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Das Vermächtnis der Hölle

2017 120 Seiten

Leseprobe

Das Vermächtnis der Hölle

von Al Frederic


Der Umfang dieses Buchs entspricht 115 Taschenbuchseiten.


Klappentext:

Zwei Jungen schleichen sich eines Nachts zu den Felsengräbern in der Nähe von Istanbul, um für ihren Biologieunterricht nach Skelettknochen zu suchen – eine Mutprobe, denn es heißt, dass es dort spukt. Tatsächlich finden sie zwei Totenköpfe und nehmen sie mit. Ihr Lehrer Virgil Kane erkennt, dass die Fundstücke sehr alt und wertvoll sind, deshalb soll der Hausmeister der Schule sie zum Fundort zurückzubringen. Der habgierige Mann wittert jedoch ein gutes Geschäft und trägt sie zu Ronald Price, einem passionierten Sammler archäologischer Artefakte. Hellauf begeistert behält dieser einen der Totenschädel und bemerkt kurz darauf, dass dem Ding plötzlich Haare wachsen. Ein gefährliches Monster erwacht zum Leben – und das Unheil nimmt seinen Lauf …


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© Cover nach Motiven von Pixabay, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

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postmaster@alfredbekker.de



Die Hauptpersonen des Romans:

Woody Seale - Ein zehnjähriger Lausejunge, der vor seinem Freund nicht als Angsthase dastehen möchte.

Jack Allen - Der Dreikäsehoch bereut sein Draufgängertum erst spät.

Virgil Kane - Biologielehrer, der auch Kenntnisse auf dem Gebiet der Parapsychologie besitzt.

Ronald Price - Dem in Istanbul wohnenden Amerikaner wird seine Passion für archäologische Fundstücke zum Verhängnis.



1

„Ich habe Angst“, sagte Woody Seale.

„Willst du etwa kneifen?“ Verachtung schwang in Jack Allens Stimme, und er sah den Freund aus schmalen Augen an.

„Ich habe wirklich verflixte Angst, Jack.“

„Du kannst nicht mehr zurück, jetzt nicht mehr.“ Jack wandte ihm den Rücken zu und ging den flachen Hang hinab. Ungefähr auf seiner Mitte drehte er sich wieder um. „Es wäre ungefähr so schlimm wie Mord, jetzt abzuhauen. Wenn du’s tust, erzähle ich morgen früh überall in der Schule herum, was für ein Hasenfuß und Verräter du bist.“

Woody schaute eine Weile zu ihm herunter, nagte an der Unterlippe.

Jacks Gestalt war nur noch als Schattenriss zu erkennen. Woody kämpfte die Furcht und das widerstrebende Gefühl in sich nieder, gab sich einen innerlichen Ruck und folgte dem Freund.

„Wenn wir uns verirren, kann uns keiner helfen. Keiner weiß, wo wir überhaupt sind“, gab Woody noch zu bedenken. Jack machte eine verächtliche Handbewegung.

„Ich kenne mich aus in den Felsengräbern, mein Lieber. Es ist nicht das erste Mal, dass ich hier herumstöbere.“

„Bei Nacht?“

Jack blieb stehen und schaute Woody zurechtweisend an. „Ich habe doch eine Taschenlampe aus Dad’s Arbeitszimmer mitgehen lassen. So, und nun mach endlich Schluss mit dem Gequengel. Wir sind nicht nur auf Forschungsreise, dies ist auch eine Mutprobe, und wenn du sie nicht bestehst, bist du bei mir für ewige Zeiten unten durch.“

Diese Worte gaben Woody den nötigen Antrieb. Sie waren mit Endgültigkeit gesprochen worden, und mehr noch als ein Appell an sein Ehrgefühl mussten sie als Befehl gewertet werden. Woody, der etwas schmächtige blonde Junge mit den ausdrucksvollen blauen Augen, wollte vor seinem Freund auf gar keinen Fall als Angsthase dastehen. Jack war der Stärkere, er galt als Champion in der Klasse. Es bedeutete eine Niederlage vor allen, in seiner Gunst zu sinken.

Jack war stämmig, draufgängerisch und in der Schule dreist. Die krausen pechschwarzen Haare und die dunklen Augen in dem breiten Gesicht waren ein lebendiger Beweis dafür, dass südeuropäische Einwanderer Mitbegründer seiner aus Boston stammenden Familie gewesen sein mussten. Jack strebte nun mit langen Schritten auf das Ziel seiner Wünsche zu, und Woody blieb nichts übrig, als sich ihm anzuschließen.

Schales Mondlicht zeichnete die Konturen der Landschaft, die sich vor ihnen ausbreitete. Auf vielen Quadratkilometern Terrain erhoben sich Hunderte, nein, Tausende von spitzkuppigen Felsen. Sie waren nicht besonders hoch, boten aber dennoch ein überwältigendes Bild. Sie standen dicht nebeneinander wie Zuckerhüte, und in ihren weißen Wänden gähnten Höhlenmäuler.

Menschliche Behausungen gab es weit und breit nicht. Die Vegetation war spärlich. Es schien unglaublich, dass sich knapp fünfzehn Kilometer vom nördlichen der asiatischen Stadtteile Istanbuls eine solch bizarre Gegend befand.

Jack hatte Woody oft von den Höhlen erzählt, zu denen er manchmal abenteuerliche Ausflüge unternahm. Die Buben hatten sich als Kinder nordamerikanischer Techniker, die als Berater für die Errichtung von Kraftwerken in die Türkei gekommen waren, in der Elementarschule angefreundet. Jack hatte in Büchern gelesen, dass die Kegelfelsen vulkanischen Ursprungs waren. Sie hatten sich aus Tuffstein unter Erosionswirkung so eigentümlich geformt.

Es hieß, in den Höhlen spuke es, die Toten gingen um, Geister und Dämonen trieben ihre grausigen Späße mit ahnungslosen Wanderern, die sich hierher verirrten.

„Ab morgen beschäftigen wir uns eingehender mit der Anatomie, also der Beschaffenheit des Menschen“, hatte Mr. Virgil Kane, ihr Lehrer, während des Biologieunterrichtes gesagt. „Wer Anschauungsmaterial besorgen kann, soll es bitte mitbringen.“

Jack hatte gegrinst und geheimnisvoll getan. In der Pause war er dann mit seiner Idee herausgerückt: „Besseres Anschauungsmaterial als ein paar Totenschädel und alte Knochen aus den Felsengräbern gibt es nicht. Wir machen eine Expedition dorthin, Woody, und morgen kommen wir ganz groß raus, das schwöre ich dir.“

Woody war Feuer und Flamme gewesen, hatte Jack doch seine Neugierde genügend geschürt. Er hatte ein halbes Dutzend Eide leisten müssen, keinem Menschen etwas zu verraten, nicht einmal Mom und Daddy. Er hatte dem großen Moment regelrecht entgegengefiebert, dann, eine halbe Stunde nach Mitternacht, war es so weit gewesen.

Jack hatte ein paar kleine Kiesel gegen Woodys Zimmerfenster geworfen, doch das wäre nicht nötig gewesen, denn Woody hatte die ganze Zeit über hellwach gelegen. Im Haus schliefen alle, also hatte er ungehindert in die Garage hinuntergehen und sich sein Fahrrad holen können. Sie waren durch den düster und menschenleer daliegenden Stadtteil Kandilli gefahren, und Woody hatte sich wie ein Held gefühlt.

„Komm schon“, sagte Jack und holte ihn abrupt in die Wirklichkeit zurück. Sie schlichen jetzt inmitten der spitzen Felsen umher. Woody stolperte ein paarmal über herumliegende Gesteinsbrocken, doch der Freund knipste die Taschenlampe noch nicht an, schien sich im Mondlicht ausreichend zurechtzufinden.

„Ich glaube, so sieht es auf dem Mars aus“, meinte Woody leise. Er merkte, dass seine Stimme ein bisschen vibrierte, und ärgerte sich.

„Gut, wir sind also auf dem Mars.“

„Unser Raumschiff steht oben, auf dem Hügel, von dem wir gerade kommen.“

„Irgendwo lauern die Ungeheuer.“

„Welche Ungeheuer?“

„Na, die Marsungeheuer, die uns umbringen wollen.“

„Sind sie bewaffnet?“

„Klar, aber ich habe eine Strahlenpistole.“ Jack hob die Taschenlampe wie eine Faustfeuerwaffe und gab ein paar zischende Geräusche ab, die die Schüsse imitieren sollten. Als Woody seinen Arm packte, verharrte er und blickte sich drohend nach allen Seiten um.

„Jack, hast du das gehört?“

„Nein.“

„Es hat gedonnert, glaube ich.“

„Das sind die Marsmenschen. Sie kommen aus ihren Löchern.“

„Quatsch, ich meine das jetzt im Ernst. Es hat wirklich gedonnert.“ Jack horchte eine Weile in die Stille hinaus, dann schüttelte er energisch den Kopf. „So ein Unsinn. Da ist nichts. Und der Himmel ist ganz sternklar, also kann’s überhaupt kein Gewitter geben.“ Er stapfte weiter voran. Woody schloss rasch auf, denn er wollte auf keinen Fall allein bleiben.

Jack blieb vor einem der spitzen Felsen stehen und meinte: „Wir sind da. Wir brauchen bloß noch raufzuklettern. Du wirst Augen machen, was für prima Schädel in den Gräbern herumliegen.“ Er leuchtete die Felswand ab. Deutlich war nun ein schmaler Pfad zu erkennen, der wie eine Wendeltreppe rund um das Gebilde verlief und in einen flachen, lang gezogenen Schlund mündete. Jack trat an den Felsen, setzte einen Fuß auf den Pfad und machte eine auffordernde Kopfbewegung zu seinem Freund hin. „Na los, beeilen wir uns.“

Woody hielt sich dicht hinter Jack, und er war versucht, sich hilfeheischend an dessen Gürtel festzuhalten. Der Gesteinssims, den sie beschritten, war schmal. Ein falscher Tritt, und man stürzte ab. Woody erinnerte sich, gelesen zu haben, dass man in solchen Fällen stur geradeaus und ja nicht nach unten schauen sollte, und das tat er auch. Je höher sie kamen, desto verbissener wurde seine Miene. Oben in der flachen Grotte angekommen, atmete er auf.

Jacks Finger spielten mit der Taschenlampe. Er war auch aufgeregt, vermochte das aber gut zu vertuschen. „Wir gehen jetzt ’rein. Weit brauchen wir nicht zu laufen, dann finden wir schon die ersten Skelette.“

„Jack, die Geister!“

„Was hast du jetzt schon wieder?“

„Was machen, wir, wenn die Geister kommen und uns fressen wollen?“

„Blödsinn. Es gibt keine Geister, Dämonen, Vampire und so’n Zeug.“

„Aber du hast doch selbst gesagt ...“

„Die Türken erzählen sich solche Geschichten über die Felsengräber“, schnitt Jack ihm das Wort ab, „aber ein richtiger Forscher glaubt so was natürlich nicht. Klar?“

„Klar“, sagte Woody, obwohl er alles andere als überzeugt war.

Jack hatte wirklich nicht zu wenig versprochen. Sie waren in die Höhle eingedrungen und hatten ein paar zaghafte Schritte durch den Gang gemacht, der in den Felsen hineinführte. Sie mussten die Köpfe einziehen, weil der Stollen flach war. Ein Erwachsener konnte hier bestimmt nur kriechen oder auf den Knien vorwärtsrutschen. Als Jack den Lichtstrahl der Taschenlampe kreisen ließ, machte Woody die Nischen in den Felswänden aus.

Seine Augen weiteten sich. Grausige Skelette hockten in den Gräbern. Er hatte keine Ahnung, warum man sie da hineingesetzt und nicht gelegt hatte, aber das war ihm auch völlig egal. Das Licht fiel in eine Ecke, aus der heraus sie ein besonders gut erhaltener Totenschädel angrinste. Woody stöhnte entsetzt auf.

Jack lachte leise und ziemlich gezwungen. „Angst?“

„Ein bisschen.“

„Die Gerippe beißen nicht.“

„Hast du’s ausprobiert?“

Jack ging auf den Knochenmann in der Nische zu, streckte die freie Hand aus und führte sie auf die matt glänzenden, schadhaften Zahnreihen in dem Schädel zu. Da sprang Woody mit einem Aufschrei zu ihm hin und stieß ihn auf die Seite. „Er hat sich bewegt“, stieß er hervor, „ich habe genau gesehen, wie er sich bewegt hat.“

„Du bist ja verrückt.“ Jack war gegen die Felswand geprallt, hatte dabei die Taschenlampe verloren. Mit ärgerlicher Miene hob er sie wieder auf. „Mann, noch so was und ich schließe dich aus der Expedition aus. Reiß dich doch zusammen.“

Er wollte noch etwas hinzufügen, aber in diesem Moment kam unterschwellig und wie aus weiter Ferne Donnergrollen auf. Woody drängte sich unwillkürlich dicht an Jack. Das Geräusch nahm zu und verstärkte sich zu Krachen. Kurz darauf zuckte ein Blitz, der den gesamten Gang erhellte, der Boden neigte sich, und das Einzige, was die beiden Jungen noch begriffen, war, dass sich der Stollen unter ständiger Vergrößerung des Neigungswinkels in eine Art Rutschbahn verwandelte. Sie schrien beide. Unter Rumpeln, Blitzen und Qualmentwicklung sausten sie in die Tiefe hinab. Sie blieben liegen, wimmerten und klammerten sich in heller Verzweiflung aneinander.

„Wo sind wir?“, fragte Woody. Er zitterte am ganzen Leib.

„Ich habe keine Ahnung.“

„Was war das?“

„Frag mich doch nicht.“

Gelbe und rote Blitze zuckten, und wieder bebte der Untergrund unter dem schrecklichen Donner. Sie sahen, dass sie in einer großen Höhle gelandet waren. Qualm und Gestank schwängerten die Luft. Woody musste husten. Jack gab einen warnenden Laut von sich und verkrampfte seine Finger um Woodys Unterarm.

Woody schaute in die Richtung, in die Jack angestrengt blickte. Er gewahrte die Gestalten, die nun durch den gelben Nebel herangehüpft und gelaufen kamen und unheimliche, nie gehörte Laute von sich gaben. Woody wäre am liebsten auf der Stelle im Boden versunken. Er glaubte, sterben zu müssen.

„Die Geister“, flüsterte er mit versagender Stimme.

Böse grinsend strichen sie heran, eilten an ihnen vorüber, berührten sie jedoch eigenartigerweise nicht.

Woody bedeckte sich die Augen und jammerte verhalten vor sich hin, Jack aber konnte den Blick einfach nicht von den Schauergestalten wenden. Er wusste nicht, was sie waren und wie viele sie waren, denn sie wechselten andauernd ihr Aussehen und ihre Anzahl. Mal verfolgte er wenige plumpe Schemenwesen, durch die man hindurchsehen konnte. Sie hatten keine Gliedmaßen, keine richtigen Körper, aber grässliche Antlitze, in denen sich die ganze Grausamkeit und Tücke der Hölle widerzuspiegeln schien. Mal teilten sie sich, nahmen konkretere Gestalt an und waren hässliche Gnomen und Kobolde, die sich an den Händen packten und im Kreis tanzten. Mal rannten sie als tierähnliche, jedoch abstoßend aussehende Kreaturen über den Höhlengrund.

Sie tanzten eine ganze Zeit herum. Jack hatte sich nach einem Fluchtweg umgeschaut, aber es gab keinen. Woody wiederholte nur immer wieder: „Sie töten uns, sie töten uns.“

Doch unvermittelt ging der Spuk vorüber. Die Gräuelwesen hetzten zur hinteren Höhlenseite davon. Jack meinte noch, etwas erkennen zu können: Sie schienen klappernde Skelette zu tragen oder sonst irgendetwas, das für sie von Bedeutung war. Genaues erkannte er nicht.

Am Ende der Höhle schimmerte es plötzlich matt. Jack kniff die Augen zusammen und stellte fest, dass es sich um eine runde Öffnung handelte. Gleich dahinter war ein Stück Sternenhimmel zu sehen. Er lachte und stieß Woody an, doch der regte sich nicht.

Jack rüttelte ihn, da kam er langsam zu sich. „Woody! Sie sind fort. Wir können raus. Los, beweg dich doch.“

Taumelnd liefen sie auf die Öffnung zu. Jack hatte die Taschenlampe endgültig verloren, doch sie sahen auch so genug. Woody hatte Angst, der Auslass würde aus irgendeinem schrecklichen Grund wieder zufallen, doch als sie im Freien waren, veränderte sich sein Gesichtsausdruck, und auch er strahlte vor Freude.

Jack blieb stehen und bückte sich. „He, guck dir das an!“

Woody näherte sich nur zögernd. Fast hätte er wieder losgeschrien, als er begriff, was da auf dem Boden verstreut lag. Er beherrschte sich jedoch im letzten Moment. Jack kniete neben zwei ausgebleichten Skeletten, deren Knochen sich vollständig voneinander gelöst hatten, deren Konturen jedoch noch erkenntlich waren. Die Rippen lagen in Reih und Glied übereinander und zu den Wirbelsäulen hin ausgerichtet. Die Bein und Fußknochen waren verkrümmt, über den Schulterblättern lagerten die Schädel.

Jack tippte den einen Schädel vorsichtig mit dem Finger an. Es geschah nichts. Er atmete erleichtert auf. „Na prima. Die Köpfe nehmen wir mit. Los, den einen nimmst du, Woody!“

Woody stolperte vor Schreck zwei, drei Schritte rückwärts. Er riss einen Arm hoch und presste die Hand vor den Mund. „Nein! Das mache ich nicht. Denk an die Geister. Sie werden sich rächen.“

„Die Geister!“ Jack konnte schon wieder verächtlich grinsen. „Na schön, ich geb’s ja zu. Du hast recht gehabt, die Geister gibt es wirklich. Aber jetzt sind sie weg. Die trauen sich nicht, uns anzufassen, das hast du doch gemerkt.“

„Sie können uns auch anders bestrafen.“

„Wie denn?“

„Ich weiß es nicht“, sagte Woody verzweifelt.

„Dann rede keinen Quatsch.“ Jack nahm den einen Schädel zwischen die Finger und richtete sich halb auf. „Du hast die Schuld, dass die Geister gekommen sind. Du hast dauernd geredet und gebrüllt. Das haben sie gehört. Jetzt machst du deinen blöden Fehler wieder gut und trägst wenigstens den einen Schädel.“ Er warf Woody den grausigen bleichen Totenkopf zu.

Woody sah ihn auf sich zufliegen. Mehr instinktiv als bewusst fing er ihn auf. Dann hielt er ihn in den Händen und schaute ihn voll Grauen an. Irgendetwas hemmte ihn, ihn einfach fallen zu lassen. Er setzte sich auf den Boden, schaute in die hohlen Augenkammern des Kopfes, dann begann er haltlos zu weinen.



2

„Hoffentlich wird es für dich nicht gefährlich, meinen Wagen zu benutzen“, sagte Virgil Kane. Er schaute ihr tief in die schönen braunen Augen und spürte das starke Verlangen, sie in die Arme zu nehmen. Er hatte eine Querstraße vor der Elementarschule von Istanbul-Kandilli gehalten und schickte sich nun an, sich von ihr zu verabschieden. Er wollte ihr sein Auto für den Rest des Vormittags überlassen.

Sie küsste ihn. „Liebling“, erwiderte sie dann, „vergiss nicht, dass ich offiziell bereits von ihm getrennt bin. Bill McNally hat nicht das Recht, mir Vorschriften zu erteilen oder mich zu kritisieren. Ihm wurde schließlich die Schuld am Scheitern unserer Ehe zugesprochen.“

„Er hat dich misshandelt, aber er hängt auf seine Art an dir.“

„Er ist eine Bestie, Virgil.“

„Soll ich mit ihm sprechen?“

„Nein, ich bitte dich.“ Sie sah ihn fast flehend an. „Ich möchte nicht, dass unser Glück durch einen ... einen Zwischenfall gestört wird. Er würde handgreiflich werden, falls du ihn aufsuchen würdest.“

„Crystal, sollte er dir auch nur ein Härchen krümmen, bringe ich ihn um.“

Sie schüttelte den Kopf, lächelte, küsste ihn wieder. „Aber nein. Bis zur endgültigen Scheidung lebt er noch in einem Teil unserer Wohnung, darauf hat er ja laut Gütertrennung ein Recht. Aber wir sind wie zwei Fremde zueinander, Virgil. Wir wechseln kein Wort miteinander und sehen uns nie.“

„Trotzdem“, entgegnete er betrübt, „er hat dich nicht vergessen. Ich glaube, er beobachtet uns. Vielleicht hegt er nach wie vor diese absonderliche Hassliebe zu dir. Ich halte das nicht mehr aus. Es muss etwas geschehen.“

„Hab doch Geduld.“ Sie fuhr mit ihm mit einer Hand über die Wange. „Bald ziehen wir zusammen, dann wird alles Schlimme ein Ende haben. Solange bitte ich dich um Nachsicht. Würde ich jetzt schon die Wohnung verlassen, um mit dir zusammenzuleben, könnte Bill McNally mir vor Gericht einen Strick daraus drehen. Du weißt doch, was für gerissene Anwälte er hat.“

„Eben deshalb fürchte ich, der Wagen könnte uns Verdruss bringen.“

„Bill weiß gar nicht, was für ein Auto du fährst.“

„Na“, sagte er, „vielleicht sehe ich auch alles ein bisschen zu schwarz. Hoffentlich taucht der Kerl nicht heute Abend überraschend bei der Party in Prices Villa auf. Das gäbe Ärger.“

„Willst du absagen?“

Seine Züge verhärteten sich. „Auf keinen Fall. Wir haben uns auf diesen Abend gefreut, und jetzt gehen wir auch hin. McNally kann von mir aus hundertmal ein alter Bekannter von Ronald Price sein. Ich schätze doch, dass er so viel Takt besitzt und nicht ausgerechnet während unserer Anwesenheit auf der Bildfläche erscheint.“

Crystal rutschte auf den Fahrersitz hinüber und fuhr davon. Der junge Lehrer überquerte die vierspurige Bebekstraße vor dem Schulgebäude und betrat den Hof. Bis zum Beginn des Unterrichts waren noch etwa fünf Minuten Zeit. Das kam ihm gelegen. Er ging nicht erst ins Lehrerzimmer, sondern suchte sogleich den Raum auf, in dem die Schüler der fünften Klasse untergebracht waren. Natürlich befand sich noch niemand im Zimmer. Kane fand also die nötige Muße, um einige Vorbereitungen für die erste Stunde, Biologie, zu treffen.

Er hängte eine schmale Karte über der Tafel auf und rollte sie aus. Die Zeichnung darauf stellte den Menschen in seinem Knochenbau dar. Als nächstes teilte er Merkblätter auf den Bänken aus, für jeden Schüler eines. Er hatte die Matrize selbst geschrieben und vervielfältigt. Kane klappte sein Lehrbuch auf dem Pult auf, dann war er so weit. Er setzte sich hin, stützte die Ellbogen auf und dachte über das Unterrichtsthema nach. Seine berufliche Aufgabe nahm er sehr ernst. Er legte großen Wert darauf, den Mädchen und Jungen seiner Klasse in den naturwissenschaftlichen Fächern etwas mehr beizubringen, als das normalerweise in einer Elementarschule der Fall war. Überhaupt, dieses letzte Gebiet beschäftigte ihn auch privat. Er interessierte sich für Anthropologie und Ökologie, für Verhaltensforschung und Psychologie und neuerdings für eine Materie, durch deren Fachliteratur er sich geradezu hindurchfraß: die Parapsychologie.

Virgil Kane sann angestrengt nach, doch dann glitten seine Überlegungen wieder ab und er dachte an Crystal, die er zu seiner Frau machen wollte. In den Staaten wäre sie längst geschieden gewesen. Aber in Istanbul dauerte so etwas Monate wegen umfangreicher bürokratischer Praktiken.

Er wurde in seinen Grübeleien unterbrochen. Die Schulglocke ließ ihren schrillen Klang hören. Schritte trappelten heran, die ersten Mädchen und Jungen kamen in den Klassenraum gelaufen. Als sie ihren Lehrer am Pult entdeckten, mäßigten sie ihren Schritt und schauten fast ein bisschen verlegen drein.

Jack Allen traf gewöhnlich mit Verspätung ein. Heute aber war er unter den ganz Pünktlichen, obwohl er durchaus keinen ausgeschlafenen Eindruck machte, im Gegenteil. Woody Seale, der mit Jack eine der vorderen Bänke teilte, kam als Letzter, war sehr blass im Gesicht und wirklich verstört.

Kane stellte fest, dass beide als Zeichen größter Müdigkeit dunkle Ringe unter den Augen hatten. Er wunderte sich darüber, sprach sie aber nicht daraufhin an.

Kane begrüßte die Kinder, machte seine Eintragungen ins Klassenbuch und ging sofort zum Stoff über. „Wie bereits gestern angekündigt, befassen wir uns heute früh mit der Anatomie des Menschen“, sagte er und wies dabei auf die schmale Karte. „Vorerst nehmen wir den Knochenbau durch, also im Grunde den Apparat, der uns aufrecht hält, uns gehen, laufen, springen, überhaupt alle Bewegungen ausführen lässt. Selbstverständlich kann das nur im Zusammenspiel mit den Muskeln und dem Nervensystem geschehen, aber das wollen wir zunächst einmal hintenan stellen.“ Er räusperte sich und steuerte auf den Gang zwischen den Bankreihen zu. „Ich habe euch Merkblätter angefertigt, damit wir besser zusammenarbeiten können. Falls noch jemand von euch entsprechendes Anschauungsmaterial besorgen konnte, bitte. Er soll es ruhig vorzeigen.“

Jetzt stand Jack Allen von seinem Platz auf, holte den Plastikbeutel hervor, den er über der Schultasche getragen hatte, und legte ihn demonstrativ auf die Platte der Bank.

Kane wandte sich ihm zu. Ihm entging nicht, dass Woody Seale noch bleicher wurde, dass der Junge apathisch und furchtsam dahockte. Jack kümmerte sich nicht darum, er leerte die Plastiktüte mit einem Ruck aus. Woody stöhnte auf, die Klassenkameraden ließen Rufe des Entsetzens vernehmen, vor allem die Mädchen.

Die beiden Totenschädel lagen da und grinsten Kane an. Er lächelte, hob den einen auf und betrachtete ihn fachmännisch. Den anderen sah er sich auch eingehend an, aber jetzt veränderte seine Miene sich. Prüfend schaute er Jack an.

„Woher hast du diese Exemplare?“

„Von meinem Daddy“, behauptete der kesse Schwarzhaarige.

„Dein Daddy hat also Original-Totenschädel, die Jahrtausende alt sind, bei sich im Arbeitszimmer oder irgendwo anders herumliegen? Jack, jedes Stück ist ein kleines Vermögen wert, besonders dieser hier.“ Er hielt ihn in die Höhe, dass ihn alle genau betrachten konnten. „Seht euch das an. Wir haben es hier mit einer Spezies Mensch zu tun, die über einen auffallend flachen Kopfbau, eine fliehende Stirn und stark hervortretende Wangenknochen verfügte.“

Er zeigte den anderen Kopf zum Vergleich vor. „Dieses ist indes das Überbleibsel eines bereits, sagen wir, normalen Menschen. Flache Schädel wie der gezeigte gehen auf ein prähistorisches Zeitalter zurück. Ich würde das Stück mit den bei Cro Magnon oder Aurillac in Frankreich entdeckten Schädeln vergleichen, vielleicht sogar mit dem des Pekingmenschen.“ Wieder blickte er Jack Allen an. „Also, heraus mit der Sprache, mein Junge. Woher stammen die Totenköpfe? Ich rufe wirklich nicht gern deinen Vater an, um mich zu vergewissern, dass du geschwindelt hast.“

Da drehte Jack sich um und verkündete es laut und stolz: „Na gut. Ich habe die Dinger vergangene Nacht aus den Felsengräbern geholt. Woody war dabei, er hat die Mutprobe eben bestanden. Wir haben eine richtige Expedition unternommen, Mr. Kane, und ich schätze, Sie können zufrieden mit uns sein.“

Virgil Kane war es ganz und gar nicht. „Ihr seid allein zu den Felsengräbern hinausgefahren? Ich nehme an, ohne das Wissen eurer Eltern. Meine Güte, was hätte euch alles passieren können. Gut, ich will jetzt kein Drama daraus machen, geschehen ist geschehen. Ich werde auch eure Eltern nicht unterrichten. Aber die beiden Schädel muss ich an mich nehmen.“

„Warum?“, rief Jack verblüfft aus.

„Was ihr getan habt, nennt man Leichen- oder Grabschändung“, entgegnete Kane. „Wenn die Behörden das herauskriegen, gibt es bestimmt Ärger.“

„Es braucht doch keiner rauszukriegen“, warf Jack ein.

„Tut mir leid, aber auf unser aller Schweigen kann ich mich wirklich nicht verlassen, obwohl ich euch natürlich sehr vertraue. Ich bin einfach verpflichtet, die Schädel zurückzubringen, wo ihr sie geholt habt, bevor die Sache an die große Glocke gehängt wird.“

„Aber sie lagen einfach so herum“, sagte Jack beleidigt.

„Ich finde sie widerlich“, bemerkte eines der Mädchen.

„Ich sage, es steckt der Teufel drin.“ Woody Seale sprach es heiser und voll Angst aus, doch niemand außer Kane schenkte ihm richtig Beachtung.

Kane legte die beiden unheimlich anzusehenden weißen Knochenköpfe auf sein Pult. Einen Augenblick lang war es ihm, als bewege sich der flache ein wenig zur Seite hin. Er verwarf das jedoch als glatte Einbildung, drehte sich wieder zu den Schülern um und meinte: „Da wir die beiden Prachtexemplare schon einmal hier haben, benutzen wir sie jetzt auch als Studienmaterial. Nach dem Unterricht lasse ich sie allerdings fortbringen. Euch beiden, Jack und Woody, rate ich, demnächst keine abenteuerlichen Ausflüge dieser Art mehr zu unternehmen, bei allem Verständnis, das ich für eure Initiative aufbringe. Ihr habt einen guten Beitrag leisten wollen, habt euch jedoch in der Auswahl vertan.“

Jack blickte sich beifallheischend um. Er sah an den Mienen der meisten Klassenkameraden, dass die Bewunderung für seinen Mut wieder um einiges gewachsen war.


3

Nach der Stunde packte Virgil Kane die beiden Schädel ein und trug sie in der Plastiktüte hinunter zum Direktor. Er hatte Glück, Direktor Charles Higginbotham hatte gerade keinen Besucher in seinem Büro, er konnte eintreten.

Als Kane die Fundstücke auf die blank polierte Platte des Schreibtisches legte, zog der Leiter der amerikanischen Elementarschule verwundert die Augenbrauen zusammen. Kane erzählte ihm die Geschichte von seinen zwei Schülern, die die wahnwitzige Idee gehabt hatten, mitten in der Nacht derartiges Anschauungsmaterial heranzuschaffen, verschwieg jedoch wohlweislich die Namen.

Am Ende lehnte sich Higginbotham zurück und stieß einen verärgerten Laut aus. „Wer sind die Jungen? Man muss sie zur Rechenschaft ziehen. Ich werde die Eltern benachrichtigen.“

„Bitte tun Sie es nicht, Sir. Die Burschen haben in dem guten Glauben gehandelt, etwas Nützliches zu leisten ...“

„... und werden weiterhin solche Streiche aushecken, wenn man ihnen keine Lektion erteilt“, vollendete Higginbotham den Satz. „Das ist wirklich ein starkes Stück, mein lieber Kane. Die Felsengräber stehen unter Denkmalschutz, wussten Sie das? Sollten die türkischen Behörden herausfinden, was da vorgefallen ist, so gibt es knüppeldicken Verdruss für uns. Nicht, dass wir sie fürchten müssen. Aber Sie wissen doch so gut wie ich, dass die Einheimischen sehr empfindlich reagieren, sobald man ihr Kulturgut und ihre Heiligtümer beschädigt oder etwas raubt.“

„Warum sichern die Türken ihr Kulturgut dann nicht besser ab?“, wollte der junge Lehrer wissen.

„Das steht auf einem anderen Blatt.“ Higginbotham blickte zur Seite und aus dem Fenster hinaus.

„Es traut sich so gut wie keiner mehr zu den Felsengräbern hinaus, denn es heißt, dort spuke es. Ich weiß, ich weiß, das ist sicherlich Mumpitz, doch es wundert mich umso mehr, wie ausgerechnet zwei Zehnjährige es wagen konnten, dort einzubrechen.“

Kane musste eine Weile argumentieren, bis er den Direktor davon abgebracht hatte, die Jungen zu bestrafen. Erst dann kam er auf den Hauptgrund seines Vorstoßes zu sprechen.

„Der eine Schädel stammt unter Garantie aus prähistorischer Zeit, der flachere der beiden. Sein Wert ist nicht abzuschätzen.“

„Was wollen Sie damit sagen?“

„Ich meine, vielleicht wissen die Türken überhaupt nicht, welche anthropologischen Reichtümer in ihren Tuffsteinfelsen lagern. Man müsste sie darauf hinweisen und dafür sorgen, dass dieser Kopf von einem Expertenteam untersucht wird. Möglich, dass wir dadurch neue Aufschlüsse über die Menschheitsgeschichte bekommen, und dass die Theorie über das Entstehen des Homo sapiens fundiert wird oder aber anders formuliert werden muss.“

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738911466
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v371352
Schlagworte
vermächtnis hölle

Autor

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Titel: Das Vermächtnis der Hölle