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Commander Reilly #12: Commander der Humanen Welten: Chronik der Sternenkrieger

2017 150 Seiten

Leseprobe

Commander Reilly #12: Commander der Humanen Welten

Chronik der Sternenkrieger

Science Fiction Roman von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 119 Taschenbuchseiten.

Im Jahr 2234 übernimmt Commander Willard J. Reilly das Kommando über die STERNENKRIEGER, ein Kampfschiff des Space Army Corps der Humanen Welten. Die Menschheit befindet sich im wenig später ausbrechenden ersten Krieg gegen die außerirdischen Qriid in einer Position hoffnungsloser Unterlegenheit. Dem ungehemmten Expansionsdrang des aggressiven Alien-Imperiums haben die Verteidiger der Menschheit  wenig mehr entgegenzusetzen, als ihren Mut und ihre Entschlossenheit.

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Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Jack Raymond, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

Übersicht über die Serie “Chronik der Sternenkrieger”

in chronologischer Reihenfolge

Einzelfolgen:

Commander Reilly 1: Ferne Mission (Handlungszeit 2234)

Commander Reilly 2: Raumschiff STERNENKRIEGER im Einsatz

Commander Reilly 3: Commander im Niemandsland

Commander Reilly 4: Das Niemandsland der Galaxis

Commander Reilly 5: Commander der drei Sonnen

Commander Reilly 6: Kampf um drei Sonnen

Commander Reilly 7: Commander im Sternenkrieg

Commander Reilly 8: Kosmischer Krisenherd

Commander Reilly 9: Invasion der Arachnoiden

Commander Reilly 10: Das Imperium der Arachnoiden

Commander Reilly 11: Verschwörer der Humanen Welten

Commander Reilly 12: Commander der Humanen Welten

Commander Reilly 13: Einsatzort Roter Stern

Commander Reilly 14: Im Licht des Roten Sterns

Commander Reilly 15: Die Weisen vom Sirius

Commander Reilly 16: Die Flotte der Qriid

Commander Reilly 17: Ein Raumkapitän der Qriid

Commander Reilly 18: Commander der Sternenkrieger

Commander Reilly 19: Eine Kolonie für Übermenschen

Commander Reilly 20: Kampfzone Tau Ceti

Commander Reilly 21: Prophet der Verräter

Commander Reilly 22: Einsamer Commander

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Terrifors Geschichte: Ein Space Army Corps Roman (Handlungszeit 2238)

Erstes Kommando: Extra-Roman (Handlungszeit 2242)

Erster Offizier: Extra-Roman (Handlungszeit 2246)

Chronik der Sternenkrieger 1 Captain auf der Brücke  (Handlungszeit 2250)

Chronik der Sternenkrieger 2 Sieben Monde 

Chronik der Sternenkrieger 3 Prototyp

Chronik der Sternenkrieger 4 Heiliges Imperium

Chronik der Sternenkrieger 5 Der Wega-Krieg

Chronik der Sternenkrieger 6 Zwischen allen Fronten

Chronik der Sternenkrieger 7 Höllenplanet

Chronik der Sternenkrieger 8 Wahre Marsianer

Chronik der Sternenkrieger 9 Überfall der Naarash

Chronik der Sternenkrieger 10 Der Palast

Chronik der Sternenkrieger 11 Angriff auf Alpha

Chronik der Sternenkrieger 12 Hinter dem Wurmloch

Chronik der Sternenkrieger 13 Letzte Chance

Chronik der Sternenkrieger 14 Dunkle Welten

Chronik der Sternenkrieger 15 In den Höhlen

Chronik der Sternenkrieger 16 Die Feuerwelt

Chronik der Sternenkrieger 17 Die Invasion

Chronik der Sternenkrieger 18 Planetarer Kampf

Chronik der Sternenkrieger 19 Notlandung

Chronik der Sternenkrieger 20 Vergeltung

Chronik der Sternenkrieger 21 Ins Herz des Feindes

Chronik der Sternenkrieger 22 Sklavenschiff

Chronik der Sternenkrieger 23 Alte Götter

Chronik der Sternenkrieger 24 Schlachtpläne

Chronik der Sternenkrieger 25 Aussichtslos

Chronik der Sternenkrieger 26 Schläfer

Chronik der Sternenkrieger 27 In Ruuneds Reich

Chronik der Sternenkrieger 28 Die verschwundenen Raumschiffe

Chronik der Sternenkrieger 29 Die Spur der Götter

Chronik der Sternenkrieger 30 Mission der Verlorenen

Chronik der Sternenkrieger 31 Planet der Wyyryy

Chronik der Sternenkrieger 32 Absturz des Phoenix

Chronik der Sternenkrieger 33 Goldenes Artefakt

Chronik der Sternenkrieger 34 Hundssterne

Chronik der Sternenkrieger 35 Ukasis Hölle

Chronik der Sternenkrieger 36 Die Exodus-Flotte (Handlungszeit 2256)

Chronik der Sternenkrieger 37 Zerstörer

Chronik der Sternenkrieger 38 Sunfrosts Weg (in Vorbereitung)

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Sammelbände:

Sammelband 1: Captain und Commander

Sammelband 2: Raumgefechte

Sammelband 3: Ferne Galaxis

Sammelband 4: Kosmischer Feind

Sammelband 5: Der Etnord-Krieg

Sammelband 6: Götter und Gegner

Sammelband 7: Schlächter des Alls

Sammelband 8: Verlorene Götter

Sammelband 9: Galaktischer Ruf

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Sonderausgaben:

Der Anfang der Saga (enthält “Terrifors Geschichte”, “Erstes Kommando” und

Chronik der Sternenkrieger #1-4)

Im Dienst des Space Army Corps (enthält “Terrifors Geschichte”, “Erstes Kommando”)

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Druckausgabe (auch als E-Book):

Chronik der Sternenkrieger: Drei Abenteuer #1 -12 (#1 enthält Terrifors Geschichte, Erstes Kommando und Captain auf der Brücke, die folgenden enthalten jeweils drei Bände und folgen der Nummerierung von Band 2 “Sieben Monde” an.)

Ferner erschienen Doppelbände, teilweise auch im Druck.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Kapitel 1: Durchbruch

Eine rasche Folge von Erschütterungen durchlief die STERNENKRIEGER. Der Boden vibrierte. Es gab Interferenzphänomene, die die Bildschirmanzeigen mit Schlieren oder schwarzem Schnee durchsetzten. Eine Alarmsirene dröhnte.

Das war übel!

Commander Willard Reilly krallte sich an die Armlehnen seines Kommandantensessels, während eine Flut von Gedanken sein Hirn durchraste.

Und so gut wie keiner dieser Gedanken war positiv oder hoffnungsvoll. In seiner gesamten Dienstzeit im Space Army Corps war er nie mit einer Situation konfrontiert worden, die auch nur ansatzweise so schonungslos gewesen war.

Ein Becher, der noch etwa ein Drittel mit dem Syntho-Standard-Drink gefüllt war, kegelte zu Boden und spritzte seinen Inhalt herum. Die Beleuchtung auf der Brücke flackerte. Für Sekunden lieferten die Displays an den Konsolen und das Leuchten des Hauptschirms die einzigen Lichtquellen – abgesehen von ein paar fluoreszierenden Leuchtfolienstreifen an den Wänden, die bei derartigen Notfällen zumindest eine grobe Orientierung ermöglichten.

Dann sprang endlich das Notaggregat wieder an.

Augenblicke später sogar die reguläre Energieversorgung.

„Schwere Treffer auf mehreren Decks“, meldete Thorbjörn Soldo. Der wikingerhafte Erste Offizier der STERNENKRIEGER tippte mit den Fingerkuppen seiner beiden Zeigefinger über die Sensorpunkte des Touchscreens seiner Konsole. „Hauptsystem ohne Beeinträchtigungen. Einer der Treffer ging ins Maschinendeck. Kontrollraum E wurde vollkommen zerstört.“

Reilly ballte unwillkürlich die Hände zu Fäusten.

„Verluste?“, fragte er. 

Lieutenant Commander Soldo atmete tief durch. Eine tiefe Furche erschien mitten auf seiner Stirn und gab seinem Gesicht etwas sehr ernstes. „Die Techniker Reardon und Soames hatten dort Dienst. Der Leitende Ingenieur hat keinen Kontakt zu ihnen. Das Zugangsschott zum Kontrollraum lässt sich nicht öffnen und da drinnen scheint alles eingeschmolzen zu sein. Ansonsten meldet Dr. Rollins von der Krankenstation jetzt einen Stand von insgesamt 15 Verletzten, darunter vier Schwerverletzte.“ 

Augenblicke später meldete sich Lieutenant Catherine White vom Maschinentrakt aus über Interkom. Die Leitende Ingenieurin strich sich eine Strähne aus dem Gesicht. Der erste Einsatz als Lieutenant forderte sie gleich bis an den Rand ihrer Möglichkeiten.

„Was gibt es, L.I.?“

„Das Sandströmaggregat ist durch den letzten Treffer in Mitleidenschaft gezogen worden. Es gab einen Rückkopplungseffekt, der Teile der Alpha-Module völlig dekalibrierte. Die Leistungsfähigkeit der Sandströmaggregate beträgt zurzeit sechzig Prozent – das heißt es wäre kein Sandströmflug möglich, ohne akute Rücksturzgefahr.“

Reilly wusste seit der Schlacht von Triple Sun aus eigener Erfahrung, was ein Rücksturz aus dem Überlichtflug im Sandström bedeutete. Ein Schiff, das unkontrolliert in den Normalraum zurückfiel, materialisierte dort nicht mit der normalen Austrittsgeschwindigkeit von 0,4 LG, sondern möglicherweise mit sehr viel höheren Werten. Durch die relativistische Stauchung des Raums kam es zu enorm starker Strahlung, für deren Abwehr kein irdisches Raumschiff ausgelegt war.

„Glücklicherweise haben wir im Moment nicht vor, einen Sandströmflug anzutreten“, sagte Reilly. Natürlich wusste er nur zu gut, dass sich das im Handumdrehen ändern konnte – je nachdem wie die Schlacht verlief und welche taktischen Optionen plötzlich unumgänglich waren. Einschließlich einer plötzlichen Flucht, ging es dem Captain durch den Kopf. Schließlich stand die Schlacht alles andere als gut für die Einheiten des Space Army Corps.

„Wir versuchen unser Bestes“, versprach White.

„Was ist mit den Technikern in Kontrollraum D?“, fragte Reilly.

White schluckte. „Keine Hoffnung, Sir. Wir werden nicht einmal ihre Leichen bergen können. Da ist alles vollkommen eingeschmolzen.“

1

Lieutenant Chip Barus ließ seine Finger immer wieder über die Sensorpunkte seines Touchscreens schnellen. Er fütterte den Bordrechner der STERNENKRIEGER mit neuen Vorgaben für die Ausrichtung des Schiffes und seiner starren Gauss-Geschütze.

Zum wiederholten Mal drehte sich der Leichte Kreuzer um die eigene Achse, sodass eine andere Breitseite zu feuern begann. Tausende von Projektilen wurden innerhalb weniger Augenblicke aus den vierzig Mündungen der Gauss-Geschütze ins All geschleudert und auf halbe Lichtgeschwindigkeit beschleunigt. Eines der angreifenden Diskusschiffe, das nach seinem Angriff einen Bogen zu fliegen versuchte und in einem Ausweichkurs an der Formation der Space Army Corps Schiffe vorbei zu fliegen versuchte, wurde von den Geschossen durchschlagen. Die zehn Zentimeter durchmessenden Durchschusskanäle zogen sich an mehreren, offenbar entscheidenden Stellen durch den Diskus-Raumer. Feuerfontänen sprühten aus den Eintrittsöffnungen hervor und im nächsten Moment platzten ganze Teile der Außenpanzerung ins All, das Schiff verwandelte sich so schnell in einen Glutball, dass es für die Wsssarrr-Besatzung weder möglich war, Rettungskapseln oder Beiboote auszusetzen. Die Trümmerteile flogen auf chaotischen Flugbahnen durch das All. Irgendwann würde sie die nahe Venus vermutlich einfangen und in ihrer dichten Atmosphäre ohne messbare Rückstände verglühen lassen.

Noch hält unsere Formation!, ging es Commander Reilly durch den Kopf. Aber es ist die Frage, was das wert ist!

Schließlich waren eine ganze Reihe von Diskusschiffen inzwischen einfach an der STERNENKRIEGER und ihrem Abwehrverband vorbei Richtung Erde unterwegs.

„Captain, wir empfangen eine Meldung des Oberkommandos“, meldete Lieutenant Majevsky.

„Auf den Schirm damit, Lieutenant!“, wies Reilly die für Kommunikation und Ortung zuständige Offizierin an Bord der STERNENKRIEGER an.

„Es ist keine persönliche Botschaft und sie enthält auch weder Videostream noch eine Audiokomponente. Es ist einfach nur ein im Code des Space Army Corps verschlüsseltes Textfile.“

„Mal wieder typisch“, konnte sich Soldo eines Kommentars nicht enthalten. „Wenn es kritisch wird, traut sich keiner vom Oberkommando mehr vor die Kamera.“

Majevsky fuhr indessen fort: „Die Einheiten, die zu unserer Unterstützung eingetroffen sind, werden ihren Kurs ändern und im Orbit der Erde eine Schutzformation bilden. Diese Maßnahme wird damit begründet, dass bereits zu viele Feindeinheiten auf direktem Erdkurs sind und uns einfach passiert haben.“

Commander Reilly runzelte die Stirn.

Das klang nicht gut. Er ließ sich das Textfile auf dem Display seiner Konsole anzeigen und las es stumm.

Es enthielt keinen ausdrücklichen Rückzugsbefehl, sondern empfahl ein Vorgehen nach Gefechtslage. Das kann alles und nichts heißen!, war es Reilly klar. Entweder es herrscht auch im Krisenstab und im Oberkommando bereits das blanke Chaos oder man will uns den Wsssarrr als Bauernopfer entgegenstellen, um die Erde vielleicht halten zu können...

Angesichts der Kräfteverhältnisse war der Erfolg dieser Taktik allerdings mehr als fragwürdig.

Erneut durchliefen kleine Erschütterungen das Schiff. Ein leichterer Treffer hatte die STERNENKRIEGER getroffen, wie Soldo meldete.

„Bandit 24 und 25 im direkten Anflug!“, stellte Lieutenant Chip Barus fest, der bereits damit beschäftigt war, die Position der STERNENKRIEGER so zu justieren, dass die Geschütze auf die Angreifer ausgerichtet waren. Diese griffen auf einem Kurs an, der dreißig Grad gegen die Systemebene geneigt war. 

Commander Reilly ließ sich unterdessen auf seinem Display eine Positionsübersicht in Pseudo-Drei-D-Qualität anzeigen, die ein  plastisches Bild des Schlachtgeschehens vermittelte.

Die Ausrichtung der Dreadnought ALLISON mit Hilfe von mehreren Raumbooten des Typs SOLAR DEFENDER klappte einigermaßen. Aber die mündliche Übertragung der Befehle führte natürlich immer wieder zu kleineren Verzögerungen, sodass die Schubdüsen der fest angedockten Raumboote nicht so exakt im selben Moment gezündet werden konnten, wie es für eine absolut präzise Ausführung des Manövers notwendig gewesen wäre. Das führte immer wieder dazu, dass Commodore Yamamotos ALLISON leicht ins Trudeln geriet und anschließend über Minuten hinweg Ausgleichsmanöver durchgeführt werden mussten.

Dennoch blieb die ALLISON mit ihrer enormen Feuerkraft ein wichtiger Faktor in der Schlachtordnung des Space Army Corps Verbandes. Die ALLISON war eines der ersten und größten Schlachtschiffe der Dreadnought-Klasse, die das Space Army Corps in Dienst gestellt hatte. 850 Meter maß der zylinderförmige Koloss vom Heck bis zum Bug und war damit sogar fünfzig Meter länger als die meisten anderen Dreadnoughts. 320 Geschütze spickten jede der vier Breitseiten oben unten, rechts und links. Damit besaß eine einzige Breitseite weitaus mehr Feuerkraft, als der gesamte Rest des Verbandes zusammengenommen.

Commodore Yamamoto und seine Crew hatten vollauf damit zu tun die Drehmanöver zu koordinieren, wenn eine Breitseite geladen werden musste.

Commander Reilly, der diese Vorgänge nur von der Positionsübersicht seines Displays aus verfolgte, staunte darüber, wie gering die Fehlerquote dabei war.

Kritisch wurde es immer dann, wenn gerade eine Drehung der ALLISON durchgeführt werden musste und das Feuer der ALLISON dafür unterbrochen werden musste. Normalerweise ging die Drehung so schnell und präzise vor sich, dass wie bei den Leichten Kreuzern mehr oder minder ununterbrochen gefeuert werden konnte. Aber die besonderen Umstände dieser Situation gestatteten dies nicht.

Lieutenant Commander Derek Chong, dem Kommunikationsoffizier der ALLISON kam bei diesem Gefecht eine Bedeutung zu, die jene von Waffenoffizier Commander Bo Erixon beinahe in den Schatten  stellte. Jessica Wu, die vor kurzem noch auf der STERNENKRIEGER ihren Dienst getan hatte und nun im Rang eines Lieutenant Commander für die Ortung an Bord der ALLISON zuständig war, versuchte zwar, das Rechnersystem in beschädigten Teilen wiederherzustellen. Aber das gelang nur teilweise. Und in einem Gefecht wollte sich darauf ohnehin niemand verlassen.

„Eine weitere Staffel von Diskusschiffen nähert sich“, meldete Lieutenant Majevsky. „Sie wird etwa in anderthalb Stunden bei uns eintreffen und auf Strahlenschussweite herankommen.“

„Das bedeutet, wir haben jetzt eine Kampfpause“, sagte Commander Reilly. „Stammbesatzung durch Fähnriche ersetzen.“

„Aye, Sir, ich gebe den Befehl über Funk weiter“, bestätigte Majevsky.

Reilly erhob sich aus seinem Kommandantensitz. Er wandte sich an Moss Triffler, den Rudergänger. „Normalerweise würde ich jetzt Ihnen den Befehl über die Brücke für die nächste Stunde geben“, sagte er. Der Rudergänger hatte während einer Schlacht meistens am wenigsten zu tun, da die Kontrolle über die Schiffsteuerung ja auf den Waffenoffizier überging.

Moss Triffler erhob sich ebenfalls aus seinem Schalensessel. „Warum tun Sie es nicht, Sir?“

„Weil Sie kein Space Army Corps Offizier sind.“

„Meinen Sie nicht, dass ich inzwischen genug mitbekommen habe, um diese Funktion ausfüllen zu können?“

Willard Reilly lächelte mild. „Das glaube ich Ihnen gerne, Triffler. Es ist nur so entschieden gegen die Vorschriften, dass ich das keinen Spielraum habe.“

„Ich verstehe.“ Er zuckte mit den Schultern. „Ist allerdings schade.“

„Ich weiß und ich hätte Ihnen diese Kommandoerfahrung auch gerne gegönnt.“ Reilly wandte sich an Majevsky. „Sie sind dran, Lieutenant.“

Majevskys Körperhaltung straffte sich. „Ja, Sir“, murmelte sie.

2

Commander Reilly trat in den Raum des Captains, der direkt neben der Brücke gelegen war und gleichzeitig als Konferenzraum für die Offiziere zu dienen hatte. Er ließ sich in einen der Schalensitze fallen. Seit jeher sind Schlachten immer wieder von Wartephasen geprägt worden!, ging es ihm durch den Kopf. Und manchmal hat der die Schlacht für sich entscheiden können, der diese Phasen am Geschicktesten zu nutzen wusste.

Reilly aktivierte den Wandbildschirm.

Zuerst war darauf die aktuelle Sicht des Panorama-Schirms der Brücke zu sehen. Reilly aktivierte eine schematische Ansicht, die eine taktische Beurteilung der Lage ermöglichte.

Die Positionen der herannahenden Diskusschiffe waren als blinkende rote Punkte markiert. Die Space Army Corps Einheiten hatten die Farbe blau. Es gab darüber hinaus spezielle Symbole für Raumforts. Sowohl im Orbit von Merkur als auch in der Umlaufbahn der Venus gab es solche Forts. Auf Grund ihrer relativen Unbeweglichkeit waren sie im Vergleich zu Kampfraumschiffen nicht besonders effektiv. Aber in der Vergangenheit hatten sich die Verantwortlichen gerne durch die hohe Zahl von Geschützen blenden und ein Gefühl der Sicherheit vorgaukeln lassen, das in keiner Weise gerechtfertigt war. Die Einführung von schwenkbaren Schützen auf den Forts aus neuerer Fertigung hatte deren Effektivität zwar etwas erhöht, sie war aber nach wie vor nicht mit der von Kampfschiffen vergleichbar.

Bei der Produktion von Kampfeinheiten waren die Gauss-Geschütze nicht der größte Kostenfaktor. Teuer wurden Raumschiffe durch die Triebwerke und die Infrastruktur für deren Instandhaltung in Form von Docks. Für die Stabilisierung von Raumforts waren lediglich ein paar preiswerte Antigravaggregate notwendig. Darüber hinaus konnte man bei der Auswahl der Panzermaterialien auch weitaus weniger wählerisch sein, während ein Raumschiffkonstrukteur immer bedenken musste, dass die verwendete Masse letztlich auch mit enormen Energieaufwand beschleunigt werden musste – und zwar auf Werte von mindestens vierzig Prozent der Lichtgeschwindigkeit, um die Eintrittsgeschwindigkeit in den Sandströmraum zu erreichen.

Aber in dem Gedanken, eine planetare Verteidigung in erster Linie auf der Basis von orbitalen Raumforts organisieren zu können, war man inzwischen glücklicherweise abgekommen. Ein kollektives Aufatmen war daraufhin durch das Space Army Corps gegangen.

Mercury Castle – das Raumfort des Merkur war äußerst stark umkämpft worden. Ein paar Raumboote waren ins Orbit aufgestiegen, um der Station zu Hilfe zu kommen, aber die Übermacht der Angreifer war zu groß gewesen. Der Kontakt zu Mercury Castle war zeitweilig abgebrochen. Selbst das ID-Signal wies Unterbrechungen auf. Zwischenzeitlich war ein automatischer Notruf angesetzt worden. Inzwischen schien es aber wieder Kämpfe zu geben.

Das Raumfort der Venus – Venus Guardian genannt – glich einem Igel. Es hatte im Gegensatz zu Mercury Castle starre Geschütze, dafür aber so viele, dass die Feuerkraft der doppelten Feuerkraft einer Dreadnought entsprach. Die Mündungsrohre zeigten gleichmäßig in alle Richtungen und je nachdem von wo sich ein Ziel näherte, wurden die Geschütze aktiviert, die rechnerisch eine Treffermöglichkeit hatten. Ein paar der Diskusschiffe hatten ihre Annäherung an den Venus Guardian bereits mit ihrer Zerstörung bezahlen müssen – aber auch das Raumfort war schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. Ein Drittel der Geschütze war ausgeschaltet worden. Ein ganzer Sektor konnte nicht mehr feuern. Man versuchte, dass Raumfort zu drehen, dass dieser tote Sektor auf die Venus ausgerichtet war.

Außerdem war in den letzten Stunden alles von der Venusoberfläche an Raumbooten aufgestiegen, was irgendwie für Kampfeinsätze verwendbar war. In den oberen Schichten der sehr dichten Venusatmosphäre patrouillierten Kampfgleiter, die zwar grundsätzlich auch raumtauglich waren, aber deren Reichweite begrenzt war, sodass sie allenfalls für den Einsatz im Orbitalbereich zu verwenden waren. Die Grenze ihrer Operationsreichweite war in dieser Hinsicht ungefähr der Abstand Erde-Mond.

Die Schiebetür des Konferenzraums öffnete sich.

Lieutenant Commander Soldo trat ein.

„Sir?“

Commander Reilly nickte Soldo zu und deutete auf einen der Schalensitze.

„Setzen Sie sich, I.O. Ich verbringe die Zeit, die uns bis zum Eintreffen der nächsten Staffel bleibt gerade damit, mir die taktische Gesamtübersicht zu Gemüte zu führen.“

Soldo atmete tief durch. Der flachsblonde Erste Offizier der STERNENKRIEGER setzte sich und strich sich mit der Hand über das Kinn. Eine Geste, die er immer dann vollführte, wenn er ratlos war, wie Reilly inzwischen festgestellt hatte.

„Wenn wir das alles überstehen sollten, werde ich mir einen Bart wachsen lassen“, meinte er.

„Tun Sie das. Er dürfte Ihnen stehen, Lieutenant Commander Soldo“, erwiderte Reilly. Er wirkte erstaunlich gelassen. Erstaunlich vor allem für Reilly selbst, denn noch vor kurzem hatte er das Gefühl gehabt, unter der zentnerschweren Last der Verantwortung zu zerbrechen, die er nicht nur für das Schicksal seiner Mannschaft hatte, sondern vielleicht auch für den Ausgang dieser Schlacht und das Schicksal der Menschheit des Sol-Systems. Aber nichts davon spürte Willard Reilly im Moment. Er fühlte eine fast unnatürliche Leichtigkeit. Was ist das?, fragte er sich. Die Euphorie, der das absehbare Ende folgt? Ist das so? Wird einem alles gleichgültig?

Soldo setzte sich.

„Dass die Lage schlecht ist, darüber brauchen wir ja wohl kein Wort zu verlieren“, sagte Reilly.

Soldo nickte. „Ja, aber wirklich Sorgen macht mir etwas anders.“

„Was?“

Soldo streckte den Arm in Richtung des Wandbildschirms aus. „Dieses Riesenraumschiff, das die Form eines Arachnoiden besitzt.“

„Bisher hat sich das Ding aus dem Schlachtgeschehen weitgehend herausgehalten“, stellte Reilly fest. „Das ist mir auch schon aufgefallen.“

„Nicht in jeder Schachpartie ist es ratsam, gleich mit der Dame anzugreifen“, gab Soldo zurück. „Aber ich fürchte, so einfach ist das hier nicht. Ich nehme an, dass dieser Riesen-Arachnoide über ganz bestimmte Fähigkeiten verfügt, die jetzt einfach noch nicht gebraucht werden.“

„Und was bitteschön schwebt Ihnen da so vor?“

Soldo zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Genauso wie ich keine Ahnung habe, wie viele Diskusschiffe noch im Inneren dieser planetengroßen Kugel sein mögen...“

„Vulkan“, murmelte Reilly.

3

Ein Summton zeigte an, dass jemand über Interkom den Captain sprechen wollte.

Commander Reilly aktivierte die Verbindung. Am liebsten würdest du das Gespräch doch gar nicht entgegennehmen. Eigentlich kann es nur eine weitere schlechte Nachricht sein...

„Hier Reilly, was gibt’s?“

Das Gesicht von Bruder Padraig erschien auf dem Konferenztisch, der sich zu etwa 10 Prozent seiner Fläche in einen Touchscreen verwandelte.

„Sir, ich bräuchte dringend Zugang zu den Ortungssystemen...“

„Ich bin gerne bereit, Sie bei allem zu unterstützen, was Sie erforschen wollen, Padraig, aber...“

„Es ist wirklich dringend. Der L.I. hast mir gerade klargemacht, dass ich derzeit keine Konsole in einem der Kontrollräume besetzen kann, da vorhin ein ganzer Kontrollraum zusammengeschmolzen wurde. Also muss ich von der Brücke aus...“

„Mit Verlaub, Bruder Padraig, wir befinden uns mitten in einem Gefecht! Ich würde Sie ja liebend gerne als Ortungs- und Kommunikationsoffizier einsetzen, zumal Ihre Fähigkeiten die von Lieutenant Majevsky mit Sicherheit übersteigen! Aber Sie selbst haben das immer abgelehnt, dies während eines Gefechtseinsatzes zu tun. Was ich auch aus Ihrer Sicht gut verstehen kann.“

„Ja, Sie haben das immer respektiert, Commander Reilly.“

„Schließlich sind Sie offiziell kein Teil der Space Army Corps Hierarchie.“

„Ich falle Ihnen ungern auf die Nerven, Captain, ich glaube aber, dass ich etwas entdeckt habe.“

„Ist es für den Ausgang dieses Gefechts von irgendeiner Bedeutung?“, hakte Reilly nach.

Bruder Padraig hob die Augenbrauen. „Das weiß ich ehrlich gesagt noch nicht. Vielleicht hat es keine Bedeutung für dieses Gefecht, aber möglicherweise für den Ausgang des Krieges, den wir derzeit gegen die Invasoren des Sol-Systems führen!“

Commander Reilly atmete tief durch. „Kommen Sie in meinen Raum, Bruder Padraig.“

„Danke, Sir.“

4

Zur gleichen Zeit dümpelte vier Lichtminuten entfernt die SOLAR DEFENDER 11 immer noch dahin.

Lieutenant Ukasi hatte inzwischen angeordnet, auch die letzten unnötigen Systeme abzuschalten, damit die Wsssarrr auf keinen Fall auf die Idee kommen konnten, dass ihnen von dem kleinen, nur mit Unterlichttriebwerken ausgestatteten Raumboot irgendeine Gefahr ausging.

Eine Explosion leuchtete plötzlich grell auf dem Panorama-Schirm auf. Für einen Moment wurde dadurch auch die Brücke des Raumbootes hell erleuchtet, auf der es schon seit Stunden fast dunkel war.

„Das ist nun bereits das fünfte Wrack, das diese Bastarde restlos zerstören, damit auch ja keiner von unseren Leuten überlebt!“, meldete sich Crewman Vitranjan zu Wort. Die Waffenkonsole war abgeschaltet, aber es hätte Vitranjan nur so in den Fingern gejuckt, auf das gewaltige, alle menschlichen Maßstäbe sprengende Raumschiff zu schießen, das die Form eines Arachnoiden besaß und wie ein Sinnbild puren Schreckens durch das All geisterte.

Vitranjan atmete tief durch. Er schloss für einen Moment die Augen, als die Explosion auf dem Schirm besonders grell wurde. Der Panorama-Schirm war ebenfalls abgeschaltet. Die Anzeige, die eigentlich auf die großformatige Bildfläche projiziert werden sollte, hatte Ukasi auf einen kleinen Nebenschirm umgeleitet, in der Hoffnung, dass dadurch geringere elektromagnetische Emissionen entstanden, die dem Feind verraten konnten, dass auf der SOLAR DEFENDER 11 noch jemand existierte.

Ukasi saß sehr konzentriert vor seiner Konsole. Crewwoman Kücük hatte die Brücke verlassen und war im Maschinentrakt verschwunden. Allerdings hatte sie von Ukasi die ausdrückliche Anweisung, den Energiefluss auf keinen Fall zu erhöhen.

„Wie soll ich die Maschinen instand bringen, wenn ich keine Energie zapfen darf! Seien wir doch froh, dass wir noch welche an Bord haben!“

„Es wäre unser Todesurteil, Crewwoman Kücük“, hatte Ukasi daraufhin erwidert. „Im Übrigen schlage ich vor, Sie sparen sich Ihre Fragen auf, bis wir wieder auf Spacedock 1 sind und Sie Zeit für ein lustiges Ratespiel finden!“

Der ehemalige Fähnrich auf der STERNENKRIEGER hatte sich  vorgenommen, seine Emotionen in Zukunft besser unter Kontrolle zu bringen, wofür er auch einiges getan hatte.

„Womit beschäftigen Sie sich eigentlich die ganzer Zeit, wenn  ich mal fragen darf?“, fragte Tab Clintor. „Wir anderen sind hier mehr oder minder zur völligen Untätigkeit verurteilt und müssen hier in diesem Sarg der Dinge harren, die da kommen und Sie sind die ganze Zeit über damit beschäftigt, wie ein Verrückter auf den Sensorpunkten Ihres Touchscreens herumzuhacken, als müssten Sie dessen Oberfläche mit aller Gewalt eindrücken oder wollten sicherstellen, dass sich auch ganz bestimmt irgendwelche Fingerabdrücke darauf nachweisen lassen!“ Crewman Clintor kicherte. „Dass Sie hier der Mega-Aktivposten unserer Mannschaft sind, hat sowieso niemand bestritten. Und ich glaube kaum, dass man die Trümmerteile, die von der SOLAR DEFENDER bleiben werden, wenn die Arachnoiden uns vernichtet haben, irgendwann genauer untersucht werden...“

Ukasi blickte auf.

Clintor schwitzte.

Die Innentemperatur der SOLAR DEFENDER 11 war in den letzten Stunden kontinuierlich, wenn auch noch nicht bedrohlich gestiegen. Ein traditionell auftretendes Problem der Raumfahrt war das Ableiten der Wärme, die durch Auftreffen der Strahlung des nahen Zentralgestirns verursacht wurde. Üblicherweise wurde diese Wärme in Form von Infrarotstrahlung über ein Radiatorensystem, abgeleitet. Aber Ukasi hatte dieses System weitgehend abgeschaltet, sodass es seine Funktion nur noch unzureichend erfüllte.

„Ich rechne“, sagte Ukasi lakonisch.

„Ihre Vorliebe für Mathematik ist niemandem hier an Bord verborgen geblieben. Trotzdem...“ Clintor schüttelte energisch den Kopf und fuhr sich mit einer fahrigen Geste über das Gesicht, während Ukasis Blick wieder starr und konzentriert auf seinem Display gerichtet war, dessen Leuchtanzeige seine Züge in ein bläuliches, kühles Licht tauchte. „Bewältigen Sie auf diese Weise Ihren Stress mit der Todesangst? Interessant, Sir. Sinnlose Beschäftigung gegen den Wahnsinn. Fragt sich nur, weshalb Sie diese Therapie nur sich selbst zu Gute kommen lassen und uns keine Möglichkeit geben, uns daran zu beteiligen.“

„Vielleicht hat das mit Ihren allenfalls rudimentären Kenntnissen in der Mathematik zu tun“, konterte Ukasi kühl und dachte: Im Moment tust du wirklich alles, um das Bild eines arroganten Besserwissers, dass deine minderbegabte Crew von dir hat, auch noch nach Kräften zu bestätigen. Vielleicht sind Kommandojobs einfach nichts für mich...

„Danke, Sir, Komplimente dieser Art hört man immer wieder gerne!“, versetzte Tab Clintor.

„Vielleicht könnten Sie Ihren privaten Kleinkrieg endlich aufgegeben“, mischte sich Crewwoman Rissel ein. „Das nervt ganz schön. Wir sind ohnehin alle etwas angespannt.“

„Angesichts der Tatsache, dass es ja wohl nur noch eine Frage der Zeit sein kann, wann wir entweder in die Sonne stürzen oder von einem dieser Leichenfledderer-Kommandos der Wsssarrr vernichtet werden, ist das ja wohl nur zu verständlich!“, mischte sich Vitranjan ein.

Crewwoman Kücük kehrte unterdessen auf die Brücke zurück. „Es hat keinen Sinn, dass ich unter diesen Bedingungen weitermache“, meinte sie. Sie blickte sich um, sah in die nur vom matten Schein der Displays erhellten Gesichter und fragte: „Habe ich etwas verpasst?“

„Unser Captain wollte uns gerade verraten, wie er sich mit Mathematik die Zeit vertreibt“, ätzte Clintor.

„Ich vertreibe mir nicht die Zeit damit“, widersprach Ukasi. „Ich habe einfach nur die Ortungsdaten verfolgt und eine Strukturanalyse der Oberfläche des Riesen-Arachnoiden durchgeführt.“

„Ich hoffe nur mit Verfahren, die uns nicht verraten“, sagte Crewwoman Kücük etwas säuerlich.

Ukasi verzog das Gesicht. „Keine Sorge, darauf habe ich natürlich peinlich genau geachtet. Ich hatte daher nur ein sehr beschränktes ortungstechnisches Instrumentarium zur Verfügung und vielleicht wären mir die mathematischen Beziehungen sonst eher deutlich geworden...“

„Sir, vielleicht könnten Sie uns in Ihre Gedankengänge einweihen“, hoffte Clintor.

Ukasi holte tief Luft. Er wirkte wie jemand, der gerade darüber nachdachte, ob es überhaupt Sinn hatte, seinem Gegenüber die Dinge zu erklären, über die er schon die ganze Zeit intensiv nachdachte.

„Die Oberflächenstruktur weist periodisch auftretende Strukturveränderungen auf subatomarer Ebene auf. Es kommt zu einem Austausch winziger Energiepotenziale und Ladungen – aber hinter dem steht ein so regelhaftes Muster, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass es sich ein zufälliges Phänomen handelt.“

„Vielleicht ist es eine Eigenschaft des Materials“, meinte Clintor.

Aber Ukasi widersprach vehement. „Das halte ich für ausgeschlossen. Das Material ist identisch mit dem Stoff, der auch die Oberfläche der beiden Vulkanoiden bildet. Es besteht desweiteren überhaupt kein Unterschied zu den Oberflächen der Artefakte von Triple Sun und Rendezvous. Ich hatte die Vergleichsdaten bereits über das Space Army Corps Archiv angefordert, als wir noch Kontakt zur Außenwelt hatten.“

Clintor verengte die Augen. „Haben Sie eine Theorie?“

Ukasi lehnte sich in seinem Schalensitz zurück. Seine unermüdlichen Finger ruhten für ein paar Augenblicke. Er atmete tief durch und sein Blick schien nach innen gerichtet zu sein. „Es ist ein Code“, stellte er klar. „Nein, was ich gesagt habe ist nicht korrekt. Es ist kein Code, sondern nur das Resonanzphänomen eines Codes, das sich aus irgendeinem Grund auf die Oberfläche überträgt und diese winzigen Strukturveränderungen hervorruft.“

„Also kein beabsichtigtes Phänomen?“, hakte jetzt Kücük nach.

Ukasi hob die Schultern. „Ehrlich gesagt, weiß ich das noch nicht. Aber Tatsache ist, dass da drinnen, in diesem barbarisch wirkenden Riesen-Arachnoiden Kommunikationsvorgänge von enormer Komplexität vor sich gehen, von denen sich wahrscheinlich nur ein Bruchteil in den Strukturveränderungen widerspiegelt.“

Wenige Augenblicke herrschte Schweigen.

Vitranjan gähnte.

Die schlechter werdende Luft machte sich bemerkbar. Der Sauerstoffgehalt war in der letzten Stunde um zwei ganze Prozentpunkte gesunken, was weder der Stimmung an Bord noch der Leistungsfähigkeit des Einzelnen gut tat.

„Captain, was würde geschehen, wenn wir aus nächster Nähe einen Treffer in dem Ding landen würden?“, fragte der Waffenoffizier der SOLAR DEFENDER 11. „Wir hätten vielleicht die Möglichkeit, diese Schlacht zu entscheiden.“

„Sie meinen, wir hätten die Möglichkeit, uns zu opfern“, stellte Ukasi fest.

Alle Blicke waren nun zuerst auf Ukasi und anschließend auf Vitranjan gerichtet.

„Die Wahrscheinlichkeit einer rechtzeitigen Rettung ist für uns sowieso schon nahe Null gesunken“, glaubte er. „Was macht es aus, wenn wir unser Ende so in Szene setzen, dass noch etwas Gutes dabei herauskommt. Wir könnten den Riesenbrummer zerstören.“

„Nein, das könnten wir nicht“, widersprach Ukasi. „Falls es so wäre, käme Ihre Überlegung durchaus in Betracht. Zumindest wäre ich dann bereit, ein größeres Risiko einzugehen.“

„Das heißt, ein Gauss-Treffer würde nicht reichen, um die Riesenspinne in eine Mini-Sonne zu verwandeln?“

„Nein.“

„Woher wollen Sie das wissen? Ich denke, Ihnen fehlt nur der Mut dazu! Schließlich müssten wir mit einer Reaktion der anderen Seite rechnen und allein die Explosion des Riesen-Arachnoiden könnte uns bereits umbringen.“

Ukasi schüttelte entschieden den Kopf. „Nein, das ist nicht der entscheidende Punkt“, erklärte er. „Die Wahrheit ist: Ich habe selbst bereits darüber nachgedacht und die Folgen mathematisch durch den Bordrechner abschätzen lassen. Der Riesen-Arachnoide hat ein so viel größeres Volumen als alle Raumschiffe, die uns bekannt sind, dass hier jegliche Vergleiche aus der Vergangenheit hinken. Wir können das Riesenschiff mit unserer schwachen Feuerkraft nicht zerstören. Selbst ein Dutzend Treffer würden dieses Schiff lediglich beschädigen. Vielleicht sogar schwer. Aber wir könnten es nicht zerstören. Und vor allem wäre die andere Seite dann gewarnt. Schon das Aktivieren der Geschütze würde die Wsssarrr vor uns warnen und sie innerhalb kürzester Zeit dafür sorgen lassen, dass es uns nicht mehr gibt. Ihr Vorschlag ist mutig, aber völlig sinnlos, Vitranjan.“

Rissel meldete sich zu Wort.

Sie hatte eine ganze Weile einfach nur stumm dagesessen und der Unterhaltung mit mäßigem Interesse gelauscht. Doch jetzt fuhr plötzlich ein Ruck durch ihren Körper und sie wurde von einem Schub plötzlicher Aktivität getrieben. Mit ein paar schnellen Schaltungen an ihrer Konsole zoomte sie ein Objekt heran, das ansonsten auf dem zum Hauptschirm umfunktionierten Nebenschirm überhaupt nicht sichtbar gewesen wäre.

Eine Größenangabe wurde eingeblendet. Außerdem eine Geschwindigkeitsanzeige und eine Kursangabe.

„Das Objekt nähert sich uns. Es steuert uns exakt an.“

„Ziemlich klein für eines der Diskusschiffe“, stellte Kücük fest.

„Es muss ein Beiboot sein“, stellte Ukasi fest. „Die werden ausgesetzt, um den Schiffswracks den Rest zu geben, in denen vielleicht noch jemand lebt...“

„Scheint, als würden wir schneller wieder Teil der Schlacht, als uns lieb sein kann“, knurrte Clintor und tickte nervös mit den Fingern auf dem Armlauf seines Schalensitzes.

„Captain, ich würde jetzt nicht mehr toter Mann spielen“, forderte Vitranjan. „Die haben es auf uns abgesehen. Wollen wir uns einfach abschlachten lassen? Vorher könnten wir dem Riesen-Arachnoiden doch noch einen Schuss verpassen!“

„Es bleibt alles wie es ist“, entschied Ukasi. „Ich habe nicht vor, jetzt die Nerven zu verlieren.“

5

Commander Reilly war es zunächst schwer gefallen, sich auf Bruder Padraigs Ausführungen zu konzentrieren, als dieser von irgendwelchen Strukturfeinheiten im Panzermaterial des Riesen-Arachnoiden zu sprechen begann. Welche Relevanz hat das um Himmels willen im Moment?, ging es ihm durch den Kopf. Man muss schon sehr viel Gottvertrauen haben, um sich in einer Situation wie dieser auf derartige Nebensächlichkeiten konzentrieren zu können. Aber vielleicht hat ja jeder seine eigenen Strategien, um mit der Situation fertig zu werden und seine inneren Spannungen zu bewältigen.

Aber dann begannen ihn die Ausführungen des Olvanorer zunehmend zu interessieren.

„Diese Strukturveränderungen könnten Resonanzphänomen sein und uns vielleicht etwas darüber verraten, was sich im Inneren dieses Monstrums so tut“, glaubte Bruder OPadraig. „Ich bin der Meinung, dass wir diesem Phänomen unbedingt weiter nachgehen müssen.“

„Sie denken, dass wir auf diese Weise eine Kommunikationsbasis finden könnten?“

„Warum nicht?“

„Meiner Einschätzung nach ist diese Basis technisch vorhanden. Aber die andere Seite denkt überhaupt nicht daran zu verhandeln. Sie will das Sol-System erobern. Nichts, was die Wsssarrr unternommen haben, ließ daran auch nur den Hauch eines Zweifels.“

„Aber es kann doch nicht schaden, etwas mehr über seinen Gegner zu wissen, oder etwa nicht?“

Reilly musste unwillkürlich lächeln und wechselte einen kurzen Blick mit Thorbjörn Soldo.

„Sie sehen die Wsssarrr als Ihren Gegner an?“, fragte Reilly etwas sarkastischer, als er es eigentlich beabsichtigt hatte. Nicht etwa als Mitgeschöpf, das zufällig nur beabsichtigt, Ihr Gehirn zu verspeisen?, fügte der Captain der STERNENKRIEGER noch in Gedanken hinzu, schluckte diese Bemerkung aber gerade noch rechtzeitig wieder herunter.

Bruder Padraig blieb vollkommen ruhig.

Er hob die Augenbrauen und sagte. „Alles, was ich möchte ist ein Platz an einer Ortungskonsole.“

„Auf der Brücke?“

„Anderswo ist das seit dem Vorfall von Kontrollraum D im Moment nicht möglich.“

„In Ordnung. Aber während des eigentlichen Gefechts haben andere Dinge absoluten Vorrang.“

„Ja, Sir.“

Bruder Padraigs Blick wurde plötzlich von der taktischen Übersicht gefesselt. Eine Ansammlung von Punkten, von denen die meisten feindliche Schiffe symbolisieren!, ging es Reilly durch den Kopf. Von der Tatsache abgesehen, dass unsere taktische Position aussichtslos ist, ist daran nichts Aufregendes.

„Ist irgendetwas, Bruder Padraig?“, erkundigte sich Lieutenant Commander Soldo.

Padraig runzelte die Stirn. Dann deutete er auf einen Punkt, der ein ziviles Schiff im Erdorbit darstellte. „Seltsam. So gut wie alle zivilen Schiffe sind aus dem Erdorbit verschwunden, da dort vermutlich bald gekämpft wird. Aber den Besitzer dieses Schiffes scheint das nicht zu schrecken.“

Bruder Padraig berührte den entsprechenden Punkt auf der Übersicht. Das Schiff wurde als Raumyacht klassifiziert. Es erschien der Vermerk „ID-Kennsignal wird unterdrückt.“

„Das gibt es eigentlich nur bei Einheiten des Geheimdienstes“, ergänzte Reilly.

Bruder Padraig hob die Augenbrauen. „Nun, das wäre natürlich eine Erklärung“, murmelte er. Die Falte mitten auf seiner Stirn wurde tiefer und Reilly fragte sich für einen Moment, was dem Olvanorer jetzt wohl im Kopf herumspuken mochte.

Er machte eine ruckartige Bewegung und wandte das Gesicht in Commander Reillys Richtung. „Es war nicht meine Absicht, irgendwelche Spekulationen anzustellen oder solche auszulösen, Captain.“

„Natürlich nicht“, gab Reilly zurück.

Zur Hölle mit euch Olvanorern!

6

Commander Reilly begab sich auf den Weg zur Krankenstation von Dr. Miles Rollins, der im Rang eines Lieutenants als Schiffsarzt an Bord der STERNENKRIEGER diente. Bis zum vermutlichen Eintreffen der Angreifer-Staffel blieb ihm Zeit genug, um sich selbst ein Bild von der Lage dort zu machen.

Unterwegs sprach er kurz mit Lieutenant Catherine White. Die Leitende Ingenieurin lieferte ihm über Interkom einen erweiterten Bericht über die Schäden im Maschinentrakt. Der Sandström-Antrieb war offenbar schwerer in Mitleidenschaft gezogen worden, als dies zunächst den Anschein gehabt hatte. Aber glücklicherweise war dieser Teil der STERNENKRIEGER im Moment am ehesten verzichtbar. „Wenn wir nicht irgendwelche schwerwiegenden Treffer in die Energieversorgung bekommen, können wir vielleicht in vierundzwanzig Stunden wieder an den nächsten Überlichtflug denken, Sir“, meldete White. „Früher geht es nicht.“

„Ich weiß, dass Sie Ihr Bestes tun, Lieutenant.“

„Ja, Sir!“

Reilly erreichte die Krankenstation, wo er Dr. Rollins und seine Assistentin Simone Nikolaidev antraf. „Wir haben zwei der Schwerverletzten gerade verloren“, berichtete Der. Rollins. „Ich habe Medikamente zur Reduzierung des Schlafbedürfnisses ausgegeben. Manche Teile der Mannschaft sind seit über 24 Stunden Non Stop im Einsatz.“

„Ich weiß“, nickte Reilly. „Diese Raumschlacht wird immer wieder nur kurze Pausen zur Erholung erlauben.“

„Viele der Männer und Frauen sind am Ende ihrer Kräfte. Vor allem in manchen Schlüsselpositionen. Lieutenant White stand kurz vor dem Zusammenbruch, aber ich habe sie wieder einigermaßen hingekriegt. Unter normalen Umständen hätte ich sie gar nicht mehr in den Dienst entlassen!“

„Es sind keine normalen Umstände, Dr. Rollins.“

„Ich weiß“, nickte der Arzt. Was er über die Belastung der Mannschaft gesagt hatte, schien auch für ihn selbst zu gelten. Commander Reilly übersah die dunklen Ringe unter den Augen des Schiffsarztes nicht. Und seine Assistentin Simone Nikolaidev schien es nicht anders zu ergehen. Auch ihr Gesicht war von den Anstrengungen seit Ausbruch der Kampfhandlungen gezeichnet.

Dr. Rollins gab Commander Reilly einen portablen Rechner. Auf dem Display stand eine Liste von Namen.

„Das sind die Verluste, die wir bisher zu beklagen haben“, sagte der Arzt. „Und manche von denen, die wir hier noch behandeln, werden es kaum schaffen. Wir haben wirklich ein paar üble Treffer abbekommen.“

Reillys Blick glitt die Namen entlang. Jeden einzelnen davon kannte er. Verluste waren beim Space Army Corps an der Tagesordnung. Aber sie gehörten zu den Dingen, an die sich Reilly einfach nicht gewöhnen konnte. Du wirst diese Dinge erst später an dich herankommen lassen dürfen!, ging des ihm durch den Kopf. Jetzt ist dafür keine Zeit...

„Es ist nur zu hoffen, dass die Opfer nicht umsonst waren“, murmelte Reilly. Ein dummes Statement!, tadelte ihn der unerbittliche Kritiker in seinem Hinterkopf. Eine Phrase. Die Toten haben mehr verdient. Doch wem sag ich das? Aber bis du die Angehörigen per Videostream-Transmission benachrichtigen kannst, wird dir sicher noch was Vernünftiges eingefallen sein...

Die Ablenkung kam genau im richtigen Moment.

Simone Nikolaidev trat mit einem Erlenmeyer-Kolben in der linken an den Captain heran. „Das ist für Sie, Sir!“

Reilly verzog das Gesicht. „Was soll das sein?“

„Ein Konzentrat, das Dr. Rollins zusammengestellt hat und das die Leistungsfähigkeit erhöht.“

„Nehmen Sie es, Captain. Alles rein pflanzliche Wirkstoffe!“

Reilly nahm den Erlenmeyerkolben und schluckte die genau abgemessenen 0,2 Liter herunter. „Am Geschmack sollten Sie noch arbeiten, Doktor.“

Der Armbandkommunikator des Captains summte.

Es war Majevsky.

„Hier ist die Brücke, Captain. Die gegnerischen Einheiten erreichen in wenigen Minuten Gefechtsdistanz.“

„Dann lassen Sie die Stammcrew wieder übernehmen. Ich bin gleich bei Ihnen.“

7

Als Commander Reilly gegangen war, ließ sich Dr. Miles Rollins in einen der Schalensessel fallen. Die letzten Stunden waren überaus hart gewesen.

„Soll ich Ihnen auch etwas von Ihrem Rezept geben, Dr. Rollins?“, fragte Simone Nikolaidev.

Miles Rollins lächelte matt. „Sehe ich so aus, als hätte ich das nötig?“

„Ich muss leider sagen, ja, Sir.“

„Haben Sie eigentlich schon mal darüber nachgedacht, ob Sie nicht mehr werden könnten als Krankenschwester und Sanitäterin an Bord eines Kriegsschiffs?“

„Meinen Sie zum Beispiel Ärztin an Bord eines Kriegsschiffs?“

„Zum Beispiel.“

„Da müsste ich zuerst ein Medizin-Studium absolvieren.“

„Na, und? Das ist keine Geheimwissenschaft. Und Sie bringen meines Erachtens alles mit, was man dafür braucht – im Gegensatz zu so manch anderen, der diesen Job verrichtet.“

Nikolaidev runzelte die Stirn. Sie hatte ihr Haar zu seiner strengen Knotenfrisur nach hinten gebunden, was in erster Linie praktische Gründe hatte, ihrem Gesicht aber darüber hinaus auch einen energischen Zug gab.

Sie war ein wenig verwirrt. Nicht über Rollins Einschätzung ihrer Fähigkeiten. Das war nur eine Wiederholung früherer Statements, in denen er ihr im Grunde dasselbe in anderer Formulierung gesagt hatte.

Verwirrt war sie über den letzten Halbsatz des Arztes.

Im ersten Moment hatte sie gedacht, dass er über Kollegen sprach, die nicht die nötigen Voraussetzungen für den Job eines Schiffsarztes mitbrachten, wobei man bedenken musste, dass das Space Army Corps angesichts seiner steigen Vergrößerung in Verbindung mit den furchtbaren Verlusten, die es in letzter Zeit zu beklagen gab, nicht gerade wählerisch bei der Auswahl seiner Mediziner sein konnte.

„Jeder, dem ein weißer Kittel passt, bekommt doch seine Chance!“, hatte Rollins bei anderer Gelegenheit gesagt und Kollegenschelte gehörte zu Rollins’ Lieblingsdisziplinen.

Aber diesmal hatte Simone Nikolaidev den Eindruck, dass er etwas ganz anders meinte.

In den letzten zwei Jahren hatte sie den Schiffsarzt der STERNENKRIEGER durch die tägliche Arbeit gut genug kennen gelernt, um das beurteilen zu können.

Er spricht über sich selbst!, erkannte sie. Dieser Mann ist tatsächlich am Ende!

Rollins schloss für einen Moment die Augen und Nikolaidev erkannte, dass dies nicht nur das äußere Signal einer kurzfristigen Erschöpfung war, wie man sie immer wieder unter harten Einsatzbedingungen beobachten konnte. Dies war mehr.

Burn Out Syndrom oder etwas Verwandtes!

Die Erkenntnis traf Nikolaidev wie ein Schlag vor den Kopf.

Miles Rollins öffnete die Augen. Mit dem ersten Blick erriet er ihre Gedanken. „Keine Sorge, ich halte schon durch, Nikolaidev“, versicherte er ihr.

„Ich ... also...“

Sie stammelte nur etwas Sinnloses vor sich hin, so perplex war sie.

„Ich bin kein Olvanorer – aber ich habe Psychologie im Nebenfach studiert und das führt manchmal zu ähnlichen Resultaten.“ Sein Gesicht wurde ernst. Eine tiefe Furche erschien auf seiner Stirn. „Wissen Sie, manchmal kommt man an einen Punkt in seinem Leben, an dem man ich fragen muss, ob es wirklich so weitergehen soll, oder es nicht möglich ist, noch mal eine ganz andere Richtung einzuschlagen. Verstehen Sie, was ich meine?“

„Ich denke schon. Aber wenn Sie jetzt über mich und ein mögliches Medizinstudium sprechen, dann...“

„Ich spreche über Sie, Nikolaidev. Das ist schon richtig. Aber ich könnte das genauso gut auf mich beziehen. Ich mache diesen Job ja nun schon zwei Jahre und ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob es wirklich das ist, was ich den Rest meines Lebens tun will – Menschen, die in Schlachten zerschossen wurden, wieder so gut es ging zusammenzuflicken, nur damit sie möglichst schnell ihren Posten wieder besetzen. Ich weiß, dass das in diesem Augenblick und vor allem in Anbetracht der Lage, in der sich die Solare Menschheit im Moment befindet, furchtbar klingen muss. Aber ich denke schon sehr viel länger über diese Dinge nach. Manchmal sind diese Gedanken geradezu übermächtig, manchmal schwingen sie nur im Hintergrund mit. Ich weiß nicht, ob Sie verstehen, was ich meine.“

„Doch, das tue ich.“

Eine Pause folgte. „Ich denke immer öfter darüber nach, ob ich nicht den Dienst im Space Army Corps quittieren und einen ganz anderen Weg einschlagen sollte.“

Nikolaidev hob die Augenbrauen. „Und woran haben Sie da gedacht?“

„Daran, in die Forschung zu gehen. Es gibt keinen Lehrstuhl für Exomedizin. Nichteinmal an der Brüderschule der Olvanorer übrigens! Aber je weiter hinaus in den Kosmos die Kontakte der Menschheit reichen, desto notwendiger wäre das.“ Er lächelte matt. „Vielleicht ergibt es sich ja mal, dass ich so etwas ins Leben rufe.“ Ein Pfeifton zeigte an, dass mit einem der Patienten etwas nicht in Ordnung war. Per Fernbedienung ließ sich Rollins sofort die Werte auf dem Display seines Kommunikators anzeigen. „Es ist Braddock.“

Eiligen Schrittes ging er los. Nikolaidev folgte ihm.

Der Kriegsalltag hatte sie wieder.

„Denken Sie darüber nach, was ich über Sie gesagt habe, Nikolaidev.“

„Ich war schon in der Schule nicht besonders gut und das Lernen hat mir nie wirklich Spaß gemacht.“

„Weil es vielleicht um Dinge ging, die sie nicht so sonderlich interessierten. Aber hier geht es um ganz andere Dinge. Entscheidungen treffen, Verantwortung übernehmen, das Beste aus einer gegebenen Situation machen – und improvisieren.“

„Verzeihen Sie mir diese Bemerkung, Dr. Rollins, aber es ist schon rührend, wie Sie mir einen Job schmackhaft machen wollen, bei dem Sie selbst darüber nachdenken, wann und wie Sie am Besten aussteigen.“

Rollins lachte heiser. „Ich sage Ihnen, eines Tages werden Sie Bordärztin auf einem Space Army Corps Schiff sein! So weit kriege ich Sie!“

8

Auf der Brücke der STERNENKRIEGER hatte inzwischen wieder die Stammcrew übernommen. Commander Reilly war der letzte, der eintraf.

Verstärkt wurde die Brückencrew durch Bruder Padraig. Der Olvanorer teilte sich mit einem Fähnrich namens Roger Canderra die Konsole für Ortung und Kommunikation. Canderra – ein junger Mann mit orangerot gefärbten Farben, was seit der Abschaffung sämtlicher Haarerlasse auch beim Space Army Corps erlaubt war, wurde abkommandiert und würde während des weiteren Gefechtsverlaufs wieder dem etatmäßigen Kommunikationsoffizier Platz machen.

Lieutenant Sara Majevsky hatte das Kommando kurz zuvor an den Ersten Offizier übergeben. Anschließend begab sie sich zu Bruder Padraig an die Konsole für Ortung und Kommunikation. Der Platzmangel blieb an Bord von Space Army Corps Schiffen aller Größenklassen ein immerwährendes Thema. Insbesondere galt dies aber wohl für die Leichten Kreuzer.

Die Brücke war so beengt, dass es kaum möglich war, einen weiteren Arbeitsplatz einzurichten. Commander Reilly hatte sich immer vorgestellt, dass es besser gewesen wäre, die Funktionen von Kommunikation und Ortung nicht vom selben Offizier bedienen zu lassen und sich auch schon einmal Gedanken darüber gemacht, wie man die Brücke eines Leichten Kreuzers umgestalten konnte, um so etwas möglich zu machen.

Bei seinen Vorgesetzten war er damit auf wenig Gegenliebe gestoßen.

Der Einzige, der Interesse an diesen Gedanken gehabt hat, war Admiral Raimondo, erinnerte sich Commander Reilly. Der Captain der STERNENKRIEGER erinnerte sich auch noch sehr genau an die Antwort, die der mit Abstand jüngste Admiral des gesamten Space Army Corps ihm gegeben hatte.

„Irgendwann wird das kommen, Commander. Und zwar so sicher wie ich hier sitze und in der Kirche einen Amen gesprochen wird. Es ist nur eine Frage der Zeit und der Finanzen. Der Far Galaxy Konzern hat eine verbesserte Ortungsanlage bereits in der Schublade – vollkommen produktionsfähig. Wenn die eingeführt wird, ist das alte System mit der Doppelzuständigkeit eines Offiziers für zwei so wichtige Bereiche ohnehin nicht mehr aufrecht zu erhalten.“

Das war vor einem halben Jahr gewesen.

Aber Commander Reilly hatte inzwischen begriffen, dass es wahrscheinlich noch mindestens ein Jahrzehnt dauern würde, bis man bereit sein würde, in ein neues, verbessertes Ortungssystem zu investieren. Im Augenblick lag der Fokus irdischer Raumtechnik eher in der Herstellung großer Flotten, nicht so sehr in der Qualität.

Soldo nahm ihre übertriebene Ernsthaftigkeit, was militärische Formen anging, mit einem Schmunzeln zur Kenntnis, das jedoch sehr schnell einem sorgenvolleren Gesichtsausdruck Platz machte, als auf dem taktischen Übersichtsschirm die Positionen der Angreifer aufleuchteten.

Die Staffel näherte sich in einer weit gespreizten Formation. Fünfzehn Einheiten waren es, von denen ein Verband von zehn Einheiten sich von der Hauptgruppe zu trennen begann.

„Teilformation spaltet sich ab und nimmt Kurs auf den Venus Guardian“, meldete Majevsky.

„Waffensysteme einsatzbereit – bis auf ein Raketensilo“, meldete Lieutenant Barus.

„Feuer frei bei ausreichender Trefferchance“, befahl Reilly.

„Aye, aye, Sir“, murmelte Chip Barus. Der Waffenoffizier wirkte sehr konzentriert. Eine ganze Sequenz verschiedener Schaltungen musste jetzt vorgenommen werden.

Inzwischen kam auch von den anderen Schiffen die Meldung der Gefechtsbereitschaft. Insbesondere bei der ALLISON dauerte es etwas, bis die Dreadnought von ihren angedockten Raumbooten in die richtige Stellung gebracht wurde.

Dasselbe galt für den stark angeschlagenen Leichten Kreuzer BAIKAL unter dem Kommando von Commander Craig Manninger.

Die ersten Strahlenschüsse wurden abgefeuert, während die Space Army Corps Schiffe schon einmal ihre Raketen abfeuerten, sofern sie dazu noch in der Lage waren.

„Das war unsere letzte“, verkündete Lieutenant Barus. „Abgeschossen mit dem einzigen Silo, das wir noch zur Verfügung haben!“

Die Lenkwaffen beschleunigten und suchten sich selbstständig ihre Ziele. Nötigenfalls machten sie auch Kursänderungen mit. Allerdings waren sie natürlich langsam genug, zum sie mit Gegenfeuer ausschalten zu können, was in den meisten Fällen auch geschah.

Mit den Raketen hatte das Space Army Corps bei diesem Gefecht nicht viel Glück. Sie wurden bereits frühzeitig durch breitflächige Strahlenschüsse der Diskus-Raumer unschädlich gemacht.

Die Space Army Corps Formation gab eine Salve mit Dauerfeuer von mehreren Minuten ab. Abertausende von Gauss-Geschossen deckten die Angreifer mit einem wahren Hagelschauer aus Geschossen ein, was sich auf die Entfernung allerdings stark relativierte. Die Trefferwahrscheinlichkeit lag nur etwas über einem Prozent. Ein akzeptabler Wert, schließlich reichte ein einziges Projektil aus diesem Geschosshagel unter Umständen aus, ein ganzes Schiff zu zerstören und hochgerechnet auf die große Zahl war der Prozentsatz für den Gegner sehr viel gefährlicher, als es auf den ersten Blick schien.

Die Diskusschiffe bremsten stark ab. Sie hatten keinerlei Interesse daran, die Distanz vorzeitig zu verkürzen. Stattdessen nutzten sie die größere Treffsicherheit ihrer Strahlengeschütze auf weite Entfernung.

Eines der Raumboote, das den Verband flankierte, bekam eine volle Ladung ab. Ein verstümmelter Notruf konnte gerade noch abgesetzt werden, dann explodierte das Schiff.

„Das war die SOLAR DEFENDER 7“, meldete Majevsky.

„Überlebende?“, fragte Thorbjörn Soldo.

Majevsky schüttelte den Kopf. „Nein, Sir. Keine Rettungskapseln.“

„Das ging wohl einfach zu schnell“, murmelte Rudergänger Moss Triffler.

Lieutenant Chip Barus sorgte unterdessen dafür, dass die STERNENKRIEGER abermals ihre Breitseite wechselte. Die PLUTO unter dem Kommando von Commander Steven Van Doren führte dieses Manöver im selben Moment durch, sodass beide Leichten Kreuzer etwa zur selben Zeit wieder einsatzbereit waren und ihr Dauerfeuer fortsetzen konnten. Mit geringer zeitlicher Verzögerung folgten die CATSLINA von Commander Nainovel, während die manövrierunfähige BAIKAL unter Commander Manninger etwas länger brauchte, da die Koordination der angedockten Raumboote der Solar Defender-Klasse ein paar Schwierigkeiten bereitete. Um ein Haar wäre die BAIKAL aus dem Verband getrudelt, was verheerende Folgen hätte haben können – insbesondere dann, wenn sie das Schussfeld der anderen Schiffe versperrt hätte.

Aber das Manöver gelang in letzter Sekunde noch.

„Alles klar bei Ihnen, Commander Manninger?“, meldete sich Reilly über Funk bei Manninger. Dessen Gesicht erschien auf einem der Nebenschirme. Der Stress der letzten Viertelstunde, die dieses Manöver gekostet hatte, war ihm durchaus anzusehen. Ein paar Schweißperlen glänzten auf seinem Gesicht.

„Manöver durchgeführt. Ich kann Ihnen sagen, ich bin in diesem Augenblick froh, nicht der Captain der ALLISON zu sein und deren Drehmanöver koordinieren zu müssen!“

Reilly lächelte matt.

„Kann ich gut nachvollziehen“, sagte er.

„Unser Ionentriebwerk ist übrigens nicht mehr zu reparieren. Dazu müssten wir auf ein Dock. Außerdem haben wir Probleme mit der Energieversorgung und der künstlichen Schwerkraft. Die nächste Kampfpause werden wir dazu nutzen, das im Moment nicht unbedingt gebrauchte Personal zu evakuieren.“

„In Ordnung“, sagte Reilly. „Auf welches Schiff Sie können, wird sich nach Beendigung dieser Gefechtsphase zeigen.“

Manninger nickte.

„Je nachdem, wo die geringsten Schäden sind?“

„So ist es.“

„Manninger Ende.“

Die Übertragung wurde unterbrochen.

Nachdem die kleineren Einheiten des Verbandes ihr Drehmanöver durchgeführt hatten und ihren Dauerbeschuss fortsetzten, war die Dreadnought ALLISON dran.

Die angedockten Raumboote bekamen ihre Befehle und zündeten ihre Schubdüsen.

Reilly wandte sich an Majevsky. „Schalten Sie uns in den Funkverkehr der ALLISON zu den angedockten Raumbooten ein“, befahl er. „Gehen Sie in den passiven Konferenzmodus. Wir müssen wissen, wie deren Manöver voranschreitet.“

„Aye, aye, Sir“, bestätigte die Ortungs- und Kommunikationsoffizierin der STERNENKRIEGER.

Für ein paar Augenblicke beobachtete Commander Reilly, wie Bruder Padraig stark konzentriert auf sein Display blickte. Diese Ruhe bekommt man wohl nur als Olvanorer, dachte Reilly. Man muss Padraig um die Fähigkeit beneiden, die Welt um sich herum vergessen zu können. Für ihn gibt es im Moment offenbar nur ein paar Auffälligkeiten in der Außenhüllen-Struktur dieses Riesen-Arachnoiden.

„Treffer bei Bandit 13 und 14!“, meldete Lieutenant Barus.

„Beide Einheiten zeigen rapiden Abfall des Energieniveaus und scheinen nicht mehr manövrierfähig!“, meldete Majevsky.

„Treffer in Bandit 15. Die Einheit explodiert“, ergänzte Barus.

Auf dem Panorama-Schirm war ein kurzes Aufflackern zu erkennen.

Das Drehmanöver der ALLISON war noch in Gang, als mehrere schwere Treffer auf der BAIKAL gemeldet wurden.

Zuerst traf es eines der Solar Defender-Boote, die an den Leichten Kreuzer angedockt hatten, um ihn notdürftig während des Gefechts zu manövrieren.

Das Raumboot explodierte.

Die BAIKAL bekam noch einen Schub, den das zweite angedockte Raumboot nicht ausgleichen konnte.

Details

Seiten
150
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738911565
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v371511
Schlagworte
commander reilly humanen welten chronik sternenkrieger

Autor

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Titel: Commander Reilly #12: Commander der Humanen Welten: Chronik der Sternenkrieger