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Flucht aus dem Höllenfort

2017 130 Seiten

Leseprobe

Flucht aus dem Höllenfort

Western von Horst Friedrichs


Der Umfang dieses Buchs entspricht 112 Taschenbuchseiten.


Man schreibt das Jahr 1877: Bei dem Angriff einer Kavallerie-Kompanie werden alle Krieger der Nez Perces Indianer, die sich auf der Flucht befinden, getötet. Die überlebenden Frauen, Kinder und Alten werden gefangen genommen, um sie in ein Reservat zu sperren. Der Kommandant des Transports ist ein Sadist, dem es Spaß macht, die Gefangenen zu quälen und die Frauen zu vergewaltigen. Bevor er der jungen Indianerin White Feather Gewalt antun kann, gelingt ihr die Flucht. Unterwegs trifft sie auf den Cowboy Frank Harrison, dem sie nach und nach Vertrauen schenkt. Gemeinsam reiten sie nach Fort Maginnis, um dem Regimentskommandeur von dem Unrecht, das den Nez Perces angetan wird, zu berichten - sie ahnen allerdings nicht, dass dieser Mann noch grausamer ist ...


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Eine Gruppe von Ahornbäumen warf den Schatten ihres Laubdaches auf die Anhöhe. Nahezu ungehindert reichte der Blick in alle Richtungen. Von Süden her kroch ein Buschgürtel den Hang herauf wie ein massiges, filzig grünes Reptil. Die Baumgruppe glich einer Barriere, die dem Wildwuchs Einhalt gebot.

Saftiges Grasland senkte sich ins nordwestlich angrenzende Tal. Dort hatten die Nez Perces ihre Tipis aufgeschlagen. Doch es war kein gewöhnliches Dorf, nur ein eilig errichtetes Lager auf der Flucht. Die Kochfeuer brannten rauchlos, und es herrschte Stille. Weder Kinderlärmen noch die hellen Stimmen heiterer Frauen drangen zu den Wachtposten auf den Hügeln.

Das Paar, nackt im hohen weichen Gras zwischen den Ahornbäumen, fühlte sich unbeobachtet.

Bold Eagle - Kühner Adler war ein hoch gewachsener, muskulös gebauter junger Krieger. Er war schön wie ein Gott, der schönste von allen Männern im kampffähigen Alter. Zugleich war er auch der Klügste. Niemand konnte es mit ihm aufnehmen. Jedem anderen war er in jeder Beziehung überlegen, und deshalb würde er einmal ein großer Häuptling werden.

So sah es White Feather, die Weiße Feder, denn sie liebte Bold Eagle über alle Maßen. Außerdem war sie ihm als Squaw versprochen, was ein zusätzliches großes Glück bedeutete. Denn es war keineswegs selbstverständlich, dass die Eltern Rücksicht darauf nahmen, wem ihre Tochter ihr Herz geschenkt hatte.

White Feather war überzeugt, dass der Große Geist seine Hand im Spiel haben musste. Anders konnte sie sich die Vollkommenheit ihres Glücks nicht erklären. Bold Eagle erwiderte ihre Gefühle, ja er war regelrecht verrückt nach ihr. Das sagte er jedes Mal, wenn sie sich trafen. Und sie konnten es dann beide nicht erwarten, sich gegenseitig die Kleider vom Leib zu reißen.

Schon wenn er mit seiner ganzen Kraft und Härte und zugleich doch so behutsam in sie eindrang, jauchzte White Feather vor Lust. Und wenn sie ihn dann tief in sich spürte, wünschte sie sich, dass dieser Moment niemals enden würde.

So war es auch diesmal.

Für Bold Eagle und White Feather versank die Welt, die sie umgab, im Rausch ihrer Gefühle.

Und es drohte keine Gefahr. Bold Eagle hatte noch einmal gründlich nach allen Seiten gespäht, bevor er sich mit der Härte seiner Erektion zwischen White Feathers gespreizte Beine sinken ließ. Nirgendwo war auch nur ein Zipfel Uniformblau zu sehen gewesen. Die Verfolger schienen die Fährte der Fliehenden noch immer nicht aufgenommen zu haben.

Dennoch blieben der Krieger und seine künftige Squaw vorsichtig. Sie hielten sich gegenseitig den Mund zu, um zu unterdrücken, was die Reise zum Gipfel der Wollust ihnen bescherte. Wohlige Laute waren es sonst, von lustvollem Stöhnen und Keuchen begleitet. Diesmal hörte es sich an, als würden sie versuchen, sich gegenseitig zu erdrosseln. Ihr sonst üblicher Schrei klang wie von einem Stapel Büffelfelle gedämpft.

Stumm und ermattet, doch immer noch eng umschlungen sanken sie auf die Seite.

White Feather unterdrückte ein Kichern, als sie wieder zu Atem gekommen war. »Es wird uns doch keiner gehört haben?«

»Bestimmt nicht«, erwiderte Bold Eagle zuversichtlich. »Trotzdem musst du zurück ins Camp. Die Anweisung für mich lautet, Wache zu halten. Davon, dass ich es einem liebeshungrigen kleinen Nez Perces Mädchen besorgen soll, hat niemand etwas gesagt.«

White Feather lachte und bog ihren gertenschlanken Körper von ihm zurück. Verspielt boxte sie mit ihrer kleinen Faust auf die eisenharten Muskeln seiner Oberarme.

»Du frecher Kerl!«, schimpfte sie schalkhaft. »Was nimmst du dir nur heraus!« Ihre schwarzen Augen funkelten temperamentvoll. Jettschwarzes Haar umrahmte das bronzefarbene Ebenmaß ihres Gesichts und fiel ihr mit seidigem Schimmern bis auf die Schultern.

So, wie sie in seinen Armen lag, spürte Bold Eagle den Druck ihrer straffen Brüste. Ihre aufgerichteten Brustwarzen bohrten sich in seine Haut.

Er lächelte nachsichtig.

»Ich würde dich die ganze Nacht hier behalten. Das würde ich wirklich tun, White Feather. Aber wir müssen vernünftig sein. Von meiner Wachsamkeit hängt das Leben der Menschen da unten ab.«

»Was bist du doch für ein edler Bursche.«

White Feathers Augen weiteten sich vor Entsetzen.

Denn sie war es nicht, die diese Antwort gegeben hatte.

Die Stimme gehörte einem Mann. Er sprach das Idiom der Nez Perces mit dem unbeholfenen Akzent der Weißen.

Bold Eagle erstarrte. Seine Muskeln spannten sich zu Strängen wie von Federstahl. In den Augen seiner Gefährtin las er, dass der Fremde unmittelbar hinter ihm sein musste.

Bold Eagle nutzte die Schrecksekunde, um sich auf White Feathers Augen zu konzentrieren. In ihrem Glanz erkannte er das zweifache Spiegelbild des Mannes.

Ein Kavallerist. In der rechten Hand hielt er einen Revolver, in der linken einen Säbel.

Bold Eagle wusste, dass ihm bestenfalls die Dauer eines Atemzugs blieb - ihm und White Feather.

Blitzartig stieß er sie von sich weg, warf sich gleichzeitig herum, auf den Soldaten zu.

White Feather schrie auf, als sie durch das Gras geschleudert wurde.

Der Soldat stieß einen Fluch aus. Und feuerte. Der Schuss krachte dumpf unter dem Laubdach der Ahornbäume. Die Kugel fuhr genau dort in den Boden, wo Bold Eagle und White Feather eben noch gelegen hatten.

Der Mann in der blauen Uniform schaffte es nicht, ein zweites Mal abzudrücken. Denn Bold Eagle sprang ihn an wie ein Berglöwe, so geschickt und so schnell.

Doch im selben Moment brach um sie herum die Hölle los.



2

»Feuer!«, peitschte eine Stimme von irgendwoher.

Noch bevor der Befehl verklungen war, krachten Schüsse. Mit einem einzigen gewaltigen Schlag entluden sich die Waffen der Angreifer. Hunderte mussten es sein.

Revolver, Karabiner und Gatling Guns hämmerten los, dass es wie Donner ins Tal der Nez Perces hinab rollte. Menschen schrien, Pferde wieherten schrill. Barsch gebrüllte Kommandos der Angreifer konkurrierten mit dem wilden, entschlossenen Geheul der Krieger.

Sie machten sich gegenseitig Mut damit. Dabei wussten sie alle, dass es nicht mehr war als der Mut der Verzweiflung.

In den Indianerkriegen hatten beide Seiten voneinander gelernt. So wie sich die roten Krieger auf die militärische Taktik ihrer Feinde eingestellt hatten, waren diese mittlerweile Meister im unbemerkten Anpirschen. Hier, in den Hügeln von Montana, hatten sie es soeben wieder unter Beweis gestellt.

Die Todesangst lähmte White Feather. Sie lag im Gras und war nicht imstande, sich zu rühren. Durch das weiche Grün der Halme konnte sie sehen, was sich in ihrer Nähe abspielte.

Bold Eagle hatte dem Soldaten den Revolver aus der Hand geschlagen. Beide Männer waren zu Boden gestürzt, und nun entrang der muskulöse Krieger seinem Gegner den Säbel. Als Waffe für den Nahkampf taugte die armlange und handtellerbreite Klinge nicht.

Ein Hieb auf den Unterarm des Kavalleristen genügte, und der Griff der tödlichen Blankwaffe entglitt seiner Hand. Bold Eagle schlug noch zweimal zu, und er traf den Weißen hart genug. Der Mann streckte sich und rührte sich nicht mehr.

Bold Eagle sprang auf, packte den Säbel mit beiden Händen am Griff - bereit zuzustoßen.

Eine Bewegung entstand im Gebüsch. Zweige teilten sich. Nichts davon war im Tosen des Kampflärms zu hören.

White Feather wollte schreien, wollte den geliebten Mann warnen. Aber nicht einmal die Stimmbänder gehorchten ihr.

Der zweite Kavallerist feuerte, noch während er aus dem Buschwerk hochkam.

Der Schuss aus seinem Revolver klang dünn und unbedeutend vor dem Hintergrund des Gefechtsdonners. Doch dieser Eindruck täuschte, und White Feather wusste es im selben Moment.

Sie glaubte selbst getroffen zu werden, so sehr zerriss der Schmerz ihr Innerstes.

Schon der erste Einschlag brachte Bold Eagle ins Wanken. Der Säbel fiel ihm aus den Händen.

Der Soldat im Gebüsch jagte noch zwei Kugeln aus dem langen Lauf seines Cavalry Colts, um ganz sicher zu gehen. Wie von unsichtbaren Fäusten durchgeschüttelt sank der Krieger zu Boden.

White Feather sah das Blut aus seinen tödlichen Wunden strömen. Erst jetzt drang der Schrei tief aus ihrer Kehle. Ihr war, als würde mit der Liebe ihres Lebens auch ihr eigenes Leben zu Ende gehen. Sie spürte wahrhaftig den Schmerz, den auch Bold Eagle im Augenblick seines Sterbens gespürt haben musste.

Das Grauen ließ ihren Überlebenswillen erwachen, obwohl es nicht mehr als ein Instinkt war. Die Lähmung fiel von ihr ab.

Doch ihr Schrei hatte sie verraten, und das hohe Gras war kein vollständiger Sichtschutz.

Der Kavallerist stürmte aus dem Gebüsch hervor und war bei ihr, noch bevor sie richtig auf die Beine gekommen war.

Er fällte sie mit einem Fausthieb.

White Feather empfand eine seltsame Art von Dankbarkeit, als ihr schwarz vor Augen wurde. So würde sie wenigstens bei ihrem Geliebten ausharren.

Gewiss würde sie sterben. Aber die Art und Weise ihres Todes bedeutete nichts. Nur eines war wichtig: Dass sie Bold Eagle auf seinem Weg in die Ewigen Jagdgründe begleiten und für immer bei ihm bleiben durfte.

Doch die Bewusstlosigkeit der schönen jungen Indianerin war nur von kurzer Dauer.

Als sie erwachte, umarmte sie einen Baumstamm.

Sie begriff nicht sofort, was das bedeutete.

Im nächsten Moment stürzte die ganze ungeheure Wucht des Geschehens auf sie ein.

Ihre Hände waren auf der anderen Seite des Baums gefesselt, ihre rechte Wange wurde dadurch an die lederartige Rinde gepresst. Sie war noch immer nackt, was den Kerlen hinter ihr wahrscheinlich sehr gelegen kam. Der, den Bold Eagle besiegt hatte, musste wieder zu sich gekommen sein. Denn es waren zwei Männer, von denen White Feather vergewaltigt wurde. Ihr schossen Tränen in die Augen. Und wieder schrie sie ihren Schmerz hinaus, als ihr bewusst wurde, dass ihr die Gnade des Todes noch nicht gegönnt werden würde.

Aber auch das Geschehen im Tal der Nez Perces blieb ihr nicht erspart. Auf grausame Weise lief es vor ihren Augen ab.

An die zweihundert Soldaten waren es, die von allen Seiten vorrückten, über die Hügelkuppen hinweg. Im Schutz des Buschgürtels waren sie vorgedrungen, hatten die Wachtposten überrumpelt und niedergemacht.

Weniger als fünfzig Nez Perces Krieger waren es, die sich auf ihre Pferde schwangen und sich den Angreifern todesmutig entgegen warfen. Jene, für die die Krieger ohne Rücksicht auf ihr eigenes Leben kämpften, zählten mehr als zweihundert: Frauen, Kinder und alte Leute.

Die Krieger hatten von vornherein keine Chance. Bis auf den letzten Mann starben sie im Kugelhagel der Übermacht.

Als Schüsse und Todesschreie endlich versiegten, war die Tortur für White Feather noch nicht vorüber. Die keuchenden, schwitzenden Kerle machten sich unaufhörlich an ihr zu schaffen. Sie wurde immun gegen körperliche Schmerzen. Das Weinen der Kinder und die Klagelaute der Frauen aus den Tipis im Tal zu hören bereitete ihrer Seele furchtbare Qualen.



3

An jedem Tag des Transports glühte die Sonne erbarmungslos auf das weite Land herab. Auf den Plains von Montana gab es so gut wie keinen Schutz vor der Hitze, und in den stickigen Planwagen rangen die Alten und Kranken röchelnd nach Atem.

In den Nächten dann zitterten sie vor Kälte. Denn sobald die Sonne untergegangen war, kühlte sich die Luft stark ab. Es waren die Vorboten des Herbstes. Die Alten wussten, dass eine Hungersnot auf sie wartete. Sie hatten keine Vorräte für den Winter anlegen können. In der Reservation würden sie auf die Gnade ihrer Bezwinger angewiesen sein.

White Feather gehörte zu der Gruppe junger Frauen, die neben den Wagen herlaufen mussten.

Um ihre Eltern und Großeltern durften sie sich nicht kümmern. Jeglicher Kontakt war ihnen untersagt. So blieb es beim Austausch von Blicken, mit denen man sich gegenseitig Mut zu machen versuchte.

Indessen hatten sich die meisten der jungen Frauen ihrem Schicksal ergeben. Geschunden und entkräftet, wie sie waren, schliefen sie bei jeder Rast auf der Stelle ein. Doch nach viel zu kurzer Zeit wurden sie wieder hochgescheucht. Stöße von Gewehrkolben und Fußtritte trieben sie an.

Doch die Überlebenden der Nez Perces würden ihren Stolz nicht brechen lassen, nicht einmal auf diesem entwürdigenden Marsch in die Gefangenschaft. Denn genau das war es, was auf sie wartete. Mochten die Bleichgesichter es zehnmal hochtrabend als »Reservation« bezeichnen, es änderte nichts daran, dass den Nez Perces die Freiheit genommen wurde - wie so vielen anderen Indianerstämmen auch.

White Feather und ihre Leidensgenossinnen trotteten neben den mahlenden und knirschenden Wagenrädern dahin, schluckten den Staub, den die Pferdehufe aufwirbelten, und zogen vor Angst den Kopf ein, wenn das knarrende Sattelleder und das klirrende Geschirr der Kavalleristen näher kam.

Doch so lange der Transport rollte, handelte es sich nur um Drohgebärden. Die Bewacher mussten zeigen, dass sie da waren und dass ihnen nichts entging. Abwechselnd ritten sie näher heran, um ihre Macht zu demonstrieren. Ihr raues Gebrüll sollte die Frauen einschüchtern und bei den Offizieren Eindruck machen.

White Feather und die anderen ließen es über sich ergehen. Es war das Kleinste aller Übel und nichts gegen das, was den Frauen in den Mittagspausen und vor allem während der Abend und Nachtruhe angetan wurde.

Es gab niemanden, der ihnen hätte helfen können.

White Feather dachte an Bold Eagle und all die anderen toten Krieger. Sie hatten die Flüchtlingsschar sicher nach Norden bringen wollen, zunächst ins Reservations-Gebiet der Blackfeet und von dort aus weiter nach Kanada. Es war ihnen nicht gelungen. Ihre Körper waren auf dem Schlachtfeld zurückgeblieben, den Geiern überlassen. Doch ihre Seelen würden in den Ewigen Jagdgründen ruhmreiche Plätze einnehmen.

Seit Monaten waren die Nez Perces nun schon auf der Flucht, anfangs noch mit dem großen Chief Joseph.

1876, das zurückliegende Jahr, war noch von großen Siegen über die weißen Eindringlinge bestimmt gewesen. Crooks Niederlage am Rosebud und Custer Untergang am Little Bighorn River steckte der Armeeführung noch mächtig in den Knochen.

Doch das Jahr 1877 stand unter weniger günstigen Vorzeichen. Was vielen ihrer roten Brüder gelungen war, hatten die Nez Perces vergeblich versucht. Sie hatten Kanada nicht erreicht. In Montanas westlichem Nachbarstaat Idaho hatten sie sich nach verzweifelten Kämpfen der US-Kavallerie ergeben müssen.

Nur wenige kleinere Gruppen hatten die Flucht fortsetzen können. Mittlerweile aber waren die meisten »geschnappt« worden. So nannten es die Soldaten hohnlachend in ihren Gesprächen.

Die Gefangenen wurden nun dorthin gebracht, wo sie nach Meinung der Kavalleristen hingehörten - ins südliche Reservatsgebiet von Montana. Es gehörte den Crow, einem Indianerstamm, der stets gute Beziehungen zum Weißen Mann gepflegt hatte. Mit den Crow hatten die Eroberer keine Schwierigkeiten. Bei ihnen konnte man vorübergehend auch jene unterbringen, die als aufsässig galten, weil sie für ihre Freiheit gekämpft hatten.

White Feather und ihre Gefährtinnen trauerten um die Männer, die ihnen genommen worden waren. Und es war eine düstere Ahnung von der Zukunft, die sich in diese Trauer mischte.

Ihr Volk war dem Untergang geweiht.

Viele der Kinder und der alten Leute waren schon jetzt entkräftet und krank. Sie würden den Winter nicht überleben, wenn nicht ein Wunder geschah. Und den jungen Frauen waren die Männer genommen worden. Die Söhne, von denen sie geträumt hatten, würde es nun niemals geben - so, wie es auch die Zukunft der Nez Perces nicht mehr gab.



4

Vor drei Tagen hatten sie den Teton River durchfurtet. Sie wussten nicht, wie viele Tagesmärsche noch vor ihnen lagen. Auch die einfachen Soldaten hatten keine Ahnung. White Feather hatte längst festgestellt, dass es sich um einfältige Burschen handelte, tumbe Befehlsempfänger allesamt.

Nur die Offiziere schienen Bescheid zu wissen. Offenbar war es so üblich. Die unteren Ränge erfuhren nur das, was sie zum Ausführen der Befehle unbedingt wissen mussten.

An diesem Abend, noch während der Dämmerung wurde das Nachtlager am Ufer eines Creeks aufgeschlagen, einer willkommenen Tränke für die Pferde.

Die uniformierten Kutscher fuhren die Planwagen zu einem Kreis zusammen, ähnlich jenen Wagenburgen, mit denen sich die ersten weißen Siedler beim Vordringen ins Indianerland geschützt hatten.

Doch hier, auf dem Transport der Nez Perces, diente das Innere des Kreises als Aufenthaltsbereich für die Gefangenen. Schwerbewaffnete Doppelposten sorgten dafür, dass die alten Leute und die jüngeren Frauen auch hier keinen Kontakt zueinander aufnehmen konnten.

Wer ohne ausdrückliche Erlaubnis außerhalb der Wagen auftauchte, musste damit rechnen, auf der Stelle erschossen zu werden.

White Feather hatte für das alles nur die eine Erklärung: Die Bleichgesichter hatten selbst vor Greisen, Frauen und Kindern noch Angst.

Rings um die Wagenburg schlugen die einfachen Soldaten ihre kleinen Zweimannzelte auf. Einige von ihnen waren wie üblich dafür abkommandiert, die drei größeren Offizierszelte zu errichten.

Der Kommandant des Transports, First Lieutenant James Nicholas, war ein hagerer, düster aussehender Mann mit dichtem schwarzen Vollbart. Die Hände auf den Rücken gelegt, stolzierte er durch das Lager und nutzte das versiegende Tageslicht zur üblichen Inspektion. Mit hoch erhobenem Kopf machte er zudem noch einen überaus blasierten Eindruck.

Zwei Leibwächter folgten ihm mit respektvollem Abstand, einfache Soldaten, die er selbst zu seinem persönlichen Schutz abkommandiert hatte.

Weitere Soldaten waren damit beschäftigt, Holzpflöcke in die Erde zu schlagen und Seile zu spannen. Auf diese Weise entstanden Gassen für die Kontrollgänge der Wachen. Gleichzeitig wurden die Nez Perces in drei Gruppen eingeteilt: alte Frauen und Männer, Frauen mit Kindern und Frauen ohne Kinder.

First Lieutenant Nicholas beobachtete das Geschehen weder interessiert noch wohlwollend. An seiner Miene ließ sich einfach keine Regung ablesen. Alles was sich um ihn herum abspielte, schien für ihn die größte Selbstverständlichkeit zu sein. Dennoch konnte er innerlich nicht völlig unbeteiligt sein. Was geschah, musste zumindest eine gewisse Bedeutung für ihn haben.

White Feather konnte sich einfach nicht vorstellen, dass einen Mann von Rang das Schicksal wehrloser und geschundener Menschen völlig kalt ließ.

Außerhalb des Forts hatte er überdies die seltene Gelegenheit, als ranghöchster Offizier zu glänzen. Das nutzte er weidlich aus. So beanspruchte er eines der drei Offizierszelte ganz für sich allein.

Unter den Soldaten wurde gemunkelt, dass Nicholas dort im Zelt jede Nacht seinen Harem beherbergte.

White Feather und ihre Leidensgefährtinnen wussten, dass dieses Gerächt der Wahrheit entsprach.

First Lieutenant Nicholas ließ sich nicht dazu herab, eine Frau zu vergewaltigen. Dazu war er einfach zu vornehm und zu fein. Nein, in seiner Sprache, und erst recht in seinem dienstlichen Jargon klang das so trocken und nüchtern, als würde es sich um eine Passage aus einem Gesetzestext des Großen Häuptlings in Washington handeln.

Weibliche Gefangene werden täglich nach Einbruch der Dunkelheit zu persönlichen Ordonnanzdiensten für den Transportkommandanten abgestellt. Die erforderliche Auswahl erfolgt durch den Kommandanten selbst.

»Er hat ein Problem«, sagte Little Bird, eine dralle und glutäugige Schönheit. »Im Grunde ist er ein armes Schwein.«

»Ja?«, erwiderte White Feather mit mäßigem Interesse. »Wirklich?« Sie hatte das Glück gehabt, noch nicht als »Ordonnanz« für den finsteren Hochmütigen ausgewählt worden zu sein. Little Bird dagegen hatte bereits zwei Nächte im Kommandantenzelt verbracht. Dafür hatte sie sich sogar freiwillig gemeldet.

Kleiner Vogel hatte schon in normalen Zeiten als allzu freizügig und frivol gegolten. Deshalb hatte sie auch von keinem der Krieger im heiratsfähigen Alter ein Eheversprechen erhalten. Stattdessen hatte sie sich älteren verwitweten Männern in den Tipis hingegeben, und sie hatte minderjährige Jungen verführt.

Die beiden jungen Frauen saßen auf einer Proviantkiste, mit dem Rücken an die Speichen eines Wagenrades gelehnt. Wie die anderen, die in Gruppen beieinander hockten, drehten sie sich von Zeit zu Zeit verstohlen um und sahen, wie die Soldaten die Pferde für die Nacht versorgten und auf einem Platz am Ufer des Creeks Feuerholz aufschichteten.

Dort würde es in der Dunkelheit wieder hoch hergehen. Whisky würde in Strömen fließen, raues Gelächter würde zur Wagenburg herüberwehen, und immer wenn es die betrunkenen Kerle danach gelüstete, würden sie sich gewaltsam eine Frau holen und über sie herfallen.

»Ja, er hat wirklich ein Problem«, rief Little Bird sich in Erinnerung. Sie wedelte mit der Hand vor White Feathers geistesabwesenden Augen.

White Feather kehrte in die Gegenwart zurück.

»Hat er dir anvertraut, was ihn bedrückt?«, erkundigte sie sich. »Sieht er deswegen so unnahbar aus, weil er dieses Problem hat?«

»Kann schon sein«, antwortete Little Bird. »Willst du wissen, was es ist?«

»Ja.« White Feather unterdrückte ein Gähnen. Seit dem Tod von Bold Eagle war ihr Interesse an den Dingen erloschen. Es gab nur noch wenig, was für sie wichtig war. Wieder bei ihren Eltern sein zu dürfen, ja, das zählte schon. Auch wenn es im Reservat sein würde, so würde sie doch wenigstens ihrem Vater und ihrer Mutter helfen können, den Winter zu überstehen.

Zurzeit konnten sie nur gelegentliche Blicke oder ein Winken austauschen. Dabei hätte White Feather sich so sehnlich gewünscht, dass ihre Eltern sie in ihrer Trauer um Bold Eagle trösteten.

»Er hat einen kleinen Schwanz«, sagte Little Bird.

»Was?« White Feather schrak auf. »Wer?«

»Na, der da.« Little Bird deutete mit einer Kopfbewegung auf den First Lieutenant.

»Und es macht ihm zu schaffen?«

»Und wie!« Little Bird machte ein fachmännisches Gesicht. »Deshalb braucht er jede Nacht drei von uns. Damit will er sich irgendwas beweisen. Vielleicht, dass er besser ist als einer mit einem dicken Knüppel. Und natürlich dürfen wir nicht über sein bleiches Dingelchen lachen. Denk daran, wenn er dich aussuchen sollte. Mach dich bloß nicht über ihn lustig.«

White Feather spürte, wie ihr eine Gänsehaut den Rücken herauf kroch. Aus den Augenwinkeln heraus sah sie, dass das Lagerfeuer brannte. Das Tageslicht schwand, es würde bald völlig dunkel sein. Vom Feuer brachen die ersten Soldaten auf, zu den Wagen hin, die Oberkörper noch nackt von der Arbeit mit den Pferden und dem Feuerholz.

Diese Kerle wollten die Ersten sein, konnten es nicht abwarten.

White Feather wandte sich wieder ihrer Freundin zu.

»An mir wird er keine Freude haben«, sagte sie energisch.

Little Bird schüttelte mitleidig den Kopf. »Du wirst ihn nicht daran hindern können. Er nimmt sich, was er haben will.« Sie deutete auf eine der jungen Frauen, die nur wenige Schritte von ihnen entfernt stand. »Dark Cloud hat’s versucht. Sie wollte sich nicht ausziehen, und die Beine breit machen wollte sie schon gar nicht. Da ließ er sie ausziehen und festbinden, die Beine weit auseinander.«

White Feather wollte etwas erwidern, doch plötzlich entstand Tumult im Lager der gefangenen Nez Perces.



5

Die kleinen Kinder schrien zuerst, dann die Mütter, die sie im abgegrenzten Teil der Wagenburg hüteten.

Schrille Schreie der Angst und der Verzweiflung waren es, und die meisten der Augenzeugen begriffen nicht sofort, was geschah. Denn im Bereich der Mütter und Kinder herrschte ein derartiges Gewühl, dass ein rascher Überblick unmöglich war.

Fast alle waren erschrocken, starrten auf das Geschehen im Halbdunkel. Auch First Lieutenant Nicholas schien ausgesprochen konsterniert zu sein.

Barsche Männerstimmen mischten sich in die Schreie.

White Feather sprang auf, um besser sehen zu können. Little Bird hielt sie am Handgelenk fest.

»Geh nicht hin!«, rief die glutäugige Indianerin. »Misch dich bloß nicht ein!«

Doch White Feather riss sich los. Sie witterte buchstäblich, dass der Verdruss dort drüben im Lager der Frauen und Kinder durch eine Ungeheuerlichkeit hervorgerufen wurde.

Ohne zu zögern lief sie an ihren Leidensgenossinnen vorbei bis an die Seilabsperrung. Der First Lieutenant und seine Leibwächter waren rechts von ihr, in der Gasse.

»Los, komm schon!«, grunzte eine Männerstimme aus dem Gewühl. »Zier dich nicht, Schlampe. Du kannst doch froh sein, wenn's dir mal ein richtiger Kerl besorgt.«

White Feather sah jetzt zwei Kerle mit nacktem Oberkörper. Schweiß und Staub hatten wirre Bahnen auf ihre bleiche Haut gezeichnet.

Sie hatten die Frau bei den Händen gepackt, zerrten sie von ihren Kindern weg. Ein kleiner Junge und ein kleines Mädchen, nicht älter als zwei und vier Jahre, versuchten vergeblich, sich an den Beinen ihrer Mutter festzuklammern. Die Kinder weinten herzerweichend, doch die Soldaten hatten nur Hohnlachen dafür übrig.

Die Squaw schrie und sträubte sich, doch sie hatte keine Chance. Niemand wagte es, ihr zu Hilfe zu kommen. Die anderen Frauen waren zurückgewichen, hatten sich schützend vor ihre Kinder gestellt.

White Feather konnte es nicht mehr mit ansehen. »Kommandant!«, schrie sie voller Empörung. »So tun Sie doch etwas!« Niemand beachtete sie.

Denn im selben Moment geschah das Unfassbare.

Ein Wutschrei ertönte aus dem Lager der alten Frauen und Männer.

White Feather stockte der Atem.

Spotted Wolf, ein großer und immer noch kräftiger Mann mit silbergrauem Haar bahnte sich einen Weg durch die angstvolle Schar seiner Altersgenossen. Und ohne zu zögern sprang er über das Absperrungsseil. Zornig und mit hoch erhobenen Fäusten stürmte er auf die Soldaten zu.

»Lasst die Squaw los!«, herrschte er sie an. »Lasst sie sofort los!«

Und er packte den einen an der Schulter. Ein grobschlächtiger blonder Kerl war es. Spotted Wolf riss ihn herum und fällte ihn mit einem einzigen Fausthieb.

Der andere verharrte verdutzt. Er war dunkelhaarig und untersetzt. Das Handgelenk der Squaw hielt er mit der Linken. Ohne sie loszulassen drehte er sich um, blinzelte ungläubig und sperrte den Mund auf.

Der First Lieutenant, seine Leibwächter und die Wachsoldaten rührten sich nicht. Keiner von ihnen dachte daran, einzugreifen.

Die Frau schrie vor Entsetzen. Im eisenharten Griff des Soldaten war sie gezwungen, das furchtbare Geschehen aus nächster Nähe anzusehen.

Der Soldat zog den Colt im selben Moment, in dem der grauhaarige Indianer ihn ansprang.

Ein angstvolles Raunen ging durch die Reihen der Nez Perces.

Es erstarb mit dem Krachen des Schusses.

Im Sprung prallte Spotted Wolf gegen die ungeheure Wucht der Kugel. Mündungsfeuer und Pulverrauch hüllten ihn ein, als er zu Boden schlug.

Wutentbrannt jagte ihm der Soldat zwei weitere Kugeln in den schon leblosen Körper. Die Frau im Eisengriff seiner Hand zuckte jedes Mal zusammen, zitterte am ganzen Körper und wagte doch nicht mehr, ihre Angst hinaus zu schreien.

Die Wachsoldaten und die Leibwächter des Kommandanten legten ihre Karabiner auf die Gefangenen an, die allesamt wie gelähmt dastanden.

White Feather fühlte ohnmächtigen Zorn in sich aufwallen. Grimmig ballte sie die Fäuste, stieg über das Seil und ging auf den First Lieutenant zu.

Der grobschlächtige Soldat war wieder zu sich gekommen. Zusammen mit seinem Kumpan zerrte er die Squaw aus der Wagenburg, und niemand hinderte ihn daran.

»Mörder!«, schrie White Feather. »Ihr verfluchten Mörder!«

Die Leibwächter schwenkten ihr die Karabiner entgegen. »Keinen Schritt weiter!«, bellte einer.

Der Kommandant wandte ihr den Rücken zu, es schien unter seine Würde zu liegen, sich zu ihr umzudrehen.

White Feather blieb stehen. Und sie sprach zu dem Nacken des arroganten Offiziers hin.

»Was seid ihr nur für erbärmliche Feiglinge, euch an wehrlosen Frauen und alten Leuten zu vergreifen! Warum schlachtet ihr uns nicht gleich ab? Darin seid ihr doch geübt!«

White Feather wollte die Massaker erwähnen, in denen Frauen, Kinder und Greise von Kavalleristen grausam getötet worden waren. Noch in Jahrhunderten würden die Geschichtsbücher von diesen Gräueltaten künden. White Feather wollte es hinaus schreien.

Doch nun drehte sich der First Lieutenant zu ihr um. Ein niederträchtiges, gemeines Grinsen lag in seinen Mundwinkeln. Er erwiderte nichts, musterte sie nur von Kopf bis Fuß. Das Grinsen schwand aus seinen Mundwinkeln, stattdessen spiegelten sie nun wider, wie überaus beeindruckt er war. Mit gnädiger Miene taxierte er die schöne Indianerin noch einmal, dann wandte er sich dem Leibwächter zu seiner Rechten zu.

»Geeignet für den Ordonnanzdienst«, entschied der First Lieutenant knarrend. »Ab in mein Zelt damit!«

White Feather fand keine Worte vor Empörung. Sie rang nach Atem, bekam keine Silbe mehr heraus. Im selben Augenblick wurde sie auch schon von den Soldaten gepackt und weggeschleift. Ihr Versuch, sich zu sträuben, wirkte lächerlich angesichts der Bärenkräfte der Männer.

So ergab sie sich in ihr Schicksal.

Sie tat es mit Tränen in den Augen. Denn hinter ihr, in der Wagenburg, setzte das Wehklagen der Frauen ein, die um den tapferen alten Spotted Wolf trauerten.



6

Die Soldaten ließen White Feather allein in dem Zelt zurück - nackt, gefesselt, auf einem Schemel hockend. Dunkelheit umhüllte sie wie ein Trost; ohne Licht fühlte sie sich in ihrer Nacktheit weniger entblößt und erniedrigt.

Links und rechts von dem Schemel hatten die Schergen des Kommandanten Pflöcke in den Boden gerammt. Daran hatten sie White Feathers Handgelenke festgeschnürt, ungefähr in Bauchnabelhöhe. So glich ihre Körperhaltung der einer Königin auf dem Thron, obwohl ihre wirkliche Lage das genaue Gegenteil davon war.

Die Zeit im Dunkeln schien sich zu dehnen. Doch die Gefangene wusste, dass dieses Gefühl trog. Was ihr wie eine Ewigkeit vorkam, bestand in Wirklichkeit nur aus Minuten, die sonst wie im Fluge vergangen wären - wie jene Momente des Glücks, in denen sie mit Bold Eagle zusammen gewesen war.

Um sich nicht in immer qualvollere Gedanken zu verlieren, konzentrierte sie sich auf die Geräusche, die von draußen zu hören waren. Der Lärm am Lagerfeuer nahm rasch zu. Die Männer grölten, sangen Sauflieder. Die großen Holzscheite brannten prasselnd und krachend. Nicht selten war jenes Klatschen zu hören, das White Feather bereits kannte.

Es waren die Handflächen der weißen Schinder. Sie fanden besonderen Gefallen daran, sie ihren Opfern auf die nackten Hinterbacken sausen zu lassen.

White Feathers Leidensgefährtinnen blieben stumm. Sie schrien nicht, denn sie gönnten ihren Peinigern nicht auch noch diesen Triumph.

Auch in den Nachbarzelten ging es hoch her. Die Offizierskollegen des Kommandanten hatten sich ebenfalls bei den Gefangenen bedient.

Aus der Wagenburg wehten Fetzen der Trauergesänge herüber. Die alten Frauen ließen es sich nicht verbieten. Sie wären dafür in den Tod gegangen, das wusste White Feather.

Offenbar schreckte First Lieutenant Nicholas doch davor zurück, Wehrlose niedermetzeln zu lassen. Zu oft war das schon geschehen, und jene bedruckten Papierblätter, die die Bleichgesichter »Zeitung« nannten, hatten darüber anklagend und voller Vorwürfe berichtet.

Bold Eagle hatte ihr davon erzählt. Unter den jungen Männern der verschiedenen Stämme hatte es sich herumgesprochen, dass viele der Zeitungsschreiber Freunde der Indianer waren. Es gab solche Freunde auch unter den Politikern und in anderen weißen Bevölkerungsschichten. Es handelte sich um Menschen, die erkannten, welches Unrecht den Ureinwohnern Amerikas angetan worden war. Und es geschah noch immer.

White Feather schloss die Augen in ohnmächtigem Zorn. Vielleicht stimmte es nicht, was Bold Eagle gehört hatte. Möglicherweise war es Wunschdenken, was da geredet wurde. Oder ein Irrtum. Und das wiederum bedeutete, dass es die weißen Freunde der Indianer gar nicht gab. Ja, so musste es sein. Denn wenn es sie geben würde, würden sie nicht zulassen, was den Nez Perces geschah.

Schritte näherten sich. Schwere Soldatenstiefel, begleitet von leichtfüßigen Mokassins.



7

White Feather staunte nicht schlecht, als sie Little Bird unverhofft wieder zu Gesicht bekam.

Im Schein einer Kerosinlampe wurde die glutäugige Schönheit gemeinsam mit einer weiteren jungen Nez Perce hereingestoßen.

Blue Dove, Blaue Taube, war sehr schlank, beinahe zierlich gebaut. Ihre zarten Gesichtszüge spiegelten Angst wider. Little Bird dagegen lächelte und zwinkerte White Feather heimlich zu. Beiden Frauen hatte man die Hände auf den Rücken gebunden.

Gehorsam verharrten sie neben White Feather. Nicht einmal Little Bird wagte es, den Mund aufzumachen.

Einer der beiden Leibwächter, ein schnauzbärtiger Klotz von einem Kerl, hängte die Kerosinlampe an den mittleren Zeltpfosten. Der andere, bullig und mit einem teigigen Gesicht, baute sich vor der zurückgeschlagenen Eingangsplane auf.

Little Bird und Blue Dove trugen noch ihre Mokassins und die Kleider aus weichem Antilopenleder. Um zu wissen, dass es dabei nicht lange bleiben würde, brauchte man kein Schamane zu sein.

White Feather hatte den Gedanken kaum zu Ende gebracht, da zog der Schnauzbärtige ein Messer und befreite ihre Gefährtinnen von den Fesseln.

»Ausziehen!«, befahl er mit drohender Bassstimme. »Und zwar alles.« Er fuchtelte mit dem Messer, sodass die Klinge im Lampenschein blitzte. »Und macht bloß keine Dummheiten, wenn ihr noch ein bisschen weiterleben wollt. Wir machen euch kalt, wenn der First Lieutenant auch nur ‘Piep’ sagt. Vergesst das bloß nicht!«

Die beiden Frauen gehorchten.

Innerhalb von Augenblicken standen sie nackt vor dem Soldaten. White Feather bemerkte, wie die Augen des Mannes gierig zu glitzern begannen. Doch er beherrschte sich. Die Angst vor seinem Vorgesetzten war stärker als sein Verlangen. Außerdem wusste er, dass er sich später an den Nez Perce Frauen schadlos halten konnte - später, wenn der Kommandant auf seinem Feldbett schnarchte.

Der Schnauzbärtige steckte das Messer ein und wandte sich nach vorn. Er nahm die Kerosinlampe mit und baute sich neben dem anderen Leibwächter vor dem Zelteingang auf.

»Warum bin ich noch gefesselt?«, flüsterte White Feather an ihre Gefährtinnen gewandt.

»Mit dir hat er was Besonderes vor«, antwortete Little Bird ebenso leise. »Du bist das erste Mal hier.«

»Oh nein!«, hauchte White Feather.

»Mach dir keine Sorgen. Erst mal wird er sich an Blue Dove und mir abreagieren.«

»Little Bird!«, wisperte White Feather eindringlich. »Ich muss hier raus! Ich muss fliehen. Verstehst du? Die Weißen müssen wissen, was mit uns geschieht. Wenn ihnen niemand die Wahrheit sagt, werden sie es nie erfahren.«

Little Bird war sehr ernst, als sie antwortete: »Ich weiß, was du meinst. Und du hast Recht. Du bist die Einzige von uns, die entschlossen genug ist, eine solche Aufgabe zu bewältigen.«

»Wirst du mir helfen?«, fragte White Feather flehentlich.

Little Bird nickte nur. Ein harter Glanz lag auf einmal in ihren Augen, die sonst so voller Glut und Leidenschaft waren.

White Feather verspürte Zuversicht. Bei allem Leid jemanden zu haben, der einem zur Seite stand, war wie ein kostbarer Besitz.

Die Kerosinlampe steht jetzt auf dem Boden im Zelteingang, zwischen den staubigen Stiefeln der Leibwächter. Der Lichtkreis der Lampe fiel nur bis in die Mitte des Zelts und erhellte jenen Teil, der mit einer starken Plane ausgelegt war. Dort, rechter Hand, stand auch das Feldbett. Die Decken darauf waren zusammengerollt und genauestem ausgerichtet.

Auch die drei Transportkisten des First Lieutenants auf der anderen Seite des Zelts standen säuberlich in Reih und Glied. Ein ordentlicher Mensch schien er zu sein, dieser finstere Kerl. Doch das machte ihn in White Feathers Augen um keinen Deut sympathischer.

Sie hörte seine Schritte schon von weitem, trotz des Lärms beim Lagerfeuer. Der Erdboden schien unter seinen Stiefeln zu vibrieren.

»Überlass alles mir«, zischte Little Bird. »Sei still, sag kein Wort - was auch geschieht.«

White Feather zog die Unterlippe zwischen die Zähne. Sie nickte hastig, entschlossen.

Der First Lieutenant trat ein, murmelte etwas zu den Leibwächtern, und sie warfen die Planenecken des Eingangs zu. Die Kerosinlampe blieb draußen. Vor der dadurch erhellten Zeltwand glich der hagere Offizier einem mit scharfen Umrisslinien gezeichneten Schatten.

Nur das Weiße seiner Augen stand deutlich erkennbar in diesem Schatten, als er die nackten Indianerinnen betrachtete. Besonders lange haftete sein Blick auf White Feather.

Dann nahm er den Hut ab und hängte ihn an einen Haken am vorderen Pfosten. Dadurch war sein Kopf sekundenlang im Profil zu sehen. Der Vollbart war eins mit dem Kinn, sah aus wie dessen Verlängerung.

Im Zelt war es nun wieder fast völlig dunkel. First Lieutenant Nicholas scheute das Licht. So viel stand fest.

Wie Little Bird angekündigt hatte, begann er sein abendliches Vergnügen mit ihr und Blue Dove. Er murmelte knappe Anweisungen und legte sich mit dem Rücken auf die Bodenplane.

Little Bird und Blue Dove wussten, was sie zu tun hatten. Sie knieten beiderseits neben ihm nieder und nestelten an seinem Koppel und an seinem Hosengürtel. Was sie auf diese Weise freilegten, vermochte White Feather nicht zu erkennen. Da war nichts, was sich im Halbdunkel mit schimmernder Blässe emporgereckt hätte.

Nichtsdestoweniger beugte sich Blue Dove über das Bisschen, das dort vorhanden sein musste, um sich damit zu befassen.

Kniend und mit gespreizten Beinen rutschte Little Bird unterdessen nach oben, über das Bartgesicht, aus dem sich die Zunge blassrot und voller Gier empor reckte.

In stetigem Rhythmus, mit langsamer Steigerung, führten die beiden Indianerinnen jene Dienste aus, die der hagere Offizier ihnen schon zuvor abverlangt hatte. Eine Weile blieb er stumm unter ihren angestrengten Bemühungen, während Little Bird unermüdlich über seinem Gesicht ritt und mit lautem Stöhnen vortäuschte, von seiner Zunge in Wallung gebracht zu werden.

Die Taktik verfehlte ihre Wirkung nicht. Auch der First Lieutenant fing an, Laute der Lust von sich zu geben. Wie spielerisch ergriff Little Bird seine Hände und hob sie zu ihren Brüsten. Nicholas bäumte sich unter ihr auf, doch das war ein Werk von Blue Dove, die unentwegt an seiner schmächtigen Erektion arbeitete.

Little Bird lachte und bog die Hände des schwer erregten Mannes zurück, bis auf die Bodenplane, hoch über seinem Kopf. Einen Moment lang tat sie, als wolle sie ihre Brüste auf sein Gesicht absenken.

Doch mit behendem Schwung setzte sie sich auf sein Gesicht.

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738911633
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v371844
Schlagworte
flucht höllenfort

Autor

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Titel: Flucht aus dem Höllenfort