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Acht Glenn Stirling Liebesromane für den Strand

2017 900 Seiten

Zusammenfassung

Acht bezaubernde Liebesromane von Erfolgsautor Glenn Stirling in einem Band.
Romane um Schicksal und Liebe. Ärztliche Diagnosen entcheiden Schicksale ebenso wie die raue Natur der alpinen Bergwelt oder der Hass zwischen Familien. Aber am Ende siegt die Liebe.

Dieses Buch enthält die Romane:

Die Schatten der Vergangenheit

Wem der Berg zürnt

Wenn Liebe eine Entscheidung trifft

Sein Herz in ihren Händen

Denk nicht mehr an die Schatten

Wie weit die Liebe geht

Ein neuer Tag - ein neues Leben

Wie schwer die Schuld auch wiegt

Leseprobe

Ein neuer Tag - ein neues Leben

Arztroman von Glenn Stirling

Der Umfang dieses Buchs entspricht 126 Taschenbuchseiten.

Der neu ernannte Chefarzt der Hamburger Hafenklinik sorgt mit seinem rüden Benehmen dafür, dass die besten Ärzte neue Betätigungsbereiche suchen. Eine Kollegin geht mit ihrem Mann nach Amerika, Hella Grund wechselt zu einer angesehenen Herzklinik, wo gleich am ersten Tag die große Liebe lauert. Doch da gibt es einige Hinderungsgründe – nicht zuletzt die schwer kranke Patientin Ruth Kindermann.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

1

Professor Dr. Otto Gött starb, wie er gelebt hatte: Mit einem Paukenschlag.

Der weit über Hamburg hinaus bekannte Internist, dieser Mensch, der lebte und leben ließ, ihn traf es an seinem Stammtisch. Lachend starb er.

Sein langjähriger Freund, der Lotse Kapitän Jensen, hatte gerade einen Witz erzählt, einen von der Art in schwärzestem Humor, wie Gött Witze liebte.

Er hatte schallend gelacht, der massige Mann Gött, dieser Falstaff der Medizin, gelacht hatte er, und in diesem Lachen traf ihn der Gehirnschlag. Er war sofort tot.

Vier weitere alte Freunde, die mit am Stammtisch saßen und Ärzte waren, konnten ihm nicht mehr helfen. Niemand konnte das.

Achtundsechzig war er geworden, drei Tage war das erst her an diesem 19. Dezember 1985.

Er hatte seine Zigarren gepafft, in sich hineingestopft an Essen, was er mochte, was ihm gefiel, was ihm schmeckte. Und seinen Rotwein, seinen französischen Cognac. Er war genau der Typ gewesen, der seine Patienten nach seinem Willen nicht sein sollten. Ihnen hatte er Diäten verschrieben, an die er sich selbst nie gehalten hatte. Ein Mann von hohem Können, ein Mann von Format, der nicht leiden musste, als es ihn hinwegraffte, der praktisch lachend in den Tod gegangen war.

Als Dr. Ina Bender es erfuhr, das war am folgenden Morgen, da wurde ihr schlagartig klar, dass da mehr ging als ein Vorgesetzter. Mit Gött hatte sich ein Mensch auf den endlosen, ewigen Weg gemacht, der ihr eine Mischung aus Vater, Freund und Chef gewesen war. Ein Vorbild vor allem, was seine internistischen Kenntnisse anging. Einer, dessen Rat man sogar im fernen Amerika in Anspruch nahm, der aber immer Mensch geblieben war, den sein Ruhm niemals zu Stolz oder Arroganz verleitet hatte.

In der Klinik hatte der Tod eine Lücke gerissen. Viele waren bestürzt, aber für Ina war es einfach mehr.

Aber alles musste weitergehen. Die Patienten in den Zimmern hatten auch an diesem Tage ein Recht, dass man ihnen half, sich um sie kümmerte.

Die Kunde vom Tode Professor Götts weckte nur bei einem einzigen Menschen wirkliche Hoffnung, ja sogar Freude, die er natürlich nach außen nicht zeigte. Er tat, als hatte es ihn auch schmerzlich getroffen, aber in Wirklichkeit empfand er es als eine Fügung des Schicksals. Und er war sicher, dass man ihn jetzt, zumindest vorläufig, zum Chefarzt bestimmen würde.

Gemeint war Oberarzt Dr. Helmut Kiesewetter. In allem beinahe ein absolutes Gegenteil von Gött. Er war klein und schlank, sein etwas zu groß wirkender Kopf gab ihm das Aussehen eines typischen Wissenschaftlers, so wie die Leute ihn sich vorstellen. Die Goldrandbrille unterstrich das noch. Kiesewetter, der Denkautomat, wie Ina ihn manchmal nannte. Kiesewetter, dem viele nachsagten, er habe kein Herz. Ina wusste, dass es bei ihm auch gute Seiten gab, aber er ließ sie selten sehen, und es war auch nicht einfach, sie überhaupt zu bemerken.

Zunächst einmal lief alles weiter. Die Verwaltung der Klinik wollte bis zur Beisetzung Professor Götts keine Entscheidungen treffen. Der Oberarzt führte die Abteilung, wie es üblich war.

Aber schon in diesen vier Tagen bis zum Begräbnis von Professor Gött heizte sich die Gerüchteküche auf. Da war von einem anderen Chefarzt die Rede, der aus Essen kommen sollte, dann wieder von einem Engländer aus London. Beides berühmte Namen.

Doch bereits in den vier Tagen bis zum Begräbnis des einstigen Chefs zeigte sich Kiesewetter von seiner allerschlimmsten Seite.

Noch hatte sich Kiesewetter nicht einfach in das Zimmer seines Chefs gesetzt, so weit ging er nicht. Aber er begann bereits mit Reformen, die er schon immer gerne durchgeführt hätte, was aber bisher an Götts Einsprüchen gescheitert war. Nun aber gab es niemand mehr, der ihm da Einhalt gebieten konnte, und Kiesewetter legte los. Er krempelte den Dienstplan um, er scheuchte die ihm untergebenen Ärzte herum wie Dienstmädchen. Nur bei Ina wagte er das noch nicht. Aber selbst Inas Kollegen Dr. Ohlenschläger fuhr er an wie einen Schuljungen. Als der sich das nicht gefallen lassen wollte und ihm Kontra gab, bot Kiesewetter Ohlenschläger an, doch am besten einen anderen Platz zu suchen, eine andere Klinik.

„Wir zwei“, brüllte Kiesewetter, „kommen nie miteinander aus. Und das können Sie auch gleich Frau Bender sagen. Am besten, Sie suchen sich einen anderen Job. Nicht hier. Ich weiß genau, dass wir nicht miteinander auskommen.“

„Vielleicht“, meinte Ohlenschläger bissig, „fallen Sie über Ihre eigenen Beine, Herr Oberarzt! Ich betone Oberarzt, und das bleiben Sie für mich, mehr sind Sie nie gewesen, und mehr werden Sie auch nicht werden.“

Ohne sich um das Gesicht und den Wutausbruch Kiesewetters zu kümmern, ging Ohlenschläger und sprach dann während des Mittagessens mit Ina darüber.

Auch Ina glaubte, dass man dem Internisten aus Essen den Vorzug geben würde. Der war Professor wie Gött. Sie nahm an, dass man ihn holte.

Am 23. Dezember, unmittelbar vor dem Weihnachtsfest, wurde Gött beerdigt. Mehr als vierhundert Menschen begleiteten ihn auf seinem letzten Weg. Es herrschte ein scheußliches Wetter, Regen peitschte über den Friedhof. Und Ina, die ohnehin leicht erkältet war, fürchtete, dass sich ihr Schnupfen noch verschlimmern würde. Es war kälter, als von ihr gedacht. Vor allen Dingen der Wind pfiff eisig über den Friedhof, und die Nässe machte alles noch schlimmer.

Noch einmal musste sie an die ganzen Stationen denken, die sie gemeinsam mit Gött verlebt hatte. Noch einmal sah sie im Geist dieses gütige Lächeln eines Mannes, der auch unwahrscheinlich poltern konnte. Ein Mensch durch und durch.

Und dort am Grab, Ina schräg gegenüber, stand Kiesewetter. Mit verkniffenem Gesicht blickte er auf den Sarg hinunter.

Nein, dachte Ina, den machen sie bestimmt nicht zum Chefarzt. Das kann einfach nicht sein.

Die Gerüchte schwirrten auch beim Leichenschmaus um kein anderes Thema als um die Frage, wer Götts Nachfolger werden würde.

Alle wussten, dass Kiesewetter seine Habilitationsarbeit geschrieben hatte, aber habilitiert war er noch nicht. Das heißt, er war noch kein Dozent, und das war die Voraussetzung, um Professor zu werden. Aber Ina war bekannt, dass die Klinikleitung nicht unbedingt einen habilitierten Mann auf diesen Posten setzen wollte.

Später, als Ina schon zu Hause war, rief Frank aus Rom an, wo er mit seiner Maschine zwischengelandet war.

„Schatz“, sagte er, „ich bin gegen halb zehn in Fuhlsbüttel. Holst du mich ab?“

Ina lächelte beglückt. Der erste Lichtblick heute, dachte sie. „Aber natürlich hole ich dich ab!“, rief sie begeistert. „Bist du pünktlich?“

„Ich denke doch. Es wird ein paar Turbulenzen über den Alpen geben. Wie ist das Wetter bei euch? Es regnet, nicht wahr?“

„Ganz schön sogar. Ziemlich fieses Wetter. Aber ich weiß, du schaffst es.“

„Ich muss ja morgen früh pünktlich sein.“

Sie lachte. „Wehe, du bist es nicht!“ Morgen, dachte sie, als sie sich von Frank verabschiedet hatte, ist dieser große Tag. Verrückt, aber es war seine Idee, zu Weihnachten zu heiraten. Nun gut, er wollte nur eine standesamtliche Hochzeit. Überraschenderweise fand Opa das gut.

Drei Wochen hatte Frank Urlaub, der Hochzeitsurlaub.

Aber irgendwie hatte Ina kein allzu gutes Gefühl. Wenn sie nur an den Hochzeitsurlaub dachte, da spürte sie etwas Bedrohendes, das sie nicht zu ergründen vermochte.

Sie schob diese trüben Gedanken beiseite. Bestimmt, so sagte sie sich, hängt es damit zusammen, dass Professor Gött gestorben ist Es hat mich tiefer getroffen, als ich jemals gedacht hätte. Vielleicht auch deshalb, weil es so plötzlich gekommen ist.

Tante Hilde werkelte in der Küche, als Ina oben in ihrem Zimmer saß und schrieb. Es gab eine Menge nachzuholen, was eigentlich heute hätte erledigt werden müssen und durch das Begräbnis nicht geschehen war.

Sie hörte Opa unten husten. Einen Augenblick lang dachte sie daran, dass die Bronchien bei ihm so etwas wie seine Achillesferse waren. An dieser Stelle zeigte er immer wieder Anfälligkeit. Kein Wunder in seinem hohen Alter. Aber das war früher schon so gewesen.

Sie konzentrierte sich wieder auf ihre Schreibarbeit und wurde erst wieder an Opa erinnert, als sie unten mit Tante Hilde im Esszimmer saß. Opas Platz war zwar gedeckt, aber Opa selbst zum Essen nicht erschienen.

„Was ist mit ihm?“, fragte Ina besorgt.

Tante Hilde zuckte die Schultern. „Er ist heute ganz schlimm. Er hat heute früh schon mit mir geschimpft, und jetzt hat er sich hingelegt, fühlt sich nicht wohl, sagt er, er ist erkältet. Er hustet schon den ganzen Tag über. Ich habe gesagt, er soll ein Dampfbad machen, aber er will es nicht.“

„Nach dem Essen sehe ich nach ihm. Meinst du, er hat Fieber?“

Tante Hilde wusste es nicht, aber später stellte Ina dann fest, dass ihr Großvater doch etwas Fieber hatte. Der Zweiundachtzig-jährige, der im Frühjahr seinen dreiundachtzigsten Geburtstag feiern würde, wirkte erschöpft.

Erst protestierte er, dann ließ er sich von Ina abhören.

Es war wie immer, er hatte eine handfeste Bronchitis, eine akute zwar, aber in diesem Alter kein Spaß.

Als Ina mit Hustensaft und Brustsalbe anrückte, schimpfte Opa Bender wie ein Rohrspatz. Aber er ließ es sich dann doch gefallen, dass sie ihm einen Löffel Hustensaft einflößte.

Ina wusste, dass jedes Mal sein Kreislauf sehr bedenklich wurde, wenn es nicht gelang, die Bronchitis beizeiten einzudämmen.

„Opa, du wirst doch nicht schlapp machen! Ich will morgen heiraten, das weißt du doch.“

„Zum Glück keine große Feier“, meinte er knurrig.

„Nein, wir wollten es ganz für uns in aller Stille machen. Mit dir und Tante Hilde natürlich und ein paar Freunden.“

„Wird auch Zeit, dass ihr endlich heiratet“, meinte Opa, dann musste er wieder husten.

Sie sagte nichts dazu und meinte nur später: „Wenn du hier im Zimmer bleibst, kannst du ja an allem dabei sein. Aber du darfst nicht rausgehen. Und schlaf dich morgen ruhig aus. Du musst nicht mit zur Trauung fahren.“

Er sagte nichts.

Spät in der Nacht sah Ina noch einmal nach ihm; da schlief er. Aber seine Bronchien rasselten. Sie schlich leise wieder hinaus und freute sich auf morgen, da hatte sie frei.

So unmittelbar nach der Beerdigung von Professor Gött zu heiraten, kam ihr nicht sehr gut vor. Aber der Termin war lange vorbereitet und festgelegt. Sie konnte nicht mehr zurück. Nun, es würden ja nicht viele kommen. Ohlenschläger und seine Frau, Inas langjährige Freundin, aber auch Dr. Hella Grund, die schon viele Jahre mit Ina gemeinsam in der Inneren Abteilung gearbeitet hatte, und mit der sich Ina besonders in der letzten Zeit sehr gut verstanden hatte.

Am nächsten Morgen fühlte sich Inas Großvater viel besser. Er wollte aufstehen und nicht nur in der Wohnung herumgehen. Er wollte mit zum Standesamt. Ursprünglich hatte Ina ihn ja als Trauzeugen vorgesehen, und das wollte er auch sein.

Starrköpfig, wie Opa und viele Menschen in seinem Alter sein konnten, beharrte er darauf, mitzufahren.

Ina, die es nicht verantworten konnte, wollte ihn überreden, doch dazubleiben. Aber er blieb unbeirrt, und stur zog er sich seinen dunklen Anzug an. Er musste wieder husten, noch immer rasselte die Lunge. Aber er hatte es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, mitzufahren und behauptete zugleich, er wäre ja so gut wie nie im Freien, nur den kurzen Weg aus dem Auto ins Standesamt und wieder zurück. Und überhaupt, das mache ihm gar nichts aus, er fühle sich wieder blendend.

Er sah auch gut aus, das Gesicht leicht gerbtet. Einen kranken Eindruck machte er nicht. Und Fieber, das stellte Ina fest, hatte er ebenfalls nicht mehr.

Es hatte keinen Zweck, mit Opa zu streiten. Er gab nicht nach, wenn er diesen Blick hatte wie jetzt, das wusste Ina. Also ließ sie ihn gewähren. Schließlich war er schon viel länger erwachsen als sie selbst. Er musste wissen, was er tat.

Ina, die am Abend noch Frank vom Flughafen abgeholt hatte, widmete sich jetzt ihm, dem Mann, mit dem sie ihr weiteres Leben gemeinsam verbringen wollte. Und er war wirklich nicht nur ihr zukünftiger Mann, er war auch ein Traum von Mann für sie. Groß, dunkelhaarig, mit blauen Augen. Dieses Äußere allein hatte sie immer fasziniert. Der schwarze Schnurrbart, den er trug, gab ihm eine Persönlichkeitsnote. Aber er war mehr als Äußeres, das wusste Ina zu gut. Sie liebte ihn wahnsinnig. Und diese Liebe zu Frank hatte nie nachgelassen. Als er jetzt im dunklen Anzug neben ihr im Wagen saß, da war sie richtig stolz auf ihn. Tante Hilde hatte ja gestern noch gefragt, ob er in seiner Uniform als Flugkapitän heiraten würde, und da hatte er geantwortet:

„Wer heiratet schon in seinem Arbeitsanzug?“

Dabei war Tante Hilde, die das mit Enttäuschung quittierte, so begeistert, ihn in der Uniform zu sehen. Ina bedeutete das nichts. Und Opa fand es offenbar auch nicht gut, wenn Frank wie ein Soldat in Uniform mit ihr durch die Straßen ging.

Thomas, Inas Bruder, hatte zur Hochzeit nicht kommen können. Die französische Firma Moulinex, bei der er als Elektro-Ingenieur angestellt war, hatte ihn nach Brasilien in ein Zweigwerk geschickt. Seit einem Vierteljahr war auch die Familie mit dort. Es wäre zu kostspielig und von der Zeit her nicht möglich gewesen, dass Thomas mit seiner Familie zur Hochzeit gekommen wäre. Ina bedauerte das sehr. Und sie musste auch jetzt auf der Fahrt zum Standesamt daran denken.

2

Es regnete wieder, wie gestern zum Begräbnis Professor Götts. Ein ungemütliches Wetter, das Ina wegen Opa Sorge bereitete. Aber Opa kam halbwegs trocken ins Standesamt, und er machte da auch einen durchaus gesunden Eindruck.

Die geladenen Freunde waren schon da, auch Hella Grund, Ohlenschläger und seine hübsche Frau Marina, Inas beste Freundin. Auch Schwester Heidemarie, die Stationsschwester, war gekommen und berichtete Ina, als sie sich begrüßten, dass es ein Kunststück gewesen war, diesen freien Tag, den sie schon lange angemeldet hatte, auch wirklich zu bekommen.

„Kiesewetter macht alle verrückt. Aber das möchte ich Ihnen jetzt ersparen, Frau Doktor“, sagte Schwester Heidemarie. „Es ist sehr schlimm, wie das jetzt läuft, und das soll nun ewig so bleiben.“

„Ewig so bleiben?“, fragte Ina überrascht.

Aber da kam der Standesbeamte und bat sie in den Raum. Zu einer weiteren Unterhaltung mit Schwester Heidemarie kam Ina zunächst nicht mehr. Sie sah auch die gequält freundlichen Gesichter ihrer Freunde und ahnte, dass da etwas im Busch sein musste. Erst hatte sie geglaubt, es hinge mit der gestrigen Beerdigung zusammen. Aber dann vergaß sie das alles erst einmal.

Sie hatte es wie einen förmlichen Akt sehen wollen, diese Verehelichung mit Frank. Aber nun war ihr doch ganz merkwürdig zumute.

Der Standesbeamte gab sich Mühe, das alles etwas feierlich zu machen, und das gelang ihm auch.

Als beide ihr Ja-Wort gesprochen hatten und ihre Namen niederschreiben mussten, hätte sich Ina fast noch verschrieben. Sie und Frank hatten vereinbart, dass sie ihren Namen vor seinen setzen würde, und so unterschrieb sie mit Dr. Ina Bender-Berger.

Der obligate Kuss, der Glückwunsch der Beteiligten, und dann Opa, der mit seiner tiefen Altmännerstimme sagte:

„Ich wünsche, Kind, dass ihr beide viel Grund zum Lachen habt. Alles andere ist nicht so wichtig. Gesund sein und viel lachen.“

Es war irgendwie rührend, wie er das sagte, und Ina fühlte sich in diesem Augenblick wieder als Kind. Als ein Kind, das oft auf dem Schoß des Großvaters gesessen hatte. In diesem Augenblick liebte sie ihn so sehr, dass sie ihn am liebsten umarmt hätte. Sie tat es dann auch, küsste ihn auf beide Wangen, und er brummte, wie er es meist in einer solchen Situation tat:

„Nun mach mich nicht ganz verlegen, Kind. Tu das mit ihm und nicht mit. Mir.“

Er warf einen kurzen, grimmig wirkenden Blick auf Frank, und Ina wusste in diesem Augenblick nicht, ob er Frank darum beneidete, dass er sie hatte. Denn diese Hochzeit, das wusste Ina auch, war nicht nur ein Schnitt in ihr Leben, auch ein Schnitt im Leben der beiden, Tante Hildes und Opas. Denn Frank hatte sich mit seiner Absicht durchgesetzt, dass sie woanders wohnen wollten. Eine Wohnung für sich haben, ein eigenes Leben fuhren. Ina war es jedenfalls nicht leicht gefallen, diesem Wunsch nachzukommen. Ein Grund mit, dass sie bisher überhaupt nicht geheiratet hatte. Aber Tante Hilde war auch der Meinung gewesen, dass sie eine Welt für sich haben müssten, ihr eigenes Reich. Und Opa stand auf dem Standpunkt, dass er mit Tante Hilde schon zurechtkommen würde.

Als sie dann in ein Restaurant fuhren, das draußen in Blankenese lag, und wo ein kleiner Nebenraum für sie schon hergerichtet war, erfuhr Ina immer noch nichts von dem, was sich inzwischen im Hafenkrankenhaus ereignet hatte. Doch später erfuhr sie es von Hella und Hans, ihren beiden Kollegen.

Dr. Hans Ohlenschläger, ein Hüne mit schon schütterem, doch immer noch dunklem Haar, einer ausladenden Stirnglatze und einem sehr männlich wirkenden Gesicht, meinte nur auf Inas Frage:

„Es ist so gekommen, wie wir es ursprünglich nicht glauben wollten. Sie haben Kiesewetter zum Chefarzt gemacht. Ich werde mir eine Praxis suchen. Marina ist ja schon lange dafür.“ Er tauschte einen Blick mit seiner hübschen Frau. „Und dann lasse ich mich nieder. Gewollt habe ich es schon lange, jetzt führe ich es aus. Es wird mich eine Stange Geld kosten, aber solange es Banken gibt, wird es schon möglich werden. Andere haben es auch geschafft.“

Das war der Wermutstropfen an diesem Hochzeitstag. Kiesewetter Chefarzt! Wie er sein konnte, hatte er schon in den letzten Tagen bewiesen. Und das, da war sich Ina sicher, würde in den nächsten Tagen und Wochen noch viel schlimmer werden. Nun, da sie ihn zum Chefarzt bestätigt hatten, hatte er sein Weihnachtsgeschenk. Für die anderen aber war es doch eine sehr herbe Enttäuschung, dass ausgerechnet dieser Mann Chefarzt wurde.

Ina musste in diesem Augenblick an alle denken, die sie vom Personal kannte. Hatten einige bisher nicht begriffen, was sie an Gött verloren hatten, würden sie es bald wissen.

Später dann ergab sich eine Gelegenheit, da Frank, der sich mit Hans Ohlenschläger gut verstand, mit dem redete und diskutierte, dass Ina mit Hella und Marina am hinteren Tischende saß und sich lebhaft mit ihnen unterhielt.

Als Marina einmal wegging, war Ina mit Hella allein.

Hella war schlank, blond und hatte graublaue Augen. Sie war durchaus der nordische Typ einer Frau und hatte genug Verehrer. Aber mit einem davon war ihr kürzlich einiges schiefgelaufen.

Hella selbst war es, als habe sie in letzter Zeit nur noch Pech. Und nun, als sie mit Ina allein war, sagte sie: „Also, ich glaube nicht, dass ich bei Kiesewetter alt werde. Er setzt mir unheimlich zu. Er hat mich regelrecht auf dem Kieker. Und du tust mir leid, Ina, wenn du wieder hinkommst. Willst du überhaupt wieder hingehen, mit ihm arbeiten?“

Ina lachte. „Na, ich werde das müssen. Ich kann doch nicht einfach die Flinte ins Korn werfen.“

„Er wird es, wenn ich weggehe, regelrecht auf dich anlegen. Wenn Hans schon so sauer ist, dass er aufgibt, und ich weiß, wie sehr er an der Abteilung hängt.“

„Aber wie ist es nur dazu gekommen“, sagte Ina, „dass sie Kiesewetter bestätigt haben? So etwas geht doch nicht innerhalb ein paar Stunden über die Bühne.“

„Es ist praktisch gelaufen. Es musste ja sofort etwas geschehen“, sagte Hella. „Und die anderen, ich meine die Chefärzte der anderen Abteilungen, sind wohl nicht dagegen gewesen.“

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass das schon der Weisheit letzter Schluss ist. Vielleicht ist es nur eine kommissarische Bestätigung. Bist du ganz sicher?“

„Es ist keine kommissarische“, widersprach Hella energisch. „Es ist, wie ich dir sage, Ina. Er ist richtig im Amt. Und er tobt sich aus. Warte mal, was die nächsten Tage passiert. Und ich habe noch über Weihnachten Dienst. Kannst du dir vorstellen, was das für ein Weihnachten für mich ist? Da habt ihr beide es besser. Fahrt ihr übrigens gleich los?“

„Nein, nein, erst nach den Feiertagen“, sagte Ina. „Über Weihnachten wollen wir noch zu Hause bleiben. Das wollte ich Opa und meiner Tante nicht antun, die jetzt schon alleine zu lassen.“

„Und wo geht die Reise hin? Ist das noch immer ein Geheimnis?“

Ina lachte. „Jetzt nicht mehr. Weißt du, es ist zwar albern, aber manchmal bin ich etwas abergläubisch. Ich wollte keine Spekulationen anstellen und auch nicht darüber sprechen, bis ich mit Frank verheiratet bin. Nun, wo es so ist, kann ich es sagen. Wir wollten eigentlich auf die Bahamas fliegen. Der Chef der Lufthansa hat Frank da ein nobles Geschenk gemacht Den Flug haben wir schon einmal umsonst, und vierzehn Tage in einem prächtigen Hotel auch. Das Hochzeitsgeschenk seiner Firma sozusagen.“

„Aber es ist keiner von Franks Freunden hier, nicht wahr?“

„Doch, sein alter Freund. Dort vorn, der mit dem Bart.“

„Nein, ich meine von seinen Vorgesetzten in der Chefetage“, sagte Hella.

Ina schüttelte den Kopf. „Nein, von denen nicht. Aber ich freue mich jedenfalls riesig.“

Die Freude währte auch noch den restlichen Tag und den nächsten. An das Hafenkrankenhaus dachte Ina nicht mehr. Sie war glücklich mit Frank. Und wenn sie auch vorher schon mit ihm zusammengelebt hatte, und sich eigentlich nur rein formell etwas geändert haben konnte, empfand sie es jedoch ganz anders, und Frank ging es wohl ebenso.

Hella hatte schon am Spätnachmittag des Vierundzwanzigsten in die Klinik gemusst

Am ersten Feiertag hatte auch Hans Ohlenschläger Dienst, aber daran dachte Ina nicht. Sie gab zu, sehr eigensüchtig zu sein, da sie sich im Augenblick nur mit Frank und ihrer direkten Umwelt befasste.

Am Mittag des ersten Feiertages hatte Thomas von Rio de Janeiro aus angerufen.

Am Nachmittag blieb Opa länger bei seinem Mittagsschläfchen als üblich. Aber noch zum Mittagessen hatte er sehr gut ausgesehen. Ina machte sich keine Sorgen. Statt dessen nervte Tante Hilde Ina und bedrängte sie, doch nach Opa zu sehen.

„Dann geh doch selbst“, sagte Ina.

„Ach, mich wirft er hinaus! Du darfst ja bei ihm viel mehr als ich.“

In diesem Augenblick kamen Ina Bedenken, ob es mit den beiden, wenn Ina nicht mehr im Hause lebte, gutgehen würde.

Sie sah dann nach Opa, aber der schlief. Und als sie ihre Hand an seine Stirn legte, wurde er auch nicht wach. Sein Atem ging gleichmäßig, wenn auch immer noch die Bronchien ein wenig rasselten. Die Stirn war kühl. Er hatte ganz offensichtlich keine erhöhte Temperatur.

Erleichtert ging Ina nach draußen und beruhigte Tante Hilde.

3

Ina packte. Übermorgen wollten sie los. Sie freute sich, und doch wieder hatte sie Angst, es könnte etwas dazwischenkommen. Sie dachte dabei an Opa und wusste nicht, dass ihr aus einer ganz anderen Ecke Gefahr für ihre Hochzeitsreise drohte.

Die letzte Zeit hatten Ina und Frank im Obergeschoss des Einfamilienhauses gewohnt. Frank war heute, am ersten Feiertag, noch einmal mit Freunden zusammen, um mit ihnen einen Frühschoppen zu verbringen, sozusagen ein verspäteter Abschied vom Junggesellenleben.

Es war kurz vor Mittag, als der Anruf kam. Ein Anruf von der Lufthansa-Zentrale in Köln.

Nach einem knappen Wunsch, frohe Weihnachten zu verleben, sagte der Dispositionsleiter der Personalabteilung zu Ina: „Ich müsste dringend einmal Herrn Berger sprechen.“

„Aber er ist nicht da. Ich wundere mich, dass Sie heute im Dienst sind.“

„Darüber wundere ich mich selbst“, meinte die Männerstimme am anderen Ende der Leitung. „Ich hatte mir jedenfalls den ersten Feiertag anders vorgestellt.“

„Und was gibt es so Wichtiges, dass Sie heute anrufen?“

„Ja, es ist etwas geschehen, das uns zwingt, Herrn Berger übermorgen in den Dienst zu bitten.“

„Übermorgen? Sie wissen nicht, dass wir gerade geheiratet haben, gestern erst“, sagte Ina.

„Doch“, meinte er, „das weiß ich. Aber wir brauchen ihn in New York. Mein Gott, das ist eine Geschichte, die wird nicht allzu lange dauern, vielleicht eine Woche oder zwei. Begleiten Sie ihn doch ganz einfach.“

„Sie sind vielleicht gut! Da schenken Sie uns eine Hochzeitsreise, und dann ...”

„Ich weiß, ich weiß. Aber es ist ein Auftrag nicht für einen X-Beliebigen. Wir können nicht irgendeinen anderen nehmen. Wir brauchen einen erfahrenen Mann wie Herrn Berger. Einzelheiten kann ich ihm nur selbst schildern. Und noch etwas, gnädige Frau. Es ist eine sehr, sehr zukunftsträchtige Sache. Der Zufall hat ihm das praktisch vor die Beine gewürfelt.“

„Wollen Sie mir nicht sagen, um was es sich handelt? Ich bin schließlich seine Frau und interessiere mich auch für das, was er tut“, sagte Ina ein wenig aufgebracht und hatte Mühe, höflich zu bleiben.

„Ich kann Ihnen nur eines sagen“, hörte sie den Mann antworten. „Wenn er da jetzt einsteigt, in diese Art Notfall, der da vorliegt, ist das die Sache, seines Lebens.“

„Ich begreife zwar immer noch nicht, um was es geht, aber ich nehme an, Sie werden es ihm sagen. Sobald er zurück ist, wird er Sie anrufen“, erklärte Ina.

„Das wäre nett. Und sagen Sie ihm noch einmal, wie wichtig das ist. Der Mann, der diese Aufgabe in New York bis jetzt erledigt hat, ist vor fünf Stunden tödlich verunglückt.“

„Mit einem Flugzeug?“, fragte Ina bang.

„Nein. Mit dem Verkehrsmittel, bei dem man weit größere Chancen hat, tödlich zu verunglücken, mit einem Auto.“

„Du lieber Gott! Kennt Frank ihn? Ich meine diesen Mann.“

„O ja, natürlich kennt er ihn. Sie sind zwar nicht direkt Freunde, aber alte Bekannte und Kollegen. Also, wenn Sie ihn bitten würden ...“

Ina versprach es und legte auf.

Ich habe es gewusst, dachte sie. Die ganze Zeit habe ich es gewusst, dass etwas dazwischenkommen würde. Ich dachte immer an Opa, aber es ist ganz anders. Mein Gott, was wird Frank sagen, wenn er heimkommt?

4

Frank telefonierte fast eine Stunde lang mit Köln. Dann ging er zu Ina ins Zimmer, setzte sich auf die Couch ihr gegenüber und sagte, als sie sich mit ihrem Drehschemel ihm zuwandte:

„Wenn du dagegen bist, findet es nicht statt. Es ist tatsächlich die Chance meines Lebens. Rohlinger ist mit dem Auto verunglückt, tödlich. Wir haben da drüben eine Luftgesellschaft, bei der die Lufthansa die Mehrheit der Aktien hat, und damit auch das Sagen. Der Chefpilot dieser Gesellschaft war Rohlinger. Jetzt wollen sie mir diesen Posten geben. Er muss sofort angetreten werden, praktisch unmittelbar nach den Feiertagen, also übermorgen. Abgesehen davon, dass ich erheblich mehr verdiene, ist es natürlich ein Traumjob und unheimlich gut abgesichert. Ich brauche dir sicher nicht zu erklären, welcher Lebensstandard dort auf mich warten würde. Aber das ist die eine Seite. Die andere ist die, dass ich von dir nicht verlangen kann, dass du da mitspielst Wir hatten vereinbart, dass du weiter als Ärztin arbeitest. Ob du das da drüben kannst, ist eine Frage für sich. Auch wenn du brillant englisch sprichst, so ist es doch ein Problem, weil es meines Wissens drüben genug Ärzte in Krankenhäusern gibt. Und ob du dich privat niederlassen willst, weiß ich auch nicht Auf alle Fälle wäre es eine Sache, bei der ich nicht nach einer Woche wiederkomme.‟

„Aber er hat doch gesagt ...‟

„Ja, um sich das anzusehen. Offizieller Antritt ist dann in einem Vierteljahr. Aber wie die Dinge liegen, kann ich gar nicht mehr weg, wenn ich erst einmal hingekommen bin. In anderen Worten, wenn ich morgen mit dir hinfliege, dann ist das unser zukünftiges Zuhause, davon kannst du ausgehen. Zuerst einmal leite ich die Sache kommissarisch, und wie gesagt, in einem Vierteljahr, dem ersten April, ist es dann mein amtlicher Job.“

„Ist das eine Probezeit, dieses Vierteljahr?“, wollte sie wissen.

Er schüttelte den Kopf. „Nein. Ich bin praktisch dafür bestimmt, denn Rohlinger wird ja nicht wieder lebendig. Und – einen anderen, wurde mir gesagt, haben sie nicht, einen, den sie für geeignet halten. Das ist ein unheimliches Kompliment an mich. Auf der anderen Seite kommt das alles zu einem Zeitpunkt, wo es mir nicht passt. Ich habe auch mit so etwas nie gerechnet. Die in Köln natürlich auch nicht. Was soll ich tun? Wenn du nur ein Wort sagst, dass es dir nicht gefällt, lehne ich es ab. Ich habe mir Bedenkzeit ausbedungen. Bedenkzeit allerdings nur für drei Stunden. Ich muss es heute noch entscheiden. Das ist keine Schikane von denen, das geht nicht anders.“

Ina überlegte kurz, dann sagte sie: „Frank, wir sind schon eine ganze Weile zusammen, und manchmal waren wir wochenlang getrennt, weil du irgendwo auf einer Sydney-Route oder der Hongkong-Strecke geflogen bist und wir uns einfach nicht sehen konnten. Unsere Liebe hat darunter nicht gelitten. Ich mache dir einen Vorschlag: Sieh es dir erst einmal an. Kannst du noch zurücktreten, wenn du jetzt ja gesagt hast?“

„Nicht so einfach, aber ich könnte es.“

„Gut, dann sieh es dir an, und wenn du meinst, dass du das weitermachen möchtest, dann lass es mich wissen. Dann komme ich zu dir. Vielleicht hast du bis dahin auch eine Wohnung und alles das ...“

„Nun gut. Ich nehme nicht an, dass sie mir Rohlingers Wohnung geben wollen, denn schließlich ist er verheiratet und hat zwei Kinder, die leben ja noch dort. Ich kann das alles nicht sagen, weil ich es nicht weiß. Aber du hast recht, wir sollten es so machen. Ich werde es mir erst einmal ansehen, aber ich möchte von dir jetzt etwas wissen. Wirst du wirklich nachkommen, wenn ich dir sage, dass ich da bleiben will? Wirst du hier wirklich alles aufgeben? Ich kenne deine Bedenken, was deinen Großvater und deine Tante angeht.“

Ina nickte. „Ich habe diese Bedenken. Auf der anderen Seite bin ich egoistisch genug, um zu sagen, dass ich auch ein Recht auf ein Leben habe, auf ein Leben mit dir. Ich liebe dich. Frank, du weißt nicht, wie sehr.“

Er nickte. „Doch, ich weiß es. Wahrscheinlich so sehr, wie ich dich liebe. Und das ist wahnsinnig viel.“

Er wollte sie in die Arme nehmen, war aufgestanden, kam auf sie zu, aber sie schüttelte den Kopf. „Bitte, lass uns das erst zu Ende diskutieren.“

Er setzte sich wieder hin, und sie sagte nachdenklich:

„Tante Hilde ist kein Kind, und sie ist rüstig genug, sich um Opa zu kümmern. Mein Bruder hat auch nie danach gefragt, was mit den beiden ist. Er verlässt sich da auf mich. Aber ich möchte auch leben. Wenn du mir sagst, dass da drüben alles in Ordnung ist, dann komme ich.“

Nun nahm er sie doch in die Arme, und die nächsten Minuten gaben sie sich nur ihrer Leidenschaft hin, ihrer Liebe, ihrer Zuneigung füreinander.

Später sagte er:

„Ich werde es also so machen. Ich rufe ihn jetzt an. Wir sind uns völlig einig?“ Sie nickte.

„Ich glaube, es wird klappen. Und es ist wirklich eine Zukunft.“

Ina war da noch nicht so überzeugt. Aber was sollte sie tun, wie konnte sie etwas ändern?

Von der Zukunft ahnte sie nichts. Die Zukunft, die die Dinge so regeln würde, wie das Schicksal wollte und nicht so, wie sich ein Mensch das einbildete ...

5

Ina arbeitete seit dem zweiten Januar wieder in der Klinik, Tag für Tag. Mit Hella wurde die Freundschaft immer enger. Vielleicht auch deshalb, weil Ina einen Menschen aus ihrer Generation brauchte, mit dem sie über alles sprechen konnte. Und Hella selbst hatte auch genug Probleme, über die sie sich mit Ina unterhielt. Ein einziges großes berufliches Problem war aber der Dienst in der Klinik unter Kiesewetter.

Er entwickelte sich immer mehr, von Tag zu Tag stärker, zum Despoten. Das Pflegepersonal zitterte vor ihm. Die Ärzte und Ärztinnen begannen ihn zu hassen, soweit sie in seiner Abteilung arbeiteten.

Hella schaffte es, mit Inas Hilfe, in die Herzabteilung versetzt zu werden, wo sie fortan unter der Oberärztin Dr. Gila Rupert-Pechstein und dem Chef der Klinik, Professor Deckers arbeitete. Sie tat dort Dienst als Internistin, lernte aber eine ganze Menge über Herzchirurgie.

Nun war Ina allein von denen, die schon früher unter Professor Gött in der Inneren Abteilung Dienst getan hatten und zum ständigen Personal gehörten. Hans Ohlenschläger war gegangen, hatte sich niedergelassen. Und für den Rest seiner Kündigungszeit war er beurlaubt.

Kiesewetter konzentrierte jetzt all seine Bösartigkeit auf Ina. Aber die ließ sich nichts gefallen.

Ein Trost für Ina war, dass Frank beinahe täglich anrief. Und wenn es nur ganz kurze Gespräche waren, so hörten sie doch einander, und das war Trost dafür, getrennt zu sein. Drüben in New York klappte alles großartig. Und hier in Hamburg wurde es Ina immer leichter, von hier wegzugehen. Das einzige, was sie noch hielt, waren Opa und Tante Hilde, vor allen Dingen aber Opa, der neuerdings wieder kränkelte. Aber zunächst sah es gar nicht so ernst aus.

In dieser Zeit passierte dann der Zwischenfall mit Kiesewetter. Es war am vierten Februar, einem Dienstag, wo es draußen schneite und stürmte.

Ina war auf dem Parkplatz ausgerutscht und hatte sich am rechten Oberschenkel an einer Bordsteinkante sehr weh getan. Der Schmerz war den ganzen Tag über nicht gewichen. So gegen halb eins wollte Ina essen gehen. Sie hatte sich mit Hella verabredet, doch da gab es noch einiges zu erledigen, und die Zeit wurde knapp. Hella würde gewiss schon warten, dachte Ina. Sie beeilte sich, fertig zu werden, um nach unten in die Kantine zu kommen.

Sie hatte noch ein paar Schriftstücke abzulegen und ging deshalb in ihr Arztzimmer auf der Station.

Als sie da eintrat, stand Kiesewetter am Fenster und blickte hinaus.

Ohne das Wort an ihn zu richten oder nur eine Bemerkung zu machen, ging Ina zum Schrank, tat die Schriftstücke hinein, schloss ab, und da drehte er sich herum, sah sie streng an und meinte:

„Ich glaube, es ist der Augenblick, wo wir uns mal aussprechen müssten.“

„Aber nicht jetzt, jetzt gehe ich essen“, sagte Ina.

„Sie bleiben hier!“, erklärte er mit schnarrender Stimme.

Sie lächelte. „Sie glauben doch wohl nicht im Ernst, dass ich mir von Ihnen sagen lasse, wann ich esse, und wann ich hungere. Ich gehe jetzt essen. Zum Fasten habe ich keine Lust, und nachher bekomme ich nichts mehr. Wenn Sie mit mir reden wollen, dann bitte nach zwei.‟

„Ich möchte jetzt mit Ihnen reden. Sie werden wohl nicht gleich umkommen, wenn Sie fünf Minuten später essen.“

„Also gut, fünf Minuten, einverstanden. Und was ist?“

Er lächelte und kam zwei Schritte auf sie zu. „Warum sind Sie eigentlich so kratzbürstig? Ihnen will doch keiner was. Ich will nur Ordnung haben hier. Die Schlamperei aus den Zeiten Götts hört mir auf.“

„Es hat keine Schlamperei geherrscht, als Professor Gött hier der Chef war“, widersprach Ina heftig. Sie konnte immer so reagieren, wenn Kiesewetter irgendeine herablassende oder verächtliche Bemerkung machte, was die Zustände anging, die zu Götts Zeiten geherrscht hatten. „Wir haben jedenfalls damals mindestens soviel geleistet wie jetzt, wenn nicht ein bisschen mehr.“

Sie sah schon, als sie das ausgesprochen hatte, wie sich sein Gesicht verfärbte.

„Und ein bisschen mehr? Was wollen Sie damit sagen? Diese Schludrigkeit, die Sie alle sich damals erlauben konnten, hat aufgehört. Bei mir herrscht Ordnung!“

„Ist es das, was Sie mit mir besprechen wollten? Können Sie mich irgendwo der Unordnung bezichtigen?“, fragte Ina gereizt.

Jetzt war er es, der lächelte. Ein spöttisches Lächeln, wie sie es bei ihm kannte. Und dann sagte er mit schneidender Stimme: „Sie hätten ja eigentlich Oberärztin sein können. Warum haben Sie das abgelehnt?“

„Ich habe es nicht völlig abgelehnt, ich habe mir nur eine Bedenkzeit erbeten.“

„Eine Bedenkzeit“, meinte er höhnisch lachend, „von zwei Monaten. Wo gibt es denn so etwas!“

„Die Verwaltung war damit einverstanden“, sagte Ina.

„Dann sollen Sie wissen, dass ich Sie nicht als Oberärztin will. Ich bin dagegen. Und ich habe schließlich auch noch ein Wörtchen mitzureden.“ Sein Gesicht entspannte sich. „Allerdings ließe ich mich umstimmen“, meinte er und betrachtete sie von unten nach oben, von oben nach unten.

Sie hatte nicht den Schimmer einer Ahnung, was er da meinte. Sie wäre niemals bei ihm darauf gekommen. Und dann hörte sie ihn leiser sagen:

„Sie sind eine Frau. Frauen haben da ein Kapital, das muss ein Mann mit Wissen und Können ersetzen.“

Sie ahnte nicht einmal, was in ihm vorging. Plötzlich langte er mit seiner Hand nach ihrer Schulter. Sie wollte diese Hand schon abschütteln, da sagte er:

„Als Frau gefallen Sie mir schon immer. Sie sind zwar eine unheimliche Kratzbürste, aber vielleicht ist es gerade das, was ich an Ihnen mag. Dieser Flugkapitän wird nie da sein, wo Sie sind. Er ist immer irgendwo anders. Er hat einen Beruf, der nicht zu ihrem passt. Das könnten wir beide doch alles viel besser machen. Ich meine, wenn Sie meine Oberärztin wären ...“

Nun ging ihr ein Licht auf. Aber es war so unvorstellbar, so ungeheuerlich, dass sie an Gespenster zu glauben meinte und arglos fragte:

„Ich weiß nicht, ob ich Sie richtig verstanden habe. Aber irgendwie geht das nicht in meinen Kopf. Hat das etwas mit mir als Frau zu tun?“

Er lachte. „Natürlich.“ Und nun fasste er auch noch mit seiner Linken nach ihrer anderen Schulter. „Ina Bender“, sagte er leise, „du gefällst mir. Du bist ein prächtiges Mädchen. Hast du nie erkannt, dass wir beide großartig zusammenpassen? Dass wir ...“

Sie trat einen Schritt zurück und schüttelte seine Hände ab. Aber er kam ihr sofort nach, sah sie kurz an, wandte sich dann der Tür zu, war mit zwei Schritten dort und drehte den Schlüssel herum.

„Was soll das?“, fauchte Ina, wollte an ihm vorbei und die Tür wieder öffnen.

Er stellte sich ihr in den Weg.

„Rede kein Blech. Spiel dich nicht auf. Überlege erst einmal kurz, bevor du noch etwas weiter tust und sagst. Ich bin der Chefarzt, du meine Oberärztin. Geht dir nicht auf, was das bedeutet? Wir sind ein Paar. Soviel Geld, wie wir beide verdienen ...“

„Lassen Sie mich vorbei!“, fuhr sie ihn an und wollte ihn zur Seite drängen. Sie hatte ihn nicht für so kräftig gehalten, wie er sich dann erwies. Sie konnte ihn nicht beiseite drängen, und jetzt war er es, der sie plötzlich festhielt, an beiden Oberarmen fasste, dass es sie schmerzte.

„Bleib von der Tür weg“, sagte er. „Erst kommen wir beide ins Reine.“

„Ich will das nicht! Lassen Sie mich los!“ Ina wehrte sich, und diesmal tat sie es heftig.

Es klopfte an der Tür; Kiesewetter achtete gar nicht darauf. Er versuchte, Ina erneut an den Armen zu fassen, nachdem sie sich losreißen konnte.

Ina stieß ihn von sich, wollte zur Tür laufen und stolperte über das Kabel der Tischlampe, als sie hinter dem Schreibtisch vorbeiging. An der Schreibtischkante stieß sie sich an die Prellung ihres Oberschenkels vom morgendlichen Sturz. Sie schrie vor Schmerz auf, und in diesem Augenblick wurde von draußen die Tür eingestoßen.

Sie flog auf, knallte bis hinten an die Wand, und dann sah Ina Hella und einen der Pfleger der Abteilung. Der hatte wohl die Tür aufgestoßen.

„Machen Sie, dass Sie rauskommen!“, brüllte Kiesewetter. „Es ist nichts, was Sie was angeht! Raus mit Ihnen! Was wollen Sie hier überhaupt? Sie gehören nicht in diese Abteilung!“, brüllte er Hella an.

„Was ist passiert?‟, fragte Hella, ohne sich um Kiesewetter zu kümmern und sah Ina an.

Ina hielt sich vor Schmerzen die Stelle am Oberschenkel, wo die Prellung war.

Der Pfleger schaute mit großen Augen in den Raum hinein. „Ich habe einen Schrei gehört, als wenn sich jemand verletzt hätte.“

„Habe ich auch“, sagte Ina. Ihr Blick traf sich mit dem von Kiesewetter. Das Beschwörende in seinen Augen hielt sie nicht davon ab, zu sagen:

„Ich habe gar nicht gewusst, wozu dieser Kerl imstande ist.“

„Ach so“, sagte Hella, „dann hat er es nicht nur bei mir versucht, dieser geile Bock!‟

Kiesewetter, der sich an der Gegenwart des Pflegers überhaupt nicht störte, packte Hella am Arm und schrie sie an: „Wie nennen Sie mich? Ich werde dafür sorgen, dass man Sie entlässt! Ich werde ...“

Weiter kam er nicht, Hella schlug ihm rechts und links eine Ohrfeige ins Gesicht.

Kiesewetter taumelte zurück, war kreideweiß. Und dann keuchte er: „Das hat Konsequenzen! Dafür werden wir Sie rausschmeißen, Sie unverschämtes Weibsstück! Sie renitentes Frauenzimmer!“

6

Ein erstes Gespräch fand noch am selben Tag statt. Ina hatte bei der Verwaltung darauf gedrungen. Die Verwaltung hatte, wie es dem Ehrenkodex entsprach, die Chefärzte aller Abteilungen zusammenrufen lassen, und von ihnen wurde Ina zuerst befragt, dann Kiesewetter und schließlich Hella.

Wenn Ina glaubte, dass sich alles nun den Tatsachen entsprechend gegen Kiesewetter wenden würde, sah sie sich ebenso getäuscht wie Hella. Die Chefärzte hatten sich da offenbar ein ganz anderes Bild gemacht, und der Verwaltungsdirektor schloss sich, wie immer, seinen Chefärzten  an. Hella wurde zunächst einmal beurlaubt. Kiesewetter, der alles, was ihn belasten sollte, als Verleumdungskampagne einer Kumpanei von zwei hysterischen Frauen zurückgewiesen hatte und bestritt, nur eine von den beiden überhaupt angefasst zu haben, wurde voll im Amt bestätigt. Der befragte Pfleger gab an, nichts gesehen zu haben. Kiesewetter hatte es geschafft, noch kurz vor der Befragung durch die Chefärzte mit dem Pfleger zu sprechen. Was er ihm gesagt hatte, blieb das Geheimnis dieser beiden. Der Pfleger jedenfalls wusste nichts. Und eine eidliche Aussage vor einem Ärztegremium gab es nicht.

Dass der Pfleger nicht ausgesagt hatte, ließ die ganze Anklage zusammenbrechen.

Ein reguläres Gericht anzurufen, hielt Ina für nicht sinnvoll. Und Hella ließ sich schließlich überzeugen. Obgleich sie nicht in Kiesewetters Abteilung arbeitete, wollte sie von der Klinik weggehen. Ihr Chef, Professor Deckers, führte dann noch ein langes Telefongespräch mit einem Kollegen, der eine Privatklinik leitete, ebenfalls eine Herzklinik, irgendwo im Fränkischen. Und schließlich kam der Kollege sogar nach Hamburg, sprach lange mit Hella, aber auch mit ihrem Chef, und sie sagte zu, zu ihm an die Steinberg-Klinik zu gehen.

Inas Entschluss stand fest. Sie kündigte, und da sie noch einen Resturlaub vom letzten Jahr hatte und auch den Urlaub von diesem Jahr beanspruchen konnte, nahm sie den und noch einige unbezahlte Tage, so dass die Kündigungszeit voll damit ausgefüllt war.

Drei Tage, nachdem diese Zwischenfälle passiert waren, flog Ina mit einer Lufthansa-Maschine nach New York. Sie hatte einen Erste-Klasse-Platz, und der ganze Flug kostete sie keinen Pfennig.

Der Abschied war nicht schön gewesen. Tante Hilde hatte geschluchzt und Opa gemeint, sie würden sich wohl nie wiedersehen. Dieser Abschied von Opa war es, der in ihr wenig Freude aufkommen ließ. Aber dann, je näher sie New York kamen, freute sie sich auf Frank, das Wiedersehen mit ihm und die neue Zukunft. Sie fragte sich, wie diese Zukunft aussehen würde, ob sie noch als Ärztin arbeiten konnte oder nicht. Aber sie dachte auch an Hella, die mit dem Pfleger genau zur richtigen Zeit gekommen war. Wie Ina wusste, hatte Hella den Pfleger geholt, damit er die Tür aufschlug, nachdem sie da drinnen so merkwürdige Geräusche gehört hatte.

Marina und Hans Ohlenschläger waren ebenfalls auf dem Flughafen gewesen, und eben auch Hella.

Wie wird es Hella ergehen?, dachte Ina. Was hat sie für eine Zukunft? Ich habe einen Mann, zu dem ich fliege, einen, den ich wahnsinnig liebe. Aber wen hat Hella ...

7

Die Steinberg-Klinik war früher einmal ein Schloss gewesen, später ein Nobel-Hotel und nun, nach einem umfangreichen Umbau, seit elf Jahren eine der bekanntesten Herzkliniken Europas. Von der Lage her bot diese Klinik ein Klima, das für Herzpatienten besonders günstig war, aber auch das Auge dessen, der von diesem Burgberg aus das Panorama in der Runde betrachtete, erhielt einen einmaligen Genuss. Der Blick schweifte über eine vielfältige und zugleich von einmaligem romantischem Reiz erfüllte Landschaft. Wälder, Almen, im Dunst liegende Täler, Dörfer an Berghängen, Städte in Talmulden, Flüsse und Bäche, die hellen Flecke der Lithographie-Steinbrüche, bis hin zu den bunten Feldern der mächtigen Talhöfe.

Der Glockenklang der Viehherden auf den Almen drang ebenso zur Klinik empor wie das Zwitschern Tausender von Vögeln überall in den Bäumen der umliegenden Wälder. Und manchmal roch es von den Holzfeuern der Waldarbeiter bis zur Klinik hinauf nach Rauch, Harz und frischem Holz.

Mittlerweile war es Sommer geworden, und die Luft war erfüllt vom Summen der Bienen und anderer Insekten, vom Geruch des Heus auf den Heintzen der Bergwiesen, von Blüten und Tannengrün.

Und doch spürte Hella, als sie auf dem Vorhof des einstigen Schlosses aus dem Wagen stieg, eine unerklärliche Bedrückung, die nicht nur damit zusammenhängen konnte, hier neu zu sein. Als sie an den Mauern mit den vielen Fenstern empor sah und dann auf den großen Haupteingang zuging, wurde diese Beklemmung nur stärker.

Herr Kindermann, der ihr den Weg hierher gezeigt hatte und der etwas weiter hinten geparkt hatte, kam mit langen Schritten hinter ihr her.

„Niemand als Begrüßungskomitee erschienen?“

Sie lachte verwirrt und wünschte, sie wäre jetzt lieber allein. Trotzdem fiel ihr auf, dass er viel größer war als sie und eine sehr ansprechende Figur hatte. Er trug dunkle Hosen zu seiner Wildlederjacke und wirkte sehr sportlich.

„Ich muss dort hinüber“, sagte er ernst. „Wer weiß, was heute wieder ist? Nun ja, man soll die Hoffnung nie aufgeben. Alles Gute für Sie, Frau Grund.“ Hella ahnte, dass er nicht zu seinem Vergnügen hierher gefahren war. Ebenso ernst wie er erwiderte sie: „Auch für Sie, Herr Kindermann.“

Er eilte mit langen Schritten auf den Besuchereingang zu, während sie noch überlegte, ob sie in den Verwaltungstrakt linker Hand gehen, oder sich vielleicht erst einmal das Haus wie ein Besucher ansehen sollte. Sie entschloss sich, direkt in den Verwaltungstrakt zu gehen und auf den Chefarzt zu warten. Sie war eine gute Viertelstunde zu früh da.

Von außen gesehen war ein Teil der Bauten älter, links aber hatte man angebaut. Der Verwaltungstrakt gehörte dazu. Den Anbau aber hatte der Baumeister nicht etwa im modernen Beton Stahl-Glas-Stil vollzogen, sondern äußerlich an die historischen Gebäude angepasst. So bot diese Anlage ein harmonisches Bild. Nur der Efeu war auf den neuen Gebäuden erst im Ansatz zu erkennen, während er sich bei den älteren Häusern bis empor zum Schieferdach rankte.

Zwischen Verwaltungstrakt und der eigentlichen Klinik befand sich ein Flachbau, der Hella wie magisch anzog. Von außen sah das alles wie ein Tanzsaal aus der Zeit Goethes aus, ein sogenanntes Tanzhaus. Aber innen beherbergte dieses Gebäude einen der modernsten Operationssäle Europas. Und davon hatte Hella so viel gehört, dass sie zielstrebig auf dieses Gebäude zuging und hoffte, jetzt einen Blick hinein tun zu können Die Spalierfenster waren mehr oder weniger eine Attrappe nach außen. Dahinter befanden sich große Milchglasscheiben, durch die Hella nichts sehen konnte. Doch eine der Türen zu den Eingangsschleusen stand offen. Zwei ältere Frauen in weißer Kleidung versprühten ein Desinfektionsmittel im langen Gang, eine dritte schrubbte.

Durch den Gang konnte Hella einen Blick in den Vorraum werfen. Was sie dort sah, hätte mancher Universitätsklinik zur Ehre gereicht.

Aber mehr konnte sie nicht mit Blicken erhaschen, und eine der Frauen sagte:

„Junge Frau, hier dürfen Sie nicht herein! Das ist für Besucher verboten!“

Hella lächelte nur und beschloss, sich endlich anzumelden. Sie ging in den Verwaltungsbau und prallte in der Tür fast mit einem grau gekleideten Mann mittleren Alters zusammen. Er lächelte matt, sah sie durch seine dicke Brille forschend an, und murmelte eine Entschuldigung, dann war er schon an ihr vorbei auf dem Weg nach draußen.

Eine junge Schwester, die zufällig Zeuge dieser Szene geworden war, meinte lachend:

„So ist er, unser Oberarzt. Er rennt hier fast alles in Grund und Boden, wenn’s ihm pressiert. Wollen Sie zur Oberschwester?“

„Nein, ich habe einen Termin mit Professor Hauschild.“

„Mit dem Chef?“, fragte die junge Schwester ehrfürchtig und ungläubig zugleich. „Aber der ist noch gar nicht da. Der kommt erst in einer Viertelstunde. Nach dem können Sie die Uhr stellen.“ Sie lachte. „Kommen Sie, ich zeige Ihnen den Warteraum.“

„Ich will nicht in die Sprechstunde.“

„Hat er auch gar nicht. Jedenfalls nicht um diese Zeit. Sie sind auch die Einzige, die auf ihn wartet. Sagen Sie mal, jetzt fällt es mir ein: Er hat mir gesagt, dass eine Frau Doktor Grund kommt, sind Sie das?“

„Ja, das bin ich. Sind Sie ...‟

Die junge Schwester lachte herzlich. „Ich bin Schwester Martina. Ich vertrete seine Sekretärin. Eine Dümmere als mich, die sich bereitgefunden hätte, für die Sekretärin einzuspringen, konnte er nicht auftreiben. Das will hier keiner machen.  Sie sind von Hamburg gekommen, nicht wahr?“

„Ja, das ist richtig.“

„Wir haben noch Zeit, Frau Doktor. Ich mache uns einen schönen Kaffee. Haben Sie schon gegessen?“

„Danke, unterwegs habe ich ...“ Schwester Martina ließ Hella gar nicht ausreden. Sie erzählte, dass man in Ausnahmefällen in der Kantine auch um diese Zeit noch etwas bekäme, doch heute hätte es nichts Berühmtes gegeben, und überhaupt beschwerten sich viele über das Essen. Dann hatte sie Hella schon in das kleine Nebenzimmer geführt, wo ein Kleiderschrank, ein Tisch mit Telefon und eine Kaffeemaschine standen. Diese Maschine setzte Schwester Martina gleich in Betrieb. Währenddessen erzählte sie in einem fort. So erfuhr Hella von zwei weiteren neuen Assistenten, die gestern eingestellt worden seien, von einem Stationsarzt, der sich mit dem Hausherrn Professor Taschner angelegt hatte.

Für Hella war der Name des Professors noch weiter nichts als Schall und Rauch. Der hervorragende Ruf der Klinik war durch Professor Hauschild begründet worden. Professor Hauschild hatte bei einem Besuch vor zwei Monaten in Hamburg auf dem Ärztekongress lange mit Hellas Chef gesprochen.

Nun war es also soweit. Hella war hier, um diese neue Stelle als Assistentin anzutreten. Fachgebiet: Kardiologie und Herzchirurgie.

Schwester Martina war ein sympathisches, nettes Ding, aber sie redete einfach zu viel. Nach einer Weile konnte Hella nur noch mit halbem Ohr zuhören. Der Kaffee war allerdings ausgezeichnet.

Hella hatte ihre Tasse gerade ausgetrunken, als Schwester Martina wie von der Tarantel gebissen hochfuhr und aufgeregt sagte:

„Jetzt muss er kommen. Er ist auf die Sekunde genau!“

„Sagen Sie nur, warum regen Sie sich so auf?“, fragte Hella verwundert.

„Er ist ziemlich streng, wissen Sie“, meinte Schwester Martina entschuldigend. „Sie haben es gut. Sie kommen ja zu Doktor Heigert, aber wenn Sie wie ich nun schon seit drei Wochen mit ihm zusammen ... O Gott, da kommt er schon herein, und ich habe ihm die Post noch nicht hingelegt ...“ Schwester Martina schoss förmlich aus dem Zimmer und schien Hella völlig vergessen zu haben.

Unschlüssig erhob sich Hella, wollte gerade hinausgehen, als die Tür wieder aufgerissen wurde. Aber es war nicht Schwester Martina, wie Hella schon annahm, sondern ein Mann im weißen Kittel, offenbar ein Arzt.

Er war blond und hatte einen jungenhaften Gesichtsausdruck. Dabei musste er mindestens schon fünfunddreißig sein.

Er sah sie überrascht an und meinte ein wenig verlegen: „Oh, ich dachte, Schwester Martina wäre hier ... Hm, die werden Sie gar nicht kennen. Sind Sie Besuch für ...“

„Sie wird vom Chef erwartet!“, rief Schwester Martina von draußen. „Frau Doktor Grund, wenn Sie kommen würden, der Herr Professor erwartet Sie schon.“

Der junge Arzt lächelte verwirrt. „Ach, Sie sind Kollegin.  Na, dann guten Tag. Ich bin der Stationsarzt von Station B. Heigert ist mein Name.“

Sie gaben sich die Hand, und Hella fühlte einen festen Händedruck.

„Frau Doktor, der Chef kann es nicht ausstehen, wenn er warten muss“, rief Schwester Martina ungeduldig.

„Ich freue mich, Sie kennenzulernen“, sagte Hella. Und sie freute sich wirklich. Das also war der Dr. Heigert, auf dessen Station sie arbeiten sollte. Auch von ihm hatte sie dem Namen und den Fähigkeiten nach schon gehört.

„Ich habe Ihren letzten Artikel gelesen. Was Sie da über ...‟

„Frau Doktor, ich bitte Sie, kommen Sie doch!“, meldete sich Schwester Martina wieder.

Dr. Heigert lächelte entschuldigend. „Sie meint es wirklich gut“, erklärte er mit sanfter, aber doch eindringlicher Stimme. „Der Chef hat so seine Marotten, wie sie wohl jeder da und dort hat. Ich denke, wir sehen uns in einer Stunde. Er bringt Sie sicher zu mir herüber. Bis dann.“ Er sah sie so an, dass ihr ganz eigenartig wurde.

Meine Güte, was ist nur mit mir los?, dachte sie, als sie reichlich verwirrt an ihm vorbeiging und Schwester Martina folgte. Ich benehme mich wie ein schwärmerisches junges Mädchen, das ein Idol anhimmelt. Dabei kenne ich bisher doch nur das, was er an Fachartikeln geschrieben hat, nicht aber den Menschen.

Sie kam in ihren Gedanken nicht weiter, denn Schwester Martina führte sie ins Chefzimmer.

Sie hatte Professor Hauschild noch von seinem Besuch in Hamburg gut in Erinnerung, und doch war ihr, als sähe sie ihn jetzt zum ersten Mal. Im weißen Kittel wirkte er völlig verändert.

Über die Brillengläser hinweg sah er sie an. Ein wuchtiger Schädel, grau, das Gesicht wie altes Leder und so braungebrannt, die Schultern breit, ein Mann wie ein Baum.

Er stand auf und sagte mit einer Stimme, die in tiefsten Tönen schwang: „Na ja, da sind Sie ja nun. Willkommen auf diesem Steinberg. Er wird Ihre ganze Kraft fordern. Sie werden Siege und Niederlagen miterleben und an einigen maßgeblich beteiligt sein. Die Welt ist ein Schlachtfeld. Setzen Sie sich, im OP stehen wir alle lange genug herum. Kaffee?“

„Danke, ich habe eben von Schwester Martina ...“

Er winkte ab. „Die ist lieb, aber sie schwatzt und schwatzt.  Wir haben das Wesentliche bereits in Hamburg besprochen. Ich hoffe, Sie können direkt bei uns bleiben?“ Er sah sie fragend an.

„Na ja, eigentlich war das nicht vorgesehen, aber wenn Sie es wünschen ...“

„Ich sitze etwas in der Hefe, wie man so sagt. Wir müssen einige sehr dringende Operationen machen, und mir fehlen fähige Operateure, wozu in meiner Abteilung auch die Assistenten zählen. Sie werden hier in dieser Klinik keine Typen unter den Ärzten finden, die man mitschleppen muss, die nur im Schlagschatten tüchtigerer Kollegen bestehen. Hier ist jeder Mann, ist jede Frau, ob Arzt oder Schwester, überdurchschnittlich gut. Ich habe mir auch die Schwestern von überall her zusammengesucht. Sie, Frau Grund, haben bei Professor Deckers gearbeitet, und der wiederum hat Sie gelobt. Ich konnte mir bei ihm auch eine Aufzeichnung ansehen, die mit der Videokamera während einer Myokard-Operation gemacht wurde, an der Sie assistiert haben.  Ja, da staunen Sie, das habe ich Ihnen in Hamburg nicht gesagt, und Deckers hat mir versichert, es Ihnen ebenfalls zu verschweigen. Der Operationsverlauf, den ich da sah, hat mich letztendlich bewogen, Sie einzustellen und herzubitten. So, meine Liebe, das war eine entsetzlich lange Rede, wie ich sie sonst nur vor Studenten halte.  Wollen Sie mit mir durchs Haus ziehen und sich alles ansehen, oder ist es Ihnen lieber, wenn ich Sie unserem Stationsarzt Heigert in die Hand drücke, damit er Sie überall mit den Dingen vertraut macht, und Ihnen vor allem den OP zeigt. Da ist einiges anders als an den meisten Operationssälen. Allerdings kommen Sie vom Hafenkrankenhaus, und das hat ja Weltruf.‟

Sie versuchte, aus ihm schlau zu werden. Er hatte etwas Drastisches, Burschikoses, was ihr gefiel. Sie machte sich nichts aus Herumgerede, aus Floskeln und höflichem Getue. Er war gerade zu und offen, aber sie konnte sich ihn auch brüllend, wie einen wütenden Stier, vorstellen.

„Sie sehen mich an, als wollten Sie mich sezieren“, sagte er trocken. „Nun möchten Sie zu gerne wissen, wie es so mit mir bei der Arbeit ist.  Ich will es Ihnen verraten, liebe Frau Grund: Wenn Sie davon ausgehen, dass wir sehr oft Fälle bekommen, wo andere aufgegeben haben, dann werden Sie sich vorkommen wie einst Don Quichotte im Kampf mit den Windmühlenflügeln. Wenn Sie aber trotzdem auch im hoffnungslosesten Fall zum Kampf gegen den Tod bereit sind, und dies zu Ihrer obersten Pflicht machen, haben Sie mich immer auf Ihrer Seite. In diesem verzweifelten Kampf, bei dem wir leider viel zu oft die Verlierer sind, sind alle Mittel erlaubt, die Erfolg versprechen. Wenn heute einer mit zwanzig Lenzen auf dem jungen Rücken käme, um mir eine erfolgreichere Methode als die meine beizubringen, machte ich mich auf der Stelle zu seinem Lehrling. – Ich will damit sagen: Hier im Haus zählt nicht, was einer privat ist, was er an Jahren voller Erfahrungen aufzuweisen hat, oder etwa, ob er Chefarzt, Oberarzt oder Assistent ist. Wer es am besten mit den Patienten kann, wer in Operation und sonstiger Therapie die größten Erfolge hat, der ist bei uns der Weltmeister. Das heißt: Wenn Sie etwas besser wissen als ich oder als der Oberarzt, als Ihr Stationsarzt oder sonst wer, dann machen Sie den Mund auf. Wenn Sie nichts besser können oder wissen, halten Sie einfach die Klappe und sperren Augen und Ohren auf, um das zu lernen, was Sie noch nicht können.  So, und wenn Sie jetzt noch bleiben wollen, gehe ich mit Ihnen zu Heigert. Er ist der Mann, mit dem Sie sich die nächste Zeit herumschlagen müssen. Einen besseren Herzchirurgen als ihn werden Sie so leicht nicht finden. Aber leider geht es ihm wie auch mir, allwissend ist er nicht, trotzdem gibt er nie auf. – Gehen wir!“

Sie war verwirrt. Was hier auf sie zukommen würde, hatte sie sich oft genug überlegt, und ihr Chef in Hamburg hatte es ihr auch gesagt.

„Steinberg-Klinik, liebe Kollegin, heißt oft genug auf hoffnungslosen Posten stehen“, war ihr von ihm erklärt worden. „Man ist als Arzt deprimiert, wenn man den Kampf immer wieder verliert, man zweifelt an sich selbst. Aber auch solche Kliniken muss es geben. Jeder, der dort doch noch gerettet werden kann, wo er anderswo schon aufgegeben wurde, ist wirklich wie einer, der wiederauferstanden ist. Und deshalb zählen die Siege dort doppelt und dreifach.“

Daran musste sie denken, doch zugleich empfand sie so etwas wie Angst vor dieser gewaltigen Aufgabe.

Nein, dachte sie, ich werde doch nicht jetzt plötzlich umkippen, werde zurückweichen, wenn ich wirklich einmal bis zum Äußersten gefordert bin.

Er war schon aufgestanden und hatte die Zimmertür geöffnet. Draußen sah Schwester Martina von ihrem Schreibtisch auf und lächelte Hella nichtssagend an.

Hellas Blick fiel auf einen Wandspruch neben der Tür zum Flur. Dort stand:

„Glauben, Wissen und Können genügen nicht, du musst damit auch kämpfen können!“

8

Die Überraschung war gekommen, als Hella von Dr. Heigert gebeten worden war, doch auf alle Fälle gleich zu bleiben, weil man am nächsten Tag drei große Operationen durchfuhren musste und zwei Assistenten fehlten. Während dieses Gesprächs mit Dr. Heigert tauchte jemand auf, den Hella sehr gut von früher kannte. Es war keine sehr angenehme Erinnerung, die sie an Dr. Sigmund hatte.

Als er auftauchte, sagte Dr. Heigert: „Ah, da lernen Sie gleich unseren Oberarzt für die Anästhesie kennen, Herrn Sigmund ...‟

Der dunkelhaarige, große, schlanke Arzt lächelte mokant. „Wir kennen uns bereits, mein lieber Heigert.  Ich hatte bereits in Göttingen die Ehre und das Vergnügen, Frau Grund zu begegnen. Nicht wahr, Hella, so ist es doch, oder darf ich dich nicht mehr duzen?“

Hella stand, wie vom Schlag gerührt.

Horst Sigmund, damals noch Assistent, begeisterter Tennisspieler, phantastisch guter Reiter, Tänzer und Charmeur ... Letzteres vor allem anderen.

Göttingen, damals war sie noch Medizinalassistentin, danach in der fachärztlichen Ausbildung gewesen. Göttingen, was waren nicht nur Studium und Klinik-Praxis gewesen, sondern auch Fahrten mit Horst in den Harz, Abende in der Blockhütte in St. Andreasberg, Schwofen in Lokalen, das war auch die Zeit einer Liebe zu Horst gewesen. Einer stürmischen Liebe, die dann so jäh zerbrach.

Sie hatte nur ihn gesehen, nur an ihn geglaubt, und sie war nur für ihn dagewesen.

Aber für ihn schien sie nicht mehr als eine von vielen gewesen zu sein. Als sie merkte, dass er sich neben ihr auch noch anderen Frauen widmete, zerbrach alles, und sie war einem Selbstmord nahe. Sie fühlte sich in tiefste Tiefen gestürzt, kam sich wie verkrüppelt vor.

Um sich abzulenken, stürzte sie sich in ihre Arbeit, und es half. Zugleich machte es aus einer durchschnittlich begabten jungen Ärztin eine wirkliche Könnerin. Nach Göttingen kam das Hamburger Hafenkrankenhaus, kam die Zeit bei einem berühmten Herzchirurgen, und nun der erste Erfolg ihres Könnens: Die berühmte Herzklinik in Steinberg.

Sie wäre nie hergekommen, hätte sie von Horst Sigmunds Hiersein etwas geahnt.

Ihr erster Gedanke war Flucht. Am liebsten wäre sie aus dem Zimmer gestürzt und zu ihrem Auto gelaufen.

Bevor sie diesen Gedanken überhaupt zu Ende denken konnte, sagte Dr. Horst Sigmund:

„Wir kennen uns von früher, und was damals war, ist durch meine Schuld zerstört worden. Lieber Kollege Heigert, meine Gegenwart ist Frau Grund alles andere als eine Freude. Das geht auf mein Konto. Es liegt einige Jahre zurück, und irgendwo machen wir alle dicke Fehler. Das war einer von meinen ganz Dicken.  Ich weiß, was du denkst, Hella. Du bist entsetzt und möchtest am liebsten weglaufen, um mir nie wieder zu begegnen. Aber wir brauchen dich hier dringend. Die Menschen in dieser Klinik, die Kollegen, besonders aber das OP-Team brauchen dich. Hella, ich sage es hier in Heigerts Gegenwart: Eine Entschuldigung wird nicht genügen, ich entschuldige mich trotzdem. Für das, was damals war. Aber bleib! Ich bitte dich, bleib! Das, was war, sollte ruhen.“

Er streckte ihr die Hand entgegen, sie sah es, aber sie war nicht imstande, einzuschlagen. Was sie vernarbt glaubte, war immer noch eine offene Wunde. Seit damals hatte es keinen Mann mehr in ihrem Leben gegeben, der ihr wirklich etwas bedeutete.

Er zog seine Hand etwas verlegen wieder zurück, lächelte aber, als mache es ihm nichts aus und sagte dann zu Dr. Heigert:

„Ich glaube, ich muss jetzt zum Chef. Die Besprechung der morgigen Operation ist in einer Viertelstunde.“

Als er gegangen war, stand Hella immer noch wie hypnotisiert.

„Frau Grund, ich gebe Ihnen einen Pfleger mit, der Ihnen das Gepäck aus dem Wagen holen kann.  Sie bleiben doch, nicht wahr?‟

Was soll ich nur tun?, fragte sie sich fieberhaft. Bleibe ich, werde ich ihm jeden Tag begegnen. Gewiss, er hat sich entschuldigt, er hat es sogar vor einem Fremden getan. Aber kann man einen solchen Schmerz mit einer lapidaren Entschuldigung aus der Welt schaffen?

Er war ihre große Liebe gewesen, einfach der Mann, und dann dieser Betrug an ihr! Nein, so etwas lässt sich doch nicht einfach wegwischen wie ein Fettfleck auf einem Teller.

„Bleiben Sie?“, hörte sie Heigert wieder fragen.

Er hat eine so angenehme sympathische Stimme, dachte sie. Er hat mir gleich gefallen. Und ich habe mich auf die Arbeit hier gefreut, hielt sie für eine wesentliche Sprosse in meiner Laufbahn. Warum muss ausgerechnet in diesem Haus auch Horst Sigmund sein? Warum, warum, warum?

„Ich könnte mir denken, was in Ihnen vorgeht, ohne die Umstände zu kennen“, sagte Heigert leise. „Ich habe auch kein Recht, dazu etwas zu sagen. Ich möchte Ihnen nur eines erklären: Sigmund ist ein ganz außergewöhnlich guter Narkotiseur, und nicht nur das. Die Anästhesie in dieser Klinik war der schwache Punkt, bevor Sigmund sie übernahm. Jetzt haben wir durch sein Verdienst die Quote derer, die während der Operation infolge von Zwischenfällen starben, ganz erheblich gesenkt. Es ist sehr selten geworden, dass es noch zu Zwischenfällen kommt.  Das ist er. Und nun zu Ihnen. – Wenn unser Chef eine Kollegin oder einen Kollegen einstellt und an dieses Haus beruft, dann waren das bislang immer Spitzenkräfte. Da er Frauen weniger zutraut als Männern, was aus ihm so leicht nicht herauszukriegen ist, müssen Sie etwas ganz Besonderes geleistet haben, dass er Sie zu uns geholt hat. Wir brauchen Sie also wirklich sehr dringend, und wir brauchen auch Sigmund. Ich weiß nicht, wie schwer das wiegt, was Ihrer beider Bekanntschaft belastet, aber es kann nicht so schlimm sein, dass es sich nicht irgendwie überbrücken ließe, wenn man bedenkt, wie vielen Menschen Sie beide in dieser Klinik helfen können. – Helfen müssen!“

„Es ist gut, ich bleibe“, sagte Hella mit spröder Stimme

„Na also, und ich freue mich, dass Sie bei mir in der Abteilung sind. – Ich schicke Ihnen den Pfleger, der Ihnen die Koffer holt.‟

So kam es also, dass sie blieb. Auf dem Weg zum Personaltrakt musste sie in Begleitung des Pflegers durch die Station, weil der Hausmeister die Hoftür des Personaltraktes gerade anstrich.

Auf diesem Wege begegneten sie dann dem niedergeschlagenen Kindermann. Als Hella ihn so sah, wollte sie ihm noch aufmunternd zulächeln, aber er sah sie gar nicht an.

Hella war sich über den Ernst des Zustandes klar, in dem sich Ruth Kindermann befand.

Im Falle von Ruth Kindermann sollte es noch eine besondere Beziehung geben, nur ahnte Hella gegenwärtig davon nichts. Hätte sie überhaupt etwas von dem gewusst, was sie hier in dieser Klinik erleben sollte, hätte sie vielleicht die Koffer doch nicht auf eines der Zimmer im dritten Stock im Personaltrakt schaffen lassen – oder vielleicht doch?

Vielleicht war dieses Gefühl der Unsicherheit, diese Angst vor einer womöglich für sie zu großen Aufgabe etwas wie eine Ahnung. Hella dachte nicht darüber nach. Aber die Furcht, die in sie gestellten Erwartungen möglicherweise nicht erfüllen zu können, wuchs mit jeder Stunde, die sie hier weilte.

9

Sie war kaum in ihrem Zimmer und wollte gerade auspacken, als aus einem kleinen Lautsprecher über der Tür eine Stimme sagte:

„Alle Ärzte von O zwo zum Chef. Operationsbesprechung.“

Hella überlegte noch, ob sie dazu gehörte, wusste aber mit der Bezeichnung „O zwei“ nichts anzufangen.

Da läutete das Telefon. Sie hob ab und dachte noch: Das kann ja heiter werden. Erst Lautsprecherberieselung, dann noch Telefonanrufe ...

„Hier Heigert. Entschuldigen Sie, ich vergaß Ihnen zu sagen, dass eine Besprechung beim Chefarzt stattfindet, an der Sie bitte teilnehmen möchten, da Sie morgen dabei sind.  Im Chefzimmer. Kommen Sie bitte gleich.“

Sie versprach es und legte auf. Und wieder kam diese lähmende Angst, sie könnte es nicht schaffen, was man von ihr erwartete. Alles war so fremd, und schon so eine läppische Bezeichnung wie „O zwei“ verstärkte noch die Unsicherheit in ihr.

Sie fragte sich, als sie das Zimmer verließ, ob es nicht ein Fehler war, von Hamburg und damit aus der vertrauten Welt um Professor Deckers wegzugehen. Und dann noch dieses Wiedersehen mit Sigmund.  Das hatte sie am meisten aus der Fassung gebracht.

Sie verlief sich noch, musste fragen, um in dem Labyrinth der Klinik den Weg zu Professor Hauschilds Zimmer zu finden. Als sie endlich dort anlangte, waren schon alle betroffenen Mitarbeiter da versammelt. Prompt wurde sie – so kam es ihr vor – von allen angestarrt. Schwester Martina, die gerade Kaffee ausschenkte, hielt inne, sah Hella vorwurfsvoll an, sagte aber nichts. Aber in ihrem Gesicht las Hella die Worte:

„Der Chef kann Unpünktlichkeit nicht ausstehen.“

Professor Hauschild runzelte die Brauen, hatte seinen Vortrag, den er wohl gerade hielt, unterbrochen und sah Hella streng an. Sie kam sich wie ein Schulmädchen vor, das zu spät im Unterricht erscheint.

Sie spürte, dass sie errötete, doch zugleich kam der Trotz in ihr hoch. Bevor sie aber etwas sagen konnte, hörte sie die Stimme von Dr. Heigert, der rechts am Fenster saß.

„Ich furchte, unsere Kollegin hat sich verlaufen, wie es mir seinerzeit am Anfang mehrmals passiert ist.“

„Davon geht auch die Welt nicht unter“, meinte der Professor und fuhr lächelnd fort: „Da haben wir Frau Grund, Assistentin bei Deckers im Hamburger Hafenkrankenhaus, und ich denke, mehr brauche ich nicht zu sagen. Sie wird morgen assistieren. – Suchen Sie sich eine freie Ecke, liebe Kollegin.“

Es ging sehr unkonventionell zu bei Professor Hauschild: Er nannte jetzt die Namen der Ärzte, der Techniker für die Herz-Lungen-Maschine, der Schwestern und des Anästhesietechnikers.

Für Hella war dieser Schwall von Namen wie eine Woge, die an die Küste brandet und wieder zurückfließt. Sie merkte sich nur drei davon, den der blonden Dr. Marion Gebauer, einer Anästhesistin, und von Schwester Karla und Oberarzt Dr. Schönauer.

„Also fahren wir jetzt fort und kommen zum Fall Kindermann, vierunddreißig, verheiratet, keine Kinder. Nach der Anamnese können wir ganz eindeutig davon ausgehen, dass diese Frau den typischen Verlauf nach einer falsch behandelten Angina aufweist, besonders verzögert, weil die typischen Beschwerden außerordentlich spät bemerkt wurden. Das liegt mit am bequemen Leben, das diese Frau führen konnte, so dass es kaum zu wirklichen körperlichen Anstrengungen kam, durch die typische Symptome rascher bemerkt worden wären.  Wir haben also nach dem Befund eine absolute Notwendigkeit der Operation vorliegen. Wie die Röntgenaufnahmen zeigen, liegt eine sehr starke Verkalkung der Herzklappe vor, so dass wir um eine Klappenprothese nicht herumkommen.  Wir gehen da also konventionell vor. Besondere Aufmerksamkeit muss einem bereits recht instabilen Kreislauf gewidmet werden. Wir müssen möglichst lange ohne die Herz-Lungen-Maschine auskommen, um das bereits so schon schwer geschädigte Herz nicht noch mehr zu deformieren.“

„Die Operation ist nicht etwa wegen einer noch akuten und ausgeprägten Mitralinsuffizienz kontraindiziert?“, fragte die blonde Dr. Marion Gebauer.

Professor Hauschild schüttelte den Kopf. „Wir haben bis morgen früh Zeit, den Zustand der Patientin so weit aufzubauen, dass es hoffentlich nicht zum Zwischenfall kommt. Natürlich ist die Herzschwäche ausgeprägt, und in einem früheren Stadium würden wir erst an der Kräftigung arbeiten, ehe wir operieren. Aber hier gibt es kein Warten mehr. Sie kann infolge einer erneuten Komplikation aufgrund ihres Spätstadiums jederzeit sterben. Da gibt es nur noch die Operation. Das Risiko allerdings ist bei dieser Patientin über Gebühr hoch.“

„Wie hoch schätzen Sie es ein?“, wollte Dr. Sigmund wissen.

„Ich glaube“, erwiderte Professor Hauschild und sah den Anästhesie Oberarzt ernst an, „dass unser Risiko über fünfzig Prozent liegt. Wenn es zu einem Zwischenfall kommt, was hier wirklich sehr im Bereich des Möglichen liegt, steigt die Risikoprognose auf wenigstens siebzig Prozent.  Aus dem Grunde würde ich diese Operation allen anderen voranstellen. – Herr Sigmund, übernehmen Sie am besten sofort die Vorbereitung zusammen mit Herrn Lechting.“

Dr. Lechting atmete hörbar ein. „Hoffentlich geht das gut“, murmelte er.

Der Professor nickte. „Das hoffe ich so sehr wie wir alle hier, Herr Lechting. Für die Frau gibt es gar keine Wahl, sie kann nur gewinnen.“

10

Die meisten Ärzte wohnten außerhalb der Klinik, aber Hella wollte in aller Ruhe nach einer Bleibe suchen. Vor allem war sie entschlossen, erst einmal damit abzuwarten. Das kleine Zimmer im dritten Stock musste vorerst genügen. Es war ja nur für kurze Zeit. Als sie nach der Besprechung und einer anschließenden Visite bei Frau Kindermann und den beiden anderen Patienten, die morgen operiert wurden, in ihr Zimmer gehen wollte, um endlich auszupacken, kam ihr die blonde Dr. Marion Gebauer nach.

„Liebe Kollegin, wenn Sie wollen, leiste ich Ihnen etwas Gesellschaft“, rief sie. „Ich weiß doch, wie einem so ist, wenn man frisch hier ankommt. Ich habe heute Bereitschaft. Vielleicht können wir zusammen essen ... aber nur nicht in der Kantine.“ Sie lachte und stand dann neben Hella, die im ersten Augenblick nicht wusste, ob sie Marion Gebauer am liebsten losgeworden wäre, oder ob sie es als Glücksfall ansehen konnte, dieses Angebot von ihr zu bekommen.

„Danke“, sagte sie leise. „Ich wollte gerade meine Sachen auspacken und später vielleicht ...‟

Marion ließ sie gar nicht ausreden. „Ich finde es herrlich, dass er endlich mal wieder eine Frau ins Team genommen hat. Man ist hier immer in der Minderheit. Fast überall alles fest in Männerhand. – Spielen Sie Tennis?“

Hella dachte an Göttingen. „Nein, nicht mehr.“

„Ho! Sie machen ein Gesicht, als bekäme man davon den Aussatz. Ich spiele leidenschaftlich Tennis.“

Hella war versucht zu fragen, ob sie etwa mit Horst Sigmund spielte, doch sie unterließ es. „Sehr schön für Sie. Mir macht es keinen Spaß mehr. Ich glaube, ich muss endlich meine Sachen auspacken. Eigentlich wollte ich erst in ein paar Tagen anfangen und hatte vor, jemand vorher zu besuchen. Aber nun bin ich überredet worden ...‟

Marion winkte ab. „Die sind immer so. Wenn die einen haben, wollen sie ihn gleich einspannen. Wer hier weggeht, verlässt das Haus nicht wegen dem Chef. Der ist zwar manchmal sehr grantig, aber sonst schwer in Ordnung. Kommen Sie, wir können uns auch unterhalten, wenn Sie einräumen.“

Hella fand diesen Vorschlag nicht sehr passend, aber um Marion nicht auf Anhieb zu vergraulen und sich unnötig Feinde zu schaffen, stimmte sie nicht sehr begeistert zu. Marion spürte offenbar die leise Ablehnung von Hella nicht.

Wenn Hella aber dachte, Marion sei schlichtweg neugierig, irrte sie sich. Die hübsche Kollegin, die etwa in Hellas Alter war, setzte sich auf die Fensterbank, verschränkte die Arme vor der Brust und erzählte von ihrem Eintreffen in der Klinik vor drei Jahren.

„Seitdem arbeite ich mit Sigmund zusammen. Er spielt Tennis, hervorragend und fast genial. Er schlägt mich praktisch immer.“ Sie lachte, und Hella stimmte in dieses Lachen ein, wenn auch aus ganz anderem Anlass.

Dann erzählte Marion von ihrer Arbeit. Jetzt wurde sie ernst.

„Es macht einen fertig, dass es fast immer die hoffnungslosen Fälle sind, die wir hier haben. Diese Frau Kindermann ist so ein typisches Beispiel. Wir haben noch schlimmere Fälle hier, die gar nicht mehr operiert werden können, und jetzt in der inneren Abteilung liegen. Dort warten sie mehr oder weniger auf den letzten Anfall. Und man kann nichts, aber auch gar nichts, machen. Das deprimiert einen entsetzlich.“

„Sie machen mir richtig Angst“, sagte Hella beunruhigt. Das Problem hatte sie gar nicht bedacht.Vielleicht würde sie das viel mehr verunsichern als die Tatsache, dass Horst hier arbeitete.

Als hätte Marion geahnt, an wen Hella gerade dachte, begann sie wieder von Dr. Sigmund zu erzählen, ohne wissen zu können, wie sehr sie damit Hella Schmerz zufügte.

Trotzdem empfand Hella die Kollegin als sympathisch und nett. Von ihr bekam sie Tipps und Ratschläge, wie sie Dieses oder Jenes regeln konnte, und die erwarteten Fragen nach dem Woher Hellas blieben völlig aus. Vielleicht, so sagte sich Hella, erwartet sie, dass ich von mir aus davon erzähle.

Nur eine Frage in dieser Richtung stellte Marion. „Sagen Sie, verheiratet sind Sie doch nicht, oder?“

„Nein, auch nicht verlobt, sondern schlicht allein und ledig.“

„Ich habe zur Zeit auch keinen Freund mehr. Mein letzter war hier Assistent, dann ist er an die Kinderchirurgie nach Köln, und von dort kamen erst jede Menge Briefe, dann wurden es weniger, schließlich schickte er Ansichtskarten, und schließlich starb es ganz ab, wie es eben so geht. Ein Begräbnis unserer Liebe.“

„Wenn’s je eine war.“ Hella sah Marion an. Der schien diese „gestorbene“ Liebe nicht viel auszumachen.

„Manche von den Kollegen sind schwer hinter einem her“, berichtete Marion weiter. „Manche sind sogar sehr schlimm, vor allem Maletz, ein Mann um die Vierzig, aber wild wie ein Siebzehnjähriger. Der ist übrigens morgen auch dabei. Ich wette mit Ihnen, dass er sich morgen Abend schon an Sie heranzumachen versucht. Als Mediziner ist er Klasse, als Mensch könnte ich ihn auf den Mond schießen.  Es ist gleich sechs, wollen wir essen gehen? Wenn man im Fuggerbräu einen guten Platz haben will, muss man frühzeitig gehen. Dort isst man am besten. Haben Sie Lust?“

Jetzt war Hella froh, jemand zu haben, mit dem sie sprechen konnte. Was ihr an Marion anfangs wie Aufdringlichkeit vorgekommen war, schien reine Fürsorge und Kameradschaftlichkeit zu sein. Sie mochte Marion eigentlich immer mehr.

„Gut, gehen Sie, ich muss noch etwas Toilette machen. Wir können uns ja in einer Viertelstunde am Ausgang treffen.“

„Na, sagen wir, in zwanzig Minuten. Machen Sie es nicht zu toll, der Fuggerbräu ist nicht das Vierjahreszeiten in Hamburg. Hier verkehren einfache Leute, aber es ist sehr gemütlich.‟

Als Hella sich bereits umgezogen hatte und das Kleid von vorhin gerade in den Schrank hängen wollte, schellte das Telefon. „Hoffentlich nicht wieder irgendeine Besprechung“, murmelte Hella und hob ab.

Die Stimme, die sich meldete, ließ ihr fast das Herz stocken. „Hallo, Hella. Ich wollte mich mit dir über alles aussprechen. Du hast mir vorhin den Handschlag verweigert, aber das verstehe ich ja. Wollen wir nicht doch irgendwie Frieden schließen?“

Sie gab keine Antwort und stand wie erstarrt. Ihr war, als würde in ihr alles gefrieren. Die Stimme und die Erinnerung an die schmerzhafte Trennung damals, diese furchtbare Erinnerung, das war, als würde ihr die Wunde ein zweites Mal geschlagen.

„Hallo, hörst du nicht?“

„Ja“, sagte sie nur.

„Aber so sag doch etwas! Ich habe damals schäbig an dir gehandelt, ich gebe es zu. Jeder macht mal irgendwelchen Blödsinn. Ich mochte dich ja, und ich wusste auch nicht, dass es dich so mitnehmen würde. Das weiß ich überhaupt erst jetzt. War es wirklich so schlimm?“

„Schlimmer, als du es dir je vorstellen könntest“, entgegnete sie schroff und abweisend. „Es ist vorbei, aber nicht vergessen.“

„Aber so verzeih mir doch! Hella, es ist aus, gut und schön, aber lass uns doch, die wir zusammen arbeiten müssen, nicht auch noch Feinde sein.“

„Feinde? Ich bin nicht deine Feindin. Ich hasse dich nicht. Es ist nur, als würde ich in dir einem Menschen begegnen, der etwas in mir getötet hat. Ich möchte mit dir nicht privat sprechen. Und ich würde auch vorschlagen, dass wir uns nicht mehr duzen.  Das wäre es dann, Herr Sigmund. Ich habe jetzt leider einen Termin, Herr Kollege. Guten Abend!“ Damit legte sie auf.

Aber es ging ihr längst nicht so glatt herunter, wie sie sich wünschte. Sie spürte, dass ihr die Hände zitterten, empfand, wie sie vor innerer Erregung glühte.

Das Telefon schellte wieder. Sie erschrak derart, dass sie zusammenzuckte. Mit einem Ruck wandte sie sich um und verließ das Zimmer, als befände sie sich auf der Flucht.

Hastig lief sie zum Lift, und als sie unten war, prallte sie beinahe mit einem Laboranten zusammen, der dabei gerade noch sein Tablett mit Proben in der Balance halten konnte. Eine Entschuldigung murmelnd, hetzte Hella zum Ausgang.

Erleichtert atmete sie auf, als sie dort Marion sah. Ihr war, als brauchte sie Schutz. Immer wieder blickte sie in die Halle zurück, ob ihr Horst nicht womöglich folgen würde.

„Sie machen ja ein Gesicht, als wäre Ihnen der Weizen verhagelt!“, rief Marion verwundert. „Was ist Ihnen denn über die Leber gelaufen?“

„Ach, es ist nichts weiter. Kommen Sie, ich freue mich auf diesen Abend mit Ihnen.“ Sie dachte das wirklich und lachte wie befreit auf.

Marion blickte Hella verwundert an, dann lächelte sie und meinte:

„Nun, wir wollen etwas daraus machen. Morgen wird wieder ein schwerer Tag.‟

11

Bei Frau Kindermann war die ganze Nacht über die Vorbereitung zur Operation gelaufen, ohne dass sie selbst das merkte. Man hatte sie an eine ständige Infusion zur Kreislaufstärkung angeschlossen und ließ eine Nachtwache bei ihr im Zimmer.

Am frühen Morgen bekam sie eine beruhigende Medizin in die Infusion, so dass sie in einer Art Dämmerschlaf lag. Apathisch ließ sie die weiteren Vorbereitungen wie Waschungen und Umbettung mit sich geschehen.

Punkt halb sechs wurde sie in den OP gefahren.

Um diese Zeit waren die Angehörigen des Operationsteams bereits durch die Desinfektionsschleuse in den Vorbereitungsraum gegangen und bereiteten sich selbst, oder die notwendigen Geräte, für das Kommende vor.

An den drei Becken schrubbten sich die Ärzte mit den sterilen Bürsten die Hände. Die Schwestern befanden sich schon im OP, seit fünf Uhr. Die bereitgelegten Bestecke und das Nahtmaterial waren vorschriftsmäßig wieder abgedeckt und die Decke mit Klemmscheren befestigt. Der Sterilisationsapparat gab merkwürdige Töne von sich.

An der Herz-Lungen-Maschine saßen die beiden Operationstechniker und bereiteten die Anschlüsse für Blutersatz und Plasma vor. Die Funktion der Blutpumpen und der Blutreinigungsanlage hatten sie bereits zuvor überprüft.

Anästhesie-Oberarzt Dr. Sigmund und seine Assistenz, Dr. Marion Gebauer, beschäftigten sich mit der eben herein gefahrenen Patientin. Dr. Sigmund begann noch einmal Kreislauf und Atmung zu überprüfen, hörte wiederum die Herztöne ab und schloss die Patientin an die automatische Blutdruckmessung und die übrige Überwachung an.

Gleichzeitig begannen die Schwestern mit dem Abdecken der auf den OP-Tisch gebrachten Patientin.

Dr. Sigmund injizierte über die noch belassene Infusionskanüle ein weiteres Stärkungsmittel. Indessen hatte Dr. Marion Gebauer die Maske bereit, während der Narkose-Techniker, ein junger schmalgesichtiger Mann, die Mischung des mit der Betäubung angereicherten Gases einstellte.

Dr. Sigmund übernahm jetzt die Maske und begann mit der eigentlichen Betäubung. Indessen bereitete Dr. Marion Gebauer alle Medikamente vor, die für einen möglichen Zwischenfall bereitliegen mussten.

Im Vorbereitungsraum traf nun Professor Hauschild ein, der bereits wie alle hier Mundschutz und grüne OP-Kleidung trug. Im OP selbst war niemand mehr, der nicht Gummihandschuhe und absolut sterile Kleidung trug, der nicht ein fest am Kopf sitzendes, die Haare verdeckendes „Schiffchen“ trug.

Die Einschläferung der Patientin war abgeschlossen. Ruth Kindermann war ohne Bewusstsein. Die Operationsfläche lag frei, war noch einmal behandelt worden.

Die Operation konnte beginnen.

Am Kopfende und vom Operationsfeld auch durch eine Art „Vorhang“ getrennt, der etwa einen halben Meter vom Hals der Patientin aus hochragte und über die ganze Breite des Tisches ging, standen Anästhesie-Oberarzt, seine Assistentin, die Anästhesie-Schwester und der Anästhesie-Techniker.

Links vom Tisch befand sich der Leitstand der Herz-Lungen-Maschine mit den beiden Technikern, von denen der eine die Armaturen überwachte und die Funktion der Maschine zu steuern hatte, während sein Kollege links von ihm ständig die Daten mittels Spezialrechenschieber berechnete und seinem Kollegen die entsprechenden Angaben machte. Hier wurden fortlaufend die Blutwerte überwacht, Druck und Zusammensetzung, Gasaustausch und Verdünnung festgestellt und, je nachdem, der Notwendigkeit entsprechend verbessert

Zu Füßen der Patientin arbeiteten die Schwestern an den Vorbereitungstischen, während beiderseits der Operationsfläche außer dem Professor und seinen vier Helfern noch der Kardiologe Dr. Lechting stand, der zwar nicht direkt an der Operation mitwirkte, sie aber mit beobachtete und notfalls medikamentöse Unterstützung der Patientin vornahm, soweit das nicht schon Dr. Sigmund tat.

Die Assistenten des Professors waren Oberarzt Dr. Schönauer, Dr. Heigert, Dr. Hella Grund und Dr. Maletz. Außerdem waren fünf Schwestern im Einsatz. In ständiger Bereitschaft waren außerdem eine Röntgenschwester, notfalls ein Röntgenarzt und das gesamte Labor neben dem OP.

Der Vorgang geschah konventionell, wie alle Operationen am offenen Herzen.

Zuerst Schnitt mit dem Skalpell genau im Verlauf des Brustbeins. Durchtrennung der tieferen Schichten bis zum Brustbein selbst mit dem elektrischen Messer, wodurch sofort eine Verödung kleiner Blutgefäße stattfand.

Dann Einsatz der elektrischen Knochensäge zur Spaltung des Brustbeins und Eröffnung des Brustraumes. Auftrennung des Herzbeutels mit dem elektrischen Messer und Absaugen.

Bis dahin war keine Eile, keinerlei Notwendigkeit zur raschen Arbeit erforderlich.

Hella wurde während dieser Operation klar, dass Professor Hauschild bis jetzt zwar durchaus nach den Prinzipien klassischer Chirurgie gearbeitet hatte, dies jedoch mit einer Präzision und Sicherheit geschah, wie sie es selbst bei Professor Deckers in Hamburg nicht angetroffen hatte. Man merkte ganz einfach die Routine, die Erfahrung.

Hauschild wollte nichts, aber auch gar nichts dem Zufall überlassen. Bereits das Team war größer als bei Deckers, dazu kam, dass selbst bei einer so kurzfristig vorbereiteten Operation dennoch alles so ablief, als sei es ein weitaus weniger schwieriger Fall.

Es war Hella ganz klar, dass man sie unter den Assistenten zunächst auf die vierte Position gestellt hatte und sie damit keine Hauptrolle spielte. Sie musste sich erst an dieses Team gewöhnen, und es wäre absolut fahrlässig von Hauschild gewesen, ihr eine wichtigere Rolle zuzuteilen. Experimente konnte man sich im Interesse der Patientin absolut nicht leisten.

Dennoch war die Operation selbst Hella nicht ungewohnt. Auch dass Hauschild so lange wie möglich am schlagenden Herzen arbeitete, um die Spanne klein zu halten, da die Herz-Lungen-Maschine die Arbeit des Herzens übernehmen musste, war in Hamburg ebenso gehandhabt worden.

Das Herz wurde geöffnet, während es noch schlug. Dann aber kam der Augenblick, da die Herz-Lungen-Maschine einsetzen musste. Die Aorta wurde angeschlossen, das Blut aus dem geöffneten Herzen abgesaugt, die Herzklappe freigelegt, und die Kalkschicht abgetragen. Die total verkalkte Klappe, die sich kaum noch schloss und öffnete, wurde entfernt.

Das Nahtgut stand bereit, die mit Stoff ummantelte Prothese, die im Grunde nichts als ein Klappenventil war, wurde jetzt in das Nahtwerk einbezogen. Dort, wo die Prothese eingesetzt werden sollte, war eine kreisrunde Auflage im Herzen entstanden, direkt vor der Herzkammeröffnung. Bevor die Prothese auf ihren bestimmten Sitz kam, setzte man die Fäden rundum, führte sie zum unteren Ring der Prothese, und achtete genau darauf, dass die Abstände der Stiche gleich weit voneinander entfernt waren. Schließlich wurden die Fäden straff gezogen, so dass gleichzeitig die Prothese auf ihre vorbestimmte Stellung kam. Die Naht war gelegt, wurde befestigt und der Sitz der Prothese überprüft.

Das Tempo während dieser Phase der Operation war enorm. Und dennoch musste absolute Sorgfalt herrschen.

Hella hatte jetzt zusammen mit Dr. Heigert die Aufgabe, die Aorta wieder anzunähen, während Professor Hauschild bereits die Vorbereitungen für das Wiederingangsetzen des Herzens traf.

Als alle Nähte am Herzen gesetzt waren, hielt Dr. Schönauer die beiden tellerartigen Flächen des elektrischen Schockgerätes an zwei Seiten des schlaffen Herzens, und schon beim zweiten Impuls begann das Herz wieder zu schlagen. Es füllte sich rasch mit Blut, der Herzmuskel zog sich zusammen, dehnte sich aus, zog sich wieder zusammen ...

Die Piep-Geräusche des Überwachungsgerätes verrieten auch dem, der nicht hinblickte, dass dieses Herz wieder schlug.

Für Sabine war es – so oft sie es auch schon erlebt hatte – immer wieder wie ein Wunder, wenn ein stillgelegtes Herz nachher wieder zu schlagen begann. Aber es war mehr als das. Es war auch der kritische Augenblick.

Hauschild blickte zum Kardiogramm auf dem Gerät, dann wandte er sich wieder dem Operationsfeld zu.

Was jetzt geschah, bedurfte nicht mehr dieser Eile wie vorhin. Nun, da die Herz-Lungen-Maschine das Herz nicht mehr ersetzen musste, konnte sich das Operationsteam vorrangig Sorgfalt und Sicherheit widmen, ohne unter dem Stress des Tempos zu stehen.

Nach der Schließung des Herzbeutels wurde das getrennte Brustbein mit Spezialknochendraht verbunden – praktisch damit genäht. Danach kamen die Schichtnähte bis zur Naht der äußeren Haut.

Da hatte aber Professor Hauschild zusammen mit dem Oberarzt bereits den Platz am Tisch seinen Assistenten freigegeben und beobachtete deren Arbeit auf dem Bildschirm, auf den eine automatisch arbeitende Kamera das Operationsfeld übertrug.

Die Anästhesisten hatten die Zeit der Operation über ständig auf die Tiefe der Betäubung, aber zugleich auf Herz und Atmungstätigkeit ebenso achten müssen, wie das Team selbst. Ein Zwischenfall, so sehr er auch bis jetzt gefürchtet worden war, hatte sich zum Glück nicht ereignet Doch die Gefahr war keineswegs gebannt. Der Blutdruck gab jetzt, ebenso wie die Blutwerte, genauen Aufschluss darüber, ob die Nähte richtig saßen und die Nahtstellen besonders an den Gefäßen dicht waren.

Zugleich war das Schaubild des Oszillographen, der die Herztätigkeit anzeigte, die Stelle, wohin besonders Sigmund und Hauschild immer wieder blickten.

Die Prothese, die eine Herzklappe ersetzte, arbeitete wunderbar. Die Herztätigkeit war verglichen mit vorher geradezu phantastisch.

Die bange Frage war nur, ob sich nicht doch noch nachoperative Komplikationen einstellen wurden.

Endlich war auch die letzte Naht der Haut beendet, der schützende Desinfektionsfilm darüber gesprüht, die Patientin für das Umbetten vorbereitet Die Tiefe der Narkose begann nachzulassen, und Dr. Sigmund überließ seiner Assistentin das „Abhängen“ des Beatmungstubus von der Maschine. Wenn Ruth Kindermann nachher ganz zu sich kommen wurde, entfernte man ihr auch den Tubus, also den Beatmungsschlauch, aus der Nase. Von dort reichte er bis zum Kehlkopf hinab. Aber noch war es nicht soweit.

Ruth Kindermanns Herz schlug wie das eines gesunden Menschen. Seit Jahren hatte dieses Herz nicht mehr so kräftig gearbeitet. War sie vor der Operation noch bleich gewesen, weil die Haut schlecht durchblutet wurde, zeigte diese Haut überall jetzt schon deutliche Rosafärbung. Die Finger, sonst immer kalt wie auch die Füße, begannen sich mehr und mehr Dank der guten Durchblutung zu erwärmen.

Hella brauchte nicht mehr im OP zu sein, auch für sie war die Arbeit erst einmal bis zur nächsten Operation beendet. Draußen erfolgte das Umziehen, erneute Desinfektion, Schrubben, neuer Mundschutz, Vorbereitung für die nächste Operation, diesmal ein angeborener Herzklappenfehler bei einem Neunjährigen. Eine Viertelstunde später hatten die Ärzte Ruth Kindermann vorübergehend aus ihrem Gedächtnis gestrichen.

Ein neuer Patient lag auf dem Tisch, wiederum erforderte die Arbeit dieser neuen Operation Konzentration, Energie und Präzision.

Ruth Kindermann wurde da schon in der Intensivstation an die Überwachungsgeräte angeschlossen, vom diensttuenden Arzt untersucht, und die ersten Eintragungen über die Werte, die von den Geräten abgelesen wurden, wurden in die Kladde gemacht.

Normalerweise hätte Hella Ruth Kindermann höchstens zur Visite in der Intensivstation zu sehen bekommen, danach aber kaum mehr. Und doch sollte diese Frau, die zudem die erste Patientin Hellas in der Steinberg-Klinik war, eine bedeutsame Rolle in Hellas Leben übernehmen.

12

Eigentlich hatte Hella mit Marion in der Kantine essen wollen. Aber Marion konnte von einer Patientin nicht weg, deren Kreislauf nach der Operation noch Schwierigkeiten machte. Einziger Trost für Hella: Dadurch war auch Horst Sigmund verhindert, und sie brauchte ihm nicht irgendwo zu begegnen.

Das ist, sagte sie sich, auf die Dauer ja auch kein Zustand. Er wird mir zwangsläufig wieder und wieder begegnen; ich muss sogar mit ihm arbeiten. Vielleicht sollte ich doch ...

Sie kam mit ihren Gedanken nicht weiter. Plötzlich stand Dr. Heigert neben ihr.

„Kantine? Das wollen Sie sich doch nicht antun! Dieses Haus Ist zwar vom medizinischen Standpunkt eines der Besten, in puncto Kantine jedoch ein Fall für die Menschenrechtskommission!“ Er lachte, und Hella, die das sehr wohl als übertreibenden Scherz verstand, stimmte ins Gelächter ein.

Sie war froh, ihn jetzt neben sich zu haben. Sympathisch fand sie ihn ohnehin, und eben noch, da sie sich wie verloren vorgekommen war, hätte sie am liebsten kapituliert.

Er ahnte nichts von dem, was in ihr vorging. „Ich schlage vor, wir essen bei Oma Kowalski.“

„Privat?“

Er lachte wieder, und er gefiel ihr noch mehr, wenn er lachte. Dann sah er wie ein Junge aus. So richtig verwegen.

„Die haben ein Lokal zu Füßen des Steinberges. Kommen Sie, wir nehmen am besten den Wagen, es gießt in Strömen.“

Wie selbstverständlich lud er Hella in seinen alten Käfer ein, und sie sagte: „Das ist ja fast so ein alter Karren wie der meine.“

„Hauptsache, er tuckert. Ich habe nicht viel Gelegenheit zum Fahren. Im Urlaub nehme ich das Flugzeug und miete mir am Urlaubsort irgendeinen fahrbaren Untersatz.  Es ist nicht weit. Auch nicht sehr komfortabel. Oma Kowalski kocht wie Mutter daheim. Da kommt auch nichts aus dem Mikrowellenherd und etwa aus der Truhe. Oma macht alles frisch. Sie hat aber dafür auch nur zwei Sachen zur Auswahl. Die zweite Sache ist immer Bratkartoffeln mit Sülze und Remouladensoße.“

Er lachte wieder und sah kurz zu ihr hinüber.

Er gefiel ihr immer mehr. Ihr war, als würde sie ihn schon Jahre kennen. Mit ihm, dachte sie, kann man Pferde stehlen. Und zu ihm habe ich direkt Vertrauen gehabt.

Sie gefiel ihm auch. Aber seine spontane, draufgängerische Art täuschte. Er war nicht so forsch, wie er tat. Im Gegenteil, eigentlich hatte er im Umgang mit Frauen immer etwas Hemmungen. Auch jetzt. Jetzt sogar besonders, weil er Hella mochte.

Wenig später hielt Dr. Bernd Heigert vor einem kleinen Haus, vor dem schon fünf Wagen parkten.

„Alles Kollegen“, sagte Bernd Heigert „Leute, die wissen, wo es schmeckt.“

Hella schaute noch die alte Fachwerkfassade an, da machte Bernd schon die Tür auf und rief:

„Kommen Sie, sonst werden Sie noch pitschnass!“

Drinnen war es eng, die Decke hing tief herab, aber rundum lockte behagliche Gemütlichkeit. Vier Tische, nur mit Lindenholzplatten und blank gescheuerte klotzige Stuhle, wie handgeschnitzte, verräucherte Deckenbalken und an den Wänden Hirschgeweihe, ausgestopfte Fasane und Efeu, der sich im Übermaß die Wand empor rankte.

Zwei der Tische waren rundum besetzt, und einige der Gesichter kannte Hella von der Klinik her. Der dritte Tisch war gedeckt, aber es saß niemand dort. Desgleichen war es mit dem Vierten, und an den setzten sich Bernd und Hella.

„Es ist der Fleck, wo ich immer sitze“, erklärte ihr Bernd, nachdem er im Vorbeigehen den Kollegen einen Gruß zugerufen hatte.

Ein deutlicher Geruch nach Bohnen und gebratenem Fleisch wehte aus einer Tür, die wohl in die Küche führte. Dort tauchte jetzt auch ein alter Mann auf, dessen Gesicht aussah, als wäre es aus Wurzelholz gestemmt. Er kam mit einem Tablett, das er am ersten Tisch absetzte. Die Gäste nahmen sich die Speisen selbst, und der Alte kam nun erst einmal zu Bernd und Hella herüber.

Er lächelte, als er Bernd sah, begrüßte Hella ein wenig zögernd, und Bernd sagte: „Sie ist jetzt in unserem Team, Opa. Sie wird, glaube ich, öfters kommen. Es hängt davon ab, was ihr heute zaubert.“

Der Alte lächelte Hella an. Als sie ihm die Hand reichte und ihren Namen nannte, sagte der Alte:

„Sagen Sie einfach Opa zu mir, Fräulein Doktor. Das tun hier alle. Es gibt Schmorbraten, Bohnen und Knödel, hinterher Pflaumenkompott oder Bratkartoffeln ...“

„... und Sülze“, rief einer der Pfleger, die am Nebentisch saßen, lachend.

„Nicht so frech mit Opa!“, knurrte der Alte, aber aus seinen Augen blitzte der Schalk.

Irgendwie mochte Hella diesen knorrigen Kauz. Und als sie dann eine Weile später das Essen kostete, wusste sie, dass sie immer hier speisen würde. Doch bei diesem Gedanken kam zugleich wieder die beklemmende Erinnerung an Sigmund.

„Isst eigentlich Herr Sigmund auch hier?“, fragte sie ein wenig zögernd.

„Hmm, die Bohnen sind köstlich. — Ach so, Sigmund? Nein, der geht in den Ort, den habe ich hier noch nie gesehen.“

Hellas Erleichterung war so deutlich, dass Bernd sie besorgt ansah. „Ist die Geschichte mit ihm so ernst? Ich meine, ich bin ja zufällig und ganz unfreiwillig in diese Sache hineingezogen worden, als er da diese Entschuldigung vorbrachte. Und ich sagte Ihnen ja schon, dass er ein hervorragender Arzt ist. Ich glaube, Sie haben heute selbst erlebt ...“

„Herr Heigert, ich bitte Sie, lassen wir dieses Thema.“

Er senkte den Kopf und murmelte eine Entschuldigung. Jetzt wirkte er so deprimiert, dass sie ihn bedauerte.

„Ich habe Sie nicht kränken wollen. Aber die Sache ist für mich sehr schmerzlich. Ich möchte nicht mehr davon sprechen, am liebsten nie wieder.“

„Sie denken immer noch daran, deshalb womöglich von hier wegzugehen, nicht wahr?“

Opa kam mit dem Bier. Bei den Gästen am Nebentisch rief das großes Hallo hervor. „Es ist ganz frisch angezapft“, erklärte Opa.

Als er dann auch Hella und Bernd ihre gefüllten Gläser hinstellte, wurde Hella der Antwort auf Bernds Frage vorerst enthoben. Sie hoffte schon, er hätte sie selbst vergessen, als Opa wieder verschwand, aber da irrte sie sich.

Er blickte sie nach wie vor fragend an.

„Ich werde bleiben“, sagte sie in einem plötzlichen Entschluss. Und als sie das ausgesprochen hatte, war es mehr etwas, das sie sich selbst zurief.

„Sie machen so ein fanatisches Gesicht, als wollten Sie in die Schlacht ziehen“, meinte er lächelnd. „Dann zum Wohl, und auf eine gute Zukunft für Sie!‟ Er hob sein Glas.

Als sie dankte und trank, sah sie ihn übers Glas hinweg an. Sie hätte ihm in diesem Augenblick tausend Fragen stellen können, allesamt über ihn selber. War er verheiratet? Einen Ring trug er nicht, aber den trugen die wenigsten Chirurgen. Gab es eine Frau, mit der er ... ja, es waren wirklich viele Fragen.

„Sie sehen mich ja an, als, hätten Sie einen Frosch verschluckt. Was ist los mit Ihnen?“ Er legte seine Hand auf ihren linken Unterarm. Das schreckte sie auf, aber sie entzog ihm den Arm nicht. Zuerst war es etwas überraschend für sie, doch dann empfand sie die Berührung besänftigend, und ein warmes Gefühl der Zuneigung durchströmte sie.

Sie blickte ihn dankbar an. „Sie sind sehr nett zu mir. Es tut mir leid, aber diese schreckliche alte Geschichte ist wie eine Jahre alte Wunde, die plötzlich wieder aufgebrochen ist“

„Auch ein Chirurg sollte einige psychologische Fähigkeiten haben. Deshalb meine Frage: Sie lieben ihn immer noch?“

Sie schüttelte heftig den Kopf. „O nein, das ist vorbei.  Ich möchte besser nicht davon reden.“

„Vielleicht haben Sie recht, aber es könnte sein, dass es Sie erleichtert, wenn Sie es sich von der Seele reden.  Ich habe Sie heute bei der Operation beobachtet, bei allen dreien. Sie sind sehr sicher, obgleich Sie sich doch bei uns auf einem neuen und für Sie noch fremden Terrain befunden haben. Um so mehr bewundere ich Ihre präzise Arbeit.  Auf so etwas sind wir hier immer scharf. Sie haben ja selbst gesehen, dass alle, die hier arbeiten, ziemlich versierte Mediziner sind.“

Hella nickte. „Das stimmt wirklich.  Wir ...“ Sie unterbrach sich, als Opa das Kompott brachte. Er erkundigte sich, ob der Hauptgang geschmeckt hatte, ging dann aber ohne weiteren Kommentar ganz gegen seine Gewohnheit wieder, da er wohl merkte, dass die beiden allein bleiben wollten.

„Frau Grund, ich habe das Gefühl, Sie brauchen einen Menschen.“

Sie lachte leise: „Komisch, das hat Fräulein Gebauer auch schon gedacht. Aber es ist lieb von Ihnen, dass Sie sich Gedanken machen.“

„Ich könnte nicht der Mensch sein, den Sie brauchen?“ Er sah sie so jungenhaft an, dass sie ihn am liebsten in die Arme genommen hätte.

Mein Gott!, dachte sie entsetzt. Jetzt habe ich schon richtig vertrauliche Gedanken. Ich kenne ihn ja gerade knapp einen Tag.

„Falls Sie heute Abend nichts vorhaben“, schlug er vor, „könnten wir beide einmal eine Rundfahrt machen, damit ich Ihnen die Gegend zeige.“

„Bei dem Regen?“, fragte sie lachend „Da können wir ja die Strecke am besten gleich schwimmen.“

„Hm, und wie wäre es, wenn wir wirklich schwimmen? Ich meine im Hallenbad. Wir haben eins in der Klinik, im Kellergeschoss. Top modern! Aber das Ideale ist es auch nicht. – Vielleicht eine Spritztour nach Füssen?“

„Danke, bemühen Sie sich doch nicht.“ Sie wollte ihn nicht abwimmeln, aber die Vorschläge kamen ihr so verzweifelt vor, dass er ihr schon richtig leid tat. Er wollte den Abend retten, doch der schien regelrecht im schlechten Wetter unterzugehen. So platzte sie ihrerseits mit einem Vorschlag heraus:

„Wenn Sie es nicht falsch verstehen, würde ich lieber in den Fuggerbräu gehen. Dort war ich schon gestern Abend mit Fräulein Gebauer.“

„Hm, zum Essen gut, aber sonst? Nun gut, einverstanden. Ich sehe, dass Sie ebenso gerne mit mir zusammen sein wollen, wie ich mit Ihnen.“ Er strahlte sie so umwerfend an, dass sie gar nicht anders konnte, als ihm zu sagen:

„Ja, ich möchte das wirklich. Entnehmen Sie diesem Geständnis aber bitte keinen Freibrief.“

Er lachte nur, gab aber darauf keine Antwort

Später zahlten und gingen sie. Im Auto sagte er:

„Mir ist als würde ich Sie schon von Kindheit an kennen. Sie sind die Frau, nach der ich seit zehn Jahren suche.“

Als sie ihn daraufhin ansah und ihm eine scherzhafte Antwort geben wollte, begegneten sich ihre Blicke. Er war todernst. In seinen Augen war eine tiefe Sehnsucht zu lesen.

Sie unterließ das, was sie schon sagen wollte und wandte sich wieder ab. „Ich glaube, es wird Zeit für uns.“

Sie hörte, wie er den Motor anließ, aber sie wagte nicht mehr, in seine Richtung zu blicken. Ihr kam die Atmosphäre im Wagen wie mit Tausenden von Volt aufgeladen vor.

13

Am frühen Nachmittag, als sie gerade in die Ambulanz gehen wollte, traf sie Jörg Kindermann. Er schleppte einen gewaltigen Blumenstrauß, alles rote Rosen, und kam direkt auf sie zu.

An den Rosen vorbei konnte sie sein strahlendes, überglückliches Gesicht sehen. Lauthals rief er ihr zu:

„Es ist geschafft! Es wird alles wieder gut! Ich bin wahnsinnig glücklich!“

Da sie nichts sagte, dachte er wohl, sie könnte den Grund seiner Freude womöglich nicht kennen.

„Meine Frau ist operiert worden. Es geht ihr blendend. Ich durfte sie vorhin sehen. Bin sofort los, um die Rosen ...“

„Sie liegt doch auf Intensiv, Herr Kindermann. Dort dürfen keine Blumen stehen.“

Er schien diesen Hinweis völlig zu ignorieren. „Macht nichts. Ich darf sie ihr zeigen, hat die Schwester dort gesagt. Nur zeigen, dann wieder raus. Sie wissen ja gar nicht, wie mir die Zeit während der Operation zumute war. Ich habe unten gesessen und gewartet, gezittert und gewartet, und erst nach vier Stunden hat man mir gesagt, dass sie es überstanden hat.“

Er ließ sie gar nicht zu Worte kommen, erzählte und schnappte vor Freude fast über. Doch dann fragte er:

„Wie lange muss sie denn auf der Intensivstation liegen?“

„Vielleicht drei oder vier Tage, wenn es keine Komplikationen gibt.“

„Ich habe mit Doktor Heigert gesprochen. Er ist jetzt gerade bei meiner Frau. Die Operation soll ja wider Erwarten sehr glatt gegangen sein.“

Hella nickte. „Ist sie auch. Aber es war kein kleiner Eingriff, wie Sie wissen. Ihre Frau braucht noch sehr viel Zeit.“

„Ich werde alles für meine Frau tun, alles!“, versicherte Jörg Kindermann. „Ich liebe meine Frau; was sie für mich bedeutet, können Sie sich gar nicht vorstellen.‟

„Ihre Frau kann sich auch freuen ... über Sie, lieber Herr Kindermann. Wir haben übrigens denselben Weg. Ich muss auch zur Intensivstation“, erwiderte Hella und entschloss sich, erst nachher zur Ambulanz zu gehen. Irgendwie meinte sie, Dr. Heigert sprechen zu müssen. Einen wirklichen Grund gab es dafür allerdings nicht.

Als sie mit Jörg Kindermann im Lift stand, dachte sie: Etwas ist mit mir passiert, seit ich heute Mittag mit Bernd Heigert zusammen war. Etwas, das mir auch die Kraft gibt, hierzubleiben und es hinzunehmen, dass ich Horst immer wieder sehen muss.

Sie sah ihn, als sie mit Jörg Kindermann den Lift verließ. Er kam mit Dr. Maletz, der sich nachdenklich übers schüttere blonde Haar strich, während Sigmund zu Hella herübersah und ihr dann winkte, als wollte er sie bitten, stehenzubleiben.

Aber sie tat, als hätte sie dieses Zeihen nicht bemerkt, und ging mit Jörg Kindermann auf die Schleuse der Wachstation zu.

Kindermann wusste noch nicht so recht Bescheid mit dem Überziehen der Plastikschuhe und dem Umhang in der Schleuse, zudem waren ihm die Blumen im Wege, so dass Hella ihm half.

Zusammen gingen sie dann in den Gang, denn Hella besaß einen Schlüssel und brauchte nicht zu schellen.

Ruth Kindermann lag vom links im ersten Raum. Mit ihr waren noch vier Patienten untergebracht, alles Frischoperierte. Am Morgen noch waren es fünf gewesen. Dieser fünfte war m Laufe des Morgens verschieden. Wieder ein Abgang, wieder ein Patient, dem auch das Können eines hervorragenden Teams nicht mehr hatte helfen können.

Bei Ruth Kindermann sah alles viel hoffnungsvoller aus. Sie lag zwar noch apathisch und von der Narkose beeindruckt auf ihrem Lager, doch die Kreislaufwerte waren ausgezeichnet. Das jedenfalls sah Hella sofort, und es bestätigte sich noch nach einem Blick auf die Kladde.

Sie war vor Jörg Kindermann in den Raum getreten, hatte der Schwester zugenickt, die am Pult saß, wo die Aufzeichnungen gemacht wurden. Am Lager des ersten Bettes, auf dem Ruth Kindermann lag, stand Dr. Heigert.

Obgleich sie sich freute, ihn jetzt schon zu sehen, dachte Hella doch zuerst an die Patientin. Es war ja auch „ihre“ erste Patientin hier im Haus.

Ruth Kindermann atmete selbst, und der Tubus war entfernt. Sie wirkte aber noch sediert, also ruhiggestellt, und so schläfrig blickte sie auch drein.

An diesen Augenblick sollte sich Hella später noch öfters erinnern. Da war ihr durchaus nicht bewusst geworden, wie sehr sich diese Frau noch ändern sollte.

Die roten Rosen sah Frau Kindermann offenbar kaum, selbst als sie von Bernd Heigert darauf aufmerksam gemacht wurde. Statt dessen starrte sie auf den Arzt, und es war, als sei sie wie gebannt von seinen Augen, könnte ihren Blick gar nicht davon lösen.

Sie sprach nicht. Als Dr. Heigert dann vom Bett wegging, sich Hella zuwandte und mit ihr sprach, trat Jörg Kindermann ans Bett. Er durfte nicht näher herangehen, und es war ihm auch nicht erlaubt, seine Frau anzufassen.

Das schien ihm schwerzufallen. Etwas verlegen stand er da, hilflos fast, er wollte auch seine Frau nicht durch zu vieles Reden belasten, und so redete er eigentlich wenig und dazu noch recht unwichtige Dinge.

Sie hörte ihm zu, aber sie sagte nichts. Dann schloss sie die Augen, als sei sie müde. Die Schwester kam und meinte, es wäre genug. Länger könne er nicht am Bett seiner Frau bleiben.

Er ging und empfand es als Gnade, heute schon zu seiner Frau gedurft zu haben. Aber draußen war dann niemand, der Zeit für ihn und seine Freude hatte. Er wartete noch vor der Schleuse, in der Hoffnung, dass Dr. Heigert oder Dr. Hella Grund herauskommen würden, doch sie kamen nicht. Da ging er dann wie mit Blei an den Füßen zum Lift.

Indessen nahm Dr. Heigert seine neue Kollegin auf seinem Gang durch die Intensivstation von Zimmer zu Zimmer, von Bett zu Bett, mit. Und hier hatte Hella nun auch Gelegenheit, die vielen nahezu aussichtslosen Fälle kennenzulernen. Ihr war sowieso aufgefallen, dass dieses Haus eine verhältnismäßig große Intensivstation besaß. Aber die Größe entsprach der Schwere des Leidens, in dem sich sehr viele der Patienten befanden, die hierher kamen.

In bedrückter Stimmung verließ Hella später mit Bernd die Station. Als er sich am Lift von ihr trennte, sagte sie:

„Ich muss zur Ambulanz.“

„Kommen Sie nachher auf die S1, das ist unsere Station. Ich werde Sie noch einweisen. – Und vergessen Sie nicht, was wir beide am Abend vorhaben.“ Er fügte leise, dass nur sie es hören konnte, hinzu: „Ich freue mich darauf wie ein Schulbub auf ein riesiges Eis.“

„Sie machen Vergleiche!“, meinte sie lachend. Seine Bemerkung war nach der bedrückenden Visite in der Intensivstation wie eine Erlösung für Hella.

Als sie dann allein im Lift nach unten fuhr, dachte sie: Ich glaube, ich bin verliebt. – Ja, so muss es sein, ich liebe ihn.

14

Ruth Kindermann hatte noch Schmerzen. Aber das war nichts im Vergleich zu der Pein, die sie vor der Operation mitunter empfinden musste. Aber es ging ihr doch bedeutend besser. Das musste sie zugeben.

Sie spürte die Veränderung, die infolge der Operation mit ihr vorgegangen war. Und zugleich, wie sie nahezu stündlich die steigende Energie bemerkte, die sie empfand, wuchs auch da Gefühl der Dankbarkeit.

Sobald einer der Ärzte auftauchte, war sie wie umgewandelt. Das Sprechen machte ihr nach Tagen nicht mehr soviel Mühe. Und als man sie am vierten Tage schon von der Intensivstation auf die normale Chirurgische Station brachte, die sogenannte S 1, ging es mit ihr fast zum Zusehen voran.

Die Stationsschwester von S 1 war Schwester Agnes. Diese Walküre von Frau war viel zu burschikos, um die ständigen Dankesbezeigungen ernst z: nehmen. Als sie wieder einmal in Ruth Kindermanns Zimmer kam und Ruth ihr schon zum wievielten Male sagte, wie sehr sie ihren Ärzten danke, fuhr die resolute Schwester sie an:

„Nun machen Sie mal einen Punkt! Jeder hier tut, was er kann, aber dass bei Ihnen alles glatt ging, danken Sie auch noch einem, von dem Sie noch nie gesprochen haben. Er ist ganz oben.“ Sie zeigte zur Decke.

„Ja, ja,“, murmelte Ruth Kindermann betroffen. „An ihn habe ich auch schon gedacht. – Wann kommt der Doktor wieder?“

„Welcher Doktor?“, erkundigte sich Schwester Agnes abweisend. „Wir haben hier mehr als zwei Dutzend.“ Sie wusste ganz genau, wen Ruth Kindermann meinte. Denn auch der erfahrenen Schwester war schon aufgefallen, was auch anderen Schwestern auf der Station nicht entgangen war. Ruth Kindermann himmelte Dr. Heigert an, als sei er ihr alleiniger Lebensretter.

Dabei wusste Schwester Agnes auch, dass da zwischen dem Stationsarzt um der Assistentin Dr. Grund eine zarte Romanze im Entstehen war. Sie hatte die beiden mehrmals abends zusammen im Fuggerbräu, Spazierengehen, und auch letzten Sonntag tanzen gesehen. In einer so kleinen Gemeinde wie hier brauchte niemand dem anderen nachzuspionieren, man traf sich, ob man es wollte oder nicht.

Schwester Agnes mochte den Stationsarzt, weil er etwas konnte und zudem ihr nicht dauernd in Dinge hineinredete, wo sie nun wirklich nach so vielen Dienstjahren wusste, was zu tun war. Auch die junge Ärztin war ihr sympathisch. Dass die ebenfalls sehr tüchtig war, hatte Schwester Agnes sehr rasch heraus.

Für eine Schwester, die so lange im Hause war und so viele Leute kannte, gab es immer Möglichkeiten, etwas zu erfahren. Sie kannte die Operationsschwestern, und von denen hatte sie schon nach zwei Tagen einen ganz genauen Bericht, wie es um Dr. Hella Grunds Fähigkeiten im OP stand. Da hatte sie nur Lobeshymnen gehört, auch auf der Station war Dr. Grund gut und hatte sich sehr rasch eingearbeitet. Sie gehörte auch nicht zu den arroganten Ärzten, die meinten, die Erfahrung einer älteren Schwester zähle nicht. In diesem Punkt war Schwester Agnes sehr empfindlich.

„Ich meine Doktor Heigert“, sagte Ruth Kindermann und sah die Schwester mit verklärtem Blick an.

„Ach, ich glaube, heute kommt Frau Doktor Grund.“

Ruth Kindermann verzog das Gesicht, als wäre sie ein Kind, das ein gewünschtes Spielzeug nicht bekommt. ,Ach, warum denn die?“

Schwester Agnes hatte es eigentlich eilig, aber jetzt nahm sie sich die Zeit und weidete sich an Ruth Kindermanns Anblick. Sie musste ein Lachen unterdrücken, als sie sagte:

„Traurig? Wieso muss es eigentlich Doktor Heigert sein? Operiert hat Sie vor allem Professor Hauschild, unser Chef, das wissen Sie doch.“

„Ja, das weiß ich“, erwiderte Ruth Kindermann unleidlich.

„Sie tun aber, als wäre Doktor Heigert der einzige Arzt hier.‟

Ruth Kindermann sah Schwester Agnes zornig an. „Neiden Sie ihm das etwa?“, fragte sie spitz. „Ich habe ihn eben am liebsten.“

Die Schwester ging. Sie wollte es nicht erst so weit treiben, dass sich Ruth Kindermann beim Chef beschwerte. Einmal hatte sie das schon getan. Und Frau Kindermann lag in der Ersten Klasse, da verlangte der Chef freundliche Behandlung der Patienten. Das forderte er überhaupt, aber hier hatten die Patienten so etwas wie ein bezahltes Anrecht darauf.

Der Schwester war auch nicht entgangen, dass die Besuche ihres Mannes, der zweimal täglich anreiste, Frau Kindermann offenbar wenig oder nichts bedeuteten, ja, ihr womöglich sogar lästig wurden.

Die rasche Genesung, die Wiederkehr schon für immer verloren geglaubter Energien, und das seit einigen Tagen anhaltende schöne Wetter weckten in Ruth Kindermann Gefühle, die sie seit Jahren nicht mehr gehabt hatte.

Sie selbst war sich über diese Gefühle absolut nicht im Klaren. Schwester Agnes aber glaubte etwas davon zu wissen: Ruth Kindermann hatte sich in den Stationsarzt Dr. Heigert verliebt.

Der Betroffene war ahnungslos. Als er eine halbe Stunde nach dem Weggang Schwester Agnes’ aus Ruth Kindermanns Zimmer zufällig auf die Station kam, beschloss Schwester Agnes, ihm ein paar Worte zu sagen.

Sie waren zufällig im Stationszimmer, gleich neben der Stationsküche.

„Hören Sie, Herr Doktor, gehen Sie mal besser nicht zur zweihundert-vierzehn. Diese Frau hat schon bald einen Knall. Ich glaube, die ist verrückt auf Sie, Herr Doktor. Sie will immerzu, dass Sie zu ihr kommen sollen.“

Bernd Heigert sah das anders als die Schwester und erwiderte:

„Ich glaube, hier tun Sie aber der guten Frau unrecht. Wissen Sie, Schwester, nach solchen Operationen und der durchgestandenen Todesangst, die viele Patienten davor bei den Anfällen empfinden, geht auch rein psychisch etwas mit ihnen vor. Es kommt regelrecht zu Wesensveränderungen.“

Schwester Agnes stemmte ihre breiten Hände in die Hüften und sah den Arzt ungläubig an.

„Na, Herr Doktor, das nehme ich Ihnen ja ab, nur ist das bei dieser Frau ein wenig anders. Sie ist ja nicht die einzige Patientin, die wir hier haben, und die so eine Operation hinter sich hat. Mit der Zeit tut mir der Mann leid. Der würde sich in kleine Streifen schneiden lassen für seine Frau, und sie beachtet ihn kaum, ja ich glaube, sie hätte es am liebsten, wenn er gar nicht mehr käme. Aber Sie, lieber Herr Doktor, Sie könnten am liebsten den ganzen Tag der Gnädigen die Zeit vertreiben.“

„Nun hören Sie aber auf!“ Bernd Heigert lächelte. „Liebe Schwester, nun übertreiben Sie aber wirklich.  Aber gut, ich werde Frau Doktor Grund zu ihr schicken.“

Schwester Agnes winkte ab. „Nicht nötig, die holt sich nur eine Abfuhr. Denn die mag sie nicht Auch Doktor Maletz, den Frauen sonst alle recht gerne haben auf der Station, der mir die ganzen jungen Schwestern verrückt macht, den mag sie auch nicht. Die mag nur Sie, Herr Doktor.“ Schwester Agnes lachte.

„Ich glaube nun aber doch, dass Sie mich auf den Arm nehmen wollen. Ihre mitunter eigenwilligen Späße sind hier im Hause ja bekannt.“

Schwester Agnes wurde ernst. „Nur dass dies eben keiner meiner Späße ist, wie Sie zu sagen belieben, Herr Doktor. Diese Frau ist verknallt in Sie, ob Sie das nun begreifen oder nicht – Und jetzt muss ich in zweihundert-elf, da hat einer geschellt ...“

Dr. Bernd Heigert sah der strammer Schwester nach, als hätte sie ihm eben die Landung von Marsmenschen auf der Erde verkündet.

15

Sie fuhren mit Bernds altem, Käfer die Kurven zum Semmerhorn empor. Hella hatte sich zurückgelehnt und genoss diese Fahrt. Der erste richtig freie Tag für sie beide.

Es hatte einige Mühe und Überredungskünste gekostet, es so einzurichten, dass der Chef sie beide am gleichen Tage beurlaubte. Ein Nachmittag und ein ganzer Sonntag, den sie da für sich hatten.

Das Wetter spielte mit. Herrlicher Sonnenschein, fast kitschig blauer Himmel über den schroffen Bergen, vergoldet der sich schon herbstlich färbende Lärchenwald drüben am Talhang. Von einem der Holzfällerfeuer stieg eine dünne Rauchfahne fast senkrecht zum Himmel.

An einem kleinen Parkplatz seitlich der Straße hielt Bernd an.

„Von hier aus sieht man weit bis nach Österreich hinein. Ist das nicht einmalig hier oben?“

Er sah sie von der Seite an, als sie die herrliche Aussicht genoss. Ihr Anblick weckte in ihm eine Flut von wirbelnden Gedanken. Er liebte sie, und er glaubte auch, von ihr geliebt zu werden. Und doch zeigte sich Hella jedes Mal spröde, ja geradezu widerborstig, wenn er nur versuchte, sie in die Arme zu nehmen. Dann sagte sie nur, er solle ihr Zeit lassen.

Allmählich begann er seinen Kollegen Sigmund zu hassen, weil er fest annahm, dass diese Haltung Hellas auf jenes Erlebnis mit Sigmund zurückzuführen war. Da schien sie entsetzlich enttäuscht worden zu sein.

Oder lag es gar nicht daran? Mein Gott, dachte er, wir sind jetzt zwei Wochen miteinander befreundet und verkehren noch so zusammen, als hätten wir uns gerade kennengelernt.

„Frau Grund ...“

Sie wandte sich ihm zu, lächelte, dann wurde sie ernst, weil sie spürte, was er sagen wollte.

„Warum errichten Sie so einen Wall zwischen uns?“ Da war die Frage heraus.

Sie sah auf ihre Hände, und jetzt wirkte sie wie ein Kind, das Strafe erwartet. „Warum fragen Sie das? Es gibt keinen Wall. Es gibt nichts, das ... Sie sollten mir Zeit lassen, bitte!“

„Ich begreife Sie nicht. Irgendwann und irgendwo ist etwas passiert, das Sie geschockt hat, und ich ahne ja auch, wieso. Aber das liegt doch sicher lange genug zurück. Irgendeine Narbe bleibt immer, aber deshalb gibt es doch keinen Grund, im Bett zu liegen.“

„So einfach ist das nicht‟, entgegnete sie leise und starrte dabei auf ihre Hände, die sie auf dem Schoß hielt. „Ich ... ich möchte doch auch davon loskommen, aber ich habe Angst, dass alles wieder so wird wie schon einmal.“

„Diese Angst müssen Sie loswerden, ich helfe Ihnen dabei.“ Er beugte sich zu ihr hinüber, legte seinen Arm um ihre Schultern und zog sie auf sich zu.

Sie wehrte sich nicht wie sonst. Sie ließ es auch geschehen, dass er ihr mit der anderen Hand sanft übers Haar strich, als müsse er sie trösten.

„Hella ...“ Zum ersten Male nannte er sie beim Vornamen. Er fasste sie etwas fester an der Schulter, dass sie den Druck seiner Hand spürte. „Ich weiß, dass wir uns lieben. Ich weiß es, und es ist nicht nur ein einseitiges Gefühl. – Sieh mich an!“

Sie blickte ihm in die Augen. Aber er ahnte nicht, was in ihr wirklich vorging. Er bemerkte nur die Panik in ihrem Blick, die Verzweiflung, aber von dem Ringen der Empfindungen, die in ihrem Innern einen Kampf ausfochten, wusste er nichts.

Ich liebe ihn, dachte sie. Ich möchte doch, dass er mich in den Armen hält dass er mich küsst. Nichts will ich so sehr wie das. Warum nur sperre ich mich dagegen?

Sie spürte selbst, wie alles an ihr nachgiebig und weich zu werden schien. Sie entspannte sich, lehnte sich in seinen Arm, und empfand eine so starke Sehnsucht nach ihm, dass sie am liebsten seinen Kopf genommen, zu sich herangezogen und geküsst hätte.

Bernd merkte, dass sich etwas mit ihr verändert hatte. Er beugte sich über sie, wollte sie küssen, als im gleichen Augenblick etwas geschah, das alles auslöschte.

Hinter dem alten Käfer hatte ein anderer Wagen geparkt. Kinder quollen aus dem Kleinbus heraus, jauchzten, schrien und quirlten im Nu um den Wagen Bernds herum.

Hella, die das gerade noch aus den Augenwinkeln sah, und die der Lärm schon aufgeschreckt hatte, zuckte zusammen. Ihre Haltung versteifte sich, alles in ihr war mit einem Male Abwehr.

Auch Bernd richtete sich auf, blickte zornig nach draußen und knurrte:

„Die soll doch der Kuckuck holen!“

Dann startete er den Wagen und fuhr los. „Ich weiß eine andere schöne Stelle.“

Aber bis dahin vergingen mehr als zehn Minuten, und als er dort anhielt, war es nicht mehr dasselbe, so reizvoll die Landschaft von hier aus auch sein mochte. Auf Hella machte es jetzt den Eindruck des Gewollten, nicht mehr einer spontanen Eingebung wie vorhin.

Als Bernd wieder den Arm um sie legte, konnte er damit nicht noch einmal die Empfindungen und die Bereitschaft in ihr wecken wie vorhin. Sie blieb versteift und beugte den Kopf zur Seite, als er sie zu küssen versuchte.

„Bitte, bitte nicht, Sie zerstören alles!“

Gekränkt und verärgert ließ er sie los, setzte sich zurecht und sagte, während er nach vorn durch die Windschutzscheibe blickte:

„Die Kinder haben alles verdorben.  Hella, was ist nur mit Ihnen los? Sagen Sie es doch, wenn Sie mich nicht mögen. Es muss doch etwas sein, das Sie abstößt.“

Sie sah ihn an. Er tat ihr leid, und doch konnte sie nicht aus ihrer Haut. Ich verliere ihn, sagte sie sich, wenn ich so halsstarrig bleibe. Er liebt mich und ich liebe ihn. Aber wie kann ich es ihm zeigen, wenn ich, statt ihm meine Liebe irgendwie zu beweisen, mich wie eine hysterische Ziege benehme? Er muss ja denken, ich hätte etwas gegen ihn.

Eine andere Stimme in ihr sagte: Wenn du nachgibst, wird es so sein wie mit Horst. Du bist eine Närrin, Hella, du gibst ihm alles, was du hast, du willst dann nur noch für ihn und für nichts anderes da sein. So wie bei Horst. Und eines Tages kommt wieder die Ernüchterung, fällst du aus höchsten Höhe: Hinab in eine fürchterliche Tiefe. So wie bei Horst.

„Ich glaube, wir sollten vielleicht umkehren“, sagte er leise, aber doch recht eindringlich.

Sie sah ihn erschrocken an, erwidert aber keine Silbe. Die Gedanken in ihrem Kopf wirbelten nur so durcheinander. Nein, dachte sie, wenn er das tut, ist alles zerstört, dann gibt es nie die Erfüllung all dessen, woran ich immerzu denken muss.

Sie wollte etwas sagen, wollte eigentlich tausend Worte heraussprudeln, aber sie schwieg. Sie saß wie erstarrt und sagte keinen Ton. Obgleich sich in ihr alles dagegen auflehnte, dass es so kam, tat sie nichts dagegen.

Er startete wieder den Wagen, und als wollte er ihren Widerspruch hören, sah Bernd sie an.

Sie wollte ihn umarmen, wollte herausschreien, dass sie ihn liebte, aber sie saß nur da wie aus Stein.

Er erkannte nicht, was mit ihr los war. Er sah nur ihre starre Haltung, wandte sich resignierend ab und fuhr los.

Erst als er auf die Straße einbiegen wollte, sagte sie plötzlich: „Nein, halten Sie!“

Er trat auf die Bremse, dass sie gegen die Scheibe geflogen wäre, hätte sie nicht den Gurt getragen. Dann wandte er sich ihr zu, stellte mit der Linken de Motor ab, und ließ den Gurt aus der Halterung schnappen.

„Hella, geliebte Hella!“, flüsterte er und nahm ihre Wangen in die Hände, hielt so ihren Kopf fest, und sie hielt still. Sie schloss die Augen und spürte nur seine kühlen Hände, von denen ein wundersamer Strom auszugehen schien.

Er küsste sie sanft und zart, und sie hielt die Augen geschlossen. Erst regte sie sich nicht, hielt nur still. Doch dann wurde der Druck seiner Lippen kräftiger, schien ein Gluthauch seinen Mund mit dem ihren zu verschmelzen, und da konnte sie nicht mehr anders.

Obgleich sie etwas vom Gurt behindert war, wollte sie ihre Gefühle nicht damit stören, dass sie sich erst abschnallte. Sie schlang ihre Arme um seinen Nacken und erwiderte seinen Kuss mit einer auflodernden Leidenschaft, die sie beide alles ringsum vergessen ließ.

Aber jetzt kam niemand, der sie störte, sie waren allein mit sich und ihrem Glück.

16

Die Berge schienen in Flammen zu stehen, und der Himmel loderte rotglühend. Aus den Tälern stiegen die Nebel, rot von der abendlichen Sonne angestrahlt – Alpenglühen, wie es schöner nicht sein konnte.

Die Felsen leuchteten wie flüssiges Kupfer, die Schneewände oben auf den höchsten Gipfeln glichen goldenen Dächern. Tief unten im Tal und auf den der Sonne abgewandten Seiten waren die Schatten bläulich-schwarz.

Das Rapp-Hotel war auf einem herrlichen Stück Erde erbaut, droben auf der gewaltigen Felsleiste über dem Simmerlang-Tal. Von hier aus reichte die Aussicht über eins der schönsten Gebiete der Alpen. Man konnte sie von allen Gästezimmern aus genießen, sozusagen vom Bett aus.

Hier oben im Hotel hatten sie sich eingemietet – wie Bernd das genannt hatte. Es war Abend, und nicht nur Hella und Bernd standen beieinander, um dieses wunderschöne Alpenglühen zu verfolgen. Überall auf der langen Terrasse vor dem Speisesaal standen die Menschen, auch oben auf dem mit Hängegeranien geschmückten Balkon standen sie. Die einen fotografierten, die anderen wollten es durch Ferngläser noch genauer sehen, wieder andere standen wie Hella und Bernd ganz einfach da und sahen überwältigt dieses Bild.

Hoch oben in der Wand, die hinter dem Rapp-Hotel aufragte, nisteten Adler – eine Attraktion für die Hotelgäste, die das ebenfalls durch Feldstecher beobachten konnten. Die Adler kehrten jetzt vom letzten Tagesflug zurück. Ihre Schreie tönten weit übers Tal und hallten von den Felswänden drüben zurück.

Bernd hatte seinen Arm um Hellas Schultern gelegt und zog die geliebte Frau sanft an sich. Sie ließ es geschehen, blickte einmal kurz zu ihm auf, und lehnte dann ihren Kopf an seine Schulter. Sie fühlte sich unsagbar glücklich.

Als die Feuersglut, die von der abendlichen Sonne dargestellt wurde, mit einem Male wie ein Schemen erlosch, als die Felsen wieder grau und drohend aufragten, gingen die meisten der Leute ins Haus. Auch auf dem Balkon oben wurde es vielen zu kühl.

Bernd und Hella spürten die jähe abendliche Kühle nicht. Und dann, als es mit einem Male immer dunkler wurde, waren sie allein hier draußen.

Drinnen spielte jemand Zither. Ein Hauch von Essensgeruch wehte zur Terrasse heraus. Aber weder Hella noch Bernd verspürten Hunger.

Als dann im Haus mehr und mehr Lichter angingen und auch die Laternen auf der Terrassenbrüstung angeschaltet wurden, gingen Hella und Bernd noch einmal den Weg zurück, den sie vorhin heraufgekommen waren. Irgendwo dort unten im Dunkel war der Parkplatz, wo ihr und anderer Leute Autos standen.

Auf halbem Wege blieben sie stehen. Jetzt war es schon richtig dunkel geworden, und sie spürten auch, wie frisch es war.

Bernd umarmte Hella, und dann küssten sie sich wie unter einem inneren Zwang. Die Berührung ihrer Körper erfüllte sie mit einer Leidenschaft, die sie beide an nichts anderes mehr denken ließ, als an ihre Liebe. Zugleich erwachte bei beiden der Wunsch nach einer Erfüllung, nach dem Erlebnis eines absoluten Höhepunktes. Sie wollten ganz eins miteinander sein, und dieser Wunsch gewann mehr und mehr Kraft.

Ihre Küsse ließen dieses Verlangen eher stärker als schwächer werden, und Bernd murmelte Hella ins Ohr. „Ich liebe dich, Hella, ich bin verrückt nach dir!“

Sie wusste, was in ihm vorging. Sie wollte das ja selbst. Und sie war bereit, alle ihre Bedenken und Hemmungen über Bord zu werfen.

Ich muss aufhören, dachte sie, mich selbst zu quälen und mir alles zu zerstören.

„Willst du?“, fragte er leise.

Sie schmiegte sich fest an ihn, kraulte ihm den Nacken und hauchte kaum hörbar „Ja.“

Vielleicht wäre alles anders gekommen, hätten sie sich schon in einem der beiden Zimmer befunden, wären sie wenigstens oben im Hause gewesen. Aber so hatten sie einen Weg vor sich, einen Weg von nur hundert Metern, aber doch mit tausend Ewigkeiten gepflastert.

Bevor sie noch das Portal erreicht hatten, begegneten sie einem älteren Ehepaar, das sich heftig stritt, zumal es nicht bemerkte, dass da jemand entgegenkam.

Als Bernd und Hella im Foyer anlangten, blickte Bernd wie versteinert auf einen älteren Herrn, der in einem der Clubsessel saß und mit einem glatzköpfigen Gegenüber sprach.

„Professor Taschner!“, raunte Bernd Hella zu und zog sie rasch zur Treppe.

Den Namen kannte Hella zwar und wusste, dass er der Leiter der gesamten Steinberg-Klinik war, aber begegnet war er ihr bisher noch nie. Sie sah deshalb noch einmal interessiert hin. Ein Mann mit weißem Haar, dunklen Augen und strengen Gesichtszügen. Im Grunde das krasse Gegenteil von Professor Hauschild. Taschner wirkte wie ein Bankier, ein Großkaufmann, aber keinesfalls wie ein Mediziner.

Er hob den Kopf und sah zu Hella hin, so dass sich ihre Blicke begegneten. Sie wandte sich rasch ab und war wenig später auf der Treppe.

Aber so liefen sie beide geradewegs auf eine ältere Dame zu, die mit einer jüngeren Frau die Treppe herunterkam.

Es war wie ein Verhängnis.

„Hallo, lieber Herr Doktor Heigert! Die Welt ist klein, was?“, rief sie, und Hella merkte, wie Bernd, an dessen Arm sie ging, zusammenzuckte.

Aber Bernd fasste sich rasch. „Gnädige Frau, welch eine Überraschung!“

Die beiden Frauen blieben eine Stufe über Bernd und Hella stehen. Die ältere der beiden trug ein weinrotes langes Kleid, geschmückt von einer feingliedrigen kostbaren Kette mit einem Brillant-Medaillon. Kleid und Schmuck passten zum sorgfältig frisierten weißen Haar und der modischen Brille.

Die Begleiterin war etwa dreißig, ein wenig mollig, aber unverkennbar der älteren Frau ähnlich. Ihr lindgrünes, geblümtes Kleid war ungünstig für ihre Figur und strich die Neigung zur Korpulenz eher heraus.

„Gnädige Frau, darf ich Ihnen Frau Doktor Grund vorstellen, eine neue Kollegin in der Chirurgie.“

Er wandte sich Hella zu und machte eine leichte Handbewegung in Richtung auf die ältere Dame: „Frau Taschner, die Gemahlin unseres Hausherrn.“ Dann, nach einem kurzen Seitenblick auf die jüngere Frau: „Frau Doktor von Corff – Hella, kann ich euch bekannt machen?“ Und nach einem abermaligen Seitenblick, den er diesmal mit einem Lächeln krönte, sagte Bernd: „Eva von Corff ist die Tochter von Herrn Professor Taschner. Eine Kollegin.“

„Die aber nichts mehr an diesem Geschäft tut und sich mit Buchführung herumschlagen muss“, ergänzte Eva von Corff lachend. Sie sah Bernd an. „Wie kommst du nur hierher?“

Was wird er jetzt sagen?, überlegte Hella. Sie selbst lächelte pflichtschuldig, wie es so üblich war, und stellte sich gleichzeitig als zweite Frage: Wieso duzt er sie?

„Frau Grund ist neu in dieser Gegend, und ich wollte ihr mal die Herrlichkeiten zeigen, die es hierzulande gibt. Sie kommt aus Hamburg.“

Die Professorengattin nickte gnädig, Eva von Corff schaute interessiert auf Hella. „Ihr kennt euch sicher schon länger, wie?“

Aha, dachte Hella, jetzt geht es ins Kreuzverhör.

„Natürlich“, sagte Bernd zu Hellas Überraschung, „wir sind einige Zeit im selben Institut gewesen, ich allerdings damals als Assistent, sie als Studentin, die ihre ersten medizinischen Gehversuche machte.“ Er lachte.

Eva von Corff fragte sofort: „In Tübingen?“

Die Frage sollte belanglos klingen, aber Hella merkte ganz genau, wie scharf Eva von Corff Bernd dabei beobachtete und darauf wartete, dass er einen Fehler machte.

„Aber nicht doch, in Göttingen natürlich. Da bin ich zwar nur ein halbes Jahr gewesen, um meine damals noch sehr schwachen Kenntnisse in Hirnchirurgie zu vervollkommnen, aber es war eine sehr harte Zeit. Unser Team unter Professor Künzler war allerdings großartig. So eine Kameradschaft gibt es nicht einmal in der Steinberg-Klinik.“

Damit hatte er auf diese Weise gleich das Du verständlich machen wollen, was Eva von Corff offenbar auch sofort verstanden zu haben schien.

„Meine liebe junge Dame, lieber Herr Doktor Heigert, natürlich leisten Sie uns heute beim Abendessen Gesellschaft!“, verkündete Frau Taschner so laut, dass sich die Leute unten im Foyer umdrehten und zur Treppe blickten. Und sie sagte es auch so, dass jeder erkennen musste, wie sehr sie erwartete, widerspruchslos mit ihrer Einladung akzeptiert zu werden.

Bevor Bernd oder Hella zustimmen konnten, ja überhaupt die Möglichkeit hatten, etwas zu sagen, rief Eva von Corff mit schriller Stimme: „Ja, Bernd, ihr kommt beide zum Souper ...“

Souper! Meine Güte, wie lange habe ich dieses Wort für Abendessen nicht mehr gehört, dachte Hella. So sehen die auch wirklich aus. Woher mag er diese Frau kennen? Sie duzen sich, und vielleicht haben sie sich etwas bedeutet Jetzt allerdings ist sie verheiratet. Aber sie mag ihn immer noch. Gerade jetzt zeigt sie es, wie sie ihn anhimmelt. Und eifersüchtig ist sie auch, das spüre ich.

Weiter kam Hella mit ihren Gedanken über Eva von Corff nicht. Denn nun mischte sich wieder Frau Taschner ein, nahm Bernd am Arm und sagte: „Keine Widerrede, mein Mann wird sich riesig freuen!‟

Bernd wollte etwas einwenden. „Eigentlich geben wir ...‟ Weiter ließ sie ihn gar nicht kommen, und Hella fand, dass der Einspruch Bernds reichlich schlapp klang.

„Ich bedaure“, sagte Hella, „aber ich habe schon gegessen.“ Sie lächelte dabei. „Und ein Souper wäre der Untergang meiner Vorsätze, was die Kaloriendosierung angeht.“

Eva von Corff lächelte auch, aber es sah aus, als hätte sie puren Zitronensaft getrunken und wollte zeigen, wie wenig es sie beeindruckte.

Frau Taschner nahm es weit gelassener. „Ach, Sie haben doch damit keine Mühe! Unsere Eva, die kämpft einen verzweifelten Kampf. Nicht wahr, Eva?“ Sie blickte ihre Tochter an, und die sah zurück, als wollte sie ihre Mutter für diese Bemerkung erdolchen. Aber dann quälte sie sich doch wieder ein Lächeln ab und behauptete:

„Wenn Frau Grund das so wichtig nimmt ... Kommst du nicht mit, Bernd?“

Hella konnte Bernd ansehen, dass er ihre Ausflucht missbilligte. Aber nun hatte er gar keine Wahl mehr. „In der Tat, wir haben gegessen. – Vielleicht ein andermal. Trotzdem meinen Dank, und natürlich auch den von Frau Grund, nicht wahr?“ Er warf Hella einen auffordernden Blick zu.

Hella fiel die Schauspielerei nicht leicht, aber sie überwand sich und flötete, so charmant sie konnte:

„Ja, wirklich reizend von Ihnen, uns einzuladen. Schrecklich, dass es leider nicht geht.“

Frau Taschner nahm es auf die leichte Schulter, aber Eva von Corff meinte spitz:

„Vielleicht trifft man sich wieder, nicht wahr, lieber Bernd?“ Sie sah nur Bernd an. Hella war Luft für sie.

Bernd lächelte maskenhaft, und Hella brauchte keine hellseherischen Fähigkeiten, um zu erkennen, wie unwohl er sich im Augenblick in seiner Haut fühlte.

Abschied, ein paar Höflichkeitsfloskeln, vorbei. Frau Taschner und Tochter entschwebten ins Foyer, Hella und Bernd beeilten sich, nach oben zu kommen.

„Jetzt sehen wir vielleicht fein aus“, meinte Bernd. „Wir wollten doch auch noch essen.“

„Dann bringt es uns der Ober aufs Zimmer“, erwiderte Hella, die richtig erleichtert war, dass diese Begegnung nicht noch länger gedauert hatte.

Sie betraten Bernds Zimmer. Unschlüssig blieb Hella in der Tür stehen. „Wollen wir hier ...“

Er ging auf sie zu. „Hella, was ist denn?“ Mit der Rechten nahm er ihren Arm, zog sie an sich und schloss mit der Linken die Tür. Aber als er sie in die Arme nehmen und küssen wollte, wehrte sie ihn ab.

„Bitte, Bernd, ich glaube, du musst mir schon etwas erklären. Wieso hast du mich vorhin so vorwurfsvoll angesehen? Wolltest du wirklich mit ihnen essen? Es sollte doch unser Abend sein.“

Missmutig zog er die Augenbrauen hoch und ließ die Arme sinken. „Musst du davon anfangen? Es ist unser Abend. Wir sind allein. Ich werde uns zu essen und zu trinken bestellen. Aber du vergisst, dass Professor Taschner immerhin einiges in der Klinik zu sagen hat und ...“

„Es war Frau Taschner mit ihrer Tochter. Sie hat mich angegiftet, diese Tochter.“

„Angegiftet? Sie war ausgesprochen nett zu dir“, meinte er entrüstet.

„Entweder bist du blind oder willst das nicht bemerkt haben. Sie mag mich so wenig wie ich sie.“

„Eifersüchtig?‟

„Sie vielleicht, ich ... hm, ich ein bisschen.“ Sie musste lachen, und er lachte herzlich mit. Dann nahm er sie doch in die Arme, und sie gab sich seinen Küssen hin. Alles hätte wieder wie vorhin auf dem Weg sein können, und doch stand da auf einmal etwas zwischen ihnen. Hella wurde einfach den Gedanken an Eva von Corff nicht los.

Später, als Bernd das Essen übers Haustelefon bestellte und der Etagenkellner mit Getränken kam, entschuldigte sich Hella für ein paar Minuten. Sie ging in ihr Zimmer, wollte sich etwas frisch machen und kämmen.

Ihr Zimmer lag neben dem von Bernd. Als sie die Toilette benutzte, machte sie eine verblüffende Feststellung. Wohl infolge der Rohrinstallation war es möglich, nahezu alles aus dem Nebenzimmer zu hören, solange dort die Tür zur Toilette nicht geschlossen war.

Eben hatte da noch das Wasser des Waschbeckens gerauscht. Nun hörte Hella das Telefon; wenig später erklang Bernds Stimme.

Er meldete sich, dann entstand eine Pause, und schließlich sagte er: „O nein, es ist keine Ausrede.  Ja, ich bin allein ... Aber nein, Eva, sie kennt dich doch gar nicht. Nein, es ist absolut keine Aversion.  Tut mir leid, das siehst du falsch ... Nein, Eva, es ist vorbei. Sei mir nicht böse, aber ein Jahr kann sehr lang sein ... vielleicht reden wir dann darüber ... Nein, Eva, fang nicht mehr davon an ... Also gut, reden wir morgen früh darüber. Es wird aber nichts bringen, Eva, gar nichts. Gute Nacht.“

Er hatte aufgelegt, und Hella schloss die Augen. Nein, hier konnte sie nicht bleiben. Nicht in einem Haus, in dem zugleich eine Verflossene von ihm wohnte. Vielleicht stellte er Vergleiche an. Womöglich war er mit den Gedanken bei ihr, wenn er Hella in den Armen hielt.

Ich will weg!, sagte sie sich entschlossen.

Als sie wieder in sein Zimmer trat, hatte der Ober gerade die Speisen gebracht.

„Sieh mal, wie lecker dieser Hawaii-Teller angerichtet ist“, sagte Bernd.

Ich bin gespannt, dachte Hella, ob er mir von dem Anruf erzählt.

„Und hier, gegrillte Filetspitzen, phantastisch, was?“

Sie lächelte matt. „Bist du eigentlich schon oft hier gewesen?“, erkundigte sie sich.

Er sah sie überrascht an. „Wie kommst du denn darauf?  Nein, zwei-, dreimal vielleicht.“

„Offenbar ist es für Familie Taschner ein regelmäßiger Treffpunkt. Wie ich hörte, ist Frau von Corff nicht mehr als Medizinerin tätig?“

„Lass sie doch aus dem Spiel, das bringt doch nichts, Hella. Widmen wir uns diesem Essen. Und der Wein ist auch gut.“

„Erzähle mir von ihr, es beschäftigt mich.“

„Mein Gott, ich war mit ihr befreundet, dann ging es mit einem Knall auseinander, basta. Das war vor einem Jahr.“

„Und ihr Mann?“

„Sie hat vor vier Jahren geheiratet. Nach einem Dreivierteljahr ist er mit einer Italienerin auf und davon. Seitdem tröstet sie sich. Sie kann einem leid tun.“

„Mir nicht.“

„Mir schon, denn ich habe sie auch nicht gerade mit Glacé-Handschuhen angefasst.“

Hella hätte heulen können. Alles war verfahren. Statt diesen Abend so zu verbringen, wie sie beide es sich erträumt hatten, unterhielten sie sich über Dinge, die garantiert noch zum Streit führen mussten.

„Was machst du für ein Gesicht?  Hella, ich glaube, wir sollten wirklich nicht mehr davon sprechen und statt dessen ...‟

„Wenn wir gegessen haben, Bernd“, sagte sie ernst, „möchte ich nach Hause. Ich meine zur Klinik.“

Er fiel aus allen Wolken. „Nach Hause? Aber wir haben diese Zimmer doch für die Nacht fest gebucht.“

„Ich bin bereit, dir die Unkosten zu ersetzen. Aber ich möchte nicht in diesem Hotel übernachten.“

„Es sind über hundert Kilometer bis nach Hause.“

„Zwei Stunden, mehr ist das nicht. – Bernd, versteh mich doch! Ich kann hier nicht so tun, als ...‟ Sie konnte einfach nicht weitersprechen, presste die Hände vors Gesicht, und er dachte sofort, sie würde weinen.

„Hella!“ Er kam zu ihr, nahm ihren Kopf in die Hände. „Hella, um Himmels Willen, was hast du nur? Mit Eva ist doch nichts mehr, wird nie mehr etwas sein. Du brauchst nicht auf sie eifersüchtig zu sein.“

Sie nahm die Hände herunter, und er sah, dass sie gar nicht weinte, nur ein grenzenlos enttäuschtes Gesicht machte.

„Ich weiß nicht, was es ist, Bernd, aber ich kann nicht über meinen Schatten springen. Hier in diesem Hotel jedenfalls könnte ich mich nicht wohl fühlen. – Ich glaube, wir essen, sonst wird alles kalt.“

Er hoffte, sie würde es sich noch anders überlegen, aber da irrte er sich. Sie saßen ziemlich einsilbig beim Essen, und auch danach kam keine rechte Unterhaltung auf. Als sich Bernd das zweite Glas einschenken wollte, hob Hella die Hand.

„Wenn du fahren willst, solltest du nicht mehr trinken. Wenn du aber willst, fahre ich.“

Damit hatte sie ihm dann endgültig die Lust zum Trinken genommen. Verärgert stellte er die Flasche wieder hin und knurrte sie an:

„Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass es so endet.  Nun gut, Hella, ich fahre dich nach Hause. Wie die Dinge liegen, scheint es wirklich das Beste zu sein.“

Sie schwieg, obgleich sie ihm tausend Dinge sagen wollte. Aber sie brachte keinen einzigen Ton heraus, und schon gar keine Entschuldigung oder ein liebes Wort.

Als sie gingen, hatten sie insofern Glück, als sie nicht noch an der Rezeption von Taschners überrascht wurden. Dabei dauerte die Abrechnung zu dieser ungewohnten Abreisezeit endlos lange.

Der Geschäftsführer kam noch, weil der Portier wohl fürchtete, die beiden könnten durch den Service oder sonst eine den Hotelleuten unbekannte Panne verärgert sein.

Nachdem ihnen Bernd klargemacht hatte, dass sie angeblich dringend einer familiären Sache wegen heimkehren mussten, gab sich der Geschäftsführer endlich zufrieden.

Draußen dann sprachen Hella und Bernd kein Wort mehr. Schweigend stiegen sie in den Wagen, und schweigend verbrachten sie die ganze Fahrt. Erst vor der Klinik sagte Bernd enttäuscht und verbittert:

„Morgen hast du ja keinen Dienst. Ich nehme an, du willst ausschlafen. Du wirst dich wundern, wie lange du dazu in diesem Haus die Möglichkeit hast. – Gute Nacht!“

Bernd Heigert wohnte nicht im Hause. Er stieg aber auch nicht aus, um Hella die Tür zu öffnen, sondern wartete einfach, während der Motor des Wagens noch lief.

Hella stieg aus, beugte sich dann aber noch einmal herab, bevor sie die Tür schloss.

„Es tut mir leid, Bernd, sehr leid. – Ich liebe dich. Auch wenn du mich jetzt zum Teufel wünschen solltest. – Gute Nacht, Bernd.“

Sie schloss die Wagentür, bevor er etwas erwidern konnte, und ging auf die Stufen des Personaltrakts zu.

Er sah ihr nach, beugte sich noch zum anderen Fenster hinüber und kurbelte die Scheibe herunter. Aber indessen war Hella schon an der Tür und schloss sie auf.

„Hella!‟

Sie hörte nicht mehr.

Wütend fuhr er los. Als er aus dem Klinik-Komplex heraus war, hielt er zornige Selbstgespräche über die Frauen im Allgemeinen und die Unergründlichkeit ihrer Seele im Besonderen.

Schon etwas abgekühlter erreichte er das Vierfamilienhaus, wo er sich eine Zweizimmerwohnung gemietet hatte.

Schon im Treppenhaus hörte er ein Telefon klingeln. Dann, als er seine Wohnung betrat, wusste er, dass es sein eigenes war.

Er nahm ab, meldete sich und hörte eine Frauenstimme sagen: „Hier ist Gebauer. Ich habe heute Nachtdienst. Vorhin habe ich gesehen, Herr Heigert, dass Sie da sind. Bedauere, dass ich Sie störe, aber diese Frau von zweihundert-vierzehn, die Mitralprothese, macht den Nachtdienst verrückt. Sie verlangt nach Ihnen. Sie hat offenbar nervös bedingte Herzrhythmusstörungen, und ich habe auch mit Lechting gesprochen. Der meint, das wäre irgendwie seelisch bedingt ... “

Seelisch!, dachte Bernd. Schon wieder seelisch! Und er sagte:

„Wieso denn ich? Ich bin doch kein Psychiater, zum Kuckuck!“

„Aber Sie sind derjenige, von dem sie glaubt, er könnte Wunder vollbringen. Die Sache ist ernst Herr Heigert. Ich wollte schon den Chef ...“

„So schlimm?“

„Ja, aber der Chef ist nicht zu erreichen. Herr Sigmund ist auch unterwegs, aber sie hat mir schon gesagt, dass sie nur von Ihnen behandelt werden will. Ich kann sie nicht mehr sedieren. Das ist in ihrem Zustand lebensbedrohlich.“

„Also gut, ich komme. Warum auch nicht, zum Teufel!“

Als er aufgelegt hatte, knurrte er wütend:

„Frauen! Erst Hella mit ihren Empfindungen und seelischen Nöten, und nun diese hysterische Frau Kindermann. Mein Gott, und alles an einem der wenigen freien Tage. Und es ist auch schon ein Uhr nachts. Arzt, der Traumberuf! Wenn mir das noch einmal einer sagt, werde ich wild ...“

Er dachte auch an Eva, und da verfinsterte sich sein Gesicht noch mehr. Mit ihr, sagte er sich, hat alles angefangen. Warum nur musste die ausgerechnet im Rapp-Hotel sein?

17

Ruth Kindermann lag wachsbleich in den Kissen. Aber sie war deutlich von einer starken Unruhe erfüllt. Zwei Schwestern und ein Pfleger waren bei ihr und versuchten, sie ruhig zu halten.

Dr. Marion Gebauer ging Bernd voraus, als sie beide das Zimmer betraten.

„So“, rief sie, „Sie haben Doktor Heigert gewollt, da ist er nun. Sie können sich was einbilden, Frau Kindermann, einen Arzt aus seinem wohlverdienten Urlaub gerufen zu haben. Alle Achtung!“

Ruth Kindermanns Augen weiteten sich, als sie Bernd sah. Mit einem Male war sie ganz ruhig, sah ihn nur an. Sie tat wie ein erwartungsvolles Kind vor einer Geburtstagsüberraschung.

„Sie hat sich den Schlauch aus der Kanüle gerissen und sich bei der eigenmächtigen Entfernung der Kanüle die Vene erheblich verletzt.“ Schwester Agnes, die das sagte, war sehr zornig. „Als ich kam, war sie dann wenigstens so vernünftig, sich von unserem Notarzt behandeln zu lassen. Die Verletzung ist also behandelt.“

Schwester Agnes sah Ruth Kindermann strafend an. Aber die reagierte überhaupt nicht darauf und hatte nur Augen für Dr. Heigert.

„Herr Doktor ...“, sagte sie schwach. „Ich bin so froh, dass Sie da sind. So froh ...“ Sie schloss die Augen und lächelte matt.

Bernd befürchtete das Schlimmste und griff sofort zum Puls der Patientin, weil er der Angabe des Gerätes nicht traute, an das Ruth Kindermann noch immer angeschlossen war. Aber die Ausschläge des Oszillographen stimmten genau.

Von Herzrhythmusstörungen war nichts mehr zu bemerken. „Da ist doch alles ganz okay mit dem Rhythmus“, meinte Bernd und sah Marion Gebauer an.

„Vorhin nicht“, erwiderte sie. „Vorhin sah es sehr instabil aus.“

„Mir ist so kalt“, flüsterte Ruth Kindermann.‟

„Hm, aber die Durchblutung ist doch nicht schlecht.  Ihre Hände sind auch normal temperiert.“

„Mir ist innen so kalt“, sagte Ruth Kindermann leise.

Bernd sah sie an. Teils verfluchte er sie, weil er beim besten Willen keinen wirklichen Grund sah, weshalb er zu ihr kommen musste. Andererseits konnte er nicht übersehen, dass sie ihn brauchte, weil da irgend etwas war, das sie nervlich und seelisch so belastete, dass sie zumindest jemand haben musste, der ihr in dieser Beziehung Halt verschaffte.

Schwester Agnes erkannte dieses Problem als erste. „Ich glaube“, stellte sie fest, „es wird am besten sein, wenn der Herr Stationsarzt allein mit der Patientin spricht.“

Marion Gebauer hatte instinktiv dieselbe Eingebung. Sie und die Schwestern verließen das Zimmer.

Ruth Kindermann schien regelrecht aufzuleben. Aber sie schwieg und begnügte sich auch weiterhin damit, Bernd nur anzusehen.

Er untersuchte sie noch einmal gründlich, kam aber danach zu dem Schluss, dass weder ihr Herz noch die Folgen der Operation, in irgendwelcher Weise für Frau Kindermanns Verhalten verantwortlich waren.

Da lag sie, eine aufgeblühte Blume, blass zwar, aber von ätherischer Schönheit. Alles, was sie wirklich wollte, waren Verständnis, Zuneigung, zarte Einfühlsamkeit. Sie liebte Bernd Heigert, und vielleicht wusste sie das selbst gar nicht. Sie hatte ihn schon vor der Operation heimlich umschwärmt. Jetzt aber, wo sie sich eingeredet hatte, ihre überstandene Herzoperation sei ausschließlich sein Werk, wurde diese Liebe zur verzehrenden Leidenschaft. Sie dachte in jedem wachen Augenblick an ihn, träumte von ihm, und sah in der Operation einen Markstein ihres Lebens.

„Was ist denn nun tatsächlich?“, fragte Bernd sanft und setzte sich an den Bettrand. „Haben Sie einen seelischen Salto mortale gemacht, oder gibt es einen anderen Grund für Ihr Tief?“

Er hatte wie zufällig seine Hand auf ihrem linken Handgelenk liegen. Für sie war das ein derart erregendes Gefühl, dass sie die Augen schloss und sich ganz dieser Empfindung hingab.

„Wollen Sie nun doch nicht mit mir reden?“, erkundigte er sich, weil er von ihren Gefühlen nichts ahnte. Für ihn war sie ganz einfach eine Frau, die Halt haben musste, So, wie er sie vorhin schon eingeschätzt hatte.

„Wissen Sie, was Einsamkeit ist?“, fragte sie leise, ohne die Augen zu öffnen.

„Sie sind doch nicht einsam. Oder sollen wir Sie in ein Zimmer verlegen, wo noch jemand außer Ihnen ...“

Sie öffnete die Augen und schüttelte kaum merklich den Kopf. „Das meine ich doch nicht. Einsamkeit im Herzen. Unverstanden sein. Niemanden haben, der auf einen eingeht.“ Sie lachte leise, aber es hörte sich verbittert und unfroh an. „Ich bin reich. Früher habe ich gedacht, es sei wichtiger, viel Geld zu haben, als einen Menschen, der einen versteht.“

„Sie haben einen sehr sympathischen Mann“, warf Bernd ein, um sie daran zu erinnern, dass doch da jemand wäre, der sie verstehen könnte. „Ich weiß, wie sehr er an Ihnen hängt Als Sie zu uns kamen, die Zeit vor der Operation, und in ihrem Verlauf hat uns Ihr Mann genervt mit seiner Sorge um Sie.“

Sie verzog verächtlich das Gesicht. „Um mich? Mein Bruder und ich haben die UBW-Werke. Mein Mann war damals Ingenieur, mehr nicht. Jetzt ist er Technischer Direktor. Würde ich sterben, wird er mit meinem Bruder nicht lange zurechtkommen. Die beiden verstehen sich wie Katze und Hund.“

„Wer denkt bei Ihnen ans Sterben?“ Bernd lächelte.

„Ich war mir klar, wie die Operation auch hätte ausgehen können. Jedenfalls versteht mich mein Mann nicht. Ich habe mich lange bemüht, aber vergebens.“

Bernd begann zu ahnen, dass sie von ihm mehr erwartete, als nur etwas seelischen Beistand.

Bevor er einen Einwand machen konnte, sagte sie:

„Wenn man – wie ich – vor einer solchen Operation vor der Frage steht, werde ich morgen noch leben, wenn ich bei jedem Anfall, den ich damals noch hatte, daran dachte, ob ich nicht in den nächsten Sekunden tot sein werde, dann ist das so etwas wie ein Erwachen aus all den Maßstäben, Zwängen, Einengungen und Moralkomplexen, die wir Menschen uns in unserer jeweiligen Gesellschaftsform anlegen. Ich wollte frei sein, befreit. Ich habe mir geschworen, dass ich alles anders mache, wenn ich es überlebe.“

„Man will das oft. Ich kenne viele Patienten, die das in Ihrer Lage ebenso wollten. Aber das Leben mit den anderen Menschen legt einem eben gewisse Formen auf, die man nicht einfach unterlassen könnte. – Was wollten Sie denn, ändern?“

Sie lächelte hintergründig. „Eine neue Welt, andere Freunde, die wirkliche Freunde sind und nicht nur die Liebhaber meines Geldes. Menschen, die mich um meiner selbst Willen lieben. Ich möchte nie mehr dahin zurück, woher ich komme.“

„Hm, und das hätten wir nicht vielleicht morgen am helllichten Tage besprechen können? Dafür musste ich in meinem Urlaub, dazu nachts, zu Ihnen kommen? Finden Sie sich da nicht etwas egoistisch?“

Sie blickte ihn aus großen Augen naiv an wie ein Kind. „Ich musste jetzt mit Ihnen reden ... jetzt. Ich konnte es einfach nicht mehr ertragen.‟

Er stand auf. „Ich muss jetzt gehen.“

Ihr Gesicht wurde ein einziges Flehen. „Nein! Bitte bleiben Sie!“

„Ich bin müde.“ Er sah auf seine Armbanduhr. „Es ist fast zwei Uhr. Morgen früh ist die Nacht um.“

„Ich weiß, dass Sie nicht verheiratet sind. Mögen Sie keine Frauen?“

„Ich bitte um Nachsicht, aber das ist kein Gesprächsthema. Nicht jetzt, und auch sonst nicht.  Es geht Ihnen besser. Frau Doktor Gebauer hat den Nachtdienst. Wenn Sie etwas brauchen ...“

„Soll ich die Kanüle wieder herausreißen?“, fragte sie. „Oder muss ich die Luft anhalten? Ich habe gemerkt, wie es ist, wenn ich die Luft fest anhalte. Das Herz könnte mir stehenbleiben.“

„Sind Sie wahnsinnig? Warum tun Sie so idiotische Dinge? Wir haben Sie doch nicht operiert, damit Sie jetzt das alles wieder in Frage stellen. Wieso kommen Sie nur ...?“

„Ich liebe Sie, Doktor, ich liebe Sie, wie ich noch nie einen Menschen geliebt habe.“

Erst jetzt wurde es ihm in voller Größe klar, was da auf ihn zukam. Er war so perplex, dass er nicht imstande schien, etwas zu sagen. Verblüfft, geradezu verstört sah er sie an.

Sie lächelte, hielt die Hände ausgestreckt, als wollte sie ihn in ihre Arme nehmen. Dabei stand er gut und gern zwei Meter von ihr entfernt.

„Bitte komm zu mir. Ich liebe dich. Ich möchte immer an deiner Seite sein. Ich möchte ...“

Erst jetzt bemerkte sie, dass die Tür geöffnet worden war, und Schwester Lea dort stand, die zierliche Koreanerin.

Als Ruth Kindermann an ihm vorbeisah, drehte sich auch Bernd um, entdeckte die Schwester und sagte:

„Gut, dass Sie da sind, Schwester. Der Patientin geht es soweit wieder recht gut.  Also dann, Frau Kindermann, gute Besserung und eine gute Nacht!‟ Er hatte sich bei seinen letzten Worten wieder Ruth Kindermann zugewandt und erkannte auf Anhieb die große Enttäuschung in ihrem Gesicht Doch es focht ihn nicht an.

Nur weg!, dachte er. Um Himmels Willen, wenn ich da nur einen Fingerbreit nachgebe, gerate ich in Teufels Küche.

„Doktor ... Herr Doktor Heigert ... bitte bleiben Sie, bitte!“, hörte er sie noch rufen, aber er wandte sich hastig ab und stürmte an Schwester Lea vorbei, die ihm verwundert nachblickte.

Sein einziger Gedanke war: Hoffentlich hat die Schwester nichts von dem verstanden, was diese Frau gesagt hat. Dann verließ er das Zimmer.

18

Schwester Lea hatte jedes Wort verstanden, und da sie und Schwester Agnes nur aushilfsweise in der Nacht Dienst gemacht hatten, trafen sie am Morgen das ganze Tagteam, zu dem sie sonst gehörten. Zum Schichtwechsel gab es den üblichen Kaffeeklatsch mit der Besprechung, und dabei war dann die Geschichte um Ruth Kindermann der Renner aller Meldungen.

Die Stationsschwester, von der Schwester Agnes abgelöst wurde, fragte:

„Und was ist jetzt mit ihr?“

„Sie schläft. Doktor Heigert hat etwas Sedativ riskiert, damit wir diese Frau ruhig halten. Eine tolle Geschichte, was?“

„Hoffentlich fangen die Zicken, wenn sie aufwacht, nicht wieder an“, meinte Schwester Ina, die zum Tagdienst gehörte.

Für die Schwestern des Sonntagsdienstes war das natürlich ein Thema, und von ganz allein wurde da und dort noch etwas an die Geschichte dazu geflickt, so dass am Ende Schwester Lea den Stationsarzt und die Patientin beim Küssen überrascht hatte.

Hella erfuhr es aber nicht von den Schwestern, sondern von ihrer Zimmernachbarin, der angehenden Röntgenologin Susanne Krug. Sie war noch Medizinalassistentin und kam ständig mit Fragen zu Hella, sobald sie deren ansichtig wurde.

Als Hella zum Frühstück in die Kantine nach unten wollte, traf sie auf dem Flur mit Susanne zusammen.

Susanne war ein etwas mageres Mädchen mit langen dunklen Haaren und großen Mandelaugen. Reden konnte sie wie ein Wasserfall. Auch jetzt überschüttete sie Hella mit einem Wortschwall. Und da hörte Hella dann die inzwischen erheblich veränderte Legende von Ruth Kindermann und Dr. Heigert. Den Namen Kindermann wusste Susanne nicht einmal, aber sie kannte die Zimmernummer, und da war Hella so gut wie alles klar.

Aber Hella glaubte das alles nicht und hielt es für eine Verwechslung. Im Übrigen hatte sie einiges von dem, was da gestern Abend gelaufen war, inzwischen zutiefst bedauert. Sie war sogar entschlossen, mit Bernd zu reden, ganz einfach von sich aus den Faden wieder aufzunehmen.

Susanne hatte dienstfrei und wollte ebenfalls frühstücken. Sie schimpfte im Fahrstuhl auf „den miesen Mampf“ in der Kantine, gab aber zu, mit ihrem Geld so in der Zwickmühle zu sitzen, dass mehr als das Kantinenessen bei ihr nicht „drin“ war.

Unten trafen sie auch Marion Gebauer. Sie aß schon und winkte Hella von einem Eckplatz im Kantinensaal aus zu. Hella und Susanne setzten sich zu ihr.

„Ich denke, Sie haben Nachtdienst gehabt?“, fragte Hella.

„Hatte ich. Aber ein kräftiges Frühstück, dann unter die Dusche und husch, in die Federn.“

Hella wusste nicht, dass ihr Marion über diesen Vorgang in Zimmer 214 Genaueres als Susanne hätte sagen können, und so fragte sie nicht. Erst im Verlaufe des Frühstücks dachte sie daran, doch die Unterhaltung ging um ganz andere Sachen, und außerdem war Susanne dabei. Vor ihr wollte Hella dieses Thema nicht erörtern.

Schließlich ging Susanne, während Hella und Marion noch etwas sitzen blieben.

„Ich dachte, Sie wären mit ihm zusammen weggefahren“, sagte Marion. „Mich traf bald der Schlag, als ich ihn da vorfahren sah. Was passiert?“

„Hm, eine Pleite eben. Wie das eben so manchmal geht.“

„Aber der Typ ist doch klasse. Oder?“ Marion sah Hella fragend an. „Ich bin nicht neidisch. Ich finde ihn nett, mehr nicht. Wissen Sie, ich hätte ja geschworen, dass ihr beide euch gesucht und gefunden habt. Ehrlich, das habe ich von Anfang an gedacht. Und nun Knatsch?“

„Nein, wir sind nur jemandem begegnet und das hat irgendwie alles kaputtgemacht. Eva von Corff.“

„Donnerlittchen!“, platzte Marion heraus. „Menschenskind, da werde ich ja direkt wieder wach. Kommen Sie, das ist kein Platz für solche Gespräche. Wir gehen zu mir oder zu Ihnen, quasseln noch ’n bisschen, und dann komme ich immer noch früh genug zu spät in die Heia. Einverstanden?“

Hella mochte Marion sehr. Irgendwie waren sie beide auf Anhieb gute Freundinnen geworden. Bei Marion hatte Hella auch nicht das Gefühl, die würde nur ihre Neugierde stillen.

Als sie dann oben in Hellas Zimmer waren, half Marion noch das ausgelegte Bett zu machen. Danach setzten sie sich ans Fenster.

„Sie haben schöne Fuchsien. In meinem Kasten sind alle so mickrig ...‟ Marion sah Hella an. „Ich habe das Gefühl, Sie sind da noch nicht über den Berg, wie? War das nun wirklich der Grund? Die Geschichte mit Eva ist doch uralt. Da war die noch als Ärztin hier. Tochter vom großen Patriarchen, Protektionskindchen, das mal dort und überall spielen durfte. Bis dann unser Chef einen Anfall bekam und Professor Taschner vor die Wahl stellte, entweder das herumpfuschende Töchterchen zurück zum heimischen Herd zu holen oder auf ihn, Hauschild, zu verzichten. Er hat sich fürs Erstere entschieden. Seitdem hat sie der Medizin Valet gesagt und beschäftigt sich nur noch mit kaufmännischen Dingen. Wenn irgendwo was nicht richtig kalkuliert wurde, soll sie die Ursache sein, heißt es. – Erzählen Sie, Frau Grund!“

Hella lächelte, stand auf, ging zum Schrank und brachte einen kleinen Tonkrug zum Tisch.

Als sie dann noch zwei Schnapsgläser hinstellte, fragte Marion überrascht: „Gibt das ein Besäufnis?‟

„Es ist dänischer Aquavit, den mir ein Kollege in Hamburg zum Abschied geschenkt hat. Ich schlage vor, wir beide trinken Brüderschaft. Einverstanden?“

Marion lachte strahlend. „Blendender Einfall. Ich habe auch schon daran gedacht, aber irgendwie hatte ich nicht den richtigen Moment ...‟

„Der ist jetzt. Sie wissen doch ...‟ Sie füllte die Gläser und reichte eines Marion. „Da, auf Du und Du.“

Sie küssten sich schwesterlich, hakten die Arme ein und tranken, danach wieder ein freundschaftlicher Kuss, und Marion sagte lachend:

„Als du damals gekommen bist, habe ich es gewusst. Ich wusste, dass wir beide Freunde werden. Und jetzt schieß los und erzähle von Eva.“

Hella tat es, und als sie fertig war, sagte Marion: „Du hast das bestimmt überbewertet. Ich war damals zufällig da, als es mit den beiden auseinandergegangen ist. Was heißt, auseinander? Das war sowieso eine recht einseitige Geschichte. Na ja, jedenfalls ist das so tot wie eine Mumie aus den Pyramiden. Nein, Hella, hier hast du Eva überschätzt. Die kennt hier fast jeder. Ein männerfressendes Ungeheuer. Komischerweise tut sie allen leid.“

„Bernd auch. Der hat sie richtig bedauert. Ich konnte diese Frau zum Teufel wünschen. Sie hat uns den ganzen Abend verdorben.“

„Sie hat euch mehr verdorben, wenn du nicht etwas tust.  Du, da fällt mir eine neckische Geschichte ein ... “ Nun erzählte Marion, was sie letzte Nacht erlebt hatte und berichtete es den Tatsachen entsprechend. Sie schloss: „Er wusste gar nicht, wie ihm geschah. Fast verzweifelt hat er den Rückzug angetreten, hin und hergerissen zwischen Abscheu und ärztlicher Pflicht. Zu seiner Erleichterung ist Schwester Lea da gerade richtig gekommen.‟

„Ich kenne die Geschichte mit einem Kuss zum Abschied.“

„Quatsch. Von Susanne?“

Hella nickte.

„Susanne ist nett, doof und quatschig. Es ist, wie ich es erzählt habe. Häng ihm da um Himmels Willen nicht auch noch etwas an!“

„Ich glaube, ich muss mit ihm sprechen. Wenn er’s nicht von sich aus tut, muss ich wohl den Anfang machen.“

„Siehst du, das haben wir den Frauen von früher voraus“, stellte Marion fest. „Heute warten wir nicht erst, bis der Mann nach tausend Missverständnissen doch noch den rechten Weg entdeckt. Wir zeigen es ihm. – Komm, ruf ihn einfach an. Er hat einen Nebenanschluss der Klinik.‟

„Und wenn er noch schläft? Es ist auch sein freier Tag!‟

„Versuch es. Ihr seid euch doch nicht wildfremd. Er hat sicher auch schon darüber nachgedacht. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold, sagt man, aber das ist ein verhängnisvoller Quatsch, wenn es um so etwas geht. Hier wäre Schweigen der Tod eurer Liebe. Los, ruf ihn an, jetzt!“

Hella zog sich den Tisch mit dem Telefon heran und hob ab ...

19

Dr. Schönauer blickte Ruth Kindermann fassungslos an. „Aber liebe Frau Kindermann, Sie können doch nicht von mir verlangen, ausschließlich von Doktor Heigert behandelt zu werden. Abgesehen davon, dass er dienstfrei hat und hier im Hause genügend andere Ärzte sind, die Ihre Betreuung übernehmen könnten, ist es doch auch von einer anderen Seite gesehen ein recht merkwürdiges Ansinnen. Wollen Sie denn damit deutlich machen, dass alle anderen Ärzte hier unfähig sind?“

Sie blickte zum Fenster und wiederholte mit monoton klingender Stimme: „Ich will, dass Doktor Heigert kommt!“

,,Tut mir leid, ich sagte Ihnen, dass er dienstfrei hat. Entweder sagen Sie mir jetzt, was Sie möchten, oder ich gehe.“

„Dann gehen Sie eben“, erwiderte sie wie ein trotziges Kind.

Oberarzt Dr. Schönauer war nicht der Mann, der sich damit noch aufhalten wollte. Er war zwei Sekunden später aus dem Zimmer.

Draußen kam ihm Schwester Ina entgegen. „Schwester‟, rief er ihr zu, „rufen Sie den Ehemann von Frau Kindermann an, er möchte in die Klinik kommen. Aber sagen Sie ihm, dass der Zustand seiner Frau nicht etwa der Grund ist. Ich möchte mit ihm reden, so bald wie möglich.“

Dr. Schönauer hatte die Visite hinter sich. Es war sonntags nur kleiner Dienst angesetzt, und er hoffte, dass keine Notfalloperationen angesetzt werden mussten.

Im Hause herrschte die Ruhe vor dem Sturm. Noch war das Mittagessen nicht auf die Stationen gebracht worden. Wenn das geschah, war die Ruhe vorbei. Anschließend begann die offizielle Besuchszeit, und damit herrschte wieder Betrieb wie in einem Warenhaus.

Er wollte sich gerade kurz mit der Stationsschwester unterhalten und danach hinüber zu Station 2 gehen, als ihm eine der diensttuenden Lernschwestern entgegenkam und in Richtung auf Zimmer 214 weiterging. Dort brannte die Lampe über der Tür. Es war geläutet worden.

Auf der anderen Seite des Ganges tauchte die Stationsschwester auf, und als der Oberarzt sie sah, wartete er noch.

Hinter ihm, von ihm unbeobachtet, öffnete jetzt die Lernschwester die Tür von 214 ... und stieß einen schrillen Schrei aus.

Dr. Schönauer fuhr herum, da sah er die junge Schwester in der Tür stehen, beide Hände entsetzt vor den Mund gepresst und zu keiner Bewegung mehr fähig.

„Was ist los?“, rief Dr. Schönauer ahnungsvoll und lief schon los.

Da hatte die Lernschwester ihren Schreck überwunden, wandte sich dem Oberarzt zu und schrie mit überschnappender Stimme:

„Sie steht auf dem Fensterbrett! Sie will aus dem Fenster springen!“

20

Sie hatte sich die Drähte und Sauganschlüsse, die an ihrem Körper befestigt waren, heruntergerissen, ebenso den Schlauch der Infusion, die bei ihr immer noch notwendig war.

Jetzt stand sie im Nachthemd auf dem Fensterbrett. Das Fenster war weit geöffnet. Ruth Kindermann hatte dem Zimmer den Rücken zugewandt, blickte aber jetzt in den Raum zurück.

Als Dr. Schönauer durch die Tür stürzte, rief sie ihm zu:

„Bleiben Sie stehen, ich springe!“

Der Oberarzt blieb sofort stehen. „Kommen Sie herunter! Es ist kompletter Wahnsinn, was Sie da tun!“

„Ich will Doktor Heigert. Holen Sie ihn. Ich verlange es, sonst springe ich!“

Das Zimmer lag im ersten Stock, aber auf dieser Seite befand sich zu Füßen des Hauses der frühere Burggraben, so dass die Höhe bis hinunter in die Brombeersträucher gut einem dreistöckigen Haus entsprach.

„Ich bitte Sie, kommen Sie doch herunter!“, flehte Dr. Schönauer. „Ich hole Ihnen ja meinen Kollegen, aber kommen Sie erst einmal herab!“

„Nein! Erst, wenn er hier ist.“

Dr. Schönauer ging ein paar Schritte weiter.

„Stehenbleiben. Ich tue es wirklich. Mir ist alles egal.“

„Ihr Mann ist im Haus“, behauptete Dr. Schönauer einfach und hoffte, dass sie darauf reagieren würde.

„Er interessiert mich nicht. Ich will Doktor Heigert! Hören Sie, ich will ...“

„Frau Kindermann, Ihr Arm blutet. Sie haben den Schlauch abgezogen. Sie verbluten, wenn Sie sich nicht helfen lassen!“

Er war wieder einen Schritt auf sie zugegangen. Aber diesmal war sie abgelenkt, weil sie auf ihren Arm blickte.

An der Tür war ein Pfleger aufgetaucht, der von den Schwestern herbeigerufen worden war. Der junge kräftige Mann verschwand sofort, lief ins Nebenzimmer, kletterte dort zum Entsetzen der beiden Patienten, die dort im Zimmer lagen, aus dem Fenster und balancierte außen auf dem Sims bis zu dem Fenster, wo Ruth Kindermann stand.

„Stehenbleiben, ich springe sonst!“, rief Ruth Kindermann wieder. Ihr Gesicht war furchterregend verzerrt. Blut rann aus der Kanüle im Arm. Unten auf dem Fußboden und auf dem Fensterbrett hatte sich schon eine kleine Lache gebildet.

In diesem Augenblick tauchte draußen der Pfleger auf.

Dr. Schönauer sah ihn und sagte zu Ruth Kindermann: „Also gut, ich hole jetzt Ihren Mann. Bleiben Sie ganz ruhig, oder noch besser, kommen Sie ins Zimmer ...“

Der Pfleger war jetzt mit Ruth Kindermann auf gleicher Höhe. Während sie noch zurück auf Dr. Schönauer blickte, hatte er sich von außen am Fensterkreuz emporgezogen.

Mit einem Schwung prallte er gegen Ruth Kindermann, riss sie mit sich in den Raum hinein und stieß sich dabei vom Fensterbrett herab.

Dr. Schönauer sprang nach vorn, um den Fall der Frau zu dämpfen, aber er kam zu spät. Ruth Kindermann fiel bäuchlings auf den Boden, und der junge Pfleger landete mit seinem ganzen stattlichen Gewicht auf ihr.

Ruth Kindermann wollte einen Schrei ausstoßen, riss den Mund auf, aber es kam nur ein merkwürdiger Seufzer heraus. Dann verdrehte sie die Augen, schnappte nach Luft und wurde blau im Gesicht und am Hals.

Der Pfleger war endlich von der Frau herunter und hatte noch gar nicht erfasst, was indessen geschehen war.

„Das war ’n Ding, was, Herr Oberarzt?“

Aber Dr. Schönauer hatte ganz andere Sorgen. Er kniete neben Ruth Kindermann, wälzte sie auf die Seite, riss ihr das Nachthemd auf und massierte die Brust. Doch dann hielt er inne, setzte sich das Stethoskop an die Ohren und hörte die Herztöne ab.

Nach kurzer Untersuchung rief er dem verblüfften Pfleger zu: „Los, Herzalarm! Geben Sie Herzalarm, Mann! – Schwester!“

Schwester Ina stürzte herbei. „Herzstillstand, Herr Doktor?“

„Elektroschock, rasch!“

Dr. Schönauer versuchte zunächst eine Mund-zu-Mund-Beatmung. Indessen kamen noch eine Schwester und ein Medizinalassistent ins Zimmer.

„OP!“, rief Dr. Schönauer. „Sofort! Wir operieren auf der Stelle!‟

21

Schwester Martina hatte eigentlich auch dienstfrei, aber als sie hörte, dass der Chefarzt zu einer Notfalloperation gekommen war, hatte sie sich ebenfalls in ihr Büro begeben, um eventuelle Telefongespräche oder Besorgungen für das OP-Team durchfuhren zu können.

Sie hatte aber die ganze Zeit über noch keinen diesbezüglichen Auftrag erhalten. Immerhin hörte sie über die Sprechanlage alles, was im OP geredet wurde und was sonst an Geräuschen von dort übers Mikrophon kam.

Sie hörte mit einem Ohr zu, weil sie erwartete, dass irgendeine Anweisung für sie durchkommen könnte.

Deshalb bemerkte sie Jörg Kindermann erst, als der in ihr Büro eintrat. Er grüßte hastig und fragte sofort:

„Was ist? Ich kann nicht ins Bettenhaus. Ich soll mich bei Ihnen melden, sagt die Schwester im Empfang.“

„Ihre Frau ist im OP,  bitte, regen Sie sich nicht auf. Es gibt dazu eine Vorgeschichte, die Ihnen ein Arzt erzählen wird. Ihre Frau ist jedenfalls an dem Zwischenfall, der eingetreten ist, ganz erheblich mit schuld.“

„Was? Zwischenfall, OP – was, du lieber Himmel, ist mit meiner Frau passiert? Als ich angerufen wurde, hieß es nur, sie wäre so erregt, und ich sollte sie beruhigen. Nun reden Sie doch!“

„Ich darf nichts sagen. Ich weiß auch nur, was mir erzählt wurde. Sie müssen schon warten, bis die Ärzte fertig sind.“

„Aber was hat meine Frau?“, rief er noch erregter als zuvor.

Schwester Martina hatte die Gegensprechanlage ausgeschaltet. Jetzt sah sie Jörg Kindermann an. Er war ein sympathischer Mensch. Und er tat ihr leid mit so einer Frau. Denn Schwester Martina kannte die Geschichte, wie sie auch von Susanne Krug verbreitet worden war: Eine Patientin, die Dr. Heigert küsste.

„Hören Sie, Schwester, ich bin nicht hundertdreißig Kilometer hierher gerast, um mich jetzt hier hinzusetzen und zu warten, bis irgend jemand geruht, mir das zu erzählen, was ich wissen will. Also reden Sie, oder holen Sie mir einen Arzt, der es kann.  Na?“

Er hatte eine ziemlich aggressive Haltung eingenommen, und Schwester Martina hatte durchaus das Gefühl, dass Herr Kindermann zu Handgreiflichkeiten in der Lage wäre. Jedenfalls fürchtete sie sich vor ihm.

Ängstlich stand sie auf, ohne ihn aus den Augen zu lassen. „Ich werde nach fragen.“ Sie wollte aus dem Zimmer.

„Dort steht ein Telefon!“

„Aber die Ärzte Sind doch im OP. Die Operation ist noch in vollem Gang. Es geht ... es geht auf Leben und Tod, Herr Kindermann. So, und jetzt habe ich Ihnen das gesagt. Das darf ich zwar nicht, aber Sie sehen mich an, als wollten Sie mich umbringen. Ich kann doch nichts dafür, dass Ihre Frau verrückt gespielt hat. Stellt sich aufs Fensterbrett und will runterspringen. Und alles nur, weil sie von Doktor Heigert behandelt werden will.  Man wird mich feuern, weil ich Ihnen das gesagt habe, aber jetzt ist mir das sogar egal. Ich kann Ihnen keinen Arzt holen, auch wenn Sie mich hundertmal so wild ansehen.“

Er hob beschwichtigend die Hände. „Seien Sie doch nicht so hysterisch, Schwester. Niemand will Ihnen was. Aber begreifen Sie doch, dass ich wissen will, was mit meiner Frau ist. Wie kommen Sie nur auf diese irre Geschichte, die Sie da erzählen? Wieso steigt meine Frau aufs Fensterbrett?‟

Diesen Vorfall kannte Schwester Martina wahrheitsgetreu, und so berichtete sie schließlich auch. Aber das, was während des Nachtdienstes geschehen war, wollte sie zunächst nicht sagen. Ihren Bericht schloss sie mit den Worten:

„Da ist sie in letzter Sekunde von dem Pfleger ins Zimmer gestoßen worden. Er aber ist auf sie gestürzt, und so ist es passiert. Herzstillstand. Niemand kann sagen, ob es wieder schlagen wird. Ich bin selbst lange Jahre im OP gewesen und werde, wenn unsere Sekretärin aus dem Urlaub zurück ist, wieder im OP arbeiten. Jetzt hängt Ihre Frau noch an der Maschine. Aber wie wird es sein, wenn sie nicht mehr dran ist? Dann versuchen die Ärzte, das Herz mit einem Stromschock wieder in Gang zu setzen. Niemand kann wissen, ob das klappt ...‟

Jörg Kindermann begriff das Verhalten seiner Frau nicht. Er hatte bei den letzten Besuchen erleben müssen, wie schroff, wie abweisend sie sich ihm gegenüber verhalten hatte. Aus diesem Grunde war er zu dem Entschluss gekommen, sie einmal vier Tage lang nicht zu besuchen. Vielleicht war er einfach zu oft dagewesen. Nun aber machte er sich deshalb Vorwürfe, fühlte sich an Ruths Verhalten mitschuldig.

Aber zugleich fragte er sich, was es zu bedeuten hatte, dass Ruth nach diesem Dr. Heigert verlangt haben sollte. Dr. Heigert, das wusste er, war der Stationsarzt.

„Warum wollte sie den Stationsarzt?‟, fragte er.

Schwester Martina schrak aus ihren Gedanken. „Sie ... sie ... na ja, sie ist eben in ihn verknallt.“

Jörg Kindermann starrte Schwester Martina begriffsstutzig an. „Verknallt in wen?“

Schwester Martina zuckte die Schultern. „In Doktor Heigert, aber ich will da nichts gesagt haben. Weiß ich, was in Ihrer Frau vorgeht?“

„Wer weiß das schon?“, murmelte Jörg Kindermann und entsann sich spontan all dieser Gespräche mit Ruth in den letzten Wochen – auch vor der Operation. Sie war immer merkwürdiger geworden, immer abweisender, und er hatte das bislang auf ihren Gesundheitszustand geschoben oder auf eine Art Bettkoller. Zum Beispiel bei seinem letzten Besuch, als sie ihn richtiggehend feindselig angefaucht hatte und seinen Begrüßungskuss ablehnen wollte.

Jetzt sah er alles in einem anderen Licht

„Und dieser Arzt?“, fragte er. „Macht der das mit oder ...“

„Weiß ich doch nicht. Glauben Sie, ich stelle mich daneben? Aber jetzt ist das wohl kein Thema mehr. Jetzt müssen wir froh sein, wenn Ihre Frau überhaupt wieder zu neuem Leben erweckt werden kann.“

22

Das Herz zog sich wie unter einem Krampf zusammen. Dann schien es sich zu strecken, zog sich wieder zusammen ...

Keiner wagte ein Wort zu sagen. Dr. Heigert, der das Gerät ans Herz hielt, fürchtete, es zu früh dort wegzunehmen.

Das Herz arbeitete, pumpte, schuftete wieder, und erfüllte einen ganzen Körper aus eigener Kraft mit Leben.

Da endlich nahm Dr. Heigert die Arme des Gerätes zurück, gab das Herz frei ... und es schlug immer noch.

Wie gebannt sahen es alle am Tisch. Es schlug! Es schlug!

„Sieht gut aus“, murmelte Professor Hauschild unter dem Mundschutz hervor. Er blickte seinen Oberarzt an, wandte sich dann Dr. Sigmund zu, der am Kopfende mit Dr. Gebauer, der Anästhesieschwester und dem Techniker stand. „Bei euch alles in Butter?“

Dr. Sigmund sah noch einmal flüchtig über die Geräte und nickte dann.

„Ja, dann machen wir wieder zu“, entschied der Chefarzt. „Versuchen wir, die eine stark gebrochene Rippe zu richten und mit Draht zu fixieren.‟

„Gehirnströme jetzt sehr gut“, hörten sie Dr. Sigmund sagen Er hatte eine BEG-Elektroenzephalogramm-Gehirnaktionstätigkeitsmessung angelegt, indem die notwendigen uni- und bipolaren Ableitungen von der äußeren Schädeldecke zu einem Verstärker und Messgerät führten und so die hirnelektrischen Veränderungen kurvenartig auf einem Diagramm registrierten. Das System ähnelte dem EKG, das ebenfalls fortlaufend über den Oszillographen angezeigt wurde.

„Phantastisch“, meinte Dr. Schönauer. „Da hatten wir ja wirklich mal echt Schwein. Ich dachte ja, sie macht ex.“

„Das dachten Sie nicht allein, lieber Freund“, meinte der Professor sarkastisch. „Ehrlich gesagt, habe ich nicht mehr damit gerechnet, dass sie noch mal kommt. Da sieht man, dass man eben nie aufgeben darf. – Ich glaube, lieber Herr Sigmund, mit unserer Partie Tennis ist es für heute Essig, was? Die Uhr ist zwei. Ich sterbe bald vor Hunger.“

Es dauerte dennoch fast eine Dreiviertelstunde, bis alles fertig war, und diesmal ging Professor Hauschild keine Sekunde früher.

Marion war fix und fertig. Jetzt spürte sie den Mangel an Schlaf. Als Sigmund bemerkte, was mit ihr los war, schickte er sie schon weg. „Was hier noch ist, mache ich mit der Schwester.“

Auch Dr. Maletz konnte gehen, und schließlich blieb nur noch Dr. Sigmund mit der Anästhesieschwester. Die anderen Ärzte versammelten sich im Vorraum und gingen einer nach dem anderen nach nebenan zum Umkleiden. Zuletzt war Dr. Heigert mit dem Professor allein im Vorraum und wollte gerade gehen, als Professor Hauschild sagte:

„Kleinen Augenblick. Erzählen Sie mir doch mal diese Geschichte, die ich nur unzusammenhängend und sicher zur Hälfte erfunden kenne. Hatten Sie was mit dieser Frau?“

Dr. Heigert sah den Professor entrüstet an:

„Herr Professor, ich bitte Sie! Da war gar nichts. Aber sie hat, das gebe ich zu, es darauf angelegt. Warum, kann ich nicht sagen.“

Der Professor grinste wie ein Lausbub. „Warum, können Sie nicht sagen! Weil sie Sie vermutlich liebt. Das soll ja schon vorgekommen sein, dass eine verheiratete Frau einen anderen besser fand. Das Bessere ist der Feind des Guten.  Nun ja. Es war also nichts?‟ Er blickte Dr. Heigert streng und forschend an.

„Nein, absolut nichts!“, versicherte Dr. Heigert.

Professor Hauschild kratzte sich am Kinn, lächelte dann Dr. Heigert zu und fragte schelmisch:

„Und was war denn gestern Abend? Rein private Frage von mir, mein Lieber. Ich habe da heute morgen vor meinem Aufbruch zum Tennis einen merkwürdigen Anruf von Taschner bekommen. Komische Geschichten, das. Tja, jedenfalls meinte er, Sie wären gestern mit unserer neuen Kollegin im Rapp-Hotel gewesen. Aber ist wohl ’n bisschen peinlich gewesen, das Ganze. Jedenfalls sind Sie mit Frau Grund wieder blitzartig weg, sagt er. Hm, wenn da also was ist zwischen Ihnen und der hübschen Grund, dann viel Glück für Sie. A la bonheur! Sie ist ein fabelhaftes Mädchen. Könnte mir auch gefallen. Vor allem begabt, äußerst begabt, mein Lieber!“

„Herr Chefarzt, Sie haben sicher Verständnis dafür, dass ich mich zu diesen Dingen nicht äußern möchte.“

„Hm, volles Verständnis.“ Professor Hauschild lachte. „Wo der Blitz einschlägt, was? Na ja, das mit der Taschnertochter war ja auch nicht gerade ein Lotteriegewinn. Kenne die Familie. Im Vertrauen gesagt, lieber Heigert: Wer reich geboren ist und die Nase fürs Geschäft hat, kann auf andere Fähigkeiten weitgehend verzichten.  Sie kümmern sich um die Patientin?‟

„Ich hatte dienstfrei, und bei der Gelegenheit möchte ich darum bitten, die Behandlung von Frau Kindermann jemand anderem zu übertragen.‟

Der Professor überlegte kurz und entschied:

„Klar, wenn sie aus Intensiv rauskommt, legen wir sie in mein Privatzimmer von S 2.  Also dann, hoffen wir, dass dieser Restsonntag auch einer ist.“

Und damit war er weg.

Als Dr. Heigert einem Impuls folgend noch einmal in den OP blickte, sah er dort Dr. Sigmund die Frischoperierte betreuen, während vier Pfleger und Schwestern die Patientin auf die Trage legten.

In diesem Augenblick betrat Hella den OP, sah kurz hinüber zur Patientin, wollte sich gerade abwenden und gehen, da kam Dr. Sigmund zu ihr, hielt sie am Arm fest und sagte etwas, das Bernd Heigert nicht verstand. Er bemerkte allerdings, wie wütend Hella zu werden schien.

Er war schon versucht, hinzugehen, ihr einfach beizustehen, da sah er sie lächeln. Sigmund hatte den Arm losgelassen und schien eindringlich auf sie einzureden. Aber schließlich zuckte sie nur die Schultern, deutete auf die noch bewusstlose Patientin und wandte sich dann ab. Während Dr. Sigmund zu Ruth Kindermann ging, die aus dem OP gefahren werden sollte, und während des Transports weiter künstlich beatmet wurde, kam Hella auf Bernd zu.

Als sie ihn entdeckte, stockte sie kurz, ging dann aber kurz entschlossen weiter und wollte an ihm vorbei.

„Hella, würdest du dich von mir zum Essen einladen lassen?“

Sie musterte ihn. Er machte einen schuldbewussten Eindruck. Irgendwie wollte sie ihm etwas Versöhnliches sagen. Ihm jetzt eine schroffe Antwort zu geben, hätte sie nicht übers Herz gebracht.

„So einfach?“, fragte sie leise.

Er nickte. „Ja, vielleicht zu Opa Kowalski. Sonntags haben die immer Braten.“

„Sieh mal auf die Uhr. Ich weiß etwas anderes“, schlug sie vor, „nämlich ein Paket Brote und dann eine Wanderung bei dem herrlichen Wetter. Mit Notdienst haben wir ja nicht mehr zu rechnen. Da ist ja ab Mittag die zweite Bereitschaft dran. – Mein Gott, hättest du gedacht, dass sie wiederkommt?“

„Eigentlich nicht. Gehen wir. Du bist mir nicht mehr böse wegen gestern?“

„Dir? Ich glaube, es war meine Schuld. Da sind einfach zu viele Sachen zusammengekommen. Es war idiotisch von mir. Wenn man heute daran denkt, ist das alles läppisch. Ich meine, nach dieser Operation. Da sieht man die Dinge hinterher alle in einem ganz anderen Licht.“

Er nickte nur, nahm sie am Arm und ging mit ihr hinaus. „Wie lange wirst du brauchen?“

„Zehn Minuten und vorher das Duschen. Sagen wir, eine halbe Stunde. Wo treffen wir uns?“

„Mitten im Glück“, erwiderte er scherzend. „Ich warte hier unten“, meinte er schließlich etwas sachlicher. „Die Brote, wer macht die?‟

„Überlass das mir, Bernd.“ Sie sah ihn so verliebt an, dass ihm ganz heiß ums Herz wurde.

23

Als Hella oben ihr Zimmer betrat, saß Marion im Sessel und lächelte müde.

„Hallo, welch Glanz in meiner Hütte! Ich denke, du schläfst schon in der siebenten Runde?“

„Der Kaffee vorhin, den Schwester Martina angeschleppt hat. Ich bin hundemüde und kriege kein Auge zu. Weißt du, wer eben hier war?“

„Keine Ahnung, aber ich wette, du wirst es mir gleich verraten.“

Marion lachte geheimnisvoll. „Eva, das Lieblingskind des Sultans. Sie ist extra vom Rapp-Hotel angereist. Wollte mit dir reden. Hat sie maßlos enttäuscht, dich nicht zu finden. Nun ist sie abgezittert und kämmt die Kantine nach dir ab.‟

„Was will die denn von mir? Ist sie jetzt unten?“ Hella musste sofort an Bernd denken. Der würde ihr am Ende noch in die Arme laufen.

„Keine Ahnung, was sie will, aber eines steht fest, Hella: Sie will ihren lieben Doktor Heigert wieder. Dem trauert sie noch lange nach, sage ich dir.  Sag mal, hast du noch von diesem dänischen Wunderschnaps?“

„Im Schrank, Marion. Ich wollte mich duschen und umziehen.“

„Ausgang mit ihm? Burgfrieden zu Münster und Osnabrück?“ Marion lachte.

„Sagen wir Waffenstillstand“, erwiderte Hella amüsiert.

„Mach dich ruhig fertig, ich nehme mir einen Aquavit, vielleicht kann ich dann endlich schlafen. Guter Geschmack von dir.“

„Der Aquavit?“, fragte Hella, während sie sich die Sachen fürs Duschen zurechtlegte.

„Nein, natürlich der Mann ... Heigert.“

24

Eva von Corff stand wie ein Erzengel vor Professor Hauschild und Bernd Heigert. Schräg hinter ihr hatte sich Jörg Kindermann in einem Sessel niedergelassen. Obgleich groß an der Wand stand, Rauchen sei nicht gestattet, zündete er sich eine Zigarette an.

Etwas verschüchtert saß Schwester Martina hinten am Schreibtisch. Und sie hoffte inständig, der Krach mochte sich aus ihrem Büro ins Chefzimmer verlagern. Aber das sah gar nicht so aus.

Professor Hauschild lehnte neben der Tür. Er trug noch immer seine Tenniskleidung, nachdem er den grünen Operationskittel und die Überschuhe abgestreift hatte.

„Herr Professor Hauschild, wieso nehmen Sie Herrn Heigert in Schutz, obgleich Sie von den Vorgängen so wenig oder so viel wissen wie ich?“, fragte Eva von Corff scharf. „Es muss doch eine Verbindung zwischen Frau Kindermann geben und ihm! Ob Kuss oder nicht, wieso verlangt diese Frau immer wieder nach ihm?  Ich kenne Herrn Heigert. Ich könnte Ihnen allen sagen, wieso eine Frau so etwas tut: Weil er sie dazu ermutigt hat, weil er ihr zuvor den Himmel auf Erden versprach. Ich bin selbst einmal mit ihm sehr vertraut gewesen und weiß, wie es ist. Mir tut diese Frau sehr leid. Ihm kann man ja juristisch nichts nachweisen, im Gegenteil, er hat sich abgesichert. Aber eines steht fest: Ich werde darauf hinwirken, dass mein Vater Herrn Heigerts Vertrag nicht verlängert.“

Bernd Heigert lächelte nur. Aber Professor Hauschild lief rot an.

„Tun Sie, was Sie wollen, meine Verehrteste. Aber vergessen Sie nicht, Ihrem Vater gleichzeitig zu sagen, dass mein Vertrag mit dem von Herrn Heigert endet.  Und jetzt verzichte ich auf Ihre Gegenwart. Dafür zu Ihnen, Herr Kindermann. Ihre Frau lebt. Sie war klinisch tot. Was im Seelenleben einer Frau vorgeht, die so schwer angeschlagen ist wie Ihre Frau, ist oft nicht erklärbar, ist auch nicht mit Logik zu erforschen. Übrigens gibt es das nicht nur bei Frauen, sondern ebenso oft bei Männern. Ein Schnitt im Leben, eine Wendemarke. Die Menschen denken danach über den Sinn vom Sein und Sinn des Lebens nach. Sie wollen Dinge zurückholen, die nie mehr kommen. Sie wollen Fehler ausbügeln, wollen ihren Frieden mit Gott und der Welt, wollen neu anfangen, wollen das Wesentliche vom Unwesentlichen trennen.“

„Und was hat das mit meiner Frau zu tun?“, fragte Kindermann.

„Ihre Frau war in diesem Zustand. Vielleicht hat sie da Doktor Heigert in etwas verklärter Darstellung gesehen. Hat sich ein Traumbild gebastelt. Ist alles menschlich. Ein todkranker Mensch setzt ganz einfach andere Maßstäbe, der hält sich auch nicht unbedingt an die Spielregeln.  Deshalb mache ich einen Vorschlag: Schwamm drüber. Warten Sie ab, Herr Kindermann, wie sie ist, wenn Sie morgen zu ihr kommen. Heute nicht mehr. Morgen. Und dann werden wir sehen, ob sich bei ihr nicht etwas gewandelt hat.  So, und damit ist für mich der Fall abgeschlossen. Ich habe vier Stunden im OP gestanden, und mein freier Sonntag ist es auch noch. Ihre Frau lebt, Herr Kindermann. Und Herr Doktor Heigert hat daran wesentlichen Anteil.  Das wär’s dann wohl ...“

25

Es war zwei Wochen später. Ruth Kindermann lag auf einem Liegestuhl auf dem Rasen. Der Sonnenschirm spendete ihr und ihrem Mann, der neben ihr auf einem Hocker saß, Schatten. Ein Stück vor ihnen rauschte der Springbrunnen, und in den alten Kastanien rund um den Rasen zwitscherten die Vögel.

„Du siehst blendend aus“, stellte Jörg Kindermann fest, als er seine Frau ansah. Sie trug ein lindgrünes Kleid mit ziegelroten Streifen. Der Schnitt des Kleides ließ ihre schlanke Figur gut zur Geltung kommen.

„Ich habe auch wieder etwas zugenommen“, sagte sie. „Wenn ich so höre, wie schlimm es mit mir war ... Ist ja doch ein Wunder, dass es mich noch gibt. Du, Jörg, sag mal, eines habe ich bis heute nicht begriffen: Wieso bin ich denn nun wirklich aufs Fensterbrett gestiegen? Ich hatte das doch nur geträumt!“

„Und im Traum wahr gemacht wie ein Nachtwandler.‟ Er lächelte nachsichtig. „Es gibt im Leben eines jeden Menschen Phasen, die er wie im Traum durchwandelt. Du hast deine hinter dir. Äh, sieh doch mal die beiden dort. Ich glaube, die verstehen sich sehr gut, was?“

„Auf dem Weg? Das sind Doktor Grund und Doktor Heigert Na, dem muss ich ja sehr unrecht getan haben, wenn ich das auch getan haben sollte, was in meinem Traum war? Glaubst du, dass ich wirklich ...‟

„Ich glaube nichts, Liebling, ich weiß, dass ich dich liebe.“

Sie lachte. „Da, ob die beiden dort drüben auch so glücklich sind? Ich meine Doktor Grund und den Stationsarzt?“

„Sie sind es, Liebling, ich wette, sie sind es“, erwiderte Jörg Kindermann überzeugt.

Drüben verschwanden Bernd und Hella gerade im Wald, Arm in Arm gingen sie, und Hella sagte gerade:

„Und wieso willst du das Wohnzimmer nach Süden, Bernd?“

„Na ja, wenn du es lieber im Westen hast – einverstanden. Aber kein Kinderzimmer nach Norden.“

„Wie viele Kinderzimmer werden wir denn brauchen?“, erkundigte sie sich lachend. „Du hast doch nicht etwa an Schlafsäle gedacht?“

„Wenn du mich weiter ärgerst, lasse ich den Architekten dein Arbeitszimmer auf den Speicher verlegen“, drohte er lächelnd. „Übrigens habe ich noch fragen wollen, ob wir auch Sigmund einladen sollen. Ich meine, wenn dir das etwas ausmacht, lassen wir ...“

Sie lächelte ihn zuversichtlich an. „Das ist vorbei, Bernd. Wir sind wirklich gute Freunde, glaube ich. Ja, wir laden ihn auch zu unserer Hochzeit ein. Ich würde auch zu gerne Ina und Frank einladen, aber ob die kämen ...“

26

Die Notfallstation auf dem Kennedy Airport hatte Schichtwechsel. Die diensttuende Internistin Dr. Ina Bender-Berger zog ihren Kittel aus und schob dem Kollegen vom Nachtdienst, einem etwa fünfunddreißigjährigen farbigen Arzt, das Protokollbuch hin.

„Alle Fälle abgeschlossen“, sagte sie und lächelte ihm zu. Er lächelte zurück.

„Ich habe eben Ihren Mann gesehen. Er wird gleich hier sein und Sie abholen. Beeilen Sie sich, Ina!“

„Mache ich, George“, erwiderte sie, nickte ihm noch einmal lachend zu und wandte sich zur Tür. Da wurde die schon geöffnet.

Frank, in dunkelblauer Uniform mit den Kapitänsstreifen auf den Schulterstücken, kam herein, lächelte ihr zu und meinte strahlend:

„Bist du fertig, Liebling?“

Sie küssten sich an der Tür, und George, der farbige Kollege, meinte launig:

„Im Überschwang der Gefühle haben Sie Ihre Post vergessen, Ina, hier auf dem Schreibtisch.“ Er nahm ein paar Briefe, die dort lagen, und reichte sie ihr.

„Was Besonderes?“, fragte Frank, als sie beide Arm in Arm durch die große Halle gingen.

„Eigentlich schon. Hella heiratet, und sie hat uns eingeladen.“

„Kenne ich den Mann?“, fragte Frank interessiert

„Ich glaube nicht. Ich kenne ihn ebenso wenig wie du, und es wird auch nicht möglich sein. Der Brief muss eine Ewigkeit unterwegs gewesen sein. Die Hochzeit ist schon übermorgen. Ich werde sie anrufen. Sicher versteht sie, wenn ich nicht kann. Sie hat schon geschrieben, dass sie es uns nicht übel nimmt.“

„Wieso“, meinte Frank, „warum willst du absagen? Ich muss morgen nach Köln. Dann nehmen wir die Maschine nach München, und ich werde von da aus nach Köln fliegen, und du nimmst an der Hochzeit teil. Sie war schließlich auch auf unserer Hochzeit. Aber ich könnte dann nun wirklich nicht dabei sein.“

„Du willst nach Deutschland fliegen? Da könnte ich ja auch Tante Hilde und Opa besuchen!“

„Natürlich, könntest du. Wir sind eine Woche drüben. Und dann treffen wir uns in Hamburg. Was hältst du davon?“

„Und du willst mich auch mitnehmen? Aber dann muss ich noch irgend etwas wegen meines Dienstes regeln. Menschenskind, ob die das verstehen? Ich bin ja noch gar nicht so lange da. Und ich war so froh, diesen Posten zu bekommen.“

„Na ja“, meinte Frank lächelnd, „da habe ich ein bisschen mit dran gedreht. Aber ich freue mich für dich, dass du in deinem Beruf arbeiten kannst und wir doch ziemlich eng beieinander sind.“

„Das ist wirklich ein Glücksfall gewesen“, stellte Ina fest.

Sie fuhren mit dem Dienstwagen zu ihrer Wohnung.

Ina gefiel es, dass sie nicht selbst fahren mussten und so die ganzen Parkplatzprobleme für sie entfielen. Morgens begleitete sie Frank hierher, trat dann selbst ihren Dienst an und fuhr nach Dienstschluss mit Frank zurück.

Sie hatten eine sehr schöne Wohnung. Es war die von Rohlinger. Sie war herrlich. Groß genug und in einer sehr anständigen Wohngegend. Die Miete bezahlte die Fluggesellschaft. Ina und Frank standen sich finanziell sehr gut. Sie hätten sich weit mehr leisten können als sie taten, aber sie lebten bescheiden. Und sie waren sehr glücklich miteinander, wahnsinnig glücklich. Ina gefiel es hier. Heimweh hatte sie noch nie gehabt, höchstens ein wenig Sehnsucht nach Tante Hilde und Opa. Aber wenn sie ganz ehrlich war, wurde das auch immer blasser. Doch jetzt freute sie sich riesig, die beiden wiederzusehen. Und vor allen Dingen auch Hella. Dass die jetzt heiratete, war für Ina wirklich eine riesige Überraschung. Und sie dachte schon darüber nach, was sie den beiden als Hochzeitsgeschenk mitbringen sollte.

Frank unterbrach Inas Gedanken mit der Frage:

„Gefällt es dir hier wirklich in Amerika? Wollen wir hierbleiben?“

„Würdest du denn alles aufgeben und wieder zurückgehen?“, fragte Ina lächelnd.

„Ein Wort von dir genügt.“

„Mir zuliebe?“, fragte sie schelmisch.

Er nickte ganz ernsthaft. „Dir zuliebe, Ina. Dir zuliebe würde ich alles tun, einfach alles. Denn ich liebe dich.“

ENDE

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

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Die Schatten der Vergangenheit

––––––––

Arztroman

GLENN STIRLING

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2017

(ehem. Titel: Ist meine Braut an allem schuld?)

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

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Dr. Gert Wolfs Leben könnte unbeschwerter nicht sein: Er ist angesehener Arzt in einem Hospital, Inge  Peschke, seine Braut, ist die Tochter eines schwerreichen Industriellen. Doch dann gerät es aus den Fugen, als seine Verlobte könne in einen Unfall mit Fahrerflucht verwickelt wird, der beinahe eine junge Familie auseinandergerissen hätte. Gerts Prinzipien und sein Ehrgefühl führen dazu, dass er sich mit Inges Vater überwirft, weil dieser den Unfall vertuschen möchte. Damit macht er sich einen mächtigen Feind, der nichts unversucht lässt, Gerts Leben zu zerstören. Und dann regt sich auch noch ein schwarzer Schatten aus Inges Studentenzeit, der ihr Leben und ihre Existenz bedroht ...

„Nun gehen Sie doch endlich zur Seite, damit der Wagen durchkommt!“, rief der Polizist. Nur zögernd wich die Menge. Der weiße Notarztwagen rollte langsam bis an den Fußweg heran und hielt.

Zwei Polizisten drängten die Leute zurück, die neugierig auf die verletzte Frau gafften, neben der ein Mann kniete. Er streichelte ihre Wangen, als könne ihr das die großen Schmerzen nehmen.

Dr. Wolf beugte sich über die Verletzte. Dem jungen Manne sagte er:

„Gehen Sie mal weg, bitte!“

Er wandte sich zu den beiden Krankenträgern um und rief ihnen zu:

„Erst mal meine Tasche!“

Und zu den drei Polizisten sagte er:

„Nun bringen Sie mal die Leute weg hier! Das ist kein Rummelplatz!“

Die drei Polizisten gaben sich alle Mühe, doch es wurden eher mehr Zuschauer als weniger.

Die Frau war jung, und sie befand sich in anderen Umständen. Das sah Dr. Wolf sofort. Ihr Arm war verletzt, das Gesicht links von Glassplittern zerschnitten, doch davon konnten die großen Schmerzen nicht kommen.

„Hören Sie mich?“, fragte er die Frau, und sie sah ihn aus tränennassen Augen an.

Sie nickte kaum merklich.

„Im wievielten Monat sind Sie?“

„Siebten“, lispelte sie heiser.

„Die Trage!“, rief Dr. Wolf über die Schulter zurück.

Die beiden Krankenträger kamen, hoben in lang erprobter Routine die Verletzte auf die Trage und brachten sie in den Notarztwagen.

Erst jetzt, als er den beiden folgte, sah Dr. Wolf, was überhaupt passiert war. Er erkannte den Lastwagen, der gegen die Hauswand geprallt war und ein ganzes Stück von der Mauer herausgerissen hatte. Ein anderer Wagen schien nicht daran beteiligt zu sein.

„Kann ich mit, sie ist meine Frau?“, sagte jemand von der Seite her zu Dr. Wolf.

Er wandte den Kopf und sah den jungen Mann von eben. Sonnengebräuntes Gesicht, kräftige Statur und eine mit Staub bedeckte Lederjacke unterm Arm.

„Nein, Doktor, das geht nicht“, rief einer der Polizisten. „Er ist der Fahrer, er kann hier nicht weg! Die Karre kann ja nicht ewig so stehenbleiben.“

Der junge Mann gab Dr. Wolf einen Zettel.

„Rufen Sie bitte dort an, wenn ...“

Er sprach nicht aus, was sein würde oder könnte.

„Gut, wir bringen sie ins St.-Anna-Hospital. Melden Sie sich dort, sobald Sie können.“

Im Wagen verband Dr. Wolf zuerst die Schnitt- und die Armverletzungen, kleidete mit Hilfe der beiden Sanitäter die Frau aus, um nach anderen Verletzungen zu suchen. Es gab äußerlich keine. Doch infolge des Schocks hatte die Geburt eingesetzt. Zunächst noch mit heftigen Wehen. Dass die Geburt selbst nicht lange auf sich warten lassen würde, bemerkte Dr. Wolf am Abgang des Fruchtwassers.

Die Untersuchung musste sein. Dr. Wolf brauchte einen klaren Befund, bevor er sich entschied, ob sofort zum Krankenhaus gefahren werden musste oder ob lebenswichtige Dinge jetzt geschehen sollten.

Als er mit der Untersuchung fertig war, wusste er, dass eine normale Geburt ausgeschlossen sein würde. Das Kind hatte eine Steißlage.

Die Entscheidung war einfach: Auf schnellstem Weg ins Krankenhaus.

Dr. Wolf sagte es dem Fahrer, der lief nach vorn, schaltete Martinshorn und Blaulicht ein, rief einem der Polizisten etwas zu, und schon knatterte ein Motorrad. Der Polizist fuhr voraus, und schon ging es los.

In rasender Fahrt jagte der weiße Wagen mit zuckenden Blaulichtern und heulender Sirene durch die Straßen. Der rege Vormittagsverkehr behinderte die Fahrt, aber als sie endlich auf der breiten Ringstraße waren, kamen sie wieder schneller voran.

Dann endlich bog der Wagen in die Einfahrt des St.-Anna-Hospitals ein. Über Sprechfunk hatte Dr. Wolf bereits die Chirurgie verständigt. Die Frau wurde sofort in den OP Saal gebracht, und von nun an lag alles daran, den Wettlauf mit dem Tode zu gewinnen.

Der Oberarzt Dr. Holmann leitete die Operation: Kaiserschnitt.

Trotz größter Sorgfalt der Chirurgen kam es zu einer heftigen Blutung, als das Kind bereits geboren war. Dr. Holmann und Dr. Wolf kämpften um das Leben der Frau, versuchten mit sofort eingeleiteten Blutinfusionen den Verlust zu kompensieren, doch plötzlich machte der Kreislauf schlapp.

Strophantin und andere anregende Injektionen wurden gegeben. Dr. Wolf führte eine Herzmassage durch, und endlich, als ein Exitus fast unabwendbar schien, setzte das Herz wieder ein. Während zwei Hebammen sich um das Frühgeborene bemühten, konnten die Ärzte die Blutung stillen.

Der Assistenzarzt Dr. Brecht führte indessen eine weitere Blutinfusion durch, der Anästhesist kontrollierte weiter Atmung und Kreislauf sowie die Herztöne. Doch hier schien die kritische Situation überwunden zu sein.

Der Wettlauf mit dem Tode war in der ersten Runde gewonnen. Mutter und Kind – ein kleines Mädchen – lebten.

Eine Stunde später sprach Dr. Wolf den jungen Ehemann. Er hatte seine Frau noch nicht sehen können, das Kind jedoch schon durch eine große Glasscheibe. Er wusste auch, dass immer noch Lebensgefahr für seine Frau bestand, und wirkte verständlicherweise nervös und sehr besorgt.

Dr. Wolf beruhigte den jungen Mann wie ein Vater, obgleich er selbst in diese Rolle mit seinen fünfunddreißig Jahren schlecht passte. Aber die ganze Erscheinung des großen und kräftigen Arztes, seine tiefe Stimme und die Ruhe, die er ausstrahlte, verfehlten ihre Wirkung auf den jungen Unglücksfahrer nicht.

„Wie ist das denn überhaupt passiert?“, fragte Dr. Wolf. „Ich will Sie nicht ausquetschen, aber vielleicht sollten Sie einmal in Ruhe darüber reden, das könnte Ihnen helfen, den Schock zu überwinden.“

Der junge Mann wischte sich über die Augen. Dann zündete er sich mit zitternden Händen die Zigarette an, die Dr. Wolf ihm angeboten hatte.

„Ich fuhr die Ferenburger Straße lang, meine Frau saß neben mir. Ich wollte eigentlich nicht, dass sie mitfuhr, aber sie sagte, es machte ihr nichts aus, und außerdem wollte sie bei meiner Schwiegermutter in der Berliner Straße raus. Wir waren also gerade an der Stelle, wo es dann passiert ist, als links aus der Viktoriastraße ein Pkw herauszischt. Ein grauer Mercedes 220 S. Der kommt da mit einem Affenzahn raus, und ich bin schon viel zu nahe, um noch zu bremsen. Natürlich steige ich auf die Bremse, reiße das Lenkrad herum und knalle mit dem rechten Vorderrad an den Bordstein. Der ist da sehr hoch, wie ich nachher gesehen habe. Und da muss mir der rechte Vorderreifen geknallt sein. Natürlich riss es die Karre nach rechts und dann an die Hauswand dran. Meine Frau ist schon beim Bremsen gegen die Scheibe geflogen, ja und dann lag sie vor dem Sitz und schrie. Ich habe sie herausgehoben, aber da hat sie noch schlimmer geschrien ...“

„Und der Mercedes?“

Der junge Mann zuckte die Schultern.

„Weg. Ich habe nur gesehen, dass ’ne Frau am Steuer saß. Hellblond war sie, und eine blaue Bluse oder ein Kleid hatte sie an. Und der Mercedes hatte rote Polster.“

„Das Kennzeichen?“

„Ich habe das nicht mehr gesehen.“ „Keine Zeugen?“

„Genug Zeugen“, sagte er, „aber die Nummer hat kein einziger festgestellt. Die meisten sagen, es wäre ’ne Frau drin gewesen, aber es gibt welche, die sagen, sie hätte braune Haare gehabt, andere sagen, sie wäre rothaarig. Aber ich habe es genau gesehen. Blond war sie, hellblond. Und die Polster waren rot. Der Wagen grau, so richtig grau, wie viele Mercedes. Und ein 220 S war es, da kenne ich mich aus.“

„Aus der Viktoriastraße kam der Wagen. Hatte also keine Vorfahrt. Ist doch sogar eine Stoppstraße, nicht wahr?“, fragte Dr. Wolf, und so allmählich kam ihm ein schrecklicher Gedanke.

„Ja, und mit einem Affentempo kam die da raus. Fragen Sie mal den Polizisten, der hat sie gleich über Polizeifunk suchen lassen. Vielleicht haben die die Frau gefunden.“

Dr. Wolf nickte.

„Hoffentlich. Schreiben Sie mir bitte Ihre Adresse auf, damit ich Sie gegebenenfalls über den Zustand Ihrer Frau informieren kann. Haben Sie Telefon?“

„In der Firma ... Baustoffgroßhandlung Ritter in der Moebiusstraße. Die Nummer ist 23 65 66. Mein Name ist übrigens Heinz Hartwig. Aber ich habe alles schon der Schwester angegeben und ...“

„Danke, Herr Hartwig, das genügt.“

Dr. Wolf erhob sich.

„Ich hoffe, dass mit Ihrer Frau alles gutgeht. Nach menschlichem Ermessen müsste sie es jetzt schaffen.“

„Danke, Herr Doktor, vielen Dank!“

Als Hartwig gegangen war, saß Dr. Wolf noch lange an seinem Schreibtisch und überlegte. Einem plötzlichen Impuls nachgebend, hob er den Hörer vom Telefon und wählte eine Nummer.

Eine weibliche Stimme meldete sich:

„Alwin Peschke und Co.“

„Wolf, geben Sie mir bitte die Privatwohnung.“

„Augenblick, Herr Doktor ...“

Nach kurzer Zeit meldete sich wieder eine Frauenstimme.

„Peschke.“

„Hier ist Gert. Bist du es, Inge?“

Die Frau am anderen Ende der Leitung lachte.

„Aber nein, lieber Gert, wann endlich kannst du unsere Stimmen unterscheiden? Hier ist deine gefürchtete Schwiegermama höchstpersönlich.“

Sie lachte wieder.

„Gefürchtet ist gut. Ist Inge nicht da?“

„Nein, das heißt, sie war da, aber nun ist sie schon wieder weg.“

„Mit dem Wagen? Ich meine: War sie vorhin mit dem Wagen weg?“

Die Frau lachte wieder.

„Eifersucht?“

„Nein, es ist nur eine Frage. Ich meine, Inge unterwegs gesehen zu haben. Bitte sag mir, ob sie mit dem Mercedes weggewesen ist.“

„Ja, aber jetzt ist sie mit dem Vertreter-VW unterwegs. Sie sagte, am Mercedes wäre was nicht in Ordnung. Ich habe dafür wenig Verstehste-mich. Gert, jedenfalls steht er in der Garage.“

„Danke, und wie geht es sonst?“

„Na, du bist gut, Gert. Ich komme mir vor wie ein Witwe. Meinen Mann sehe ich nur am Wochenende, und selbst dann ist er kaum ansprechbar, den Schwiegersohn sieht man auch nur an und ab, und Inge redet auch nur noch vom Geschäft wie ihr Vater, seit sie in der Firma ist. Kommst du heute Abend? Die Schnitzlers sind da und die Bauers. Ich glaube, es würde dir gut tun, wenn du mal was anderes siehst als nur Kranke.“

„Ja“, erwiderte er zögernd, „ja, ich werde versuchen, dass es klappt, dann komme ich. Grüß bitte Inge und Vater von mir.“

„Dann bis heute Abend, Gert! Ich freue mich, wenn du wieder mal zu uns kommst, du rarer Schwiegersohn in spe.“

*

Eine Stunde lang hatte Dr. Gert Wolf noch Notarztwagen-Dienst. Doch es schien für heute glimpflich abzugehen. Die Fahrer im Bereitschaftsraum hatten den Polizeisender angeschaltet und hörten zu, was sich die Beamten in den Leitstellen und den Streifenwagen zu sagen hatten.

Dr. Wolf kam gerade herein und hörte eine Durchsage mit.

„Georg an alle. Georg an alle. Algier 26 ... mausgrauer Mercedes 220 S, leicht beschädigte hintere Stoßstange, rote Polster. Kennzeichen unbekannt. Fahrerin hellblond, blaues Kleid oder Bluse. Fahrzeug bog aus Viktoriastraße gegen 10 Uhr 15 nach links in die Ferenburger Straße ein, ohne Vorfahrt zu beachten. Verursachte schweren Verkehrsunfall mittelbar. Fahrerin beging Fahrerflucht. Der Wagen wurde am Rondell Herzogplatz vom Verkehrsposten gesehen und ist in Richtung Berliner Straße weitergefahren. Die Verkehrskontrolle am Luxemburger Ring hat er nicht passiert. Es besteht der Verdacht, dass dieses Fahrzeug sich noch im Bereich der Berliner Straße befindet. Besondere Aufmerksamkeit für Georg 23 und Georg 14. Ende.“

Dr. Wolf verließ mit gemischten Gefühlen das Zimmer. Und der Verdacht, es könnte Inge gewesen sein, verdichtete sich bei ihm immer mehr. Inge als Unfallstifterin. Inge, die Fahrerflucht beging. Seine Braut Inge Peschke.

*

Alwin Peschke war das, was man Mann mit Erfolg nennen konnte. Anzusehen war ihm das auch. Sein Körperumfang hatte beträchtlich zugenommen. Abgenommen hingegen hatte der Haarwuchs, hier klafften große Lücken. Seit einigen Jahren trug Peschke eine Brille, allerdings nahm er sie sofort ab, wenn er sie nicht unbedingt brauchte.

Eine Zementfabrik gehörte Peschke. Er bestimmte die Preise dort. Er besaß auch neun Bimsgruben, und dort Bagger, Raupen, Fertigungsanlagen für Presssteine, Hohlblocksteine und Platten. Eine Ziegelei gehörte Peschke.

Dann kamen die Autobahnneubauten. Peschke stieg groß ein. Geld kam zu Geld. Die Stadtverwaltung entdeckte ihn endlich. Bisher hatte die Firma Ritter das Material für Stadtbauten geliefert. Die Mannschaft, die von ihm Lohntüten bezog, wuchs auf fünfhundert Mann, nicht gerechnet die mehr als dreihundert Ausländer, die für ihn in den Bimsgruben Platten, Steine und Hohlblöcke fertigten.

Peschke wurde Stadtrat. Peschke wurde zum Mäzen für Kunst und Wissenschaft, indem er die Renovierung des Albert-Museums zum Selbstkostenpreis mit Baumaterial belieferte. Oder das neue Gymnasium, das ebenfalls ohne Gewinn für ihn von seinen Baustoffen errichtet werden konnte.

Und bei Peschke stieg der Blutdruck. Die Zeit, sich einmal gründlich vom Arzt untersuchen zu lassen, hatte Peschke nicht. Er hatte überhaupt nie Zeit. Die vielen Mitarbeiter brauchten ständige Beschäftigung. Das hieß: Aufträge sammeln. So etwas erledigte Peschke selbst.

Er musste Essen geben, Parties veranstalten, oder, wie er es nannte, „Butter bei die Fische tun“.

Ein Glück, dachte er oft, dass seine Tochter Inge so tüchtig mithalf. Und ob sie das tat. Ihr lagen Ministerialdirektoren zu Füßen. Regierungsräte rollten verliebt die Augen, wenn Inge mit ihnen verhandelte.

Aber jetzt diese Party seiner Frau. Nein, sagte er sich, hier ist auch absolut keine einzige Mark zu verdienen. Und dann noch im dunklen Anzug, Kerzenlicht und diesen ganzen Quatsch, den er so hasste. So etwas tat doch kein vernünftiger Mensch in der wirklich freien Zeit. Sagte sich jedenfalls Herr Peschke.

Gelangweilt blickte er auf die kalten Platten, die seine Frau auffahren ließ.

Wo Inge nur blieb? Hatte Helene nicht gesagt, Gert würde kommen? Helene war übrigens seine Frau. Und Gert? Na ja, ein anderer Schwiegersohn wäre ihm lieber gewesen. Arzt! Wie konnte ein vernünftiger junger Mensch nur Arzt werden? Peschke schüttelte verständnislos den Kopf. Nachts raus, immer bei kranken Menschen, Not und Elend ringsum. Nee, dachte Peschke. Not und Elend sind nichts für unsereiner. Aufbauen, Steine, Zement, Lastwagen, Straßen, Häuser, Brücken, das zeigte doch etwas, das gab doch ein Bild ab. Und man sah etwas dafür. Gute harte Markstücke. Na ja, so hart waren sie auch nicht mehr wie einst im Mai, aber ... Lassen wir das. Also Arzt ist er, wird er wohl auch bleiben. Wenn kein Wunder geschieht, sagte sich Peschke, verdient er mit siebzig nicht viel mehr als jetzt. Menschenskind, und wo doch das Geld auf der Straße liegt, im wahren Sinne des Wortes. Und dann Arzt.

Nee, also der richtige Schwiegersohn ist das nicht. Ein Kaufmann wäre ihm lieber gewesen oder der lange Dürre, der ihm den Lieferungsauftrag für die neue Rheinbrücke bei Köln für die Konkurrenz weggeschnappt hatte, dieser – na, wie hieß er denn gleich? – ach ja, Sievertz! Ja, dieser dürre Sievertz, das war schon ein cleverer Junge. Zwar ein bisschen alt für Inge mit seinen vierzig Lenzen, aber was hieß das denn? Mit vierzig fängt das Leben erst richtig an. Mein Gott, und nach dem Aussehen geht man sowieso nicht, wenn einer so clever ist wie dieser, dieser... Sievertz, richtig! Den Namen sollte man sich merken. Ist auch noch Junggeselle, da hatte sich Peschke schon erkundigt. Ja, und statt dessen will Inge diesen Arzt heiraten. Wenn der wenigstens Oberarzt wäre oder Chefarzt, aber das ist er nicht mal. Na ja, hat auch ein paar Jahre als Schiffsarzt vertrödelt. Meine Güte, wie diese Menschen sich nur ihre Zukunft vorstellen. Als würden sie tausend Jahre alt. Und dann sein Schwiegersohn.

Er holte sich eine Zigarre aus der Schachtel, biss sie ab und zündete sie sich an. Bekam ihm neuerdings auch nicht mehr so recht. Wie mit dem Alkohol. Anschließend hatte er immer solches Herzklopfen. Ach was, wird schon wieder vorübergehen.

Seine Frau gab den beiden Dienstmädchen noch Anweisungen, dann kam sie in ihrem golddurchwirkten Abendkleid zu ihm herüber. Peschke lächelte gequält. Das Abendkleid erinnerte ihn an eine Gardine in irgendeinem Ministerium, das Gehabe seiner Frau erschien ihm verkrampft und lächerlich. Sie passte nicht in dieses Kleid und diese Umgebung. Dachte er.

Sie hingegen dachte: Er ist wieder dicker geworden. Wie ein Bauernknecht lehnte er dort. Blass sieht er aus. Er sollte doch einmal zum Arzt gehen. Statt dessen schickt er mich von einem Bad zum anderen.

Sie sah auf die Uhr. Gleich neun.

Inge war noch nicht da. Wo sie nur blieb?

Jeden Augenblick mussten Schnitzlers kommen. Bauers kamen ja immer zu spät, daran hatte sie sich schon gewöhnt. Ach, und Gert, der war ja auch angemeldet.

„Na, Helene?“, fragte Peschke, die Zigarre im Mundwinkel.

„Du musst wieder einen neuen Anzug haben, Alwin. In diesem siehst du aus wie ein Bursche, der den Konfirmationsanzug verwachsen hat. Wo nur Inge bleibt?“

„War sie heute Abend bei Ritter?“

„Nein, sie sagte, dort würde sie morgen hinfahren. Sie hätte noch etwas einzukaufen.“

Peschke nahm entrüstet die Zigarre aus dem Mund.

„Ich hatte ihr ausdrücklich gesagt, dass sie zu Ritter hinfahren soll. Wie kann sie da ...“

Frau Peschke hob beschwörend die Hände.

„Bitte, Alwin, schrei mich nicht an! Was habe ich damit zu tun? Was weiß ich denn, ob das wichtig ist oder nicht.“

Er donnerte die Faust aufs Büfett, dass die Gläser sprangen.

„Natürlich ist das wichtig. Morgen früh kommen diese Kerle von der Regierung und reden mit dem alten Ritter.“

„Willst du es mir nicht erklären? Ich weiß nicht, wovon du redest.“

„Na ja, die Leute in der Regierung wollen jetzt den kleinen Buden auch ein paar Brosamen lassen. Für die neue Betonstraße soll Ritter liefern. Ich komme an den Auftrag nicht heran, aber ...“

„Aber nun willst du Ritter das abjagen?“, fragte sie spitz.

„Unsinn! Er soll den Auftrag in Gottes Namen haben. Aber ich wollte ihm Bitumen und den Zement liefern ...“

„Hast du noch nicht genug?“, fragte sie kopfschüttelnd.

„Ach, du verstehst das ja alles nicht. Blöd genug, dir das überhaupt zu erklären. Wenn es nach dir ginge, säße ich noch in der Hundehütte in der Wilhelmstraße und wäre Buchhalter bei Schmalgraf und Hensold. Wo wären wir denn, wenn ich nicht zugesehen hätte, dass etwas herumkommt, wie?“

„Wir wären dann vielleicht glücklicher und vor allem noch miteinander wirklich verheiratet“, erwiderte sie schlicht.

Er knallte seine Zigarre aufs Parkett, stampfte wütend mit dem Fuß auf und wandte ihr den Rücken zu.

„Jetzt reicht’s mir aber!“, knurrte er.

Sie hob die Zigarre auf, kehrte mit einer Papierserviette die Glut zusammen und ging still weg. Als sie zurückkam, war Gert gekommen.

*

„Tag, mein Junge“, sagte Peschke und lächelte mühsam. „Von den anderen ist noch keiner da. Auch nicht übel. Willst du 'ne Zigarre?“

Dr. Wolf schüttelte den Kopf. Sein Blick durchstreifte die geräumige Halle, überflog die Leckerbissen auf dem Büfett und blieb an Frau Peschke hängen, die gerade durch die hintere Tür eintrat.

Jedes Mal, wenn er zu Peschkes kam. hatte er das Gefühl, in eisige Atmosphäre zu geraten. Anfangs war er des Glaubens gewesen, das gälte ihm, doch seil einiger Zeit wusste er, woran es lag. Die Peschkes vertrugen sich nicht sonderlich. Und heute Abend war es besonders schlimm.

Frau Peschke versuchte die gedrückte Stimmung zu überspielen, aber es gelang ihr schlecht. Die Begrüßung war etwas zu herzlich, zu launig, um Dr. Wolf täuschen zu können.

„Inge ist noch immer nicht zurück. Das verstehe ich nicht“, meinte Frau Peschke. „Sie wollte noch etwas besorgen. Vielleicht ist sie bei Jutta.“

„Wer ist Jutta?“, fragte Herr Peschke mürrisch.

„Aber Alwin, das weißt du doch. Diese kleine mollige Freundin von ihr.“

„Ach so, diese Möpsin, ja, ich entsinne mich.“

Er goss sich einen Whisky ein und leerte das Glas mit einem Zug.

„Aber Alwin, wenn Inge das hört. Wie du nur über unsere Bekannten sprichst!“, sagte Frau Peschke empört und lächelte dann Dr. Wolf zu. „Mein Mann ist ein wenig überarbeitet. Schlimm ist das in der letzten Zeit. Es überrennt ihn fast. Er ist immerzu in wilder Hetze.“

Peschke machte ein saures Gesicht, als er seine Frau das sagen hörte.

„Gert, komm mit, wir gehen nach nebenan. Hier komme ich mir vor wie auf dem Bahnhof. Ich habe da einen uralten Sherry, magst du den?“

Er wartete gar nicht ab, ob Dr. Wolf wollte, sondern nahm zwei Gläser vom Büfett und ging voraus.

Peschkes Salon, wie seine Frau den Raum nannte, war ganz in Leder gehalten. Ledermöbel, Ledertapeten, der Fußboden ganz mit Schafsfell belegt.

Peschke ließ sich in einen der Ledersessel sinken und holte aus einer danebenstehenden Ledertruhe eine Sherryflasche heraus.

„Setz dich, mein Junge. Setz dich!“

Er goss ein und schob Dr. Wolf auf dem kleinen runden Rauchtisch das Glas entgegen. „Das Beste, was man hierzulande an Sherry bekommen kann.“

Sie prosteten sich zu und tranken.

„Hmm“, sagte Dr. Wolf, „der ist wirklich gut, nur verstehe ich zu wenig davon, um ihn voll zu würdigen. – Übrigens, hast du schon mit Inge gesprochen?“

„Nee, nicht seit heute Morgen. Was ist los?“

Peschke biss sich eine neue Zigarre ab und zündete sie an.

„Ich hörte, etwas soll mit dem Mercedes nicht in Ordnung sein.“

Peschke blies eine Rauchwolke zur Decke und brummte:

„Hmm, sagte mein Fahrzeugmeister. Gaspedal klemmt oder so was. Warum?“

„Ist Inge jetzt damit unterwegs?“

Peschke lachte.

„Blödsinn. Du kennst doch Inge. Wenn die merkt, dass was am Wagen nicht stimmt, fährt sie keinen Schritt weiter. Nee, sie hat, glaube ich, den VW von Schmitz. Ist sie nicht schon gekommen?“

Er lauschte, als da draußen Stimmen erschollen, doch dann lehnte er sich wieder zurück und knurrte nur:

„Ach was, das sind die Schnitzlers. Wenn ich die sehe, dreht sich mir jedes Mal der Magen ’rum. Natürlich Bekanntschaft von meiner Frau. Die gönnen uns auch nicht die Butter auf dem Brot. Der Mann hatte dieselben Chancen wie ich. Aber der ist heute noch in dieser Hinterhof-Bude von Schmalgraf und Hensold.“

Er lachte.

„Als Kontorist. Und solche Leute lädt meine Frau ein. Haha!“

Dr. Wolf runzelte die Brauen.

„Ist das Bankkonto wichtiger als der Charakter?“

„Red keinen Stuss, Gert!“, sagte Peschke lachend und goss Dr. Wolf das Glas nach. „Beides ist wichtig. Wenn einer seine Chance nicht nutzt, ist er ein Trottel. Das ist auch kein guter Charakterzug.“

Die Tür wurde geöffnet. Ein schlankes, bildhübsches Mädchen mit hellblondem Haar trat ein.

„Hallo, ihr beiden! Da bin ich endlich. Tag, Paps, Tag, Gert!“

Peschke lächelte stolz, als seine Tochter ihn begrüßte. Dr. Wolf stand auf und sagte ein wenig steif:

„Guten Abend, Inge.“

Sie musterte ihn befremdet.

„Was ist denn mit dir los, Gert? Hast du etwas Ungutes verschluckt?“

Dann lachte sie.

„Nun sieh ihn dir doch an, Paps, er guckt ja richtig bös!“

„Was ihr Frauen nur immer an uns Männern seht. Dummes Zeug“, knurrte

Peschke und widmete sich seinem Sherry.

„Inge, ich glaube, ich muss einmal mit dir allein etwas besprechen. Es ist ziemlich wichtig“, sagte Wolf.

Peschke brummte etwas, stand auf und nahm sein Glas.

„Nein, das wollte ich damit nicht sagen!“, rief Dr. Wolf, aber Peschke zuckte nur die Schultern und brummelte: „Bleibt ruhig hier, ich muss sowieso zu den Gästen, sonst hab’ ich eine Woche lang keine ruhige Minute vor Mama ...“

*

Als sich die Tür hinter ihm schloss, fragte Inge:

„Gert, was ist denn nur passiert? Noch nicht mal ’nen Kuss hast du mir gegeben.“

„Inge, warst du heute mit dem Mercedes in der Viktoriastraße?“

„Nein“, erwiderte sie erstaunt. „Warum?“

„Du bist auch nicht dort entlanggefahren?“

„Nein! Warum fragst du nur?“

Ich war vorhin, bevor ich hier ins Haus kam, auf dem Wagenplatz. Der Mercedes steht in der Werkstatt. Hinten ist die Stoßstange verbogen.“

„Na und, das ist sie seit einem halben Jahr. Paps sagt, deshalb führe der Wagen noch lange, und der neue sei ja in vierzehn Tagen da. Warum sollen wir noch groß Geld an den alten wenden. Mercedes nimmt ihn so in Zahlung wie er ist, das ist doch abgemacht.“

„Der Wagen hat auch rote Polster, Inge.“

Sie lachte, sah ihn dann ein wenig besorgt von der Seite an und fragte:

„Ist dir nicht gut, Gert? Oder hast du getrunken?“

„Inge, es ist mir todernst, was ich sage. Der Wagen ist grau, hat rote Polster, eine beschädigte hintere Stoßstange. Inge, und wie sah die Bluse aus, die du heute morgen getragen hast?“

„Bluse? Ich hatte ein blaues Kleid an. Aber hör mal, das ist ja wie ein Verhör! Was willst du denn überhaupt mit dieser Fragerei von mir?“

„Und du bist bestimmt nicht durch die Viktoriastraße in die Ferenburger Straße gefahren? So um Viertel nach zehn?“

„Ich verstehe diese Fragen nicht, Gert. Aber warte mal, ich überlege. Hmm, Viktoriastraße, das ist doch dort, wo die Gewerbeschule ist? Ja, es könnte stimmen, ja, und die Zeit könnte auch stimmen. Aber was ist denn nur? Wieso fragst du mich ... Gert!“

Sie wurde plötzlich ernst.

„Gert, was ist los? Du fragst doch nicht aus Spaß?“

„Aus Spaß? Nichts läge mir ferner. Hör zu! Heute Morgen gegen 10.15 Uhr kam aus der Viktoriastraße ein Mercedes 220 S, mausgrau, rote Polster, beschädigte hintere Stoßstange, Fahrerin blaues Kleid oder Bluse, hellblondes Haar. Der Wagen fuhr mit hoher Geschwindigkeit aus der Viktoriastraße heraus, obgleich es eine Stoppstraße ist ...“

„Ja, ich entsinne mich. Das Gaspedal hing. Aber ich konnte den Wagen noch gut herumbekommen, und nachher löste sich das Pedal auch wieder. Dumme Situation ...“

„Inge, und der Lastwagen?“

„Welcher Lastwagen?“

„Als du aus der Viktoriastraße gerast bist, kam ein Lastwagen auf der Ferenburger Straße an. Ein Lastwagen mit Anhänger, beide beladen mit Kies. Der Wagen gehört der Firma Ritter. Er müsste dir aufgefallen sein, schon weil es eine Konkurrenzfirma ist.“

„Pah! Konkurrenz? Ritter ist für uns keine Konkurrenz.“

Dr. Wolf sah sie eindringlich an.

„Inge, das sind doch jetzt Bagatellen. Der Lastwagen kam, und du hast ihn fast gerammt. Das haben viele Leute beobachtet. Der Fahrer des Lastwagens hat vermieden, dich zu überrollen, riss den Lastwagen nach rechts und prallte, weil der Reifen platzte, gegen die Hausmauer ...“

Sie zuckte die Schultern.

„Davon weiß ich aber nichts. Und wenn schon, er hat mich nicht berührt, und dann ist es auch nicht meine Sache.“

„Inge, bist du des Teufels? Ich bin noch nicht fertig. In dem Lastwagen saß außer dem Fahrer noch dessen Frau. Sie war in anderen Umständen. Bei dem Unfall wurde sie leicht verletzt, aber infolge des Aufpralls setzte die Geburt vorzeitig ein. Es kamen noch Komplikationen hinzu. Die junge Frau befindet sich noch immer in Lebensgefahr. Und da sagst du, das alles sei nicht deine Sache. Weißt du, dass dich die Polizei überall sucht, vielmehr deinen Wagen?“

Inge wurde blass.

„Mein Gott! Aber ich weiß doch gar nichts davon. Ich habe wirklich nichts gemerkt!“

„Das begreife, wer will. Es muss einen mörderischen Knall gegeben haben, als der Lastwagen an die Wand stieß. Und dass du den Lastwagen überhaupt nicht gesehen haben willst ...“

Sie krallte ihre Hände in seine Schultern.

„Gert, ich schwöre dir, ich habe nichts bemerkt. Du musst es mir glauben. Ich war so mit dem Gaspedal beschäftigt, dass ich ...“

„Hallo, seid ihr immer noch hier?“, rief Peschke von der Tür her.

Dann trat er näher, sah Inge erstaunt an, blickte dann auf Dr. Wolf und fragte verblüfft: „Was ist denn mit euch los?“

Inge begann zu weinen.

„Paps, ach Paps, es ist furchtbar.“

Sie sank jetzt an die väterliche Brust und schluchzte hemmungslos.

Peschke versuchte, sie in einen der Sessel zu schieben, aber sie schlang ihre Arme um seinen Hals.

„Nun setz dich, Kind, ich will erst wissen, was los ist!“

Dr. Wolf erzählte es ihm, denn Inge war dazu nicht imstande.

„Eine schöne Schweinerei!“, keuchte Peschke und tupfte sich den Schweiß von der Stirn. „Und ausgerechnet ein Lastwagen von Ritter. Mit dem alten Ritter wollte ich ein Geschäft machen, das mir gut und gerne hundert Mille Umsatz gebracht hätte. Nee, nee, dass einem das passieren muss. Und was nun?“

Dr. Wolf sah auf den korpulenten Mann im Sessel herab.

„Für mich gibt es da überhaupt keine Überlegung.“

Peschke nickte.

„Klar, Junge, ganz richtig. Wir müssen sofort die Stoßstange auswechseln und ...“

„Nein!“

Dr. Wolf sprach scharf, und Peschke sowie Inge sahen ihn überrascht an.

„Na was denn?“, fragte Peschke schulterzuckend.

„Ich meine“, erwiderte Dr. Wolf, „dass es hier nur einen Weg gibt: den zur Polizei.“

Peschke sprang auf, und sein breites Gesicht wurde dunkelrot.

„Mensch, bist du von allen guten Geistern verlassen? Zur Polizei? Das fehlte noch. Dann erfährt Ritter von der Sache, und Inge steht noch groß in der Zeitung. Das wäre ein schöner Skandal! Nee, mein Lieber, Polizei is’ nich'!“

„Was denkst du, Inge?“, fragte Dr. Wolf ruhig.

Sie sah ihn mit tränenüberströmtem Gesicht an.

„Dann werde ich doch eingesperrt. Davor hab’ ich Angst.“

Dr. Wolf holte tief Luft, dann sagte er gefasst:

„Jeder Mensch kann einen Fehler machen. Doch dazu sollte er stehen. Die Polizei findet dich, Inge. Früher oder später. Und die Zeitungen waren schon heute Abend auf der Suche. Der Abendanzeiger hat sogar eine Belohnung für den ausgesetzt, der die Fahrerin findet. Nun?“

„Aber das ist doch Irrsinn! Das sollen sie erst mal beweisen!“, sagte Peschke heftig. „Wenn ich die Stoßstange abmontiere und die Karre auch noch verschwinden lasse, kommt kein Aas dahinter!“

„Irrtum! Denkt mal an euren Fahrzeugmeister. Der kann sicher auch lesen. Und wenn er die Zeitung heute Abend gelesen hat ...“

„Für drei blaue Lappen schweigt der wie’n Massengrab“, meinte Peschke wegwerfend.

„Selbst wenn es der Polizei nicht gelänge, dich zu finden, Inge, wäre es nicht besser. Die junge Frau, der Fahrer von Firma Ritter und Herr Ritter selbst hätten den ganzen Schaden, weil der schuldige Fahrer nicht ausfindig gemacht werden konnte.“

„Na und? Ritter wird daran nicht gleich pleite gehen“, entgegnete Peschke.

„Verdammt noch mal!“, fuhr ihn Dr. Wolf an. „Das ist doch eine bodenlose Schuftigkeit, wenn man einen Unfall verursacht und sich nachher zu drücken versucht! – Inge, sieh mich an! Willst du dich stellen oder nicht?“

„Sie will es nicht und sie wird es nicht!“, schnaubte Peschke.

„Ich habe Inge gefragt. Inge, antworte mir!“

Sie sah Dr. Wolf an.

„Ich habe Angst, Gert. Und ich habe doch den Lastwagen gar nicht berührt. Ich bin doch nur schuld, wenn ...“

„Wer hat dir denn diesen Quatsch erzählt? Ob du den Lkw berührt hast oder nicht, du hast den Unfall verschuldet. Und damit bist du schuldig und musst haften. Meinst du, die Polizei sucht dich zum Spaß?“

„Ich habe den Eindruck“, sagte Peschke lauernd, „als wolltest du dich gegen uns stellen. Junge, das gefällt mir nicht. Das gefällt mir rein gar nicht!“

Dr. Wolf drehte sich ein wenig zur Seite, um Peschke voll ansehen zu können.

„Ob Ihnen, verehrter Herr Peschke, das gefällt oder nicht. Ihre Vorschläge, diese Sache zu bereinigen sind einfach dreckig. Ich bedauere, Ihren vorbildlichen Charakter nicht früher voll erkannt zu haben. Und jetzt darf ich mich verabschieden. – Und du, Inge, hast jetzt Gelegenheit, zur Polizei zu gehen, oder ich müsste die Verlobung lösen.“

Inge sprang auf, sah ihn hasserfüllt an und schrie:

„Statt mir zu helfen, verlangst du, dass ich ins Gefängnis gehe. Geh doch zum Teufel mit deinen verstaubten Ansichten!“

Dr. Wolf sah sie erschüttert an, öffnete den Mund, um etwas zu sagen, schwieg aber schließlich doch und ging zur Tür.

„Und das eine sage ich Ihnen, Dr. Wolf“, fauchte ihm Peschke nach, „wenn Sie es sind, der meine Tochter hineinreitet, können Sie sich gleich Ihren Abschied bei Ihrem Krankenhaus nehmen. Denn dort sitze ich auch im Direktorium, falls Sie das noch nicht wissen. Und für Leute wie Sie wäre dann dort kaum noch Platz!“

*

Dr. Wolf ging.

Draußen im Saal saßen die Schnitzlers und Bauers mit Frau Peschke, hörten leise Tanzmusik und unterhielten sich angeregt. Dr. Wolf begrüßte die Leute und verabschiedete sich zugleich. Frau Peschke begleitete ihn zur Tür und fragte, als sie allein waren:

„Gert, was ist denn passiert?“

Er zwang sich dazu, nicht Sie zu ihr zu sagen und antwortete:

„Frag das bitte Inge! Ich glaube, ich vertrete in diesem Haus den falschen Standpunkt. Guten Abend.“

„Aber, Gert, so hör doch, Gert!“

Er war schon draußen, ging rasch zu seinem Wagen, schloss auf, stieg ein und fuhr schnell davon. Als er wegfuhr, blickte er kurz zur Seite und sah Frau Peschke in der Tür, den einen Arm halb erhoben, als könnte ihr Winken ihn zurückhalten.

Irgendwie tat sie ihm leid. Sie war anders als ihr Mann.

*

Pünktlich acht Uhr war Dr. Wolf wieder im Dienst. Die dralle Schwester Gerda, eine urgemütliche Vierzigerin, erwartete ihn schon auf der Station.

„Morjen, Doktorchen, jut jeschlafen?“

Sie strahlte ihn an.

„Sehen ja ’n büschen blass aus, nich’?“

Sie folgte ihm in die Ordination, wo bereits der Nachtdienst-Arzt wartete. Das war ein jüngerer Mann, ein bisschen blass, nervös und überarbeitet. Dr. Wolf wusste, dass sein Kollege Helm am Tage noch in einer Privatchirurgie assistierte, was der Gesundheit auch nicht gerade dienlich war.

„Na, Heimchen, schlafen Sie überhaupt noch oder haben Sie das abgeschafft?“, fragte Dr. Wolf lächelnd.

„Sie Spaßvogel. Wenn das ginge, dann hätte ich das Geld für die eigene Praxis in einem Jahr zusammen.“

„Was gibt es auf der Station?“

„Ach, lassen Se man, Doktorchen“, mischte sich Schwester Gerda ein, „er hat’s mich ja allens schön verklärt. Und so müde is’ er ja auch, unser Dr. Helm. Da kann ich Ihnen besser sagen, was los is’. Also da haben wir mal den Appendix von 23, der macht sich prima. Die Amputation von 27 ist noch ziemlich schwach. Der ...“

„Was ist mit der Sectio?“, fragte Dr. Wolf ungeduldig.

„Ja, der Kaiserschnitt von 38, das bessert sich. Nich’ wahr, Dr. Helm, die Nacht ging?“

Dr. Helm, der kurz vor dem Einschlafen war, nickte.

„Hmm, besser jetzt“, murmelte er vom Schlaf überwältigt.

„Sonst noch was von Bedeutung?“, erkundigte sich Dr. Wolf.

Schwester Gerda nickte.

„Da is ’n Herr, der Sie sprechen wollt’. Ritter heißt er. Hat was mit dem Kaiserschnitt zu tun von 38.“

„Danke, und wo ist er?“

„Im Wartezimmer vom Oberarzt.“

„Weiter nichts?“

„Nee, was noch is’, kann bis zur Visite warten.“

Dr. Wolf verabschiedete sich von Dr. Helm, der kaum noch aus den Augen sehen konnte, nickte Schwester Gerda zu und sagte beim Hinausgehen:

„Visite Punkt neun!“

„Is’ recht, Doktorchen!“

Dr. Wolf ging hinaus, den langen Gang entlang bis zum Wartezimmer des Oberarztes, das schon brechend mit Patienten gefüllt war.

„Herr Ritter?“

Ein alter Mann mit schneeweißem Haar erhob sich schwerfällig, stützte sich auf einen Stock und kam langsam näher. Das Gehen fiel ihm offenbar schwer. Der Händedruck aber, mit dem er Dr. Wolf begrüßte, war fest und kräftig.

„Ich habe ein kleines Stück weiter mein Büro, können Sie bis dahin ...“

Der alte Herr schmunzelte.

„Keine Sorge, Herr Doktor. Nur langsam, immer langsam“, sagte er.

Im Büro schob Dr. Wolf seinem Besucher den Stuhl zurecht, doch Herr Ritter wehrte dankend ab.

„Der alte Knochen kann schon noch“, sagte er. „Ist mir vor zehn Jahren unter ’ne Lore gekommen. Na ja. aber deshalb bin ich nicht hier, Herr Doktor. Es geht um ...“

„Frau Hartwig?“

„Ja, richtig. Frau Hartwig. Man hat ja die Fahrerin noch immer nicht gefunden, und der Heinz, das ist mein Fahrer Hartwig, ist ja ein so tüchtiger Bursche, aber nun ist er ja völlig durchgedreht. Ich hab’ ihn gleich in Urlaub geschickt, damit er erst mal zur Ruhe kommt. Nun wollte ich mal von Ihnen wissen, wie es um Frau Hartwig bestellt ist. Und wie es dem Kind geht.“

„Augenblick, was das Kind angeht, muss ich nachfragen. Ich bin gerade erst ’rein.“

Dr. Wolf rief die Säuglingsstation an und erfuhr, dass die Kleine den Umständen nach wohlauf sei. Für ein Siebenmonatskind sei sie auch schon recht kräftig, meinte der Kinderarzt.

Dr. Wolf erklärte es dem alten Herrn, und plötzlich sagte der:

„Sagen Sie mal, Herr Doktor, sind Sie nicht der zukünftige Schwiegersohn von Herrn Peschke?“

„Nicht mehr, Herr Ritter“, erwiderte Dr. Wolf offen.

Der alte Herr hob erstaunt die Brauen.

„So? Na, ich wollte nicht indiskret sein. Also zu unserer Sache. Ich möchte diesen jungen Leuten etwas Trost spenden. Wissen Sie, ich bin nicht so wohlhabend, dass ich mit dem Geld um mich werfen könnte, aber ich möchte Sie bitten, wenn Sie Frau Hartwig wieder sprechen können, dass Sie ihr sagen, ich würde ihnen das kleine Haus fertigbauen. Die beiden haben nämlich jede freie Minute geschuftet an ihrem Haus, weil sie möglichst viel selbst machen wollten und ja nicht viel Geld haben. Ich will es also für sie weiterbauen lassen, denn der Heinz hat mir versprochen, dass er bei mir bleiben will. Und ich denke, jetzt schaffe ich diese Mehrkosten schon, weil ich einen guten Auftrag bekommen soll. Die Herren kommen nachher, und ich muss jetzt wieder gehen. Wollte nur, dass Sie Frau Hartwig das sagen. Vielleicht hilft es ihr auch ein bisschen wie Medizin.“

Er lächelte gütig, und Dr. Wolf spürte eine heiße Wut auf Peschke in sich aufsteigen. Peschke, der im Gelde schwamm, hätte bequem zehn solcher Häuser bauen können, ohne es zu spüren. Aber dieser reiche Peschke wollte sich drücken. Wollte nicht einmal dafür einstehen, was seiner Tochter passiert war.

„Herr Ritter, ich bin sicher, dass es die beste Medizin ist, die es gibt, nämlich neue Lebenslust zu vermitteln. Dafür danke ich Ihnen. Als Arzt und als Mensch.“

„Nu, nu, nur nicht gleich so dramatisch, Herr Doktor. Ein bisschen ist es unser aller Pflicht, dem anderen zu helfen, nicht nur Ihre als Arzt.“

„Dächten alle so wie Sie“, murmelte Dr. Wolf mürrisch.

„Nicht doch! Es gibt mehr anständige Menschen, als Sie denken. Ich bin nicht mal einer davon. Na, Herr Doktor, Sie gefallen mir. Kommen Sie doch mal bei mir vorbei. Abends habe ich immer Zeit. Sie sicher auch? Meine Frau freut sich auch immer, wenn mal netter Besuch kommt. Und meinen Jungen kennen Sie ja.“

„Ihren Herrn Sohn?“

„Ach was, der ist kein Herr! Das würde ich ihm schön abgewöhnen. Mein Kurt fährt genauso auf dem Lastwagen wie Heinz Hartwig. Vor ’nem halben Jahr hatte er doch mal Panne, und Sie haben ihm den Zylinderkopf bei Büssing geholt. Wissen Sie’s nicht mehr? Da hat er mir noch gesagt: Stell dir vor, ausgerechnet der Schwiegersohn vom Peschke hat mir geholfen. Und der war sogar ein ganz prächtiger Bursche! Hat er gesagt, haha! Aber nun muss ich weg. Sie denken daran, Herr Doktor?“

„Und ob ich daran denke. Bestimmt komme ich auch mal zu Ihnen.“

Als der alte Herr gegangen war, summte schon das Arztzeichen, und überall in den Gängen brannte die rote Arztlampe. Unfalleinlieferung, diensttuende Chirurgen zum OP-Saal! bedeutete das.

Der harte und oft grimmige Kampf um das Leben der Eingelieferten begann wieder wie alle Tage.

*

Gegen elf Uhr tauchte Schwester Gerda im OP-Saal auf. Sie flüsterte Dr. Wolf ins Ohr:

„Das Frollein Braut wartet auf Ihnen, Doktorchen.“

Dr. Wolf runzelte die Stirn.

„Wer? Fräulein Peschke?“,

„Nu ja doch, oder meinen Se, ich halt Ihnen für ’n Wüstling, dass se ’n Dutzend Bräute hab’n?“

Sie schüttelte über Dr. Wolfs Frage den Kopf.

„Auch schon ’n bisschen überarbeitet wie Dr. Helm, wie?“, meinte sie und rauschte hocherhobenen Kopfes hinaus.

Als er Zeit hatte, ging Dr. Wolf nach draußen. Inge wartete diesmal nicht in seinem Büro. Im Treppenhaus neben dem Fahrstuhl stand eine Bank, dort saß sie.

Dr. Wolf trat zu ihr und grüßte kühl.

Sie hatte rotumränderte Augen; offenbar war sie die letzte Nacht nicht zum Schlafen gekommen.

„Gert ... ich, ach, Gert, hast du nichts Netteres zu sagen?“, fragte sie bestürzt über seine Kühle.

„Natürlich, falls du bei der Polizei warst.“

Sie machte ein trotziges Gesicht.

„Konnte ich mir gleich denken. Paps sagte schon, dass du mich nicht verstehen würdest. Ich will einmal in der Zeit, da wir uns kennen, deine Hilfe, will, dass du mich schützt, da versagst du schon.“

Sie erhob sich und nahm ihre Handtasche auf. Mit abweisender Gelassenheit strich sie sich ihren beigefarbenen Staubmantel gerade.

„Wenn ich sage, du sollst zur Polizei gehen, Inge, dann ist das mehr für dich als all das, was dir dein Vater geraten hat. Denn nun wird es sicher bitter.“

Sie sah ihn mit flammendem Blick an.

„Ja, und was macht das schon aus? Ob ich jetzt gehe oder ob du mich anschwärzt. Die Strafe ist sicher dieselbe.“

Er wandte sich ab, ohne noch ein Wort zu ihr zu sagen. Dass sie ihm zutraute, sie zu denunzieren, hätte er nicht erwartet.

Er hörte ihre Absätze auf der Treppe hacken, doch er sah sich nicht mehr um. Aus. Vorbei. Selbst wenn die Polizei nie dahinterkommen würde, eine Frau, die so handelte, konnte nicht seine Frau sein. Nie und nimmer. Er würde es nie verzeihen. Niemals!

Die Arbeit ging weiter. Er kam auch dazu, Frau Hartwig mehrmals zu sehen an diesem Vormittage. Es ging ihr besser, doch sie stand noch immer unter dem Einfluss des Schocks. Als er ihr erzählte, was Herr Ritter ihm aufgetragen hatte, konnte sie ihm kaum folgen. Sie lächelte dann aber und schlief wieder ein.

Indessen fiel der junge Ehemann der Stationsschwester auf die Nerven. Immer wieder wollte er seine Frau sehen, doch Schwester Gerda blieb hart. Nur einmal durfte er zwei Minuten lang zu ihr, mehr nicht.

Endlich war Mittag. Dr. Wolf aß im kleinen Speisesaal der Ärzte und OP-Schwestern, aber es gab Rouladen, die er nicht mochte, jedenfalls nicht in der Form, wie sie in diesem Hause zubereitet wurden. Appetitlos schob er den noch halb gefüllten Teller zur Seite und zündete sich eine Zigarette an. Da kam gerade Dr. Holmann, der Oberarzt der Chirurgie, herein.

Er ging geradewegs auf Dr. Wolf zu, nickte freundlich.

„Mahlzeit, Wolf. Mensch, das war wieder so ’n Vormittag, was?“

Er fuhr sich mit der flachen Hand über die spiegelnde Glatze und äugte durch seine randlose Brille zu Dr. Wolfs Teller.

„Was? Rouladen? Und die lassen Sie stehen, Wolf? Menschenskind, und ein Gesicht machen Sie, als hätten Sie die Kündigung in der Tasche.“

Er wandte sich der Bedienung zu.

„Auch Rouladen!“, rief er, sah wieder Dr. Wolf an und meinte:

„Ist ja kein Wunder, wenn wir durchdrehen. Heute Morgen bei mir allein zwei Oberschenkelhalsbrüche, fünfmal Appendix, eine Galle, bei der wir bald verrückt geworden wären, weil noch ’n Kollaps dabei auftauchte, dann noch zwei Schlüsselbeine, wie gesagt, es war ein reizender Vormittag.“

„Ich habe mich die ganze Zeit ausgestreckt und geschlafen“, meinte Dr. Wolf trocken und musterte den fünfzigjährigen Kollegen spöttisch.

„Sie Witzbold“, konterte Dr. Holmann, „aber am Nachmittag habe ich für Sie noch eine Überraschung: Der Alte kommt.“

„Professor Oberweg?“

„Er hat sich schon angemeldet. Frisch und braungebrannt wäre er, hat er gesagt. Bad Wörrishofen sei zwar eine harte Strafe für alle Sünden, doch sei es ihm prächtig bekommen. Er hat sich das Rauchen abgewöhnt.“

„Mal sehen, wie lange es diesmal vorhält“, meinte Dr. Wolf skeptisch.

Das Mädchen brachte Dr. Holmanns Essen. Er rieb sich die Hände und strahlte:

„Na, das ist endlich mal ’n Gedicht von Mittagessen. Übrigens, Wolf, haben Sie den Kommissar gesprochen?“

„Welchen Kommissar?“, erkundigte sich Dr. Wolf verwundert.

„Hmm“, entgegnete Dr. Holmann kauend, „Polizei. Wegen der Geschichte gestern. Die Frau mit dem Dörfflerschnitt.“

„Ach so, Frau Hartwig. Und was wollte er?“

„Sie. Aber ich glaube, Sie steckten gerade im OP II. Er will wiederkommen. Aber die Fahrerin und den Mercedes haben sie immer noch nicht. Heute ist es sogar durchs Radio gekommen. Die Burschen von der Abendanzeiger-Redaktion haben wieder mal Wirbel gemacht. Belohnung und so. Ist ja auch eine Schweinerei, einfach abzuhauen. – Die Rouladen sind ganz vorzüglich.“

Mit einem Blick auf Dr. Wolfs Teller meinte er:

„Verstehe Sie nicht, Wolf.“

„Ich muss jetzt gehen. Wiedersehen, Holmann, und weiter guten Appetit“, sagte Dr. Wolf und ging.

„Trinken Sie keinen Kaffee?“, rief ihm Dr. Holmann nach.

„Nein, hier bestimmt nicht. Braunes Wasser kann ich mir auch selbst färben.“

Als er auf den langen Gang trat, kam ihm Schwester Gerda entgegen.

„Na endlich, da sind Se ja! Der Herr Kommissar von die hohe Polizei sucht Ihnen schon seit ’ne halbe Stunde verjeblich!“, meinte sie vorwurfsvoll.

„Man wird ja wohl noch essen dürfen“, grollte Dr. Wolf.

„Nu man nich’ böse sein, Doktorchen, war ja nich’ so jemeint. Er wartet in Ihnen ... Ihrem Büro.“

„In Ihrem Büro heißt das, Schwester Gerda“, knurrte Dr. Wolf.

„Nee, nich’ in meins, in Ihnen ... Ihret!“

Dr. Wolf gab es auf.

„Wie geht es Frau Hartwig?“,

„Och, wie es ’nem Kaiserschnitt so geht. Sie macht sich. Nur schlapp, Doktorchen, tüchtig schlapp.“

„Hat sie Stärkungsdiät?“

„Ich jebe ihr man schon zwei Eier mit Rotwein und Zucker extra. Is’ das nischt, Doktorchen?“

„Schon gut, und versorgen Sie mir nur ja Frau Hartwig gut.“

„Na, ’ne dritte Klasse is’ ja nun och nich’ jrade det Paradies auf Erden. Sind ja noch finfe mit drin.“

„Legen Sie Frau Hartwig vorübergehend in die zweite, wenn es geht. Mit dem Appendix in die 17 am besten.“

„Is’ jut, Doktorchen, mach’ ich alles.“

*

Der Kriminalkommissar sah aus wie ein Universitätsprofessor, wie ein Bankdirektor oder, wenn man so will, wie ein in Ehren ergrauter solventer Firmenchef. Ganz bestimmt aber nicht wie ein Kriminalkommissar im Film.

„Glanz, Kriminalkommissar“, stellte er sich vor und zeigte Dr. Wolf seinen Ausweis.

„Herr Glanz, womit kann ich dienen?“

„Herr Dr. Wolf, Sie waren doch gestern der Aufnahmearzt im Falle Frau Hartwig. Ich muss von Ihnen Folgendes wissen: Hat sie Angaben über jenen Mercedes machen können, der noch gesucht wird? Über den Fahrer vielleicht?“

„Nein, nichts dergleichen. Sie ist zwar jetzt imstande, zu sprechen, aber wir haben bisher tunlichst vermieden, die Frau aufzuregen. Und es würde sie bestimmt aufregen. Das Leben von Frau Hartwig ist im Augenblick wichtiger als alles Übrige.“

„Sehr richtig, lieber Herr Doktor, und doch müssen wir jede Zeugenaussage mitnehmen, die wir bekommen können.“

„Sie sind noch nicht auf der Spur?“, fragte Dr. Wolf und bemühte sich, seine Stimme nicht zu interessiert klingen zu lassen.

„Darf ich rauchen?“, fragte Kommissar Glanz, und als Dr. Wolf nickte, zündete er sich eine Zigarette an. „Also das ist so“, fuhr er fort und sah den Rauchwölkchen nach, „wir wissen, dass der Wagen in einem ganz bestimmten Viereck sein muss. Da ist er nicht herausgekommen, nehmen wir an. Wir haben mit Hilfe der Kartei in der Straßenverkehrsabteilung elf ähnliche Wagen herausgepickt. Sie alle sind in diesem Viereck um die Berliner Straße angemeldet. Zwei Wagen suchen wir noch, weil die nicht da sind. Der eine ist wohl gerade auf Urlaub, vielmehr die Leute, denen er gehört, sind damit weg. Und der andere, ja, Herr Doktor, deshalb bin ich hier. Der andere gehört der Firma Peschke & Co.“

Was jetzt kommen würde, ahnte Dr. Wolf bereits.

„Ich verstehe nicht ganz, Herr Kommissar, was habe ich mit ...“

Kommissar Glanz lächelte.

„Augenblick, Herr Doktor, Sie verstehen mich gleich. Also, wie ich gehört habe, sind Sie doch mit Fräulein Peschke verlobt.“

„Na und?“, fragte Dr. Wolf.

Er wusste selbst nicht, warum er nicht sagte, dass die Verlobung von ihm aufgelöst worden war.

„Nun, wir wissen auch, dass Sie gestern Abend bei Peschkes waren. Bitte, bitte, Herr Doktor, wir haben Ihnen nicht nachspioniert. Aber in unserem Beruf ist es nun nicht so einfach. Wir müssen alles im Auge halten. Manchmal auch Leute, die gar nichts mit der Geschichte zu tun haben. Sie sind, das hat jemand gesehen, auf dem Betriebshof gewesen, bevor Sie ins Haus gingen. Einer der Italiener, die Herr Peschke als Wagenpfleger beschäftigt, hat gesehen, dass sie sich den Mercedes von Herrn Peschke sehr genau betrachtet haben sollen. Dieser Wagen, Herr Doktor, war gestern da oder nicht?“

„Ja, er stand in der Werkstatt.“

„Hatte der Wagen eine verbeulte Stoßstange hinten und rote Polster?“

„Rote Polster, ja. Aber nach der Stoßstange habe ich nicht gesehen.“

„Herr Doktor, das genügt. Der Wagen war also da. Wissen Sie, was Herr und Fräulein Peschke ausgesagt haben? Der Wagen sei seit gestern Morgen acht Uhr in der Ziegelei in Bornsdorf gewesen. Dort habe ihn Herr Peschke stehengelassen, weil der Verteiler nicht in Ordnung gewesen sei. Sie verstehen, warum ich selbst zu Ihnen gekommen bin. Herr Doktor, ich glaube, um diesen Mercedes müssen wir uns kümmern. Mir ist außerdem aufgefallen, dass der Fahrzeugmeister von Herrn Peschke, den ich zuallererst befragen ließ, widersprechende Angaben machte. Ich verstehe sehr gut, wenn Sie sich heraushalten möchten. Aber seien Sie beruhigt, Herr Peschke hat gestern Abend vergessen, das Fenster von seinem Salon zu schließen, als Sie mit ihm eine, ich möchte milde sagen, lebhafte Aussprache hatten. Und da wir nicht in der Einöde leben, hört meist immer jemand zu. In diesem Falle der Liebhaber des einen Dienstmädchens, der auf sein Mädel gewartet hat. Er war schon heute Morgen auf der Polizei, doch dort hat man ihn nicht so recht ernst genommen. Jetzt nehmen wir ihn sehr ernst. Demnach sind Sie auch nicht mehr verlobt, nicht wahr?“

„Sie sind bestens informiert“, gab Dr. Wolf zu.

„Das sind wir wirklich. Sie haben Herrn Peschke und dem Fräulein geraten, sich der Polizei zu stellen, nicht wahr?“

„Ich möchte dazu etwas sagen, Herr Kommissar. Fräulein Peschke hat nicht gewusst, dass sie ...“

Er lachte.

„Aber, aber, lieber Herr Doktor. Natürlich hat sie es gewusst. Da ist nämlich inzwischen eine Anzeige eingegangen. Von einem Cafébesitzer. Warten Sie!“

Er holte einen Zettel aus der Tasche und las vor:

„Ich, der Kaffeehausbesitzer Siegfried Heuer, befand mich am Tage des Unfalls zwischen 9 und 12 Uhr ununterbrochen in meinem Gastraum. Gegen 10.30 Uhr hielt ein grauer Mercedes vor meiner Tür. Ihm entstieg eine junge, blonde Dame. Der Wagen hatte rote Polster. Die junge Dame bestellte einen Kaffee, wünschte aber auch zu telefonieren. Ohne auf den Kaffee zu warten, ging sie in die Zelle, die sich gleich neben dem Büfett in meinem Gastraum befindet. Wenn ein Gast in der Zelle nicht ausgesprochen leise spricht, kann man ihn ungewollt auch hinter dem Büfett hören. Die Dame sprach laut genug, dass ich sie verstehen konnte. Sie rief offenbar, wie ich meine, bei der Polizei an. und wollte wissen, ob es bei dem Unfall an der Ecke Viktoriastraße – Ferenburger Straße Verletzte oder Tote gegeben habe. Sie sagte, sie sei von einer Zeitung. Dann legte sie auf, bezahlte Telefon und Kaffee, und ging, ohne den Kaffee getrunken zu haben. Ich habe Anzeige erstattet, nachdem ich abends die Zeitungsmeldung über den Unfall mit Fahrerflucht gelesen hatte. Unterzeichnet: Siegfried Heuer.“

Kommissar Glanz sah Dr. Wolf in leisem Triumph an.

„Na, Herr Doktor, was habe ich gesagt?“

„Ich glaube es nicht“, erwiderte Dr. Wolf überzeugt. „Ich kann das nicht glauben, was dieser Cafétier behauptet. Sie hat es wirklich nicht gewusst.“

Glanz lächelte.

„Dann ist noch etwas, Herr Doktor. Fräulein Peschke wurde am Nachmittag, also gestern, bei der Firma Ritter erwartet. Sie war für eine Besprechung angekündigt. Gegen Mittag aber sagte sie telefonisch ab, und zwar mit der Begründung, sie sei durch einen Besuch verhindert. Tatsächlich aber ist Fräulein Peschke am Nachmittag mit einem der Firmenlastwagen mitgefahren, und zwar nach einer Baustelle irgendwo in der Gegend von Ramsdorf. Dort war sie im Büro – besser gesagt: einer Baracke – bei einem Herrn Sievertz. Dieser Herr Sievertz behauptet seit heute Morgen, Fräulein Peschke sei schon gegen zehn Uhr früh bei ihm gewesen.“

„Warum sind Sie zu mir gekommen, Herr Kommissar?“ fragte Dr. Wolf unwirsch.

Der alte Herr lächelte versöhnend.

„Lieber Herr Doktor, ich will Ihnen reinen Wein einschenken. Fräulein Peschke ist seit einer Stunde in Haft. Sie leugnet noch, aber wir wissen, dass sie die Fahrerin des bewussten Wagens ist. Der Wagen ist verschwunden, doch auch den bekommen wir noch. Das ist nicht mehr so tragisch. Von Ihnen wollte ich nur ein paar Dinge hören. Ich kenne sie jetzt. Vor allem aber bin ich gekommen, nachdem ich von Ihrer Haltung den Peschkes gegenüber gehört habe. Wie Sie auch denken mögen, eines dürfen Sie mir abnehmen: Es lohnt sich nicht, für Fräulein Peschke die Unwahrheit zu sagen. Selbst dann nicht, wenn Sie für die Dame noch gewisse – übrigens verständliche – Gefühle hegen. Fräulein Peschke hat sofort gewusst, was sie tat. Sie wollte danach dieses Verhalten verschleiern und hat auch Sie, lieber Herr Doktor, bewusst angelogen.“

Der Kommissar erhob sich.

„Und noch etwas: Lassen Sie sich nicht durch Drohungen irritieren. Tritt man mit einer Drohung an Sie heran, lassen Sie es mich bitte wissen. Ihnen ist sicher klar, was ich damit meine. Auf Wiedersehen, Herr Dr. Wolf!“

„Auf Wiedersehen“, murmelte Dr. Wolf verstört.

Er stand noch am gleichen Platz, als der Kommissar schon längst aus dem Hause war.

*

„Nu man nischt für unjut, Doktorchen, aber so jeht es nu man och nich’!“, behauptete Schwester Gerda und stemmte resolut die Arme in die Hüften. „Jetzt hab ich den Kaffee gemacht für Ihnen, nu trinken Se den man schön. Chef hin, Chef her, der hat in Wörrishofen wo ellenlang in’t Wasser gestrampelt, und Sie sind wie’n jeölter Blitz hier herumjeschnurrt. Nee, Doktorchen, wenn ’n Chef pfeift, muss man nich’ gleich losrennen. Das schadet nur die Jesundheit, Doktorchen. Trinken Se man erst den Kaffee. Mit Liebe jebraut, sag ich Sie!“

„Ihnen!“

„Nee, ich lerne das nich’ mehr, Doktorchen. Muttern sagte immer: ,Kind, hat se jesagt, Kind, man muss wissen, was mein und dein is', hat se jesagt. Aber mir und mich, das is’ nich’ wichtig, das sind nur Finessen, hat se jesagt. Muttern wusste Bescheid, Doktorchen. Und Kaffee kochen konnte se, da kommt mein schwarzes Gold nich’ mit. Na, nu trinken Se endlich, kalter Kaffeerauch macht schön, und schön sind Se man jenug.“

Dr. Wolf lächelte gequält.

„Sie sind sehr nett, Schwester Gerda. Danke.“

Sie beugte sich etwas vor und sagte leise:

„Nu jerade, Doktorchen, nu jerade. Wo ich doch jehört habe, dass die Polizei Ihnen Ihr Mädchen eingesperrt hat, weil se die Sache mit dem Lastwagen verschuldet hat. Se wissen ja, die junge Frau von 38, die ich vorhin in 17 jebracht hab’ zum Appendix. Aber da kann se och nich’ bleiben. Auf die Entbindung soll se, hat der Professor jesagt. Noch drei Tage, dann soll se auf die Entbindung. – Ja, Doktorchen, ich hab’ ja Ihnen Ihre Braut ’n paarmal jesehn und jesprochen, aber denken Se nur, Doktorchen, was unsereiner is’, der hat och seine Menschenkenntnis. Ich sage: Für Ihnen is' die nich’ die Richtige. Nee, Doktorchen, sagen Se man rein jar nix. Ich wüsste schon eine, die zu Sie passt, Doktorchen!“

Dr. Wolf knurrte böse.

„Hören Sie auf, das verdirbt mir den besten Kaffee. Sie alte Kupplerin. Den alten Bendow und die junge Assistentin von der Inneren haben Sie doch auch verkuppelt, nicht wahr?“

Schwester Gerda plusterte sich empört auf.

„Nu man langsam, Doktorchen. Verkuppelt, det is ’n hartes Wort! Das jeht unsereinem unter die Haut. Nee, verkuppeln, das tu ich nich’. Nur ’n bisschen bekannt jemacht hab’ ich die beiden. Na hören Se mal, is’ das ’n Verbrechen?“

„Seien Sie still!“

„Und sind die beiden nich’ voller Harmonie?“

Sie strahlte stolz.

Dr. Wolf erhob sich.

„Der Kaffee ist prima, und Sie meinen es sicher auch herzensgut, Schwester Gerda, aber mein Privatleben, das klammern Sie bitte aus Ihrer Fürsorge aus. Und jetzt muss ich zum Chef. Danke für den Kaffee!“

Er ging zur Tür, da hörte er noch, wie Schwester Gerda sagte:

„Sonst is’ er ja nich’ übel, aber wenn die Laune anhält, dann Prost Mahlzeit ...“

*

Professor Oberweg war ein lebhafter alter Herr von graziler Figur, mit schneeweißem Haar und einer im Urlaub tiefgebräunten Haut. Freundlich begrüßte er seine ihm unterstellten Kollegen, befand sich in aufgeräumter Stimmung und scherzte mit jedem der Herren. Dann bat er Platz zu nehmen.

„Also, meine Herren, Kollege Holmann hat mir schon knapp berichtet, und wir können nachher auf die Einzelheiten kommen, doch zuvor etwas anderes. Ich habe schon vor meiner Kur gesagt, dass wir Pläne haben. Große Pläne.“

Er räusperte sich und musterte jeden seiner acht Ärzte sehr eingehend. Dann sprach er mit sonorer Stimme weiter.

„Sie wissen ja, der Neubau. Also das, was sich das Verwaltungsdirektorium vorstellt, ist natürlich etwas für Kleinkleckersdorf, nicht aber für ein Institut wie das unsere. Entweder wird großzügig geplant und gebaut, oder wir sollten die Flucht in die Öffentlichkeit wagen.“

„Presse?“, fragte Dr. Holmann.

„Natürlich“, erwiderte der Professor. „Überlegen Sie doch: Jeder Mensch in dieser Stadt kann einmal krank werden. Speziell die Chirurgie ist sehr durch diesen Wahnsinn auf den Straßen in Anspruch genommen. Wir brauchen Platz. Ich habe Aussicht auf eine Herz-Lungen-Maschine. Aber auch dafür haben wir nicht einmal Raum. Dann die Station. Hier fehlt es doch an allem. Und während ich in der Kur war, meine Verehrten, ist mir die Zeit recht lang geworden. Um dem abzuhelfen ...“

Einer der Hilfsärzte lachte.

„Herr Dralle, Sie brauchen nicht zu lachen. Wenn ich so jung gewesen wäre wie Sie, hätte ich natürlich auch eine Idee wie die Ihre entwickelt. Also, wieder zur Sache: Ich hatte also Zeit und lernte dann einen Kollegen kennen. Er schließt seine Privatklinik. Und wissen Sie, was das für uns bedeutet?“

„Geräte?“

„Nein, die sind versteigert. Aber etwas viel Wertvolleres: nämlich erstklassiges Personal. Ich kann die Kollegen dort übernehmen. Einige sind Internisten, aber die bringe ich auch in der Inneren gut unter. Und Schwestern. Neunzehn Schwestern. Ist ja natürlich, dass wir die alle in die Chirurgie nehmen. Nun macht doch die Verwaltung wieder Schwierigkeiten mit dem Wohnraum. Diese Pfeffersäcke sollten sich um sonst was kümmern, nur nicht um eine Klinik. Aber das regele ich noch. Übrigens. Herr Wolf, da fällt mir etwas ein. Zwei Kollegen werden morgen früh kommen. Ich möchte Sie bitten, die beiden etwas einzuarbeiten.“

Er schmunzelte und drohte mit dem Finger.

„Der eine Kollege ist eine Dame. Eine sehr hübsche Dame. Ich möchte hoffen, dass hier zwischen Dienst und Freizeit scharf getrennt wird. Überhaupt warne ich jeden von Ihnen davor, das Privatleben ins Haus zu tragen.“

Er sah einen jungen Assistenten an, von dem jeder wusste, dass er ein Verhältnis mit einer OP-Schwester hatte.

„Ich bin kein Moralprediger, aber in einer Klinik führen innige Bekanntschaften zu nichts Gutem. So, meine Herren, und nun können wir in die Einzelheiten gehen ...“

*

Alwin Peschke lehnte sich im Sessel zurück und schmauchte an seiner Zigarre.

„Und warum, Herr Professor, kommen Sie ausgerechnet zu mir?“, fragte er Professor Oberweg, der ein wenig unscheinbar im weichen Ledersessel untergegangen war.

Der Professor lächelte irritiert. Peschke hatte ihn sonst immer sehr zuvorkommend und beinahe unterwürfig behandelt. Jetzt hingegen tat er überheblich wie ein kleiner Nero.

„Warum?“

Der Professor hob beschwörend die Hände.

„Sie sind ein maßgebender Mann in der Verwaltung. Man hört auf Sie. Und ...“

Wieder lächelte Professor Oberweg

„... schließlich ist ja Ihr zukünftiger Schwiegersohn auch Arzt, zudem in meiner Klinik.“

Peschke reckte sich ein wenig, nahm die Zigarre zur Seite und sah den Professor an wie einen Mann vom Mond.

„Einen Schwiegersohn, der Arzt ist? Herr Professor Oberweg, nehmen Sie bitte zur Kenntnis: Ich habe keinen Schwiegersohn, auch keinen, der Arzt ist. Und erst recht keinen, der vielleicht Wolf heißt. Sie verstehen, was ich meine.“

Das war für den ahnungslosen Professor eine böse Neuigkeit. Seine Hoffnung, in Peschke, den er eigentlich gar nicht mochte, einen Befürworter seiner Neubaupläne zu haben, schwand dahin wie Schnee in der Sonne.

Peschke blinzelte aufmerksam zum Professor hin, der jetzt den Kopf senkte und murmelte: „Ich bitte um Verzeihung, von einer Lösung des Verlöbnisses wusste ich nichts.“

Da hakte Peschke ein.

„Herr Professor, ich will Ihnen nichts. Ich will auch, dass Sie Ihre Pläne realisieren können. Will ich wirklich. An Neubauten bin ich als Baustoffhändler immer interessiert. Aber diesmal hat die Sache ihren Preis.“

Er lehnte sich wieder zurück, paffte an seiner Zigarre und ließ die Stille wirken.

Der Professor begann wieder zu hoffen. Sein Traum von einer größeren, moderneren Klinik hatte offenbar wieder eine Chance. Seit Monaten bastelte Professor Oberweg an diesem Plan. Er hatte sich geradezu verliebt darin, weil er zudem wusste, wie dringend das alles für die Allgemeinheit war. Nichts stärkte ihn darin mehr als die Furcht, die deutsche Medizin könne an Weltgeltung verlieren, könne auf die Stufe der Entwicklungsländer rücken.

„Und welcher Preis ist das?“, fragte er.

Peschke lutschte an seiner Zigarre.

„Ein Preis, der Sie nichts kostet. Dann wäre Ihnen der Neubau zu neunundneunzig Prozent sicher. Die anderen Herren im Verwaltungsrat tun das, was ich sage. Sobald Dr. Wolf entlassen ist, kann es losgehen.“

„Was sagen Sie da? Dr. Wolf entlassen? Aber warum denn? Weil er sich mit Ihrer Tochter entzweit hat? Mein lieber Herr Peschke, finden Sie das nicht etwas persönlich?“

Peschke zuckte die Schultern.

„Wie Sie das nehmen, ist mir gleich. Ich sage ja ganz offen: Mit Dr. Wolf keinen Neubau. Ohne ihn sofort. Das ist eine ganz klare und unzweideutige Erläuterung. Und übrigens, wenn Sie das an die große Glocke hängen wollen: Ich streite das nicht nur ab, der Neubau ist dann für alle Zeiten gestrichen. Vielleicht fällt mir in einem solchen Fall auch noch etwas Zusätzliches ein.“

Professor Oberweg erhob sich empört.

„Herr Peschke, in meinen Kreisen nennt man so etwas Erpressung. Ich weiß ja nicht, ob in der Baustoffbranche derartige Manöver alltäglich sind, ich jedenfalls finde Ihr Anerbieten nahezu kriminell. Guten Tag, Herr Peschke.“

Der Professor ging, und Peschke lachte böse hinter ihm her.

*

Alwin Peschke hatte sich in die Idee verrannt, dass Dr. Wolf die Festnahme Inges veranlasst hatte. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, welche Recherchen die Kriminalpolizei angestellt hatte. So war er zu dem simplen Schluss gekommen, nur Dr. Wolf könne Inge denunziert haben.

Seine Wut auf Dr. Wolf kannte daher keine Grenzen. Und so stöberte er Fritz Gerloff auf.

Fritz Gerloff war vor Jahresfrist mit dem Fahrrad verunglückt. Ein kleines Wettrennen zwischen zwei Siebzehnjährigen, per Rad eine abschüssige Straße hinunter. Ein kleiner Ziegelstein, den Fritz Gerloff übersah, brachte das Verhängnis. Schlüsselbeinbruch, beide Arme gebrochen, Beckenbruch. Alles in allem fünf Monate Krankenhaus. Station von Dr. Wolf.

Die Beckenfraktur hatte infolge von Splitterungen nicht voll ausgeheilt werden können. Fritz Gerloff litt noch unter den Folgen und konnte seine Lehre als Dachdecker nicht fortsetzen.

Aus Erzählungen Dr. Wolfs – als der noch bei Peschke ein- und ausging – wusste Peschke, dass der Junge damals nach dem Unfall in der Narkose fast erstickt wäre. Und zwar deshalb, weil er kurz vor dem Unfall gegessen hatte, dies aber auf Befragen Dr. Wolfs verneint hatte. Da dieses Ersticken während der Operation drohte, hatte Dr. Wolf, um zunächst das Leben des Patienten zu retten, die Versorgung des Beckenbruchs abbrechen müssen. Infolgedessen waren Schäden eingetreten, die sich später nicht mehr völlig beheben ließen.

Und da setzte Peschke den Hebel an.

Der Junge war jetzt Hilfsarbeiter in einer Kürschnerei. Er verdiente wenig, die Arbeit war ungesund.

Peschke wollte das ändern.

Er fuhr im neuen Mercedes vor und blieb zwei Stunden bei den Eltern des Jungen, und als er ging, hatte er ein von Eltern und dem Jungen unterzeichnetes Schreiben bei sich. Hier behauptete der Junge, er hätte Dr. Wolf gesagt, dass er etwas vor dem Unfall gegessen habe.

Mit diesem Schreiben fuhr Peschke zu einem Arzt, den er nicht nur gut kannte, der auch, wie er genau wusste, ein Gegner Dr. Wolfs war. Die beiden waren früher bei einem Verkehrsunfall gleichzeitig alarmiert worden. Da Dr. Wolf städtischer Unfallarzt war, Dr. Werner aber Privatarzt, hatte Dr. Wolf den Fall übernommen. Dr. Werner war darüber so empört gewesen, dass er Peschke immer schon von Dr. Wolf als Schwiegersohn abgeraten hatte.

Jetzt aber wollte Peschke keinen Rat. Jetzt wollte er tätige Mithilfe. Und Dr. Werner war bereit, den Amtsarzt und die Ortskrankenkasse einzuschalten.

Als Peschke nach Hause fuhr, rieb er sich die Hände. Nun brauchte nur noch der Kautionsantrag genehmigt zu werden, dann hatte er auch Inge wieder daheim.

Diesem Dr. Wolf würde er es geben! In keinen Anzug passte der mehr, wenn er, Peschke, die Hunde von der Kette ließ. He, wozu war man hier der starke Mann? Alwin Peschke mit dem großen Verdienstkreuz, Baustoffgroßhändler, der die Bundeswehr, die NATO und wer weiß was noch alles belieferte. Und dann wollte ihn so ein kleiner Stationsarzt fertigmachen? Niemals! Nicht mit Alwin Peschke.

*

„Herr Wolf“, sagte Professor Oberweg, „ich kann Ihnen zur Auflösung Ihres Verlöbnisses nur gratulieren. Dieser Herr Peschke ist so ungefähr das Letzte. Natürlich sitzen wir knietief in dem Püree.“

„Nein.“

Dr. Wolfs Gesicht wurde hart wie gemeißelt.

„Nein, denn es war Nötigung, was er von Ihnen verlangte. Nur, ich weiß nicht, ob ich es fertigbringe, ihn darauf festzunageln.“

„Wegen Ihrer ehemaligen Braut?“

Dr. Wolf nickte und sah zum Fenster hinaus.

„Ja, ihretwegen. Immerhin habe ich sie sehr gerngehabt ... auch jetzt noch. Nur hätte sie sich so nie verhalten dürfen.“

Der alte Herr nickte.

„Das ehrt Sie, Herr Wolf. Nun, ich bin froh, dass Sie so sind, wie Sie sind. Bleiben Sie so. Sind die beiden Kollegen aus Stuttgart schon da?“

„Nein.“

Professor Oberweg lächelte väterlich.

„Kümmern Sie sich etwas um die beiden, das wird Sie beschäftigen und diese miese Sache vergessen lassen. Übrigens war ich eben auf der Visite bei der jungen Frau ... wie heißt sie gleich?“

„Hartwig.“

„Ja, bei ihr, Sie macht sich, und ich denke, wir können sie dann in zwei Tagen in die Wochenstation verlegen.“

„Sollte man sie nicht lassen, wo sie ist?“, fragte Dr. Wolf.

„Betten, mein lieber Herr Wolf, Betten!“

Dr. Wolf nickte. Natürlich, die Unfallstation war überfüllt.

Er wollte gehen, aber da rief ihn der Professor zurück.

„Da fällt mir noch etwas ein, Herr Wolf: Mich hat eben der Amtsarzt angerufen. Da war gestern dieser Praktiker Werner bei ihm. Es ist da eine alte Sache um einen jungen Burschen, der hier einmal behandelt wurde. Warten Sie mal...“

Er suchte auf seinem Schreibtisch nach der Notiz, fand sie und las vor:

„Fritz Gerloff ... ich habe die Krankengeschichte schon heraussuchen lassen und brauche nur noch den OP-Bericht. Aber den bekomme ich auch gleich. Können Sie sich entsinnen?“

„Im Augenblick nicht. Wie lange ist das her?“

„Ein Jahr. Pelvisfraktur mit Komplikationen und dann diese Suffokation während der Operation. Ich muss das erst mal in Ruhe lesen, was im OP-Bericht stand.“

„Ich entsinne mich. Es war ein junger Kerl, so etwa siebzehn. Radunfall. Hmm, jetzt ist es wieder da. Wir haben sofort operiert, weil er sagte, er habe zuletzt am Morgen gegessen, und es war, soviel ich weiß, kurz vor Mittag, als er auf dem Tisch lag. Dann ist es während der Frakturversorgung zu einer Suffocatio gekommen. Aber auf die Operation hatte das keinen Einfluss, was uns anging. Doch der Patient begann zu würgen und zu husten, so dass die Bauchmuskulatur schädliche Bewegung für die Pelvis war. Soviel ich weiß, haben Sie die Geschichte auch verfolgt. Herr Professor.“

„Ja, stimmt ja!“

Der alte Herr nahm die Goldrandbrille ab und wischte sich mit dem Zeigefinger über die Augen. Seine Hände waren wie die einer Frau so schmal und zierlich. Aber es waren, so dachte Dr. Wolf jetzt, die Hände eines genialen Operateurs.

„Wissen Sie, Herr Wolf, der Amtsarzt hält das ja auch alles nur für Blabla. Bestimmt steckt wieder Peschke dahinter. Also der Junge hat ein Revers unterschrieben, auf dem er behauptet, er habe Ihnen vor der Operation gesagt, dass er kurz zuvor gegessen hätte.“

„Davon abgesehen, dass dies eine Lüge ist, würde er heute nicht besser dastehen. Wie Sie aus der Krankengeschichte ersehen, hatte er noch eine Ostitis, und das ist auch der eigentliche Grund der Fehlbildungen. Knochenentzündung ist nun mal keine Kleinigkeit.“

„Ja, ja, Herr Wolf, das regeln wir schon. Machen Sie sich keine Sorgen.“

Das Telefon summte, und der Professor nahm ab. Er meldete sich, machte dann plötzlich ein erstauntes Gesicht und sagte nur:

„Ja, ich komme selbst.“

Dann legte er auf.

„Herr Peschke hat das Verwaltungsdirektorium einberufen und meine Anwesenheit dort erbeten. Ich glaube, Herr Wolf, der Bursche wird jetzt bissig.“

„Es tut mir leid, dass Sie meinetwegen ...“

„Papperlapapp!“, lachte der Professor. „Bevor ich in die klassische Chirurgie ging, war ich als junger Mann vier Jahre bei Professor Sülz in der Zahnchirurgie. Dort habe ich zumindest gelernt, einen anständigen Backenzahn auszureißen. Und das werde ich gleich mal wieder versuchen bei Peschke. Bis nachher, Herr Wolf, und denken Sie an unsere Neuankömmlinge.“

Er lächelte noch, als er ging.

Dr. Wolf begab sich nach unten ins Labor. Er hatte dort noch einige Untersuchungen zu begutachten, musste noch Röntgenaufnahmen ansehen und war gerade mitten in seiner Arbeit, als ihn eine Laborantin ans Telefon rief.

Dr. Wolf verschlug es fast die Sprache, aber es war Inge.

„Gert“, sagte sie, „ich muss dich dringend sprechen. Ich bin frei. Paps hat eine Kaution hinterlegt. Kann ich dich irgendwo treffen?“

„Jetzt?“

„Ja, es ist sehr dringend.“

„Aber ich kann doch nicht weg.“

„Bitte, wenn nur noch ein Fünkchen Liebe in dir zu mir übrig ist, dann such einen Vertreter und komm. Bitte, komm sofort!“

*

Alwin Peschke thronte wie ein Buddha am Kopfende des langen Tisches des Konferenzraumes. Rechts und links saßen die acht anderen Verwaltungsräte, überwiegend einflussreiche Kaufleute oder Politiker der Stadt. Der zehnte Mann im Reigen des Verwaltungsrates war der kaufmännische Direktor der Klinik, ein stiller und bescheidener Mann.

Als Professor Oberweg eintrat, spürte er sofort, dass hier schon seitens Herrn Peschkes Stimmung gemacht worden war.

Die Begrüßung fiel ziemlich kühl aus. Der Professor aber wartete nicht, bis Peschke oder ein anderer das Wort ergriffen hatte, sondern sagte knapp:

„Wenn dies hier eine Konferenz ist, kann ich nicht daran teilnehmen. Dazu gehört eine entsprechende Ankündigungsfrist, und ich muss wissen, worum es geht. Außerdem ist meine Zeit sehr in Anspruch genommen. Sie können mir jetzt nur mitteilen, was Sie auf einer noch zu vereinbarenden Konferenz mit mir besprechen wollen. Selbstredend werde ich dazu meine Herren ebenso heranziehen. Nun, was also wünschen Sie bitte?“

Bis auf Peschke waren wohl alle der Ansicht, dass es wirklich nicht anging, den Chefarzt der Chirurgie zu überrumpeln. Doch Peschke sah das alles ganz anders.

„Herr Professor“, tönte es vom anderen Tischende, „wir sind hier keine kleinen Jungen, die Sie springen lassen können, wie Sie das wollen. Ich will Ihnen auch die Zeit nicht stehlen. Nur so viel: Wir haben vor Ihrem Kommen abgestimmt. Ihr Vertrag mit der Klinik ist zum Jahresende abgelaufen. Wir werden ihn nicht erneuern. Das ist das Resultat unserer Abstimmung. Gründe nennen wir Ihnen auch: Erstens Ihre hochtrabenden Pläne, zweitens die Wahl Ihrer Kollegen in der Chirurgie, drittens Ihr nach unseren Vorstellungen viel zu hohes Honorar. Die Unkosten des Hauses sind erschreckend hoch, ganz besonders hoch sind die der chirurgischen Abteilung. Demgegenüber stehen sehr schwache Einnahmen. Es ist uns bekannt, dass Sie persönlich in mehreren Fällen angeordnet haben, dass Patienten der dritten Klasse in die zweite verlegt wurden, ohne dass dem Patienten die Kostendifferenz angelastet wurde. Es ist uns bekannt, dass Sie Operationen kostenlos durchführten und auch die Kosten des OP-Saal-Anteils, den das Haus trägt, streichen ließen.“

Peschkes Organ schwoll stärker an, als er sagte:

„Ihre sozialen Ambitionen in Ehren, aber wir sind hier nicht nur ein Fürsorgeheim. So eine Klinik muss auch eine gewisse Rentabilität aufweisen. Armenfürsorge wollen wir den zuständigen Behörden überlassen. Und aus all diesen Gründen werden wir Ihren Vertrag nicht verlängern.“

Professor Oberweg sah die übrigen Ratsmitglieder der Reihe nach an. Bis auf den kaufmännischen Direktor und einen anderen Vorstand senkten alle beschämt und verlegen den Blick.

„Nun gut, Herr Peschke“, sagte der Professor lächelnd. „Das ist eine Entscheidung, und ich nehme sie gerne an. Die Gründe, die Sie anführen, gereichen mir nicht zur Unehre, im Gegenteil. Haben Sie sonst noch etwas?“

„Wir haben zudem beschlossen, dass Sie Herrn Dr. Gert Wolf zu entlassen haben!“, rief Peschke schmetternd.

Der Professor lächelte noch immer, aber in seinen Augen zeigte sich ein gefährliches Glitzern, das Peschke am anderen Tischende freilich nicht bemerkte.

„Meine Herren“, sagte der Professor und betonte jede Silbe, als wäge er sie sorgsam ab, „es gibt ein Reglement in diesem Haus und in dem Vertrag, den wir miteinander geschlossen haben, übrigens zu einer Zeit, als ein Herr Peschke noch nicht in Ihrem Kreise saß und alles sehr viel verständnisvoller beraten wurde. In diesem Reglement ist es ausdrücklich dem Klinikchef überlassen, wen er zu seiner Assistenz in seine jeweilige Abteilung beruft. Ob ich einen Kollegen einstelle oder entlasse, das bestimme ich allein. Sie jedoch können mir kündigen, und – unseren Vertrag betreffend – haben Sie das getan. Ich bedauere, Herr Peschke, Ihrem Ansinnen nicht nachkommen zu können. Und jetzt habe ich zu tun. Guten Tag!“

Als er ging, sah ihm Peschke mit wutverzerrtem Gesicht nach. Die anderen Herren aber betrachteten den Ausgang dieses Gesprächs mit äußerst gemischten Gefühlen. Was sie dachten, sprach der langjährige kaufmännische Direktor aus:

„Ehrlich gesagt, meine Freunde, ich komme mir wie ein Schwein vor.“

*

Inge Peschke hatte einen Tag und eine Nacht hinter sich, die sie so schnell nicht mehr vergessen würde. Diese Zeit war sie im Untersuchungsgefängnis gewesen, eingesperrt mit einer Gewohnheitsdiebin und zwei Prostituierten. Diese drei wussten, weshalb sie eingeliefert worden war. Und selbst diese Frauen wendeten sich empört von Inge ab, nannten sie eine „von diesen innerlich verrotteten Bürgerlichen“, beschimpften sie als „Ausgeburt des vornehmen Gesindels“ und verabscheuten ihre Tat zutiefst.

Ein Tag und eine Nacht nur, aber Inge war völlig erledigt, als man sie gegen Kaution auf freien Fuß setzte. Peschkes Anwalt und Peschke selbst holten sie am Morgen ab. Dann fuhren sie in die Wohnung zu Peschkes.

Auf dieser Fahrt hatte der Anwalt gesagt:

„Es wäre alles halb so wild, Fräulein Peschke, wenn Sie wirklich so gehandelt hätten, wie Sie das mir erzählt haben. Dr. Wolf haben Sie das ja auch so berichtet. Die Polizei will Ihnen aber nachweisen, dass Sie sofort gewusst haben, was passiert ist. Dann dieser mysteriöse Telefonanruf.“

„Ich habe von keinem Café aus telefoniert, Herr Rechtsanwalt. Ich habe wirklich nichts gewusst und ...“

„Dann die Zeugenaussage von diesem Herrn Sievertz ...“

„Es ist nicht wahr“, sagt sie und senkte den Kopf. „Das hat er nur mir zuliebe getan.“

„Ich kann Ihnen nur einen guten Rat geben: Reden Sie mit Dr. Wolf, dass er vor Gericht seinen Eindruck und Ihre Antworten auf seine Fragen an jenem Abend bestätigt. Das hilft Ihnen weiter. Sonst nichts.“

Peschke wollte davon nichts wissen. Aber als er dann weggefahren war, beschloss Inge, mit Gert zu telefonieren.

*

Dr. Wolf trug einen blauen Regenmantel, denn es begann zu nieseln. Sein kurz geschnittenes Blondhaar war unbedeckt, als er neben seinem im Parkstreifen haltenden alten Wagen auf und ab ging. Er musste lächeln, als er daran dachte, dass Peschke ihm einmal großspurig versprochen hatte, ihm zu Weihnachten einen fabrikneuen Kapitän zu kaufen. Nun, der alte Rekord würde es noch lange tun, und Peschke konnte ihm gestohlen bleiben.

Dann kam der chromblitzende neue 300er von Peschke. Inge stieg aus, und der Fahrzeugmeister Peschkes, der gefahren hatte, blickte kurz zu Dr. Wolf herüber, nickte und machte ein freundliches Gesicht. Dann zuckte er die Schultern, als wolle er sagen: Menschenskind, bist du nicht zu schade für dieses Mädchen?

Inge hatte einen dunkelblauen Nylonmantel an, das Haar mit einem zum Mantel gehörenden Kopftuch verborgen und trug Schuhe mit hohen Absätzen. Dr. Wolf musste sich eingestehen, dass sie sehr gut aussah und ihre Figur gerade in diesem Mantel sehr zur Geltung kam. Ohne dass er es zugegeben hätte, erwachte die Zuneigung zu Inge wieder hellauf.

Sie kam näher, Regenperlen rannen über ihr Gesicht. Sie lächelte ein wenig müde und sagte:

„Guten Tag, Gert.“

Er erwiderte den Gruß zurückhaltend.

„Und wohin gehen wir?“

„Setzen wir uns in deinen Wagen, Gert, vielleicht fahren wir ein Stück weiter, wo nicht so viele Menschen sind wie hier.“

Sie sah ihn mit bittendem Lächeln an, und er nickte nur.

Schweigend fuhren sie die Ausfallstraße hinaus bis zur Autobahnauffahrt. Dann bog Dr. Wolf in einen gepflasterten Weg ein, ohne sich zu überlegen, dass es genau der Weg war, in den er damals, als er Inge zum ersten Male im Auto mitgenommen hatte, hineingefahren war.

Sie bemerkte es eher als er.

„Unser Weg“, sagte sie leise.

Es ging ein Stück neben dem Hochdamm der Autobahn her, dann ging es bergab zu einem kleinen Weiher, der jetzt im Regen so trostlos wirkte wie ein Mondkrater.

Dr. Wolf hielt an, und wieder war es genau die Stelle, wo er damals angehalten hatte. Nur hatte seinerzeit der Mond am Himmel gestanden, und es war eine herrliche Maiennacht gewesen.

„Gert“, sagte Inge leise, „ich habe mich gemein benommen. Ich hätte tun sollen, was du gesagt hast.“

Er starrte zur Windschutzscheibe hinaus, als führe er noch und müsse auf den Verkehr achten. Neben ihr knisterte der Nylonmantel Inges, und er atmete den Duft ihres Haares, ein Geruch, den er noch immer so gut kannte und der auf ihn stets die gleiche anziehende Wirkung gehabt hatte. Auch jetzt noch.

Aus den Augenwinkeln heraus, sah er ihre Hände auf ihrem Schoß. Hände, die er einmal geküsst und gestreichelt hatte. Hände, die er liebte. Auch jetzt noch.

Er spürte, dass die Mauer, die er zwischen Inge und sich aufgerichtet hatte, Sprünge besaß, alte gemeinsame Erinnerungen wie Brücken über diese Mauer ragten. Gemeinsame Erinnerungen, ja. Und gemeinsame Empfindungen. Er ahnte, dass Inge ihn noch liebte. Ganz im Geheimen ertappte er sich bei dem Wunsch, dass es noch so sein möge. Denn er liebte sie auch noch, trotz allem.

„Gert, mein Anwalt hat mir geraten, dich zu bitten, auf einer Vernehmung so auszusagen, wie du es vor dem Kommissar getan hast. Aber ich, Gert, ich bitte dich, das nicht zu tun.“

Er sah sie an und bemerkte, dass in ihren Augen Tränen standen.

„Du hast es also doch gewusst?“

Sie blickte ihn unverwandt an und nickte leicht.

*

„Und nun?“

„Ich muss dir etwas gestehen, Gert. Davon rührt ja alles her. Ich weiß nur nicht, wie ich es dir sagen soll.“

Er sah wieder zur Windschutzscheibe hinaus und erwiderte rau:

„Sprich nur. Mich überrascht fast nichts mehr.“

„Bitte, Gert, nicht so!“

Er fühlte ihre Hand auf seinem rechten Unterarm, und diese Berührung wirkte auf ihn wie elektrischer Strom. Es war nichts anders geworden. Dieselbe Leidenschaft wie zuvor. Er wusste nicht, ob er sich darüber freuen oder es verfluchen sollte.

„Bitte, Gert, sag mir, dass du mir diesmal glaubst. Jetzt sage ich dir alles. Wirst du mir zuhören ... Wirst du versuchen, mich zu verstehen?“

Er bezwang sich, sie anzusehen. Ihre Stimme, ihr Fluidum, das alles war für ihn überwältigend. Dann noch dieser See, der Weg. Warum, zum Teufel, war er gerade hierher gefahren?

Kratzig sagte er:

„Ja, Inge, aber ich muss in einer Stunde wieder in der Klinik sein. Ich höre dir zu.“

Er merkte nicht, wie sie ihn von der Seite ansah, flehend, verlangend und bittend. Dann sprach sie, erst leise, dann immer mehr von der Erinnerung beeindruckt.

„Bevor ich zu Vater ins Geschäft ging, war ich auf der Uni, wie du weißt. Betriebswirtschaft in Köln. Auch nicht neu für dich. Aber ich war damals schon kein Kind mehr, Gert. Und dich habe ich noch nicht gekannt. Es gab einen Mann vor dir.“

Sie schwieg, um seine Reaktion abzuwarten, aber er zeigte nicht die geringste. Wie eine Statue saß er am Steuer und starrte durch die Windschutzscheibe, zwischen Regenperlen hindurch auf das trübe Wasser des Weihers.

„Er hieß ... na, nennen wir ihn einmal Hans. Das ist sein Vorname. Hans und ich waren zusammen in den Vorlesungen, und er wohnte nicht weit von mir weg. Er studierte dasselbe wie ich, aber er war faul. Seine Eltern sparten sich sein Studium vom Munde ab, doch in den Ferien lag er ihnen noch zusätzlich auf der Tasche. Trotzdem hatte ich eine Schwäche für ihn. Heute kann ich offen sagen, dass er ... dass er, ja, eben ein Typ war, der einer Frau gefiel. Ich habe ihn nie geliebt, aber ich war ihm verfallen. Vielleicht ist das kein gutes Wort dafür, doch du verstehst mich sicher. Und dann kam der Tag, wo er sich mit seinem Vater überwarf und der das Studium nicht mehr bezahlen wollte. Hans war durch das Examen gefallen. Zum zweiten Male. Er war furchtbar aufgeregt und ließ sich ein paar Tage nicht mehr bei mir sehen. In die Vorlesungen wollte er auch nie mehr gehen. Dann, eines Abends, tauchte er auf. Er blutete an der einen Hand, hatte eine dicke Aktentasche bei sich und sagte mir, die Polizei sei hinter ihm her! Später erfuhr ich, dass er einen Bankboten überfallen habe, schon am Vormittag, und seither sei er herumgehetzt. Ich hatte furchtbare Angst, kannst du dir denken, und ich wollte auch, dass er das Geld zurückgeben müsse. Das wollte er nicht. Es war so ähnlich wie zwischen uns beiden vorgestern Abend, nur viel dramatischer. Zudem wurde Hans grob. Ich bin weggelaufen vor Angst, und er hat noch gedroht, er werde mich umbringen, wenn ich etwas verriete. Auf der Straße bin ich mit der Polizei zusammengeprallt, und die haben gleich nach ihm gefragt. Sie ahnten wohl, was er mit mir gemacht hatte, denn von seiner Hand war Blut in meinem Gesicht, von dem Schlag. Dann haben sie ihn mitgenommen. Später kam nochmals Polizei und durchsuchte das Zimmer, aber sie fanden die Tasche nicht, die Hans wohl irgendwo versteckt hatte. Erst als ich auszog, um hierher zu gehen, fand ich die Tasche. Sie hing schon seit Monaten auf dem kleinen Balkon, den ich hatte, und zwar außen an den Haken für die Blumenkästen. Es ist mir schleierhaft, dass es niemand gemerkt hat. Ich habe die Tasche der Polizei gebracht. Jetzt ist Hans hier in der Stadt. Er wurde vorzeitig entlassen. Vorgestern Morgen, ich lag noch im Bett, rief er mich an und wollte mich sprechen. Als ich das abschlug, sagte er, er werde meinen Bräutigam aufsuchen, er wisse, wer das sei, und dem wolle er erzählen, ich sei jahrelang ein Gangsterliebchen gewesen und so weiter. Da sagte ich zu dem Treff zu. Wir trafen uns in einem alten Mietshaus in der Viktoriastraße. Er wohnt dort bei einem Bekannten, der eher wie ein Berufsverbrecher aussieht.“

Sie machte eine Pause und sah Gert an.

Er sah sie an, weil sie schwieg, und sagte:

„Weiter! Ich höre.“

„Mein Gott, Gert, was denkst du jetzt von mir?“

Er lächelte.

„Findest du nicht, dass du erst zu Ende erzählen solltest? Ich habe noch gar kein Urteil.“

Sie seufzte beklommen und sprach weiter.

„Er sah verkommen aus, hatte Manieren wie ein Halbstarker und verlangte von mir die Tasche. Ich sagte ihm, dass ich die längst der Polizei übergeben hätte. Da forderte er Ersatz. Ich hätte ihn bestohlen, meinte er. Dass es gestohlenes, ja sogar geraubtes Geld war, davon wollte er nichts wissen. Ich sollte ihm noch am selben Tage fünftausend Mark besorgen, dann würde er niemandem in der Stadt etwas sagen, wer ich seiner Meinung nach sei. Er hatte eine Liste von Vaters Hauptkunden, die er alle informieren wollte, falls ich nicht zahlte. Mit dir wollte er auch sprechen.“

„Und dann?“

„Ich konnte doch Paps nicht fragen. So bin ich zu einem Onkel gefahren, der Paps’ Bruder ist, aber nichts mehr von Paps wissen will. Ich habe mich mit ihm auf jener Baustelle getroffen. Er hat mir das Geld geliehen. Das habe ich Hans gebracht.“

„Und damit, glaubst du, ist alles vorbei?“

„Nein. Er hat schon wieder einen Brief geschrieben. Er möchte mich heute Abend sprechen.“

„Deine Eltern wissen nichts?“

„Nein.“

Dr. Wolf lächelte.

„Du scheinst vom Pech verfolgt zu sein. Und als du bei ihm zum ersten Male gewesen bist, ist die Sache mit dem Unfall passiert?“

Sie nickte.

„Ich war fertig. Aber dann, als das noch geschah, war es ganz aus. Ich weiß nicht, aber es war schon mehr als ein Kurzschluss.“

„Das würde sogar der Richter verstehen.“

„Um Himmels willen! Das darf niemand wissen. Wenn jemand das hört, der denkt: Na ja, dieses Mädchen sagt so, und der Kerl sagt so, aber so ganz stubenrein wird das Mädchen schon nicht sein.“

„Sehr wahrscheinlich. Aber gehen dich die anderen Leute etwas an? Hast du daran gedacht, als die Sache mit dem Lastwagen passierte und du Gas gegeben hast statt zu bremsen? Hast du da an andere Leute gedacht?“

„Nein“, bekannte sie ehrlich, „ich habe nur an mich selbst gedacht. Selbst jetzt tue ich das.“

„Reue ist etwas Schönes, Inge. Die Erkenntnis, etwas falsch gemacht zu haben, ebenfalls. Sag mir die volle Wahrheit: Ist die Geschichte mit diesem Hans so verlaufen, wie du gesagt hast? Oder seid ihr wirklich ein Ganovenpärchen gewesen?“

„Gert!“, sagte sie heftig. „Aber Gert, das kannst du doch nicht im Ernst gefragt haben!“

Er sah sie an.

„Ich habe das in vollem Ernst gefragt, Inge. Und zwar deshalb, weil ich nicht nochmals Halbheiten hören möchte. Du erwartest doch Hilfe von mir?“

Sie nickte zögernd.

„Ich hoffe, dass du mir hilfst.“

„Gut. dann muss ich alles wissen. Alles!“

„Ich hatte Hans nach dem Durchfall durchs Examen nicht mehr gesehen. Bis zu jenem Abend, als er mit der Tasche ankam. Und dann nicht mehr bis vorgestern. Das ist die reine Wahrheit.“

„Du warst seine Geliebte, nicht wahr?“

„Ich habe von dir damals noch nichts gewusst“, erwiderte sie entschuldigend.

„Du hattest doch vor mir auch ...“

„Hör auf! Darum geht es nicht. Ich will nur wissen, ob da nicht noch ein paar dunkle Flecken sind, die dieser Bursche jetzt auszubreiten versucht.“

„Er hat gesagt, wenn ich zur Polizei ginge, das wäre ihm egal. Die Briefe für alle in Frage kommenden Leute hätte er schon geschrieben und frankiert. Sein Freund werde die dann sofort abschicken.“

Er schwieg und überlegte. Sie sah ihn währenddessen von der Seite an und legte wieder ihre Hand auf seinen Arm. Dann flüsterte sie unter Tränen:

„Gert, verzeih mir. Ich will für alles einstehen, aber bitte, Gert, verzeih mir!“

Er wandte sich ihr zu und betrachtete ihr blondes Haar, die blauen, jetzt mit Tränen gefüllten Augen, ihr schmales Gesicht, die reizend geschwungenen Lippen.

„Bitte!“, flüsterte sie, und eine Träne rann ihr über die rechte Wange.

Sie glitzerte wie rinnendes Quecksilber.

Es mag töricht sein, dachte Dr. Wolf noch, aber dann dachte er gar nichts mehr, sondern umarmte sie, presste ihr tränenfeuchtes Gesicht an seine Brust und küsste sanft ihr Haar.

Die Mauer, die er zwischen sich und ihr errichtet hatte, brach schnell zusammen.

*

Nach der Konferenz lud Peschke seine Vorstandskollegen zu einem kleinen Umtrunk ein. Das Ergebnis müsse, wie er sich ausdrückte, ordentlich durchnässt werden.

Zwei der Herren entschuldigten sich und gingen. Die anderen nahmen die Einladung an. und so versammelte sich der große Teil des Kollegiums im Ratskeller wieder. Peschke. dem der Wein schmeckte, ließ große Worte tönen, man zog sich in ein Nebenzimmer zurück und feierte dort bis in den Abend. Die Ehefrauen erfuhren etwas von einer wichtigen Besprechung, und gegen 21 Uhr wechselte man vom Ratskeller in die „Schwarze Katz“ über, einem Nachtlokal. Von einem lukullischen Abendessen wieder fit geworden, ging man vom Wein zu den harten Drinks über. Zwei flotte Bardamen hoben die Stimmung der acht Herren erheblich, und schließlich sonderten sich drei der Herren vom Club der anderen ab, darunter Peschke. Während also die übrigen fünf sich von Taxis heimfahren ließen, amüsierte sich Peschke mit seinen beiden Getreuen und drei grell geschminkten Blondinen weiter.

So gegen 23.30 Uhr waren die drei Männer blau wie die Veilchen. Die „Damen“ zogen sich zurück, als sie herausfanden, dass nichts mehr zu holen war. Und nun bemächtigte sich der Hausportier der drei. Weil Peschke bereits krakeelte, wurden sie kurzerhand und diskret an die Luft geschafft. Der Portier aber wollte sich die Zuneigung Peschkes, den er kannte, nicht verscherzen. Also schleppte er alle drei zu Peschkes Mercedes. Er setzte sie sogar noch hinein, zog aber den Zündschlüssel aus Peschkes Tasche und beschloss, den morgen früh zu Peschkes Fahrzeugmeister zu bringen.

Kurz vor Mitternacht bekam Peschke wieder einen klaren Augenblick. Er suchte seinen Schlüssel, fand ihn aber nicht. Neben ihm lag halbschräg einer der Saufkumpane, hinten lag schnarchend der andere.

Peschke entsann sich des Zweitschlüssels, den er mit Leukoplast unter dem Armaturenbrett angeklebt hatte. Er fand ihn auf Anhieb, doch das Einstecken ins Schloss bereitete ihm einigen Kummer. Als es endlich soweit war, bekam Peschke plötzlich arges Herzklopfen. Ihm wurde speiübel, und er rang nach frischer Luft. So öffnete er die Tür, fiel fast aufs Pflaster und übergab sich. Danach wurde es keinesfalls besser. Ihm rann kalter Schweiß von der Stirn, und sein Körper bebte in einem Schwächeanfall. Das Herz pochte wie rasend.

In seiner Angst schüttelte er den Gewürzgroßhändler Peine, der neben ihm schnarchte. Peine wachte auf, glotzte Peschke verständnislos an und murmelte:

„Du alte Flasche, was willst du?“

„Egon! Hör doch, Egon, mir ist so schlecht! Fahr mich nach Hause! Fahr mich schnell nach Hause!“

Egon Peine grunzte wie ein Rüsseltier und murmelte:

„Dummer Mensch. Bin doch besoffen ... Fahr selbst.“

„Mir ist ... mir ist so schlecht! Fahr mich doch ... es ist ... nicht weit. Egon! Hör doch, Egon!“

Egon rülpste, sank wieder in sich zusammen und schlief weiter. Auch von hinten ertönte nur rasselndes Sägen.

Das Herzklopfen wurde schlimmer. In der Schulter war so ein furchtbarer Druck, als habe man ihm Blei in die Brust gegossen. Ein Herzinfarkt, ich bekomme einen Herzinfarkt, dachte Peschke verzweifelt.

Er saß ganz still, die Tür noch immer offen. Und ganz allmählich wurde es besser.

Und in seiner Not bemerkte er nicht, was sich unter ihm tat. Vorhin, als er den Schlüssel suchte, hatte er die Handbremse gelöst. Der Gang war nicht eingelegt. Der Platz, auf dem der Wagen stand, hatte ein sanftes Gefälle. Vielleicht wäre der Wagen nicht weggerollt, hätte man ihn nicht bewegt. Aber Peschkes hastige Bewegungen vorhin, das Türöffnen oder was sonst es gewesen sein mag, brachten den Wagen zum Rollen. Erst ganz langsam. Auf dem Betonboden des Parkplatzes rollte er fast unmerklich. Doch allmählich drehten sich die Räder schneller, immer schneller, dann die Straße, darüber hinweg, der Fußweg, ein Aufprall auf den Bordstein, dann quer über den Fußweg, hier in die riesige Scheibe des Selbstbedienungsladens. Grelles Neonlicht. Bunte Auslagen.

Peschke fiel von dem Anprall am Bordstein fast aus dem Wagen, klammerte sich instinktiv am Lenkrad fest. Dann sah er das Bunte der Auslagen auf sich zukommen, Apfelsinen, Zitronen, Äpfel, Kaffeekartons, Schilder, Konserven. Die Scheibe zerbarst, der Wagen wirbelte die Auslagen zur Seite, das Licht erlosch. Und dann schmetterte etwas auf Peschkes Kopf. Er war sofort bewusstlos.

*

Dr. Helm lag mit einer Angina zu Bett. Als Dr. Wolf nach dem Treffen mit Inge zur Klinik zurückkehrte, bat ihn Oberarzt Dr. Holmann, den Nachtdienst zu übernehmen.

„Sie sehen übrigens nicht gut aus, Wolf. Müde? Am besten legen Sie sich ein paar Stunden hin, damit Sie heute Abend fit sind.“

Dr. Wolf dachte daran, dass er eigentlich am Abend zu diesem Hans gehen wollte, doch dann überlegte er es sich anders. Er rief Kommissar Glanz an. Doch er bekam ihn erst nach einer Stunde.

„Herr Kommissar“, sagte Dr. Wolf, nachdem sie sich begrüßt hatten, „ich bitte Sie um Ihre Hilfe. Ich kann hier im Augenblick nicht weg. Könnten Sie mich aufsuchen? Zwar habe ich jetzt dienstfrei, aber ich muss noch zwei Berichte schreiben, die brennend eilig sind.“

„Gut, Herr Doktor, ich bin gleich da. Aber ich habe auch eine Bitte. Als ich letztens bei Ihnen war, hat mir Ihre Schwester Gerda einen so wunderbaren Kaffee gekocht. Fragen Sie sie doch, ob sie das wieder für mich täte!“

Ein paar Minuten später sprach Dr. Wolf mit Schwester Gerda und trug ihr den Wunsch Kommissar Glanz’ vor. Sie strahlte übers breite Gesicht und rief:

„Mit ’nem janz jroßen Vergnüjen, Doktorchen! Der bekommt ’nen Muckefuck, an den er sich bis ins Jrab erinnert. Und Sie haben ’n Kaffee och dringend nötig, wie?“

„Ich möchte es nicht abstreiten. Er muss gleich da sein, der Herr Kommissar.“

Neugierde glomm in ihrem Blick auf.

„Is’ wieder was mit ’m Frollein Peschke? Na, von der kommt och nie nischt Jutes!“

„Ich muss schon bitten, Schwester Gerda! Kümmern Sie sich bitte nicht um solche Dinge. Und etwas anderen Ton, was Fräulein Peschke betrifft, wenn ich bitten darf!“

Sie machte ein beleidigtes Gesicht und schmollte:

„Bei Sie wird einer och nie schlau. Heute jrün und den nächsten Tag rot.“

So zog sie ab.

Kommissar Glanz hielt Wort. Dr. Wolf empfing ihn in seinem Büro und erzählte ihm ausführlich die ganze Geschichte. Dann gab er ihm die Adresse von diesem Haus.

Der Kommissar hörte sich das alles ruhig an, bat dann darum, telefonieren zu können und rief seine Dienststelle an. Er gab die Adresse durch und beorderte zwei Beamten dahin.

„Ich warte hier auf Nachricht“, sagte er endlich. „Hier bei Dr. Wolf im St.-Anna-Hospital.“

Er legte auf und sah Dr. Wolf an.

„Das warten wir gleich ab. Solche kleinen Fische fangen wir sozusagen en passant. Ich freue mich übrigens, dass Fräulein Peschke vernünftig geworden ist. Die Vorgeschichte macht auch einiges verständlicher.“

Nach zwanzig Minuten kam der Anruf. Als der Kommissar damit fertig war, sagte er zu Dr. Wolf:

„Wir haben sie schon, auch die Briefe. Gestehen werden sie den Erpressungsversuch sicher auch noch.“

Dr. Wolf wollte wissen, wie es weitergehen sollte, aber da winkte der ergraute Herr ab und sagte lächelnd:

„Überlassen Sie das uns. Dieser Bursche beißt niemanden mehr.“

*

Gegen zweiundzwanzig Uhr trat Dr. Wolf den Nachtdienst an. Eben noch hatte er mit Inge telefoniert, die seit der Festnahme dieses Hans wie ausgewechselt war. Als sie hörte, Dr. Wolf habe morgen Vormittag dienstfrei, versprach sie, ihn zu besuchen.

Die erste Stunde brachte wenig Aufregung. Zwei Verkehrsunfälle mit leichten Verletzungen, einen Notarzteinsatz an der Autobahn, der hinfällig wurde, weil der Unglücksfahrer tot war, bevor der Arztwagen dort anlangte. Dann nichts bis kurz vor Mitternacht.

Dann aber kam es.

Die Lautsprecheranlage summte. Der Sprecher der Zentrale meldete sich.

„Einsatz Notarztwagen. Drei Verletzte Floraallee. Blutkonserven, zwei Ärzte angefordert. Einer der Verletzten mit Arterienblutung! Floraallee – Ecke Binser Platz. Ich wiederhole ...“

Dr. Wolf rief bei Dr. Brecht an, dem Anästhesisten. Dr. Brecht war in Bereitschaft und hatte geschlafen. Das war sein gutes Recht, weil er nur bei Operationen kommen musste. Er war sofort fertig.

Unten an der Einlieferung brummte schon der Motor des Notarztwagens. Die Blaulichter zuckten. Fahrer und Beifahrer saßen auf ihren Plätzen. Zufällig dieselben Männer, die neulich beim Unfall von Frau Hartwig dabei gewesen waren.

Kaum war der Wagen aus der Einfahrt heraus, heulte schon die Sirene.

„Wie die Irren fahren sie alle, und unsereiner muss nachts ’raus“, meinte Dr. Brecht, gähnte herzhaft und knurrte mürrisch: „Und nicht mal ’ne Morgenzigarette ist drin. Weißt du, was passiert ist, Gert?“

„Nicht viel. Drei Verletzte, einer mit Arterienblutung.“

Dr. Brecht war so alt wie Dr. Wolf. Sie verstanden sich recht gut, hatten auch bei schon sehr vielen Operationen gemeinsam gearbeitet. Brecht hatte eine breite Narbe quer über die Stirn, die von einem Sportunfall herrührte. Viele hielten das aber für einen Schmiss aus einer Mensur. Dabei war Brecht so ungefähr der unkriegerischste Arzt, den Dr. Wolf sich denken konnte.

Der Notarztwagen stoppte.

„Da wären wir also“, meinte Dr. Wolf. „Nimm die zweite Tasche mit, Günter!“

Sie stiegen aus. Diesmal standen nur wenige Menschen da, aber dafür zwei Polizeiwagen, deren Blaulichter blitzten. Unweit davon stand ein im Scheinwerferlicht der Polizeiwagen glänzender Mercedes. Er befand sich zur Hälfte in den Auslagen eines Lebensmittelgeschäftes, zur anderen Hälfte auf dem Fußweg. Sein Dach war eingedrückt, die Windschutzscheibe zerschlagen. Aus der Öffnung ragte noch ein Stück der Ladenscheibe heraus, die wie das Messer einer Guillotine nach unten gesaust sein musste.

Neben dem Wagen lagen die Verletzten. Neben dem einen knieten zwei Polizisten. Sie hatten ihm den blutbesudelten Arm abgebunden. Die Hand des Mannes sah furchtbar aus.

Auch der danebenliegende Verletzte blutete, aber am Kopf. Der dritte lag reglos. Das war Peschke. Dr. Wolf erkannte ihn sofort.

*

Zuerst mussten sie sich um den Mann mit der zerschmetterten Hand und der damit zusammenhängenden Arterienblutung kümmern. Während sie das taten, rief der Polizeiobermeister, der die Streife führte und den Unfall aufnahm:

„Blutprobe von allen dreien, bitte, Herr Doktor!“

Zuerst hatten Dr. Wolf und Dr. Brecht andere Sorgen. Der Fall des Handverletzten war nicht lebensgefährlich. Doch der zweite Verletzte hatte eine bedrohliche Schnittverletzung am Nacken. Das Rückgrat war stark geprellt, vermutlich sogar verletzt, Nervenstränge konnten unter Umständen zerstört sein. Der Verletzte war wie paralysiert und schien furchtbare Kopfschmerzen zu haben.

„Den müssen wir gleich hier absolvieren“, meinte Dr. Wolf. „Lebend bringen wir ihn sonst nicht in die Klinik. Hast du schon die Blutuntersuchung gemacht von der Sectio der Arteria?“

„Ja, AB plus. Wie viel bekommt er?“

„Zweihundert Kubik sofort.“

Einer der Fahrer begann die Blutinfusion an dem Handverletzten vorzubereiten und die AB-plus-Konserven herauszusuchen. Dr. Brecht prüfte, ob alles stimmte, dann begann die Infusion. Gleichzeitig war Dr. Wolf mit der Untersuchung des bäuchlings auf dem OP-Tisch im Notarztwagen liegenden Nackenverletzten fertig.

„Noch ’ne Blutgruppe zu untersuchen, Günter. Mein Gott, ist der besoffen. Die sind ja direkt explosiv vor Alkohol ...“

„Der hier auch.“

Dr. Brecht sah den auf der zweiten Trage liegenden Handverletzten an.

„Vielleicht hat ihn die Blutinfusion wieder auf ein erträgliches Maß an Alkohol im Blut gebracht.“

„Schmitz, fordern Sie den zweiten Wagen an. Der mit der Infusion soll sofort zur Klinik!“, bat Dr. Wolf den Fahrer.

Der schaltete sofort den Sprechfunk ein.

Nun begann Dr. Wolf mit der Vorbereitung zur Operation. Dr. Brecht hatte bereits die Narkose eingeleitet. Als alles so weit war, sagte er:

„Kreislauf mies, Herz offenbar sehr überlastet. Tu nicht zu viel daran, Gert. Ich habe ein bisschen Sorge.“

„Was sein muss, muss sein. Fangen wir an.“

„Herr Doktor, soll ich die OP-Nachtschwester anfordern?“, fragte der Fahrer.

„Nein, kümmern Sie sich um den anderen Verletzten, der noch draußen ist. Er hat eine Gehirnerschütterung. Achten Sie darauf, dass er auf der Seite liegt, damit er uns nicht noch erstickt.“

Für die nächsten zwanzig Minuten hatte Dr. Wolf alle Hände voll zu tun. Als er fertig war, stand für ihn fest, dass der Verletzte ewig ein Krüppel sein würde, dessen Kopf nur noch von einer Stütze gehalten werden konnte. Doch näher lag, dass der Mann vorher sterben würde.

„Wie heißt der Mann?“, fragte Dr. Wolf den Polizeiobermeister.

„Egon Peine.“

„Verständigen Sie die Angehörigen. Wir bringen ihn jetzt zum St.-Anna. Er ist in schwerster Lebensgefahr.“

Nachher wurde Egon Peine in den zweiten Krankenwagen umgeladen. Es war die letzte Fahrt seines Lebens. Er starb auf dem Wege zum St.-Anna-Hospital. Im Alter von sechzig Jahren hielt der Mensch nicht mehr solche Verletzungen durch, oder jedenfalls nur selten.

Dann bemühte sich Dr. Wolf um den Mann, der ihm in den letzten zwei Tagen so hart zugesetzt hatte: Alwin Peschke.

Peschke hatte eine Prellung mit Platzwunde über der Stirn und befand sich noch in tiefer Bewusstlosigkeit. Andere Wunden konnte Dr. Wolf nicht feststellen. Ein Schädelbruch lag nicht vor, hingegen eine schwere Gehirnerschütterung. Commotio cerebri nannte man das.

„Das ist der Mann, der den Wagen gefahren hat. Er muss stockbesoffen sein“, sagte der dicke Obermeister. „Vergessen Sie nur die Blutprobe nicht, vor allem von dem da!“

„Schon gut. Gehen Sie jetzt hinaus. Das ist ein Operationsraum und kein Wachzimmer.“

Der Polizist knurrte etwas und verschwand.

Plötzlich erwachte Peschke. Er verdrehte noch ein paarmal die Augen, sah plötzlich etwas klarer und erkannte Dr. Wolf. Was mag er jetzt denken?, fragte sich Dr. Wolf.

„Mein Kopf ... tut' so weh ... mir ist schlecht ...“

Dann war er wieder ohne Bewusstsein.

„Das ist schon ’ne Überraschung, wie?“, meinte Dr. Brecht. „Ausgerechnet der muss uns unter die Lampe kommen.“

Dr. Wolf hörte Herz und Kreislauf ab.

„Du, Günter, mir gefällt seine Pumpe nicht. Das hört sich gefährlich an wie bei Angina pectoris. Oder dicht vor 'nem Infarkt. Der Blutdruck ist da sagenhaft. Tolle Herztöne. Das ist Zucker für die von der Inneren. Am besten, er kommt gleich auf die Innere. Mensch, so ein Schwamm, und dann voll Schnaps.“

Dr. Wolf nahm die Blutprobe und füllte den roten Lebenssaft ins Reagenzglas.

„Das überlassen wir am besten denen vom Labor. – Schmitz, wir fahren ab.“

*

„Ja, Herr Dr. Wolf, das sind gut und gerne stolze 2,44 Promille, die dieser Peschke intus hatte.“

Der Laborant lächelte mitfühlend.

„Da kann man natürlich ein Schaufenster nicht mehr von der Straße unterscheiden.“

„Und die anderen?“, fragte Dr. Wolf.

„Nicht besser.“

Der Laborant zuckte die Schultern.

„Der eine, dieser Peine, hatte sogar knapp 3 Promille. Nun ja, der braucht sich keine Sorgen mehr zu machen. War das Tod auf dem Tisch?“

„Nein, kein exitus in tabula. Er ist auf dem Transport gestorben. So gut wie hoffnungslos, dann noch der Alkohol. Das hält kein Pferd aus.“

„Na, dann gute Nacht, Dr. Wolf. Ich bin müde. Und immer sind es die Saufköpfe, die einem den Schlaf nehmen. Fange morgen ’ne Stunde später an.“

Dr. Wolf gab darauf keine Antwort mehr. Er wartete auf den Anruf des Nachtarztes der Inneren Station. Der kam dann doch so überraschend für Dr. Wolf, dass er erschrocken zusammenzuckte, als das Telefon summte.

„Herr Wolf? Ja, hier Eggerth. Also das ist eine ganz böse Geschichte mit diesem Manne. Wenn es nur die Gehirnpressung wäre. Das Schlimmste ist ein Infarkt. Er hat ihn schon hinter sich, offenbar kurz vor, während oder nach dem Unfall. Wenn er viel Glück hat, schafft er die sechs Wochen striktes Stillliegen. Aber er ist ein Fass. Er hat offenbar zeitlebens alles getan, um sich zu ruinieren. Unmäßig gefressen, Alkohol noch und noch, und wer weiß, wie viele Zigarren am Tage. Wir haben ein EKG gemacht, das grausam aussieht. Ich bin noch nicht mit der Auswertung fertig, aber da stellt sich eher Schlimmeres als etwas Gutes heraus. Der Blutdruck ist eine kleine Sensation, und wenn er wieder da ist, machen wir einen zahmen Grundumsatz. Ich denke, ehrlich gesagt, stehen seine Chancen ungefähr zehn zu hundert. Zehn dafür, dass er es schafft.“

„Danke, Herr Kollege.“

„Äh, Moment noch, bitte. Sagen Sie, Herr Wolf, ist das nicht dieser Baustoffmensch, mit dessen Tochter Sie verlobt waren?“

„Ja, er ist es.“

„Na. Da hat es aber geblitzt. Wissen Sie, dass der Ihrem Chef eingeheizt hat? Soll sogar den Vertrag gekündigt haben.“

„Ich habe so etwas von Herrn Holmann gehört.“

„Na, dem werden ja die Augen quellen. Und ausgerechnet bei uns ist der – mein Gott, manchmal wünschte ich, es hätte den Eid des Hippokrates nie gegeben. Wenn man dann so eine Type unter die Finger bekommt ...“

„Herr Kollege Eggerth, jetzt ist er nur Patient. Nichts weiter als Ihr Patient.“

„Ja, ich möchte fast sagen: leider! Also, bis morgen, Herr Kollege.“

Nach einer Weile rief Dr. Wolf bei Peschkes zu Hause an. Als sich Frau Peschke meldete und er sicher war, mit ihr zu sprechen, sagte er nur:

„Kommt bitte beide sofort zum St.-Anna.“

„Gert? Du bist das doch! Gert, was ist passiert?“

„Ein Unfall. Herr Peschke ist verletzt. Gehirnerschütterung. Und dann noch etwas anderes, das muss ich euch hier erklären. Kommt bitte bald.“

„Gert, was ist mit meinem Alwin?“, schrie Frau Peschke durch die Leitung.

„Er hatte außer dem Unfall einen Herzinfarkt. Aber er lebt.“

„Wir kommen. Wir kommen sofort!“

„Nehmt ein Taxi, denn der Wagen ist hin. In ihm ist er gefahren.“

„Ach du liebe Güte. Der teure Wagen. Ja, Gert, wir kommen.“

Danach hatte Dr. Wolf noch mit den Angehörigen Peines zu tun, die erschüttert anhören mussten, dass Peine aus diesem Unfall zumindest als Verkrüppelter hervorgegangen wäre, mit dauernden Schmerzen, sicher auch mit Gehirnschäden. Vielleicht, so sagte Dr. Wolf tröstend, war es eine Gnade, dass er sterben konnte.

„Hatte er einen schweren Tod?“, fragte die Witwe, eine kleine, zierliche Frau mit weißem Haar.

„Er hat nichts gespürt, denn er war noch in Narkose. Er ist hinübergedämmert.“

„Wenigstens keine Schmerzen mehr“, sagte die Frau und wandte sich schluchzend ab.

Dann kam Frau Peschke mit Inge. Und wenn Dr. Wolf immer schon Mitleid mit Frau Peschke gehabt hatte, jetzt bewunderte er diese Frau. Nein, sie war vom Gelde noch nicht verdorben.

„Gert, ich muss die Wahrheit wissen. Er war betrunken, nicht wahr?“, sagte sie heftig. „Keine Sorge. Gert, wir wollen überlegen, was wir tun können. Kommt er durch?“

„Die Innere Station hat hervorragende Ärzte. Man wird dort alles tun. Er hat eine Chance.“

Frau Peschke weinte nicht, sie starrte ihn nur gebannt an.

„Gert, wirst du mir einen Gefallen tun? Du weißt, wir beiden haben uns immer verstanden. Gert, kümmere dich um ihn. Gert, er ist nicht schlecht. Das Geld, das schnell verdiente Geld hat ihn verrückt gemacht. Ich weiß, dass er jetzt wieder so wird, wie er früher einmal war. Bring mich zu ihm, Gert. Wenigstens sehen will ich ihn.“

Inge weinte. Doch ihre Mutter erinnerte Dr. Wolf jetzt an die Art Frauen, die ein Leben lang wie Mauerblümchen im Schatten ihres Mannes standen, dann aber, wenn die Not es erforderte, plötzlich ganz klar wussten, was sie zu tun hatten und wie Löwinnen für ihre Familie kämpften. Tapfere Frau Peschke, dachte Dr. Wolf.

*

„Obermeister Kolbig, haben Sie die Unfallsache Peschke abgeschlossen?“, fragte Polizeihauptkommissar Albrecht, ein bulliger Mann, über dessen Brust sich die Uniformjacke spannte.

Der dicke Kolbig kam herein und legte die Akte vor.

„Klarer Fall, Herr Hauptkommissar. Der Wagen ist nicht gefahren worden, er ist gerollt. Der Zündschlüssel steckte gerade, das Lenkradschloss war eingerastet, der Motor kalt. Der Portier vom „Schwarzen Kater“ hat sie alle drei in den Wagen geladen und Peschke den Schlüssel weggenommen. Peschke muss aber noch einen gehabt haben. Er ist aber nicht gefahren. Vielleicht hat er die Handbremse gelöst oder versehentlich den Gang ausgerastet. Die Stelle ist abschüssig. Mit eingeschnapptem Lenkradschloss musste der Wagen genau auf das Geschäft zurollen. Wir haben das rekonstruiert.“

„Also kein Unfall infolge Alkoholeinwirkung?“

„Hm, ich weiß nicht. Eigentlich ja doch.“

Der dicke Obermeister zuckte die Schultern.

„Na ja, lassen wir das den Richter klären. Haben Sie sich schon darum gekümmert, ob Peschke vernommen werden kann?“

„Ja, Herr Hauptkommissar. Aber es geht nicht.“

„Noch bewusstlos?“

„Nein. Ein zweiter Infarkt. Tot.“

Der Hauptkommissar sprang vom Stuhl.

„Menschenskind, ist das wahr? Der olle Peschke tot? Mensch, Kolbig, wissen Sie, dass Peschke die Kegelbahn für den Polizeisportverein gestiftet hat? Verdammt noch eins, Kolbig, das ist ’n Schlag ... Der hätte auch noch was für eine neue Aschenbahn auf dem Sportplatz zugegeben. Wann ist die Beerdigung?“

„Keine Ahnung, Herr Hauptkommissar.“

„Stellen Sie das fest. Da spielt eine Kapelle von uns.“

Kolbig rollte die Augen.

„Aber, Herr Hauptkommissar, er ist doch immerhin an einem mehr oder weniger selbstverschuldeten Unfall ...“

„Unfall, richtig. Ein Unfall. Und wie war das mit der Herzgeschichte? Kann das nicht sein, dass er den Infarkt bekommen hat, dass ihm die Karre davonlief, ohne überhaupt etwas bemerkt zu haben? Könnte doch sein. Kolbig. Na, nun überlegen Sie mal: Die Kegelbahn hat gut und gerne ihre acht Mille gekostet, wenn man bedenkt, dass Peschke die Materialien zum Selbstkostenpreis stellte. Kolbig, für acht Mille kann die Polizeikapelle mal ’n Marsch blasen. Trauermarsch, versteht sich. Mein Gott, der olle Peschke auf dem Friedhof. Ein tüchtiger Mann war er ja. Nur auf seine Tochter, auf die hätte er besser aufpassen müssen. Aber ich seh’ es ja an meinen. Man hat dauernd Dienst, und wenn

man keinen Dienst hat, ist da und dort Versammlung, tausend Dinge, und die Gören, die treiben zu Hause ihren Schabernack. Und die Mütter, na ja, man weiß ja, wie das geht. Die schaffen’s nicht. Unsere Kinder, Kolbig, das ist das Problem. Wir haben zu wenig Zeit für sie. Daran liegt es. Lehrer müsste man sein. Die sitzen den ganzen Nachmittag zu Hause herum. Und dann die Ferien. Unsereiner schuftet von früh bis spät. – Kolbig, stellen Sie fest, wann Peschke beerdigt wird. Ich sorge dafür, dass die Musik antanzt.“

*

Peschke war begraben, und die Polizeikapelle hatte dazu gespielt.

Der Schülerchor des Gymnasiums hatte gesungen. Es war, wie man so sagt, ein schönes Begräbnis.

Dr. Wolf nahm nicht daran teil. Frau Peschke verstand ihn zu gut, doch Inge wollte das nicht verstehen. Es kam aber zu keiner Auseinandersetzung deswegen, denn dazu ergab sich keine Gelegenheit. Und so schwelte die Verstimmung zwischen beiden.

Frau Peschke übernahm das Geschäft. Niemand hielt es für möglich, dass sie mit dieser Bürde fertig werden könnte. Frau Peschke selbst bezweifelte das ebenfalls. Deshalb machte sie einen Schritt, zu dem Peschke die Weisheit gefehlt hätte. Sie besprach sich mit dem alten Ritter, und zwei Wochen später hieß es Peschke & Ritter. Und Frau Peschke, die trotz ihrer Trauer um ihren Mann nicht den Kopf hängenließ, stieg mit beiden Beinen in ihr neues Leben ein.

Inge half ihr eine Zeitlang, doch dann nahte ihr Prozess, und Dr. Wolf konnte ihr wenig helfen. Er bekam nämlich einen Forschungsauftrag der Universität und verließ die Klinik.

Zu Inges Prozess wollte er dabei sein, doch der Termin wurde kurzfristig verlegt, er kam – da er nichts davon wusste – zu spät. Inge war schon verurteilt. Drei Monate Gefängnis und zehn Jahre Führerscheinentzug. Die Strafe wurde zur Bewährung auf Grund mildernder Umstände ausgesetzt. Inge hatte Glück gehabt.

Aber es war nicht mehr die Inge, die Dr. Wolf kannte. Sie war still, hörte kaum zu, wenn er etwas zu ihr sagte, trug schwarze Kleider, was zwar wegen der Trauerzeit verständlich war, doch sie hätten dennoch etwas schick sein können. Das waren sie aber nicht.

Bald merkte Dr. Wolf, dass ihr alles gleichgültig zu werden begann, auch er. Inge saß nur noch im Büro, rechnete ab, machte Kalkulationen, gab Bestellungen auf und dergleichen Dinge. Sie arbeitete bis in die Nacht, war ständig übermüdet und sah dementsprechend aus. Auf ihr Äußeres gab sie nichts; ob Dr. Wolf von Bonn zu Besuch kam, schien ihr gleichgültig zu sein.

Schon lange wehrte sie Liebesbezeigungen ab. Erst im Hinblick auf den Tod des Vaters, später sagte sie, sie sei zu müde, und schließlich kam auch Dr. Wolf immer seltener.

Längst war Frau Hartwig wieder zu Hause, Mutter und Kind gesund. Und längst auch hatte der Verwaltungsrat den Vertrag von Professor Oberweg verlängert, den Neubauplan genehmigt und so manche Mark in neue Instrumente und medizinische Apparaturen gesteckt.

Eigentlich hätte alles gut sein können, wenn Inge anders gewesen wäre. Einmal traf Dr. Wolf den alten Herrn Ritter wieder, der ihn erneut aufforderte, ihn zu besuchen, seine Teilhaberin über den grünen Klee lobte und sehr mit der Welt zufrieden zu sein schien.

Dann wurde Inge krank, eine Grippe, die einfach nicht besser wurde, aber die Behandlung übernahm der Hausarzt, und das war Dr. Werner. Dr. Wolf besuchte Inge, doch sie fühlte sich noch schwach und bat ihn, die klärende Aussprache zwischen ihnen zu verschieben. Sie wolle ihn wissen lassen, wenn er sie wieder besuchen könne.

Nach der Krankheit fuhr sie zur Erholung, ohne ihm Bescheid zu sagen. Der Anruf zu einem Besuch war ebenfalls ausgeblieben. Dr. Wolf beschloss, mit der Mutter zu reden, um klare Verhältnisse zu schaffen.

Inzwischen aber hatte sich in der Klinik auch einiges getan. Professor Oberwegs Neubau wurde noch vor dem Winter in Angriff genommen. Dr. Wolf, kaum aus Bonn zurückgekehrt, musste Dr. Holmann vertreten, der die Leitung der Klinik für den Professor übernommen hatte. Denn für Professor Oberweg gab es nun nur noch eines: den Neubau.

Dr. Wolf hatte ein Zimmer bei einer älteren Dame, die sich immer freute, wenn er einmal in diesem Zimmer schlief. Das kam aber im Monat nur drei- bis viermal vor. Meist dehnte sich Dr. Wolfs Dienst bis in die Nacht aus, so dass er gleich in der Klinik blieb. In seinem Büro stand eine Couch, auf ihr schlief er.

Neben seinem Büro befand sich seit einigen Monaten das Zimmer von Fräulein Dr. Schendt, der neuen Kollegin aus der Stuttgarter Privatklinik, deren Personal Professor Oberweg „en bloc“ übernommen hatte.

Fräulein Ellen Schendt war Assistenzärztin, siebenundzwanzig Jahre jung, brünett und im Grunde nicht das, was man eine Schönheit nennt. Dazu war ihr Gesicht etwas zu herb, ihre Figur zu eckig und ihr Gang war jungenhaft. Wenn sie einem Kollegen die Hand gab, erinnerte das an den Händedruck eines Zimmermanns, nicht an den einer schwachen Frau. Und schwach war Fräulein Dr. Schendt gewiss nicht.

Dr. Brecht nannte sie ein Pferd. Dr. Holmann meinte, aus ihr wäre besser ein Junge geworden, und Dr. Wolf hatte zunächst überhaupt keine Meinung. Er nahm sie zwar als Kollegin zur Kenntnis, doch dass es sich bei ihr um eine Frau handelte, schien ihm ganz entgangen zu sein.

Bis zu jener Nacht im November.

Draußen stürmte und goss es. Ein Wetter, bei dem man keinen Hund auf die Straße jagte. Dr. Wolf lag in seinem Büro und schlief, denn heute war ihm der Weg zu seinem Zimmer zu umständlich gewesen, obgleich er schon am Nachmittag mit allem fertig geworden war.

Fräulein Dr. Schendt hatte Nachtdienst. Auch Schwester Gerda hatte Nachtdienst. Schon am Abend hatte sich Dr. Wolf gefragt, wie es möglich war, dass jemand ausgerechnet diese beiden gemeinsam in den Nachtdienst einteilen konnte. Bis ihm eingefallen war, dass er selbst das so veranlasst hatte. Er wollte das morgen ändern.

Schwester Gerda hatte sonst nur Tagdienst. Da fiel es niemandem weiter auf, dass sie ein lauter Trampel war, mit Feldwebelstimme auf den Gängen herumbölkte und besonders im Umgang mit männlichen Patienten, vor allem den jüngeren Leuten, die richtige derbe Art hatte.

Fräulein Dr. Schendt hätte in dieser Beziehung in jedem Falle Schwester Gerdas Tochter sein können. Sie war vielleicht noch ein wenig lauter.

Bei dieser Nachtwache ging es draußen zu wie in den Markthallen. Doch allmählich wurde es still, und Dr. Wolf konnte einschlafen.

Plötzlich, so gegen 3 Uhr morgens, begann draußen wieder dieser Lärm. Dr. Wolf wachte darüber auf, zog sich etwas an, um diesem Unfug ein Ende zu machen. Empört stürzte er nach draußen, doch da war es indessen still, und über der Tür zum OP-Saal blinkte das Licht: Operation.

*

Was Dr. Wolf sah, als er in den OP-Saal kam, nahm ihm den Atem, obgleich er in seinem Beruf allerhand gewohnt war. Gerade hoben zwei Krankenträger einen völlig mit Blut besudelten Polizeibeamten auf den OP-Tisch. Schwester Gerda kommandierte, und zwei weitere Polizisten standen ratlos daneben. Sie hatten in den Gesichtern Schnittwunden und blutige Hände.

Ein Mann in Hut und Mantel, eine Arzttasche neben sich auf dem Boden, hielt das Sichtglas mit Blutplasma über den Verletzten. Ein Schlauch war zur Infusion an die Ellenbogenbeuge des Verletzten geschlossen. Offenbar hatte man den Verletzten schon mit einer Evipaninjektion ruhiggestellt.

Als Dr. Wolf näher kam, sah er alles. Der Polizist hatte eine Bauchverletzung, und wie es schien, einen Bauchschuss.

Fräulein Dr. Schendt war keine Anfängerin, aber was hier kam, würde sie nie schaffen.

Da tauchte schon die erste OP-Schwester auf.

Dr. Wolf fragte nicht lange, sondern rief Schwester Gerda zu:

„Ist Dr. Brecht verständigt?“

„Ja, Doktorchen, er kommt.“

„Dr. Holmann?“

„Nee, müssen wir den och aus ’m Bett angeln?“

„Los, alarmieren Sie den gleich. Und noch die beiden anderen OP-Schwestern. Labor anrufen, Nachtdienst muss ’ran. Kümmern Sie sich darum, Schwester Gerda.“

Er wandte sich dem Manne in Hut und Mantel zu.

„Kollege?“

„Ja, es ist unweit von meiner Wohnung passiert. Ich heiße Engels, Praktischer Arzt.“

„Wolf. Wie viel hat er davon schon?“

Dr. Wolf deutete auf das Plasma.

„Wir haben eben im Unfallwagen damit begonnen. Ich hatte nichts davon im Hause. Meine Praxis liegt in der Innenstadt. Er ist niedergeschossen worden. Der Verbrecher ist tot.“

„Schlimm genug für ihn hier.“

Dr. Wolf wandte sich an die OP-Schwester.

„Hier, machen Sie weiter, bis es infiltriert ist.“

Der Arzt Dr. Engels übergab das Sichtglas.

„Brauchen Sie mich noch, Herr Kollege?“, fragte er.

„Nein. Nehmen Sie bitte die beiden Polizisten mit.“

Dr. Wolf half der zweiten, eben angekommenen OP-Schwester beim Aufschneiden der Kleidung des Verletzten. Dann begann er sofort die Untersuchung.

Dr. Brecht tauchte auf.

„Verdammt, ich war gerade eingeschlafen“, schimpfte er. „Musste das wieder sein?“

Dann sah er, was auf dem Tisch lag.

„Mein Gott, und immer nachts. Hoffentlich hat er nicht zu viel zum Abendbrot gegessen.“

„Das hoffe ich auch“, sagte Dr. Wolf, während er sich über die Brust des Schwerverletzten beugte.

Fräulein Dr. Schendt begann schon die Kontrollinstrumente anzuschließen. Die dritte OP-Schwester deckte bereits unten ab.

Dr. Holmann erschien. Er gähnte herzzerreißend, blinzelte auf den Verletzten und runzelte die Stirn, als er die Wunde sah.

„Oh, oh, oh! Wenn das man gutgeht.“

Schwester Gerda, die wieder in den Saal kam, hörte es und sagte:

„Wird man jut jehn, Herr Oberarzt. Die Polizisten sagen, er hat vier Kinderchen. Denken Se man immer schön an die vier Kinderchen, Herr Oberarzt, wenn Se in ihm ’rumschnippeln.“

„Ich verbitte mir das!“, fuhr sie Dr. Holmann an.

„Man nich’ so böse, Herr Oberarzt, unsereiner macht och mal janz jerne een Witz, nich’?“

„Schon gut, Sie altes Heupferd. Nun aber die Schüsseln ’ran. Haben Sie sich überhaupt schon desinfiziert?“

„Sie sin’ aber jut, Herr Oberarzt“, konterte Schwester Gerda resolut, „unsereiner besteht ja nur noch aus lauter Desinfektion. Meine Verwandten sagen schon immer: Huch, was die Jerda so nach Spittel stinkt. Und der Hund von meine Schwester kann mir och keen bisschen leiden. Das kommt, weil ich so stinke. Vor lauter Desinfektion.“

„Hören Sie auf!“, knurrte Dr. Holmann.

Die Ärzte begannen mit der vorgeschriebenen Reinigung von Armen und Händen, dann kamen Mundschutz und Handschuhe, die Kittel wurden zugebunden, die Schürzen übergezogen. Der Laborant brachte die Blutgruppenwerte, die Instrumente waren angeschlossen, die Apparate liefen, die Narkose war eingeleitet. Der Spezialstrahler brannte, die Operation begann.

Schwester Gerda war hier nicht mehr nötig. Sie gehörte nicht zum OP-Team. Als sie ging, rief sie von der Tür den Ärzten zu:

„Und denken Se man immer jut an die vier Kinderchen von dem Wachtmeester!“

Und ob sie daran dachten. Vier geschlagene Stunden lang dachten sie an vier kleine Kinder und an das Leben eines Mannes, der von einem Verbrecher niedergeschossen worden war.

Vier Stunden, wie sie nicht alle Tage vorkamen. Jeder Griff, jeder Schnitt, jede Naht musste sitzen wie selten. Ein Fehlgriff, eine verlorene Minute wäre für den Patienten tödlich verlaufen. Und vier Stunden lang mit einem Mundschutz vor Mund und Nase. Vier Stunden lang ruhige Hände. Keine falsche Bewegung. Kein Apparat durfte aussetzen.

Kurz vor Schluss setzte ein anderer Apparat aus: das Herz des Patienten. Fünf Minuten lang währte der Kampf, bis es wieder regelmäßig zu schlagen begann.

Und in diesen vier Stunden arbeiteten Dr. Holmann und Dr. Wolf in lange geübter Routine zusammen. Sie brauchten nicht zu sprechen, einer wusste vom anderen, was er tun würde.

Noch jemand passte ausgezeichnet in dieses Team: Fräulein Dr. Schendt. Noch nie hatte Dr. Wolf mit ihr gemeinsam operiert. Aber sie schien einen sechsten Sinn zu haben, denn sie ahnte förmlich, was er tun würde. Und hier machte sich diese beinahe hellseherische Gabe der jungen Ärztin bezahlt. Bezahlt für den Patienten.

Nach vier Stunden war alles vorbei. Der Patient war außer Lebensgefahr, wenn nicht eine unerwartete Komplikation hinzukommen würde.

Die vier Ärzte waren am Ende ihrer physischen Kraft. Aber der Patient lebte, und darauf allein kam es ihnen an.

Vier Kinder, hatte Schwester Gerda gesagt. So Gott wollte und nichts dazwischenkam, würden vier Kinder ihren Vater behalten.

Dr. Holmann ging schweigend hinaus, streifte sich nur die Gummihandschuhe ab und rauchte auf dem Flur eine Zigarette.

Dr. Brecht gähnte und wäre am liebsten an seinem Platz am Kopfende des OP-Tisches eingeschlafen.

Fräulein Dr. Schendt war ebenfalls völlig fertig. Für eine Frau war es erstaunlich, wie sie durchgehalten hatte.

Allein die nervliche Anstrengung einer solchen Operation, dazu nachts, war kolossal.

„Können Sie mir helfen, die Schürze auszuziehen, sie hat sich verhakt“, bat sie Dr. Wolf.

Er lächelte.

„Gerne, Kollegin, sehr gerne. Kommen Sie auf eine Zigarette mit in die Kantine?“

„Nein. Ich muss noch meinen Nachtdienst absolvieren, Herr Wolf.“

„Nein. Ich übernehme Ihren Nachtdienst. Legen Sie sich ins Bett und ...“

Sie sah ihn an, und er bemerkte, dass sie ganz helle blaue Augen hatte, die im Licht des Strahlers zu leuchten schienen.

„Danke, das ist nett von Ihnen, aber Dienst ist Dienst. So sagt man doch.“

„Einspruch. Sie sind eine Frau und ...“

Sie lachte.

„Ach nein! Der Vertreter des starken Geschlechtes hat die Gleichberechtigung ganz vergessen. Ich trinke jetzt einen starken Kaffee, und dann schaffe ich auch noch die eine Stunde bis acht. Es ist sieben Uhr, man merkt es hier nur nicht, weil die Vorhänge zugezogen sind.“

Sie ging zum Fenster, zog den schwarzen Vorhang auf und sagte:

„Sehen Sie, in den Bäumen schwirren schon die Vögel herum. Und hell ist es mindestens auch bald.“

„In dieser Jahreszeit werden Sie noch etwas darauf warten müssen. Und Vögel?“

Dr. Wolf lachte.

„Ich sehe in den kahlen Ästen nicht einen. Sie sind eine Optimistin, Fräulein Schendt.“

„Nun gut“, erwiderte sie, „ich sehe Vögel, sehe Sonne, obgleich es draußen noch stockdunkel ist. Aber den Silberstreifen am Horizont, den sehen Sie doch auch, nicht wahr?“

Als er sich blind stellte und sagte, er sähe nichts, kniff sie ihn in den Arm und sagte kess: „Dann wundert es mich nicht, dass Sie mich auch noch nicht bemerkt haben, Herr Dr. Wolf. Vielleicht fällt es Ihnen aber noch auf.“

„Wie meinen Sie das?“, fragte er.

Sie lachte und ging, ohne zu antworten, zur Tür.

Dr. Wolf warf noch einen kurzen Blick auf den in Narkose liegenden Patienten und sagte zur ersten OP-Schwester:

„Bitte achten Sie auf ihn und lassen Sie sich gleich ablösen. Wenn etwas ist, das geringste, schalten Sie den Arztruf ein!“

Dann ging er hinter Fräulein Dr. Schendt her, die bereits auf dem Gang stand.

Schwester Gerda tauchte auf.

„Ihnen muss man jratulieren, Doktorchen! Aus Sie wird och noch ’n juter Mensch!“

„Danke“, brummte Dr. Wolf. „Für diese freche Bemerkung bestrafe ich Sie mit einer Kanne Kaffee. Der ist sofort zu kochen und in mein Zimmer zu bringen. Wenn etwas auf der Station geschieht, möchte ich das wissen, Fräulein Dr. Schendt erreichen Sie auch bei mir.“

Schwester Gerda zwinkerte den beiden zu und trippelte davon.

„Verfügen Sie immer über den Aufenthaltsort anderer Leute?“, fragte Fräulein Dr. Schendt spitz.

Dr. Wolf lächelte.

„Ich möchte darauf nicht antworten. Kommen Sie mit. Ich will noch eine Antwort auf meine Frage.“

Er nahm sie am Arm und führte sie in sein Büro. Als er die Tür geschlossen hatte, fragte er noch einmal:

„Wieso vermuten Sie, ich hätte Sie noch nicht bemerkt?“

Sie nahm die Zigarette, die er ihr an bot, dankte, als er ihr Feuer gegeben hatte und sagte nach dem ersten Zug:

„Ich hatte den Eindruck, dass Sie Frauen übersehen.“

Ihn ritt der Teufel, als er sie fragte:

„Halten Sie sich für eine Frau?“

Sie blieb ganz ruhig, lächelte nur und erwiderte:

„Sie sind mir zu stark. Aber wenn ich jetzt ein wenig mehr Kraft hätte, würde ich Ihnen eine ’runterhauen. Verdient hätten Sie’s. Hassen Sie Frauen?“

„Nein. Aber so frech meine Frage eben war, es lag ein Körnchen Wahrheit darin. Sie benehmen sich meist wie ein Junge.“

„Danke, ich hatte vier Brüder. Daran muss es gelegen haben. Die haben auch nie bemerkt, dass es sich bei mir um ein Mädchen gehandelt hat. Und wenn mein Vater Grund dazu hatte, bekam ich dieselben Prügel wie meine Brüder.“

„Die Männer Europas werden Ihrem Herrn Papa auf immer dankbar sein für diese sinnvolle Erziehung eines Mädchens.“

Sie lachte.

„Wissen Sie eigentlich, dass Herr Professor Oberweg mir gesagt hat, ich sollte mich ein bisschen um Sie kümmern?“

„Nee, das war ja eine glänzende Idee von ihm. Warum wollte er mir das antun?“

„Vielleicht war es wirklich eine gute Idee. Ich habe Sie beobachtet. Sie leiden.“

„Tatsächlich?“, höhnte er. „Sind Sie vielleicht von der Psychoanalytischen Abteilung? Man kann ja nie wissen. Vielleicht habe ich einen Mutterkomplex, und morgens beim Aufstehen sehe ich kleine gelbe Hühner in der Luft fliegen? Sie sind eine Wucht, liebe verehrte Kollegin.“

Die Tür ging auf, und Schwester Gerda brachte den Kaffee.

„Extra stark“, behauptete sie.

Dr. Wolf knurrte sie an:

„Ein Brötchen ist wohl in der miesen Stationsküche nicht dabei herumgekommen, wie?“,

„Doktorchen, Doktorchen, ich sehe mir veranlasst, auf das Thema Brötchen noch zu sprechen zu kommen. Gestern haben Se mir och zwei Brötchen jemopst. Aber ich will man nich’ so sein. Sie och ’n Brötchen, Fräulein Doktor?“

„Danke, ich hab’ keinen Appetit.“

Schwester Gerda murmelte etwas von „schlanker Linie“ und verschwand.

Kaum war sie weg, sagte Fräulein Dr. Schendt:

„Lieber Kollege Wolf, Sie können mich nicht verkohlen. Sie brauchen jemanden, mit dem Sie über alles reden können. In Ihnen steckt was. Sagen Sie, was Sie drückt, vielleicht kann ich Ihnen helfen.“

Ihre selbstbewusste Art überraschte ihn. Und das alles nach einer solchen Operation morgens kurz nach sieben.

„Wissen Sie, es ist sehr nett von Ihnen, mich so zu umsorgen, aber nun einmal vernünftig unter Erwachsenen: Sie sind allein hier in dieser Stadt?“

„Ja.“

„Sie haben einen Freund, einen Verlobten oder was sonst?“

„Nein.“

„Sie sind also mutterseelenallein?“

„Erraten.“

„Gut, dann will ich Ihnen mal einen Vorschlag machen. Nicht ich brauche jemanden, sondern Sie. Wann haben Sie dienstfrei?“

„Übermorgen den ganzen Tag und die Nacht, aber da will ich schlafen. In der Nacht, meine ich.“

„Gut, ich werde es so einrichten, dass ich übermorgen auch frei habe. Ich verurteile Sie wegen Ihres ungebührlichen Benehmens mir gegenüber zu einer Fahrt in meinem alten Auto in die Heide. Dort werden wir in einem kleinen Gasthof zu Mittag essen und am Nachmittag wieder heimgondeln. Ist das klar?“

Sie lachte.

„Danke, ich nehme an.“

*

Am Nachmittag fuhr Dr. Wolf zu Peschkes. Im Betriebshof wurden gerade zwei Lastzüge mit Bimsplatten beladen, und Frau Peschke stand dabei. Als sie Dr. Wolf sah, rief sie: „Moment, Gert, ich bin gleich da.“

Nachher kam sie, strahlte ihn an und sagte:

„Nun komm ’rein, mein Junge. Schön, dich wieder mal zu sehen.“

„Ist Inge da?“, erkundigte er sich.

Da wurde sie ernst.

„Ja und nein, aber komm erst ins Haus. Ich erzähle dir alles.“

Dann, als sie im gleichen Salon waren, wo Dr. Wolf damals mit Peschke die harte Auseinandersetzung hatte, sagte Frau Peschke:

„Trinkst du etwas?“

„Nein, danke. Ich würde gerne erfahren, was mit Inge ist.“

Sie setzte sich, seufzte tief und sah ihn lange an, ehe sie begann:

„Es war eine furchtbare Zeit, und ich habe es erst vor vierzehn Tagen erfahren, was los ist. Natürlich habe ich etwas gemerkt, aber gewusst habe ich nichts. Dieser Strolch, mit dem sie schon studiert hat, der sie später erpressen wollte, der ist doch mit ein paar Wochen davongekommen. Kaum war er aus dem Kittchen, hat er sich wieder an Inge ’rangemacht. Nicht, um sie ... na, du weißt schon. Nein, sie sollte ihm zahlen. Sie hatte natürlich nichts. Denn seit Ritter mit in der Firma ist, kann sie nicht so einfach Geld aus der Kasse nehmen. Da hat sie dann dem Kerl billige Brennstoffe besorgt, die er teuer weiterverkaufte. Es war anfangs gar nicht so schlimm ...“

„Aber warum hat sie es mir denn nicht gesagt oder der Polizei?“

„Er hat sie nicht mehr erpresst. Der war nur immerzu da, fuhr ihr nach, wenn sie unterwegs war, sprach sie überall an. Aber so, dass sich die Leute umdrehten. – Gert, ich sage dir, es muss höllisch gewesen sein. Und dann dieser Freund, dieser Schurke. Ja, und eines Tages verlangte er von Inge, sie sollte ihm genau erklären, wie er an unseren Geldschrank herankäme. Sie könnte ja vorher alles versichern, hoch versichern. Inge verständigte die Polizei. Dann hatte aber die Polizei den verrückten Einfall, die Sache laufen zu lassen. Sie wollten die beiden Kerle auf frischer Tat schnappen.“

„Aber das ist doch Irrsinn. Ich meine von den beiden. Die können sich doch denken, dass ihr mit dem Vorschlag bereits gewarnt seid und kein Geld im Hause haltet.“

„Ich weiß nicht, ob sie das dachten. Denn Inge würde ja, so hofften sie wohl, zu Hause nichts sagen oder aber: Die beiden Kerle blufften nur. Denn sie kamen nicht, und die Polizei wartete umsonst. Doch dann überfielen beide einen Rentner, der gerade seine Rente auf der Post geholt hatte. Die Polizei war sofort da, verfolgte die beiden, die einen Wagen gestohlen hatten. Und da ist es dann zu einem Gefecht gekommen. Der eine Lump ist dabei erschossen worden. Diesen Hans haben sie jetzt in Haft, und ein Polizist wurde schwer verletzt. Stellt heute alles in der Zeitung.“

„Der Polizist hatte einen Bauchschuss, ist es das?“

„Ja, woher weißt du es? Ist er bei euch?“

„Allerdings. Und wo ist Inge?“,

„Sie liegt schon den ganzen Tag im Bett. Ich weiß nicht mehr aus noch ein, und unser Hausarzt kann auch nicht sagen, was es ist. Vielleicht wird es besser, wo doch dieser Kerl nun endlich wieder hinter Gittern sitzt. Hoffentlich lassen sie ihn nicht mehr 'raus, ehe er nicht steinalt ist.“

„Ich möchte Inge sprechen.“

„Ich will mal sehen. Warte, Gert, ich gehe zuerst mal allein zu ihr.“

Sie erhob sich und ging nach oben. Plötzlich gellte ein schriller Schrei durch das Haus. Dr. Wolf sprang auf, rannte in die Halle, stürmte die Treppen hinauf und sah Frau Peschke mit entsetztem Gesicht und hilflos herabhängenden Armen in der Tür eines Zimmers stehen.

Er lief hin, sah an ihr vorbei Und entdeckte Inge am Boden liegend. Sie hatte sich die Pulsadern aufgeschnitten.

Mit einem Blick sah Dr. Wolf, dass sie es zum Glück nicht richtig getan hatte. Es konnte auch noch nicht allzu lange her sein.

„Rufen Sie den Notarztwagen an! Ich kümmere mich darum. Gehen Sie!“, rief er Frau Peschke zu.

Inge lag noch bei Bewusstsein da, wenn auch die Schwäche schon weit vorgeschritten war. Sie versuchte zu lächeln.

„Es ist... vorbei“, lispelte sie.

„Aber nein!“

Er begann, ihr die Arterien an den Oberarmen abzubinden. „Warum, Inge, warum hast du’s getan?“, fragte er rau.

„Ich ... bekomme ... ein ... Kind ... Gert.“

„Ein Kind? Ein Kind von wem?“,

Sie schloss die Augen. Die Schwäche nahm mehr zu.

„Von ... Hans“, flüsterte sie kaum hörbar.

Er war wie gelähmt. Ein Kind von diesem Lumpen. Was mochte nur mit Inge vorgegangen sein? Wie konnte das nur passieren?

Ich bin selbst mitschuldig. Ich hätte mich um sie kümmern müssen, auch wenn sie nicht darum gebeten hat. Es wäre meine Pflicht gewesen. Habe ich nicht behauptet, sie zu lieben? Heuchelei! Wäre es so, hätte mich nichts hindern können, sie weiter zu besuchen, mit ihr wegzugehen. Statt dessen habe ich mich in der Arbeit vergraben, habe die beleidigte Leberwurst gespielt, der Inges Benehmen nicht zugemutet werden kann.

Natürlich ist sie diesem Hans hörig. War es schon immer. Mit seinem Auftauchen hatte sich alles verändert. Sie wollte ihn vielleicht gar nicht. Sie wollte ihn wahrscheinlich loswerden, aber sie konnte nicht. Und ich hätte ihr helfen müssen. Ja, helfen, statt den Missverstandenen zu spielen. Den ach so lebensklugen Herrn Doktor, der sich zum Richter aufgeschwungen hat, als die Sache mit dem Autounfall passierte. Und dann, als ihr Vater gestorben war, vielleicht in Inges Leben ein viel größerer Halt, als ich angenommen habe. Da war es Zeit, Inge noch fester in die Arme zu nehmen. Aber was habe ich getan? Weil sie nicht gleich nach mir verlangte, habe ich es für unter meiner Würde gehalten, unaufgefordert zu ihr zu gehen. Nein, mein lieber Gert Wolf, du bist selbst mitschuldig. Ja! Und das hier ist das Resultat. Sie bekommt ein Kind von diesem Halunken, und ich hätte mit etwas mehr Vertrauen, mehr Liebe, das Mädchen aus den Fängen dieses Burschen lösen können.

Er sah sie an.

„Inge“, sagte er leise. „Inge, ich bin selbst schuld daran, ich.“

Sie öffnete die Augen, lächelte matt und flüsterte:

„Nein, nicht du, Gert. Verzeih mir ...“

„Inge, du wirst nicht sterben. Und wenn du wieder gesund bist, wird alles besser. Alles, Inge!

Sie lächelte und wurde ohnmächtig, doch ihr Puls ging zwar matt, aber regelmäßig. Die Herztöne gaben Dr. Wolf Hoffnung.

Frau Peschke kam atemlos die Treppe herauf. Sie schwitzte, keuchte und rief japsend: „Der Wagen kommt. Mein Gott, Gert, was ist mit ihr?“

„Keine Sorge, Mutter Peschke. Sie hat viel Blut verloren, aber nicht zu viel. Da wird alles wieder gut.“

„Warum nur hat sie es getan, warum?“, rief die Frau fassungslos.

„Wenn sie wieder kräftiger ist, wird sie es dir sicher sagen.“

Draußen näherte sich Sirenengeheul. Der Notarztwagen kam.

*

Inge war nicht in Lebensgefahr, nicht in der Stadt, wo man ihr mit neuem Blute helfen konnte. Ihre Verletzungen wurden genäht, Blut zugeführt, dann fuhr man sie ins Krankenhaus.

Dr. Wolf sprach mit seinem Kollegen von der gynäkologischen Abteilung, einem tüchtigen Frauenarzt. Der versprach, Inge zu untersuchen und festzustellen, ob Inges Behauptung zutraf.

Indessen lag Inge auf Dr. Wolfs Veranlassung in einem Zimmer der ersten Klasse. Sie war dort allein. Aber nur, wenn Dr. Wolf nicht bei ihr war, und er war oft bei ihr.

Die Blutinfusion hatte Inge gestärkt. Eine Traubenzuckerspritze tat das übrige. Es ging ihr viel, viel besser.

Gegen Abend hatte Dr. Wolf Zeit, einmal länger bei Inge zu bleiben. Er setzte sich zu ihr an den Bettrand und sah sie lächelnd an.

„Du kleines Dummerle! Wie konntest du das tun?“

„Ich wollte nicht mehr“, erwiderte sie. „Ich habe mich geschämt.“

„Vor mir?“

Sie nickte kaum merklich.

Er ergriff ihre Fingerspitzen, die aus dem Verband lugten.

„Ich habe Pläne gemacht, Inge. Wenn du wieder gesund bist, werden wir drei Wochen irgendwohin fahren und einmal richtig Urlaub machen. Es täte uns gut. Und dann sind wir auch richtig für längere Zeit beisammen und ...“

„Gert?“, unterbrach sie ihn.

Und er bemerkte, dass ihre Augen in Tränen schwammen.

„Gert, aber du weißt doch, dass ich ein Kind bekomme!“

Er lächelte.

„Ja. Und ich bin daran nicht ganz unschuldig, Inge, vielleicht hätte ich dich noch vor einer Woche verdammt deswegen. Jetzt nicht mehr. Es ist alles so ganz anders.“

Er sah über sie hinweg zum Fenster hinaus. Der erste Schnee rieselte vom Himmel. Bald

würde Weihnachten sein. Das Fest der Versöhnung.

„Inge, willst du Weihnachten meine Frau sein?“

Sie wandte den Kopf zur Seite und starrte auf die Wand.

„Nein“, murmelte sie.

Er fuhr erschrocken herum.

„Warum nicht?“

Ohne ihn anzusehen, murmelte sie:

„Gert, ich bin es nicht wert.“

„Du kleine Närrin, du!“

Er streichelte ihre Stirn.

„Natürlich bist du es wert, so ein Unsinn. Was heißt überhaupt: Ich bin deiner nicht wert? Weil du gefehlt hast?“

„Erst der Unfall, mein Versagen als Mensch, nun das mit dem Kind.“

„Sag mal, da fällt mir etwas ein. Warst du überhaupt schon bei einem Arzt?“

„Nein.“

„Und was gibt dir die Sicherheit, zu sagen, du bekämst ein Kind?“

Sie sah ihn wieder an.

„Aber. Gert, das weißt du doch selbst, wie eine Frau das spürt.“

„Meinst du nicht, dass es dafür ganz andere Ursachen geben kann? Hast du noch nie davon gehört, dass der Rhythmus der Frau durch Schocks, durch Klimawechsel und was nicht alles gestört werden kann?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Ich weiß es.“

„Ich habe mit einem Kollegen von unserer gynäkologischen Abteilung gesprochen. Er will dich untersuchen. Bist du einverstanden?“

„Muss es sein?“

„Es dient deiner Sicherheit. Willst du?“

Sie nickte nur.

Da trat Schwester Gerda ein.

„'n Abend beisammen. Nu sollten Se man unserer Patientin etwas Ruhe jönnen, Doktorchen“, sagte sie mahnend. „Wenn das unser Stationsarzt sieht ...“

Sie lachte und drohte Dr. Wolf, der ja selbst dieser Stationsarzt war, mit dem Finger.

„Und Sie, Frolleinchen, Sie müssen noch den Obstsaft austrinken. Und dann nischt wie Augen zu und schlafen!“

Dr. Wolf verabschiedete sich von Inge und ging hinaus.

Draußen traf er mit Fräulein Dr. Schendt zusammen. Sie sah ihn so merkwürdig von der Seite an, dass er stehenblieb und fragte:

„Was ist denn mit Ihnen los?“

„Schwester Gerda hat mir etwas gebeichtet.“

Sie lächelte, und es sah fast wie Mitleid aus.

„Diese Klatschtante und Kupplerin. Was hat Sie Ihnen erzählt?“

Fräulein Dr. Schendt trat ans Fenster und begann kleine Männlein mit dem Finger auf die angelaufenen Scheiben zu malen.

„Ich gebe Ihnen gerne die Einladung für übermorgen zurück, wenn Sie das wollen, Herr Wolf.“

Er wurde wütend.

„Ich will aber nicht, zum Donnerwetter. Was hat Ihnen diese alte Quasselstrippe erzählt?“ Sie drehte sich um, lehnte sich mit dem Rücken ans Fensterbrett und sah ihn voll an. Ihre hellen Augen standen in einem seltsamen Kontrast zum brünetten Haar. Und Dr. Wolf bemerkte zum ersten Male, seit er sie kannte, dass sie sehr reizvoll war. Nicht so hübsch wie Inge, aber von einem Reiz, der einen Mann ansprach. Und, das sah er jetzt, sie war trotz ihrer mitunter amazonenhaften Art eine Vollblutfrau. Als er ihre Lippen ansah, begriff er das. Es waren Lippen, die küssen wollten. Lippen, die zum Küssen lockten.

„Herr Wolf“, sagte sie leise, „sie wird nicht gelogen haben. Und ich habe sie seit der Einlieferung Ihrer ... dieser Patientin beobachtet. Hören Sie, Herr Wolf, Sie lieben diese Frau. Oder nicht?“

Er wurde sofort eisig.

„Ich weiß nicht, ob das Sie interessieren könnte“, erwiderte er schroff.

Sie lächelte, schüttelte den Kopf und erwiderte:

„Nein, es geht mich überhaupt nichts an. Aber wenn es bei übermorgen bleibt, verrate ich Ihnen ein Geheimnis.“

Er war etwas unangenehm berührt. Diese Frau war ihm keinesfalls gleichgültig, doch nicht so, wie sie vielleicht selbst dachte. Er sah in ihr einen Freund, einen Kameraden. Nicht eine Frau wie Inge. Dieses Fräulein Dr. Schendt war ja viel selbständiger, viel fester mit den Beinen im Leben.

Am liebsten hätte er für übermorgen abgesagt, doch ein Wort war ein Wort, und vielleicht gelang es ihm auch, ihr gegenseitiges Verhältnis richtigzustellen.

„Es bleibt bei übermorgen. Ich wüsste nicht, warum wir es aufgeben sollten“, sagte er entschlossen.

Sie lächelte, sah ihn von unten herauf an und entgegnete leise:

„Ich freue mich darauf.“ Dann nickte sie ihm zu und ging in Richtung auf die Männerstation davon.

*

Am folgenden Tag kam Dr. Wolf nur zur Visite zu Inge. Danach war es ihm unmöglich, er konnte einfach seine Arbeit nicht liegenlassen. Auch nicht für ein paar Minuten. Eine Gehirnoperation, die fast sechs Stunden dauerte, nahm ihn voll in Anspruch. Am Nachmittag musste er Dr. Holmann in dessen Praxis vertreten, und am Abend kam dann noch ein Unfall dazu, so dass Dr. Wolf bis in die Nacht hart zu tun hatte. Sogar Frau Peschke, die ihn schon mehrmals hatte sprechen wollen, konnte er nicht empfangen.

Erst gegen dreiundzwanzig Uhr war er mit allem fertig. Die Nachtschwester, bei der er sich nach Inge erkundigte, sagte:

„Sie schläft, Herr Doktor. Es geht ihr viel besser. Heute Nachmittag war ihre Mutter da. Ich glaube, da brauchen wir uns keine Sorgen zu machen.“

Danach trat Dr. Wolf hundemüde in sein Büro und überlegte – wie schon so oft – ob er sich gleich hier niederlegen oder noch zu seinem Zimmer fahren sollte.

Plötzlich sah er, dass Fräulein Dr. Schendt hinter seinem Schreibtisch saß.

Sie lachte und erhob sich.

„Durfte ich Sie hier erwarten, Herr Kollege?“

Ihn befremdete das ein wenig, und er hatte das Gefühl, gleich würde Schwester Gerda auftauchen.

„Übrigens habe ich Ihnen einen starken Kaffee machen lassen“, erklärte Fräulein Dr. Schendt und sah ihn lächelnd an.

Da platzte Dr. Wolf zu einem tosenden Lachen heraus.

Verwundert sah ihn Fräulein Dr. Schendt an.

„Nicht so laut!“, schalt sie. „Wir sind in einem Krankenhaus!“

Er hörte auf, sah sie mit schiefem Lächeln an und fragte sarkastisch:

„Den Kaffee hat Schwester Gerda gebraut, nicht wahr?“

„Na und?“

Sie hatte ihren Kittel geöffnet, und er bemerkte, dass sie ein sehr hübsches und auch sehr anliegendes Kleid darunter trug. Und jetzt, als sie auf ihn zuging, entdeckte er hochhackige Schuhe an ihren Füßen, etwas, das er zuvor nie bei ihr gesehen hatte. Schöne Beine hatte sie, und das musste ihm auffallen.

„Herr Wolf, ich wollte Ihnen heute Abend nur eines sagen: Gestern haben Sie große Worte gemacht, dass Sie niemanden brauchen, der Ihr angeknackstes Gemüt auffrischt. Sie meinten sogar, ich hätte das nötig. Irrtum. Sie brauchen ein bisschen Gemütswäsche. Und nun sehen Sie mich nicht mehr so böse an. Setzen Sie sich hin, legen Sie von mir aus die Füße auf den Schreibtisch und reden Sie, als brauchten Sie vor mir kein Blatt vor den Mund zu nehmen.“

„Sehr gütig“, brummte er, zog sich den Kittel aus, warf ihn auf die Couch und sah, dass zwei Tassen auf der Schreibtischecke standen. Erst wollte er dazu etwas sagen, unterließ es aber und schenkte beide Tassen ein.

Sie stellte sich neben ihn, nahm die Zuckerdose und fragte lächelnd:

„Wie viele Löffel Zucker?“

„Keinen.“

„Und Milch?“

„Keine.“

Sie lachte leise.

„Meine Güte, können Sie nicht etwas netter sein?“

„Nein!“, knurrte er.

Er setzte sich hinter dem Schreibtisch in seinen Drehstuhl und stützte den Kopf auf die Hände. Nachdenklich musterte er Ellen Schendt.

Sie merkte es, sagte aber nichts und ließ sich ihm gegenüber auf der anderen Schreibtischseite nieder. Die Tischlampe warf einen goldenen Schein auf ihr strenges Gesicht, ihren schlanken Hals und den Ausschnitt ihres weinroten Kleides.

Er konnte sie nicht übersehen, und er konnte auch nicht einfach abtun, dass sie eine anziehende Frau war. Obgleich sie mit Inge wenig gemein hatte.

Dr. Wolf roch ihr Parfüm. Sehr dezent, der Geruch, doch kräftig genug, ihn zu bemerken. Gestern, bei der Operation, da hatte sie bestimmt nicht danach geduftet.

Er begann zu ahnen, dass sie heute Abend mit einer festen Absicht zu ihm gekommen war. Und er war doch Menschenkenner genug, um ihr anzusehen, was sie bewegte. Ja. Schwester Gerda hatte recht: Ellen Schendt liebte ihn.

Doch plötzlich fiel in ihm manches zusammen, was zwischen ihm und Inge gestanden hatte. Jetzt geschah es, als er Ellen Schendt gegenüber saß. Und es wurde noch viel stärker, als sie auf stand, um den Schreibtisch herumkam, sich gegen seine Schulter lehnte und sein Haar streichelte.

Er spürte ihre Zuneigung körperlich. Die Berührung ihrer Hand an seinem Kopf wirkte wie elektrisierend. Und doch festigte sich in ihm immer mehr das Bild der Inge, die er liebte, die er immer lieben wollte.

Unvermittelt stand er auf, sah Ellen Schendt an und nahm ihren Arm von seiner Schulter. „Fräulein Schendt, Sie sind ein liebes Mädchen, aber ich bin nicht so, wie Sie es sich denken. Wollen wir nicht besser gute Kollegen bleiben?“

Ihre Augen wurden schmal. In ihr Gesicht trat eine Härte, die er an ihr noch nicht bemerkt hatte. Leise erwiderte sie:

„Sie machen einen Fehler, einen nicht wieder gutzumachenden Fehler. Ich gebe ehrlich zu, dass ich Sie liebe. Vom ersten Augenblick an, da ich Sie sah. Und ich weiß genau, dass sich eines Tages erfüllt, was ich möchte. Ich habe keine Angst. Ich kann darauf warten.“

Sie drehte sich um und ging rasch hinaus.

Er sah ihr ratlos nach, wischte sich übers Haars, das noch von ihrer Hand zerzaust war, und seufzte tief.

Dann gab er sich einen Ruck, zog sich den weißen Kittel wieder an und verließ sein Büro.

*

Auf dem Gang war es still. Keine Menschenseele weit und breit.

Die Gummisohlen an seinen Schuhen glitten lautlos über die Fliesen. Dann hatte er Zimmer neun der Privatstation erreicht. Er öffnete leise und sah, dass nur die kleine blaue Notlampe über der Tür brannte. Dennoch konnte er Inge sehen. Sie schlief.

Ihr Gesicht wirkte in der diffusen Beleuchtung bleich, fast violett. Die verbundenen Arme lagen auf der Decke, und ihr aufgelöstes blondes Haar wirkte bei der bläulichen Beleuchtung wie die Lockenpracht einer Nymphe.

Er schloss hinter sich leise die Tür, ging bis ans untere Bettende und sah sie lange an. Ihre Atemzüge wurden etwas unruhig, als ahne sie, dass sie beobachtet würde.

Wie lange er dort stand, hätte er selbst nicht sagen können. Aber der Wunsch, Inge in die Arme zu nehmen, sie zu küssen, wurde in ihm so stark, dass er dann neben das Bett trat, sich über sie beugte und sie sanft auf die Stirn küsste.

Sie murmelte etwas im Schlaf, begann die Hände zu bewegen und drehte den Kopf zur Seite.

Er dachte an die Stunden, die er mit ihr gemeinsam verbracht hatte, damals vor dem Unglück. Schöne Stunden, und doch war Inge eigentlich nicht einmal völlig aus ihrer Reserve gegangen. Er meinte zu verstehen, warum das so war.

Er beobachtete ihr Gesicht, sah, wie beim Atmen ihre Nasenflügel bebten, und dann öffnete sie plötzlich die Lider. Sie sah ihn aber nicht an, sondern blickte zur Wand.

„Wer ist da?“, fragte sie leise, und ein bisschen Furcht klang in ihrer Stimme mit.

„Ich, Gert“, sagte er ruhig.

Sie wandte ihm das Gesicht zu, sah ihn aber wohl nicht deutlich, da er das Notlicht hinter sich hatte.

„Gert? Warum kommst du noch zu mir? Ich wollte, du würdest begreifen, dass wir nicht zusammengehören.“

„Warum nicht?“

Sie sah wieder zur Seite.

„Nein. Wir gehören nicht zusammen. Du würdest es mir nie verzeihen, was ich getan habe. Vielleicht ist alles, was du jetzt denkst und tust, nichts als Mitleid.“

„Nein, es ist kein Mitleid.“

„Das sagst du so. Man muss sich auch eingestehen können, wenn man einen Fehler gemacht hat. Ich habe das getan. Gestern Nachmittag ... oder war es heute Nachmittag? ... da habe ich über alles nachgedacht. Über uns beide. Ich habe dich immer geliebt, Gert, ich tue es noch heute. Immer. Du bist so ritterlich, so hilfsbereit, aber ich habe dich so oft betrogen. Mit meinen Gedanken betrogen, Gert. Ich habe oft an ihn gedacht. Du weißt, wen ich meine. Er war schlecht. Er war es wirklich. Aber ...“

Sie schloss müde die Augen.

„Es strengt dich an, und du solltest nicht mehr daran denken. Wenn du wieder gesund wirst, Inge, wird alles gut. Wir sind keine kleinen Kinder mehr. Jeder Mensch hat eine Vergangenheit. So oder so. Es gibt nichts zu verzeihen oder zu bereinigen. Es gibt nur einen neuen Anfang, aber der muss gut sein.“

Details

Seiten
900
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738911435
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (September)
Schlagworte
acht glenn stirling liebesromane strand

Autor

Zurück

Titel: Acht Glenn Stirling Liebesromane für den Strand