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Ritt durch die Hölle

2017 120 Seiten

Leseprobe

RITT DURCH DIE HÖLLE


LARRY LASH


Western


IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E‑Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Titelbild: Nach einem Motiv von C.M. Russell, 2017

Korrektorat: Kerstin Peschel

Früherer Titel: Brigade der Verfemten

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




Klappentext:


Wie weit gehen Menschen im Kampf um die alleinige Macht oder um andere zu beherrschen? Horty Lonestar kennt die Antwort – VIEL zu weit!

Auf seinem Weg quer durch Sioux-Land, mit einem besonderen Auftrag versehen und auf der Suche nach den Mördern seines Halbbruders, stößt Lonestar auf drei völlig erschöpfte Männer – deren Ziel, Hortys Pferd und vor allem sein Proviant … Doch er zeigt sich allen dreien gewachsen, kann sie bezwingen, erfährt deren Grund für diese Verzweiflungstat und nimmt sich ihrer an, macht sie zu Partnern und letztlich zu seinen Freunden.

Ihr Weg nach Fort Eagle ist äußerst gefährlich. Überall lauert Unheil – nicht nur von den Sioux – und nur wenige, die auf dem Bomeranzweg unterwegs sind, erreichen das Fort.

Dort, nach einem ereignisreichen Ritt, angekommen machen sie eine erschreckende Entdeckung – nicht nur Korruption und Machtgier überschatten das Leben. Die Ereignisse überschlagen sich, treiben sie weiter ins Goldgräbercamp der Adlerschlucht womit ihr Ritt durch die Hölle beginnt …

Kommen sie dort noch rechtzeitig an, bevor weiteres Unrecht geschieht oder scheitern auch sie an den Gefahren, die ihnen auf diesem schwierigen Weg begegnen? Die Zeit drängt, denn auch der Winter naht.




1.


Die Zeit hatte für Horty Lonestar alle Bedeutung verloren. Er war zum Roboter geworden, der sich immer wieder selbst antrieb und sich kaum Rast und Ruhe gönnte. Er war ein Mann, der sich und seinem Pferde das Letzte abverlangte. Er rastete nur, wenn die Bedürfnisse seines Pferdes es verlangten und die Müdigkeit ihn dazu zwang, in einem einsamen Camp zu schlafen. Doch dann folgte er wieder der einsamen Fährte, die sich durch das Präriegras nach Norden zog. Er folgte dieser Fährte seit Tagen und verlor sie nicht ein einziges Mal. Seinen scharfen grauen Augen entging nichts.

Hinter Horty Lonestar lagen schon mehr als ein Dutzend Stationen, die er passiert hatte, darunter Flussübergänge und Furten, Hügel und Ebenen. Er war langsam ziehenden Büffelherden begegnet. Er hatte alles getan, um nicht von einsam streifenden Reitern gesichtet zu werden. Er ritt wie ein Schatten durch das Land.

Horty Lonestar war hager, hochgewachsen, dazu breitschultrig, ein Mann, dessen Haar, von der Sonne gebleicht, fast weiß wirkte. Seine Augen standen in einem herb-geschnittenen Gesicht, das von harten Strapazen und von einer kürzlich überwundenen Krankheit gezeichnet war. Lassonarben an seinen Händen verrieten, dass er lange hinter Rindern her geritten war und den Beruf eines Cowboys ausgeübt hatte.

Wenn man seine Bewaffnung sah, kam einem der Gedanke, ob er nicht zu jener Sorte von rauen Lassoschwingern gehörte, die ihr Brandeisen fremden Rindern ins Fell drückten, ob er nicht zu den Maverikjägern gehörte, die weit im Süden, den großen Ranchern zum Trotz, ungebrannte Rinder jagten.

Horty Lonestar trug zwei Eisen. Die Läufe der Waffen ragten aus den offenen Holstern heraus. Drohend dunkel wirkten die Mündungen. Die Kolben waren glatt und aus schlichtem braunem Walnussholz.

Die Art seiner Bewaffnung unterschied ihn von den Weidereitern, denn sie glich fast einer Herausforderung, in einem Land, in dem ein Mann danach eingeschätzt wurde, wie er seine Colts trug.

Sicherlich trug er eine zweite Waffe nicht als Gewichtsausgleich. Seine rauchgrauen Augen verrieten in ihrem düsteren Glanz, dass er aus einem bestimmten Grund den alten Gurt mit den 45er Colts aus der Truhe geholt hatte.

Sein Blick glitt an dem im Sattelschuh steckenden Springfield-Karabiner vorbei und schweifte über die wellige Prärie, die jetzt in eine bewaldete Hügellandschaft überging. Für einen Moment verlor der Reiter seine lässige Haltung, und es schien, als wolle er nicht weiterreiten, sondern sein Reittier, einen hochgebauten rostroten Wallach, mit den Schenkeln von der Fährte fortlenken. In diesem Augenblick stellten sich die Ohren des Pferdes nach vorn. Der geaderte, ausdrucksvolle Kopf des Tieres ruckte hoch, die Nüstern blähten sich auf. Der rostrote Wallach blieb unaufgefordert stehen, doch er prustete, schnaubte und wieherte nicht. Trotz zuckender Muskeln schien er unbeweglich zu sein.

Horty Lonestar glich in diesem Augenblick einem Wolf, der eine ganz bestimmte Witterung wahrnahm. Es war, als ob Pferd und Reiter zur gleichen Zeit von einem Warnsignal getroffen wären. Horty Lonestars Hände hatten die Zügel fallen lassen, und sie schwebten dicht über den Revolverkolben. Sie waren gespreizt und glichen den Krallen eines zustoßenden großen Raubvogels.

Nur fünfzehn Schritte vor dem Reiter ging die Prärie in eine parkähnliche, baumbestandene Hügellandschaft über und zeigte das Ende eines gewaltigen Büffellandes an, durch das Lonestar geritten war.

Ponderosa- und Douglasfichten reckten sich wie Lanzen gen Himmel. Weiter hinten hob sich das Terrain zur Hügelflanke, und auf diesem Gelände sah man Birken und Eichen, deren Laubkronen sich berührten. Unter den geheimnisvoll dunklen Blattbaldachinen hoben sich nur vereinzelt Stämme von Bäumen ab, denn viele wurden überwuchert von den im Vordergrund stehenden Buschgruppen.

Der Anblick der Büsche war es, der Reiter und Pferd missfiel. Die grüne, verfilzte Buschmauer gewährte nicht den geringsten Einblick. Horty Lonestar erkannte, dass er durch die Präriebodenwelle zu nahe an das Hindernis herangekommen war, dass man ihn aus diesem Gestrüpp heraus, ohne selbst gesehen zu werden, gut beobachten konnte.

Lonestar war sofort klar, dass es zu spät war, den rostroten Wallach herumzureißen und davonzupreschen, um in der Bodenwelle, durch die er gerade geritten war, unterzutauchen. Der eiskalte Hauch der Gefahr drang von den Büschen zu ihm herüber. Lonestar hatte das verteufelte Gefühl, dass hundert Augenpaare aus der dunklen Mauer auf ihn gerichtet waren.

Selbst für einen Mann wie Horty Lonestar war das Gefühl, gestellt zu sein, etwas erregend Schreckliches, das ins Mark ging und die Nerven vibrieren ließ. So sehr er seine Augen auch anstrengte, er bemerkte nicht die geringste Bewegung hinter dem Gestrüpp. In der geheimnisvollen Dunkelheit des Blattgewirrs schien die Gefahr zu lauern.

Die unter den Stämmen herrschende Dunkelheit hatte nichts mit der Dunkelheit gemein, die sich in der Wildnis ausbreitete und in der Gottes heiliger Odem eingefangen war. Für jeden anderen Reiter hätte sie keine Bedeutung gehabt, doch Lonestar befand sich auf einer heißen Fährte. Er sah die Spuren deutlich ins Gehölz einmünden. Die Pferde der Verfolgten hatten dort Zweige geknickt und losgerissen. Äste lagen mit frischem Baumlaub am Boden. Vor einer Stunde etwa mussten drei Reiter die Prärie verlassen haben und in den Busch eingedrungen sein.

Seit Tagen war Lonestar hinter diesen Reitern her, und jetzt, da er sie fast eingeholt hatte, schlug die eiskalte Witterung der Gefahr gegen ihn. Es konnte kein Fehlschluss sein. Der rostrote Wallach hatte mit dem untrüglichen Instinkt der Tiere, die Gefahr zuerst empfunden.

Das Pferd bewegte sich nicht. Es hielt den Kopf vorgestreckt und schien wie der Reiter auf seinem Rücken zu den Chapperal- und Tamariskenbüschen zu blicken, deren Blattbaldachine vom Sonnenlicht angestrahlt, im Wind leicht hin und her bewegt wurden, sodass die Blätter leise raunten und rauschten. Der Wind bewegte die Halmspitzen der Gräser leicht.

So ist es recht!“, sagte eine heiser krächzende Stimme. Dabei knackte es metallisch.

Horty Lonestar, dessen Hände noch über den Kolben schwebten, bewegte sich nicht. Zu seiner Linken vernahm er jetzt ebenfalls ein Geräusch. Dann hörte man die hohnvolle Stimme eines Mannes:

Schaut euch das an! Der Revolvermann versucht es erst gar nicht bei diesem Abstand, mit dem Karabiner zu arbeiten. Er hätte es wahrhaftig mit den Colts versucht, wenn wir uns nicht bemerkbar gemacht hätten. Dein Glück, dass du die Hände von den Kolben gelassen hast. Heb sie hoch und bleibe ruhig im Sattel! Wir haben dich im Visier!“

Drei Mann waren es, also genau so viel, wie Lonestar erwartet hatte. Vielleicht hatte er nur darum einen Bruchteil gezögert, das tödliche Blei aus den Läufen zu jagen. Vielleicht war die Einsicht, das eigene Leben zu retten, größer als das heiße Drängen in ihm, sich einen Weg freizuschießen. Es war ihm klar, dass er bei diesen Burschen keine Chancen gehabt hätte. Sie hatten seiner Sorglosigkeit ein jähes Ende bereitet. Es hatte keinen Sinn, sich schießend den Weg aufzubrechen, denn drei Mann, die sich weit auseinandergezogen versteckt hatten und ihn mit ihren Waffen bedrohten, waren nicht aus dem Wege zu bringen. Er hätte sicherlich einen von ihnen ausschalten können, nicht aber alle drei!

Ich gebe mich geschlagen“, antwortete er, wobei er langsam beide Hände in Schulterhöhe hob. „Kommt nur, damit ich mich bedanken kann!“

Hoh, bedanken will er sich, habt ihr das gehört? Ein eigenartiger Vogel flog uns zu!“

Er wird diese Späße unterlassen!“, entgegnete ein anderer im Busch versteckt liegender Mann grimmig. „Mit uns kann er so nicht reden! Der arme Narr weiß nicht, wen er vor sich hat. Er ahnt nicht, wie wenig uns seine zwei Eisen imponieren. Wir sahen schon kriegerischere Gestalten als ihn und jagten ihnen die Furcht Gottes ins Mark. Nur keine falsche Bewegung, Stranger, du bist sonst eher in den ewigen Jagdgründen als ein Sioux. Von drei Seiten bist du gestellt, einer von uns erwischt dich bestimmt!“

Horty Lonestar blickte ruhig drein. „Ich sehe es ein“, sagte er trocken.

Kein Wunder, er sieht aus, als wäre er dem Tod von der Schaufel gesprungen“, meldete sich der dritte Mann jetzt. Sicher waren dem Burschen die Spuren von der überstandenen Krankheit in Hortys Gesicht aufgefallen, und er deutete sie richtig. Seine Äußerung ließ seine beiden Partner unvorsichtig werden, denn ein kranker Mann konnte nicht so gefährlich werden, auch wenn er zwei Eisen trug. Es lockte sie aus den Deckungen heraus.

Sie traten mit angeschlagenen Revolvern aus dem Gebüsch. Jetzt erst sah Horty Lonestar seine Gegner. Es trieb ihn fast in den Steigbügeln hoch, denn es waren nicht jene, die er suchte. Es waren drei Männer, die er nie im Leben zuvor gesehen hatte. Nur ein verrückter Zufall hatte die Fährten ineinanderlaufen lassen können, denen Horty seit Tagen folgte. Es war ein Hohn, dass ausgerechnet diese Kerle ihn am Weiterritt hindern wollten.

Alle drei trugen sie Stoppelbärte. Seit Tagen hatten sie sich nicht mehr rasiert und gewaschen. Ihre Kleidung war sehr abgerissen, dazu trugen sie schäbige Stiefel, an deren hohen Absätzen die Sporen fehlten. In jeder zivilisierten Gegend wären die Kinder vor diesen Gestalten schreiend davongelaufen. Jeder Sheriff hätte sie davongejagt und jeder Rancher sie vor die Tür geschickt.

Horty betrachtete alle drei eindringlich. Bis auf den Schmutz an Körper und Kleidung hatten sie miteinander keine Ähnlichkeit, denn im Gegensatz zu dem Riesen wirkte der nebenstehende Mann wie ein Zwerg und jener, der in der Nähe des Zwerges stand, wie ein Jüngling dem kleinen Kerlchen gegenüber. Das kleine Kerlchen hatte dünne, blutleere Lippen und eine große Habichtsnase. Der zweite Mann, der sich Horty vorsichtig näherte, war trotz seiner Stoppeln im Gesicht schön zu nennen. Er hielt sich wie der dritte Mann zurück. Der Hüne kam barhaupt daher. Sein feuerrotes Haar wirkte wie der Kamm eines Hahnes.

Weder der riesenhafte Kerl noch der Junge waren die Wortführer. Das kleine Kerlchen mit dem faltigen Gesicht gab einzig und allein den Ton an. Es zeigte sich, dass dieses Kerlchen seine Partner beherrschte. Er drängte sich als Erster vor und blieb etwa neun Schritte vor Lonestar stehen und kniff die Augenlider zusammen.

Lonestar sah ihn aufmerksam an. Es störte ihn nicht, dass der Riese und der Junge ebenfalls stehengeblieben waren und ihre Waffen weiter auf Horty gerichtet hielten.

Ihr macht sehr enttäuschte Gesichter“, begann Lonestar das Gespräch nach einer Weile. „Ihr seid lange unterwegs und braucht sicherlich Pferde, Proviant und einiges mehr.“

Wir werden uns mit einem Pferd vorerst begnügen“, unterbrach ihn das kleine Kerlchen höhnisch. „Tut uns leid, Stranger, dass du dich von deinem Tier und deinem Gepäck trennen musst. Drew Wells hat bereits Blasen an den Füßen.“ Er zeigte bei diesen Worten auf den Jungen. „Auch Dave Scott ist nicht mehr wacker auf den Beinen, und ich selbst, Leward Shark, bin des Wanderns müde, also …“

Ein einziges Pferd würde euch nicht viel nützen“, unterbrach ihn Lonestar.

Das lass unsere Sorge sein!“

Wenn ihr verfolgt werdet, seid ihr das Tier bald wieder los, und dann …“

Er scheint Gedanken lesen zu können, Leward“, meldete sich staunend der Riese Scott. „Woher weiß er, dass wir verfolgt werden? Heh, sag es uns! Gehörst du vielleicht selbst zu den Halunken, die …“ Er brach ab. Der warnende Blick des Kleinen stoppte ihn rechtzeitig.

Es ist uns gleichgültig, ob er Gedanken lesen kann oder mit hellseherischen Gaben ausgestattet ist“, stieß der Kleine böse hervor. „Viel wichtiger ist, dass wir ein Pferd und Proviant bekommen und nicht mehr durch die Büsche kriechen müssen. Wir drei ersticken bald im Dreck. Es ist ein Wunder, dass die Sioux uns bisher noch nicht erwischten, aber sie sind in der Nähe.“ Er brach ab, wischte sich über das dreckverschmierte Gesicht und lachte rau auf. „Die Roten umkreisten wie Habichte Fort Eagle“, fuhr er fort. „Wir hatten nicht das Glück, im Fort bleiben zu können. Wir drei, Stranger, waren dort nicht willkommen und setzten uns ab. Keiner von uns wollte Soldat werden. Aber wozu erzähle ich das alles. – Du hast eine Chance! Dich nimmt man bestimmt im Fort auf. Vielleicht kommst du durch die Siouxrudel hindurch, und Luta Wambli, den man auch Roter Adler nennt und der einer der ersten Kriegshäuptlinge der Siouxnation ist, lässt dir den Skalp.“

Dann wird er sich in eine Mücke verwandeln müssen“, grinste der schöne Wells, dabei sein prächtiges, schneeweißes Gebiss entblößend. „Die Siouxkrieger haben es besonders auf hellblonde und rote Skalps abgesehen. Der Siouxkrieger, der solche Skalps besitzt, genießt besonderes Ansehen.“

Halte den Mund, Drew!“, unterbrach ihn der Kleine scharf. Sich an Horty Lonestar dabei wendend: „Was, zum Teufel, willst du in Fort Eagle?“

Ich suche einige Männer, das ist alles.“

In Fort Eagle wimmelt es von Männern“, unterbrach ihn der Kleine bitter. „Uns gefiel es dort nicht. Unsere Maultiere und Gespanne wurden beschlagnahmt, und uns selbst wollte man zu Soldaten machen. Wir sollten das Fort verteidigen helfen. Aber das kennen wir! Wir wären nie wieder aus den Blauröcken der Pferdesoldaten herausgekommen. Außer den Siedlern, die mit ihren Familien ins Fort kommen, werden alle in Uniformen gesteckt. Wir sind jedoch freie Männer und gedenken es auch zu bleiben. Wir werden es schon schaffen, aus dem Land der sieben Siouxstämme herauszukommen. Wir werden Fort Laramie erreichen und dann …“

Obwohl der Kleine abbrach, wusste Horty genau, was er sagen wollte, denn er selbst war ja den Bozemanweg entlanggezogen. Doch zu der Zeit, als er das sichere Fort Laramie verließ, um einer Fährte zu folgen, ahnte wohl noch niemand, dass der Bozemanweg einmal in die Geschichte eingehen würde.

Er führte von Fort Laramie bis zur Adlerschlucht in Montana hinauf, dorthin, wo das Gold lockte und rief. In der Adlerschlucht wurde nach Gold gegraben. Es verlockte viele dazu, den Weg durch die Hölle, durch das Siouxland, zu wagen. Für viele führte dieser Weg in den Tod. Viele Meilen vor der Adlerschlucht, mitten im Siouxland, hatte man ein Fort errichtet, Fort Eagle. Man hatte es aufgebaut, ohne vorher mit den Siouxstämmen zu verhandeln.

Nun stand es auf verlorenem Posten.

Jeder Kenner der Lage wusste, dass es auf die Dauer gegen den Druck der Siouxkrieger nicht zu halten sein würde. Die roten Krieger sperrten das Land, blockierten den Nachschub. Dass es schlimm um das Fort stand, ging schon aus den Worten des Kleinen hervor, dass man nämlich Frachtwagenfahrer zu Soldaten machte, ohne lange nach ihrem Einverständnis zu fragen. Sicherlich dachten die drei daran, an dem Fort vorbeizukommen und in die Adlerschlucht zu gelangen, wo die Erde von Tausenden von Männern umgewühlt wurde.

Horty Lonestar hatte ebenfalls wenig Lust, Fort Eagle zu erreichen. Das würde ihn nur von seinem Weg abbringen. Noch wusste er nicht, wie diese Sioux operierten, wie diese Hochprärieindianer kämpfen konnten. Er stammte aus dem Süden, wo er es bis jetzt nur mit Apachen zu tun gehabt hatte. Sicherlich konnten die Sioux nicht schlimmer sein als die Apachen, gegen die er oft gekämpft hatte.

Jetzt konnte es nur um eins gehen, nämlich die drei Kerle, die er schon lange verfolgte, vor seine Colts zu bekommen. Er würde sie unter Tausenden von Diggern und Abenteurern in der wilden Adler-Schlucht finden und stellen. Das konnte er aber nur, wenn er sein Pferd, seinen Proviant, kurzum sein Eigentum, behielt. Dazu musste er allerdings die drei Gestalten ab schütteln, die ihm den Weg versperrten.

Er dachte nicht daran, sich nach Fort Eagle durchzuschlagen, nach einem Fort hin, von dem man in Fort Laramie prophezeite, dass es innerhalb weniger Monate von den Sioux überrannt und dem Erdboden gleichgemacht würde. Es war Wahnwitz gewesen, dass man es überhaupt zum Schutz der Männer, die in die Adlerschlucht wollten, errichtete und damit Verträge brach.

Tut mir leid“, sagte er ungewöhnlich ruhig und beherrscht zu den Männern gewandt, die ihn mit ihren Waffen bedrohten, „aber ich möchte weder meinen Skalp noch mein Eigentum verlieren. Ich werde weiter der Fährte folgen. Die Fährte wird sicherlich in der Adlerschlucht enden, wo einige Tausend Männer mitten in der Wildnis leben und die Erde umwühlen und dabei ein entbehrungsreiches Leben ohne Recht und Gesetz führen. Ihr hättet mit euren Frachtwagen dorthin und nicht nach Fort Eagle fahren sollen.“

Zum Teufel!“, unterbrach ihn der Kleine kreischend, „das war auch unsere Absicht! Doch dann kamen die üblen Blauröcke und stellten sich uns in den Weg. Sie zwangen uns, zum Fort zu fahren, mit der Begründung, dass die dorthin geflüchteten Frauen und Kinder auf unsere Wagenladung, die aus Lebensmitteln bestand, ein größeres Anrecht hätten; dass wir uns den Weg zur Adlerschlucht ersparen könnten. Die Männer in der Adlerschlucht könnten sich gut gegen die Sioux behaupten.

Damit waren wir unsere Wagenladung los.

Wir bekamen nicht einen Cent dafür! Wir verloren aber auch unsere Maultiergespanne und unsere Freiheit. Dann sollten wir noch für das Fort kämpfen. – Nun, komm herunter vom Gaul! Im Fort haben wir gelernt, dass das Recht auf der Seite des Stärkeren ist. Es ist nun genug geredet worden.“

Er lachte gequält vor sich hin und hob ruckartig die Mündung seiner Winchester an.

Es war unser Frachtwagenzug, den man uns in Fort Eagle wegnahm, und dabei waren wir auf den Bozemanweg gegangen, um das Geschäft unseres Lebens zu machen! Wir hatten alle Ersparnisse zusammengetan. Unsere Fracht wäre mit purem Golde aufgewogen worden, wenn wir die Adlerschlucht erreicht hätten. Als reiche Männer wären wir nach Fort Laramie zurückgekommen. Jetzt werden wir froh sein, wenn wir jemals dort ankommen und unsere Haut keine Löcher hat. – Zum letzten Mal, mache keine Schwierigkeiten!“

Jetzt wusste Horty Lonestar genau, was er von den dreien zu halten hatte. Es waren drei Männer, die auf dem rauchigen Bozemanweg hart gebrannt worden waren. Sicherlich wäre es keinem von ihnen unter normalen Bedingungen eingefallen, mit der Waffe in der Hand einen Raub zu begehen.

Der nackte Selbsterhaltungstrieb veranlasste sie zu diesem Vorgehen. Am Bozemanweg fragte niemand nach einem Menschenleben. Die Zeichen des Todes waren überall zu sehen: ausgebrannte Planwagen, Pferde- und Rinderskelette, Grabhügel, die der Wind bald wieder einebnete!

Horty Lonestar erkannte deutlich, dass jeder der drei bereit war zu schießen, wenn er nicht augenblicklich vom Pferd glitt. Seine Augen glitten schnell von einem zum anderen. Der Kleine grinste nicht mehr, er presste die dünnen Lippen fest zusammen. Der Junge neben ihm wirkte bleich, schien aber zu allem entschlossen zu sein. Man sah ihm an, dass er zum ersten Mal auf einen Menschen schießen würde.

Lonestar atmete tief. Vorsichtig legte er die Hände aufs Sattelhorn, so als ob er sich vom Pferderücken gleiten lassen wollte. Dabei ließ er keinen Blick von den Gegnern, die ruhig und abwartend dastanden und ihn scharf beobachteten. In dem Augenblick, als sich Lonestar scheinbar aus dem Sattel heben wollte, geschah es dann. Der rostrote Wallach gehorchte dem Zeichen, das Lonestar ihm gab. Der Wallach ließ sich zur Seite fallen, als hätte ihn ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen. Drew Wells, der Junge, der kaum achtzehn Jahre alt sein mochte, schoss zuerst. Die Kugel raste über Horty hinweg. Sie hätte ihn getroffen, wenn der Wallach nicht so schnell auf das Zeichen reagiert hätte. Die zweite Kugel feuerte der Riese Dave Scott ab. Aber auch sie richtete keinen Schaden an. Sie riss Horty Lonestar lediglich die Kopfbedeckung ab. Die von Leward Shark abgefeuerte Kugel streifte Hortys Oberarm.

Dann schoss Horty Lonestar, der über das stürzende Pferd gerollt war, tief aus der Hüfte heraus. Es waren Meisterschüsse, rasend schnell abgefeuert. Das geschah so schnell, dass keiner der Gegner erneut zum Schuss kam.

Shark kippte vornüber und lag still, die Hände weit vorgestreckt, als wollten sie sich im Grase einen festen Halt verschaffen. Drew Wells spürte einen heftigen Schlag am Handgelenk, als er gerade den zweiten Schuss abfeuern wollte. Die Kugel zischte zwar aus dem Lauf, ging aber weit fehl. Nur einen Sekundenbruchteil später wurde dem Riesen Scott die Waffe aus der Hand geprellt, ohne dass er selbst verletzt wurde.

Damit war der Kampf zu Ende. Das ungleiche Duell hatte nur Sekunden gedauert. Nach dem Verklingen der Schussdetonationen wirkte die nun einsetzende Stille beängstigend und niederdrückend.

Hochaufgerichtet stand Horty Lonestar, beide 45er Colts tief an den Hüften im Anschlag. Dünner Rauch kam aus den Mündungen seiner Waffen. So stand er völlig umgewandelt, ein Mann, der kämpfen konnte und vor keinem Kampf zurückschreckte.

Er wusste um die Bitternis, die jetzt die Gesichter des Jungen und des Riesen zeichnete. Beide sahen sie ihn mit weit aufgerissenen Augen an, als könnten sie das Geschehene nicht begreifen. Der Schock hielt sie im Bann. Sie schienen nicht einmal zu bemerken, wie der rostrote Wallach sich aufrichtete und zu grasen begann, als wäre nicht das Geringste geschehen.

Der Riese schluckte schwer. Der junge Wells zuckte am ganzen Körper und war leichenblass. Beide schauten sie zu dem kleinen Shark hin, den sie für tot hielten, ausgelöscht aus den Reihen der Lebenden. Doch in diesem Augenblick richtete Shark sich wieder auf. Er blieb in der Hocke sitzen und tastete mit beiden Händen über seinen Schädel. Sicherlich ertastete er die Furche, die die Kugel über seinen Kopf gezogen hatte, und die nur geringfügig die Kopfhaut verletzt hatte.

Dem Himmel sei Dank“, kam es von seinen Lippen. „Ich lebe, es ist noch nicht zu Ende … Zum Teufel, starrt mich nicht so an, ihr beiden!“

Er brach ab, denn in diesem Augenblick sah er wohl den Gegner, der beide 45er gezogen hatte. Erst jetzt begriff er, dass seine Partner wie er versagt hatten. Er brauchte nur einmal hinzuschauen, um es richtig zu begreifen. Wells’ Handgelenk blutete. Er hatte die Waffe fallen lassen und war so unbewaffnet wie der Riese Scott, dem Lonestars Kugel die Waffe aus der Hand gerissen hatte. Leward Shark begriff, dass die Flucht endgültig zu Ende war. Das ließ ihn den Schmerz vergessen, der durch seinen Kopf tobte.

Nun los, Revolvermann, mach es glatt und reite weiter! Wir drei haben wohl eine Kugel verdient. Wenn du es tust, bewahrst du uns davor, von den Sioux geschnappt, gemartert und skalpiert zu werden. Zu Fuß, ohne Proviant und Ausrüstung kommen wir nicht mehr weit … Fang an!“

Nein!“, erwiderte Horty Lonestar ruhig. „Ich sehe ein, dass ich euch nicht zurücklassen kann. Ihr werdet also mit mir kommen.“

Zurück?“, stieß der junge Wells erschrocken hervor und eine furchtbare Angst schwang in seiner Stimme. „Zurück zum Fort?“

Es wird dir besser tun, wenn du Soldat wirst“, erwiderte Horty Lonestar kalt. Dann wandte er sich an den kleinen Shark, der sich gerade erhob und wankend auf den Beinen stand. „Ich wäre nicht davongelaufen, wenn man mir einen Wagenzug weggenommen hätte.“

Ich weiß nicht, wer du bist“, erwiderte der Kleine, „ich weiß nur, dass wir drei nur mit Schrammen davongekommen sind. Wir haben dir unser Leben zu verdanken, aber du nimmst es uns wieder, wenn du uns zum Fort schaffst. Man wird uns als Deserteure behandeln. Wir haben dir noch nicht gesagt, dass wir bereits in der Uniform steckten.“

Und den Vertrag habt ihr auch unterschrieben?“

Wir brachen aus, ehe es dazu kam“, schaltete sich der Riese Scott ein. „Fort Eagle ist die Hölle. Aber lieber lasse ich mich dorthin zurückbringen, als noch weiter eine lange Strecke zu marschieren. Wenn ich nicht bald auf einem Pferd sitzen kann, werde ich nicht einmal das verteufelte Fort erreichen.“ Mutlos senkte er den Blick und fügte hinzu: „Wir hatten es uns einfacher vorgestellt. Wir hätten dich nicht getötet, wir wollten nur dein Pferd und deine Ausrüstung. Wir waren verzweifelt. – Es tut mir wirklich leid.“

Dann beeile dich und verbinde deinen jungen Freund“, unterbrach ihn Horty Lonestar.

Scott machte sich sogleich an die Arbeit, unterstützt von Shark. Keiner kümmerte sich um die Waffen, die Lonestar aus dem Grase aufhob. Das zeigte deutlich, wie sehr sie sich geschlagen gaben und wie echt ihre Verzweiflung war.

Durch das Aufrasen der Schüsse war die Situation jetzt noch schlimmer geworden. Die Schussdetonationen waren weit zu hören und konnten ein Siouxrudel anlocken. Dazu kam, dass es auf viele Meilen in der Runde kein sicheres Versteck gab. Der einzig sichere Ort schien Horty nur das Fort zu sein. Dort würde er die drei unterbringen und dann seinen Ritt fortsetzen. Dadurch entstand für ihn zwar ein Zeitverlust, aber den musste er in Kauf nehmen.

Niemand wird dir deine Mühe lohnen“, sagte Shark rau zu ihm, „am wenigsten der Kommandant des Forts. Er hat schon ganz andere Männer einfach in die Uniform gesteckt, und das nur, weil seine regulären Leute versuchen, in der Adlerschlucht unterzutauchen. Das Gold macht auch die Männer in der Uniform zu Deserteuren. Es lockt die Schwachen aus dem Fort. – Von diesem Land habe ich die Nase voll.“

In dem Fort sind Frauen und Kinder?“

Sicher, ich sprach davon. Überall gibt es Narren, die trotz der Indianer ranchen und ihre Frauen und Kinder mitbringen. Dazu gehören auch einige Kerle, die wenig Glück in der Adlerschlucht hatten. Sie ließen für teures Geld einem Greenhorn Schaufel und Hacke, Schüttelsieb und Claim und blieben im Land.

Sie entdeckten, dass sich die Siouxgebiete sehr gut zum Ranchen und Farmen eignen und rechneten sich aus, dass sie es eher zu etwas bringen würden, wenn sie ihre Nahrungsmittel, die sie erzeugten, direkt an die Goldgräber verkaufen würden. Doch das erwies sich als Fehlrechnung. Die Sioux kamen dazwischen und jagten sie aus ihren Hütten. Nun sitzen sie im Fort und warten. Wenn du uns zurückbringst, werden auch wir warten … auf den Tod.“

Shark, irgendwann wird Fort Eagle Verstärkung bekommen und dann …“

Es ist ein verteufelt langer Weg von Fort Laramie hierher, dazwischen liegen viele hundert Meilen Siouxland. Die Armee ist aber noch nicht so stark, um durch dieses Gebiet schnell hindurchzukommen. Das weiß niemand besser als der Kommandant von Fort Eagle. Er muss das Fort halten! Fragt sich nur, wie lange er das noch kann!“



2.


Horty Lonestar erfuhr im Laufe des Nachmittages noch mehr. Jeder Mann hätte nun endgültig davon Abstand genommen, sich noch weiter mit den drei Burschen abzugeben. Nicht so Horty Lonestar! Er ließ die drei vor sich hermarschieren, bis die Schatten der Nacht kamen und die drei so erschöpft waren, dass sie sich kaum noch auf den Beinen halten konnten. Der junge Wells litt offensichtlich schwer, unter den Strapazen des Fußmarsches. Er stöhnte vor sich hin und warf immer wieder einen schnellen Blick zu dem Reiter hinter ihnen, der wie teilnahmslos im Sattel saß und sie kaum zu beachten schien.

Lonestar hockte vornübergebeugt im Sattel und schien schläfrig vor sich hinzuduseln. Doch das täuschte sehr. In Wirklichkeit schweiften seine Blicke unter den halb heruntergezogenen Augenlidern ständig in die Runde. Ohne dass die drei es merkten, lenkte er sie so vor sich her, dass er Hindernisse umging und Stellen, die sich zum Hinterhalt eigneten, auswich. Er tat damit alles, um einem Überfall aus dem Wege zu gehen.

Er wusste, dass es nur ein Zufall sein konnte, dass ihm bisher eine Begegnung mit den Sioux, von denen man sagte, dass sie die besten Kämpfer der roten Stämme seien, erspart geblieben war. Er konnte sich ausrechnen, was es für ihn und seine Weggenossen bedeutete, wenn man auf eine stärkere Kampfgruppe dieser Krieger stieß.

Shark und Wells, die beide von Lonestars Kugeln getroffen worden waren, hatten sich von den Verletzungen so weit erholt, aber alle drei waren so erschöpft, dass sie nur langsam vorwärtskamen. Bis Fort Eagle war es noch ein weiter Weg. Horty Lonestar ließ anhalten und sagte, sein Pferd zügelnd, zu dem kleinen Shark:

Wir kampieren hier.“

All right“, erwiderte Shark, der mit raschem Blick erkannte, wie gut das Camp gewählt worden war. Er hockte sich sogleich nieder und zog die Stiefeln aus. Der Riese Scott blickte forschend in die Runde, dann nickte er.

Stranger, der Platz ist gut gewählt. Das Gras steht hier auf dem Hügel hoch und das Pferd ist in der kleinen Mulde vor jeder Einsicht geschützt. Mir wäre jedoch wohler, wenn ich in Fort Laramie in einer Pokerrunde sitzen und spielen könnte. Morgen gegen Mittag sind wir hoffentlich in Fort Eagle.“

Du wirst dann in einer Zelle hinter Eisengittern pokern können“, unterbrach ihn der junge Wells, der vergeblich versuchte, sich seiner Stiefeln zu entledigen. „Stranger, und du wirst mit von der Partie sein“, sagte er mit grimmig verzogenem Gesicht zu Lonestar, der gerade abstieg und jetzt sein Pferd mit einem leichten Schlag auf die Hinterhand in die kleine Mulde trieb. „Der Fortkommandant wird dir danken, dich dann aber in eine Uniform stecken. Dann wirst du so übel dran sein wie wir. In Fort Eagle gibt nur ein Mann die Befehle: Captain McLean!“

Wells, nur keine Sorge“, erwiderte Horty Lonestar. „Die ganze Zeit überlege ich, warum ihr drei nicht versucht habt, in die Adlerschlucht zu entkommen und unter Tausenden von Diggern unterzutauchen. Dort hättet ihr euch um die Sioux keine Sorgen zu machen brauchen.“

Umso mehr aber vor dem kommenden Winter, Sir!“

Lonestar heiße ich, Wells!“

Nun gut, Lonestar! Wir drei rechneten uns genau aus, wie es Tausenden von Männern ergehen wird, wenn der Proviant immer knapper und der Hunger immer größer wird.

Die goldhungrigen Narren werden dann auch bald herausgefunden haben, dass die Sioux jede Lebensmittelzufuhr abschneiden. Sicherlich hat Captain McLean ähnliche Gedanken. Das hält ihn davor zurück, einen Ausbruch aus dem Fort zur Adlerschlucht zu machen.

Er kann sich an den zehn Fingern ausrechnen, dass er von einer Hölle in die andere kommt. Luta Wambli, Roter Adler , und Amerikanisches Pferd , die beiden Kriegshäuptlinge, wissen schon, warum sie den Bozemanweg sperrten. Sie werden ihn bald so verriegelt haben, dass nicht einmal eine Maus hindurchschlüpfen kann. Darum, Lonestar, fragen wir uns, warum du einer Fährte von drei Pferden folgst?“

Lonestar wunderte sich nicht, dass die drei das entdeckt hatten, denn er hatte sie dieser Fährte bis zur Mulde folgen lassen, wo die Aschenreste eines Feuers verrieten, dass hier gelagert worden war. Alle drei sahen ihn an. Wells gab es auf, seine Stiefel auszuziehen und warf sich ermattet ins Gras. Sie schienen auf eine Erklärung von ihm zu warten.

Das zeigte deutlich, wie sich das Verhältnis zwischen ihnen gelockert hatte. Alle drei hatten wohl auch darüber nachgedacht, warum sich Lonestar weiter mit ihnen befasste. Sie waren wohl übereinstimmend zu der Überzeugung gekommen, dass ein Mann, der sie in Sicherheit bringen wollte, nicht so übel sein konnte. Das hatte sich auch im Laufe des Nachmittags gezeigt. Niemals hatte er sie, wenn sie eine Rastpause machen wollten, angeschrien oder weitergetrieben. Im Gegenteil! Er hatte ihnen in den Rastpausen Zigaretten gerollt. Er hatte sie einige Male aufsitzen lassen und war selbst einige Meilen marschiert. Jetzt gab er keine Antwort auf ihre Fragen, sondern verteilte aus seiner Satteltasche etwas Proviant. Heißhungrig aßen die drei.

Die erste Mahlzeit nach drei Tagen“, sagte der Riese, wobei er wehmütig die kleine Portion betrachtete.

Du wirst dich daran erinnern, wenn du bei Wasser und Brot sitzt“, sagte Wells bissig. „Shark und ich haben es leichter, wir kommen mit Wenigem aus.“

Shark fiel ihm ruhig ins Wort: „Halte dich zurück, es ist bitter genug, dass uns Lonestar zum Fort schaffen will. Es wäre jedoch noch schlechter für uns, wenn wir ihm zur Adlerschlucht folgen müssten. Hoffen wir, dass wir eine ruhige Nacht haben und morgen unangefochten durch die Reihen der Sioux hindurchkommen.“

Shark, wenn das dein Abendgebet ist, schließe ich mich sofort an“, erwiderte Scott.

Das gefällt mir nicht“, erklärte Wells. Er schien tief beunruhigt zu sein. „Solange ihr schimpft und flucht, ist alles zu ertragen. – Dave, hilf mir die Stiefeln ausziehen. Ich bringe die verteufelten Dinger nicht von den Füßen.“

Lass sie, wo sie sind, und versuche es nicht! Du bekommst sie sonst nicht mehr an.“

Dann gehe ich barfuß“, erwiderte Wells grimmig. „Ich hätte mich niemals von dir anwerben lassen sollen, Dave.“

Jetzt machst du mir Vorwürfe? Höre mich jetzt einmal ruhig an, Drew: Wenn ich dich nicht in Fort Laramie aus einer üblen Klemme geholt hätte, wärst du von den Buschräubern und Glücksrittern, Spielern und Revolverhelden vollkommen ausgeplündert worden. Sie hätten dich Greenhorn bis aufs Hemd ausgezogen und dir, wenn du dich noch beschwert hättest, eine glatte Kugel gegeben. Deine Erbschaft wärst du ohnehin losgeworden. So ist dir das Leben erhalten geblieben, Junge. Eines Tages wirst du noch herausfinden, dass man in meiner und Sharks Gesellschaft ganz gut leben kann.

Auch Shark und ich haben alles Geld, das wir in das Frachtunternehmen steckten, völlig eingebüßt. Wir schreien deshalb noch lange nicht Mord und Brand! Wir nehmen es hin, weil nichts daran zu ändern ist und keiner von uns eine so schnelle Kugel schießt wie Lonestar.“

Dave, in deiner Gesellschaft werde ich wohl bald zur Hölle sausen“, erwiderte Drew Wells verstimmt. „Seit die Unionstruppen Fort Eagle errichteten und weitere Forts errichten wollen, ist am Bozemanweg die Hölle los. Ich hätte wissen müssen, dass ich mein Geld nicht in ein Geschäft stecken durfte, das von Anfang an zum Scheitern verurteilt war. Ich hätte niemals nach Fort Laramie kommen dürfen.“

Er brach ab und zerrte wieder an seinen Stiefeln herum, ohne sie jedoch abstreifen zu können. Wieder brach sein ungezügeltes Temperament durch. „Ich hätte irgendwo eine kleine Ranch kaufen und als Rancher beginnen können.“

Dann wäre dir das Gleiche passiert, was dir schon einmal geschah. Jemand hätte dich davongejagt und dir das Land, die Weide und die Rinder abgenommen. Es hätte sich immer wiederholt, bis du ein richtiger Mann geworden oder endgültig zerbrochen wärst.

Vielleicht musste es so sein, dass es dich nach Fort Laramie hintrieb. Vielleicht war es für dich bestimmt, dass du hartgebrannt werden sollst. Du hofftest in Fort Laramie den Mann zu finden, der deinen Vater niederschoss, und du warst dabei, in einem Sumpf zu versinken, mein Junge. Eines Tages hättest du zu den Entwurzelten gehört, die in Fort Laramie wie Geier auf Beute warten und nicht den Mut haben, auf den Bozemanweg zu gehen. Es war schlimm genug, was uns zustieß, und noch schlimmer, dass wir einen Raubüberfall durchführen wollten. Ich bin recht froh, dass uns das nicht gelungen ist. Vielleicht wären wir alle drei auf die schiefe Bahn gekommen und dann …“

Er brach ab und sprach nicht weiter. Er schob die letzten Biskuits in den Mund und kaute andächtig. Schweigend saßen dann die vier Männer in der Dämmerung. Jeder hing seinen Gedanken nach. Sicherlich ahnte keiner von ihnen, dass der Vertragsbruch den Krieg im Sioux-Land ausgelöst hatte, dass er nicht einmal in zehn Jahren zu Ende sein sollte und dass in zehn Jahren die vereinten Sioux-Nationen am Little Big Horn General Custer und das siebente Kavallerieregiment vernichtend schlagen würden, dass kaum jemand mit dem Leben davonkam.

Sie wussten alle vier, dass die Sioux nicht irgendwelche Indianer waren, sondern echte Kämpfer, zu denen sich die Cheyenne gesellt hatten. Die Sioux kämpften wie die Löwen, um ihren Lebensraum zu erhalten. Die Furcht wirkte sich bis Fort Laramie aus. Sie hielt manchen Abenteurer und Feigen zurück. Für viele aber war der Trail durch das Indianerland zur Adlerschlucht, wo Gold und damit Macht und Reichtum lagen, den Einsatz des Lebens wert. Immer wieder würden es Männer versuchen, den Bozemanweg entlangzureiten oder ihn zu befahren. Sie würden mit Frachtkolonnen kommen und mit Prärieschonern, auf Maultieren und Pferden. Viele sollten dabei untergehen, man sollte nie wieder etwas von ihnen hören. Diejenigen, die durchkamen, waren hartgebrannt.

Horty Lonestar schaute die drei Männer fest an. Plötzlich ruckte er hoch. Im gleichen Augenblick zuckten auch die anderen zusammen. Aus der Richtung, aus der sie gekommen waren, hallte eine Schussdetonation. Einen Augenblick sahen sich die Männer betroffen an, dann sagte Scott heiser:

Die roten Gentlemen haben sicher unsere Fährte entdeckt. Vielleicht ist ein Späher darauf gestoßen und holt mit seinem Schuss seine Stammesgenossen herbei. Diese roten Burschen sind in diesem Lande zu Hause und so dreist, dass sie es nicht nötig haben, heimlich ihre Stammesgenossen zu informieren. Ich denke, dass wir jetzt etwas erleben können.“

Dave, stelle dich doch auf den Hügelrand, damit die Indianer deine riesige Gestalt sehen können“, stieß Wells böse hervor. Die Angst, die Wells nach dem Kampf gegen Horty Lonestar gezeigt hatte, war auch jetzt aus seiner Stimme herauszuhören.

Scott spürte das am deutlichsten. Eigenartigerweise brauste er aber nicht auf, sondern legte dem Jungen seine rechte Pranke schwer auf die Schulter, klammerte sie so fest, dass Wells’ Schulter wie in einem Schraubstock saß.

Du zitterst ja, Junge“, sagte er ruhig.

Wenn sie uns finden, Dave, ist es aus“, keuchte er verstört, vergeblich versuchend, sich aus dem Griff des Hünen zu befreien.

Unter dem Druck der Pranke wagte Wells keine Bemerkung mehr zu machen, die ihm vielleicht geholfen hätte, seiner Angst Herr zu werden. Dave Scott schien mit grimmigem Vergnügen die Situation auszukosten. „Lonestar hat recht“, ergriff er wieder das Wort. „Aus dir sollte man einen strammen Soldaten der Union machen. Sicherlich würde dir diese Kur bekommen. Du lernst sonst nicht den Wert der Freiheit schätzen.“

Er wandte sich zu Shark: „Wir hätten ihn nicht mitnehmen sollen, Leward“, sagte er bissig. „Es wäre besser gewesen, ihn nicht an unserer Fracht-Wagengesellschaft zu beteiligen. Solange ich glaubte, dass in ihm ein guter Kern steckte und aus ihm ein echter Kämpfer werden könnte, hatte ich Hoffnung, aus ihm einen Mann machen zu können. Das scheint nun danebengeraten zu sein. – Wells, an Lonestars Stelle würde ich dich jetzt davonjagen.“

Bei diesen Worten ließ er den Jungen los und spuckte verächtlich zur Seite. Wells wirkte jetzt sehr schüchtern und kleinlaut. Seine Nasenflügel verrieten seine tiefe Bewegung.

Ich denke, dass ich nun lange genug eure Waffen mit mir herumgeschleppt habe“, sagte Horty Lonestar, wobei er Wells scharf anblickte. „Ich werde nicht länger euer Waffenträger sein, nehmt sie zurück!“

Einen Augenblick, Lonestar“, sagte der kleine Shark mit blitzenden Augen. „Denke daran, dass wir sie gegen dich richten könnten!“

Ich lasse es darauf ankommen.“

Ich warne dich! Auch der schnellste Mann kann überwunden werden. Du kennst unsere Abneigung gegen Fort Eagle!“

Es ist die gleiche, die euch auch die Adler-Schlucht verleidet. Für euch gibt es nur zwei Entscheidungen, und die lege ich euch jetzt vor“, erwiderte Lonestar leichthin. „Es gibt nur zwei Möglichkeiten für euch: Fort Eagle, oder die Adler-Schlucht! Fort Laramie liegt viel zu weit entfernt und dürfte kaum zu erreichen sein. Zwischen hier und Fort Laramie aber gibt es kaum eine Möglichkeit, sich beritten zu machen. Der einzige Ausweg wäre, man versuchte es mit einem Indianerpony. Leider jedoch haben diese kleinen, drahtigen Indianerpferde gegen den weißen Mann etwas einzuwenden.“

Lonestar, fast bin ich überzeugt, dass es für uns wirklich nur eine Lösung gibt: freiwillig zurück nach Fort Eagle!“

Wo Frauen und Kinder sind, wo jeder Mann gebraucht wird … ja!“

Himmel, ich habe sie nicht dorthin kommen lassen!“, erwiderte Shark. „Aber ich habe selbst eine Familie. Sie wartet irgendwo in Kansas auf meine Rückkehr. Ich muss an meine eigene Familie denken!“

Du brauchst dir nur vorzustellen, dass jemand aus deiner Familie in Fort Eagle ist.“

Höre auf damit, Lonestar, es reicht!“



3.


Keiner sprach mehr. Das Schweigen lastete schwer auf ihnen. Noch während alle drei überlegten, warf ihnen Lonestar ihre Waffen zu.

Du bist sicher, dass wir nicht ausbrechen werden?“, fragte Shark.

Du kannst es jederzeit versuchen“, entgegnete Lonestar. „Wenn du darin dein Heil siehst, nun, ich werde dich und auch Wells nicht zurückhalten.“

Sharks Augen verengten sich. Er schien ungläubig, doch dann atmete er scharf aus.

Ich begreife“, sagte er heiser, „wenn ich jetzt mit Wells aufbreche, werden wir beide nicht weit kommen. Heh, Dave, was ist mit dir?“

Ich habe das von Anfang an geahnt“, entgegnete der Riese, sich dabei über sein stehborstiges, rotes Haar tastend. „Ich möchte meine Perücke noch einige Jahre auf meinem roten Schädel haben. Es kribbelt mir so eigenartig unter der Haut. Dir doch sicher auch, Drew?“

Drew Wells saß still und bleich im Grase. Er hatte die Beine angezogen und starrte auf seinen Colt nieder. Ganz vorsichtig hielt er die Waffe, als brenne sie ihm in der Hand.

Jetzt hast du eine Chance, Junge!“

Ich … ich verzichte darauf! Tut mir leid, dass ihr mich für einen Feigling ansehen müsst. Ich bringe es einfach nicht fertig. Ich habe Angst vor der Nacht, vor der Ungewissheit und dem Alleinsein. Ich weiß erst jetzt, dass ich immer Angst hatte und mir nur etwas vormachte. Seit dem Tage, an dem Vater niedergeschossen wurde, habe ich Angst. Weil das so ist, konnte man mich von der Ranch vertreiben, meine Weide nehmen. Aus Angst trieb ich mit Jim und John die Herde weg und verkaufte sie. Aus Angst entließ ich die alten Cowboys und wagte mich nicht mehr zurück. Ich habe euch angelogen, als ich euch sagte, dass ich hinter dem Mörder meines Vaters her sei. In Wirklichkeit habe ich mich viele Monate versteckt gehalten und stieß durch einen Zufall wieder auf die Spur des Mannes, der meinen Vater tötete. Die Spur führt zur Adlerschlucht. – Es war ein weiter Weg von Texas hierher.“

Als er schwieg, sahen ihn drei Männer lange und schweigend an, doch dann konnte sich Scott nicht mehr zurückhalten.

Texassohn“, sagte er grimmig, „jetzt gefällst du mir bedeutend besser. Deine großsprecherischen Redensarten verzeihe ich dir. Wir werden wohl jetzt miteinander auskommen. Du hast lange gebraucht, um dein wahres Gesicht zu zeigen.“

Wieder verstummte er und wischte sich mit dem breiten Handrücken über die Stirn, als wollte er die Gedanken, die auf ihn eindrangen, verscheuchen. „Nun gut, Lonestar“, wandte er sich an den ehemaligen Gegner, „irgendwie kannst du in uns hineinschauen, oder du bist so gerissen, dass du genau weißt, was uns zu tun übrigbleibt. Du hast dich nicht in uns getäuscht. Wir werden bis zur letzten Patrone kämpfen. Jetzt hege ich auch keine Befürchtungen mehr, dass unser Baby die Augen schließt, wenn es auf einen Menschen anlegen muss. Drew wird kämpfen, weil es um unser Leben geht. Dann wird er herausfinden, dass er aus Texas ist.“

Diesmal verstummte er nicht aus eigenem Entschluss. Ein Laut wurde hörbar, der alle Männer gleichermaßen aufhorchen ließ.

Hölle, es war nicht das Trappeln von Pferdehufen, die rasch näher kamen! Es tönte kein schriller Kriegsschrei wild durch die Nacht. Aus dem Dunkel der Nacht schälte sich keine heidnisch aufgeputzte Kriegerhorde, deren wallender Federschmuck auf und ab wippte, sondern das Knarren und Rumpeln langsam ziehender Ochsengespanne war zu hören. Der Laut kam von weit her, aber alle Männer hörten ihn.

Gott im Himmel, ich träume wohl“, flüsterte der kleine Shark heiser. „Da glaubt man nun, dass der Bozemanweg völlig gesperrt ist, und nun kommt da aus der Nacht wahrhaftig ein Ochsentreck angerollt, als ob es weit und breit keine indianischen Reiter gebe, die nur darauf lauern, Wagenzüge zu überfallen und auszurauben.“

Leward, was die roten Gents nicht tun, wird der Kommandant von Fort Eagle durchführen. Für die Ochsen hat er gottlob so wenig Verwendung wie die Sioux, und so werden ihre Besitzer wenigstens nicht vollständig ausgeplündert und ihre Tiere behalten“, entgegnete ihm der Riese Scott.

Dave, vielleicht ist der Gutschein, den uns der Kommandant in Fort Eagle für unsere Wagenladung, Fahrzeuge und Maultiere gab, besser mitzuführen. Ich habe ihn nicht fortgeworfen und auch nicht verbrannt.“

By Jove, wozu nur! Hättest du ihn lieber in den Wind flattern lassen“, entgegnete Scott. „Schon einmal habe ich von der Armee einige Dollars bekommen sollen. Ich warte heute noch darauf! Man wies mich von einer Verwaltung an die andere. Ich lernte viele Büros kennen, aber mein Geld habe ich nicht bekommen. Man bekommt eher eine verlauste Decke von einem Agenturindianer, als dass die Armee Schulden bezahlt.“

Das Knarren und Rumpeln der Räder des Ochsenwagentrecks kam näher. Die Tritte schwerfällig gehender Ochsen wurden lauter, dazu wurde jetzt Pferdehufschlag hörbar. Gegen den nächtlichen Himmel hoben sich die Planwagen ab, die an den Flanken von vielen Reitern scharf bewacht wurden.

Du lieber Himmel, die armen Narren!“, sagte der rothaarige Hüne.

Shark entgegnete: „Ich sehe schon vor mir, wie Captain McLean sich die Hände reibt und sehe bereits eine Kolonne prächtiger Soldaten und einen Frachtwagenboss, der auf einen Armeeschuldschein blickt und nicht einmal toben darf. Man fühlt sich doch bedeutend wohler, wenn man nicht allein übers Ohr gehauen wird.“ Er lachte trocken in sich hinein.

In diesem Augenblick schoss der junge Wells. Der Klang der Detonation klang laut durch die Nacht und ließ die Spitze des Ochsenwagentrecks sogleich anhalten. Zu spät hatte sich Horty Lonestar in Bewegung gesetzt. Zu spät hatte er die Revolverhand des Jungen ergriffen, zu dem er jetzt hart sagte:

Du hättest dich gedulden müssen!“

Wells schluckte schwer. Er stammelte: „Ich möchte nicht mehr in eine Uniform gesteckt werden, und ich dachte, dass …“

Horty ließ ihn nicht ausreden und ging zu seinem Pferde. Im nächsten Augenblick saß er im Sattel. Über den Muldenrand hinweg ritt er hangabwärts dem Ochsentreck entgegen.

Scott blickte den jungen Wells grimmig an. „Du Narr“, sagte er heiser, „wenn du noch immer nicht begriffen hast, dass dieser Lonestar nun unser Boss ist und er die Befehle gibt, tust du mir leid! Leward Shark hat das genau begriffen! Was, zum Teufel, ist nur los, heh?“

Wells’ Augen flackerten. „Ich verstehe nicht“, stieß er hervor, „Lonestar soll unser Boss sein?“

Wir könnten uns keinen besseren wünschen. Solange ich auf dem Trail bin, ist mir noch nie ein Mann wie er begegnet. Er hat Dynamit im Blut und schießt eine verteufelt glatte und schnelle Kugel. Aber das ist nicht das Entscheidende. Entscheidend ist, dass er nicht zu jenen Revolverschwingern gehört, die ihre Macht, die ihnen durch ihre tödlichen Eisen gegeben ist, missbrauchen. In diesem Lande lernt man einen Menschen schnell kennen. Er hat sich unser angenommen, und dafür sollten wir ihm dankbar sein. Und was machst du nun, Wells?“

Seine Augen funkelten den Jungen hart an. Auch Shark schaute verbittert zu Wells hin. Wells ließ die Schultern hängen und schwieg.

Vielleicht sollte ich dir etwas mehr Verstand einbläuen“, sagte Scott, und dann blickten alle drei zu Lonestar hin, der den Reitern des Trecks langsam entgegenritt, die sich vom Treck lösten und auf ihn zukamen.

Man weiß nie, welche Weggenossen auf dem Bozemanweg unterwegs sind“, sagte Shark ruhig. „Ich möchte nicht zu den drei Reitern gehören, deren Fährte Lonestar gefolgt ist. Es ist wohl ein Glück, dass wir drei es nicht waren, denn sonst …“

„… würden wir das Gras von unten wachsen hören“, nahm ihm der Riese das Wort ab. „Kommt, Gents, leisten wir dem Boss ein wenig Gesellschaff.“

Er winkte den beiden zu. Alle drei verließen die Mulde. Shark warf sich seine Stiefel über die Schulter und ging barfuß weiter. Auf Scotts Wink hin vergrößerten sie den Abstand zueinander, sodass sie in Schützenkette gingen.

Keiner von ihnen dachte mehr an Flucht. Scott hatte deutlich zum Ausdruck gebracht, was auch Shark empfunden hatte. Nun bekannte sich auch Wells zur Gefolgschaft Horty Lonestars. Horty hatte bereits vor ihnen seinen rostroten Wallach angehalten. Er erwartete die Reiter des Trecks.

Es waren fünf Reiter, die im Trab herangeritten kamen und in Abstand von zehn Schritten vor dem roten Wallach ihre Pferde so heftig parierten, dass die Tiere unruhig hin und her drängten. Bleiches Mondlicht erhellte die Szenerie.

Wen haben wir denn da?“, fragte einer der Reiter rau. Er drängte seinen Falben vor und zeigte somit an, dass er der Sprecher der Gruppe war. Im ungewissen Mondlicht erkannte man in ihm einen breitschultrigen Mann, in dessen Gesicht die Wangenknochen weit vorstanden. Sein strähniges Haar quoll unter der Stetsonkrempe hervor und hing ihm fast bis auf die Schultern.

Hinter ihm hockten vier grimmig aussehende Männer auf den Pferden, denen man es ansah, dass sie jede Störung hassten. Alle fünf machten keinen guten Eindruck. Harte Gesellen waren es, Männer, die der Bozemanweg gezeichnet hatte. Einer von ihnen sagte böse:

Stranger, wir haben schon genug Aufenthalt mit einer Kampfgruppe der Sioux gehabt. Wenn du uns etwas zu sagen hast, so sage es schnell. Wir wollen weiter! Die Nacht ist günstig zum Weitertrailen, denn in der Nacht greifen die Sioux nicht an. Am Tage kommen wir kaum noch vorwärts. Wir müssen immer wieder die Wagen zu einer Wagenburg zusammenfahren und uns der Angriffe der Sioux erwehren. – Was ist also los?“

In diesem Augenblick sahen die Reiter des Trecks, die drei Partner Hortys zu Fuß den Hang herunterkommen. Der Mann auf dem Falben lachte vor sich hin und pfiff dann durch die Zähne.

Ich beginne zu begreifen“, sagte er. „Ihr seid vier abgerissene Satteltramps aus der Adlerschlucht! Immer wieder trifft man sie, die Ausgestoßenen, die davonlaufen und dann umkommen. Auf dem Bozemanweg machen die Sioux mit ihnen kurzen Prozess. – Was wollt ihr?“

Pferde und Proviant!“, entgegnete Lonestar. Er versuchte nicht, Scott, Shark und Wells bei dieser günstigen Gelegenheit loszuwerden. Er hatte bereits erkannt, dass er auf einen Treckführer von brutaler Gewalt gestoßen war. Ein Ekel stieg in ihm auf. Nur ein rücksichtsloser Egoist konnte so höhnisch von weißen Männern sprechen. Horty sah in ihm einen Mann, der sich über alles hinwegsetzte und vergaß, dass jeder Weiße dem anderen auf dem Bozemanweg helfen sollte.

Satteltramps – das war ein Wort, das Lonestar kaum schlucken konnte. Die fünf Männer sahen, wie sich seine Hände bewegten, und dann blickten sie in die dunklen Mündungen seiner hochgerissenen 45er Colts hinein.

Das war in einer solchen Schnelligkeit geschehen, dass sie zu spät die eigenen Waffen in Anschlag bringen konnten. Der vernarbte Kerl auf dem Falben pfiff abermals durch die Zähne, nur dass er diesmal zu lachen vergaß. Keiner versuchte zu ziehen. Die Schnelligkeit, mit der Horty seine Eisen in Bewegung gesetzt hatte, verblüffte sie.

Also doch Wegelagerer!“, sagte einer der Männer böse.

Es wäre gut, wenn ihr keine weiteren Beleidigungen ausstoßen würdet, Gents“, erwiderte Horty grimmig.

Vielleicht bist du gar nicht so schnell wie du gern erscheinen möchtest“, sagte der Treckführer. „Deine Vorstellung kannst du dir ersparen. Beim ersten Schuss sind eine Menge Reiter hinter dir und deinen Weggenossen her.“

Ihr scheint die Sachlage zu verkennen. Ich will weder eine Vorstellung noch Schüsse abfeuern. Ich will Pferde für meine Partner. Bei jedem Treck sind Pferde übrig. Wir werden sie bezahlen.“

Das ist Musik für meine Ohren! Also gut, Mister …?“

Lonestar“, antwortete Horty.

Lonestar?“, sagte einer der Reiter fast erschrocken. Er beugte sich weit über sein Sattelhorn, um Horty schärfer ins Auge fassen zu können. Dann sagte er zu dem Treckführer gewandt: „Ich hatte gleich eine Ahnung, Boss. Wir können froh sein, dass Lonestar nicht seine Kugeln verstreute. Er ist es, Horty Lonestar, den die Apachen Weißer Falke nennen. Aber er ist auch unter dem Kriegsnamen …“

Behalte ihn für dich!“, schnitt ihm Horty das Wort ab. Der scharfe Einwurf ließ den Mann verstummen. Jetzt spürte man deutlich, dass sich die Situation entspannte. Der Kriegsname der Apachen genügte. Jeder der Männer schien irgendwann davon gehört zu haben, und das zeigte deutlich, wie schnell Nachrichten jeder Art durch den Kontinent getragen wurden.

Nun gut, kommt nur! Über die Pferde sprechen wir morgen“, sagte der Anführer ungeduldig. „Deine Partner, Lonestar, können in einem Planwagen fahren. Morgen sehen wir uns die Pferde an. Tut mir leid, dass ich rau wurde. Am Bozemanweg treibt sich viel übles Gesindel herum, da kann man nicht vorsichtig genug sein. Nicht nur die roten Gents machen einem das Leben zur Hölle.“

Schon gut, Mister …?“

Drummond heiße ich, Lonestar“, erwiderte der Treckwagenboss. „Joe Drummond!“ Bei diesen Worten grinste er seltsam. Er nahm dabei sein Pferd herum, und so hörte nur Horty Wells überraschenden Ausruf.

Horty, der gerade seine 45er Colts in die Holster gleiten ließ, drehte sich im Sattel um und sah Wells nur wenige Schritte hinter sich im Grase stehen. Wells’ Gesicht wirkte ungewöhnlich bleich.

Der Junge wird noch durch viele Feuer gehen müssen, bis er hart genug gebrannt ist“, durchfuhr es Horty. Dann winkte er seinen drei Partnern, ihm zu folgen.

Ohne sich noch einmal umzusehen, ritt Horty hinter den fünf Reitern her. Er sah deutlich, wie der Mann, der seinen Apachenkriegsnamen gewusst hatte, leise mit dem Wagenboss sprach. Danach hielt der Wagenboss sein Pferd zurück und lenkte es neben Hortys rostroten Wallach.

Ich konnte wirklich nicht wissen, wer du bist“, sagte Drummond, als wollte er sich nochmals nachdrücklich entschuldigen. „Man kann wirklich nicht vorsichtig genug sein. Beim letzten Wagentreck auf dem Bozemanweg vor einem Vierteljahr haben wir uns schwer gegen eine Bande zur Wehr setzen müssen, die uns den Weg zur Adlerschlucht blockieren wollte. Es wird immer schwerer für uns, unsere Waren bis zur Schlucht zu bringen. Eine Horde gesetzloser Teufel hat sich dort zu einem Trust zusammengeschlossen und tyrannisiert die Digger. Die Zustände in den Goldgräbercamps werden von Tag zu Tag höllischer. Die Lebensmittel werden immer knapper, und die roten Gents immer dreister.“

Drummond, du willst also zur Adlerschlucht trailen?“

Sicher, doch vorher kampieren wir in Fort Eagle.“

Das solltest du lassen, Drummond!“

Drummond nickte. Wieder lächelte er eigenartig vor sich hin. „Ich weiß“, erwiderte er ruhig. „Es hat sich bereits bis Fort Laramie herumgesprochen, dass Captain McLean eine Vorliebe dafür hat, für das Fort Waren zu beschlagnahmen und Frachtwagenfahrer zu Soldaten zu machen.“

Du befürchtest nichts?“

Nein, Lonestar. Ich habe nichts für mich und meinen Treck zu befürchten. Du wirst schon bald herausfinden, warum.“

Drummond ließ Horty Zeit zum Nachdenken.

Wenn das so ist, Drummond, bist du wohl der einzige Frachtwagenboss, der noch ungestört seine Geschäfte tätigen kann.“

Sicher, ich weiß genau, was du denkst, Lonestar. Ich gehöre aber weder dem Trust in der Adler-Schlucht an noch habe ich irgendwelche Papiere von der Armee, noch kann mich Captain McLean besonders gut ausstehen. Ich habe nur raue Männer als Fahrer und Begleiter. Sie werden gut bezahlt, und sie alle schießen gut. Die Sioux haben das erfahren und einige üble Kerle ebenfalls. Captain McLean respektiert das. Er weiß, dass er uns ungeschoren lassen muss, denn sollte er es mit uns versuchen, wird niemand mehr von Fort Laramie aus Frachten fahren. Das würde für Fort Eagle und für die Adlerschlucht eine Menge bedeuten.“

Drummond, du vergisst die Armee!“

Nein“, lachte Drummond, „ich vergesse sie nicht! Ich weiß nur, dass sie im Moment davon Abstand genommen hat, am Bozemanweg weitere Forts zu errichten. Ich weiß auch, dass die Armee der Union im Augenblick sehr hilflos ist. Auch das bedeutet eine Menge. Wenn ich meiner Sache nicht ganz sicher wäre, würde ich sonst der Letzte sein, der noch Frachten zur Adlerschlucht fahren würde?“



4.


J. DRUMMOND UND D. STEVELAND FRACHTFAHRTEN


Auf jedem Wagen und auf den Planen war das Firmenschild zu lesen. Die Fuhrleute, die Horty Lonestar zu Gesicht bekam, waren wie die Reiter schwer bewaffnet. Der Eindruck ließ sich nicht leugnen, dass er es hier mit einer schlagkräftigen, kampferprobten Mannschaft zu tun hatte.

In einige Wagenplanen waren von Brandpfeilen Löcher gebrannt worden. Die Männer hinter den Gespannen waren so verstaubt wie die Wagenplanen und Zugochsen. Auf einem der Wagen war außer der Küche eine Schmiede untergebracht. An jedem Wagen hingen die Wasserfässer an den Planken. Der weite Weg hatte Tiere und Menschen gleichermaßen gezeichnet. Dieser Treck hatte reißende River und weite Ebenen, er hatte wilde Hügel und unwegsames Gebiet hinter sich gebracht. Überall an den Wagen waren die Spuren von Kämpfen zu sehen.

Drummond hatte nicht zu viel gesagt. Seine Mannschaft bestand aus Männern, die mit ihm quer durch die Hölle trailen würden. Scott, Wells und Shark durften gleich auf dem ersten Wagen aufsitzen. Sie nahmen hinter dem Fahrer im Planwagen, auf den dort befindlichen Kisten und Säcken Platz. Shark streckte seine Beine weit von sich und sagte zu dem auf seinem Pferd sitzenden, am Wagen haltenden Horty:

Boss, lieber schlecht gefahren, als zu Fuß durch die Gegend marschiert. Hier halte ich es aus, bis zum Nordpol. Von mir aus kann die Reise losgehen.“

Es geht nach Fort Eagle“, erwiderte Lonestar, wobei er alle drei scharf beobachtete. Doch keinen schien das sonderlich zu erschrecken, nicht einmal Wells, und das war sonderbar genug.

Vielleicht können wir uns alle drei verstecken und Captain McLean bekommt uns nicht einmal zu sehen“, sagte der rothaarige Riese. „Vielleicht werden in diesem Treck noch Männer gebraucht, die Hand anlegen und schwer arbeiten können.“

Sicher“, mischte sich der Fahrer in das Gespräch ein, „ihr werdet für das Essen und Fahren noch arbeiten müssen. Drummond verschenkt nichts. Dazu werdet ihr eure Waffen noch manches Mal abzufeuern haben. Über fünfzig heidnische Hundesöhne sind hinter uns her. Morgen beim ersten Dämmerlicht werden sie wieder zur Stelle sein. Seit drei Tagen klingt uns ihr Kriegsgeschrei grell in den Ohren. Das kann bald einen Toten aufwecken! Aber das werdet ihr morgen schon selbst erleben.“

Scott, das ist etwas für dich“, sagte Shark. „Auf diese Art wirst du wenigstens wach werden.“

Mehr hörte Horty nicht. Er zog sein Pferd herum und ritt auf den nächsten Wagen zu. Drummond gab in diesem Augenblick das Zeichen zum Weiterfahren. Sofort setzten sich die Zugochsen des ersten Wagens in Bewegung. Die lange Reihe der Wagen rollte schwerfällig vorwärts. Die schweren Zugochsen mit dem breiten Gehörn legten sich ins Geschirr. Hinter den Wagen waren ledige Pferde angebunden, von denen einige gesattelt waren. Ihre Besitzer hatten die lange Reise ins Jenseits angetreten.

Auf jedem Treck gab es Menschenverluste. Ihre Gräber lagen am Bozemanweg. Eintönig rumpelten die Räder über das unebene Gelände. Zwanzig schwere Frachtwagen, begleitet von vielen schwer bewaffneten Reitern, bildeten, zusammen mit den Fahrern, eine Streitmacht von ungeheurer Schlagkraft.

Voraus- und Abschlussreiter beschützten den Treck, der nur langsam vorwärts kroch. Horty Lonestar war nun in diesen Treck eingegliedert, und niemand kümmerte sich um ihn. Er ritt an der rechten Flanke mit. Über ihnen stand der Mond, der sein Silberlicht über die bizarre Landschaft ausbreitete.

Lonestar hatte die Anrede „Boss“ von Shark angenommen wie etwas Selbstverständliches. Er wusste, dass er nun für diese drei Männer verantwortlich war und dass sie sich wie Kletten an ihn hängen würden. Das war eine Belastung mehr, auf seinem Trail. Vom Sattel her schaute er zu den Wagen hin. Auf jeder Wagenplane war bestätigt, dass Drummond noch einen Teilhaber hatte, der sich D. Steveland nannte.

Seine Lippen pressten sich fester zusammen, als wäre ihm etwas Bitteres auf die Zunge gekommen. Er ritt dichter an den Wagen heran. Der dritte Wagen war es, der seine Aufmerksamkeit erregte. Aus diesem Wagen heraus hörte er die dunkel schwingende Stimme einer Frau zum Fahrer sagen:

Jim, wann sind wir in Fort Eagle? Warum wurde angehalten? Was ist eigentlich los?“

Sie haben geträumt, Madam McLean“, hörte Horty die Stimme des Fahrers. „Legen Sie sich wieder nieder und schlafen Sie weiter, Madam. Morgen gegen Mittag dürften wir Fort Eagle erreicht haben.“

Dann werde ich meinem Bruder sagen, dass vor dem Winter kein Frachtzug mehr kommt und jede Lebensmittelversorgung bis zum Frühjahr abgeschnitten ist. Ich werde ihn bitten, alles zu tun, um die Menschen in Fort Eagle zu retten.“

Madam, Ihr Bruder ist der Kommandant des Forts. Er wird seine Befehle haben und nicht auf Sie hören. Sie hätten in Fort Laramie bleiben sollen!“

Nein, ich muss zu ihm. Ich muss herausbringen, ob der Kurier aus dem Armeehauptquartier ihn erreicht hat. Ich muss wissen, ob an den Gerüchten etwas Wahres ist, dass …

Madam!“, klang die Stimme des Fahrers drohend, „mischen Sie sich nicht in Dinge ein, von denen Sie nichts verstehen.“

Aber man sagt es doch in Laramie ganz offen, dass mein Bruder mit gewissenlosen Männern in der Adlerschlucht Geschäfte tätigt! Ich weiß aus bestimmter Quelle, dass ein Kurier seine Abberufung gebracht haben soll. Mein Bruder kam nicht. Ich kann das nicht begreifen.“

Madam, auf dem Bozemanweg ist auch ein Kurier nicht sicher“, antwortete der Fahrer. „Sie hätten warten sollen. Sie hätten auf Drummonds Rat hören sollen. Nein, Sie ließen sich lieber auf ein Abenteuer ein. Sie haben selbst erlebt, wie die Sioux kämpfen. Drei Männer wurden getötet, zwei liegen schwer verletzt im letzten Wagen. Morgen in der Dämmerung wird Amerikanisches Pferd seine Horde wieder heranführen. Vielleicht haben die roten Teufel inzwischen Verstärkung bekommen.“

Hören Sie auf!“, unterbrach ihn die Frauenstimme.

Madam, vor der Wahrheit sollte man die Augen nicht verschließen. Sicherlich sind alle Gerüchte um Ihren Bruder nur von Menschen in Umlauf gebracht worden, die sich rächen wollen. Jeder am Bozemanweg weiß, wie straff Captain McLean die Zügel im Fort hält. Er wird sich freuen, wenn er erfährt, wie tapfer Sie diesen Treck durchstanden und den Verwundeten geholfen haben. Sicherlich wird er sehr stolz auf Sie sein, Madam!“

Sie haben recht, man soll der Wahrheit ins Auge sehen“, erwiderte sie herb. „Mein Bruder ist der Boss der Männer des Trustes, die die Adlerschlucht zur Hölle machen. Mein Bruder beschlagnahmt Frachtwagen und Waren, aber nicht für das Fort. Er setzt die beschlagnahmten Dinge zur rechten Zeit für hohe Preise in der Adlerschlucht ab. Sie gehören ebenfalls zum Trust, Jim Pannemaker! Sie verdienen mit! Eine Horde rauer Männer macht ein einmaliges Geschäft und wird steinreich dabei, und mein Bruder …“

Horty hörte das bittere Schluchzen der Frau. Nach einer Weile fuhr sie fort:

Ich verlor die Nerven. Fred war immer schon eine schwierige Natur. Er hat nie auf meine Mutter und mich gehört. Wir waren von ihm so beeindruckt, als man ihn zum Fortkommandanten von Fort Eagle machte und glaubten, dass er sich bewähren würde und dass wir richtig stolz auf ihn sein könnten.“

Ihre Stimme wurde so leise, dass Lonestar nichts mehr verstehen konnte. Er ritt dichter an den Wagen heran, sodass der Hufschlag seines Pferdes vom Rädergerassel übertönt wurde. Er hielt sein Pferd so, dass es auch vom Fahrer nicht gesehen werden konnte. Nach einiger Zeit angestrengten Lauschens konnte er wieder der Unterhaltung folgen.

Es wäre besser, wenn Sie mir nun sagen würden, wer zum Treck stieß“, hörte er die Stimme der Frau. „Kam Steveland zurück?“

Nein, Madam! Mister Steveland wird sicherlich noch mit Bennett und Satter rechtzeitig eintreffen. Wir haben ihn schon gestern erwartet. Aber das hat nicht viel zu besagen. Auf dem Bozemanweg sind allerlei Überraschungen möglich. Steveland, Bennett und Satter werden sich schon zu helfen wissen.“

Warum verschwanden die drei, gleich nachdem der Wagenzug sich in Fort Laramie in Bewegung gesetzt hatte?“

Madam, das weiß ich nicht. Sie können es sich jedoch selbst ausrechnen. Steveland übernahm die Sicherung des Trecks und betätigte sich als Kundschafter.“

Das scheint mir eine seltsame Art von Kundschaften zu sein“, entgegnete die Stimme der Frau. „Ich habe mir die Tätigkeit von Scouts ganz anders vorgestellt. Wollen Sie mir verheimlichen, dass Steveland mit Bennett und Satter zurückkam?“

Fremde stießen zu uns, Madam“, erwiderte der Fahrer Jim Pannemaker. „Drummond scheuchte sie sonderbarerweise nicht fort, sondern nahm sie auf. Nun, das ist seine Sache. Vielleicht rechnet er damit, dass die Sioux Verstärkung bekommen haben und morgen mit einer größeren Horde angreifen. Sie haben wirklich nichts versäumt, Madam.

Vier Kerle stießen zu uns. Ein ziemlich kleiner Kerl war dabei und noch ein junger Bursche. Der dritte ist ein Riese von Gestalt, und der vierte, ein hagerer Bursche, spielt anscheinend den Boss des Trupps. Die drei erstgenannten Kerle hatten nicht einmal ein Pferd. Wenn sie den morgigen Tag überleben, wird Ihr Bruder sie zu Soldaten machen, und wir sind sie los, Madam.“

Pannemakers Lachen klang abgehackt und heiser. Horty wich mit seinem Pferd vorsichtig zurück. Er hatte genug gehört und verzichtete darauf, durch einen Zufall entdeckt zu werden.

Morgen, wenn es heller wurde, wollte er sich die Frau mit der angenehmen Stimme näher ansehen. Sie schien Mut und einen starken Willen zu besitzen.

Was mochte in dieser Frau vorgehen, die sich auf den Weg gemacht hatte, um eine ungeheure Aufgabe zu bewältigen, nämlich, ihren Bruder Captain McLean auf den rechten Weg zu bringen?

Die Bitternis in Horty Lonestar wuchs. Er dachte an all die Menschen, die in Fort Eagle Zuflucht gesucht hatten. Er dachte an die Frauen und Kinder, die darauf vertrauten, dass die im Fort stationierte Einheit sie beschützen würde und dass der Kommandant alles tun würde, um jeder Not zu begegnen.

Doch Captain McLean handelte anders. Er nutzte seine Stellung und sein Amt rücksichtslos aus. Es kümmerte ihn nicht, welche Folgen seine Handlungsweise haben würde. Er sah nicht, dass Not und Tod über das Fort kommen würden. Er schob die beschlagnahmten Lebensmittel zur Adlerschlucht ab, und dort brachten sie ihm Gold, viel Gold ein! Es gab keinen Zweifel mehr, dass Drummond und Steveland mit zum Trust gehörten.

Für Horty lag nun die Zukunft offen vor Augen. Das Grauen vor dem Kommenden ließ sein Herz schneller schlagen. Wieder einmal hatte das Gold, die Gier danach, die Menschen völlig aus der Bahn geworfen. Die Sucht nach Reichtum, die schon zu allen Zeiten Menschen zu Bestien gemacht hat, schien auch hier wieder Triumphe zu feiern.

So war es kein Wunder, dass auch dieser Treck besonders stark bewaffnet war und von Männern begleitet wurde, die zu kämpfen verstanden. Der Trust konnte sich eine schlagkräftige Mannschaft leisten. Das Gold aus der Adlerschlucht floss zu einem nicht unerheblichen Teil in die Taschen dieser Männer hinein. Sie wurden gut bezahlt. Sie verdienten gewiss mehr als hart schuftende Digger in der Adlerschlucht.

In seine Gedanken versunken ritt Horty Lonestar und schreckte auf, als er leise seinen Namen rufen hörte. Horty war bis zum ersten Wagen vorgerückt und erkannte den jungen Wells, der die hintere Planwand gelöst hatte und ihm zuwinkte. Lonestar ritt nahe heran und hörte Wells heiser sagen:

Boss, ich war ein Narr! Ich hätte nicht schießen sollen!“ Wells’ Gesicht zuckte. Man sah deutlich, wie erregt er war. Immer wieder blickte er ins Wageninnere zurück, als fürchte er von dort eine Überraschung. Seine Stimme klang gehetzt; als er fortfuhr: „Wir sind in einer Klemme, Boss. Dieser Drummond denkt nicht daran, uns Pferde zu verkaufen. Als ich ihn sah, erkannte ich ihn gleich.

Damals in Texas hatte er nur einen anderen Namen.“

Wells, was soll das?“

Boss, Drummond ist der Mörder meines Vaters“, sagte Wells von tiefer Erregung geschüttelt. „Als ich nahe genug bei ihm war, erkannte ich ihn.“

Bist du ganz sicher, Wells?“

Es war hell genug. Das Gesicht des Mörders hat immer vor meinen Augen gestanden. Ich irre mich nicht! Er ist es!“

Wenn es hell wird, kann es schlimm für uns werden.“

Wells verstand die Andeutung sofort.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738911725
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v372100
Schlagworte
ritt hölle

Autor

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Titel: Ritt durch die Hölle