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Es war kein Bluff, Corby!

2017 120 Seiten

Leseprobe

Es war kein Bluff, Corby!

Roman aus dem amerikanischen Westen

von Larry Lash


Der Umfang dieses Buchs entspricht 218 Taschenbuchseiten.


Klappentext:

Paddy Sutter, der Boss der Gitter-Ranch, war alt und grau geworden. Sorgen und Krankheit nagten an ihm und an seinem Lebensmut. Die Ranch stand auf dem Spiele. Sein Lebenswerk war bedroht, war Machtgelüsten einiger Nachbarn ausgesetzt. Rücksichtslos zogen sie gegen ihn ins Feld, wurden jeden Tag dreister in ihren Drohungen.

Und mit jedem Tag, der verging, wurde der Rancher gedrückter, mutloser. Allein stand er, ganz allein. Er stand allein …, durch seine eigene Schuld; denn vor zehn Jahren war es, dass einer seiner Söhne in die Welt zog … Er, Paddy, hatte ihn so weit gebracht, weil er sich nicht in seinem Zorn beherrschte, weil sein Sohn die Härte von ihm geerbt hatte und sich nicht als Erbe behandeln lassen wollte, dem man misstraute, weil er ein Mann war, wie Paddy auch!

Und dann war es so weit, dass sein Jüngster seine innere Not nicht mehr mitansehen konnte und ebenfalls von ihm ging, um den Ältesten zu suchen, zu finden und von dem Irrtum vor zehn Jahren zu berichten. Auch das war schon lange her, sehr lange. Niemand außer dem Alten hoffte noch, niemand, außer ihm, sah stundenlang in die Weite. Und was er immer wieder sah, waren die Staubwolken der „Nachbarn“. Immer wieder kamen sie, wollten ihn zum Verkauf überreden, verspotteten ihn. Sie gingen sogar so weit, dass sie ihm höhnisch ins Gesicht schrien, dass beide Söhne tot seien. Trotz der Hoffnungslosigkeit blieb der Rancher fest, bluffte, gab nicht klein bei, stand fest auf seinem Boden.

Hass und Wut brachen bei den abgewiesenen Käufern auf. Mit Gemeinheit und Meuchelmord versuchten sie eine andere Tour, der sich aber ein anderer entgegenstemmte; Ken Kanunda! Es war ein Kampf der Colts und der Intrige, Bluff und Täuschung herrschten ... Es war aber kein Bluff, was Ken Kanunda machte, denn er war der jüngste Sohn Paddy Sutters.


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© Cover by Charles M. Russell & mit einem Motiv von Edward Martin/ Schottland, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




1.

Knorrig, verwittert, vom harten Leben gezeichnet war Pete Custor. Grau und struppig war sein Haar, umrahmte ein von tiefen Falten durchfurchtes Gesicht. Etwas gebeugt stand er an der Schmiede der „Gitter-Ranch“ und spähte nach Norden. Fern im Hintergrund verdämmerten die gigantischen Waldberge, davor lagen die Sage Terrassen, schimmerten grau und schwarz, stuften sich zum Vordergrund und verloren sich in den weiten Ebenen der Prärie-Weiden.

Heute sah Pete nichts von der im Abendlicht gebadeten Landschaft, sondern blickte scharf zu einem kleinen Reitertrupp, der sich stetig näherte. Kleine Staubwolken wehten über den stampfenden Pferden. Ab und zu verschwanden die Tiere in Bodensenken, hinter Gesträuch und Büschen.

„Sie kommen“, murmelte Pete. Abgehackt, rau kam es über seine Lippen. Seine Hände ballten sich, strichen fast kosend über den schwerkalibrigen Colt, der an seiner Hüfte baumelte.

Ein harter Glanz füllte seine Augen. Tief sog er die Luft ein, stieß mit dem Daumen den abgeschabten Stetson ins Genick und wandte sich schwerfällig dem Ranchhaus zu.

Links von dem stattlichen Gebäude lag das langgestreckte Bunkhouse der Cowboys, dahinter fügten sich Stallungen und Schuppen an, bildeten mit dem Ranchhaus eine offene Burg, so dass man von dem ausgedehnten Korral nur wenig zu sehen bekam.

Zur rechten Hand erblickte man den Garten. Dahinter standen Espen mit goldenem Laub. Zwischen den Stämmen hindurch spiegelte die Wasserfläche des Kanundasees wie gleißendes Silber.

Langsam schritt Pete auf das Herrenhaus zu, nickte grimmig vor sich hin. Bevor er ins Haus trat, blickte er noch einmal schnell zu dem Reitertrupp, und seine Zähne knirschten hörbar.

Eilig machten seine Augen die Runde. Der Ranchhof war leer, öde, verlassen. Wohl dösten am Haltegeländer vor dem Bunkhouse einige Pferde, schlugen mit den Schweifen, um sich der lästigen Fliegen zu erwehren, doch kein Cowboy war zu sehen.

Sie waren fortgeritten, um in Sallysborg sich zu amüsieren und den Teufel tanzen zu lassen. Sie waren fort, um bei Whisky, Spiel und Tanzhallenmädchen den Lohn für schwere Weidearbeit zu verjubeln.

Denn heute war Lohntag ...!

Pete riss die Tür auf, durchschritt eilig einen kleinen Korridor und trat ohne anzuklopfen in die Halle, blieb abwartend an der Tür stehen.

Indianerteppiche bedeckten den Boden. Jagdtrophäen hingen an den Wänden, und schwere, klobige Möbel bewiesen, dass Paddy Sutter, der Rancher, zu den Rinderbaronen von Sallysborg gehörte. Er war einer der drei Könige, die sich das riesige Gebiet im Sallysborg-Valley teilten.

Und alle drei Könige waren mächtig; gleich, ob es sich nun um die „Kronen-Ranch“ von Rui Broker, um die „Ring-Ranch“ von James Wilkins handelte, oder ob der reichste Rancher, eben Paddy Sutter, mitmischte.

Ohne Zweifel besaß Paddy die Schlüsselstellung im Valley. Sein Reichtum nahm von Jahr zu Jahr zu, weil er im Besitze des Kanundasees war. Ihm gehörten der See und die Weiden ringsherum. Er bestimmte beim großen Round-up die Reihenfolge, er entwarf die Pläne dazu.

Der Mann aber, der eine so gewichtige Rolle im Sallysborg-Valley spielte, saß am offenen Kamin und wärmte sich die gichtknochigen Finger.

Eingefallen, hager, mit vorstehenden Wangenknochen, glich er nur noch dem greisen Zerrbild eines Mannes. Man sah ihm an, dass er sein Leben nur noch nach Tagen zählte, – und doch – dieses menschliche Wrack, diese Ruine eines Mannes, lebte in ihrer kümmerlichen Verfassung schon seit Jahren so, hielt sich, blieb.

Ohne sich nach Pete umzudrehen, ohne ihn auch nur im Geringsten zu beachten, sagte er mit brüchiger Stimme:

„Du willst mir sagen, dass sie wieder herkommen – stimmt's?“

Er hob den Kopf etwas an. Seine rotgeränderten Augen starrten in die züngelnde Glut, bohrten sich in das Flammenspiel hinein.

Pete löste sich von der Tür, kam langsam näher. Er ließ keinen Blick von dem Kranken, angelte sich mit der Stiefelspitze einen Stuhl und hockte sich rittlings darauf nieder.

„Sie werden immer und immer wieder kommen, um dich fertigzumachen“, murrte der alte Weidereiter auf, senkte seine Stimme. Sie wurde leise und eindringlich, als er fortfuhr: „Sie wissen genau, dass du kein Testament gemacht hast. Hör, Paddy, als wir jung waren, ritten wir zusammen durch die Llano. Die Sonne hat uns ausgedörrt und die Haut verbrannt. Wir ritten zusammen durch Alaska, und Regen, Wind, Eis und Schnee haben uns ausgelaugt. – Wir zwei sind immer wieder dem Tod von der Schippe gesprungen, und schließlich wurdest du sesshaft, verschafftest mir später eine Bleibe. Ich kam zu dir und weiß außer dir noch, was hier vorher war. Niemand, außer mir, weiß etwas von dir, kein Mensch überlebte eine Mannschaft! – Nur ich alleine weiß, weshalb du das Valley nach einer Frau benanntest ...“

Jählings verkrallten sich die Hände des Kranken in den Lehnen seines Sessels. Wie Totengebein waren die knöchernen Finger.

„Schluss jetzt! Ich will nichts mehr davon hören“, donnerte Paddy Sutter mit der restlichen Kraft seiner brüchig gewordenen Stimme und wandte Pete das erschreckend bleich gewordene Gesicht zu.

„Es ist vorbei, alles ...“

„Nichts ist vorbei, Boss“, beharrte Pete dumpf, wischte sich eilig mit der Hand über die schweißnasse Stirn. „Du weißt genau, was sie von dir wollen, Paddy. Du weißt genau, weshalb Rui Broker und James Wilkins dich immer besuchen kommen ...“

„Sei still, Pete!“, unterbrach der Rancher schroff, nahm die Hände von den Lehnen des Stuhles und hielt sie wieder über die Flammen, weil die Wärme im Raum ihm nicht mehr genügte. Es nutze nicht viel, denn auch die Flammen konnten die eisige Kälte aus seinem Innern nicht vertreiben.

„Du versteckst dich vor dir selbst, Paddy“, fuhr Pete unbeirrt mahnend fort. „Du verschließt dich vor der Vergangenheit. – Aber ich sage dir, je mehr du versuchst, sie aus deinem Herzen zu reißen, umso fester haftet sie dir an. – Du kannst das Schalten nicht lösen – und sollst es auch nicht, Boss ... aber du solltest etwas tun, Boss!“

Der Kranke gab sich einen Ruck. Für einen Moment schien es, als wollte er seinen schwächlichen, gebrechlichen Körper aus dem Sessel hochschnellen, für Sekunden standen in den müden Augen schwelende Lichter, dann klang ein schneidendes Gelächter auf, geisterte durch den Raum, brach mit einem Hustenanfall ab.

„Was – was rätst du?“, klang es dann unverhofft und fordernd.

„Mach ein Testament, Paddy Sutter!“

„Nie!“

„Und die ,Gitter-Ranch‘? Was wird aus deiner Ranch, Boss?“, murmelte Pete verstört. „Willst du sie den beiden in die gierigen unersättlichen Rachen werfen? Willst du, dass sich die beiden Hyänen teilen ...“

„Sie können nicht kaufen! – Beide sind nicht reich genug“, tönte es schrill zurück.

„Vielleicht haben sie einen Geldmann hinter sich. – Vielleicht will ein anderer die Ranch. Aber du darfst nicht verkaufen, Boss.“

Pete erhob sich jäh. Der Stuhl knallte zu Boden.

„So lange ich lebe, werden kein Rui Broker und kein James Wilkins Vieh auf unsere Weiden treiben. Vergiss nicht, wie sie vor zehn Jahren ins Land kamen, wie sie dir dafür dankten, dass du ihnen Land und Vieh zum halben Preise überlassen hast.

Ah, sie haben damals das Valley mit einem Weidekrieg überzogen. Du hast ihnen Grenzen gesetzt und hast sie großmütig im Lande gelassen. Und das, Boss, werden sie nicht vergessen haben. Sie warten auf den Tod des Löwen, und dann werden sie nicht mehr zu halten sein ...“

„Es sei denn, ich verkaufte an sie“, brummte Paddy Sutter. „Hör zu, Pete. – In Sallysborg wohnt ein Freund von uns beiden. Er hat uns oft zurechtgeflickt, der gute Doc, und wenn ich persönlich auch seine Salben und Mixturen nicht benutze, dann bestimmt nur, um nicht vor der Zeit unters Gras zu müssen. Habe Bruce Wells oft von unserem gemeinsamen Freund, Eddy Fairman, erzählt und durchblicken lassen, dass Fairman vielleicht einen Jungen oder ein Mädel hat. Habe gesagt, dass im Falle meines Todes ...“

„Boss!“, unterbrach Pete wild. „Das ist doch ...“

„Meine Sache.“

„Nein ...“, schrie Pete Custor abwehrend. „Sally würde sich im Grabe umdrehen. Die ,Gitter Ranch' gehört keinem Fremden. Sie gehört ...“

Paddy Sutter wehrte müde ab.

„Meine Söhne sind tot, verschollen. – Vergiss das nicht. Du weißt es genau. Zwölf Jahre sind eine lange Zeit. – Ich habe überall meine Reiter ausgesandt, habe nach meinen Jungen geforscht und doch niemals etwas von ihnen gehört. Wer gibt dir das Recht, Pete Custor, eine trügerische Hoffnung in mir zu wecken? Wer, Pete?“

Pete Custor duckte sich wie unter einem Schlag zusammen, ging auf den Kranken zu und blieb hinter ihm stehen. Schwer senkte sich seine Hand auf die Schulter seines Freundes.

„Du gibst mir das Recht“, ächzte er.

„Ich?“

„Yeah, nur du! Du wärest längst ein Toter, Paddy Sutter, wenn nicht die Hoffnung in dir wäre und in dir bliebe. – Bill, dein Ältester, ging, weil du ihn zu hart erzogen hast, weil deine Härte ihn aus dem Elternhause trieb; und Duff, dein Jüngster, ging, weil er das Leid in deinen Augen sah, das dich aushöhlte. – Er wollte Bill zurückholen, Paddy ... mach dein Testament!“

„Zu spät! Ich will es nicht. Ich will keine trügerische Hoffnung mehr. Und du, Custor, du sollst es auch nicht, Pete. – Horch, sie kommen, die mit der Hoffnung!“

Bitter presste er sich die letzten Worte ab, räusperte sich, wies hinaus.

Lautes Pferdeschnauben, Hufschlag und die Stimmen waren zu hören. Wortfetzen drangen zu den beiden Oldtimern, die sich schnell in die Augen sahen, bis Pete Custor sich plötzlich umwandte, gehen wollte.

„Wohin?“, forschte der Rancher.

Pete Custor biss sich auf die Lippen. Sein Mund öffnete sich.

„Kann Rattengeruch nicht vertragen, Boss“, brachte er heiser heraus, wartete keine Entgegnung ab, schritt schnell aus dem Raum.

Die Tür klappte hinter ihm zu, wurde schon im nächsten Augenblick wieder aufgerissen.

Zwei Männer standen auf der Schwelle. Sie glichen sich wie Brüder. Beide hatten eine beträchtliche Körperfülle, rote Wangen, bewegliche Wieselaugen und breite Fettpolster unter dem Kinn.

„Hallo!“, kam der zweistimmige Gruß.

„Tretet ein“, sagte Paddy Sutter und machte eine einladende Handbewegung. Schwer, massig, traten Rui Broker und James Wilkins näher. Der Raum musste ihnen bekannt sein, denn ohne lange Umschweife setzten sie sich an den Tisch, rückten sich zurecht, versorgten sich wie selbstverständlich mit schwarzen Zigarren, die auf dem Tisch standen. Wilkins bot Broker Feuer. Sie sogen an den Glimmstängeln, streckten die Füße von sich, warteten, als sei Sutter es, der von ihnen etwas wollte.

„Meine Herren, wenn Sie etwas warten möchten, bekommen Sie vorher zu essen“, spottete Paddy Sutter kühl, und in seinen Augenwinkeln zeigte sich der gleiche Schalk, der seine Jugend verschönt haben musste.

„Nein, danke! – Wir sind nur auf einem kurzen Trip, Rancher. Will keine langen Worte machen. – Haben Sie sich unser Angebot durch den Kopf gehen lassen?“, klang es forschend. James Wilkins hatte sich zum Sprecher aufgeworfen. Seine Knollennase unterschied ihn von Broker.

Beide schauten den Kranken gespannt an.

Der lauschte auf die Geräusche, die von draußen hereindrangen. Gelächter war es, und ein Gaul wieherte schrill.

Über Paddy Sutters Gesicht flog ein Schatten. Unverwandt sah er die Besucher an, lachte seltsam steif, wie abwesend.

Beide Männer wurden unruhig. Die tief in den Höhlen liegenden Augen des Alten schienen durch sie hindurchzusehen, als wären sie beide aus Glas. Die Schatten der Dämmerung krochen ins Zimmer, drangen durch die Fenster und füllten die Ecken aus. Leise knisterte es im Kamin.

„Wer steht hinter euch?!“, klang es aufreizend ruhig von dem Kranken her. Er bewegte sich nicht, und doch schien es den Besuchern, als würde seine ausgemergelte Gestalt mit der Frage größer und mächtiger. Eilig warfen sie sich bedeutsame Blicke zu.

„Hören Sie, Sutter. Das sollte Ihnen doch eigentlich egal sein. Wir bieten einen angemessenen Preis ...“

„Yeah“, unterbrach Paddy dumpf. „Yeah, für die Rinder, das Weidegebiet und die Ranch mag der Preis gnädig sein, aber Sie vergessen das Sumpfland, Gentlemen!“

„Für das Gebiet werden Sie niemals auch nur einen Dollar bekommen“, zischte James Wilkins erregt. „Es ist zu nichts nütze. Verstehe nicht, weshalb Sie darauf anspielen.“

Wieder lachte Paddy leise in sich hinein, wandte sich dem Kamin zu und streckte die knöchernen Hände über die zuckenden Flammen. Es sah aus, als wolle er sie beschwören.

„Meine Herren, das Sumpfland gehört aber zur Ranch – und der See auch. Beides wird nicht bezahlt.“

„Sie sind ohne Erben – haben keine Verwandte. Sie könnten von dem Erlös der Ranch irgendwo im Süden ein ruhiges Leben führen, könnten das Klima ändern und etwas für Ihre Gesundheit tun. – Was hält Sie zurück, Sutter?“, ereiferte sich Rui Broker. Er kaute nervös auf der Zigarre herum, klammerte die Hände an die Tischkante, schob das Kinn vor.

„Was mich zurückhält, Gents?“, griff der „Gitter-Rancher“ die Frage auf. „Nehmen Sie an, es sei die Tatsache, dass ich nicht weiß, für wen Sie meine Ranch aufkaufen wollen. Dieser Jemand hat nicht nur mehr Dollars, als ihr gemeinsam aufbringen könnt, er hat auch eine feine Nase für gewisse Dinge. – Yeah, er weiß, dass selbst der fünffach gebotene Preis nur ein Trostpreis ist. Und darum – verkaufe ich nicht!“

Das war abschließend, endgültig. Paddy Sutter sah nur noch die Flammen und daran heiße Zungen.

James Wilkins sprang auf, lachte scharf, anhaltend.

„Ist das Ihr letztes Wort?“, schrie er wild.

Die dunkel glimmenden Augen Paddys tasteten sich zu ihm hin. „Was bekommen Sie für die Vermittlung?“, klang seine Gegenfrage auf. „Sie legen sich zu sehr ins Zeug, Mister Wilkins.“

Sachlich und kühl war die Feststellung. Sie konnte James Wilkins nicht mehr bremsen, und die Gewissheit, dass Sutter endgültig das Angebot abgelehnt hatte, sprengte den Damm seiner Beherrschung.

„Sie werden es bereuen“, presste er über seine Lippen. Mit der geballten Faust schlug er sich auf die Chaps. „Corby Penter bekommt alles, was er will, und Sie leben nicht mehr so lange, um uns den Weg zu sperren, Rancher!“

„Soll das eine Drohung sein, Mister?“ Scharf, glashart war die Stimme des Kranken. „Will Ihnen etwas sagen, Gents – Corby Penter ist kein Unbekannter. Er soll früher einmal Chef über drei bis vier Banden gewesen sein, die in verschiedenen Ländern operierten und je nach der Lage ausgewechselt wurden.

Sie haben den Namen Ihres Auftraggebers gelüftet, Mister Wilkins. Sie können nicht annehmen, dass ich meine Ranch einem Banditen überlasse. Er ist durch die Gegend geritten, hat das Moor angesehen und die Ölflecken entdeckt. – Jetzt glaubt er, es wäre Erdöl, ist deshalb scharf auf meine Ranch, ist glatt auf meinen Bluff hereingefallen.“

„Bluff?“, stöhnten die beiden Besucher.

Ein helles, fast jungenhaftes Lachen brach aus Paddys Kehle.

„Yeah, wenn man eine Ranch gut verkaufen will, muss man sie kostbar machen. Es ist mir geglückt. Gents! Habe drei vorzügliche Angebote vorliegen.“

Aus schmalen Augen beobachtete er die verzerrten Gesichter seiner Besucher, sah in die geweiteten, flackernden Augen. Langsam erhob er sich aus seinem Sessel, nickte den beiden zu.

„Das war meine Antwort!“, murmelte er verbindlich.

Sie verstanden beide. Es war ein glatter Hinauswurf.

Rui Brokers Stirnadern schwollen an. Böse funkelten seine Augen. James Wilkins nagte an seiner Unterlippe, trat schnell einige Schritte vor, baute sich breit und mächtig vor den Alten hin:

„Vielleicht hören Sie Corbys Antwort in wenigen Tagen, Mister“, barschte er.

„Hinaus!! Ich dulde in meinem Hause keine Kerle, die mit Banditen gemeinsame Sache machen. Hinaus!!“, brauste der Rancher auf.

Er streckte gebieterisch die Knochenhand aus und wies zur Tür, stand hochaufgerichtet wie ein Mann, der sich seiner Macht bewusst ist, und seine Augen glühten.

Broker versteifte sich. Seine Klauenhände schwebten über den tiefgeschnallten Holstern, wollten zugreifen, die Eisen herausreißen. Ausdruckslos wurden seine verwaschenen Augen, seltsam ausdruckslos und leer. Die raschen Atemzüge seines Kumpanes flatterten in die spannungsgeladene Stille hinein.

„Jetzt verstehe ich auch, weshalb es damals zum Weidekrieg kommen konnte.“ Paddy Sutter sprach es laut vor sich hin. „Schon damals hatten Sie einen Bundesgenossen: Corby Penter. Aber er hat euch wenig genützt, und dieses Mal wird er euch noch weniger nützen. Sagt ihm, er dürfte sich auf dem Mond eine Ranch kaufen, oder am Nordpol. Aber niemals da, wo Paddy Sutter arbeitete. – Sagt dem Mörder meiner Frau, dass es ihn bald erwischen wird. Einmal konnte er mir entkommen, jetzt wird ihm der Tod folgen, wohin er sich auch wenden mag.“

Monoton, schleppend war die Stimme des Kranken, aber gerade darum umso eindringlicher.

Rui Brokers Augen quollen hervor. Beide Hände krampften sich um die glatten Kolben seiner Waffe. Wütend lachte er auf.

„Das alles hast du herausbekommen? Damned! Fahr zur Hölle!“

„Stopp!“, krächzte James Wilkins. „Er hat keine Waffen! Ist eigentlich schon ein Toter. Lasse ihn. Er ist übergeschnappt und will uns bluffen“, lachte er rasselnd, betonte jedes Wort.

„Wer wollte das wohl besorgen?“, zischte Broker überlegen. Beide Männer krallten ihre Blicke in das Gesicht des Ranchers hinein, standen starr, lauernd.

„Meine Söhne!“, schleppte der. Kaum hatte er das gesagt, als beide dröhnend lachten. Eine hektische Heiterkeit schüttelte sie durch und durch.

„Komm, James. Der alte Mann hat den Verstand verloren“, grinste Rui Broker giftig. „Wenn der noch länger als drei Tage lebt, dann soll er meine Ranch und meine Herden gratis zu seinem Krempel bekommen; dann schenk' ich sie ihm. – So long, Paddy Sutter – und grüß den Teufel!“

Er wandte sich endgültig zur Tür, und gerade jetzt schob sich Pete Custor durch eine kleine Nebentür ins Zimmer hinein. In seiner Rechten blinkte es matt. Die drohende Mündung seines Colts zeigte auf die Besucher.

„Boss, ein Wort, und diese beiden verlassen die ,Gitter-Ranch' nicht lebend“, sagte er ruhig, blieb stehen, nahm keinen Blick von den herumfahrenden Ranchers. Das alte, runzelige Pergamentgesicht Sutters wirkte wie aus Stein gehauen.

Seine buschigen Brauen verdeckten das schwefelige Blinken seiner Augen.

James Wilkins Atem flog keuchend über die offenstehenden Lippen. Rui Broker machte langsam kehrt, fixierte den neuen Gegner abtastend. Das spöttische Grinsen verlor sich aus seinem Gesicht. Zurück blieb nur noch eine verzerrte Maske.

„Lass sie ziehen, Pete“, wehte die Stimme des Kranken durch den Raum. „Aber sie sollen das Wiederkommen vergessen – so long, Gents!“

Beide verließen den Raum. Ihre Sporen klirrten bei jedem Schritt, den sie taten, und hinter ihnen drein glitt Pete Custor.

Paddy Sutter lauschte. Pferdehufe trommelten den Boden. Pete kam zurück, maulte kläglich:

„Du hast die Ratten geschont, Boss.“

„Ich breche das Gastrecht nie. Auch wenn Menschen wie Rui Broker und James Wilkins es für sich benutzen“, klang es leise. „Ich habe ihnen einen Denkzettel verpasst. Sie werden daran zu schlucken haben!“

„Sie werden nicht ersticken, Boss“, brummte Pete. „Aber sie werden mit Corby Penter etwas unternehmen. Verdammt will ich sein, wenn es nicht bald wieder nach Pulver riecht. Habe für die Dinge eine Nase, Boss. Du hättest den Bluff mit deinen Söhnen nicht starten sollen, fellow. Weißt ganz genau, dass sie niemals zurückkommen. Sie sind für uns tot.“

Paddy Sutter schwankte zum Fenster, schaute nach draußen. Blass, grau war sein Gesicht, die Schatten der Nacht standen darin, und jetzt glich er mehr denn je einer Totenmaske.

„Mach kein Licht, Pete“, bat er. „Weshalb ich Corby mit meinen Söhnen drohte, willst du wissen? – Gut denn, will es dir sagen. – Ich bin zu alt, zu schwach, um ihm gegenüberzutreten. Aus meinem Körper ist die Kraft gewichen. Ich bin nur noch ein Schatten von dem was ich früher einmal war. Also, ich habe geblufft. Ich hoffe, Corby dadurch zu treffen, ihn etwas zu beunruhigen. Er ist der Mörder Sallys. – Du und ich, wir haben seine Spuren gesucht. Es war alles umsonst. Immer kamen wir zu spät ... und auch jetzt, Pete, kommen wir zu spät. – Aus diesem Grunde habe ich etwas heraufbeschworen, habe das ausgesprochen, was mir ein Wunschgedanke ist und auch bleiben wird. Lass mich allein, fellow ...“, keuchte Paddy. „Lass mich mit meinen Gedanken allein!“

Wortlos wandte sich Pete Custor ab und ging. Etwas später, als er durch den Korridor zu seinem Zimmer hin schritt, sah er Licht in der Halle, hörte das Kratzen einer Feder.

Verblüfft blieb er stehen, horchte. Aber jetzt drang von draußen der Lärm heimkehrender Weidereiter, klangen Gesang und Lachen auf, übertönten die Geräusche da drinnen.

Er kratzte sich hinter dem Ohr.

„Möchte nur wissen, was er zu schreiben hat“, murmelte er nachdenklich und sann vor sich hin. Soweit Pete sich zurückerinnern konnte, hatte Paddy Sutter niemals geschrieben. Was an Papierkram fällig war, erledigte der Hausdoc, Bruce Wells, wenn er von Sallysborg herkam und für einige Tage auf der ‚Gitter-Ranch‘ blieb.

Plötzlich hob Pete den Kopf. Ein Lächeln spielte um seine Mundwinkel, und zum ersten Male nach Wochen und Monaten war für Sekunden alles Raue und Harte aus seinem runzeligen Gesicht fortgewischt.



2.

Mitten in der Nacht wurde Pete Custor wach. Entsetzt fuhr er hoch, streifte mit einer schnellen Bewegung die Decke von sich und huschte zur Tür, wartete einen Herzschlag lang, lauschte.

Ein undeutbarer Laut drang an seine Ohren.

Etwas wischte im Korridor über den Boden.

Dann war es still.

Leise öffnete er die Tür, einen Spalt breit. Mondlicht gleißte durch das Fenster, warf einen Silberteppich. Die Schatten der Nacht standen in den Winkeln und Ecken, und dennoch zeigten sich die verschwommenen Umrisse einer Gestalt, die bewegungslos in der rechten Türnische stand.

Petes Rechte glitt zur Hüfte.

Nein, er trug keinen Colt; der Waffengurt hing am Bettpfosten. Drei Yards waren es bis dorthin – eine weite Spanne für einen Mann, der eine Waffe brauchte, der mit dem Witterungssinn einer Bergziege die drohende Gefahr empfand.

Lähmend legte sich die Erkenntnis auf Petes Nerven, dass der Unbekannte nur ihn belauerte, nur auf irgendeine Reaktion von ihm wartete, oder darauf, dass er sich zeigte. Er spürte, wie sein Herz in dumpfen Schlägen hämmerte, wie vor seinen Augen wallende Nebelschwaden hochzogen und die Umrisse der Gestalt verwischten.

Er gab sich innerlich einen Ruck, wusste, dass er sofort und auf der Stelle handeln musste. Er wirbelte herum, flog zum Bett und riss die Waffe aus dem Futteral, machte dabei eine schnelle Drehung und sah wirr um sich, denn krachend flog die Tür auf, schlug einige Male hin und her.

Pete riss die Waffe hoch – doch kein Mensch drang herein.

„Damny!“, zischte der Oldtimer.

Mit einem Satz sprang er vorwärts, sauste durch den Korridor zum Fenster, spähte hinaus, wo ein Reiter sich in die Steigbügel schwang und grüßend mit der Hand winkte, sein Reittier auf die Hinterhand herumwirbeln ließ und wie ein Spuk zwischen den Stallungen verschwand.

Verwirrt krallte Pete seine Hände an das Fensterbrett, ließ seinen Colt darauf fallen, tastete sich an die Kehle. Sie war ihm zu eng geworden, denn er japste nach Luft. No, das konnte er alles nicht verdauen.

Wer war der Unbekannte?

Was wollte er hier?

Die furchtbare Unruhe ließ Pete an die Schlafzimmertür Paddy Sutters trommeln.

Das schlürfende Geräusch von Tritten, die sich hinter der verriegelten Tür näherten, beruhigten ihn.

„Heilige Maveriks! Was ist in dich gefahren, fellow?!“, knurrte der Kranke verschlafen und ärgerlich.

Pete schob sich an seinem Boss vorbei, starrte ihn an, sah sich in der Kammer um.

„Wir hatten Besuch, Boss, Nachtbesuch“, sagte er heiser. „Schätze, dass nur der Riegel vor deiner Tür dich davor bewahrte, vorzeitig in die Grube zu fahren. Broker, Penter und Wilkins handeln verdammt schnell, und wenn wir nicht aufpassen, wirst du wirklich nicht länger als drei Tage leben, Boss.“

Er packte Paddy hart bei den Schultern, rüttelte daran. „Wach auf!“, knirschte er zwischen den Zähnen hervor. „Der Besuch war kein fauler Bluff. Es war eine hinterlistige, gemeine Sache. Irgendein Killer sollte dich fertigmachen. Sage dir, dass der Tanz beginnt. Werde zum Bunkhouse hinübergehen und mit den Boys sprechen. Sie werden die Eisen überholen. Noch eins, Rancher ... Was ist eigentlich wirklich mit dem Sumpfgebiet los? War das alles nur ein Bluff?“

Paddy Sutter setzte sich auf die Bettkante. Jetzt, da er nur mit einem langen Nachthemd bekleidet war, glich er dem Sensenmann aufs Haar. Auf die Frage gab er keine Antwort, sondern kicherte verhalten in sich hinein, wurde plötzlich ernst, nachdenklich.

„Ich bin eigentlich schon tot, Pete. Weshalb sollte ich die Cowboys in einen Totentanz hineinziehen. Es hat keinen Sinn. Wenn ich sterbe, bist du versorgt ... die Ranch aber übernimmt ein Kind von Eddy Fairman, das heißt, wenn es die Ranch halten kann.

Well, sollen für das, was sie erben, kämpfen. Du erinnerst dich noch, Pete, als Fairman, du und ich auf dem Trail nach Mexiko waren. Wir hatten eine neue Fährte Corby Penters entdeckt und folgten ihr. Eddy hielt nicht durch, wir mussten ihn begraben. Es ist ein gerechter Ausgleich, wenn eines seiner Kinder das hier alles übernimmt.“

„Du weichst aus, Paddy“, fuhr Pete auf, trat zum Tisch, setzte die Petroleumlampe in Brand. „Außerdem fällt mir auf, dass du dich zum Sterben bereitmachst, warum? – Denke, dass deine Söhne vielleicht doch noch leben könnten. Eines Tages könnten sie vor der Ranch stehen, und dann?“

Er warf den Kopf herum, schielte zu seinem Boss hin.

„Dann? Ah, dann werden sie dennoch etwas vorfinden ...“

„Das Testament?“, schnappte Pete.

Der Kranke legte sich nieder, deckte sich sorgfältig zu.

„Yeah“, sagte er. „Und in diesem Testament habe ich dem Sohn, der aus der Versunkenheit auftaucht, das Sumpfland vermacht.“

Pete zuckte zusammen.

„Also doch Erdöl“, stammelte er mühsam. „Glaubst du, dass du Corby Penter täuschen kannst? Glaubst du, dass dein Bluff ihn und seine Hyänen abhalten wird? Du hast zweimal geblufft, Rancher, aber einmal kommen sie doch dahinter.“

„Yeah“, nickte Paddy Sutter gleichzeitig aus den Kissen heraus. „Ich bin überzeugt, dass das mit dem Oel nur Corby wusste. Jetzt wissen es auch seine Kumpane. Das ändert die Sachlage, und je mehr davon durch die Gegend posaunt wird, umso größer werden die Chancen, dass man es für einen üblen Bluff hält. – Und das andere ...? Lasse mich wieder allein, Pete.“

Der Oldtimer blieb an der Tür stehen, sagte gedehnt:

„Was auch kommen mag, fellow, ich werde die Boys wachmachen. Die ,Gitter-Ranch' wird bestehen bleiben!“

Sein steinernes Gesicht zeigte tiefe Kerben. Leise schloss er die Tür und stapfte aus dem Haus.

Der Ranchhof lag im prallen Mondlicht. Dumpf klang das Muhen der Milchkühe aus den Ställen. Dort, wo der Kanundasee wie gleißendes Silber zwischen den Baumstämmen schimmerte, erscholl das Konzert von Fröschen, wehten verschwommene Laute, die aus der Tiefe des Rohrdickichts geboren wurden.

Mitten auf dem Ranchhof stutzte Pete abermals, riss die Augen auf, glaubte wieder einen Schatten zu sehen, stolperte dann weiter.

„Ich sehe überall Gespenster“, knirschte er vor sich hin. „In dieser Nacht ist der Teufel los, und meine Augen gaukeln mir etwas vor.“

Ärgerlich zog er seinen verbeulten Stetson in die Stirn, öffnete mit dem Stiefel die niedrige Tür zum Bunkhouse, trat geräuschlos in das Schlafhaus der Cowboys.

Rings an den Wänden standen doppelstöckige Betten mit Vorhängen. Ein wildes Schnarchkonzert tönte daraus dem Eintretenden entgegen. Schemel und Stühle standen wahllos verstreut herum. Der lange Tisch diente als Garderobenablage und – Pete rieb sich die Augen – auf dem Kleiderberg lag „Grand Ibrahim“, der Kartenhai, stöhnte und wimmerte im Schlaf über den gestrigen Spielverlust.

Alkoholdunst und erkalteter Tabakrauch schwängerten die Luft. Die Boys hatten sich volllaufen lassen, jetzt schliefen sie friedlich ihren Rausch aus, um sich morgen den frischen Wind um die Ohren fegen zu lassen, denn morgen würden sie munter die Mannschaften bei den Herden ablösen müssen.

Auf einem Schemel stand eine Wasserschüssel. Pete schnappte sie, trug sie neben „Grand Ibrahim“, der seine Koje nicht mehr erreicht hatte und dessen Hände an den Tischkanten herunterhingen. Er tauchte sie in das Wasser hinein.

Der Kartenhai hörte mit seinem Gewimmer auf, schnellte in die Höhe, rutschte vom Tisch, landete mit einem Krach auf dem gestampften Boden, und da er Petes Stiefel an sich riss, stolperte der Oldtimer über ihn hinweg, und das kalte Wasser schwappte über „Grand Ibrahims“ spiegelnde Glatze, rann in vielen, unzähligen Bächen durch das etwas angeschmuddelte Halstuch, drang weiter und vereinigte sich mit der Feuchtigkeit, die von außen her durch das Baumwollhemd kam.

„Pest“, gurgelte „Ibrahim“. „Ich habe etwas gegen Wasser – kann den Stoff nicht vertragen. Wenn ich einmal im Jahre bade, habe ich meine Pflicht als ehrlicher Weidereiter vollauf erfüllt.“

Aus einigen Kojen drang Gelächter, etliche Vorhänge schoben sich zur Seite. Etwas benommen richtete sich Pete auf, lehnte sich an den bepackten Tisch.

„Hört, Boys. Brauch' einen Mann, der den Kanal nicht ganz so voll hat ...“

Man ließ ihn nicht aussprechen. Murrende Zurufe unterbrachen ihn.

„Fellow, heraus mit dem Song. – Was liegt an?“, meldete sich Tom Brayer, der aus der Koje sprang. „Sage dir, dass jeder hier bezeugen kann, dass ich nur zehn Doppelstöckige getrunken habe, und das reichte gerade, um meine Zunge zu befeuchten. Heh, wenn du hier erscheinst, dann stinkt etwas. – Habe ich recht?“

Düster nickte Pete dem Sprecher zu.

„Hört, Boys ... Es gibt einige Kerle hier im Valley, die nur darauf warten, dass unser Boss die Augen schließt. Habe sie in Verdacht, dass sie eine lange Wartezeit für unangebracht halten …“

Wieder konnte Pete nicht aussprechen. Mit einem Schlage brach ein ohrenbetäubender Lärm los. Sämtliche Vorhänge wurden beiseite gezerrt. Jäh verschwand das Lachen aus den Gesichtern der Cowboys. Selbst die letzten Spuren des genossenen Whiskys verwischten und selbst „Grand Ibrahim“ machte einen nüchternen, wachen Eindruck.

Tom Brayer hob beide Hände. Sofort verstummte der Lärm.

„Fellow, wir alle kennen dich viel zu genau. Wenn du eine solche Behauptung aufstellst, dann ist daran nichts mehr zu rütteln. Also heraus mit dem Song! Wir werden wohl Blei bereithalten müssen, werden unsere Kanonen überholen und wahrscheinlich auch bald in heißen Sätteln sitzen. Well – wer will unserem Boss ans Leder?“

Das war so rechte Cowboyart. Sie fragten nicht lange. Ihnen genügte es, dass man ihren Boss bedrohte. Sie waren sofort bereit, sich voll und ganz für die Ranch und den Rancher einzusetzen, mit der Waffe in der Hand gegen jeden Feind zu ziehen, der es wagen sollte, ihren Brotgeber zu bedrohen. Und sie liebten klare Fronten. Das ging aus der Frage hervor.

Schnell flogen Peters Augen hin zu den Männern. Ihre grimmigen Gesichter verrieten, was sie dachten, was in ihnen vorging. Sie hielten den Atem an, blickten mit fiebernden Augen zu Pete hin.

Groß stand das Schweigen im Raum.

„Hört, Boys. Rui Broker von der ,Kronen Ranch' und James Wilkins von der ‚Ring Ranch' wollten unsere Ranch für Corby Penter aufkaufen ...“

„Corby Penter?!“, gellte es vielstimmig.

Einige Männer sprangen aus den Kojen, lachten wie bedrückt, andere knirschten mit den Zähnen, wieder andere wurden zu Bildsäulen, regten und rührten sich nicht. Die wirkte wie ein Bombenschlag.

Tom Brayer, der Vormann, spreizte und schloss dann wieder seine mächtigen Fäuste, als ob sie sich um die Gurgel eines Unsichtbaren gelegt hätten. Über sein gerötetes, breitflächiges Gesicht lief ein nervöses Zucken. Er packte die Petroleumlampe, drehte den Docht auf und fegte mit einer Handbewegung den Tisch frei.

„Kommt aus den Kojen, Cowpuncher!“, brüllte er auf. „Es sieht danach aus, als ob es bald wieder einen zünftigen Weidekrieg geben soll. – Nur hat diese Sache hier einen kleinen Beigeschmack. – Banditen mischen mit, und ich will meinen Bronco mit Haut und Haaren fressen, wenn einer von euch die Sache nicht so sieht wie sie ist. Man will unserem kranken Boss die wenigen Tage seines Lebens noch mehr verkürzen. Heh, kommt hoch! Schätze, dass es wohl aus sein wird, auf weichen Daunen zu liegen, sich herumzuwälzen, zu schlafen und zu träumen. Was jetzt gespielt wird, geht uns alle an. Heraus aus den Federn!“

Er hätte das nicht zu wiederholen brauchen. Mit wilder Eile sprangen sie alle aus den Betten, versammelten sich um den Tisch.

Pete sah in gespannte Gesichter, in zornige Augen. „Grand Ibrahim“ hieb beide Fäuste auf die Tischplatte.

„Darauf habe ich gewartet, old fellow. Mir ist es ein Festessen, gegen die ‚Kronen' und ,Ring Ranch' zu ziehen. Hab' schon immer auf eine günstige Gelegenheit gewartet. Hab' läuten hören, dass die Boys der ,Gitter Ranch' schon einmal das Valley sauber fegten. By Jove! Das waren Burschen! Sind wir etwa weniger? – Frage euch das, Boys. – Außerdem ist Corby Penter ein ganz besonderer Freund vom Boss. Er hat seine Frau in die Grube gebracht.“

Sein Gesicht wurde zur hasserfüllten Maske. Er warf den Kopf herum, musterte die anderen, maß sie mit schnellen Blicken.

„Wenige nur von euch kennen die alte Geschichte. Ich selbst weiß nur das wenige, was so durchgesickert ist. – Höre, Pete, ist es an der Zeit, dass du ein altes Lasso aufrollst?“

Fragend sah er den Oldtimer an, der sich müde auf einen Sessel fallen ließ und langsam die Hände vor die Augen hob.

Die Männer rückten sich auf ihren Bettkanten zurecht, hoben die Köpfe. Pete fühlte die Blicke der Männer wie versengende Flammen auf seiner Haut.

„Yeah, Boys. Ihr kennt Corby Penter nur als den Chef der, Drei-Staaten-Banditen‘. Es gab aber eine Zeit, als er ein Weidereiter war, der mit den Herden zog. Da war unser Boss noch sein Freund. Dann, eines Tages entdeckten die beiden Sallysborg Valley. Damals war das Land frei und gehörte demjenigen, der es sich mit der Waffe in der Hand eroberte, der es mit der Waffe gegen die Redmen hielt. Sie beide waren jung und voller Lebenskraft. Abenteurerblut floss durch ihre Adern, und sie besetzten das Valley und nannten den See Kanundasee. Die kleine Rinderherde, die sie über den Pass und die Deadvill-Mountains wohlbehalten ins Tal treiben konnten, vermehrte sich zusehends, denn beide Männer verstanden es, das Raubzeug von den Tieren fernzuhalten. Zwei Jahre später bauten sie gemeinsam die ,Gitter Ranch', stellten harte Männer ein und trieben die erste Herde zum Verkauf. Sie wechselten sich beim Treiben ab. Einmal blieb Corby Penter auf der Ranch zurück, das andere Mal Paddy Sutter.

Nach weiteren drei Jahren stellte Paddy fest, dass sein Partner ihn betrog, dass er bedeutend mehr Rinder trieb und viel weniger Dollars zu rückbrachte. Er stellte ihn zur Rede und dann einigten sie sich.

Penter erhielt die Hälfte der Herde und zog damit zu den Silver Hills, baute sich dort ein eigenes Blockhaus. Wieder verging ein Jahr. Euer Boss hatte inzwischen geheiratet; seine Frau erwartete das erste Kind, als Corby unverhofft auf der ,Gitter Ranch' auftauchte und die Frau sah. Sie erschrak bei seinem Anblick, sagte später ihrem Mann, dass es Corby gewesen sei, der ihre beiden Schwestern entführte und verschwinden ließ.

Damals hörte Corby der Mormonen Sekte an, hatte beide Frauen geheiratet. Aber das fand unser Boss erst viel später heraus, erst, als es zu spät war ... als seine eigene Frau sich dem Zugriff Corby Penters entzogen hatte, auf ihn Schoss und dann von ihm ermordet wurde.

Paddy ließ seine beiden Jungen auf der Ranch zurück bei Eddy Fairman und dessen Frau. Er brach mit mir auf, um den Mörder zu stellen. Doch der hatte schon vorgesorgt, hatte sich nicht nur in Sicherheit gebracht, sondern die gesamte Herde der ‚Gitter-Ranch' abgetrieben. – Jahre blieben wir auf Corbys Fährte, kehrten nur zurück, um neue Kräfte zu sammeln, um von neuem die Suche aufzunehmen. Sie blieb ohne Erfolg.

Vor elf Jahren kamen dann Rui Broker und James Wilkins ins Land, entfachten den Weidekrieg, und nachdem ihnen unser Boss Rinder und Weiden zum halben Preis verkaufte, stand plötzlich Corby Penter hinter ihnen, arbeitete aus dem Dunkeln heraus, doch Paddy gewann den Krieg.

Heute aber steht Corby Penter auf. Heute hat er eine Bande, hat Kerle, die kalt einem Menschen in den Rücken schießen können, hinter sich stehen. Er soll einen Sohn haben, der noch viel teuflischer, noch gemeiner als er selbst sein soll ...“

Petes Worte wurden unterbrochen. Die harten Detonationen schnell aufeinanderfolgender Schüsse peitschten durch die Nacht. Sie waren kaum verhallt, als ein gellender Schrei die Nacht zerriss.

Die Boys an dem Tisch handelten sofort. Zischlaute, keuchendes Fauchen waren um Pete herum. Mit einem Satz war er an der Tür. Neben ihm sprang Tom Brayer vorwärts, war vor dem Oldtimer an der Tür und draußen. Der glatzköpfige ‚Grand Ibrahim‘ huschte wie ein Wiesel hinterher.

Pete hatte noch nicht den Hof erreicht, als er die zuckenden Flammenstrahlen sah, die aus den Waffen des Vormanns sprangen.

Dröhnend rollten die Detonationen weiterer Schüsse über den Hof, übertrumpften das Stampfen der Pferde.

Ein Kerl kippte seitwärts aus dem Sattel, stürzte schwer in den Staub. Über ihn hinweg flammten orangenfarbene Flammenzungen. Holz fetzte über Pete auseinander. Ein Splitterregen fiel auf ihn herab. In diesen wildbewegten Minuten sah und hörte er alles mit einer unheimlichen Eindringlichkeit.

Neben Pete Custor stand ‘Grand Ibrahim’. Breitbeinig, so, als ob er sich mit seinen bestrumpften Füßen einen festen Halt verschaffen müsste, stand er. Sein Oberkörper neigte sich vor. Die Schultern zogen sich hoch. Er schoss schnell und schien kaum zu zielen.

Einige Schritte weiter stand Tom Brayer. Groß, wuchtig, ein Hüne mit rollenden Augen. Er streckte bei jedem Schuss die Linke nach außen, hieb sie durch die Luft, und tief aus seiner Brust klang es wie Gewittergrollen.

Er wich nur ein wenig beiseite, als das reiterlose Pferd mit gestrecktem Kopf und bleckendem Gebiss auf ihn zu gesaust kam.

Für Sekunden verhinderte der gestreckte Körper des Pferdes einen weiteren Kugelwechsel.

Diese Spanne genügte dem Reiter, sich und seinen Gaul hinter die Schuppenwand zu retten. Dumpf pochte der Hufschlag des sich in rasender Eile entfernenden Pferdes.

„Grand“, stieß einen heulenden Schrei aus, raste wie ein Wirbelwind quer über den Ranchhof. Der hünenhafte Vormann hob seine rauchende Waffe, stierte in die Mündung, aus der es grau aufstieg, sah dann mit dunklen, fast irren Augen auf den alten Pete, der sich mit einem Ruck vom Türpfosten löste.

In diesem Augenblick drang die Crew der ‚Gitter Ranch‘ nach. Die Männer überstürzten sich. Alle trugen ihre Waffen in den Fäusten, waren bereit zu kämpfen.

Tom Brayer fuhr sie an.

„Boys! In die Stiefel!“, rief er hart und entschlossen.

Er wartete die Reaktion nicht ab, sondern rannte in langen Fluchten dorthin, wo das reiterlose Pferd stand, flog dem Tier mit pantherhafter Gewandtheit in die Zügel, riss es herum, brachte es hinter sich, zerrte es trotz seines Sträubens hinter sich her. Seine Stimme klang wie erstickend, war vor Wut brüchig geworden.

„Pete! Es trägt den ‚Kronen' Brand!“, gellte es.

Der Oldtimer nickte schwer, bückte sich über den Mann, den der Vormann aus dem Sattel geholt hatte, bewegte ihn hin und her, richtete sich dann auf. Seine Hände hingen ihm wie Blei zu beiden Seiten des Körpers herab.

„Es ist keiner von der ,Kronen Crew'“, sagte er schleppend. „Schaut im Hause nach ...“, bebte seine Stimme, „... schaut nach, Boys! Ich muss bleiben, denn dieser hier wird gleich vor dem ewigen Richter stehen. Gott sei seiner Seele gnädig!“

Die Männer rannten davon. „Grand Ibrahim“ zeigte sich an der Hausecke. Mondlicht ließ seine Glatze aufleuchten.

„Er ist vom Ufer des Kanundasees ab nach Nordwesten geritten. Sah ihn, wie er in den Espenwald einbog. Bestimmt will er zu den Silver Hills, zur ,Ring Ranch'.“

Er kam lautlos heran, sah starr auf den Verletzten.

„Was ist mit ihm?“, fragte er rau.

In diesem Augenblick verstummte im Ranchhaus der Lärm. Pete zuckte zusammen, sah in das verzerrte Gesicht des Spielers. Ihre Blicke verkrallten sich, ließen sich nicht mehr los. Knarrend öffnete sich ein Fenster.

Aus dem dunklen Hintergrund tauchte die wuchtige Gestalt des Vormanns auf, lehnte sich über das Fensterbrett. Schneidend, eisig, stechend war seine Stimme.

„Hört, Männer! – Nehmt den Hut ab – Paddy Sutter hat uns verlassen!“, stieß er hinaus.

Zuerst standen Pete und „Grand“ starr und stumm, doch dann brandete ein gequälter Laut aus den Kehlen.

Pete Custor starrte zum Fenster hinauf, wie der Vormann mit bleichem Gesicht und seltsam düsteren Augen stand. „Grand“ duckte sich. Die Nachricht machte ihn fassungslos. Er suchte die Blicke Petes, und wieder brannten ihre Blicke ineinander.

Die Männer zerrten sich die Stetsons vom Kopf. ‚Grand‘, neigte sein Haupt. Schwer hing es ihm auf der Brust. Seine schmalen, ungemein flinken Spielerhände verkrampften sich.

Vielleicht wurde es erst in diesen harten Minuten allen Cowboys bewusst, was es hieß, schon zu Beginn des Kampfes den Rancher zu verlieren. Die erste Schlacht war von den Gegnern gewonnen, war durch einen Mord gewonnen ...

Pete Custor sah die Erkenntnis in den Augen ‚Grands‘, sah das haltlose Verlorene darin, wusste, dass eine Crew ohne Boss wie eine Schiffsmannschaft war, die ohne Kapitän auf stürmischer See trieb. Er schluckte, würgte.

„Tom, ist er ...“, fragte er trotzdem noch.

„Ermordet“, klang es hart. „Drei Schüsse im Rücken.“ Laut hallten die Worte über den Ranchhof, waren eine Anklage, waren wie ein Schrei.

Das, was Pete geahnt hatte, war schneller eingetroffen, als er es selbst hatte glauben können. Corby Penter drückte diesem Kampf den Stempel auf, machte ihn zum dynamischen Geschehen, zum Tornado der schäumenden Rücksichtslosigkeit, hatte unbarmherzig zugeschlagen.

Mit schleppenden Schritten kamen einige Boys aus dem Ranchhaus, andere traten neben den Vormann an das Fenster. Alle Blicke waren wie hilfesuchend auf Pete Custor gerichtet.

„Boys! – Die ,Gitter Ranch' wird nicht zerfallen“, murmelte der mit zuckenden Lippen. „Schwört es bei euren Eisen, bei eurer Ehre, dass wir sie verteidigen und demjenigen übergeben werden, den unser Boss als Nachfolger eingesetzt hat. Wir werden kämpfen!“

Seine Stimme war jetzt hell, schwingend, drang in die Herzen.

„Schwört es, Männer der ,Gitter Ranch'!“, forderte der Oldtimer, reckte sich hoch auf. Seine gebeugten Schultern knackten leise, und ein jugendfrischer Glanz stieg in seine Augen.

„Wir schwören es bei unseren Eisen!“, murmelte es in heiseren Kehllauten um ihn her.

Raunend verklangen die Stimmen. Ringsum stand die Nacht und flüsterte die Worte nach. Am nächtlichen Dom des Firmamentes blitzten kühl und unnahbar fern die Sterne.

Tom Brayer aber wandte sich schwerfällig vom Fenster, trat hin zu dem stillen Mann, auf dessen abgehärmtem Totengesicht das blasse Licht des Mondes verhielt.

Lange betrachtete er seinen Boss, der viele Jahre hindurch gelitten, trotzdem still und ohne Klage mitten unter ihnen gelebt hatte.

Yeah, und dieser Tote hier, der konnte bisher nicht sterben, weil seine Seele immer und allezeit auf ein großes Ereignis gewartet hatte, weil sie sich festklammerte und auf den Tag hoffte, an dem seine Söhne auf die Ranch geritten kamen. Jetzt hatten Mörder seinem Hoffen ein Ende gesetzt.

Und dennoch lächelte das Gesicht des Toten. Es war ein undeutbares zufriedenes Lächeln, von dessen Tiefe der starke Mann ergriffen wurde.



3.

„Rührt ihn nicht an, Boys. Sein Leben verlöscht, aber er kommt noch einmal zu sich“, sagte Pete dumpf und hockte sich nieder. Mit verkniffenen Gesichtern standen die Cowboys um den Schwerverletzten herum. Man konnte nicht hinter ihre Stirne sehen, konnte nicht die Gedanken lesen, die dahinter rumorten.

Ihnen allen war der Mann ein Unbekannter. Sie hatten ihn weder auf der Weide noch in Sallysborg gesehen, waren ihm niemals begegnet.

Der Verletzte war ungefähr Mitte der Vierzig, hager, mit tiefliegenden Augen, deren Lider jetzt zuckten. In die schon gebrochenen Lichter kehrte ein wenig Glanz zurück. Pete hob vorsichtig den Kopf des Mannes an, bettete ihn auf seinen Schoß und hielt die gefüllte Whiskyflasche an seine Lippen, netzte den Mund mit der Flüssigkeit.

Die Wirkung war erstaunlich.

„Habe ich noch eine Chance?“, zischte es heiser.

„Kaum“, erwiderte Pete, sah die plötzliche Veränderung in dem verkrampften Gesicht, hörte das leise zischelnde Stöhnen, spürte, wie sich alles in dem Sterbenden spannte, sich gegen das Grauen, gegen die furchtbare Gewissheit des Todes auflehnte. Er fühlte jäh die fieberheißen Hände, die sich um seine Handgelenke schlossen und diese fest umklammerten.

Niemals hatte Pete zuvor in Augen geschaut, die das Entsetzen und die Furcht vor dem Tode so deutlich widerspiegelten. Heiß stieg es aus seinem Innern, brannte in der Kehle. Eilig sah er zu den Cowboys hin, die regungslos ringsherum standen und schweigend lauschten.

„Keine Chance!“, gurgelte es müde. „Ich will nicht zur Hölle fahren ... ich will nicht!“, kam es dann schrill aus dem vom Tode Gezeichneten.

„Du scheinst es genau zu wissen“, unterbrach Pete leise.

„Yeah“, keuchte es nun erstickt. Die flackernden Augen weiteten sich. „Gib mir zu trinken ...“

Pete tat es. In kleinen Schlucken trank der Mann, lachte dann unheimlich auf. Sein Gelächter hackte im Echo des Espenhains, tönte gespenstisch zurück.

Bedeutungsvoll sahen sich die Cowboys an. ‚Grand Ibrahim‘, trat etwas vor.

„Du hast noch wenige Minuten, Buddy, dann fährst du ab, gehst auf den letzten Trail, und was dann kommt, wirst du bald erleben. Wo steckt dein Boss, Corby Penter?“, forschte er.

Der Klang des Namens ließ den Verwundeten sein Gelächter abbrechen. Seine Augen tanzten in den Höhlen, flackerten höhnisch über die herumstehenden Männer hinweg.

„Sucht ihn im Westen, in den Deadvill Mountains. Ihr werdet wenig Aussichten haben, ihn in seinem Camp, in seinem Felsennest, aufzuspüren. Ihr seid erledigt – wie ich. – Im Westen lauert Corby, im Norden, bei den Silver Hills, James Wilkins und im Osten Rui Broker. Nur im Süden haben sie gemeinsam einige Leute aufgestellt, die Sallysborg bewachen … Well … viele von euch, wenn nicht sogar alle, werden mir auf den langen Trail folgen, werden mir die Stiefel putzen.“

Wieder lachte er das teuflische Lachen eines Wahnsinnigen, den der Tod schüttelte.

Unvermittelt brach er ab, fuhr fort: „Paddy Sutter hat den Anfang gemacht. Er hat nur geblufft, denn seine Söhne sind tot. Keiner weiß es besser als Corby. Er hat sie getötet, traf Bill Sutter am Rio durch den Kopf, und dem kleineren Duff fuhr seine Kugel ins Herz. Rate euch, haltet euch aus diesem Kampf heraus. Ihr könnt nur verlieren. – Wofür wolltet ihr auch noch kämpfen? Der Boss ist tot. Ich habe ihm ...“ Es sollte stolz klingen, aber seine Stimme verlöschte. Durch seinen Körper ging ein Beben. Noch einmal bäumte er sich auf, dann fiel er zusammen.

Pete Custor ließ den Toten zu Boden gleiten, richtete sich steif auf, blickte in die Runde. Groß und weit waren seine Augen, Krater, die das Grauen in sich hineingefressen hatten und die tief hinter der Iris seltsam glühten.

„Ihr habt es gehört, Boys. Corby hat nicht nur Sally Sutter, sondern auch ihre Söhne gemordet. Er hat von langer Hand geplant und sich danach eingestellt. Was wir erleben, ist nur noch der Schlussakt. Es geht aufs Ganze, und wer von euch zu alt ist, wer von euch den Kampf nicht will, soll zurücktreten und reiten. Ich gebe jedem Mann, der es vorzieht zu kündigen, einen Bronco aus der Herde. Tretet zurück!“

Wie ein Zischeln kamen die Worte des alten Coltmannes. Schnell und abgerissen, wie erfüllt von erbarmungsloser Härte gegen sich selbst klangen sie.

Aber keiner trat aus der Reihe. Finster blickten die Cowboys zu ihm hin. Leise grollte es in der Runde.

Tom Brayer war es, der sich zum Sprecher aufwarf. Er trat nahe an Pete heran, legte ihm seine mächtigen Pranken auf die Schultern.

„Höre, Oldtimer. Wir haben die guten Zeiten auf der ‚Gitter Ranch‘ mitgemacht, und ein Schuft ist der, der sich nun davonstehlen will. Wir sind keine Schufte! Schau dich um, keiner nimmt dein Angebot an, keiner ist dabei, der weich in den Kniekehlen ist. Sie haben es dir zugeschworen, fellow, und haben ihre Hände an die Eisen gelegt, die Crew der ‚Gitter-Ranch' wird bis zum letzten Mann zusammenstehen. Egal wem die Ranch später zufällt, gleich, wer einstmals der Herr über diese Weide sein wird. Wir sind Cowboys, fellow. Wir gehören zur Herde und auf diese Weiden. Wir tragen die Ranch. Wir werden sie verteidigen!“

Was er sagte, waren die Worte, die jeder Cowboy auch gesagt hätte. Sie dachten, fühlten und empfanden genauso wie er, und ihre Begriffe von Ehre deckten sich, machten aus dem harten Land das, was es war: das Land, in dem Männer echte Männer sind.

Pete senkte den Kopf, atmete tief, erregt, hob die Hände.

Das Grollen der Männer ebbte ab. Sie lauschten auf das, was er ihnen zu sagen hatte:

„Dann wollen wir handeln, Männer. Du, ,Grand', reitest sofort nach Sallysborg. Gebe dir den Auftrag, weil du der schnellste Reiter bist und weil du wie kein anderer hier zum Colt greifen kannst. Du wirst dem Doc, Bruce Wells, die Nachricht bringen. Sage ihm, er soll nicht hierherkommen. Es wäre für ihn zu gefährlich. Er soll dafür zu den Fairmans aufbrechen, und er wird wissen, was ich meine.

Du, Jim, stößt bis zu den äußersten Herden am Fuße der Deadvill Mountains vor. Amb und Tude reiten zu den Randgebieten. Alle drei habt ihr die Aufgabe, die Boys bei den Herden zu warnen und zu veranlassen, dass sie die gesamten Herden vereinen und sie nach Osten zum Kanundasee treiben. Die Herde bleibt zwischen dem Momba Creek und dem Bitter Creek. Tom und die anderen bleiben auf der Ranch. Teilt Doppelwachen ein, holt die Munitionskisten aus dem Keller und macht die Ranch zur Festung. – An die Arbeit, Boys!“

Am Himmel prangten die Sterne, warfen ihr fernes Licht durch den Raum. Leise wehte der Wind, verfing sich in den Baumkronen des Espenhains und raschelte im wogenden Schilf der Ufer, strich über das Wasser und trieb kleine Wellen vor sich her. Reiter jagten durch die Nacht, stoben nach allen Richtungen davon, trieben ihre Tiere mit verbissenem Grimm, setzten ihnen die Sporen ein.

Flackender Kerzenschein erfüllte die Halle des Ranchhauses, geisterte über die Wände, huschte über das Gesicht des Toten, zu dessen Häupten die Kerzen auf schweren Silberleuchtern standen.

Zwei Cowboys hielten Totenwache. Aber diese Wache am letzten Ruhelager ihres Boss hielten sie nicht ohne Waffen. Über den Waffengurten trugen sie Patronengurte kreuzweise über der Schulter. Winchester-Karabiner hielten ihre verkrampften Fäuste. Ab und zu blickten sie etwas scheu zu dem Toten hin, schauten sich an und lauschten, denn draußen klangen schnelle, eilige Schritte auf. Dunkel kamen Männerstimmen auf, brachen durch das lastende Schweigen, ging unter.

Leise und doch irgendwie laut tickte eine alte Wanduhr. Sie reihte die Sekunden, die Minuten aneinander. Plötzlich klangen die leisen Schritte näher. Das rhythmische Klirren der Sporen störte die Stille. Beunruhigt wandten die Cowboys ihre Köpfe. Der Mann, der jetzt auftauchte, war Pete Custor.

An den Händen des alten Mannes klebte Lehm. Er rieb die Finger aneinander.

„Corbys Mann ist schon in der Grube. Wir haben ihn bei den Holunderbüschen begraben“, sagte er leise zu den Weidereitern. „Unser Boss soll unter den Espen ruhen, da, wo er im Sommer immer ausruhte und über den See schaute.“

Er wartete auf keine Antwort, trat neben den Toten.

„So long ...“, sagte er ihm. Zögernd tastete er zu der herabhängenden Plane, zog sie dann entschlossen über dem toten Paddy Sutter zusammen, vernähte sie sorgfältig.

Grau war sein Gesicht. Die Cowboys hörten seinen keuchenden Atem.

Pete Custor war so in seine Arbeit vertieft, dass er nicht einmal aufblickte, als Tom Brayer leise in den Raum trat.

Hinter dem Hünen tauchten zwei weitere Männer in der Tür auf. Ihre Gesichter blieben im Schatten, waren nicht zu erkennen. Der Kerzenschein beleuchtete nur ihre Gestalten.

Yeah, mit einem Schlag hatte sich alles auf der „Gitter-Ranch“ geändert. Auch die neu Herzugekommenen trugen die ledernen Reithosen, hatten ihre Gurte mit Patronen gespickt. Die Kolben ihrer Waffen ragten drohend, unheilvoll aus den Holstern.

Alle trugen sie ihre Stetsons in den Fäusten, zerrten daran herum.

Jäh stockte Pete, hob wie witternd den Kopf, sah Tom Brayer fragend an.

In diesem Augenblick peitschten draußen neue Schüsse auf. Wummerten, grellten, Schüsse waren es, die aus Colts und Winchestern abgefeuert wurden und nahe vom Bunkhouse herfielen.

Die Totenwache verließ den Raum. Toms gewaltige Hände senkten sich auf die Waffen, klammerten sich um die Kolben.

„Sie lassen ihn uns nicht einmal in Ruhe unter die Erde bringen, Oldtimer. Haben es eilig, uns zu verjagen und die Ranch zu besetzen!“, fetzte es heiser aus seiner Kehle.

Er wirbelte herum, riss im Schwung beide Eisen aus den Futteralen, denn über dem Vorbau der Halle pressten sich die Schatten einiger Gestalten an die Wände.

Drei, vier Flammenzungen hieben quer durch den Raum. Brüllend schmetterten die Detonationen hinterdrein. Und hinter dem Haus bellten wieder wilde Schüsse durcheinander.

„An die Wände!“, keuchte Pete den Männern zu, hechtete hinter der Bahre hervor und sprang in das Dunkle der Halle hinein.

Mit einigen Sprüngen wieselte Tom Brayer zur Seite, sah, wie die Verandatür aufgestoßen wurde, hörte sie gegen die Wand schlagen. Vier Männer zeichneten sich gegen den helleren Nachthimmel ab.

„Gebt auf, Gents!“, kreischte einer davon.

„Nie!“

Schneidend stand die Antwort im Raum, ließ die Eindringlinge stocken. Ihre Waffen kamen hoch, und im gleichen Moment grellte es aus der Halle, flammte es ihnen entgegen. Ein Angreifer riss die Arme hoch, stolperte einige Schritte vor, brach lautlos zusammen.

Die anderen drei sprangen zurück, schossen aus allen Rohren.

Tom hörte es rechts und links summen. Er kannte diese Melodie. Sie rührte ihn nicht sonderlich, spornte ihn nur dazu an, aus den eigenen Waffen die gleiche Melodie zu erzeugen, und mit tief an den Hüften angelegten Waffen sprang er. Hinter ihm drein rannten die Cowboys, sprangen draußen auseinander, ließen sich katzenhaft schnell zu Boden gleiten und schossen.

Zwischen den Stallungen huschten schnelle Schemen, aus den kleinen Fenstern der Schmiede, aus Ritzen und Löchern zuckte es gleißend hervor. Der anfeuernde Ruf erboster Weidereiter brandete durch die Nacht, war wie ein Fanal, wie ein zündender Funke in ihrem Zorn.

„Jippieeeh!“

„Sammeln!“, krächzte es scharf.

„Lasst sie nicht aus!“, schrie Tom Brayer erbost. „Sie haben wohl nicht mit Widerstand gerechnet, und wenn sie uns wehrlos vorgefunden hätten, dann lägen wir jetzt alle neben unserem Boss.“

Hinter dem Bunkhouse peitschten Schüsse auf. Drei grollende Schläge, dann ein hellklingender. Ein entsetzter Schrei folgte, dann Stille, und nach einer atemberaubenden Pause wieder das Krachen der Karabiner und das Bellen der Colts.

„Vorwärts!“, brüllte Tom Brayer und hetzte aus seiner Deckung, schnellte sich zu einem Wagen. Sein anfeuernder Ruf zwang die Angreifer zu sofortigem Rückzug. Doch Tom war nicht der Mann, der sich jetzt aufhalten ließ, und seine Crew gehörte nicht zu den Männern, die eine Sache nur halb tun.

Wieder brach der Weideschrei aus ihren Kehlen, hetzte sie aus ihren Stellungen heraus in neue Deckungen hinein, brachte sie den Feinden entgegen.

Diese erwiderten die Schüsse nur, um sich einen Abmarsch zu verschaffen. Zwei verteufelte Eisen deckten den Rückzug der Herde. Zwei tolle Burschen zwangen die Cowboys, die Nasen in Deckung zu halten.

„Zu den Pferden, Boys! Sie wollen ausreißen“, schrillte Tom und lief zu den Korrals.

Er fragte nicht danach, ob ihm einer folgte. Eine unheimliche Wut trieb ihn, ließ ihn handeln.

Mit fliegenden Händen sattelte er auf, hörte, wie sich der fremde Reitertrupp in Bewegung setzte, wie der Lärm verebbte.

Neben ihm zerrten Cowboys an Bauchgurten, an Scabbards und Zügeln. Einer nach dem anderen schwang sich auf. Grimmig lachend warf sich auch Tom in den Sattel und zog leicht die Sporen über die Weichen des Pferdes.

„Ihnen nach! Schießt gut! Holt sie aus den Sätteln!“, donnerte sein Ruf abgehackt, stoßweise.

Wilder Kampfgeist brach in ihm durch. Laut knirschten seine Zähne, übertönten das Rumoren der Hufe. Die Reittiere schossen eng gedrängt durch das Ranchtor hinaus. Weit vorgebeugt, wie Schemengestalten, hockten die Reiter in den Sätteln.

Vor ihnen jagte das Rudel der Feinde, bog zum Ufer des BitterCreeks ab. Die fliehenden Hufe ihrer Gäule stampften durch die Furt. Das Wasser stob hinter ihnen auf. Deutlich erkannte man, wie die Reittiere der Gegner mit gekrümmten Rücken die Ufersteigung nahmen, und jetzt erst schossen die Cowboys ihre Winchester ab.

Jenseits der Furt jagten reiterlose Pferde mit dem Rudel weiter. Männer wälzten sich in den Fluten. Ein Gaul rutschte die Böschung herunter. Sein schrilles Wiehern gellte den Cowboys entgegen. Gurgelnd schlugen die Wasser über dem verwundeten Tier zusammen.

Tom riss seinen Colt hoch.

Nur einige Schritte von ihm entfernt richtete sich ein Kerl aus dem Creekbett auf, zerrte an seinen Eisen, bekam sie nur halb aus dem Holster, kippte hintenüber, verschwand mit dem Gaul zusammen in den aufrauschenden Fluten.

Noch drei Kerle knieten im Wasser, streckten die Hände über ihre Köpfe.

„Hank, Slim! – Bleibt zurück und beschäftigt euch mit den Burschen“, brach es aus Tom hervor, dann trieb er seinen Gaul in das Wasser, zwang ihn stürmisch die Uferböschung hinauf, wandte sich kurz zurück, lachte rau auf.

Links und rechts ritt seine Crew, ritten die Männer, auf die er sich in Not und Gefahr verlassen konnte, waren nicht aufzuhalten.

In dieser Nacht würden sie die erste Schlappe zurückzahlen.

Auge um Auge! – Zahn um Zahn! So wollte es das Gesetz der freien Weide. So und nicht anders mussten Schufte behandelt werden.

„Tom! Sie reiten vom Sumpfgebiet aus nach Osten. – Halten auf die ‚Kronen Ranch' zu“, rief ihm einer der Reiter zu, warf die Hand vor, ballte sie wie in heimlicher Wut.

„Denke, sie werden zu den Boys der ,Kronen Ranch' gehören. Wenn es so ist, haben wir allerhand zu erwarten. Schätze, wir sollten umkehren. Hinter dem Sumpfland fängt das Gebiet der ,Kronen Ranch' an. Kann sein, dass sie in den Hügeln Verstärkung und frische Pferde stehen haben. Es wäre sinnlos, wenn wir sie auf ihrem eigenen Boden stellten.“

Der Mann hatte nicht schlecht gesprochen. Es hatte wirklich keinen Sinn, die Verfolgung im Augenblick weiter durchzuführen. Sie waren in der Minderheit, müssten warten, bis die Herden der „Gitter-Ranch“ zwischen dem Bitter Creek und dem Momba Creek standen. Die Herde brauchte dann kaum noch bewacht zu werden, und alle Cowboys der „Gitter-Ranch“ konnten in den Kampf um die Ranch eingesetzt werden.

Tom richtete sich in den Steigbügeln auf, gab das Zeichen zur Umkehr. Nur murrend folgten die Leute, wandten ihre Tiere herum.

„Corby ist ein Teufel“, fauchte der Weidereiter neben Tom und zerrte heftig an den Zügeln. „Er hat Jahre gebraucht, um zu diesem Schlag auszuholen. Planmäßig ging er vor, tötete Sally Sutter. Wie war doch ihr Mädchenname, Tom?“

„Kanunda – warum fragst du?“, horchte der Vormann auf.

„Kanunda? – Klingt seltsam, habe den Namen nie gehört.“

„Er soll nach Texas zu häufiger sein“, bemerkte Tom Brayer und sah den Cowboy aufmerksam an. Der lachte leise in sich hinein.

„Der Boss muss sie schon immer geliebt haben, denn er war noch nicht verheiratet, als er dem See ihren Mädchennamen gab. Das Valley erhielt ihren Vornamen, und jetzt gibt es sogar eine Stadt, die ihren Namen trägt. Das seltsamste dabei aber ist, dass ich vor zwei Wochen einem Manne begegnet bin, der sich Ken, Bill oder Ted Kanunda nannte. — Bei dem Vornamen bin ich mir nicht ganz sicher, aber den Nachnamen, den habe ich behalten können, weil er seltsam ist und weil unser See den Namen trägt.“

Tom ruckte hoch, beugte sich herüber und trieb seinen Gaul nach links. Bevor der Cowboy es begriff, fühlte er die Pranke des Vormanns auf seiner Schulter.

„Heilige Mavericks! Warum hast du nie davon gesprochen?“, klang es recht heiser, abgerissen.

„Weil der Name mir wenig sagte.“

„Himmel! Das ist wirklich seltsam. – Ein Kanunda in dieser Gegend? – Wie sah er aus?“, zischte Tom und nahm seine Hand von der Schulter des Cowboys, der ihn jetzt neugierig musterte, tief aufatmete und gepresst den Atem ausstieß.

„Ich traf ihn in der Dämmerung. – Wie er aussah?“

Der Boy runzelte die Stirn. Über seinem Gesicht zuckte es, dann fuhr er auf, sah Tom aus hellen Augen an.

„Will es dir sagen. Wenn du jemals einen Puma gesehen hast und einen Lofer – und wenn du beide in einen Topf schmeißt, dann hast du die Mischung, aus der Kanunda stammen könnte. Er hat verdammt helle Augen. Glaube, sie sind rauchgrau, oder auch schwarz, vielleicht auch blau. Breit in den Schultern ist er und sehr schmal in den Hüften. Unter seiner Stetsonkrempe war braunes, gewelltes Haar.“

„Du hast dir den Burschen genau angesehen?“

„Sehr genau, Vormann. Seine Augen hinderten mich, es aber zu lange zu tun. Er hat etwas in seinem Blick, das einem einen Schauer über den Rücken treibt. Möchte nicht vor seinen Eisen stehen – er trägt sie wie ein Beidhandschütze. Hab' gesehen, wie er sich nur mit der linken Hand eine Zigarette drehte. Und – er hat an seinen Waffen Kimme und Korn abgefeilt. Hat die Holsterböden so geöffnet, dass die 46er das Maul herausstecken. – Sage dir, Tom, habe schon viele Eisen gesehen, aber dieser Kanunda ist wohl das schärfste. Wenn du seinen Blick spürst, wirst du mir recht geben, Vormann.“

Tom unterbrach den Lobgesang des anderen. Seine Brauen steilten in die Höhe.

„Und ... wo hast du den Wunderknaben getroffen?“, brachte er heiser heraus.

„Im Nordwesten, in den Deadvill Mountains, als ich mit dem Strymentrupp unterwegs war, um nach verirrten Rindern zu suchen. Mein Gaul lahmte, musste deshalb in einem Canyon zurückbleiben. Plötzlich stand er vor mir, kam wie aus dem Boden gestampft und fragte mich, ob ich ein Freund von Corby Penter sei. Als ich ablehnte, wurde er freundlicher und half mir, fand einen Dorn im Hufe, zog ihn heraus. – Und das alles bei meinem Gaul, der keinen Fremden an sich heranlässt.

Sage dir, Tom, Betty hat nicht einmal gemuckt, war brav wie ein pensioniertes Big Horn. Kanunda hatte eine eigene Art, mit dem Pferd zu hantieren, mit ihm zu sprechen. Kam mir alles sonderbar vor, wo doch der Bocker keinem Fremden die geringste Chance gibt.“

Der Cowboy blickte eilig zu seinem Vormann hin, fügte dann erläuternd hinzu: „Er gab mir noch einige gute Ratschläge, wie ich das Tier zu behandeln hätte, und ging davon, verschwand hinter einem Gesteinsbrocken. Als ich nachschaute, war er verschwunden.“

„Sonderbar“, krächzte Tom Brayer. Seine Gedanken wirbelten durcheinander. „Go on!“, schrie er dann seinem Gaul zu, und mit ihm setzte sich der ganze Trupp in einen wilden, halsbrecherischen Galopp.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738911428
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (November)
Schlagworte
bluff corby

Autor

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Titel: Es war kein Bluff, Corby!