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SHANNON #6: Shannon und die Railroad-Sklaven

2017 120 Seiten

Zusammenfassung

Der Abenteurer Jim Shannon wird Zeuge einer gnadenlosen Hetzjagd. Eine Gruppe von Revolvermännern jagt einen flüchtigen Chinesen. Shannon greift sofort ein und kann das Schlimmste verhindern. Der Chinese gehört zu den Bahnarbeitern der Central Pacific- Eisenbahnlinie, die täglich unter unmenschlichen Bedingungen den Bahnbau vorantreiben müssen – und seine Verfolger zwingen sie dazu, jeden Befehl zu befolgen.
Shannon will sich selbst davon überzeugen, welche Bedingungen im Eisenbahncamp herrschen. Er ist mehr als überrascht, als er erfährt, dass der leitende Ingenieur an der Strecke Ron Wellard ist. Er und Shannon kennen sich aus der Zeit des Bürgerkrieges. Aber Wellard ist nur noch ein Schatten seiner selbst und dem Alkohol befallen. Die Befehle im Camp geben andere – und die stehen auf der Lohnliste eines Mannes namens Kelloway, der ganz eigene Ziele verfolgt. Erneut steht Shannon im Zentrum von dramatischen Ereignissen ...

Leseprobe

Shannon und die Railroad-Sklaven


Ein Western von John F. Beck




IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: W. Herbert Dunton

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




Klappentext:

Der Abenteurer Jim Shannon wird Zeuge einer gnadenlosen Hetzjagd. Eine Gruppe von Revolvermännern jagt einen flüchtigen Chinesen. Shannon greift sofort ein und kann das Schlimmste verhindern. Der Chinese gehört zu den Bahnarbeitern der Central Pacific- Eisenbahnlinie, die täglich unter unmenschlichen Bedingungen den Bahnbau vorantreiben müssen – und seine Verfolger zwingen sie dazu, jeden Befehl zu befolgen.

Shannon will sich selbst davon überzeugen, welche Bedingungen im Eisenbahncamp herrschen. Er ist mehr als überrascht, als er erfährt, dass der leitende Ingenieur an der Strecke Ron Wellard ist. Er und Shannon kennen sich aus der Zeit des Bürgerkrieges. Aber Wellard ist nur noch ein Schatten seiner selbst und dem Alkohol befallen. Die Befehle im Camp geben andere – und die stehen auf der Lohnliste eines Mannes namens Kelloway, der ganz eigene Ziele verfolgt. Erneut steht Shannon im Zentrum von dramatischen Ereignissen ...






Roman:

Zuerst hörte Shannon die Schüsse. Sie klangen wie das Brechen von dürren Ästen über die hitzeflimmernde Weite am Nordrand der großen Salzwüste. Eine Viertelstunde später fand er in einer staubigen Mulde die beiden Toten. Es waren Chinesen, schmächtige Gestalten in der zerschlissenen, blutbesudelten Kleidung von Bahnarbeitern. Sie trugen Bastsandalen an den nackten Füßen. Beide waren skalpiert.

Shannon blickte reglos aus dem Sattel auf die Leichen. Der Sand ringsum war von Hufen zerwühlt. Es waren beschlagene Hufe gewesen. Pferde von Weißen. Patronenhülsen blinkten in der grellen Sonne. Die Chinesen waren umzingelt und erbarmungslos niedergeschossen worden. Sie hatten, unbewaffnet und ausgemergelt wie sie waren, nicht die Spur einer Chance besessen.

Kalte Wut war in dem staubbedeckten Reiter. Er zog die Winchester 66 aus dem Scabbard und legte die Waffe quer vor sich auf den Texassattel. Geräusche wehten über den zerklüfteten Höhenkamm: Hufgestampfe, das Klirren von Metall. Eine raue, ungeduldige Stimme schrie „Zum Teufel, er kann doch nicht weit sein! Er steckt irgendwo dort oben zwischen den Felsen. He, Thorpe, sieh gründlich nach! Das wär’ ja gelacht, wenn uns diese feige gelbe Ratte durch die Lappen ginge!"

Shannons schmales, sonnengebräuntes Gesicht blieb ausdruckslos. In seinen dunklen Augen erschien ein gefährliches Glitzern. Die Schussnarbe an der rechten Schläfe schimmerte wie ein Kreidestrich. Der weiche Sand dämpfte den Hufschlag seines struppigen Cayusen. Gleich darauf sah Shannon die Reiter in der Senke unter sich: vier Mann, alle vom Wüstenstaub gepudert, schwerbewaffnet, bärtig und verwildert. Mit schussbereiten Gewehren blickten sie lauernd zur gegenüberliegenden felsigen Anhöhe.

Von dort kam der Aufschrei. Danach folgte Hufgeklapper und schließlich das harte Auflachen. „Hiergeblieben, du schlitzäugiger Hundesohn! Hat keinen Zweck mehr, dass du dich verkriechst. Hallo, Jungs, ich hab' ihn!"

He, Whitey, da bring’ ich dir die zwanzig Bucks, die ich dir seit der letzten Pokerrunde schulde! Pass auf, er kommt!“

Der Schwarzbart versetzte dem Taumelnden einen Stoß mit dem Gewehrlauf. Der Chinese stürzte vornüber, überschlug sich und rollte unter dem dröhnenden Gelächter des Desperados den Hang hinab. Leise wimmernd blieb er am Fuß des Hügels liegen.

Ein hagerer, krumm im Sattel hockender Bursche lenkte seinen Gaul neben ihn. Weißblondes strähniges Haar fiel unter seinem staubbedeckten Stetson hervor über den Hemdkragen.

Jämmerliches Pack!", knurrte er und spuckte aus. „Für diese Chinks ist eine Kugel zu schade.“

Er stieß den Karabiner ins Sattelfulteral, sprang ab und zog ein breitklingiges Messer. Im nächsten Moment hatte er blitzschnell den Zopf des Chinesen um seine linke Hand gewickelt.

Shannons Kugel pfiff haarscharf am Kopf des Weißblonden vorbei. Der peitschende Knall der Winchester riss die Männer in der Senke herum. Whitey ließ den Chinesen los und duckte sich wie ein in die Enge getriebener Wolf. Fünf wilde Augenpaare starrten Shannon an, dessen drahtige Gestalt sich wie eine Statue vor dem Hintergrund des tiefblauen Firmaments abzeichnete. Der Lauf der Winchester glänzte silbern. Shannon schwieg. Seine Haltung und das schussbereite Gewehr verrieten deutlich genug, wie entschlossen er war.

Ihr Anführer war ein untersetzter, zottelhaariger Mann mit einem breitflächigen brutalen Gesicht. An seinem Sattelknauf hingen zwei Chinesenzöpfe. Er grinste drohend. „He, wen haben wir denn da? Das sieht ja fast so aus, als hätten diese Verrückten von der Central Pacific Railroad ’nen neuen Revolverschwinger angeheuert. Aber sie scheinen vergessen zu haben, ihn richtig aufzuklären, sonst würde er gewiss nicht allein auf der Fährte von Matt Baxter und seiner Skalpjäger-Crew reiten. Was meint ihr, Jungs?“

Ich gehöre nicht zur Bahn.“

Nein?" Baxter kniff die Augen zusammen und legte den Kopf schief. „Nur ein Satteltramp, wie? Ein Grund mehr, dich hier nicht einzumischen, Mister. Nimm die verdammte Knarre weg und verschwinde!“

Sicher“, antwortete Shannon lässig, „aber der Chinese kommt mit. Hallo. Amigo, steh auf und komm her. Du hast nichts mehr zu befürchten. Wenn einer von euch Brüdern 'ne falsche Bewegung macht, knallt es, klar?“

Das Grinsen des Zottelhaarigen schwand. Seine derben Fäuste umspannten das Gewehr. „Du weißt nicht, worauf du dich da einlässt, Mister ...“

Ich rette einem Wehrlosen das Leben. Das genügt mir.“

Whitney lachte.

Du wirst ihn schon holen müssen.“

Kein Grund, dich zu freuen!", brummte Shannon. Lässig ritt er in die Senke hinab. Auf Baxters verstohlenen Wink wichen die Banditen auseinander. Genauso gespielt zufällig näherten sich ihre Hände den Kolben der tiefhängenden Revolver.

Immer mit der Ruhe. Muchachos. Greift jetzt mal an eure Hüte und haltet sie gut fest. Los, ehe ich mit der Knarre nachhelfe!“

Shannon grinste wölfisch.

Gut so!“ Er blickte den hageren Whitey an. „Du machst den Anfang. Komm her!“

Angenehme Träume!“, wünschte Shannon, ehe Whitey und die anderen begriffen, was los war. Sein Gewehrlauf landete auf Whiteys Hut. Der Bandit brach wie vom Blitz getroffen zusammen. Seine Kumpane fluchten wild.

Jetzt du, Thorpe. Komm her, du mieser Halunke!“

Thorpe ritt leise fluchend auf ihn zu. „Dafür hol ich mir eines Tages deinen Skalp, du Bastard!“

Du kannst es immerhin versuchen.“ Shannons Winchester beschrieb einen knappen Bogen, und Thorpe kippte wie ein voller Kartoffelsack seitlich aus dem Sattel.

Im selben Augenblick versuchten es die beiden Burschen neben Baxter. Sie waren höllisch schnell, so schnell wie nur Männer sein können, die täglich mit der Waffe üben. Ihr Pech war nur, dass Shannon auch so ein Mann war und das Eisen bereits in der Faust hatte. Da nützte es auch nichts, dass sie ihre Gäule zur Seite rissen, um aus seiner Schusslinie zu kommen. Shannon war nicht nur unheimlich schnell, er verstand es auch, eine Kugel dort zu plazieren, wo er sie haben wollte.

Die Mündungsfeuer des 44er verschmolzen ineinander. Baxters Komplicen wurden wie von Riesenfäusten aus ihren Sätteln gefegt. Mit blutenden Schultern wälzten sie sich im Sand. Sofort richtete Shannon die Waffe auf Baxter. Dessen Revolvermündung starrte ihn jedoch nun ebenfalls wie ein schwarzes Todesauge an. Mordgier glühte in Matt Baxters Blick.

Jetzt bist du reif!“

Baxter war ein hartgesottener Bursche. Aber als Shannon jetzt auch noch grinste, verschlug es ihm für einen Moment die Sprache. Dann stieß er wütend hervor: „Also gut, steck’ dein Eisen weg und verschwinde! Lass dich nie mehr sehen, wenn dir dein Leben lieb ist, du verdammter ...“

Auf Ehrentitel verzichte ich!“, unterbrach ihn Shannon. „Ich heiße schlicht und einfach Jim Shannon. Und wenn hier einer sein Schießeisen verschwinden lässt, dann bist du es. Ich geb’ dir drei Sekunden.“

Baxter starrte ihn ungläubig an. „Du bluffst! Du riskierst doch nicht wirklich für einen gelbhäutigen Bastard dein Leben ...“

Noch zwei Sekunden!“, warnte Shannon. Seine Stimme klang jetzt eisig.

Der Skalpjäger presste die Lippen zusammen und stieß den Sixshooter in die Halfter. Shannon ließ ihn nicht aus den Augen, als er seinen Braunen zu dem chinesischen Bahnbauarbeiter hinüberlenkte.

Wie heißt du?“, fragte er den Chinesen. der nun wieder stand und sich an seinem Steigbügel festhielt.

Lin Yin Ho.“ Die singende Stimme des Mannes klang ängstlich.

Well. Lin, steig hinter mir aufs Pferd. Ich werde dich zu deinen Leuten zurückbringen.“

Leichter gesagt, als getan!“, höhnte Baxter wütend. „Der Bursche gehört zu einem Vortrupp der Central Pacific. Das Camp liegt zwanzig Meilen westlich von hier. Es gibt kein anderes Ziel weit und breit für einen Mann mit ’nem müden Gaul und ’nem halbleeren Wasserschlauch. Aber du wirst mit dem Chink nicht durchkommen. Wir sind nicht die einzigen, die Jagd auf die Kerle von der Central Pacific machen. Ein halbes Dutzend meiner Leute sind ständig in der Nähe des Bahnbaulagers. Du wirst sie erst sehen, wenn es bereits zu spät ist. Glaubst du immer noch, dass sich der Einsatz lohnt?“

Ich meine, dass du zuviel redest, Baxter. Lin, wir reiten.“

Sir, ich möchte nich’ ins Camp zurück“, sagte der Chinese schüchtern. Baxter lachte, während Shannon erstaunt in das von Entbehrungen gezeichnete gelbliche Gesicht starrte. In den leicht geschlitzten Augen flackerte Angst.

Shannon schüttelte den Kopf.

Ich schätze, wir haben beide keine Wahl. Steig auf.“

Lin Yin Ho gehorchte stumm und ergeben. Der magere Körper war keine besondere Belastung für den kräftigen Cayusen. Baxter verzog hämisch die Mundwinkel. „Na denn viel Spaß, Shannon. Grüß den Teufel von mir.“

Shannon dachte an die beiden skalpierten Toten in der Mulde hinter sich, für die er nicht mal ein Grab schaufeln konnte. Bussarde kreisten am Himmel. Shannon erklärte schroff: „Wir sind noch nicht miteinander fertig, Baxter.“

Der Verbrecher duckte sich. „Zum Teufel, wenn du es wagst...“

Komm her!“, befahl Shannon leise.

Baxter trieb wütend seinen Gaul vorwärts. Kein Schimmer Furcht war in seinen Augen, nur grenzenloser Hass. „Ich hoffe, meine Leute erwischen dich lebend!“, knirschte er. ehe Shannons Winchester in einem genau berechneten Hieb auf seinen Kopf herabsauste.


*


Shannon zügelte seinen Braunen am Fuß der letzten Hügelkette vor den Zelten, Hütten und Wohnwagen des Bahnbaulagers, Lin Yin Ho, der seit dem Beginn ihrer Flucht kein Wort mehr gesprochen hatte, erschauerte hinter ihm auf dem Pferd. Die Nächte waren kalt in dieser Halbwüste, in der es außer Sand und Felsen nur halb verdorrtes Bunchgras und kümmerliches Dorngestrüpp gab. Shannon jedoch spürte nichts davon. Gespannt lauschte er auf den klagenden Käuzchenruf, der nun schon zum dritten Mal aus der Dunkelheit kam. Geschmeidig glitt Shannon aus dem Sattel und bedeutete dem Chinesen mit einer Geste, ebenfalls abzusteigen.

Sie sind da“, murmelte er. „Sie warten in den Hügeln vor uns.“

Der Käuzchenruf wiederholte sich - täuschend nachgeahmt, aber nicht täuschend genug für einen Mann, der in der Wildnis zu Hause war wie Jim Shannon. Das Schweigen danach war abgrundtief. Shannon zog die Winchester 66 aus dem Scabbard.

Lin Yin Ho schüttelte heftig den Kopf. Eine dünne Schweißschicht bedeckte sein abgezehrtes, fahl von den Sternen erhelltes Gesicht. Shannon grinste aufmunternd. „Keine Bange, wir schaffen das schon, Amigo. Bleib dicht hinter mir, wenn es losgeht. Ich werde ...“

Lin Yin Ho warf sich plötzlich herum und begann zu rennen, zurück auf der Spur, die Shannons Cayuse im weichen Sand hinterlassen hatte. Der Chinese entwickelte eine Schnelligkeit, die einem Kaninchen Ehre gemacht hätte. Trotzdem holte ihn Shannon mit wenigen Sätzen ein. Wütend riss er ihn herum. „Verdammt, was soll der Quatsch?“

Panik verzerrte das Gesicht des Bahnbauarbeiters. „Ich will nicht zurück. Sir. Lassen Sie mich fort!“ Verzweifelt versuchte er sich loszureißen.

Shannon knurrte ärgerlich: „Ich hab’ nicht deinen Skalp gerettet, damit du da draußen ohne Wasser erbärmlich krepierst! Menschenskind. sei vernünftig, sonst...“ Shannon war mehr verblüfft als erschrocken, als der Chinese plötzlich seinen Colt in der Hand hielt.

Von da an ging alles Schlag auf Schlag. Von den dunklen Hügeln kam ein heiserer Alarmruf: „Achtung, da sind sie!“ Dann peitschten Schüsse. Mündungsfeuer fetzten durch die Nacht.

Shannon war bereits in Aktion: ein Mann wie eine geballte Ladung Dynamit. Sein Anprall stieß den schmächtigen Chinesen zu Boden. Shannon warf sich auf ihn und betäubte den verzweifelt um sich Schlagenden mit einem gezielten Fausthieb. Kugeln furchten neben ihnen die Erde. Shannon rollte zu seinem im Sand liegenden Colt, packte die Waffe und stemmte sich auf die Knie.

Er zielte auf einen orangefarbenen Mündungsblitz, sprang dann sofort auf, rannte zwei, drei Schritte nach links und feuerte wieder. Es gab keine Deckung hier unten. Die Kugeln schwirrten wie Hornissen an ihm vorbei. Der Cayuse wollte durchgehen, aber im letzten Moment erwischte Shannon die Zügel. Gleichzeitig stieß er einen markdurchdringenden Schrei aus. Er grinste wölfisch, als die Schüsse verstummten.

Erledigt!“, sagte eine atemlose Stimme in der Nachtschwärze. „Jetzt nichts wie weg, ehe wir Wellards Schießer auf dem Hals haben!“

Verschwommene Geräusche wehten aus dem Railroad Camp auf der anderen Hügelseite. Shannon wartete. Eine zweite Stimme brummte: „Nur nicht so hastig! Ich verschwinde erst, wenn ich die beiden Zwanzig Dollar-Skalpe hab’, die dort unten auf uns warten. Eher bringen mich keine zehn Pferde von hier weg.

Aber bestimmt eine Kugel!", knurrte Shannon und feuerte in die Richtung, aus der die raue, gierige Stimme gekommen war.

Ein dumpfer Schrei antwortete. Sekundenlang waren die Banditen wie erstarrt. Shannon schlug dem Cayusen den Coltlauf auf die Hinterhand. „Lauf!“, brüllte er. „Hau ab, Amigo!“

Das Tier bäumte sich schrill wiehernd auf und jagte wie von der Sehne geschnellt davon. Eine Staubwolke hüllte Shannon ein. Auf den Hügeln ertönten Flüche. Jemand schrie: „Verdammt, sie haben uns reingelegt! Sie fliehen. Knallt sie ab!“

Fünf Gewehre spuckten Feuer und Blei. Es krachte, als würde ein Munitionsdepot in die Luft gesprengt. Bärtige, wilde Gesichter wurden von den Mündungsflammen für Sekunden aus der Dunkelheit gerissen. Shannon rannte zu dem bewusstlosen Bahnbauarbeiter. zerrte ihn hoch und wuchtete ihn wie eine Stoffpuppe über die linke Schulter. Ein Hagel von Geschossen fauchte über ihn hinweg in die Richtung, in die der Braune galoppierte. Shannon durchquerte die Senke und hastete mit seiner Last den steinigen Hang empor.

Geröll löste sich unter seinen Stiefeln. Shannon glitt aus. stürzte, und prompt begannen nun unter ihm am Hang die Gewehre wieder zu dröhnen. Kugeln klatschten gegen Felsblöcke. Querschläger jaulten durch die Luft. Shannon presste sich auf die Steine und feuerte nicht zurück, um seine Stellung nicht zu verraten.

Los, verdammt noch mal. schnappen wir uns den Bastard!", hetzte eine wütende Stimme.

Shannon fluchte, aber das änderte auch nichts: Die Skalpjäger kamen tatsächlich zurück, schemenhaft verwischte Gestalten auf dem Hang unter ihm. Auf der anderen Hügelseite rührte sich dagegen noch immer nichts. Mit zusammengebissenen Zähnen raffte sich Shannon auf. Sein Colt hämmerte. Baxters Skalpjäger waren auf alles gefasst, nur nicht darauf, dass sich ihnen ein einzelner Mann entgegenstellen würde.

Shannon stürmte mit dem Bewusstlosen das letzte Hangstück hinauf. Als er jenseits der Kuppe seinen leergeschossenen 44er nachlud. gab es keine Verfolgung mehr. Hufschlag verklang in der Richtung, aus der er selber gekommen war.


*


In der Weite des trostlosen Landes wirkte das Camp unter ihm wie eine winzige, verlorene Insel aus Licht und Leben.

Fackeln und Sturmlaternen beleuchteten windschiefe Hütten und Zelte, abgestellte Frachtwagen, Schienen und Schwellenstapel und die frisch aufgeschüttete Bahntrasse. Der silbern blinkende Schienenstrang zielte wie ein überdimensionaler Speer mit zwei entgegengesetzten Spitzen nach Ost und West in die Leere eines unbewohnten Landes. Auf dem großen Campplatz wimmelte es von mageren, zäh wirkenden Gestalten in grauen Arbeitskitteln. Das dumpfe Schweigen, das die Szene umfing, war genauso unwirklich wie überhaupt dieses ganze Camp, das von der übrigen Welt abgeschnitten inmitten einer menschenfeindlichen Wildnis lag.

Achselzuckend halfterte Shannon den Colt und stieg den Hang hinab.

Er betrat eine fremdartige Welt. Die Gesichter der chinesischen Bahnbauarbeiter ringsum waren wie Masken, die nur vom Fackelschein belebt wurden. Eine beklemmende Atmosphäre lastete auf dem einsamen Camp. In der anhaltenden bleiernen Stille gab es nur das Malmen des Sandes unter Shannons Stiefeln. Als der große, sehnige Mann stehenblieb und den Besinnungslosen auf den Boden legte, knackten Revolverhähne hinter ihm.

Keine falsche Bewegung!“, warnte eine kalte Stimme. „Wenn du dein Schießeisen anfasst, bist du ein toter Mann!“

Vorsichtig richtete sich Shannon auf, und vorsichtig wandte er den Kopf. Die beiden hartgesichtigen, scharfäugigen Kerle mit den angeschlagenen Revolvern sahen nicht so aus, als hätten sie irgend etwas mit dem Bahnbau zu tun. Sie waren typische Sattelwölfe: hager, langbeinig, mit breitkrempigen Hüten, hochhackigen Stiefeln und auffällig tief hängenden Revolverhalftern, die obendrein mit dünnen Lederschnüren an ihren Oberschenkeln festgebunden waren. Sie waren nicht so verdreckt und verwildert wie Matt Baxters Skalpjäger, aber die gleiche erbarmungslose Entschlossenheit strahlte von ihnen aus.

Shannon zwang sich zu einem Grinsen. „Das nenn' ich aber ’nen herzlichen Empfang! Wenn ihr jetzt noch 'ne Zigarette für mich habt und 'nen Schluck Whisky, dann bin ich beinahe wunschlos glücklich.“

Der Kerl rechts fauchte: „Halt die Klappe, Freund! Rede nur, wenn du gefragt wirst, sonst bekommst du was zu schlucken, was heißer und härter ist als Whisky und vor allem tödlicher!“

Sie wirkten nicht sehr geduldig, und Shannon verbiss sich die spöttische Bemerkung, die ihm auf der Zunge lag.

Jähe Bewegung entstand in der Menge. Eine scharfe, herrische Stimme schallte über den Platz. „Steht nicht da wie die Ölgötzen! Gafft nicht! Verzieht euch, damit ihr morgen rechtzeitig an der Arbeit seid, faules Gesindel! Los. los, zum Teufel, wird’s bald oder muss ich euch Beine machen, he?“

Die Chinesen wichen hastig auseinander. Ein großer, breitschultriger Mann kam von den Zelten herüber. Er trug einen flachkronigen, von einer Schlangenhaut umwickelten Stetson, eine schenkellange Wildlederjacke, Armeehosen und hochschäftige. Blank geputzte Stiefel. Die Glut einer Zigarre strahlte sein eckiges, von einer auffälligen Quernarbe entstelltes Gesicht rötlich an. Der Mann bewegte sich federnd, arrogant und herrisch. Neben ihm trippelte wie ein folgsames Hündchen ein kleiner, rundgesichtiger Chinese. Er schleppte eine auf Hochglanz polierte Winchester 66. Der bleistiftdünne Zopf, der unter seinem Seidenkäppchen hervorfiel, sah wie ein Rattenschwanz aus.

Der Breitschultrige blieb fünf Schritte vor Shannon stehen, aber noch schien Shannon Luft für ihn zu sein. Ringsum hatten es die Bahnbauarbeiter eilig, den Platz zu verlassen, aber dem Mahn mit der Zigarre ging es nicht schnell genug. „Gib das Gewehr her, Tsing Tao!“, herrschte er den kleinen Chinesen an.

Dieser reichte ihm schnell die Winchester. In seinem runden, fast kindlichen Gesicht war die gleiche Angst, die Shannon bei Lin Yin Ho bemerkt hatte. Der Mann mit der Narbe betätigte blitzschnell den Repetierbügel und jagte einen Schuss über die eingezogenen Köpfe der Davonhastenden. Sie schienen ihn wie den Teufel zu fürchten.

Ihr sollt verschwinden, verdammt noch mal! Ich knalle jeden ab, der in einer Minute noch hier ist! Ich werde euch schon den richtigen Gehorsam beibringen, verkommenes Pack!“

Der Narbige lachte rau und verächtlich. Lässig warf er die Winchester seinem gelbhäutigen Diener zurück. Es dauerte tatsächlich keine Minute, bis der Platz leer war. Wie aufgeschreckte Kaninchen waren die Campbewohner in ihren Bretterbuden und verwaschenen, vielfach geflickten Zelten verschwunden. Wer dort keinen Schlafplatz mehr fand, musste sich mit einem Lager auf der harten Erde begnügen.

Shannon sah die wie Igel zusammengerollten, nur mit schäbigen Wolldecken gegen die kalte Wüstennacht geschützten Gestalten reihenweise am Fuß des langgestreckten Bahndamms liegen.

Aber er sah auch die großen drohenden Schatten, die sich lautlos rings um den noch immer von Pechfackeln und Laternen erhellten Platz verteilt hatten: Männer mit tief hängenden Colts, die dieses Bahnbaucamp offensichtlich mit eiserner Faust beherrschten. Plötzlich bedauerte Shannon, dass er Lin Yin Ho hierher zurückgebracht halte.

Der Narbige trat näher und stieß den bewusstlosen Chinesen neben Shannon mit dem Fuß an. „Sieh an, es ist dieser Bastard Lin Yin Ho. Er hat es also doch nicht geschafft.“

Wie man’s nimmt", meinte Shannon. „Immerhin bekam Baxter nicht seinen Skalp.“

Der Boss der Revolvermänner hob den Kopf und blickte Shannon zum ersten Mal richtig an. Seine Augen wirkten wie glühende Kohlen. „Was weißt du von Baxter?“

Nicht viel, nur, dass er Chinesenskalpe sammelt, für zwanzig Bucks das Stück.“

Der Narbige nahm die Zigarre aus dem Mund und spuckte wütend aus. „Der Narr bildet sich ein, er kann uns fertigmachen! Irgendein Hundesohn von der verdammten Union Pacific steckt dahinter, der verhindern will, dass wir und nicht seine Gesellschaft diesen Bahnabschnitt bauen. Seit Wochen schleichen Baxters Killer um unser Camp und die Baustellen herum und schießen jeden Gelben ab, der sich ein paar Schritte zu weit von den anderen wegwagt. Aber, zum Teufel mit den Chinks, und zum Teufel mit Baxter! Der Mann, der mich, Frisco Dwaine, daran hindern kann, fünfzigtausend Dollar zu verdienen, ist noch nicht geboren.“

Dwaine lachte selbstgefällig. Seine Augen funkelten drohend. „Baxter schafft es nicht. Auch nicht, wenn er gerissenerweise versucht, einen seiner Leute in dieses Camp einzuschleusen.“

Meinst du mich damit?“, fragte Shannon scharf.

Frisco Dwaine verschränkte überlegen die Arme vor der Brust. „Ich meine, dass vorhin in den Hügeln ’ne Menge Blei verpulvert wurde und du nicht mal ’nen Kratzer davongetragen hast. Komisch, nicht?“

Ich lach’ mich tot", knurrte Shannon. „Bin ich denn unter lauter Verrückten gelandet?"

Pass auf, was du redest, Freundchen! Was in diesem Camp verrückt ist und was nicht, bestimme ich. Das solltest du mittlerweile herausgefunden haben. Ich traue dir nicht. Ich weiß schließlich, wozu Baxter fähig ist. Ich werde ... He, zum Teufel, was willst du hier?“

Er fuhr einen Chinesen an, der auf lautlosen Sohlen über den Platz gekommen war und neben Lin Yin Ho niederkniete. Es war ein junger, kräftig gebauter Mann ungefähr in Shannons Alter, also knapp über dreißig. Er trug die fadenscheinige Drillichkleidung der Bahnbauarbeiter. Aber etwas an ihm war anders: Der Ausdruck von Furcht und Unterwürfigkeit fehlte in seinem breitknochigen Gesicht. Er blickte Dwaine ruhig an.

Mein Bruder Yün San war einer der beiden Männer, die mit Lin Yin Ho das Camp verließen. Ich muss wissen, was aus ihm geworden ist.“

Er sprach fehlerfreies Englisch. Als er Lin Yin Ho eine lederüberzogene Wasserflasche an den Mund halten wollte, zuckte Dwaines rechter Stiefel hoch.

Der Tritt schleuderte den Chinesen auf den Rücken. Die Wasserflasche wirbelte davon. Dwaine stemmte die Fäuste in die Seiten. „Du lausiger Bastard, bist wohl übergeschnappt, was? Dein Bruder war ein verdammter Deserteur, den hoffentlich bereits die Geier gefressen haben. Verschwinde, bevor ich dich auspeitschen lasse!“

Der Chinese erhob sich mit ausdrucksloser Miene. Im selben Moment bewegte sich Lin Yin Ho stöhnend und schlug die Augen auf. Der jüngere Bahnbauarbeiter trat wieder einen Schritt auf ihn zu. Er sagte etwas hastig in seiner nasalen, melodisch klingenden Landessprache. Dwaines Narbengesicht verzerrte sich vor Wut. Er warf die Zigarre weg, entriss seinem Diener das Gewehr und schmetterte den Sprecher mit einem brutalen Hieb zu Boden.

Fehlt noch, dass diese Burschen aufsässig werden.“ Er ruckte zu Tsing Tao herum. „Wie heißt der Bastard?“

Hwang Fu!“ Der Kleine duckte sich, als könnte der nächste Schlag ihm gelten. Dwaine starrte jedoch schon wieder auf den am Boden Liegenden, dessen linke Gesichtshälfte blutüberströmt war.

Jack, Ben, schafft ihn fort! In die Grube mit ihm! Dann werden wir ja sehen, ob er es nochmals darauf ankommen lässt, einem Befehl nicht augenblicklich zu gehorchen.“

Zwei Männer rannten über den Platz, hoben Hwang Fu auf und verschwanden mit ihm zwischen den Hütten und Zelten. Dwaine reichte Tsing Tao die Winchester und wandte sich wieder an Shannon.

Das war dir hoffentlich 'ne Lehre. Du weißt jetzt, wie es Leuten geht, die sich mir widersetzen. Dieser Mistkerl Lin Yin Ho kommt auch noch dran. Dem wird die Lust, ein zweites Mal auszurücken, gründlich vergehen. Aber nun zu dir. Wie heißt du?“

Jim Shannon.“

Woher kommst du?“

Shannon schüttelte kalt lächelnd den Kopf. „Ich bin verteufelt hungrig und durstig. Ich halte nichts von einem Verhör auf nüchternem Magen. Und noch weniger halte ich von Burschen, die sich wie Sklaventreiber benehmen.“

Zuerst war Frisco Dwaine maßlos verblüfft. dass es jemand gab, der so mit ihm zu sprechen wagte, noch dazu mitten in seinem Camp. Dann glomm mörderische Wut in seinen Augen. Aber es sprach für die Gefährlichkeit dieses Mannes, dass er sich eisern beherrschte. Er murmelte gepresst: „Du hast ein verdammt freches Maul, Shannon. Es wird dir sicherlich noch eine Menge Ärger einbringen.“

Dafür hab’ ich auch ’nen verdammt schnellen Revolver“, erwiderte der große, dunkelhaarige Mann gelassen und senkte die rechte Hand auf den Coltkolben.

Dwaine ballte die Fäuste. „Nicht mehr lange!“, knirschte er. „Frank, Bill, entwaffnet ihn!“

Die beiden Revolvermänner, die wie Schatten hinter Shannon gewartet hatten, setzten sich in Bewegung. Shannon hörte ihre malmenden Tritte, wirbelte wie eine Raubkatze herum und zog den Colt. Er war unheimlich schnell wie immer, wenn es auf Leben oder Tod ging.

Dwaines Männer hielten ihre Schießeisen zwar bereits in den Fäusten, zögerten aber einen Moment, abzudrücken, da ihr Anführer gleich hinter Shannon stand. In den Jahren eines gefahrvollen, unsteten Lebens hatte Shannon gelernt, auch die Chance eines Sekundenbruchteils auszunutzen. Mit einem Panthersatz war er zwischen den beiden Gunmen. Sein Coltlauf zuckte blitzschnell nach links und rechts, und die beiden Schießer stürzten wie Stoffbündel in den Sand.

Shannon glitt sofort geduckt ein paar Yards zu Seite. „Noch jemand, der meinen Colt schmecken will?“

Der Metallhammer knackte laut in der eisigen Stille, die sich im Camp ausgebreitet hatte. Jede Bewegung war erstarrt. Shannon zeigte sein gefährliches Wolfsgrinsen, auch wenn er sich alles andere als wohl in seiner Haut fühlte. Er drehte sich bedächtig zu Frisco Dwaine um.

Wetten, dass ich jetzt ein Pferd bekomme und ungehindert verschwinden kann?“

Die Quernarbe in Dwaines Gesicht schien zu glühen. Vielleicht war auch nur die flackernde Beleuchtung daran schuld. „Die Wette verlierst du, Shannon. Los, Jungens, macht ihn fertig!“

Die Männer ringsum traten aus dem Schatten. Es waren mehr, als Shannon erwartet hatte: Mindestens zwanzig kaltäugige, lauernde Gestalten, deren Job es war, auf Befehl zu schießen und zu töten. Ihre Waffen steckten zwar noch im Leder, aber angesichts einer solchen Übermacht war das kein Lichtblick für Shannon. Er spürte, wie ihm der Schweiß aus allen Poren drang.

Wenn ich zur Hölle sause, kommst du mit, Dwaine, das garantiere ich dir!“ Shannon war bereit, alles auf eine Karte zu setzen.

Dwaine machte ihm erneut einen Strich durch die Rechnung. Seine Fäuste schnappten blitzschnell nach Tsing Tao und rissen den schmächtigen Chinesen wie einen Schutzschild vor sich. Dwaine grinste wild. „Versuch’s mal, Shannon!“

Tsing Taos rundes Gesicht war schmutzig-grau vor Schreck. Er hing als schlotterndes Bündel in Dwaines erbarmungslosem Griff. Die Winchester lag im Sand. Dwaine höhnte: „Na. Shannon, welche Chance rechnest du dir jetzt noch aus?“

Shannons Kinnladen malmten. Dwaine kannte ihn noch nicht. Er wusste nicht, wie gut Shannon mit dem Sixshooter war. Ein Fingerdruck, und die Kugel würde nicht den kleinen Chinesen, sondern Frisco Dwaine mitten in die Stirn treffen. Aber damit war nichts gewonnen. Jetzt konnte Shannon nur noch hoffen, dass er lange genug am Leben blieb, damit ihn dieser Oberhalunke Dwaine doch noch richtig kennenlernte. Shannon ließ den 44er sinken. Er spürte seinen Magen wie einen Bleiklumpen.

Okay, du hast gewonnen“, murmelte er heiser und wartete darauf, dass Dwaine den Chinesen zur Seite stoßen würde. Aber Dwaine beging diesen Fehler nicht. Statt dessen wich er mit Tsing Tao als Schutzschild ein Stück von dem sehnigen gefährlichen Mann zurück.

Verdammt, nehmt ihn endlich fest!“

Die Bewaffneten kamen schnell näher. Da wurde hinter ihnen die Leinwandklappe eines großen Zeltes zurückgeschlagen. Die Silhouette eines schlanken Mannes, der unsicher auf den Beinen stand, zeichnete sich im herausflutenden Lampenschein ab.

Was, zur Hölle, ist denn hier eigentlich los?“ Es war die zungenschwere Stimme eines Mannes, der zuviel getrunken hatte. „Dwaine, wieso ..Der Mann verstummte abrupt. Den Blick starr auf Shannon gerichtet, kam er ins Freie. „He, das gibt's doch nicht!“, keuchte er. „Ich seh’ wohl nicht richtig! Dwaine, zum Teufel, wer ... wer ist dieser Mann?“

Shannon hatte das Gefühl, sein Herzschlag würde sekundenlang aussetzen. Ein Kloß steckte plötzlich in seiner Kehle. Für einen Moment vergaß er Dwaine und die Revolvermänner, die überrascht stehengeblieben waren.

Hallo, Ron, ich bin's wirklich“, hörte er sich selber mit fremder, rauer Stimme sagen.

Der Mann stolperte auf ihn zu. Er schien den Colt in Shannons Faust ebensowenig zu sehen wie die gespannte Lauerhaltung von Dwaines Schießern. Sein hageres Gesicht war gerötet, seine Augen glänzten.

Jim! Du liebe Zeit, tatsächlich, du bist das! Jim Shannon in meinem Bahnbaulager mitten im wildesten, trostlosesten Utah. Ich werd' verrückt.“ Er packte Shannons Arme und rüttelte ihn lachend. Schnapsgeruch schlug Shannon entgegen.

Es war, als sei das Rad der Zeit plötzlich zurückgedreht worden. Die Vergangenheit war ülötzlich wieder in Shannons Erinnerung lebendig, die Jahre vor dem Bürgerkrieg, als er und Ron Wellard die besten Freunde gewesen waren. Damals hatte es den heimatlosen Satteltramp, Spieler und Revolvermann Jim Shannon noch nicht gegeben. Damals war er ein anderer gewesen - genau wie Wellard jetzt ein anderer war.

Plötzlich sah Shannon, trotz der unsicheren Beleuchtung, die dunklen Linien im Gesicht seines ehemaligen Freundes deutlicher. Er sah die Bartstoppeln, die Wellards Kinn und Wangen bedeckten, die Schnapsflecken auf seiner verwaschenen Cordjacke, und Wellards Lachen klang auf einmal wie das Lachen eines Fremden in seinen Ohren.

Jim Shannon! Nein, dass es so etwas gibt! Beinahe hätte ich dich nicht wiedererkannt, alter Junge. Du hast dich verändert. Du siehst - ja, verflixt noch mal, du siehst wie ein waschechter Revolvermann aus." Wellard schüttelte grinsend den Kopf. „Sag bloß, Jim, du bist hier, um deinen Colt an mich zu vermieten.“

Er ist hier, weil ihn die Union Pacific geschickt hat“, mischte sich Dwaine schneidend ein. „Er steckt mit Baxter unter einer Decke.“

Wellards Grinsen war weggewischt. Sein Kopf flog herum. „Du bist verrückt,. Dwaine!" Seine Stimme klang jäh ernüchtert. „Jim ist ein alter Freund von mir.“

Dwaine hatte den kleinen Chinesen losgelassen. Er brummte ärgerlich: „Das ist noch lange kein Grund, ihm zu trauen!“

Wellard stampfte mit einem Fuß auf. „Unsinn! Ich kenne Jim. Er ist in Ordnung. He, Leute, was wollt ihr denn, mit euren Kugelspritzen? Weg damit! Legt euch lieber aufs Ohr. Wir haben morgen wieder ’nen anstrengenden Tag vor uns.“

Shannon hat Lin Yin Ho zurückgebracht“, berichtete Dwaine betont. „Mitten durch Baxters Feuerlinie. Ich traue ihm nicht.“

Aber ich! Und ich bin hier noch immer der Boss, Dwaine. Vergiss das nicht!“ Dwaine verzog verächtlich die Mundwinkel. Seine Gunmen grinsten verkniffen. Doch Ron Wellard schien nichts davon zu bemerken. Er schaute wieder Shannon an, kniff ein Auge zu und grinste, wenn auch nicht sehr überzeugend.

Da staunst du. was? Dieser verteufelte Krieg, der uns auseinandergerissen und nach Westen verschlagen hat, war doch zu etwas gut. Ich war bei den Pionieren, Jim, weißt du. Ich hab’ den Bahnbau studiert, und jetzt bin ich der Mann, der für die Central Pacific diese vorgeschobene Strecke bis zu den Eagle Rocks bauen wird. Und du? Du hast mir meine Frage noch nicht beantwortet.“

Ich bin kein Revolvermann, Ron, wenigstens keiner von der Sorte, die für Geld kämpfen und töten. Ich greife nur zum Eisen, wenn mir keine andere Wahl bleibt.“

Von was lebst du?“, fragte Wellard verblüfft.

Shannon grinste. „Ich bin nicht sehr anspruchsvoll. Ich brauche nicht viel, mich über Wasser zu halten. Hier und da mal ein Job als Postkutschenbegleiter, Scout oder Treibherdenreiter, gelegentlich auch ein paar heiße Pokerrunden, um die Kasse aufzubessern - well, das reicht mir. Ich bin mehr oder weniger durch Zufall hier. Ich will nach Kalifornien hinüber, um mir zwischendurch mal einige hübsche Tage zu machen. Ich war als Spieler in den wilden Camps der Union Pacific und hab’ dabei nicht schlecht abgeschnitten.“

Da haben wir es ja!“, hakte Dwaine sofort ein. „Er gibt selber zu, dass er ...“

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738911701
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Juli)
Schlagworte
shannon railroad-sklaven

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Titel: SHANNON #6: Shannon und die Railroad-Sklaven