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Der Schattenmann

2017 120 Seiten

Leseprobe

Der Schattenmann

von Al Frederic


Der Umfang dieses Buchs entspricht 112 Taschenbuchseiten.


Lissy, nicht weit von Paris. Hier nimmt ein namenloses Grauen seinen Anfang, das ungreifbar zu sein scheint. Der junge Pianist Walter und die Journalistin Monique werden in das Geschehen hineingezogen und versuchen, dem „Unheimlichen“ auf die Schliche zu kommen. Haben die grausigen Morde und schreckenerregenden Ereignisse tatsächlich etwas mit einer Rache aus dem Jenseits zu tun? Hat Satan seine Hand im Spiel? – Mehr und mehr spitzen sich die Dinge zu, bis zu einem überraschenden Wendepunkt!


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© Cover nach Motiven von Pixabay, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

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postmaster@alfredbekker.de



Die Hauptpersonen des Romans:

Walter Giles – Junger Amateurmusiker, der die Leichen zweier Landstreicher entdeckt und dadurch in ein schreckliches Geschehen hineingezogen wird.

Inspektor Armand – Er glaubt nicht an Walters Unschuld.

Monique Leluc – Die Reporterin hilft, den unheimlichen Schattenmann zu finden.

Daniel Bela – Er starb vor Jahrzehnten und hinterließ ein schreckliches Erbe.



1

Herbstwind blies gegen die Wände des auf einer kleinen Anhöhe stehenden Hauses, bisweilen zögernd, verhalten, dann wieder scharf und dreist. Düstere Wolken zogen drohend über das teilweise eingebrochene Dach hinweg und hielten die letzten Sonnenstrahlen davon ab, sich durch eine schmale Öffnung des bizarren Baldachins zu stehlen. Fast übergangslos brach die Nacht herein.

Zwei Gestalten näherten sich langsam dem Haus. Sie gingen gebückt und wankend und blieben immer wieder stehen. Ihr Zustand war augenscheinlich darauf zurückzuführen, dass sie zu tief in die Flasche geblickt hatten.

Die Kate mochte hundert Jahre oder noch älter sein. Dunkle Flechten überwucherten seine verwitterten Mauern, und wild rankte sich Efeu am Vorbau über dem Eingang empor. Ein Schwarm Krähen umflatterte das Dach. Von den grauschwarzen Mauern mit dem gähnenden Fenster und Türöffnungen ging etwas Trostloses und Düsteres aus.

Etwas, das fast greifbar war. Frantz Auriac, einer der beiden Männer, blieb stehen. Er hielt eine Hand wie einen schützenden Schirm über seine Augen, als brenne die Sonne noch vom Himmel wie am Nachmittag, als sie die Landstraße 36 in der Nähe von Lissy überquert und eine einsame Kneipe aufgesucht hatten.

„He, Herve! Ich will sofort auf der Stelle tot umfallen, wenn das nicht die richtige Bleibe für die Nacht ist. Wir haben Schwein, dass wir darauf gestoßen sind.“ Seine Stimme klang heiser und stockend. Grinsend stolperte er die Anhöhe hinauf, ein kleiner unrasierter Mann mit schmalem Gesicht. Er steckte in zerlumpter Kleidung und hatte weder einen gültigen Ausweis noch einen festen Wohnsitz, womit er jeder Polizeistreife das Recht gab, ihn vorübergehend festzunehmen.

Herve Ravigote fiel unter die gleiche Kategorie: Landstreicher. Von Statur war er größer und massiger als Frantz Auriac – ein dicker Mann mit breitem rotem Gesicht, dessen alter Kutschermantel Löcher aufwies. Seine Hose endete gleich unterhalb der Kniekehlen, und seine verrotteten Schuhe sahen wie große lehmige Klumpen aus. Da sie sich äußerlich sehr voneinander unterschieden und zudem noch speckige Hüte trugen, wurden sie von Spöttern gelegentlich mit berühmten Darstellern der Stummfilmära verglichen.

„Beeilen wir uns“, sagte Herve. „Wer weiß, wie lange es noch trocken bleibt.“

Es wurde zusehends dunkler. Unheilvoll ballten sich die düsteren Wolken zusammen. Die beiden stapften unter dem Dach des Vorbaus auf das Gemäuer zu und stießen eine knarrende Tür auf. Dann tasteten sie sich durch den finsteren Raum, der sich dahinter ausdehnte.

Herve stieß gegen einen Holzschemel, der polternd umfiel. Leise fluchte der Dicke. Frantz kicherte verhalten.

„Gibt’s hier keinen Lichtschalter?“

„Sei doch ruhig“, gab Herve unwirsch zurück.

„Man sieht die Hand vor Augen nicht – Gott, wie ungemütlich!“

„Du hast Grund, dich zu beklagen.“ Frantz lachte wieder leise, und sein Kumpan beschloss, sich nicht weiter darum zu kümmern. Herve gelangte an die gegenüberliegende Wand und strich mit den Fingerkuppen über ein Regal, einen Schrank, einen Kaminsims und über etwas, das er nicht näher zu identifizieren wusste. Dann stieß er gegen einen länglichen Gegenstand. Dieser rollte davon. Herve packte ihn, hob ihn auf und drehte sich um.

„Ich habe was gefunden. Gib mir ein Streichholz!“

Frantz trat schlurfend näher. Auch er stieß gegen einen Schemel und sagte: „Verdammt!“ Es dauerte eine Weile, bis seine Finger die Hand seines Kumpans gefunden hatten. Ungeduldig nahm Herve das Zündholz. Er bückte sich, riss es auf dem Steinfußboden an und näherte die kleine unruhige Flamme der Spitze des Gegenstandes.

Ein fauchendes Geräusch ertönte. Herve zog unwillkürlich den Kopf zurück. Gelbes Feuer wurde auf dem Gegenstand, der einer Stange ähnelte, entzündet. Der Raum, in dem die Landstreicher sich befanden, wurde von fahlem Licht angefüllt.

Es gluckerte in Herves Rücken, und er fuhr herum.

„Spar etwas für später auf!“, herrschte er den Kleineren an. „Musst du immer so gierig sein, du Narr?“ Frantz setzte die Wermutflasche ab, korkte sie zu und ließ sie in der Hosentasche verschwinden. Sie war so ausgebeult, dass sicherlich auch ein Mauerstein darin Platz gefunden hätte. Er griente unsicher.

„Dieser ewige Durst! Hoffentlich gibt es hier einen Weinkeller oder sowas Ähnliches.“

„Ich kann dein dummes Geschwätz nicht mehr hören!“

„He, was ist das für ein komisches Ding, Herve?“

„Eine Kerze natürlich.“ Der Dicke hielt den Lichtspender demonstrativ ein Stück höher. „Jedes fünfjährige Kind wüsste, dass es eine Kerze ist.“

„Wieso ist sie schwarz?“

„Ich habe sie nicht gefragt.“

Mit verdrossener Miene sah sich Herve im Raum um. Dieser maß ungefähr fünf mal fünf Meter. In seiner Mitte stand ein klobiger Eichenholztisch, und um ihn herum waren Stühle und Schemel gruppiert. Einer davon war umgestürzt der, gegen den Herve gestolpert war. An den Wänden standen Holzregale und ein Schrank. Ein erloschener Kamin nahm einen Teil der Innenwand ein. Daneben erhob sich das Objekt, auf dem Herve die schwarze Kerze entdeckt hatte. Als der matte Schein der Flamme darauf fiel, stieß Frantz einen überraschten Pfiff aus.

„Mensch, das ist ja ein Klavier!“

„Ja. Na und?“

„Ich hätte Riesenlust, es auszuprobieren.“

„Nun sag bloß, du kannst spielen.“

Frantz kicherte. „Das wusstest du nicht? Willst du mal hören? Willst du eine Kostprobe?“ Er ging auf das Instrument zu. Auf der hölzernen Verkleidung lag eine dicke Staubschicht, wie auf allen anderen Möbelstücken. Fast ehrfürchtig glitten die Finger des kleinen Mannes über den Deckel der Tastatur, über die Frontseite, über die altmodischen Leuchter, in denen zwei schwarze Kerzenstummel steckten. Er fasste wieder den Deckel an und versuchte, ihn hochzuziehen. Mit einem enttäuschten Ruf wandte er sich um.

„Abgeschlossen.“

„Na, bitte. Komm jetzt. Wir durchsuchen den Rest der Kate.“

Frantz antwortete mit einem geflüsterten „Ja“. Aber er folgte seinem Freund nicht, als dieser sich einer Öffnung in der Wand näherte. Herve zuckte mit den Schultern. Allein begab er sich in das nächste Zimmer. Der Schein der Kerze zuckte über die Wände. Herve stand in einem leeren Geviert zweifellos der ehemaligen Küche.

Er ging weiter und geriet auf einen muffig riechenden Flur. Vergebens suchte er nach einer Luke, die in die Tiefe führte. Schließlich entdeckte er die Treppe. Über ihre knarrenden Stufen ging er nach oben. Dabei fasste er das Geländer an, doch er ließ es rasch wieder los, denn es schwankte bedrohlich.

Das Haus hatte ein schmales Obergeschoss mit einem einzigen Raum. Herve bewegte die Kerze auf und ab. Staunend bemerkte er die verblichenen Zeichnungen, die die Wände bedeckten. Nahezu jede freie Fläche war in düsteren Farben bemalt. Da verhießen fremdartige Schriften Dinge, die Herve nicht zu ergründen wusste. Da jagten ihm Darstellungen absonderlicher Phantasiewesen Schauer über den Rücken. Da hoben sich reliefartige, verschnörkelte Gebilde, die schwarz angepinselt worden waren, vom brüchigen Mauerwerk ab. Er hätte etwas darum gegeben, wenn er gewusst hätte, was sie bedeuteten.

Herve kniff die Augen zu und öffnete sie wieder. Täuschte er sich oder hatten die verschlungenen Darstellungen geflimmert und gezuckt? Hatten sie sich bewegt? Er presste die Lippen fest zusammen. Es ist unheimlich hier oben, dachte er.

Ein paar klimpernde Töne drangen durch das Haus. In diesem Moment war ihm, als rege sich etwas hinter ihm. Er drehte sich ruckartig um. Im Lichtschein der schwarzen Kerze konnte er nichts entdecken, was eine Bewegung verursacht haben könnte. Staub bedeckte stämmige Holzdielen, und dahinter erhob sich eine Wand mit rätselhaften Zeichnungen.

Herve suchte wieder das Erdgeschoss auf. Als er auf der Treppe war, kam es ihm so vor, als streife ein eisiger Wind seinen Nacken. Nur ein Hauch fein und doch deutlich spürbar. Er schrak zusammen. Wieder wandte er sich um, doch wieder konnte er nichts Außergewöhnliches bemerken.

Angsthase, schalt er sich innerlich.

Er kehrte in den Hauptraum zurück. Frantz stand in gekrümmter Haltung vor dem Klavier und bemühte sich, eine zusammenhängende Melodie zustande zu bringen. Hinter der oberen Kante des Instruments waren die Umrisse der Wermutflasche zu erkennen. Höchstens zwei Fingerbreit Flüssigkeit bedeckten noch den gläsernen Boden.

„Wie hast du es aufgekriegt?“, wollte Herve wissen.

Frantz grinste. „Mit einem kleinen Draht.“

„Die Kate scheint tatsächlich seit Jahrzehnten unbewohnt zu sein.“

„Dann kriegen wir ja keine Schwierigkeiten mit dem Besitzer.“ Frantz rülpste und klimperte wieder unbeholfen auf dem Klavier herum. „Nennst du das spielen?“

„Es ist eine verdammt alte Kiste, Herve.“

„Ein Könner holt auch aus einem mit Zeitungspapier umwickelten Kamm noch das Letzte heraus.“ Frantz hielt inne und gluckste.

„Das ist wirklich gut. Wo hast du das gelesen?“

„Ich lese nie.“ Der Dicke griff nach der Flasche. Nachdem er die Öffnung des Halses flüchtig mit der Hand abgewischt hatte, setzte er sie an und ließ sich den Rest der Flüssigkeit in die Kehle hinunterlaufen. Er nahm die Flasche von den Lippen und ächzte zufrieden. „Du müsstest mal sehen, was für komische Bilder oben an die Wände gemalt worden sind. Hier müssen urige Vögel gehaust haben. So verrückte Bilder habe ich noch nie gesehen.“

„Was Schweinisches?“

„Ach, Blödsinn. Ich glaube, es hat alles überhaupt keine Bedeutung. Vielleicht hat hier ein Verrückter gelebt.“

Frantz setzte Zeige- und Mittelfinger der Linken auf die Tasten des Klaviers und bewegte sie so, dass es aussah, als liefe ein Männchen darüber hinweg. Eine Tonleiter entstand.

„Weißt du, ich finde das nicht witzig. Könnte sein, dass der Bekloppte noch irgendwo in der Gegend herumläuft und ab und zu hierher zurückkommt. Mit dem möchte ich nicht zusammenstoßen.“

Herve winkte ab.

„Nein. Dann würde er Spuren hinterlassen. Ich habe aber keine gefunden. Wir können ruhig schlafen gehen.“ Er hob die Flasche vor Frantzens Augen und verengte die Augen zu Schlitzen. „Hör mir gut zu, du Pennbruder. Wir gingen aus der Kneipe, und die Flasche war noch fast voll. Unterwegs habe ich mir nur zweimal einen genehmigt. Den ganzen Rest hast du gesoffen. Dabei hatte ich dir gesagt: 'Frantz', hatte ich gesagt, 'wir wollen für heute Abend noch einen ordentlichen Schluck haben.' Stimmt’s?“

„Stimmt.“

„Also. Du gehst jetzt zurück zur Kneipe und holst Nachschub.“ Der Dicke vergrub die Hand in der Tasche des zerschlissenen Fuhrmannsmantels, holte sie wieder heraus und klatschte eine Münze auf die unteren Tasten des Klaviers. „Das ist mein Beitrag. Zusammen mit dem, was du noch hast, füllt uns der Wirt die Pulle wieder auf.“

Frantz trat vor und hob den Kopf. „Moment mal. Du kannst doch nicht von mir erwarten, dass ich ganz allein ... Ich meine, bis zur Kneipe sind es immerhin zwei, drei Kilometer!“

„Deine Schuld.“ Herve nahm die Flasche beim Hals und schob sich drohend auf seinen Kumpan zu. Worauf der Kleinere schluckte und hastig zu nicken begann.

„Nichts für ungut“, sagte er. „Einverstanden, ich marschiere los. Wenn ich wieder hier bin, lassen wir die Mäuse tanzen. Ich kriege bestimmt auch noch ein paar Zigaretten.“

Er nahm die Flasche an sich, wandte sich ab und verließ den Raum. Knarrend schloss sich die Tür hinter ihm. Herve hörte, dass sich seine Schritte entfernten. Der Dicke hielt die Kerze schräg über den oberen Deckel des Instrumentes und ließ ein bisschen flüssiges Stearin darauf tropfen. Danach setzte er sie ab und wartete, bis die weiche Masse erkaltet und hart geworden war. Mit energischem Ruck schloss er den Tastendeckel.

Es ertönte ein dumpfes, rumpelndes Geräusch. Die Kerze erzitterte heftig. Ein schauriges Heulen scholl durch den Raum, und dann erlosch das fahle gelbe Licht mit einem Schlag.



2

Frantz Auriac hastete die kleine Anhöhe hinab. Einmal stolperte er und fiel fast hin, fing sich aber noch rechtzeitig. Obwohl er zu kämpfen hatte, um sein Gleichgewicht zu bewahren, begann er zu laufen. Er blickte nicht zum Haus zurück und blickte weder nach links noch nach rechts.

Dunkelheit umfing ihn. Der Wind drängte die gewitterschwarzen Wolken mit hohlem Pfeifen vor sich her. Etwas flatterte in der Luft. Frantz konnte nur vermuten, dass es sich um Krähen oder andere Vögel handelte, die Schutz vor dem heraufziehenden Unwetter suchten.

Der Landstreicher Frantz Auriac rannte, denn er war kein mutiger Mann. Er fürchtete sich. Solange er im Haus gewesen war, hatte er seine Furcht unterdrückt. Die Mauern schützten, und Herve Ravigote war in der Nähe gewesen. Herve war dick und stark. Herve hatte etwas Vertrauenerweckendes, Beruhigendes.

Frantz hatte keine Mühe, den Weg zur Kneipe zu finden. Sie waren von dort aus immer in gerader Richtung gegangen, durch einen Erlenhain und ein flaches Bachbett. Er brauchte also nichts weiter zu tun, als auf geradem Weg zurückzugehen.

Er lief über Brachland, erdiges, spärlich bewachsenes Land, aus dem auch die Nachmittagssonne die Feuchtigkeit nicht hatte heraussaugen können. Lehm haftete an seinem erbärmlichen Schuhwerk, und bei jedem Schritt ertönte ein quietschendes Geräusch. Es war kühl, aber schwül, und Frantz schwitzte.

Nach einigen Minuten hatte er den Bach erreicht. Für einen Augenblick blieb er stehen und schaute auf die matt glänzende Wasserfläche hinab. In der Ferne zuckte ein erster Blitz weitverästelt zur Erde nieder. Das Licht erzeugte Reflexe auf dem nassen Boden. Donnergrollen drang an die Ohren des kleinen Mannes.

Die Gewissheit, das Unwetter bald über sich zu haben, trieb ihn von neuem an. Er setzte einen Fuß ins Wasser, dann den anderen. Fest umklammerte er die Flasche und steuerte auf das gegenüberliegende Ufer zu. Er brauchte nur drei, vier Schritte, um das Gewässer hinter sich zu bringen.

Doch diese kurze Strecke bereitete ihm unerwartete Schwierigkeiten. Ganz plötzlich zerrte etwas an seinen Füßen eine starke Unterwasserströmung. Sie riss seinen linken Fuß fort, bevor er den anderen aufgesetzt hatte. Frantz Auriac, ohnehin schon schwankend, stürzte und landete im Wasser.

Er strampelte mit den Beinen, kam zappelnd wieder hoch und kroch auf das Ufer zu. Er prustete. Zuerst schob er die Flasche aufs Trockene, dann stieg er selbst aus dem kalten Wasser. Er war bis auf die Haut durchnässt und fror erbärmlich.

Er hob den Kopf und erstarrte. Dicht vor ihm zeichneten sich dunkle Umrisse ab. Zwei Beine, darüber der Saum eines Kleidungsstückes, wahrscheinlich eines Mantels oder eines Umhangs. Die dunkle Kleidung eines Fremden. Herve konnte es nicht sein, denn wie hätte der ihn wohl überholen können? Die starre Haltung des Mannes verhieß nichts Gutes. Frantz, der außer dem Dicken keine Freunde auf der Welt hatte, witterte trotz seines benebelten Zustandes sofort Gefahr.

„Was ist los? Was wollen Sie?“ Seine Finger umspannten den Flaschenhals. Langsam wanderte sein Blick an der schwarzen Gestalt empor.

Ein starker Blitz fuhr genau in dem Augenblick zu Boden, als er das Gesicht betrachtete. Frantz stieß einen keuchenden Laut des Entsetzens aus. Unzählige Narben prägten das scheußliche Antlitz. Schlohweißes dünnes Haar sah unter der Krempe eines schwarzen Hutes hervor. Die unheimliche Physiognomie war wie gemeißelt und totengleich. Ein Auge fixierte Frantz. Das andere war verdreht und blickte nach unten auf einen imaginären Punkt. Die Farbe der Haut war eine Mischung aus Grau und Grün.

„Verdammt!“, entfuhr es Frantz. Er machte Anstalten, sich schnell aufzurappeln und davonzulaufen.

Der Fremde war flinker. Er beugte sich zu ihm nieder. Zwei dürre Hände fuhren auf Frantzens Kopf zu, bereit, ihn zu packen und nicht wieder loszulassen. Der Landstreicher stieß einen Schreckenslaut aus. Instinktiv hob er die Flasche, drehte sie um und hieb damit zu.

Sie traf einen Arm des Fremden. Frantz vernahm ein knackendes Geräusch, und dann einen wütenden Ausruf. Die Hände zogen sich zurück. Frantz sprang auf und rannte los. Er wollte zum Haus, wollte Herve alarmieren. Doch die Angst, erneut im Bach auszugleiten, hielt ihn vorerst davon ab. Er versuchte nur, so viel Distanz wie möglich zwischen sich und den Unheimlichen zu bringen.

Plötzlich war er wieder heran, der düstere Fremde. Frantz erschien es, als flöge er. Mit beängstigender Geschwindigkeit schwebte er an ihm vorüber, warf sich herum und verstellte ihm den Weg. Frantz wich zur Seite aus. Doch der Widersacher vollführte dieselbe Bewegung.

Frantz blieb nichts anderes übrig: Er musste kämpfen.

„Du Ungeheuer!“, fuhr er den Schwarzen an. Mit diesen Worten wollte er sich Mut machen. „Ich bringe dich um, wenn du mich nicht in Ruhe lässt! Verschwinde!“

Er bekam keine Antwort. Stattdessen glitt der Unheimliche auf ihn zu. Wieder hoben sich die dürren Finger. Der Landstreicher schrie, riss die Flasche hoch und ließ sie niedersausen. Sie sollte den Kopf des Widersachers treffen. Doch zu seinem Entsetzen glitt sie einfach hindurch – ja, es war, als bestünde dieser Mann nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus Schatten!

Frantz schlug nach den Armen, auch diesmal ohne Erfolg. Die Flasche fuhr geradewegs durch die Gliedmaßen des Fremden hindurch. Und doch konnte Frantz hören, dass die spindeldürren Finger knackten, als sie sich um das Glasgefäß spannten. Es zersplitterte unter einem einzigen Griff. Scherben fielen zu Boden.

„Wer, wer bist du?“, stieß Frantz ächzend hervor.

Der Unheimliche gab keine Antwort. Verzweifelt versuchte Frantz, sich zu bücken und unter den Händen des anderen wegzutauchen. Doch erbarmungslos umklammerte der Fremde seinen Hals. Frantz konnte strampeln, soviel er wollte, es nützte ihm nichts. Sein Gegner verfügte über ungeheure Kräfte.

Frantz legte den Kopf in den Nacken und schaute zu dem starren Antlitz des Fremden auf. Dieser hielt ihn mit einer Hand fest. Mit der anderen zerrte er etwas aus seinem schwarzen Umhang hervor, dass der kleine Mann nicht näher erkennen konnte. Es handelte sich um etwas Langes, Dünnes.

Das Herz des Landstreichers pochte einen schmerzlichen Wirbel.

„Ich habe dir nichts getan!“, würgte er hervor. „Wenn ich gewusst hätte, dass es dich stört, wenn ich hier durch die Gegend laufe, hätte ich einen … einen anderen Weg, bestimmt!“ Er rang die Hände, schwor, flehte, jammerte. Aber alle Beteuerungen nützten ihm nichts.

Geschickt drehte ihn der Schwarze um. Er hielt ihn von hinten fest und schlang ihm um den Hals, was er soeben unter seinem Umhang hervorgeholt hatte. Frantz Auriac fühlte, dass seine Kehle zugeschnürt wurde. Das letzte Geräusch, das er von sich gab, war ein Röcheln. Zu einem Schrei reichte es nicht mehr.



3

Es war sinnlos. Herve Ravigote hatte mindestens fünfmal versucht, die schwarze Kerze wieder anzuzünden. Zunächst hatte er geglaubt, es würde genügen, in den noch glimmenden Docht zu pusten. Aber das war ein Irrtum. Der Docht erkaltete bald vollständig.

Herve hatte seine Taschen abgesucht. Nirgends entdeckte er ein Streichholz. Er fluchte, ging in die Raummitte und stieß prompt wieder gegen eine der Sitzgelegenheiten. Das Poltern erschreckte ihn. Schimpfend setzte er sich auf die Tischplatte und verdammte den Tag, an dem er Vagabund und Taugenichts geworden war.

Missmutig lauschte er dem Grollen des heraufziehenden Gewitters. Er dachte an Frantz und bereute nun fast, den Kumpan losgeschickt zu haben.

Dann glaubte er, einen Schrei zu hören. Horchend hob er den Kopf. Ein Donnerschlag, diesmal schon bedeutend näher, übertönte jeden anderen Laut in der Umgebung. Herve hob die Schultern und ließ sie wieder sinken. Und wenn schon, dachte er, Frantz wird’s nicht gewesen sein.

„Wäre ein schlechter Tippelbruder, der sich nicht in jeder Lage zu helfen weiß“, sagte er laut.

Seine Worte hallten durch die Räume wider. Er ärgerte sich darüber. Das Gemäuer gefiel ihm nicht. Je länger er sich hier aufhielt, desto größer wurde sein Unmut.

In irgendeinem Winkel ertönte ein Laut, den Herve nicht von sich gegeben hatte. Täuschte er sich? Oder hatte tatsächlich jemand gekichert? Wer? Frantz?

„Frantz“, sagte er barsch.

Als Antwort ertönte wieder das Kichern, und es überlief ihn kalt. Er rutschte von der Tischplatte, drehte sich um und steuerte auf das Klavier zu.

„Lass den Unsinn und komm herein. Also schön, du bist umgekehrt und zurückgelaufen. Hast Angst, mir unter die Augen zu kommen. Brauchst du aber nicht. Ich kann es verstehen, dass du nicht klatschnass werden willst.“

Alles blieb still. Er strich an dem Instrument entlang, und als er fast dessen Ende erreicht hatte, erklang ein gedämpfter hoher Ton. Unwillkürlich fuhr er herum. Der Laut war aus dem Klavier gekommen, da gab es keinen Zweifel. Der Dicke traf Anstalten, den Deckel über den Tasten hochzuziehen, aber das gelang ihm nicht. Er war wieder verschlossen.

Und dennoch stahl sich eine leise Melodie aus dem Inneren der Holzverkleidung. Eine dumpfe traurige Weise war es, ein Lied in Moll. Ein Stück, das in diesem Land nahezu jedes Kind kannte, denn es wurde immer wieder von Orgeln und Blaskapellen intoniert, wenn ein Mensch gestorben war.

„Begräbnismarsch“, sagte Herve erschüttert. Seine Finger zerrten an dem Deckel, und schließlich hieb er mit den Fäusten darauf. Das unheimliche Spiel brach endlich ab. Doch als er innehielt und sich aufrichtete, hörte er wieder das metallische verächtliche Kichern.

„Frantz!“ Er schrie es, und aus allen Ecken, Winkeln, Löchern kehrte es zurück: „Frantz …antz antz … antz … anz ...“

Herve fuhr herum und begann zu laufen. Seine Beine gerieten mit einem Holzschemel in Konflikt und wurden unter seinem Körper fortgerissen. Schwer schlug er auf. Ein eisiger Hauch streifte seinen Nacken, und er schrie entsetzt.

Schnell erhob er sich, taumelte ins Freie und riss die Tür hinter sich zu. Aufatmend blieb er unter dem Dach des Vorbaus stehen. Hier war er vorläufig in Sicherheit. Ein Blitz goss weißes Licht über dem platten Land aus. Herve hielt nach Frantz Auriac Ausschau. Doch er konnte ihn nirgends entdecken.

„Das Haus ist verhext“, sagte er und merkte, dass seine Stimme zitterte. Spontan beschloss er, dem unheimlichen Bau sofort den Rücken zu kehren, Frantz zu folgen, ihn vor der Kneipe einzuholen, mit ihm zu trinken, notfalls im Freien unter Bäumen und Büschen zu kampieren.

Er wollte sich in Bewegung setzen. Doch in diesem Augenblick bemerkte er etwas Schemenhaftes vor sich in der Finsternis. Vorsichtshalber duckte er sich und hielt nach einer Deckung Ausschau. Es donnerte und blitzte, und er sah zwei Gestalten, die sich huschend dem Haus näherten.

Ein heftiger Donnerschlag ließ ihn zusammenfahren. Der Boden unter ihm vibrierte, und das Gemäuer begann zu beben. Herve machte ein paar Schritte nach vorn. Er wusste nicht, was er tun sollte. Und die Furcht ließ ihn erzittern.

Etwas nahte, richtete sich drohend vor ihm auf. Er erkannte, dass es eine der beiden Gestalten war. Die andere stahl sich zur Seite fort. Herve Ravigote stand auf und blickte in das verzerrte Gesicht und die gebrochenen Augen seines Kumpans Frantz Auriac. Sekundenlang musterte er fassungslos die Physiognomie des Todes. Frantzens Hals war eigentümlich verdreht. Die Zunge hing aus dem geöffneten Mund.

Die Leiche bewegte sich und kippte dem dicken Mann entgegen. Er fing sie auf, und dann, in einem Augenblick der grauenvollen Erkenntnis, stieß er sie von sich. Mit trockenem Geräusch schlug sie auf. Dürre Finger schoben sich auf Herves Hals zu. Er schrie.

Von namenloser Angst getrieben, schlug er um sich und lief davon. Die schaurige kalte Gestalt, die den Tod brachte, saß ihm auf den Fersen. Herve schrie wie von Sinnen. Doch niemand kam ihm zu Hilfe.

Der Landstreicher stürmte die Anhöhe hinab. Als er über den flachen Graben sprang und eine befestigte Fahrbahn unter den Schuhen fühlte, schöpfte er Hoffnung. Er hatte nicht gewusst, dass es hier eine Straße gab. Es war eine schmale, unbedeutende Straße ohne jegliche Markierung und doch führte sie in die Nähe von Häusern, Autos, Menschen.

Herve warf einen Blick über die Schulter zurück. Schwache Blitze erhellten die Umgebung, aber das Haus war nicht mehr zu sehen. Wahrscheinlich wurde es durch die Gruppe mächtiger Eichen verdeckt, die er gerade passiert hatte. Nirgendwo erhob sich die Gestalt des Unheimlichen. Er schien die Verfolgung aufgegeben zu haben.

Herve lachte hysterisch auf. Er lief und lief, und nachdem die Straße einige Kurven beschrieben hatte, erblickte er das gleißende Licht zweier Scheinwerfer, das sich näherte. Erleichtert blieb er stehen, hob die Arme und begann zu winken.

Die tödliche Schlinge legte sich blitzschnell von hinten um seine Gurgel. Er ruderte mit den Armen und torkelte nach hinten. Er wurde von der Fahrbahn gerissen, in den Graben hinein. Für Bruchteile von Sekunden sah er noch das starre Antlitz und schlohweiße Haare, die im schwülen Wind flatterten. Donner krachte, Blitze gingen nieder, und aus den schwarz zusammengeballten Wolken prasselte ein Sturzregen herab.



4

Das Radio war der einzige Bestandteil in Walter Giles’ Auto, der weniger als zehn Jahre alt war. Aus den unter dem Armaturenbrett und im Fond installierten Lautsprechern drang Musik, während der klapprige Viersitzer über die schmale Straße rollte und die schwachen Scheibenwischer vergeblich gegen das niederprasselnde Regenwasser ankämpften.

„So ein Mist“, sagte Walter. Er hatte die Geschwindigkeit gedrosselt. Ob er sich auf der richtigen Straße befand, wusste er nicht, und aus diesem Grund hätte er gern den einsamen Anhalter mitgenommen, den er vor sich auf der Fahrbahn erkannt zu haben glaubte. Jetzt war der Mann verschwunden.

Walter zweifelte daran, dass ihn diese Gemeindestraße auf die Landstraße Nummer 36 bringen würde, die wiederum der Zubringer zur Autobahn nach Paris war. Lissy war ein unwichtiges Nest, obwohl es keine zwanzig Kilometer vom Flughafen Orly entfernt lag. Walter hatte es zum ersten Mal in seinem Leben besucht.

Angestrengt blickte er über die Motorhaube hinweg in das Unwetter. Seine wachen blauen Augen suchten nach dem Mann. Walter war sechsundzwanzig, aber wegen seines kurzen Haarschopfes, des schmalen glatten Gesichts und der hageren Gestalt schätzte man ihn oft jünger ein. Er wirkte jungenhaft und benahm sich manchmal auch dementsprechend, obwohl er durchaus selbstbewusst und zielstrebig war. Er hatte sich in Lissy aufgehalten, um ein Jazzkonzert im Saal des Jugendhauses vorzubereiten. Walter leitete eine der Swing Formationen, die sich in den letzten Jahren in der Seine Metropole gebildet hatten. Ihr Name war „Red Hot Peppers“, und sie schwamm auf der Nostalgiewelle mit, die die Musik der zwanziger Jahre wieder populär gemacht hatte.

Walter trat auf die Bremse. Der Wagen hielt erst nach zwanzig Metern, denn die Bremsbeläge waren nicht mehr das, was sie hätten sein sollen. Der junge Mann hatte die Stelle erreicht, an der der eifrig winkende Anhalter gestanden war. Dass dieser nicht mehr zu sehen war, war ein Rätsel. Warum hatte er bei diesem Regen nicht auf ihn gewartet?

Donnerschläge krachten. Blitze erhellten sekundenlang das Land. Der Regen verwandelte sich plötzlich in Hagel. Walter blickte in den Graben rechts der Fahrbahn und erkannte undeutlich eine massige verkrümmte Gestalt. Verdutzt zog er die Handbremse an, legte den Leerlauf ein und nahm den Fuß von der Kupplung.

Er hatte weder Schirm noch Regenmantel aus Paris mitgebracht. Leicht bekleidet, wie er war, stieß er den Wagenschlag auf und eilte in das Unwetter hinaus. Er lief gebückt. Noch ehe er den liegenden Mann erreichte, war er bis auf die Haut durchnässt. Die Hagelkörner peitschten auf seinen Rücken.

Betroffen kniete Walter neben dem Mann. Er brauchte keine Fachkenntnisse, um seinen Tod festzustellen. Am meisten entsetzte ihn, dass der Hals des Toten verrenkt war und dass Augen und Zunge hervorzuquellen schienen.

Mord, dachte er.

Einen Moment war er versucht, den dicken Mann aufzuheben und in den Viersitzer zu tragen. Dann aber sagte er sich, dass dies unklug gewesen wäre. Der Tote spürte die Nässe und Kälte nicht mehr, und die Polizei wollte einen Leichnam sehen, der nicht berührt worden war.

Walter Giles kehrte in den Wagen zurück. Mit zusammengepressten Lippen versuchte er zu starten. Ohne Erfolg.

Schließlich öffnete er die Motorhaube, leuchtete mit einer Taschenlampe hinein und stellte fest, dass zwischen einem Zündkabel und dem Ölmessstab Kontakt hergestellt worden war. Er drehte den Messstab, versuchte es wieder, und diesmal meldete sich die Maschine mit Trägern Blubbern.

Den Rückweg ins Dorf Lissy fand er ohne Schwierigkeiten. Es war 21 Uhr 10, als er die Station der Gendarmerie Nationale erreichte. Der zeitungslesende Uniformierte, dem er gegenübertrat, hatte in dieser Nacht vielleicht mit einer Meldung über Blitzschlag und Feuer, nicht aber mit einem so haarsträubenden Bericht gerechnet.



5

Die geräumige Zweizimmerwohnung lag im zweiten Stock eines großen Gebäudes im Herzen von Clichy. In der Küche stapelte sich das Geschirr von vier oder fünf Mahlzeiten, und auch in den anderen Räumen herrschte heillose Unordnung. Die Wände des Salons waren mit kitschigen Tapeten bedeckt, und darauf hingen eingerahmte Fotos und Zeichnungen von Orchestern oder einzelnen Musikern. Unter einem Kronlüster stand das Sofa. Ein Mann mit Halbglatze und ungesundem rötlichen Teint lag darauf. Er mochte Mitte Fünfzig sein.

Die Frau, die vor dem Sofarand auf dem Fußboden hockte und rauchte und mit dem Mann die Fernsehsendung verfolgte, war zweifellos jünger als vierzig. Sie trug ein langes besticktes Abendkleid mit tiefem Ausschnitt, der den Ansatz ihrer vollen Brüste freigab. Ihre Haltung und ihre Mimik waren aufdringlich und dreist. Auch in dem hübschen Gesicht der Rothaarigen lag ein Ausdruck von Vulgarität.

Im Fernsehen lief ein fünfzehn Jahre alter Spielfilm.

„Es ist eine Unverschämtheit“, sagte der Mann. „Ich habe den Streifen schon gesehen, Giselle, und ich versichere dir, er ist abscheulich langweilig. Man sollte an die Programmdirektion der TV-Anstalt schreiben. Warum immer alles schlucken, alles hinnehmen?“

Sie seufzte und drehte sich zu ihm um.

„Nicht aufregen, cheri. Das bekommt deinem Kreislauf nicht. Du bist ein abgetakelter, alter Knabe und sollst jeden Ärger vermeiden. Das hat jedenfalls der Arzt gesagt. ,Ted Webster, hat er gesagt, .wenn Sie noch den Beginn des nächsten Jahrzehnts erleben wollen, spannen Sie gründlich aus und lassen Sie sich kurieren.“

„Ich will mich aber aufregen!“

„Reize mich nicht“, versetzte sie drohend.

„Ich halte dieses Dahinvegetieren nicht mehr aus.“

„Immer noch besser als sterben.“

„Gib mir einen Whisky!“

„Du darfst keinen trinken.“

„Ich will ihn aber.“ Er setzte sich auf, atmete ein paarmal keuchend und sagte dann: „Hör mal, Giselle Foa. Wir sind nicht verheiratet, und du hast mich überhaupt nicht zu bevormunden. Der Arzt übertreibt. Ich leiste noch so viel wie ein Dreißigjähriger, wer weiß das besser als du? Ich hänge am Leben und an seinen schönen Seiten, und ich sage dir: Ein Whisky mehr oder weniger bringt das Fass auch nicht zum Überlaufen.“

„Wie du meinst.“ Sie erhob sich, stolzierte mit schwingenden Hüften zur Hausbar hinüber und klappte sie auf. Dann füllte sie ein Glas mit rostbrauner Flüssigkeit. Sie kehrte zu ihm zurück und reichte ihm das Getränk mit arroganter Miene.

Ted Webster nahm das Glas in Empfang. Er setzte an, trank und lächelte ihr freudlos zu.

„Du liebst mich, was, Giselle?“

„Ich ertrage dich.“

„Wieso gehst du nicht?“

„Weil ich nicht weiß, wohin.“

„Es lebe die Ehrlichkeit!“, entgegnete er, hob das Glas, prostete ihr spöttisch zu und trank wieder. In diesem Augenblick erlosch die Szene auf dem Bildschirm des Fernsehapparates. Aus dem Gerät ertönte ein kläglicher Pfeifton. Der Kronlüster schwankte leicht hin und her, und dann erlosch er ebenfalls. Ted Webster verschluckte sich und hustete. Giselle Foa schimpfte, nahm ihm das Glas weg und klopfte ihm auf den Rücken. Er hustete trotzdem weiter. Schwer atmend legte er sich auf das Sofa zurück.

„Da braucht nur der Strom auszufallen, und er kriegt einen halben Koller“, sagte sie verächtlich.

„Du irrst dich, Giselle.“ Seine Stimme klang heiser, schwach, erbärmlich. „Das ist etwas anderes, aber das wirst du nicht begreifen. Nie wirst du das verstehen können.“

Sie redete unausgesetzt und arbeitete sich dabei auf den Knien durch den Salon. Während sie ihn beschimpfte, suchte sie nach einer Kerze oder Taschenlampe. Schließlich trat sie in die Küche.

Ted Webster hörte ihre Stimme kaum noch. Er lag auf dem Boden, hatte dabei aber den Eindruck, zu schweben und allmählich immer höher getragen zu werden. Über ihm zeichnete sich ein schwacher Lichtfleck ab. Nach und nach wurde er größer und heller und breitete sich über die gesamte Zimmerdecke aus. Aber nun fehlte der Kronlüster. Er war einfach fort, nicht mehr vorhanden – denn Webster hatte eine Vision.

Er flog aus dem Haus in den weiß schimmernden Himmel hinaus. Unter ihm lagen die Häuserdächer von Paris. Der Montmartre kam in Sicht, und etwas weiter unten befand sich ein größerer Platz, auf dem stecknadelkopfgroße Punkte zu erkennen waren. Er näherte sich dem Platz. Jetzt sah er, dass die Punkte menschliche Gestalten waren. Sie hatten auf Stühlen Platz genommen und hielten Musikinstrumente in den Händen. Ted Webster glitt über ihre Köpfe hinweg, doch sie bemerkten ihn nicht.

Ein aufgeklappter Konzertflügel bildete den Mittelpunkt des Orchesters. Der Dirigent erschien eigentlich war es kein richtiger Dirigent, sondern ein Bandleader. Die Gruppe stellte ein Tanzorchester der dreißiger Jahre dar.

Auf ein Handzeichen des Leaders hin spielten die Musiker eine rhythmische Introduktion. Und kurze Zeit später tauchte ein schlanker, dunkel gekleideter Mann auf. Er nahm vor dem Flügel Platz. Aber statt die Finger auf die Tasten zu legen, kicherte er nur. Das Kichern ging in ein schepperndes Lachen über. Plötzlich verwandelte sich die wohltemperierte Musik in schrilles Gekreische.

Der große geschwungene Deckel des Konzertflügels löste sich von dem Instrument. Der Lacher richtete sich auf und klatschte in die Hände. Alle Musiker rutschten von ihren Stühlen. Nur drei, der erste Trompeter, ein Posaunist und ein Tenor Saxophon Bläser, erhoben sich, ließen ihre Instrumente fallen und schritten gravitätisch auf ihn zu.

Er bewegte wieder die Hände, und die drei kletterten mit ernsten Mienen in den Konzertflügel hinein. Sie streckten sich aus. Der Dunkle lachte wild und heulend. Dann krachte der schwebende Deckel auf das Pianoforte herab und begrub die Männer unter sich.

Ted Webster spürte, dass etwas von der Seite in seine Herzgegend stach. Er schrie und stürzte ab. Er schlug hart zwischen den Stühlen und den zu Boden geglittenen Musikern auf, deren Gesichter er kannte. Er schrie wie wahnsinnig.

„Ted!“

Er schlug mit den Fäusten um sich und zappelte mit den Beinen. Jemand fasste ihn an, aber er kratzte und schrie. Er wollte niemanden an sich heranlassen.

„Ted! Cheri!“

Er bäumte sich auf, und in diesem Moment öffneten sich endlich seine Augen. Das Licht war wieder da, und der Fernsehapparat flimmerte wieder. Er lag im Salon seiner Zweizimmerwohnung. Ächzend ließ er sich auf das Sofapolster sinken. Giselle war zur Stelle – Giselle, die nun besorgt einen kalten Umschlag auf seine heftig schwitzende Stirn legte und ihm ein kleines Tablett reichte.

„Nimm das. Es sind die Kreislauftropfen und die Herzpillen.“

Webster gehorchte. Nachdem er aus einem kleinen Glas getrunken und sich die Tabletten in den Mund gestopft hatte, setzte er sich auf und schwang die Beine von dem Sitzmöbel.

„Es geht schon wieder. Ich danke dir.“

„Meine Güte, ich habe Angst um dich gehabt!“

„Wohl mehr um dich selbst und deine Zukunft.“

Sie überhörte es.

„Stell dir vor, die ganze Zeit über, in der wir keinen Strom hatten, war die gesamte Nachbarschaft hell erleuchtet. Ich hab’s vom Küchenfenster aus gesehen.“

„Natürlich.“ Er stand auf und wankte zu einem Stuhl, über dessen Rückenlehne er seine Jacke geworfen hatte. Langsam zog er sie über. „Ich habe dir ja gesagt, dass es etwas anderes war. Es geht wieder los.“

„Was geht los?“

„Kümmere dich nicht darum.“

„Hast du wieder Gesichter gehabt?“

„Gesichter?“ Er lachte auf. „So kann man es auch nennen. Aber was verstehst du schon davon?“

„Du hättest den Whisky eben nicht trinken sollen. Ich habe dich gewarnt.“

Er ging zur Tür, die auf den Korridor führte und klinkte sie auf.

„Rede keinen Unsinn, Giselle. Ich gehe jetzt. Ich nehme ein Taxi, weil ich zu den anderen fahren und sie warnen muss. Kapiert?“

„Nicht alles. Lass mich mitfahren.“

„Du bleibst hier“, erwiderte er unwirsch. „Ich suche erst Benny Young und dann Nick Rollini auf.“

„Du könntest sie anrufen.“

„Ist mir zu unsicher.“ Er schlüpfte hinaus und schlug die Tür hinter sich zu.

Sie hörte, dass er davontappte, die Eingangstür öffnete und von dem altmodischen Lift nach unten getragen wurde. Seufzend suchte sie das Badezimmer auf und betrachtete sich im Spiegel. Eigentlich, dachte sie, bist du noch genügend in Form, um dir einen zu suchen, der wie Ted ein bisschen Geld an den Hacken hat.

Unten verließ Ted Webster den Aufzug. Er ging grußlos an der Loge der Concierge vorüber, trat in die nasskalte Nacht hinaus und beobachtete den spärlichen Verkehr auf der Rue Victor. Als er das Leuchtschild eines Taxis erkannte, lief er an die Bordsteinkante und hob die Hand.

Der Chauffeur hatte ihn bemerkt, scherte aus der Spur aus und hielt auf ihn zu. Webster wartete. Er überlegte bereits, mit welchen Worten er es seinen Freunden beibringen sollte. Da stellte er fest, dass das Auto die Geschwindigkeit erhöhte und direkt auf ihn zukam. Er wollte zurückspringen, reagierte jedoch zu spät.

Mit aufheulendem Motor raste das Taxi am Bordstein entlang. Die Pneus radierten quietschend die Kante. Webster erhielt einen Schlag gegen die Brust. Er schrie, wurde herumgewirbelt und ging zu Boden. Er hatte den Eindruck in einen gähnenden Schacht gerissen zu werden.



Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738911695
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v372043
Schlagworte
schattenmann

Autor

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Titel: Der Schattenmann