachen nicht miteinander, starrten nur stumm vor sich hin.

Die Affen schlugen mächtig Radau, als Rampling an ihrem Käfig vorbeikam. Sie streckten ihre behaarte Arme heraus und versuchten ihn zu fassen.

»Na, Jungs!« Rampling grinste und klopfte einem von ihnen auf die schwarzen Finger. Hinter einer Tür befand sich ein Raum mit Schreibtisch und Telefon. Rampling wählte die Nummer, die er im Kopf hatte.

Zwei Freizeichen.

Dann: »Ja?«

»Hier Tierversand Gowanus. Ihre Lieferung ist eingetroffen, Sir.«

»Lassen Sie den Unfug, Rampling!«

»Wir haben den Senator, Boss.«

»Na prima.«

»Und Brian Keeler haben wir auch gleich kassiert. War ein Arbeitsgang. Zwei gegen drei zu tauschen, sieht doch besser aus als einen gegen drei.«

»Da haben Sie nicht so unrecht, Rampling.«

»Wie geht’s nun weiter?«

»Ich werde sofort die zuständigen Stellen informieren, welch böses Schicksal den Senator und seinen Freund ereilt hat. Und ich werde den Leuten ein unmissverständliches Ultimatum stellen: Wenn Mankiewicz, Rogers und Rego bis morgen früh, acht Uhr, nicht auf freien Fuß gesetzt sind, stirbt zuerst Brian Keeler und dann der Senator.«

19

Es war für alles vorgesorgt. Ein Wagen stand bereit, falls Alpha-Omega den »Senator« und seinen Freund mit dem Wagen fortschaffen wollte, und ein Schnellboot - von Charles Newton organisiert - dümpelte auf den dunklen Fluten und wartete auf seinen Einsatz, der dann erfolgen sollte, falls Jerry Armstrong und Brian Keeler auf dem Wasserwege geholt werden sollten.

Ole Eriksson war zu Natalia und Raddatz gestoßen. Sie saßen an Bord des Motorbootes, weil man von dort aus das Hausboot besser beobachten konnte. Natalia Ustinov beobachtete durch ein Nachtglas, wie Keeler und der »Senator« an Bord des Hausbootes gingen.

»Armer Jerry«, sagte der hünenhafte Ole grinsend. »Jetzt rasseln sicherlich seine Gebeine.«

»Die von Keeler aber auch«, gab Natalia zurück.

Raddatz schaute auf das schmale Empfangsgerät, das die Agentin ihm gegeben hatte. Es war so klein wie ein Taschenrechner. Und es piepste ununterbrochen, wenn der BND-Mann auf eine längliche Taste drückte. Der Sender sollte eine Reichweite von mehreren Meilen haben - laut Newton. Es musste sich sehr bald schon erweisen, ob das der Wahrheit oder dem Wunschtraum der Techniker entsprach.

»Kannst du jemanden auf dem Hausboot sehen?«, fragte Eriksson. Er tänzelte wie ein Traber kurz vor dem Start nervös von einem Bein auf das andere. Man sah ihm an, dass er sehr viel Sport betrieb. Er war in jeder Disziplin ein Ass. Raddatz überragte er um einen halben Kopf. Die beiden Männer hatten sich bereits angefreundet. Sie nannten sich beim Vornamen und duzten sich auf Natalias Vorschlag hin. Dass das Hausboot vor Jerrys Eintreffen leer gewesen war, wussten sie. Sie hatten sich da vor einer halben Stunde unauffällig umgesehen. Und bis zu Jerrys Ankunft hatte sich an diesem Zustand nichts geändert.

»Nur Jerry und Keeler sind an Bord«, sagte Natalia.

Piep! Piep! Piep!, machte das kleine Gerät in Raddatz’ Hand.

»Sag mal, kannst du das vorläufig nicht abstellen?«, fragte Ole Eriksson mit gerümpfter Nase. »Es wird uns noch lange genug den Nerv töten.«

»Nervös?«, fragte der BND-Mann grinsend zurück.

»Verdammt, ja. Du etwa nicht?«

»Nicht so sehr wie du.«

»Kein Wunder. Du hast dort drüben auch keinen kahlhäuptigen Freund zu verlieren. Für dich ist der Kleine nicht mehr als ein Agent, der seine Haut riskiert. Ich aber ziehe mit dem Kumpel durch die Gegend und mache auf Pop und Soul mit ihm. Ausgezeichnete Musik. Es gibt keinen, der dir etwas anderes erzählen kann.«

»Ach, ihr seid nebenbei noch Musiker?«, staunte Raddatz.

»Quatsch! Wir sind nebenbei Agenten.«

»Das ist ja ein Ding. So etwas trifft man wirklich nicht alle Tage.«

»Kannst du jetzt verstehen, dass ich an dem Knaben da drüben hänge? Ich will ihn nicht verlieren.«

»Weil du nicht als Alleinunterhalter durch die Gegend ziehen möchtest«, sagte Conny Raddatz schmunzelnd. »Muss auf die Dauer ganz schön langweilig sein.«

»Ja, ja«, maulte der Große. »Mach dich nur lustig über eine wetterfeste Freundschaft.«

»Schwamm drüber, Ole.«

»Pst!«, machte Natalia plötzlich, und die beiden Männer verstummten augenblicklich. »Ein Motorboot!«, zischelte die bildhübsche Agentin aufgeregt. »Es hält Kurs auf das Hausboot!« Sie gab an die Freunde weiter, was sie sah. »... drei Männer. Sie verschwinden im Boot.«

Conny Raddatz rieb sich die Hände. »Alpha-Omega schluckt den Köder.«

»Das wollen wir hoffen«, sagte Natalia mit vibrierenden Nerven. Auch sie bangte um Jerry Armstrong, den liebenswerten Kleinen mit der schimmernden Glatze. Denn auch sie verband eine noch nicht allzu weit zurückliegende gemeinsame Vergangenheit mit ihm.

Die Agentin nahm das Nachtglas nicht von den Augen. Sie suchte jeden Zoll des A-O-Bootes ab. Einen vierten Mann konnte sie aber nirgends entdecken. Seufzend drehte sie sich um.

»Wenn das nur gutgeht.«

»Jerry weiß, worauf es ankommt«, sagte Ole.

»Der Kleine fällt sicher nicht um, aber ob Keeler diesen Stress durchhält?«

»Das können wir nur hoffen«, sagte der große und blickte auf seine Hände, die ihn zu einem der besten Gitarristen Amerikas gemacht hatten.

»Wir sollten versuchen, mit unserem Richtmikro in das Hausboot hineinzuhören«, schlug Raddatz vor.

Natalia nickte. »Okay.«

Conny Raddatz steckte seinen kleinen Piepmann ein. Natalia glitt an ihm vorbei. Sie trug wieder jenen schwarzen Samtanzug, in dem sie bei Belinda Sorensen aufgekreuzt war. Er roch ihr Parfüm. Es machte ihn ein wenig schwindelig. Conny wollte nach ihren Hüften fassen und sie aufhalten, doch Natalia entzog sich mit einer geschickten Drehung seinem Zugriff. Dazu war jetzt keine Zeit.

Auf Knopfdruck kam ein Rauschen aus dem Lautsprecher. Natalia drehte an einem Rädchen und brachte so das Richtmikro in die richtige Stellung. Es war nicht nötig, den Verstärker auf volle Leistung zu drehen. Die drei Agenten vermochten auch so sehr gut zu verstehen, was auf dem Hausboot in diesen Minuten gesprochen wurde.

Es machte ihnen Angst, was sie hörten.

»Du lieber Himmel, die wollen Keeler erschießen!«, stöhnte Natalia.

»Bitte!«, hörten sie Keeler krächzen. »Bitte, schont mein Leben!«

Ole ballte die Hände und knirschte mit den Zähnen. »Teufel, wir ,dürfen nicht zulassen, dass sie ihn umlegen!«

»Hast du einen Vorschlag, wie wir es verhindern sollten?«, fragte Raddatz.

»Das verdammte Ding stürmen!«, erwiderte Ole grimmig.

»Dann platzt die ganze Aktion.«

»Ich bin nicht bereit, diesen Menschen zu opfern.«

»Seid doch bitte ruhig!«, fuhr Natalia die beiden Männer an. »Man kann ja nicht hören, was drüben gesprochen wird.«

Da vernahmen sie die Stimme von »Senator John Thome«: »Warum nehmt ihr nicht auch ihn als Geisel mit?«

Ole grinste. »Schlau, der Kleine, wie?«

»Pst!«, machte Natalia.

»Ihr habt doch einen Tausch vor«, sagte Jerry Armstrong drüben. »Zwei gegen drei sieht doch besser aus als einen gegen drei.«

Pause. Das zerrte an aller Nerven - hüben wie drüben. Wie würde sich der Sprecher der A-O-Männer entscheiden, für oder gegen Keeler? Er entschied sich für ihn. Und nun atmeten auch Natalia und die beiden Männer sichtlich erleichtert auf.

»Der Kleine ist nicht mal so übel«, sagte Raddatz schmunzelnd.

»Nicht mal so übel?«, brummte Ole. »Der ist als Agent ein Champion.«

»Das kann er demnächst beweisen.«

»Das wird er, verlass dich drauf, Conny.«

»Vorwärts!«, kam Ramplings Stimme aus dem Lautsprecher.

Und der »Senator«: »Wohin bringen Sie uns?«

»In unser Hauptquartier. Ich hoffe, es wird Ihnen da gefallen. Es stinkt zwar ein bisschen ...«

»Wird der Chef da sein?«

»Vielleicht.«

Natalia hatte das Nachtglas schon wieder an den Augen. Nun erst erkannte sie Rampling als einen der beiden Killer wieder, die Rechtsanwalt Hanner mit ihrer raffinierten Stromfalle ins Jenseits befördert hatten. Sie beobachtete, wie die A-O-Leute ihr Motorboot bestiegen, wie sich Jerry und Keeler auf den Boden setzen mussten. Als das Motorboot ablegte, gab Natalia ein Zeichen, und Ole Eriksson ließ die kräftigen Zwillingsmotoren von Chrysler anspringen.

Der BND-Mann holte seinen piepsenden Taschenrechner hervor. Er wies darauf und fragte Ole: »Darf ich jetzt?«

»Na klar. Worauf wartest du? Mann, seid ihr in Deutschland alle so langsam?«

»Ich kenne die neuesten Statistiken nicht«, grinste Raddatz. Dann schaltete er den Piepmann ein. Auf einer Skala leuchtete mit jedem Ton ein Lichtpunkt auf, der anzeigte, wie weit der Empfänger vom Sender entfernt war.

»Wie viel Vorsprung lassen wir ihnen, Nat?«, fragte Ole.

»Fünfhundert Yards. Mehr wäre zu riskant«, erwiderte die Agentin.

Raddatz las von der Skala ab und sagte dann: »Jetzt sind es fünfhundert.«

»Dann los, Ole!«, sagte Natalia. Der blonde Hüne drehte auf. Die kräftigen Motoren quirlten das Wasser hoch. Das bullige Motorboot fraß sich dröhnend durch die dunklen Fluten.

»Was kann der Kerl gemeint haben mit >Es stinkt zwar ein bisschen<?«, fragte Ole, während er darauf achtete, dass zwischen ihnen und den A-O-Leuten ein gleichbleibender Abstand blieb.

»Wir werden es sehen, wenn wir im Hauptquartier von Alpha-Omega sind«, gab Natalia erregt zurück.

»Vor allem aber auch riechen«, versetzte Raddatz grinsend. Er hatte gute Nerven.

Die Agentin stand hoch aufgerichtet neben ihm. Er musterte ihr ebenmäßiges Gesicht. Eine gewisse Spannung lag in Natalias schönen Zügen. Die dunklen Kohleaugen starrten geradeaus. Das blauschwarze lange Haar wehte um ihren Kopf wie eine Fahne. Raddatz hätte der faszinierenden Frau gern gesagt, was er für sie empfand. Aber dazu war diesmal nicht der richtige Moment. Deshalb begnügte er sich damit, sie immerzu anzusehen, ihr Profil zu genießen und sich auf später zu vertrösten, wo er sie zum Essen einladen wollte, vielleicht auch zum Tanz. Und wenn sie wollte, auch noch zu mehr. Aber er wollte sie nicht überrumpeln oder zu überlisten versuchen. Die Entscheidung sollte ganz allein bei ihr liegen.

Piep! Piep! Piep!

»Entfernung?«, fragte Natalia, als das Alpha-Omega-Boot aus dem Blickfeld war.

»Immer noch fünfhundert.«

»Bleib dran, Ole!«

»Keine Sorge, und wenn die einen Weg in die Hölle einschlagen, fahre ich ich ebenfalls!«, knirschte der Große.

Sie erreichten die Gowanus Bay.

»Vorsicht, Ole!«, schrie Natalia Ustinov plötzlich schrill. Von links fegte in unverantwortlichem Tempo ein Schnellboot aus der Bucht heraus. Der Steuermann musste betrunken sein. Ole konnte die Katastrophe im allerletzten Augenblick verhindern, indem er reaktionsschnell das Steuer herumriss und gleichzeitig unmäßig Gas gab. Das Schnellboot zischte an ihnen vorbei. Eine aufgepeitschte Woge klatschte über die drei Agenten. Ole konnte sich nicht beherrschen. Er schickte einen ellenlangen Fluch hinter dem davonrasenden Schnellboot her.

»Das war verflixt knapp«, sagte Raddatz und stieß geräuschvoll die Luft aus. »Um ein Haar wären wir statt bei Alpha-Omega bei den Fischen gelandet.«

»Und ich - ein Nichtschwimmer.« Ole grinste. Natalia Ustinov hatte bereits wieder ihr Nachtglas vor den Augen. Das Motorboot der A-O-Leute war nicht mehr zu sehen. Ozeanriesen aus aller Herren Länder lagen an den Piers. Dazwischen tummelten sich kleinere Dampfer und Motorboote, die wie Nussschalen wirkten. Aber das A-O-Boot war nicht dabei.

»Wo sind sie?«, fragte Eriksson aufgebracht.

»Wenn ich’s wüsste, würde ich’s dir sagen«, gab Natalia wütend zurück.

»Conny!«, rief Ole, während er den Kahn in die Tiefe der Gowanus Bay steuerte.

»Sechshundert Yards!«, rief Raddatz. Er hielt seinen Taschenrechner in beiden Händen. Piep! Piep! Piep!, ging es ununterbrochen. »Fünfhundertfünfzig!«, rief der BND-Agent. Er zählte langsam herunter. Bald waren sie an Jerry Armstrong auf dreihundert Yards herangekommen. Dann waren es nur noch zweihundert, hundert ... Und dann rief Natalia mit heller Stimme erfreut aus: »Ich habe das A-O-Boot wiederentdeckt! Es ist leer. Jerry und die anderen haben es verlassen. Ich sehe eine Steintreppe, die sich in einer dunklen Öffnung verliert.«

Sie fuhren so nahe wie möglich an das A-O-Boot heran. Ole ließ ihr Boot auf dem Fleck schaukeln und sah Raddatz gespannt an.

»Was sagt der Piepmann jetzt, Conny?«

»Jerry ist stationär.«

Natalia wies auf die Stufen. »Dann ist das da der Eingang ins A-O-Hauptquartier.«

20

Handschellen knacken konnte Jerry Armstrong so gut wie taube Nüsse aufschlagen. Zuerst öffnete er die seinen mit der Haarnadel, die er für solche Eventualitäten stets bei sich trug, dann rutschte er zum bleichen Keeler hinüber und machte auch diesem die Stahlspangen auf.

»Wo haben Sie denn das gelernt?«, fragte Brian Keeler verblüfft.

»In der Schule. Wir hatten einen Lehrer, der hat mich mit so was an das Heizungsrohr gefesselt, wenn ich etwas ausgefressen hatte. Eines Tages vergaß er, mich wieder loszumachen. Ich hatte die Wahl, die Nacht in der Schule zu verbringen oder zur Selbsthilfe zu greifen. Seither kann ich’s.«

Keeler versuchte ein Lächeln. Es misslang kläglich. »Ich danke Ihnen für die Lebensrettung«, sagte er heiser. »Wenn Sie nicht gewesen wären, hätten die mich erschossen.«

»Ich wette, die wollten nur bluffen«, schwächte Armstrong seine Leistung ab. Er richtete sich auf.

»Was haben Sie vor?«, fragte Keeler erschrocken. »Sie wollen sich doch nicht etwa mit dieser ganzen Clique anlegen? Das wäre Selbstmord.«

»Wir brauchen Waffen. Draußen habe ich welche herumliegen sehen.«

»Mein Gott, Sie riskieren Kopf und Kragen!«

»Nur den Kragen. Mein Kopf ist mir zu wertvoll.«

Jerry schlich zur Tür. Die A-O-Leute hatten sie nicht abgeschlossen, das wusste der Kleine. Er legte sein Ohr ans Holz und lauschte kurz. Draußen war alles friedlich. Jerry blinzelte dem bibbernden Keeler zu, dann öffnete er die Tür. Eine Kobra stellte sich im Terrarium auf und begann nach einer lautlosen Melodie zu tanzen. Zwei grüne Mambas krochen träge über einen Ast. Die Kakadus schrien sich etwas zu, das wie ein Schimpfwort klang. Oder eine Aufforderung? Jerry nickte in ihre Richtung und dachte sich: ihr mich auch! Sein Blick fiel auf die beiden UZI.Maschinenpistolen, die zwischen zwei Aquarien lehnten. Er flitzte hin, griff sie sich und huschte sofort wieder zurück. Da Jerry einen kahlen Kopf hatte, war er windschlüpfrig und kam schnell vorwärts.

Als Keeler die beiden UZI’s sah, sprang er erschrocken auf die Beine.

»Können Sie damit umgehen?«, fragte ihn Jerry.

»Nun ja, ich bin kein Meisterschütze.«

»Sie sollen mir auch keine Rose schießen. Hauptsache, Sie schießen sich nicht die Zehen kaputt, wenn Sie den Stecher durchziehen.«

Jerry entsicherte die Waffe und drückte sie Keeler in die Hände. Zuerst sah es so aus, als wollte er sie vor Angst fallen lassen, doch dann hielt er sie verkrampft fest.

Plötzlich weiteten sich seine Augen. Jerry fuhr ein Eissplitter ins Herz. Wenn Keeler so guckte, dann war hinter ihm etwas nicht in Ordnung. Mit zusammengepressten Zähnen kreiselte der Kleine in derselben Sekunde .urplötzlich herum. Einer der beiden Wächter stand da. Völlig verdattert. Und so kassierte er auch den Schlag mit der UZI, der ihn in der Magengrube traf. Er wollte schreien, doch da schlug Jerry Armstrong mit der Maschinenpistole bereits zum zweiten Mal zu. Der Mann sank auf die Knie und fiel dann aufs Gesicht.

»Niemand würde Ihnen das zutrauen«, sagte Keeler beeindruckt.

»Ich trau’s mir ja kaum selber zu«, gab der Kleine grinsend zurück.

Durch den Blitzerfolg ermutigt, zitterte Brian Keeler nun nicht mehr.

»Und was nun, Mr. Armstrong?«

»Jetzt gehen wir in der Tierhandlung auf Safari.«

21

Natalia warf sich die Tommy Gun über die Schulter und federte dann von Bord. Raddatz und Eriksson, ebenfalls mit MPs bewaffnet, folgten ihr. Sie hatten sich kurz mit Charles Newton in Verbindung gesetzt. Der Dicke hatte ihnen aufgetragen, das Rattennest auszuheben. Die Ustinov erwartete ein Wiedersehen mit Belinda Sorensen, und sie war brennend daran interessiert, endlich zu erfahren, wer der Kopf von Alpha-Omega war. Newton hatte angekündigt, vom FBI noch ein paar Scharfschützen loszueisen. Die Männer waren in fünfzehn Minuten zur Stelle, insgesamt sieben. Nun konnte nichts mehr schiefgehen. Die Tierhandlung wurde eingekreist. An der Wasserfront postierten sich zwei G-Men. Natalia und die anderen stürmten den Tarnladen von der Straße her. Die schwarzhaarige Agentin fegte wie eine Teufelin durch die Räume. Sie war schneller als die Männer, die sie begleiteten, und sie bildete stets die Spitze.

Im Alpha-Omega-Hauptquartier befanden sich zwölf Mann Besatzung. Einen davon hatte Jerry Armstrong bereits ausgeschaltet. Die anderen griffen verstört zu ihren Waffen. Und dann hämmerten die Maschinenpistolen ohrenbetäubend laut los. Natalia warf sich in ein gemauertes Terrarium. Zwei Kerle kamen schießend angerannt. Da spuckte ihnen Natalias Tommy Gun den Tod entgegen. Wo Ole war, wo Raddatz steckte, konnte die Agentin nicht sehen. Sie hatte alle Hände voll zu tun, sich ihrer Haut zu wehren. Hunderte Kugeln klatschten in die Mauern. Sie rissen dicke Schrammen in Holzstellagen, zerfetzten Tierleiber und zerstörten Aquarien, in denen sich wertvolle exotische Fische befanden. Wasserkaskaden ergossen sich auf den Boden, zuckende Fischleiber machten ihn glitschig.

Plötzlich roch es nach Rauch. Die Ustinov wechselte ihre Position. In diesem Augenblick traf eine Kugel die Lichtleitung. Schlagartig war die eine Hälfte des Raumes dunkel. Tiere kreischten, brüllten und schrien in schrecklicher Furcht. Fußgetrappel, stampfende Schritte. Ole brüllte: »Nat! Wo bist du?«

»Hier bin ich!«, rief sie zurück. Da flog ein Kerl auf sie zu. Ein Messer blitzte in seiner Faust. Die Agentin wollte den Lauf der Tommy Gun herumreißen, doch sie war nicht schnell genug. Die Klinge sauste auf ihre Kehle herab ...

Ein mörderisches Stakkato. Der Mann mit dem Messer stieß einen grellen Schrei aus, wurde herumgeworfen und zu Boden geschleudert. Natalia hatte keine Ahnung, wer ihr das Leben gerettet hatte. Da tauchte Raddatz auf.

»Ich hoffe, ich kann mich mal revanchieren!«, rief ihm Natalia zu.

Und dann hörte sie Ole Eriksson und Jerry Armstrong schreien: »Waffen weg! Ergebt euch! Jeder weitere Widerstand ist zwecklos!«

Die Agentin eilte auf die A-O-Leute zu, die in der Mitte des Raumes Aufstellung genommen hatten - umringt von FBI-Männern, Ole, Jerry und Brian Keeler. Waffen fielen scheppernd zu Boden. Die G-Men brachten sie außer Reichweite.

»Bravo, Mr. Keeler!«, lobte Natalia den kleinen Mann. Er strahlte über das ganze Gesicht, denn er hatte die Negative gefunden, deretwegen er das alles auf sich genommen hatte.

»Sieht Ihr Leben immer so aufregend aus, Miss Ustinov?«, fragte er erstaunt.

»Wollen wir ihn in unseren Verein aufnehmen, Jerry?«, fragte Natalia den Kleinen schmunzelnd.

»Oh!«, lehnte Keeler sofort ab, »dieses eine Abenteuer reicht mir.«

Drei Tote waren zu beklagen, zwei A-O-Leute und ein G-Man. Außerdem gab es zwei Schwerverletzte und einen Leichtverletzten bei Alpha-Omega.

Obwohl der Schlag hart und gut geführt worden war, war Natalia nicht zufrieden. Belinda Sorensen fehlte. Die Agentin pflanzte sich vor Bill Rampling auf.

»Wo ist Belinda?«

»Beim Boss.«

»Und wo ist der?«

»Das kriegst du aus mir in hundert Jahren nicht raus, Puppe.« Rampling grinste herausfordernd.

»Ich lege dich gleich aufs Kreuz, du Mistkäfer!«, fauchte Ole Eriksson. Doch Natalia hielt ihn mit einem seltsamen Funkeln in den Augen zurück.

»Lass nur, Ole. Ich glaube, ich weiß trotzdem, wie ich diesen Fall lösen kann.«

Streifenwagen kamen angebraust. Natalia Ustinov zeigte den Cops ihren Sonderausweis und bat, sie so rasch wie möglich nach Richmond zu fahren. Mit Rotlicht und Sirene ging die Post ab. Der Steifen wagen fegte mit seinen Signalen jedes Hindernis aus dem Weg. Zwanzig Minuten später passierten sie den New Springville Park. Und dann war Natalia zu Hause. Sie ließ sich vom Expresslift nach oben katapultieren und wirbelte wie ein Taifun in ihr mondänes Penthouse. Hastig ergriff sie das Empfangsgerät, mit dem sie in Belinda Sorensens Haus hineinhören konnte. Ein Versuch. Belindas Haus war leer. Aber darum ging es der bildschönen Agentin nicht. Ihr ging es um die erste Aufzeichnung, die dieses Gerät gemacht hatte. Schnell spulte sie das Band zurück bis zu der Stelle, an der die Aufzeichnung des vergangenen Tages endete: Erst hatte sich Belinda einen Drink genehmigt. Dann hatte sie den Telefonhörer abgenommen und hatte zu wählen angefangen.

Das war es, was Natalia hören wollte. Das Wählen!

Sie hörte es sich insgesamt zehnmal an.

Belinda hatte eine sechsstellige Nummer in die Scheibe gedreht. Das Rasseln dazwischen, während die Scheibe an ihren Ausgangspunkt zurückkehrte, war kein einziges Mal gleich lang. Und so notierte Natalia die Telefonnummer nach dem zehnten Abhören mit untrüglicher Sicherheit auf einem Blatt Papier: 24 35 68.

Natalia wollte es nicht glauben. Aber ein Irrtum war ausgeschlossen. Das war die Nummer, die Belinda Sorensen am Morgen des Vortages gewählt hatte. Und der Mann, der sich daraufhin gemeldet hatte, war von ihr mit Chef angesprochen worden.

Zehn Minuten später war die Agentin bereits auf dem Weg zum Haus des Alpha-Omega-Chefs. Sie hätte Newton informieren, diesen letzten Akt der Polizei oder Newtons Laufburschen überlassen können, doch diesen letzten Triumph wollte sie selbst auskosten. Natalia wollte den Kelch bis zur Neige leeren.

Die erregte Agentin fuhr ziemlich forsch, aber doch so, dass sie keinen Verkehrsunfall heraufbeschwor. Zwei Straßen waren noch zurückzulegen - nur noch eine. Dann tauchte das Haus auf. Sie war am Ziel. Vor dem Gebäude legte sie eine sanfte Landung hin. Dann warf sie ungestüm den Wagenschlag auf und federte, mit der Pistole in der Hand, auf den Gehsteig. Klingeln war für die Ustinov nicht die beste Lösung, deshalb lief sie gleich links am Haus vorbei und erreichte atemlos die Terrasse. Drinnen war man guter Laune. Klar, der Boss von Alpha-Omega und Belinda Sorensen hatten noch keine Ahnung, dass sie gerade ihr letztes Hemd verloren hatten.

Natalia glitt wie ein Schatten auf die halb offen stehende Terrassentür zu. Ihr Herz schlug schneller. Ihr voller Busen hob und senkte sich rasch. Belinda Sorensen war gerade dabei, einen von ihren zahlreichen Bacardis zu kippen.

Da wurden Natalia Ustinovs Augen schmal. Mit dem Sprung einer Pantherkatze flog sie in den Livingroom. Als der Mann und das Mädchen erschrocken zusammenzuckten, ging ein spöttisches Lächeln über das kühle Antlitz der Agentin.

»Guten Abend, meine Lieben! Und wenn ich sage, meine Lieben, dann meine ich das auch so. Schließlich habe ich sowohl mit dir als auch mit dir geschlafen.« In Belindas Fall entsprach das nicht den Tatsachen, aber was spielte das noch für eine Rolle.

»Natalia!«, pressten die beiden zerknirscht hervor.

»Ihr seid doch hoffentlich nicht so unvernünftig, mich angreifen zu wollen?« Die Agentin wippte mit ihrer Waffe, damit beide sie registrierten. Mit wiegenden Hüften kam sie näher. Dicht vor Orson Gallash blieb sie stehen. Sie schaute ihm lange in die Augen und nickte dann. »Gratuliere, Orson. Du hast mich so gekonnt getäuscht, dass ich prompt darauf hereinfiel. Wir hatten einen Tipp, dass du mit Alpha-Omega zu tun haben könntest. Mein Chef wollte, dass ich der Sache nachgehe - und ich bin ihr nachgegangen, sogar bis in dein Bett. Aber du hattest dich trotz des vielen Alkohols, den ich dir einflößte, großartig in der Hand. Mit keiner Silbe hast du dich verraten. Weißt du, was ich danach meinem Chef mitteilte? Ich möchte nicht mehr Natalia Ustinov heißen, wenn du etwas mit Alpha-Omega zu tun hast. Und nun stellt sich heraus, dass du sogar ihr Kopf bist.« Natalia zuckte die Achseln. »Tja, so spielt das Leben. Ich bin eben auch nicht unfehlbar, wie sich gezeigt hat. Du hast gemerkt, was ich wollte, nicht wahr? Jetzt kannst du mir’s ja sagen.«

»Ich hab’s gemerkt und ließ dich ins Leere laufen«, erwiderte Gallash. Er hatte sich hervorragend in der Gewalt. Anders Belinda. Die bekam einen hysterischen Anfall, schnellte hoch und wollte aus dem Haus stürmen. Da feuerte ihr Natalia eine Kugel knapp an der Nase vorbei und versprach, mit der nächsten zu treffen. Kreidebleich kehrte Belinda zu ihrem Sessel zurück, ließ sich fallen, schlug die Hände vors Gesicht und weinte, denn nun war der Ofen tatsächlich aus, das hatte sie erkannt.

»Darf ich dein Telefon benutzen?«, fragte Natalia höflich.

»Aber bitte. Du bist hier immer noch zu Hause. Ich möchte - solange ich dazu noch Gelegenheit habe - dir sagen, dass ich noch keine Frau getroffen habe, die dir das Wasser hätte reichen können - weder im Bett, noch sonst wo.«

»Vielen Dank für die Blumen. Trotzdem werde ich dich nun den Hütern des Gesetzes überantworten.«

Natalia wählte den Polizeinotruf. Als sie die dritte Ziffer gedreht hatte, zog Gallash seine Pistole. Die Agentin hatte keine andere Wahl, sie musste schneller sein als er.

Und sie war schneller.

Als die Cops kamen, übergab ihnen die Ustinov ein flennendes Mädchen und eine Leiche. Damit hatte Alpha-Omega zu existieren aufgehört, und Mankiewicz, Rogers und Rego blieben da, wohin sie gehörten.

22

Leise Musik füllte das Penthouse. Sekt glitzerte in tiefen Schalen. Der würzige Duft von Schweiß, männlichem Tonikum und französischem Parfüm schwängerte die Luft. Natalias Haar fiel in verschwenderischer Fülle auf das Kissen und zerfloss da. Wie eine nackte Porzellannixe sah sie aus, mit glänzender Haut, mit vor Leidenschaft in die Unterlippe gegrabenen Schneidezähnen, mit einem bebenden, alles nehmenden und alles gebenden jungen, geschmeidigen Körper, der sich elastisch den rhythmischen Bewegungen des Mannes anzupassen verstand.

Es war ein Abschied, der hier gefeiert wurde.

Sie versuchten beide nicht, an den nächsten Tag zu denken, weil Conny Raddatz dann zurück zu Oberst Frankenheimer fliegen musste, und Natalia vermutlich vom Dicken einen neuen Auftrag erhielt.

Agentenalltag.

Agentenleben.

Und doch - manchmal hat es auch seine herrlichen Seiten, wie zum Beispiel in dieser Nacht ...

ENDE

Mister Salvas sieht rot

Die Agentin – Heiße Fälle im Kalten Krieg

Band 7

von A. F. MORLAND

Bela Hancil ist der Henker des ungarischen Geheimdienstes - eine Killer-Maschine, die eingesetzt wird, um Verräter und abtrünnige Genossen zu beseitigen. Jetzt ist er in den USA und hat den Auftrag für vier Liquidierungen: Maria Jirka, Janos Drabek, Zoltan Gulak und die alternde Schriftstellerin Ilona Bascha, die ihre Memoiren über ihr Leben als Spionin schreiben will. Hancil ist äußerst gefährlich, kaltblütig und gewissenlos – und er verliert keine Zeit, seine Aufträge auszuführen. Gelingt es Natalia Ustinov, Top-Agentin einer geheimen amerikanischen Regierungsstelle, die zum Schein als Luxus-Callgirl arbeitet, den kaltblütigen Mörder zu täuschen und rechtzeitig auszuschalten?

Prolog

Sie zog sich aus, weil er es von ihr verlangt hatte. Seine kalten Augen tasteten sie ab. Sie fühlte seinen stechenden Blick über ihre schwellenden Hüften streichen und schauderte. Ihr Haar war blond. Sie hatte es erst kürzlich färben lassen. Ihre großen Brüste waren vollendet geformt. Sie hoben und senkten sich in diesem Augenblick sehr schnell und verrieten, wie schrecklich aufgeregt Maria Jirka war. Kleine Schweißtröpfchen erschienen auf ihrer Stirn. Ihre Angst war unbeschreiblich.

»Wie hast du mich gefunden?«, fragte sie den dunkel gekleideten Mann. Er trug einen flachkronigen Hut. Sein Haar darunter war schütter, das wusste Maria.

»Ich finde jeden«, erwiderte Bela Hancil mit einem frostigen Lächeln.

»Sie haben sehr schnell reagiert«, sagte das blonde Mädchen.

»Das tun sie doch immer, wenn ihnen jemand den ganzen Kram hinschmeißt. Du hättest es wissen müssen, Maria.«

Sie setzte eine verzweifelte Miene auf.

»Ich konnte das einfach nicht mehr machen. Ich dachte, sie würden mich verstehen.«

Bela Hancil grinste.

»Sie begreifen nur eines: Du bist den Verlockungen der westlichen Welt erlegen.«

»Das ist nicht wahr, Bela. Das stimmt nicht. Ich habe mich in den Mann, den ich bespitzeln sollte, verliebt. D a s  ist mein Problem.«

»Sich zu verlieben, ist der größte Fehler, den Mädchen wie du begehen können, Maria«, sagte Hancil vorwurfsvoll.

Dann machte er einen schnellen Schritt auf die Nackte zu. Seine Arme schossen vor. Die Finger legten sich wie Stahlklammern um den schlanken Hals des Mädchens. Verzweifelt wehrte sie sich, doch Bela Hancil verstand sein Handwerk. Maria Jirka hatte keine Chance.

1

Sie trafen sich auf einer Bank im Central Park. Charles Newton fütterte die Tauben mit einer Hingabe, wie sie normalerweise nur Rentnern eigen ist, die nicht wissen, wie sie die vielen Stunden im Laufe eines Tages totschlagen sollen. Der dicke Mann spielte seine Rolle vortrefflich. Niemand hätte in ihm den Chef einer straff organisierten Agentengruppe erkannt, dessen Aufgabe darin bestand, in speziellen Fällen die Aktionen von FBI, CIA, Justizministerium und Pentagon zu koordinieren.

Einige Tauben flogen auf, als Natalia Ustinov die Bank erreichte, auf der Newton sie erwartete. Sie trug ein blaues Kostüm mit verschwimmenden Farbtönen. Ihr Lächeln war freundlich und gewinnend.

»Ein herrlicher Tag heute«, sagte sie und setzte sich neben den geheimnisvollen Mann, der vor einigen Tagen die Zentrale seiner Organisation von der Westküste nach New York verlegt hatte.

Der »Buddha« nickte und warf den Tauben wieder Körner zu, die sie gierig aufpickten.

»Wie geht es Ihnen, Nat?«, fragte er, ohne die faszinierende Frau, die er persönlich für seine beste Agentin hielt, anzusehen.

»Danke der Nachfrage. Ich kann nicht klagen. Und wie steht’s mit Ihnen?«

»Schlecht«, seufzte Newton. »Wie sollte es mir sonst gehen?«

»Haben Sie Kummer?«

»Man sieht es mir an, nicht wahr?«

»Wenn man Sie so gut kennt wie ich - ja.«

»Sagt Ihnen der Name Bela Hancil etwas, Nat?«

»Er arbeitet für eine östliche Geheimpolizei. Ist das richtig?«

»Für die HSK, richtig.«

»Warum fragen Sie mich nach ihm?«, wollte Natalia wissen.

»Was für einen Job hat Hancil, Nat?«

»Er tötet Menschen.«

Charles Newton leckte sich die Lippen.

»Ja, Nat, er tötet Menschen. Und zwar mit der Präzision einer Maschine. Er ist eiskalt und das Schlimmste, was die HSK zur Zeit zu bieten hat. Sie setzen ihn immer dann ein, wenn sie sicher sein wollen, dass es keine Panne gibt. Bela Hancil zu begegnen - ich meine, wenn man auf seiner Liste steht -, heißt für den Betroffenen nichts anderes, als dass sein Leben damit beendet ist. Es hatte bisher noch keiner eine Chance gegen ihn. Wenn ich behaupte, dass er etwa fünfzig Menschen umgebracht hat, nenne ich absichtlich die untere Grenze. Da ihm niemals etwas nachzuweisen ist, kann die Zahl der Opfer selbstverständlich auch wesentlich höher liegen.«

Natalia legte den Kopf schief.

»Weshalb erzählen Sie mir so viel über diesen Mann, Mr. Newton?«

»Wir haben einen Tipp erhalten. Hancil soll in die Staaten kommen und ein paar Leute abservieren. Wir wissen nicht, wann das sein wird, und wir haben keinen blassen Schimmer, wen es treffen soll. Vielleicht ist er bereits hier. Kann sein, dass er in diesem Moment seinen ersten Mord begeht.«

Natalia hielt unwillkürlich die Luft an. Gespannt wartete sie darauf, dass Newton weiterredete, denn das dicke Ende kam bestimmt noch. Sie kannte Newton. Er hatte sie nicht hierherbestellt, bloß um ihr sein schweres Herz auszuschütten. Der Chef wollte etwas von ihr. Sie drang aber nicht in Newton. Er würde von selbst damit herausrücken.

»Wir haben alle Sicherungen eingeschaltet«, erzählte der »Buddha« und schnaubte kurz. »Leute, die auf unserer Liste stehen und irgendwie den Geruch an sich haben, mit dem HSK-Geheimdienst in Verbindung zu stehen, werden von uns überwacht. Unsere Elektronik-Experten haben ihre Telefone angezapft. Infrarotkameras sind eingesetzt, Richtmikrophone belauschen verdächtige Personen ... Aber das gehört alles zur starren Routine. Damit haben Sie nichts zu tun, Nat. Das heißt aber nun nicht, dass Sie arbeitslos werden - im Gegenteil. Ich beabsichtige, auf Ihren zarten Schultern die Hauptlast des Unternehmens zu legen. Denken Sie, dass Sie darunter nicht zusammenbrechen werden?«

»Ich bin stark wie ein Pferd«, entgegnete Natalia lächelnd. »Was soll ich tun?«

»Hören Sie zu, Nat. Sie sind mein größter Trumpf in diesem gefährlichen Hasardspiel. Wenn Sie versagen, werden vermutlich mehrere Leute sterben, und zwar von Hancils Hand.«

»Selbst ich bin gegen Rückschläge nicht gefeit, Mr. Newton.«

»Ich weiß, dass Sie nicht zaubern können, Nat. Aber Ihre geistigen und beruflichen Qualitäten lassen mich doch berechtigt hoffen, dass wir diesen gemeinen Killer abfangen können, ehe er dazu kommt, seinen Auftrag auszuführen.«

»Haben Sie schon eine Vorstellung, wie wir an die Sache herangehen sollen?«

»Ja, natürlich.« Newton griff in die Innentasche seines Jacketts, zog das Foto eines Mannes heraus und reichte es Natalia. »Hier, damit Sie sehen, wie er aussieht.«

»Das ist Bela Hancil?«

»Das ist er.«

Natalia lief es kalt über den Rücken. In ihrem Unterbewusstsein formte sich der Wunsch, diesem Mann niemals zu begegnen. Gleichzeitig aber wusste sie, dass sich eine solche Begegnung nicht vermeiden lassen würde. Etwas in ihr warnte sie vor diesem Mann. Sein Gesicht war schmal, an den Wangen erkannte sie die Schatten von zwei dunklen Falten. Der Mund wirkte wie ein Strich. Und die Augen Bela Hancils waren so seelenlos wie Glaskugeln.

»Wie wir alle«, fuhr Charles Newton fort, »hat auch Hancil so seine kleinen Angewohnheiten. Vielleicht liegt genau darin unsere Chance, seiner habhaft zu werden. Sein Lebensinhalt ist das Töten, überall auf der Welt. Doch zwischendurch fühlt er sich einsam. Er hat keine Freunde, verstehen Sie? Niemanden, mit dem er sich treffen, mit dem er reden kann. Er besitzt auf der ganzen Welt keinen Menschen, dem er vertrauen könnte. Für solche Leute wird die Einsamkeit zum Fluch. Wenn er sie nicht mehr ertragen kann, sucht er die Nähe eines Mädchens. Er rührt es nicht an. Es genügt ihm, wenn es bei ihm ist und sich mit ihm betrinkt. Merken Sie nun, worauf ich hinaus will?«

»Sie meinen, ich soll dieses Mädchen sein, das ihm Gesellschaft leistet.«

»Ich habe mir die Sache reichlich überlegt, ehe ich Sie bat, die Rolle eines Callgirls zu übernehmen, Nat. Wir werden versuchen, ihm Ihre Telefonnummer zuzuspielen - über Mittelsmänner, die an der richtigen Stelle herumerzählen werden, was für ein großartiges Erlebnis das Callgirl Natalia Ustinov ist. Wenn er davon Wind bekommt, wird er bei Ihnen auftauchen, davon bin ich überzeugt. So etwas lässt sich Bela Hancil nicht entgehen.«

»Wieso rührt er die Mädchen nicht an, die ihm Gesellschaft leisten? Warum betrinkt er sich nur mit ihnen? Das ist doch nicht normal.«

»Da gebe ich Ihnen vollkommen recht, Nat. Bestimmt würde Hancil mit den Mädchen mehr anstellen, als bloß mit ihnen trinken, wenn er dazu in der Lage wäre.«

»Das verstehe ich nicht. Der Mann ist doch höchstens vierzig Jahre alt.«

»Er hatte vor zehn Jahren einen Auftrag in China zu erledigen. Dabei fiel er einer Gruppe von Fanatikern der Roten Garde in die Hände. Es ist hinlänglich bekannt, was sich da alles abgespielt hat. Seither vermag er einem Mädchen nichts mehr zu geben.«

»Irgendwie eine tragische Figur«, sagte Natalia, warf noch einen Blick auf das Foto und gab es dem Dicken zurück. »Angenommen, er meldet sich bei mir. Was habe ich dann zu tun?«

»Wie gesagt, er wird den Wunsch haben, sich mit Ihnen zu betrinken«, antwortete Charles Newton und entnahm seiner Hosentasche ein kleines Fläschchen. »Sie werden ihm das in seinen Drink geben. Aber Vorsicht, damit er nichts merkt!«

Natalia griff nach dem Fläschchen und schüttelte es. Die Flüssigkeit darin war glasklar.

»Was ist das?«, fragte sie. »Gift?«

»Ganz gewöhnliche K.o.Tropfen. Wer sie schluckt, fällt um, das ist alles. Die Ohnmacht hält einige Zeit an. Dann kommt man wieder zu sich. Absolut harmlos, das Zeug, ohne jede schädigende Nachwirkung auf den menschlichen Organismus.«

»Okay. Hancil fällt also wie tot um. Und was weiter?«

»Alles Weitere übernehmen wir dann. Sobald er flachliegt, rufen Sie mich an. Ich lasse den Knaben unverzüglich abholen. Damit ist die Sache für Sie auch schon gelaufen.«

»Hört sich an, als wäre es genauso leicht, wie mit dem Finger zu schnippen.«

»Es wäre genauso leicht, wenn der Mann, dem Sie diese Tropfen einflößen sollen, nicht Bela Hancil hieße. Nehmen Sie diesen Auftrag um Himmels willen nicht auf die leichte Schulter. Hancil ist gefährlicher als ein Sack voller Klapperschlangen. Und wenn irgendetwas sein Misstrauen weckt, das ohnedies stets auf dem Sprung ist, kann es zur furchtbarsten Katastrophe kommen.«

Es hatte in Natalias Geheimdienstlaufbahn noch niemals einen Auftrag gegeben, den sie auf die leichte Schulter genommen hatte. Newtons Warnung war überflüssig. Sie ließ sie trotzdem unwidersprochen, schob das Fläschchen in ihre Handtasche und sagte: »Eine Frage noch, Mr. Newton.«

»Ja, Nat?«

»Wenn Sie Hancil haben, was machen Sie dann mit ihm?«

»Ihre Aufgabe ist es, ihn uns zu beschaffen. Alles andere sollte Sie nicht kümmern. Da ich aber weiß, wie wissbegierig Sie sind, muss ich Ihnen wohl ein bisschen mehr erzählen. Bela Hancil kennt eine Menge Namen. Es wäre töricht, ihn zu beseitigen. Er nützt uns lebend wesentlich mehr. Unsere Spezialisten werden ihn zum Reden bringen. Hancil in unserer Hand - das ist eine Bombe im gegnerischen Lager, die von uns ferngezündet werden kann.«

Die Agentin erhob sich und reichte dem Dicken die Hand.

»Wenn ich sein Typ bin, kriegen Sie ihn, Mr. Newton.«

2

Seit Generationen beliefern die Salvas Werke die Armee ebenso wie die Marine mit allem möglichen militärischen Material. Der Juniorchef des Unternehmens hieß Gig Salvas. Sein Verdienst war es, dass der Salvas Konzern von der Regierung auf Jahre hinaus mit der Produktion von wichtigen Teilen für Radaranlagen beauftragt worden war. Seine Unterschrift stand unter den gewinnbringenden Verträgen. Vater Salvas trieb sich mit seiner dritten Ehefrau irgendwo in der Weltgeschichte herum. Er kümmerte sich nicht mehr um den Konzern, wusste er ihn doch bei Gig in den besten Händen.

Trotz seiner zweiunddreißig Jahre war Gig Salvas ein mit allen Wassern gewaschener Geschäftsmann. Selbstverständlich war er auch mit allen Salben geschmiert. Ihn übers Ohr zu hauen, war zumindest ebenso schwierig, wie gegen einen gut programmierten Computer eine Partie Schach zu gewinnen. Er kannte einfach alle Schliche. Und den Rest machte sein Gespür für ein sicheres Geschäft aus.

Salvas war groß, breitschultrig, hätte mit seinen Muskelpaketen vermutlich Mr. Universum auf Platz zwei verwiesen, sah obendrein gut aus und gefiel sich in der Rolle des Playboys.

Zumindest war das bis vor einem Jahr so gewesen. Und dann war plötzlich Maria Jirka in sein Leben getreten. Der heißblütige Salvas, dessen einziger Fehler die gefährliche Neigung zum Jähzorn war, hatte sich Hals über Kopf in Maria verliebt. Er hatte von dem Mädchen, das ihn so sehr in seinen Bann geschlagen hatte, nahezu nichts gewusst, und er wusste immer noch nicht sehr viel von ihr. Es war ihm nur bekannt, dass sie aus Ungarn in die Staaten gekommen war, dass sie sich ihr Geld als Grafikerin verdiente - und dass sie ihn genauso liebte, wie er sie. Das genügte ihm, um allmählich den Entschluss in ihm reifen zu lassen, sie zu seiner Frau zu machen.

Noch hatte Salvas zu keinem Menschen darüber gesprochen. Aber er wollt sich Maria schon bald erklären. Er wartete nur noch auf den günstigsten Moment. Im nächsten Monat hatte sie Geburtstag. Salvas hatte vor, sie mit Geschenken zu überhäufen. Und dann wollte er sie fragen, ob sie seine Frau werden wollte, einfach über alle Schranken der menschlichen Gesellschaft hinweg. Das arme Mädchen und der reiche Playboy, der sich die Hörner bereits abgestoßen hatte. Er ersehnte sich nichts so sehr wie ihre Zustimmung. Alles andere konnte er sich für sein Geld kaufen.

Sie saßen in einem weißen Rolls Royce. Das war einer der siebzehn Wagen, die Salvas sein eigen nannte. Al Zinner, ein ehemaliger Catcher, steuerte den Schlitten. Terence York, ein ehemaliger Boxer, saß neben ihm, während sich Salvas im Fond des Wagens befand.

»Halten Sie dort vorn an, Al!«, verlangte Salvas vom Fahrer.

»Im Halteverbot, Sir?«

»Ich bin sicher, die Polizei wird uns diese kleine Sünde verzeihen.« Gig Salvas grinste, und Zinner trat auf die Bremse. Er wollte aus dem Wagen springen und die Tür aufreißen. Doch Salvas war schon draußen.

»Bemühen Sie sich nicht«, sagte der blonde Millionär schmunzelnd. »Ich werde erst im Greisenalter auf Ihre Hilfebereitschaft zurückkommen.«

Zinner grinste schief.

»Ich wette, dann sind Sie immer noch schneller als ich, Sir.«

Salvas betrat das Haus, vor dem der Rolls Royce hielt. Zinner blickte auf seine Armbanduhr.

»Wir hätten ihn fragen müssen, ob wir ihn begleiten sollten.«

York zuckte die Achseln.

»Er hätte uns gesagt, dass wir mitkommen sollen, wenn es nötig gewesen wäre.«

»Und wenn ihm nun was zustößt? Dann bleibt’s an uns hängen.«

York winkte ab.

»Findest du nicht, dass du deinen Job ein bisschen zu ernst nimmst, Al?«

»Verflucht, ich lebe von diesem Job. Und nicht mal so schlecht. Vielleicht denke ich ein bisschen weiter als du, Junge. Überleg doch mal, was geschieht, wenn es Gig Salvas durch irgendeinen dummen Zufall plötzlich nicht mehr gibt. Dann sind wir diesen Job los, stimmt’s?«

»Sicher.«

3

Salvas erreichte den zweiten Stock. Er dachte daran, dass er Blumen hätte mitbringen sollen, nahm sich vor, später welche für Maria zu besorgen, oder - noch besser - sie selbst welche aussuchen zu lassen. Er legte den Daumen auf den Klingelknopf. Drinnen schellte es. Salvas setzte ein erwartungsvolles Lächeln auf, richtete die ohnehin korrekt sitzende Krawatte ungeduldig und nahm sich vor, Maria blitzschnell mit seinen Armen zu umschlingen, sie hochzureißen, sie an sich zu drücken und sie so lange zu küssen, bis ihr die Luft wegblieb.

Enttäuschung färbte sein Lächeln, als Maria nach dem zweiten Klingeln immer noch nicht öffnete.

Das gibt es nicht, dachte Salvas. Wir sind doch verabredet. Es ist neun. Wir wollten aufs Land fahren. Sie kann das nicht vergessen haben. Maria hat bisher alle Termine eingehalten.

Er legte die flache Hand an die Tür, und obwohl er damit gerechnet hatte, dass sie aufgehen würde, erschrak er leicht.

Beunruhigt lauschte Salvas. Etwas lähmte ihn. Er vermochte den ersten Schritt nicht sofort zu tun. Die Sorge um das Mädchen, das er mehr als sich selbst und mit einem alles verzehrenden Feuer liebte, begann beängstigend schnell in seinem Innern hochzuwuchern.

»Maria!«, rief er in die Wohnung. Seine Stimme klang heiser. Der Ruf war nicht viel lauter als ein verlegenes Flüstern. »Maria, bist du da?«

Niemand antwortete.

Salvas holte tief Luft und betrat dann die Wohnung.

»Maria?«

Stille - dumpf, irgendwie unheilschwanger, fühlbar und unangenehm. Ein kaltes Prickeln lief Salvas über den Nacken und die Wirbelsäule hinunter. Dass hier irgendetwas nicht in Ordnung war, ahnte er mit erschreckender Deutlichkeit. Sein Herz schlug rasend schnell.

»Maria!«

Er machte einige rasche Schritte durch die Diele und erreichte die halb offen stehende Tür zum Wohnzimmer.

Sein Blick irrlichterte durch den Raum und blieb schließlich starr an dem nackten toten Mädchen hängen.

»Maria!« Sein Schrei barg Grauen, Entsetzen und namenlose Verzweiflung in sich. »Mein Gott, Maria!«, murmelte er verstört. Sein Gesicht war mit einem Schlag teigig geworden. Seine Lider flatterten, der Mund stand weit offen. Unbeschreibliche Panik verzerrte seine Züge.

Salvas fiel heulend neben dem Mädchen auf die Knie. Er fasste nach ihrem hübschen, bleichen Gesicht. Mit beiden Händen hielt er es, hob es zitternd hoch, starrte es ungläubig an, wollte nicht begreifen, dass seine Maria nicht mehr lebte.

»O mein Gott - oh Gott - oh Gott - oh Gott!«, jammerte Salvas verzweifelt. Er hatte geglaubt, nicht weinen zu können, doch nun, angesichts dieser Toten, füllten sich seine Augen plötzlich mit glitzernden Tränen. Erschüttert starrte er auf die hässlichen Würgemale an Marias Hals. »Wer hat das getan?«, fragte er keuchend vor Schmerz, ein Herz drohte zu zerbrechen. »Wer hat dir das angetan, Maria?«

Plötzlich war da etwas.

Ein vages Geräusch, kaum zu vernehmen. Salvas registrierte es zwar, aber er reagierte nicht schnell genug darauf.

Als ihn der Schreck aber dann hochriss und herumwirbeln ließ, war es für jede Art von Verteidigung zu spät.

Etwas - oder jemand - flog auf ihn zu. Salvas warf instinktiv die Arme hoch, um sich zu schützen. Der Angreifer war jedoch um vieles flinker. Ein dunkel schimmernder Gegenstand in seiner rechten Hand fegte von oben auf Salvas’ Kopf herab.

Der bestürzte Mann steppte zur Seite, doch der Totschläger traf ihn trotzdem und warf ihn brutal in eine Welt, die nur aus schwarzen Schatten und sonst nichts bestand.

4

»Einmal im Monat lasse ich die Puppen tanzen«, sagte Al Zinner grinsend. »Da achte ich nicht darauf, was die Welt kostet. Einmal im Monat möchte ich mir alles das leisten, was sich unser Chef jeden Tag leisten kann.«

Terence York schob die Unterlippe vor und blickte auf seine fleischigen Finger.

»Blödsinn. Was sich Salvas leisten könnte, wenn er wollte, kriegst du doch für deine paar lausigen Dollar nicht.«

»Mir reicht’s.«

»Es macht dir Spaß, das Geld mit vollen Händen zum Fenster rauszuschmeißen, wie?«

Zinner grinste.

»Ich genieße es richtig.«

»Und wenn du mal alt und schäbig bist, gehörst du zu jenen Typen, die irgendwo an ’ner Ecke herumlungern, ’nen Hut zwischen den Knien, und darauf warten, dass ihnen jemand ein paar Cents hineinwirft.«

»Was willst du damit sagen?«

»Dass du auch an die Zukunft denken solltest, statt die Moneten sinnlos zu verjubeln.«

Zinner zog die Mundwinkel nach unten.

»Das musst ausgerechnet du mir sagen.«

Die Unterhaltung der beiden unterbrach sich von selbst, als das Haustor aufging und ein schwarzgekleideter Mann mit flachkronigem Hut herauskam.

Zinner grinste.

»Nun sieh dir den an, Terence. Sieht der nicht aus, als wäre er zu seiner eigenen Beerdigung unterwegs?«

York nickte.

»Scheint ein ganz besonders komischer Vogel zu sein.«

Der Mann sah sich kurz um, schlenderte dann die Straße entlang und verschwand kurz darauf aus dem Blickfeld der Leibwächter.

Zinner musterte seinen Kollegen.

»Wovon haben wir vorhin gesprochen?«

York winkte ab.

»Ach, lass, Al. Die Unterhaltung führt sowieso zu nichts.«

Zinner zuckte mit den Achseln, steckte sich eine Zigarette an, blies den Rauch zum Seitenfenster hinaus, schob die Manschette hoch und schaute ungeduldig auf seine Uhr.

»Viertelstunde«, brummte er. »Was macht der Chef denn so lange da oben?«

»Vielleicht war sie noch nicht fertig.«

»Sie ist doch sonst immer pünktlich wie die Uhr.«

»Mal kann sich auch Maria Jirka verschlafen, oder nicht?«

»Na ja«, sagte Zinner misstrauisch. Er wollte nur noch die Zigarette fertig rauchen und dann mal nach dem Rechten sehen. Es schmeckte ihm nicht, den Chef so lange unbeaufsichtigt zu lassen. Schließlich bekam er nicht dafür bezahlt, dass Salvas allein ... Verdammt, unterbrach er sich in seinen Gedanken, vielleicht bin ich wirklich zu gewissenhaft. Was sollte denn schon passieren?

Nach sechs Zügen hatte er genug von seinem Glimmstängel. Er klemmte ihn zwischen Daumen und Mittelfinger und schnippte ihn dann bis zur Hauswand.

»Komm, Terence! Wir lüften mal ein bisschen unseren Hintern aus!«, sagte er und verließ den weißen Rolls Royce.

Sie erreichten die offen stehende Wohnungstür.

Zinner warf York einen erschrockenen Blick zu.

»Na, was sagst du jetzt?«

»Was soll ich sagen?«

»Gefällt dir das?«

»Die offene Tür?«

»Ja.«

»Ist das denn so ’ne Sensation?«

Zinner winkte ärgerlich ab. Seine Hand fuhr ins Jackett. Er zog eine Beretta, entsicherte sie und betrat dann mit zusammengekniffenen Augen die Wohnung.

»Ich habe ’ne Nase für Sachen, die stinken, sage ich dir, Terence. Und hier drinnen stinkt es ganz gewaltig.«

»Mr. Salvas!«, rief York, nun selbst unsicher.

»Rufen hat keinen Zweck!«, zischte Al Zinner und stürmte los.

Augenblicke später stand er im Wohnzimmer. Die Luft entwich geräuschvoll durch seine geblähten Nasenlöcher. Mit verkanteten Zügen starrte er auf Salvas, der zu seinen Füßen lag, und dann ließ er seinen Blick zu Maria Jirka weitergleiten.

York stöhnte hinter ihm: »Ach, du meine Güte!«

»Was habe ich gesagt«, murmelte Zinner.

»Wir müssen sofort die Polizei verständigen!«, stieß York aufgeregt hervor.

Sein Kollege nickte.

»Dort steht das Telefon. Aber fass den Hörer mit dem Taschentuch an!«

5

Natalia Ustinov stand mit einem Drink an der Panoramascheibe und schaute zum New Springville Park hinunter. Die Eiswürfel in ihrem Glas schmolzen allmählich dahin.

Warten, dachte sie. Es gibt nichts Schlimmeres als das.

Die attraktive Agentin leerte ihr Glas und verließ ihren Platz am Fenster. Ihr Blick fiel auf das Telefon. Ein Callgirl war sie, zumindest nach außen hin. Mit der Rufnummer 2000. Aber nur wenige kannten diese Nummer. Es rankte sich ein kleines Geheimnis darum. Es waren sorgfältig ausgewählte Leute, die diese Nummer bekamen. Leute wie Bela Hancil zum Beispiel. Oder Industriemanager, denen Natalia mit allen erlaubten und unerlaubten Tricks jene Würmer aus der Nase zu ziehen hatte, die Charles Newton interessierten. Wie hätte das besser bewerkstelligt werden können als in diesem unauffälligen Rahmen.

Natalia stellte ihr Glas weg.

Obwohl die Klimaanlage für eine konstante Temperatur im Raum sorgte, kam es Natalia ziemlich schwül vor.

Sie schälte sich hastig aus ihren Kleidern und lief mit nackten Füßen ins Bad, um zu duschen. Bevor sie ihre prächtige Haarfülle unter die Badehaube schob, betrachtete sie sich wohlgefällig im Spiegel.

Sie hatte einen makellosen Körper - jung, geschmeidig, schlank, mit einem herrlichen Busen, einer aufregend engen Taille, schwellenden Hüften und vollendet geformten Beinen.

Rasch drehte sie an den Hähnen. Dann genoss sie die nadelfeinen Strahlen der Brause, die wohltuend auf ihre weiche Pfirsichhaut trafen.

Hinterher fühlte Natalia sich wie neugeboren. Sie verließ das Bad nackt, wie sie war, als das Telefon draußen anschlug. Im Vorbeigehen fischte sie ein Handtuch vom Haken, und während sie den Hörer von der Gabel nahm, begann sie die glitzernden Wasserperlen von ihrer nahtlos braunen Haut zu frottieren.

Charles Newton war der Anrufer.

»Hancil ist da!«, sagte er bitter.

Die Agentin spürte sofort, dass etwas passiert war. »Er hat bereits einen Mord verübt«, fügte der Dicke wütend hinzu.

»Wen?«

»Eine junge Ungarin Maria Jirka ... Hochqualifizierte Genossin ... Parteischule ... Zur Spionin ausgebildet, in die Staaten eingeschleust und auf einen Mann namens Gig Salvas angesetzt ...«

»Salvas Radaranlagen!«, fiel Natalia Newton ins Wort.

»Sehr richtig, Nat. Maria Jirka hatte den Auftrag, sich an Salvas heranzumachen und ihn laufend zu bespitzeln. Aber gegen die Liebe haben auch die im Osten noch kein Kraut gefunden.«

»Maria hat sich in Salvas verliebt?«, fragte Natalia.

»Ja. Und Salvas hat an dem Mädchen Feuer gefangen. Die beiden wurden zu einem unzertrennlichen Paar. Salvas wollte der Jirka im nächsten Monat einen Heiratsantrag machen. Soviel wir herausbekamen, ließ Maria ihre Auftraggeber wissen, dass sie das schmutzige Spiel mit Salvas nicht mehr weiterspielen wollte. Sie sagte, sie würde aussteigen.« Newton seufzte. »Aussteigen, als ob das bei denen so leicht ginge.«

»Das geht nirgendwo leicht.«

»Armes Mädchen. Sie hätte sich an uns wenden sollen. Vielleicht hätten wir ihr dieses Schicksal ersparen können.«

»Wieso wissen Sie, dass es Hancil getan hat?«, erkundigte sich Natalia.

»Salvas’ Leibwächter haben Hancil aus dem Haus kommen gesehen, in dem Maria Jirka ermordet wurde.« Newton schilderte nun in allen Einzelheiten, was er von der zuständigen Polizeidienststelle erfahren hatte. »Sieht so aus, als hätte Gig Salvas einen schweren Schock erlitten«, fuhr Newton dann fort. »Der Junge ist an Leib und Seele gebrochen. Er soll kaum ansprechbar sein, döst vor sich hin, redet wirres Zeug, brüllt und tobt zeitweilig. Kann sein, dass er eine Menge Dummheiten anstellt, wenn er wieder einigermaßen klarsieht. Er soll ein gefährlicher Hitzkopf sein, heißt es. Solche Menschen sind unberechenbar, wenn sie vom Schicksal einen gemeinen Tritt unter die Gürtellinie kriegen. Manchmal macht die eiskalte Wut sie blind, und sie laufen Amok. Dann werden sie für sich selbst zur Gefahr.«

»Wer bearbeitet den Mord an Maria Jirka?«, fragte Natalia. Sie war nun trocken und warf das Handtuch über ihre wohlgerundeten nackten Schultern.

»Captain Judd von der zuständigen Mordkommission«, antwortete der Dicke.

»Ein fähiger Mann?«

»Einer, der sich so richtig in einen Fall verbeißt. Zäh wie Leder. Er hat sofort eine Großfahndung angekurbelt. Ich wollte ihm in seine Arbeit nicht dreinreden, aber mit einer Großfahndung erwischen sie Bela Hancil auch nicht.«

»Apropos Hancil. Sie wollten ihm meine Telefonnummer zuspielen.«

»Die Sache läuft, Nat. Die Angeln sind bereits ausgelegt. Nun heißt es, darauf warten, bis Hancil nach dem Köder schnappt.«

»Wie stehen die Chancen?«

»Das weiß kein Mensch. Sollte er sich in den nächsten vierundzwanzig Stunden nicht bei Ihnen melden, fahren Sie zu Orson Hyer. Das ist ein guter Bekannter von uns.«

»Sie meinen, er arbeitet für Sie?«

»Ja.«

»Wo wohnt der Mann?«

»Er ist in Queens zu Hause«, sagte Charles Newton und nannte Natalia die Adresse des Agenten. »Der Mann kann für uns vielleicht noch zum heißen Eisen werden.«

»Das keiner anzufassen wagt?«

»Mit dem wir Hancil möglicherweise packen können wie mit einer glühenden Zange.«

»Was ist das Besondere an Orson Hyer, Chef?«

»Er kennt Bela Hancil fast so gut wie sich selbst. Sie wissen ja, wie das in unserem Beruf so geht. Hyer hatte mal hinter dem Eisernen Vorhang zu tun. Man fing ihn ab und polte ihn um. Und dann schickten sie ihn mit Bela Hancil auf Tournee. Hyers Flucht war eine kleine Sensation. Natürlich haben sie mehrmals versucht, Hyer fertigzumachen, aber wir konnten uns jedes Mal schützend vor ihn stellen. Wenn also Hancil nicht zu Ihnen kommt, Nat, gehen Sie zu Orson Hyer und hören sich an, was er über den Ungarn zu erzählen weiß. Vielleicht bringt Sie das dann auf eine gute Idee.«

Das war’s. Newton legte auf.

Natalia holte frische Wäsche aus dem Schrank und kleidete sich an. Mit schlängelnden Bewegungen streifte sie ihren streichholzschachtelgroßen Slip nach oben. Dann legte sie das dünne Gewebe des Büstenhalters über ihre Brüste und hakte das Ding mit einer gekonnten Bewegung zu.

Kaum war sie vollständig angezogen und frisiert, da schlug das Telefon erneut an. Natalia rechnete damit, dass es noch einmal Newton war, vielleicht mit der nächsten Hiobsbotschaft.

Aber es war nicht der Dicke.

Es war Bela Hancil. Der Agentin blieb für einen kurzen Moment das Herz stehen.

6

Gig Salvas saß auf der Terrasse seines Tudor-Hauses. Ein malvenfarbener Schirm spendete reichlich Schatten. Salvas hatte einen mehrstöckigen Whisky neben sich stehen. Es war die vierte oder fünfte Füllung seines Glases. Er zählte nicht mit. Wieder trank er. Wehmütig schaute er zum Swimmingpool, auf dessen Wasseroberfläche blitzende Lichtreflexe tanzten. Maria war so gern geschwommen. Er hörte ihr vergnügtes Lachen. Plötzlich weiteten sich seine Augen. Seine Vorstellung war mit einem Mal so realistisch, dass er glaubte, Maria im Wasser planschen zu sehen. Sekundenlang hielt er den Atem an. Maria winkte ihm. Dann kraulte sie auf ihn zu. Und dann war sie plötzlich für einen ganz kurzen Augenblick verschwunden. Salvas erschrak. Aber dann war Maria wieder da. Nun war sie nackt. Und sie lag auf dem Grund des Swimmingpools. Sie regte sich nicht. Und an ihrem schlanken Hals waren diese grauenvollen Würgemale zu sehen.

»Nein!«, schrie Gig Salvas entsetzt auf und schlug die zitternden Hände vors bleiche Gesicht. »Oh, nein!«

Dann kam wieder die lähmende Lethargie über ihn. Er trank sein Glas leer. Seine Finger vibrierten. Er hob beide Hände vor die brennenden Augen und wünschte sich nichts sehnlicher, als diese Finger um den Hals jenes Mannes zu legen, der ihm auf grausame Weise Maria genommen hatte.

Rache! Ja, Salvas wollte Rache nehmen, unbarmherzig, gnadenlos. Er wusste nur noch nicht, wie er es anstellen sollte. Er wusste nur, dass er den Mann töten würde, wenn er ihn gefunden hatte.

7

»Miss Natalia Ustinov?«, fragte Hancils blecherne Stimme. »Mein Name ist Bela.« Den Zunamen blieb er einfach schuldig, aber er brauchte ihn nicht zu nennen. Es gibt nicht allzu viele Belas in New York, die gerade dann anrufen, wenn man auf ihren Anruf wartet.

»Bela«, wiederholte Natalia, während ihr etwas über die Wirbelsäule zu krabbeln schien. »Was kann ich für Sie tun?«

»Ich bin Ausländer.«

»Ungar?«

»Ja.«

»Geschäftlich in New York?«

»Ja, richtig.«

»Und Sie fühlen sich einsam, nicht wahr?«

»Sehr einsam. Ich dachte, Sie könnten mir ein wenig von Ihrer kostbaren Zeit schenken.«

»Schenken?«

»Nun ja, das brauchen Sie natürlich nicht wörtlich zu nehmen. Ich kann bezahlen, was Sie verlangen.«

»Wann möchten Sie kommen?«, fragte Natalia mit vibrierenden Nerven. Vor ihrem geistigen Auge erschien das Bild des Ungarn. Sie schauderte. Ihre Gedanken drehten sich um das Fläschchen, das sie von Newton bekommen hatte. Sie hörte ihn sagen, wie gefährlich dieser Killer sei, sie musste an ihren Auftrag denken.

»Wann darf ich kommen?«, erkundigte sich Hancil.

»Wer hat Ihnen meine Nummer gegeben?«

»Ein Freund.«

»So, ein Freund. Und Sie möchten ...«

»Müssen wir das denn am Telefon besprechen?«

»Aber nein.«

»Wann darf ich also kommen?«, fragte Bela Hancil. Natalia stellte fest, dass sein Amerikanisch beinahe lupenrein war. Nur an wenigen Stellen kam der Ungar durch.

»Passt es Ihnen in einer Stunde?«, fragte sie. »Ich möchte mich noch ein wenig für Sie zurechtmachen.«

»Ich werde pünktlich sein.«

Die Agentin nannte ihm ihre genaue Anschrift, dann legte sie schnell auf. In einer Stunde würde sie dem Mann gegenüberstehen, dem der Ruf einer kaltschnäuzigen Bestie vorausging: Bela Hancil.

8

Salvas schüttelte sich. Über den Tod von Maria hinwegzukommen, war ihm einfach unmöglich. Der schmerzliche Verlust hatte eine tiefe Wunde in seine Seele gerissen, und es würde eine schreckliche Narbe davon zurückbleiben. Eine Narbe, die er den Rest seines Lebens mit sich herumtragen würde, eine Narbe, die ihn zu jeder Stunde daran erinnern würde, wie furchtbar grausam ihm das Schicksal mitgespielt hatte.

Maria! Der Name zerfloss in seinem heißen Kopf. Er musste den Blick vom Swimmingpool fortreißen, schnellte hoch, rannte ins Haus, brüllte nach Zinner und York. Die beiden kamen gerannt, ihre Gesichter zeigten Besorgnis.

»Ist was nicht in Ordnung, Chef?«, fragte Zinner mit geballten Händen.

»Ihr wart doch auch bei Captain Judd.«

»Ja, Chef.«

»Was habt ihr ihm erzählt?«

»Alles, was wir wussten.«

Salvas nickte. Sein Blick verschleierte sich. Er stand ratlos im Zimmer und starrte auf den Teppich. Maria - er hatte viel zu wenig von ihr gewusst. Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn er sich bemüht hätte, mehr über sie zu erfahren. Aber es hatte ihm gereicht, was sie ihm erzählte. Worüber sie nicht sprechen wollte, danach hatte er nicht gefragt. Er hatte ihren Wunsch respektiert, die Vergangenheit nicht zu berühren. Und nun war es gerade diese Vergangenheit, über die er hätte Bescheid wissen müssen, um des Mannes habhaft zu werden, der Maria getötet hatte.

»Brauchen Sie uns, Chef?«, fragte York.

Salvas strich sich über die Augen und hob geistesabwesend den Kopf.

»Wie?«, fragte er verwirrt.

»Sollen wir bei Ihnen bleiben?«

Salvas nickte.

»Ja, ja. Setzt euch hier hin! Nehmt euch was zu trinken. Ich muss nachdenken. Ich glaube, wir haben etwas zu erledigen.«

Zinner und York nahmen sich Orangensaft. Sie tranken zumeist nur in ihrer Freizeit Alkohol. Und Salvas war in einer geistigen Verfassung, die es ihnen ratsam erscheinen ließ, einen klaren Kopf zu behalten.

Maria! Salvas war wieder bei seinem Mädchen. Er sah sie lächeln, sah sie vor sich durch den Raum schweben und hörte plötzlich ihre Stimme. Einmal, nur ein einziges Mal hatte sie von früher gesprochen - von Ungarn, von Freunden. Ein Name fiel Salvas ein: Jaroslav Cerny. Hatte Maria nicht gesagt, er wäre mit ihr nach Amerika gekommen? Cerny! Sie hatte von ihm wie von einem guten Freund gesprochen. Von einem Mann, mit dem man Pferde stehlen konnte, der mit einem durch Dick und Dünn ging. Jaroslav Cerny. Dunkel erinnerte sich Salvas, dass Maria so eine Andeutung gemacht hatte, falls sie mal in Schwierigkeiten geraten sollte, solle er - Salvas - sich mit Cerny in Verbindung setzen. Und sie hatte auch eine Adresse genannt! Verflucht, wie hatte sie nur gelautet?

Salvas zermarterte sich den Kopf, aber die Adresse wollte ihm nicht einfallen. Cerny, Jaroslav Cerny, dachte er ununterbrochen. Ein Freund von Maria. Wo in dieser Riesenstadt wohnte er?

9

Cerny war bei der Arbeit. Diesmal war die Arbeit gleichzeitig auch ein Vergnügen, denn der Mann aus dem Osten war mit der höchst reizvollen Tochter eines bekannten US-Generals beisammen.

Sie hieß Tina, war erst neunzehn und weizenblond. Vor einer halben Stunde war sie zu ihm gekommen. Nach zwei Drinks hatte sie ihre Kleider wie einen lästigen Ballast abgeworfen. Nun stand sie inmitten des großen verspiegelten Schlafzimmers und musterte Cerny mit ihren Glutaugen, in denen Leidenschaft und Sehnsucht, Liebe und Verlangen schimmerten.

Ihre herrlichen Brüste wölbten sich, als sie die Arme in die Luft streckte.

»Ich bin verrückt nach dir, Jaroslav!«, sagte sie leise.

»Ich liebe dich«, flüsterte Cerny.

Sie kam mit wiegenden Hüften auf das Bett zu, auf dem er angekleidet lag.

Ein Schauer erfüllte sie. Sie drückte die Zähne in die Lippen, als er ihr streichelnd über die Brüste fuhr. Das Gefühl, schreien zu müssen, nahm ihr den Atem. Keuchend ließ sie sich neben Cerny auf das Bett fallen und vergrub das leicht gerötete Gesicht in den Kissen.

Cerny kam sich nicht widerlich vor, als er sie nahm. Es war sein Job. Er sah gut aus und war dazu auserwählt worden, sich an Mädchen heranzumachen, aus denen Dinge herauszubekommen waren, die man im Osten interessant fand. Seit einem Jahr machte Cerny nichts anderes.

Er gab den jungen Mädchen, was sie haben wollten. Und sie gaben ihm - unbewusst -, was er brauchte.

Er sprach mit Tina über ihren Vater, als sie sich seufzend voneinander trennten. Sie kuschelte sich an ihn, nahm ab und zu einen Zug von seiner Zigarette und flüsterte: »Müssen wir ausgerechnet jetzt über meinen Daddy sprechen?«

»Wenn du nicht willst ...«

»Ich liebe meinen Vater, aber er würde es nicht dulden, dass ich mit dir ... Du bist ein Ausländer.«

»Was hat dein Vater gegen Ausländer?«

»Nichts, solange sie seine Tochter in Ruhe lassen. Du musst ihn verstehen, Jaroslav. Er hat nur mich und sonst keinen Menschen auf der Welt. Ma lebt seit vier Jahren nicht mehr. Es war für ihn sehr schwer, darüber hinwegzukommen. Er klammert sich manchmal förmlich an mich.«

»Er ist bestimmt sehr nett.«

»Er ist der beste Vater, den ich mir denken kann. Vielleicht lernst du ihn mal kennen.«

»Ich würde mich freuen, seine Bekanntschaft zu machen.«

»Ich werde versuchen, das zu arrangieren. Aber du musst Geduld haben.«

»Habe ich doch. Solange du mich besuchen kommst ...«

Tina küsste Cerny mit heißen Lippen auf den Mund.

»Ich werde immer zu dir kommen, Jaroslav.«

»In den nächsten Tagen finden Manöver in Massachusetts statt. Wird dein Vater daran teilnehmen?«

»Ja. Sie wollen da irgendeine neue Raketentype ausprobieren. Während Daddy fort ist, können wir uns öfter sehen. Freust du dich darüber?«

»Ich kann mir nichts Schöneres denken«, antwortete Cerny und ließ seine Fingerkuppen über den nackten Rücken des Mädchens gleiten.

Da schlug unten die Klingel an.

Tina federte hoch.

»Wer kann das sein?«, fragte sie.

»Besuch«, sagte Cerny schmunzelnd.

»Bist du mit jemandem verabredet?«

»Nur mit dir«, erwiderte der Ungar und glitt aus dem Bett. Vorsichtig schlich er zum Fenster. Er drückte den Vorhang nicht zur Seite, sondern äugte durch das engmaschige Gebilde zur Haustür hinunter.

»Wer ist es denn?«, fragte Tina gepresst.

Cerny zuckte mit den Achseln.

»Drei Männer. Ich kenne sie nicht.«

»Komm wieder zu mir, kümmere dich nicht um die Fremden!«

Cerny musterte die drei Männer. Sie waren groß und breitschultrig. Fremde Leute vor seiner Tür, das mochte er nicht. Man hatte ihm eingetrichtert, mit der Gefahr zu leben, immer an sie zu denken, sie niemals aus den Augen zu lassen. Er fragte sich, was die Männer von ihm wollten. Wenn er nicht hinunterging, um zu öffnen, würden sie wiederkommen. Und wenn er sie dann immer noch nicht empfing, würden sie es vermutlich ein drittes Mal versuchen, so lange eben, bis er mit ihnen redete. Also, warum nicht gleich, dann wusste er wenigstens, woran er war.

Hastig drehte sich Cerny um und strich sich das schwarze Haar aus der Stirn.

»Zieh dich an!«, flüsterte er dem Mädchen zu.

»Du willst mich doch nicht etwa hinauswerfen?«

»Nein. Du brauchst dich nur anzuziehen.«

»Aber ... aber warum denn, Jaroslav?«

»Bitte tu, was ich dir sage!«

»Sprichst du mit diesen Männern?«

»Ja.«

»Lässt du sie ins Haus?«

»Ich weiß es noch nicht. Erst müssen sie mir sagen, was sie von mir wollen.«

»Schick sie gleich wieder fort. Sag ihnen, du hast keine Zeit. Sag ihnen, du bist beschäftigt.« Tina kicherte gurrend. »Das wäre nicht einmal gelogen. Du bist wirklich beschäftigt.« Sie fasste unter ihre vollen Brüste und hob sie mit einem verführerischen Augenaufschlag.

»Bitte, sei vernünftig, Tina!«, sagte Cerny eindringlich und warf ihr die Kleider zu. Sie schlüpfte in den Büstenhalter, als er das Schlafzimmer verließ.

Da klingelte es unten wieder.

»Ja!«, rief Cerny. »Ja! Ich komme schon!«

Bevor er die Tür öffnete, blickte er schnell an sich herab. Er brachte seine Kleidung mit flinken Fingern in Ordnung und öffnete dann. Nun musste er den Kopf ein wenig heben, um den drei Männern ins Gesicht sehen zu können. Sie waren alle drei größer als er.

»Sie wünschen?«, fragte Cerny, während er bemüht war, die Fremden sein Misstrauen nicht merken zu lassen.

Für einen Mann wie ihn waren fremde Menschen stets eine Gefahr, deshalb traute er zu Beginn einer Bekanntschaft vorerst mal niemandem.

»Sind Sie Jaroslav Cerny?«, fragte der Mann in der Mitte.

Der Ungar konzentrierte sich auf dieses Gesicht. Und plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Der Mann war Gig Salvas. Cerny hatte ihn bisher nur auf Bildern gesehen, in Zeitungen und Zeitschriften. Die Fotos hatten einen kräftigen, vitalen Mann gezeigt. Dieser da wirkte schwach, gealtert, niedergeschlagen. Aber das Gesicht trug trotzdem die unverkennbaren Züge von Gig Salvas.

»Ich bin Cerny«, sagte der Ungar. »Und wer sind Sie?«

»Gig Salvas.«

Also doch!, dachte Cerny.

»Und das ist Al Zinner.« Salvas wies auf den Mann zu seiner Linken. »Und er heißt Terence York. Die beiden passen auf mich auf.«

Cerny musterte Salvas unsicher. Er fragte sich, weshalb dieser Mann zu ihm kam, und im selben Moment spürte der Ungar einen schmerzhaften Stich in der Brust. Maria! Irgendetwas musste mit ihr geschehen sein. Cerny kannte Marias Auftrag. Und er hatte während der letzten Monate mehrmals mit ihr telefoniert. Dabei war ihm ihr Gesinnungswandel aufgefallen. Er war darüber erschrocken, und er hatte sie gewarnt, irgendeinen schwerwiegenden Fehler zu begehen. Sie hatte davon gesprochen, dass sie Salvas ehrlich aufrichtig lieben würde. Ein Fehler!, hatte er gesagt. Der schlimmste Fehler, der ihr unterlaufen konnte. Er hatte sie angefleht, Vernunft anzunehmen, denn man würde dafür zu Hause kein Verständnis aufbringen. Aber sie hatte geantwortet, sie wäre noch niemals so vernünftig gewesen wie jetzt.

Und dann hatte sie ihn nicht, mehr angerufen. Vermutlich aus zwei Gründen nicht.

Erstens wollte sie keinen Rat mehr von ihm hören. Zweitens wollte sie ihn in ihre Angelegenheiten nicht mit hineinziehen.

»Dürfen wir reinkommen, Mr. Cerny?«, fragte Salvas fast flehend.

»Ja, natürlich, bitte sehr!«

Cerny trat geistesabwesend zur Seite, schloss die Tür hinter den drei Männern und führte sie ins Wohnzimmer.

Maria - was war mit ihr geschehen?

Das Mädchen war Cerny nicht gleichgültig. Er hatte stets Anteil an ihrem Schicksal genommen. Es hatte eine Zeit gegeben, in der sie sogar etwas füreinander empfunden hatten. Doch dann hatten sie sich ein wenig auseinandergelebt, waren aber Freunde geblieben. Sie hatten gemeinsam die Parteischule besucht, waren zur gleichen Zeit zu Spionen ausgebildet worden ...

»Einen Drink, Gentlemen?«, fragte Cerny nervös.

»Nein, danke«, sagte Salvas. Die Ablehnung galt auch gleich für seine Männer.

Cerny setzte sich in den Sessel, der Salvas gegenüberstand.

»Was führt Sie zu mir, Mr. Salvas?«

»Maria Jirka.«

Cerny presste die Lippen zusammen und versuchte nicht zu erschrecken.

»Was ist mit Maria?«

»Sie wurde heute Morgen ermordet!«

Nun hatte sich Jaroslav Cerny doch nicht gut genug in der Gewalt. Er wurde schlagartig bleich und stöhnte: »Das ist nicht wahr!«

Salvas nickte verzweifelt.

»Maria ist tot, Mr. Cerny.«

Der Ungar legte die Hände vor die Augen.

»Oh mein Gott!«

»Meine Männer haben den Mörder gesehen«, sagte Salvas. Er bat Zinner, den Täter zu beschreiben. Cerny wusste sofort Bescheid: Bela Hancil, der Henker der HSK. Ausgesandt, um Maria zu töten, weil sie sich vermutlich geweigert hatte, weiter zu spionieren.

»Der Mann heißt Bela Hancil«, sagte Salvas.

Cerny staunte darüber, dass der Amerikaner den Namen des Mörders kannte. Salvas erwähnte, dass die Polizei ihm diesen Namen genannt hatte. Und er fuhr fort: »Maria hat mal von Ihnen gesprochen, Mr. Cerny. Sie scheint Sie sehr gemocht zu haben. Wie standen Sie zu ihr?«

»Wir waren Jugendfreunde und stammen beide aus Budapest. Wir gingen gemeinsam zur Schule, kamen gemeinsam nach Amerika«, sagte Cerny, während er gegen die Übelkeit kämpfte, die sich seiner bemächtigen wollte. Mit einem Mal hasste er seinen Job, die Leute, für die er arbeitete, den Henker der HSK, der Maria getötet hatte, bloß weil sie sich in diesen Amerikaner verliebt hatte. War Liebe denn ein Grund, einen Menschen umzubringen? War es denn ein so schweres Verbrechen, zu lieben?

»Warum hat Hancil Maria getötet, Mr. Cerny?«, fragte Gig Salvas mit vibrierender Stimme.

»Das weiß ich nicht«, log Cerny. Er wusste es nur zu gut, und er hätte den Grund am liebsten laut herausgeschrien. Aber was hätte ihm das eingebracht? Ärger, Angst und schließlich den Tod. Deshalb schwieg er.

»Mr. Cerny«, sagte Salvas, und seine tiefliegenden Augen musterten das Gesicht des Ungarn flehend, »ich bin gekommen, um Ihnen ein Geschäft vorzuschlagen.«

Tina fiel Cerny ein. Unwillkürlich hob er den Blick zur Decke. Er hoffte, dass sie dieses Gespräch nicht belauschte.

»Ein Geschäft?«, fragte er unkonzentriert.

»Ich bin sehr reich, Mr. Cerny. Aber Geld hat mir noch nie viel bedeutet. Es war immer da. Man gewöhnt sich sehr schnell daran. Was mir all die Jahre gefehlt hat, war ein Mädchen, das mich mit einer alles verzehrenden Liebe beschenkte und dem ich die gleiche Liebe wiedergeben konnte. Maria war dieses Mädchen. Was vor ihr war, zählte mit einem Mal nicht mehr, es war unwichtig geworden. Für mich gab es nur noch Maria. Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben, die wahre Liebe zu finden. Die anderen waren doch alle nur hinter meinem Geld her, sie liebten den Luxus, mit dem ich sie verwöhnte. Maria wollte aber weder mein Geld, noch war sie auf den Luxus aus, den ich ihr hätte bieten können. Sie war ein Traumwesen, das zu Fleisch und Blut geworden war. Wir hatten einander so viel zu geben. Und plötzlich ...« Salvas stockte. Er atmete schwer, um sich zu beruhigen. Er schaute auf seine zitternden Hände. Und als er Cerny wieder anblickte, erschrak dieser zutiefst.

So viel Hass, so viel Wut, so viel Vernichtungswille hatte Cerny noch in keinen Augen gesehen.

»Hören Sie, was ich Ihnen vorschlagen möchte!«, fuhr Salvas mit spröder Stimme fort. »Sie sind Ungar, Cerny. Bela Hancil ist ebenfalls Ungar. Ich könnte mir vorstellen, dass niemand so gut wie sie weiß, wo Hancil zu finden ist. Das soll selbstverständlich nicht heißen, dass ich Sie mit diesem gemeinen Schwein in irgendeinen Zusammenhang bringe. Ich zahle fünfzigtausend Dollar, wenn Sie es möglich machen, dass ich Bela Hancil begegne. Alles Weitere braucht Sie nicht zu kümmern, verstehen Sie? Ich will lediglich, dass Sie ein Treffen arrangieren. Aber ich zahle auch für eine bestimmte Adresse.«

Jaroslav Cerny rieb sich die Nase und überlegte drei Sekunden lang. Dann nickte er.

»Ich werde sehen, was ich für Sie tun kann, Mr. Salvas.«

»Ich habe gehofft, dass Sie mich nicht im Stich lassen würden«, seufzte Gig Salvas.

Cerny nickte.

Die fünfzigtausend Dollar interessieren mich nicht, dachte er aufgewühlt. Ich tu’s, weil ich Bela Hancil hasse. Und ich tu’s vor allem für Maria, dieses arme, bedauernswerte Geschöpf, das ein Opfer seiner eigenen Gefühle wurde.

10

Natalias Herz schien hoch oben im Hals zu schlagen, als es läutete. Sie tastete nach der hochgesteckten Frisur und zupfte an ihrem Ärmel herum. Sie hatte das verführerischste Kleid aus dem Schrank geholt, dass sie besaß. Das Dekolleté war gewagt und zeigte sehr viel von ihren prachtvollen Brüsten. Es war auch am Rücken tief ausgeschnitten. Der Stoff raschelte geheimnisvoll, wenn sie sich bewegte. Die Agentin war ganz sicher, dass sie auf Hancil damit den gewünschten Eindruck machen würde.

Aufgeregt drehte sie sich im Livingroom einmal schnell um die Achse.

Alles war in Ordnung, alles war bereit. Die gefährliche Show konnte beginnen. Dort stand die Bar mit den unzähligen Flaschen. Vom Krim-Sekt bis zum echt russischen Wodka war alles vorhanden, was sich das Herz eines ungarischen Agenten ersehnte. Selbst der ungarische Barack fehlte nicht. Und irgendwo dahinter stand das kleine Fläschchen, das Charles Newton ihr im Central Park übergeben hatte.

Newton - dachte Natalia, während sie nach draußen eilte. Sie hatte ihn wissen lassen, dass Bela Hancil angebissen hatte. Und sie hatte versprochen, sofort anzurufen, wenn Hancil flachlag.

Mit gemischten Gefühlen öffnete sie die Tür. Ihr Lächeln war ein wenig verlegen. Vielleicht auch ein bisschen ängstlich. Nach all dem, was sie über Hancil gehört hatte, war das nicht verwunderlich.

Er hatte rote Rosen in der Linken und zog mit der Rechten seinen flachkronigen Hut. Seine eiskalten Augen zeigten Wohlgefallen, nachdem er Natalia eingehend gemustert hatte. Er lächelte, doch dieses Lächeln erreichte seine Augen nicht.

»Ich bin Bela«, sagte er blechern.

»Sind die schönen Rosen für mich?«, fragte Natalia verzückt und nahm sie ihm ab.

»Es macht sich immer gut, wenn ein Mann mit Blumen kommt.«

»Sie sind ein Mann von Welt, nicht wahr?«

Hancil trat ein und blickte sich sofort misstrauisch um.

Er fühlt sich wohl überall bedroht, dachte Natalia, ohne ihn zu stören. Seine wachen Augen suchten jeden Winkel ab. Und plötzlich entspannte er sich.

»Sie wohnen sehr gemütlich.«

»Sehen Sie sich erst das Wohnzimmer an«, schlug Natalia vor.

Sobald er den Livingroom betreten hatte, spannte sich sein Körper wieder. Und wieder suchten seine kalten Augen die Gefahr.

»Ich schlage vor, Sie führen mich durch die gesamte Wohnung«, sagte er grinsend. »Ich sehe mir gern an, wie andere Leute wohnen.«

Natalia wusste, weshalb er alle Räume besichtigen wollte. Und sie tat ihm den Gefallen, um ihn zu beruhigen, seinen Argwohn einzuschläfern. Nach dem Rundgang, in den sie auch die Terrasse einschlossen, nahmen sie im Wohnzimmer Platz. Natalia schlug die Beine effektvoll übereinander. Und sie konnte Hancil deutlich anmerken, dass er in Momenten wie diesen bereute, vor zehn Jahren nach China gereist zu sein.

»Darf ich Ihnen etwas anbieten?«, fragte sie.

»Was haben wir denn alles?«

Natalia zählte auf. Er entschied sich für Wodka und bat sie, mit ihm zu trinken. Natalia füllte zwei Gläser und ließ ihn eines davon auswählen. Das gefiel ihm, denn so konnte er sicher sein, dass sich kein Gift im Schnaps befand.

»Möchten Sie mir von sich erzählen?«, fragte die charmante Agentin.

»Ich bin ein langweiliges Gesprächsthema«, antwortete der Ungar lächelnd.

»Lassen Sie das doch bitte mich beurteilen«, wandte Natalia mit einem interessierten Blick ein. »Sie kommen bestimmt viel in der Welt herum. Das prägt einen Menschen. Und Sie wissen sicher viel zu erzählen. Unsereins wird in New York geboren, lebt in New York und stirbt in New York.«

»Wie kann ein Mädchen, das Natalia Ustinov heißt, in New York geboren sein?«

»Das ist eine lange Geschichte. Damit will ich Sie wirklich nicht strapazieren«, log sie und klimperte mit den schwarzen Wimpern. Dann senkte sie ihre Kohleaugen. Dir schwarzes Haar schillerte im hellen Licht, das zum Fenster hereinfiel. Es wäre nicht ratsam gewesen, Hancil die Wahrheit über ihre Herkunft zu sagen. Sicher wäre das Gespräch dann in eine Bahn gerutscht, die nicht erwünscht war. Hancil sollte sich entspannen, nichts sonst. Wenn Natalia ihm erzählt hätte, dass sie in Osteuropa zur Welt gekommen war, dass sie dann über Westeuropa in die Staaten gelangt war und seit langem einen amerikanischen Pass hatte, hätte Hancil darauf bestimmt sofort politisch reagiert - so, wie man es ihm eben zu Hause tausendfach eingeimpft hatte.

Deshalb fragte die Agentin: »Sie kommen aus Ungarn?«

»Ja, aus Györ.«

»Was machen Sie in Amerika?«

»Ich bin geschäftlich hier. Werkzeugmaschinen. Unsere Geräte sind in der ganzen Welt sehr gefragt.«

Natalia lächelte.

»Ein Glück, dass ich davon nichts verstehe.«

Hancil trank den Wodka aus. Natalia kippte den ihren. Sie hatte natürlich nicht die Absicht, mit dem Ungarn um die Wette zu trinken. Bestimmt vertrug er eine ganze Menge.

»Man ist sehr einsam, wenn man allein reist, nicht wahr?«

»Jeder Beruf hat seine Nachteile«, gab Hancil zurück.

Details

Seiten
600
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738911855
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v372362
Schlagworte
agentin sammelband fünf thriller band

Autor

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Titel: Die Agentin - Sammelband #2: Fünf Thriller in einem Band