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Sheng #12: Gejagt vom Schwarzen Drachen

2017 120 Seiten

Leseprobe

Gejagt vom Schwarzen Drachen


Ein Western von John F. Beck




IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Edward Martin/ Schottland, 2017

Früherer Originaltitel: Shingo und die blonde Geisel

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de





Klappentext:

Sheng ist einer der sieben, aus China geflohenen Mönche, die einen Teil der Schriftrolle bei sich tragen, auf der ein uraltes Geheimnis aufgezeichnet wurde. Der Geheimbund des Schwarzen Drachen verfolgt diese sieben Mönche gnadenlos – und seine Macht reicht bis in den Westen Amerikas. Auch Sheng wird verfolgt. Sein Leben ist in Gefahr, wenn man ihn entdeckt. Noch konnte er bisher den Killern des Schwarzen Drachen entkommen – aber nun sind ihm seine Gegner ganz nahe auf den Fersen. Die Stunde der Entscheidung naht – und Shengs Schicksal entscheidet sich in einer abgelegenen Festung in den Bergen Nevadas.




Roman:

Wie Donnerrollen brach sich das Peitschen des Schusses in dem engen Canyon. Schrill wieherten die Kutschpferde. Auf dem Bock bäumte sich der Fahrer auf, die Hand mit der erhobenen Peitsche erstarrte mitten in der Bewegung. Kein Laut kam aus seinem aufgerissenen Mund. Langsam kippte er zur Seite, und links und rechts in den Steilhängen dröhnten ein Dutzend Gewehre in wildem, hämmerndem Stakkato.

Panik peitschte das Vierergespann in jagendem Galopp vorwärts.

Staub wallte auf, Holz ächzte unter den jähen, harten Stößen. In der Kutsche stieß Marian Lund einen erschrockenen Schrei aus. Mit weit aufgerissenen Augen starrte das blonde Mädchen hinaus. Ein neuer, wilder Stoß warf sie gegen ihren Vater, und Gregory Lund drückte sie nach unten auf die Bank, während seine Rechte den Colt aus der Halfter zerrte

Neben ihm spähte ein dunkelhaariger, glattgesichtiger Spielertyp aus dem Fenster und suchte ein Ziel. Der Prediger auf der Bank gegenüber umklammerte mit bebenden Fingern sein Gebetbuch. Ein alter Chinese, der sich bis jetzt kaum gerührt hatte, hob langsam den Kopf, schien zu lauschen - und im nächsten Moment mussten sie sich verzweifelt festhalten, weil sich die Kutsche knirschend zur Seite neigte.

Marian Lund keuchte. Sie zitterte am ganzen Körper.

Vater!“, flüsterte sie. „Um Himmels willen, Vater, was...“

Camberra!“, knirschte er. „Camberra, dieser Teufel.“

Neue Schüsse rissen ihm das Wort vom Mund.

Gleich einem tödlichen Hagelschauer prasselte es auf die Kutsche nieder, der alte Chinese in seiner einfachen Baumwollkleidung zuckte wie unter einem Hieb zusammen. Ohne einen Laut griff er sich an die rechte Brustseite. Nur seine Augen wurden seltsam hell und weit - und als die Kutsche holpernd und schlingernd ihr Tempo verlangsamte, wäre er vornüber gestürzt, wenn der Prediger ihn nicht aufgefangen hätte.

Der Wagen kam zum Stehen.

Reiter mussten die Schlucht versperren - sonst wären die vor Angst rasenden Pferde noch meilenweit gelaufen. Hufschlag prasselte, die Schüsse verebbten. Stille sank herab, eine dichte, unheimliche Stille - und für einen Moment waren nur die erregten Atemzüge der fünf Menschen zu hören.

Kommt raus!“, dröhnte eine Stimme. „Und werft die Waffen weg, wenn ihr keinen Wert darauf legt, euch dieses verdammte Land von unten zu besehen! Na, was ist? Wird’s bald?“

Der Spieler war weiß wie ein Laken.

Als habe er sich verbrannt - so hastig schleuderte er seinen langläufigen Buntline Colt von sich. „Johnno Camberra“, flüsterte er dabei. „Gegen ihn und seine Bande haben wir keine Chance...“

Auch Gregory Lund warf seinen Revolver aus dem Kutschenfenster. Marians Kopf ruckte hoch, ihre Lippen zitterten. Sie wusste, dass ihr Vater noch einen kleinen Derringer versteckt trug - aber sie sagte nichts, denn sie hatte gelernt, diesem großen grauhaarigen Mann in jeder Situation zu vertrauen.

Ich bin unbewaffnet“, krächzte der Reverend, der immer noch den bewusstlosen Chinesen stützte. „Und er hier...“

Rauskommen!“, unterbrach ihn der raue Bass des Banditen. „Einer nach dem anderen! Stellt euch hübsch nebeneinander auf, mit erhobenen Händen!“

Der Spieler machte den Anfang.

Schweiß glänzte auf seiner Stirn, als er die Tür öffnete und mit unsicheren Bewegungen hinauskletterte. Gregory Lund folgte ihm, half dann seiner Tochter beim Aussteigen. Marian taumelte. Ihr Blick flog über die Reiter, streifte die starren, matt schimmernden Waffen, die schwarzen Masken, die die Gesichter verbargen, und sie spürte, wie ihr trotz der lähmenden Hitze ein eisiger Schauer der Angst über den Rücken rann.

Da drinnen ist nur noch ein Verletzter!“ Der Prediger bemühte sich, seiner Stimme Festigkeit zu verleihen, als er auf den Boden sprang und sich den Banditen zuwandte. „Der Herr wird euch strafen! Ihr habt den Kutscher erschossen wie ein Tier, ihr ..

Ruhig, Reverend“, murmelte Marians Vater - doch die Kerle in den schwarzen Masken lachten nur. Einer von ihnen, groß, breitschultrig und wuchtig, gab seinen Komplizen einen Wink. Zwei Mann glitten aus den Sätteln, stießen den Prediger von der Kutschentür weg, und Sekunden später zerrten sie brutal den verwundeten Chinesen nach draußen.

Marian schlug die Hände vor das Gesicht, als der alte Mann auf den harten Boden prallte. Blut färbte den Staub. Das Mädchen machte eine Bewegung, wollte neben dem Verletzten niederknien - doch da spürte sie die Hand ihres Vaters an ihrem Arm wie eine Eisenklammer.

Es ist sinnlos“, flüsterte er. „Sie machen auch vor einer Frau nicht halt, sie sind wie reißende Bestien.“

Aber...“

Hey, was für ein Goldfisch ist uns denn da ins Netz gegangen!“

Die Stimme klang laut und höhnisch, gehörte einem der Banditen, die von den Pferden gestiegen waren, um die Kutsche zu durchsuchen. Langsam kam er heran, ein krummbeiniger Gnom mit funkelnden Knopfaugen. Ein zweiter Bandit folgte ihm - und dieser Mann kam Marian eigentümlich bekannt vor.

Die hagere Gestalt.

Der lange, schmale Schädel, die kieselgrauen Augen über dem hochgezogenen schwarzen Halstuch ...

Marian Lund wusste, dass sie ihm schon einmal begegnet war - doch sie kam nicht darauf, wo das gewesen sein konnte, und sie fand auch keine Zeit, darüber nachzudenken.

Der Krummbeinige blieb vor ihr stehen.

Mit unverhohlener Gier musterten die glitzernden Knopfaugen den schlanken Körper des Mädchens. Unter der Maske entstand eine Bewegung, als verzerrten sich die Lippen zu einem hämischen Grinsen. Ganz langsam streckte er die schmutzige, dunkel behaarte Rechte aus.

Verdammt hübsche Bluse, die du da anhast, Baby. Mal sehen, was drinsteckt!“

Nein!“, stieß Marian hervor. „Rühren Sie mich nicht an, Sie ...“

Ihre Stimme erstickte.

Jähe Bewegung entstand neben ihr, und sie wusste, dass ihr Vater versuchte, den Derringer zu ziehen. Mit schrecklicher Klarheit begriff sie, dass er keine Chance hatte - und in der nächsten Sekunde überstürzten sich die Ereignisse,

Die Hand des Hageren flog zum Colt.

Er war schnell, unheimlich schnell.

Jäh zuckte die Erkenntnis durch Marians Hirn, dass sie nur einen Mann kannte, der so schoss - und schneller noch als dieser Gedanke schlug die lange Feuerzunge aus der Waffe des Maskierten.

Wie vom Hieb einer unsichtbaren Riesenfaust wurde Gregory Lund zurückgeschleudert.

Er fiel mit dem Rücken gegen die Kutsche. Die Hand, die den Derringer schon gepackt hielt, sank kraftlos herab. Ohne einen Laut brach er zusammen, blieb reglos im Staub liegen, und zwischen seinen Augen zeichnete sich ein kleines, rundes Loch ab, von dem ein dünner Blutfaden über die fahle Haut rann.

Marian stand erstarrt.

Alles in ihr schien leblos, kalt, wie gefroren. Ihr Blick haftete am Gesicht des Toten - ein erloschener Blick, der den Schmerz noch nicht fassen konnte. Nichts existierte mehr.. Nichts außer dem Mann, den sie über alles geliebt:- und jenem anderen, der geschossen hatte.

Ihre Stimme war ein Hauch. Klanglos. Kaum wahrnehmbar.

Vater“, flüsterte sie. Und als sie den Kopf hob: „Derr! Ric Derr, du Mörder ...“

Der Colt in der Faust des Hageren schwang herum.

Unmerklich war er zusammengezuckt, als sein Name fiel - jetzt krümmte er den Finger.

Nicht!“, schrie der Prediger, neben ihm machte der bleiche Spieler eine Bewegung, als wolle er sich dazwischenwerfen - aber was geschah, konnte keiner von ihnen verhindern.

Der Colt peitschte auf.

Marian sah das verzerrte Gesicht über der Waffe, sah das grelle Mündungsfeuer, spürte einen jähen Schmerz, der ihr den Kopf auseinanderzusprengen schien. Dunkelheit umfing sie. Blut rann über ihr Gesicht, hart schlug sie in den Staub, doch das spürte sie nicht mehr, genausowenig wie sie wahrzunehmen vermochte, dass es nur ein Streifschuss war, der ihre Schläfe getroffen hatte.

Gnädige Bewusstlosigkeit hüllte sie ein.

Niemand kümmerte sich um sie, niemand überzeugte sich davon, ob sie wirklich nicht mehr lebte. In fliegender Eile wurde die Kutsche durchsucht, wurden sämtliche Taschen der Passagiere ausgeplündert. Einer der Banditen riss Marian die goldene Kette vom Hals und zog ihr einen funkelnden Ring vom Finger, doch der Kerl war zu eilig, um zu merken, dass das Mädchen nicht tot war. Und selbst wenn es ihm aufgefallen wäre - vielleicht hätte er dennoch geschwiegen. Frauen waren tabu in diesem wilden Land. Frauen wurden geachtet, geschützt und niemals in einen Kampf hineingezogen - und es gab ungeschriebene Gesetze, die selbst Mörder und Wegelagerer respektierten.

Der hagere Schütze spürte die ablehnenden, fast feindseligen Blicke, die ihn trafen.

Er kümmerte sich nicht darum. Steifbeinig ging er zu dem bewusstlosen Chinesen hinüber, stieß ihn brutal mit dem Fuß an und beugte sich über ihn, um ihn ebenfalls zu durchsuchen.

Das Ergebnis ließ ihn einen wütenden Fluch ausstoßen.

Kein Geld, keine Nuggets, keine wertvollen Ausrüstungsstücke, nichts. Nur ein paar alte Decken, ein lächerlich dünnes Dollarbündel - und eine kurze, versiegelte Schriftrolle in einem Lederfutteral, die an einer Schnur um den Hals des alten Mannes hing.

Ric Derr, der Killer, schob sie achtlos in seine Tasche.

Er ahnte nicht einmal, dass ihm etwas unermesslich Wertvolles in die Hände gefallen war...


*


Nevada...

Endlose Wüsten, zerklüftete Tafelberge, verbranntes Land unter einer erbarmungslosen Sonne. In den tiefen Canyons kochte die Luft, in manchen Gegenden war ein einziger Tropfen Wasser kostbarer als das Gold, das ruhelose Abenteurer an den wenigen Flüssen und Creeks der Erde zu entreißen suchten. Unter dem weißen, gleichgültigen Himmel kämpfte jedes Lebewesen um sein nacktes Dasein. Alles was schwach war, was sich in dem gnadenlosen Kampf nicht behaupten konnte, wurde leichte Beute für die Geier. Geier, die kreisend nach Nahrung, nach Aas suchten - und jene anderen, menschlichen Geier, die grausamer waren, als irgendein Tier es je sein konnte ...

Der Mann, der mit ruhigen, stetigen Schritten durch den Staub der Senke ging, wusste seit geraumer Zeit, dass er beobachtet wurde.

Das helle Blinken von Waffenstahl, eine ferne, wehende Staubwolke - dem einsamen Wanderer genügten diese Zeichen. Unvermittelt blieb er in der flimmernden Hitze stehen und griff nach der Wasserflasche an seinem Gürtel. Er war unbewaffnet, war ohne Pferd: ein schlanker, drahtiger Mann mit tiefschwarzem Haar und dunklen, leicht fremdartigen Zügen. Langsam und beherrscht trank er, die schmalen Augen suchten den Horizont ab.

Goldgräber? Banditen, die die Gegend durchstreiften? Einsame Wüstenwanderer wie er selbst? Er wusste es nicht. Er wusste nur, dass er ihnen ohne Waffen gegenübertreten würde - aber auch der Tiger im Bambusdschungel trägt keine Waffen...

Sheng schraubte ruhig die Wasserflasche wieder zu.

Seine Gedanken gingen in die Vergangenheit, gingen zu der Nachricht, die ihn in Virginia City erreicht hatte. Jom King verwundet, dem Tode nahe... Die Schriftrolle verloren... Einer der sieben Schlüssel zum Geheimnis des Tao Chi in den Händen skrupelloser Banditen ... Sheng hatte keine Sekunde gezögert, hatte nicht zögern dürfen.

Jom King gehörte zu den sieben Mönchen, die damals im Kloster vom Weißen Lotus dem Überfall der mörderischen Drachenbande entkommen waren. In sieben Teile hatte der weise Li Kwan die kostbare Schriftrolle zerschnitten, die das Geheimnis zur Erringung der größten Kraft und Energie auf der Erde barg und mit deren Hilfe der Schwarze Drache die Weltherrschaft erringen wollte. Sieben Männer hatten sich mit je einem Teil des Geheimnisses in alle Winde zerstreut - und nach dem Tod des Mönchs Han Wong war Sheng einer von ihnen. Er spürte die Lederschnur um seinen Hals, spürte den leichten Druck auf seiner Brust. Es war seine Aufgabe, dieses Kleinod zu bewahren, die tiefsten, letzten Weisheiten des Tao Chi zu hüten, so wie die Mönche vom Weißen Lotus sie durch Jahrhunderte gehütet hatten - und er wusste, dass er selbst mit seinem Leben dafür einstehen würde.

Jetzt war ein zweiter Mönch in Todesgefahr, und ein zweiter Teil der kostbaren Schriftrolle drohte in falsche Hände zu fallen.

Als er weiterging, lagen die Ereignisse der nächsten Minuten so klar vor ihm wie ein aufgeschlagenes Buch.

Nur noch wenige Schritte bis zum Ende des Canyons. Hochragende Felsentürme bewachten den Ausgang - dort würden die Gegner ihn erwarten. Gegner? Er wusste nicht, was sie von ihm wollten - aber er ahnte, dass es nichts Gutes sein konnte.

Der Schatten zwischen den hochragenden Steinbrocken kühlte sein Gesicht. Vor ihm lag offenes Land, lag die steinige, spärlich bewachsene Ebene, die er überqueren musste, um Grain Hill zu erreichen. Ein leichter, trockener Wind wehte über die Hochfläche und trieb Staub vor sich her. Sheng verharrte, ließ den Blick schweifen, ohne im wabernden Sonnenglast etwas zu erkennen, und er ahnte die Bewegung hinter sich mehr, als dass er sie hörte.

Ein Gewehrhahn knackte.

Hands up, Freundchen!“, knarrte ein rauer Bass.

Gleichzeitig scharrten Schritte, knirschte Stiefelleder, und Sheng wandte sich mit abgespreizten Armen um.

Drei Männer waren es, die aus dem Schutz der Felsen tauchten.

Männer mit harten Gesichtern, kalten Augen, schmutzstarrender Kleidung...

Alle drei hielten Waffen in den Fäusten, alle drei trugen ihre Revolverhalfter tief an der Hüfte - und alle drei musterten den schlanken, hochgewachsenen Fremden mit Blicken, die zunehmend ungläubiger wurden.

Sheng rührte sich nicht.

Er kannte diese Reaktion, er wusste, dass die Kerle eine Weile brauchen würden, um seinen Anblick zu verdauen. Ein Mann ohne Waffen und Pferd war eine Seltenheit in diesem Land, war entweder ein blutiges Greenhorn oder ein Verrückter. Und ein solcher Mann mitten in der Wildnis, weitab von der nächsten menschlichen Ansiedlung - das erschien den drei Banditen zu ungewöhnlich, um es sofort zu begreifen.

Verdammt!“, knurrte der Größere von ihnen, ein hünenhafter Schwarzbart, dessen Hemd über der Brust offen stand. „Der Junge sieht aus, als hätten ihn schon andere in der Mangel gehabt. Nicht mal anständige Reitstiefel an den Füßen, verdammt!“

Ich fresse meinen Hut, wenn das nicht ein lausiger Chink ist“, behauptete der zweite Mann.

Und der dritte: „Hey, Chink! Bist du aus dem Kindergarten entlaufen oder unter die bösen Räuber gefallen?“

Sheng lächelte. Er war solche Fragen gewohnt. Genau wie er es gewohnt war, dass bestimmte Typen auf Anhieb den Halbchinesen in ihm erkannten, obwohl in seinem markanten, scharfgeschnittenen Gesicht nur die leicht geschlitzten Augen fremdartig wirkten.

Ich habe, was ich brauche“, sagte er ruhig.

Hast du?“ Der Schwarzbart lachte dröhnend. „Na, dann zeig mal her! Vielleicht ’n hübscher, kleiner Schatz in deinem Bündel?“

Sheng schüttelte den Kopf. „Ich besitze nichts, was euch irgendwie nützen könnte..

Das werden wir sehen! Schmeiß die Decken auf den Boden. Aber Tempo - sonst hast du schneller ein Loch in deiner gelben Haut, als du denken kannst, Freundchen.“

Sheng ließ die Deckenrolle von der Schulter gleiten.

Er stand ruhig da, vollkommen gelassen, ohne eine Spur von Furcht - aber auch ohne jedes Zeichen von Hass oder Wut. Wenn sie ihn gehen ließen, würde er gehen. Kampflos. Die starren Ehrbegriffe, die die meisten Männer dieses Landes auch die kleinste Herausforderung annehmen ließ, waren ihm fremd. Seine Unterarme trugen die tätowierten Bilder von Schlange und Tiger, Zeichen seiner Kung Fu-Meistergrade, aber die Botschaft des Tao Chi war eine Botschaft des Friedens. Die Worte Li Kwans klangen in ihm nach, seines weisen Lehrers: Kämpfe nur, um dein Leben zu verteidigen oder ein Unrecht zu verhindern. Kämpfe nur, wenn du keine andere Wahl hast...

Schweigend sah er zu, wie der schwarzbärtige Bandit das Deckenbündel auseinanderzerrte. Wenige Vorräte, ein paar Kleidungsstücke - das kostbare Drachengewand, das Sheng bei seiner Ernennung zum ersten Kung Fu-Kämpfer des Klosters vom Weißen Lotus getragen hatte. Kopfschüttelnd betrachtete es der Schwarzbart, und seine Komplizen, die ebenfalls nähergekommen waren, brachen in dröhnendes Gelächter aus.

Heiliger Rauch“, grinste der Kleinste - ein krummbeiniger Rotschopf mit einem Gesicht voller Narben. „Willst du Kinder erschrecken, Chink? Oder bist du vielleicht so was wie ein Schauspieler?“

Sheng antwortete nicht.

Er rührte sich auch nicht, als der Bärtige auf ihn zutrat und ihm mit einem Ruck das Hemd über der Brust aufriss. Die funkelnden, tiefliegenden Augen sogen sich an dem Futteral mit der Schriftrolle fest, und auf der Stirn des Banditen erschien eine steile Falte.

Schaut euch das an“, knurrte er. „Der Chink verwahrt seine Dollars...“

Es ist ein chinesisches Dokument“, sagte Sheng. „Ihr würdet nichts damit anfangen können.“

Das werden wir sehen. Gib her und...“

Nein“, sagte Sheng ruhig.

Und im nächsten Moment, als der Schwarzbart zupacken wollte, um die Schriftrolle an sich zu reißen, schien der große Mann förmlich zu explodieren.

Alles war das Werk von Sekunden.

Zwei blitzartig zustoßende Hände - der Schwarzbart taumelte mit einem wilden Schrei zurück. Sheng wirbelte herum, schnellte vorwärts: der Sprung des Tigers, dem der zweite Bandit nicht mehr ausweichen konnte. Nur der Rothaarige stand noch, den Colt in der Faust, die Augen aufgerissen. Er begriff nicht, wieso sein bärtiger Komplize plötzlich am Boden lag. Er begriff auch nicht genau, was sich Sekundenbruchteile später abspielte. Er nahm nur eine wirbelnde, unfassbar schnelle Bewegung wahr - und als er mit einem erschrockenen Schrei die Waffe herumschwenken wollte, war es bereits zu spät.

Ein Schatten flog auf ihn zu.

Etwas traf seinen Arm, fegte ihm den Colt aus den Fingern. Er brüllte auf, ließ blindlings die Fäuste schwingen. Für einen Moment sah er die schlanke Gestalt vor sich, das in äußerster Konzentration erstarrte Gesicht, die schmalen Augen - dann glitt der Fremde wie eine Schlange unter seinen zupackenden Fäusten weg.

Der Rotschopf stolperte. Schwerfällig kreiselte er herum, ließ sich mit einem neuerlichen Schrei nach vorn fallen, um seine Waffe vom Boden zu klauben - vergebens.

Er war nicht schnell genug.

Wieder sah er nur einen Schatten. Es war, als stoße ein Adler auf ihn herab. Seine Finger berührten den Coltgriff, gleichzeitig spürte er den sausenden Hieb - und sein Bewusstsein erlosch wie eine Kerzenflamme unter einem Windstoß.

Sheng stand ruhig da - Sekunden, in denen die Spannung verflog und aus dem Tiger wieder ein Mann wurde, dessen unerschütterliche Gelassenheit stets fremd bleiben würde in einem Land voller Kampf, Hass und Leidenschaften.

Mit einem prüfenden Blick streifte er die drei Männer, die lange brauchen würden, bis sie wieder aus ihrer Bewusstlosigkeit erwachten. Mit geübten Griffen schnürte er die Deckenrolle zusammen und warf sie sich über die Schulter. Dann suchte er die Pferde der Banditen, trieb sie mit ein paar klatschenden Schlägen auf die Kuppen davon und richtete seinen Blick auf die staubige, hitzeflimmemde Ebene hinaus.

Irgendwo dort drüben im wabernden Dunst lag sein ZieL

Grain Hill...

Dort wartete Jom King, der Mönch vom Weißen Lotus. Dort wartete der Beginn einer Spur, wartete ein unerbittlicher Kampf - und vielleicht das Ende seiner ruhelosen Wanderung durch die Weite eines fremden Landes.

Nur der Wind wusste es.

Und das Schicksal, in dessen Buch niemand lesen konnte...


*


Wind fauchte über die endlose, glühende Hölle der Nevada-Wüste.

Sand wogte in hellen Wolken durch die Luft, Staub und ausgerissene Dornensträucher trieben über die leeren Straßen. Holzläden klapperten. Überall knirschte, schepperte, ächzte es, und manchmal klang das dünne Wimmern einer Glocke auf, das wie der Nachhall längst vergangenen Lebens über die Dächer der toten Stadt wehte.

Desert Town ...

Geisterstadt in der Wüste, verfallenes Denkmal eines kurzen Taumels, der für wenige Wochen Hoffnung und Gier entflammt hatte, bis auch die letzten Bewohner des aus dem Boden gestampften Nestes begriffen, dass die wenigen Goldkörner in den schwarzen Felsen nur Blendwerk waren.

Die Stadt war tot.

Spielzeug des Sturms, des Sandes, der Naturgewalten. Und nur die menschlichen Geier, die einen sicheren Unterschlupf brauchten, erweckten sie von Zeit zu Zeit zu neuem, trügerischem Leben.

Johnno Camberra saß in dem früheren Saloon, die Beine ausgestreckt, die halbvolle Whiskyflasche griffbereit neben sich auf dem Holztisch.

Er starrte auf die Papierrolle.

Altes Pergament, gelblich, bedeckt mit chinesischen Schriftzeichen.

Camberras bernsteinfarbene Raubtieraugen tasteten die kunstvoll getuschten Symbole ab, wanderten hinüber zu den Resten des erbrochenen Siegels. Er kannte das Zeichen des Weißen Lotus nicht, er konnte auch den Text nicht entziffern. Aber seine wachen Instinkte spürten den Hauch des Geheimnisses, der die Schriftrolle umgab, und er witterte förmlich, dass es Wertvolles war, das seine Hände berührt hatten.

Ein Fetzen Papier“, brummte einer der wilden Burschen, die die Theke umlagerten. . „Vielleicht ’n chinesischer Brief oder ...“

Du bist blöder als ein Bisonbulle, Topeka“, sagte Ric Derr. Er wandte sich halb um, seine eisgrauen Augen funkelten. „Das Ding muss wertvoll sein, Johnno, sonst hätte die Gelbnase es nicht an der Brust getragen wie ein Indianer seinen Medizinbeutel.“

Camberra hob den Kopf. Er war ein großer, schwerer Mann, aber das wellige braune Haar milderte die brutale Härte seiner Züge, und seine Bewegungen hatten die träge Geschmeidigkeit eines satten Pumas. Die gelben Raubtieraugen fixierten die Männer an der Theke scharf.

Möglich“, sagte er gedehnt. Und nach einer Pause: „Vielleicht ein Plan. Die Beschreibung irgendeines Verstecks ...“

Diese lausigen Chinks haben die Angewohnheit, ihre zusammengekratzten Reichtümer zu vergraben“, stimmte einer der Banditen eifrig zu. Er hieß Wilkie Lance - ein hochaufgeschossener, blutjunger Bursche, der felsenfest an die Richtigkeit seiner Meinung glaubte, obwohl ihm im Leben nicht mehr als drei oder vier Chinesen über den Weg gelaufen waren. „Und die Gelbgesichter kratzen manchmal ’ne ganze Menge zusammen“, fuhr er fort. „So einer kann wie der letzte Tramp durch die Gegend laufen und ist dabei reicher als ...“

Man müsste das verdammte Gekritzel lesen können“, murmelte Camberra nachdenklich.

Jeder Chinese kann es“, sagte Ric Derr.

Und woher, zum Teufel, willst du einen Chinesen nehmen?“

Derr verzog die Lippen. In dem glatten, maskenhaften Gesicht wirkte das Lächeln wie eine Grimasse.

Li Tai“, erklärte er. „Erinnerst du dich nicht an diesen Verrückten in der Hütte auf halbem Weg nach Grain Hill, Johnno? Bei dieser Gelegenheit können wir auch das zweite Problem erledigen - das Mädchen, das meinen Namen kannte.“

Du wirst alt, Ric“, sagte Camberra spöttisch. „Wenn ein Revolvermann schon nicht mehr genau weiß, ob er richtig gezielt hat...“

Ich habe richtig gezielt“, sagte Derr kalt. „Ich will nur sichergehen. Entscheide, Johnno, du bist der Boss!“

Für einen Moment knisterte Spannung zwischen den beiden Männern - eine Spannung, die sich eines Tages entladen würde. Hass und Gewalt schienen die Luft zu füllen wie unsichtbarer Flügelschlag. Johnno Camberras gelbe Raubtieraugen glitzerten, kalt gab Ric Derr den Blick zurück, aber noch war die berechnende Vernunft in beiden stärker als die schwelende Feindschaft.

Camberra entspannte sich. Er lächelte ausdruckslos.

Okay“, sagte er schleppend. „Reiten wir zu Li Tai und lassen uns erzählen, was dieser verdammte Wisch bedeutet ...“


*


Eine lange Aussentreppe führte zur Wohnung des Arztes von Grain Hill. Langsam stieg Sheng hinauf, verfolgt von neugierigen Blicken. Er klopfte, und auf ein halblautes „Herein“ betrat er ein helles, sparsam möbliertes Zimmer.

Doc Sparkley setzte die kleine Glasflasche ab, mit der er hantiert hatte. Sein Gesicht unter der schlohweißen Löwenmähne wurde von unzähligen Runzeln durchzogen, die hellen, überraschend jungen Augen musterten den Besucher. Und diesen Augen entging nichts. Weder der Wüstenstaub in Shengs Kleidung noch die fremdartigen Züge in seinem Gesicht, weder das ruhige, freundliche Lächeln noch die stählerne Kraft und auch nicht das Fehlen der Waffe.

Überrascht hob der alte Arzt die Brauen - denn seine Menschenkenntnis ließ ihn deutlich spüren, dass es kein gewöhnlicher Tramp war, der ihm gegenüberstand.

Ich bin Doc Sparkley“, sagte er langsam. „Und Sie müssen der Freund sein, den Jom King erwartet. Sheng, nicht wahr?“

Der große Mann nickte. Schweigend wies der Doc auf die Tür eines Nebenzimmers. „Es geht ihm besser“, sagte er dabei. „Er wird es überstehen - er hat mehr Glück gehabt als die anderen.“

Es hat Tote gegeben?“

Der Kutscher und Gregory Lund, ein angesehener Bürger dieser Stadt. Seine Tochter hat es wie durch ein Wunder überlebt - einer der Kerle wollte sie niederschießen, aber die Kugel streifte sie nur. Arme Marian ...“

Und die Banditen?“

Sekundenlang sah der Doc prüfend in Shengs dunkle, leicht geschlitzte Augen. „Camberra“, sagte er, und ein bitterer Zug grub sich um seinen Mund. „Johnno Camberra. Jeder weiß es, aber niemand kann es beweisen. Und niemand tut etwas. Auch nicht der Sheriff, obwohl er mit einer Posse unterwegs ist, um Spuren zu finden.“

Sie meinen - er wird gar nicht wirklich suchen?“

Die Frage klang ruhig und hart. Es war die Härte eines Mannes, der gewohnt ist, den Dingen auf den Grund zu gehen und nichts zu verschleiern. Doc Sparkley zögerte. Für einen Moment sah es so aus, als wolle er noch etwas sagen, dann wandte er sich schweigend ab und öffnete die Tür.

Im Zimmer dahinter herrschte Halbdunkel.

Spärliches Licht sickerte durch die gelben Vorhänge, tauchte den Raum in mattes Gold. Es gab ein paar Glasvitrinen, einen mit festem Leder gepolsterten Holzkasten, der dem alten Arzt offenbar als Operationstisch diente, eine Reihe von drei schmalen Feldbetten an den Wänden. Auf einem dieser Betten ruhte eine hagere, abgezehrte Gestalt - und Sheng fühlte, wie sein Herz zu hämmern begann, als er näher herantrat.

Jom Kings Gesicht glich einer fahlen Maske.

Sein Atem ging flach, die Haut spannte sich wie Pergament über den ausgeprägten Wangenknochen. Auch er hatte den langen Weg zu einem Meistergrad der Kung Fu-Kampfkunst hinter sich, gehörte zu jenem Kreis der Besten aus dem Kloster vom Weißen Lotus, denen Li Kwan in seiner Todesstunde die sieben Schlüssel zum Geheimnis des Tao Chi anvertraut hatte - doch jetzt war er nur noch ein Schatten seiner selbst.

Unruhig bewegte sich sein Kopf, wandte sich der Quelle des Geräusches zu, das er wahrgenommen hatte. Sein Blick irrte umher, und erst als der Schatten des großen Mannes über ihn fiel, gewannen seine tief in die Höhlen gesunkenen Augen plötzlich Kraft und Klarheit.

Sheng ...“, formten die trockenen Lippen.

Jom King! Ich habe dich gefunden, und du lebst.“

Mein Leben ist nichts! Es war verwirkt, als ich es geschehen lassen musste, dass ein Teil der letzten Weisheit, des letzten Geheimnisses in die Hände von Verbrechern fiel. Ich habe versagt, Sheng, versagt...“

Er hatte chinesisch gesprochen. Der große Mann antwortete in der gleichen Sprache.

Ist es die Schuld des Blattes, dass der Sturm es von seinem Baum reißt? Ist der Baum schwach, den eine Axt fällt? Was vermag die Muschel gegen die Flut, was vermag der Mensch gegen den unergründlichen Ratschluss des Schicksals ...“

Jom King schloss die Augen. Ein geisterhaftes Lächeln huschte um seine Lippen.

Du hast recht“, flüsterte er. „Die Worte des weisen Li Kwan - auch ich habe sie nicht vergessen. Hör zu, mein Bruder! Der Mann, der die Banditen befehligt, soll Johnno Camberra heißen. Doch das hilft dir nicht weiter, da dieser Mann ein Phantom ist, den niemand kennt und niemand beschreiben kann. Aber das Mädchen, dessen Vater erschossen wurde, hat den Mörder erkannt. Sie rief einen Namen, bevor er auf sie feuerte, und sie nannte diesen Namen später auch dem Sheriff. Sie muss den Mann kennen, muss mehr über ihn wissen, sonst hätte er nicht versucht, sie zu töten.“

Marian Lund“, sagte Sheng langsam.

Richtig, so heißt sie. Sprich mit ihr, vielleicht hilft sie dir weiter. Ich kann es nicht, ich habe nichts gehört, nichts gesehen..."

Sheng neigte den Kopf.

Sein Gesicht verriet nicht, was in ihm vorging. Die leise Stimme des Mönchs, die Worte,in der vertrauten Sprache - das alles hatte Erinnerungen in ihm geweckt, hatte Bilder aus der Vergangenheit beschworen. Er hörte das Flüstern des Windes in den Bäumen an der alten Klostermauer, sah den blauen Himmel über dem Tempel des Tao Chi. Würde er je im Leben in seine Heimat zurückkehren? Je seine Mutter wiedersehen, Tei Peh, die erste Nebenfrau des Kaisers? Je seinen Vater finden? Das Kloster vom Weißen Lotus war in Schutt und Asche gesunken. Der geliebte Meister war tot. Keiner seiner Freunde hatte überlebt. Außer den sieben Mönchen, denen Li Kwan die heilige Schriftrolle übergeben hatte. Und selbst von ihnen hatte schon einer jene dunkle Schwelle des Todes überschritten. Die Vergangenheit war tot, war verweht wie Asche im Wind. Nur die Weisheit des Tao Chi war noch lebendig, würde weiterwirken...

Wie ein Echo auf die Trauer in seinem Herzen glaubte Sheng, wieder die leise, gütige Stimme seines Lehrers Li Kwan zu hören: „Der Mensch ist nichts. Ein Grashalm ist er im ewigen Wind, ein Körnchen im ewigen Kreislauf. Wenn aber der Halm stirbt, so wird die Saat auf fruchtbaren Boden fallen und von neuem leben ...“

Ein Grashalm im Wind, wiederholte Sheng in Gedanken.

Damals hatte er es nicht begriffen, weil seine Welt in den Mauern des Klosters sicher und festgefügt war. Heute wusste und spürte er, was sein weiser Lehrer gemeint hatte. Immer noch glaubte er, über einen Abgrund aus Raum und Zeit hinweg in die Vergangenheit zu sehen - und es fiel ihm schwer, seine Gedanken von den vertrauten Bildern zu lösen.

Nicht jetzt, nicht hier...

Ich komme wieder, Jom King“, sagte Sheng ruhig. „Ich werde dir dein Siebtel der Schriftrolle zurückbringen.“

Meine Gedanken gehen mit dir, Bruder. Möge dein Chi stark sein. Ein schwerer Kampf liegt vor dir.“

Ein Blick, ein stummes Neigen des Kopfes - das war der ganze Abschied.

Sie wussten nicht, ob sie sich wiedersehen würden. Und diese Frage war es auch nicht, die sie bewegte. Sie waren Kung Fu-Kämpfer, Hüter der letzten Geheimnisse des Tao Chi, Verteidiger des Weißen Lotus - und für sie gab es nichts, das wichtiger gewesen wäre.

Ihr Leben zählte nicht. Denn sie hatten es beide schon vor langer Zeit ihrer Aufgabe verschrieben.


*


Der kleine, fast zierliche Chinese kniff die Augen zusammen, als er den Hufschlag hörte.

Einen Moment lang lauschte er, dann glitt er leichtfüßig zum Fenster seiner Hütte und blickte hinaus. Er sah die Staubwolke, die Reiter, und Sekunden später konnte er auch die Gesichter erkennen.

Camberra“, formten seine Lippen.

Der Bandenboss war nicht selbst dabei - doch das spielte keine Rolle. Li Tai, der Chinese, zog sich vom Fenster zurück und tastete nach dem Revolver, den er unter der blauen Kattunbluse verwahrte. Es war eine mechanische Geste - er konnte und wollte nicht gegen diese Männer kämpfen, und es war auch nicht notwendig. Wer wie er in der Einsamkeit lebte, allein zwischen den Fronten, musste sich mit jedem gutstellen. Mit einem Blick überzeugte er sich, dass nichts in der kleinen Hütte dem Eindruck von Bescheidenheit und Armut widersprach, und als er die Tür öffnete, lag auf seinem glatten, ausdruckslosen Gesicht das uralte Lächeln seine Rasse.

Draußen sprang ein halbes Dutzend Männer aus den Sätteln. Ric Derr hatte die Führung- seine hagere Gestalt hob sich wie ein Schattenriss vom glühenden Abendhimmel ab. Rasch kam er heran, seine Komplizen folgten ihm, und der Chinese spürte wie mit feinen Antennen, dass es keine Gefahr war, die sie mitbrachten.

Seid willkommen in meiner bescheidenen Hütte!“ Er trat zurück, machte eine einladende Handbewegung, verneigte sich tief. „Mein Haus sei das eure, denn auf dem Haus, dessen Tür offen steht, ruht Segen.“

Amen“, knurrte einer der Banditen sarkastisch. Derr warf ihm einen warnenden Blick zu. Die Gruppe betrat die Hütte, drängte sich in dem winzigen Raum zusammen, und der hagere Revolvermann wandte sich an den Gastgeber, der hinter den blankgescheuerten Holztisch zurückgewichen war.

Du kannst uns einen Gefallen tun, Li Tai“, sagte er. „Dieser Wisch hier ist chinesisch geschrieben. Wir möchten wissen, was drinsteht.“

Bei den letzten Worten hatte er die Schriftrolle auf den Tisch gelegt. Li Tai dienerte eifrig. Mit flinken Fingern rollte er das Pergament auseinander, beugte sich tief über die Schrift. Dabei rutschte der Ärmel seiner Kattunbluse ein Stück hoch, für einen Moment war die Tätowierung an seinem Arm zu sehen - doch die Banditen achteten nicht darauf, weil sie das Zeichen des Schwarzen Drachen nicht kannten.

Li Tais Schlitzaugen kniffen sich noch enger zusammen.

Kein Muskel zuckte in seinem Gesicht - aber die Erregung, die ihn gepackt hatte, ließ sein Herz wie einen Hammer gegen die Rippen schlagen.

Mit angehaltenem Atem überflog er die Schriftrolle, entzifferte die Zeichen, sog jedes Wort in sich ein. Er kannte den Text nicht, hatte ihn nie gelesen. Aber er war ein Gewährsmann des Schwarzen Drachens, einer jener Spitzel und Zuträger, mit denen der mächtige Geheimbund das Land wie mit einem Netz überzogen hatte, und er wusste die geheimnisvollen Redewendungen zu deuten.

Überall fließt das große Tao und ist doch kein Strom... Die Blüte des Weißen Lotus braucht nicht Sonne noch Wind, nicht Regen noch Trockenheit. Der Weise aber sieht hinter die Dinge. Sein Geist wird sein im Strom des großen Taos, und der Lotus wird für ihn blühen über dem Meer ..

Und ein Stück weiter unten, nach einer Passage, die jedem Uneingeweihten dunkel bleiben musste wie die ewigen Welträtsel:

Das eigentliche Selbst eines jeden Menschen ist das Chi. Das Chi aber ist Teil des Weltgeistes, und der Weltgeist ist das Chi. Finde dein Selbst, und du wirst des Weltgeistes teilhaftig werden. Sei du selbst, und du findest den Frieden ...“

Li Tai blickte wie erstarrt auf die Schriftzeichen, die vor seinen Augen zu flimmern begannen.

Er wusste, was da vor ihm lag. Wusste, dass es unermesslichen Wert besaß. Sätze aus dem Tao Chi waren es, die er gelesen hatte. Fragmente nur, Bruchstücke, Splitter der großen Wahrheit - aber das Pergament, das seine Finger berührten, musste zu jener einmaligen, großartigen und gefährlichen Schriftrolle gehören, die die Weisheit des Tao Chi zusammenfasste und das Geheimnis zur Erlangung der größten Kraft und Energie der Welt enthielt.

Sieben Teile waren es, die sich zum Ganzen fügen mussten, um ihr Geheimnis zu enthüllen.

Sieben Schlüssel der Wahrheit. Sieben Schriftrollen, die die Beauftragten des Schwarzen Drachen auf dem ganzen Erdball suchten.

Einen dieser Schlüssel hielt Li Tai, der Scherge des Drachen, in seinen zitternden Händen - und erst als er den Kopf hob, wurde ihm wieder bewusst, dass er vom Besitz des kostbaren Kleinods noch weit entfernt war.

Seine Gedanken überstürzten sich.

Er musste klug sein, vorsichtig. Nicht ein einziges Wort vom Inhalt des Dokuments durften die Banditen erfahren. Aber sie durften auch nicht annehmen, dass die Schriftrolle wertlos sei, damit sie sie nicht wegwarfen, ehe der Schwarze Drache zuschlagen konnte. Was kümmerte Halunken wie Johnno Camberra das Versprechen ungeheurer Macht? Dollars und Gold waren alles, was die Banditen interessierte. Dollars und Gold - und dieser Gedanke gab dem Chinesen die richtige Lösung ein.

Nun?“, fragte Derr ungeduldig. „Kannst du es übersetzen?“

Li Tai lächelte.

Ich kann es“, sagte er geheimnisvoll. „Ihr habt Glück und Unglück, meine Freunde. Von einem großen Schatz ist hier die Rede, einer Kiste voller Gold und Edelsteine. In der Erde ist sie vergraben. Mitten im Tal gibt es drei rote Felsen, steht hier. Von dem größten Felsen aus wendet man sich nach Süden, bis der höchste Gipfel der Bergkette genau über der Krone der einzigen Eiche im Tal steht. Dreißig Schritte geht man darauf zu, und an der Stelle, auf die man beim letzten Schritt seinen Fuß setzt, muss man graben ...“

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738911404
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Juli)
Schlagworte
sheng gejagt schwarzen drachen

Autor

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Titel: Sheng #12: Gejagt vom Schwarzen Drachen