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Träume von Liebe und Mord

2017 120 Seiten

Leseprobe

Träume von Liebe und Mord

Krimi von Thomas Andresen


Der Umfang dieses Buchs entspricht 266 Taschenbuchseiten.


Klappentext:

Irene Sommer hatte sich Hark Feiermut, den smarten Tennislehrer vom Eppendorfer Tennisclub, auserkoren, um das Juweliergeschäft ihres treulosen Geliebten Helmut Jürgensen auszurauben. Sie braucht einerseits das Geld, aber vor allem will sie Rache! Auch Pierre Reupert will sich an seinem Boss, dem Nachtclubbesitzer Norbert Kassin für die täglichen Erniedrigungen rächen – und er will Gaby für sich gewinnen. Da kommt ihm der Zufall zu Hilfe, durch den ihm klar wird, dass Kassin am Überfall auf das Schmuckgeschäft beteiligt war. Daraus entwickelt er einen Plan: Erpressung – und sein alter Freund Frank Schilling soll ihm helfen. Doch die Juwelendiebe wollen den Erlös aus der Beute nicht teilen und hetzen eine Killerbande auf die beiden Freunde ...


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

Cover nach Motiven von Pixabay, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



1

Irene wusste, dass sie nicht die Einzige war.

Wie viele Frauen auf der Welt träumen davon, ihren Tennislehrer zu verführen?

Wie viele waren es allein im »Eppendorfer Tennisclub von 1908 «, die es auf Hark Feiermut abgesehen hatten?

Gewiss, für die große Liebe - und wenn es nur der Traum von der großen Liebe war - fehlte es dem blonden Athleten mit der kühnen Hakennase an Romantik und an Genie, aber ein Abenteuer oder gar eine kleine Liebe war er wert.

Im Übrigen hatte Irene von Romantik und Genie die Nase voll. Sie war mit einem romantischen Genie verheiratet gewesen. »Nie wieder ein romantisches Genie!«, pflegte sie zu sagen, aber was sie im Grunde meinte, war: Nie wieder einen Neurotiker!

Dem romantischen und genialen Erik widmete sie noch heute manchen Rachetraum. Sie hatte mit Erik, dem Neurotiker, Schluss gemacht. Oder vielmehr hatte der Neurotiker Erik mit ihr Schluss gemacht, einen völlig neurotischen Schluss.

Hark Feiermut, obwohl alles andere als der Typ eines Neurotikers, war ebenfalls geschieden. Sie kannte seine Studio-Wohnung in der Erikastraße noch nicht. Eine Freundin, die ein paarmal dagewesen war, hatte sie als schick, aber leer bezeichnet.

Ob es Hark Feiermut an Geschmack oder an Geld fehlte, sein leeres, schickes Etwas mit dem nötigen schicken Ambiente zu vervollkommnen, blieb eine offene Frage. Irene hoffte, dass es ihm nur an Geld mangelte.

Sie hatte selber kein Geld, und doch war Geld der Trumpf in ihrem Traum.

Wenn sie auch nicht die einzige Frau im »Eppendorfer Tennisclub von 1908 « war, die Hark Feiermut verführen wollte, so durfte sie doch sicher sein, die Einzige zu sein, die Hark Feiermut nur in einem ersten Schritt zur Liebe verführen wollte und im zweiten und entscheidenden Schritt zu einem Verbrechen.

Helmut Jürgensen sollte das Opfer dieses Verbrechens werden.

Helmut Jürgensen sollte, von mehreren Schüssen in Brust und möglichst auch Bauch getroffen, in seine ausgeraubten Schmuckvitrinen stürzen und sterben. Dieser blutige Schlusspunkt ließ sich allerdings nicht planen, der ließ sich nur träumen. Aber möglich war er. Helmut Jürgensen konnte die Nerven verlieren und versuchen, Hark Feiermut die Pistole aus der Hand zu schlagen. Nicht ahnend, dass sein Gegner nicht nur am Netz und nicht nur mit dem Tennisschläger reaktionsschnell und tödlich war.

Irene arbeitete seit vier Jahren und einundvierzig Tagen im Juweliergeschäft von Helmut Jürgensen, und seit vier Jahren und neununddreißig Tagen war sie seine Geliebte. Sie wäre seit mindestens drei Jahren seine Frau gewesen, wenn er es mit seinen Versprechungen von der Scheidung so genau genommen hätte wie mit seinen Brillanten.

Stattdessen nahm er es mit den Worten der Liebe nicht genauer als mit der Liebe selbst.

Schon nach zwei Tagen hatte er es wissen wollen, das hätte ihr zu denken geben sollen. Sie hatte sich schon gefragt, ob sie ihn nicht lieber ein halbes Jahr lang hätte zappeln lassen sollen, statt nur diese eine knappe Stunde, in der sie zudem mehr gezappelt hatte als er. Heute wusste sie, dass sie auch eine solche Standfestigkeit nicht ehewürdiger gemacht hätte.

Karin, die Neue, die Junge, hatte ihn ein halbes Jahr zappeln lassen. Weil sie so dumm war, wie man mit einundzwanzig ist. Und weil sie mit einem anderen Mann »verlobt « war, wie sie es nannte. Sie lebte noch immer mit diesem anderen zusammen, was sie aber seit einer Woche nicht mehr daran hinderte, Helmut Jürgensens Künste als Liebhaber zu genießen. Und da war er wie seine Brillanten, nämlich brillant.

Nur der Sex binde sie noch an ihn, hatte Irene geglaubt. Aber wenn es nur noch der Sex gewesen wäre, wäre die Eifersucht dann so vernichtend gewesen? Natürlich träumte sie nun davon, dass auch Karin von Hark Feiermuts Pistolenkugeln tödlich getroffen würde, wenn der schneidige Tennislehrer erst zum Überfall auf Jürgensens Juweliergeschäft verführt war.

Hark Feiermut zu verführen war nicht unmöglich.

Ihre Freundin, die ihr von seinem Studio und von noch viel mehr erzählt hatte, hatte es bewiesen. Sie hatte inzwischen Hamburg verlassen. Ihr Mann, Vertreter in der pharmazeutischen Industrie, war nach Leverkusen versetzt worden, und sie war in aller Treue mit ihm gezogen. Sie liebe ihren Mann, hatte sie zum Abschluss verlauten lassen.

Na ja, so war das Leben. Auch Irene war in Hark Feiermut ja lediglich verliebt, während ihre Liebe unverbrüchlich ihrem treulosen Liebhaber Helmut Jürgensen galt, der immerhin ihr zuliebe versuchte, sein Verhältnis mit der jungen Karin vor ihr geheim zu halten. Das war auf seine Art ein Akt der Treue. Und als Liebhaber stand er trotz des Seitensprungs weiter seinen Mann.

Irene schätzte Hark Feiermut auf siebenunddreißig Jahre. Oder vielmehr: siebenunddreißig Jahre waren ihre Wunschvorstellung. Sie selber war sechsunddreißig, und sie wäre sich als alte Nymphomanin vorgekommen, wenn sie einen jüngeren Mann verführt hätte. Sie war konservativ und stand dem Umbruch der Sitten und der Werte, der sich um sie herum seit zehn und mehr Jahren abspielte, unverändert fassungslos gegenüber.

Eifersucht war ja fraglos eine konservative Tugend - oder vielleicht auch Untugend. Jedenfalls schämte sie sich ihrer Eifersucht nicht im Geringsten. Im Gegenteil, sie stellte mit Stolz fest, dass ihre Eifersucht jede Bodenlosigkeit angenommen halte, aus der Dramen entstehen.

Ein klassischer Mord wäre das edelste gewesen. Aber dafür war sie nicht stark genug. Ein Verbrechen, wie sie es plante, war hinterlistiger, was einem Hinterlistling wie Helmut Jürgensen gegenüber auch viel angemessener war. Es war aber vor allem vernünftiger. Und mit sechsunddreißig Jahren hatte sie das Alter der Vernunft erreicht. Ein Mord hätte unweigerlich das Ende für sie bedeutet. Ein Raubüberfall konnte einen neuen Anfang bringen. Nämlich ein kleines, bescheidenes Vermögen.

Sie war nämlich hoffnungslos verschuldet. Sie hatte sich vor zehn Jahren nach der Scheidung von Erik Sommer beim Kauf ihrer Eigentumswohnung finanziell übernommen. Rechnen war nie ihre starke Seite gewesen, und den Zinsanstieg hatte sie ja nun wirklich nicht voraussehen können. Aber sie blieb schick.

Sie unterwarf sich weiter dem Wechsel der Mode und kleidete sich Jahr um Jahr mit dem Schicksten ein. Das war sie sich auch schuldig. Hatte nicht ihr frömmelnder und mit Bibelworten um sich werfender Vater immer gepredigt, dass man mit seinem Pfunde wuchern solle? Und ihr Pfund, das war ihre Schönheit, ihre klassische Figur, ihre Grazie, ihr Charme.

Wäre es nicht geradezu eine Sünde gewesen, sich zur Schlampe verkommen zu lassen?

So fuhr sie standesgemäß ein schickes, kleines Auto, das zu ihrer Erscheinung passte, und natürlich musste es ein neues Auto sein, weshalb sie es alle zwei Jahre wechselte. Zweimal im Jahr nahm sie einen schicken Urlaub, um sich der Welt zu zeigen. Im Sommer fuhr sie an die C ôte d'Azur, im Herbst machte sie eine Italienreise. Leider waren das Urlaube ohne Helmut Jürgensen, der die Fassade des treuen Ehemannes und fürsorglichen Vaters bewahrte. Auch er war und wählte nämlich konservativ. Einen anderen Mann hätte sie auch gar nicht lieben können.

Ein richtiger, altmodischer Liebhaber war er allerdings nicht. Eitel und in seine erotischen Künste verliebt, war er ganz offensichtlich der reichlich modernen Auffassung, dass sie als Geschlechtspartner quitt waren. Sie konnte noch froh sein, dass er sie im Bett fabelhaft fand. Sonst hätte sie womöglich noch draufzahlen müssen. An die großzügigen Geschenke altmodischer Liebhaber war bei ihm nicht zu denken. Nicht einmal Schmuck schenkte er ihr, der Herr Juwelier. Er bot ihn ihr zum Einkaufspreis an, das war alles. Und er gab ihr Kredit.

So war er mit den Jahren einer ihrer größten Gläubiger geworden, denn ihre Schönheit musste natürlich auch mit Brillanten geschmückt werden. Und sie würde sich von ihrem Schmuck so wenig trennen wie von ihrer Wohnung, ihrem Auto und ihrem Lebensstil. Sie würde sich ja auch von Helmut Jürgensen nicht trennen. Wenn sie dafür mit sechsunddreißig Jahren auch noch nicht ganz und gar zu alt war, so hatte sie doch die besten Jahre für den Wechsel zu einem anderen Mann verpasst. Helmut Jürgensen sollte ihr Lebensgefährte bleiben. Als heimlicher Geliebter. Wenn er den Raubüberfall überlebte.

Karin war nur eine Affäre, die vorübergehen würde - was den Schrei nach Rache nicht leiser werden ließ.

Wenn Irene es nüchtern betrachtete, würde er noch billig davonkommen. Der Wunschtraum von seinem blutigen Ende würde sich ja höchstwahrscheinlich nicht erfüllen, dafür war auf der einen Seite Helmut Jürgensen zu klug und zu feige und auf der anderen Seite Hark Feiermut zu sehr sportlicher Beherrscher seiner Reaktionen. Die Versicherung würde den Schaden bezahlen, und zu guter Letzt hatte das Juweliergeschäft Helmut Jürgensen noch eine Gratisreklame.

Trotzdem würde es eine Rache sein, daran hielt sie in Gedanken fest. In erster Linie wollte sie sich rächen, erst in zweiter Linie dachte sie ans Geld. Dass sie Hark Feiermut verführte und damit Helmut Jürgensen zum ersten Mal untreu wurde, war ja auch bereits ein Stück eifersüchtiger Rache. Wenn auch notgedrungen nur eine heimliche.



2

Schlafen war für Hark Feiermut wichtiger und schöner als Essen. Er war selten hungrig, aber oft müde. Soweit war er mit sich zufrieden. Der fette Bauch, der Männern ab Mitte Dreißig zunehmend Sorgen machte, war für ihn kein Faktor.

Er liebte die Ordnung nach Faktoren.

Der gute, lange Schlaf, zehn Stunden Minimum, war ein wichtiger Faktor für seine Gesundheit, wie er glaubte. Mit neununddreißig Jahren war er noch nicht in dem Alter, sich Sorgen um seine Gesundheit zu machen. Aber seine Jugendlichkeit war ein wichtiger Faktor für seinen beruflichen Erfolg, und er war stolz, dass er für wesentlich jünger gehalten wurde. Viele schätzten ihn auf Ende Zwanzig, wobei der Faktor seiner schlanken Figur auch eine Rolle spielte.

Die vor einem Jahr gescheiterte Ehe zählte zu den negativen Faktoren seines jetzigen Lebens. Damit war er noch nicht fertig geworden. Wobei der Faktor Geld eine wesentliche Rolle spielte. Die Scheidung hatte ihn finanziell ruiniert. Er hätte sie sich einfach nicht leisten können.

»Scheidung ist heute ein teures Vergnügen«, hatte ihm sein Anwalt gesagt. Dabei hatte Hark Feiermut den Faktor Vergnügen in keinem Augenblick empfunden.

Seine schöne, rothaarige Elsbeth hatte ihn wegen eines zehn Jahre älteren, früh ergrauten und zur Glatze neigenden Musiklehrers sitzen lassen. Der hatte ihrer zehnjährigen Tochter Flötenunterricht gegeben, und Hark war stolz darauf, dass ihm für den Nebenbuhler das Schimpfwort »Pfeife« eingefallen war. An der Seite dieser Pfeife wirkte Elsbeth viel zu jung - und viel begehrenswerter als vorher.

Wenn Hark sich in seiner Ehe auch elf Jahre lang nicht besonders glücklich vorgekommen war, so war er doch wenigstens nicht unglücklich gewesen. Unglücklich war er jetzt, wenn er an Elsbeth dachte. Als er sie heiraten musste, war er allerdings ähnlich unglücklich gewesen. Neunzehn war sie erst gewesen, sehr süß und sehr schwanger, doch leider nur die Tochter eines Paukers, und er hatte sich immer geschworen, nur reich zu heiraten. Geld war eben schon immer ein wichtiger Faktor in seinem Leben gewesen.

Wenn das Kind nicht gewesen wäre, hätten sie sich vielleicht schon sehr früh scheiden lassen, und das wäre vermutlich nicht so schmerzhaft gewesen. Sie hatte ihn jedenfalls schon sehr früh betrogen. Er hatte sie verprügelt, den Ehebrecher aus dem Haus geschmissen und sein seelisches Gleichgewicht schnell wiedergefunden. Er selber hatte nämlich damals eine Affäre gehabt und Elsbeth entsprechend vernachlässigt. Er hatte also den Faktor Schuld redlich mit ihr teilen können.

Elsbeth war eine heißblütige Frau. Sie war es im Laufe der Jahre mehr und mehr geworden, und wer weiß, wie weit sie es inzwischen noch gebracht hatte.

Was den Faktor Sex betraf, so tat ihm sein Nachfolger im Ehebett, die Pfeife Willi mit der hohen Stirn und den grauen Schläfen, leid. Elsbeth war nämlich unersättlich gewesen. Vielleicht war das der Faktor, an dem seine Ehe gescheitert war. Elsbeth hatte ihn oft geweckt. Und man soll einen Mann nicht zur Liebe wecken, weder abends, wenn er schon eingeschlafen ist, noch morgens, wenn er noch nicht ausgeschlafen hat. Selbst wenn er die nötige Stimmung aufgebracht hatte, war sie ihm später wieder verdorben worden.

Mit Elsbeth verrannen ja nicht Minuten, da konnten Stunden weglaufen.

Und das war Raubbau an seinem geliebten Schlaf. Und weil er fest daran glaubte, dass geraubter Schlaf an seine Form ging, halte sich in seinem Liebesglück mit Elsbeth mancher Teufelskreis geschlossen. »Du bist ja impotent!«, hatte sie zwei- oder dreimal gesagt. Er hatte protestiert und von Formkrisen geredet, wie sie jeder hat, wie sie aber für einen echten Profisportler geradezu typisch sind.

Er ging um zehn ins Bett. Er war schon als Schüler um zehn ins Belt gegangen. Viel hatte sich seit seiner Schulzeit ohnehin nicht geändert. Mit sechzehn war er Hamburgs Jugendmeister im Tennis gewesen. Sein einziger Meistertitel. Der Höhepunkt des Lebens bereits mit sechzehn, das war schon ein bitterer Gedanke. Aber Gott sei Dank war er kein großer Denker, und bittere Gedanken waren in seinem Leben keine wesentlichen Faktoren.

Elsbeth war ein Nachtmensch gewesen - und war es wahrscheinlich immer noch. Nach Mitternacht befiel sie ein Hochgefühl, hatte sie ihm erklärt. Dann legte sie sich Schallplatten auf und trank ein Glas Sherry, und manchmal tanzte sie mit sich alleine. Inzwischen vielleicht mit Willi, der Pfeife, der noch älter aussah, als er war, und vermutlich entsprechend wenig schlief.

Sie hatte viel Geld für Schallplatten ausgegeben. Und sie hatte viele Konzerte besucht, in gewisser Weise war es vorprogrammiert gewesen, dass sie einem musikalischen Mann in die Arme lief. Wobei ein Flötenlehrer nun wirklich nicht das Nonplusultra sein konnte.

Bücher hatte sie auch gelesen. Dagegen hatte er nie etwas gehabt. Schließlich war er kein Kulturbanause. Auch er las. Er las seine Tennismagazine und Sportbücher, und man durfte ihm zum Geburtstag oder zu Weihnachten auch ein sogenanntes gutes Buch schenken. Dass er beim Lesen schnell müde wurde, lag eben an seinem gesunden Schlafbedürfnis, beziehungsweise an seiner Fähigkeit, überall schlafen oder einschlafen zu können, über einem Buch, im Kino und natürlich im Konzert, wenn es Elsbeth einmal gelungen war, ihn mitzuschleppen.

So anstrengend sein Leben mit Elsbeth auch gewesen war, ohne sie war es ungemütlich. Wenn er abends nach Hause kam, hockte er sich meistens vor den Fernseher. Weil es in Hamburg in der Regel kalt war und er an Heizungskosten sparen musste, hüllte er sich in eine Decke. Und in eine Decke gehüllt, schlief er natürlich besonders leicht ein. Oft wachte er dann mitten in der Nacht vor einem leer flimmernden Bildschirm auf.

Dass er wieder heiraten wollte, entsprang jedoch nicht nur der Qual der Einsamkeit und der Sehnsucht nach Nestwärme. Er wollte Geld heiraten. Von Monat zu Monat wurde seine finanzielle Misere deutlicher. Das hatte er bei seiner Scheidung noch nicht vorausgesehen. Von Natur aus war er eben ein Optimist und schwach im Rechnen obendrein. Die Not hatte ihn zum Realisten gemacht, und auch eine gewisse Rechenkunst hatte er sich angeeignet. Er wollte nicht wieder auf einen Typ wie Elsbeth hereinfallen, süß, jung und unverdorben. Denn dass Geld den Charakter und dazu noch die Manieren verdirbt, hatte er inzwischen eingesehen.

Er hatte in diesem Jahr seine Erfahrungen mit reichen Frauen gemacht. Im »Eppendorfer Tennisclub von 1908 « hatte er als Tennislehrer die besten Chancen, und es gab, wie er es verächtlich sah, genügend alternde, aus der Form laufende, stinkreiche, verheiratete Weiber, denen der Sinn nach einem Abenteuer mit ihm stand.

Aber waren denn die Zeiten vorbei, als sich reiche Frauen höchst vorteilhaft scheiden ließen und mit Millionen oder doch Hunderttausenden in ein neues Glück mit ihrem Tennislehrer steuerten?

Eine der Damen hatte ihm Geld unter das Kopfkissen gesteckt. Ein paar hundert Mark. Und wenn er nicht zu stolz gewesen wäre, hätte er die paar Hunderter von fast allen verlangen können. Einige hatten gestöhnt: »Ich liebe dich!«

Aber das passierte nur auf dem Höhepunkt und bezog sich auch nur auf die körperliche Liebe. Keine hatte ihn so geliebt, dass sie den Platz an der Seite ihres Mannes und seiner Geldquellen verlassen hätte, um die Zukunft und das ihr bei einer eventuellen Scheidung zugesprochene kleine Vermögen mit ihm zu teilen. Er hatte in seinen Jahren als Tennislehrer zwar erlebt, dass sich reiche Frauen scheiden ließen. Aber nur, um sich noch reicher wiederzuverheiraten. Es war wirklich ein Jammer, was eine reiche Ehe aus einer Frau machte.

Obgleich er als Tennislehrer ja unter nichts weniger litt als unter einem Kontaktmangel zu Frauen, hatte er es schon bei Eheanbahnungsinstituten versucht. Doch die reiche, einsame Witwe, die sich nach der aufrechten Liebe eines schlanken, sportlichen, ehrlichen, zärtlichen neununddreißig Jahre jungen Hungerleiders sehnte, war eine Traumfrau, die zwar durch die erfundenen Lockanzeigen einiger Institute geisterte, nicht aber durch deren greifbare Karteikarten.

Er hatte die Hoffnung nicht aufgegeben, war aber uneingestanden bescheidener geworden. Da gab es die weniger anspruchsvoll Geschiedenen, nicht reich, aber auch nicht ohne Geld. Und natürlich die durch Scheidung verarmten, die selbstverständlich ausschieden.

So stach ihm zum Beispiel eine gewisse Irene Sommer in die Augen, die es darauf anlegte, ihm in die Augen zu stechen, dies aber mit respektierlicher Befangenheit und einem noblen, reifen Charme. Sie war eine schöne Frau. Sein Typ war sie allerdings nicht, sie war ihm zu klassisch und zu streng und zu deutsch. Und die besten Jahre hatte sie auch schon hinter sich. Es half eben nichts, sein Sinn stand nach der Jugend, und in ein Mädchen von siebzehn Jahren verliebte er sich leichter als in eine Frau von siebenunddreißig. So alt schätzte er Irene Sommer.

Sie war mit einem Atomphysiker verheiratet gewesen, also nicht mit einem der reichen Geschäftemacher. Sie hatte von ihrer Ehe einmal scherzhaft gesagt, es lebe sich leichter mit der Atombombe als mit einem Atomphysiker.

»Natürlich war ich ihm auch in meinen geistigen Qualitäten nicht gewachsen«, hatte sie noch hinzugefügt, was er instinktiv als Anbiederungsversuch gedeutet hatte. Sie war schließlich nicht die Erste, die ihm zu verstehen gab, dass ein Tennislehrer bei einer Frau mit nicht zu hohen geistigen Ansprüchen gut aufgehoben war.

Ihre Garderobe, ihr Schmuck und ihr Lebensstil ließen darauf schließen, dass sie Geld hatte. Von ihrem Gehalt - sie arbeitete als Verkäuferin bei einem Juwelier - konnte sie sich soviel Schick wohl kaum leisten.

Sie musste also finanzielle Reserven haben. Wahrscheinlich stammte sie aus einer reichen Familie mit gut angelegtem Kapital und lebte von den jährlichen Gewinnausschüttungen.

Natürlich war es auch möglich, dass sie die Geliebte eines reichen und spendablen Mannes war.

Fest stand, dass er zunehmend erotischen Blickkontakt mit ihr hatte. So viel verstand er von Frauen. Und er wusste aus Erfahrung, dass man aus einer Frau noch lange nicht schlau geworden ist, wenn man sie einmal auf den Rücken gelegt hat. Überhaupt war der Weg über das Bett nicht immer der schnellste Weg zur Wahrheit und schon gar nicht der schnellste Weg in jenen noblen Ehehafen, von dem er träumte. Er hatte aus seinen Fehlern gelernt.

Bei Irene Sommer wollte er den Faktor Kopf über den Faktor Körper platzieren. Wo er ja auch eigentlich hingehörte.



3

Mit den Augen, meinte Irene, war das Mögliche getan. Mehr kann man sich mit Blicken nicht zuwerfen, als sie sich nun schon zugeworfen hatten. Er konnte keinen Zweifel mehr daran haben, dass sie sich in ihn verliebt hatte. Er musste wissen, dass sie auf den erlösenden Angriff von ihm wehrlos wartete. Und sie glaubte sichere Anzeichen dafür zu erkennen, dass es bei ihm gefunkt hatte.

Doch es geschah nichts. Anders als beim Tennis liebte er in der Liebe das Angriffsspiel offenbar nicht. Aufschlag, Netzangriff, Volley - schön wäre es gewesen. Aber er klebte gewissermaßen an der Grundlinie. Entweder mangelte es ihm an der Fantasie, oder er war schüchtern, oder er war irgendwo in festen Händen, und zwar in solchen, die er zu fürchten hatte.

Da sie konservativ war und auch nicht ganz frei von Schüchternheit, hielt sie es normalerweise für eine Sache des Mannes, die Peinlichkeit des ersten, heiklen Schrittes auf sich zu nehmen.

Doch diesmal lagen die Dinge anders. Diesmal hatte sie ja einen Plan im Kopf, den Plan zu einem Verbrechen. Und das zwang ihr das Gesetz des Handelns auf.

Sie kaufte zwei Karten für das Musical »Cats « im Hamburger Operettenhaus, für Donnerstag, den 15. Mai. Es war unwahrscheinlich, dass Hark Feiermut an einem Donnerstagabend etwas vorhatte. Und wenn alles klappte, dann schloss sich fast nahtlos Pfingsten an, das fröhliche Fest, wie Goethe es genannt halte, und sie konnte fröhlich die eroberte Position ausbauen und ihren Plan vorantreiben.

Dienstags hatte sie ihre Trainerstunde bei Hark Feiermut. Und am Dienstag, dem 13. Mai, packte sie den Stier bei den Hörnern. Dass es der Dreizehnte war, hatte sie übersehen, und frei von Aberglauben war sie so wenig wie jede andere Frau. Aber war die Dreizehn nicht für einige auch eine Glückszahl? Und wenn, warum dann nicht für die Außenseiter? War der Dreizehnte also nicht vielleicht ein besonders glücklicher Tag für den ersten Schritt in das abenteuerliche Leben des noblen Verbrechens?

Sie tat es gleich zur Begrüßung. Das waren ohnehin die Minuten, in denen es zwischen ihnen am wirksamsten funkte.

»Vielleicht können Sie mir helfen, Herr Feiermut«, sagte sie. »Sie kennen doch so viele Leute.« Und nachdem sie ihren Blick einmal tief in das Blau seiner Augen getaucht hatte, setzte sie eine Stimmlage tiefer und etwas leiser noch einmal an: »Und Sie wissen, was die Leute mögen ...«

»Na klar, als Tennislehrer muss man Menschenkenner ...« Er ließ den Satz unvollendet. Wahrscheinlich hatte es ihm die Sprache verschlagen, weil er in diesem Sekundenbruchteil erkannte, dass sie ihm gewissermaßen den entscheidenden Ball zuspielte, zumindest einen Satzball.

»Ich habe zwei Karten für >Cats< im Operettenhaus«, sagte sie. »Meine Freundin hat sie uns besorgt ...« Sie errötete wie geplant, und das klappte tatsächlich gut, und korrigierte mit der gleich perfekt gespielten Verlegenheit: »Nein, natürlich nicht für uns, sondern für meine Freundin und mich. Wir gehen häufig zusammen aus. Sie ist nämlich ebenfalls nicht verheiratet. Nun ist sie plötzlich krank geworden, und ich sitze mit der Karte zu meiner Rechten da. Nein, Entschuldigung, zu meiner Linken.« Jedes Wort war sorgfältig überlegt. Die Dame sitzt zur Rechten, der Herr zur Linken. Er kapierte hoffentlich, dass sie einen Herrn suchte. »Kennen Sie vielleicht jemand, der an diesem Platz interessiert wäre? Ich meine, an dieser Karte. Das Musical soll wirklich hinreißend sein. Sicher kennen Sie die Melodien. >Erinnerung< zum Beispiel. Soll ich mal vorsingen?«

»Ja, bitte!«, sagte Hark Feiermut unerschrocken. »Singen Sie mal vor!«

Sie sang. Sie hatte eine hübsche Stimme, und sie hatte geübt.

»Wunderbar«, sagte er. »Ja, ich könnte schon jemand finden, der sehr gerne mit Ihnen gehen würde.«

»Er müsste zu mir passen«, sagte sie. »Oder sie, wenn Sie eine Dame kennen. Es ist schon übermorgen. Ich brauche also jemand, der sich schnell entscheiden kann. Lieben Sie eigentlich auch Menschen, die sich entscheiden können?«

»Äh ... das heißt ... ja. Ja, auch ich liebe Männer, die entscheiden können.«

»Und Frauen, die sich entscheiden können, lieben Sie nicht?«

»Können Sie sich denn entscheiden?«, fragte er. Sein Atem wirkte verklemmt.

»Kommt darauf an, für was«, sagte sie. »Oder für wen.«

»Kennen Sie denn keinen Mann, der mit Ihnen kommen würde?«

Seine Umständlichkeit verwirrte sie. Er hätte doch längst zupacken können. Was wollte er denn noch alles wissen? Jetzt war ihre Schlagfertigkeit gefragt.

»Ich kenne da vielleicht schon einen Mann«, sagte sie und spielte die Nachdenkliche. »Ich weiß nur nicht, ob er das schon gemerkt hat.«

»Sie werden doch bestimmt von Männern umschwärmt«, sagte er. »Von reichen Männern ...«

Sie sah ihm in die Augen und dachte: Vielleicht klappt es jetzt mit der Gedankenübertragung. Sie konzentrierte sich auf ihn und dachte: Ich hänge seit vier Jahren an einem reichen Mann fest, der mich aber weder heiratet noch eine müde Mark für mich springen lässt. Und obendrein betrügt er mich jetzt mit einer Jüngeren. Darum will ich mich jetzt an ihm rächen. Und Rache ist süß. Auch für dich, du Dummkopf. Fang doch endlich an zu kapieren!

»Na ja, ich habe in gewisser Weise schon die Wahl«, sagte sie. »Aber da ich für ganz junge Verehrer nichts übrig habe, sind die meisten verheiratet. Und wie das Leben so spielt: Bei aller Auswahl muss es immer gerade ein bestimmter sein. Und wie stehe ich als Frau da, wenn dieser eine nicht will? Wie soll ich ihm überhaupt klarmachen, dass ich ihn will?«

»Ich habe immer geglaubt, dass Sie in festen Händen sind«, sagte er.

Mein Gott, wie genau wollte er es noch wissen? Pingelig und auf jede Einzelheit bedacht war er allerdings auch als Tennislehrer.

»Ich in festen Händen?« Jetzt musste sie sich in der Kunst der Lüge bewähren, die ja vor allem eine weibliche Kunst ist. »Es würde mich wirklich interessieren, wie Sie darauf kommen!«

»Für eine alleinstehende Frau sind Sie zu schick«, sagte er. Er war also doch nicht der Töffel, für den sie ihn schon halten wollte. Zumindest verstand er es, zur rechten Zeit ein Kompliment anzubringen.

»Man ist entweder schick oder man ist es nicht«, sagte sie. »Dazu muss man doch nicht in festen Händen sein.«

»Aber es hat seinen Preis«, sagte er.

Ja, verdammt. War er klüger, als sie ihn eingeschätzt hatte? Las er ihr womöglich von der Nasenspitze ab, wie hoffnungslos sie sich finanziell übernommen hatte?

»Finanziell bin ich Gott sei Dank unabhängig«, log sie.

Er grinste. »Ich wär's auch gerne. Wie macht man das?«

»Man hat zum Beispiel einen gut bezahlten Job«, sagte sie. Sie musste sich in diesem Fragenkomplex erst hineinlügen. »Oder man ist sehr vorteilhaft geschieden worden. Oder man hat von zu Hause aus Geld.«

»Und Sie haben von zu Hause aus Geld?«

Sie spürte die Hoffnung in seiner Frage. Und man soll den Menschen, den man verführen will, in seinen Hoffnungen bestärken.

Sie drohte ihm schelmisch mit dem Finger und sagte: »Erzählen Sie es aber nicht weiter! Sonst werde ich noch entführt, und die Entführer verlangen von meiner armen Mutter zwei oder drei Millionen Lösegeld. Mein Vater ist nämlich gestorben. Er hat uns das Geschäft hinterlassen.« Ein schlecht laufendes Papierwarengeschäft hatte er der Mutter hinterlassen. Schüler kauften da ihre Hefte, ein paar alte Leute ihre Illustrierten, und zu Weihnachten gab es einen kleinen Boom mit Geschenkpapier und Glückwunschkarten. Am besten lief noch die Lottoannahmestelle.

Sie sah es hinter Hark Feiermuts Stirn arbeiten, und ihr fiel plötzlich wieder ein, dass sie ihm einmal von der Herzkrankheit ihrer Mutter erzählt hatte, als sie selber während der Trainingsstunde von Herzstichen befallen wurde. »Meine Mutter hatte schon zwei Herzinfarkte gehabt«, hatte sie gesagt. Und dass sie verwöhntes Einzelkind war, hatte sie ihm bei passender Gelegenheit auch schon beigebracht. Versuchte er jetzt etwa auszurechnen, um wie viel sich ihre Einkünfte aus dem Familienvermögen vermehren würde, wenn sie auch ihre Mutter beerben würde?

Tatsächlich glaubte sie, ein geldgieriges Glitzern in seinen Augen zu erkennen. Nun gut, so passte er umso besser in ihren Plan.

»Ich wollte mir selber schon >Cats< ansehen«, behauptete er nun endlich. »Ich würde mich riesig über die Karte freuen. Aber wenn Sie lieber Damenbegleitung haben ...«

»Oh nein! Wenn Sie sich riesig freuen, dann sind Sie doch der ideale Mann. Wie ist es, holen Sie mich ab?« Das war wichtig. Denn er musste sie ja hinterher nach Hause fahren. Sie würde ihn dann artig auf einen Drink in ihre Wohnung bitten, und dann würde sich hoffentlich alles von alleine ergeben.

Die verdammte Verführung!

Sie hatte damit keine Erfahrung. Bisher hatte sie sich nur verführen lassen, worin sie allerdings ein natürliches Geschick besaß.


4

Es zeigte sich, dass Hark Feiermut durchaus der Mann war, der wusste, was er wollte - oder was er sollte. Der Besuch des Musicals war eine gute Vorbereitung gewesen. Sie vergaß zwar nicht, was sie noch vorhatte, genoss aber trotzdem oder gerade deshalb die artistische und schwungvolle Darbietung. Am Ende riss es sie vom Stuhl. Sie applaudierte stehend. Hark Feiermut stellte sich ritterlich neben sie und klatschte kräftig in seine großen Tennishände.

Auf der Heimfahrt schwärmten sie von der Vorstellung, und sie sang ihm noch einmal >Erinnerung< vor.

Dann, in ihrer Wohnung, sagte er nach dem zweiten Drink, sie sei eine verdammt hübsche Katze, ein ganz tolles Exemplar. Dann nahm er hastig einen dritten Drink, prostete ihr nicht nur zu, sondern stieß mit ihr an und küsste sie. Es war eine kurze, freundschaftliche Lippenberührung, eine Art Begrüßungskuss. Aber da sie alles tat, ihn gelingen zu lassen, war der zweite Kuss schon der volle Erfolg. Er riss sie an sich und griff ihr in die Haare und schloss die Augen und stöhnte und fuhr ihr mit der Zunge in den Mund. Dann tastete er nach ihrer Brust, und dann begann er, sie auszuziehen. Sie flüsterte ihm zu, er habe sie ins Schwitzen gebracht, ob sie sich nicht duschen dürfe.

»Ich möchte dann auch duschen«, sagte er.

Sie stand auf, und da er es nicht sagte, sagte sie es schließlich: »Duschen wir doch zusammen!«

Er nahm sie unter der Dusche zum ersten Mal. Mit seiner Kraft hob er sie einfach hoch. Weder der Atomphysiker Erik Sommer noch der Juwelier Helmut Jürgensen hatten dieses Kunststück je fertiggebracht.

Im Bett zeigte Hark Feiermut dann keine Kunststücke mehr. Er war sportlich, aber allzu brav. Anders als Helmut Jürgensen halte er wenig Ahnung, was eine Frau sich alles wünscht. Als Liebhaber, stellte sie in einem Augenblick der Ernüchterung fest, war er kein guter Tausch. Aber sie wollte ihn ja auch gar nicht als Liebhaber. Wenn Helmut Jürgensen seine Strafe hatte - und wenn er dabei nicht draufgegangen war -, wollte sie ihn wieder an sich binden. Die junge Karin würde bis dahin in die Arme ihres Verlobten zurückgekehrt sein. Notfalls würde sie Karin durch einen anonymen Anruf verraten.

»Ich liebe dich!«, flüsterte Hark Feiermut. Das fand sie nun wieder sehr hübsch. Aber wahrend sie noch darüber nachdachte, ob er ihr wohl noch in dieser Nacht einen Heiratsantrag machen würde, erlahmte seine streichelnde Hand plötzlich. Und wenig später stellte sie überrascht fest, dass Hark Feiermut eingeschlafen war.

Am nächsten Morgen musste sie ihn wecken, so fest schlief er. Und er wurde gar nicht richtig wach, jedenfalls nicht so wach, wie sie es wollte. Er befreite sich aus ihren Armen und taumelte ins Badezimmer. Als er wieder zurückkam, war er wach, aber verlegen. Er habe Kopfschmerzen, sagte er. Wahrscheinlich eine Ausrede, denn die angebotene Schmerztablette lehnte er fast entsetzt ab. Kaffee helfe ihm immer am besten, behauptete er. Ob er den Kaffee für beide kochen dürfe?

Warum eigentlich nicht?

Er kochte einen guten Kaffee. Und er war als ihr neuer Liebhaber ein guter Kerl. Er kam nun jeden Abend. Er brachte Blumen oder Konfekt mit. Und nach einer Woche machte er ihr einen Heiratsantrag.

Sie umarmte ihn und flüsterte: »Oh Hark, Liebster, meinst du das wirklich ernst?« Sie kam sich abgrundtief schlecht vor, ihn so hinters Licht zu führen, denn sie dachte inzwischen weniger denn je daran, ihn zu heiraten.

Aber sie brauchte sich nicht lange zu schämen. Denn es wurde rasch deutlich, dass er weniger sie als ihr vermeintliches Geld heiraten wollte. Sie brauchte nur eine Frage zu stellen: »Aber wovon sollen wir leben, Liebling? Ich habe nämlich weniger Geld, als du vielleicht denkst ...«

»Geld ist doch nicht der Faktor«, würgte er hervor. Er war ein schlechter Schauspieler. Er konnte seine peinliche Überraschung nicht verbergen. »Aber das Geschäft deines Vaters ...«, murmelte er verwaschen.

»Ehrlich gesagt, ist das Geschäft meines Vaters in den vergangenen Jahren in die roten Zahlen geraten«, sagte sie. »Und ich persönlich auch. Ich konnte meinen Lebensstil einfach nicht ändern.«

»Schulden?«, fragte er. »Du?«

Du auch, meinte er womöglich.

Und sie fragte ihn blauäugig: »Und wie steht es mit dir? Hast du irgendwelche Rücklagen?«

»Nein«, sagte er. Sehr kurz angebunden.

»Trotzdem werden wir heiraten!«, sagte sie. »Ich will dich einfach heiraten, und wo ein Wille ist, da ist bekanntlich auch ein Weg. Ich habe da glücklicherweise eine Möglichkeit, an Geld zu kommen. An ein kleines Vermögen, um es genau zu sagen. Eine Million mindestens. Geteilt durch ...« Sie brach schnell ab und verbesserte sich: »Aber wir wollen ja nicht - teilen!«

Teilen würden sie erst, wenn sie sich trennten. Wogegen er wahrscheinlich nicht einmal etwas haben würde. Er wollte eine gute Partie machen, das war klar. Und eine Gaunerin war keine gute Partie.

»Eine Erbschaft?«, fragte er hoffnungsvoll.

»Nein«, sagte sie. »Da ist leider nichts zu erwarten. Aber ich habe die Gelegenheit und einen richtig guten Plan für ein Gentleman-Verbrechen. Und du bist doch ein Gentleman.«

»Aber kein Verbrecher!«, sagte er. Was für seine Verhältnisse schlagfertig war.

»Aber wir schädigen niemand!«, sagte sie. »Mein Chef ist versichert. Der kriegt seinen Schaden von der Versicherung ersetzt. Und für die Versicherung ist das eine einmalige Reklame. Wenn sie wirklich in Druck kommt, erhöht sie einfach die Prämien. Und die Juweliere erhöhen dann die Preise. Aber das verteilt sich doch wie ein Tropfen Wasser im Ozean.«

»Ich soll bei deinem Chef einbrechen? Nachts?« Das Wort »Nachts« kam ihm besonders schwer über die Lippen. Wahrscheinlich dachte er an den Schlaf, den ihn das kostete.

»Nein«, sagte sie. »Du überfällst ihn tagsüber. Kurz vor Ladenschluss. Mit einer Pistole. Du befiehlst mir, die Ladentür abzuschließen, wobei du mich mit der Pistole bedrohst, und da tue ich natürlich alles, was du verlangst. Du nimmst dir wie ein Kenner die wertvollsten Stücke heraus. Ich beschreibe dir vorher alles ganz genau. Ich zeichne dir einen Plan, ich mache Fotos. Es ist wirklich eine einmalige Chance! Wenn sich ein normaler Gangster einen Juwelier vornimmt, spielt die Chefverkäuferin ja schließlich nicht mit. Aber du bist eben ein Gentleman-Verbrecher.« Sie wiederholte es, um es ihm einzuimpfen.

»Das ist nichts für mich«, sagte er.

»Doch, es ist etwas für dich!«, sagte sie mit gespieltem Enthusiasmus. »Du bist nämlich gar nicht der Feigling, für den du dich hältst! Dein Leben lang haben sie dir eingeredet, dass du ein Feigling bist ...«

»Aber das ist gar nicht wahr!«, protestierte er. »Niemand hat gesagt, dass ich ein Feigling bin.«

»Natürlich haben sie es nicht direkt Feigling genannt«, sagte sie unbeirrt. »Aber sie haben es so gemeint. Und es ist dir unter die Haut gegangen. Nein, du fühlst dich normalerweise nicht als Feigling. Jedenfalls nicht bewusst. Du hast es verdrängt. Aber wenn eine gefährliche Situation kommt, steckst du den Kopf in den Sand und kneifst. Weil sie dich kleingekriegt haben. Weil sie dich nicht als mutigen Mann wollen. Darum hast du es bisher zu nichts gebracht. Einmal musst du diesen Teufelskreis durchbrechen, Hark! Dann gehörst du auch in Zukunft nicht mehr zu den Glücklosen!«

»Ich werde darüber nachdenken«, sagte er. Und wie er es sagte, machte ihr mehr als nur ein bisschen Hoffnung.



5

Hark Feiermut hatte an einen Komplizen gedacht. Mit dem richtigen Komplizen, sagte er sich, würde er es schaffen. Und darauf kam es an. Denn er brauchte Geld. Und wie der Volksmund richtig sagt: Woher nehmen und nicht stehlen? Also stehlen!

Allein allerdings erschien ihm das wenig erfolgversprechend. Der Coup erforderte zwei Männer. Einer musste mit einer Pistole alles in Schach halten und gewissermaßen das Kommando führen, während ein zweiter Mann die Schmuckstücke einpackte.

Er halte bereits an einen ganz bestimmten Komplizen gedacht, einen ehemaligen Schulfreund, den er aus den Augen verloren und vor fünf Jahren im Tennisclub wiedergetroffen hatte. Norbert Kassin. Der ehemalige Klassenflegel, vor dem sich die Lehrer gefürchtet hatten und den die ganze Klasse bewundert hatte. Mit sechzehn Jahren hatte er schon eine Bande auf die Beine gestellt. Sie hatten nichts Schlimmeres angestellt, als Fahrräder, Mopeds und ab und an ein Auto zu knacken und für Spritztouren auszuleihen. Und es hatte einige generalstabsmäßig durchgeführte Ladendiebstähle in großen Kaufhäusern gegeben.

Vielleicht hatte Irene gar nicht so unrecht: Ihn, Hark Feiermut, hatten sie nicht dabei haben wollen. Vermutlich hatten sie ihn tatsächlich für einen Feigling gehalten.

Norbert Kassin war dann sitzen geblieben, und ihre Wege hatten sich getrennt. Aber er hatte über Freunde erfahren, dass er nach der Schulentlassung bei einem Villeneinbruch geschnappt worden war. Mit einer Pistole. Und viele Jahre später war das Gespräch noch einmal auf Norbert Kassin gekommen. Ein alter Schulfreund hatte ihn gefragt, ob er über den Prozess gegen Kassin und seine Kumpane in der Zeitung gelesen habe.

Nein, er las in der Zeitung eigentlich nur den Sportteil.

Kassin sei wegen nächtlichen Einbruchs in ein Teppichgeschäft angeklagt - bei dem die Täter ohne Beute die Flucht hatten ergreifen müssen. Kassin solle auf der Flucht einen Polizeiwagen durch einen Schuss in den Reifen außer Gefecht gesetzt haben. Er sei aber mangels Beweisen freigesprochen worden. In den Zeitungen habe natürlich nur von einem Angeklagten »Norbert K.« gestanden, hatte der Freund erzählt, aber ein Kegelbruder, ein Kriminalobermeister, habe ihm den Namen Kassin genannt.

Hark Feiermut hatte angenommen, dass Norbert Kassin danach unaufhaltsam in die Unterwelt abgerutscht wäre. Umso größer seine Überraschung, als er ihn vor fünf Jahren als ehrbaren Bürger im »Eppendorfer Tennisclub von 1908 « auftauchen sah. Sofern man einen Nachtclubbesitzer als ehrbaren Bürger gelten ließ. Immerhin war er keine St.-Pauli-Type. Seine Nachtbar »Feuerball « lag noch in den Grenzen des noblen Stadtteils Eppendorf, hatte also eine »Adresse«, was in Hamburg für die gesellschaftliche Stellung äußerst wichtig ist.

Trotz dieser guten Adresse und dem Besitz eines Nachtclubs schien Kassin nicht gerade im Geld zu schwimmen. Jedenfalls war es lange her, dass er seine letzten Mitgliedsbeiträge im Tennisclub bezahlt hatte, und auch mit dem Honorar für die Trainerstunden nahm er es nicht so genau, was genau genommen hieß, dass er gar nichts zahlte.

Norbert war klein, und er war fett geworden. Beim Tennisspiel machte er damit keine gute Figur. Aber gerade wegen seiner Figur spielte er ja Tennis. Und tatsächlich hatte sich seine Form gebessert. Kam er am Anfang schon nach einigen Ballwechseln aus der Puste, so konnte er heute schon eine ganze Weile lang dem Ball nachlaufen, hechelnd zwar, aber trotz seiner Körperfülle bemerkenswert flink. In den Armen hatte er ohnehin genug Mumm, und reaktionsschnell war er auch. Hark konnte sich ihn bei einem Juwelenraub gut vorstellen.

Er setzte sich telefonisch gleich mit ihm in Verbindung und verabredete ein Treffen in dessen Nachtbar. Um acht Uhr abends. Denn um zehn Uhr wollte er ins Bett gehen. Diesmal nicht in Irenes Bett. Er litt mehr und mehr unter dem Schlafdefizit und verschlug beim Tennis schon die leichtesten Bälle.

Um acht waren sie im «Feuerball beinahe noch ganz alleine, und sie hätten sich seelenruhig an die Bar setzen können, was Norbert auch bacchantisch vorschlug. Er hatte trotz der frühen Abendstunde und der fehlenden Gesellschaft schon eine Fahne. Einsame Trinker haben Sorgen, wusste Hark. Und seine Hoffnung, dass der ins Auge gefasste Komplize lockendem Geld nicht widerstehen konnte, verstärkte sich.

Hark wollte nüchtern bleiben, denn Alkohol machte ihn vor allem müde. Und die Bar war ihm auch nicht der geeignete Ort, um einen großen Coup auszuhecken.

»Hast du nicht ein Hinterzimmer?«, fragte er also.

»Klar«, sagte Norbert Kassin unbehaglich. Er fürchtete wohl, Hark Feiermut würde ihn energisch auf die unbezahlten Trainerstunden ansprechen wollen.

»Um gleich auf den entscheidenden Faktor zu kommen«, begann Hark, als sie alleine waren, »ich habe eine einmalige Gelegenheit, an sehr viel Geld zu kommen, brauche dafür aber einen Partner.«

»Du?«, fragte Kassin ungläubig. »Das hätte ich dir nie zugetraut!« Er begriff also erstaunlich schnell, was ihn für den Job umso geeigneter machte.

»Ich habe eben hohe Schulden«, erklärte Hark es ihm. »Und außerdem habt ihr mich immer falsch eingeschätzt. Ich bin nämlich keineswegs ein Feigling.«

»Nun schieß mal los!«, sagte Kassin gierig. Geldgierig.

Weil Hark jetzt sein ganzes Vertrauen auf Kassin setzte und im Grunde eine ehrliche Haut war, vertraute er ihm die ganze Geschichte an: Wie Irene Sommer ihn verführt hatte, erst zur Liebe, dann zu dem von ihr ausgeheckten Plan.

Kassin kaute scheinbar gelangweilt an seiner Zigarre und schloss die Augenlider halb. Er wollte sein mehr und mehr erwachendes Interesse verschleiern. Also hatte er schon angebissen.

»Und warum kommt du damit ausgerechnet zu mir?«, fragte er am Ende. »Du siehst doch, dass ich ein ehrbarer Geschäftsmann geworden bin!«

»Weil ich deine früheren Heldentaten nicht vergessen habe«, sagte Hark. »Und weil ich dachte, dass du dein ehrbares Geschäft, das du dir hier aufgebaut hast, auch halten willst. Mir scheint, dass du ähnlich wie ich in finanziellen Schwierigkeiten bist.«

»Verrückte Zeit!«, brummte Kassin. »Den einen geht es besser als je zuvor, und mit den anderen geht es bergab. Scheint, dass wir alle drei auf die falsche Seite geraten sind. Könnte nicht schaden, uns auf die Seite der Gewinner zu manövrieren. Entweder es läuft bergauf oder es läuft bergab. Das ist eine alte Regel, aber sie war nie wahrer als heute. Ja, verdammt, ich habe Schulden. Und auf ehrlichem Weg komme ich da nicht mehr heraus. Frage ist, ob mir das mit zwei blutigen Anfängern gelingt. Ich bin heute selber kein Profi mehr, weiß Gott. Die wilden Jahre sind vorbei. Aber es ist wie mit dem Radfahren: Man verlernt es nicht. Und ich habe Gott sei Dank noch einige alte Freunde.«

»Alte Freunde? Eigentlich wollten wir nur durch zwei teilen. Jetzt nehmen wir dich noch hinzu. Aber noch mehr ... Ich kann doch rechnen. Irgendwann lohnt es nicht mehr. Und je mehr Mitwisser, desto schlechter, das weiß sogar ein blutiger Laie wie ich.«

»Dann will ich dir mal sagen, was du alles nicht weißt«, sagte Kassin. »Du weißt nicht, dass wir Pistolen brauchen. Hast du etwa eine? Sie dürfen nicht registriert sein. Für den Fall, dass doch irgendwann ein Schuss fallen muss. Nicht, dass du irgendwen umlegen sollst! Aber ein Warnschuss an die Decke kann manchmal Wunder wirken. Und vielleicht musst du diesem verdammten Juwelier einen Schuss ins Bein verpassen, wenn er nicht spurt.«

»Ich? Ich kann doch gar nicht schießen! Ich dachte, dass du der Mann mit der Pistole wärst. Du kannst doch mit der Pistole umgehen. Ich würde vielleicht auf das Bein zielen, aber das Herz treffen. Während du immerhin den Reifen eines euch verfolgenden Polizeiwagens getroffen hast. Alle Achtung!«

»Moment, Moment! Das hat mir bis heute keiner nachweisen können! Ich wurde freigesprochen. Was nichts daran ändert, dass ich ein ziemlich guter Schütze bin. Aber du hast mich nicht verstanden: Wir brauchen beide eine Pistole. Ein Zwei-Mann-Kommando, das sich eine Pistole teilen muss, was macht das für einen Eindruck! Da käme ich mir ja wie beim Volkssturm vor. Nee, mein Lieber, wenn ich mich in einem Juweliergeschäft wohlfühlen soll, dann müssen wir anständig bewaffnet sein. Also zwei nicht registrierte Pistolen. Willst du die etwa besorgen? Na also! Zweitens brauchen wir ein Fluchtwagen. Gestohlen, natürlich. Kannst du überhaupt ein Auto knacken? Drittens müssen wir Masken tragen. Am besten Strumpfmasken. Die ziehen wir uns erst nur über die Haare. Darüber tragen wir Hüte, in dem Moment, wo wir das Geschäft betreten, ziehen wir sie über das Gesicht. Das muss natürlich geübt werden. Junge!«

»Ich dachte, dass ein falscher Bart und eine Perücke und eine Brille genügen«, sagte Hark. Ihm wurde mulmig. Maske, das war ihm unheimlich.

»Mein lieber Junge, du hast ja keine Ahnung!«, belehrte ihn Kassin. »Wenn wir uns einen x-beliebigen Juwelier vornehmen, mag das genügen. Du bist nicht in der Verbrecherkartei, und mein Foto ist so alt, dass mich heute kein Schwein mehr wiedererkennt. Aber bei uns spielt ja diese Irene Sommer mit. Es ist also ein Insider-Job, wie man es nennt. Das ist gut und schön, aber auch gefährlich. Die Polizei ist nämlich nicht auf den Kopf gefallen. Die wollen in jedem Fall ausschließen, dass es ein Insider-Job ist. Die überprüfen alle Angestellten. Und wenn sie herausbekommen, dass Frau Irene Sommer ein Verhältnis mit ihrem Tennislehrer hat, überprüfen sie den Tennislehrer.«

»Aber es weiß doch niemand, dass wir ein Verhältnis haben!«

»Warst du denn nie in ihrer Wohnung?«

»Doch.«

»Und sag bloß, du bist da mit deinem Wagen angekommen! Glaubst du, die quetschen die Nachbarn nicht aus? Und die zeigen den Nachbarn keine Phantombilder, bei denen sie Bart, Brille und Perücke wegretuschieren?«

»Also gut, ich trage eine Maske.« Kassin hatte ihn überzeugt. Und er hatte ihm weiche Knie gemacht.

»Es wäre sogar gut, wenn du ein Alibi hättest«, fuhr Kassin fort. »Das könnte ich stöpseln. Du könntest mit einem alten Freund von mir, der einen eigenen Tennisplatz hat, Tennis gespielt haben. Deswegen braucht der nicht gleich einen vollen Anteil zu bekommen. Das könntest du von deinem Anteil regeln.«

»In welcher Größenordnung liegt das ungefähr?«, erkundigte Sich Hark. Seine Laune sank.

»Zweitausend, würde ich sagen.«

»Möchte wissen, ob mir am Ende überhaupt noch was bleibt!«, knurrte Hark geizig. »Am besten, ihr macht die Sache ohne mich!« Er übertrieb natürlich. Und er bluffte. Der Professionalismus, mit dem Kassin die Sache anging, ließ seine Stimmung nach dem ersten Tief wieder steigen.

»Sie könnten uns auch an der Kleidung identifizieren«, sagte Kassin. »An den Schuhen, an den Jacketts, an den Krawatten. Wir kaufen uns also in einem großen Kaufhaus, wo wir als Kunden nicht auffallen, billige Turnschuhe, billige Regenmäntel, billige Handschuhe und Hüte. Und natürlich die Taschen, in die wir den Schmuck einpacken.«

»Ganz schöne Unkosten«, sagte Hark knickerig. Er hatte gerade in den letzten Monaten gelernt, wie sich kleine Unkosten zusammenläppern können.

»Bei zwei Millionen«, sagte Kassin und paffte großspurig seine dicke Zigarre, »spielen die paar Mark nun wirklich keine Rolle. Falls es überhaupt zwei Millionen sind! Aber ihr beiden Schlauen scheint außer Acht gelassen zu haben, dass euch ein Hehler höchstens die Hälfte zahlt. Habt ihr überhaupt schon einen Hehler?«

»Nein«, sagte Hark entwaffnet und desillusioniert. »Wie sollen wir auch! Wirklich nur die Hälfte?«

»Ja, mein Lieber, so ist das Leben. Es gibt immer mehr schlechte Überraschungen als gute. Aber zur Abwechslung mal eine gute Überraschung: Ich kenne zufällig den Mann, den wir brauchen. Den Mann, der uns für Brillanten im Wert von zwei Millionen Mark innerhalb von zwei Tagen eine Million bar auf die Hand zahlt. Wir waren mal Nachbarn. Ist inzwischen ein großes Tier geworden.«

»Dein Nachbar?«, fragte Hark. »Hier in Eppendorf? Ein großer Hehler hier bei uns in Eppendorf?«

»Mein Nachbar war er in Santa Fu«, grinste Kassin.

Also in der Strafvollzugsanstalt Fuhlsbüttel. Zellengenossen waren sie da wahrscheinlich gewesen.

»Spielt er Tennis?«, fragte Hark. Es hätte ihn beruhigt. An Tennisspieler kam er heran, selbst wenn es große Tiere waren.

»Kann schon sein«, sagte Kassin. »Aber nicht bei uns. Wenn schon, dann im feinsten Tennisclub von Hamburg. Hat auch schon ein Bundesverdienstkreuz. Geht bei Senatoren ein und aus. Hat den größten Teil seiner alten Freunde natürlich längst abgeschrieben. Aber mich nicht! Ich habe ihm vor einem Jahr den Schmuck meiner Frau verkauft. Und ich habe ihm reinen Wein eingeschenkt. Wollte ja nicht, dass er mich von einem Killer umlegen lässt, weil ich ihn reingelegt habe. Der Schmuck meiner Frau stammte aus einem Villeneinbruch. War schon zehn Jahre her, eine meiner letzten Sachen. Aber immerhin, ich musste es ihm sagen. >No problem<, hat er gesagt. Paul Fiedler. Schon von ihm gehört?«

»Der Pelzhändler?«, fragte Hark. »Von Pelz-Fiedler?«

»Tja, mein Lieber«, sagte Kassin. »Pelzhändler müsste man sein! Ich hätte damals bei ihm einsteigen können. Das heißt: Damals hat er noch mit gestohlenen Pelzen gehandelt. Im großen Stil. Stand mit internationalen Hehlerringen in Verbindung. So wie heute bestimmt auch mit Brillanten. Er brauchte eine Gang, die Pelzgeschäfte knackte. Ich sah damals die Zukunft noch im Teppichgeschäft, und ich war auch schon halb ehrbar geworden. So sind wir als Kumpel auseinandergegangen, aber Freunde sind wir geblieben.«

»Und du bist sicher, dass wir uns auf ihn verlassen können?«, fragte Hark.

»No Problem«, sagte Kassin. Wie es schon Paul Fiedler gesagt hatte.



6

Pierre Reupert träumte von Liebe und Mord. Er träumte davon, seinen Chef zu erschießen und seine Kollegin Gaby zu lieben.

In Norbert Kassin, seinem Chef, sah er den widerlichsten Menschen der Welt. Er konnte sich an einen Lehrer erinnern, unter dem er ähnlich gelitten hatte. Aber das war nur eine schwache Ähnlichkeit. Der Lehrer hatte ihn auch nur ein paar Stunden pro Woche schikanieren können. Kassin schikanierte ihn den ganzen Tag, beziehungsweise die ganze Nacht, denn er arbeitete ja in einem Nachtclub. Der schikanierte ihn bis in die unbezahlten Überstunden hinein.

»Du bist der Dümmste, den ich je hatte«, pflegte ihn Kassin anzupöbeln. »Noch so ein Ding, und du fliegst raus!«

Auf diese Weise genervt, unterlief Pierre Reupert tatsächlich immer wieder so ein Ding, und es hätte nicht viel gefehlt, und er hätte sich selber als der dümmste Mann der Welt gefühlt. Kassin hatte ein teuflisches Geschick darin, die Lacher auf seine Seite zu ziehen. Er war auf seine miese Art eine treffsichere Stimmungskanone. Alle lachten über seine üblen Witze und über Pierre Reupert.

Auch Gaby, die bei anderen Gelegenheiten so bezaubernd lachen konnte.

»Mach dir nichts draus!«, tröstete sie ihn immer wieder. Und wenn er ihr einen seiner Witze erzählte - er war nämlich nicht nur als unfreiwilliger Komiker eine große Nummer, er hatte auch ein natürliches Talent zur Komik -, dann konnte Gaby herzlich lachen.

Es gab eigentlich keinen Zweifel, dass sie ihn mochte. Heimlich. Denn vor Kassins Augen hätte sie gar nicht zeigen dürfen, dass sie ihn mochte. Es gab auch keinen Zweifel, dass sie Mitleid mit ihm hatte. Und es gab wohl auch leider keinen Zweifel, dass sie ihn nicht liebte. Noch nicht.

Doch wenn er ihr erst einmal richtig imponiert hatte - mit mehr als einem netten, kleinen Witz -, warum sollte sie sich dann nicht in ihn verlieben? Weil er ein Jahr jünger war als sie und sie mehr auf ältere Männer zu fliegen schien? Das konnte er ihr austreiben. So tief war seine Stimmung noch nicht gesunken, dass er sich nicht selber im Spiegel Blicke zuwarf.

Er war ein hübscher Junge, das wusste er. Ältere Damen fanden Gefallen an ihm, fanden allerdings allzu häufig auch Gefallen daran, ihn mit ihrem Gelächter zu peinigen, wenn Kassin mal wieder seinen bösen Zauber mit ihm trieb.

Na ja, was man liebt, das quält man, sagte er sich. Er hatte nämlich festgestellt, dass er Gaby gerne ein bisschen gequält hätte. Mit seinen früheren Freundinnen war das auch so gewesen. Die hatte er auch gerne gequält. Ein wenig. Auch seine Mutter hatte er gequält, und er quälte sie bis auf den heutigen Tag. Ob er sie allerdings wirklich jemals geliebt halte und womöglich immer noch liebte, war ihm nicht klar. Er brauchte sie, das war ihm wichtig, und wenn sie weinte, kam es vor, dass er litt. Er quälte sie eben nicht immer gerne. Gaby hätte er gerne mal weinen sehen, da war das etwas anderes.

Mädchen, die sich nicht quälen ließen oder ihn nicht zum Quälen anmachten, konnte er nicht lieben. Das hatte er festgestellt. Zur Liebe, das war die Philosophie seiner einundzwanzig Jahre, gehörte ein wohldosierter Schuss Sadismus. Dabei war er die Gutmütigkeit in Person. Das sagte er sich jedenfalls selber, und auch seine Mutter sagte es ab und zu. Die sagte allerdings mal dies und mal das, sie wechselte ihre Meinungen, wie der Wind drehte, und sie konnte gleichzeitig zwei Standpunkte vertreten, die sich völlig widersprachen. So nannte sie ihn manchmal auch herzlos.

Sadismus war ihm dagegen auch in den kleinsten Portionen zuwider, wenn er sich gegen ihn selbst richtete. Kassin war ohne Frage ein großer Sadist und kein kleiner. Aber er hatte die ganze Bandbreite des Sadismus in seinem Repertoire und konnte auch kleine Stiche setzen. Pierre litt auch unter diesen feinen Stichen, er litt darunter vielleicht sogar besonders, und das schien Kassin bemerkt zu haben. Wenn es auch nur den geringsten Anhalt dafür gegeben hätte, dass Kassin schwul war, hätte Pierre glauben können, er werde insgeheim von ihm geliebt. Nein, es war keine verkappte Liebe, aber es war eine Art von Gefallen, den Kassin an dem jungen Mann fand, den er zum Tölpel erklärte und zum Tölpel machte. Vielleicht hatte er seinen Spaß daran, vielleicht war es sein Zeitvertreib, vielleicht brauchte er ihn für seine schlechte Laune. Er war übrigens keineswegs ein übellauniger Kerl, er war ganz einfach launisch, seine Launen erlebten Hochs und Tiefs, häufiger sogar Hochs. Auch wenn er bester Laune war, hatte Pierre nichts zu lachen, da hatten nur die anderen zu lachen, auf seine Kosten. Aber der immer wieder angedrohte Rausschmiss unterblieb, und so saß Pierre jedenfalls nicht mehr die nackte Existenzangst im Nacken. »Lieber arbeitslos, als Kellner im >Feuerball<«, war zwar seine ständige Rede. Aber eben nur seine Rede. Vor der Arbeitslosigkeit hatte er Angst, während er den Job bei Kassin hasste. Und mit Hass lässt sich besser leben als mit Angst.

Er hielt nach anderen Stellen Ausschau. Aber sein ganzes Herz packte er da nicht hinein. Zum einen schwankte er zwischen Pessimismus und Realismus. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt war mies, und wenn er wirklich etwas anderes fand, dann blieb die Frage, ob er den Fluch des Tölpels wirklich ablegen konnte. Zum anderen machte er sich Hoffnungen auf bessere Zeiten im >Feuerball<.

Er hatte einmal Gäste belauscht. »Der Laden ist hoffnungslos verschuldet«, hatte er einmal aufgeschnappt. »Länger als ein halbes Jahre kann Kassin den nicht mehr halten. Dann schluckt ihn Hoffmann mit Mann und Maus.«

Hoffmann war der Mann, auf den Pierre hoffte. Hoffmann, hatte er herausbekommen, war ein Mann, dem mehrere Nachtclubs in Hamburg gehörten, und in dessen »Bezirk« der >Feuerball< lag. Hoffmann war auch schon einmal im >Feuerball< gewesen.

Kassin hatte ihn umfächelt und umschmeichelt, und als er auch dabei wieder Pierre in seiner gewohnten Art in den Hintern trat, hatte das Hoffmann gar nicht gefallen. »Lassen Sie den Jungen doch in Ruhe!«, hatte er gesagt. »Der ist schon in Ordnung.« Was also bedeutete, dass Hoffmann selber in Ordnung war. Und die Hoffnung hieß nun, dass Pierre Reupert der Mann sein würde, den Hoffmann schluckte. Und Gaby, die Maus. Die Liebe zu Gaby war der dritte Grund, die Stellung bei Kassin zu halten.

Pierre war kein Naivling. Er fragte sich durchaus, ob sie nicht ein Verhältnis mit Kassin hatte.

Dass Kassin es mit Melissa, der dunkelhäutigen Stripperin des >Feuerball<, trieb, war ziemlich eindeutig. Und dass er zu Hause eine Frau hatte, war noch bekannter. Die saß nämlich häufig an der Bar und ließ sich volllaufen. Sie zählte übrigens zu den älteren Damen, die ein wohlwollendes Auge auf Pierre warfen. »Du bist ein netter Bengel!«, hatte sie ihm schon zugeflüstert.

Wenn sie nicht an der Bar saß, saß sie zu Hause am Telefon. Jedenfalls hatte Kassin ihr in aller Öffentlichkeit die horrenden Telefonrechnungen um die Ohren geschlagen. Im übertragenen Sinne.

»Ich schlage keine Frauen«, sagte er häufig.

Aber das war vielleicht nur eine seiner leeren Redensarten. Pierre konnte sich gut vorstellen, dass er Gaby schlug. Es war seine Lieblingsvorstellung, wenn er im Bett lag, die Augen geschlossen hatte und sich zum Schlafen kuschelte: Kassin schlug Gaby, um sie sich gefügig zu machen. Er hatte sie schon an ein Bett gefesselt, nackt, denn er hatte ihr die Kleider vom Leib gerissen. Er schlug sie, dass sie stöhnte. Aber sie spuckte ihm ins Gesicht. Da verlor Kassin die Beherrschung und zückte sein Messer. Jetzt konnte nur noch ein Wunder Gabys Unschuld und Leben retten. Pierre sprengte mit einem gewaltigen Schulterstoß die verschlossene Tür, riss die Pistole hoch und jagte Kassin sechs Kugeln in den Bauch.

Die Pistole und die sechs Kugeln waren wohl noch das Realste an diesem Traum. Er besaß eine Pistole mit vollem Magazin. Sein Vater hatte sie aus dem Krieg mitgebracht.

Achtzehn Jahre war der Vater bei Kriegsende gewesen. Offiziersanwärter, in Dänemark stationiert. Sie waren auf dem Marsch in die russische Kriegsgefangenschaft gewesen, durch Dänemark und dann durch Schleswig-Holstein: Ein paar Kilometer südlich der deutschen Grenze war ihm die Flucht geglückt. Mit der Pistole. Er halte sich bis Hamburg durchgeschlagen. Seine Eltern hatten damals noch die Wohnung in Lokstedt gehabt, die Pierre später als »Oma-Wohnung« kennengelernt hatte. Den Großvater hatte Pierre nicht mehr erlebt. Mit nur 55 Jahren war er an einem Herzinfarkt gestorben. Er sei ein Opfer der ersten Fresswelle nach der Währungsreform geworden, meinte Pierres Mutter. Der Vater hatte düster gesagt: »Bei uns Reuperts werden die Männer alle nicht alt. Mein Großvater wurde nur 65, mein Vater nur 55, ich vielleicht nur 45.« Auf schaurige Art war seine düstere Vision Wirklichkeit geworden. Er war nur 48 Jahre alt gewesen, als er in seinem Taxi ermordet wurde. Die Pistole, die ihm vielleicht das Leben gerettet hätte, hatte er nicht bei sich gehabt.

Pierre, damals zehn Jahre alt, hatte sich am Grab seines Vaters geschworen, den noch nicht gefassten Mörder zu jagen und mit dieser Pistole, die er nun als seine eigene ansah, zu erschießen. Und Kassin war nicht erst der zweite Mann, von dessen Erschießung er träumte.

Mindestens einmal im Jahr wechselte Pierre sein Wunschopfer. Der Mörder seines Vaters lief übrigens immer noch frei herum. Der Polizei war gar nichts zuzutrauen, das war Pierres festverwurzelte Meinung.

Kassin hasste er, die Arbeitslosigkeit fürchtete er, und die Polizei verachtete er.

Pierre hatte aus dem Fehler seines Vaters gelernt. Er hatte die Pistole stets bei sich, nicht gerade am Körper, aber doch in seinem Auto. Dort hatte er sie mit Klebeband unter dem Vordersitz versteckt. Es war ein gutes Gefühl, in dem alten R 5 durch die Stadt zu fahren und die Pistole griffbereit zu wissen. Einerseits beruhigte ihn das, andererseits verschaffte es ihm den angenehmen Kitzel eines gefährlichen Lebens. Dass er ein gefährliches Leben liebte, hatte er Gaby anvertraut. Und es hatte sich sogar die Gelegenheit ergeben, ihr feierlich zu sagen: »Bei uns Reuperts sterben die Männer alle jung. Mein Urgroßvater wurde nur 55, mein Großvater nur 45, mein Vater nur 35. Ich bin also schon mit 25 dran.«

Dass er nur noch vier Jahre zu leben hatte, war auf Gaby sichtlich nicht ohne Eindruck geblieben. Dass er der schauerlichen Wirkung wegen das Todesalter seiner Vorfahren um zehn Jahre gekürzt hatte, konnte sie ja nicht wissen. Aber es hätte ihr wohl wenig Eindruck gemacht, wenn er noch ganze vierzehn Jahre zu leben gehabt hätte. Das musste sie ja als Ewigkeit empfinden. Sie hatte auf alle Fälle erst mal abgewartet, und es war ja gerade seine Hoffnung, dass sie sich ihm aus weiblicher Schwäche für die letzten vier Jahres seines Lebens würde schenken wollen.

Kassin hatte sie schon einmal in seinem alten, braunen Oldsmobile Toronado nach Hause gefahren. Pierre wäre ihnen nachgefahren, wenn Kassin ihn nicht in jener Nacht wieder einmal zu Überstunden spezieller Art verdonnert hätte: Er hatte einen stockbesoffenen Stammgast nach Hause schaffen müssen. Kassin, der Sadist, spielte sich seinen Kunden gegenüber gerne als Kumpel auf. Er ließ einen, der besoffen vom Barhocker gefallen war, nicht einfach fallen. »Wer im eigenen Wagen auf anständige Weise gekommen ist, kommt auch im eigenen Wagen wieder auf anständige Weise nach Hause«, predigte er. »Er braucht seinen Wagen doch am nächsten Tag!«

Statt eine Schnapsleiche also in ein Taxi zu verfrachten, wurde sie behutsam auf den eigenen Rücksitz gebettet und nach Hause chauffiert. Nicht selten kam es vor, dass Pierre dann auch noch behilflich sein musste, einen solchen Kunden auszukleiden und ins Bett zu bringen. Bei seinen besten Freunden machte Kassin das sogar persönlich. »Ich habe eben ein Herz!«, brüstete er sich.

Ob er an jenem Abend sein Herz an Gaby verschenkt hatte und sie womöglich das ihre an ihn, blieb eine jener Ungewissheiten, die einen Verliebten quälen. Es war gut möglich, dass Kassin, der ja einen Blick für Schwächen hatte, besonders für die von Pierre, dessen Schwäche für Gaby längst erkannt hatte, und dass er seinen Nebenbuhler, den er natürlich nicht als Nebenbuhler, aber vielleicht als Spion ernst nahm, mit diesem Sonderauftrag bewusst ausgeschaltet hatte, oder dass er eben ganz einfach die Gunst der Stunde genutzt hatte.

Am nächsten Tag hatte Pierre Gaby darauf angesprochen. »Hat er dich gestern ... «

Er hatte sich vorgenommen gehabt, sie ganz cool und frech mit dem unmissverständlichen Wort festzunageln. Aber jetzt war es ihm nicht über die Lippen gekommen, dieses dreckige Wort, für das ihn seine Mutter früher geohrfeigt hatte. Und er hatte sich sogar gewünscht, dass Gaby ihn dafür ohrfeigen würde. Nicht, weil er den Schmerz an sich als süß empfunden hätte. Aber es wäre für ihn der Beweis gewesen, dass Gaby anständig war, und dass sie gestern Abend auch anständig geblieben war.

»Hat er was?«, hatte Gaby cool gefragt. Sie hatte ihm herausfordernd in seine aufgerissenen Augen gestarrt, seine Hemmungen erkannt und vielleicht sogar wahrgenommen, dass er rot geworden war, und war sich dabei mit der Zungenspitze über die Oberlippe gefahren, was verdammt erotisch ausgesehen hatte.

»Hat er dich nach Hause gefahren?«, hatte Pierre lahm gefragt.

»Natürlich.«

»Warum darf ich dich nie nach Hause fahren?«

»Weil ich sonst immer mit Martina fahre. Aber ich war gestern später dran und wollte sie nicht warten lassen.«

»Absichtlich?«

»Was absichtlich?«

»Er hat dich absichtlich so lange beschäftigt, bis Martina schon weggefahren war! Damit er dich nach Hause bringen konnte. Weil er von dir das wollte, was alle Männer wollen.«

»Kann schon sein, dass er das gewollt hat«, hatte Gaby gesagt und ihm den Rücken zugedreht. Einen in diesem Augenblick ganz bezaubernden Rücken mit den nacktesten Schultern der Welt.

Er hatte über ihre Antwort lange und tiefsinnig gegrübelt. Es war ihm, als habe sie ihm ein Rätsel aufgeben wollen, dessen Lösung schwierig zu finden, aber, einmal gefunden, kristallklar war. Er hatte keine kristallklare Lösung gefunden. Die Lösung, die er hatte, war nur geraten. Aber immerhin riet er optimistisch, dass Kassin zwar gewollt, Gaby ihn aber nicht gelassen hatte.

Die weitere Entwicklung schien ihm recht zu geben. Kassin brachte Gaby nicht mehr nach Hause. Oder tat er es nur nicht mehr vor seinen Augen? Es war ihm ja ein Leichtes, Pierre mit einem betrunkenen Gast nach Hause zu schicken und Gaby anschließend in seinen amerikanischen Schlitten zu schieben. Jeden Abend tat er das nicht. Natürlich nicht. So potent war der Fettsack einfach nicht mehr. Einmal pro Woche, mehr traute er ihm gar nicht zu. Aber einmal im Leben war schon einmal zu viel, wenn es dabei um Gaby ging.

Er hatte versucht, es aus Melissa herauszubekommen. »Hat Kassin jetzt was mit Gaby?«, hatte er sie gefragt.

»Bist du eifersüchtig, Süßer?«, hatte sie grinsend reagiert.

»Wenn du grinst, brauche ich ja wohl nicht eifersüchtig zu sein«, hatte er gesagt. »Denn du würdest ja nicht grinsen, wenn du bei Kassin plötzlich abgemeldet wärst.«

»Weißt du, was dich das angeht?«, fragte sie schnippisch.

Er brach das Gespräch ab. Was konnte Melissa schon wissen? Sie hätte ihm höchstens sagen können, ob Kassin noch mit ihr schlief. Und wenn er noch mit ihr schlief, was bewies das schon?

Vielleicht war Kassin viel potenter, als es den Anschein hatte? Vielleicht war Kassin sogar ungewöhnlich potent und konnte mit Gaby schlafen, ohne Melissa zu vernachlässigen? Vielleicht war Kassin, der Teufel, potenter als er selber, der mit einundzwanzig Jahren in der Blüte seiner Manneskraft stand, dabei jedoch verkümmerte, weil Gaby kein Interesse zeigte und er keine außer Gaby wollte?

Er begann, Kassin genauer zu beobachten. Und er fand, dass Kassin sich in letzter Zeit verändert hatte. Er wirkte straffer, jünger, hoffnungsvoller. Vielleicht allerdings auch nervöser. War das die Auswirkung der Liebe zu einer so viel jüngeren Frau wie Gaby? Oder hatte sein schlecht laufendes Geschäft Aufwind bekommen?

Pierre lebte in Zweifel und Missmut vor sich hin, ohne Initiative, aber nicht ohne die Hoffnung. Eines Tages würde das Schicksal seinem Leben einen Stoß geben, glaubte er. So hatte er es einmal in einem Horoskop gelesen. Eingetreten war es allerdings nicht. Aber vielleicht hatte das Horoskop nur im Datum nicht gestimmt.

An einem regnerischen Vorsommertag - es war der 11. Juni, ein Mittwoch - erhielt er den ersehnten Stoß vom Schicksal, ohne ihn freilich spüren zu können. Es war ein kleines, scheinbar harmloses Erlebnis. Welche Explosionskraft es in sich barg, erkannte er erst später.

Er fuhr an diesem Tag in seinem kleinen, alten Renault in das Parkhochhaus in der Nähe vom Berliner Tor. Er wollte seinen besten Freund besuchen, Frank Schilling, den ehemaligen Klassenkameraden, mit dem er im Alter von zwölf Jahren Blutsbrüderschaft getrunken hatte, etwas, was nach wie vor galt, was in dieser für ihn so schweren Zeit vielleicht noch mehr galt als je zuvor.

Frank Schilling hatte ihm ein paar Platten für seinen neuen CD-Spieler ausgeliehen, im Tausch gegen einige CD-Platten. Sie waren die gleichen Hard-Rock-Fans. Sie waren ja in fast allem die Gleichen. Am gleichen Tag hatten sie sich ihren Traum erfüllt und die CD-Spieler gekauft. »Es ist einfach der absolute Sound!«, hatten sie gemeinsam gesagt. Beide hatten dafür gespart, und beide hatten trotzdem noch Schulden machen müssen, denn die billigsten Geräte für neunhundert Mark hatten sie sich nicht zulegen wollen.

Frank Schilling wohnte ganz in der Nähe der S-Bahn-Station Berliner Tor, und wie fast immer war auch an diesem 11. Juni am späten Nachmittag - es war gegen halb sechs - kein Parkplatz vor seinem Haus zu finden gewesen. Also war Pierre in das nahe Parkhochhaus gefahren.

Auf dem ersten Parkdeck war ihm ein brauner Oldsmobile Toronado aufgefallen, der gleiche Wagen, wie ihn sein verhasster Chef fuhr. Und als er einen Blick auf das Nummernschild warf, stellte er fest, dass es tatsächlich der Wagen seines Chefs war.

Was machte sein Chef hier am Berliner Tor? Hatte er etwa in der Nähe ein Liebesnest für sich und Gaby eingerichtet?

Der Parkplatz neben dem braunen Toronado war frei. Aber nicht wirklich frei, wie Pierre beim genaueren Hinsehen merkte. Kassin hatte seinen riesigen Wagen sehr schlecht geparkt. Er stand schräg und außerdem noch viel zu weit rechts. Das rechte Vorderrad stand noch auf dem weißen Trennstreifen, wo es auch nicht hingehörte. Das rechte Hinterrad stand fast einen halben Meter weit im Parkplatz nebenan. Dadurch war der Platz blockiert.

Pierre beschloss, seinem Chef einen Denkzettel zu verpassen. Anonym natürlich. Aber einen Denkzettel im wahrsten Sinne des Wortes: Er würde ihm einen Zettel an die Windschutzscheibe klemmen.

Er hielt und nahm seinen Taschenkalender heraus. Mit dem Kugelschreiber malte er in Blockbuchstaben seine Beschimpfung: LERN ERST MAL PARKEN, DU BLÖDE SAU! In Blockbuchstaben, weil Kassin seine Handschrift möglicherweise erkennen würde. Er riss das Blatt aus dem Taschenkalender, klemmte es hinter den Scheibenwischer an die Windschutzscheibe und suchte sich zufrieden einen Parkplatz im zweiten Parkdeck. Da würde Kassin seinen Wagen ja nicht entdecken.



7

Mittwoch, der 11. Juni - diesen Tag hatten Norbert Kassin, Hark Feiermut und Irene Sommer für den Raubüberfall auf das Juweliergeschäft Helmut Jürgensens festgelegt. Kassin hatte den Termin sicherheitshalber auch mit Paul Fiedler, dem Hehler, abgesprochen. Drei Minuten vor Geschäftsschluss - um 17.57 Uhr also - wollten sie vor dem Geschäft am Eppendorfer Baum direkt im Halteverbot stoppen, aussteigen und mit unauffälliger Schnelligkeit auf die Tür zugehen.

Den Wagen, den sie bei diesem Überfall benutzen wollten, hatte Kassin in der Nacht zuvor in einer dunklen Seitenstraße geknackt und in das Parkhochhaus am Berliner Tor gefahren. Dort hatte er es auf dem dritten Parkdeck abgestellt. Es war ein unauffälliger, dunkelblauer Opel Rekord.

Das Parkhochhaus am Berliner Tor war eine wichtige Basis für ihren Coup. Dort hatten sie sich am Tag des Überfalls um zehn Minuten nach fünf getroffen. Sie hatten ihre Wagen im ersten Parkdeck abgestellt, wobei Kassin wenig sorgfältig eingeparkt hatte.

Kassin hatte die gesamte Ausrüstung in seinem Wagen gehabt: Die beiden Pistolen, die Regenmäntel, die Hüte, die Turnschuhe, die Damenstrümpfe, die Handschuhe und zwei Lufthansa-Taschen für die Beute. Auf der Toilette des Parkhochhauses hatten sie sich umgezogen. Dann waren sie im Treppenhaus ins dritte Parkdeck hochgestiegen und hatten sich in den gestohlenen, blauen Opel Rekord gesetzt. Sicher war er inzwischen als gestohlen gemeldet, aber hier im Parkhochhaus war er natürlich niemandem aufgefallen, und auch bei der Fahrt durch die Millionenstadt Hamburg war die Wahrscheinlichkeit, dass sie auffielen, praktisch gleich null.

Um 17.30 Uhr - fast in derselben Minute, in der Pierre Reupert Kassins Oldsmobile Toronado auffiel - setzten sie sich vom dritten Parkdeck aus mit dem blauen Opel Rekord in Bewegung. Sie fuhren Richtung Eppendorf, und sie hatten keine Eile. Sie hatten Zeit, einmal am Eppendorfer Baum entlang zu fahren. Es war siebzehn Minuten vor sechs. Alles war in Ordnung. Sie fuhren noch eine Runde und gingen hundert Meter vor dem Juweliergeschäft in Warteposition.

Noch acht Minuten.

Es waren noch sieben Minuten, als ein roter VW Golf direkt vor dem Juweliergeschäft hielt. Im Halteverbot. Auf genau jenem Platz, den sie einnehmen wollten. Die Beifahrertür öffnete sich. Eine Frau stieg aus und eilte auf das Juweliergeschäft zu.

»Beruhige dich!«, sagte Kassin zu Hark Feiermut, ohne dass der ein Zeichen von Nervosität von sich gegeben hätte. »Scheint eine eilige Besorgung kurz vor Ladenschluss zu sein. Der Mann bleibt wahrscheinlich am Steuer sitzen. Bis wir kommen, sind die wieder weg. Oder auch nicht. Macht auch nichts. Wir halten dann hinter dem roten Golf. Und die Frau im Geschäft wird eben eine zusätzliche Geisel.«

Die Minuten verrannen. Niemand kam aus dem Geschäft heraus. Kassin blickte auf den Sekundenzeiger seiner Quarzuhr und begann mit dem Countdown: »Zehn, neun, acht, sieben, sechs, fünf, vier, drei, zwei, eins, los!«

Hark Feiermut, der den Wagen fuhr, setzte sich in Bewegung.

Er stoppte hinter dem roten Golf. Sie griffen nach ihren Taschen und stiegen aus. Sie bahnten sich ruhig den Weg durch einige eilige Passanten und blieben vor der Eingangstür des Juweliergeschäfts für einen Augenblick stehen. Sie erkannten nur zwei Kunden im Geschäft, eine jüngere Frau - wahrscheinlich die Dame aus dem roten Golf - und einen beleibten Herren mit weißen Haaren. Der weißhaarige Herr wurde vom Chef bedient, die junge Frau von Karin, Helmut Jürgensens jüngster Eroberung, wie sie von Irene Sommer wussten. Irene Sommer stand untätig herum, blickte gerade auf die Uhr und hob in dieser Sekunde den Blick zur Tür und starrte sie ah.

Kassin öffnete mit der linken Hand die Tür, während er sich mit der rechten die Strumpfmaske über das Gesicht zog. Hark Feiermut war geschickt genug, sich die Strumpfmaske mit der linken Hand bis über das Kinn zu ziehen und gleichzeitig mit der rechten Hand die Pistole in die Tasche seines Regenmantels fest zu umfassen. Die leere Lufthansa-Tasche für die Beute hing mit ihren Trägern über seinem linken Arm. Sie hatten vorher alles geübt.

Feiermut sprang als erster ins Geschäft, zog die Pistole hervor und rief: »Keine Bewegung! Dies ist ein Überfall!« Kassin drängte sich hinter ihn und schloss die Tür.

Kassin ging auf Irene Sommer zu und setzte ihr die Pistole an die Schläfe. »Schließen Sie die Tür zu, marsch!«, befahl er. Feiermut hielt mit seiner Pistole die drei anderen in Schach. »Nur die kleinste Bewegung, und ich schieße!«, zischte er.

Irene Sommer griff nach den Schlüsseln und ging steif zur Tür. Sie spielte ihre Rolle gut. Hark Feiermut und Kassin hatten sich in die Tiefe des Raums zurückgezogen, um mit ihren Pistolen nicht in die Blickwinkel der vorbeieilenden Passanten zu geraten.

Kassin erkannte mit seiner kriminellen Erfahrung, dass ihnen nur von einer Person im Raum Gefahr drohte: vom Chef dieses Ladens. Sein Vorurteil, dass Juweliere weibische Typen seien, bestätigte sich bei Helmut Jürgensen nicht.

Jürgensen wirkte ausgesprochen viril, herrisch, angriffslustig. Man konnte sich sehr gut vorstellen, wie er mit seinen stark behaarten Händen blitzschnell zugriff oder losschlug. Er war kein Athlet - zumindest trieb er keinen Sport, wie sie von Irene Sommer erfahren hatten, von der sie auch wussten, dass er schon 48 Jahre alt war. Aber er wirkte jung und schien in bester Form zu sein, körperlich, geistig und auch seelisch. Er hatte kein Gramm Fett zu viel, und wenn er animalisch wirkte, dann wie ein schlankes, flinkes Raubtier.

»Befolgen Sie bitte genau die Anweisungen der beiden Herren!«, sagte er jetzt ruhig. »Ich bin gut versichert. Keiner braucht für mich ein Wagnis einzugehen.«

Er blufft, dachte Kassin. Er will es auf ein Wagnis ankommen lassen. Einfach, weil das hier sein Revier ist und er der Platzhirsch. Und weil ihn eine tierische Wut gepackt hat, und keine Angst da ist, die ihn bremst. Hoffentlich, dachte Kassin, ist Hark Feiermut auf der Hut.

Denn es war abgemacht, dass Hark Feiermut sich den Juwelier vornehmen sollte, während er, Kassin, Irene Sommer mit der Pistole zwang, die andere Hälfte der interessanten Vitrinen zu öffnen.

Von Karin, der jungen Verkäuferin, und den beiden Kunden drohte keine Gefahr, wie Kassin mit seiner Menschenkenntnis als Barbesitzer und Gangster sie einschätzte. Karin war ein kleines, zierliches, sehr hübsches Blondchen, ein gefärbtes Blondchen zwar, aber im Innern sicher mehr blond als dunkel. Als Weibchen war sie sicher raffiniert. Wahrscheinlich wusste sie sehr gut, wie man sich nehmen ließ, und wie man selber nahm.

Und dabei hatte sie nichts von jener gottverdammten Ehrdusseligkeit, die manchen Menschen in solch einer Situation zum schwachsinnigen Helden macht. Die hübsche Karin durfte er links liegen lassen.

Der beleibte Herr mit den weißen Haaren war sicherlich gut betucht. Reiche Leute wissen besser als jeder andere, wo ihr Nutzen liegt und wo ihr Schaden anfängt. Reiche werden manchmal für ihren eigenen Reichtum zu Helden, aber nicht für das Hab und Gut anderer.

Die Kundin schließlich war eine schwarzhaarige, hektisch wirkende asthenische Person, die sichtlich Mühe hatte, nicht in Ohnmacht zu fallen - was schlimmstenfalls von ihr zu erwarten war.

Feiermut hatte sich den Juwelier schon vorgenommen. Er ließ die erste Vitrine aufschließen und packte dann den Schmuck mit der linken Hand in die Lufthansa-Tasche. Sie hatten von Irene Sommer eine genaue Skizze bekommen und danach ihren Schlachtplan ausgearbeitet. Feiermut startete in der äußersten rechten Ecke des Juweliergeschäfts. Kassin trieb von der äußersten linken Ecke aus Irene Sommer vor sich her, von Vitrine zu Vitrine. So marschierten sie aufeinander zu, hatten stets alles vor Augen und den Rücken frei.

Alles schien gutgegangen zu sein, als es doch noch passierte. Sie hatten sich schon in der Mitte getroffen und waren dabei, die letzten Vitrinen auszuräubern. Hark Feiermut war schon fertig und befahl Jürgensen, den Reißverschluss der Lufthansa-Tasche zuzuziehen. Dies war der Augenblick des Triumphs, dies war der Augenblick des Aufatmens, dies war der einzige Augenblick, in dem die Konzentration von Hark Feiermut erschlaffte - so wie sie auch nach einem verwandelten Matchball erschlaffte.

Dies war der Augenblick, auf den sich Helmut Jürgensen konzentriert hatte.

Nur aus dem Augenwinkel nahm Kassin wahr, was geschah. Jürgensen hatte blitzschnell mit beiden Händen Hark Feiermuts Pistole gegriffen und verdrehte ihm die Hand im Gelenk. Eine Sekunde noch, und er würde die Pistole erbeutet haben. Ohne Komplizen wäre Hark Feiermut verloren gewesen.

Kassin schoss, ohne zu zögern. Die asthenische Kundin schrie auf und brach ohnmächtig zusammen.

Kassin hatte an die Decke geschossen. Er wollte keinen Mord. Aber wenn es sein musste, wenn er den wild gewordenen Juwelier mit diesem Warnschuss nicht stoppen konnte ... Er zielte auf Jürgensens Kopf.

Aber es klappte. Der Warnschuss hatte gewirkt. Jürgensen ließ von Hark Feiermut ab und hob kapitulierend die Hände.

Kassin und Feiermut stürmten zur Tür. Kassin zerrte Irene Sommer mit. Sie musste die Tür wieder aufschließen. Sie tat es mit ruhiger Hand. So verloren sie keine Sekunde.

Sie liefen zu ihrem blauen Opel Rekord und sprangen hinein, Feiermut hinter das Steuerrad, Kassin auf den Beifahrersitz.

Der Motor sprang sofort an. Geschafft, dachte Feiermut.

Kassin wusste in dieser Sekunde, dass sie es noch nicht geschafft hatten. Er hatte eine Beobachtung gemacht, die ihn erschreckte. Sein Blick war auf das Gesicht des Golffahrers gefallen, als sie aus dem Laden stürmten.

Es waren nicht erst die Strumpfmasken der beiden Männer, die ihn aufschreckten.- Er war schon vorher aufgeschreckt. Er halte die Scheibe heruntergekurbelt, sich weit vorgebeugt und den Hals gestreckt, um durch die Schaufensterscheiben in das Geschäft zu sehen. Er musste den Schuss gehört haben. Und vielleicht hatte er seine Frau zusammenbrechen sehen. Das Entsetzen in seinem Gesicht war mörderisch. Er musste annehmen, seine Frau sei von der Kugel getroffen worden.

Mit gespitzten Ohren nahm Kassin wahr, wie der Golfmotor ansprang - noch bevor Feiermut den Motor im Opel Rekord gestartet hatte. Und als Feiermut Gas gab und am Golf vorbeifuhr, heulte der Golfmotor geradezu böse auf.

»Jetzt zeig mal, dass du Auto fahren kannst!«, sagte Kassin zu Feiermut. »Der Kerl verfolgt uns!«

»Welcher Kerl?«

»Der im roten Golf. Der, der vor dem Laden gewartet hat. Der, dessen Frau ohnmächtig geworden ist, weil ich wegen deiner Dusseligkeit einen Warnschuss abgeben musste. Jetzt glaubt der Idiot, wir hätten sie umgelegt. Und er gehört nicht zu den Männern, die einem dafür dankbar sind! Im Gegenteil! Ich habe das ungute Gefühl, dass er seine Alte auf Gedeih und Verderb rächen will. Fahr endlich schneller, du Pfeife! Häng ihn ab!«

»Ich fahre schon achtzig! Aber er bleibt hinter mir! Kannst du mir sagen, wie ich den abhängen soll?«

»Hast du noch nie einen Film mit einer Autoverfolgung gesehen? Reiß den Wagen mit schleuderndem Heck durch die Kurven! Fahr bei Rot über die Ampeln! Fahr verkehrt rum durch Einbahnstraßen!«

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738911473
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v371354
Schlagworte
träume liebe mord

Autor

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Titel: Träume von Liebe und Mord