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CHACO #27: Cornejas Rache

2017 120 Seiten

Leseprobe

Cornejas Rache


Ein Western von Hans W. Wiena






IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von W. Herbert Dunton, 2017

Früherer Originaltitel: Das Höllenweib

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Das Konzept von CHACO wurde von Dietmar Kuegler entwickelt.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




Klappentext:

Sie ist die Anführerin einer wilden Horde von zwielichtigen Halunken und Revolvermännern. Eigentlich heißt sie Corneja, aber ihre Kumpane nennen sie wegen ihrem Äußeren nur Big Mamy. Sie ist grausam und rücksichtslos, wenn es darum geht, ihre finsteren Pläne in die Tat umzusetzen. Allerdings hat sie nicht damit gerechnet, dass ihre eigene Bande gegen sie meutert. Daraufhin schwört Corneja Rache - und um dies umzusetzen, sucht sie sich ausgerechnet Chaco Gates aus. Denn der hat ebenfalls Bekanntschaft mit Cornejas Banditen gemacht und mit ihnen noch eine Rechnung offen. Corneja und Chaco beschließen gemeinsam, gegen die Meuterer vorzugehen. Aber da gibt es noch das eine oder andere Hindernis - insbesondere für Chaco ...






Roman:

Hoot Clayborne lehnte lässig am Gatter des kleinen Korrals, in dem etwa sechzehn frisch gefangene Wildpferde schnaubend und dichtgedrängt beieinander standen. Es waren junge, feurige und zähe Tiere. Sie würden einen gehörigen Batzen Geld bringen. Hoot war sicher, dass die Tiere, wenn sie erst einmal ein Brandzeichen trugen und eingeritten waren, eine ganze Menge Käufer mit dicken Brieftaschen anlocken würden.

Er konnte nicht wissen, dass die ersten Interessenten, verdeckt durch einen nahen Hügel, schon in schnellem Galopp auf die kleine Farm zujagten. Allerdings waren sie nicht von der Art, wie Hoot sie sich wünschte. Sie hatten weder dicke Brieftaschen, noch war die Bezeichnung „Käufer“ für sie angebracht.

Die Gruppe bestand aus zehn unglaublich zerlumpten und schmutzigen Männern. Einzig ihre Waffen waren in einem ausgezeichneten Zustand. Sie saßen trotz des scharfen Galopps und des unsicheren Weges locker in ihren Sätteln.

Fast alle lenkten ihre Pferde nur mit der linken Hand. Die Rechte lag in der Nähe ihrer Revolverhalfter oder den abgewetzten Kolben ihrer Waffen.

Angeführt wurde der Trupp von einer Person, die allein durch ihre Erscheinung selbst ausgeglichene und unerschütterliche Männer in erschrecktes Staunen versetzen konnte.

Die Person war ein Weib von ungeheueren Ausmaßen. Fast sechs Fuß hoch, schrankbreit, unglaublich fett und mit einem Kreuz, hinter dem beinahe ihre sämtlichen Begleiter bei einer plötzlichen Schießerei in Deckung gehen konnten. Sie saß auf dem schnaubenden Pferd wie ein wogender Fleischberg.

Sie trug abgewetzte und verlotterte Männerkleidung, die an Schmutz und Gestank jede Vorstellung überbot. Unter dem fleckigen, viel zu engen Hemd tobte ein enormer Hängebusen, der im gleichen Rhythmus wie ihr aufgeschwemmtes. runzliges Gesicht mit den fetten Backen auf und niederschwappte. Um ihre gewaltige Kartoffelnase, die kleinen Schweinsäuglein und den stolzen Damenbart wehte strähniges, farbloses Haar.

Als Hoot Clayborne Hufgetrappel hinter sich hörte, drehte er sich um. Wie immer griff er instinktiv nach seiner Waffe, die in der Halfter an der rechten Seite der Hüfte steckte. Aber diesmal schaffte er es nicht mehr, seinen Revolver zu ziehen. Ein gewaltiges Wesen auf einem Pferd schoss auf ihn zu. Dann raubte ihm ein Schlag gegen den Schädel den Rest der Besinnung, der ihm nach dem Anblick noch geblieben war.

Die Frau hatte den Schlag mit der bloßen Faust geführt. Aber er reichte aus, den Pferdezüchter für eine ganze Weile außer Gefecht zu setzen.

Irgendwann wird Big Mamy mal nicht richtig treffen und ihr eigenes Pferd erschlagen!“, rief einer der Männer, die jetzt auf den kleinen Hof preschten.

Mit einer dunklen, krächzenden Stimme antwortete das Weib.

Wenn du noch einen einzigen Zahn im Maul hättest, würde ich ihn dir für diese Bemerkung aus demKiefer hauen. Corneja trifft mit jedem Schlag! Verstanden? Los, bewegt euch, ihr Hurensöhne und Faulpelze! Sucht den Leithengst heraus und legt ihm einen Strick um den Hals.“

Die Männer gehorchten sofort. In sklavenhafter Untertänigkeit liefen sie auf den Korral mit den Wildpferden zu. Wie ein Feldherr nach siegreicher Schlacht marschierte Corneja, wie Big Mamy hieß, währenddessen umher. In ihrem rechten Mundwinkel hing eine dicke, schwarze Zigarre. Abwechselnd blies sie dicke, stinkende Rauchwolken aus und spie braunen Tabaksaft nach ihren Leuten. Sie schien ein unerschöpfliches Reservoir an Schimpfwörtern und Flüchen zu besitzen, mit denen sie die Männer beleidigte und zu schnellerer Arbeit antrieb.

Als der Pferdezüchter stöhnend aus seiner Ohnmacht erwachte, ging sie auf ihn zu und trat ihm mit ihren harten, ledernen Stiefeln in die Seite. Der Mann krümmte sich vor Schmerz. Er erbrach einen blutigen Brei und stieß gurgelnde Laute aus. Aber sie ließ nicht von ihm ab.

Ich glaube, er hat jetzt genug, Corneja“, sagte einer der Männer, der mit ihr gekommen war und sie schon die ganze Zeit angewidert und mit hasserfüllten Augen beobachtete. Er war fast ebenso groß wie die Frau und mindestens so breit und fett. Ein dicker Fleischwulst umgab seinen Körper wie ein Schwimmgürtel und hing über die Hose.

Corneja ließ den Verletzten in Ruhe und ging drohend auf den Mann zu, der gesprochen hatte. Sie griff nach ihren beiden Revolvern, die rechts und links an ihrer gewaltigen Hüfte in zwei Halftern baumelten. Mit einer übertriebenen Freundlichkeit, die das Drohende und Gefährliche in ihrer Stimme noch steigerte, sprach sie ihn an.

Du bist sehr vorlaut, Geronimo! Niemand schreibt Big Mamy vor, wie sie sich zu verhalten hat. Jedenfalls lebt von denen, die das nicht begriffen haben, keiner mehr, verstanden?“

Sie stieß einen kräftigen Strahl Tabaksaft aus und traf damit den Mann, den sie Geronimo genannt hatte, im Gesicht.

Die Beleidigung raubte Geronimo für einen Augenblick den Atem. Aber er wagte sich nicht zu bewegen. Die beiden Revolverläufe, die Corneja auf ihn gerichtet hielt, wiesen ihn in seine Grenzen. Er wischte sich den stinkenden Speichel aus dem Gesicht und ließ geschlagen den Kopf hängen.

Die anderen Männer entwickelten einen verstärkten Eifer bei ihrer Arbeit, um nicht auch die Aufmerksamkeit ihres gereizten Bosses zu erregen. Big Mamy registrierte es befriedigt.

Los, beweg dich, du Fettwanst!“, sagte sie zu Geronimo. „Da drüben steht eine Ziege. Hol sie her. Ich will mal wieder was Anständiges zwischen die Zähne bekommen.“

Geronimo gehorchte sofort. Er band die Ziege von dem Pflock, an dem sie angebunden war, und zog sie hinter sich her.

Corneja hatte inzwischen ein Bowiemesser aus ihrem Gürtel gezogen. Mit dem Finger fuhr sie an der blitzenden Klinge entlang und prüfte die Schärfe der Schneide. Dann griff sie mit der linken Hand die Ziege am Bart und bog dem meckernden Tier den Kopf nach hinten. Mit einem einzigen, tiefen Schnitt trennte sie die Gurgel durch.

Wie weit seid ihr, Jungs?“, brüllte sie dabei. „Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit. Ich will weiter.“

Die Männer hatten das Leittier inzwischen gefunden. Sie warfen ihm ein Lasso um den Hals und banden das andere Ende am Sattelknauf eines ihrer Pferde fest. Es würde so einfacher sein, die gesamte Herde zusammenzuhalten.

In diesem Augenblick tauchte an der Hausecke eine weitere Frau auf. Sie hatte ein sehr hübsches Gesicht, das von langen goldblonden Haaren, die ihr bis auf die Schulter fielen, eingerahmt wurde. Sie trug einen hellbraunen Rock und ein sauberes weißes Hemd. In der Hand hielt sie einen geflochtenen Korb mit verschiedenem Gemüse.

Es war die Frau des Pferdezüchters, die einige hundert Yards entfernt auf einem kleinen Feld gearbeitet hatte. Sie hatte bisher von dem Überfall nichts bemerkt. Jetzt sah sie plötzlich ihren bewusstlosen Mann und stieß einen angsterfüllten Schrei aus. Sie lief auf ihn zu und achtete weder auf die Männer noch auf Corneja, die ihr mit einer Behendigkeit, die man dem Fleischberg nicht zugetraut hätte, folgte und an den Haaren zurückriss.

Mit schmerzverzerrtem Gesicht drehte sich die junge Frau um und sah in das böse grinsende Gesicht von Corneja.

Seht mal her, was ich für euch gefangen habe, Jungs!“, rief Big Mamy. „Nach guter Arbeit eine gute Belohnung. Was haltet ihr von diesem hübschen Täubchen?"

Die Männer näherten sich der blonden Frau und tasteten sie mit gierigen Augen ab. Einer von ihnen wischte sich den tropfenden Speichel von seinem fast zahnlosen Mund.

Eine gute Überraschung“, sagte er. „Eine wirklich gute Überraschung!“

Mit zitternden Fingern griff er nach den Brüsten der Frau, die klein und fest unter der engen Bluse des Kleides bebten. Die Frau des Pferdezüchters schrie leise auf und wand sich aus dem Griff von Big Mamy. Aber sie versuchte vergeblich, zu entkommen. Sie schaffte jeweils nur ein paar Schritte, dann schnitt ihr einer der Männer lüstern grinsend den Weg ab.

Los, nehmt sie euch vor“, sagte Big Mamy. „Bereitet ihr ein wenig Spaß. Warum lasst ihr sie so lange warten?“

Das aschgraue Gesicht Cornejas hatte Farbe bekommen. Interessiert und sichtlich erregt schaute sie zu, wie die Männer über die junge Frau herfielen.

Corneja weidete sich an der Schändung und den Misshandlungen der jungen Frau. Mit schrillen, spitzen Schreien feuerte sie die Männer an.

Als alles vorbei war, gab Big Mamy den Befehl zum Aufbruch. Sie bestiegen ihre Pferde, banden die tote Ziege an den Sattel und trieben die Wildpferde aus dem Korral. In schnellem Galopp verließen sie das kleine Anwesen.

Keiner von ihnen achtete noch auf den schwerverletzten Mann und die Frau, auf deren geschändeten und reglosen Körper die heiße Sonne erbarmungslos niederbrannte.


*


Chaco zügelte seinen grauen Morgan-Hengst, als er den höchsten Punkt des Hügels erreicht hatte. Er blickte sich um. Wie Perlen, die auf einer unendlich langen Schnur aufgereiht sind, zog sich seine Spur über den ausgedörrten Boden der Chihuahuawüste und verlor sich in der flimmernden, tödlichen Weite.

Liebevoll tätschelte er den verschwitzten Hals des Pferdes. Er hatte einen langen Ritt hinter sich, aber es war ein guter Ritt gewesen.

Die Grenze zwischen Texas und Mexiko bot immer wieder ausgezeichnet Gelegenheit, eine hübsche Stange Geld zu verdienen. Chaco hatte eine solche Gelegenheit genutzt. Zwar war das Geschäft, das er gemacht hatte, von nicht ganz legaler Art, wie es Schmuggelgeschäfte in den seltensten Fällen sind, aber der Erfolg hatte es wenigstens zu einem angenehmen Geschäft werden lassen.

Seine Taschen waren gefüllt. Das Geld würde ihm für einige Zeit viele angenehme Stunden verschaffen können. Das erste, was er sich vorgenommen hatte, war, eine Flasche erstklassigen Whisky ganz langsam durch die ausgedörrte Kehle rinnen zu lassen. Der Staub von vielen Tagen Wüste musste weggespült werden.

Das Nest, das vor ihm lag, trug den Namen Eagle Pass. Es war ein winziges Kaff, das nur aus einer schmutzigen Zusammenballung von verschiedenen Adobelehmhütten und einigen halbzerfallenen Holzhäusern bestand. Doch ein Ort konnte noch so klein sein, einen Whisky würde man sicherlich kaufen können. Entscheidend war, dass man bezahlen konnte, und Chaco konnte bezahlen. Danach würde er sehen, was der Ort noch weiterhin für gute Dollars an Vergnügen zu bieten hatte.

Mit einem leichten Schenkeldruck setzte er seinen Hengst wieder in Bewegung. Er verließ den Hügel und ritt langsam in das Tal hinunter, in dem Eagle Pass lag. Bald passierte er die ersten verstreut liegenden Häuser.

Kein Mensch beachtete ihn. Um diese Tageszeit hielten sich die Bewohner lieber in den Häusern auf, als sich von der trockenen Hitze das Gehirn ausdörren zu lassen.

Die erste Person, die er in Eagle Pass sah, veranlasste ihn aber, sein Pferd mit einem Ruck zu zügeln.

Sie stand mitten auf der Straße und lächelte ihm zu. Blauschwarze Haare fielen in sanften Wellen um ihr bronzefarbenes, bildhübsches Gesicht. Um ihre vollen, rassigen Lippen spielte ein herausforderndes Lächeln, das noch verstärkt wurde durch die Geste, mit der sie jetzt einige Haarsträhnen aus dem Gesicht strich.

Sie trug ein helles, knappes Hemd, bei dem die oberen Knöpfe geöffnet waren und einen Blick auf den Ansatz ihrer wundervollen Brüste ermöglichten. Die enge Hose, die sie trug, formte ihre Hüften und ihre langen, schlanken Beine.

Im gleichen Augenblick, als Chaco sie sah, hatte er den Whisky, den er trinken wollte, vergessen. Er konnte sich nicht daran erinnern, schon jemals ein derartig schönes Mädchen gesehen zu haben. Er ließ sie keinen Moment aus den Augen, als sie jetzt mit anmutigen, wiegenden Bewegungen auf ihn zukam. Sie lehnte sich gegen den Hals seines Pferdes. Wie zufällig legte sich ihre Hand sanft auf seinen Schenkel.

Sie hatte eine dunkle, warme Stimme, und dennoch klang Mädchenhaftes und Jugendliches in ihr mit.

Mein Name ist Eugenia Cagrino, Mister. Bitte entschuldigen Sie mich, wenn ich Sie aufhalte. Aber ich flehe Sie an, helfen Sie mir. Ich brauche Ihre Hilfe, ich bin am Ende." Das Feuer war aus ihren Augen verschwunden. Ein dünner Tränenschleier hatte die Glut geschwächt.

Ich habe meine Eltern vor vielen Jahren bei einem Überfall verloren“, fuhr sie fort. „Ich war damals gerade erst zwölf Jahre alt. Es war schrecklich. Ich musste mit ansehen, wie die Mörder beide mit ihren Messern töteten.“

Sie schlug die Hände vors Gesicht und ließ ihren hübschen Kopf gegen den verschwitzten Hals des Pferdes sinken. Sie schüttelte sich wie bei leichten Krämpfen. Offensichtlich hatte die Erinnerung sie übermannt. Sie weinte.

Chaco hob ihren Kopf. Sie blickte ihn flehentlich an, aber Chaco konnte keine Tränen entdecken. Er glaubte ihr nicht. Sie hatte gesagt, sie sei am Ende. Doch war sie zu hübsch, um verzweifelt zu sein.

Der Überfall ist jetzt fünf Jahre her", fuhr sie fort. „Ich habe damals bei einem Mann hier in Eagle Pass Arbeit gefunden. Bezahlt hat er mich die ganzen Jahre nicht. Er hat mich gequält und geschlagen. Ich musste von früh bis spät in die Nacht arbeiten und bekam nur wenige Reste von seinen eigenen Mahlzeiten."

Chaco sah auf ihre Hände, die sich ihm bittend entgegenstreckten. Sie hatte schmale, feingliedrige Finger. So sahen ganz bestimmt nicht Hände aus, die von früh bis spät hart arbeiten mussten. Er hielt das ganze für einen Trick. Für den simplen Trick eines Freudenmädchens, einen Fremden wie ihn auszunehmen. Aber er war nicht abgeneigt, das Spiel mitzuspielen. Der Whisky konnte warten.

Ich nehme an“, sagte Chaco, „dein Arbeitgeber hat dich vor die Tür gesetzt. Du bist jetzt völlig mittellos und hast keinen Menschen mehr.“

Sie war einen Augenblick überrascht.

Woher wissen Sie das, Mister?“, fragte sie. „Ja, das stimmt. Bitte helfen Sie mir. An wen soll ich mich sonst wenden?“

Chaco sah sich um. Die Stadt schien menschenleer zu sein. Es gab außer ihm wirklich keinen, an den sie sich wenden konnte. Und wenn es doch noch einen geben sollte in diesem gottverlassenen Nest, dann würde es sich gewiss nicht lohnen.

Bitte sagen Sie nicht nein, Mister“, flehte sie. „Wenn Sie mir helfen, werde ich alles für Sie tun. Was Sie wollen.“

Nenn mich nicht immer Mister“, sagte Chaco. „Ich bin kein Mister. Was das zweite betrifft, ich glaube schon, dass wir uns beide helfen können.“

Chaco stieg vom Pferd. Das Angebot des Mädchens kam ihm nicht ungelegen. Es war inzwischen schon einige Wochen her, dass er das letzte Mal eine Frau gehabt hatte. Dazwischen lagen etliche Wochen harter Arbeit. Doch jetzt hatte er Zeit dafür und auch das nötige Geld.

Er führte sein Pferd am Zügel weiter in die Stadt hinein. Das Mädchen ging neben ihm. Er brauchte nicht lange zu suchen. Das Mädchen selbst deutete auf ein fast verblichenes Schild, das an einem alten Holzhaus über der Tür angenagelt war. „Black Angel Hotel“ las Chaco. Ihm gefiel der Name.

Er band sein Pferd an dem Holm davor an und betrat den Empfangsraum. Der Raum war sehr spärlich eingerichtet. Leute, die hier einkehrten, am Rande der Chihuahuawüste, legten keinen Wert auf pompöse Ausstattung.

Chaco ging zu einem niedrigen Tisch, hinter dem ein kleiner, hagerer Mann in einem riesigen Sessel schlief. Chaco zog zwei Dollarnoten aus seiner Tasche, klemmte sie dem Mann hinter die viel zu breiten Hosenträger und nahm einen der Schlüssel, die an einer Nagelreihe hinter dem kleinen Tisch hingen. Danrf ging er mit dem Mädchen die gewundene Treppe hinauf, die zu den Gästezimmern führte. Er suchte die Zimmernummer, die das Schild an seinem Schlüssel angab, und schloss auf.

Sie achteten beide nicht auf den muffigen Geruch, der ihnen entgegenschlug. Sobald Chaco die Tür hinter sich geschlossen hatte, schmiegte sich das Mädchen an ihn. Durch das Hemd fühlte er ihre Brüste mit den steil aufgerichteten Spitzen und spürte den drängenden Druck ihrer Hüften gegen die seinen.

Sie hob den Kopf und bot ihm ihre vollen Lippen. Als er sie küsste, bemerkte er ihre Gier und ihre Erfahrung.

Ohne die Umarmung zu lösen, öffnete er die restlichen Knöpfe ihres Hemdes. Sanft liebkosten seine Hände ihren nackten Oberkörper und ertasteten die Rundungen, die er viele Wochen entbehrt hatte.

Die Augen halb geschlossen, genoss sie stöhnend sein Streicheln. Er streifte ihre restlichen Kleidungsstücke ab und bewunderte den samtenen Bronzeton ihrer Haut, der ihren wohlgeformten und harmonischen Körper noch anziehender erscheinen ließ.

Chaco achtete nicht auf das Getrappel vieler Pferdehufe, das sich dem Hotel näherte. Während das Mädchen ihm die Kleidung öffnete und abstreifte, zog er sie auf das Bett. Ihre Erregung steigerte sich immer mehr, und auch Chaco vergaß alles und ließ sich von den Genüssen des Augenblicks mitreißen.

Er hörte nicht das Lärmen, Drohen und Lamentieren der Männer, die in das Hotel eindrangen. Sie rissen den schlafenden Hotelbesitzer aus dem Sessel und weckten ihn mit einem Hagel von Ohrfeigen. Der gute Mann war völlig überrascht, so plötzlich aus dem Schlaf gerissen zu werden. Er dachte nicht an Gegenwehr. Allerdings hätte ihm das auch nicht viel genützt, da die Übermacht zu groß war.

In der Eingangshalle des Black Angel standen etwa fünfzehn Mexikaner. Fast alle trugen schwarze Hosen und weite bunte Hemden, die an den Hüften mit Tüchern zusammengebunden waren und in denen Revolver oder Messer steckten. Einige waren mit Flinten bewaffnet.

Der Anführer, ein hünenhafter Mann mit langem, schlohweißem Haar kam auf den Hotelbesitzer zu, hob ihn spielend hoch und setzte ihn hart auf den kleinen Tisch.

In welches Zimmer ist Eugenia verschleppt worden?", fragte er. Seine Stimme klang drohend.

Eugenia? Wer ist Eugenia?“, fragte der Hotelbesitzer hilflos. Er war sich immer noch nicht ganz sicher, ob er wirklich wach war.

Eugenia Cagrino“, sagte der Mexikaner. Er warf sich bei dem Namen „Cagrino“ in die Brust. Seine Stimme klang stolz. „Wage nicht zu leugnen, Mann! Wir haben gesehen, dass die kleine, unschuldige Eugenia von einem brutalen Entführer in dieses Haus verschleppt worden ist. Er wird büßen müssen für alles Leid, das er dem jungen, kleinen, süßen Geschöpf angetan hat.“

Der Hotelbesitzer starrte den Hünen mit einem dümmlichen Grinsen an. Er begriff nichts mehr. Der Mexikaner hatte plötzlich das Geld unter dem Hosenträger des Mannes entdeckt. Mit einem schnellen Griff nahm er es an sich und wedelte mit den Scheinen in der Luft.

Ha! Blutgeld!“, rief er. „Was ist das? Wer hat das bezahlt? Keine Gäste, sagst du? Kein Geld, sagst du? Ich, Ernesto Mendoza Cagrino sage, du lügst!"

Sein Gesicht hatte sich immer mehr dem Gesicht des Hotelbesitzers genähert. Jetzt berührten sich fast ihre Nasenspitzen. Dem Hotelbesitzer standen dicke Schweißperlen auf der Stirn und Oberlippe. Er war einfach nicht in der Lage, diese ganze Sache zu begreifen. Mit einer schnellen Drehung versuchte er nach hinten zu entkommen. Aber seine Bewegung war nicht schnell genug.

Der hünenhafte Mexikaner fasste ihn am Kragen und hob das schmächtige Männchen hoch. Hilflos zappelte es an dem ausgestreckten Arm des Riesen. Dabei fiel sein Blick auf das Schlüsselbrett hinter dem Tischchen. Die langen Jahre, die er in diesem Hotel gearbeitet hatte, hatten seine Augen dafür geschult, sofort zu erkennen, ob ein Schlüssel fehlte. Und es fehlte tatsächlich einer. Obwohl er immer noch nichts begriff, murmelte er die Zimmernummer. Sofort ließ ihn der Mexikaner fallen, und er plumpste in den Sessel zurück.

Die Mexikaner stürmten die Treppe hoch. Sie fanden die gesuchte Tür und blieben davor stehen. Sie warteten auf ihren Anführer, der ihnen gemächlich, seiner Sache völlig sicher, folgte. Er hob seinen Fuß und trat mit einem gewaltigen Tritt die Tür ein.

Das Splittern des Holzes ließ Chaco im Bett zusammenfahren. Ohne zu

wissen, was geschah, versuchte er seinen Colt zu erreichen. Doch bevor er auch nur seinen Arm heben konnte, wurde er aus dem Bett gezerrt und von groben Fäusten getroffen. Die Männer stießen ihn auf einen Stuhl und pressten ihm die Läufe ihrer Flinten in die Seite. Es empfahl sich für ihn, in dieser Situation auf Gegenwehr zu verzichten.

Eugenia war mit einem schamhaften Schrei unter der Bettdecke verschwunden. Jetzt blickte sie mit funkelnden Augen und erhitzten Wangen auf die Eindringlinge.

Der Anführer der Mexikaner ging auf das Bett zu, fasste mit einer Hand die Bettdecke und riss sie mit einem kräftigen Ruck zurück. Nackt und wunderschön lag das Mädchen auf dem weißen Laken. Verzweifelt versuchte sie, ihre Blöße zu bedecken.

Mit einer theatralischen Geste schlug sich der Mexikaner die Hand gegen die Stirn.

Welch eine Schande!“, jammerte er. „Meine kleine, unschuldige Tochter, verführt, vergewaltigt..

Chaco schüttelte den Kopf. Er hatte nicht den Eindruck, dass die Worte „unschuldig“ und „vergewaltigt“ die passenden waren. Er war ganz sicher nicht der erste Mann in ihrem Leben, und verführt hatte eher sie ihn als umgekehrt. Wenn nicht drei drohende Schrotflinten in seiner Seite ein unangenehmes Gefühl ausgelöst hätten, hätte er wohl ein Lachen zustande gebracht.

Der Mexikaner riss das Mädchen aus dem Bett und stellte es auf die Beine. Mit zwei kräftigen Ohrfeigen rötete er ihre Wangen noch stärker, als sie es schon waren.

Warum bist du hier?“, fragte er. „Warum bist du im Bett? Warum bist du nackt?“

Chaco dachte sich, dass die Antwort auf all diese Fragen gar nicht so furchtbar schwer war. Aber das Mädchen antwortete nicht. Weinend war es auf die Bettkante gesunken und presste die Bettdecke an sich. Aber der hünenhafte Mexikaner wollte eine Antwort.

Kannst du nicht sprechen? Warum sagst du nichts? Oh, welche Heimtücke! Furchtbare Schande! Eugenia, hat er dich verführt? Hat er dich in dieses schmutzige Zimmer gezerrt? Hat er dir die Kleider vom Leib gerissen und dich auf das Bett geworfen? Eugenia, antworte! Ich, dein Vater, verlange eine Antwort!“

Er fasste sie bei den Schultern und schüttelte sie hin und her.

Das Mädchen blickte ihn an. Das hübsche Gesicht war von Tränen verschmiert. Sie nickte.

Es war so“, stammelte sie unter Tränen, „es war so, wie du sagst. Verzeih mir. Verzeih mir nicht. Oh, es war so furchtbar.“ Ein neuer Schwall Tränen unterbrach sie.

Chaco war überrascht. Er hatte ganz und gar nicht den Eindruck gehabt, dass sie alles als so furchtbar empfunden hatte. Wäre er zum Wetten hier gewesen, hätte er auf das Gegenteil gesetzt. Aber er war nicht zum Wetten hier. Er befand sich immer noch vor drei geladenen Schrotflinten, und die Hähne waren gespannt. Die Männer, die zu den Fingern am Abzug gehörten, starrten ihn mit schwarzen Augen an. Sie waren auch nicht zum Wetten hier. Warum sie hier waren, begriff Chaco noch nicht so ganz.

Der Riese mit den schlohweißen Haaren kam jetzt auf Chaco zu. Er ging etwas gebückt, so dass sein Gesicht fast auf gleicher Höhe wie Chacos war. Er sah aus wie ein wilder, gereizter Grizzly, der zum Angriff übergeht. Chaco fühlte sich dadurch nicht wohler.

Du weißt, was du getan hast, Schamloser!“, sagte der Grizzly. „Meine junge, unschuldige Tochter hast du verführt! Weißt du, was das bedeutet?“

Chaco wollte antworten. Aber der Grizzly schien nicht an einer Antwort interessiert zu sein.

Wir werden beraten. Du wirst mit uns gehen, dann werden wir beraten. Auf den Cagrinos liegt keine Schande und wird nie eine Schande liegen. Wir werden beraten und dann, hör mir zu, mir, Ernesto Mendoza Cagrino, dann wirst du dich dem Urteil beugen. Du wirst dich beugen, gleich wie es ausfällt. Du wirst dich beugen, so wahr ich ein Cagrino bin.“

Auf ein Zeichen des Grizzlys hin wurde Chaco gefesselt und aus dem Hotel getragen. Die Stricke schnitten ihm schmerzhaft ins Fleisch, aber Chaco war den Männern dankbar, dass sie ihm vorher wenigstens Gelegenheit gegeben hatten, seine Hose anzuziehen. Die Mexikaner banden ihn auf seinem Pferd fest.

Chaco sah, wie der Hüne und das Mädchen Eugenia aus dem Hotel kamen. Die Tränen waren verschwunden, Eugenia sah wieder so reizvoll und verführerisch aus wie in dem Augenblick, in dem Chaco sie zum ersten Mal auf der Straße gesehen hatte. Auch aus dem Gesicht von Ernesto Mendoza war die Verzweiflung und Trauer verschwunden, die er noch im Hotelzimmer gezeigt hatte.

Die beiden bestiegen ebenfalls ihre Pferde. Chaco konnte sich nicht erklären, woher das Mädchen plötzlich ein Pferd hatte. Als sie das Hotel betreten hatten; war nirgendwo ein Pferd zu sehen gewesen. Noch etwas anderes machte Chaco stutzig. Als Eugenia und Ernesto an ihm vorbeiritten, hörte er, wie der Hüne zu dem Mädchen sprach. Chaco konnte nicht jedes Wort genau verstehen, lediglich den Satz:

Alles gut, ich sagte nichts. Aber warum ein Halbblut? Was willst du mit einem Halbblut? Warum so was? Warum ausgerechnet ein Halbblut?“

Als sie losritten, waren in Chacos Kopf nur Fragen und keine Antworten. Hätte er gewusst, was ihm noch alles bevorstand, wäre er wahrscheinlich nicht so ruhig mit den Mexikanern geritten. Dann hätten ihn weder die Fesseln noch die drei geladenen Schrotflinten daran gehindert, seinem Pferd so fest wie möglich die Hacken in die Seiten zu schlagen, um sein Heil in der Wildnis zu suchen, da wo sie am einsamsten ist.


*


Als sie das Lager erreichten, wurde es Abend. Die Sonne verschwand langsam in einem goldenen Kranz hinter den fernen Hügeln und warf lange Schatten. Die ersten Nachtvögel schüttelten sich unter noch müdem Gekrächze den Schlaf aus dem Gefieder.

Chaco hatte schon länger gewusst, dass sie sich dem Lager näherten. Der Geruch von Feuer und gebratenem Fleisch lag unverkennbar in der milden Luft. Jetzt sah er die bunten Wagen, die Ponys, einige Schafe und Ziegen und die Maultiere der Mexikaner.

Der Anblick war ungewohnt. In der Wildnis ist jeder darauf bedacht, möglichst unauffällig und getarnt aufzutreten, da er niemals wissen kann, ob hinter dem nächsten Busch oder Baum oder Stein ein Freund oder Feind hockt. Wer zuerst gesehen wird, muss beten, wer zuerst sieht, kann entscheiden, ob das Gebet erhört wird.

Nicht so die Mexikaner. Ihre farbenprächtig bemalten Wagen, die Schimmel, die selbst in der schwärzesten Nacht nicht zu verbergen sind, und ihre Art, ein Feuer so zu entfachen, dass es schon zehn Meilen gegen den Wind von einem Mann mit Heuschnupfen gerochen werden kann, passten einfach nicht in dieses Land. Oder aber gerade diese ihre Art hatte ihr Überleben bisher gesichert, da bei einem solchen Auftreten sich niemand vor ihnen zu fürchten brauchte.

Chacos Einzug in das Lager wurde von Flüchen und Schreien begleitet. Alte, zahnlose Weiber, die mit schwarzen Tüchern, Röcken oder Hosen bekleidet waren, hüpften keifend um ihn herum, zerrten an seiner Kleidung, kniffen ihn oder spuckten in sein Gesicht. Auf einen dröhnenden Befehl des Anführers hin zogen sie sich zurück und beschränkten sich darauf, ihn aus der Ferne zu beschimpfen.

Einige Männer hoben Chaco vom Pferd und fesselten ihn an einen der Wagen. Der Hüne kam auf ihn zu.

Wir werden jetzt beraten“, sagte er. „Es wird nicht lange dauern, da es nur zwei Möglichkeiten für das Verbrechen gibt!“

Für welches Verbrechen?", fragte Chaco. Es regte sich in ihm zwar ein bestimmter Verdacht, aber er wollte Gewissheit haben.

Du musst für die Schande sühnen, die du den Cagrinos angetan hast“, antwortete der Mexikaner. Damit drehte er sich um und verschwand. Chaco blieb allein zurück. Er befürchtete, erneut von den alten Hexen attackiert zu werden, aber sie verhielten sich ruhig.

Schon nach kurzer Zeit kehrte der Riese zurück. Er wurde von drei uralten Mexikanern begleitet. Die Gesichter der Alten waren faltenreicher als die Rocky Mountains.

Hinter ihnen stand Eugenia und blitzte Chaco mit verführerischen Blicken an. So gerne Chaco solche Blicke mochte, im Augenblick schienen sie ihm unpassend.

Als sich der Hüne kurz nach Eugenia umdrehte, schlug sie züchtig die Augen nieder. Dann verkündete er den Beschluss, den sie gefasst hatten.

Du hast die Ehre meiner Tochter Eugenia verletzt. Sie ist eine Cagrino, also hast du auch die Ehre der ganzen Cagrino-Sippe verletzt. Wir wissen nicht, mit welchen üblen Tricks du meine kleine, unschuldige Tochter in das Hotel der Schande verschleppt hast. Wahrscheinlich hast du ihr die Ehe versprochen. Der Rat der Alten hat entschieden, dass es nur so gewesen sein kann, und Eugenia hat es bestätigt.“ Er legte eine wirkungsvolle Pause ein. „Nun gut, ich habe mich schweren Herzens dazu durchgerungen, deinen Wunsch zu erfüllen. Du wirst meine Eugenia heiraten. Dann ist es keine Schande mehr, dann ist keine Ehre verletzt worden, dann ist die Cagrino-Sippe weiterhin eine stolze Familie.“

Chaco machte in diesem Augenblick das dümmste Gesicht seines Lebens. Es dauerte einige Zeit, bis er den ganzen tiefen Sinn der Worte begriffen hatte. Doch dann ging es blitzschnell, und er hatte die ganzen Zusammenhänge begriffen.

Eugenia war nicht mehr unschuldig, das hatte er erfahren. Er war wohl auch nicht der zweite Mann in Eugenias Leben gewesen und auch noch nicht der dritte oder vierte. Eugenias Lebenswandel entsprach nicht mehr den Vorstellungen von Sitte und Moral, die die Mexikaner hatten. Also musste sie unter die Haube gebracht werden. Chaco war blindlings in die Falle getappt. Doch er erinnerte sich daran, dass der Anführer davon gesprochen hatte, dass es zwei Möglichkeiten gäbe, die Schande, wie er sagte, wiedergutzumachen. Chaco war brennend an der zweiten interessiert.

Du hast von zwei Möglichkeiten gesprochen“, sagte Chaco mit etwas belegter Stimme. „Was ist die zweite Möglichkeit?"

Die Antwort des Hünen bestand nur aus einem Wort.

Ameisen!“

Chaco erinnerte sich daran, dass er einmal ein Pferd gesehen hatte, dass sich die Vorderläufe gebrochen hatte und in einen Ameisenhaufen gestürzt war. Es hatte keine halbe Stunde gedauert, bis nur noch das nackte Gerippe zu sehen war. Chaco entschied sich also für die erste Möglichkeit.

Einige der Mexikaner liefen daraufhin auf ihn zu, banden ihn los, legten ihm goldene Ketten und Schmuck der verschiedensten Art an, flößten ihm dicken, süßen Wein ein und führten ihn zum Feuer.

Eugenia trug inzwischen ein weites weißes Kleid. Alles war bereits vorbereitet. Weißes Kleid, ein Zeichen der Unschuld.

Chaco hätte lauthals loslachen können, aber da er selbst betroffen war, kam ihm das Lachen unpassend vor.

Nach dem Ritus der Mexikaner begann die Trauung. Das Oberhaupt der Sippe, der Hüne mit den langen weißen Haaren, trat in den Lichtschein des flackernden Feuers und legte die Hände des jungen Paares ineinander.

Chaco zögerte, aber dann spürte er den Lauf der doppelläufigen Schrotflinte in seinem Rücken. Ohne sich umzudrehen, wusste er, dass beide Hähne gespannt waren. Als er an das Pferd im Ameisenhaufen dachte, gab er seinen Widerstand auf.

Die Cagrino-Sippe freut sich, dass du, Eugenia, dich dazu entschlossen hast, unserer Familie neue, starke Nachkommen zu gebären. Das Halbblut, gehört zwar nicht...“

Der Mexikaner wurde unterbrochen. Mit herausfordernder Stimme fiel ihm Eugenia ins Wort.

Ich habe mich nicht dazu entschlossen, neue, starke Nachkommen zu gebären. Ich habe ihn mir ausgesucht, weil er neu ist und stark, und weil ich mit ihm viel Spaß haben kann. Der Anfang im Hotel war jedenfalls recht vielversprechend.“

Mit einer blitzschnellen Bewegung schoss die Hand Ernestos auf Eugenias Wange zu und hinterließ einen flammenden Abdruck seiner Hand.

Du bist ein verworfenes Geschöpf, Eugenia!“, stieß er mit wutverzerrtem Gesicht hervor. „Ich werde dich verstoßen. Du bist meine Tochter. Aber du bist kein Mitglied unserer Sippe mehr. Die Cagrinos verstoßen dich. Sie verbieten dir, dich künftig Cagrino zu nennen. Ich, Ernesto Mendoza Cagrino, habe keine Tochter mehr.“

schlug beide Hände gegen den Kopf und verschwand. Einer nach dem anderen folgte ihm. Nur Chaco und seine Frau Eugenia blieben im flackernden Schein des Feuers zurück.

Chaco hockte sich hin und stützte seinen Kopf in die Hände. Diese Situation war für ihn neu. Er musste nachdenken. Eugenia setzte sich zu ihm und strich sanft über seinen Rücken. Chaco war ihr dankbar dafür, dass sie nicht sprach.

Hier sind Lebensmittel für ein paar Tage. Wir werden weiterziehen und euch hier zurücklassen. Ihr seid verstoßen.“ Der Hüne warf Chaco einen Sack zu. „Wagt nicht, uns zu folgen!“

Das nächste, was Chaco hörte, war das Ächzen und Stöhnen von Wagenachsen und Deichseln. Die Sippe zog weiter. Langsam brannte das Feuer nieder. In der Dunkelheit hockte ein jung verheiratetes Paar. Ein Halbblut und eine Mexikanerin. Sie sprachen nicht. Sie starrten in die verlöschende Glut.


*


Big Mamy ließ sich vom Pferd gleiten und plumpste stöhnend auf den Boden. Mit ausgebreiteten Armen blieb sie so einige Zeit liegen. Dann setzte sie sich auf und sah sich nach ihren Leuten um.

Wir werden heute Nacht hierbleiben. Es reicht mir für heute. Es war ein guter Tag. Er hat mir gefallen. Aber jetzt brauche ich Ruhe. Treibt die Pferde in einem Seilkorral zusammen. Geld gibt’s erst morgen."

Die Männer verbanden einige Bäume mit den Stricken und trieben die gestohlenen Wildpferde hinein. Den Leithengst banden sie in der Mitte an der kräftigen Wurzel eines riesigen Wacholderstrauches fest. Ohne ihn würden die Tiere nicht ausbrechen.

Geronimo hatte die tote Ziege mit den Hinterläufen an einen niedrigen Ast gehängt und begann sie zu enthäuten. Das Feuer brannte, ein kräftiger Spieß war geschnitten, an dem sie das Tier braten konnten. Das Rumoren in den Mägen der Männer würde bald gestillt werden können. Danach, dachte Geronimo, müssen noch einige Kleinigkeiten mit Big Mamy geklärt werden. Er hatte die Beleidigung am Morgen noch nicht vergessen. Gekonnt löste er in einem Stück das Fell von der toten Ziege.

Big Mamy stieß nach dem Essen einen tiefen und lang anhaltenden Rülpser aus, der sich wie der Todesschrei eines Büffels anhörte. Erschreckt flatterten einige Vögel aus ihren Nestern auf und verschwanden in der Nacht. Sie würden sich ein neues Revier suchen. Dann öffnete Corneja die Verschnürung ihrer Lederstiefel und zog sie aus. Vollkommen verdreckte Strümpfe, die mehr aus Löchern als aus Stoff bestanden, wurden frei.

Wir sind dir dankbar, Mamy, dass du damit wenigstens bis nach dem Essen gewartet hast“, sagte einer der Männer grinsend. „Den Gestank, der jetzt von dir ausgeht, kann man ja fast schon schmecken."

Du dreckiger Bastard, ich reiß dich in Fetzen! Wie kannst du Hurensohn es wagen, die Füße einer Dame zu beleidigen!“

Corneja schleuderte einen ihrer Stiefel hinter dem lachend flüchtenden Mann her.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738911732
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v372101
Schlagworte
chaco cornejas rache

Autor

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Titel: CHACO #27: Cornejas Rache