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Juli-Killer 2017: 8 Krimis für die Ferien

Alfred Bekker Sammelband

von Alfred Bekker (Autor) Pete Hackett (Autor) Cedric Balmore (Autor) Uwe Erichsen (Autor) A. F. Morland (Autor)

2017 700 Seiten

Leseprobe

Juli-Killer 2017: 8 Krimis für die Ferien

Alfred Bekker präsentiert, Volume 25

Alfred Bekker et al.

Published by Alfred Bekker präsentiert, 2017.

Juli-Killer 2017: 8 Krimis für die Ferien

von Alfred Bekker, Uwe Erichsen, Pete Hackett, Cedric Balmore  & A. F. Morland

Der Umfang dieses Buchs entspricht 600 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Uwe Erichsen: Ein Mann kommt raus

Alfred Bekker: Mörder mit Hut

A. F. Morland: FBI: Fünf

Alfred Bekker: Der Leibwächter

Pete Hackett Die kein Gewissen haben 1 und 2

Alfred Bekker: Ein Ermordeter taucht unter

Cedric Balmore: Programmiert auf Mord

Cedric Balmore: Robert Tardelli und der Drogenkrieg

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Jack Raymond, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Ein Mann kommt raus

Krimi von Uwe Erichsen

Das Tor der Strafvollzugsanstalt fiel hinter Ernst Schalow ins Schloss. Gierig sog er die Luft ein. Hinter ihm lagen drei endlose, verlorene Jahre. Sühne für ein Verbrechen, das er nie begangen hatte. Suchend glitt sein Blick über den Besucherparkplatz. Monika war nicht gekommen. Schalow unterdrückte das Gefühl der Enttäuschung. Was hatte er erwartet? Sie war die Frau eines andern. Leises Motorgeräusch drang an sein Ohr. Eine dunkelbraune Limousine rollte langsam an ihm vorbei. Keiner der beiden Insassen blickte sich nach ihm um. Dennoch wusste Schalow: Das Kesseltreiben begann aufs Neue ...

1

»Ich wünsche Ihnen alles Gute, Herr Schalow«, sagte der stellvertretende Anstaltsleiter. Er hieß Effertz und war Regierungsrat.

Herr Schalow!

Schalow atmete langsam. Wie lange hatte niemand mehr Herr Schalow zu ihm gesagt! Er starrte auf die schlaffen Lippen des Mannes hinter dem zerkratzten Schreibtisch.

Der linke Mundwinkel hing ein wenig herab und zuckte hin und wieder.

»Ich hoffe, Sie nutzen Ihre Chance, Herr Schalow. Zwei Jahre hat das Gericht Ihnen erlassen. Ich will nicht sagen, geschenkt.« Effertz blickte an Schalow vorbei.

»Zu einer solchen Wortwahl bestünde auch keine Veranlassung«, sagte Schalow. Er wartete auf das Gefühl der Unsicherheit, auf den Ring, der seine Brust immer dann zusammenpresste, wenn er den Aufstand probte. Auf seine Weise. Mit ganz feinen Bemerkungen, die er sich hin und wieder leistete. Spitze, ironische Antworten, von denen er im stillen hoffte, dass die Aufseher sie nicht verstanden. Er war ein guter Gefangener gewesen. Er hatte so schnell wie möglich wieder herausgewollt.

Doch es hatte sich kaum gelohnt, dass er die Faust in der Tasche geballt hatte. Anderen Gefangenen, die sich nicht besser geführt hatten als er, hatte das Gericht sogar die Hälfte der zu bemessenen Strafzeit zur Bewährung ausgesetzt.

Ihm, Ernst Schalow, hatte man nur zwei von fünf Jahren erlassen.

Effertz' Blick wurde stechend. Der stellvertretende Anstaltsleiter hatte verstanden, was Schalow sagen wollte. Das Gefühl der Furcht blieb aus.

»Sie wissen Bescheid«, sagte der Regierungsrat unwirsch. »Ihr Anwalt hat Ihnen ja alles erklärt. Die Bedeutung der Bewährungsauflagen und so weiter.«

»Ja.«

Effertz wollte ihn los werden. Er unterschrieb einige verschiedenfarbige Formulare, die er Schalow anschließend in die Hand drückte.

Das eine musste er bei der Kleiderkammer vorlegen, das andere an der Kasse. Sechshundertvierzig Mark betrug sein Guthaben, ein Drittel dessen, was er während seiner Haftzeit verdient hatte und als Überbrückungsgeld zurücklegen musste.

Mit dem dritten Zettel konnte er seinen Anspruch auf eine Fahrkarte geltend machen. Bundesbahn oder ein vergleichbares öffentliches Verkehrsmittel, keine Barablösung.

Rot war der Wisch, den er am Tor abgeben musste. Der öffnete ihm die Tür in die Freiheit. Blieb noch der Entlassungsschein, den er dem Bewährungshelfer vorlegen musste.

»Sie sind noch jung, Herr Schalow, aber schon alt genug, um die Chance zu erkennen, die man Ihnen gibt.«

Schalow hörte nicht zu. Effertz spulte jetzt sein Programm ab. Es klang nicht sehr überzeugend, was er dem ehemaligen Strafgefangenen mit auf den Weg gab.

Schalow hatte mehrere ähnliche Instruktionen hinter sich. Erbauungsstunden nannten die anderen Gefangenen Vorträge dieser Art. Schalow hatte bald mit ihnen gefühlt, nachdem er erkannte, dass sie genauso litten wie er. Es spielte keine Rolle, ob einer zu Recht hinter Gittern saß oder nicht. Das Leiden einte sie. Dieses Gefühl der Solidarität hatte ihn die schreckliche Zeit leichter überstehen lassen.

Jetzt kam er endlich raus. Das erwartete Gefühl der Freude, diese Erregung, die er sich tausendmal in den letzten Tagen vorgestellt hatte, wollte sich jedoch nicht einstellen. Noch nicht.

Effertz stand auf. Mit den Händen schob er die Papiere auf seinem Schreibtisch hin und her. Erbringt es nicht fertig, dir die Hand zu geben, dachte Schalow.

»War's das?«, frage er.

»Ja, ja. Also noch einmal, alles Gute, Herr Schalow.« Effertz streckte die Hand aus. Schalow ergriff sie und drückte sie flüchtig.

*

Schalow sah sich um, als er die Justizvollzugsanstalt durch die eiserne Tür des Torhauses verließ. Er musterte die Fahrzeuge, die auf dem Besucherparkplatz standen. Ein roter Audi war nicht dabei. Seine Mutter hatte ihm bei ihrem letzten Besuch erzählt, dass sie immer noch den Audi führen.

Schalow ignorierte das Gefühl der Enttäuschung. Er hatte nicht wirklich erwartet, dass sein Vater ihn hier mit dem Wagen abholte. Der alte Herr konnte eben nicht aus seiner Haut. Vielleicht wartete er in Bonn am Bahnhof.

Mit dem kleinen Koffer in der Hand schlenderte er zur Bushaltestelle. Der Bus nach Bonn sollte in wenigen Minuten eintreffen. Die Entlassungsprozedur lief mit dem Fahrplan der Postbusse synchron.

Schalow sah an sich hinab. Der Anzug passte ihm noch genauso gut wie vor drei Jahren. Er war immer schlank und drahtig gewesen, und er hatte dafür gesorgt, dass er in der Haft weder seine Form noch seine Figur verlor.

Als er wieder aufsah, bemerkte er den dunkelbraunen Ford Granada mit dem Kölner Kennzeichen.

Der Wagen hatte eben noch auf dem Parkplatz vor der Anstalt gestanden. Jetzt rollte er langsam an Schalow vorbei. Keiner der beiden Insassen sah zu ihm her.

Schalow konnte den Mann am Steuer erkennen. Der Kerl hatte kurzgeschnittene Haare, ein nichtssagendes Gesicht und große Ohren.

Der Knilch im Fond sah ebenfalls starr geradeaus. Von ihm konnte Schalow kaum mehr als den Kopf und die Schultern erkennen. Das Haar war dünn, die Backen voll und rund, der kleine Mund wirkte verkniffen.

Hinter einer Biegung weiter unten entschwand der Wagen Schalows Blicken.

Er hinterließ ein Gefühl der Bedrohung.

*

Sein Vater stand nicht in Bonn am Bahnhof.

Schalow rief zu Hause an. Seine Mutter kam an den Apparat. Sie freute sich, jedenfalls hörte es sich ehrlich an, als sie immer wieder mit tränenerstickter Stimme seinen Namen stammelte.

»Mein Junge, ach Ernst, Junge ...«

»Ich hatte doch geschrieben«, sagte Schalow.

»Ach, Ernst! Vater konnte sich nicht losmachen, das musst du verstehen. Da ist irgendetwas mit den Tiefpumpen, er hat in der letzten Zeit viele Überstunden machen müssen.«

Er hat es nicht fertiggebracht, zu seinem Schichtmeister zu gehen und zu sagen, hören Sie, ich muss heute freinehmen, mein Sohn kommt aus dem Gefängnis. »Ja, ja, schon gut«, sagte er, weil seine Mutter sich bemühte, das Verhalten seines Vaters zu entschuldigen.

»Aber heute Abend essen wir schön zusammen. Ich habe dein Zimmer fertiggemacht. Vater hat es vorige Woche noch schnell neu tapeziert. Es ist hübsch geworden, Ernst.«

»Ich werde nicht bei euch wohnen«, sagte Schalow. Er sah auf den Münzschacht, durch den die Münzen klirrten. War das Telefonieren etwa schon wieder teurer geworden?

»Ernst!«

»Ich erkläre es euch nachher.« Viel zu erklären gab es nicht. Er wollte allein bleiben. Er wollte sich nach der sachlichen Fürsorge der Aufseher, die sich um alles kümmerten, was er tat, nicht der gefühlvollen Fürsorge seiner Mutter aussetzen. Und seinem Vater wollte er unnötige Peinlichkeiten ersparen. »Ich komme irgendwann am Abend. Vielleicht um sieben, spätestens halb acht. Ich muss erst nach Hürth zum Bewährungshelfer. Das will ich hinter mir haben.«

Und er wollte Monika sehen.

Oder doch wenigstens ihre Stimme hören.

»Ja, Ernst, das verstehe ich. Aber du schläfst doch wenigstens diese Nacht ...«

Die Verbindung riss ab, nachdem die letzte Münze verbraucht war.

*

Der Bewährungshelfer, dem er zugeteilt war, hätte ein Bruder des stellvertretenden Anstaltsleiters von Malldorf sein können. Ein mürrischer Behördenangestellter, um die fünfzig, mit ergrautem Haar, überarbeitet, unbeteiligt. Draußen an der Tür hing eine Karte mit seinem Namen und einem Kürzel, das den Dienstgrad angeben sollte. Schalow verstand die Bedeutung dieser Abkürzung nicht. Es war ihm auch vollkommen gleichgültig, ob der Mann nun Ober- oder sonst ein Inspektor oder Amtmann oder was auch immer war. Velten war ein berufsmäßiger Bewährungshelfer, ein Sozialarbeiter, Angestellter des Kreises.

Schalows Mitgefangene, die bereits über Erfahrungen mit Bewährungshelfern verfügten, bevorzugten die Berufsmäßigen. Die hatten, so lautete ihre einhellige Meinung, so viel zu tun, dass sie sich um einen einzelnen Schützling nicht übermäßig viel kümmern konnten.

Auch Ernst Schalow legte keinen gesteigerten Wert auf eine intensive Betreuung.

»Warten Sie draußen!«, sagte Velten etwas schärfer, als es nötig gewesen wäre.

Schalow zog seinen Kopf wieder aus dem Türspalt und schloss die Tür. Leise und behutsam. Er ärgerte sich im nächsten Moment darüber. An der Tür klebte ein rotes Stoppschild mit einer durchgestrichenen Zigarette.

Im Knast hatte er das Rauchen wieder angefangen, aber er hatte gelernt, die Sucht zu zähmen. Heute würde er erst nach dem Abendessen rauchen. Oder auch vorher, wenn er mit seinem Vater das erste Bier trank.

Wenn er Zigaretten bei sich gehabt hätte, hätte er sich jetzt jedoch eine angesteckt, um Velten die Bude zu verqualmen.

Velten holte ihn nach vier Minuten herein. Schalow gab ihm den Entlassungsschein. Der Bewährungshelfer deutete auf einen Stuhl auf der anderen Seite des Schreibtisches, und Schalow nahm Platz. Velten ließ sich in einen bequemen Drehstuhl fallen, der leise quietschte, als er seinen Hintern hin und her bewegte.

Velten trug eine dicke Brille. Seine Lippen bewegten sich beim Lesen. Schließlich hob er den Kopf und äugte sein Gegenüber an.

»Ja, ich habe Ihre Akte gelesen, Schalow ...«

»Herr Schalow«, sagte Schalow. Sein flaches Gesicht mit der kleinen Nase und den geraden Lippen war hart und angespannt. Drei Jahre hatte er die Faust in der Tasche gelassen. Jetzt war er draußen. Wenn er hier auf seinem Recht bestand, konnten sie ihn deshalb nicht gleich wieder einlochen.

»Wie Sie wollen, Herr Schalow.« Velten bemühte sich, das Wort Herr nicht zu sehr zu betonen. Er lächelte dünn, aber seine Augen glitzerten. »Ich denke, wir werden miteinander auskommen. Ich betreue mehrere entlassene Gefangene, und den meisten habe ich ganz gut helfen können. Es liegt aber an Ihnen.«

»Natürlich.«

Immer lag es nur an ihm selbst. Er hätte nur die Namen seiner Komplizen zu nennen brauchen, dann hätte man über Hafterleichterungen reden können. Er sollte sich bescheiden aufführen, dann würde er während seines Aufenthalts in der JVA keine Schwierigkeiten bekommen. Immer lag es an ihm.

An wem sonst?

Sie hatten ihn verhaftet und auf die Rolle genommen. Aber es lag an ihm.

»Ja, da brauchen Sie gar nicht so ironisch zu reagieren. Ich habe auch Erfahrung mit Intelligenztätern, wie Sie einer sind.« Velten lehnte sich zurück. Sein beachtlicher Bauch stieß gegen die Schreibtischkante. Er rückte an seiner Brille.

»Ich bin weder ein Täter noch bin ich sonderlich intelligent«, sagte Schalow.

»Sie sind Ingenieur. Das ist doch was.«

»Einseitige Begabung. Dafür kann ich nicht einmal einen vernünftigen Brief schreiben oder eine formell richtige Eingabe an eine Behörde verfassen.«

Velten nickte jovial. Schalow gab eine Schwäche zu, das gefiel dem Beamten. Er klappte eine Mappe auf. Sie enthielt Schalows Akten. Das Urteil, die Beurteilung durch das Justizvollzugsamt über sein Verhalten während der Haft und das Protokoll des Gerichts über die Maßnahmen, die zu seiner vorzeitigen Entlassung geführt hatten. Und eine Aufzählung der Auflagen.

»Sie haben Ihre Täterschaft ja stets geleugnet«, bemerkte der Bewährungshelfer sinnend.

»Nein«, sagte Schalow.

»Was, nein?«

»Ich habe meine Täterschaft nie geleugnet.«

Veltens Kopf ruckte in die Höhe. Missbilligend starrte er Schalow an. Sein Hals rötete sich. »Aber hier steht ...«

»Ich konnte die Täterschaft oder Mittäterschaft, wenn sie sich schon auf die Protokolle in meiner Akte beziehen, weder leugnen noch zugeben. Ich hatte mit der Sache nichts zu tun.«

»Noch ein Justizirrtum«, seufzte der Bewährungshelfer.

»Ja, noch einer.«

»Was werden Sie jetzt tun? Auf die Barrikaden steigen? Ihre Unschuld beweisen?«

»Nichts dergleichen. Ich suche mir einen Job.«

»Das nenne ich vernünftig, Herr Schalow.« Eifrig wippte Velten nach vorn und durchstöberte den Inhalt eines Briefkorbes. »Ich habe mit dem Personalchef des Kraftwerkes Weilersdorf gesprochen. Er hat schon manchen meiner Schützlinge genommen. In Ihrem Fall hatte ich einige Schwierigkeiten, aber die konnte ich ausräumen.«

»Schwierigkeiten? Wieso? Ich habe auf Weilersdorf meine Lehre gemacht und dort als Elektriker gearbeitet.«

»Eben, das ist es ja. Sie haben auf Weilersdorf gelernt, dann haben Sie dort ein Jahr als Elektriker gearbeitet, ehe sie kündigten, um die Ingenieurschule zu besuchen. Sie haben das Examen mit gut bestanden, aber Sie haben keine Berufserfahrung als Ingenieur. Sie sind jetzt mit ...« Papier raschelte, »sechsundzwanzig auch schon recht alt für einen Berufsanfänger. Leider haben Sie ja auch ein Jahr ...« Velten suchte nach dem richtigen Wort, wobei er sichtlich Schwierigkeiten hatte.

»Herumgegammelt«, half ihm Schalow.

»Das haben Sie gesagt. Aber es trifft den Kern.«

In der Tat traf es den Kern. Er hatte dreieinhalb Jahre studiert. Geschuftet. Sich nichts gegönnt. Bevor der Ernst des Lebens begann und der Trott ihn gefangen nahm, hatte er sich noch einmal umsehen wollen. Er war durch England getrampt, hatte in Südfrankreich als Pferdebursche und Fremdenführer gearbeitet und schließlich einen halben Winter in der Türkei und die andere Hälfte in Griechenland verbracht. Er wollte keinen Tag dieses vergammelten Jahres missen.

»Also, Herr Schalow, Sie können auf Weilersdorf wieder als Elektriker anfangen. Mehr war für den Anfang nicht drin. Sie können den Job ablehnen, und ich würde Ihnen sogar helfen, eine passendere Stelle zu finden, aber wenn ich Ihnen raten darf, fangen Sie erst mal an. Sie können bei Ihren Eltern wohnen. Und zusehen, dass Sie Boden unter die Füße bekommen. Und dann bewerben Sie sich als Ingenieur. Ich werde für Sie bürgen. Nun, wie ist es?«

Die vergrößerten Augen hinter den Brillengläsern glotzten fragend. Schalow überlegte. Das kam alles so plötzlich. Er hatte sich erst einmal umsehen wollen. Ein paar Tage vielleicht. Monika treffen.

Monika.

Sein Herz zog sich zusammen.

»Nun?«, mahnte Velten.

»Wann soll ich anfangen?«

»Ich sagte es doch schon, möglichst bald. Ich habe dem Personalleiter gesagt, dass Sie am Mittwoch anfangen können. Er heißt Siebert. Ich glaube, Sie kennen ihn noch.«

Mittwoch. Das war übermorgen. Nun gut. Welche Rolle spielte es schon!

»In Ordnung«, sagte er.

Und dann: »Danke.«

»Nichts zu danken, Herr Schalow.« Velten wirkte erleichtert. Wahrscheinlich hatte er größere Schwierigkeiten erwartet. Schalow fragte sich, ob er nicht viel zu bescheiden und unterwürfig auftrat. Wahrscheinlich brauchte er längst nicht alles hinzunehmen.

Er würde dran denken.

Als er das Kreisgebäude verließ, war der braune Granada wieder da.

*

Schalow fuhr nach Köln. Der Koffer wurde ihm langsam lästig, aber er wusste nicht, wo er ihn lassen sollte.

Er stieg einmal falsch um und kam am Rudolfplatz raus. Er nahm die erste Straßenbahn, die zum Ebertplatz fuhr. An der Christophstraße stieg er aus und ging das Stück bis zur Einmündung der Von-Werth-Straße in den Hansaring zu Fuß.

Die Ecke hatte sich seit damals nur wenig verändert. Gerts Kneipe war noch da. Schalow sah an der schmutzig grauen Fassade eines älteren Mietshauses hinauf.

Im vierten Stock wohnte Monika.

Monika.

Er hatte sie kennengelernt, nachdem er aus Griechenland zurückgekommen war. Er sollte in zwei Monaten eine gute Stellung in Deutz antreten, und so hatte er für sein letztes Geld, das er zusammenkratzen konnte, einen Wagen gekauft. Autos waren seine Leidenschaft. Er war auf einen gebrauchten, aber sehr gut erhaltenen BMW 2002 ti verfallen, der billig war, weil er gut einhundertfünfzigtausend Kilometer auf dem Tacho hatte. Schalow hatte ihn selbst ein wenig aufgemotzt. In der Werkstatt des Händlers, der ihm dafür sogar Werkzeug und eine Bühne überlassen hatte.

Bei ihm hatte es sofort eingeschlagen, bei Monika nur etwas später. Sie waren sich sehr schnell sehr nahegekommen, und sie hatten eine sehr schöne Zeit miteinander verlebt.

Drei Jahre hatte er von seiner Zeit mit Monika zehren müssen.

In den drei Jahren war Monikas Bild immer blasser geworden, bis er sich nur noch an ihr volles schwarzes Haar, die grün schillernden Augen und die kleinen Brüste erinnern konnte. Doch an die Stelle der bildhaften Erinnerung war etwas anderes getreten. Das schmerzende Wissen um leidenschaftliche Umarmungen, an eine bedingungslose Hingabe, wie er sie vorher noch nie erlebt hatte. Sie hatten viel Zeit füreinander gehabt, weil er noch nicht arbeitete und Monika manchmal ganze Tage und Nächte bei ihm verbringen konnte. Ihr Mann war viel verreist.

Schalow betrat Gerts Kneipe. Er bewegte sich unsicher. Gesichter wandten sich ihm zu. Damals hatte er hier manchmal auf Monika gewartet. Darauf, dass sie aus dem Eingang gegenüber trat und rechts in den Ring einbog. Dann war sie am Hansaplatz in seinen Wagen gestiegen und hatte gewartet, bis er kam.

Schalow kannte keins der Gesichter. Nur der Mann hinter der Theke war damals schon dort gewesen. Seinen Namen hatte er vergessen.

Er drängte sich hinter das kurze Ende der Theke, stellte den Koffer an die Wand und setzte sich auf einen freien Hocker.

Er bestellte Mineralwasser und sah nach draußen. Die zurückgezogene Haustür lag in seinem Blickfeld. Er würde Monika sofort erkennen. Nachmittags bummelte sie gern herum.

Als er nach links sah, zuckte er zusammen.

Gerade rumpelte der braune Granada auf den Gehsteig vor einem Hotel. Hastig trank Schalow, ohne den Wagen aus den Augen zu lassen.

Die hintere rechte Tür sprang auf, und zwei kurze Beine schwangen heraus, hingen einen Moment in der Luft, ehe die kleinen Füße das Pflaster berührten.

Der Mann, der sich jetzt aus dem Wagen schob, war klein und dick. Das schüttere Haar bedeckte die rosige Kopfhaut nur unzureichend. Der Mann sagte etwas zu dem Burschen am Steuer, ehe er die Tür zuwarf und sich umwandte.

Mit eiligen kurzen Schritten kam er auf die Tür der Kneipe zu. Für einen Moment entschwand er Schalows Blicken, dann betrat er das Lokal.

Er sah sich rasch um, streifte Schalow mit einem schnellen, abschätzenden Blick, ehe er seine Augen weiterwandern ließ und das andere Ende des Tresens ansteuerte. Dort stellte er einen seiner kleinen Füße auf die Trittstange und hielt sich am Handlauf fest, als ob er befürchtete, nach hinten überzuschlagen.

Er hatte runde Augen, die seltsam nackt wirkten und dunkel glänzten wie nasse Steine. Der hellgraue Anzug saß etwas knapp. Das Jackett war über dem kugelrunden Bauch zugeknöpft. Schalow konnte nicht ausmachen, ob der Dicke eine Pistole am Gürtel trug. Unter der Achsel bestimmt nicht, dafür spannte das Jackett zu sehr.

Der Dicke bestellte ein kleines Kölsch. Als der Barmann das Glas vor ihn hinstellte, rührte er es nicht an. Schalow kam es so vor, als musterte er jeden einzelnen Anwesenden. Als ob er sich die Gesichter ins Hirn brennen wollte, um sie später mit Fotos vergleichen zu können.

Schalows Herz pochte hart. Er kaufte eine Packung Zigaretten und zündete eine an. Das Herzklopfen blieb.

Monika kam nicht. Und wenn sie kam, würde er sie nicht ansprechen. Nicht, solange er den Dicken im Nacken hatte. Monika hatte mit der Sache nichts zu tun. Sie hätte ihm nicht einmal ein Alibi geben können. Deshalb hatte er sie damals nicht mit hineingezogen, und er würde auch nicht nachträglich die Geier auf sie loslassen. Es würde niemandem nützen und ihr nur schaden. Ihr Mann war zumindest wohlhabend, und er, Schalow, konnte ihr nichts bieten. Damals nicht, und heute schon gar nicht.

Es war jetzt halb sechs. Wenn er rechtzeitig bei seinen Eltern in Huckerath sein wollte, musste er spätestens gegen sechs hier raus.

Der kleine Dicke leerte sein Glas, bezahlte und verließ die Kneipe. Schalow sah ihm nach, bis er wieder in den Granada stieg. Der Wagen blieb vor dem Hotel stehen. Als stumme Drohung.

Um Viertel vor sechs bezahlte Schalow ebenfalls. Er ging zum Ring, wo er eine Telefonzelle betrat. Er suchte die Nummer heraus und steckte zwei Groschen in den Apparat. Der braune Granada glitt vorbei. Schalow stellte sich so, dass von außen nicht zu erkennen war, welche Nummer er wählte. Das Telefonverzeichnis klappte er wieder zu.

Nach dem zweiten Aufläuten wurde abgehoben.

»Ja, Heikaus!«, meldete sich eine barsche Stimme.

Monikas Mann!

Hastig legte Schalow den Hörer zurück. Er nahm seinen Koffer und verließ die Kabine. Der Granada wartete ein Stück weiter im Halteverbot. Schalow konnte das Gesicht des kleinen Dicken erkennen, der aus dem Rückfenster blickte.

Schalow ging zu Fuß zum Hauptbahnhof, wobei er Einbahnstraßen benutzte. In der verkehrten Richtung.

Den Granada sah er nicht mehr.

*

Sein Vater vermochte so etwas wie Wiedersehensfreude nicht einmal zu heucheln.

Steif saß er am Esstisch und aß sein Brot, wie er es immer tat. Seinen Sohn hatte er zweimal im Jahr besucht, insgesamt also sechsmal. Und das vermutlich auch nur, weil Ernsts Mutter darauf bestanden hatte.

»Du willst also wieder auf Weilersdorf anfangen«, sagte er endlich. Er öffnete eine Flasche Bier und goss die Gläser voll, wodurch er es vermeiden konnte, seinen Sohn anzusehen.

»Ja. Als Elektriker. Vorübergehend«, antwortete Ernst, dem die zähen Wortwechsel auf die Nerven gingen. Seine Mutter eilte emsig hin und her, lächelte ihrem Sohn zu, drückte seine Schulter.

»Die brauchen keine Ingenieure«, stellte Wilhelm Schalow fest. »Jedenfalls keine, wie du einer bist. Keine Schmalspuringenieure. Jünkerath, das ist der Betriebsratsvorsitzende in der Grube, weißt du, der sagt, dass die auf dem Kraftwerk nur noch Diplomierte einstellen. Die treten sich schon gegenseitig auf die Füße und nehmen sogar schon den Meistern die Arbeit weg.«

»Da sind die selbst schuld. Ich bleibe auch nicht auf dem Kraftwerk. Ich versuche es in Köln. Im Schaltschrankbau, oder in der Klimatechnik. Mal sehen.«

»In Köln? Ja, willst du denn jeden Tag nach Köln fahren?«

»Nein.« Jetzt war es Ernst, der nach dem Glas griff, um seine Verlegenheit und Unsicherheit zu überspielen.

Seine Mutter schwirrte umher. Warnend sah sie Ernst an, dann lachte sie nervös. »Er will nicht bei uns bleiben«, sagte sie.

»Warum nicht? Was gefällt dir hier nicht? Ich kann ja verstehen, dass du nicht jeden Tag nach Köln fahren willst. Aber hier draußen kannst du billiger leben. Und außerdem ... darfst du denn überhaupt nach Köln ziehen? Ich meine ...«Er verstummte und sah hilfesuchend seine Frau an.

»Ich darf, Vater. Ich darf mich nur nicht mit meinen ehemaligen Komplizen treffen.«

Ernst leerte sein Bierglas. Er ignorierte die beunruhigten Blicke seiner Mutter. Sie tat ihm leid. Sie würde es ausbaden müssen, wenn er seinen aufgestauten Aggressionen nachgab.

Das Gesicht seines Vaters lief rot an. »Du hast es gerade nötig, dich über uns lustig zu machen! Ein wenig Bescheidenheit stünde dir gut an!«

»Wieso? Jetzt sag bloß, nach allem, was du für mich getan hast!« Ernst spürte, wie sich die Wut in seinem Magen zu einem Klumpen verdichtete. Er wusste, dass er jetzt ungerecht sein würde. Sein Vater trug genauso wenig Schuld an dem Geschehen wie er, Ernst Schalow, selbst. Aber drei Jahre lang hatte er dem Zorn keine Chance geben dürfen.

»Ja, nach allem, was wir für dich getan haben ...«

»Vom ersten Lehrjahr an habe ich Geld abgegeben. Danach habe ich ein Jahr lang gut verdient, ehe ich zum Bund musste. Mein Studium habe ich mit BAföG und Ferienarbeit finanziert. Davon habe ich sogar noch sparen können. Seit ich siebzehn war, habe ich dich keinen Pfennig mehr gekostet.«

»Du darfst das alles nicht so materiell sehen.«

»Wie denn?«

»Du musst wissen, dass wir viel durchgemacht haben deinetwegen. Wir leben nun einmal auf dem Dorf. Du warst das Tagesgespräch. Ein Terrorist in Huckerath ...«

Ernst wurde blass. »Da hatte ich doch schon 'ne Ewigkeit in Köln gelebt«, stieß er gepresst hervor.

»Aber hier haben die Reporter herumgelungert! Die Polizei hat mein Haus durchsucht!« Wilhelm Schalow richtete sich kerzengerade auf. Seine Augen blickten starr.

»Ich habe euch immer gesagt, ich habe ...«

»Kein Rauch ohne Feuer«, unterbrach Wilhelm Schalow bedächtig seinen Sohn. »So denken die Leute hier eben. Und ich kann's ihnen nicht einmal verübeln.«

»Du bist wie sie. Du glaubst mir nicht.«

»Die Polizei hat eine Pistole bei dir gefunden. Wieso hattest du eine Pistole, wenn du nichts mit diesen Verbrechern zu tun hattest?«

Der Klumpen in Ernsts Magen löste sich langsam auf und machte einem Gefühl hilfloser Bitterkeit Platz.

»Die habe ich in Griechenland gekauft. Für wenig Geld. Ich konnte eben nicht widerstehen. Das habe ich alles erklärt.«

»Ja, du hast so vieles zu erklären gewusst, aber längst nicht alles. Auch dieser ... dieser Wissmeyer ...«

»Gerd.«

»Wie bitte?«

»Er heißt Gerd. Du hast ihn immer Gerd genannt.«

»Also, auch dieser ... Gerd war ein paarmal hier und hat versucht, gut Wetter für dich zu machen. Er war dein Freund. Nun schön, sein Verhalten spricht für ihn. Aber woher sollen wir, deine Mutter und ich, wissen, was wahr ist? Die Zeitungen schrieben über dich. Es waren schlimme Sachen. Weiß Gott, sehr schlimme waren dabei. Ich hatte eine verdammt schwere Zeit auch in der Kolonne.« Wilhelm Schalow nickte bekräftigend.

»Die Berichte in den Zeitungen waren gelogen. Jedenfalls die, auf die du jetzt anspielst.«

»Aber es stand da. Es hieß, du seist in einem Palästinenserlager gewesen, wo man dich zum Guerilla ausgebildet habe.« Wilhelm Schalow sah seinen Sohn an. »Den Bericht hat mir der Meister unter die Nase gerieben, und ich habe gesagt, das ist nicht wahr, das kann nicht wahr sein.«

»Ich konnte nachweisen, dass ich nie im Libanon war oder wo immer sich das Lager befunden haben soll«, entgegnete Ernst müde. »Das haben sogar die vom Verfassungsschutz zugeben müssen. Auch in Jugoslawien habe ich mich nicht mit internationalen Terroristen getroffen, wie es einmal hieß. Ich bin nur durchgefahren. Aber lassen wir das, es ist vergangen.«

Es war nicht vergangen.

Der braune Granada bewies, dass die drei Jahre nichts bedeuteten für sie. Und andere würden sich vielleicht auch an seine Fersen heften. Sein Anwalt hatte ihn gewarnt. Von der Beute war bisher keine Mark wieder aufgetaucht.

Auch sein Vater gab noch nicht auf.

»Das Gericht hat dich für schuldig befunden«, sagte er störrisch.

»Das Gericht! Das Gericht! Vater, die Justiz ist Bestandteil dieses Systems! Sie bedeutet eine ständige Drohung, sie ist ein Mittel der Repression ...« Mein Gott, dachte er betroffen, jetzt rede ich wie sie, wie einer von denen, für die ich gehalten werde. Am nachdenklichen Blick in den Augen seines Vaters erkannte er, dass er dasselbe dachte.

Steif sagte Wilhelm Schalow: »Als du schon längst verurteilt warst, kamen diese Männer immer noch. Ich weiß nicht, wer sie waren.«

»Verfassungsschutz, Vater. Sie waren auch ein paarmal bei mir. Haben versucht, mich umzudrehen. Ich sollte meine Komplizen nennen. Sie würden mich schon vor deren Rache schützen und dafür sorgen, dass ich ein neues Leben irgendwo anders anfangen könnte. Sie wollten mir sogar Geld geben.«

»Und? Hast du ihnen ...«

Ernst sprang auf. Die Bierflasche kippte um.

»Ja, verstehst du mich denn nie, Vater? Rede ich denn immer an dir vorbei? Ich habe gesagt, dass ich mit der Sache nichts zu tun hatte! Ich weiß nicht, wie ich da hineingeraten bin! Es war blinder Zufall! Gottverdammter blinder Zufall!«

Ernst wandte sich um und stürmte hinaus. Er war dabei, seine Fassung zu verlieren.

Er ging durch den Garten. Allein. Der Rasen war sauber geschnitten. Die beiden Apfelbäume und die Kirschbäume hingen voller kleiner grüner Früchte.

Er drehte sich nicht um, als er die Schritte seines Vaters hörte. Schweigend gingen sie nebeneinanderher.

»Entschuldige«, sagte Wilhelm Schalow endlich. »Ich werde nicht mehr darüber sprechen. Aber du musst wissen, dass ich dich den Nachbarn und meinen Kollegen gegenüber immer in Schutz genommen habe.«

»Ja, ja.« Du kannst nichts dafür, du bist nun mal so, dachte er. Laut fuhr er fort: »Du hast eben von Gerd gesprochen. Weißt du, wo er jetzt wohnt?«

Gerd Wissmeyer und Beate Duven hatten ihn am Anfang zweimal in der JVA besucht. Da hatten sie dann über Verschiedenes gesprochen. Über Heuchelei und darüber, dass der Kontakt mit Freunden ihm manches noch schwerer machte. Sie hatten versprochen, Freunde zu bleiben, bedingungslos, aber sie wollten einander nicht sehen und sich auch nicht schreiben. Sie hatten sich daran gehalten.

»In Köln wohnt er, nehme ich an.«

»Nein.«

»Weißt du denn, ob sie verheiratet sind? Gerd und Beate, meine ich.«

»Die heiraten doch nicht! Das sind doch so welche, die ...« Wilhelm Schalow bemerkte gerade noch rechtzeitig den Blick seines Sohnes, um den Satz abzubrechen. »Deine Mutter hat dein Zimmer in Ordnung gebracht. Sie hat sich so auf deine Rückkehr gefreut.«

»Ich weiß. Aber morgen suche ich mir ein Zimmer.«

»Morgen schon? Aber ich dachte, du wolltest erst ausziehen, wenn du die Stelle in Köln gefunden hast.«

»Ich suche mir ein Zimmer in der Nähe. Vielleicht in Oberaußem. Dann habe ich es näher zur Arbeit.«

»Ist es wegen eben? Wegen mir, meine ich?«

»Nein. Jedenfalls nicht nur. Ich muss mein Leben endlich selbst bestimmen können.«

»Du musst es wissen, Junge. Nur ...« Er sah zu Boden und suchte nach Worten.

»Ja? Was denn?«

»Mach keine Dummheiten mehr, verstehst du?«

»Keine Sorge, Vater. Kann ich morgen deinen Wagen haben? Ich bringe dich zur Schicht und hole dich wieder ab.«

»Nicht nötig. Ich kann mit einem Kollegen fahren. Du kannst ihn gern haben, bestimmt.«

Ernst sah seinen Vater an. Stumm betrachtete er das Gesicht. Es war faltig und streng. Er ist alt geworden, dachte Ernst. Er sah es an den müden Augen. Oder er sah es deshalb, weil sein Vater ein Fremder für ihn war.

2

Schalow vermisste den braunen Granada, als er am nächsten Morgen nach Köln fuhr. Er sah in den Rückspiegel, bis er auf der Autobahn war, aber er konnte keinen Verfolger ausmachen.

Der Audi seines Vaters war jetzt fünf Jahre alt und sauber gepflegt wie alles, was sein Vater besaß. Aber die Maschine war ziemlich lahm, was kein Wunder war. Sein Vater benutzte den Wagen fast nur, um damit zur Arbeit zu fahren. Drei Kilometer hin, drei Kilometer zurück. Der Motor war kaum einmal richtig warm geworden.

Schalow schaltete in den dritten Gang zurück und jubelte die Maschine ein paarmal richtig hoch, bis er die schwarze Abgaswolke durch den Rückspiegel sah.

Die Autobahn war um diese Zeit ziemlich leer. Er konnte also mit der Geschwindigkeit rauf und runter gehen, um das Triebwerk wieder auf Leistung zu trimmen.

Allerdings fragte er sich, warum er das tat. Wenn er Zeit hatte, würde er heute Nachmittag noch ein Zimmer suchen. An einen eigenen Wagen konnte er nicht denken. Mit dem Entlassungsgeld und dem Guthaben auf dem Sparkonto kam er gerade auf tausend Mark. Die würde er brauchen, um sich neu einzukleiden und sich bis zur ersten Lohnzahlung über Wasser zu halten.

Aber umsehen konnte er sich trotzdem. Vielleicht konnte er samstags auf einer Tankstelle aushelfen und dort während seiner Freizeit irgendeine abgewrackte Kiste wieder aufmöbeln. Das hatte er schon einmal so gemacht.

In Lövenich fuhr Schalow von der Autobahn und fuhr über die Aachener Straße stadteinwärts. Bereits in Höhe des neuen Sparkassenbaus fiel ihm der blaue Opel auf, der ebenfalls von der Autobahn gekommen war und jetzt näher aufschloss. Schalow sah einen hageren Mann am Steuer und einen zweiten im Fond.

Der Mann im Fond war der kleine Dicke.

Schalows Hände umklammerten das Lenkrad, bis sich die Haut über den Knöcheln weiß spannte.

Der Opel fuhr jetzt fast gleichauf in der Nebenspur. Der Dicke befürchtete wohl, Schalow könnte ihn im Stadtverkehr abhängen.

Ernst Schalow schob grimmig das Kinn vor. Natürlich konnte er die Knilche im Opel abhängen, selbst mit dem lahmen Audi seines Vaters, da würde den Kerlen nicht einmal das Autotelefon etwas nützen. Aber zuerst musste er herausfinden, ob sie ihn reinzulegen versuchten. Während der blaue Opel auffällig an seiner Stelle klebte, schwamm vielleicht weiter hinten ein unauffälliger Volkswagen im Strom.

Der Verdacht blieb gegenstandslos, oder sie stellten es sehr raffiniert an. Aber Schalow wollte nicht länger warten.

Er fuhr auf den Parkplatz in der Nähe der Radrennbahn und hielt unmittelbar vor einer Telefonzelle. Der Fahrer des Opel musste hart auf die Bremse steigen und die Fahrzeuge in der rechten Spur schneiden. Er fegte über den Platz und hielt dann an. Die Gesichter der Insassen konnte Schalow hinter der spiegelnden Frontscheibe nicht ausmachen. Sie gaben sich jedoch keine sonderliche Mühe, ihn unauffällig zu beschatten. Was bezweckten sie damit, fragte sich Schalow unbehaglich. Wenn sie ihn nervös machen wollten, so hatten sie sogar Erfolg damit.

Er betrat die Zelle, und wieder rief er den Anschluss Heikaus an. Er hatte die Nummer jetzt im Kopf und brauchte sie nicht noch einmal nachzuschlagen. Sein Mund war trocken, und sein Herz hämmerte wieder.

Monika, dachte er. Monika. Wie würde sie reagieren, wenn sie seine Stimme hörte? Sie war etwas älter als er, zwei Jahre. Sie hatten eine schöne Zeit miteinander gehabt. Aber sicher hatte sie ihn längst vergessen.

Aber er wollte sie wiedersehen. Sie war die letzte Frau, mit der er zusammen gewesen war. Sie war so schön und so leidenschaftlich. Sie vermochte sich ganz zu geben. Er spürte, wie er erregt wurde.

Das Rufzeichen schnarrte endlos. Er wollte schon auflegen, als am anderen Ende doch noch abgehoben wurde. Schalow hörte ein Grunzen, dann eine verschlafene männliche Stimme.

»Hallo? Wie spät ist es, verdammt?«

Heikaus!

Es war halb zehn. Wieso war Heikaus zu Hause? Schalow wollte einfach abhängen, aber dann überlegte er es sich anders.

»Wer ist da? Herr Schulz?«

»Nein, verdammt!«, sagte Heikaus ärgerlich. »Passen Sie doch auf, welche Nummer Sie wählen!« Es klickte.

Schalow stieg in den Audi. Er fuhr zur Aachener Straße zurück, wartete auf eine passende Lücke, wobei er die Linksabbieger-Ampel vor der Hubertus Brauerei beobachtete. Der Opel stand genau hinter ihm.

Die Ampel sprang auf Grün. Schalow wartete noch. Die Ampel für den Geradeaus-Verkehr stand auf Rot, der Rückstau baute sich schnell auf.

Schalow trat das Gas durch. Vor der Schnauze eines Mercedes her wischte er auf die linke Straßenseite hinüber. Bei Gelb rutschte er um die Ecke in den Lövenicher Weg.

Hinter ihm gellten Hupen. Der Opel konnte nicht an dem Mercedes vorbei.

Schalow grinste.

Er kam glatt über den Militärring, und als er die Vitalisstraße erreichte und keine Spur vom blauen Opel sah, war er ziemlich sicher, dass er den kleinen Dicken abgehängt hatte.

Mit überhöhter Geschwindigkeit jagte er die Widdersdorfer Straße hinunter. Würde es Auswirkungen auf seine Bewährung haben, wenn er bei einer Übertretung im Straßenverkehr erwischt wurde? Er glaubte es nicht.

Er bog in den Melatengürtel ein und dann in die Vogelsanger Straße. Am Fröbelplatz fand er eine Parklücke.

Er ging durch die Rothehausstraße zur Venloer Straße.

In der Imbissstube eines Kaufhauses aß er ein zähes Brötchen und trank Kaffee dazu, der noch schlechter schmeckte als das Zeug, das man im Knast als Kaffee bezeichnete.

Dabei schielte er dauernd zum Telefon an der Wand.

Konnte er es noch einmal riskieren, Monikas Nummer zu wählen?

Warum ging sie nicht an den Apparat? Und wieso war Heikaus in der Wohnung? Die meisten Menschen arbeiteten um diese Zeit.

Heikaus war nicht wie die meisten, das wusste Schalow. Aber was wusste er konkret von Monikas Mann? Er hatte sie nie gefragt, er hatte versucht, ihn aus seinen Gedanken zu verbannen; so hatte ihn das wenige, das Monika ihm erzählte, nicht interessiert.

Heikaus war älter als sie. Wesentlich älter sogar. Und er hatte Geld. Einmal hatte Monika gesagt, er kassiere Mieten. Er besaß auch ein Haus in der Eifel, in dem er sich gelegentlich mit Geschäftsfreunden traf.

Schalow spülte den Rest des Brötchens mit dem schlammigen Kaffee hinunter, dann steckte er seinen Kopf unter die schallschluckende Telefonhaube und blätterte das Verzeichnis durch.

Heikaus, Hans J., Straße und Telefonnummer, aber keine Berufsbezeichnung.

Schalow schlenderte über die Venloer Straße. Wie oft hatte er sich vorzustellen versucht, wie es sein würde, an den Schaufenstern vorbeizuschlendern, in eine Kneipe zu gehen, zu trödeln.

Jetzt fühlte er sich viel zu gespannt, um Zerstreuungen solcher Art genießen zu können.

Weil die Kerle in dem braunen Granada oder dem blauen Opel hinter ihm her waren? Damit hatte er rechnen müssen.

Unwillkürlich sah er sich um und musterte die Wagen, die langsam vorbeirollten. Er blieb stehen, und als er angerempelt wurde, trat er in den zurückliegenden Eingang eines Ladens. Er blickte die Straße hinunter.

Irgendwo da unten an der Inneren Kanalstraße hatten die doch ihr Hauptquartier. Was würde geschehen, wenn er einfach zu denen hineinmarschierte und ihnen die Meinung sagte?

»Lasst mich in Ruhe, ich habe nichts mit euren verdammten Staatsfeinden zu tun. Wenn ich einer werden sollte, seid ihr selber schuld.«

Er wollte nur leben und so bald wie möglich vergessen, was ihm widerfahren war.

Sie würden ihn nicht einmal anhören. Sie würden so tun, als hätten sie seinen Namen nie gehört. Verdammter Mist.

Wenn er doch wenigstens Monika sehen könnte.

Monika. Sein Herz krampfte sich zusammen, und er fühlte sich krank vor Sehnsucht und Verlangen nach ihrem biegsamen Körper.

Er sah den Mädchen entgegen. Sie trugen leichte, frühlingshafte Kleider. Büstenhalter schienen in den letzten drei Jahren ganz aus der Mode gekommen zu sein. Ein junges Ding bemerkte sein Interesse, und er wich ihrem Blick aus, als hätte sie ihn bei etwas Verbotenem ertappt. Doch sie lächelte keck, als sie vorbeiging. Schalow sah ihr nach, und er wurde mit einem aufregenden Blick auf ihr straffes Hinterteil belohnt.

Langsam ging er zum Fröbelplatz zurück. Hier hatte er gewohnt, bevor er verhaftet wurde. Er sah zu den Fenstern im dritten Stock hinauf. Die Gardinen schienen noch dieselben zu sein, nur waren sie jetzt grau. Als er da oben wohnte, hatte Monika die Gardinen einmal für ihn gewaschen.

Monika, Monika.

Eine ganze Woche hatten sie zusammen in der Wohnung verbracht, während ihr Mann verreist gewesen war.

Ein paar Tage später kam der Schock der Verhaftung. Er hatte Monika nie wiedergesehen. Einmal hatte sein Anwalt einen Brief von ihr mitgebracht. Sie schrieb, sie werde ihn nie vergessen und sie wünschte, etwas für ihn tun zu können. Statt einer Unterschrift hatte sie ihre Lippen unter den Brief gedrückt.

Sie hatte nichts für ihn tun können. Sie konnte ihm kein Alibi geben, weil sie um die fragliche Zeit nicht zusammen gewesen waren. Ihr Mann war seit zwei Tagen wieder zu Hause gewesen, und sie musste die treue und fürsorgliche Ehefrau spielen. Und die liebende Gattin.

O Gott!

Er setzte sich auf eine Bank.

Ob Gerd wusste, wo sie jetzt war?

Er musste sich unbedingt bei Gerd melden. Eigentlich hatte er ihn gestern schon anrufen wollen, aber da hatte er sich nach dem Gespräch mit seinem Vater so deprimiert gefühlt, dass er bald zu Bett gegangen war.

In der Telefonzelle am Fröbelplatz fand Schalow ein Telefonbuch, das ziemlich zerfleddert war, aber die Seiten mit den Namen, die mit W begannen, waren noch vorhanden und sogar lesbar.

Wissmeyer, Gerhard, Ing., Huhnsgasse.

Gerd war also umgezogen. Natürlich hatte er seine Studentenbude am Ubierring längst aufgegeben, aber er war der Gegend um den Barbarossaplatz und die Zülpicher Straße treu geblieben. Dort hatten sie sich immer wohl gefühlt. Gerd und er, Ernst Schalow. Und die Mädchen, die sie gekannt hatten. Sogar mit Monika war er durch die Studentenkneipen gezogen. Hier brauchte sie nicht zu fürchten, erkannt zu werden.

Schalow wählte die angegebene Nummer, aber niemand hob ab.

Er holte den Wagen und fuhr zum Ring. In Gerds Kneipe trank er zwei Kölsch, während er das Haus beobachtete, in dem Monika wohnte.

Aber er sah sie auch heute nicht.

Um zwei Uhr ging er in ein Kino. Schalow war immer ein Kinofan gewesen. Während der Haft hatte er die gewohnten Kinobesuche sehr vermisst. Er sah einen harten amerikanischen Film, in dem Charles Bronson einen Rächer spielte. Der Film gefiel Schalow, und für zwei Stunden vergaß er die Männer, die ihn verfolgten, und er vergaß sogar Monika.

Anschließend hatte er Hunger, und weil Gerd sich noch immer nicht meldete, als Schalow anrief, aß er etwas in einem griechischen Restaurant, das billig war und in dem es ihm ausgezeichnet schmeckte.

Als er dann kurz vor fünf erneut Gerds Nummer wählte, meldete sich der Freund sofort.

*

Beinahe vermisste er jetzt seine Beschatter, als er durch den dichten Verkehr zum Barbarossaplatz fuhr. Den Audi stellte er auf dem Parkdeck von Touring Sport ab, wie Gerd es ihm geraten hatte. Zu Fuß ging er über den Ring zur Huhnsgasse.

Das Haus, in dem Gerd jetzt wohnte, war neu und ziemlich schmal. Die Fenster reichten bis zum Boden. Vor dem unteren Drittel waren Eisengitter angebracht. Im Nachbarhaus gab es eine Stehbierkneipe. Die Tür stand offen, und Schalow konnte ein paar Männer an der Theke erkennen. Wie praktisch für Gerd, dachte er.

Die Haustür war nicht verschlossen. Schalow stieß sie auf und betrat den langen Flur. Die Treppe lag im Halbdunkel. Linker Hand befand sich die graulackierte Tür des Lifts. Auf der Anzeigetafel leuchtete das rote Licht. Schalow drückte den Rufknopf und wartete.

Die Haustür wurde erneut aufgestoßen, und ein Mann betrat den Flur. Schalow sah ihm ohne Interesse entgegen. Mechanisch registrierte er, dass der andere mittelgroß und dünn war. Er trug eine schäbige Jacke und ausgebeulte Hosen.

Der Mann baute sich neben Schalow auf und wippte auf den Fußballen. Das rote Licht auf der Anzeigetafel erlosch. Die Lifttüren schnarrten zur Seite. Die Kabine war leer. Schalow machte einen Schritt vor, als er einen heftigen Stoß in den Rücken bekam.

Er stolperte und krachte mit der Schulter gegen die Rückwand der Kabine. Der dünne Kerl kam hinter ihm her. Er hatte kleine Augen. Sein Mund war zu einem dünnen Strich zusammengepresst.

Schalow wirbelte herum. Seine geballten Fäuste kamen hoch.

Der Dünne reagierte gelassen. Er schlug Schalows Rechte herab und packte dessen linken Arm. Mit einem brutalen Ruck zwang er den Arm auf den Rücken und bog ihn nach oben.

Der Schmerz in der Schulter zwang Schalow in die Knie. Schweiß bedeckte seine Stirn. Der Kerl drückte auf irgendeinen Knopf, und der Lift schwebte nach oben.

Schalow kam wieder auf die Füße. »Was soll das?«, fauchte er. Das Gesicht des Dürren tanzte vor seinen Augen. Schalow war fast einsneunzig groß. Er überragte den anderen um Kopfeslänge, aber der schien dennoch nicht den geringsten Respekt vor ihm zu haben.

»Können Sie sich das nicht denken, Schalow?« Eine Bierfahne wehte in Schalows Nase. Der Lift stoppte. Der Dünne drückte die Eins. »Haben Sie die Knaben vom Verfassungsschutz abgehängt? Oder stehen die Jungs draußen?«

»Was wollen Sie?«, knirschte Schalow.

Schon wieder wurde er herumgestoßen.

»Nicht so hastig, Freundchen. Ihr Freund da oben kann warten. Er hat lange genug auf Sie gewartet.«

»Lassen Sie meinen Freund aus dem Spiel, wenn Sie was von mir wollen!«

»Hat er das Geld für Sie verwahrt?«

Der Lift hielt im ersten Stock. Der Fremde drückte wieder einen der oberen Knöpfe.

»Welches Geld?«

Der Dünne hieb Schalow eine harte Faust in den Magen. Der Schlag kam ohne jeden Ansatz. Schalow krümmte sich zusammen. Er bekam keine Luft mehr. Keuchend und nach Atem ringend lehnte er an der Kabinenwand.

Das Gesicht des gemeinen Schlägers blähte sich auf, es wurde rot, die blassen Augen bohrten sich mitleidlos in Schalows Augen.

»Zweihundertsiebenundneunzigtausend. So viel betrug die Beute, die ihr erwischt habt. Einhunderttausend waren Tausender-Scheine. Von denen ist bisher kein einziger aufgetaucht. Die Scheine waren euch zu heiß, weil ihr einen umgelegt habt. Ich will die hundert großen Scheine, Schalow, und Sie werden sie mir besorgen.« Die Stimme klang kehlig, das Lächeln auf den dünnen Lippen war grausam und gefühllos.

Schalow schüttelte hilflos den Kopf. In seinen Eingeweiden loderte ein Feuer. »Wer sind Sie?«, fragte er dumpf. Er musste Zeit gewinnen.

»Oh, habe ich mich nicht vorgestellt? Verzeihung. Ich heiße Kucharz. Klaus Kucharz. Ich bin so etwas wie Privatdetektiv.« Der Kerl grinste verschlagen. »Leider habe ich gerade keine Besuchskarte bei mir, aber ich stehe im Telefonbuch. Mit den großen Scheinen könnt ihr gar nichts anfangen. Ich bekomme zehn Prozent Finderlohn von der Versicherung. Vielleicht gebe ich Ihnen sogar einen Tausender ab, das kommt ganz darauf an, wie schnell wir uns einig werden. Und wie viel Arbeit ich noch mit Ihnen habe.«

»Ich habe das Geld nicht«, sagte Schalow leise. Er hatte die Lider halb über die Augen fallen lassen, um seinen Hass und seinen Zorn nicht zu zeigen.

Er beobachtete die Hände des angeblichen Privatdetektivs. Noch einmal würde er sich nicht schlagen lassen.

Die Fahrt ging wieder abwärts. Schalows Gedanken rasten. Der Kerl war einer der Leichenfledderer, vor denen sein Anwalt ihn gewarnt hatte. Kucharz hatte über irgendeinen Kanal gehört, dass er, Schalow, entlassen werden sollte.

Vermutlich war er schon früher in die Sache eingestiegen. Vielleicht hatte er bereits den Prozess verfolgt. Daher wusste er auch von Gerd Wissmeyer. Der Rest war einfach. Kucharz brauchte von da an nur noch in der Kneipe nebenan zu warten, bis der angebliche Bankräuber auftauchte. Genauer gesagt, der Mann, der die Gangster gefahren haben sollte. Mit dem schnellen, hochgetrimmten BMW 2002 ti.

»Schalow, das glauben Ihnen nicht einmal die Heinis vom Verfassungsschutz, und das sind ganz ausgebuffte Jungs ...«

Das war eine Ansicht, die Schalow in keiner Weise teilte.

»Und auch mir, Klaus Kucharz, können Sie das nicht auf die Nase binden. Mich werden Sie nicht wieder los. Eines Tages werden Sie vernünftig, Schalow. Sie werden einsehen, dass Sie mit den Tausendern doch nichts anfangen können. Dann werden Sie sie mir geben.« Kucharz hob die Hand, um die Kabine wieder nach oben zu schicken.

Schalow kam ihm zuvor. Er packte die Hand und presste das Gelenk zusammen. Kucharz' Gesicht verzerrte sich. Er wollte Schalow sein Knie zwischen die Beine stoßen, aber Schalow drehte sich ab, und der Stoß ging daneben.

In diesem Moment fuhren die Türen auseinander. Im Flur warteten zwei Frauen. Schalow ließ die Hand des anderen los.

Kucharz grinste böse. »Rufen Sie mich an«, sagte er, dann verließ er den Lift.

*

Gerd riss die Tür auf, als Schalow klingelte.

Er machte ein betroffenes Gesicht, als er den verstörten Ausdruck in Schalows Augen bemerkte.

»Komm rein, Enno!«, sagte er herzlich.

Enno.

Sein alter Spitzname gehörte in eine andere Zeit.

Gerd nahm Schalows Hand, drückte sie. Dann legte er dem Freund einen Arm um die Schultern. Er zog ihn in die Wohnung und schloss die Tür.

»Was ist denn los? Mann, Enno, ich freue mich, dass du wieder draußen bist! Aber irgendetwas stimmt doch nicht!«

»Da war einer, der hat mir aufgelauert. Hier unten im Haus.«

»Verfassungsschutz? Das war doch zu erwarten.«

Schalow schüttelte den Kopf. »Nein. Einer, der einen Anteil von der Beute haben will. Hunderttausend.«

»Der ist ja verrückt!«, stieß Gerd hervor.

»Vielleicht. Aber ganz bestimmt ist er brutal. Ich hätte nicht herkommen dürfen.«

»Red keinen Unsinn!«, sagte Gerd scharf. »Soll ich die Polizei anrufen?«

»Was willst du denen erzählen? Der Kerl hat mir sogar seinen Namen genannt. Er steht im Telefonbuch! Ich bin überzeugt, er will die Tausender tatsächlich abgeben und zehn Prozent kassieren. Als Finderlohn oder was weiß ich.«

»Komm erst mal rein, Enno. Komm.« Gerd schob ihn in den Wohnraum.

Gerds Zwei-Zimmer-Apartment lag unter dem Dach. Die drei französischen Fenster gingen auf einen schmalen Dachgarten hinaus. Der Wohnraum war sehr individuell eingerichtet. Und sehr männlich. Offene Regale aus einfachem Kiefernholz, Felle an den Wänden, ein paar Poster. Riesige Lautsprecherboxen standen in den Ecken. Der Hi-Fi-Turm mit einer verwirrenden Anzahl von Schaltern und Instrumenten stand mitten im Raum. Auf dem Boden stapelten sich Zeitschriften.

»Setz dich erst mal. Willst du was trinken? Oder essen?«

»Ich habe gerade gegessen. Aber ein Bier trinke ich.«

Gerd holte zwei Flaschen aus der kleinen Küche. Die Gläser standen bereits auf dem Beistelltisch. Die Sessel waren mit grobem hellem Leinen bezogen und sehr bequem. Schalow seufzte, als er in einem versank.

»Zum Wohl, Enno! Und herzlich willkommen!« Gerd hob sein Glas.

Sie tranken einander zu, lächelten, schwiegen. Sie kannten sich so gut, dass es keiner geschwätzigen Konversation bedurfte, um die vergangenen Jahre zu überbrücken.

Gerd sah gut aus. Er war schlank geblieben. Seine Gesichtszüge hatten sich verändert, waren markanter geworden. Die schmale Nase wirkte kühn wie das vorspringende Kinn. Nur das blonde Haar war dünner, als er es in Erinnerung hatte. Die Wangenknochen spannten die Haut des Gesichts.

»Wann bist du rausgekommen?«, fragte Gerd nach dem zweiten Glas.

»Gestern.«

»Ich hätte dich gern abgeholt.«

»Ich weiß.«

»Wo hast du geschlafen?«

»Zu Hause«, antwortete Ernst knapper, als er es beabsichtigt hatte.

»Du kannst hier schlafen. Fühl dich wie zu Hause, auch wenn es etwas eng werden sollte. Das meine ich so, wie ich es sage.«

»Ich weiß, Gerd, danke. Aber ich werde zunächst wieder auf Weilersdorf arbeiten, bis ich einen Job als Ingenieur in Köln finde. Da ist es schon besser, wenn ich so lange in Huckerath wohne. Vielleicht nehme ich mir auch ein Zimmer in Oberaußem oder Bergheim.«

»Mein Angebot gilt auch für später.«

»Klar. Wie geht es Beate?«

Gerd lächelte. »Du kannst sie nachher selbst fragen. Es geht ihr gut, das hoffe ich jedenfalls. Ich tue, was ich kann. Wir sind immer noch zusammen. Und wir werden es wohl auch bleiben.«

»Warum heiratet ihr nicht?«

Gerd verzog das Gesicht. »Beate will nicht. Sie hat da ihre eigenen Ansichten, wie du sicher weißt.«

Ja, die kannte er. Ein halbes Jahr war er mit Beate gegangen. Zuerst hatte ihn ihre spröde, selbstbewusste Art ungemein angezogen, und er war überzeugt gewesen, dass er sie liebte. Doch dann hatte es irgendwann einen Bruch gegeben. Er konnte nicht sagen, wann er ihn bemerkt hatte, aber der Bruch war da gewesen, und beide hatten gespürt, dass etwas nicht stimmte, dass sie nicht auf derselben Wellenlänge funkten. So waren sie auseinandergegangen. Ohne Bitterkeit oder Groll.

Sie hatten sich in der anschließenden Zeit sogar oft gesehen. Im Podium oder in der Filmdose, manchmal auch bei gemeinsamen Freunden. Natürlich hatten Gerd und Beate sich gekannt, aber zuerst hatte nichts darauf hingedeutet, dass die beiden füreinander bestimmt sein könnten. Dann war Ernst Schalow auf seinen Zwölf-Monats-Trip gegangen, und als er nach Köln zurückkam, waren die beiden ein Paar gewesen. Das ideale Paar, wie es schien. Gerd hatte nur lakonisch erklärt, es habe sich eben so ergeben. Jetzt hielt die Verbindung also schon an die vier Jahre.

»Beate ist jetzt an der Realschule in Niehl«, sagte Gerd. »Im Herbst macht sie ihr Zweites Staatsexamen.«

Ernst lächelte. Beate war zäh. Sie schaffte alles, was sie wollte. Ernst nahm eine Zigarette und zündete sie an.

Gerd erzählte von seiner Arbeit.

Er arbeitete in einem Ingenieurbüro. »Wir sind vier Mann. Ich bin der Junior. Wir verkaufen elektronische Durchflussmessgeräte und Regler. Die Arbeit ist sehr interessant, in jeder Hinsicht. Ich bekomme außer dem Fixgehalt eine Provision. Ich entwickle vollkommen selbständig Problemlösungen für meine Kunden, und wenn es zum Abschluss kommt, bekomme ich einen Provisionsanteil für die Geräte, die der Kunde kauft. In ein paar Jahren mache ich mich vielleicht selbständig.« Gerd lächelte. »Ich kenne eine Menge Leute«, sagte er dann vorsichtig. »Soll ich mich mal umhören?«

Ernst hob die Schultern. Seine Miene verdüsterte sich. Er dachte an den kleinen Dicken und an den gemeinen Schweinehund, der einen Packen Tausendmarkscheine von ihm haben wollte.

»Ich weiß noch nicht, was ich machen soll. Ich hänge in der Luft.« Warum fragt er nicht nach Monika?

Gerd stand auf. »Ich ziehe mir eben etwas anderes an, dann gehen wir rüber ins Tinnef. Einverstanden? Beate kommt auch hin.«

»Ich will euch nicht stören ...«

»Enno! Red keinen Unsinn! Ich weiß nicht, wie dir zumute ist, aber ich kann mir vorstellen, dass du dich scheußlich fühlst. Du glaubst vielleicht, du gehörst nicht mehr dazu. Zur Szene, zu unserer Clique.«

»In drei Jahren verändert sich manches.«

»Ja, eine Menge. Du hast dich verändert, ich habe mich verändert. Wir sind alle nicht mehr die Alten. Die unbeschwerte Zeit ist auch für mich vorbei. Und für Beate. Aber zwischen uns beiden, Enno, hat sich doch nichts geändert.«

Schalow sah vor sich hin. Monika, dachte er.

Warum konnte er nicht einfach zu ihr gehen und sagen, hier bin ich wieder.

Gerd stand in der Tür zum Schlafraum. Er hatte sein Hemd ausgezogen.

»Ich will es mal ganz hart ausdrücken, Enno«, sagte er. »Es liegt an dir.«

Ja, es lag an ihm. Es stimmte in diesem Fall sogar. Er durfte nicht zu empfindlich sein. Davor hatte ihn der Anstaltspsychologe schon gewarnt.

»Okay«, sagte Schalow und lächelte schwach.

Gerd grinste.

3

Im Tinnef war es sehr voll, aber nicht zu laut. Sie stellten sich an die Theke und tranken langsam. Schalows Blicke wanderten immer wieder zur Tür, aber weder Kucharz noch der kleine Dicke noch sonst jemand, der verdächtig aussah, betrat den Raum.

Beate kam erst um sieben.

Sie ging auf Gerd zu, aber ihre leuchtenden Augen waren unverwandt auf Ernst gerichtet. Sie erkannte ihn sofort.

Sie drückte Gerd einen Kuss auf die Lippen, ehe sie sich Ernst zuwandte.

»Enno«, sagte sie mit einer Stimme, die leicht belegt klang. Mit den Fingerspitzen strich sie über seine Wange, ehe sie sich auf die Zehenspitzen stellte und mit den Lippen seinen Mundwinkel berührte.

Ein heißer Strom rann durch Schalows Körper bis in die Zehenspitzen, und er blieb steif stehen.

»Enno, mein Gott! Wir hatten ja keine Ahnung!«

Sie ist schön, dachte er betroffen. Schöner als damals. Ihr Gesicht war ausdrucksvoller geworden. Das aschblonde Haar trug sie im Nacken zusammengebunden. Ein rotes Band hielt die hohe klare Stirn frei und betonte den Ausdruck der Augen. Sie waren hellblau und unglaublich klar.

Sie trug khakifarbene Hosen, die um die Hüften viel zu weit waren. Gatsbyhosen nennt man die wohl, dachte Schalow. Er fand sie scheußlich, aber die locker fallende Bluse aus hellblauem Seidenstoff und die ärmellose Weste waren hübsch. Sehr hübsch und sexy. Beate trug keinen Büstenhalter. Natürlich nicht. Ernst Schalow schluckte. An Beates Hals tickte blau eine Ader.

Ihre Augen tauchten in seine. »War es schlimm?« Ihre Stimme klang immer noch belegt.

»Ja«, antwortete er.

»Wenn ihr euch genug angestarrt habt, könnt ihr mich ruhig auch wieder beachten«, meldete sich Gerd.

Sie setzten sich in eine freie Ecke. Sie unterhielten sich leise über alles Mögliche. Nur nicht über Monika.

Schließlich hielt Ernst es nicht mehr aus, und er fragte nach ihr.

»Ich habe sie seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen«, sagte Beate. »Du, Gerd? Hast du sie einmal getroffen?«

Gerd runzelte die Stirn, und als er antwortete, sah er Schalow an. »Ich kann mich nicht erinnern. Ich glaube nicht, dass ich sie noch einmal gesehen habe, nachdem du verhaftet wurdest. Hierher kam sie ja nur wegen dir.«

»Ich habe sie noch einmal am Neumarkt getroffen«, sagte Beate lebhaft. »Aber wann war das? Mein Gott, mein Gedächtnis! Ich besuchte das Seminar, richtig. Das muss also zweieinhalb Jahre her sein.« Beate sah Ernst an. »Vergiss sie, Enno. Sie ist verheiratet.«

Ernst verrieb eine Bierlache. »Ich muss sie sehen«, sagte er. »Es ist eine fixe Idee, wisst ihr? Ich habe immer an sie denken müssen. Immer. Jeden Tag.« Und jede Nacht, dachte er. Es war wie ein Schmerz, der immer wiederkehrte.

Beates Augen bekamen einen mitleidigen Schimmer. Gerd trank.

»Vielleicht ist sie ihrem Mann längst davongelaufen«, sagte Schalow.

»Immer, wenn ich anrufe, kommt er an den Apparat.«

»Und jetzt weißt du nicht, wie du an die Burgfrau herankommen sollst.« Beate runzelte die Stirn, wobei sie jedoch verstehend lächelte. Sie kramte in ihrer Handtasche. »Weißt du was? Ich rufe einfach an und frage nach ihr. Ich bin eben ihre alte Freundin Beate.«

»Nein«, sagte Ernst. »Das will ich nicht.«

»Warum nicht, du Narr?«

Beate fand zwei Zehnpfennigstücke. Sie stand einfach auf. »Ich bin eine Frau. Ihr Mann wird nicht gleich darauf kommen, dass ich nur anrufe, um den Postillon d'Amour zu spielen.« Beate lachte. Ihre Zähne leuchteten, das Haar wippte über ihren Rücken. »Gib mir die Telefonnummer.«

Ernst schüttelte den Kopf. Gerd legte eine Hand auf seinen Arm.

»Lass sie doch!«, sagte er.

Ernst schrieb die Nummer auf einen Bierdeckel, und Beate zog ab.

Sie kam schon nach zwei Minuten zurück. Ihr Lächeln wirkte eine Spur zu optimistisch, als sie sich wieder zu den beiden Freunden an den Tisch setzte.

»Er war ziemlich betroffen, als ich nach Monika fragte, der gute Herr Heikaus«, berichtete sie. »Aber an der Auskunft ist wohl nichts auszusetzen. Sie hätten sich getrennt, sagte er. Schon vor ein paar Jahren. Und dann wollte er wissen, wer ich bin.« Beate lächelte intensiver. »Vielleicht sucht auch er nach Ersatz. Oh, Entschuldigung«, sagte sie dann schnell.

»Schon gut.« Ernst schob eine Zigarette zwischen seine Lippen. Seine Finger zitterten ein wenig. Vielleicht war Monika tatsächlich frei! Aber was konnte er unternehmen? Morgen früh musste er auf Weilersdorf anfangen.

Gerd hatte ihn beobachtet. Er stieß ihn an und schob ihm ein volles Bierglas zu.

»Dann versuche ich es eben«, entschied er. »Als Versicherungsvertreter bin ich sehr überzeugend, wie ihr wisst.« Er grinste. Er hatte sein Studium teilweise finanziert, indem er Versicherungen abgeschlossen hatte. »Ich habe noch einen Haufen Unterlagen.«

»Aber er weiß nicht, wo sie ist«, gab Beate zu bedenken. »Das behauptet er wenigstens.«

»Wenn sie nur getrennt leben, also nicht geschieden sind, muss er zumindest wissen, wie er sie erreichen kann. Und wenn er über seinen oder ihren Anwalt geht.«

»Dann kann ich es auch selbst versuchen«, meinte Ernst.

»Vielleicht weiß er, wer du bist«, sagte Beate. »Frauen sind manchmal komisch. Es ist möglich, dass sie ihm alles gebeichtet hat. Oder im Zorn an den Kopf geschmissen.«

»Lass mich das mal machen.« Gerd grinste zuversichtlich. »Ich habe da so eine Idee. Ich fahre zuerst einfach bei diesem Ehemann vorbei. Ich muss morgen sowieso einen Kunden in Niehl besuchen. Da kann ich es einrichten. Und wenn Heikaus weiter die Auster spielt, nun, dann werde ich eben etwas anderes versuchen.«

»Was willst du machen?«, fragte Ernst lahm. Er wusste nicht, wie er dem Freund das Vorhaben ausreden konnte. Gerd war schnell für etwas zu haben, das nach einem Abenteuer aussah. Er hatte sich nicht geändert. Oder wollte er ihm vielleicht so schnell wie möglich ein Mädchen besorgen, ehe er, Ernst Schalow, bei Beate verlorenes Terrain zurückgewann?

Unsinn. Das mit Beate war vorbei. Seit vier Jahren.

Er sah sie an. Ruhig erwiderte sie den Blick. Er hatte sich verändert, er war reifer geworden. Und männlicher. Das wusste er. Auch Beate hatte sich verändert. Sie war nicht mehr spröde. Selbstbewusst ja. Aber nicht spröde.

»Kommst du morgen Abend vorbei?«, unterbrach Gerd seine Gedanken.

»Ich weiß nicht, ob ich den Wagen noch mal nehmen kann. Außerdem wollte ich mir ein Zimmer besorgen.« Aber das hatte Zeit, dachte er. »Ich rufe auf jeden Fall an.«

Gerd grinste. »Vielleicht habe ich dann schon ein Rendezvous für dich verabredet. Kannst du es noch so lange aushalten?«

Schalows Grinsen fiel etwas missraten aus. Beate lächelte nicht.

»Ich muss«, sagte er.

Gerd wurde unvermittelt ernst. »Du musst mir nur eins versprechen, Enno.«

»Ja?«

»Sei nicht enttäuscht, wenn sie einen anderen Macker hat.«

Ernst schüttelte den Kopf, dann stand er auf. Er hatte genug getrunken. »Ich muss jetzt nach Hause fahren. Mein Alter zittert bestimmt um seinen Wagen.«

»Hast du Geld, um dir selbst einen zu kaufen?«, erkundigte sich Gerd.

»Nein. Kein Gedanke.«

»Ich kann dir welches leihen. Zweitausend? Einer, der so viel von Autos versteht wie du, kann sich damit was ganz Heißes anschaffen.«

»Danke, Gerd«, sagte Schalow. Es hörte sich lahm an. Vielleicht wollte er das Geld haben. »Es geht nicht. Ich meine, ich weiß doch nicht, wann ich es zurückzahlen kann.«

»Wenn ich es nächste Woche brauchte, würde ich es dir nicht anbieten!«, fuhr ihn Gerd an. »Ich bring's dir mit. Morgen Abend oder wann immer wir uns sehen, werde ich es bei mir haben.«

Schalow musste sich umdrehen, weil die anderen sonst gesehen hätten, dass seine Augen feucht wurden. Gerd war sein Freund. Die Freundschaft hatte gehalten. Mehr noch. Sie hatte eine starke Bewährungsprobe bestanden.

*

Er fuhr über die Aachener Straße und die B 55 nach Huckerath. Seine Augen hingen fast öfter am Rückspiegel als geradeaus auf der Fahrbahn, wo die Scheinwerfer den hellen Betonstreifen aus der Dunkelheit schnitten.

Er würde heute noch mal bei seinen Eltern schlafen. Aber morgen wollte er sich ein Zimmer suchen. Morgen früh musste er um sieben Uhr auf dem Kraftwerk sein. Die normale Arbeitszeit ging von 7 bis 16 Uhr. Vielleicht teilten sie ihn auch für den Schichtbetrieb ein. Von 6 bis 14 Uhr, von 14 bis 22 Uhr und von 22 bis 6 Uhr, in wöchentlichem Wechsel. Wechselschichten waren vielleicht ganz günstig, überlegte er. Wenn er Spätschicht hatte, konnte er sich tagsüber in Köln nach einer passenden Stelle umsehen.

Aber nein, dachte er dann mutlos, sie würden einen Vorbestraften keine Wechselschichten machen lassen. Als Elektriker hatte er Zugang zu fast allen Bereichen des Werkes. Er würde oft allein sein, auch nachts. Nein, sie würden ihn irgendeiner Kolonne zuteilen und ihn die erste Zeit Isolatoren oder Hochspannungsschalter reinigen lassen.

Bei Horrem fuhr er von der B 55 ab. Zehn Minuten später bog er in die Fortunastraße ein. Er hatte sich noch gar nicht überlegt, wie er morgen früh zum Kraftwerk rauskommen wollte. Den Wagen seines Vaters wollte er nicht nehmen, selbst wenn sein Vater darauf bestehen würde.

Vielleicht war sein altes Fahrrad noch da.

Er schlug das Lenkrad ein und setzte den Audi in die Einfahrt. Die Scheinwerfer beleuchteten das Schwenktor vor der Betongarage. Schalow schaltete das Standlicht an und stellte den Motor ab, ehe er aus stieg.

Er wollte das Garagentor gerade aufziehen, als ein Paar grelle Halogenscheinwerfer aufleuchteten und ihn mit blendendem, gleißendem Licht übergossen.

Schalow hob eine Hand schützend vor die Augen. Sein Herz schlug ihm bis in den Hals. Kucharz, dachte er unwillkürlich.

Das Licht erlosch wieder. Die H4-Lampen glühten schwach rot nach.

»Schalow!«, hörte er eine Stimme. »He, Schalow, kommen Sie her!«

Ihn packte eine sinnlose Wut. Nachdem sich seine Augen auf die Dunkelheit eingestellt hatten, erkannte er einen Wagen auf der anderen Straßenseite, gleich an der Ecke.

Sie haben wieder in den braunen Granada übergewechselt, dachte Schalow.

»Nun kommen Sie schon! Oder sollen wir Sie holen, Schalow?«

Steifbeinig ging er auf den Wagen zu. Dieses Mal ballte er die Fäuste nicht in der Tasche.

*

Eine Wagentür wurde geöffnet. Die Fahrertür. Der Bursche mit den großen Ohren baute sich vor Schalow auf.

Aus dem herabgedrehten rückwärtigen Fenster traf ihn die Stimme des Dicken.

»Machen Sie es Mario nicht unnötig schwer, Schalow. Sie kennen die Prozedur sicher.«

Mario, großer Gott, sie nennen einen ihrer Menschenjäger Mario. Wie einen italienischen Eisverkäufer.

Mario trat zur Seite, und Schalow legte die Hände aufs Dach. Er stellte die Beine zurück und spreizte sie, dann fühlte er, wie ihn Marios Hände abtasteten. Irgendwo ging ein Licht in einem der Häuser an. Er sah den Widerschein im spiegelnden Lack des Wagendaches, aber er sah sich nicht um.

Sie wollten ihn einschüchtern, indem sie ihm hier nachstellten, in der Gegend, in der er wohnte. Wo jeder ihn kannte. Ihn und seine Eltern, die es auszubaden hatten, wenn sie weiter hinter ihm her sein würden. Er knirschte mit den Zähnen.

»Er ist sauber«, sagte Mario.

»Was haben Sie denn erwartet?«, fauchte Schalow gegen den schwarzen Umriss des hinteren Fensters, in dem ein blasses rundes Gesicht schwebte. »Sie wissen, dass ich gestern aus dem Knast gekommen bin ...«

»Und wir wissen, dass Sie sich heute unserer Observation entzogen haben«, konterte der Dicke kühl. Er stieß die Tür von innen auf und rutschte zur Seite. »Steigen Sie ein.«

»Nein«, sagte Schalow.

Mario versetzte ihm einen Stoß in den Rücken. Es war der zweite Stoß, den er heute in den Rücken bekam. Er klammerte sich am Türrahmen fest. Marios warmer Atem strich über seinen Nacken. Der Kerl wollte jetzt zu einem gemeinen Schlag ansetzen. Vielleicht in die Nieren.

Da klirrte ein Fenster, ein Rollladen klapperte.

»Ernst? Bist du es?«

Das war sein Vater. Schalow schloss die Augen. Sie wollten ihn demütigen.

Wollten sie das wirklich?

»Ernst? Wo steckst du denn?«

»Ich bin hier, Vater. Es ist alles in Ordnung.« Verdammt, wenn sie so weitermachten, boten sie bald der Nachbarschaft ein spannendes Schauspiel.

»Soll ich rauskommen, Ernst?«

»Nein, Vater, bitte nicht. Es ist alles in Ordnung.« Er stieg in den Fond des Granada.

Mario schmetterte die Tür zu. Dann setzte er sich hinter das Lenkrad. Dabei ging die Innenbeleuchtung kurz an, und Schalow konnte Marios Gesicht von der Seite sehen. Es war nichtssagend, wie er es schon beim ersten Anblick eingestuft hatte. Er würde es nicht wiedererkennen.

»Fahren Sie ein Stück, Mario«, sagte der Dicke. »Nach Bergheim vielleicht.«

Schalow spürte die Bewegung neben sich, als der kleine Dicke sich zurechtsetzte. Der Wagen rollte an.

»Wer sind Sie?«, fragte Schalow. »Und was wollen Sie?«

»Nennen Sie mich Hartmann«, sagte der Dicke.

»Warum nicht Tiger? Oder James Bond?«

»Solche Decknamen sind bei uns nicht üblich, Herr Schalow. Wenn Sie meine Dienststelle anrufen und nach Hartmann fragen, wird man Sie mit mir verbinden. Das sollte genügen.«

»Ich wüsste nicht, weshalb ich Sie anrufen sollte.«

»Man kann nie wissen, Schalow. Wo haben Sie sich heute herumgetrieben?«

»Das geht Sie nichts an.«

»Herr Schalow, ich kann Ihnen das Leben so zur Hölle machen, dass Sie sich nach der JVA zurücksehnen. Glauben Sie mir. Sie sind störrisch. Deshalb haben wir uns lange mit Ihnen beschäftigt. Sie wissen, was wir wollen. Wir wollen die Namen Ihrer Komplizen. Der Banküberfall wurde nach unseren Erkenntnissen von Tätern durchgeführt, die der Terrorismusszene zuzuordnen sind. Die Fakten kennen Sie. Die Art der verwendeten Waffen, das entschlossene, brutale Vorgehen, eben alles. Ich will Ihnen noch etwas sagen, Herr Schalow, damit Sie wissen, mit wem Sie es zu tun haben, und damit Sie erkennen, dass Sie mich - oder uns - nicht so schnell wieder loswerden. Ich gehöre einer Zielfahndungsgruppe an, die erst vor einigen Monaten gebildet wurde. Sie ist noch recht klein. Aber raten Sie einmal, wer unser Zielobjekt ist!«

»Ich komme doch nicht darauf. Vielleicht der Briefträger von Huckerath?«

Wenn Hartmann sich ärgerte, ließ er es sich nicht anmerken.

»Wir tragen alle Informationen zusammen, die wir über Sie bekommen können. Wir checken jeden Kontakt ab, wir registrieren jede Bewegung, die Sie machen. Es liegt an Ihnen, wie schlimm es für Sie wird.«

Schalow lachte laut auf. Wieder lag etwas an ihm.

Überraschend milde fuhr der Mann vom Verfassungsschutz fort: »Sagen Sie uns jetzt, was Sie heute getan haben.«

»Ich werde es Ihnen sagen, aber nur unter Protest. Ich betrachte diese Unterredung als Nötigung. Ich werde meinen Anwalt über Ihr Vorgehen informieren und mich erkundigen, ob ich Ihre Art und Weise, wie Sie mich verfolgen und zu einer Spazierfahrt einladen, hinnehmen muss. Und ich werde mich erkundigen, ob ich Sie abschütteln darf, wenn mir danach zumute ist. Sollte das nicht der Fall sein, werde ich bei der nächstbesten Gelegenheit eine Schaufensterscheibe einwerfen. Dann können Sie mich im Knast besuchen.«

Schalows Hände waren schweißnass. Er sah aus dem Seitenfenster. Sie fuhren gerade am Martinswerk vorbei.

»Wenn Sie dann zur Sache kommen könnten, Herr Schalow«, mahnte Hartmann.

»Ich war im Kino ...« .

»Haha!«

»Ich war in mehreren Kneipen und in einem griechischen Restaurant am Hansaplatz«, fuhr Schalow unbeirrt fort. »Anschließend habe ich einen alten Freund besucht, mit dem ich noch ein Lokal an der Kyffhäuserstraße auf gesucht habe.«

»Wie heißt der Freund?«

»Hören Sie!«, brauste Schalow auf. »Sie können ...«

»Lassen Sie Dampf ab!«, sagte der Dicke scharf. »Ich habe einen Job zu tun, und ich werde ihn machen! Ich werde mich von einer lausigen Randfigur, wie Sie eine sind, nicht aufs Abstellgleis rücken lassen!«

Schalow grinste. Die Lichter der Straßenlaternen am Bergheimer Bahnhof zuckten über Hartmanns volles Gesicht und tauchten es abwechselnd in kalkig weißes Licht und blaue Schatten. Seine Augen waren stumpf, die Lippen zusammengepresst. Schalow ließ den Blick nicht von dem anderen.

Da setzten sie einen Mann auf seine Spur, der eine Chance brauchte. Welche Pannen mochten dem kleinen Dicken unterlaufen sein?

Schalow wusste nicht so recht, wie er diese Erkenntnis aufnehmen sollte.

Einerseits gewann dieser Mann, der seit gestern eine unheimliche Bedrohung für ihn darstellte, der die erdrückende Gegenwart einer Macht repräsentierte, der er nichts entgegenzusetzen hatte, durch sein vermutlich ungewolltes Geständnis so etwas wie ein menschliches Profil.

Andererseits wusste er, dass ein angeschlagener Wolf gefährlich werden konnte. Um seine Karriere zu retten, konnte Hartmann leicht auf den Gedanken verfallen, einen harmlosen Kerl wie Ernst Schalow unterzubuttern, indem er ihn zum gefährlichen Terroristen aufbaute und dann vernichtete.

Schalow bot sich für diese Rolle geradezu an. Er war wegen Beihilfe an einem spektakulären Bankraub verurteilt und auf Bewährung entlassen worden. Von den wahren Tätern fehlte jede Spur. Wenn es wirklich Terroristen waren, die vor dreieinhalb Jahren die Hauptfiliale der Deutschen Kreditbank in Leverkusen ausgeraubt und einen Kassierer getötet hatten, würde man sie jetzt nur noch schwer ermitteln und überführen können. Es sei denn, die Tausendmarkscheine befanden sich noch in ihrem Besitz.

Ernst Schalow stellte das ideale Opfer für einen Mann wie Hartmann dar. Seine Rechte waren eingeschränkt. Die Möglichkeiten, sich zur Wehr zu setzen, gleich null.

Jederzeit konnten sie alle wieder über ihn herfallen.

Die Polizei, die Gerichte, die Zeitungen. Und Typen wie Klaus Kucharz nicht zu vergessen.

»Über Ihre beschissene Lage können Sie später noch nachdenken«, sagte Hartmann. Er schnippte mit den Fingern, und Mario bog vor der Erftbrücke rechts in Richtung Niederaußem ab.

»Sie kennen seinen Namen«, sagte Schalow gequält. »Ich habe und hatte nur einen richtigen Freund.«

»Ich will den Namen von Ihnen hören.«

Schalow knirschte mit den Zähnen. Die letzten Häuser von Bergheim blieben zurück. Es war stockdunkel links und rechts der Betonstraße. Nie wieder sollten sie ihn so überraschen wie eben vorm Haus seines Vaters, das nahm er sich vor. Er schwitzte. Es war Angstschweiß.

»Gerd Wissmeyer«, sagte er.

»Na also, Herr Schalow. Jetzt brauchen Sie mir nur noch zu sagen, wen Sie dauernd angerufen haben.«

»Gerd Wissmeyer.« Die Lüge kam glatt über seine Zunge. Von jetzt an würde er nur noch telefonieren, wenn er nicht beobachtet wurde.

Hartmann lehnte sich zufrieden zurück. Die Lichter von Niederaußem tauchten auf. Das Kraftwerk stand wie ein gigantischer Fremdkörper vor dem dunklen Himmel. Aus den Kühltürmen stieg weißer Wasserdampf. Sie fuhren nach Oberaußem, wo Mario nach Fortuna abbog.

Das Dorf wirkte verlassen. Wie die Kulisse eines Films, der längst abgedreht war. Das Dorf sollte bald den Abraumbaggern zum Opfer fallen. Die Braunkohle unter den alten Häusern war zum Abbau freigegeben. Die Bewohner waren umgesiedelt worden. Die Fahrt über die verlassene Hauptstraße, die immer noch von den hohen Peitschenlampen hell erleuchtet wurde, hatte für Schalow etwas Beklemmendes.

Früher war er oft hier durch gefahren. Einige Zeit war er sogar mit einem Mädchen von hier gegangen. Sie hatte an der Kirchstraße gewohnt. Unwillkürlich wandte er den Kopf, als die Einmündung der Straße vorbeiglitt. Wie heißt sie doch? Heike? Nein, Heidrun.

»Keine Sorge, wir fahren Sie wieder nach Haus, Schalow«, meldete sich der Dicke wieder. »Bei Ihren Vernehmungen durch den Verfassungsschutz haben Sie stets abgestritten, an dem Bankraub beteiligt gewesen zu sein. Herr Schalow, wenn Sie jetzt etwas anderes aussagen wollen, wird es Ihnen nicht mehr schaden. Das verspreche ich Ihnen.«

»Ich habe nicht ...«

»Warten Sie doch, Schalow! Es hat keinen Sinn, Dinge zu wiederholen, die bereits tausendmal gesagt worden sind. Der Hit in Leverkusen wurde von Terroristen gemacht. Daran gibt es keinen vernünftigen Zweifel. Sie waren nur der Fahrer, das steht ebenfalls fest. Sie waren nicht in der Bank. Die Aussage der Zeugin ist in dieser Hinsicht einwandfrei und nicht zu widerlegen. Da hatten Sie Glück, Schalow, denn sonst hätte die Anklage leicht auf Beihilfe zum Mord lauten können, statt nur auf Beihilfe zu einem Bankraub.«

Die Zeugin.

Schalow schluckte. So eine kuhäugige Alte wollte ihn am Steuer des BMW erkannt haben. Vergebens hatte sein Anwalt vor Gericht darzulegen versucht, warum die Aussage dieser Frau nicht zur Urteilsfindung herangezogen werden durfte, sie hatte Schalows Bild vor der Gegenüberstellung in den Zeitungen gesehen. Für sie war er von vornherein schuldig gewesen.

»Lassen Sie mich in Ruhe!«, knurrte Schalow.

»Und wie wollen Sie mir erklären, dass Sie im Besitz einer Waffe waren und über Munition verfügten, die von Terroristen bevorzugt wird?«

Schalow war kurz daran, seine Fassung zu verlieren.

Er hatte sich in Griechenland breitschlagen lassen und eine Pistole vom Kaliber 7,65 gekauft. Samt Munition. Dass dieser Munitionstyp auch von Terroristen bevorzugt wurde, lag ganz einfach daran, dass er leicht erhältlich war. In Belgien und in der Schweiz.

»Ich will Ihnen überhaupt nichts erklären! Fahren Sie mich nach Haus. Und geben Sie diese alberne Beschattung auf.«

»Ihre ehemaligen Komplizen könnten auf die Idee kommen, Sie zu liquidieren, wenn Sie so dicht observiert werden. Die werden befürchten müssen, dass Sie eines Tages weich werden.«

Schalow lachte. »Ich muss früh raus. Fahren Sie mich nach Haus.«

»Richtig. Sie fangen ja schon morgen auf Weilersdorf an. Als Betriebselektriker.«

»Ihre Spitzel sind auf Zack«, spottete Schalow. Hartmann antwortete nicht.

Sie fuhren an Schlenderhahn vorbei. Die Hecken standen wie Mauern neben der gewundenen Straße. Ein Wagen kam ihnen mit aufgeblendeten Scheinwerfern entgegen. Mario fluchte und blendete seinerseits auf.

Wie mit einer Kanone abgeschossen, stach das grelle Licht dem anderen entgegen. Schalow sah ein entsetztes Gesicht hinter der Windschutzscheibe. Der andere Wagen kam dem Straßengraben gefährlich nahe, dann war er vorbei.

»Selbst schuld, der Penner«, murmelte der Fahrer.

Sie fuhren nach Ichendorf hinunter. Dahinter lag Huckerath.

»Halten Sie irgendwo«, sagte Hartmann zu Mario.

Mario lenkte den Granada scharf an den Straßenrand und schaltete die Scheinwerfer bis auf die Standlichter aus. Er sah stur nach vorn.

»Herr Schalow, Sie werden mit Ihren ehemaligen Komplizen keinen Kontakt aufnehmen können. Wir werden Sie an der ganz kurzen Leine halten.«

Schalow tastete nach dem Türöffner.

Er zog am Hebel, aber die Tür ließ sich nicht öffnen.

»Kindersicherung«, sagte Hartmann. »Ganz praktisch. Sie können aussteigen, wenn wir miteinander fertig sind. Es dauert nicht mehr lange. Geben Sie uns einen Tipp. Irgendetwas. Mit dem Geld können Sie sowieso nichts anfangen. Die kleinen Scheine haben Ihre Komplizen inzwischen längst verbraucht, und die Tausender kann niemand ausgeben. Sie schon gar nicht. Das Geld ist Nebensache für uns, es interessiert uns nicht. Wenn Sie dagegen Geld brauchen, sagen Sie es. Ich kann Ihnen helfen. Wenn Sie wollen, gebe ich Ihnen sofort fünfhundert Mark.«

Schalow lachte.

»Da habe ich heute bereits ein großzügigeres Angebot bekommen.« Kucharz hatte er beinahe schon vergessen.

Hartmann fuhr herum. Seine plumpen Fäuste packten Schalows Jacke, und mit einem Ruck zerrte er ihn zu sich heran.

»Sie waren also nicht aufrichtig! Ich habe es doch gewusst! Schalow, ich habe es gewusst!«

»Lassen Sie mich los. Ich hatte es bloß vergessen.«

Hartmann ließ ihn nicht los. »Reden Sie! Wer hat Ihnen Geld geboten?«

»Er nannte sich Klaus Kucharz und gab sich als Privatdetektiv aus. Er ist ein Ganove. Er will, dass ich ihm die Tausendmarkscheine besorge. Ich oder meine Komplizen könnten mit dem Geld doch nichts anfangen, und er bekäme zehn Prozent Belohnung. Mir wollte er tausend abgeben.«

Hartmann löste seine Hände aus Schalows Jacke. Pfeifend stieß er den Atem aus.

»Kucharz, sagten Sie? Und Sie haben ihn vorher nie gesehen?« Schalow schüttelte den Kopf. »Wo hat er Sie getroffen?«

»Er hat mir aufgelauert. Vor der Wohnung meines Freundes.«

Für Gerd hatte sich der Verfassungsschutz nach Schalows Verhaftung natürlich ebenfalls interessiert. Sie hatten festgestellt, dass Gerd sich nie an staatsfeindlichen Aktionen beteiligt hatte und als Komplize der Bankräuber nicht infrage kam. Im Gegensatz zu Schalow hatte er ein prächtiges Alibi. Zur Zeit des Überfalls hatte er Beate in Freiburg besucht, die dort ihr letztes Semester Germanistik studierte.

»Wir werden uns um ihn kümmern«, versprach Hartmann. »Um diesen Kucharz, meine ich.« Es hörte sich nicht so an, als ob er wegen dieses Ganoven eine sonderliche Aktivität entfalten wollte.

»Tun Sie's bald«, sagte Schalow düster. »Wenn mir der Kerl noch einmal über den Weg läuft, weiß ich nicht, wie ich reagiere.«

»Seien Sie vorsichtig, Herr Schalow«, mahnte Hartmann. »Denken Sie an Ihre Bewährung.«

»Sie meinen, wenn ich wieder im Knast lande, könnten Sie mich nicht mehr einschüchtern und mich auch nicht mehr als Köder benutzen, Hartmann, geben Sie es auf. Es hat keinen Zweck.«

»Wie Sie wollen, Schalow. Es liegt nur an Ihnen.« Hartmanns Stimme klang plötzlich kühl. »Sie werden schon sehen, wer am längeren Hebel sitzt.«

Er schnippte mit den Fingern, und Mario fuhr weiter.

Hartmanns letzte Worte hatten eine ganz konkrete Drohung enthalten. Schalow begann einzusehen, dass er sich in einem Kreis befand, den er nicht verlassen konnte.

4

Der erste Arbeitstag auf Weilersdorf verlief glatt und lange nicht so heikel, wie Schalow befürchtet hatte.

Siebert, der Personalleiter, hatte ihn rasch einer Gruppe von sechs Elektrikern und Elektromonteuren zugeteilt, von denen er drei noch von früher her kannte. Heinz Hilgers war der Vorarbeiter. Schalow hatte Respekt vor der zupackenden Art des Kollegen, und er wusste, dass Heinz sein Fach verstand.

Heinz hatte ihn herumgeführt und ihm die neuen Anlagen im Westtrakt gezeigt, wo seine Gruppe überwiegend beschäftigt war.

Die Steuerungen der Kesselanlagen waren zwar neu für Schalow, aber er würde sich schnell einarbeiten, falls es erforderlich wurde.

»Die eigentliche Drecksarbeit ist immer noch das Überholen der Mühlen und Bandmotoren«, erklärte Heinz Hilgers, während sie unten durch das lärmerfüllte Kesselhaus gingen. Heinz reichte Schalow nur bis zu den Schultern, und Schalow machte absichtlich kleine Schritte, damit der andere nicht so trippeln musste. »Immer, wenn einer der Kessel stillgelegt wird, weil die Brennkammer neu ausgemauert werden muss oder wenn Rohre undicht werden, kommt unsere Stunde. Dann müssen wir schnell ran, um die Motoren auszuwechseln. Dann kannst du auch Überstunden kloppen. Aber das kennst du ja alles noch.« Heinz wuchtete die schwere Werkzeugtasche auf die andere Schulter.

Schalow nickte. Ja, das kannte er alles noch.

Sie verließen das Kesselhaus und betraten das anschließende Gebäude, durch das sie ins Generatorenhaus gelangen konnten. In diesem Gebäude waren die Werkstätten verschiedener Betriebshandwerker, die Büros der Schichtingenieure und die Hochspannungsschalter untergebracht.

Heinz sah Schalow von unten herauf an. »Komm, rauchen wir eine Zigarette zusammen.«

Mit seinem Hauptschlüssel, der ihm Zugang zu allen elektrischen Anlagen verschaffte, öffnete er den langen Raum, in dem die kleinen, nach einer Seite hin offenen Zellen mit den Hochspannungsschaltern standen.

Die Luft knisterte und roch nach Ozon. Als Heinz die dicke Metalltür wieder schloss, blieb das Brausen der Generatoren draußen. Nur der Boden unter ihren Füßen vibrierte leicht.

Sie setzten sich ganz hinten auf den freien Werktisch, der nur benutzt wurde, wenn einer der mit Druckluft betriebenen ferngesteuerten Schnellschalter repariert oder ausgewechselt werden musste.

Heinz holte zwei Flaschen Bier und eine Packung Zigaretten aus seiner Werkzeugtasche. Er grinste breit.

»Wenn jemand kommt, weg mit der Flasche, klar?«, sagte er. »Wenn die Ingenieure nichts zu tun haben, schnüffeln sie gern hier herum.«

Schalow lächelte. »Klar«, sagte er. Er nahm eine Zigarette, weil er den Vorarbeiter nicht brüskieren wollte. Sie rauchten und tranken, und Schalow genoss das Gefühl der Solidarität mit dem Kollegen. Er entspannte sich.

»Du brauchst mir nichts zu erzählen, wenn du nicht willst, Enno«, sagte Heinz schließlich behutsam. »Aber du musst mich verstehen. Seit Tagen schon reden sie von dir. Vielleicht ist es besser, wenn du mir deine Version erzählst. Dann kann ich vielleicht gegen die wildesten Geschichten angehen.«

»Das finde ich anständig von dir, Heinz«, sagte Schalow aufrichtig. Nachdenklich betrachtete er die Glut seiner Zigarette. »Du weißt sicher, was ich immer ausgesagt habe.«

»Ja, natürlich. Du hast jede Beteiligung abgestritten. Man hat dir den Wagen geklaut und ihn für den Überfall benutzt.«

»So war es, Heinz. Ehrenwort. Mehr gibt es nicht zu sagen.«

Hilgers lächelte. »Ob du es glaubst oder nicht, Enno ich habe von Anfang an gewusst, dass da eine Riesenschweinerei lief.«

Schalow sah den Kollegen aufmerksam an. »Wie kommst du darauf? Ich habe immer gedacht, alle ...«

Heinz lachte. »Ich kannte dich doch vom ersten Lehrjahr an. Du warst nicht wie wir, du warst anders, hast alles leichter genommen und warst wild. Aber ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass du mit solchen Leuten, mit diesen Terroristen, gemeinsame Sache machst. Auch wenn alles gegen dich sprach. Sogar deine Vorliebe für schnelle Wagen. Ich vergesse nie, wie du mich einmal in deinem ersten Wagen mitgenommen hast. Probefahrt nanntest du das. Ich weiß nicht, was du mit dem Motor gemacht hast, aber der Käfer war jedenfalls die geilste Sache, die ich je unterm Hintern hatte. Mann, war das 'ne Tour! Hinter Rommerskirchen musstest du anhalten, weil ich kotzen musste.«

Schalow lachte. Ja, er erinnerte sich genau daran, wie er den alten VW hochgetrimmt hatte. Und wie er den armen Heinz durch die Kurven gejagt hatte.

»Es tut verdammt gut, auch mal so eine Ansicht zu hören«, sagte Schalow.

»Aber lass dich nicht täuschen, Enno, die anderen Kollegen denken nicht so. Einige vielleicht, aber nicht alle. Für die bist du einer, der mit Terroristen ein Ding gedreht hat.« Er drückte seine Zigarette aus, wischte die Asche in die Werkzeugtasche und rutschte vom Tisch. »Komm jetzt. Wir müssen ins Meisterbüro.«

*

Schalow stellte das Fahrrad in die Garage. Sein Vater war schon zu Hause. Wilhelm Schalow arbeitete als Pumpenmechaniker im Tagebau. In dieser Woche hatte er Frühschicht.

»Willst du etwas essen?«, fragte seine Mutter, als Schalow durch den Garten die Küche betrat.

»Nein, danke. Ich habe keinen Hunger.« Er setzte sich an den Küchentisch und griff nach dem Anzeigenblatt. Seine Mutter schenkte ihm eine Tasse Kaffee ein. Sein Vater rumorte nebenan im Wohnzimmer.

Schalow sah die Vermietungsangebote durch. Er schrieb einige Adressen und Telefonnummern auf einen Zettel, ehe er den Kaffee trank und auf sein Zimmer ging. Er wusch sich und zog sich um, dann ging er wieder nach unten.

Sein Vater hatte ihn auf der Treppe gehört und wartete im Flur auf ihn. Er räusperte sich.

»Wie war's, Ernst?«, fragte er dann.

»Es ging ganz gut«, antwortete Schalow.

»Du willst weg?«

»Ja.«

»Du kannst den Wagen nehmen, wenn du willst.« Wilhelm Schalow versuchte ein Lächeln.

Ernst schwankte, dann sagte er: »Ja, danke, Vater. Ich werde ihn volltanken.«

»Das ist nicht nötig, Junge. Du, Ernst ...«Er sah zu Boden. »Da war heute Mittag einer in der Grube. Wollte mich sprechen.«

Schalow ballte die Fäuste. »Wer?«

»Hartmann. Sie mussten mich extra mit einem Unimog von der Zweihundert-Meter-Sohle raufholen.«

»Was wollte er?«

»Ich weiß es nicht, ich habe es nicht verstanden. Der Kerl redete immer um den Brei herum. Larifari, wenn du mich fragst. Ich habe ihm gesagt, er möge sich klar ausdrücken, sagen, was er wirklich wollte. Von mir, von dir. Da sagte er nur, du wüsstest Bescheid. Es war ziemlich unangenehm, Ernst. Der Steiger saß nebenan. Er hat bestimmt jedes Wort mitbekommen.«

»Das hat dieser Schweinehund ja auch beabsichtigt. Rede in Zukunft nicht mehr mit ihm. Mit keinem.«

»Wie du meinst, Ernst, wenn du wirklich etwas weißt, dann sag es ihm! Bitte, tu es unseretwegen. Werde jetzt nicht wieder wütend. Versuch doch, mich zu verstehen!«

»Und du könntest einmal den Versuch machen, mich zu verstehen!«, schrie Schalow. Er rannte an seinem Vater vorbei nach draußen.

*

Er nahm wieder das Fahrrad. Je eher er sich daran gewöhnte, desto besser. Wer weiß, wie lange es noch dauerte, bis er sich ein Auto leisten konnte. Es sei denn ...

Ja, er würde das Geld von Gerd nehmen. In diesem Augenblick hatte er sich dazu entschlossen. Er wollte beweglich sein. Er musste so schnell wie möglich einen Job in Köln finden. Schon im Interesse seiner Eltern. Wer weiß, auf welche Gemeinheiten Hartmann noch verfiel, um ihn umzudrehen. Vielleicht hetzte er seinen verstörten Eltern wieder die Reporter auf den Hals.

Als er von Kenten aus die Umgehungsstraße nach Zieverich benutzte, sah er sich mehrmals um. Einmal glaubte er einen blauen Opel zu erkennen, doch der Wagen blieb hinter einer Biegung zurück.

Natürlich hielten sie ihn wieder an der Leine.

Schalow hatte sich zwei Adressen in Zieverich bei Bergheim herausgeschrieben. Sie lagen nicht weit voneinander entfernt im Neubaugebiet. Beim ersten Angebot handelte es sich um eine kleine, stickige Dachkammer in einem Einfamilienhaus an der Zeppelinstraße. Das Zimmer verfügte zwar über fließendes Wasser, aber wenn er nach Hause kam oder wegging oder wenn er das Bad benutzen wollte, musste er jedes Mal am offenen Wohnraum des Hauseigentümers vorbei.

Schalow verzichtete.

Nach dieser Erfahrung griff er bei der zweiten Gelegenheit umso schneller zu, obwohl die Miete wesentlich höher war, als er eigentlich aufzubringen bereit war.

Es handelte sich um ein Apartment an der Otto-Hahn-Straße in einem Haus mit insgesamt vierundzwanzig Wohnungen. Das Apartment war genau auf seine Bedürfnisse zugeschnitten. Es bestand aus einem großen Raum mit Einbauschränken, einem Bad und einer winzigen Kochecke. Er konnte zuerst die Möbel aus seinem Zimmer in Huckerath herüberschaffen. Für die erste Zeit mussten sie genügen. Er war nicht anspruchsvoll.

Er verhandelte mit dem Verwalter und unterschrieb den Mietvertrag, der einsetzen sollte, sobald die erste Mietrate auf dem Konto des Eigentümers einging.

»Ich zahle das Geld morgen Nachmittag bei der Sparkasse ein«, sagte Schalow. »Wann kann ich dann über die Wohnung verfügen?«

»Wenn Sie mir die Einzahlungsquittung vorlegen, gleich anschließend. Sie wissen ja, wo Sie mich finden können.«

Schalow fuhr nach Bergheim hinein. Vor der Gaststätte Lipp stieg er aus dem Sattel und schloss das Fahrrad an eine Parkuhr.

Eben rollte der blaue Opel vorbei. Der kleine Dicke sah zu ihm hin. Hartmanns Gesicht zeigte keine Regung. Der Wagen stoppte ein Stück weiter.

Schalow betrat die Gaststätte. Er trank ein Kölsch. Der Wirt erkannte ihn nicht. Schalow dachte an Gerd und an Monika, und er fragte sich, ob der Freund schon etwas erfahren hatte.

Er sah sich nach einem Telefon um. Der Apparat stand hinter der Theke gleich neben dem Durchgang zur Küche. Von hier aus konnte er nicht ohne Zuhörer sprechen. Von zu Hause aus wollte er auch keine Gespräche führen. Er hielt es für möglich, dass der Anschluss abgehört wurde.

Schalow fühlte sich bereits in die Enge getrieben. Seine Bewegungsfreiheit war eingeschränkt. Er konnte nicht einmal telefonieren, wenn er nicht später über den Anruf Rechenschaft ablegen wollte.

Er bezahlte das Bier und ging wieder hinaus. Er schwang sich aufs Fahrrad und fuhr in Richtung Kenten. Als er an dem Opel vorbeikam, schielte er ins Innere des Wagens. Mario hockte hinter dem Lenker. Beunruhigt sah er zum Eingang eines Cafés hinüber. Hartmann stopfte sich wahrscheinlich gerade mit Sahnetorte voll. Mario hupte mehrmals.

Schalow stieg in die Pedale. An der alten Post bog er links ab. Am Rathaus stieg er ab und führte das Rad in die Einbahnstraße hinein.

Als er in Höhe des Kreishauses war, drehte er sich um. Der Opel wendete gerade mit wimmernden Reifen und entschwand gleich darauf wieder Schalows Blicken. Niemand war ausgestiegen. Sie versuchten also, ihn am anderen Ende der Bethlehemer Straße abzufangen.

Schalow zerrte das Rad vor den Haupteingang des Kreishauses, wo er es ohne anzuschließen stehenließ. Der Auskunftschalter war nicht mehr besetzt, aber eine Putzfrau zeigte ihm einen öffentlichen Fernsprecher.

Er rief Gerd an. Gerd war zu Hause.

*

»Du, dieser Heikaus ist kalt wie ein Frosch, sage ich dir!«, Gerds Stimme klang erregt.

»Hast du etwas erfahren?« Schalow lauschte dem dumpfen Pochen seines Herzens.

»Ja und nein. Im Haus weiß man wenig über ihn. Ich habe nämlich zuerst auf eine falsche Klingel gedrückt, verstehst du? Das ist ein alter Vertretertrick. Auf diese Weise kann man eine Menge über andere Hausbewohner erfahren. Meistens. Hier war's anders. Kein Wort über Heikaus. Heikaus tat dann ganz freundlich. Wenn ihm meine Geschichte fadenscheinig vorkam, hat er sich nichts anmerken lassen. Mir war ja egal, ob er mich für einen Liebhaber seiner Frau hielt. Die beiden sind sowieso auseinander, er hat's mir bestätigt. Sie leben getrennt. Der Kerl hat übrigens 'ne tolle Wohnung, und 'ne teure Puppe. Die hielt sich zwar im Hintergrund, aber was ich zu sehen bekam, genügte. Das Girl ist nicht von der Stange. Na ja, er weiß also angeblich nicht, wo sich seine Frau zur Zeit aufhält, aber er will's für mich rauskriegen. Ich habe was von einer alten Unfallversicherung erzählt, auf die seit Jahren keine Prämie mehr gezahlt worden sei. Meine Gesellschaft wolle wissen, ob die Versicherung gelöscht werden könne, und dafür brauchten wir eben die Stellungnahme und die Unterschrift der Versicherungsnehmerin. Ich glaube, es hörte sich ganz plausibel an. Ich soll ihn nächste Woche anrufen. Am Montag hat er eine Besprechung mit seinem Anwalt. Tja, tut mir leid.«

»Macht doch nichts. Ich muss mich eben noch gedulden.«

»Aber ich habe keine Geduld. Ich habe noch mehr auf Lager. Einwohnermeldeamt und so, lass mich mal machen. Kommst du heute Abend rüber?«

Schalow sah unschlüssig auf die Uhr. »Ich habe keinen Wagen, aber ich würde ganz gern dein Angebot annehmen.«

»Die zwei Mille? Du wirst vernünftig! Ich habe das Geld bei mir. Pass auf, ich komme in dein Kaff raus.«

»Nein, warte! Mir ist lieber, wir treffen uns in Horrem. Kennst du die kleine Eckkneipe gegenüber der BP-Tankstelle, gleich am Anfang des Ortes, wenn du über die B 55 kommst?«

»Ich werde sie schon finden«, meinte Gerd. »Ich komme, sobald ich kann.«

Schalow legte auf und radelte nach Horrem.

Der blaue Opel fuhr die ganze Zeit langsam hinter ihm her.

*

Wieder war es ziemlich einfach, die Verfolger loszuwerden.

Die Kneipe, in der Schalow Gerd treffen wollte, lag am Treffpunkt zweier entgegengesetzt verlaufender Einbahnstraßen.

Er schob sein Fahrrad gegen die Fahrtrichtung in die Heerstraße, hob es auf den Gehweg und stieg wieder auf. Der Opel hielt kurz an, dann brauste er in die Schulstraße. Gleich würde er ihm entgegenkommen.

Schalow stemmte sich in die Pedale. Er kannte einen schmalen Durchgang hinter einer Bäckerei. Er tauchte in den Gang und erreichte die Schulstraße. Das Fahrrad ließ er stehen. Er peilte um die Ecke, und als er sah, dass die Luft rein war, lief er zurück und betrat die Kneipe. Es war Viertel vor sieben.

Die Knilche aus dem Opel würden viel zu tun haben, wenn sie ihn wieder aufstöbern wollten. Er wollte ihnen zeigen, dass er sich nicht beugte. Dass sie ihn nicht herumstoßen oder an der langen Leine halten konnten wie einen Hund.

Gerd kam erst kurz nach halb acht.

Schalow war enttäuscht, weil Beate nicht dabei war, aber er lächelte und ließ sich nichts anmerken.

Schalow erzählte von dem Zusammenstoß, den er am vergangenen Abend mit Hartmann gehabt hatte. Und von Hartmanns Besuch bei seinem Vater im Tagebau.

Gerd war empört.

»Das darfst du nicht hinnehmen!«, sagte er. »Das darfst du dir einfach nicht gefallen lassen! Die müssen sich genauso nach den Gesetzen und Vorschriften richten wie jede andere Behörde auch.«

»Ich werde mit meinem Anwalt reden«, sagte Schalow unentschlossen.

»Warum hast du's nicht schon getan? Tu's bald, Enno. Sie müssen dich in Frieden lassen. Das ist Terror, was die machen!« Gerd trank hastig und bestellte sofort neu.

Schalow wusste, dass Gerd genauso empfindlich reagierte wie er, wenn seine Rechte verletzt wurden. Nur hatte er, Schalow, gelernt, dass man sein Recht nicht immer bedingungslos durchsetzen konnte.

»Übrigens«, sagte Gerd dann, »hatte es dieser schäbige Typ heute auf mich abgesehen.«

»Kucharz?«, fragte Schalow betroffen.

»Er hat mir seinen Namen nicht genannt. Dünn, fahle Haut und so. Heruntergekommen.«

»Er ist es.«

»Er kam aus der Kneipe nebenan, als ich eben abfahren wollte. Er fragte, ob ich dich heute noch sähe. Er bekäme noch etwas von dir. Oder ob ich es ihm geben könnte.«

»Dieser Schweinehund!«

»Ich habe ihm gesagt, was er von mir haben kann: was zwischen die Zähne.«

»Gerd, sei vorsichtig! Der Kerl ist gemein!«

»Ich bin nicht eben zimperlich, Enno, das weißt du. Mach dir keine Gedanken. Wenn ich ihm welche verpasse, dann richtig. Und so, dass der Verdacht auf keinen Fall auf dich fällt. Er scheint jedenfalls davon überzeugt zu sein, dass wir beide unter einer Decke stecken.«

»O verflucht, verflucht!«, Schalow schlug mit der Faust auf die Theke. Als der Wirt und die anderen Gäste herübersahen, ließ er die Faust neben dem Glas liegen.

Gerd zog einen dicken Briefumschlag aus seiner Jacke und steckte ihn Schalow zu. »Hier, Junge. Kauf dir was Solides dafür.«

»Ich weiß nicht, wie ich dir danken soll.«

»Dir wird schon was einfallen«, sagte Gerd leichthin. »Ich muss jetzt zurück.«

Zu Beate, dachte Schalow, und der Gedanke versetzte ihm einen Stich.

Er lächelte jedoch.

»Ruf mich morgen an. Oder komm gleich zu mir.

Ich bin spätestens um halb sechs zu Hause, und so ab sieben, halb acht im Tinnef.«

»Wenn ich kann, komme ich. Sonst rufe ich an.« »Morgen weiß ich mehr. Bestimmt. Tschüss.« Gerd lächelte und ging.

5

Er schuftete im Kesselhaus zusammen mit der Gruppe, und bald hatte er das Gefühl, als akzeptierten die Kollegen ihn bereits.

Die Arbeit gefiel ihm. Sie half ihm, seine Probleme zu verdrängen, und sie bekam ihm auch körperlich.

Nach Feierabend fuhr er gleich nach Bergheim. Er hatte alles Geld und auch sein Sparbuch bei sich. Er stellte das Rad vor der Kreissparkasse ab.

Der Granada stand auf der anderen Straßenseite.

Schalow zuckte zusammen. Woher wusste Hartmann, dass er zur Sparkasse wollte?

Er ging hinein und zahlte die Miete für das Apartment in bar auf das Konto des Eigentümers ein. Dann fuhr er nach Zieverich, um sich den Schlüssel abzuholen.

Er hatte Heinz Hilgers von der Wohnung erzählt, und der Kollege hatte angeboten, ihm am Wochenende beim Umzug zu helfen. Heinz kannte jemand, der einen Pritschenwagen besaß. Den Wagen konnte er bekommen. Mit einem Kasten Bier sei alles geritzt.

Schalow klingelte an der Tür des Verwalters. Der Mann öffnete und starrte ihn unsicher an. Schalow hielt ihm die Quittung hin.

Der Verwalter schob die Hände in die Taschen. »Sie hätten mir sagen müssen, dass Sie ... aus dem Gefängnis kommen«, sagte er.

Schalow stand starr. In seinem Kopf breitete sich eine Leere aus.

Hartmann!

Die Drohung hatte Gestalt angenommen. Hartmann wollte ihm zeigen, an welchem Ende des Hebels er saß. Dieser gottverdammte Halunke!

»Warum hätte ich es sagen müssen? Wo steht das?«

»Der Eigentümer ...«

»Der Eigentümer ist eine anonyme Gesellschaft, der es scheißegal ist, wer in dieser Bruchbude wohnt! Sehen Sie doch in Ihren beschissenen Mietvertrag! Steht da irgendetwas davon drin, dass ich ein Führungszeugnis vorlegen muss?«

Schalows Stimme schallte laut durchs Treppenhaus. Irgendwo wurde eine Tür geöffnet. Er presste die Fingernägel in die Handflächen.

»Hören Sie mir zu, ja? Das war nicht meine Entscheidung. Der Eigentümer hat da ganz bestimmte Ansichten, Herr Schalow. Tut mir leid.«

Man sah dem Kerl an, wie leid es ihm tat. Schalow hielt den Mietvertrag in der Hand.

»Den haben Sie unterschrieben. Im Auftrag oder im Namen des Eigentümers.« Schalow keuchte. Die Wut nahm ihm den Atem. Der Verwalter wand sich.

»Ich werde dafür sorgen, dass Ihnen das Geld sofort rücküberwiesen wird. Oder warten Sie, wenn Sie wollen, zahle ich es Ihnen in bar.«

»Tun Sie das!«

Der Verwalter schloss die Tür. Als er zurückkam, hielt er das Geld abgezählt in der Hand. Er nahm die Quittung und streckte die Hand nach dem Mietvertrag aus.

Schalow grinste böse. »Den bekommen Sie nicht, Mann. Dafür wird sich das Amt des Bewährungshelfers interessieren.«

*

Vom nächsten Postamt aus rief er in Hürth an.

»Hier ist Schalow«, sagte er, als Velten sich meldete.

»Wer ist da? Ach ja, Herr Schalow. Wie schmeckt die Arbeit?«

»Gut. Ich will, dass Sie etwas für mich tun ...«

»Hören Sie, Herr Schalow, ich habe jetzt keine Zeit ...«

Schalow knirschte mit den Zähnen. Vermutlich hatte Velten Feierabend.

»Rufen Sie mich am besten morgen gegen elf noch mal an, ja?«

»Ich will jetzt mit Ihnen sprechen! Jetzt! Und wenn Sie auflegen, Herr Velten, nehme ich einen dicken Stein und schmeiße ihn gegen die Windschutzscheibe eines ganz bestimmten Wagens.«

»Machen Sie keinen Unsinn!«

»Wollen Sie mir zuhören?«

»Wenn Sie darauf bestehen, selbstverständlich.«

Schalow atmete auf. Er erzählte von Hartmann und von dessen Dazwischenfunken, als er sich die Wohnung mieten wollte.

»Warum wollen Sie nicht bei Ihren Eltern wohnen bleiben?«, erkundigte sich der Bewährungshelfer jovial.

»Ich will nicht. Darf ich mir eine eigene Wohnung nehmen oder nicht?«

»Natürlich können Sie Ihren Wohnsitz wechseln, wenn Sie wollen und Ihre Absicht vorher mit mir besprechen. Vorher, Herr Schalow, was Sie offenbar unterlassen haben.«

»Ich wollte erst am Wochenende einziehen. Ich hätte Sie auf jeden Fall angerufen.« Schon wieder wurde er in die Defensive gedrängt.

»Was wollen Sie also, Herr Schalow?«

»Ich will, dass Sie mir diesen Mann vom Hals schaffen. Oder es passiert ein Unglück. Ich kann nicht mit einem ständigen Verfolger im Nacken herumlaufen. Der Kerl lauert mir des Nachts vorm Haus meiner Eltern auf, er belästigt meinen Vater während der Arbeitszeit an seinem Arbeitplatz ...«

»Herr Schalow, ich fürchte, da kann ich wenig tun. Da müssen Sie sich bei der zuständigen Behörde beschweren.«

»Sie sind mein Bewährungshelfer! Sie müssen mir auch helfen, wenn ich Schwierigkeiten mit irgendwelchen anderen Behörden bekomme!«

»Ich weiß wirklich nicht, was ich da tun kann. So ein Fall ist mir noch nicht untergekommen. Haben Sie etwas Geduld. In der nächsten Woche spreche ich mal mit jemandem vom Justizvollzugsamt darüber. Irgendwann müssen die die Beschattung aufgeben, bestimmt. Nehmen Sie sich so lange zusammen, Herr Schalow.«

»Ach, Sie können mich mal!«, schrie Schalow und knallte den Hörer auf die Gabel. Sofort nahm er ihn wieder auf und rief seinen Anwalt an.

»Hier ist Schalow, Herr Jacobsen.«

»Ah, Herr Schalow! Sie sind doch schon seit ein paar Tagen draußen. Warum haben Sie sich nicht eher gemeldet?«

»Ach ich hatte keine Gelegenheit. Ich arbeite schon.«

»Das freut mich für Sie.« Jacobsen schwieg einen Moment, dann sagte er: »Wenn ich noch irgendetwas für Sie tun kann ...«

»Der Verfassungsschutz ist hinter mir her«, stieß Schalow hervor. »Der Kerl nennt sich Hartmann. Können Sie dafür sorgen, dass man ihn zurückpfeift?« Schalow berichtete kurz, was ihm seit seiner Entlassung durch Hartmann widerfahren war.

»Ich will sehen, was ich machen kann«, sagte Jacobsen ruhig. »Aber Sie dürfen keine Wunder erwarten. Die Überwachung ist legal, dagegen können wir kaum etwas machen, aber gegen die Methoden können wir uns wehren. Wobei es wahrscheinlich schwer sein wird, dem Beamten Verstöße nachzuweisen.«

»Verdammt! Der Kerl belästigt meinen Vater an seiner Arbeitsstelle! Dafür gibt es Zeugen! Er vermasselt mir die Tour, wenn ich eine Wohnung miete ...«

»Beruhigen Sie sich, Herr Schalow, mit Gewalt können wir gar nichts machen. Dann igeln die sich ein und tun so, als wüssten sie überhaupt nicht, worüber wir sprechen. Haben Sie etwas Geduld, ja?«

»Ja.«

»Darf ich die Kerle abschütteln, wenn sie hinter mir herfahren?«

Der Anwalt zögerte.

»Ich sagte Ihnen schon, dass die Überwachung legal ist. Aber weil gegen Sie kein Ermittlungsverfahren läuft, können Sie sich der Überwachung natürlich entziehen. Sofern Sie sich dabei keiner illegalen Methoden bedienen.«

»Das wollte ich nur wissen«, sagte Schalow und trennte das Gespräch. Er rief kurz zu Hause an und sagte seiner Mutter, dass er die nächsten Tage doch noch zu Hause schlafen werde. Sie freute sich. Ohne Grund, wie Schalow meinte.

*

Der Granada folgte ihm unentwegt. Durch Bergheim, am Bahnhof vorbei, dann durch Kenten. Der Wagen fuhr sehr langsam und hielt sich scharf rechts, um den übrigen Verkehr nicht über Gebühr zu behindern.

An einer günstigen Stelle sprang Schalow urplötzlich vom Rad. Mario nahm den Fuß vom Gas, ohne zurückzuschalten. Der Wagen fuhr so langsam, dass er sofort zu rucken begann. Schalow warf das Rad auf die Fahrbahn. Es schlitterte gegen die Vorderräder des Granada. Mario rammte seinen Fuß auf die Bremse und würgte den Motor ab.

Schalow sprang auf die hintere Tür zu. Hartmann stieß sie von innen auf. Sie prallte gegen Schalows Bauch und Brust.

Hartmanns Augen starrten eisig. »Was sollen diese kindischen Mätzchen, Schalow?«, fragte er scharf. Er blieb sitzen. Die Wangen hingen schlaff herab. Ein frischer dunkler Kaffeefleck verunzierte die helle Krawatte.

»Wie kommen Sie dazu, mir die Tour mit der Wohnung zu vermasseln?«, fauchte Schalow.

Der kleine Mund in dem runden Gesicht zuckte spöttisch. »Ich habe Ihnen die Tour nicht vermasselt, Herr Schalow. Ich habe es lediglich für meine Pflicht als Staatsbürger gehalten, dem Geschäftsführer der Hauseigentumsgesellschaft mitzuteilen, wer sich da um eine Wohnung bemühte. Schließlich sind Sie vorbestraft, Herr Schalow, und es erscheint nicht ausgeschlossen, dass Sie beabsichtigen, den Kontakt zu Ihren alten Freunden wiederherzustellen.«

»Und dafür brauche ich eine konspirative Wohnung!« Schalow spürte, wie sein Hals anschwoll. Als er weitersprach, senkte er die Stimme zu einem heiseren Flüstern, weil auf der anderen Straßenseite ein paar Jugendliche standen und herüberspähten. »Ich frage mich, was Sie bezwecken, Hartmann. Verdammt, wie lange wollen Sie das Spiel noch treiben?«

»Ich will Ihnen ganz offen etwas gestehen, Herr Schalow. Sie denken vielleicht, es handelt sich nur um Schikane, wenn ich ...«

»Ja, verdammt, genau das denke ich!«

»Ich will gestehen«, fuhr Hartmann ruhig fort, »dass ich es ganz gern sehe, wenn Sie in Huckerath bei Ihren Eltern wohnen bleiben.« Er lächelte dünn, womit er Schalows Zorn nur neu anfachte.

»Ich habe meinen Bewährungshelfer und meinen Anwalt informiert. Der Bewährungshelfer ist ein Scheißer, aber mein Anwalt wird sich bei Ihrem Amt beschweren.«

Hartmann machte jetzt ein verkniffenes Gesicht. »Es liegt nur an Ihnen, Schalow. Ich lasse Sie in Ruhe, sowie Sie erkennen lassen, dass Sie mit mir zusammenzuarbeiten gewillt sind.«

Schalow klatschte seine Hand auf das Wagendach. »Kommen Sie mir nicht mehr zu nahe, Hartmann. Ich werde Sie von jetzt an abschütteln, wann immer es mir passt. Nur so aus Sport, verstehen Sie? Zu verbergen habe ich nichts.« Nur Monika, dachte er. Hartmann durfte sie auf keinen Fall zu Gesicht bekommen. Hartmann würde auch sie durchchecken bis zurück in die Kindergartenzeit. »Und wenn Sie meine Eltern nicht aus dem Spiel lassen ...« Schalow verstummte.

Hartmann beäugte ihn von unten herauf. »Ja, Herr Schalow?«, erkundigte er sich neugierig. »Was dann?«

Schalow sah auf Marios große Ohren. »Ach, verschwinden Sie endlich! Scheren Sie sich zum Teufel!« Er packte die Tür und schmetterte sie in den Rahmen.

Hartmann zuckte mit den Augen. Er kurbelte die Scheibe herab.

»Ich kann und werde nicht ständig hinter Ihnen sein, Schalow. Denken Sie daran.« Er hielt plötzlich eine kleine weiße Karte zwischen den Fingern. Die Finger waren kurz und rund und rosig, die Nägel schimmerten perlmuttfarben. »Nehmen Sie meine Karte. Prägen Sie sich die Telefonnummer ein. Vielleicht brauchen Sie mich eines Tages.«

Schalow nahm die Karte. Achtlos steckte er sie ein. Dann hob er sein Fahrrad auf.

*

Der Granada fuhr an ihm vorbei und verschwand in Richtung Horrem. Schalow spürte ein Hochgefühl wie nach einem Sieg, aber er ahnte, dass Hartmann nicht einfach deshalb abdrehte, weil er, Schalow, ihn zur Rede gestellt und mit seinem Anwalt gedroht hatte. Nein, so einfach konnte er nicht über die allgegenwärtige Staatsmacht triumphieren.

Natürlich konnte Hartmann ihn nicht Tag und Nacht beschatten. Dafür benötigte er mindestens drei, eher vier Teams, also acht Leute. Die hätte er nie bewilligt bekommen, um eine, wie er meinte, Randfigur der Anarcho-Szene zu überwachen.

Schalow hatte Hartmanns Taktik längst durchschaut. Der Mann vom Verfassungsschutz wollte ihn durch kleine und größere Nadelstiche zermürben. So lange, bis er gekrochen kam und Fakten und Namen nannte.

Schalow legte sich voll in die Pedale. Er begann zu schwitzen. Körperliche Bewegung hatte ihm auch in der JVA über manches hinweggeholfen. Aber jetzt, seit er draußen war, ließen sich die bohrenden Gedanken nicht verdrängen. In der JVA hatte er geglaubt, mit dem Ende der Strafe oder vom Zeitpunkt der Aussetzung an ein Ziel vor Augen zu haben, bei dem die Demütigungen aufhören würden.

Deprimierend war die Erkenntnis, dass es jetzt, wo er sich in Freiheit befand, keinen Zeitpunkt gab, auf der er seine Hoffnung setzen konnte. Er konnte Hartmann nicht entgegenkommen, selbst wenn er es gewollt hätte. Zumindest seine nähere Zukunft sah düster aus.

Dabei musste er sich neuerdings gegen ein Gefühl wehren, das ihm Verständnis für das Verhalten des kleinen Dicken abverlangte.

Der Mann tat nur das, was er für richtig hielt. Er hatte einen Job zu machen. Hartmann musste ihn, Ernst Schalow, an der Leine halten, wenn er Erfolg haben wollte. Und Erfolge wurden von Hartmann ganz bestimmt erwartet.

Schalow bog in die Straße nach Ahe ein und fuhr dann über den rissigen Beton einer freien Tankstelle. Die Tankstelle ist noch mehr heruntergekommen seit damals, dachte Schalow mitleidig. Er fuhr direkt in die Pflegehalle, wo ein gedrungener Mann in einem ölverschmierten Overall an einem uralten Mercedes herummurkste.

Der Mann im Overall blickte auf. Von seinem Gesicht war unter der dicken Schicht Schmiere kaum etwas zu erkennen, aber als es sich jetzt in die Breite zog und der Mund sich öffnete, musste Schalow unwillkürlich lachen.

»Du frisst noch mal deine eigene Wagenschmiere, Schorsch!«, rief er und stieg vom Rad.

»Yippeeh!«, schrie Schorsch Thelen. »Enno, bist du's wirklich? Haben Sie dich tatsächlich noch mal rausgelassen?«

*

»Du kannst diesen Volkswagen haben«, sagte Schorsch, nachdem sie eine Weile gequatscht hatten und Schalow gesagt hatte, weshalb er vorbeikam.

Schorsch betrieb die Tankstelle seit acht oder neun Jahren, aber er hatte noch nie mehr verdient, als er damals als Kraftfahrer bei einer Baufirma bekommen hatte. Schorsch war ein Lebenskünstler. Er schuftete zwar wie kaum ein anderer, aber er wollte sein eigener Herr sein. Obwohl ihm bewusst war, dass er mit der Tankstelle viel straffer an der Kette lag, als wenn er Angestellter geblieben wäre.

Natürlich handelte Schorsch auch mit gebrauchten Autos. Möglichst mit ganz alten, heruntergekommenen Kisten, die er aufmöbeln und dann mit Gewinn wieder losschlagen konnte. Meistens an die Türken, von denen eine ganze Menge im Ort wohnten. Schalow hatte ihm oft geholfen. Damals, als er noch in der Lehre war, und später, wenn er auf Urlaub vom Bund nach Hause kam.

Schalow ging um den sandfarbenen Käfer herum. Beide Stoßstangen waren eingedrückt, die Motorklappe wies ein paar hässliche Schrammen auf, und die Fahrertür schloss nicht richtig, weil die ganze linke Seite schwer verbeult war.

»Mit der Kiste ist wohl jemand Motocross in der Grube gefahren«, nörgelte Schalow. Er trat gegen ein Vorderrad.

»Ich habe die Kiste eben erst reinbekommen«, verteidigte sich Schorsch. »Noch keine Ahnung, was mit dem Wagen los ist. Aber ich kenne den Burschen, der ihn gefahren hat. Der arbeitet als Monteur für irgendeine Rohrleitungsfirma. Immer auf Montage. Der Junge hatte keine Zeit, sich entsprechend um den Wagen zu kümmern. Das habe ich hin und wieder getan. Der Junge will siebzehnhundert für den Schlitten. So, wie er dasteht. Wenn ich ihn in Ordnung bringe, kostet er Zweidrei. Mindestens. Aber du kannst ihn für siebzehnhundert haben.«

Der Preis gefiel Schalow. Er grunzte und kletterte auf den Fahrersitz. Die Polster waren hinüber. Er bewegte das Lenkrad und prüfte das Spiel der Pedale. Der Tacho stand auf knapp 30000, was bedeutete, dass der Wagen einhundertdreißigtausend Kilometer auf dem Buckel hatte. Oder sogar zweihundertdreißigtausend. Schalow hatte schon die unmöglichsten Dinge in dieser Hinsicht erlebt.

Er drehte den Zündschlüssel um. Der Motor kam sofort.

Ein gutes Zeichen. Er trat die Kupplung und schaltete die Gänge durch. Der zweite Gang hakte etwas, aber das war kein Problem, wenn man es wusste. Schalow stieg wieder aus. Den Motor ließ er im Leerlauf tuckern.

Genauer betrachtete er die Reifen, nachdem er an den Vorderrädern gezerrt hatte. Der linke war auf der Innenseite etwas stärker abgenutzt als der andere, was auf eine Unwucht schließen ließ. Es konnte aber auch am Stoßdämpfer liegen oder am Achsschenkel.

Auf jeden Fall alles Mängel, die er selbst in Ordnung bringen konnte.

»Die Kiste ist noch nicht abgemeldet?«, erkundigte sich Schalow.

»Nein, du könntest sogar die Nummernschilder behalten. TÜV ist erst in vier Monaten fällig.«

Schalow beugte sich in den Wagen. Bevor er den Motor abstellte, sah er auf die Benzinuhr. Der Tank war fast leer.

»Hast du eine Versicherungsdoppelkarte da?«

»Sicher. Komm mit in die Bude. Ich kann die Kiste morgen für dich anmelden, wenn du willst.«

Schalow gab dem alten Freund seinen Ausweis und eintausendsiebenhundert Mark. Dann unterschrieb er einen einfachen Kaufvertrag.

»Liegt die Zulassung im Wagen?«, erkundigte er sich.

»Ja, natürlich.«

Schalow legte noch einen Zwanziger auf den Geldpacken und ging einfach nach draußen. Er setzte sich wieder in den Wagen und fuhr vor die Tanksäule. Schorsch ließ für zwanzig Mark Benzin in den Tank laufen. Als er die Haube schloss, sagte er zu Schalow: »Du willst doch nicht sofort ...«

»Nur eine Probefahrt.« Er grinste. »Einmal Köln und zurück. Wenn du schon zu hast, lasse ich den Wagen vor der Halle stehen. Schlüssel und Zulassung lege ich unter den Sitz. Ich komme morgen um halb fünf. Pass in der Zwischenzeit auf mein Fahrrad auf.«

»Wenn du 'nen Unfall baust, verliert der Rohrfritze seinen Versicherungsrabatt!«

Schalow deutete auf die Beule in der vorderen Haube. »Du glaubst doch nicht im Ernst, dass der Junge 'nen Rabatt hat!« Er winkte und brauste davon.

––––––––

Schalow fuhr gleich in die Kyffhäuserstraße, weil es schon ziemlich spät war und er Gerd doch nicht mehr in seiner Wohnung angetroffen hätte. Er brauchte lange, bis er einen Parkplatz fand, und als er endlich das Tinnef betrat, war es schon halb acht durch.

Er sah sich um. Beate löste sich aus einer Gruppe junger Leute und kam lächelnd auf ihn zu. Sie gab ihm die Hand, stellte sich auf die Zehenspitzen und hauchte einen Kuss auf seine Lippen. Schalow berührte ihre Schulter, und er fühlte die warme Haut unter dem dünnen Stoff der weißen Bluse.

»Was sagen deine Schüler, wenn du so vor ihnen stehst?« Er senkte die Augen und blickte auf die Stellen, an der sich die harten Brustspitzen in den Stoff bohrten und sich die Brüste sehr deutlich abhoben.

Beate lachte dunkel. »Ihnen gefällt's, glaube ich. Und mir gefällt es, wenn die Herren Kollegen Stielaugen bekommen und die Kolleginnen verkniffene Münder machen.«

Schalow lachte.

»Nein, Enno, im Ernst, zur Schule gehe ich nur in züchtigen Klamotten, wenn auch nicht in Sack und Asche.«

Sie stellten sich an die Theke. Gerd war noch nicht da. Sie unterhielten sich angeregt. Schalow entspannte sich erneut. Als er das nächste Mal auf die Uhr sah, runzelte er die Stirn. Er hatte nicht registriert, wie schnell die Zeit verflogen war.

»Es ist gleich halb neun«, sagte er.

Beate sah unwillkürlich zur Tür. »Komisch«, meinte sie. »Er hat heute Mittag noch angerufen und gesagt, dass er um die gewohnte Zeit ins Tinnef kommt. Na, vielleicht hatte er noch einen Termin bei einem Kunden außerhalb. Oder er ist im Büro auf gehalten worden.«

Schalow trank noch ein Bier. »Hat er Monika erwähnt?«, fragte er dann.

Beate lächelte und sah ihn an. In ihren Augen sprühten kleine Lichter. »Er sagte nur, er hätte eine Überraschung für dich. Mehr wollte er selbst mir nicht verraten.«

Die Unterhaltung wurde nicht wieder so lebhaft wie zuvor. Immer wieder blickte Beate zur Tür und auf die Uhr. Um Viertel nach neun stampfte sie mit dem Fuß auf.

»Er hat schon mal verschlafen, der Schuft«, sagte sie. »Mal sehen, ob er ans Telefon geht.«

Gerd ging nicht ans Telefon.

Beate wollte bezahlen, aber Schalow kam ihr zuvor.

»Ich geh mal rüber in seine Wohnung. Vielleicht hat er einen Zettel hinterlassen. Erreichen konnte er mich nicht, weil ich heute Nachmittag noch einmal in die Schule musste. Kommst du mit, Enno?«

»Und wenn er inzwischen hier aufkreuzt?«, gab Ernst zu bedenken.

Beate winkte einen dickbäuchigen jungen Mann heran. Der Junge hatte einen freundlichen Blick und trug einen herabhängenden Seehundbart.

»Toni, das ist Enno, gib ihm die Hand. Toni, wenn Gerd kommt, sag ihm, dass wir in seiner Wohnung auf ihn warten.«

Toni blinzelte. »Das wird er gern hören«, meinte er heiter.

»Klar. Je länger er wegbleibt, desto besser werden wir uns amüsieren.«

––––––––

Schon im Lift suchte Beate den Schlüssel zu Gerds Wohnung aus ihrer Handtasche, und als sie dann auf die Tür zugingen, legte Beate einen Finger auf ihre Lippen. Ihre Augen funkelten.

»Wenn er schläft, soll er was erleben! Sei also leise!«

Sie steckte den Schlüssel ins Schloss, was nicht ganz ohne Geräusche abging. Dann knackte der Riegel. Beate drückte die Tür auf.

Die Diele war dunkel. Beate trat über die Schwelle.

Schalows Nackenhaare stellten sich jäh auf. Er witterte die Gefahr, und er wollte Beate eine Warnung zurufen oder sie zurückreißen, aber es war schon zu spät.

Aus dem Schatten hinter der Tür sauste etwas herab. Licht glitzerte im Glas einer Flasche, die wie eine Keule auf Beates Kopf zuflog.

Schalow versetzte Beate einen heftigen Stoß in den Rücken. Sie flog nach vom in die Diele hinein. Der brutale Hieb streifte nur ihren Rücken.

Schalow warf sich mit der Schulter gegen die Tür. Sie knallte gegen einen Widerstand. Er drückte mit aller Wucht nach und sprang dann in die Diele hinein.

Beate stolperte. Der Schirmständer, an dem sie ihren Fall aufzuhalten versuchte, kippte mit Getöse um.

Schalow wirbelte herum. Hinter der Tür sprang ein Schatten auf, flog gegen ihn. Schalow riss die Hände vor Brust und Gesicht. Er blockte einen Fausthieb ab. Die Flasche, die der Angreifer erneut wie eine Keule schwang, polterte zu Boden.

Durch die halb geöffnete Tür fiel ein Streifen helles Flurlicht in die Diele. Das Licht riss für einen Moment ein blasses Gesicht mit kleinen Augen aus der Dunkelheit. Schalow erkannte es sofort wieder.

Es gehörte Klaus Kucharz.

*

In Schalow zerriss etwas. Die Selbstbeherrschung, in drei Jahren zum eigenen Schutz mühsam aufrechterhalten, zerbröckelte innerhalb eines Sekundenbruchteils.

Er spürte Kucharz' Knie an seiner Hüfte, und er stieß den Ellbogen zur Seite. Er fühlte den Widerstand der Rippen. Gleichzeitig drehte er sich halb um. Kucharz' Gesicht war in den Schatten hinter der Tür zurückgetaucht. Undeutlich konnte Schalow die helle Fläche erkennen. Er schoss eine Faust ab.

Kucharz sah den Schlag kommen, und er duckte sich ab. Der eigene Schwung schleuderte Schalow gegen den Mann. Kucharz schlang die Arme um ihn und klammerte sich an ihm fest.

Schalow hatte nicht vergessen, wie rücksichtslos und brutal der Ganove vor zwei Tagen vorgegangen war, als er ihn im Lift überfallen und beinahe zusammengeschlagen hatte. Er war deshalb auf der Hut.

Aber der Kerl war quirlig wie ein Affe und zäh wie eine Katze. Er versuchte, sich an Schalow vorbei zur Tür zu drängen. Schalow packte die Türkante, riss sie zurück. Sie prallte an Kucharz' Kopf. Der Mann taumelte, dann duckte er sich und rammte Schalow den Schädel in den Magen. Als Schalow nach Luft schnappte und sich zusammenkrümmte, schlug ihm der Strolch die Zähne in die Hüfte.

Der Schmerz ließ Schalow explodieren. Blind schlug er zu. Seine Faust krachte in Kucharz' Nacken. Die Zähne lösten sich aus Schalows Fleisch, als Kucharz zusammenbrach.

»O mein Gott!«, stammelte Beate. Sie stand da, vom Flurlicht übergossen, die Augen weit aufgerissen. Aber sie war weit davon entfernt, die Nerven zu verlieren.

Als das automatische Flurlicht erlosch, schaltete sie das Licht in der Diele an und schloss die Wohnungstür. Schalow lehnte sich erschöpft gegen eine Wand. Seine Zähne klapperten aufeinander, und seine Knie fühlten sich weich an. Als Beate ihm einen besorgten Blick zuwarf, riss er sich zusammen. Er grinste zäh.

»Bist du in Ordnung?«, fragte er, ohne sie anzusehen.

»Ja, ja. Und du?«

»Es geht schon.« Er rieb die Stelle, wo Kucharz ihn gebissen hatte. In seinen Eingeweiden wühlte ein dumpfer Schmerz. Er machte einen zögernden Schritt auf den Ganoven zu, der sich stöhnend bewegte und mit einer Hand den getroffenen Nacken rieb. Jeden Augenblick konnte er den K.o.-Schlag überwunden haben.

Die Tür zum Wohnraum stand halb offen. Das Zimmer dahinter war dunkel.

Schalow konnte die Umrisse der hohen Fenster erkennen. Gerd, dachte er, und ein beklommenes Gefühl presste seine Brust zusammen. Wo steckte der Freund? Er musste ihn suchen. Aber er konnte Beate nicht mit Kucharz allein lassen, nicht einmal für eine Minute.

»Sieh dich mal schnell um«, sagte er gepresst.

Beate lief ins Wohnzimmer. Er hörte, wie sie überall die Lampen anschaltete. Dabei stieß sie kleine, zornige Schreie aus.

Schalow ließ sich neben Kucharz auf ein Knie nieder. Er drehte den Burschen herum. Die Augenlider flatterten, dann öffneten sie sich zu schmalen Schlitzen. Die Augen zuckten, aus dem Mund drang ein Stöhnen.

Schalow betrachtete das Gesicht. Unter einer Braue zeigte sich eine Schwellung, die Haut war aufgeplatzt. Auch die Unterlippe war geschwollen und eingerissen, die Wunde kaum verkrustet. Auf dem rechten Wangenknochen blühte eine blutunterlaufene Stelle.

Schalow wusste genau, dass er den Kerl nicht im Gesicht getroffen hatte.

Aber wer hatte ihn in die Mangel genommen?

Ihm fielen Gerds Worte ein.

Wenn ich ihm welche verpasse, dann richtig.

Gerd hatte seine Drohung wahr gemacht. Schalow war sich plötzlich ganz sicher.

Aber warum kam Gerd nicht nach Hause?

*

Beate kam aus dem Schlafzimmer. Ihre Augen waren weit geöffnet, das Gesicht wirkte blass und angespannt. »Gerd ist nicht hier«, sagte sie mit zornbebender Stimme. »Aber alles ist durchwühlt. Alles. Es sieht schrecklich aus. Enno, was will dieser Mann hier?«

Schalow antwortete nicht. Kucharz wollte sich aufrichten. Schalow stieß ihn grob zurück. Rasch leerte er sämtliche Taschen des Ganoven. Was er fand, warf er auf den Garderobentisch. Kurcharz wollte protestieren.

»Halten Sie den Mund!«, schrie Schalow ihn an. Seine Augen hatten einen gefährlichen Schimmer angenommen.

Schalow durchstöberte Kucharz' Tascheninhalt. Einen Schlagring und ein Messer mit feststehender Klinge schleuderte er unter die Kommode. Er betrachtete den Schlüsselbund, legte ihn zur Seite. An einem anderen Ring hingen mehrere Dietriche verschiedener Größen, ferner dünne Streifen aus elastischem Stahlblech und ein winziger verstellbarer Schlüssel.

»Er ist ein Profi«, sagte Schalow, als er sich die zerfledderte Brieftasche vornahm. Kucharz stemmte sich in die Höhe, und als Schalow nicht protestierte, stand er auf. Aus bösen Augen sah er in Schalows Richtung. Schalow gab sich unbeeindruckt. Er stellte sich so, dass der Einbrecher nicht ohne Weiteres an ihm vorbei und zur Tür hinaus entwischen konnte.

Schalow fingerte den Inhalt der Brieftasche durch. Knapp hundert Mark, mehrere Lottoscheine, der Mitgliedsausweis zu einem Zockerklub, ein Fantasiepapier mit einem neueren Foto von Kucharz, das in Plastik eingeschweißt war und auf dem SONDERAUSWEIS DETEKTIV stand. Kucharz machte Anstalten, ihm die Brieftasche und die Papiere zu entreißen, aber als Schalow den Kerl mit einem bösen Blick bedachte, nahm er die Hand schnell zurück.

Schalow faltete den Führerschein auf. Das Foto darauf hatte kaum noch Ähnlichkeit mit dem hageren Vogelgesicht. Kucharz war als junger Mann voller im Gesicht gewesen, und die Augen hatten noch nicht diesen gemeinen, verschlagenen Ausdruck gehabt. Aber der Name stimmte.

Klaus Helmut Kucharz. Er war jetzt siebenunddreißig Jahre alt. Als Adresse war eine Straße in Ehrenfeld angegeben, aber weil der Führerschein schon achtzehn Jahre alt war, stimmte die Anschrift bestimmt nicht mehr.

Schalow warf die Brieftasche auf die Kommode.

»Was wollten Sie hier?«, fragte er, obwohl er die Antwort kannte. Kucharz, der Abstauber, der Leichenfledderer, suchte hundert Tausendmarkscheine. Vielleicht vermutete er sie hier in der Wohnung, vielleicht hoffte er, einen anderen Hinweis auf das Versteck der heißen Scheine zu bekommen.

Den Schlüssel zu einem Bankschließfach beispielsweise.

Kucharz neigte den Kopf. Er grinste verschlagen. »Ich wollte auf Ihren Freund warten. Und weil die Tür offenstand, bin ich reingegangen. Ich war gerade drin, als Sie kamen. Einbrecher, dachte ich ...«

»Ist es sehr kalt? Oder weshalb tragen Sie sonst Handschuhe?« Er sah Beate an. »Ruf die Polizei an«, sagte er.

Kucharz leckte sich die Lippen. »Das würde ich an Ihrer Stelle nicht tun, Schalow«, sagte er schnell.

Beate blieb an der Tür stehen, unsicher sah sie Schalow an.

»Geh ans Telefon!«, sagte er schärfer als beabsichtigt. Aber er sah Kucharz an, und er fragte ihn: »Warum nicht?« Worauf er sich einen Narren schalt, weil er mit diesem Kriminellen zu diskutieren im Begriff war. Der Tatbestand des Einbruchs war erfüllt, mindestens doch der des Hausfriedensbruchs.

»Sie kommen gerade aus dem Knast, Schalow. Die Bullen werden sich zuerst für Sie interessieren.« Kucharz grinste. Seine Selbstsicherheit nahm zu.

Schalow sah in das zerschlagene Gesicht. Er war sicher, dass Gerd den Halunken so zugerichtet hatte.

Aber wo steckte Gerd jetzt?

Er konnte Beate sehen. Sie stand an dem Tischchen neben dem Regal und hielt den Telefonhörer in der Hand. Aber sie machte keine Anstalten zu wählen. Sie wartete noch auf sein endgültiges Zeichen. Sie spürte sein Zögern.

»Mir können die Bullen gar nichts«, behauptete Kucharz. »Na ja, Hausfriedensbruch. Aber wie stehen Sie da? Mein Name wird nicht in die Zeitungen kommen. Aber Ihrer, Schalow. Ganz bestimmt.«

Schalow nahm sich noch mal die Schlüssel vor, die er dem Ganoven abgenommen hatte. »Beate!«, rief er dann. »Komm mal her. Sieh dir mal die Schlüssel an.« Er wusste, dass er sich bereits auf dem Rückzug befand.

Beate kam in die Diele. Sie machte einen Bogen um Kucharz. Kucharz' Augen huschten zur Wohnungstür. Zu seinen Füßen lag immer noch die leere Mineralwasserflasche, die er Beate hatte auf den Kopf schmettern wollen. Schalow beförderte sie mit einem Fußtritt unter die Kommode.

Beate schüttelte den Kopf. »Ich kenne die Schlüssel nicht.«

Also hatte Kucharz Gerds Schlüssel nicht bei sich. Schalow nahm die Schlüssel wieder an sich. Er sah sie durch. Ein Autoschlüssel mit dem Markenzeichen von Simca war dabei, mehrere Sicherheitsschlüssel, die vermutlich zu Kucharz' Haus und Wohnungstür und eventuell zur Garage passten. Schalow überlegte, ob es Sinn hatte, den Spieß umzudrehen und sich in Kucharz' Wohnung umzusehen, aber er verwarf den Gedanken sofort wieder. Wenn er dabei erwischt wurde, verbrachte er schon das nächste Wochenende wieder im Knast.

»Dann kannst du jetzt die Polizei anrufen«, sagte er zu Beate.

»Hören Sie, Schalow, ich wollte mich doch nur umsehen! Das wissen Sie doch!«

Ausdruckslos sah Schalow in die fahlen Augen des anderen. »Wann haben Sie Herrn Wissmeyer getroffen? Und wo?«, forschte er.

Beate hielt den Atem an. Nachdenklich wanderte ihr Blick von Schalow zu dem kleinen dürren Ganoven.

Kucharz leckte sich die Lippen. »Wie kommen Sie darauf, dass ich ihn getroffen haben könnte?«

Schalow grinste. »Auf jeden Fall hat er Sie getroffen. Im Gesicht. Also raus mit der Sprache!«

»Lassen Sie mich dann laufen?«, Lauernd sah der Kerl Schalow an.

Schalow gab sich hart. Er presste die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf.

Beate schaltete sich ein. Sie war jetzt deutlich beunruhigt, stärker als zuvor über das unerwartete Zusammentreffen mit einem Mann, den sie zunächst für einen normalen Einbrecher gehalten hatte.

»Enno! Wir können ihn doch immer noch anzeigen! Das soll Gerd entscheiden. Bitte!« Ihre Unterlippe zitterte.

Schalow tat so, als überlegte er seine Antwort sehr genau.

»Sie haben's gehört, Kucharz«, sagte er mürrisch. »Wo haben Sie Herrn Wissmeyer getroffen?«

»Geben Sie mir erst die Schlüssel und die Brieftasche zurück«, forderte Kucharz. Er streckte die behandschuhten Hände aus.

»Nein.« Schalows Beherrschung bekam neue Risse. Er machte sich jetzt Sorgen wegen Gerd. Wenn dieser Strolch Gerd etwas angetan hatte ... Schalow machte einen Schritt auf Kucharz zu. Der Ganove zog den Kopf zwischen die Schultern und riss die Fäuste hoch.

Doch er schien zu erkennen, dass er gegen den großen Mann keine Chance mehr hatte. Einmal hatte er Schalow durch seine brutale Entschlossenheit überrumpeln können, weil Schalow in den vergangenen Jahren gelernt hatte, dass er sich passiv verhalten musste, um nicht aufzufallen und nirgendwo anzuecken.

Kucharz grinste, ließ die Fäuste herabfallen und wich an die Wand zurück. »Regen Sie sich bloß nicht auf, Mann! Ich war heute 'ne Zeitlang hinter Ihrem Freund her. War eigentlich ziemlich langweilig ...«

»Aber warum?«, rief Beate fassungslos. »Was hat er ...«

Schalow berührte Beates Arm. »Es ist wegen mir«, sagte er. »Er glaubt, ich hätte noch hunderttausend Mark in Tausendern aus der Beute. Die will er haben. Er bildet sich ein, dass er dafür eine Prämie bekommt. Aber keine Versicherung gibt einem Lumpen wie dem da auch nur eine Büroklammer.«

»Reden Sie ruhig!«, giftete Kucharz. »Das Geld bekomme ich schon! Sie sind genau so 'n Gangster wie ...« Er verstummte.

»Ja, Kucharz? Wie wer?«

»Ach, mir fällt kein Name ein. Sie und Ihr sauberer Freund hängen jedenfalls mit drin. Jede Wette! Der hat den Zaster für Sie verwahrt! Das ist doch sonnenklar!«

»Kucharz!«, sagte Schalow mit vor Wut rauer Stimme. »Sagen Sie jetzt endlich, wo Sie mit Wissmeyer zusammengeraten sind!«

»Ich war hinter ihm her. Von heute Mittag an. Wollte mal sehen, was er so macht. Ich hab' ihn von seinem Büro aus verfolgt.«

»Um wie viel Uhr?«

»Das war so gegen zwei. Er hat in der Kneipe gegenüber gesessen, dann fuhr er über die Autobahn nach Düren und dann über die Dörfer. Auf dem Rückweg ...«

»Halt, halt, nicht so schnell! Wo war er genau?«

»Fragen Sie ihn doch selbst! Er hat Kunden besucht, nehme ich an. Er war bei 'ner Firma in Mechernich ...«

»Wir können ihn eben nicht selbst fragen, weil er nicht da ist. Also reden Sie schon!«

Beate sagte leise zu Schalow: »Er hat Kunden in der Eifel. Nicht viele. Einen in Mechernich, ein oder zwei in Euskirchen und Zülpich.«

Schalow nickte und sah Kucharz an.

»Er wird schon bald eintrudeln«, meinte der dürre Kerl. »Ich habe nur was an seinem Wagen gemacht.«

»Was haben Sie gemacht?«, fragte Schalow entgeistert. Sein Hals schwoll an, und er machte Anstalten, sich auf den Mann zu stürzen. Beate hielt ihn zurück.

Kucharz wand sich. »Dabei hat er mich ja erwischt. Das war auf der Rückfahrt. Er hat irgendwo angehalten. Um Kaffee zu trinken oder so, nehme ich an.«

»Wo war das?«

»Irgendwo bei Mechernich. Hinter Mechernich, ich habe den Namen von dem Kaff vergessen, durch das wir zuletzt gefahren sind. Der Wagen stand da so günstig auf dem Parkplatz, und ich dachte mir, wenn er später nach Hause kommt, habe ich Zeit, mich mal in Ruhe in seiner Wohnung umzusehen.«

»Großer Gott!«, murmelte Schalow. »Jetzt sagen Sie endlich, was Sie angestellt haben!«

*

Es war eine wilde Geschichte, mit der Kucharz herausrückte.

Er hatte sich auf dem Parkplatz an Gerds Wagen herangepirscht und unmittelbar neben dem weißen Peugeot geparkt.

Es gelang ihm, die Haube unbemerkt zu öffnen und die Steckverbindungen am Verteiler so zu beschädigen, dass der Fehler nicht allzu schnell gefunden werden konnte.

Als er die Motorhaube bereits wieder geschlossen hatte und gerade abfahren wollte, wurde er von Gerd überrascht.

Ohne zu zögern fiel Gerd über den Ganoven her. Er schlug ihn wortlos zusammen und setzte ihn halbtot in dessen Wagen. Kucharz war dann in Panik davongefahren.

Jetzt griff er erneut nach seiner Brieftasche.

»Warum ist Gerd noch nicht zurück?«, fragte Beate tonlos.

Kucharz grinste schief. »Vielleicht hat er den Wagen abschleppen lassen«, vermutete er.

»Die ganze Sache gefällt mir nicht«, murmelte Schalow. »Sie gefällt mir nicht, verdammt noch mal!«

»Was willst du tun?«

Schalow hatte den Gedanken an die Polizei noch immer nicht ganz verworfen. Aber was konnte er dort Vorbringen? Was sollte er sagen? Er hatte Kucharz in der Wohnung seines Freundes ertappt. Auf frischer Tat. Kucharz hatte sich unbefugterweise Zutritt verschafft. Aber die Polizei würde den Kerl nicht einmal eine Nacht in Haft behalten, solange der Wohnungsinhaber nicht selbst gegen den Einbrecher aussagte.

Und die Polizei würde ihn, Schalow, in die Mangel nehmen. Dabei hatte er mit dem Mann vom Verfassungsschutz schon genug Probleme.

Sie mussten auf Gerd warten.

Oder ihn suchen.

Das war die einzige Alternative.

»Ich will jetzt ganz genau wissen, wo das passiert ist«, sagte Schalow hart. »Vorher kommen Sie hier nicht raus. Wenn Sie es nicht mehr wissen, warten wir eben hier. So lange, bis Wissmeyer kommt. Der wird sich freuen.«

Vor Gerd hatte der Halunke noch mehr Angst als vor Schalow. Sein Erinnerungsvermögen kehrte zurück.

»Ein Café-Restaurant kurz hinter Mechernich, glaube ich. An der Straße nach Zülpich. Der Name, warten Sie ... irgendetwas mit Mühle ...«

»Veybacher Mühle«, sagte Beate.

»Ja, stimmt!«

Beate wandte sich Schalow zu. »Ich kenne das Restaurant. Wir waren im vorigen Jahr mehrmals dort. Wenn ich Ferien habe und wenn Gerd seine Kunden in Mechernich und Zülpich besucht, fahre ich manchmal mit.« Sie sah ihn an mit einem elenden Ausdruck in den klaren Augen, der Schalow ins Herz schnitt. »Lass ihn gehen. Er macht mich krank.«

Schalow warf dem Halunken die Brieftasche und die Schlüssel zu. Kucharz fing sie auf und verschwand fluchtartig. Schalow ging einmal durch die verwüstete Wohnung, während Beate in ihrer eigenen Wohnung anrief.

Gerd hatte natürlich auch einen Schlüssel für ihr Apartment, das in Weidenpesch draußen lag.

Aber Gerd war auch nicht in Weidenpesch. Weder Beate noch Schalow hatten damit gerechnet.

6

Die Bäume mit ihrem frischen Frühlingslaub bildeten einen hohen Tunnel im Licht der Scheinwerfer; sie wichen gelegentlich einem schlafenden Dorf oder einem einsam gelegenen Gehöft.

Der alte Volkswagen klapperte wie eine leere Blechbüchse, aber der Motor hörte sich gut an. Sie hatten Schalows >neuen< Käfer genommen, weil Beate ihren kleinen Flitzer zu Hause gelassen hatte. Gerd hätte sie nach Hause gefahren, wenn sie nicht bei ihm in der Huhnsgasse geschlafen hätte.

Sie hatten die neue Autobahn bis Euskirchen benutzt und fuhren jetzt über die Landstraße nach Veytal. Beate hockte auf der vorderen Kante des verschlissenen Beifahrersitzes. Sie hatte sich nicht angeschnallt. Nervös rauchte sie eine Zigarette nach der anderen.

Während der Fahrt hatte Schalow ihr alles erzählt, was sie noch nicht wusste. Von Kucharz und Hartmann.

»Ich hätte Gerd nicht mit hineinziehen dürfen«, sagte er immer wieder. Als Beate eine neue Zigarette aus der Packung schnippte, bat er: »Gib mir auch eine.«

»Du hast ihn ja nicht mit hineingezogen«, murmelte sie undeutlich, weil sie sich zwei Zigaretten zwischen die Lippen geklemmt hatte. Dann gab sie ihm eine brennende. »Dieser ... wie heißt er doch?«

»Kucharz.«

»Dieser Kucharz hätte Gerd so oder so aufs Korn genommen. Schließlich kannst du dir ja nicht vorwerfen, dass ihr Freunde seid. Es sei denn, du hättest vor sechs oder sieben Jahren, als ihr euch kennenlerntet, schon gewusst, dass man dich eines Tages so hereinlegt.«

»Wenn ich nicht bei Gerd aufgekreuzt wäre ...«

»Hör auf! Hör auf, dich selbst zu quälen!«, sagte Beate laut.

Der Wagen klapperte um eine Kurve. Ein Wegweiser leuchtete gelb auf.

»Da, da musst du nach Zülpich abbiegen, glaube ich«, sagte Beate. »Bei Nacht sieht alles so anders aus.«

Es ging auf Mitternacht zu. Hoffentlich treffen wir noch jemanden an in der Veybacher Mühle, dachte Schalow. Er trat das Gaspedal bis zum Bodenblech durch. Er spürte im Lenker, wie das Vorderrad schlackerte. Es war ihm egal, ob er sich den Reifen ruinierte. Die Tachonadel kam ohnehin nicht über die 110 hinaus. Schalow kam es wie das Tempo einer besonders lahmen Schnecke vor.

»Da!«, rief Beate aufgeregt. Sie deutete auf ein großes, hohes Schild, das seitlich der Straße auf einer Wiese stand..

VEYBACHER MÜHLE Café-Restaurant 1 000 Meter rechts - Gute Küche - Großer Parkplatz

Der Parkplatz war in der Tat recht groß. Hohe Hecken umgaben ihn von drei Seiten. Schalow wunderte sich nicht mehr, dass Kucharz sich unbemerkt an Gerds Wagen zu schaffen machen konnte.

Das langgestreckte Fachwerkgebäude der alten Mühle lag geduckt vor der dunklen Kulisse des Waldes. Die Fenster schimmerten fast schwarz. Die Beleuchtung über dem vorderen Eingang war längst ausgeschaltet worden, aber hinter den gewölbten Buntglasscheiben brannten noch ein paar Lampen.

Schalow wirbelte das Lenkrad herum. Der Volkswagen beschrieb einen Kreis. Die aufgeblendeten Scheinwerfer stießen in die dunkelsten Winkel des Parkplatzes.

Von Gerds weißem Peugeot war nichts zu sehen.

Er hielt neben dem Eingang an, stellte den Motor und die Scheinwerfer ab und stieg aus. Er half Beate beim Aussteigen. Die Luft war frisch und kühl. Irgendwo rauschte Wasser. Sie stiegen die wenigen Stufen zum Eingang hinauf. Schalow drückte die Klinke herab.

Die Tür war verschlossen.

Er klopfte. Nichts rührte sich. Eine Klingel gab es nicht. Er hämmerte gegen das dicke Holz. Ununterbrochen. Bis er eine laute, wütende Stimme hörte. Da hielt er inne.

»Sehen Sie denn nicht, dass wir geschlossen haben? Gehen Sie! Hier gibt es nichts mehr!«

»Es ist wichtig! Wir brauchen eine Auskunft!«

»Verschwinden Sie, oder ich rufe die Polizei!«

»Das können Sie ruhig tun!«, schrie Schalow.

Beate schob ihn zur Seite. »Bitte, hören Sie mir zu!«, rief sie. »Es ist wirklich wichtig. Wir suchen einen Gast, der heute hier war. Wir fürchten, dass ihm etwas zugestoßen sein könnte.«

Da wurde es zum ersten Mal ausgesprochen. Gedacht hatten sie es beide schon längst. Seit Kucharz zugegeben hatte, Gerd getroffen zu haben.

––––––––

Riegel und Ketten klirrten, dann knirschte ein Schlüssel, und die Tür wurde geöffnet. Im Rahmen stand ein vierschrötiger Mann mit fleischigem Gesicht, der Schalow und Beate aus blutunterlaufenen Augen musterte. Eine ekelhafte Alkoholfahne schlug ihnen entgegen.

»Sie sind Herr Nölke, nicht wahr?«, fragte Beate freundlich. »Kennen Sie mich noch?«

»Ich weiß nicht.« Nölke hatte schwer einen zur Brust genommen. Sein rotkariertes Hemd stand bis zum Bauchnabel offen. Der weiße Bauch hing über dem Gürtel. Dichtes grauschwarzes Haar bedeckte die Brust. »Kommen Sie rein. Meine Frau schläft schon.«

Mit schweren, aber dennoch sicheren Schritten, die den geübten Trinker verrieten, ging er hinter die Theke. Dort standen eine offene Flasche Korn und ein halbvolles Wasserglas. Er setzte es an die Lippen und ließ eine gehörige Menge durch seine Kehle rinnen. »Wollen Sie auch was?«, fragte er.

»Nein, danke«, sagte Beate schnell. »Kennen Sie mich nicht mehr? Und den Herrn, mit dem ich ein paarmal hier war? Zuletzt in der Weihnachtszeit.«

Nölke legte die Stirn in Dackelfalten. Es funkte nicht. Beate seufzte.

»Er war heute Nachmittag hier. Das muss so gegen vier Uhr gewesen sein, vielleicht etwas später.« Unterwegs hatten Schalow und Beate die Zeit zu rekonstruieren versucht, weil sie vergessen hatten, Kucharz in dieser Hinsicht genauer auszuquetschen. »Auf dem Parkplatz muss es eine Schlägerei gegeben haben.«

»Davon weiß ich ja gar nichts«, behauptete der Inhaber der Veybacher Mühle mit schwerer Zunge, aber dafür auch glaubwürdig.

»Aber Herr Wissmeyer hatte einen Schaden an seinem Wagen. Das müssen Sie doch mitbekommen haben. Er hat vielleicht einen Abschleppwagen bestellt. Oder eine Werkstatt benachrichtigt.«

In die trüben Augen kam etwas Leben. »Ah, ja! Warten Sie! Er hat telefoniert! Und dann ist der Vollrath aus Mechernich rausgekommen. Er hat die Karre wieder hingekriegt. Stimmt.« Der Gastwirt rülpste laut, kratzte sich auf der Brust und kippte den Rest, der im Glas war, in sich hinein.

»Vollrath ist Automechaniker?«

»Kann man wohl sagen. Der Beste, den ich kenne.«

»Hat er eine eigene Werkstatt?«

»Eine Klitsche, wenn Sie mich fragen, aber an meinen Mercedes lasse ich keinen anderen ran. Nur Vollrath. Jawohl. Und das habe ich dem jungen Mann auch gesagt, und da hat er Vollrath angerufen, und der Vollrath ist auch bald rausgekommen ...«

»Kann ich ihn anrufen?«, unterbrach Schalow den trunkenen Redefluss.

Nölke stierte in Schalows Gesicht. »Der arme Kerl muss früh raus. Er war noch hier drin, nachdem er den Wagen da draußen ... um fünf muss er 'nen Traktor auf Dansers Hof reparieren. Das hat er erzählt. Verdammt früh ...«

»Herr Nölke, wir müssen ihn fragen, ob er etwas weiß!«, sagte Beate eindringlich. »Er hat den Mann offenbar als letzter gesehen. Herr Wissmeyer ist verschwunden.«

Nölke lachte. »Verschwunden! Gibt's doch gar nicht!«

Schalow schob sich einfach um die Theke herum. Das Telefonbuch lag neben dem Apparat. Während er die Nummer des Mechanikers heraussuchte, redete Beate weiter mit dem Wirt.

»Hat der Fahrer des Wagens mit der Panne außer mit Herrn Vollrath sonst noch telefoniert?«

»Nein, aber er hat's immer versucht. Da hat er gestanden und hat immerzu die Scheibe gedreht. War wohl niemand zu Hause.«

»Hast du gehört?«, fragte Beate Schalow. »Gerd hat versucht, mich zu erreichen und mir Bescheid zu sagen, dass er später kommt.«

»Ja.« Schalow strich die Nummer des Mechanikers an und nahm den Hörer ab. Bevor er jedoch den armen Kerl, wie Nölke ihn genannt hatte, um den schönsten Schlaf brachte, wählte er zuerst die Nummer von Gerds Wohnung.

Das Rufzeichen schrillte unablässig.

Niemand hob ab.

*

Vollraht schien das Telefon neben dem Bett stehen zu haben. Er war jedenfalls sofort am Apparat. Seine Stimme klang nicht sehr freundlich.

Schalow bat für die späte Störung um Entschuldigung und berief sich auf Nölke, was offenbar ein guter Einfall war, denn der gereizte Unterton verschwand sofort aus der Stimme des Mechanikers, als er sich nach Schalows Wünschen erkundigte.

»Es geht um den Wagen, den Sie heute Nachtmittag an der Veybacher Mühle repariert haben«, begann Schalow.

»Den weißen Peugeot, ja.«

»Den meine ich. Der Fahrer ist bis jetzt nicht zu Hause angekommen, dabei wollte er spätestens gegen halb acht in Köln sein, eigentlich sogar früher. Ich mache mir jetzt Sorgen. Hat er Ihnen gegenüber irgendetwas geäußert, was mir weiterhelfen konnte?«

»Er wollte nach Hause, das nehme ich jedenfalls an. Nach Köln. Er war nur fürchterlich aufgebracht, das kann man nicht anders sagen. Er schimpfte pausenlos auf einen Kerl namens Kuckuck oder so ähnlich ...«

»Kucharz.«

»Ja, richtig. Er hätte den Kerl zwar erwischt, sagte er, aber er hatte nicht gewusst, dass der ihm was am Verteiler kaputtgemacht hatte. Er wollte dem Kerl den Hals umdrehen. Ich hab's wieder in Ordnung gebracht, aber es hat 'ne Weile gedauert.«

»Wann ist er weitergefahren?«

»Tja, ich war so gegen sechs, Viertel nach sechs fertig. Da ist er gleich gefahren. Er wollte nach Köln, das hat er jedenfalls gesagt, und er ist auch auf die Straße nach Zülpich eingebogen.«

Schalow war ratlos. »Kann es sein«, fragte er dann, »dass dieser Kucharz noch eine Störung am Wagen verursacht hat, die Sie nicht gefunden haben?«

»Das kann ich natürlich nicht beurteilen«, sagte Vollrath zurückhaltend.

Blöde Frage, dachte Schalow. Wenn Kucharz etwas an der Bremsleitung gemacht hatte, beispielsweise, würde sich ein solcher Anschlag erst später auswirken. Dann, wenn der Peugeot plötzlich gegen einen anderen Wagen raste oder im Graben landete.

Schalow bedankte sich bei Vollrath und legte auf. Er wich Beates fragendem Blick aus.

»Nichts«, sagte er niedergeschlagen. Die Nummer des nächsten Polizeipostens stand auf einer Karte, die neben dem Telefon an der Wand befestigt war. Entschlossen wählte Schalow die Nummer.

Er nannte seinen Namen und sagte, wo er war, dann sagte er, er mache sich Sorgen um einen Freund aus Köln, der mit einem weißen Peugeot unterwegs gewesen sei und an der Veybacher Mühle einen Schaden gehabt habe. Bis jetzt sei er noch nicht zu Hause aufgetaucht und habe sich auch noch nicht dort gemeldet.

»Wissen Sie etwas von einem Unfall?«, erkundigte er sich dann. »Oder haben Sie irgendetwas von ihm gehört? Der Name ist Wissmeyer. Gerd Wissmeyer aus Köln. Der Wagen hat ein Kölner Kennzeichen.«

»Wir hatten heute keinen Unfall in unserem Bezirk, Herr Schalow«, sagte der Beamte zuvorkommend, »und ich will nicht sagen, es tut mir leid. Warten Sie, ich schaue gerade ins Wachbuch. Nein, auch hier keine Eintragung, die mit Ihrem Freund Zusammenhängen könnte. Wenn Sie es wünschen, notiere ich Ihre Anschrift oder Ihre Telefonnummer ...«

»Ja. Benachrichtigen Sie Beate Duven, Azeyer Straße 9 in Köln-Weidenpesch.« Er ließ sich von Beate die Telefonnummer geben und gab sie dem Beamten weiter. »Hören Sie noch? Herr Wissmeyer soll von hier aus nach Köln weitergefahren sein. Welches wäre die nächste zuständige Polizeidienststelle?«

»Das kommt darauf an, welchen Weg er gewählt hat. Sie können es in Euskirchen und Erftstadt versuchen. Ich kann Ihnen die Telefonnummern geben. Augenblick, ich suche sie gerade heraus. Aber ich kann Ihnen sagen, dass es auch dort keine Unfälle gegeben hat, keine schweren jedenfalls. Unsere Funkleitstellen arbeiten auf derselben Frequenz.«

Schalow schrieb die Nummern auf, dann bedankte er sich bei dem hilfsbereiten Beamten und rief die anderen Polizeidienststellen an.

Doch weder in Euskirchen noch in Erftstadt wusste man etwas von Gerd Wissmeyer.

Sie mussten nach Köln zurückkehren.

Gerd hatte Vollrath gegenüber angekündigt, er wolle Kucharz den Hals umdrehen. Schalow kannte seinen Freund gut genug, um zu wissen, dass diese Drohung vielleicht durchaus ernst gemeint gewesen war, dass er sie aber nie in die Tat umsetzen würde, und Beate bestätigte diese Ansicht.

Aber sie würden Kucharz aus dem Bett holen, um nichts zu versäumen.

*

Sie fanden Gerd nicht bei Kucharz, dessen Adresse sie tatsächlich im Telefonbuch entdeckten, er bewohnte eine heruntergekommene Wohnung in Deutz, zusammen mit einer grauhaarigen Schlampe, die seine Mutter hätte sein können, die er aber als seine Schwester vorstellte, was garantiert gelogen war. Sie fanden Gerd nicht in der Huhnsgasse und nicht in Weidenpesch in Beates Wohnung.

Schalow blieb draußen im Wagen sitzen, bis Beate wieder herauskam und sich neben ihn setzte. Sie rauchten eine Zigarette zusammen. Das Schweigen zwischen ihnen war schwer wie Blei.

»Ich habe die Kölner Polizei angerufen«, sagte sie schließlich. Sie wandte ihm ihr Gesicht zu. Es lag im Schatten, aber die Haut schimmerte weiß. Die Augen lagen tief und schillernd wie Ölflecke darin. »Sie haben da irgendeine Stelle, wo alles zusammenläuft. Nichts. Oh, Enno!« Sie lehnte sich kurz an ihn, doch bevor er seinen Arm um ihre Schultern legen konnte, zog sie sich wieder zurück. »Was sollen wir machen?«

»Weitersuchen«, sagte er rau.

»Wie spät ist es?«

Er bewegte das Handgelenk so, dass das Licht der Laterne an der Ecke auf das Zifferblatt fiel. »Halb vier.«

»Du musst nach Haus«, sagte Beate.

»Ich bleibe hier. Geh du ruhig rauf.«

»Nein! Du musst nach Haus! Wenn du nicht pünktlich zur Arbeit erscheinst, bekommt dein Bewährungshelfer sofort eine Benachrichtigung. Dann steht es schon eins zu null für die.«

»Und wenn schon«, meinte Schalow niedergeschlagen.

Ganz plötzlich warf sie sich an seine Brust und begann zu weinen.

7

Sie saßen da, aneinandergeklammert wie Kinder, die sich im Dunkeln fürchten.

Um sechs stieg Beate aus. Ohne sich umzusehen, betrat sie das Haus, in dem sie wohnte.

Schalow fuhr nach Huckerath. Er hielt eben an Schorsch Thelens Tankstelle an und kritzelte ein paar Worte auf einen Zettel, den er zusammen mit dem Kraftfahrzeugschein in den Briefkasten warf. Auf dem Zettel bat er den Freund, ihm den VW unbedingt noch heute anzumelden, er müsse den Wagen gleich behalten. Dann fuhr er zum Haus seiner Eltern.

Sein Vater war schon zur Schicht gegangen. Seine Mutter sah ihn groß an, fragte aber nichts. Wortlos stellte sie ihm das Frühstück zurecht. Er beeilte sich mit dem Rasieren und dem Umziehen, aber er kam doch etwas zu spät zur Arbeit. Es war zehn Minuten nach sieben, als er das Pförtnerhaus betrat und seine Stempelkarte suchte.

Die Karte steckte nicht im Kasten neben der Stechuhr,

Wütend klopfte er beim Pförtner, und der Mann in der blauen Uniform des Werkschutzes öffnete das kleine Fenster.

»Sie sind Ernst Schalow?«

»Ja. Kassiert ihr gleich die Stempelkarte, wenn man ein paar Minuten zu spät kommt? Das sind ja Methoden ...«

»Sie sollen sich in der Personalabteilung melden«, sagte der Uniformierte.

»Wegen zehn Minuten? Na gut, geben Sie mir die Karte.«

»Die Karte ist bei Herrn Siebert.« Der Pförtner schloss das Fenster und wandte sich ab.

»Setzen Sie sich.« Siebert sah müde aus.

»Hören Sie, ich ...«

»Setzen Sie sich bitte, Herr Schalow. Zigarette?«

Schalow schüttelte den Kopf. Er setzte sich auf die Kante des harten Holzstuhls und sah in das Gesicht des Personalleiters für gewerbliche Angestellte. Die Brillengläser funkelten. Siebert strich über das glattrasierte Kinn. Schalow ahnte, dass es um mehr ging als um die lumpige Verspätung. Seine Stempelkarte lag auf einem dünnen gelben Aktendeckel.

Sein Herz begann zu klopfen.

»Ich habe mir Gedanken gemacht über Sie, Herr Schalow«, begann Siebert. Er sah Schalow nicht an dabei. »Sie sind Ingenieur, und Sie sollten sich um eine Stellung als Ingenieur bemühen ...«

»Worauf wollen Sie hinaus?«, fragte Schalow ruhig.

»Wie gesagt, ich habe mir Gedanken gemacht, und ich meine, dass ich empfehlen werde, das Arbeitsverhältnis nicht über die Probezeit hinaus fortzusetzen. Es ist nicht, weil Sie vorbestraft sind ...«

Schalow stand abrupt auf. »Brechen Sie sich keinen ab. Machen Sie die Papiere fertig.« Er spürte ein Würgen im Hals. Er hatte sich eingebildet, mit Heinz Hilgers und den anderen zurechtzukommen, neue Freunde zu gewinnen, Respekt zu erwerben. Und auf diese Weise die Vergangenheit überwinden zu können.

»Ich werde nachher mit Herrn Velten telefonieren und ihm erklären, dass es nicht an Ihnen lag«, sagte Siebert.

»An wem liegt es denn?«

»Ihre Kollegen, wie gesagt ...«

»Hat sich jemand beschwert? Weil er nicht mit einem Knastbruder zusammenarbeiten will?«

»Nein, nein. Aber Sie sind Ingenieur und arbeiten hier als Elektriker. Das geht auf die Dauer nicht gut.«

»Reden Sie kein Blech. Ich könnte Ihnen auf Anhieb drei Namen nennen. Drei Ingenieure, von denen zwei als Meister arbeiten und einer als Regeltechniker.«

»Es kommt noch etwas hinzu.« Siebert spielte nervös mit einem Kugelschreiber. »Versuchen Sie doch, mich zu verstehen ... ich bin verantwortlich.«

»Ja, Herr Siebert, ich habe volles Verständnis. Ich habe Verständnis für jeden. Alle haben es ja so schwer.«

Sieberts Stirn überzog sich mit hektischen roten Flecken. Doch unwillkommen war ihm Schalows Sarkasmus nicht. Ganz kühl ließ er jetzt die Katze aus dem Sack.

»Weilersdorf wird in den nächsten Jahren von Braunkohle auf Atomkraft umgestellt, wie Sie vielleicht gehört haben, Herr Schalow. Wir arbeiten schon jetzt mit mehreren Atomkraftwerken im Verbund. Höheren Orts ist man der Ansicht, dass Sie ein Sicherheitsrisiko darstellen.«

Da war es wieder.

Ernst Schalow, der Terrorist.

Der Staatsfeind.

»Natürlich bekommen Sie den Lohn für volle zwei Wochen«, sagte Siebert. Er drückte auf einen Knopf der Sprechanlage. »Fräulein Weckwerth, füllen Sie die Anweisung für Herrn Schalow aus, wie wir es besprochen haben.«

»Sie wollten mir gar keine Chance geben, nicht wahr, Herr Siebert?«

»Bitte, Herr Schalow, ich tue nur meine Arbeit. Ich bin der Unternehmungsleitung gegenüber verantwortlich. Meine Position ist, weiß Gott, nicht einfach.«

Schalow lachte auf. Es klang bitter.

Als er zum Parkplatz ging, kam der braune Granada die Werkstraße herunter. Der Wagen fuhr neben ihm her. Schalow ging über den Parkplatz. Der Ford fuhr ein Stück weiter bis zur Einfahrt und schnitt ihm dann den Weg ab. Schalow schloss den Käfer auf. Der Granada stoppte vor der Parktasche, in der Schalows VW stand. Die hintere Scheibe fuhr herab.

»Hauen Sie ab!«, rief Schalow. »Sie Dreckskerl!«

»Sie sind ungerecht.« Hartmann deutete auf den Käfer. »Von welchem Schrottplatz haben Sie denn den geholt?« Er lachte.

»Wenn Sie denken, Sie kriegen mich klein, weil Sie mir jetzt auch noch den Job genommen haben, dann irren Sie sich, Hartmann!«

»Wenn Sie Geld brauchen, wenden Sie sich ruhig an mich. Ich meine, falls Ihre Freunde Ihnen nicht aushelfen.«

Schalow setzte sich in den VW und ließ den Motor an. Er legte den ersten Gang ein. Langsam rollte er an. Hartmann grinste ihn an. Er grinste nicht mehr, als die Stoßstange des VW die Seite des Granada schrammte. Es gab ein kratzendes Geräusch.

Schalow trat die Kupplung und öffnete das Fenster. »Oh, verzeihen Sie, Herr Hartmann. Die Rechnung für den Kratzer können Sie an meinen Bewährungshelfer schicken.«

»Setzen Sie zurück!«

Schalow stieß zurück. Hartmann kurbelte die Scheibe in die Höhe, und der Granada fuhr ab.

*

Er setzte den VW vorm Haus seiner Eltern auf den Gehweg. Seine Mutter arbeitete in der Küche.

»Du?«, fragte sie. »Du bist schon zurück?« Es war gerade halb neun. »Ist etwas passiert?«

»Nein. Sie haben mich nur rausgeschmissen.« Schade, dass die Kneipen noch nicht auf sind. Schalow hatte Lust, sich volllaufen zu lassen. Er rannte die Treppe ins Obergeschoss hinauf. Wahllos stopfte er ein paar Sachen in seinen Koffer. Als er wieder herunterkam, stand seine Mutter immer noch im Flur.

»Ernst, Junge«, sagte sie traurig. »Was soll denn nur werden?« Sie umarmte ihn, und er ließ es stumm und ohne sich zu bewegen über sich ergehen.

»Ich melde mich ab und zu«, sagte er. »Grüß Vater. Und sag ihm, es tut mir leid.«

»Ja, Junge. Ruf mal an.«

Er küsste sie flüchtig und wandte sich zur Tür.

»Ach, Ernst!«, rief sie. »Das hätte ich beinahe vergessen! Da hat jemand angerufen. So um halb acht.«

Schalow drehte sich um. »Wer?«

»Ich weiß es nicht, sie hat ihren Namen nicht gesagt.«

Sie!

Monika!

»Ich habe die Nummer aufgeschrieben.«

Schalow ließ den Koffer fallen. Er lief zum Telefon. Auf der Tafel standen die Zahlen. Er kannte sie. Es war nicht Monika, die angerufen hatte, sondern Beate.

Er wählte die Nummer. Beate hob sofort ab.

»Ja?«, fragte sie undeutlich.

»Ich bin's, Enno«, sagte er.

»Oh, Enno!« Sie schluchzte. »Enno, Gerd ... sie haben ihn gefunden ...«

»Beate!«

»Oh, Enno, er ist tot!«

8

Ernst Schalow fuhr wieder nach Mechernich. Beate saß stumm neben ihm. Sie weinte nicht mehr. Ihre Gefühle waren erstorben.

Forstarbeiter hatten einen weißen Peugeot mit Kölner Kennzeichen im Wasser der Kiesgrube zwischen Irnich und Floisdorf, nur ein paar Kilometer abseits der Straße von Mechernich nach Zülpich, entdeckt und den Fund sofort der Polizei in Mechernich gemeldet. Der Beamte von der Morgenschicht hatte die Eintragung seines Kollegen im Wachbuch vorgefunden und Beate angerufen.

Schalow fand die Kiesgrube fast mühelos. Die abschüssige Zufahrt war von mehreren Fahrzeugen, darunter einem Leichenwagen und einem Kranwagen der Feuerwehr, verstopft. Langsam ließ Schalow den Volkswagen hinunterrollen. Als sie den Leichenwagen passierten, zuckte Beates Gesicht.

Der Peugeot stand mit geöffneten Türen und offener Kofferraumklappe am Rand des Wassers. Seine Reifen hatten tiefe Furchen in den feuchten Sand gegraben.

Ein Polizist wollte Schalow zurückhalten, aber als er hörte, dass Schalow ein Freund des verunglückten Fahrers war, durfte er passieren. Der Polizist ging neben dem Käfer her und winkte Schalow schließlich an eine Stelle, wo er parken konnte.

»Gehen Sie bitte dort hinüber«, sagte er und deutete mit dem Kopf auf die Männer, die auf einem trockenen Hügel standen, wo sie sich nicht die Schuhe beschmutzen konnten. Zwei der Männer trugen Zivil - Mäntel und Hüte -, der dritte war ein höherer Polizeioffizier.

Schalow nahm Beates Arm. Die Männer unterhielten sich gedämpft und verstummten, als Beate und Schalow zu ihnen traten.

Drei Augenpaare musterten zuerst Schalow und blieben dann auf Beate hängen. Einer der Zivilisten hatte silbergraue Locken, die unter dem schwarzen Velourshut hervorquollen und sich um die Ohren ringelten.

»Ich bin Oberstaatsanwalt Faßbender aus Euskirchen«, sagte der Silberhaarige, und flüchtig stellte er die beiden anderen Herren vor. »Dr. Schiffer, Polizeioberrat Franke. Sind Sie mit dem Verunglückten verwandt oder verschwägert?«

«Nein«, sagte Beate. »Nein ...«

»Nein«, sagte Schalow. »Fräulein Duven ist, war seine Verlobte, ich sein Freund. Ich heiße Schalow.«

Faßbender rieb die Hände aneinander. »Tja«, meinte er. »Wir können den Verunglückten gleich identifizieren, was meinen Sie?« Er winkte einen uniformierten Polizisten heran und ließ sich eine noch tropfnasse Brieftasche bringen. Schalow legte einen Arm um Beates Schultern und drückte sie fest an sich.

»Es ist seine Brieftasche. Ich habe sie ihm zu Weihnachten geschenkt.«

Leise sagte er in ihr Ohr: »Wenn du nicht willst ...«

»Doch!«, sagte sie heftig. »Ich will ihn sehen!«

Der Arzt, der Polizeioffizier und der Staatsanwalt gingen voraus. Jemand öffnete die hintere Tür. Schalow schluckte, als er die schäbige Blechwanne sah. Der Fahrer des Leichenwagens kletterte umständlich hinein. Als Faßbender ihm ein Zeichen gab, öffnete er den Deckel.

Beate und Schalow sahen in Gerds weißes Gesicht. Beate schluchzte trocken auf.

*

»Das war kein Unfall«, sagte Schalow, nachdem der Fahrer den Deckel wieder über den reglosen Körper geklappt hatte.

Faßbender blickte über Beates Kopf hinweg, als ein Abschleppwagen rückwärts die Zufahrt herunterkam. Er nickte einem Polizisten zu, dann sah er Schalow an.

»Was sagten Sie?«

»Das war kein Unfall«, wiederholte Schalow ruhig. Es kostete ihn unendlich viel Kraft, so ruhig zu bleiben. Viel lieber hätte er seinen Zorn und seinen Schmerz hinausgeschrien.

»Für einen Selbstmord gibt es im Moment noch keinen Anhaltspunkt, aber ich werde natürlich dafür sorgen, dass alle Umstände genau untersucht werden. Ich nehme an, dass der Verunglückte die Zufahrt benutzen wollte, um hier zu parken. Bei der Dunkelheit hat er aber nicht sehen können, dass der Weg abschüssig war und am Wasser endete. Unglücklicherweise war die Schranke nicht geschlossen, und auch das Warnschild ist unleserlich. Dafür wird sich der Besitzer der Grube zu verantworten haben. Der Wagen ist also ins Wasser gerollt. Vielleicht war der Fahrer müde, vielleicht hatte er Alkohol zu sich genommen, wahrscheinlich hat ihn der Schock des kalten Wassers schon getötet. Die Obduktion wird ...«

Schalow unterbrach den Staatsanwalt. »Es war Mord«, sagte er.

Er sah auf die Spuren im Sand. Alles war umgepflügt worden von den Füßen der Helfer und den Reifen der Fahrzeuge.

Schalow erzählte mit dürren Worten, was er wusste. Von Gerd und Kucharz. Und auch, weshalb Kucharz hinter Gerd her gewesen war.

Oberstaatsanwalt Faßbender stopfte die Hände in die Taschen und starrte auf seine Fußspitzen. Schalow wartete ruhig. Er wäre nicht überrascht gewesen, wenn Faßbender ihn auf der Stelle festgenommen hätte.

»Ich werde den Fall an die Kölner Staatsanwaltschaft abgeben«, sagte er schließlich entschlossen. »Der Leichnam wird sofort an die Gerichtsmedizin nach Köln überführt. Wenn Sie also Aussagen zu machen haben, wenden Sie sich an die Kripo Köln. Mein Bericht wird heute Mittag bereits dort eintreffen.« Er sah Beate an, und so etwas wie Mitleid machte sich in seinen Augen bemerkbar. »Kennen Sie Angehörige des Toten?«, erkundigte er sich.

Beate nickte. »Seine Eltern. Sie wohnen in Siegburg.«

»Sollen wir sie benachrichtigen?«

Beate schüttelte den Kopf. »Ich fahre hin. Gleich, wenn ich zurück bin.«

Schalow ging zu dem Peugeot hinunter. Ein Feuerwehrmann hakte das Seil des Abschleppwagens unter die hintere Stoßstange.

»Warten Sie«, bat er. »Haben Sie den Wagen herausgeholt?«

»Ja.« Der Feuerwehrmann deutete auf seine nassen Hosenbeine und die nassen Ärmel seiner Jacke. »Er war nicht tief drin. Vorne stand er zwar bis zum Dach unter Wasser, aber das Heck ragte etwa ab Mitte Kofferraum heraus.«

»Wo ist sein Koffer? Er hatte einen Aktenkoffer bei sich. Schwarz, Aluminiumrahmen, verchromte Schlösser.« Schalow hatte den Koffer in Gerds Wohnung gesehen. Er enthielt alle Unterlagen, die Gerd brauchte, wenn er Kunden besuchte: Prospekte, Tabellen, Zeichenpapier, den technisch-wissenschaftlichen Elektronenrechner.

Der Feuerwehrmann hob die Schultern. Er sah in den Wagen hinein, öffnete noch einmal den Kofferraum. »Hier ist nichts mehr. Der Koffer kann auch nicht rausgefallen oder rausgeschwommen sein. Die Türen waren geschlossen. Nur das Fenster auf der Beifahrerseite stand etwa sechs Zentimeter offen.«

Schalow presste die Lippen zusammen. Ein Selbstmord kam nicht in Betracht. Gerd hatte kein Motiv.

Kucharz. Nur Kucharz konnte ihn umgebracht haben. Der dürre Ganove hatte sich für die Prügel gerächt, die er von Gerd bezogen hatte.

Und die Tasche hatte er mitgenommen.

War es so gewesen?

Oder gab es etwa noch jemanden?

Oder war alles nur ein schrecklicher Zufall? Hatte Gerd vielleicht einen Anhalter mitgenommen, der ihn getötet und die Tasche geraubt hatte in der Hoffnung, sie enthielte Wertsachen!

»Haben Sie Spuren gesehen? Spuren eines zweiten Wagens? Oder Fußabdrücke?«

»Hier ist immer alles voll von Reifenabdrücken und Fußtritten, aber welche davon neu waren, oh je, das kann ich nicht sagen.«

Schalow ging zum Oberstaatsanwalt zurück. Beate stand wie verloren neben ihm. Schalow nahm ihren Arm.

»Herr Faßbender«, sagte er. »Es fehlt ein Aktenkoffer. «

»Ich werde ihn suchen lassen.«

»Danke. Können Sie mir sagen, wie viel Geld sich in der Brieftasche befindet?«

Faßbender hatte die Brieftasche schon wieder zu den anderen Sachen, die Gerd bei sich gehabt hatte, legen lassen.

»Etwas über zweihundert Mark«, antwortete er. »Fehlt etwas?« Schalow sah Beate an.

»Nein«, antwortete sie. »Ich glaube nicht. Er hatte immer wenig Bargeld bei sich.«

Damit verlor die Raubmordtheorie an Wahrscheinlichkeit.

*

Schalow führte Beate zum Käfer. Er half ihr hinein, setzte sich hinter das Steuer und startete. Er fuhr zur Straße hinauf. Oben begannen seine Beine zu zittern. Die Reaktion auf den gewaltsamen Tod seines Freundes setzte mit aller Heftigkeit ein.

Er fuhr ein Stück und setzte den Wagen dann in eine Schneise. Er umklammerte das Lenkrad, um das Zittern seiner Hände zu unterdrücken, aber er konnte nicht vermeiden, dass seine Zähne aufeinanderschlugen.

Beate berührte seine Hand. Ihre Finger waren eiskalt. Ihre Hand wanderte höher hinauf, lag dann kühl in seinem Nacken.

»Enno, ich weiß, was du jetzt denkst«, sagte sie leise. »Enno, es ist nicht deine Schuld! Es kann nicht deine Schuld sein! Du hast ihn nicht verunglücken lassen.«

»Es war Mord«, sagte er heiser. »Hundsgemeiner Mord. Und ich ... ich ... ich bin schuld. Ich. Nur ich. Ich.«

Der Druck der Finger in seinem Nacken nahm zu. Beate beugte sich herüber. Ihre Augen waren rot und geschwollen und standen voller Tränen. Ganz plötzlich warf sie sich an seine Brust. Ihr Gesicht war dem seinen sehr nah. Ihre Lippen berührten sich.

Sie zuckten zurück, sahen einander erschrocken an. Dann stießen ihre Köpfe vor, die Lippen pressten sich wild aufeinander, saugten sich fest, bis Schalow Beates Blut in seinem Mund schmeckte.

*

Er brachte sie nach Weidenpesch, wo sie sofort in ihren Mini umstieg. Sie wollte nach Siegburg, um Gerds Eltern die schlimme Nachricht zu bringen. Am Abend wollten sie sich in Gerds Wohnung treffen.

Schalow rief Gerds Büro an. Er fragte nach Herrn Wilke, dem Seniorpartner. Den Namen von Gerds Chef hatte er von Beate. Schalow sagte, er sei ein Freund von Gerd Wissmeyer und Beate Duven, und er riefe an, weil Gerd verunglückt sei.

»Oh je«, sagte Wilke. Er hatte eine angenehme Stimme. »Ist es schlimm?«

»Er ist tot.«

Wilke schwieg erschüttert. Schalow gab ihm Zeit, die Nachricht zu verarbeiten, ehe er sagte, wie es geschehen war. Seinen Mordverdacht erwähnte er jedoch nicht.

»Damit alle Umstände restlos aufgeklärt werden«, fuhr Schalow dann fort, »hätte ich Sie gern einiges gefragt, Herr Wilke. Ich werde nachher übrigens zur Polizei gehen. Herr Wilke, wissen Sie, ob Gerd, Herr Wissmeyer, gestern Nachmittag bestimmte Kunden besuchen wollte?«

»Gestern? Aber nein. Er hat gestern überhaupt keine Kunden besucht. Er hatte einige private Dinge zu erledigen, wie er mir sagte. Er sprach vom Einwohnermeldeamt, und er wollte auch zur AOK, ja.«

»Zur AOK? Aber was wollte er dort?«

»Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich weiß es überhaupt nur deshalb, weil er unserer Lohnbuchhalterin angeboten hatte, Unterlagen mitzunehmen, die ohnehin zur AOK mussten. Wir haben vier Angestellte, die abgabepflichtig sind. Wie gesagt, daher weiß ich, dass er zur AOK wollte.«

»Aber er war doch mittags im Büro?«

»Ja, das stimmt. Er ist, er war ein sehr eifriger und äußerst zuverlässiger Mitarbeiter. Er wartete auf einige wichtige Unterlagen von einer Firma, die wir vertreten. Er brauchte die Unterlagen, um ein Angebot abschließen zu können.«

Das war es also. Aber es gab immer noch eine Unklarheit.

»Ich war der Ansicht, er wollte einen Kunden in Mechernich besuchen«, sagte Schalow.

»Die Firma Klöppler & Nagel? Gestern? Bestimmt nicht. Er war erst in der vorigen Woche dort, um die Einzelheiten einer bevorstehenden Lieferung zu besprechen. Er hätte mich bestimmt informiert, wenn er Herrn Nagel besucht hätte. Herr Nagel ist nämlich ein sehr alter und sehr guter Freund von mir. Wir sehen uns häufig privat, und Herr Nagel lädt mich regelmäßig zur Jagd ein. Das wusste Herr Wissmeyer, und wie gesagt, er hätte es erwähnt, wenn er Herrn Nagel hätte besuchen wollen.«

Das ist mehr als seltsam, dachte Schalow.

»Eine letzte Frage, Herr Wilke. Gerds Tasche mit den Unterlagen wurde nicht bei ihm im Wagen gefunden. Hat er sie im Büro gelassen?«

»Nein. Ich habe gesehen, dass er sie mitgenommen hat. Hören Sie, Herr ...«

»Schalow.«

»Was haben diese Fragen zu bedeuten? Stimmt etwas nicht?«

»Das möchte ich eben herausfinden. Bisher heißt es, es sei ein Unfall gewesen.«

»Wenn ich irgendetwas tun kann ...«

»Ich rufe Sie wieder an, Herr Wilke.«

*

Schalow fuhr nach Deutz hinüber und parkte am Reischplatz. Er klingelte unten neben dem Schildchen mit dem Namen Kucharz, und als der elektrische Türöffner schnarrte, stürmte er in das Treppenhaus, in dem es nach Kohl stank.

Die Schlampe stand am Treppenabsatz im zweiten Stock. Sie trug den gleichen fleckigen Kittel wie in der Nacht, als Schalow sie zum ersten Mal herausgeschellt hatte. Ihr feistes Gesicht verzog sich zu einer ärgerlichen Grimasse, als sie ihn erkannte.

»Wo ist er?«, fragte Schalow.

»Nicht da. Scheren Sie sich zum Teufel.« Sie drehte sich um und ging wieder in die Wohnung. Sie versuchte, Schalow die Tür vor der Nase zuzuknallen.

Schalow stieß die Tür grob zurück. Die Schlampe kreischte. Schalow starrte sie mit einem steinharten Ausdruck in den Augen an, sodass sie verstummte.

Schalow marschierte durch die Wohnung. Er spähte in drei gleichermaßen unaufgeräumte Zimmer. Er öffnete die Tür zu dem winzigen Hinterhofbalkon, auf dem sich leere Bierkästen türmten, und er warf einen Blick in die Speisekammer, die voller Gerümpel stand.

Kucharz war nicht da.

War er geflohen?

»Wo ist er?«, fragte er rau.

»Das sagt er mir doch nicht!« Die Frau lachte schrill. »Mir doch nicht!«

»Wann kommt er zurück? Oder besser, wann ist er gewöhnlich zu Haus?«

»Das kann ich nicht sagen. Er ist immer unterwegs.«

»Womit verdient er sein Geld?«

Der runde Kopf mit den strähnigen Haaren verschwand zwischen den Schultern, als die Frau die Schultern hob.

Schalow wusste es auch so. Mit Erpressung, Nötigung und beim Zocken. Er kannte Typen wie Kucharz. Im Knast gab es ein paar Dutzend von der Sorte.

Natürlich sagte ihm die Schlampe nicht, wo Kucharz steckte oder wo er ihn treffen konnte. Sie knallte die Tür ins Schloss, als er ging.

Er stand wieder auf der Straße. Es war noch zu früh, um zur Polizei zu gehen. Vor zwei, drei Uhr nachmittags hatte es keinen Sinn.

Hatte Kucharz sich abgesetzt? Weil er Gerd ermordet hatte?

Schalow überlegte fieberhaft. Wie konnte er an den dürren Ganoven herankommen?

Konnte er Hartmann auf ihn hetzen?

Unsinn. Ausgerechnet Hartmann.

Schalow erinnerte sich an einen Mann, mit dem er ungefähr ein Jahr lang die Zelle geteilt hatte. Fred Parnitzki. Richtig. Fred war ein unverbesserlicher Ganove. Er lebte von Diebstählen und Geschäften mit geklauter Ware. Manchmal arbeitete er auch für die großen Tiere der Unterwelt. Als Schläger oder Schmieresteher, je nachdem. Fred war ein Allroundman. Vor sieben oder acht Monaten war er herausgekommen.

Wenn du mal irgendwas brauchst, hatte Fred gesagt, bevor er entlassen wurde, Hilfe, einen Rat, einen Wagen, jemanden, der einen für dich zusammenstaucht, was auch immer: frag nach Fred Parnitzki. Fred hatte ihm auch verraten, wo Schalow ihn finden konnte. Oder wo er zumindest erfahren konnte, wo Fred gerade steckte.

Schalow fuhr über die Deutzer Brücke zurück in die Innenstadt. Er stellte den Volkswagen an der Pfeil Straße ab und ging zu Fuß zur Ehrenstraße.

Die Kneipe sah aus wie jede andere Stehkneipe auch. Außer, dass sie in Anbetracht der frühen Stunde schon recht voll war.

Schalow bestellte eine Flasche Mineralwasser und eine Frikadelle. Die Frikadelle schmeckte gut. Er sah sich aufmerksam um. Aber Fred war nicht da.

Wahrscheinlich saß er wieder im Knast, vermutete Schalow.

Er wandte sich an den Glatzkopf hinter der Theke. »Ich muss Fred sprechen«, sagte er leise.

»Fred?« Die Augen des Burschen verengten sich. »Welchen Fred?«

»Nur Fred. Er hat mir gesagt, ich brauche nur nach Fred zu fragen.«

»Wann war'n das?«

»Ist schon 'ne Weile her. Bei 'ner Abschiedsparty. So vor sieben oder acht Monaten.«

Der Kneiper betrachtete Schalow eine Weile unschlüssig, dann zuckte er die Achseln. »Geh zur Palmstraße rüber.« Er nannte eine Hausnummer. »Der Klub heißt Chicago. Sag, ich hätte dich geschickt. Ich bin PeJot.«

*

Alle Fenster waren dicht geschlossen. Die tiefhängenden Lampen schnitten helle Kreise in den Raum. An zwei der fünf runden Tische saßen Spieler. Zigarettenrauch lag dick in der Luft und ließ die Augen der Anwesenden tränen.

Fred Parnitzki spielte hier so etwas wie den Aufseher. Er grinste über sein breites Gesicht und legte einen Arm um Schalows Schultern. Der Arm war dick und schwer wie ein mittlerer Baumstamm. Fred war an die zwei Meter lang und wog mindestens zwei Zentner. Der Anteil der Hirnmasse fiel dabei kaum ins Gewicht.

Er konnte gutmütig wie ein Bernhardiner sein, wenn er jemanden mochte.

»Seit wann bist du raus?«

»Seit Montag.«

»Montag? Und jetzt suchst 'ne Gelegenheit, wie? Haste Bewährung? Klar haste Bewährung, musst also vorsichtig sein. Was machen wir denn?« Er runzelte die Stirn und dachte intensiv nach. Dann strahlte er. »Du, ich hole uns erst mal 'ne Pulle Sekt aus'm Kühlschrank.«

»Fred, sei mir nicht böse. Jetzt nicht, Fred, ich brauche keinen Job oder so, jedenfalls im Moment nicht. Da ist einer hinter mir her.«

Freds kleine Augen hinter den dicken Wülsten begannen zu glitzern.

»Wer?«, fragte er wild.

»Klaus Kucharz.«

»Das is'n ganz Linker!«, sagte Parnitzki spontan. »Was will er denn von dir?«

»Er glaubt, ich hätte noch hundert heiße Tausender.«

»Und die will er ausklinken. Verstehe. Pass auf, ich bringe dich mit 'nem Typ zusammen. Keine Sorge, Enno, der ist absolut zuverlässig. Der zahlt dir zwanzig Prozent. Ich will nichts haben, weil du gerade erst rauskommst.« Fred strahlte.

Wenn die Situation anders gewesen wäre, hätte Schalow jetzt gelacht.

»Fred, ich habe das Geld nicht. Es geht auch um etwas ganz anderes. Ich muss Kucharz auftreiben. Und zwar schnell. Zu Hause ist er nicht, da komme ich gerade her.«

Fred runzelte die Stirn. »Mann, das kostet aber 'ne Kleinigkeit. Einen Typ wie den auftreiben ... Was willste denn von dem linken Kakerlak?«

»Ich muss ihn was fragen.«

»Auf die harte Tour?«

Schalow zögerte. Dann sagte er: »Ja.«

Fred grinste. »Mal sehen, was ich machen kann. Ich rufe dich an, ja? Oder haste keine Bleibe?«

»Doch, aber kein Telefon.«

Fred kritzelte eine Nummer auf einen Bierdeckel. »Hier, ruf mich unter der Nummer an. Aber vor fünf Uhr hat's keinen Zweck.«

Schalow prägte sich die Zahlen ein, dann warf er den Bierdeckel in einen Abfalleimer und ging.

9

Im Polizeipräsidium wurde Schalow ans 1. Kommissariat verwiesen. Dort schickte man ihn eine Weile von einem Beamten zum anderen, bis er schließlich an einen jüngeren Oberkommissar geriet, der sich entschloss, zuständig für einen Fall zu sein, den es offiziell noch gar nicht gab. Wenigstens nicht für die Kölner Kripo.

Der Kommissar hießt Theo Retzmann. Er telefonierte herum und sagte dann, ja, richtig, die Akte sei bereits im Haus, und nach dem Dienstverteilungsplan werde die Sache an ihm hängenbleiben, die Akte werde bald heraufgebracht.

»Aber es ist Freitag, Herr Schalow, heute werden wir zu keinen abschließenden Betrachtungen mehr kommen. Wann die Obduktion vorgenommen wird, liegt nicht in unserer Hand. Mordverdacht ist schließlich nicht, oder noch nicht, gegeben, verstehen Sie?«

»Deshalb bin ich hier. Ich kenne nämlich den Mörder.«

Retzmann beugte sich vor. Er bewegte das breite Kinn und rieb dann über die fleischige Nase. Er hatte rötliches Haar, das ihm tief in die Stirn wuchs.

»Na, dann man raus mit der Sprache. Ich habe Zeit. Aber erwarten Sie nicht, dass ich gleich losbrause und jemanden verhafte.«

»Ich muss Ihnen erst einmal sagen, wer ich bin, und erklären, wie alles zusammenhängt. Ich bin erst am Montag aus dem Knast entlassen worden. Ich wurde wegen Beteiligung an dem Überfall auf die Deutsche Kreditbank in Leverkusen verurteilt. Ich möchte anmerken, dass ich an dem Überfall nicht beteiligt war, also zu unrecht verurteilt wurde. Die wahren Täter kenne ich nicht.«

Retzmann zog die Unterlippe zwischen die Zähne. Seine Augen bekamen einen hellwachen Ausdruck. »War da nicht das politische Kommissariat eingeschaltet?«, erkundigte er sich.

»Ja«, antwortete Schalow.

»Meinen Sie dann nicht auch, wir sollten Hauptkommissar Müller zuziehen? Er hat den Fall doch bearbeitet, wenn ich mich recht erinnere.«

»Als Kriminalist war er eine Niete«, sagte Schalow.

Retzmann verzog keine Miene. »Na schön. Ich höre zu.«

Schalow erzählte von Gerd und wie Kucharz ihm in dessen Nähe aufgelauert hatte. Er berichtete von Kucharz' Zusammenstoß mit Gerd an der Veybacher Mühle und von Kucharz' Eindringen in Gerds Wohnung an der Huhnsgasse.

Retzmann hatte längst begonnen, sich Notizen zu machen.

Als ein Bote die Akte von der Staatsanwaltschaft Euskirchen hereinbrachte, begann er, den Bericht des Oberstaatsanwalts zu überfliegen.

»Wann, sagten Sie, haben Sie Kucharz in Wissmeyers Wohnung überrascht?«

»Das war kurz vor halb zehn«, antwortete Schalow.

Retzmann blickte Schalow an. »Oberstaatsanwalt Faßbender zitiert den Arzt nach dessen erster Stellungnahme am Unfallort. Nach Ansicht dieses Arztes ist der Tod Ihres Freundes nicht vor einundzwanzig Uhr dreißig gestern Abend eingetreten.« Retzmanns Mundwinkel sanken herab. »Wenn die gerichtliche Obduktion das erste Urteil des Arztes aus Mechernich bestätigt, sind Sie es, der diesem Kucharz ein Alibi gibt.«

»Halb zehn?«, fragte Schalow verstört.

Was hatte Gerd zwischen sechs und halb zehn in der Umgebung Mechernichs gemacht? Schalow spürte einen Druck im Kopf.

»Herr Schalow, wir werden uns diesen Kucharz vornehmen. Aber ich muss das Obduktionsergebnis abwarten. Am Montag kann ich Ihnen vielleicht mehr zu dem ganzen Fall sagen.«

Montag.

Schalow schluckte.

Retzmann deutete seinen harten Blick richtig.

»Herr Schalow, seien Sie vernünftig. Nach dem Bericht aus Euskirchen ist Fremdverschulden beim Tod des Herrn Wissmeyer nicht auszuschließen, aber es gibt im Moment keinen Hinweis auf die Beteiligung eines Dritten. Wie wir eben festgestellt haben, sind Sie es sogar selbst, der Ihrem Verdächtigen ein Alibi gibt.«

»Gerd Wissmeyers Aktenkoffer ist verschwunden«, sagte Schalow dumpf.

»Ich werde den Vorgang dem leitenden Kriminaldirektor vortragen, Herr Schalow. Heute noch. Vielleicht kann ich ein paar Leute nach Mechernich schicken, die die Umgebung noch einmal absuchen und Spuren sichern. Mehr kann ich nicht versprechen.«

»Suchen Sie den Aktenkoffer«, sagte Schalow. »Lassen Sie danach tauchen!«

Retzmann seufzte. »Haben Sie sich schon gefragt, ob Sie nicht einem Hirngespinst nachrennen?«

»Das werde ich später tun«, antwortete Schalow.

*

Unter dem Scheibenwischer klemmte ein Strafzettel. Sogar vor dem Polizeipräsidium liefen die Knöllchenmiezen herum. An die Parkuhren musste er sich erst wieder gewöhnen. Ihm fiel ein, dass er immer noch keinen Kraftfahrzeugschein hatte. Wenn er in eine Kontrolle geriet, würden die Grünen ihn nicht weiterfahren lassen. Aber darauf musste er es ankommen lassen. Er konnte jetzt nicht erst nach Huckerath rausfahren, um den Wisch bei Schorsch Thelen abzuholen.

Er ließ den Wagen mit dem Strafzettel, wo er war. An einem Kiosk kaufte er eine Packung Zigaretten und ließ sich eine Handvoll Kleingeld herausgeben. Mit den Münzen bewaffnet, betrat er eine Telefonzelle.

Er rief die Firma Klöppler & Nagel in Mechernich an und bat um eine Verbindung mit Herrn Nagel. Er wurde mit der Sekretärin des Mitinhabers verbunden.

»Herr Schalow? Kennt Herr Nagel Sie?«

»Nein. Aber es handelt sich um eine wichtige Privatangelegenheit.«

»Ich werde Herrn Nagel fragen. Wir haben gleich Feierabend, und Herr Nagel hat eine Verabredung für das Wochenende. Warten Sie bitte.«

Schalow sah auf die Münzspeicheranzeige. Er warf noch ein paar Markstücke nach. Endlich meldete sich eine männliche Stimme.

»Ja, bitte? Hier Nagel.«

»Mein Name ist Schalow. Ich bin ein Kollege von Herrn Wissmeyer.«

»Oh, guten Tag Herr Schalow. Wie geht es Herrn Wissmeyer?«

»Er ist gestern Abend in der Nähe von Mechernich verunglückt. Vielleicht haben Sie davon gehört ...«

»O mein Gott! Das kann doch nicht wahr sein! Ist ihm etwas passiert?«

»Er ist tot, Herr Nagel.«

»Nein! Nein! Er war doch noch so jung ... o mein Gott! Wie ist es geschehen!«

»Das wissen wir nicht so genau. Er wurde heute Morgen mit seinem Wagen aus der Kiesgrube zwischen Irnich und Floisdorf geborgen.«

»Aus der Kiesgrube? Wie eigenartig ...«

Schalow schluckte. »Wir sind alle ratlos, Herr Nagel. Wir dachten, er sei vorher vielleicht bei Ihnen gewesen.«

»Ja, er war bei mir. Es wurde ein recht kurzer Besuch, weil ich ihm nicht helfen konnte. Herr Wissmeyer hatte ein etwas seltsames Anliegen, das er an mich herantrug. Nichts Geschäftliches. Und Sie sagten, er ist in der Kiesgrube verunglückt. Wie eigenartig! Herr Wissmeyer wollte nämlich wissen, ob ich über Beziehungen zur hiesigen Feuerwehr oder zum Technischen Hilfswerk verfüge und ob ich es irgendwie bewerkstelligen könne, dass die Feuerwehr oder das Technische Hilfswerk Tauchübungen in einigen Kiesgruben anstellt.«

»Was sagen Sie da?«, fragte Schalow atemlos. In seinem Schädel flogen die Gedanken durcheinander.

»Ja, das fragte er. Nun habe weder ich noch die Firma sonderliche Beziehungen zur Feuerwehr, und soviel ich weiß, verfügt weder die hiesige Feuerwehr noch der Ortsverband des THW über ausgebildete Taucher oder auch nur über die entsprechende Ausrüstung. Ich konnte ihm nicht weiterhelfen.«

»Haben Sie ihn gefragt, weshalb er diese Tauchübungen anstellen lassen wollte?«

»Natürlich habe ich ihn das gefragt, Herr Schalow. Er hat ausweichend geantwortet. Er wisse es nicht so genau, deshalb sei er auf die Idee mit den Übungen gekommen. Er wollte daraufhin versuchen, einen Kölner Tauchsportclub zu interessieren. Eigenartig, sehr eigenartig, nicht wahr? Wie nimmt es denn Herr Wilke auf?«

»Wir können es alle noch nicht fassen«, murmelte Schalow.

Der Satz entsprach der Wahrheit. Verwirrt legte er auf.

Es war erst Viertel vor vier, aber weil er gerade noch zwei Zehnpfennigstücke hatte, wählte er die Nummer, die Fred Parnitzki ihm gegeben hatte. Vielleicht wusste Fred doch schon etwas.

Jemand meldete sich mit einem gegrunzten »Hallo!«

»Gib mir Fred«, sagte Schalow ähnlich undeutlich.

Freds Stimme dröhnte ungedämpft aus dem Hörer. »Ja? Wer ist da?«

»Enno.«

»Enno, Mann! Das lief wie 'ne Idiotenparty!« Fred lachte glucksend.

»Heißt das ...«

»Sei ruhig«, warnte Fred. »Kennste die belgischen Kasernen an der Dürener Straße draußen?«

»Klar.«

»Gleich rechts liegen zwei Fußballplätze. Auf denen wird jetzt nicht gespielt. Komm dahin. Auf dem einen Platz steht 'n blauer VW-Transporter an der Hecke. So 'n Kastenwagen. Ich fahre jetzt auch gleich los. Wenn du 'nen gelben Escort neben dem Transporter siehst, klopf an die Seitentür. Sonst warteste auf mich. Die Jungs lassen dich nicht rein, weil sie dich nicht kennen.«

»Ja, gut«, sagte Schalow ungeduldig. Er hatte feuchte Hände bekommen. Vielleicht konnte Kucharz ihm sagen, weshalb Gerd sich für Kiesgruben bei Mechernich interessiert hatte.

»Noch was, Enno. Ich brauche dreihundert Mäuse für die Jungs. Für den Transporter und so, billiger machen die's nicht.«

»Geht in Ordnung, Fred. Bis gleich.«

Schalow warf den Strafzettel weg, dann fuhr er los.

*

Schalow stellte seinen vergammelten Käfer neben den blauen Kastenwagen. Der gelbe Escort stand auf der anderen Seite, also war Fred Parnitzki schon da. Schalow sah sich kurz um. Keine Spur von Hartmann oder einem anderen Beschatter.

Er stieg aus und klopfte an die seitliche Schiebetür des Transporters. Sie wurde geöffnet, und Fred streckte sein Gesicht heraus. Er grinste, schob die Tür weiter zur Seite und reichte Schalow die Hand. Mit einem kräftigen Ruck zog er ihn in den Wagen hinein. Wie Fred musste er den Kopf einziehen.

Schalows Augen mussten sich erst an das Halbdunkel des fensterlosen Laderaumes gewöhnen. Nur durch das offene Schiebefenster zwischen der Fahrerkabine und dem hinteren Teil fiel etwas Licht herein.

Schalow bemerkte zwei Kerle, die beide Lederjacken trugen. Einer hatte eine zerschlagene Nase und dichtes schwarzes Haar. Der andere war ein etwas dicklicher nervöser Typ, der immerzu mit einem Schnappmesser herumspielte.

Kucharz hockte am Boden, die Knie angezogen, eine Schulter gegen die Trennwand gelehnt. Die Jungs, wie Fred sie nannte, hatten ihm die Ellbogen mit einem Gürtel zusammengebunden. Kucharz' Oberlippe war jetzt auch noch geschwollen. In den fahlen Augen stand nackte Furcht.

Fred streckte eine Pranke aus, wobei er Schalow vielsagend ansah. Schalow zog das vorbereitete Geldbündel aus der Tasche und gab es Fred. Fred reichte es, ohne nachzuzählen, dem Schwarzhaarigen.

»Ihr vertretet euch am besten 'ne Weile die Beine«, meinte er.

Die Ganoven hoben die Schultern, dann kletterten sie aus dem Wagen und schlossen die Tür von außen. Fred strahlte.

»Sie haben ihn direkt von 'ner Nutte weggeholt«, berichtete er heiter. »Ist nicht zum Schuss gekommen, der Ärmste ...«

»Schalow, was soll das?«, schrie Kucharz. Er warf den Oberkörper nach vorn. Fred machte eine drohende Geste.

»Sie haben mir gestern nicht alles gesagt, Kucharz«, begann Schalow. »Ich will jetzt alles wissen.«

»Alles? Was alles? Ich habe Ihnen alles erzählt! Wie ich Ihren sauberen Freund verfolgt habe, wie er mich zusammengeschlagen hat ...«

»Wann war er bei der Firma Klöppler & Nagel?«

»Ich habe nicht auf die Uhr gesehen!«

Fred machte einen halben Schritt auf Kucharz zu und klatschte eine Faust in die offene Fläche der anderen Hand.

»Mann, das muss so um halb vier rum gewesen sein. Viertel vor vier. Ja, Viertel vor vier bis vier.«

»Wo war er vorher?«

»Vorher?«, kreischte Kucharz. »Da ist er durch die Gegend gefahren.«

Schalow keuchte. Da gab es eine Lücke. Er hatte sie am vergangenen Abend bereits geahnt, als Kucharz so schnell über die Frage hinweggegangen war, wo Gerd hingefahren sei. Schalow sah Fred an.

»Soll ich?«, fragte Fred Parnitzki.

Schalow nickte. Er hasste sich in diesem Moment, weil er sich mit Männern wie Parnitzki und Kucharz auf eine Stufe stellte.

Fred packte Kucharz am Kragen, zerrte ihn in die Höhe. Kucharz' Kopf knallte unter das Wagendach. Der Ganove kreischte schrill auf.

»Ich breche dir sämtliche Knochen im Leib! Bei Gott, ich tu's!«

Schalow wandte sich ab. Kucharz wimmerte, als Fred ihm probeweise ein paar Ohrfeigen verpasste.

»Hör auf, hör auf!«

»Na, was denn? Willst du antworten, wenn mein Freund dich was fragt?«

»Er war in einem Kaff hinter Kommern, irgend so 'n Fleck in der Landschaft ...«

»Wie heißt das Kaff?«

»Das weiß ich nicht! Ehrlich nicht! Das müsst ihr mir glauben! Um Gottes willen, Schalow, denken Sie doch an Ihre Bewährung!«

»Weiter!«, knirschte Schalow.

»Er ist 'nen Waldweg reingefahren. Da konnte ich nicht hinterher, aber ich hab' an der Tankstelle unten an der nächstgelegenen Kreuzung gefragt, ob da an dem Weg Leute wohnen oder was da ist ... Da steht nur ein Jagdhaus. Sonst nichts.«

»Wem gehört es?«, fragte Schalow.

Kucharz wand sich. »Ich ... weiß nicht, ob ...«

Parnitzki versetzte ihm einen Fußtritt. »Du darfst es ruhig sagen, du Miststück«, riet er ihm.

»Er bringt dich um! Er bringt dich um, Parnitzki!«, keuchte Kucharz.

Fred grinste. »Wer denn, du Kakerlak?«

»Der, dem das Jagdhaus gehört! Es gehört Heikaus!«

*

Schalow zündete sich mit zitternden Fingern eine Zigarette an.

Daran hatte er überhaupt nicht mehr gedacht. Heikaus besaß ein Wochenendhaus in der Eifel. Monika hatte davon erzählt.

Heikaus!

Schalow fühlte sich schwindelig. Vor seinem inneren Auge raste die Zeit zurück. Monika und er. Die Heimlichkeiten. Wer war Heikaus? Sie hatte von ihm erzählt, nicht viel, eigentlich nur Nichtssagendes. Er war älter als sie gewesen. Und er lebte von Mieteinnahmen.

Wie durch Watte hörte er Fred Parnitzkis Stimme.

»Heikaus? Hans Josef Heikaus?«

»Ja, der! Und jetzt hast du Manschetten, was?«

Schalow sah den ehemaligen Mitgefangenen an. In der Tat sah Fred etwas grün um die Nase aus.

»Kennst du diesen Heikaus etwa?«, fragte er atemlos.

»Wer kennt den nicht? Mann, Enno . . wenn ich das gewusst hätte ...«

Kucharz lachte schrill. »Macht mich los! Macht mich endlich los!«

Fred starrte den Ganoven an. »Arbeitest du etwa für Heikaus?«

»Ich tue ihm hin und wieder einen Gefallen«, antwortete Kucharz selbstgefällig. »Wenn ich ihm sage, was du mit mir gemacht hast, versaut er deine hässliche Visage ...« Fred versetzte Kucharz einen Fußtritt. Dieses Mal hatte der Tritt keine Wucht. Fred war betroffen.

Schalow vermochte nicht klar zu denken. Irgendetwas wollte an die Oberfläche. Es war so absurd, so unglaublich, und doch ...

Der Überfall in Leverkusen.

Sein Wagen, der BMW.

Monika hatte den Schlüssel ein paar Mal gehabt. Nicht an dem Tag, als der Überfall geschah. Nein. Ein oder zwei Tage vorher hatte sie ihm den Schlüssel zurückgegeben.

Er, Schalow, hatte für die Tatzeit kein Alibi. Er war im Kino gewesen. Er war damals oft tagsüber ins Kino gegangen. Monika wusste das. Sie wusste auch, dass er den Wagen dann am Fröbelplatz stehenließ.

Monika ... Heikaus ...

»Fred!«, rief Schalow. »Sag mir um Gottes willen, wer dieser Heikaus ist!«

»Ein Gangster. Einer aus der obersten Kiste. Er besaß mal mehrere Massagesalons, du weißt schon, mit Sauna und so, außerdem ein paar Bars. Vor 'n paar Jahren ging's mal ziemlich bergab mit ihm, da haben die Bullen ihm schwer auf die Finger gesehen. Das Ordnungsamt hat die Massagesalons geschlossen, schneller, als er sie wieder aufmachen konnte.«

Und dann hatte er die Deutsche Kreditbank in Leverkusen überfallen.

Oh verflucht!

Und Gerd war ihm irgendwie auf die Schliche gekommen. Aber wie?

Mit dem Einwohnermeldeamt? Mit der AOK? Das ergab keinen Sinn.

Aber Heikaus hatte Gerd ermordet. Oder ermorden lassen. Gestern Abend. In der Umgebung von Mechernich.

Gerd hatte an Heikaus' Villa in der Eifel herumgeschnüffelt.

Aber war Heikaus denn in der Eifel gewesen? Gerd hatte ihn doch in seiner Kölner Wohnung aufgesucht!

»Jetzt macht mich los, Leute, und ich will alles vergessen«, meldete sich Kucharz wieder.

Fred Parnitzki war geneigt, dem Verlangen des Ganoven nachzukommen.

»Halt!«, sagte Schalow, und seine Stimme klirrte wie Eis. Er baute sich vor Kucharz auf. »Sie arbeiten nicht regelmäßig für Heikaus?«

»Nein, nein. Das sagte ich schon.«

»Aber gestern haben Sie ihn angerufen. Von der Tankstelle aus, um Gerd Wissmeyer nicht aus den Augen zu verlieren.«

Kucharz' Vogelgesicht zuckte.

»Sie haben Heikaus gesteckt, dass Wissmeyer sich für das Haus interessierte.«

»Na und?«, Kucharz lachte. Es klang unsicher. Schalows steinharte Miene verhieß nichts Gutes.

»Wie viel hat er Ihnen für die Information bezahlt?«

»Nichts, gar nichts. Ein kleiner Gefallen ...«

»Aber dafür, dass Sie an Wissmeyers Wagen herumgemurkst haben, hat er Ihnen was gegeben.«

»Hören Sie, Schalow, Heikaus ist nicht irgendwer! Legen Sie sich mit dem nicht an!«

»Er hat Ihnen gesagt, Sie sollten Wissmeyers Peugeot lahmlegen. Stimmt's?«

»Ja, ja. Er wollte mir dafür 'nen Hunderter geben. Wissmeyer sollte nur ein bisschen aufgehalten werden, weil er sich davon überzeugen wollte, dass im Haus nichts fehlte. Aber das Geld habe ich noch nicht.«

Schalow stierte den Strolch an. Ihm wurde schlecht. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»Wissen Sie, weshalb Sie Wissmeyer aufhalten sollten?«, fragte er tonlos. »Wofür Sie hundert Mark bekommen?«

Schalows Gesicht war zu einer hässlichen Grimasse erstarrt.

»Damit der Mörder Zeit hatte, von Köln herauszukommen! Denn Wissmeyer ist tot!«

*

»Tot? Mörder?« Kucharz' Stimme kippte. »Sie sind bescheuert, Schalow. Total bescheuert! He, Partnitzki! Dein Kumpel flippt aus!«

Schalow sprang aus dem Wagen. Draußen lehnte er sich an die Flanke des Wagens und zündete eine neue Zigarette an. Gierig atmete er den Rauch ein. Die Kerle, denen der Transporter gehörte, kickten Steine ins Tor. Fred baute sich neben ihm auf. Besorgt musterte er Schalow.

»Was machen wir jetzt mit ihm? Wenn er zu Heikaus rennt ...«

»Kannst du deine Freunde überreden, dass sie Kucharz noch 'ne Weile auf Eis legen?«

»Mann, da verlangst du aber was!«

»Bis ich dich anrufe. Glaubst du, dass sie ihn bei der Polizei abliefern?«

»Die? Nie im Leben!«

»Wie ist es mit dir?«, fragte Schalow verzweifelt. »Fred, ich muss den Rücken freihaben! Bist du im Moment sauber?«

»Du meinst, ob die Polente mir was kann? Nee, blütenweiße Weste. Ganz bestimmt.«

»Dann pass du auf ihn auf. Er darf Heikaus nicht anrufen. Unter keinen Umständen. Wenn ich es dir sage, kannst du ihn im Präsidium abliefern. Oder ruf besser Kommissar Retzmann vom 1. K. an. Der weiß Bescheid.«

Hoffentlich, dachte Schalow, war der Oberkommissar dann so weit, dass er einen Mord wenigstens für möglich hielt.

»Weil du's bist, Enno. Ich hab dich immer gemocht, ehrlich. Du bist 'n ganz Cleverer. Deshalb kann ich nicht verstehen, wieso sie dich geschnappt haben.«

Schalow verdrehte die Augen.

10

Es war kurz vor fünf. Weder beim Einwohnermeldeamt noch bei der AOK würde er um diese Zeit an einem Freitagnachmittag noch etwas erreichen können.

Schalow besorgte sich neues Kleingeld. Von der nächsten Telefonzelle aus rief er die Nummer an, die Hartmann ihm gegeben hatte.

Hartmann.

Schalow ballte die Fäuste. Nie hätte er geglaubt, dass er den kleinen Dicken jemals anrufen könnte.

Er musste einige Fragen über sich ergehen lassen, und selbst dann dauerte es noch eine ganze Weile, bis er Hartmanns Stimme hörte. Wahrscheinlich verschwendete der Mann vom Verfassungsschutz wieder Benzin auf Kosten des Steuerzahlers.

»Schalow? Wo stecken Sie?«

»Das werde ich Ihnen nicht sagen.«

»Schalow, seien Sie vernünftig! Ich bin vielleicht etwas zu weit gegangen. Machen Sie keine Dummheiten!«

»Sie meinen, ich soll mich von konspirativen Treffs fernhalten und nicht in den Untergrund gehen, in den Sie mich zu drängen versuchen?«

»Lassen Sie die Witze!«, schnappte Hartmann.

»Einverstanden, wenn Sie mir einen Augenblick zuhören. Wenn Sie mitspielen, werden Sie die Wahrheit hören. Alles.«

»Auf einmal?«, fragte der Dicke skeptisch. »Na also, ich höre.«

»Mein Freund Gerd Wissmeyer war gestern auf dem Einwohnermeldeamt und bei der AOK. Er hat dort versucht, das vermute ich wenigstens, Informationen über eine Frau namens Monika Heikaus zu bekommen. Stellen Sie fest, was er erfahren hat.«

»Warum fragen Sie ihn nicht selbst?«

»Ihr Nachrichtendienst taugt nichts, Hartmann. Gerd Wissmeyer wurde gestern Abend ermordet.«

»Sie spinnen«, sagte der Dicke prompt. »Das hätte ich erfahren.«

»Das mit dem Mord ist noch nicht offiziell. Aber es stimmt, verlassen Sie sich drauf.«

»Was ist geschehen?«, fragte Hartmann sachlich.

Schalow erzählte ihm, unter welchen Umständen man Gerd gefunden hatte.

»Das tut mir leid, Schalow.«

»Brechen Sie sich keinen ab. Ich rufe Sie wieder an.« Er legte auf und stieg in seinen Käfer.

*

Er fuhr zur Von-Werth-Straße. Vor die Höhle des Löwen. Der schleppende Verkehr auf dem Ring brachte ihn fast um den Verstand. Seine Nerven waren überreizt. Zu plötzlich war die Erkenntnis über ihn hereingebrochen, dass er nicht das Opfer eines blinden Zufalls geworden war.

Man hatte ihn eiskalt in die Pfanne gehauen, indem man seinen Wagen für einen Überfall benutzte und es darauf ankommen ließ, dass man ihn schnappte.

Monika!

Dieses teuflische Luder!

Ließ sie sich deshalb verleugnen?

Den Käfer knallte er im Halteverbot halb auf den Gehweg. Er wischte die feuchten Händen ab und blieb noch einen Augenblick im Wagen sitzen, um sich zu beruhigen. Es hatte keinen Zweck, diesem Gangster Heikaus wie ein gereizter Stier gegenüberzutreten. Ganz cool und locker, dachte er. Das hatte er gelernt.

Aber seit er draußen war, fiel es ihm zunehmend schwerer, sein Temperament zu zügeln. Und der aufgestauten Aggressionen Herr zu werden.

Er überquerte die Straße und stellte sich in den Eingang. Er macht es, wie Gerd es auch gemacht hatte. Er klingelte ganz oben, und als der Türöffner schnarrte, schlüpfte er ins Haus.

Er lief in den vierten Stock hinauf. Er war gut in Form. Sein Atem ging kaum schneller. Zum ersten Mal stand Schalow hier oben. Selbst wenn Heikaus verreist gewesen war, hatte er Monika nie in ihrer Wohnung besucht.

Über ihm rief jemand »Hallo! Hallo, wer ist denn da?«

Schalow presste sich an die Wand, bis oben eine Tür ins Schloss fiel. Dann drückte er seinen Daumen auf die Klingel, über der H.J. Heikaus stand.

Er hörte, wie unten der Türöffner summte. Atemlos wartete er. Ganz kurz fragte er sich, was er hier wollte. Wie er es fertigbringen wollte, Heikaus zu überrumpeln, ihn zu einem Geständnis zu bewegen. Und was würde sein, wenn Heikaus einen Schläger in der Wohnung hatte? Besaßen Kerle von seinem Kaliber nicht eine Leibwache?

Schalows Herz schlug ihm jetzt im Hals. Es hämmerte hart, und der Blutdruck ließ rote Schleier vor seinen Augen wehen.

Er zuckte zusammen, als er den Riegel klirren hörte, dann wurde die Tür einen winzigen Spaltbreit geöffnet.

Schalow warf sich gegen das Holz. Wie ein Stier, aber ohne Zorn.

Der Widerstand war überraschend gering, und er schoss durch die Tür. Seine Füße versanken in weichem Flor. Er klammerte sich irgendwo fest. Es war ein Garderobenschrank. Dann drehte er sich um.

Das Mädchen trug ein aufreizend kurzes Kleidchen mit einem tiefgezogenen Ausschnitt. Ihre Beine und die Füße waren nackt. Sie hatte ein hübsches, schmales Gesicht mit einem etwas leeren Ausdruck darin. Das schwarze Haar klebte wie gelackt an den Schläfen. Sie lächelte jetzt etwas ängstlich und spöttisch zugleich.

Schalow sah sich wild um. Der Flur war lang und hoch, und überall waren Türen. Türen, Türen. Wie in einem Gefängnis waren sie alle geschlossen. Hinter jeder Tür konnte ein unbekannter, entschlossener Gegner lauern.

»Ist das Ihre Masche, großer Mann?«, sagte das Mädchen.

Er starrte sie an. »Meine persönliche Note, ja. Wo ist Heikaus?«

»Hans Josef ist verreist. Ich bin ganz allein. Die Hüterin des Feuers, gewissermaßen.« Sie hielt die Wohnungstür noch in der Hand, überlegte einen Augenblick, ehe sie sie schloss. »Sind Sie ein Freund von ihm?«, erkundigte sie sich dann.

»Nein«, antwortete er. Immer noch wanderten seine Augen an den Türen entlang. Das Mädchen drehte sich um und ging durch den Flur. Schalow folgte ihr einfach.

Sie öffnete eine Tür auf der rechten Seite des Ganges. Helles Tageslicht flutete in den Flur. Schalow betrat einen riesigen Wohnraum mit hoher, stuckverzierter Decke und einem breiten Fenster, das nachträglich eingebaut worden sein musste. Er konnte über die winkligen Dächer bis zu den Türmen des Doms sehen, deren Spitzen hell in der Abendsonne schimmerten.

Er watete durch die hohen Teppiche wie durch Treibsand. Das Mädchen ringelte sich in einem breiten, mit schneeweißem Samt bezogenen Sessel und deutete auf eine andere Sitzgelegenheit. Mit dem Fernbedienungsschalter ließ sie das Fernsehbild zusammenfallen. Sie hatte dem Kinderfunk zugesehen.

»Ich bin Tanja«, sagte sie. »Er hat den Namen für mich ausgesucht. Hübsch, nicht wahr? Hübscher jedenfalls als Gudrun.«

Darüber kann man geteilter Meinung sein, dachte Schalow, aber er sprach den Gedanken nicht aus. Er rückte den Sessel herum, sodass er die Tür im Auge behalten konnte. Tanja, oder Gudrun, hatte sie wieder geschlossen. Er fühlte sich unbehaglich. So musste sich jemand fühlen, dachte er, der auf einem Pulverfass sitzt. Wenn die Lunte brennt.

»Er ist also verreist. Wissen Sie, wohin er gereist ist?«

»Nein, natürlich nicht. Nach München vielleicht. Oder Hannover?«

Entweder hatte sie tatsächlich keine Ahnung, oder sie versuchte, sich über ihn lustig zu machen. Fast war Schalow geneigt, Letzteres anzunehmen. Hier hatte er nichts verloren. Er musste sich so schnell wie möglich wieder absetzen. Tanja war die Gespielin eines Gangsters. Wahrscheinlich hatte er sie aus einem seiner Massagesalons oder einer seiner Bars vorübergehend ins Schlafzimmer geholt.

»Sie können mir ruhig sagen, was Sie wollen, großer Mann.« Sie lächelte kokett. Lange seidige Wimpern klappten in die Höhe und ließen glänzende braune Augen sehen. Als er aufstand, machte sie einen Schmollmund. »Oh bitte, gehen Sie noch nicht! Warten Sie, ich hole uns etwas zu trinken!«

»Nein, danke.«

»Aber eine Zigarette. Bitte, rauchen Sie eine Zigarette mit mir.« Sie lehnte sich aus dem Sessel, wobei eine Brust aus dem Kleid rutschte. Der Rock fuhr in die Höhe, und er konnte das weiße Höschen sehen, das sich atemberaubend über dem runden Po spannte.

Sie hielt ihm das silberne Zigarettenkästchen hin. Schalows Mund war trocken, und seine Finger zitterten. Sie gab ihm Feuer, rauchte auch ihre Zigarette an und blies ihm den Rauch ins Gesicht. Dann lehnte sie sich zurück. Ihre Wangen hatten sich gerötet.

Welches Spiel spielte sie mit ihm?

»Wann kommt er zurück?«, fragte er heiser.

»Oh, heute bestimmt nicht.«

»Wann ist er gefahren?«

»Das war gestern. Gestern Nachmittag.«

»Sehr plötzlich, nehme ich an.«

»Ja! Woher wissen Sie das?« Sie lächelte.

»Nachdem er einen Anruf bekommen hat.«

»Nein, erst viel später. Nach dem Anruf hat er Ilja weggeschickt.«

»Wer ist Ilja?«

»Ich sehe, Sie kennen Hans Josef wirklich nicht! Ilja Petrovic ist Hans Josefs ...« Sie verstummte und lutschte an ihrer Unterlippe, dann sagte sie: »Ach, ich weiß nicht genau. Chauffeur oder so was.«

»Oder sein Leibwächter«, bemerkte Schalow. Und Killer. Ilja hat Gerds Wagen ins Wasser der Kiesgrube rollen lassen. Es war unwahrscheinlich, dass Heikaus so etwas selbst machte. Vermutlich hat Ilja Gerd vorher mit einem Handkantenschlag betäubt. Gerd war ertrunken. Niemand würde Heikaus oder Ilja je einen Mord nachweisen können. Weil es keinen Ermordeten gab.

»Ilja ist wohl noch nicht lange bei Hans Josef?«, erkundigte er sich möglichst beiläufig.

»Ilja?« Tanja lachte hell. »Die kennen sich schon ewig! Zwanzig Jahre, mindestens! Wenn die sich unterhalten, ist das wie bei einem Veteranentreffen, obwohl Ilja viel jünger ist als Hans Josef. Vierzig, oder zweiundvierzig, glaube ich. Ilja wohnt sogar hier in der Wohnung.«

Schalows Kopfhaut zog sich zusammen, und sein Blick wanderte unwillkürlich zur Zimmertür. Hatte er nicht ein Geräusch gehört? War Ilja damals immer hinter ihm gewesen, wenn er sich mit Monika traf? Ein stummer Schatten, der seinem Herrn berichtete, was Monika trieb?

»Wo ist Ilja jetzt?«, fragte er. Er konnte nicht vermeiden, das seine Stimme belegt klang.

»Ich nehme an, er hat sich mit Hans Josef getroffen.«

»In München oder Hannover.« Schalow drückte die Zigarette aus. »Sind Sie schon lange mit Hans Josef ... befreundet?«

»Oh ja. Ziemlich lange«, antwortete sie unbestimmt.

»Dann kennen Sie sicher Monika?«

»Monika?« Die braunen Augen zeigten keine Reaktion. »Ich kenne keine Monika.«

»Sie ist seine Frau. Aber sie leben in Scheidung, soviel ich weiß.«

Tanja lachte hell auf. »Hans Josef und verheiratet? Großer Mann, ich weiß nicht, wie viele Frauen Hans Josef schon gehabt hat, aber eins weiß ich ganz sicher, verheiratet war er mit keiner.«

11

Schalow fuhr wie im Traum.

Monika hatte ihn belogen und betrogen.

Sie hatte ihm vorgemacht, dass sie Heikaus' Frau sei.

Warum?

War alles Lüge? Die Leidenschaft der kurzen Stunden am Mittag? Die zärtlichen Nächte, wenn Heikaus verreist war?

Hatte sie sich nur deshalb an ihn rangemacht, weil er zufällig einen schnellen BMW besaß, den ihr Mann - ihr Liebhaber! - für einen Überfall brauchte?

Er schüttelte den Kopf, schlug die Faust aufs Lenkrad.

War so etwas möglich?

Hatte er drei einsame Jahre von einem Betrug gezehrt?

Es war so.

Und jetzt reagierte Heikaus mit neuer Gewalt.

Zuerst hatte Beate bei ihm angerufen und nach Monika gefragt.

Dann war Gerd bei ihm aufgekreuzt. Als angeblicher Versicherungsvertreter, der etwas wegen eines Vertrages mit Frau Heikaus besprechen wollte. Heikaus musste sich einen Moment so gefühlt haben, als hätte ihm jemand den Teppich unter den Füßen weggezogen. Weil es keine Frau Heikaus gab, es nie eine gegeben hatte, musste Heikaus seinen Besucher sofort durchschaut haben.

Möglicherweise hatte er Gerd zunächst für Schalow gehalten. Denn Monika hatte sich bestimmt nicht vielen Leuten gegenüber als Frau Heikaus ausgegeben.

Erst später, nach Kucharz' Anruf, hatte Heikaus dann seinen Irrtum erkannt. Aber da hatte er trotzdem entschieden, Gerd umzubringen. Oder ihn umbringen zu lassen. Denn der Banküberfall von Leverkusen, bei dem ein Mensch getötet worden war, war immer noch nicht aufgeklärt. Hans Josef Heikaus stand also unter Hochspannung. Er würde jeden beseitigen, der ihm gefährlich werden konnte.

Dazu gehörte Monika.

Und er, Ernst Schalow.

Und vielleicht auch Beate.

Gerd war misstrauisch geworden und hatte sterben müssen. Gerd hatte irgendetwas herausgefunden. Gestern Mittag hatte er Beate angerufen und ihr gesagt, dass er eine Überraschung für ihn, Ernst, hätte. Die hatte er vielleicht im Einwohnermeldeamt oder bei der AOK entdeckt. Das waren Stellen, die am ehesten Daten über einen Menschen speicherten.

Hatte er herausgefunden, wo Monika sich jetzt aufhielt? Wie sie wirklich hieß?

Als er eine Telefonzelle sah, hielt er an und rief das Polizeipräsidium an. Oberkommissar Theo Retzmann war in seinem Büro.

*

»Nein, Herr Schalow, es gibt noch nichts Neues. Nichts Wesentliches«, schränkte er ein. »Sie müssen Geduld haben.«

»Ja, ja ... ich wollte ja auch nur ...«

»Ich habe Leute zu der Kiesgrube geschickt.«

»Auch Taucher?«

»Auch einen Taucher. Wenn die Tasche Ihres Freundes im Wasser liegt, werden wir sie finden. Ganz bestimmt.«

»Wie kommt es, dass Sie jetzt doch alle Hebel in Bewegung setzen?«, erkundigte sich Schalow.

»Das tun wir immer«, bemerkte der Beamte kühl. »Aber immerhin, ich kann es Ihnen ruhig sagen, am Wagen Ihres Freundes wurden Spuren entdeckt. Ein paar Kratzer, die sich nicht so ohne Weiteres mit dem Sturz in die Grube erklären lassen.«

Schalows Herz hämmerte hart, und er umklammerte den Hörer.

»Sehen Sie!«, stieß er hervor.

»Machen Sie sich keine verfrühten Hoffnungen, Herr Schalow«, warnte der Kommissar. »Ich bin dabei, herauszufinden, ob der Kratzer - ich will Ihnen bewusst nicht sagen, wo - gestern vor dem Unfall bereits vorhanden war oder nicht. Wann haben Sie den Wagen des Herrn Wissmeyer zuletzt gesehen?«

»Ich habe ihn überhaupt nicht gesehen, außer heute Morgen.«

»Wer könnte uns denn weiterhelfen?«

»Seine Verlobte, Fräulein Duven. Ach ja, der Mechaniker, der den Wagen gestern Nachmittag repariert hat. An der Veybacher Mühle, ganz in der Nähe der ... des Tatorts.«

Retzmann korrigierte Schalows Bezeichnung »Tatort« nicht.

»Ja?«, sagte er. »Kennen Sie den Namen des Mannes?«

»Er heißt Vollrath und wohnt in Mechernich. Er steht im Telefonbuch. Er hat den Wagen zuletzt gesehen.« Außer dem Mörder. »Was würde der Kratzer denn beweisen?«

»Allein überhaupt nichts. Wenn wir Farbpartikel eines fremden Fahrzeugs in der Kratzspur entdecken, und wenn wir dieses fremde Fahrzeug finden, können wir vielleicht beweisen, dass der Peugeot von der Straße gedrängt wurde. Ich sagte, vielleicht. Wir müssen die Untersuchungsergebnisse abwarten. Wissen Sie, welchen Wagen dieser Kucharz fährt?«

»Einen Simca. Aber Kucharz hat Gerd nicht ermordet.«

»Vorhin haben Sie es aber noch anders dargestellt«, sagte der Beamte.

»Jetzt weiß ich mehr. Es war ein Mann namens Ilja Petrovic. Oder Hans Josef Heikaus. Kennen Sie Heikaus?«

Retzmann wurde plötzlich ganz kühl. »Wie kommen Sie auf Heikaus?«, erkundigte er sich vorsichtig.

»Er hat auch die Deutsche Kreditbank in Leverkusen überfallen!«, platzte Schalow heraus. »Deshalb rufe ich nämlich an ...«

»Herr Schalow ...«

»Ich weiß, es kommt alles ziemlich plötzlich, und es klingt verdammt unwahrscheinlich ...«

»Das kann man wohl sagen, Herr Schalow.« Retzmann schwieg einen Moment, um dann behutsam fortzufahren: »Sie haben einiges mitgemacht, Herr Schalow. Drei Jahre JVA sind kein Pappenstiel für einen Mann wie Sie. Da verrennt man sich schon mal in eine Idee ...«

»Hören Sie doch ...«

»Lassen Sie mich ausreden! Ich will Ihnen sagen, wie ich es sehe. Da kommt jemand zu mir und tischt mir eine Mordgeschichte auf. Er nennt den Namen des Opfers und liefert den Namen des Mörders gleich dazu, obwohl er ihm selbst ein Alibi liefert. Wenige Stunden später ruft derselbe Mann an und nennt einen neuen Mörder. Von meiner Seite hört sich das nach einer fixen Idee an. Um es mal beschönigend darzustellen.«

»Ich weiß, aber ...«

»Wie kommen Sie auf Heikaus?«

»Kucharz hat es mir gesagt. Und Kucharz hat Heikaus auch draufgestoßen, dass Wissmeyer etwas herausgefunden hat.«

»Was?«

»Die Sache mit dem Leverkusener Bankraub. Gerd Wissmeyer ist dahintergekommen. Oder er wäre mit seinem nächsten Schritt draufgestoßen.«

Retzmann seufzte. »Herr Schalow, hat Kucharz Ihnen das freiwillig erzählt?«

»Nun, ja«, druckste Schalow, »ich weiß nicht ...«

»Sie haben also nachgeholfen.«

»Aber was er sagte, stimmte!«

»Darauf kommt es nicht an, Herr Schalow. Hat jemand nachgeholfen?«

»Ein ... Bekannter war dabei, ja ...«

»Kucharz wird seine Aussage mir gegenüber also nicht wiederholen?«

»Vermutlich nicht«, gab Schalow niedergeschlagen zu. »Aber wenn Sie Heikaus festnehmen und Kucharz wegen Beihilfe ...«

»Schlagen Sie sich das aus dem Kopf!«, fuhr ihn Retzmann energisch an. »An eine Festnahme ist nicht zu denken. Nicht im gegenwärtigen Stadium der Ermittlungen. Warten wir ab, was der Erkennungsdienst in der Kiesgrube findet. Der Wagen wird vielleicht morgen schon nach Köln überführt, dann machen sich die Laborleute darüber her. Und der Obduktionsbericht liegt dann auch schon vor. Danach können wir weitersehen.«

Schalow schwieg. Sein Atem pfiff in die Sprechmuschel. Er dachte an Kucharz, der jetzt noch länger in Freds Obhut bleiben musste. Schalow hatte kein Mitleid mit dem Verbrecher, der Gerd an seinen Mörder verraten hatte.

»Wenn Heikaus seine Finger in der Sache hat, bekommen wir ihn«, fuhr Retzmann unvermutet milde fort. »Das verspreche ich Ihnen. Inzwischen läuft er uns nicht davon.«

»Nein, da macht er allenfalls Jagd auf mich«, sagte Schalow.

Retzmann lachte sorglos. »Sie sehen Gespenster, Herr Schalow. Aber rufen Sie mich ruhig an, wenn Ihnen danach zumute ist.«

Schalow legte auf.

*

Er fuhr auf die Autobahn. Die Polizei tat nichts, bevor ihre albernen Erkenntnisse nicht fein säuberlich zwischen zwei Aktendeckeln lagen und der Oberkommissar und der Kriminaldirektor und der Staatsanwalt das Für und Wider von Heikaus' Festnahme abgewogen hatten.

Bei ihm damals waren sie nicht so zimperlich gewesen.

Vielleicht hatte Heikaus auch ein paar von diesen Leuten in der Hand. Vielleicht waren sie alle Stammkunden in seinen Massagesalons.

Er schüttelte den Kopf und wies sich selbst zurecht. Er wurde ungerecht. In seinem Fall damals war sein Wagen ja tatsächlich bei dem Überfall benutzt worden. Das stand außer Zweifel. Sie mussten ihn für einen Gewaltverbrecher halten. Hinzu kam der unsinnige Verdacht, er könne der Anarcho-Szene angehören. Dieser Gedanke hatte damals alle blind gemacht.

Jetzt musste erst einmal bewiesen werden, dass Gerd ermordet worden war. Oberkommissar Retzmann war dran. Er musste Steinchen um Steinchen zusammensetzen. Mit Gewalt war der Lösung des Rätsels nicht beizukommen.

Und was Heikaus' Beteiligung an dem Überfall auf die Deutsche Kreditbank anging, so kam es heute tatsächlich nicht mehr auf ein paar Tage an.

Schalow fuhr über die Eifelautobahn. Er wollte nach Mechernich. Zur Kiesgrube. Und vielleicht konnte er sich einmal in der Nähe des Jagdhauses umsehen, das Heikaus gehörte.

Er hatte Tanja ausgequetscht, und sie hatte ihm arglos beschrieben, wo das Jagd und Wochenendhaus ihres Freundes Hans Josef Heikaus lag. Im Naturschutzgebiet westlich der Bundesstraße 477.

Der Verkehr floss dünn. In regelmäßigen Abständen blickte Schalow in den Rückspiegel.

Seit wann folgte ihm der grüne Kombi?

Es war ein Opel Rekord, älteres Modell. Kölner Kennzeichen. Soviel konnte er im Rückspiegel ausmachen. Hartmann?

Normalerweise wäre ihm der Verfolger überhaupt nicht aufgefallen; er hatte es Hartmann und seinem Fahrer Mario zu verdanken, dass seine Sinne geschärft waren. Obwohl ihm in den letzten Stunden verwirrende Gedanken im Kopf herumgingen.

Der Kombi lag gut einen halben Kilometer zurück. Wo hatte er sich an seine Spur geheftet! Observierte Hartmann ihn jetzt verdeckt? Und arbeitete der Mann vom Verfassungsschutz bereits mit Kommissar Retzmann zusammen? Hatten sie, während er vorhin mit dem Oberkommissar telefonierte, den Anschluss feststellen können, von dem aus er sprach?

Er hatte vielleicht acht Minuten mit Retzmann gesprochen. In acht Minuten hätten die Techniker die Telefonzelle an der Aachener Straße vielleicht orten können, aber die Zeit hätte niemals gereicht, einen Wagen zu schicken.

Ein eisiges Gefühl kroch Schalows Rückgrat hinauf. Er holte alles aus dem alten Käfer heraus, aber die Tachonadel kam nicht über die Hundertzehn hinaus. Kein Problem für den Kombi.

Er würde Hartmann anrufen. Irgendwann später. Wenn er sicher war, dass der Fahrer des Opel es auf ihn abgesehen hatte.

Er nahm dieselbe Strecke wie in der vergangenen Nacht mit Beate an seiner Seite. Da hatte sie die Sorge um den gemeinsamen Freund verbunden. Was war jetzt? Wieder überfiel ihn die Trauer, und das bohrende Schuldgefühl lastete schwer auf seinen Schultern.

Bei Euskirchen-Wißkirchen fuhr er von der Autobahn herunter. Es dunkelte bereits, und er schaltete die Scheinwerfer ein.

Der grüne Kombi blieb zurück. Vielleicht befand er sich gerade in der Ausfahrt. Schalow erreichte die Landstraße und gab Gas. Seine Augen hingen im Rückspiegel.

Da kam der Opel. Ein dunkler Umriss unter den Bäumen am Straßenrand.

In der Stadt wäre es kein Problem gewesen, den anderen abzuhängen. Aber hier? Hier kannte er sich nicht aus. Die Dörfer, durch die sie kamen, waren zu klein, um irgendwelche Tricks zuzulassen. Und außerdem: Wer auch immer hinter ihm fuhr, er musste wissen oder ahnen, wohin er wollte.

Er kam an der Veybacher Mühle vorbei. Der große Parkplatz stand voller Wagen. Es war Freitag. Da gingen viele Leute zum Essen aus.

Schalow folgte ein Stück der Straße nach Zülpich. Kurz vor Schwerfen blinkte er links. Der Opel war aus seinem Gesichtsfeld verschwunden, doch dann kamen drei Wagen kurz hintereinander. Bei allen brannten die Scheinwerfer, und Schalow konnte nicht erkennen, ob der Opel dabei war.

Er bog ab. Die Lichter der Ortschaft rechts glitten vorbei. Unten im Tal funkelten helle Punkte. Irnich. Zusammen mit Beate war er erst heute Morgen hierhergefahren.

Ob die Kriminalbeamten aus Köln noch an der Kiesgrube waren? Bestimmt. Sie konnten unmöglich schon mit ihrer Arbeit fertig sein. Retzmann hatte sie frühestens nach Schalows Besuch im Präsidium losgeschickt. Und zu diesem Zeitpunkt besaß er noch nicht die Genehmigung seiner Vorgesetzten.

Hinter Schalow tanzten Lichter. Rechteckscheinwerfer wie beim Rekord. Schalow zog den Volkswagen in eine Kurve. Das Chassis ächzte. Schalow grinste angespannt. Er könnte den Fahrer des Opel das Fürchten lehren, falls es hier eine wirklich kurvenreiche Strecke gab.

Er schoss in eine enge Kurve, ohne das Gas wegzunehmen. Er sägte am Lenkrad. Das Heck blieb auf der Straße. Lenkrad herumwirbeln lassen, fest zupacken.

Da war das verwaschene Schild, das auf die Einfahrt zur Kiesgrube hinwies. Schalow fuhr scharf rechts ran und bremste. Der Opel kam aus der Kurve geschossen und wischte am Käfer vorbei. Schalow konnte das Kennzeichen für einen Moment sehen. Er prägte es sich ein.

Wenn jemand aus der Kurve kam und nicht rechtzeitig gegensteuerte, konnte es unter besonders günstigen Umständen geschehen, dass der Wagen ausgerechnet in die Zufahrt der Kiesgrube trudelte.

Aber Gerd war das nicht passiert. Und wenn schon, sein Wagen war ziemlich neu. Er hätte bremsen können. Und wenn der Wagen trotzdem ins Wasser gerutscht wäre, hätte er sich befreien können. Gerd war ein junger, sportlicher Mann gewesen und kein zimperlicher Kerl, der einen Schock erlitt, wenn er mit kaltem Wasser in Berührung kam.

Es war Mord. Und dabei blieb es.

Jemand hatte Gerd von der Straße gedrängt. Hatte ihn betäubt, bevor er ihn in das wassergefüllte Baggerloch rollen ließ.

Aber wenn der Tod erst um halb zehn eingetreten war, Gerd aber schon um Viertel nach sechs an der Veybacher Mühle abgefahren war - wo hatte er die fehlenden drei Stunden verbracht?

Schalow sah Lichter in der Zufahrt zur Kiesgrube, und er steuerte seinen Käfer hinein.

Mehrere Standscheinwerfer beleuchteten das sandige Ufer des Baggerlochs. Einige Männer standen im Licht. Ihre Schatten lagen schwarz auf dem hellen Grund. Schwarz und reglos. Ihre Wagen parkten in einer Bucht auf halber Höhe der Zufahrt.

Jemand schwenkte einen Handscheinwerfer. Der Lichtfinger tastete über Schalows Käfer. Schalow kniff die Lider zusammen. Idiot, dachte er. Langsam ließ er den Wagen weiterrollen und stellte dann die Vorderräder quer, sodass der Käfer unmittelbar vor der steil aufragenden Böschung zum Stehen kam.

»He, Sie da!«, schrie der Mann mit der Handlampe. Er kam auf Schalow zu, der gerade ausstieg. Schalow erkannte eine Polizeimütze. »He, hier können Sie nicht stehenbleiben! Hier ist alles gesperrt! Zutritt verboten!«

»Ich bin Ernst Schalow«, sagte er zu dem Uniformierten. Der Mann musste von der hiesigen Polizei sein. Retzmann hatte bestimmt keine Schutzpolizei nach Mechernich geschickt. »Ich habe mit Oberkommissar Retzmann gesprochen«, ergänzte er nur und ging einfach an dem Uniformierten vorbei zum Wasser.

Die Beamten in Zivil musterten ihn uninteressiert. Am Rand des Sees stand ein Froschmann. Sein Neoprenanzug glänzte noch nass. Das Atemgerät mit den gelben Pressluftflaschen und ein wasserdichter Scheinwerfer lagen neben ihm auf dem Kies. Die Tauchmaske hatte er über den Kopf geschoben. Zwischen den Lippen klemmte eine halb aufgerauchte Zigarette. Der Polizist war Schalow wie ein Hund gefolgt. Die Batterielampe hatte er ausgeschaltet. Jetzt stand er stumm und reglos wie die anderen im Licht der Standscheinwerfer. Die Szene wirkte auf eine beklemmende Weise unbelebt.

Einer der Zivilisten rieb die Hände. Schalow sah ihn an.

»Ich habe mit Oberkommissar Retzmann gesprochen«, wiederholte er. »Ich bin Ernst Schalow.«

»Ja?«

Das klang weder abweisend noch interessiert.

Diese Beamten kannten nicht die Namen der Personen, die in einen Fall verwickelt waren, selbst wenn sie selbst in diesem Fall arbeiteten. Sie waren Kriminaltechniker und keine Ermittlungsbeamten.

»Der Tote aus dem Peugeot war mein Freund«, fuhr Schalow fort. »Ich wollte fragen, haben Sie den Aktenkoffer gefunden?«

Der Mann schüttelte den Kopf. Sein Blick wanderte unwillkürlich nach links und heftete sich kurz auf eine Stelle außerhalb des Lichtscheins.

Schalow erkannte einen länglichen Umriss unter einer dunklen Plane. Er schluckte. Mit steifen Schritten verließ er den Lichtkreis.

Schritte knirschten hinter ihm im Kies. Der Kölner Kripomann kam auf ihn zu.

»Bleiben Sie da lieber weg«, sagte er. Seine Stimme zitterte ein wenig. »Wir warten auf den Arzt und den Staatsanwalt und auf die Kollegen.«

Schalow sah ihn an. Unschlüssig. Der Froschmann spähte zu ihnen herüber. Seine Zigarette glühte.

Schalow richtete den Blick auf den Umriss unter der Plane. Seine Augen gewöhnten sich an die dunklere Umgebung. Das Licht der Scheinwerfer wurde vom Wasser und dem hellbraunen Sand reflektiert.

Das Blut rauschte in Schalows Ohren. Er wusste, dass er am Ende einer Spur stand. Er spürte ein Würgen in der Kehle, und seine Augen wurden feucht.

»Ich will sie sehen«, sagte er leise.

Der Beamte schnappte nach Luft. »Sie wissen, wer ...?«

Schalow nickte. Der Mann bückte sich und packte einen Zipfel der Plane. Er sah zu Schalow hinauf.

»Machen Sie sich auf etwas gefasst.«

Schalow nickte.

Der Beamte hob die Plane ein Stück an.

12

Schalows Magen ballte sich zu einem Klumpen zusammen. Seine Augen quollen aus den Höhlen. So etwas Furchtbares hatte er noch nie in seinem Leben gesehen.

Haare wie Tang auf einem zerstörten Gesicht. Leere Augenhöhlen. Durch die Reste der vermoderten Haut schimmerten bleiche Knochen. Die Zähne, hell und regelmäßig, grinsten lippenlos.

Der Beamte ließ die Plane wieder über das Gesicht fallen.

»Wir wissen nur, dass es eine Frau war. Und nicht einmal das ist ganz sicher ...«

Die Stimme dröhnte in Schalows Schädel. Er drehte sich um, machte ein paar torkelnde Schritte, dann fiel er auf die Knie und übergab sich.

*

Tränen rannen über seine Wangen.

Monika.

Sie hatte ihn doch nicht betrogen. Denn es war kein Zufall, dass ihre Leiche in dieser Kiesgrube lag.

In den Augen der Männer meinte Schalow so etwas wie Mitleid zu erkennen. Einer gab ihm Feuer, als er sich eine Zigarette zwischen die klappernden Zähne klemmte. Er war unfähig, ein Wort zu sagen.

Wie hatte Gerd es nur herausgefunden?

Gerd hatte in den wassergefüllten Kiesgruben dieser Gegend tauchen lassen wollen. Oder nur in einer ganz bestimmten?

Wieso?

Schalow ging mit unsicheren Schritten zu seinem Wagen zurück. Niemand hielt ihn auf. Er setzte zurück. Der Motor heulte, als er die Steigung hinaufkroch.

Scheinwerfer fingerten oben auf der Straße herum, strichen über das verrostete Schild, dann bog ein Wagen in die Zufahrt. Seine Scheinwerfer blendeten Schalow für einen Moment. Als der Wagen an ihm vorbeirollte, erkannte er einen schwarzen Mercedes, den er am Morgen schon hier gesehen hatte. Wahrscheinlich gehörte er dem Arzt aus Mechernich. Oder dem Staatsanwalt aus Euskirchen.

Schalow fuhr über Eicks in Richtung Kommern. Irgendwo, zwischen ein paar Häusern, wo Licht war, hielt er neben einer hell erleuchteten Telefonzelle. Er brauchte Licht. Die Dunkelheit flößte ihm Furcht ein.

Er betrat die enge Kabine. Jetzt kam er sich wie eine Zielscheibe vor. Draußen glitt ein Wagen vorbei. Sehr langsam. Schalow erkannte den Umriss eines Kombis.

Hastig stopfte er Münzen in den Schlitz, dann drehte er die Nummer von Gerds Wohnung.

Das Läuten in der Wohnung des toten Freundes verhallte ungehört. Beate war noch nicht aus Siegburg zurück.

Schalow drückte den Haken herab, ließ ihn wieder los, fischte die Münzen aus dem Rückgabefach, wählte erneut.

»Ich will Hartmann sprechen«, sagte er, als sich eine neutrale Stimme meldete. »Ich bin Schalow.«

Dieses Mal wusste der Mann am anderen Ende gleich Bescheid.

»Ich kann Herrn Hartmann im Augenblick nicht erreichen, Herr Schalow. Aber er hat eine Nachricht für Sie hinterlassen. Sie lautet: >Sie sind in Gefahr. Suchen Sie das nächste Polizeirevier auf und melden Sie sich wieder bei mir.< Nachricht Ende.«

Eine Münze fiel durch den Schacht. Schalow starrte nach draußen.

»Hören Sie noch, Herr Schalow?«

»Ja. Können Sie den Besitzer oder Halter eines Wagens ermitteln, wenn ich Ihnen das Kennzeichen durchgebe?«

»Ja, natürlich. Aber ich darf Ihnen die Information nicht weitergeben.«

»Geben Sie sie Hartmann.« Schalow nannte das Kennzeichen des Opel.

»Wo sind Sie jetzt?«, fragte der Mann am anderen Ende. »Was kann ich Herrn Hartmann sagen?«

»Nichts«, antwortete Schalow und legte auf.

Er trat auf den kleinen Platz zwischen den Häusern. Aus dem Dorfgasthof schräg gegenüber schallten Stimmen. Sonst war es still.

Er stieg in den Käfer, startete und raste los. Erst als er schon wieder auf der Landstraße war und die Dunkelheit erneut über ihm zusammenschlug, fiel ihm auf, dass er die Scheinwerfer nicht eingeschaltet hatte. Hastig holte er es nach.

Das Licht lag wie ein heller Teppich vor dem Käfer. Die Fahrbahn wurde enger. Die Mauern der dunklen Tannen rückten zusammen. Die Straße verlief leicht abschüssig. Unten in einem weit entfernten Tal blinkten Lichter. In einer anderen Welt.

Schalow wusste, dass er auf dem richtigen Weg war, in einem streng geographischen Sinn. Er näherte sich seinem unbekannten Feind. Dem Mann, den er noch nie in seinem Leben gesehen hatte, und der dennoch sein Leben so entscheidend beeinflusst hatte und jetzt vollends vernichten wollte. Er näherte sich dem Mann, der einen tödlichen Kreis um ihn gezogen hatte.

Ob Heikaus ihn erwartete?

Monika! Monika!

Er sah die bleichen Knochen. Das lippenlose Grinsen der leuchtenden Zähne. Schalow zitterte. Warum fuhr er ins Zentrum des Todeskreises? Was konnte er dem Mann dort anhaben?

Er wollte ihn fragen. Er wollte ihm das WARUM ins Gesicht schleudern.

Und er wollte Rache, auch wenn er selbst dabei sterben musste. Sein Leben war nichts mehr wert. Er war ein Ausgestoßener.

Rache.

Rache für Monika, deren verfaulte Leiche jetzt am Rande eines Baggerloches lag.

Aber er war doch schon in diese Richtung gefahren, bevor er von Monikas Tod wusste.

Stimmte es, dass er sie rächen wollte?

Es stimmte nicht. Er wollte den Mann vernichten, der ihm drei Jahre seines Lebens genommen hatte. Mehr noch. Der ihm seine Ehre genommen und seine Zukunft zerstört hatte. Der seinen Freund ermordet hatte.

Er wollte Rache. Das Gefühl war neu und stark. Wenn er schon damals, vor drei Jahren, gewusst hätte, dass Heikaus für das Fehlurteil verantwortlich war, hätte er ihm damals schon Rache geschworen.

Aber die Flamme wäre nicht so lange am Brennen geblieben. In drei Jahren erlischt jedes Feuer zwischen diesen dicken steinernen Mauern.

Er zuckte zusammen, als grelles Licht wie eine Bombe im Inneren des Käfers explodierte.

*

Der Opel hatte in einer Schneise gewartet, bis Schalows VW vorbeiratterte. Er hatte sich mit abgeschalteten Lichtern an ihn gehängt. Und dann alle zugleich eingeschaltet.

Die Flut traf Schalow wie ein körperlich spürbarer Schlag. Er verriss das Lenkrad. Der Wagen trieb auf die Gegenfahrbahn hinüber. Schalow brachte ihn wieder in seine Gewalt. Der andere Wagen klebte fast an der hinteren Stoßstange. Schalow konnte nicht erkennen, ob es der Opel war. Das Licht war überall. Es füllte das Innere des Käfers vollkommen aus.

Schalow rammte seinen Fuß auf die Bremse, gab jedoch sofort wieder Gas. Denn der andere ließ es vielleicht auf eine Karambolage ankommen.

Er kniff die Lider zusammen und sah nicht in die Rückspiegel, die wie Ausschnitte der Sonnenoberfläche gleißten. Der dunkle Straßentunnel schwenkte nach rechts. Schalow behielt die Geschwindigkeit bei, trat das Gas sogar noch weiter. Er fuhr gerade über die gekrümmte Mittellinie hinaus. Erst im letzten Moment, als der Begrenzungsstein der linken Fahrbahnseite hell im Kegel der Scheinwerfer lag, riss er das Lenkrad herum. Er tippte auf die Bremse, gab wieder Gas, steuerte gegen die Fahrtrichtung. Er hatte es nicht verlernt.

Im kontrollierten Powerslide schlingerte der Käfer durch die Kurve.

Der Fahrer des anderen Wagens hatte die Kurve nicht rechtzeitig gesehen. Jetzt musste er voll auf die Bremse steigen. Schalow sah, wie der Vorderwagen tief einsackte, das linke Vorderrad geriet auf den Seitenstreifen. Flüchtig erkannte er die Umrisse eines Kombi. Es gab keinen Zweifel. Es war der Opel, der ihn seit Köln verfolgte.

Das Bremsmanöver kostete den Verfolger Zeit. Schalow gewann dadurch wertvolle Sekunden. Mit Vollgas fegte er in eine S-Kurve. Das Fahren entspannte ihn in gewisser Hinsicht. Er musste sich auf den Wagen und die Straßen konzentrieren. Er brauchte nicht an Monika zu denken. Oder an Gerd. Oder an Heikaus.

Die Straße hinter ihm versank in Dunkelheit. Aber jeden Moment konnte sich eine Gerade anschließen, auf der ihm der Verfolger überlegen war. Im Rückspiegel blitzte es kurz auf, als die Scheinwerfer des Opel über eine Böschung strichen.

Ein zweites Mal konnte er den anderen nicht austricksen.

Ein Wegweiser huschte vorbei. Es war nicht mehr weit bis zu dem Jagdhaus.

Schalow entdeckte eine Schneise. Er visierte die Stelle an, ehe er den Handballen auf den Lichtknopf hieb.

Dunkelheit senkte sich über ihn wie eine Decke. Er konnte nichts sehen, absolut nichts, nachdem er so lange in das Licht gestarrt hatte.

Wenn er die Einfahrt verpasste, landete er im Graben.

Der Volkswagen rumpelte und sprang über einen unebenen Weg. Schalows Fuß blieb der Bremse fern. Das rote Licht der Bremsleuchten wäre in der Nacht weit zu sehen gewesen.

Wie Pfeile schossen jetzt die Lichtfinger der aufgeblendeten Scheinwerfer über die Straße, die er soeben verlassen hatte. Der Opel zischte vorbei, bevor der VW noch ganz ausgerollt war. Schalow drehte den Zündschlüssel herum. Das betäubende Dröhnen des Motors erstarb.

Schalow klammerte sich am Lenkrad fest. Seine Lungen arbeiteten wie nach einem anstrengenden Lauf. Das Herz hämmerte schmerzhaft im Hals. Er drehte die Seitenscheibe herab und ließ die würzige Luft herein. Sie beruhigte die überstrapazierten Nerven.

Er fischte eine Zigarette aus seiner Jackentasche und zündete sie an.

*

Schalow presste die Stirn auf das harte Lenkrad. Er war müde, so müde.

Draußen hörte er etwas knacken. Er reagierte nicht darauf. Erst als sich das Geräusch wiederholte, schreckte er auf. Er drückte die Zigarette aus, warf den Kopf herum.

Nichts war zu sehen. Nur die Schwärze der Nacht.

Seine Hand tastete nach dem Zündschlüssel. Der Schlüssel klirrte leise. Er drehte ihn herum. Die Maschine kam sofort. Er legte den Rückwärtsgang ein.

Die Rückfahrscheinwerfer leuchteten kaltweiß.

Ihr Licht fing sich in einer Batterie runder Scheinwerfer, im Chrom einer Stoßstange und des Kühlergrills, und es ließ den grünen Lack des Opel Kombi glänzen. Der Wagen rollte gerade aus.

Der Fahrer des Opel hatte die Spur des Käfers nicht gleich wiedergefunden und sofort den richtigen Schluss gezogen. Geräuschlos wie eine Katze hatte er die wenigen Schneisen abgesucht, die als Versteck in Frage kamen.

Eine Hand fuhr durch das geöffnete Seitenfenster, und Schalow spürte den Druck von etwas Hartem an seiner Schläfe. Sie waren also zu zweit. Einer war vorausgegangen.

»Das ist eine Pistole. Wenn Sie unbedingt wollen, können Sie sofort sterben.«

Schalow wollte nicht sterben. Nicht einfach so.

Nicht ohne dem Mann gegenübergestanden zu haben, der ihn als Joker in diesem tödlichen Spiel missbraucht hatte.

Ilja Petrovic ist der Pistolenmann, dachte Schalow. Er sprach ein einwandfreies, sehr klar akzentuiertes Deutsch. Mit ihm würde er immer fertig werden. Es war leicht, gegen einen Mann zu kämpfen, den man sehen oder doch wenigstens spüren konnte.

Der Kerl mit der Pistole öffnete die Tür. Schalow nahm den Rückwärtsgang wieder heraus.

Konnte er mit dem Wagen in die Tiefe des Waldes flüchten?

Kaum. Wahrscheinlich würde er ihn nur unter eine Schranke jagen, die den Waldweg sperrte.

»Steigen Sie aus, bitte.«

Schalow stieg aus. Eine Hand tastete ihn blitzschnell ab. Schalow spannte seine Muskeln, um dem anderen einen Ellbogen in die Seite zu stoßen.

Aber der zweite Mann war ausgestiegen und trat neben ihn. Schalow ahnte, dass er verloren war.

Sie waren Profis. In der JVA hatte er nur die Amateure kennengelernt. Die Burschen, die sich schnappen ließen. Sie hatten immer von den Profis gesprochen und davon, dass sie so sein wollten wie die.

Diese armen Irren. Sie hatten ja keine Ahnung. Schalow wurde von einem bitteren lautlosen Lachen geschüttelt.

*

Sie verfrachteten ihn in den Opel. Er musste auf die Ladefläche steigen und sich hinlegen. Der Kerl mit der Pistole - Petrovic? - hatte sogar Handschellen bei sich, mit denen er Schalows Hände mit den Füßen zusammenschloss. Dann setzte er sich hinter das Steuer.

Er schaltete die Scheinwerfer an und setzte zurück. Als er über die Rücklehne des Vordersitzes nach hinten spähte, konnte Schalow undeutlich den Kopf des Killers erkennen. Er war kantig und mit glattem, streng gescheiteltem Haar bedeckt. Die Augen standen eng zusammen.

Schalow hörte das Lärmen des Käfermotors. Der Opel wartete, bis der VW aus der Schneise setzte. Dann fuhr der Opel los und folgte dem Volkswagen. Die Fahrt würde nicht lange dauern, vermutete Schalow.

Er rutschte ein wenig hin und her, wenn der Wagen in eine Kurve ging, aber ansonsten lag er nicht allzu unbequem.

Bis die Fahrzeuge offenbar die asphaltierte Straße verließen und einen geschotterten Weg hinauffuhren.

Schalow krachte ein paar Mal mit den Schultern auf den ungepolsterten Boden der Ladefläche. Er sah Bäume und Äste über den Wagen hinwegstreichen.

Petrovic rangierte den Opel in eine Einfahrt. Als er den Motor abstellte, war es plötzlich sehr still. Der VW schien schon angekommen zu sein, denn der zweite Mann öffnete die hintere Klappe.

Schalow sah den Umriss eines wuchtigen Blockhauses mit einer breiten Veranda, die über die ganze Hausbreite lief und vom überhängenden Dach geschützt wurde. An der Hausecke, über der hölzernen Treppe, brannte eine Lampe.

Gegen ihr Licht erkannte Schalow den zweiten Mann. Er trug das helle Haar lang bis in den Nacken. Der ungepflegte Schnurrbart bedeckte die wulstigen Lippen. Er war jünger als Schalow, vielleicht vierundzwanzig.

Der Blonde wartete, bis Petrovic an der hinteren Klappe erschien.

»Du bleibst draußen«, sagte Petrovic mit einer Stimme, die Autorität verriet. Er trug einen dunkelblauen Blazer mit blinkenden Messingknöpfen und eine rauchblaue Hose mit scharfen Bügelfalten. Er öffnete die Stahlfesseln und half Schalow wortlos beim Aussteigen. Ebenso stumm deutete er auf die Stufen, die zur Veranda hinaufführten. Dabei hielt er Schalows Oberarm mit hartem Griff umklammert.

Er öffnete die Haustür, die nicht abgeschlossen war. Offenbar wurde kein ungebetener Besuch erwartet, doch als sie den engen Windfang betraten, verriegelte Petrovic die Haustür.

Dann erst öffnete er eine andere.

Schalow schloss einen Moment geblendet die Augen. Als er sie wieder aufschlug, sah er einen sehr großen rustikal eingerichteten Raum. Felle bedeckten die groben Holzbalkenwände. An Haken hingen historische Waffen, eine Armbrust, ein Schwert, gekreuzte Säbel, ein Morgenstern. Das offene Gebälk des Dachstuhls wirkte urwüchsig. Im gemauerten Kamin prasselte ein Feuer.

Sein flackernder Schein zuckte über die Gestalt des Mannes, der hinter einem derben Buchentisch saß. Schalow starrte ihn an.

Dieser Mann sah nicht so aus wie jemand, der im Hinterzimmer einer Bar zweifelhafte Unternehmungen ausheckte.

Der Mann sah so aus, als ob er nur in einer Umgebung wie dieser leben könnte. Er hatte weißes Haar von nicht zu bändigender Fülle. In dem lederfarbenen rissigen Gesicht hatte das Leben tiefe Spuren hinterlassen. Der Mund war schmal und verkniffen, die Augen dunkel und kalt zugleich. Ruhig tasteten sie Schalows Gestalt ab.

Schalow blieb stehen. In einer Ecke des Raumes stand ein Telefon auf einem Sims an der Wand. Tanja hatte ihm also etwas vorgelogen, als sie behauptete, es gebe kein Telefon in der Jagdhütte. Und sie hatte so harmlos getan, als sie ihm den Weg zur Hütte beschrieb. Dieses Luder. Wahrscheinlich hatte Petrovic die ganze Zeit am Hansaring gewartet. Heikaus hatte gewusst, dass er, Schalow, aufkreuzen würde.

Schalow spürte Petrovics Anwesenheit in seinem Rücken, aber der Mann kümmerte ihn nicht. Jetzt nicht.

»Sie sind also Heikaus«, sagte er rau.

Der Weißhaarige nickte knapp. Seine nervigen Hände, braun, mit dicken blauen Adern darauf, lagen ruhig auf der Tischplatte. Daneben stand ein schwarzer Aktenkoffer, dessen Deckel aufgeklappt war. Gerds Koffer.

Heikaus bewegte die Hände. Er hob ein dünnes Bündel Papier auf, schlug es spielerisch hin und her. Schalow hatte noch nie einen Tausendmarkschein gesehen, doch er wusste, dass Heikaus welche in der Hand hielt.

»Das sind hundert Tausender«, sagte er. Er warf sie in den Koffer und drückte den Deckel mit dem Handrücken herab.

»Warum?«, schrie Schalow. »Warum haben Sie mir das Ding angehängt?«

Heikaus gab Petrovic einen Wink. Der elegant gekleidete Mann ging um Schalow herum. Schalow sah erst jetzt, dass Petrovic Handschuhe trug. Der Killer nahm den Koffer.

»In den VW! Nimm Herrn Schalow gleich wieder mit. Und dann ein Unfall. Beeil dich, ich brauche dich nachher noch.«

Schalow ballte die Fäuste. Sie wollten ihn endgültig und Gerd nachträglich zu Komplizen und Terroristen stempeln.

»WARUM?«, brüllt er.

»Niemand nimmt mir etwas weg«, antwortete Heikaus leise. »Nicht einmal eine Frau, die mir nicht gehört.«

»Deshalb? Weil Monika und ich ...«

Heikaus nickte. »Ich gebe zu, Ihr BMW gefiel Ilja. Sie hatten den Wagen ausgezeichnet in Schuss, besser als es eine Werkstatt vermocht hätte.«

Schalow hatte es schon geahnt. »Aber warum mussten Sie sie töten? Gerd Wissmeyer? Und Monika?«, fragte er hilflos.

»Monika?« Heikaus Kopf ruckte in die Höhe, die dunklen Augen trafen Petrovics Gesicht. »Hat man sie doch gefunden? Es war ein Fehler, diesen Wissmeyer in dieselbe Grube zu befördern. Ich habe es gleich gewusst.«

»Er hatte eine Menge Kiesgruben angefahren«, verteidigte sich der Killer. »Aber bei keiner war die Abfahrt so steil.« Da waren also die fehlenden Stunden geblieben. Gerd hatte Kiesgruben gesucht. »Die Grube bot sich an, weil er ohnehin hineinfuhr, Hans Josef. Ich brauchte ihm nur einen Schlag gegen die Halsschlagader zu versetzen und ihn rollen zu lassen.«

Schalow stieß einen keuchenden Laut aus, als er sich auf den Mörder stürzte.

Er traf ihn mit dem ersten Hieb am Hals. Petrovic stieß einen gurgelnden Laut aus. Er ließ die Tasche fallen, seine Hand fuhr in die Jacke.

Schalow schlug erneut zu. Seine Faust wühlte sich tief in den Leib des Mörders. Petrovic taumelte, sein Unterkiefer klappte herab, das Gesicht wurde fahl.

»Stopp!«, zischte Heikaus. Er war aufgesprungen. Aus den Augenwinkeln sah Schalow die Zwillingsläufe einer Doppelflinte herausschwenken. Die daumendicken Mündungen wiesen auf seinen Kopf.

Schwer atmend ließ er von Petrovic ab. Der Verbrecher zerrte die Pistole aus seiner Jacke.

»Steck das Ding wieder ein!«, befahl Heikaus scharf. »Wenn du aufpasst, brauchst du die Knarre nicht! Wenn er irgendwo ein Loch hat, ist unsere ganze Geschichte im Eimer!« Heikaus stellte die Flinte wieder an ihren Platz, wo Schalow sie nicht sehen konnte.

»Warum, Heikaus! Sagen Sie mir doch, warum? Warum haben Sie meinen Freund getötet?«

»Er war dahintergekommen, dass mir eine Kiesgrube gehört. Das heißt, sie gehörte meinem Vater. Als er starb, war mit der Grube schon kein Geld mehr zu machen. Na ja ... Ihr Freund hatte auch herausgefunden, dass Monika nie meine Frau gewesen ist, wie sie Ihnen weisgemacht hat. Vermutlich hat sie es Ihnen deshalb erzählt, weil sie Komplikationen vermeiden wollte. Sie mochte Sie, war aber blödsinnigerweise der Ansicht, keine Frau für Sie zu sein. Sie war ein Barmädchen ... eine Nutte.«

Er schwieg einen Augenblick, dann fuhr er fort:

»Sie bekam den Moralischen, als Sie in den Knast gingen. Zuerst schien es ja noch so, als würde sie damit fertig. Ein schöner Pelz, ein neuer Wagen hilft einer Frau über manches hinweg. Aber sie dachte nur noch an Sie. Ich wollte ihr eine Boutique in Frankfurt kaufen, ich war wieder flüssig, wissen Sie? Aber sie lehnte ab. Wurde störrisch. Eines Tages hätte sie durchgedreht.« Heikaus lächelte zynisch. »Sie hat Sie geliebt, Schalow. Sie können daran denken, wenn Sie mit Ihrem Trümmerhaufen von Wagen die Kallbergtalbrücke runterfliegen. Ilja, los jetzt. Ich will nach Köln zurück. Tanja ist nicht gern allein.« Das zynische Grinsen blieb wie eingefroren in dem verwitterten Gesicht hängen. »Gehen Sie jetzt, Schalow. Es ist alles gesagt.«

Ja, es war alles gesagt. Er durfte den Kreis wieder verlassen. Als Toter. Bei ihm würde man Gerds Aktentasche mit einhunderttausend Mark aus der Leverkusener Beute finden.

13

Petrovic öffnete die Tür zur Diele. Ausdruckslos sah er Schalow an.

Schalow rührte sich nicht. Was würde geschehen, wenn er sich weigerte zu gehen? Wenn sie ihn töten wollten, sollten sie es hier tun. Vielleicht mit der Schrotflinte. Sollten sie doch sehen, wie sie die Schweinerei wieder wegbekamen und wie sie seinen Tod erklärten.

»Sollten Sie auf dumme Gedanken kommen, Herr Schalow«, sagte Heikaus, »können wir uns auch noch an der Freundin Ihres Freundes schadlos halten.«

Beate!

Natürlich wusste Heikaus von Beate. Ein Gangster wie er informierte sich.

Schalow wirbelte herum.

Das Töten würde nie enden.

Heikaus war zu weit weg hinter seinem Tisch. Petrovic rammte den harten, kantigen Koffer in Schalows Seite. Der stechende Schmerz in der Nierengegend nahm ihm den Atem. Petrovic stieß ihn vor sich her durch den Windfang. Er entriegelte die Vordertür und schob sein Opfer über die Veranda.

Er stolperte über die hölzernen Stufen, folgte seinem eigenen Schatten.

Die beiden Wagen standen vor der Veranda, unmittelbar neben der Treppe. Vorn der Opel, dahinter der Käfer. Das Licht der einzelnen Lampe an der Hausecke versickerte irgendwo.

Irgendwo musste der Blonde stecken.

Petrovic rief seinen Namen. Mit unterdrückter Stimme, als befürchtete er, jemanden zu wecken.

»He, Harry! Harry, wo steckst du?«

Schalow hielt sich am Geländer fest. Das Atmen fiel ihm immer noch schwer. Petrovic bückte sich, um in den VW hineinspähen zu können.

Dann zog er scharf die Luft ein.

Schalow sah den Kopf jetzt ebenfalls, der auf dem Lenkrad lag. Das blonde Haar bewegte sich im Wind, der durch das geöffnete Seitenfenster strich.

Petrovic wollte schon wieder die Pistole herauszerren, denn ihm musste klar sein, dass Harry nicht schlief.

Doch dann erstarrte er. Schalow hörte es auch. Er verstand genug von Waffen, um das scharfe metallische Schnappen richtig zu deuten.

Ein paar Schritte abseits, hinter einem Strauch, außerhalb des Lichtkreises der Lampe, hatte jemand eine Pistole durchgeladen.

*

»Ich kann euch fabelhaft sehen«, schnarrte eine Stimme. Laub raschelte, als eine kurze Gestalt aus dem Gebüsch hervorbrach. Dick, glänzendes Gesicht, kurze Beine, kugelrunder Bauch unter hellem Jackett. Die Augen hart wie Stein.

»Hartmann ...«, hauchte Schalow.

Der kleine Mund verlor etwas von seiner Verkniffenheit.

»Warum sind Sie nicht irgendwo auf einem Polizeirevier?«, fauchte der Mann vom Verfassungsschutz.

»Wie kommen Sie hierher?«, fragte Schalow, obwohl jetzt kaum die richtige Zeit war, um Erklärungen anzuhören. Im Haus hielt sich ein Verbrecher auf, der jeden Moment misstrauisch werden konnte.

Hartmann machte eine wegwerfende Handbewegung, und während er Petrovic grob herumdrehte und ihn gegen die Seite des Opel stieß, um ihn nach Waffen abzutasten, sagte er: »Ich bin den Spuren Ihres Freundes gefolgt. Ich wollte endlich die Wahrheit wissen. Sie haben mich neugierig gemacht, ja. Beim Einwohnermeldeamt hat er nach dem Wohnsitz einer Monika Heikaus gefragt. Natürlich gab es da keine Unterlage, wie Sie inzwischen vielleicht auch schon wissen. Bei der AOK hat er versucht, die Beschäftigungslisten aller Heikaus-Betriebe einzusehen. Er scheint Erfolg gehabt zu haben. Weiß der Teufel, womit er die Mädchen dort beeindruckt hat, wo doch selbst ich Schwierigkeiten hatte. Er ist dort auf eine gewisse Monika Sieger gestoßen, die bis vor zweieinhalb Jahren als Angestellte einer Bar geführt wurde, die Heikaus gehörte. Sie muss spurlos verschwunden sein, denn es gingen keine neuen Zahlungen für die Landesversicherungsanstalt mehr ein, und die Unterlagen wurden auch nie von einem neuen Arbeitgeber abgerufen. Ja, da habe ich dann die gute Tanja hochgenommen. Ich wollte sie eine Weile aus dem Verkehr haben. Es war nicht ganz legal, das gebe ich zu, vor allem, weil ich da zu ahnen begann, dass sie nicht mehr mein Baby sind, Herr Schalow. He, steh still, du Miststück!«

Er knuffte Petrovic hart in die Seite. »Ja, ich dachte, ich bin Ihnen was schuldig. Aber ich fürchtete auch, die Polizei könnte nicht schnell genug sein, denn gerade, als ich bei Tanja in der Heikaus-Wohnung war, haben Sie meine Dienststelle angerufen. Die Wagennummer, die Sie durchgegeben haben, bedeutete Alarm. Der Wagen ist nämlich auf diesen Ganoven zugelassen. Auf den Profikiller Ilja Petrovic, über den auch wir ein Dossier führen. Wir wissen, dass er für den Mord an zwei jugoslawischen Exilpolitikern verantwortlich ist. Leider fehlen die Beweise.«

Der Blonde bewegte sich und stöhnte. Aus dem Schatten hinter dem Käfer trat eine Gestalt. Schalow erkannte sie an den großen Ohren. Mario tippte Harry ein wenig an, und der blonde Gangster schlief weiter. Hartmann bedeutete Mario, näher zu kommen.

»Pass auf ihn auf«, sagte er. »Ich habe da drinnen noch etwas zu erledigen.«

In diesem Moment stieß Petrovic einen lauten Warnschrei aus. Mario packte zu. Der Schrei erstarb unter seiner Hand.

Schalow sprang auf die Veranda. Mit zwei lautlosen Sätzen war er an der Tür. Petrovic hatte sie nicht abgeschlossen. Schalow warf sich gegen die Tür zum großen Hauptraum. Der kleine Dicke keuchte noch auf der Veranda.

Heikaus war ahnungslos. Er sprang aus einem bequemen Lehnstuhl auf. Ein in Leder gebundenes Buch mit Jagdmotiven und -geschichten fiel auf den Boden.

Heikaus starrte Schalow an wie eine Erscheinung.

Aber er überwand seine Überraschung sehr schnell.

Mit einem Satz war er hinter dem schweren Buchentisch, wo die Schrotflinte stand. Schalow sprang auf den Tisch. Er rutschte über die glatte Fläche und schleuderte seine angezogenen Beine herum. Dann streckte er sie. Er traf Heikaus mit beiden Füßen in den Bauch.

Der Verbrecher prallte zurück. Er flog gegen die Wand, wobei er die Arme ausbreitete, als ob er sich festhalten wollte. Die Finger seiner rechten Hand tasteten nach dem Griff des Morgensterns, packten zu. Die eiserne Kugel an der kurzen Kette flog durch die Luft.

Schalow ließ sich vom Tisch fallen. Die scharfen Zacken gruben sich in die Tischplatte.

Hartmann schrie etwas. Er stand in der Tür. Heikaus holte zu einem neuen Schlag aus. Hartmann feuerte einen Warnschuss ab. Die Kugel stanzte ein Loch in ein schönes Dachsfell. Doch Heikaus schien den Schuss nicht gehört zu haben.

Schalow wälzte sich unter dem nächsten Hieb weg. Seine Finger langten nach dem Gewehr, berührten es etwas zu hastig, bekamen es nicht mehr zu fassen. Es kippte. Die Kugel mit den eisernen Zacken schrammte an der Wand entlang. Schalow lag auf dem Rücken wie ein Käfer. Seine Finger schlossen sich um die Zwillingsläufe. Er schwang die Waffe wie eine Keule. Der Kolben krachte in Heikaus' Rippen. Die eiserne Kugel flog wie ein Geschoss durch den Raum und zerschmetterte die Seitenwand einer Vitrine. Die Wucht des Keulenschlages riss Heikaus von den Füßen.

Im nächsten Moment war Hartmann über ihm und legte ihm Handschellen an.

»Ich dachte schon, Sie wollten ihn abknallen«, sagte er keuchend zu Schalow.

»Das dachte ich auch«, Schalow versuchte, sich aufzurichten. Er fühlte sich schlapp. Hartmann reichte ihm die Hand. Schalow nahm sie, und Hartmann zog ihn in die Höhe.

Hartmann lachte. »Sie sind schon ein raffinierter Hund, Herr Schalow! Wenn Sie einen Job suchen, sprechen Sie doch mal bei uns vor.«

Schalow stierte den Mann an, der ihm das Leben gerettet hatte. Der kleine Dicke konnte dem Blick nicht standhalten. Umständlich verstaute er die Pistole in dem Holster an seinem Gürtel.

»Was starren Sie mich denn so an? Ich habe damals nicht gegen Sie ermittelt!«

Nein, das hatten andere getan. Aber der Gedanke hatte nichts Versöhnliches. Er und Männer wie Hartmann konnten nie Freunde werden.

*

Hartmann ging nach draußen. Seinen Wagen - heute war es wieder der Granada - hatte er unten an der Straße stehen gelassen. Er wollte über sein Autotelefon Oberkommissar Retzmann informieren und sich bereit erklären, die Festgenommenen bis zum Eintreffen der Gefangenentransportwagen zu bewachen.

Schalow benutzte unterdessen das Telefon in der Hütte. Zuerst rief er Fred Parnitzki an.

»Mann, Enno!«, brüllte Parnitzki unbeherrscht und so laut, dass Schalow den Hörer ein Stück von seinem Ohr entfernt halten musste. »Enno, wenn dieser Kucharz jemals wieder hier rauskommt, bin ich ein toter Mann! Enno, du, soll ich ihn nicht lieber ...«

»Nein, nein«, sagte Schalow hastig. »Es ist alles in Ordnung! Halt ihn fest, bis jemand von der Kripo kommt. Heikaus ist eben verhaftet worden. Der kommt nie wieder aus dem Knast raus, das steht schon mal fest.«

»Mann, Enno, da fällt mir aber ein Stein von der Brust! Aber ich kann's kaum glauben. Verhaftet? Warum denn?«

»Weil er das Ding in Leverkusen gedreht hat ...«

»Enno! Das warst du gar nicht? Ich habe immer geglaubt ...«

»Ja, ja, Fred. Es ist gut. Ich danke dir für alles.« Schalow drückte die Gabel, ließ sie sofort wieder los und wählte Gerds Nummer.

Beate hob sofort ab. Sie schluchzte erleichtert auf, als sie seine Stimme hörte.

»Enno, oh, Enno! Wo bist du?«

»Bei Mechernich. Ich komme jetzt zu dir.«

»Ja, ja ... Hast du ... ich meine, was ist mit Monika?«

»Sie ist tot, Beate. Schon seit zweieinhalb Jahren.«

»Es tut mir so leid, Enno«, sagte sie traurig.

»Es ist alles vorbei, Beate. Ich bin frei. Ganz frei.«

Langsam legte er auf und drehte sich um. Hartmann stand in der Tür. Schalow ging an ihm vorbei nach draußen.

Mario hatte den immer noch bewusstlosen Harry aus dem Käfer gezogen und ihn gefesselt in den Opel verfrachtet, wo auch Petrovic und Heikaus saßen. Der Mörder sah an Schalow vorbei.

Schalow setzte sich in den Käfer. Er startete und fuhr durch den Waldweg zurück zur Straße.

Du musst noch tanken, dachte er.

ENDE

MÖRDER MIT HUT

von Alfred Bekker

1

Alle, die an jenem Abend um Geld spielten, gehörten zu denjenigen, die es sich leisten konnte, etwas aufs Spiel zu setzen, ohne dabei auf den Pfennig sehen zu müssen: Da war Gundelach, der Juwelier, ein Spieler aus Leidenschaft, der sich diese ruinöse Sucht seines gutgehenden Geschäftes wegen leisten konnte. Geiger war Bankdirektor und als solcher schon Berufs wegen mit einem gewissen Hang zum Geiz behaftet: Er spielte nie über sein Limit hinaus, selbst wenn er dafür von den anderen, allesamt weitaus vermögenderen Mitspielern belächelt wurde. Jochimsen, ein kühler, zurückhaltender Mann, war in derselben Branche wie Brandner tätig, besaß ebenfalls ein gutgehendes Unternehmen und es gehörte fast schon zum Ritual dieser Spielabende, dass er den Gastgeber drängte, seine Firma doch an ihn zu verkaufen und sich ins Privatleben zurückzuziehen. Natürlich lehnte Brandner dieses Ansinnen seines schärfsten Konkurrenten stets ab.

"Wie wäre es, wenn Sie Ihre Firma als Einsatz stiften würden?", meinte Jochimsen nachdem er einige Fünfhunderter an seine Mitspieler hatte auszahlen müssen. "Wenn es um einen lohnenden Einsatz ginge, könnte ich mich vielleicht auch besser auf das Spiel konzentrieren!"

Brandner lächelte. "Sie werden nie aufgeben, was?"

"Da haben Sie recht!", erklärte Jochimsen "Irgendwann werde ich Ihre Firma kaufen, ob Sie nun wollen oder nicht!"

Im weiteren Verlauf des Abends suchte das Pech vor allem den Juwelier Gundelach heim, der von Runde zu Runde verbissener versuchte, das Verlorene zurückzugewinnen.

"Ich denke, Sie sollten jetzt Schluss machen!", meinte Geiger, der Bankdirektor. Gundelach rieb sich nervös die Stirn.

Es war allgemein bekannt, dass der Juwelier nicht nur innerhalb dieser Herrenrunde seiner Spielleidenschaft frönte, sondern auch regelmäßiger Gast verschiedener Spielsalons war.

"Wollen Sie Kredit, Gundelach?", erkundigte sich Brandner. "Ich bezahle Ihre Schulden und Sie unterschreiben mir einen Schuldschein. Zinslos, Sie verstehen?"

"Das ist großzügig. Sie sollten darauf eingehen", meinte Geiger, noch bevor der Betroffene selbst sich äußern konnte.

2

Es war schon nach Mitternacht, als die Spielrunde sich auflöste. Brandner wusste seine Frau bereits seit einigen Stunden schlafend im Bett, aber er selbst war noch nicht müde genug, um sich ebenfalls zur Ruhe zu begeben. Er ließ sich daher mit einem Buch in einen der schweren Sessel fallen.

Zu selben Zeit war jener Mann, der wenig später zu Brandners Mörder werden sollte, damit beschäftigt, das Küchenfenster mit Hilfe eines stabilen Schraubenziehers auszuhebeln.

Dann schlich er auf leisen Sohlen ins Wohnzimmer. Brandner drehte sich im Sessel herum. Der Eindringling trug einen auffallend breitkrempigen Schlapphut, der etwas albern wirkte und sein Gesicht im Schatten versinken ließ. Dennoch erkannte Brandner ihn. Aber er kam nicht mehr dazu, irgend etwas zu sagen, denn zwei Schüsse aus einer Pistole mit Schalldämpfer machten seinem Leben ein Ende. Später würde man feststellen, dass der Schuldschein, den Gundelach dem Hausherrn unterschrieben hatte, nicht mehr aufzufinden war.

3

Als wenige Tage später Brandner zu Grabe getragen wurde, gaben alle - bis auf Gundelach - die an jenem Abend zusammen gespielt hatten, dem so plötzlich zu Tode gekommenen das letzte Geleit. Gundelach war unterdessen vorläufig festgenommen worden, da er als Einziger ein offenkundiges Motiv zu haben schien und darüber hinaus der unter Zeugen ausgestellte Schuldschein verschwunden war.

"Mein Beileid", sagte Geiger, der Bankdirektor, zu der wie versteinert dastehenden Witwe des Ermordeten.

Sie nickte nur und sagte: "Ich hoffe, dass der Schuldige zur Rechenschaft gezogen werden wird!"

"Das wird er!", meinte Geiger zuversichtlich.

Frau Brandner lächelte zynisch. "Die Polizei hat bereits den richtigen verhaftet. Bleibt nur zu hoffen, dass man es diesem Gundelach auch beweisen kann!"

Geiger schüttelte den Kopf. "Ich für meinen Teil kann es kaum glauben, dass Gundelach einen Mord begehen könnte..."

4

Einige Tage später trafen sich Geiger und Jochimsen zufällig.

"Haben Sie schon gehört, dass man Gundelach wieder freigelassen hat?", fragte Jochimsen.

"Ach, was Sie nicht sagen! Das beruhigt mich aber. Ich konnte mir ohnehin nicht vorstellen, dass unser Freund Gundelach - auch wenn er in einer finanziell verzweifelten Situation war - deshalb zum kaltblütigen Mörder würde."

Jochimsen schüttelte den Kopf. "Es ist nicht so, dass die Polizei von seiner Unschuld überzeugt ist. Vielmehr deuten nach wie vor alle Indizien - so spärlich sie auch sein mögen auf Gundelach. Aber man kann es ihm nicht beweisen."

"Ach so ist das." Geiger zuckte die Achseln. "Nun, jeder kann auch unschuldig in die Fänge der Justiz geraten."

5

Die mehr oder minder regelmäßigen Glücksspielabende bei Brandners fanden nun - nach dem Tod des Gastgebers - natürlich nicht mehr statt. Aber es dauerte nur wenige Wochen, da traf man erneut zusammen und zwar wieder auf einer Beerdigung. Es war Gundelach, der (mitsamt den beiden Bleikugeln im Rücken, die seinem Leben ein Ende gemacht hatten) zu Grabe getragen wurde. Jochimsen bemerkte mit Erstaunen, dass Frau Brandner bei dieser Bestattung zugegen war, und so dachte er sich, dass dies möglicherweise eine günstige Gelegenheit wäre, ihr den Kauf des Brandner'schen Unternehmens anzubieten. "Ich würde Ihnen einen vorzüglichen Preis bieten", erklärte er der Witwe.

Sie nickte. "Ja, ich bin einverstanden", sagte sie. "Um ehrlich zu sein, Sie nähmen mir mit der Firma eine große Bürde ab, denn ich verstehe nichts von geschäftlichen Dingen."

Jochimsen lächelte zufrieden. "Der Verkaufserlös, das kann ich Ihnen versichern, wird Ihnen für den Rest Ihres Lebens eine standesgemäße Existenz sichern."

Sie nickte leicht. "Das ist ein großer Tag für mich."

Jochimsen runzelte die Stirn. "Verzeihen Sie... "Würden Sie mir das näher erklären?"

Sie sah ihn mit einem offenen Blick ein paar Sekunden lang an und antwortete dann: "Es ist ein gutes Gefühl, den Mörder meines Mannes im Grab zu wissen!"

"Für die Polizei war Gundelach nicht der Mörder."

"Ach! Hören Sie doch auf!", zischte sie ihm zu, gerade noch leise genug, so dass es sonst niemand mitbekam und die Zeremonie nicht gestört wurde. "Diese Polizisten sind doch allesamt Stümper! Wie hätten sie diesen Mann sonst laufenlassen können? Erklären Sie mir den verschwundenen Schuldschein, von dem sowohl Sie, als auch Geiger übereinstimmend gesagt haben, dass er ausgestellt wurde! Nein, Gundelach ist für mich der Mörder meines Mannes, ganz gleich, was die zuständigen Beamten dazu sagen!"

"Haben Sie etwas mit Gundelachs Tod zu tun?", fragte Jochimsen zögernd. Erst schwieg sie.

"Und wenn schon...", war dann die kühle Antwort.

Als die Zeremonie beendet war, verabschiedeten sie sich voneinander und Jochimsen setzte seinen großen, breitkrempigen Schlapphut auf. Irgendwie albern, dieser Hut, dachte Frau Brandner. Aber seit sie Jochimsen kannte, hatte er stets einen gewissen Hang zur Extravaganz gehabt.

ENDE

FBI: Fünf

Kriminalroman von A. F. Morland

In mir sah es grauenvoll aus. Ich hatte wahnsinnige Angst um Luke Webber. Wir waren seit Jahren ein Herz und eine Seele, beste Freunde, hatten die gleichen Interessen, waren ein ideal aufeinander eingespieltes Team. Perry Ryker & Luke Webber. Verdammt, das war eine Qualitätsmarke. Eine Firma. Ein Bollwerk gegen das Verbrechen in dieser Stadt. Wir belieferten den Knast laufend mit bösen Buben und manchmal, wenn es sich nicht vermeiden ließ, auch den Leichenbestatter. Die schreckliche Aussicht, meinen Partner zu verlieren, brachte mich fast um den Verstand...

1

Sie waren fünf.

Vier Männer und eine Frau.

Frau?

War Alexa Wood tatsächlich eine Frau?

Okay, sie hatte Titten und kein "Ding" zwischen den Beinen – jedenfalls nicht permanent -, war heißer als eine glühende Herdplatte und ihre Figur ließ sich nur exakt beschreiben, wenn man die Hände zu Hilfe nahm. Aber war die blonde Schönheit deshalb schon eine Frau? Ihr fehlte jedweder weiblicher Liebreiz. Sie war zäher, härter und herzloser als jeder Mann, nahm ungern Befehle entgegen und brachte ihre Komplizen mit ihrer penetranten Aufsässigkeit und ihrem ekelhaften Dickschädel immer wieder auf die Palme. Sie liebte Tank-Tops, zeigte gerne ihre Muskeln, war nicht anschmiegsam, sondern widerborstig, nicht sanft, sondern kratzbürstig und ging eiskalt und ohne Skrupel über Leichen. Ein einziges Mal hatte Alan Gudgeon, einer ihrer vier kriminellen Gefährten, versucht, ihr an die Wäsche zu gehen. Normalerweise war kein Weiberrock vor ihm sicher, und als gut aussehender, erfahrener Schürzenjäger wusste er in neunundneunzig von hundert Fällen zu bekommen, was er haben wollte, aber bei Alexa hätte er sich beinahe gehörig die Finger verbrannt.

Sie hatte ihn hasserfüllt angefunkelt und gefaucht: "Wenn du mich noch einmal anfasst, ohne dass ich es will, schneide ich dir die Eier ab und werfe sie dem Hund meines Nachbarn in den Fressnapf."

Danach war er ihr nie wieder zu nahe gekommen. Dieses Schlüsselerlebnis war ihm eine Lehre gewesen und hatte ihm gezeigt, dass er doch nicht so unwiderstehlich war, wie er geglaubt hatte. Er hatte sich noch am selben Tag an die frustbeladene - weil ungeliebte - Frau seines einstigen Spanischlehrers herangemacht und mit ihr die ganze Nacht durchgevögelt, um sein angeknackstes Selbstwertgefühl wieder in Ordnung zu bringen, und von Alexa hatte er fortan die Pfoten gelassen. In seinen Augen war die frigide Zicke nicht ganz dicht, sonst hätte sie wohl kaum auf den besten Sex ihres Lebens – mit ihm, dem nachweislich erfahrensten und begehrtesten Rammler New Yorks – verzichtet. Die Gang bestand des Weiteren aus Harold Sobel, Ian Reid und Stephen Durning. Sobel war fett, hatte eine eigene Sodbrennerei und rülpste fortwährend mit gesäuerter Miene. Reid war extrem geizig. Man bekam eher aus einem Toten einen Furz raus als von ihm einen Dollar. Und Durning soff wie ein Loch. Wer ihn nüchtern erleben wollte, musste eine Zeitreise antreten, denn er war seit vielen Jahren täglich – mal mehr, mal weniger - dicht.

Alexa Wood gehörte noch nicht lange zu diesem "Dreamteam". Sie hatte davor allein gearbeitet. Als Auftragskillerin. Aber das war ihr irgendwann zu stressig geworden, und als Durning ihr – ausnahmsweise mal fast nüchtern - vorgeschlagen hatte, sich ihm und seinen Kumpels anzuschließen, hatte sie sich achtundvierzig Stunden später dazu entschlossen.

Ihr letzter Solo-Hit war der Mord an Ron Boyd gewesen. An diesem Fall bissen sich die dämlichen Bullen noch immer die Zähne aus, und er würde wohl für alle Zeiten ungelöst bleiben. Sie hatte dafür zehn Riesen bekommen. Fünf im Voraus, fünf nach getaner Arbeit. Boyd hatte auf seiner Geburtstagsparty in seinem großen Penthouse, nahe dem Trump Tower, Gefallen an ihr gefunden. Sie hatte ein teures Designerkleid getragen. Edelste Verpackung. Aufregend dezent. Obwohl sie sich in dem Modezaren-Fummel nicht besonders wohl gefühlt hatte, hatte sie ihn mit der Grazie einer blaublütigen Prinzessin getragen. Dass in ihrem Strumpfband ein Keramik-Messer steckte, konnte niemand sehen. Die Einladung zur coolsten Party des Jahres war ihr von ihrem Auftraggeber zugespielt worden, und sie hatte mit ungefähr zweihundert prominenten Gästen, ein Champagnerglas in der Hand, fröhlich "Happy Birthday" gesungen.

Es war Ron Boyds fünfzigster gewesen.

Und sein letzter.

Er hatte sie angesprochen. "Sie sind bestimmt nicht allein hier", hatte er lächelnd gesagt. "Wunderschöne Frauen sind niemals allein."

Sie hatte die linke Augenbraue hochgezogen, wusste, dass das immer gut ankam. "Ach", sagte sie, als wäre sie erstaunt. "Halten Sie mich etwa für wunderschön?"

Sein Blick verirrte sich in ihren Ausschnitt und fand nicht mehr heraus. "Schauen Sie mal in einen Spiegel, dann müssen Sie mir recht geben."

Du hast ihn, dachte Alexa zufrieden. Er hängt an der Angel. "Apropos Spiegel..."

"Ja?"

"Wissen Sie, dass auf Ihrem Klo gekokst wird?"

"Schockiert Sie das?", erkundigte er sich.

Sie schüttelte ihre blonde Mähne. "Es ärgert mich bloß, dass man mir noch nichts angeboten hat."

"Das kann ich ändern", sagte Boyd spontan. "Möchten Sie etwas aus meinem ganz privaten Fundus haben?"

Sie musterte ihn freudig erstaunt. "Sie würden mir davon etwas abgeben?"

"Es wäre mir ein Vergnügen", gab er zurück. "Wie ist Ihr Name?"

"Patti", antwortete sie. Sie verwendete diesen Namen nicht zum ersten Mal. "Patti Smith."

"Patti Smith", wiederholte er verwundert.

Sie nickte. "Wie die Punk- und Rock-Musikerin."

Er grinste breit. "Zum Glück sehen Sie ihr überhaupt nicht ähnlich." Er griff nach ihrem Ellenbogen. "Kommen Sie, Patti", sagte er leise. "Lassen Sie uns verschwinden."

Sie blinzelte schelmisch. "Ich hoffe, Sie haben nichts Unanständiges im Sinn, Ron."

"Hätten Sie etwas dagegen?", fragte er dunkel.

"Vielleicht im Augenblick", gab sie zur Antwort. "Mal sehen, welch wildes Teufelchen Ihr Stoff in mir weckt."

Er führte sie in sein prunkvolles Schlafzimmer – und hier ließ sie ihn sterben.

Während er mit seiner goldenen Kreditkarte auf einem Glastisch die weißen Lines vorbereitete, trat sie von hinten an ihn heran, holte das Keramik-Messer aus dem Strumpfband und schnitt ihm damit die Kehle durch. Er kam nicht einmal dazu, einen entsetzten Schrei auszustoßen. Sie warf ihn auf das große Wasserbett, wartete, bis er ausgeblutet war, und machte sich dann aus dem Staub.

Während der Heimfahrt rief sie ihren Auftraggeber an. "Erledigt", meldete sie knapp.

"Wie ist es gelaufen?"

"Den Rest bringen die Nachrichten", erwiderte sie kühl. "Wann kann ich mit der zweiten Tranche rechnen?"

"Morgen."

"Okay."

Das war ihr letzter Single-Hit gewesen. Wenig später hatte sie sich mit Gudgeon, Sobel, Reid und Durning zusammengetan. Und dieses schlagkräftige Quintett stand nun kurz vor einem neuen Coup.

"Ich hab ein paar Jingles komponiert, Luke", sagte ich zu meinem Partner. Er war gekommen, um mich abzuholen. Wir wollten Spareribs essen gehen. In der 45. Straße West hatte ein neues Ribs-Restaurant mit Mörderportionen zu Kinderteller-Preisen aufgemacht.

"Du?" Luke Webber klang nicht besonders begeistert.

Ich grinste. "Überrascht?"

"Wie Charlie Harper in 'Two and a half men'?"

"Willst du sie hören?"

"Wenn es unbedingt sein muss."

"Halt die Klappe, setz dich und hör zu."

"Wenn wir uns nicht beeilen, ist unser Tisch weg, Perry."

"Die Jingles dauern alle nur wenige Sekunden."

Mein Kollege warf einen demonstrativen Blick auf seine Armbanduhr und nahm seufzend Platz. Ich setzte mich ans Keyboard und begann zu spielen. Nachdem ich sieben Jingles herunter geklimpert hatte, drehte ich mich erwartungsvoll um.

"War's das?", erkundigte sich Luke.

Ich nickte. "Das war's. Was sagst du dazu?"

Luke vermied es, mir in die Augen zu sehen. "Soll ich ehrlich sein, Perry?"

"Das erwarte ich von dir. Du bist schließlich nicht nur mein Partner, sondern auch mein bester Freund."

"Das macht es für mich doppelt schwer", ächzte Luke Webber.

"Die Titel sind gewissermaßen Rohdiamanten, verstehst du?", erklärte ich. "Ihnen fehlt noch der Feinschliff eines erfahrenen Musikers."

"Hast du schon einen Abnehmer?"

Ich schüttelte den Kopf. "Noch nicht."

"Du wirst auch keinen finden, weil diese Jingles nämlich allesamt Mist sind."

Ich sah ihn entgeistert an. "Alle?"

Luke hob die Hände, als hätte ich meine Kanone auf ihn gerichtet. "Entschuldige, Perry, aber du wolltest, dass ich ehrlich bin."

"Ja. Schon. Aber ich habe mit keiner so vernichtenden Kritik gerechnet."

"Tut mir leid."

Ich zog die Augenbrauen zusammen. "Kann es sein, dass du voreingenommen bist, Luke? Vielleicht hast du dir die Nummern nicht genau angehört, weil du von vornherein der Meinung warst, dass ich so etwas nicht kann."

Er stand auf. "Du kannst mir die Dinger noch zehnmal vorspielen, es wird sich nichts daran ändern, dass sie scheiße sind." Er schaute wieder auf seine Armbanduhr. "So, und jetzt komm endlich, sonst fahre ich ohne dich."

Ich stand leicht deprimiert auf. "Du hast scheiße gesagt."

"Hab ich", gab mein Freund und Kollege zu.

"Sind sie das wirklich? Scheiße?"

"Bedauerlicherweise ja."

"Alle?"

"Alle", sagte Luke. Er legte mir die Hände auf die Schultern. "Hör zu, Perry Ryker, du bist ein verdammt guter G-man. Ich kenne keinen besseren. Deshalb gebe ich dir den ebenso wohlgemeinten wie freundschaftlichen Rat: Tu, was du kannst, und überlass das Komponieren denen, die es besser können."

Wir verließen mein Apartment, und ich tröstete mich wenig später mit einer Mega-Portion köstlichster Spareribs und einer Flasche Budweiser Bier.

Nach dem Essen erzählte ich meinem Partner von meiner Begegnung mit Scott Cross, der mal FBI-Agent und ein prima Kollege gewesen war. Brutale Schläger hatten ihn in einen Hinterhalt gelockt und so schwer zusammengenagelt, dass er wochenlang im Koma gelegen hatte. Die Ärzte hatten ihn schon aufgegeben, aber er war zurückgekommen und hatte seinen FBI-Job an den Nagel gehängt.

Luke riss die Augen auf. "Du hast Scotty getroffen? Wo?"

"Im Central Park. Ich war joggen. Er auch."

"Wie geht es ihm?"

"Hervorragend", antwortete ich. "Das hat er jedenfalls gesagt, und ich hatte keinen Grund, daran zu zweifeln. Er ist fit wie ein Turnschuh."

"Was macht Scotty Cross jetzt beruflich?", wollte Luke wissen.

"Er ist bei einem Geldtransportunternehmen eingestiegen." Ich wackelte mit dem Kopf. "Frage nicht, was der verdient. Dagegen ist das, was wir kriegen, geradezu ein Klacks. Er wollte mich sofort abwerben."

Luke erschrak. "Sag jetzt bloß nicht, du bist an einem Wechsel interessiert, Perry. Du bist zwar nicht immer ganz leicht zu ertragen, aber ich will trotzdem keinen anderen Partner."

Ich griente. "Keine Sorge, ich bleibe dir erhalten."

Luke atmete auf. "Gott sei Dank."

"Obwohl..."

Mein Partner schüttelte mit gefurchter Stirn den Kopf. "Ich glaube, ich will es nicht hören, Perry."

"Obwohl du meine Jingles scheiße findest", ließ ich es dennoch raus.

Er wand sich wie ein getretener Wurm. "Vielleicht habe ich zu hart geurteilt. Wenn ich sie mir ins Gedächtnis zurückrufe, muss ich gestehen, dass sie gar nicht so übel sind."

Ich feixte. "Fang jetzt bloß nicht an zu schleimen."

"Komm, ich geb einen aus, und wir vergessen die Sache, okay?"

Ich war einverstanden. Er orderte zwei Bud, und es ließ sich nicht vermeiden, dass uns unser Job einholte, obwohl wir nicht im Dienst waren.

Der kaltblütige und extrem grausame Mord an Ron Boyd lag uns nach wie vor schwer im Magen. Wir hatten alle Partygäste bereits mehrmals befragt und uns das gesamte Material des Kamerateams, das sich zur Tatzeit im Penthouse des Opfers aufgehalten hatte, zeigen lassen.

Nichts war dabei herausgekommen. Wir standen mit unseren Ermittlungen noch immer am Anfang, und das war verdammt frustrierend.

Ron Boyd war Inhaber einer großen, amerikaweit angesiedelten Drugstore-Kette namens "Happy" gewesen. Mitinhaber, um genau zu sein. Und, noch genauer: Stiller Teilhaber. Das Gesicht von "Happy" war der ebenfalls fünfzigjährige Daniel Heckerling, der sich in jungen Jahren als Rennfahrer einen Namen gemacht und in diesem Sport eine Menge Geld gescheffelt hatte. Er leistete die gesamte Öffentlichkeitsarbeit, während sich sein Compagnon die meiste Zeit im Hintergrund gehalten hatte. Als wir mit ihm zum ersten Mal über den Mord gesprochen hatten, war er ziemlich von der Rolle gewesen. Er hatte haufenweise Medikamente gebraucht, um über den Schock hinwegzukommen und war eine Zeitlang in psychiatrischer Behandlung gewesen. Inzwischen ging es ihm schon etwas besser, aber noch lange nicht gut. Bei unserem ersten Gespräch in seinem Haus am Long Island Sound hatte er keinen blassen Schimmer gehabt, wer seinem Freund und Geschäftspartner so etwas Schreckliches angetan hatte. Beim zweiten Gespräch in unserem Büro im Field Office an der Federal Plaza hatte er unsicher gemeint, es würde doch nicht etwa Ewan Farelli dahinterstecken.

Ewan Farelli...

Man sagte ihm eine sehr intensive Mafianähe nach. Er war angeblich der talentierteste und einfallsreichste Geldwäscher der Cosa Nostra. Aalglatt. Nasse Seife. Nicht zu packen. Griff man zu, flutschte er davon. Er stand auf der FBI-Wunschliste ganz weit oben.

"Farelli?" Mein Partner zuckte zusammen, als hätte ihm ein Unsichtbarer zwischen die Beine gefasst. "Wie kommen Sie denn auf den, Mr. Heckerling?"

Der sportlich gekleidete Ex-Rennfahrer mit der blonden Igelfrisur zuckte mit den Achseln. "Ich will den Mann weder anschwärzen noch ihm etwas in die Schuhe schieben..."

"Aber?", fragte Luke.

"Er wollte mit vierzig Millionen bei 'Happy' einsteigen", verriet uns Heckerling.

Mein Partner zog die Augenbrauen hoch. "Woher hat er vierzig..."

"Er sagte, er würde eine Investorengruppe vertreten", fiel ihm Daniel Heckerling ins Wort. "Personen, die es vorzögen, anonym zu bleiben."

"Gangster?", fragte Luke. "Mafiosi?"

Heckerling betrachtete angelegentlich seine manikürten Fingernägel. "Das nehme ich an, aber beweisen könnte ich es nicht." Er ließ die Hand sinken, sah Luke und mich mit düsterer Miene an und sagte: "Farelli kam zu uns in die 'Happy'-Zentrale am Battery Park. Sein Benehmen war unmöglich, deshalb mochte ihn Ron von Anfang an nicht. Er tat so, als könne er die ganze Welt kaufen. Seine großkotzige Art gefiel auch mir nicht. Er ließ es so aussehen, als wäre sein Angebot ein Gnadenakt für uns. Erst mal würden wir uns über vierzig Millionen freuen dürfen. Er wäre aber in der Lage, den Betrag jederzeit beträchtlich – er sagte tatsächlich beträchtlich - aufzustocken. Allerdings müsse er im Interesse seiner Geschäftspartner darauf bestehen, dass dann nichts mehr entschieden werden dürfe, solange er es nicht abgesegnet habe."

"Ich nehme an, es wurde nichts aus dem Deal", sagte ich. Auf meinem Schreibtisch lag ein USB-Stick mit sensiblen Daten. Ich legte ihn in die oberste Schreibtischlade und schloss sie ab.

"Ron rastete total aus", erinnerte sich Daniel Heckerling. "Ich habe ihn noch nie so wütend gesehen. Er brüllte so laut, dass die Adern weit aus seinem Hals traten, schrie, Farelli solle sich die vierzig Millionen in den Arsch schieben."

"Wie hat Farelli reagiert?", wollte Luke wissen.

"Er blieb erstaunlich gelassen, sagte nur, Ron solle sich etwas mäßigen, doch damit brachte er meinen Partner nur noch mehr in Rage. Ron betonte, 'Happy' brauche keine Finanzspritze und wies Farelli grimmig die Tür. 'Scheren Sie sich mitsamt Ihrer gottverdammten lichtscheuen Investorenbande zum Teufel!', wetterte er. 'Und wagen Sie ja nicht, wiederzukommen, sonst werfe ich Sie eigenhändig aus dem Fenster.'"

"Ist Farelli abgezogen?", fragte Luke.

Heckerling nickte. "Aber nicht beleidigt, enttäuscht oder gekränkt, sondern mit Stolz und Würde und hoch erhobenen Hauptes. Er legte seine Karte auf den Tisch und sagte, wir sollten uns die Sache in Ruhe durch den Kopf gehen lassen. 'Sie können mich jederzeit erreichen', erklärte er gleichmütig. 'Unser großzügiges Angebot bleibt zweiundsiebzig Stunden aufrecht. Ich bin sicher, dass Sie sich innerhalb dieser Frist bei mir melden und wir zu einer für beide Seiten zufriedenstellenden Einigung kommen werden.' Ron wollte ihm in die Fresse schlagen. Er hätte es getan, wenn ich nicht dazwischen gegangen wäre."

"Könnte ihm Ewan Farelli das so krumm genommen haben, dass er ihm einen Killer ins Penthouse schickte?", fragte mein Kollege.

"Wie ich eingangs erwähnte, will ich den Mann weder anschwärzen noch ihm etwas in die Schuhe schieben..."

"Aber Sie halten es nicht für ausgeschlossen, dass er irgendwie mit dem Mord an Ihrem Partner zu tun haben könnte", sagte Luke.

Daniel Heckerling strich sich mit der Hand über die blonde Igelfrisur. "Ich bin nur hier, damit Sie sehen, dass mir die Aufklärung dieser bestialischen Bluttat sehr wichtig ist."

"Hat Farelli nach dem Mord noch einmal mit Ihnen Kontakt aufgenommen?", wollte ich wissen.

"Nein."

"Wie stehen Sie zu dem Angebot?", erkundigte sich mein Kollege.

"'Happy' braucht kein Geld", sagte Daniel Heckerling entschieden. "Von niemandem. Die Firma steht auf sehr gesunden Beinen."

"Obwohl auf dem Drugstore-Markt – weltweit, wie man weiß - ein erbitterter Verdrängungskampf tobt?", warf ich ein.

Der Ex-Rennfahrer streckte den Daumen hoch und begann aufzuzählen: "Wir punkten seit Jahren mit einer intelligenten Geschäftsphilosophie." Es folgte der Zeigefinger. "Unsere konsequente Marketing-Strategie geht in allen Bereichen voll auf." Ringfinger. "Und wir haben fast überall bessere Standorte als die Konkurrenz."

"Sie haben Ihren Partner verloren...", begann Luke.

Heckerling sah ihn finster an. "Einen anderen wird es nicht geben, Agent Webber. Ron Boyd und ich waren das, was man ein Winning-Team nennt. Wir haben 'Happy' - unser gemeinsames Baby – geschaffen und nutzbringend großgezogen, waren artverwandte Seelen, hatten die gleichen Interessen, Ansichten und Gedankengänge und ergänzten uns gegenseitig optimal. Niemand könnte Ron jemals voll ersetzen, und da es keinen zweiten Ron Boyd gibt, werde ich das Boot von nun an alleine steuern. Allen, die bezweifeln, dass ich das kann, werde ich es in den kommenden Wochen und Monaten beweisen. 'Happy' wird auch ohne Ron nicht untergehen und weiter auf Erfolgskurs bleiben."

Nachdem Daniel Heckerling unser Büro verlassen hatte, meinte Luke mit finsterer Miene: "Wir müssen mit Ewan Farelli reden."

Ich nickte. "Bin ganz deiner Meinung, Partner."

Das Quintett, dem Alexa Wood angehörte, hatte es auf die Einnahmen eines Jahrmarktes in New Jersey abgesehen. Alan Gudgeon schlug vor, den Plan noch einmal gewissenhaft durchzugehen, doch Alexa hatte keine Lust dazu.

"Wie oft denn noch?", maulte sie.

Gudgeon warf ihr einen ärgerlichen Blick zu. Ihre Aufsässigkeit ging ihm auf den Sack. Die Gang befand sich in Harold Sobels kühler Kellerwohnung in Soho. Er hätte sich was Besseres leisten können, hatte aber null Bock auf die Übersiedelungsstrapazen, deshalb blieb er hier wohnen. "Es darf keine Panne geben", sagte Gudgeon.

"Wird es schon nicht", entgegnete Alexa pampig. "Meine Fresse, Alan, wir sind doch keine Idioten, und wir stürmen nicht Fort Knox, sondern bloß ein mickriges Büro. Wir ballern ein bisschen herum, alle scheißen sich in die Hosen, und ehe sie die Angststarre abgeschüttelt haben, sind wir mit dem Zaster über alle Berge."

Alan Gudgeon bestand auf seinem Vorschlag und alle machten mit, nur Alexa nicht. Kein Wunder, dass Gudgeon, der bis vor kurzem mehr oder weniger das Sagen gehabt hatte, den Tag verfluchte, an dem er einverstanden gewesen war, die Gang mit ihr zu verstärken. Zu seiner Entschuldigung hatte er lediglich vorzubringen, dass sie ihn mit ihrer Schönheit geblendet hatte. Bei heißen Weibern rutschte ihm der Verstand immer in die Hose, und er wurde zum schwanzgesteuerten Vollpfosten.

Lange wollte er sich ihre Aufsässigkeit aber nicht mehr bieten lassen. Früher war viel mehr Ruhe im Team gewesen. Seit diese Schlampe dabei war, kam es immer wieder zu unerfreulichen Spannungen.

Stephen Durning nuckelte so unauffällig wie möglich an seinem Flachmann und ließ ihn mit der Geschicklichkeit eines Taschendiebs wieder verschwinden. Harold Sobel rülpste mit satten Tönen und sehnte sich nach einem XXXL-Hamburger. Auch ein XXXL-Hotdog wäre ihm willkommen gewesen. Hauptsache es war was zum Futtern und es war groß. Alan Gudgeon nahm sich vor, nach dem Coup mit seinen Freunden über einen Ausschluss der arroganten, eigensinnigen Tussi zu reden. Er konnte sich nicht vorstellen, dass auch nur einer für Alexas Verbleib stimmen würde. Sie hatten sie inzwischen schon alle ziemlich satt. Und wenn das blöde Stück dann nicht freiwillig ging, würden sie sich mit Gewalt von ihr trennen. Alan Gudgeon hätte keine Skrupel gehabt, sie wie einen Kerl brutal zu vermöbeln. Nicht, nachdem sie gedroht hatte, ihm die Eier abzuschneiden.

Der Jahrmarkt-Coup würde die letzte Zusammenarbeit mit Alexa Wood sein, und danach würden in der Gang endlich wieder Ruhe und Frieden einkehren.

Scheiß Weiber...

Wir gingen Ewan Farelli gehörig auf den Senkel.

Er hatte uns zuerst nicht in sein Haus lassen wollen, obwohl wir ihm unsere echten Dienstmarken gezeigt hatten. Erst als wir verbal in Erwägung zogen, ihn schriftlich ins FBI-Hauptquartier vorzuladen, gab er nach und die Tür frei. Wir trabten zufrieden an ihm vorbei. Er hatte sein Haus teuer eingerichtet, es roch in jeder Ecke nach Geld. Solche Möbel fand man nicht im Kaufhauskatalog. An den Wänden hingen große Bilder zeitgenössischer Künstler (eine gute Wertanlage), und auf dem Boden lagen handgeknüpfte, wertbeständige Orientteppiche aus bester Seide. Eine Fotogalerie zeigte Farelli mit bekannten Größen aus der Finanzwelt, und ich entdeckte hinter diesen Wallstreet-Haien auch zwei Visagen aus der New Yorker Unterwelt. Wenn man das Leben von Don Vito Corleone noch einmal hätte verfilmen wollen – diesmal eventuell in 3D und mit einem griffigen Soundtrack von Hans Zimmer -, wäre Ewan Farelli die Idealbesetzung gewesen. Einen typischeren Movie-Capo hätte ich mir nicht vorstellen können. Schwarzes Haar, dunkelbraune Augen, die charakteristische Spagettifresser-Visage. Er bot uns weder Platz noch etwas zu trinken an, wollte uns im Stehen und so rasch wie möglich abfertigen. Die Namen der Investoren, deren Interessen er vertrat, gab er erwartungsgemäß nicht preis.

"Meine Geschäftspartner möchten anonym bleiben", erklärte er kühl.

Luke sah mich an. "Weil sie Dreck am Stecken haben?"

Zorn funkelte in Farellis Augen. "Wie bitte?"

Luke schüttelte den Kopf und lächelte harmlos. "Oh, nichts, nichts." Er deutete mit dem Daumen auf mich. "Ich habe lediglich meinem Partner eine Frage gestellt. Entschuldigen Sie."

Ewan Farellis feindseliger Blick sagte: "Dich merke ich mir, Scheißbulle!" Gleichzeitig presste er die Lippen fest zusammen, damit ihm keine deftige Beleidigung herausrutschte.

"Sie wollten sich mit vierzig Millionen bei 'Happy' einkaufen", sagte ich.

Farelli nickte. "Das ist richtig, Agent Ryker."

"Warum ausgerechnet bei 'Happy'?", wollte ich wissen.

"Warum nicht?", konterte Farelli.

Ich ließ ihn mit einer entsprechenden Miene wissen, dass mich diese Erwiderung nicht befriedigte.

Also bequemte er sich zu einer etwas ausführlicheren Erklärung. "Meine Geschäftsfreunde haben mich gebeten, ihr Geld in ein gesundes Unternehmen zu stecken, und 'Happy' rangiert auf meiner Liste ganz oben. Marode Betriebe gibt es wie Sand am Meer, aber die meisten lassen sich selbst auf lange Sicht nicht mehr sanieren, so dass eine Investition in solche Firmen einer reinen Geldvernichtungsaktion gleichkommt. Finanztechnisch macht es zwar auch schon mal Sinn, einen Verlust einzufahren, aber im konkreten Fall zielen wir nicht darauf ab."

"Es hat zwischen Ihnen und Ron Boyd ziemlich heftig gekracht", sagte Luke.

Ewan Farelli zuckte mit den Achseln. "Ich habe ihm seinen Wutausbruch nicht übelgenommen."

Luke zog ungläubig die Augenbrauen hoch. "Obwohl er sagte, er würde Sie eigenhändig aus dem Fenster werfen, wenn Sie noch mal wiederzukommen wagten?"

Farelli winkte tolerant ab. "Die Menschen reden viel dummes Zeug, wenn sie zornig sind. Ich bin sicher, er hat das nicht so gemeint. Ich nehme an, ihm hat die Art nicht gefallen, wie ich auftrat."

"Wie traten Sie denn auf?", fragte mein Partner.

"Nicht als Bittsteller", sagte Farelli mit einem leichten Hauch von Arroganz.

"Augenhöhe wäre angemessen gewesen", stellte Luke fest. "Sie haben aber von oben herab agiert."

Da war er wieder, dieser feindselige Dich-merk-ich-mir-Blick. Nur ganz kurz, aber er war mir nicht entgangen. Ewan Farelli mochte offensichtlich keine Bullen. Und ganz besonders konnte er meinen Partner nicht leiden.

Er kniff die Augen zusammen. "Wollen Sie mir sagen, wie ich meinen Job tun soll, Agent Webber?", fragte er frostig.

Luke ging nicht darauf ein. "Ron Boyd sagte: 'Scheren Sie sich mitsamt Ihrer gottverdammten lichtscheuen Investorenbande zum Teufel!'"

"Ich erinnere mich nicht", behauptete Farelli.

"Wenig später ist Boyd tot", sagte Luke.

"Was wollen Sie damit sagen, Agent Webber?", schnappte Farelli.

"Zwei Männer geraten sich in die Wolle", führte mein Partner sachlich aus. "Kurz darauf wird dem einen die Kehle durchgeschnitten. Ich bin FBI-Agent und gezwungen, mir darauf einen Reim zu machen. Was meinen Sie wohl, was dabei herauskommt?"

Ewan Farelli drohte die Beherrschung zu verlieren. Er zeigte auf Luke. "Vorsicht, Mann, Sie bewegen sich auf sehr dünnem Eis."

"Soll heißen?", erkundigte sich mein Kollege furchtlos.

Farelli schwieg.

"Haben Sie mir soeben gedroht, Mr. Farelli?", fragte mein Partner. Er wandte sich an mich. "Hat er mir gedroht, Perry?"

Farelli atmete schwer aus. "Hören Sie, ich habe mit dem Mord an Ron Boyd nicht das Geringste zu tun. Würden Sie das bitte zur Kenntnis nehmen."

"Der Mann war Ihnen im Weg." Luke Webber konnte lästiger als eine Filzlaus sein. "Jetzt gibt es ihn nicht mehr. Kommt Ihnen das nicht gelegen?"

"Nein."

"Was werden Sie jetzt tun, Mr. Farelli?"

"Das muss ich Ihnen nicht sagen", antwortete Ewan Farelli trotzig.

"Werden Sie noch mal versuchen, mit 'Happy' ins Geschäft zu kommen?"

Ewan Farelli wurde allmählich nervös und ungeduldig. "Wir haben inzwischen kein Interesse mehr an diesem Unternehmen."

Luke grinste. "Das behaupten Sie zwar, aber entspricht es auch der Wahrheit?"

Farelli wäre meinem Partner am liebsten an die Kehle gegangen, das sah ich ihm an. Er schloss die Augen und bemühte sich, sich zu beherrschen. Vielleicht zählte er im Geist von hundert herunter. Hundert, neunundneunzig, achtundneunzig, siebenundneunzig...

Er öffnete die Augen wieder und sagte so gefasst wie möglich: "Gentlemen, ich finde, ich habe Ihnen lange genug Rede und Antwort gestanden. Es reicht. Meine Zeit ist kostbar und Sie haben sie schon über Gebühr in Anspruch genommen. Würden Sie nun bitte gehen?"

Luke blieb lästig. "Was haben Sie empfunden, als Sie von Ron Boyds Tod erfuhren, Mr. Farelli?", erkundigte er sich. "Trauer?"

"Wer trauert schon um jemanden, den er kaum gekannt hat?"

"Freude?"

In der Mitte von Ewan Farellis Stirn schwoll eine dicke Zornesader an. "Ich kann mir, ehrlich gesagt, nicht vorstellen, dass Sie viele Freunde haben, Agent Webber."

Bestimmt war Luke in Farellis Augen ein widerlicher Kotzbrocken, dem er mit Vergnügen die Nase ins Hirn gedroschen hätte.

Mein Partner hob scheinheilig die Hände. "Ich mache nur meine Arbeit, Mr. Farelli... Nur meine Arbeit."

Drei Stunden später hatte er eine schicksalhafte Begegnung...

Ich war bei Hugo, einem Deutschen, der auch für Veganer ein Herz hatte und ihnen in einem eigens dafür geschaffenen Bereich seines Restaurants ihre Extrem-Kost servierte. Wendy arbeitete hinter dem Tresen.

Wendy Carryberth...

Sie gefiel mir. Und ich gefiel ihr, wenn mich nicht alles täuschte. Deshalb kam ich öfter mal auf einen Drink vorbei und hoffte, die rothaarige Superhexe irgendwann zu einem Date überreden zu können. Noch hatte ich sie nicht soweit. Das Leben hatte ihr übel mitgespielt. Sie war nacheinander an zwei Arschlöcher geraten, die sie denkbar schlecht behandelt hatten, und nun scheute das gebrannte Kind begreiflicherweise das Feuer. Offenbar befürchtete sie, alle Männer wären so wie Lover 1 und Lover 2. Der zweite Mistkerl hatte ihr auch noch ein Kind gemacht und sie damit dann eiskalt sitzen lassen. Kein Wunder, dass sie von Männern die Schnauze (fast) voll hatte. Sie wusste nicht mehr, wem sie trauen durfte und wem nicht. Wagte sich nicht mehr auf ihre Menschenkenntnis zu verlassen, und ehrliche Typen wie ich hatten das nun zu büßen. Zur Hölle mit L 1 und L 2. Wendy Carryberth hatte eine süße kleine Tochter namens Linda. Vier Jahre alt. Blond gelockt. Ein Sonnenschein. Ihre Großeltern kümmerten sich um sie. Ich durfte schon ein paar Fotos von der Kleinen sehen. Ein Zeichen dafür, dass Wendy anfing mir zu vertrauen.

Ich erwähnte ein Musical, das seit drei Monaten erfolgreich auf dem Broadway lief und für ein Jahr im Voraus ausverkauft war. Wendy zeigte Interesse. Sie hatte schon von dem Stück gehört. Ich deutete an, dass ich eventuell Karten auftreiben könnte. Das konnte ich wirklich. Ich hatte ein paar Kanäle... Aber es wurde nichts daraus, denn ehe wir näher darauf eingehen konnten, klingelte mein Handy und dann...

Tabitha Boone, eine meiner hübschesten Kolleginnen, eine kaffeebraune Schönheit der Extraklasse, versetzte mich in Panik. Sie wollte wissen, wo ich war.

Ich sagte es ihr.

"Es ist etwas Schreckliches passiert, Perry", sagte Tabitha. Ich raste durch die Stadt, ließ die Sirene wie verrückt heulen und knüppelte meinen Dienstwagen hektisch Richtung Norden. Das Pixton Memorial war mein Ziel, eine riesige Bettenburg, die auf schwere Unfälle spezialisiert war. Luke Webber lag dort. Tabitha hatte gesagt, die Ärzte würden verzweifelt um das Leben meines Partners kämpfen.

Verdammt!

"Warum?", hatte ich Tabitha konfus gefragt. Vor kurzem war Luke doch noch völlig in Ordnung gewesen. Als wir uns getrennt hatten, hatte er gesagt, eine weitschichtige Verwandte habe ein Baby bekommen und er müsse für den Nachwuchs irgendein hübsches Geschenk besorgen.

Wir hatten noch geflachst. Ich hatte gesagt: "Wann wirst du denn endlich mal Daddy?"

Er hatte breit gegrinst. "Na ja, wie du weißt, versuche ich es seit Jahren immer wieder und recht intensiv mit wechselnden Partnerinnen, aber es will einfach nicht klappen."

"Vielleicht solltest du es mal ohne Kondom probieren."

"Ist ein echt cooler Tipp, Perry. Wieso bin ich nicht schon längst selbst auf diese geniale Idee gekommen?"

Heilige Scheiße!, hallte es in meinem Schädel. Und jetzt liegt er im Pixton Memorial und alle müssen um sein Leben bangen.

"Was ist passiert, Tabitha?", hatte ich von meiner Kollegin wissen wollen.

"Genaues weiß ich noch nicht, Perry", hatte sie geantwortet. "Er hatte einen Unfall..."

"Mit dem Wagen?"

"Er ist abgestürzt."

"Mit dem Auto?"

"Er war in einem Parkhaus in Queens. Dritte Etage. Er muss Gas- und Bremspedal verwechselt haben. Sein Fahrzeug hat die Absperrung durchbrochen und ist drei Stockwerke in die Tiefe gestürzt."

"Das stinkt, Tabitha. So kann sich das unmöglich abgespielt haben. Luke ist doch kein Vollidiot. Der konnte schon Auto fahren, bevor er noch richtig laufen konnte."

"Ich gebe nur weiter, was man mir gesagt hat, Perry."

Ich erreichte das Krankenhaus, sprang aus dem Wagen und sprintete los.

Ein Mann kam mir entgegen. Einer von der Sorte, die meint, sich um alles kümmern zu müssen. Auch um das, was sie nichts angeht.

"Hey, Mister!", sagte er streng. "Hier können Sie Ihre Karre nicht stehen lassen."

"Ich kann. FBI."

"Das kann jeder sagen."

"Richtig. Aber in meinem Fall stimmt's." Ich ließ mich auf keine Debatte ein, zeigte ihm auch keinen Ausweis, lief einfach an ihm vorbei.

Aus den Augenwinkeln bekam ich mit, dass der Wichtigtuer meinen Dienstwagen samt Kennzeichen mit seinem chinesischen Billig-Handy fotografierte.

Egal, dachte ich. Tu, was du nicht lassen kannst. Die automatischen Glastüren öffneten sich viel zu langsam. Ich wäre beinahe dagegen geknallt.

Sobald ich sie passiert hatte, setzte ich zum Sturm auf den Info-Desk an, nannte der Lady, die dort saß, meinen Namen – also: Special Agent Perry Ryker vom FBI – und wollte wissen, wo sich mein Partner zurzeit befand.

Sie sagte es mir.

"Danke." Ich flitzte davon.

In mir sah es grauenvoll aus. Ich hatte wahnsinnige Angst um Luke. Grundgütiger, wir waren seit Jahren ein Herz und eine Seele, beste Freunde, hatten die gleichen Interessen, waren ein ideal aufeinander eingespieltes Team. Perry Ryker & Luke Webber. Verdammt, das war eine Qualitätsmarke. Eine Firma. Ein Bollwerk gegen das Verbrechen in dieser Stadt. Wir belieferten den Knast laufend mit bösen Buben und manchmal, wenn es sich nicht vermeiden ließ, auch den Leichenbestatter. Die schreckliche Aussicht, meinen Partner zu verlieren, brachte mich fast um den Verstand.

Eine stämmige Krankenschwester stellte sich mir in den Weg. Ich hätte sie beinahe umgerannt.

"Was sind denn das für Manieren?", herrschte sie mich ruppig an.

"Wo ist Luke Webber?"

"Im Aufwachraum."

"Wurde er operiert?"

"Wer will das wissen?"

"Ich möchte ihn sehen", sagte ich.

"Sind Sie ein Angehöriger?"

"Ich bin sein Bruder", behauptete ich. "Fast."

"Was heißt fast?"

"Das heißt, dass Luke und ich fast Brüder sind", antwortete ich ungeduldig. "Er ist mein Partner. Ich bin Special Agent Perry Ryker vom FBI. Hier, mein Ausweis." Ich zeigte ihn ihr und blendete sie mit der blanken Dienstmarke. "Würden Sie mir jetzt bitte aus dem Weg gehen?"

Sie rührte sich nicht von der Stelle. Man hätte einen Bulldozer gebraucht, um sie zur Seite zu befördern. Oder eine Planierraupe, um sie platt zu machen. "Ich darf vorläufig niemanden zu ihm lassen. Tut mir leid. Sie würden ihn ohnedies nur schlafen sehen."

"Wie geht es ihm?"

"Die Operation ist gut verlaufen."

"Was war denn alles kaputt?"

"Ich bin nicht befugt, solche Auskünfte zu erteilen, Agent Ryker."

"Wer ist befugt?"

"Einer der Ärzte, die ihn operiert haben."

"War Luke Webber ansprechbar, als er eingeliefert wurde?"

"Ja."

"Was hat er gesagt?"

Die Krankenschwester machte sich nicht die Mühe, mir etwas sympathischer zu werden. Sie zuckte ernst und abweisend mit den Achseln.

Jeder Mensch kennt ein paar Leute, die er gerne zum Mond schießen würde. Sie war bei mir in der engeren Wahl.

"Das weiß ich nicht", sagte sie schroff.

"Wird er durchkommen?"

Sie seufzte. Ich ging ihr auf die Nerven. "Wenn ich hellsehen könnte, würde ich nicht im Pixton Memorial arbeiten, Agent Ryker."

"Sondern wo?", schnappte ich.

Sie seufzte wieder, und dann kam ihre "bessere Seite" zum Vorschein. "Hören Sie, wir hatten keinen guten Start", sagte sie versöhnlich. "Wollen wir noch mal von vorn anfangen?"

Ich war einverstanden. "Okay."

Ihre Stimme wurde weicher und freundlicher. "Was für Ihren Partner getan werden konnte, wurde getan. Alles Weitere liegt in Gottes Hand."

Ich traute dem unverhofften Waffenstillstand noch nicht ganz, kniff die Augen zusammen und sagte mit leichtem Argwohn: "Es wäre nicht klug von Ihnen, wenn Sie mich jetzt nach Hause schicken würden."

"Das habe ich nicht vor, Agent Ryker." Sie schien es mit ihrem Friedensangebot tatsächlich ernst zu meinen.

"Vielen Dank." Ich entspannte mich und lächelte. "Das ist das erste Plus, das Sie von mir kriegen, Schwester..." Ich schaute auf das Namensschild, das ihren mächtigen Busen zierte. "Schwester Leeza." Ich zeigte auf eine leere Stuhlreihe. "Mit Ihrer Erlaubnis setze ich mich dort hin und warte, bis mein Partner zu sich kommt. Ist das in Ordnung?"

"Ich habe nichts dagegen, Agent Ryker."

Ich fing an, sie zu mögen. Es verging eine Stunde, bis ich endlich zu Luke durfte. Mein Herz krampfte sich zusammen, als ich ihn sah. Er hatte Ähnlichkeit mit einer Mumie aus dem Tal der Könige. Sie hatten ihn aber nicht bloß bandagiert, sondern ihm auch noch eine großzügige Gipspackung verpasst.

Ich war versucht, anzuklopfen und zu fragen, ob Luke auch wirklich da drinnen war. Er befand sich noch im Delirium, war geistig noch nicht ganz zurück. Der Teufel mochte wissen, womit man ihn narkotisiert hatte. Auf jeden Fall hatte ihn das Zeug noch fest in den Krallen.

Schwester Leeza hatte mit erhobenem Finger gesagt: "Zehn Minuten, Agent Ryker."

Ich hatte die Nase gerümpft. "Das ist nicht viel."

"Zehn oder gar nichts."

"Dann eben zehn."

"Anweisung vom Doktor", sagte Leeza, als wollte sie sich entschuldigen.

"Ich werde mich daran halten", versprach ich.

"Sie werden anstandslos gehen, wenn ich Sie dazu auffordere?"

Ich nickte. "Sie können sich darauf verlassen, Schwester Leeza."

"Ihr Partner wird es Ihnen danken."

Jetzt schaute ich in sein Gesicht. Er war blass geworden. Ich nahm an, dass er viel Blut verloren hatte.

Er sah schläfrig aus, hatte Mühe, die Augen offen zu halten, aber er erkannte mich. "Perry", sagte er unendlich müde.

Ich schluckte. "Hi, Partner." Ringsherum tickten, piepsten und zischten Maschinen. "Ich brauche nicht zu fragen, wie es dir geht. Das sehe ich." Ich warf einen Blick auf meine Armbanduhr. Die Zeit galoppierte dahin. "Kannst du mir sagen, wie es dazu gekommen ist?"

Luke begann zu flüstern. Ich verstand nicht jedes Wort, musste froh sein, dass er etwas sagte, dass er überhaupt noch sprechen konnte.

Parkhaus... Dritte Etage... Parkplatz... Motor abgestellt... Wollte aussteigen... Wagen... Hinten... PS-starke Maschine... Stoßstange... Angeschoben... Erfolglos gebremst... Sperre durchstoßen... Absturz...

Das waren die phonetischen Puzzleteilchen, aus denen ich mir eine Geschichte zusammensetzte, die mir nicht gefiel. Mein Freund und Kollege hatte keine Pedale verwechselt. Das wäre für mich auch undenkbar gewesen.

Nein, Luke hatte in der dritten Parkhaus-Etage einen Abstellplatz entdeckt und da seinen Wagen hineinmanövriert. So lief vor meinem geistigen Auge der von meiner Fantasie produzierte Clip ab. Plötzlich hatte ihn ein kraftstrotzendes Vehikel von hinten gerammt, vorwärts und durch die Metallbegrenzung gedrückt und zum Absturz gebracht. Aufprall und... Vergessen.

Ich hakte nach. Die Sekunden rannen mir wie feinkörniger Sand durch die Finger. Ich hätte die zehn Minuten, mit denen mir Schwester Leeza freundlicherweise entgegengekommen war, gerne verdoppelt. Aber wer kann so etwas schon? Die Zeit lässt sich nicht manipulieren. Leider. Oder Gott sei Dank. Ich wollte wissen, welches Fahrzeug meinen Partner in den Tod zu schieben versucht hatte.

Schwarz..., flüsterte er. Und: Hummer...

Ein schwarzer Hummer. Kennzeichen? Das ist kein Wunschkonzert, Perry, sagte ich mir. Und dann erschien die liebe Schwester Leeza. Die stämmige Schwester Leeza. Der schwere Brummer Leeza. Verflucht und zugenäht. Die zehn Minuten waren um. Und Leezas Blick sagte: "Du weißt, was du mir versprochen hast, Süßer." Okay, das letzte Wort ist von mir.

Ich nickte. "Ich gehe schon."

Sie wartete.

Und worauf wartete ich? Dass ein Wunder geschah? Warum ging ich nicht wirklich? Warum blieb ich stehen?

"Ich bin schon weg", sagte ich, um noch ein paar Sekunden herauszuschinden.

Leeza trat zur Seite. Meinem Abgang stand somit nichts mehr im Wege.

Ich schaute in das Gipsloch und damit in Lukes bleiches Gesicht. "Ich komme wieder. Sieh zu, dass du so schnell wie möglich aus diesem Ding raus und wieder auf die Beine kommst, Kumpel."

"Agent Ryker."

"Bin schon nicht mehr da, Schwester."

"Wieso sehe ich Sie dann noch?"

"Keine Ahnung."

Frau..., flüsterte mein Partner. Da war das Wunder, auf das ich gehofft hatte. Hummer... Steuer... Frau...

"Am Steuer des schwarzen Hummer, der mich durch die Metallabgrenzung gedrückt hat, saß eine Frau." Jede Wette, dass Luke Webber das so sagen wollte.

Jetzt ging ich. Ich suchte den Tatort auf und schaute durch die Bresche, die Luke Webbers Wagen hinterlassen hatte, in die Tiefe. Zwei gekreuzte und im Wind zitternde gelbe Plastikbänder "sicherten" die kritische Stelle. Das Auto meines Freundes lag nicht mehr unten. Es war weggeschafft worden. Ich versuchte mir so realistisch wie möglich vorzustellen, was sich hier zugetragen hatte.

Luke kommt rauf, die Frau im schwarzen Hummer folgt ihm, ohne dass dies das Misstrauen meines Kollegen geweckt hätte. In einem solchen Parkhaus ist man nun einmal nur selten allein. Es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Luke lässt sein Auto in die Parktasche rollen, stellt den Motor ab, zieht die Handbremse an, will aussteigen... Da schlägt die Hummer-Lady zu. Luke versucht verzweifelt, die Katastrophe zu verhindern, schafft es nicht... Absturz...

Das Klingeln meines Handys riss mich aus meinen Gedanken. "Ja?", meldete ich mich, während ich von der Öffnung zurücktrat.

"Perry Ryker?", fragte jemand. Frau? Mann? Sowohl das eine als auch das andere war möglich. Die Stimme war extrem leise. Als würde ein Taschentuch sie dämpfen.

"Der bin ich", antwortete ich brummig. "Seit meiner Geburt."

"FBI-Agent Perry Ryker?"

"Und wer sind Sie?", fragte ich misslaunig zurück.

"Schlimme Sache, die da passiert ist."

"Würden Sie etwas lauter sprechen."

"Kann ich nicht."

"Müssen Sie Ihre Stimme schonen?"

"Nehmen wir an, es ist so."

"Was wollen Sie?", schnappte ich unfreundlich. Auf anonyme Anrufer war ich nie besonders gut zu sprechen. Leute, die keine Eier in der Hose haben und nicht zu dem stehen, was sie tun, liegen mir nicht.

"Ihr Kollege hatte mehr Glück als Verstand. So einen Unfall überlebt man normalerweise nicht."

"Das war kein Unfall, sondern ein gottverdammter Mordanschlag", knurrte ich.

"Wie man sieht, lebt man als FBI-Agent ziemlich gefährlich. Ist ja nicht verwunderlich. Fortwährend tritt man irgendjemandem auf den Schlips. Jeder Tag bringt neue Feinde. Man ist zu neugierig, stellt zu viele Fragen, will zu viel wissen. Da kann es schon mal vorkommen, dass einer ausrastet und sich zwei lästige Bullen für immer vom Hals schaffen möchte."

"Spreche ich mit so jemandem?", fragte ich und bemühte mich krampfhaft, die Stimme zu identifizieren? War sie mir bekannt? Hatte ich sie schon mal gehört?

"Sie sprechen mit jemandem, der es gut mit Ihnen meint, Agent Ryker. Halten Sie sich Agent Webbers Schicksal vor Augen und danken Sie Gott, dass es nicht Sie erwischt hat. So etwas kann sich natürlich jederzeit ändern. Sind Sie für einen guten Rat empfänglich? Ich hoffe ja. Nehmen Sie Urlaub oder legen Sie die Hände einfach in den Schoß, Ryker. Geben Sie ab, woran Sie zurzeit arbeiten, oder machen Sie Dienst nach Vorschrift. Wenn Sie sich geschickt anstellen, wird es nicht einmal auffallen. Das höchste Gut des Menschen ist – da sind wir bestimmt einer Meinung - sein Leben. Sie dürfen es behalten, wenn Sie meinen Rat beherzigen."

Das war eine unmissverständliche Morddrohung. Mir lief die Galle über. Ich brauste auf: "Sie gottverdammter..."

"Ich bitte Sie, Agent Ryker. Was soll denn dieser rüde Ton? Wir sind doch kultivierte Menschen. Hören Sie auf, anderen Leuten permanent auf die Nerven zu gehen, sonst stößt Ihnen noch etwas Schlimmeres als Ihrem Partner zu. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie das möchten."

"Sie haben Angst."

"Wovor denn?"

"Mein Partner und ich sind Ihnen in den letzten Tagen offenbar so sehr auf die Pelle gerückt, dass Sie sich gezwungen sahen, etwas gegen uns zu unternehmen, aber wenn ich erst mal in Fahrt bin, kann man mich nicht mehr stoppen", sagte ich leidenschaftlich. "Wer immer Sie sind, wo immer Sie sich verkriechen – ich werde Sie finden und Ihnen eine verdammt hohe Rechnung präsentieren. Es ist bekannt, dass der Mordversuch an einem G-man besonders hart bestraft wird. Machen Sie sich also auf einen elendslangen Zuchthausaufenthalt gefasst. Sie werden steinalt sein, wenn Sie rauskommen. Mir persönlich wäre es allerdings lieber – das können Sie mir sicher nicht verdenken -, wenn Sie im Knast verrotten würden." Alexa Wood stieg geschmeidig aus ihrem Wagen und holte ein Schnellfeuergewehr aus dem Kofferraum. Schwarze Sonnenbrille, schwarzes Tank-Top, schwarze Cargo-Hosen - eine Ikone der Gewalt. So stand sie da. Eiskalt. Zu allem bereit. Zu allem entschlossen. Auch zu killen. Sie sah sich um. Weit und breit war nichts. Kein Haus, kein Baum, kein Strauch. Nur Unkraut und sandiger Boden. Ein idealer Treffpunkt, wenn man nicht auffallen wollte. In Kürze würde der Rest des Quintetts eintreffen, denn heute war "Tag X". Der Tag des großen New-Jersey-Coups. Der Tag, an dem die Jahrmarktleute sehr viel Geld verlieren würden.

Während Alexa auf Alan Gudgeon, Harold Sobel, Ian Reid und Stephen Durning wartete, spielte sie mit dem ketzerischen Gedanken, nach dem Überfall die gesamte Sore an sich zu reißen und damit auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Diese Vorstellung war so verlockend für sie, dass sie sie nicht gleich wieder verwarf. Mal sehen, wie viel wir uns krallen werden, überlegte sie. Davon wollte sie es abhängig machen, ob sie ihre Komplizen durch die Finger sehen ließ oder nicht. Es müsste sich lohnen, sagte sie sich.

Aus nördlicher Richtung näherte sich ein Wagen.

Das Einsatzfahrzeug.

Selbstverständlich geklaut und komplett durchgecheckt, damit es nicht im entscheidenden Moment streikte. Die Karre kam rasch näher. Alexa stemmte lässig ihr Gewehr in die Seite. Der Lauf war gen Himmel gerichtet. Eine extrem gefährliche Amazone, der man nicht trauen durfte. Das würden Alan, Harold, Ian und Stephen schon noch merken. Sie rührte sich nicht von der Stelle, wartete, bis der Wagen sie erreicht hatte, und setzte dann lässig das Gewehr ab.

Gudgeon stieg grinsend aus. "Baby, du siehst wie eine One-Woman-Armee aus. Zum Fürchten."

Alexa warf ihm einen frostigen Blick zu. "Ich bin nicht dein Baby."

Gudgeon breitete die Arme aus und sagte: "Hey, was ist mit dir los? Hast du deine Tage?"

"Ich wüsste nicht, was dich das angeht", schnappte sie.

Harold, Ian und Stephen falteten sich aus dem gestohlenen Wagen. Harold rülpste verhalten und klopfte mit der Faust gegen sein Brustbein. Stephen hatte, wie immer, glasige Augen. Ian hatte Probleme mit seinen neuen Schuhen. Sie drückten. Er hätte sie um eine Nummer größer gebraucht, doch die wären dann kein Schnäppchen gewesen. Er hätte dafür den vollen Preis bezahlen müssen, doch das war für ihn nicht in Frage gekommen, und so hatte der geizige Typ sich eben in die kleinen Treter gezwängt und musste nun leiden.

"Wieso bist du so mies drauf, Alexa?", fragte Alan Gudgeon.

"Bin ich ja gar nicht."

"Na, hör mal..."

"Du hast mich noch nicht erlebt, wenn ich wirklich mies drauf bin."

"Möchte ich auch nicht", sagte Gudgeon.

Durning nuckelte so unauffällig wie möglich an seinem Flachmann. Gudgeon sah es trotzdem. "Damit ist jetzt Schluss, klar?", sagte er scharf.

Durning feixte. "Keine Sorge, Alan. Ich weiß, was ich vertrage."

"Das war bis auf Weiteres dein letzter Schluck, verstanden?", sagte Gudgeon dennoch streng. "Ich möchte nicht, dass du den Coup mit Tunnelblick und verzögerter Reaktionsfähigkeit angehst. Reiß dich zusammen, Mann. Hinterher kannst du dich meinetwegen bewusstlos saufen."

Durning nickte unterwürfig. "Alles klar, Alan."

"Du nimmst ihm den Flachmann besser vorübergehend weg, Alan", meinte Harold Sobel.

Stephen Durning warf ihm einen giftigen Blick zu. "Arschloch."

"Wieso denn?", konterte Sobel. "Wir helfen dir doch nur, nicht wortbrüchig zu werden."

Alan Gudgeon streckte die linke Hand verlangend vor. "Gib her." Er zog mit der rechten seine Pistole.

Stephen Durning trennte sich höchst widerwillig von der Flasche, aber er tat es. Gudgeon warf sie hoch und durchlöcherte sie mit zwei Schüssen.

"Fuck!", platzte es aus Durning heraus.

"Heul nicht", tröstete ihn Alan Gudgeon. "Du kriegst von mir einen neuen Flachmann. Einen richtig schönen. Mit weinrotem Leder ummantelt und einem hübschen Wappen drauf."

In Stephen Durnings Bauch rumorte die Wut, aber er erwiderte nichts.

"Scheiße", sagte Ian Reid. Es ärgerte ihn, dass ihm die Idee erst jetzt gekommen war. "Ich hätte Stephens Schnaps in meine Schuhe kippen sollen, damit sie etwas weicher werden."

"Das ist die Strafe für deinen krankhaften Geiz", spottete Sobel.

Es ärgerte Reid, wenn ihn jemand geizig nannte, wo er doch bloß sparsam war. "Leck mich", knurrte er. 

Sobel machte sogleich grinsend die "Teekanne" und fragte weibisch: "Jetzt gleich, Süßer? Vor unseren Freunden? Okay. Wenn du darauf bestehst."

"Wir müssen los!", warf Alan Gudgeon ein. Er wandte sich an Alexa. "Würdest du mir die Freude machen, neben mir Platz zu nehmen, Prinzessin?", fragte er mit aufreizender Höflichkeit. Dann sah er Harold, Ian und Stephen an. "Ihr drei steigt hinten ein."

Sobel rülpste. Das sollte wohl "Okay" heißen. Man hatte die Jahrmarkteinnahmen 96 Stunden in einem großen, massiven Panzerschrank gebunkert und täglich aufgestockt. Die Endsumme betrug diesmal 255.734 Dollar. Der Safe war schon zu Zeiten des kalten Krieges nicht mehr ganz neu gewesen, leistete aber immer noch beste Dienste. In all den Jahren, die man ihn nun schon verwendete, hatte ihn noch nie jemand zu knacken versucht, und das hatten auch Alexa Wood und ihre Komplizen nicht vor. Das Quintett beabsichtigte – wie das Wasser - den Weg des geringsten Widerstands zu gehen. Dafür war lediglich ein exakter Plan nötig, und den hatten sie. Ihr Zeitfenster war sehr klein, doch es würde reichen.

Man würde die genau abgerechneten und gewissenhaft registrierten Einnahmen kurz vor dem Eintreffen des Geldtransporters aus dem Safe holen und für die Geldboten bereitlegen, und exakt in diesem Moment würden fünf maskierte und bewaffnete Räuber brutal dazwischenfunken und sich rechtswidrig bedienen.

Sie würden den antrabenden Geldboten den Zaster buchstäblich vor der Nase wegschnappen und verschwinden. So war es geplant und so würde es funktionieren, davon war das verbrecherische Quintett felsenfest überzeugt.

Alan Gudgeon warf einen Blick auf die Armaturenbrettuhr. "Der Countdown läuft", stellte er leise fest. Ihr Wagen stand in einer schmalen, düsteren Straße.

Alexa Wood setzte sich die Wollmaske auf den Kopf, zog sie aber noch nicht über ihr schönes Gesicht.

Harold Sobel rülpste mal wieder. "Hab heute Morgen einen coolen Spruch gelesen", sagte er. "'Die Zeit heilt alle Wunden, aber sie ist eine verdammt schlechte Kosmetikerin.'"

Stephen Durning zog die Mundwinkel nach unten. "Passt jetzt zwar überhaupt nicht, aber hat was."

Ian Reid sprach kein Wort. Er war nervös. Seine Handflächen waren kalt und nass. Er wäre schon lieber mit der Beute auf der Flucht gewesen.

"Seid ihr alle okay?", erkundigte sich Alan Gudgeon.

Keiner antwortete.

"Harold?", fragte Gudgeon.

"Ich kann es kaum erwarten, zuzuschlagen."

"Ian?"

Ian Reid schwieg.

"Ian?", wiederholte Gudgeon.

"Ja, verdammt, ich bin okay. Bin okay."

"Stephen?"

"Du schuldest mir einen neuen Flachmann."

"Kriegst du. Gleich morgen." Gudgeon wandte sich an seine Beifahrerin. "Alexa?"

"Mach dir um mich keine Sorgen. Sieh lieber zu, dass du selbst nichts verbockst."

Alan Gudgeon griente. "Du verfügst über einen umwerfenden Charme."

"Fick dich."

"Ich liebe unser hervorragendes Betriebsklima", sagte Gudgeon sarkastisch.

Dann war es soweit. Die Fünf sprangen maskiert und bewaffnet aus dem Wagen und stürmten das Gebäude, in dem das Geld für die erwarteten Boten bereitgehalten wurde. Das kriminelle Quintett brauchte es sich nur noch zu holen. Das Büro mit dem Safe befand sich im Erdgeschoss.

Alan Gudgeon rammte die Tür auf und brüllte: "Hände hoch!"

Die Anwesenden erschraken.

"Keine Bewegung!", rief Sobel.

"Alle an die Wand!", befahl Reid.

"Los! Los! Los!", schrie Durning ungeduldig.

Alexa sagte nichts. Sie ballerte um sich. Das führte zu einer Adrenalin-Überschwemmung, wie es sie in diesen Räumen noch nie gegeben hatte.

Und zu emotionalen Fehlleistungen.

Die vier Männer, die für die Jahrmarkteinnahmen noch bis zum Eintreffen der Boten verantwortlich waren, wollten den Maskierten das Geld nicht kampflos überlassen. Als sie zu ihren Waffen griffen, wurde es für alle Beteiligten verdammt ernst, und es verstrich zudem – was von den Räubern nicht einkalkuliert war - kostbare Zeit.

In wenigen Augenblicken würden die Geldboten eintreffen und sich an der wilden Schießerei beteiligen. Dazu durfte es nicht kommen.

Es krachte fortwährend ohrenbetäubend laut. Unzählige Kugeln schwirrten durch den Raum, schrammten über Schreibtische, zerstörten Leuchtkörper, zerfetzten die Lehnen gepolsterter Stühle, durchbohrten Wände, die so dünn waren, dass man auch dahinter hätte tödlich getroffen werden können. Alexa Wood tötete einen Mann, der grimmig auf sie anlegte, mit einem einzigen Schuss. Er riss die Arme hoch und ließ die Waffe fallen. Aus seinem aufgerissenen Hals schossen dicke Blutfontänen. Er flog zurück, landete zuckend auf dem Boden und erschlaffte. Alan Gudgeon nahm seinen ganzen Mut zusammen, hetzte geduckt durch das Büro, krallte sich die Geldkassetten, ließ sich damit fallen und robbte atemlos zurück. Es staubte. Die Luft stank nach verbranntem Kordit. Harold Sobel ließ pausenlos seine Uzi rattern. Stephen Durning feuerte, ohne zu zielen. Einfach irgendwohin, damit die Gegner in Deckung bleiben mussten. Ian Reid lud hastig seine Waffe nach. Seine Finger zitterten. Mündungsblitze flammten ringsherum ununterbrochen auf. Querschläger jaulten hin und her. Und dann kam es zu einer Katastrophe, mit der keiner gerechnet hatte. Nebenan befand sich – nur von einer zwölf Millimeter starken Gipskartonwand getrennt - eine Küche und dort waren hinter einem Vorhang mehrere Gasflaschen abgestellt.

Eine davon wurde getroffen.

Das genügte.

Eine mörderische Explosion war die Folge. Die gewaltige Druckwelle legte die dünne Zwischenwand um, als bestünde sie aus weicher Pappe, und schwere Aktenschränke krachten auf den Boden. Ein glutroter Feuerhauch fegte durch das Büro und verwüstete es total.

Überall brannte Papier, aber auch Plastik ging in Flammen auf, rauchte und stank. Alan Gudgeon, Harold Sobel und Ian Reid kämpften sich hustend und mit tränenden Augen durch das rauchgeschwängerte Inferno. Stephen Durning folgte ihnen torkelnd und weitgehend orientierungslos.

Alexa Wood war eingeklemmt.

Ein Berg aus Schränken, Tischen und Stühlen ragte hoch über ihr auf. Sie kam nicht frei, so sehr sie sich auch bemühte, hätte Hilfe gebraucht, doch ihre Komplizen scherten sich nicht um sie. Allen war nur wichtig, die eigene Haut zu retten. Sie ließen sie im Chaos zurück. Alexa schrie, tobte, fluchte und verwünschte die verhassten "Freunde", die sie im Stich ließen und ohne sie davonbrausten.

Kaum waren Alan Gudgeon, Stephen Durning, Ian Reid und Harold Sobel mit der Beute abgedüst, traf das gepanzerte Transportfahrzeug ein.

Alexa erstickte fast unter der heißen Wolle. Einer der bewaffneten Geldboten beugte sich plötzlich über sie und zog ihr die Maske vom Kopf.

"Bitte", krächzte sie. "Helfen Sie mir." Schmerz und Anstrengung verzerrten ihre schönen Züge. "Es... erdrückt... mich."

Der Mann handelte sofort. Er schob seine Pistole ins Gürtelholster, riss zwei Stuhle zur Seite, packte mit beiden Händen einen demolierten Schreibtisch aus massivem Holz und stemmte ihn hoch.

Die Sehnen traten dabei weit aus seinem Hals. Er musste sich mächtig anstrengen, um Alexa von der schweren Last zu befreien. Sie kroch hastig darunter hervor, er ließ los, und der Tisch krachte hart auf den Boden.

Zum Dank für seine Hilfe schoss sie ihm das halbe Gesicht weg.  Während der Geldbote sich mit ganzer Kraft dafür eingesetzt hatte, dass Alexa Wood freikam, hatte sie seine Waffe aus dem Holster gezogen und diese aus nächster Nähe auf ihn abgefeuert. Er war nicht einmal dazugekommen, zu erschrecken. Mit dem Aufflammen des Mündungsfeuers war sein Leben erloschen. Ein gnädiger Tod, wie Alexa fand.

Kein langes Siechtum, keine Todesangst.

Peng.

Und aus.

Fette Rauchwaden wälzten sich durch das zerstörte Büro. Es fielen keine Schüsse mehr, aber Verletzte schrien. Alexa stolperte halb blind durch den verwüsteten Raum, erreichte ein geschlossenes Fenster, schlug das Glas mit der Pistole kaputt, stieg auf das Brett und fiel hinaus. Der Aufprall war hart und schmerzhaft, aber Alexa blieb nicht liegen. Das rasch näherkommende Heulen von Polizeisirenen zwang sie, die Zähne zusammenzubeißen und aufzustehen. Den Bullen in die Hände zu fallen war das Letzte, was sie wollte. Sie schob die Waffe des Geldboten hinten in den Hosenbund und schleppte sich auf wackeligen Beinen an überfüllten Müll-Containern vorbei. Einen Moment überlegte sie, ob sie sich dahinter verstecken sollte, doch sie verwarf den Gedanken gleich wieder, weil es hier nicht sicher war.

In Kürze würde es überall nur so von Cops wimmeln. Nein, es war nicht ratsam, hier zu bleiben. Sie musste sich so rasch und so weit wie möglich von diesem Tatort absetzen.

Neugierige kamen ihr entgegen. Sie drehte ihr Gesicht zur Seite und bog um die Ecke. Zwei Feuerwehrlöschzüge brausten an ihr vorbei.

Alexa wurde unverhofft von einem Menschenstrom erfasst und mitgenommen. Sie ließ sich kurz treiben, war für niemanden interessant, wurde geschoben und gestoßen, blieb an einem Geländer hängen und humpelte eine Treppe hinunter. Wenig später saß sie in der U-Bahn und fuhr... Irgendwohin. Allmählich fand sie wieder zu sich selbst und stieg ein paar Stationen später aus.

Da war ein Bus.

Sie stieg ein.

Vier, fünf Haltestellen.

Danach ein kurzer Fußmarsch.

Eine Fahrt mit dem Taxi.

Und irgendwann erreichte sie ihren Wagen – da, wo sie mit ihren Komplizen verabredet gewesen war. Sie sah vor ihrem inneren Auge Alan Gudgeon. "Würdest du mir die Freude machen, neben mir Platz zu nehmen, Prinzessin?", hatte er gesagt. "Arschloch", sagte sie jetzt. "Ich bin fertig mit euch widerlichen Scheißkerlen. Ihr habt mich eiskalt im Stich gelassen. Keiner hat mir geholfen. Es hat nicht viel gefehlt, und ich wäre ins Zuchthaus gegangen. Elende Dreckschweine. Das verzeihe ich euch nie."

Sie schloss ihren Wagen auf und ließ sich müde hinter das Lenkrad fallen. Hass glühte in ihren Augen. Jetzt saß Gudgeon mit den andern wahrscheinlich irgendwo beisammen, zählte die Beute und machte vier Teile daraus. Nur vier, weil es Alexa Wood ja nicht mehr gab. Die war entweder tot oder eingelocht. In beiden Fällen brauchte man sie mit keinem Anteil mehr zu berücksichtigen.

Alexa drehte den Zündschlüssel, startete den Motor, fuhr aber nicht gleich los. In ihrem Kopf herrschte ein heilloses Durcheinander, in das sie Ordnung zu bringen versuchte.

Der Coup lief total aus dem Ruder, dachte sie. Keiner hätte das für möglich gehalten. Auch ich nicht. Wir hatten geglaubt, es würde – fast – ein Spaziergang werden. Eine bestens geplante Rein-Raus-Aktion. Aber... Scheibenkleister. Und zu allem Überfluss gab es auch noch diese verfluchte Explosion. Es hat sich wieder einmal gezeigt, wie gefährlich Gas ist. Ganze Häuser sind schon in die Luft geflogen, und es passieren immer wieder solche Unfälle.

Kupplung.

Erster Gang.

Alexa fuhr nach Hause.

Fünfunddreißig Minuten später stand sie unter der Dusche. Warmes Wasser perlte über ihren geschundenen Körper. Hier Kratzer. Da Quetschungen. Dort Blutergüsse. Ich habe schon mal besser ausgesehen, dachte sie. Wird wohl eine Weile dauern, bis ich wieder ganz in Form bin. Aber ich darf mich nicht beklagen. Es hätte noch viel schlimmer kommen können.

Im Wohnzimmer läutete das Telefon. Alexa blieb unter der Dusche. Egal, wer anrief, sie wollte bis auf Weiteres mit niemandem reden. Ian Reid legte auf, zog grübelnd die Augenbrauen zusammen und gab Sobel dessen Handy zurück. Er hatte vorhin gesagt: "Leih mir mal dein Telefon, Harold."

"Wozu?"

"Ich möchte Alexa anrufen."

"Warum nimmst du nicht dein eigenes Handy?"

"Kein Saft mehr."

"Du Raffzahn willst doch bloß wieder sparen."

"Gib schon her."

Sobel hatte das Mobiltelefon mürrisch herausgerückt.

Details

Seiten
700
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738911770
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v372246
Schlagworte
juli-killer krimis ferien

Autoren

  • Autor: Alfred Bekker

    Alfred Bekker (Autor)

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Titel: Juli-Killer 2017: 8 Krimis für die Ferien