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Circle C-Ranch #20: Terror in Tucson

2017 120 Seiten

Leseprobe

TERROR IN TUCSON


Ein Western von Bill Garrett




IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von N.C.Wyeth, 2017

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Klappentext:

Einige Rancher und Geschäftsleute aus Tucson werden erpresst. Sie sollen Schutzgelder zahlen, sonst wird ihren Familien etwas zustoßen. Die meisten der Betroffenen bezahlen zähneknirschend das Geld. Deshalb erfährt US Marshal Cliff Copper erst davon, nachdem es die ersten Toten gegeben hat. Auch Cliffs Freund und Vorgänger im Amt, Rip O´Hagan, gehört zu denjenigen, die aus Angst gezahlt haben. Denn seine Frau Julie wurde entführt. Erst als sie freigelassen wird, geht Cliff gegen die Erpresser rücksichtslos vor. Der Boss dieser Bande scheint aus Tucson zu stammen. Als Cliff den Verbrechern auf die Spur kommt, muss er dabei über seinen eigenen Schatten springen ...




Roman:

Im Westen von Tucson war das Land besonders trocken. Es war so heiß, das Land war so nackt und kahl, und das Gras wuchs so spärlich, dass es fast unmöglich war, eine rentable Rinderzucht auf die Beine zu bringen. Doch Jo Challet liebte sein Stück Land, denn es ernährte seinen Mann und die Frau, die zu ihm gehörte. Wenn auch nur recht und schlecht.

Die beiden großen Ranches im Süden und Osten, die Circle C und die Wagenradranch, waren da mit ihren Wasserstellen und dem guten Gras viel besser dran. Doch Challet hatte diesen Ranches nie Konkurrenz machen wollen. Er besaß ein Heim, ein Anwesen, das es ihm ermöglichte, in Frieden und als freier Mann zu leben.

Doch das alles war nun bedroht, und zwar durch den Mann, der vor ihm im Lehnsessel saß, gemein grinste und den Colt abwechselnd auf Challet und auf dessen Frau richtete. Challet hatte diesen Mann noch nie gesehen, kannte weder seinen Namen noch etwas über dessen Herkunft, und konnte sich auch nicht vorstellen, wer diesen Burschen geschickt hatte.

Wenn ich Ihre Forderung erfülle“, sagte Challet langsam, „kann ich hier einpacken. Dann bin ich erledigt. Sehen Sie sich doch da draußen uml Und wenn ich gehen muss, haben Sie auch nichts.“

Challet fielen diese Wollte verdammt schwer. Doch angesichts des Fünfundvierzigers, den der Fremde in der Faust hielt, blieb ihm einfach nichts anderes übrig. Hinzu kam noch, dass eine geladene Waffe für Challet nicht greifbar war. Challet war ein recht friedfertiger Mann. Doch in dieser Situation hätte er den anderen bedenkenlos über den Haufen geschossen, wenn er nur eine Waffe gehabt hätte.

Der Fremde rieb sich die Nase. „Hundert Dollar im Monat, Challet! Das ist doch ’rauszuwirtschaften. Erzählen Sie mir nichts. Sie müssen nicht glauben, dass ich ein blinder Sumpfbiber bin, der vom Tuten und vom Blasen keine Ahnung hat. Ich bin erstaunt, dass es Ihnen nicht hundert Dollar im Monat wert sein soll, hier in Ruhe und Frieden weiterzuleben. Challet, wir beschützen Sie! Wir liefern Ihnen doch etwas für das Geld. Sie sind wirklich der erste unvernünftige Mann, auf den wir hier stoßen.“

Die Challets sahen sich an. „Wollen Sie mir weismachen, dass die Rancher in dieser Gegend Ihren Schutz erkaufen?"

Das mache ich Ihnen nicht weis, Challet!“, sagte der Fremde. „Das ist eine Tatsache.“

Challet blies die Backen auf. „Auch die Coppers von der Circle C und Morrison von der Wagenradranch?“

Der Fremde nickte. „Natürlich! Die haben wir zuerst unter Vertrag genommen.“

Für Challet war klar, dass dieser Hundesohn log. Darauf hätte er nicht nur einen Storch ungerupft hinuntergeschlungen.

Ich kenne Buster Tom“, sagte Challet. „Deshalb kann ich nur lachen.“

Wer ist denn das?“, fragte der Fremde.

Sie sind gar nicht aus dieser Gegend, wie?“, fragte Challet und warf einen verstohlenen Blick zum Türpfosten.

Aber nicht einmal die verdammte Axt hing an Ort und Stelle. Weiß Gott, er hätte dieser Hyäne damit glatt den Schädel gespalten.

Mr. Copper, der Boss von der Circle C Ranch, ist Buster Tom“, antwortete seine Frau. „Das weiß doch jeder hier. Und der Marshai in Tucson, Cliff Copper, das ist sein ältester Sohn.“

Zu dem laufen Sie bloß nicht hin, Challet!“, rief der Fremde. „Ich garantiere Ihnen, dass Sie wohl nach Tucson hineinkommen, aber nicht wieder heraus. Jedenfalls nicht lebend. Sie würden - na, sagen wir mal - drei Schritte vor dem Office spätestens lang aufs Gesicht fallen. Und das tun Sie doch Ihrer Frau nicht an, nicht wahr? Wir könnten es aber auch anders machen, Challet. Wir könnten uns an Ihre Frau halten. Sie sieht doch noch verdammt gut aus, nicht wahr. Das könnte sich ändern.“

Schweigen Sie, Sie Bastard!“, zischte Challet und ballte die Hände zu harten Fäusten. Er stieß seine Frau zurück, die sich erschrocken an ihn klammerte, und wollte sich auf den Fremden stürzen. Doch diese Kanaille hob den Colt nur etwas an und zielte genau auf das hübsche Gesicht von Lenna Challet.

Challet hielt schnaufend ein. „Verschwinden Sie! Hauen Sie ab, Mann, oder ich vergesse mich!“

Jo!“, rief Lenna Challet ängstlich und bittend zugleich.

Machen Sie jetzt Ihre Anzahlung, Challet!“, verlangte der Fremde mit Schärfe in der Stimme, die erkennen ließ, dass er nicht mehr diskutieren wollte. „Sie haben gewusst, dass ich kommen werde. Also hatten Sie Zeit, sich die ersten hundert Dollar zu beschaffen. Her damit!“

Geh nach nebenan, Lenna!“, schnaufte Challet.

Nein!“, bellte der Fremde. „Ihre Zicke bleibt hier!“

Ich habe das Geld nicht!“, keuchte Challet. Er kochte vor Wut, weil noch niemand gewagt hätte, seine Frau in seinem Beisein zu beleidigen, und weil er so gar keine Chance besaß, dem anderen dafür eine kräftig auf den Hut zu schlagen, dass er vor dem Abend nicht wieder aufwachte.

Da erhob sich der Fremde. „Well, Challet! Ich gehe jetzt, und mich sehen Sie auch nie wieder. Aber in einer der nächsten Nächte wird es hier draußen ein Feuer geben. Verdammt hübsches Haus, das Sie haben. Vergessen Sie nur nicht, dass es Ihre Entscheidung gewesen ist. Vergessen Sie es dann bei Ihrem Gejammere nicht.“

Ich werde den Marshal auf Sie hetzen!“, bellte Challet.

Wenn Sie auch nur mit einem einzigen Menschen darüber sprechen, ist Ihre Frau an der Reihe, Challet“, sagte der Fremde leise, aber das klang so gefährlich, dass Lenna zu zittern begann und es Jo Challet so trocken im Hals wurde, dass er sich verschluckte und husten musste.

Wir spaßen nicht, Challet!“, sagte der Fremde. Dann ging er.

Jo! Gib ihm das Geld!“, rief Lenna. „Hallo, Mister! Warten Sie!“

Der Fremde hielt auf der Schwelle ein und drehte sich um, ein wissendes Lächeln im Gesicht.

Lenna Challet lief zum Schrank, öffnete und kam mit hundert Dollar zurück. In kleinen Scheinen, da die Challets große immer nur bei anderen Leuten gesehen hatten.

Der Fremde richtete den Colt auf Jo Challet, während er das Geld annahm und in die Tasche steckte. „Seht ihr! So kommen wir ins Geschäft. Jetzt steht die Ranch unter unserem Schutz. Nicht einmal eine Maus wird Ihnen hier noch gestohlen werden. Adios!“

Er wandte sich ab, lief rasch zu seinem Pferd, saß auf und jagte davon.

Jo Challet fegte auf dem Absatz herum und stürzte in die Kammer. Als er mit dem Gewehr zurück kam, fiel ihm seine Frau in den Arm.

Jo, nicht! Ich bitte dich!“, flehte sie. Jo Challet wollte sie zur Seite stoßen. Doch die Angst in ihren schönen dunklen Augen erweichte ihn. Er blickte zur Tür hinaus, ließ das Gewehr kraftlos sinken und fuhr seiner Frau über das Haar. Sanft und zärtlich.

Nun gut, Lenna!“, murmelte er. „Wir wollen nicht unvorsichtig sein. Diese Brut ist gefährlich. Da muss jeder Schritt genau überlegt werden. Ich sattle' mein Pferd und reite zum Marshal in die Stadt.“

Nein, Jo!“, flehte Lenna. „Unternimm nichts! Ich habe von solchen Banden gehört. Es gibt sie in vielen Städten und Gegenden. Und oft genug steckt der Gesetzesbeamte mit diesen Leuten unter einer Decke. Es wäre unser Ende, Jo!"

Jo Challet holte tief Luft.

Der Mann ist sehr sicher aufgetreten“, sagte Lenna. „Ich glaube, dass die Halunken in Tucson sehr fest sitzen. Todsicher mit der Hilfe des Marshals.“

Niemals!“, sagte Challet und schüttelte energisch den Kopf. Er ging zum Tisch und legte das Gewehr aus der Hand. „Gerade so etwas ist hier ausgeschlossen.“

Woher willst du das wissen?“

Jo Challet wandte sich ihr zu. „Ich kenne den alten Copper! Sieh diesem alten Büffel einmal richtig ins Gesicht, dann weißt du, wie der seinen Jungen erzogen hat. Nein! Es ist ausgeschlossen, dass Cliff Copper, der Marshal von Tucson, mit solchen Halunken zusammenarbeitet. Weißt du was? Ich bin ein verdammter Idiot, dass ich nicht längst bei Cliff Copper gewesen bin! Sofort nach dem ersten Besuch dieses Bastards hätte ich zu ihm reiten sollen. Dann wäre der Spuk nämlich längst vorbei oder hätte gar nicht erst begonnen. Ich reite! Auf der Stelle mache ich mich auf den Weg.“

Jo, sei vorsichtig!“, bat Lenna.

Er ging zu ihr, nahm sie in die Arme und zog sie an sich, küsste sie und lief danach rasch hinaus, um sein Pferd zu satteln.

Sei vorsichtig, Jo!“, mahnte Lenna noch einmal, als er sich in den Sattel schwang und losritt.

Er gab seinem Braunen sofort die Sporen zu spüren und jagte schnurstracks nach Norden. Er wählte dabei den Weg über das Land der Red Rock Ranch und hatte nichts anderes vor, als nach Tucson zu reiten, um dort mit dem Marshal zu sprechen. Doch er hetzte und trieb seinen Braunen, weil er insgeheim hoffte, den Fremden noch einzuholen.

Mochte der Teufel wissen, wohin dieser Bursche verschwunden war. Jo Challet bekam ihn nicht mehr zu Gesicht. Als er nach drei Stunden in Tucson ankam, war der Braune restlos erledigt.

Jo Challet ritt mitten auf der Fahrbahn. Erst als er Cliff Coppers Office ins Blickfeld bekam, fiel ihm die Warnung des Fremden ein, dass er spätestens drei Schritte vor dem Office aufs Gesicht fallen würde, sollte er es wagen, zum Marshal zu reiten.

Er sah sich deshalb erschrocken um und lenkte das Pferd an den Straßenrand. Da krachte es schon hinter ihm. Er wollte sich noch umdrehen, bekam aber nur den Kopf ein Stück herum, dann stieß es ihm wie von einem glühenden Speer in den Rücken. Bevor er überhaupt begriffen hatte, fiel er schon aus dem Sattel, und er fiel in eine schwarze bodenlose Tiefe.


*


Cliff Copper reckte den Hals und schaute angestrengt auf die Straße hinaus.

Woher kam der Schuss?“, fragte er den alten Whity, der seit einiger Zeit das Office fegte und den Laden auch sonst in Schwung hielt, wie er sich selbst auszudrücken pflegte. Cliff beugte sich wieder über den Schreibtisch. „Sieh mal nach, Whity, ob da ein Verrückter irgend etwas angestellt hat.“

Du weißt ja, ich arbeite mich gern halbtot für dich, aber willst du nicht erst einmal ’n paar Cents für’n Bier ’rausrücken?“

Cliff lehnte sich zurück, um in die Tasche zu greifen. Doch da sah er draußen Passanten vorbeirennen. Rufe und Geschrei drangen durch die offen stehende Tür herein. Cliff sprang auf, nahm seinen Hut und hastete hinaus.

Whity sah ihm verärgert nach. „Das ist doch der beschissenste Job, den ich je hatte!“, brummte er und lief Cliff hinterher. „Nicht einmal ’n paar Cents für’n Bier!“

Cliff war zunächst von dem grellen Sonnenschein geblendet. Er sah nur Leute zusammenlaufen. Doch dann entdeckte er das Pferd, und damit war ihm klar, dass jemand auf einen Mann geschossen hatte. Er setzte sich sofort in Bewegung, und während er durch die Gasse lief, die die Menge vor ihm bildete, sah er drüben aus dem Hotel Rip O’Hagan, seinen Vorgänger, und Chino Salvadore aus dem Hotel kommen. Chino Salvadore lebte erst seit einigen Wochen in Tucson. Er war in die Stadt gekommen, um der Wells Fargo mit einer Frachtwagenlinie Konkurrenz zu machen.

Es ist Jo Challet!“, sagte einer der Umstehenden, als Cliff vor dem Mann stehenblieb, der da neben seinem Pferd am Boden lag. Er sah sofort, dass er von

einer Kugel getötet worden war, die ihm das Rückgrat zerschmettert hatte.

Und der Schütze?“, wandte er sich an die Menge. „Hat ihn jemand gesehen?“

Die Leute starrten ihn schweigend an.

Was?“, fragte Cliff überrascht.

Er muss dort drüben hinter der Stellmacherei gestanden haben“, sagte jemand.

Cliff entdeckte den Stellmacher und Town Mayor Fred Guggenheimer unter den Leuten.

Fred Guggenheimer zuckte sofort die Schultern, als ihn Cliffs Blick traf. „Ich habe überhaupt nichts gesehen, Cliff. Ich war auf einen Drink in Madsons Laden.“

Die Menge teilte sich. Dr. Mills kam, setzte die Tasche auf den Boden und kniete nieder. Nur ganz kurz. Dann richtete er sich schon wieder auf und schüttelte den Kopf. „Da ist nichts mehr zu machen. Er muss sofort gestorben sein. Wer ist das denn gewesen?“

Cliff schaute in die Gesichter der Umstehenden. Dann ging er an Dr. Mills vorbei und lief rasch zur Stellmacherei. Einige Männer folgten ihm, Gewehre oder Revolver in den Fäusten. Sie suchten mit ihm die Gegend um die Stellmacherei ab. Aber es war nirgends etwas zu entdecken, das ihnen Aufschluss gegeben hätte.

So kehrten sie wieder zu dem Toten zurück. „Lass ihn einsargen, Fred“, bat Cliff den Stellmacher, der auch Särge zimmerte.

Jemand müsste seine Frau benachrichtigen“, sagte Dr. Mills.

Cliff biss sich auf die Lippe.

Ich werde das übernehmen“, bot sich der Doktor an. „Ich muss ohnehin heute noch zur Wagenradranch hinaus. Die haben dort gleich drei kranke Männer auf einmal.“

Ich danke Ihnen, Doktor!“, sagte Cliff und lief zum Office zurück. Whity war die ganze Zeit nicht von seiner Seite gewichen. „Sattle mein Pferd!“, .sagte Cliff zu ihm. „Wenn ich eine Spur finde, dann bestimmt nur draußen vor der Stadt.“

Whity lief nach hinten in den Hof. Cliff betrat das Office. Rip O’Hagan kam hinter ihm hereingehinkt.

Hat denn Jo Challet Feinde gehabt?“, fragte er schnaufend, hinkte zum Stuhl vor dem Schreibtisch und ließ sich ächzend darauf niedersinken.

Cliff zuckte die Schultern. „Weiß der Teufel, Rip! Challet lebte noch nicht lange hier. Vielleicht ist es eine Geschichte aus seiner Vergangenheit, die ihn hier nun eingeholt hat.“

Rip O’Hagan streckte vorsichtig das rechte Bein aus. „Willst du nicht erst einmal mit seiner Frau sprechen?“

Sie waren erst Wochen miteinander verheiratet“, sagte Cliff. „Dr. Mills fährt hinaus. Der kann so etwas viel besser. Ich kümmere mich inzwischen um den Burschen, der Challet erschossen hat. Hast du Schmerzen? Ich .dachte, es würde langsam besser mit .deinem Bein.“

Zum Henker!“, knurrte Rip O’Hagan und verzog das Gesicht.

Hat die Operation in Camp Lowell .denn nichts eingebracht?“, fragte Cliff mitfühlend.

Es soll wohl noch werden“, sagte Rip O’Hagan. „Geduld müsste ich haben, meint Mills. Aber so ein steifes, schmerzendes Knie, das steht einem .doch gewaltig im Weg.“ Er sah auf und lächelte. „Ich habe mich eben lange mit Chino Salvadore unterhalten. Er hat mir erzählt, wie er sein steifes Fußgelenk bekommen hat. Ein sehr sympathischer Mann. Ich wusste gar nicht, dass ihr euch von früher kennt.“

Habe ich dir das nicht erzählt?“, fragte Cliff lächelnd, während er zum Waffenschrank ging und eine Winchester herausnahm. „Chino und ich sind alte Freunde. Wir sind am Rio Pecos lange Zeit Seite an Seite geritten. Er ist anständig durch und durch.“

Bill Shaddle, der Wells Fargo Agent, spuckt Gift und Galle auf ihn“, sagte Rip O’Hagan.

Cliff lachte. „Ja, weil er ihm das Geschäft verdirbt. Chino ist mit seiner Frachtwagenlinie gut ins Geschäft gekommen. Das muss die Wells Fargo Leute ja beißen. Chino hat eben Ideen und gute Pläne.“

Whity erschien auf der Schwelle. „Dein Pferd ist gesattelt und wartet, Chef!“, sagte er.

Rip, wir sehen uns später!“, sagte Cliff und lief hinaus.

Rip O’Hagan erhob sich und hinkte mühsam zur Tür.

Wollen Sie nicht bleiben?“, fragte Whity. „Ich führe Ihnen gern etwas vor.“

Rip O’Hagan griff in die Tasche und gab dem Oldtimer ein Fünfzig Cent-Stück. „Heute nicht, Whity!“, sagte er, während er hinausschaute und zusah, wie der Marshal davonritt. „Ich muss nach meinem Saloon sehen, damit er endlich fertig wird.“

Danke ergebenst!“, murmelte Whity. „Wenn Sie Ihren Saloon eröffnen, gebe ich eine Extranummer. Kostenlos! Ganz gratis. Wenn Sie vielleicht noch ein paar Cents für’n Bier hätten.“

Rip O’Hagan griff noch einmal in die Tasche und hinkte rasch hinaus.

Whity zupfte sich die Jacke zurecht und besah sich das Geldstück in seiner Hand. „Ich glaube, wenn ich die Stadt nicht bald wieder verlasse, werde ich demnächst bei Rip O’Hagan fegen“, sagte er zufrieden.

Dann schloss er den Bau ab und lief in Joel Madsons Saloon, um die Centstücke gegen Bier einzutauschen. Es war das beste Spiel, das er kannte.


*


Chino Salvadore war ein Mann von vierzig Jahren. Trotzdem war er schon weiß. Er lief in seinem Wohnraum auf und ab, blieb dann stehen und blickte auf den Mann, der in dem schweren Ziegenledersessel saß, die Beine auf den Tisch.

Du hast gut gearbeitet, Jerome“, sagte er und nickte.

Jerome sah auf und verzog den Mund. „Dass ich jemals so etwas tun würde, ist mir an der Wiege nicht gesungen worden. Chino, es sind arme Leute gewesen. Hungerleider, die ein Zins von hundert Dollar im Monat zu Bettlern macht. Ich hoffe, ich kann das rasch vergessen. Und eins sage ich dir: In deine Nähe komme ich nie wieder!“

Chino Salvadore lächelte überheblich. „Ich verfüge über einen langen Arm, Jerome. Leute, die ich haben will, und die mir vor allem verpflichtet sind, hole ich mir jederzeit.“

Ich bin dir verpflichtet, ja!“, zischte Jerome gereizt und sprang auf. „Aber nicht zu so etwas. Ich bin dir richtig dankbar, dass du nicht mehr von mir verlangst. Ich verlasse heute nacht sang- und klanglos die Stadt.“

Du kannst sofort reiten!“

Du scheinst zu ahnen, was ich mir gewünscht habe“, sagte Jerome. „Ich bin schon weg.“

Chino Salvadore hob die Hand. „Einen Augenblick, Freund! Du wirst einen Umweg machen und noch einmal zur Challet-Ranch reiten. Die Frau muss schweigen. Wenn sie still bleibt, werden auch andere weiterhin schweigen. Es muss einfach sein. Bring sie dazu! Egal, welche Mittel du anwenden musst.“

Ich habe von diesem Geschäft die Nase voll!“, zischte Jerome.

Chino Salvadore reckte sich und sah ihn durchdringend an. „Bist du verrückt? Du spielst mit deinem Leben. Meinst du nicht auch, dass ich irgendwann einmal einen Mann benötigen könnte, der hier tot vor meinem Schreibtisch liegt? Nur damit ich den Leuten in Tucson sagen kann, ich hätte ihn erschossen, weil er mich erpresst?“ Jerome starrte ihm in die Augen. „Irgendwann einmal muss ich Tucson so einen Mann präsentieren“, sagte Chino Salvadore.

Ich reite zur Challet Ranch!“, krächzte Jerome.

Chino Salvadore nickte. „Reite! Adios, Freund! Aber versuche nicht, mich hereinzulegen. Mein Arm ist lang. Das Gesetz sucht dich. Ich könnte plötzlich Lust verspüren, dem Gesetz einen Dienst zu erweisen.“

Was ist denn los mit dir?“, spielte Jerome den Entrüsteten. „Ich tu doch, was du verlangst.“

Gewiss!“, lächelte Chino Salvadore. „Ich habe ja auch nur von dem gesprochen, was möglich sein könnte. Die Frau muss also schweigen, Jerome. Schüchtere sie ein!“

Du wirst mit mir zufrieden sein“, sagte Jerome.

Dafür habe ich dich schließlich bezahlt!“, sagte Chino Salvadore bissig. ,,Nun verschwinde und sieh zu, dass du endlich Boden unter die Füße bekommst!“

Ich werde mich bemühen“, sagte Jerome ernst. „Lass es dir gut gehen! Ich bin immer für dich da.“

Ich weiß!“, lächelte Chino Salvadore.

Jerome lüftete den Hut und verließ das Zimmer. Kurz darauf hörte ihn Chino Salvadore wegreiten.

Ben!“, brüllte er.

Die Tür zum Nebenzimmer flog auf. Ein großer und schlanker Mann trat ein. „Ich bin hier, Boss!“, sagte er und blieb abwartend auf der Schwelle stehen.

Die Circle C Ranch!“, sagte Chino Salvadore befehlend.

Ist das nicht zu früh?“, fragte Ben überrascht. „Sie wissen doch, welchen Einfluss Buster Tom Copper hier hat.“

Zu früh?“, lächelte Chino Salvadore geringschätzig. „Da ist ein Mann auf offener Straße erschossen worden. Ein halbes Dutzend Leute hat den Schützen gesehen. Doch keiner hat auch nur ein Sterbenswort verlauten lassen. Das, Ben, ist genau meine Stunde. Jetzt habe ich diese Stadt so weit. Ihr greift euch die Ranch, die hier den größten Namen hat. Kuschen die Burschen, brechen wir den Marshal ein. Und dann sind wir hier groß am Zug. Dann hält uns nichts mehr auf. Macht euch auf den Weg!“

Wir reiten sofort!“, sagte Ben.

Wir haben alles genau durchgesprochen, Ben“, meinte Chino Salvadore. „Es gibt doch keine Fragen mehr? Ihr seid vier Mann. Klappt es nicht, dann schnappt euch Coppers Frau, oder meinetwegen auch die Tochter. Aber keine Halbheiten, Ben! Es geht jetzt ganz geradeaus. Es gibt keinen Mann, der nicht zusammenbricht, wenn er seine Frau am Boden liegen sieht, nur weil er zu stolz gewesen ist. Denkt daran!“

Wir werden die Sache für Sie erledigen, wie Sie das von uns erwarten“, sagte Ben unterwürfig.

Und vergesst den Preis nicht, den ich bezahle.“

Er setzte sich wieder in Bewegung und lief im Zimmer auf und ab, wobei er den rechten Fuß stark nachzog.

Ben sah ihm eine Weile zu. Dann entfernte er sich und kehrte zu seinen Gefährten zurück, die ihn schon gespannt erwarteten. Kurz darauf ritten die vier Männer Seite an Seite aus der Stadt.


*


Jimmy Copper stand in der brütenden Sonne am Brunnen unter dem Windrad, dessen Gerüst um diese Tageszeit nicht einen Fetzen Schatten warf. Das große Flügelrad da oben drehte sich langsam und träge unter dem Druck des heißen Windes, der aus der Wüste kam, so dass er nicht einen Hauch Erfrischung, geschweige denn Kühlung brachte. Lustlos, mürrisch und klatschnass vom Schweiß, obwohl er sich gar nicht bewegte, stand er da und sah dem Vormann Matt Jackson und den beiden Cowboys Kane und Hep beim Satteln zu. Die drei bewegten sich, als vermochte ihnen die mörderische Backofenhitze nicht das geringste anzuhaben.

Was ist mit dir, Jimmy?“, rief Matt Jackson herüber, als sie sich auf die Pferde schwangen. „Willst du nicht mitkommen?“

Jimmy winkte ab. „Einer muss ja hier den Wachhund spielen!“, rief er.

Die drei Reiter galoppierten an, stoben aus dem Schatten und jagten, Staub aufwirbelnd an Jimmy vorüber und waren schon Augenblicke später nach Westen hin hinter dem Schlafhaus und dem Frachtschuppen verschwunden. Nur der Hufschlag grollte dahinter noch eine Weile zwischen den Hügeln.

Jimmy starrte noch einige Zeit in die grelle und trostlos wirkende Weite. Das Land ringsum schien um die Mittagszeit förmlich zu kochen. Die Hitzeschleier flirrten und tanzten, dass die fernen Hügel und Berge gleichsam darin zu schwimmen schienen.

Jimmy wandte sich dann ab und ging ins Haus hinein. Der Wind nahm an Heftigkeit zu und trieb Wolken von Sand und Staub vor sich her. Das Windrad drehte sich schneller, und die Achsen und Wellen knarrten und ächzten in den Lagern.

Jimmy ließ die Tür offen, trank einen Schluck kalten Tee in der Küche und kehrte dann in den großen Wohnraum zurück, wo er in einem der Ziegenledersessel Platz nahm. Er saß kaum, hatte noch nicht einmal die Beine ausgestreckt, als er fernen Hufschlag vernahm.

Er stand wieder auf, zog sich den Hut in die Stirn und stapfte nach draußen, um zu sehen, wer die Reiter waren. Er hörte am Hufschlag, dass es sich um vier Pferde handelte.

Als er unter dem Vordach am Stützpfosten stehenblieb und die Augen mit der Hand beschirmte, konnte er sie auch sofort entdecken. Sie kamen von der Straße von Tucson herüber, benutzten aber nicht den Fahrweg, sondern kürzten den Weg ab und kamen über die Hügel. Erst kurz vor der Brücke stießen sie auf den Weg. Augenblicke später trommelten die Hufe der Tiere auf den knochentrockenen und ausgefahrenen Planken. Dann hielten sie schon im Hof und stiegen aus den Sätteln.

Jimmy ging den Männern ein Stück entgegen. Es waren Fremde, die er noch nie gesehen hatte.

Hallo!“, grüßte der eine grinsend freundlich und kam auf Jimmy zu. „Wir möchten Tom Copper sprechen.“

Jimmy hob die Hand. „Tut mir leid, Mister! Mein Vater ist mit allen Leuten draußen am Santa Cruz River. Sie können natürlich gern hinreiten. Aber wenn Sie wegen Arbeit gekommen sind, können Sie sich den Ritt schenken. Wir sind komplett. Das heißt, versuchen können Sie’s natürlich.“

Ist es weit?“, wollte der Mann wissen.

Jimmy zuckte die Schultern. „Wenn Sie meinen Vater nach Arbeit fragen, sind es vier nutzlose Stunden hin und ebenso viele nutzlose Stunden zurück.“

Wir kommen nicht, um nach Arbeit zu fragen“, sagte der Mann.

Ist es denn wichtig?“

Der Mann zuckte die Schultern. „Für uns vielleicht, aber für ihn bestimmt. Ist Mrs. Copper nicht da? Vielleicht könnten wir die Angelegenheit auch mit ihr regeln.“

Tut mir leid“, sagte Jimmy. „Aber vielleicht können Sie die Sache mit mir besprechen. Mein Name ist Jimmy Copper. Ich bin hier auch für einiges zuständig.“

Die drei anderen hatten sich bislang darauf beschränkt, die Pferde zu halten und abzuwarten. Nun ließ einer sein Pferd los und kam näher. „Na klar, Ben! Wir können die Sache doch auch mit ihm bereden."

Um was dreht es sich denn?“, fragte Jimmy.

Meinetwegen“, sagte jener Ben zu seinem Gefährten. „Gehen wir ins Haus?“, wandte er sich an Jimmy. „Es ist etwas Geschäftliches. Wir möchten Ihnen einen kleinen Handel vorschlagen. Vielleicht hören Sie uns wenigstens an.“

Also bitte!“, erwiderte Jimmy.

Die beiden Männer setzten sich in Bewegung. Jimmy sah sich nach den anderen um. Die zogen es jedoch vor, bei den Pferden zu warten. So folgte Jimmy den beiden und bat sie in der Halle Platz zu nehmen.

Sie gingen auch zu den Stühlen, setzten sich aber nicht. Jimmy lief zum Schrank, um ihnen einen Drink anzubieten. Als er sich kurz umwandte, um sie noch einmal zum Platznehmen aufzufordern, erstarrte er; denn sie hatten beide die Revolver gezogen.

He!“, sagte Jimmy verblüfft. „Was soll das denn werden? Ist das vielleicht ein Überfall?“

Die beiden grinsten. „Nein! Im Gegenteil!“, sagte jener Ben. „Komm her und setz dich, Bruder! Hör dir an, was wir dir zu sagen haben!“

Jimmy sah von einem zum anderen. „Also, wenn ich jetzt nichts weiß, aber dass ihr euch in der Tür geirrt habt, das ist doch wohl klar.“

Ben kam zu ihm. Dabei wog er die Waffe in der Faust. Jimmy erwartete, dass er ihm die Mündung in den Bauch halten würde. Doch Ben riss den Colt blitzschnell hoch und schlug ihm die Waffe in den Nacken, dass er quer durch den Raum flog und vor den Stühlen zu Boden stürzte.

Ich habe gesagt, du sollst Platz nehmen!“, knurrte Ben.

Jimmy raffte sich auf und rieb sich den Nacken. „An diesem Spaß werdet ihr am Ende keine reine Freude haben“, sagte er und setzte sich. „Das garantiere ich euch!“

Da trat ihm der andere unter das Kinn, dass er mit dem Stuhl zurückkippte und erneut auf dem Boden landete.

Hör mal zu, Copper!“, sagte der Mann bissig. „Wenn du wirklich nicht begreifen willst, dass wir es sind, die jetzt reden, kann ich dir das Maul auch einschlagen.“

Jimmy rieb sich das Kinn. Blut lief ihm über die Hand. Er war von dem Schlag so benommen, dass er im Moment gar nicht wusste, wieso er wieder auf dem Boden lag.

Setz dich und hör zu!“, bellte Ben. Jimmy stand auf, wankte zum nächsten Stuhl und setzte sich.

Ben kam heran und richtete die Revolvermündung genau auf sein Gesicht. „Also hör einmal zu, mein Junge! Dass hier keine Späße getrieben werden, hast du wohl bemerkt. Mach das deinem Vater klar! Wir sind eine Gesellschaft, die sich zum Schutz von Persönlichkeiten und der Rancher in dieser Gegend zusammengefunden hat. Wir sorgen dafür, dass hier kein Haus in Brand gerät, dass kein Vieh gestohlen wird und kein Mann mit einem Stück Blei im Rücken auf die Nase fällt, der friedlich seiner Arbeit nachgeht. Wir wachen auch darüber, dass eure Frauen und Mädchen nicht entführt oder traktiert werden. Wir sorgen also für Ruhe und Ordnung, damit die Leute hier nachts ruhig schlafen können. Hast du das begriffen?“

Jimmy nickte.

Dafür verlangen wir natürlich eine Kleinigkeit“, sagte Ben und grinste. „Die Jungs, die hier für euch wachen, müssen schließlich essen und trinken wie jeder andere Bürger auch. Das ist doch auch verständlich?“

Jimmy nickte abermals. Ben beugte sich vor und nahm ihm den Colt aus der Halfter. „Siehst du, Junge, und deshalb werdet ihr Coppers jetzt Monat für Monat fünfhundert Dollar an die Gesellschaft zu zahlen haben. Pünktlich an jedem ersten Sonntag im Monat kommt ein Kassierer zu euch geritten.“

Jimmy lächelte wütend. „Und ihr bildet euch tatsächlich ein, diese Karre läuft? Ihr zwei kommt mir vor wie ein paar Idioten, die sich zu große Stiefel angezogen haben. Ich mache euch einen Vorschlag. Verschwindet! Aber schnell!“

Ben holte zum Schlag aus.

Warte!“, rief der andere. „Sagen wir ihm erst Bescheid und erklären wir ihm alles richtig. Hör zu, Copper! Wir sind keine Hasenfüße oder ein Verein von Schwachsinnigen. Wir kommen zu unserem Geld, und ich schwöre dir, dass ihr Coppers aufatmen werdet, wenn ihr unserem Mann das Geld in die Hand drückt. Du sprichst darüber nur mit deinem Vater, und damit hat es sich. Besprecht ihr diese Dinge mit anderen, oder solltet ihr euch zur Wehr setzen wollen, werden wir uns an deine Mutter und deine Schwester halten. Ich weiß, beide sind nicht hier. Doch sie werden eines Tages zurückkommen, Junge. Vielleicht aber auch nicht, weil wir sie abgefangen haben. Werdet also nicht unvorsichtig, sonst wird es den Frauen dreckig gehen.“

Sind wir deutlich genug gewesen?“, fragte Ben hämisch.

Jimmy schaute zur Tür hinaus. Die beiden anderen standen noch bei den Pferden. Sie hielten zwar jetzt Gewehre in den Händen, doch sie warteten noch am gleichen Fleck und konnten unmöglich beobachten, was im Haus vor sich ging.

Ja, ich habe verstanden“, sagte er zu Ben. „War es nun alles?“

Noch nicht ganz“, lächelte Ben. „Um in diese Schutzgemeinschaft aufgenommen zu werden, müsst ihr Coppers einen Antrag stellen.“

Was?“, fragte Jimmy verblüfft. „Sollen wir die Aufnahme vielleicht schriftlich beantragen?“

Nicht doch!“, sagte Ben. „Wir sind da vollkommen unbürokratisch. Übermorgen Abend wird einer unserer Männer vorbeikommen. Kurz vor Anbruch der Dämmerung. Ihm werdet ihr einfach die Aufnahmegebühr in die Hand drücken. Eintausendfünfhundert Dollar.“ Er lachte. „Damit seid ihr dann aufgenommen und genießt jeglichen Schutz.“

Jimmy lächelte freundlich zurück. „Hört mal zu, ihr Bastarde und ganz kleinen Mieslinge! Ihr seid hier an die Falschen geraten, versteht ihr das? An die Falschen!“

Er schnellte hoch, senkte den Kopf, um Ben umzustoßen. Doch dieser Mann war auf der Hut, drehte sich halb um sich selbst und schlug Jimmy den Colt auf den Kopf, dass Jimmy bewusstlos zu Boden krachte und liegenblieb.


*


Als Jimmy wieder zu sich kam, sah er dicht vor seinen Augen das faltige und wetterbraune Gesicht seines Vaters.

Was ist denn passiert, Jimmy?“, fragte Buster Tom mit besorgter und sonorer Stimme. „Ist dir schlecht geworden? Das wäre ja das Neueste, zum Teufel, dass du in diesem Land die Hitze nicht mehr verträgst.“

Jimmy hielt sich den Kopf, schloss die Augen und stöhnte.

Soll ich einen von den Männern nach Dr. Mills schicken?“, hörte er Matt Jackson fragen. „Es ist vielleicht etwas Schlimmes. Drüben auf der Wagenradranch grassiert eine ziemlich üble Krankheit. Heute Nacht soll einer daran gestorben sein.“

Jimmy öffnete die Augen. „Ich bin nicht krank. Ich bin überfallen worden.“

Was?“, fragte Buster Tom überrascht und schaute sich um. „Bist du da sicher? Hier sieht doch alles ordentlich aus.“

Schick die Männer hinaus, Boss!“, sagte Jimmy. Die Erinnerung kehrte nun rasch zurück, und er wusste wieder haargenau, was ihm zugestoßen war.

Was ist denn das für ein Gerede!“, entrüstete sich Buster Tom. „Warum soll ich die Männer hinausschicken?“

Er hat vielleicht doch die Wagenrad-Krankheit, Boss“, meinte Hep, der hinter Matt Jackson und Kane stand.

Geht, zum Teufel!“, brummte Jimmy.

Buster Tom sah sich um und nickte den Männern zu, die sich daraufhin prompt entfernten.

So, mein Junge!“, sagte Buster Tom besorgt. „Die Männer sind fort. Sollen wir vielleicht nicht doch Dr. Mills holen?“

Jimmy richtete sich auf die Ellenbogen und berichtete seinem Vater, was sich wenige Stunden zuvor zugetragen hatte.

Buster Tom hörte zunächst gelassen zu, da ihm das alles ziemlich unglaubhaft erschien. Doch seine Spannung nahm rasch zu, als Jimmy von den Drohungen sprach, die die Burschen ausgesprochen hatten, sollten sich die Coppers nicht beugen.

Buster Tom machte schmale Augen und starrte brütend vor sich hin.

Die wissen noch gar nicht, dass sie einen Wolf am Schwanz gepackt haben“, sagte Jimmy heftig. „Ich habe es ihnen zwar angedeutet, aber begriffen haben sie es nicht. Diesen Hungerleidern werden wir es geben! Der Kerl, der übermorgen Abend kassieren kommt, wird sich wundern! Der wird sich von einem Augenblick zum anderen an einem Baum da draußen wiederfinden.“

Buster Tom sah Jimmy ernst an. „So einfach ist das gar nicht, Jimmy. Wir wissen nicht, mit wem wir es zu tun haben. Handelt es sich nur um diese vier Fremden allein, ist es unter Umständen eine leicht zu regelnde Sache. Doch wenn eine gut organisierte Bande dahintersteckt, sieht das alles verdammt anders aus. Mutter und Rosalie sind in Camp Lowell bei Joe. Aber sie kommen morgen schon zurück. Vielleicht setzen die Halunken nur darauf. Mein Gott, das wäre nicht auszudenken!“

Meinst du wirklich?“, fragte Jimmy verblüfft. „Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Wir müssen Cliff Bescheid sagen. Mit Cliff können wir doch reden.“

Natürlich!“, sagte Buster Tom. „Aber das werde ich besorgen. Verdammt, ich weiß schon, wie wir vorgehen könnten. Du nimmst die Mannschaft und reitest nach Camp Lowell, um Mutter und Rosalie sicher heimzubringen. Sofort! Ihr brecht sofort auf. Ich reite in die Stadt zu Cliff, um mit ihm zu besprechen, was wir unternehmen werden. Los! Bist du wieder in Ordnung? Wie fühlst du dich?“

Jimmy richtete sich auf. „Wenn ich meinen Kopf für eine Weile abschnallen könnte, ginge es mir blendend.“

Jimmy verzog das Gesicht und presste die Hände vor die Augen.

Ja, das kenne ich!“, sagte Buster Tom. „Halte den Kopf in den Tränktrog! Es geht vorüber.“

Jimmy ließ die Hände sinken. „Soll ich mich tatsächlich mit allen Männern auf den Weg machen?“

Ja, wir haben keine Wahl!“, sagte Buster Tom grollend.

Willst du die Ranch ohne jeden Schutz lassen?“

Schweiß soll für die Circle C fließen“, sagte Buster Tom mit sonorer Stimme. „In Strömen und das nicht zu knapp! Aber kein Blut, verdammt noch einmal. Jedenfalls nicht, wenn wir es vermeiden können. Mach dich mit den Männern auf den Weg! Die Sache ist eilig. Mutter und Rosalie darf nichts geschehen. Das liegt in deinen Händen, Junge! Ihr holt die beiden in Camp Lowell ab. Sollte ich noch nicht zurück sein, so bleibt ihr alle mit den beiden hier im Haus und lasst sie keine Minute aus den Augen. Ich verlass mich auf dich!“

Jimmy nahm seinen Hut und stand auf.

Du sagst zu keinem der Männer ein Wort!“, sagte Buster Tom. „Vielleicht haben wir es wirklich mit einer durch und durch bestens organisierten Bande zu tun. Weihe nur Matt Jackson in die Sache ein. Claro?“

Jimmy hob die Hand und stampfte hinaus. Er war noch ein wenig benommen. Aber das gab sich bereits.


*


Nachdem Jimmy mit der Mannschaft die Ranch verlassen hatte, sattelte Buster Tom sein Pferd und ritt nach Tucson. Als er dort das Office betrat, kam ihm ein alter Mann entgegen, den er noch nie in Tucson gesehen hatte.

Guten Tag!“, grüßte Buster Tom verwundert. „Ich möchte den Marshal sprechen.“

Tut mir leid, Cliff Copper ist unterwegs“, sagte der Oldtimer.

Und wer sind Sie?“

Ich bin nur Whity!“

Buster Tom grinste. „So, Sie sind nur Whity. Wann kommt denn der Marshal zurück?“

Der Oldtimer zuckte die Schultern. Plötzlich hellten sich seine Augen auf. „Vielleicht bald. Wir beide könnten so lange auf ein Bier zu Madson gehen. Ist das nicht eine vortreffliche Idee?“

Hören Sie mal!“, brummte Buster Tom. „Mein Name ist Tom Copper. Der Marshal ist mein Sohn. Ich hätte etwas Wichtiges mit ihm zu besprechen. Können Sie mir nicht sagen, wann genau er zurückkommt?“

Mr. Copper!“, rief Whity und zog den Hut. „Warum haben Sie nicht gleich gesagt, dass Sie Mr. Copper sind, Sir! Treten Sie ein! Nehmen Sie Platz! Cliff wird bestimmt bald zurück sein.“

Buster Tom betrat das Office und ließ sich ächzend in den Schaukelstuhl fallen.

Whity nahm vor ihm Aufstellung, hob die Arme über den Kopf und klatschte in die Hände. „Ein Solo für den sehr ehrenwerten Mr. Tom Copper!“, sagte er. Dann begann er mit wiegenden Schritten vor Buster Tom auf und ab zu schwadronieren. Dazu klatschte er in die Hände und zählte im Takt.

Eins und zwei und drei und vier, zurück zur Tür! Hin und her, und kreuz und quer. Links herum und rechts herum, man nimmt nichts krumm - hei dideldum!“

Dann stand er plötzlich auf den Händen.

Buster Tom sah überrascht auf und blinzelte verwirrt.

Whity kam wieder auf die Füße, zupfte sich die Jacke glatt und warf abermals die Hände auf.

Alles im Chor, zurück und vor! Das ganze noch mal, das gibt Stimmung im Saal.“

Er rasselte Strophe um Strophe herunter, drehte sich rechts und links, machte kehrt, hüpfte hin und her und stand dann wieder auf den Händen, die Beine kerzengerade in die Höhe gereckt.

Applaus!“, verlangte er trocken, als er wieder auf den Füßen stand.

Buster Tom klatschte in die Hände und schüttelte den Kopf. „Erstaunlich!“, sagte er verwirrt, da er nicht wusste, was er von der ganzen Sache zu halten hatte. „Und das in Ihrem Alter! Dabei ist Ihnen nicht einmal der Hut heruntergefallen. Wie alt sind Sie eigentlich?“

Siebzig!“, sagte Whity.

Da bin ich aber überrascht!“, sagte Buster Tom ehrlich erstaunt.

Hat’s Ihnen gefallen? Ich gebe gern noch eine Extraeinlage."

Nein, danke!“, wehrte Buster Tom nichtsahnend ab. „Das genügt. Das war glänzend!“

Hätten Sie vielleicht ’n paar Cents für’n Bier?“

Buster Tom wurde verlegen, weil er nicht von selbst daraufgekommen war, den Mann für seine Darbietung zu belohnen. Aber er hatte ja schließlich nicht ahnen können, mit so etwas konfrontiert zu werden. Er griff in die Tasche, zog den Geldsack heraus und gab dem alten Mann einen Silberdollar.

Whity nahm das Geldstück und schaute es eine Weile sprachlos an. Dann steckte er es in die Tasche.

Mister, das ist glatt zuviel“, sagte er. „Deshalb bekommen Sie eine Extraeinlage gratis.“

Aber das ist doch nicht nötig!“, sagte Buster Tom und hob abwehrend die Hände.

Doch Whity ließ sich nicht beirren. Er warf die Arme auf, schüttelte sich die Hände locker, konzentrierte sich kurz und schlug einen Salto rückwärts, ohne auch nur einen Schritt Anlauf zu nehmen. Dann lief er rasch zur Tür hinaus auf die Straße.

Buster Tom sah ihm verblüfft nach und rieb sich den faltigen Hals. Da kam schon Cliff zur Tür herein.

Hallo, Vater!“, grüßte er überrascht. Buster Tom stand auf und gab seinem Jungen die Hand.

Also nein! Das war das Verrückteste, was ich je gesehen habe. Ist denn das überhaupt menschenmöglich! Dazu noch in seinem Alter!“

Cliff blickte zur Tür. „Was? Whity?“

Buster Tom nickte, schüttelte den Kopf und berichtete. „Und das in seinem Alter!“, sagte er zum Schluss.

In welchem Alter denn?“, fragte Cliff.

Na, er hat gesagt, er wäre siebzig!“, meinte Buster Tom. „Sag nur, das ist gelogen. Ich habe ihm ja angesehen, dass er eher noch älter ist. Aber warum soll so ein Mann nicht auch eitel sein.“

Eitel!“, entrüstete sich Cliff. „Ein verdammter Lügner ist das. Er ist gerade dreißig. Aber mit seinem Bart sieht er viel älter aus. Ich habe ihn vor ein paar Tagen in Madsons Saloon aufgegriffen. Sinnlos betrunken! Hast du ihm Geld gegeben? Da betrinkt er sich todsicher wieder.“

Ja, konnte ich denn anders?“

Dieser Galgenstrick!“, schimpfte Cliff. „Ich habe ihn hier aufgenommen, um ihm ein bisschen Halt zu geben. Er ist Artist. Um wieder auftreten zu können, benötigt er Geld, damit er nach Los Angeles fahren kann. Die Kröten wollte ich ihm hier zu verdienen geben. Aber er zieht jedem Mann glatt das Fell über die Ohren, der hier hereinkommt, wenn ich nicht da bin.“

Was schimpfst du nur?“, meinte Buster Tom belustigt. „Ich gab ihm einen Silberdollar. Damit hat er mir doch das Fell nicht über die Ohren gezogen.“

Du hast ihm das Geld nicht freiwillig gegeben!“, schnaufte Cliff. „Darauf kommt es an.“

Aber nein! Ich habe spontan reagiert. Was er zeigte, hat mich einfach dazu ermuntert, ihm etwas Geld zu geben.“

Er hat dir das Geld abgeluchst!“, polterte Cliff.

Warum nimmst du denn diese Sache so wichtig?“

Weil er mir versprochen hat, sich hier anständig zu benehmen!“, schnaufte Cliff.

Wo bist du gewesen?“, fragte Buster Tom und setzte sich. „Ich habe mit dir zu reden, Cliff. Du wirst die Ohren ganz schön aufmachen, wenn ich dir sage, was es heute auf der Circle C gegeben hat.“

Spann mich nicht auf die Folter!", knurrte Cliff. „Ich habe genug um die Ohren. Challet ist gestern hier in der Stadt erschossen worden. Buchstäblich vor meiner Tür! Ich komme eben von seiner Frau. Ich bin sicher, dass sie irgend etwas weiß. Sie wirkt so verdammt verschüchtert. Aber sie sagt kein Wort. Na, vielleicht ist es eine alte Geschichte, die nur die Challets etwas angeht.“

Keine Spur von dem Mörder?“

Cliff schüttelte den Kopf. „Aber nun zu deinen Sorgen!“

Buster Tom nahm den Hut ab und wischte umständlich das Schweißband trocken. „Heute Mittag sind auf der Circle C vier Männer aufgetaucht, die uns erpressen wollen.“

Ach du meine Güte!“, schnaufte Cliff unter der Last von Arbeit, die er da auf sich zukommen sah. „Wo habt ihr die Kerle?“

Na, du bist gut!“, lächelte Buster Tom verärgert. „Jimmy war allein auf der Ranch. Sie haben ihn zusammengeschlagen.“

Hat Jimmy einen der Männer erkannt?“

Buster Tom schüttelte den Kopf. „Es waren Fremde!“, antwortete er, und dann erzählte er, was ihm Jimmy geschildert hatte. „Es muss natürlich nichts weiter auf sich haben“, meinte er zum Schluss. „Vielleicht sind es nur vier Herumtreiber, die einfach ihr Glück auf diese Weise versuchen.“

Cliff Copper biss sich auf die Lippe, trat ans Fenster und starrte sinnend hinaus.

Mutter und Rosalie kann ja nun nichts mehr geschehen“, polterte Buster Tom. „Wir werden den Kerl, der in zwei Tagen kassieren kommt, einfach abfangen. Dann wissen wir schon, was wir von der ganzen Sache zu halten haben.“

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738911718
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v372099
Schlagworte
circle c-ranch terror tucson

Autor

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Titel: Circle C-Ranch #20: Terror in Tucson